Religion und religiöse Erziehung

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Religion und religiöse Erziehung
Religiöse Sozialisation1
„Sozialisation ist der vielfältige Lernprozess, der das Kind befähigt, sich in seiner sozialen Umwelt und ihren
Regeln zurechtzufinden. Im Prozess der Sozialisation werden dem Kind die Werte und Normen vermittelt,
die in der Gesellschaft gültig sind.“
Religiöse Sozialisation ist demnach „die Einführung des Kindes in kirchliche Gebräuche und biblischchristliche Inhalte.“
Ethische und religiöse Erziehung als Thema im BEP2
Laut BEP erfüllen ethische und religiöse Bildung und Erziehung in KiTas eine wichtige Aufgabe:
„Ethische und religiöse Erziehung und Bildung unterstützen die Kinder in der Auseinandersetzung mit ihren
Fragen und stärken sie in der Ausbildung einer eigenen Urteils- und Bewertungsfähigkeit.“ BEP S. 161
Was ist in diesem Zusammenhang Ethik, was Religion?
„Ethik thematisiert das Problem des rechten und angemessenen Handelns, indem darüber reflektiert wird,
von welchen Grundwerten aus eine Handlung beurteilt werden kann. Religionen können dazu durch ihre
Sinndeutungen des Weltganzen wichtige Anstöße geben. Religion und Ethik sind daher wechselseitig
aufeinander angewiesen.“ BEP S. 166
Theologie und Religionspädagogik
Zwei wichtige Ziele folgen aus diesen Einsichten und damit auch eine erste Richtungsbestimmung, um
welche Kompetenzen es im Fach Religion an Fachschulen bzw. Theologie/Religionspädagogik an
Fachakademien für Sozialpädagogik geht:
• Die Erzieherpersönlichkeit reflektiert ihr eigenes Weltkonzept, ihre Wertvorstellungen, ihre Einstellung zu
Glaube, Religion, Kirche bzw. Religionsgemeinschaft. Sie ist fähig, über ihren Standpunkt Auskunft zu
geben und ihn gegenüber den Kindern und ihren Eltern zu vertreten. (Inhalt des Fachs Theologie)
• Die Erzieherpersönlichkeit ist in der Lage, Kinder und Jugendliche in ihrer ethischen und religiösen
Entwicklung zu begleiten. (Inhalt des Fachs Religionspädagogik)
Vier Argumente, die für eine verantwortete religiöse Bildung sprechen
Das Thema Glaube und Religion lässt sich, wie wir gesehen haben, nicht einfach aus dem erzieherischen
Alltag aussparen:
Für manche Kinder und Jugendliche ist es ein wesentlicher Bestanteil ihres Lebens.
In der Gesellschaft ist es präsent, etwa durch religiöse Symbole wie Kreuz, Krippe, Engel, durch Brauchtum
und Feste.
Ohne religiöse Bildung bleibt Kindern und Jugendlichen ein wichtiger Teil unserer Kulturgüter verschlossen;
Schriftsteller und Künstler aller Epochen haben sich mit religiösen Themen auseinandergesetzt.
Aufgeklärte religiöse Bildung trägt zu einem friedlichen Zusammenleben bei; viele Konflikte entstehen
durch Nichtwissen, religiöse Vorurteile und Fanatismus.
1
Zitate aus Möller/Tschirch, Arbeitsbuch Religionspädagogik, Stuttgart 2004, S. 39f
Bayerischer Erziehungs- und Bildungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung, hrsg. v. Bayerischen
Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen & Staatsinstitut für Frühpädagogik (2012). Im Folgenden zitiert
nach: http://www.ifp.bayern.de/imperia/md/content/stmas/ifp/bildungsplan.pdf, aufgerufen am 25.8.2013
2
1
Drei Zitate zum Thema:
„Soll dem Kind der Weg zu bewusster und vernünftiger religiöser Selbstbestimmung eröffnet werden,
dann ist es darauf angewiesen, dass ihm Erfahrungen mit Religion vorgegeben und angeboten
werden. Religion ist Praxis: man lernt Religion nur kennen, indem man an ihr teilnimmt.“3
„Religiöse Bildung und Erziehung in sozialpädagogischen Einrichtungen bedeutet nicht, Kinder für
eine bestimmte Religionsgemeinschaft zu gewinnen, sie sozusagen zu missionieren. Vielmehr geht es
darum, dem Kind ein Fundament zu bieten, auf dem es seine spezifische Sicht der Welt und des
Menschen entfalten kann und das ihm dabei hilft, Antworten auf die Fragen nach Sinn und Deutung
auch vor dem Hintergrund vorfindlicher religiöser und weltanschaulicher Traditionen zu
finden.“ (BEP 2012, S. 162)
„Eine Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, Kindern das Gefühl zu geben, das erwachsene Leben
habe einen Sinn, der über die Anhäufung von Konsumgütern hinausgeht, wird scheitern.“
Susan Neiman, Philosophin
Kritik an überkommenen religiösen Formen ist wichtig
Jedes religiöse System ist von Erstarrung bedroht: Durch krampfhaftes Festhalten an dem Gewohnten, das
einmal als sinnvoll erfahren wurde, an Begriffen, Formulierungen, Riten und Bräuchen. Der Geist aber,
Gottes lebendiger Geist, lässt sich nicht in Formeln, Katechismen, rituelle Abläufe pressen. Diese können
eine Hilfe sein, den Geist zu erfahren, aber eben nur eine Hilfe.
Es ist vor allem die Aufgabe der jungen Leute, gegen die Erstarrung zu revoltieren, Überkommenes in Frage
zu stellen, neue Wege auszuprobieren. Zuvor aber ist es wichtig, sich mit den tradierten Formen der
jeweiligen Religion auseinanderzusetzen; nur wer einen Weg gut kennt, kann auch konstruktive Kritik daran
üben. Deshalb macht religiöse Bildung im Kindesalter durchaus Sinn, aber auf freilassende Weise, die
Individualität jedes Menschenwesens achtend.
Positive und negative Religionsfreiheit
In Artikel 4 Abs.1 GG ist die Freiheit des Glaubens, die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen
Bekenntnisses sowie die Gewährleistung der ungestörten Religionsausübung als Grundrecht festgelegt. Das
heißt im Sinn einer positiven Religionsfreiheit, dass jeder seine Religion frei praktizieren kann, und im Sinne
einer negativen Religionsfreiheit, „dass niemand gezwungen werden darf, sich zu einer bestimmten Religion
oder Weltanschauung zu bekennen oder an ihren Praktiken teilzunehmen“.4
Das Tischgebetsurteil
„Interessant in diesem Zusammenhang sind die Entscheidungen des Verwaltungsgerichts Gießen (...) von
2003, das sogenannte ,Tischgebetsurteil‘. Ein atheistischer Vater hatte dagegen geklagt, dass in einer
kommunalen Kindertagesstätte vor dem Frühstück ein Tischgebet mit den Kindern, also auch mit seinem
Kind, gesprochen wurde. Der Vater bekam in diesem Verfahren aber kein Recht. Die Verwaltungsgerichte
hielten ihm entgegen, dass der Kindergartenbesuch grundsätzlich keine Pflichtveranstaltung ist, sondern es
den Erziehungsberechtigten freisteht, ob sie ihr Kind in den Kindergarten schicken wollen oder nicht. Wenn
nun die Erzieher/-innen – noch dazu gestützt auf die schriftliche pädagogische Konzeption (die dem Vater
bei der Anmeldung vorgestellt worden war) – mit Billigung und auf Wunsch der anderen Eltern ein
Tischgebet sprechen, so ist dies zulässig. Zudem biete dies die Gelegenheit, die Kinder kindgerecht dazu
anzuleiten, Glaubensüberzeugungen anderer zu respektieren: Wer will, darf mitbeten, wer nicht will, darf die
anderen allerdings nicht stören. Wer nicht mitbetet, darf aber auch von den anderen nicht kritisiert oder gar
ausgelacht werden.“ 5
3
4
5
Möller/Tschirch, Arbeitsbuch Religionspädagogik, Stuttgart 2004, S. 39
Evangelische Religionspädagogik, hrsf. v. Henn, La Gro, Obermann, Köln 2011, S. 32
ebd.
2
Ethische und religiöse Erziehung als ein auszuhandelnder Bereich
Der BEP in seiner aktuellen Fassung von 2012 stellt klar, dass ethische und religiöse Erziehung und Bildung
in KiTas „gleichwertig neben anderen Bildungs- und Erziehungsbereichen“ steht (S. 164). „Sie ist
weder ,Anhängsel‘ und Verlegenheitsangebot in sonst nicht nutzbaren Restzeiten noch ,Krönung‘ der
pädagogischen Arbeitsbereiche.“ (ebd.) Da auf den verschiedenen Ebenen Träger, Kinder, Eltern,
Erzieherteam teilweise sehr unterschiedliche Voraussetzungen, Vorstellungen und Ressourcen vorhanden
sind, verstehen sich ethische und religiöse Bildung und Erziehung „als ein auszuhandelnder Bereich. Das
Angebot ethischer und religiöser Bildung und Erziehung wird im Team, mit den Eltern und mit dem Träger
besprochen. Ziele, Inhalte und Methoden werden dabei offen gelegt und zur Diskussion gestellt.“ (S. 166)
Pädagogische Leitlinien nach Möller/Tschirch6
Vier Bereiche, in denen sich religiöse Erziehung in sozialpäd. Einrichtungen heute entfalten sollte
1. Eine Atmosphäre des unbedingten Erwünscht- und Angenommenseins schaffen
„Religiöse Erziehung beginnt bereits da, wo im Kindergarten eine soziale Atmosphäre herrscht, in der das
Kind spürt: Ich gehöre dazu, hier bin ich geborgen und werde ich angenommen. (..) Die grundlegende
religionspädagogische Aufgabe der Erzieherin besteht also darin, eine solche Atmosphäre unbedingten
Erwünscht- und Anerkanntseins zu schaffen. Dazu gehört, dass sie sich überlegt, wie die Räume gestaltet
sein sollten, damit sich die Kinder wohlfühlen; wie der Tagesablauf strukturiert sein muss, damit sich die
Kinder aufgehoben und sicher fühlen; wie sie bei der Begrüßung und Verabschiedung auf die einzelnen
Kinder eingehen kann, damit sie sich beachtet und akzeptiert fühlen. Dazu gehört auch die Aufstellung
bestimmter Regeln für das alltägliche Zusammenleben, damit alle Kinder zu ihrem Recht kommen und nicht
einzelne Kinder untergehen und vieles andere mehr. In einer solchen Atmosphäre des Anerkannt- und
Geborgenseins erfahren die Kinder elementar und sozusagen am eigenen Leib, was der christliche Glaube
meint, noch bevor sie biblische Geschichten hören oder über Gott sprechen. Dies ist indirekte religiöse
Erziehung, die als Grundlage für die explizite Behandlung religiöser Themen unabdingbar ist. Um diese
Aufgabe zu erfüllen, muss die Erzieherin keine überzeugte Christin sein. Aber sie muss wissen, was sie tut,
und sie muss reflektieren, warum sie es tut.“
2. Ermöglichung von spirituellen Erfahrungen
Bei vielen Menschen herrscht eine „spirituelle Leere“.
„Es ist eine zweite Aufgabe moderner religiöser Erziehung, diese Leere zu füllen, indem sie Kindern gezielt
spirituelle Erfahrungen als Alternative zu ihren gewohnten Alltagserfahrungen ermöglicht. Solche
alternativen, spirituellen Erfahrungen wären etwa die Erfahrung von Zeit inmitten unseres hektischen
Alltagslebens. Oder die Erfahrung von Stille inmitten einer lauten und nicht zur Ruhe kommenden Umwelt;
oder die Erfahrung von Dankbarkeit und Ehrfurcht dem Leben gegenüber, das eben nicht wie
selbstverständlich in unserer Verfügungsgewalt liegt. Religiöse Erziehung in diesem zweiten Sinne zielt
darauf ab, dass Kinder lernen, ,meditative‘ Haltungen wertzuschätzen und zu praktizieren.
Stilleübungen, Phantasiereisen und Übungen zur Körpererfahrung sind ebenso Möglichkeiten, diese
meditative Haltung auszubilden, wie das Gebet oder das Lauschen auf eine Erzählung in ruhiger,
annehmender Atmosphäre. Die Kinder erleben Zeit intensiver, wenn ab und an der normale Alltag in einem
Fest oder einem Ritual durchbrochen wird. Sie bauen eine liebevollere und zärtlichere Beziehung zum Leben
auf, wenn sie der menschlichen und außermenschlichen Natur mit Staunen und Wertschätzung
entgegentreten, wenn sie angehalten werden, auch das Kleine und Unscheinbare wahrzunehmen und zu
achten. Tieferes Erleben stellt sich ein, wenn man etwa bei einem Bild oder einer Erzählung verweilt, statt
schnell von einem Bild zum anderen zu zappen.“
6
Möller/Tschirch, Arbeitsbuch Religionspädagogik, Stuttgart 2004, S. 23-26
3
3. Kommunikation über Religion und Glaube
„Kinder wollen über ihre ,spirituellen‘ Erfahrungen aber auch reden. Außerdem kommen sie mit einer
Menge von Fragen über Gott und die Welt in den Kindergarten. Insofern ist die Kommunikation über
Religion und Glauben der dritte Bereich religiöser Erziehung. Dabei ist die Aufgabe der Erzieherin nicht in
erster Linie Antwort zu geben. Gefordert ist vielmehr, dass sie die Fragehaltung der Kinder wach hält. (...)
Darüber hinaus aber brauchen die Kinder von Seiten der Erzieherin natürlich auch religionspädagogische
Anregungen, um ins Nachdenken zu kommen und weiterzufragen. Wer Kindern religionspädagogisch nichts
anbietet, darf sich nicht wundern, dass von ihnen wenig kommt.
Was sind ,religionspädagogische Angebote? Religionspädagogische Angebote sind zu verstehen als
Sprachhil-fen, mit denen Kinder ihre eigenen Fragen und Erfahrungen ausdrücken und ansatzweise
interpretieren können. Dies können biblische Geschichten, religiöse Erzählungen und Legenden,
Bilderbücher, Symbole oder geistliche Lieder sein, mit denen die Kinder eine Zeit lang leben und in denen
sie ihre eigenen Erfahrungen, Gefühle, Ängste und Hoffnungen ausgedrückt finden. Die Erzieherin wird
diese Sprachhilfen aufgrund ihrer Beobachtung und der Analyse der Situation, in der sich einzelne Kinder
oder die Gruppe insgesamt befinden, jeweils auswählen und in die sonstige Arbeit integrieren. Mit den
religionspädagogischen Angeboten sollen Kinder nicht auf bestimmte Bilder und Glaubenssätze festgelegt
werden; sie wollen vielmehr verstanden werden als offene Deutungsversuche, die auch hinterfragt und
gegebenenfalls abgelegt werden dürfen, wenn sie für die Kinder nicht mehr stimmig sind.“
4. Kindern helfen, sich in der Vielfalt von Religionen und Weltanschauungen zurechtzufinden
„Kinder machen schon früh die Erfahrung, dass es nicht nur eine Religion und eine Konfession gibt. Es gibt
evangelische, katholische, orthodoxe Christen; es gibt Juden, Muslime, Buddhisten, Hindus; es gibt Zeugen
Jehovas und viele andere kleinere religiöse Gemeinschaften und schließlich auch Menschen, die sich mit
keiner Religion verbunden fühlen. Von daher ist es die vierte Aufgabe religiöser Erziehung Kindern zu
helfen, sich in der Vielfalt von Religionen und Weltanschauungen zurechtzufinden.“
Aus: Andreas Gruber, Arbeitsbuch Religionspädagogik (2016), S. 9-12
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