Dokumentation 2010 - Berliner Festspiele

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Theatertreffen
stückemarkt 2010
dokumentation
Program m stückemarkt 2010
Der Stückemarkt ist Teil der Talenteplattform tt Talente des Theatertreffens und findet jährlich in Berlin statt. Seit über 30 Jahren ist er
ein Karriere­sprungbrett für unentdeckte Dramatikerinnen und Dramatiker aus ganz Europa und fördert die Autoren nachhaltig.
Mi 12. Mai
Eröffnung des Stückemarkts
Grußworte Joachim Sartorius und Isa Baumgarten
IMPORT – EXPORT
Impulsrede von Nino Haratischwili
Im Anschluss Expertentisch über Grenzen, Zwischenräume
und Chancen neuer Dramatik in Europa mit Yvonne Büdenhölzer,
Nino Haratischwili und Roland Schimmelpfennig
Moderation Marion Hirte
Stückemarkt I
Alles Ausschalten
von Julian van Daal
Szenische Einrichtung Tilmann Köhler
Dramaturgie Andrea Koschwitz
Ausstattung Kathrin Frosch
Es lesen Julischka Eichel, Christoph Franken, Eva Meckbach,
Tino Mewes und Matthias Reichwald
Stückemarkt II
Wire and Acrobats – Drahtseilakrobaten
von Peca Ştefan
Aus dem Englischen von Johannes Schrettle
Szenische Einrichtung Felicitas Brucker
Dramaturgie Judith Gerstenberg
Ausstattung Kathrin Frosch
Es lesen Jonas Hien, Charly Hübner, Julika Jenkins
und Katharina Schmalenberg
Do 13. Mai
Stückemarkt-Autorentisch I
Erfolgsgeschichten
Iris Laufenberg im Gespräch mit den Autoren
Oliver Kluck und Nis-Momme Stockmann
Stückemarkt-Gastspiel
Kein Schiff wird kommen
von Nis-Momme Stockmann
Werkauftrag des tt Stückemarkts 2009
Regie Annette Pullen
Bühne und Kostüme Iris Kraft
Dramaturgie Kekke Schmidt
Mit Matthias Kelle, Lisa Wildmann und Jens Winterstein
Mo 17. Mai
Stückemarkt-Autorentisch II
Grenzgänger
Ekat Cordes, Claudia Grehn und Wolfram Lotz
über zeitgenössisches Schreiben
Moderation Marion Hirte
Stückemarkt III
Ewig gärt
von Ekat Cordes
Szenische Einrichtung Jan Philipp Gloger
Dramaturgie Andrea Vilter
Ausstattung Manuela Pirozzi
Es lesen Manfred Böll, Gisa Flake, Olivia Gräser, Steffi Kühnert,
Paul Schröder und Max Simonischek
Stückemarkt IV
Der groSSe Marsch
von Wolfram Lotz
Szenische Einrichtung Lars-Ole Walburg
Dramaturgie Marion Hirte
Ausstattung Manuela Pirozzi
Es lesen Hermann Beyer, Jule Böwe, Dieter Montag,
Michael Schweighöfer und Sebastian Weber
Stückemarkt-Hörtheater
Variationen über das Kraepelin-Modell
oder Das semantische Feld des Kaninchenschmorbratens
von Davide Carnevali
Aus dem Italienischen von Sabine Heymann
Hörspielproduktion Deutschlandradio Kultur und Saarländischer Rundfunk 2010
Fr 21. Mai
Präsentation des Dramatikerworkshops
Vorsicht zerbrechlich!
Minidramen von Thomas Arzt, Hannes Becker und Sandra Kellein
Leitung und Moderation John von Düffel
Szenische Einrichtung Enrico Stolzenburg
Es lesen Christoph Franken, Jörg Pose, Anne Ratte-Polle und Ursula
Staack
Stückemarkt V
Ernte
von Claudia Grehn
Mit Texten von Lena Müller
Szenische Einrichtung Lisa Nielebock
Dramaturgie Anna Haas
Ausstattung Manuela Pirozzi
Es lesen Barbara Heynen, Ole Lagerpusch, Wolfgang Michael,
Max Simonischek, Miriam Smejkal, Heiner Stadelmann
und Almut Zilcher
Preisverleihungen
Förderpreis für neue Dramatik und Werkauftrag des tt Stückemarkts,
beide gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung
Theatertext als Hörspiel, in Kooperation mit Deutschlandradio Kultur
Im Anschluss Stückemarkt-Party mit DJ Yoko Hamann
Stückemarkt-Preisträger 2007 bis 2009 beim tt10
Maxim Gorki Theater Berlin
11., 19. und 20. Mai
Das Prinzip Meese
von Oliver Kluck
Förderpreis für neue Dramatik des tt Stückemarkts 2009
Regie Antú Romero Nunes
Ausstattung Julia Plickat
Dramaturgie Carmen Wolfram
Musik Johannes Hofmann
Mit Annika Baumann und Michael Klammer
Uraufführung 8. Februar 2010, Gorki Studio
13. und 22. Mai
plus null komma fünf windstill
von Maria Kilpi
Förderpreis für neue Dramatik des tt Stückemarkts 2007
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Regie Nora Schlocker
Mit Julischka Eichel, Ruth Reinecke und Theo Solink
Uraufführung 20. Dezember 2007, Gorki Studio
15. und 23. Mai
Bulger – Eine unzulässige Geschichte
von Klaas Tindemans
Förderpreis für neue Dramatik des tt Stückemarkts 2008
Aus dem Flämischen von Uwe Dethier
Regie Nora Schlocker
Mit Julischka Eichel, Hanna Eichel und Johann Jürgens
Deutsche Erstaufführung am 17. Dezember 2008, Gorki Studio
Theatertreffen
stückemarkt 2010
dokumentation
03 vorwort 05 Stückemarkt 2010 – Pressestimmen 06 eröffnung 08 die szenischen
lesungen 12 hör­theater 14 dramatikerworkshop 16 autorenportraits 23 stückemarkt-preise 2010 24 stückemarkt-erfolge 31 Stückemarkt- preisträgerinnen und
-Preisträger seit 2003 32 stimmen der stückemarkt-autoren 2010 34 uraufführungen
seit 2003
02
vorwort
Zwischen der aktuellen Krise und der neuen Zuwendung zur zeitgenössischen Dramatik scheint ein Zusammenhang zu bestehen.
In Zeiten tiefgreifender Umbrüche und sozialer Erschütterungen,
in denen der Mensch sich einer durch Globalisierung und ökonomische Deutungsmuster veränderten Lebenswelt gegenübersieht, wächst die Sehnsucht, die schwindende Wirklichkeitserfahrung durch zeitgenössische Geschichten in einer heutigen
Sprache, mit heutigen Figuren für einen Augenblick wieder
einzufangen. Er nehme derzeit ein „ausgesprochenes Interesse
beim Publikum an neuen Texten wahr“, so äußerte sich vor
kurzem der Dramatiker und Regisseur Roland Schimmelpfennig
in einem Gespräch mit dem Focus-Magazin.
Der Suche nach neuen Stücken, die unsere Wirklichkeit nach
verborgenen Wahrheiten und Gesellschaftslügen befragen und
ästhetisch eine eigene Form entwickeln, hatte sich auch der Aufruf des diesjährigen Stückemarkts verpflichtet. Es galt, aus insgesamt 297 eingesandten Texten aus ganz Europa acht begabte
Autorinnen und Autoren für das Theater zu entdecken, um ihnen
im Rahmen eines internationalen Netzwerks eine nachhaltige
Autorenförderung zukommen zu lassen. Die fünfköpfige Expertenjury – bestehend aus der Autorin und Regisseurin Marlene
Streeruwitz, der Leiterin des Theatertreffens Iris Laufenberg,
dem Regisseur und Schauspieler Burghart Klaußner, dem Autor
und Regisseur Falk Richter und dem Dramaturgen Malte Ubenauf – hat bei ihrer Auswahl unermüdlich um Qualität und gesellschaftliche Relevanz gerungen.
Während man andernorts öffentlich über Qualität sowie Sinn
und Unsinn von Autorenförderinitiativen stritt – was bei den
Wiener Werkstatttagen zur Absage und beim Heidelberger
Stückemarkt zum Verzicht auf die Preisvergabe führte –, konnten
wir uns über acht starke Autorinnen und Autoren freuen. Auffällig ist, dass alle, mit einer Ausnahme, zwischen 25 und 28
Jahre alt sind. Doch von einer Generation, die sich durch einen
übergeordneten Blick auf unsere Lebenswirklichkeit, durch eine
gemeinsame Welthaltung oder verbindende Themen und Stoffe
auszeichnet, kann nicht die Rede sein. Stattdessen gibt es eine
lebendige Vielfalt an eigenwilligen Handschriften und subjektiven Blickwinkeln. Schöpfen die individuellen Geschichten aus
einem Fundus konkreter Szenarien, so verlieren sie doch das
Große und Ganze unserer gesellschaftlichen Verfasstheit nicht
aus dem Auge. Die Stücke provozieren, über dringliche Fragen
wie soziale Entwurzelung, Globalisierung, prekäre Arbeitswelten,
kulturelle Identität, Vergänglichkeit oder politische Stereotypen
nachzudenken.
03
Ekat Cordes, Claudia Grehn, Wolfram Lotz, Peca Stefan und
Julian van Daal wurden ausgewählt, ihre Texte in einer szenischen
Lesung im Rahmen des Theatertreffens vorzustellen. Zum Dramatikerworkshop mit John von Düffel waren Thomas Arzt, Hannes
Becker und Sandra Kellein eingeladen. Auch ihre Texte wurden
beim Stückemarkt erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
Traditionell wurden zum Abschluss des Stückemarkts wieder die
Preise verliehen. Der in diesem Jahr zum siebten Mal von der
Bundeszentrale für politische Bildung gestiftete Förderpreis für
neue Dramatik des tt Stückemarkts ging an Claudia Grehn für ihr
Stück „Ernte“. Mit dem Preis verbunden ist die Uraufführung im
Dezember 2010 am Maxim Gorki Theater Berlin. Wolfram Lotz
wurde für sein Stück „Der große Marsch“ mit dem Werkauftrag
des tt Stückemarkts, ebenfalls gestiftet von der Bundeszentrale
für politische Bildung, ausgezeichnet. Er wird ein neues Stück
für das Deutsche Nationaltheater Weimar schreiben. Zum ersten
Mal hatten die Zuschauer dieses Jahr die Möglichkeit, ihre
Stimme für ihr Lieblingsstück abzugeben. Diese Auszeichnung
ging ebenfalls an „Der große Marsch“ von Wolfram Lotz. Der
„Theatertext als Hörspiel“ wurde an Julian van Daal für „Alles
ausschalten“ verliehen. Van Daals Stück wird von Deutschlandradio Kultur als Hörspiel produziert und gesendet.
Besonders freuen wir uns über den außerordentlichen Erfolg der
beiden Stückemarkt-Preisträger des letzten Jahres, Oliver Kluck
und Nis-Momme Stockmann. Die Uraufführungen ihrer Preisträger-Stücke waren beide im Rahmen des Theatertreffens 2010
zu sehen. Seit ihrer Entdeckung beim Stückemarkt 2009 werden Klucks und Stockmanns Texte an renommierten Theatern
gespielt. Aber auch die anderen Teilnehmer der vergangenen
Jahrgänge sind weiterhin auf Erfolgskurs, wie Sie im Anschluss
an die Berichte und Rezensionen über den Stückemarkt 2010
unserer Uraufführungschronik am Ende dieser Dokumentation
entnehmen können.
Ausdrücklich gedankt sei an dieser Stelle noch einmal den
Förderern und Partnern des Stückemarkts – der Heinz und
Heide Dürr Stiftung, der Bundeszentrale für politische Bildung,
Deutschlandradio Kultur, dem Goethe-Institut sowie dem Rumänischen Kulturinstitut.
Friederike Jäcksch und Daniel Richter
Leiter des Stückemarkts
Juli 2010
04
stückemarkt 2010 – Pressestimmen
Die Wiedergeburt des Absurden
Ein guter Jahrgang: Der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens präsentiert fünf neue Autoren
Das ist das Erstaunliche am 32. Stückemarkt des Berliner
Theater­treffens, der am Mittwoch mit den szenischen Lesungen
der fünf ausgewählten von 297 eingesandten Texten beginnt
und nicht nur das älteste, sondern nach wie vor größte Ent­
deckerfestival für neue Dramatik aus ganz Europa ist: Bei drei
von fünf Stücken nämlich darf man schlicht eine Wiedergeburt
des absurden Theaters konstatieren […]. In den 1950ern galt
das als unpolitisch, doch heute, wo sich die Wirklichkeit tatsächlich in virtuelle Geld- und Zahlenströme auflöst, bedeutet dieser
Zerrspiegel keine Weltentfernung mehr, sondern Blickschärfung
und umstandslose Fokussierung der aktuellsten Idiotien. Das ist
die Dialektik, in die sich Jungdramatiker 2010 werfen: Sie umzingeln das Politische, indem sie schwarzhumorige Zirkus- und
Kirmes­zaubernummern daraus machen: optische Täuschungen,
in denen sich tiefe Erkenntnis- und Sprachskepsis spiegelt.
Selten konnte man darin so viel formale Übereinstimmung feststellen, wie in diesem Jahr, was keineswegs als Kritik gemeint
ist. Denn trotz der Gemeinsamkeit führen all diese Jahrmarktsdrehscheiben eine sehr eigene, durchkomponierte Sprache. Wie
man überhaupt diesen Jahrgang erfreulich finden und den Texten
in ihrer sprachlichen Ausarbeitung und inhaltlichen Vertiefung
einen qualitativen Anstieg bescheinigen darf - auch im Vergleich
zu den neuen Stücken, die vor einem Monat beim kleinen Nachbarn, den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters aufgetaucht waren.
[…] Ganz im Gegenteil richtet sich alle selbstreflexive Anstrengung dieser Texte darauf zu zeigen, warum es ohne festen Boden
unter den Füßen gerade mit den Haltungen so schwierig bleibt.
Stattdessen führen die Autoren, die sich gern auch selbst mal
als Figuren mit ins Spiel knüpfen, dramaturgische Häutungen
und verschachtelte Spiele im Spiel vor. Sie zeigen, wie gerade
die Suche nach festem Grund von einem erkenntniskritischen
Drahtseilakt abgelöst wird, der zwischen sich widersprechenden
Weltwahrnehmungen balanciert, zwischen Erinnerungen und
Gegenwart.
Doris Meierhenrich, Berliner Zeitung, 11. Mai 2010
05
Gut gebrüllt, Dichter: Gefühle einer neuen Generation
Immerhin, dieses Autorenfest ist das älteste und größte »Entdeckerfestival« für neue Dramatik, für das eine extra bestallte Jury
fünf Arbeiten kürte aus sage und schreibe 297 Einsendungen
aus ganz Europa. Die Konsequenz: größtmöglicher Aufwand
beim Sortieren sowie Orientierung auf Nachhaltigkeit. Der
Theater­treffen-Workshop wurde zur Masterclass qualifiziert und
ein Betreuungssystem durch Paten installiert, die ihre Schützlinge ein Jahr lang kritisch begleiten. Auch die beiden Stückemarkt-Preise zielen auf Langzeitwirkung: Ein paar Tausender
gibt es für eine Theaterproduktion von einem der fünf Texte. Und
nochmals ein paar Tausender für einen der fünf Autoren, quasi
als Stipendium verbunden mit einem Schreibauftrag. […]
Herumgefragt, in einem Satz den Impetus der Schreiberei auf
den Punkt zu bringen, kam einhellig zur Antwort: dass man den
hoffentlich nie auf einen Punkt bringen und gleich gar nicht in
einem Satz benennen könne. Gut gebrüllt, Dichter: Man will cool
sein. Was neuerdings meint: auf jeweils ureigene Art »kompliziert«. Dabei glimmt der Eindruck, das cool Komplizierte treibe
es gern allzu weit mit den verrückten, farcehaften Spielereien
im Surreal-Absurden. Also bloß kein Geradeaus-Realismus,
sondern ironisch melancholische, meist grell groteske Überhöhungen tief ins Fantastische, Aberwitzige.
Reinhard Wengierek, Berliner Morgenpost, 19. Mai 2010
Sprichwortakrobaten
Totgesagte leben länger. Zum Beispiel der dramatische Text.
Projektarbeit hin oder her, Dramatik bleibt offenbar ein zentraler
Motor der zeitgenössischen Theaterästhetik. Das zeigt sich auch
bei der Auswahl des Theatertreffens. Auffallend viele Inszenierungen aktueller Dramatik sind mit von der Partie: Stücke von
Elfriede Jelinek, Roland Schimmelpfennig, Dea Loher und dem
Briten Dennis Kelly. Und das Theatertreffen kümmert sich um
den Nachwuchs. Der Stückemarkt ist eine etablierte Plattform
für neue europäische Dramatik und Jagdgrund der Verleger. Hier
lauert man den noch unvermarkteten Talenten auf.
Dass die aus einem Berg von Texten ausgewählten Stücke dem
Fachpublikum in szenischen Lesungen präsentiert werden, hilft
in der Regel, zu beurteilen, wie und dass die Texte in einer Inszenierung funktionieren können. Während die eingeladenen Inszenierungen meist von etablierten Künstlern stammen, werden
beim Stückemarkt Karrieren begonnen. Nis-Momme Stockmann,
Preisträger des Jahrgangs 2009 hat es innerhalb eines Jahres
nicht nur zum vielgespielten Dramatiker, sondern mit seinem Text
»Kein Schiff wird kommen« bis zu den Mülheimer Theatertagen,
also in den deutschsprachigen Dramatiker-Olymp geschafft.
Solche Blitzstarts sind nicht die Regel, aber man darf gespannt
sein, was von den Akteuren des Jahrgangs 2010 noch kommt.
Denn die Ausbeute ist gut und dabei erfreulich heterogen. Es
handelt sich durchweg um kraftvolle Ansätze junger Autoren.
Anna Opel, freitag.de, 21. Mai 2010
ERÖFFNUNG
Expertentisch
Nino Haratischwili
Isa Baumgarten
Joachim Sartorius
Roland Schimmelpfennig
Daniel Richter,
Friederike Jäcksch
Debatte über europäische Dramatik
Unter dem Titel »Import – Export. Über Grenzen, Zwischenräume und Chancen neuer Dramatik in Europa«
wurde am Mittwoch der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2010 mit einer Expertendiskussion eröffnet
Ja, es mutet etwas seltsam an. Beim Heidelberger Stückemarkt
wurden vor ein paar Tagen gleich alle Nominierten ausgezeichnet, da keiner eindeutig als Sieger hervorzuragen vermochte.
In Wien sagte man den Wettbewerb letztes Jahr aufgrund
mangelnder Qualität der Einsendungen ganz ab. Die Nachwuchsförderung in der Krise?
In Berlin hat die Jury entschieden. Zu den diesjährigen Auser
wählten zählt der rumänische Autor Peca Ştefan, was dazu inspirierte, den Stückemarkt mit einer Debatte über europäische Dramatik zu eröffnen. Deutlich wurde in der Diskussion mit Roland
Schimmelpfennig, der georgischen Dramatikerin und Regisseurin Nino Haratischwili und Yvonne Büdenhölzer vor allem eines:
Der »Schleudergang Dramatik« ist noch lange nicht beendet.
Erst letztes Jahr richteten die Berliner Festspiele ein Symposium
aus, das in Diskussionen und Workshops Modelle gegen den
Uraufführungshype und die schnelle Vermarktung junger Dramatiker entwickeln sollte. Doch es scheint auch der Druck der zahlreichen Förderungsmöglichkeiten zu sein, dem sich das erfolgsorientierte dramatische Schaffen beugen muss.
In seiner Eröffnungsrede betonte Intendant Joachim Sartorius
den herausragenden Erfolg der in den Vorjahren gekürten Preisträger Nis-Momme Stockmann und Oliver Kluck. Der eine ist seit
diesem Jahr Hausautor am Schauspiel Frankfurt, der andere Träger des Kleistförderpreises. Auch in den diesjährigen Autoren
wird viel Potential gesehen: »Sie rütteln an unseren gesellschaftlichen Bildern«, so Daniel Richter, Leiter des Stückemarkts 2010.
www.litaffin.de, 14. Mai 2010
Keine Angst vor großen Türen
Ganz frische Kopfgeburten der noch Ungespielten
Unter dem Motto »Wer die Wahrheit liebt, lügt« trafen in diesem
Jahr 297 neue Stücke aus Europa ein, fünf von ihnen wurden auf
dem Stückemarkt in szenischen Einrichtungen von Regisseuren
wie Lars-Ole Walburg oder Tilmann Köhler und Darstellern wie
Jule Böwe, Steffi Kühnert, Charly Hübner oder Dieter Montag
präsentiert. […] Insgesamt kein unerfreulicher Jahrgang von der
Substanz her, vielleicht wird ein guter Bühnenwein daraus, wenn
er unter - bitte liebevollen - Regiehänden reifen darf.
Irene Bazinger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Mai 2010
Wer mit den Autoren redet, begegnet wachen, erfreulich uneitlen Künstlern, die es mit dem Theater ernst meinen, die Positionen und Schreibhaltungen ausprobieren und das schreiben mit
einer Entschiedenheit, die etwas Beeindruckendes hat, zu ihrem
Lebensinhalt machen.
Peter Laudenbach, Süddeutsche Zeitung, 21. Mai 2010
Yvonne Büdenhölzer
Marion Hirte
06
Die Ambivalenz des Brückenbauens
Impulsrede von Nino Haratischwili
Der Westen erkennt im Osten das Potenzial, die Wut und das
Exotische, spricht ihm jedoch gleichzeitig das Recht der künstlerischen Freiheit ab. Ich berichte aus meiner persönlichen Erfahrung, dass man Stücke und Autoren aus Osteuropa nur dann
interessant und förderungswürdig findet, wenn sie sich mit ihrer
angeblich »krassen, gewaltvollen, kummervollen« Geschichte
auseinandersetzen, die im Osten nun mal gegenwärtiger ist als
im Westen. Diese Geschichte handelt natürlich von Kriegen,
von Vergewaltigungen, von tragischen Familiengeschichten, die
geprägt sind von politischen Entwicklungen – kurz gesagt: Sie
ist »welthaltig«. Aber der Osten ist eben nur dann interessant,
wenn man zwar all diese Themen – auf »östliche« Art und Weise
– verhandelt, sich in der Form jedoch an den »Westen« anpasst.
Dies ist fatal, denn im Theater sollte es stets um die eigene, individuelle Sicht gehen – egal mit welchem Hintergrund.
[…] Als Mensch wie als Autorin beschäftige ich mich natürlich,
wie jeder andere auch, mit meiner Vergangenheit, aber ich muss
mich genauso viel mit meiner Gegenwart beschäftigen. In der
reagiere ich auf die Welt, in der wir nun mal leben, aus meiner
Sicht und mit meinen Mitteln. Manchmal interessiert mich jemand,
der in WG- und Campus-Geschichten steckt, und manchmal
interessiert mich der Krieg. Ich finde es schade, dass der Osten
die eigenen Künstler erst wertschätzt, wenn der Westen sie für
gut heißt. Genauso schade finde ich es aber auch, dass der
Westen die Künstler aus dem Osten für die eigenen Defizite bis
hin zu den eigenen Projektionen einsetzt. Das ist eine grobe und
pauschale Feststellung und doch ist sie oft sehr real.
Die Globalisierung und das Zusammenwachsen der Kulturen
heißt nicht, das Eigene vergessen – und in der Kunst wiederum
sollte das Eigene DAS Welthaltige, Authentische und Berechtigte sein. Man sollte sich und sein Schaffen durchaus der Kritik
unterziehen, aber man sollte sich nicht dem Markt anpassen, der
einen auffrisst, wenn man sich verheizen lässt, und der einen
fallen lässt, wenn man z.B. nach vier guten Aufführungen einmal
eine misslungene hat.
07
Die Ambivalenz ist das große Problem unserer Gegenwart, aber
auch eine Bereicherung. Die Welt, in der wir leben, ist sehr zersplittert und wird immer komplexer und undurchschaubarer. Es
wird immer schwieriger, eine klare, eigene Position zu finden
und sie vor allem auch vertreten zu können, denn man lebt in
einem ständigen Wandel. Aber das ist es genau, was Theater –
zumindest für mich – ausmacht. Die Bühne ist der Ort, wo wir
uns kurz Zeit nehmen können um zu reflektieren. Der Ort, wo
wir das Eigene vertreten können, wo wir gedanklich die Konsequenzen durchgehen können, wo wir denken und fühlen können, ohne das alles gelebt zu haben und leben zu müssen, was
wir empfinden und sehen. Im Theater müssen alle Geschichten,
die es wert sind, erzählt zu werden, Platz haben, jenseits von
Ost und West oder irgendwelchen anderen gerade modischen
Kriterien.
Das Theater ist einer der letzten Orte, wo wir »verschwenderisch« sein können, wo wir Leistung nicht sofort mit Gewinn
gleichsetzen müssen. Dieses Gut gilt es für mich – gerade heute
– extrem zu verteidigen. Es lohnt sich, meiner Meinung nach,
dafür zu kämpfen, dass man Qualität erhält und nicht Quantität.
Eine Geschichte kann auf verschiedene Weisen erzählt werden – und das sollte das Theater anbieten. Man sollte als Autor
– egal woher man kommt – nicht gezwungen werden, sich mit
Themen zu befassen, die mit einem nichts zu tun haben, nur
weil man so wahrscheinlicher gefördert wird: Man sollte nicht
gezwungen werden, drei Mal mehr zu arbeiten und dadurch das
eigene Schaffen respektlos zu behandeln, weil man so bessere
Chancen hat zu überleben. Denn aus langer Sicht kann man sich
als Künstler und vor allem als Autor nur dann etablieren, wenn
man das Eigene vertritt und wahrt. […]
die Szenischen Lesungen
Alles Ausschalten von Julian van Daal
Der 25-jährige Julian van Daal aus Hannover stellt hier sein allererstes Stück vor. Mit »Alles ausschalten« wurde der Stückemarkt
am Mittwoch eröffnet. Drei Jungen und zwei Mädchen, alle so um
die 20, suchen das Glück und finden es nicht. Vielleicht, weil sie
sich kolossal langweilen, vielleicht weil sie keine Ahnung haben,
wozu es sich zu leben lohnt, weil sie niemanden haben, gegen
den sie kämpfen könnten – schon gar nicht gegen die Eltern,
die ihnen alles immer allzu leicht gemacht haben. Und jetzt also:
Krise. Dynamische Dialoge, Aggression und Ratlosigkeit, ein
starker Auftakt.
Deutschlandradio Kultur, Anke Schäfer, 17. Mai 2010
»Alles ausschalten« heißt das erste Stück des fünfundzwanzigjährigen Hannoveraners Julian van Daal, der inzwischen am
Wiener Max Reinhardt-Seminar Regie studiert, und das gestern
den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens eröffnet hat. Eine
zunächst durchaus gekonnte Folge expressiver kurzer Szenen,
in denen fünf Twentysomethings ihre Lebensleere zu artikulieren
versuchen, ihre Sehnsucht nach Sinn und selbst gefühlten Emotionen. Van Daal malt hier ambitioniert an einem Porträt seiner
Generation, der er den fernsehmagazinhaften Begriff »Generation Krise« anklebt […]. Tilmann Köhler, der das Stück (mit durchaus intensiven Momenten) szenisch eingerichtet hat, lässt die
Schauspieler Tino Mewes, Matthias Reichwald, Eva Meckbach,
Julischka Eichel und Chistoph Franken den Plastikballen erklimmen und ihre Anklage chorisch vortragen. Die Lösung? Alles
abschalten eben, wie der Titel schon sagt. Handys, Computer,
Fernsehen, Eltern und was sonst noch so stört. Alles abschalten
und selber leben. Wie ein Deus ex Machina steht dann aber der
gelähmte Vater aus dem Rollstuhl auf, knallt die jungen Leute
ab. Schaltet das Fernsehen wieder an. Das Happy End fällt aus.
Esther Slevogt, nachtkritik.de, 12. Mai 2010
Mit sensiblem Ohr für aktuelle Konversationsmoden lässt Julian
van Daal (Jahrgang 1985) in »Alles ausschalten« fünf Jugendliche beredt zum Schweigen kommen. Die Gesellschaft ist ihnen
zu lasch, die Eltern sind ihnen zu wohlwollend, was bleibt den
»Krisenkindern« übrig, als regelmäßig »Keine Ahnung« zu blöken?
Irene Bazinger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Mai 2010
Drahtseilakrobaten von Peca Ştefan
Surrealistisch glühender Bilderbogen
Wie [der] Produktionsalltag aussieht, führte dann der achtundzwanzigjährige rumänische Dramatiker Peca Ştefan (der in New
York studiert hat) satirisch in seinem Stück »Drahtseilakrobaten«
vor, in dem man zunächst einem rumänischen Jungdramatiker
begegnet, der mit einer New Yorker Theateragentin um seine
Mitwirkung an einem Osteuropa-Projekt ringt. An der osteuropäischen Realität, die da den saturierten Amerikanern zwecks
Förderung ihrer Spendierfreudigkeit serviert werden soll, ist die
Agentin sichtlich nicht interessiert. Sie will krachende Klischees
von postsozialistischem Elend, Prostitution, Gewalt und Bürgerkrieg. (Und ist dabei natürlich selber eins.) Der Dramatiker will
aber eine universell gültige Liebesgeschichte erzählen, was ihm
fast den Rausschmiss einbringt. Er wird erst engagiert, als er
sich den Klischees willig fügt. Was natürlich auch ein Klischee
ist: der Dichter als Vertreter des Wahren und Hehren, der sich
den platten Marktanforderungen fügen muss. Im vorliegenden
Fall aber ein sehr selbstironisch präsentiertes. Diese mit »Rumänien zu verkaufen« überschriebene Satire ist jedoch nur das
Vorspiel zu einem surrealististisch glühenden Bilderbogen aus
einem (deutlich entzauberten) rumänischen Jetzt, das von einer
nie näher definierten Vergangenheit immer wieder verdunkelt
wird […]. Da kommt ein ehemaliger Clown des rumänischen
Staatszirkus plötzlich in der Wohnung eines zerrütteten Paares
vorbei, zaubert ihnen verunglückt etwas vor (in deutlicher Bettelabsicht), spricht von Zeiten, als Menschen noch in seinen Zirkus
kamen, rührt schließlich die Dame des Hauses so sehr, dass die
ihm ihre Ersparnisse schenkt, worauf der Clown zum Dank ihren
Macho-Geliebten erschießt, der sie gerade vergewaltigt hat.
Zwei Schwestern, die in der neuen Zeit leidlich Fuß fassen konnten, versenken die Asche ihrer Eltern in der Donau, die offensichtlich auf der Flucht vor dieser neuen Zeit freiwillig aus dem
Leben gegangen sind. Ein alter Mann sucht das Gespräch mit
der Mumie seines Vaters. Eine Frau pflegt einen, nach einem
Unfall beinamputierten Mann, der auch das Leben ihres Kindes
kostete. Und zwar so lange, bis der Mann dies begreift und dann
von der Frau ermordet wird. Krude kleine Szenen […], die finster
funkeln und deren Unglückmenschen unterwegs in ein besseres
Leben sind, das sie nirgends finden werden.
Esther Slevogt, nachtkritik.de, 12. Mai 2010
Solide surreal
Der Rumäne Peca Ştefan schreibt auf Englisch. In seinem
Stück »Wire and Acrobats« (Drahtseilakrobaten) strampelt eine
Gruppe von Figuren in ihren scheinbar ausweglosen Situationen
vor sich hin, bis plötzlich alles anders kommt. Ein Künstler versucht, durch Androhung von Selbstmord ein Gespräch mit dem
Kulturminister zu erzwingen und prallt an der unfassbar bürokratischen Grundhaltung seiner Mitmenschen ab. Eine junge
Frau will aus ihrem privaten Wartesaal nach Island entkommen,
verschenkt das Reisegeld aber an einen Zauberer, der ihren
lieblosen Ehemann von der Bildfläche verschwinden lässt. Ein
Reigen an Verwandlungen, an Geschichten, die sich ineinanderschieben, immer wahnwitziger und anrührender.
Anna Opel, Der Freitag, 21. Mai 2010
Und wenn wir schon über Rumänien sprechen: im Rahmen des
»Stückemarkts«, […] dem bedeutenden Entdecker- und Förderfestival im deutschsprachigen Raum für neue Autoren aus Europa, hat zum ersten Mal auch ein Rumäne teilgenommen. Peca
Ştefan (geboren 1982) mit einem Stück, […] das sich in deutscher Übersetzung »Drahtseilakrobaten« nennt. Von den ca. 300
08
Alles ausschalten von Julian van Daal
Julischka Eichel, Matthias Reichwald, Eva Meckbach, Tino Mewes und Christoph Franken (v. l.)
Drahtseilakrobaten von Peca Ştefan
Katharina Schmalenberg, Julika Jenkins, Charly Hübner und Jonas Hien (v. l.)
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Ewig Gärt von Ekat Cordes
Max Simonischek und Manfred Böll (v. l.)
Der groSSe Marsch von Wolfram Lotz
Dieter Montag, Michael Schweighöfer, Sebastian Weber, Hermann Beyer und Jule Böwe (v. l.)
10
Texten, die die Jury dieses Jahr erhalten hat, wurden acht ausgewählt (darunter auch Pecas) und als szenische Lesungen –
eigentlich nicht weit entfernt von abgeschlossenen Produk­tionen
– inszeniert. Pecas Stück: ein exzellenter Ablauf von Situationen
aus dem rumänischen Leben, in denen sich das Komische
und das Makabre, die Logik und das Absurde untrennbar ver­
mischen. Das Stück konnte sich einer sehr guten Regie und junger begabter Schauspieler erfreuen, die den Text zur Geltung
gebracht haben. Der Applaus war entsprechend herzlich.
Observator cultural (Rumänien), 3.-9. Juni 2010
Ewig Gärt von Ekat Cordes
In »Ewig gärt« von Ekat Cordes (Jahrgang 1982) ist ebenfalls
die kaputte Familie die Wurzel allen Übels. Zu Sprachspielen à
la Jelinek – »Ehe, wem Ehe gebührt« – spritzen in einem bizarren
Kettensägenmassaker Ketchup, Bier und Körperflüssigkeiten.
Ob auf der Kirmes, vor dem Fernseher oder beim Grillen, niemand ist vor den bösen Umtrieben der anderen sicher.
Irene Bazinger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Mai 2010
Ebenfalls mit einem Hang ins Surreale überzeugte das Stück
»Ewig gärt« des Regisseurs Ekat Cordes. Er nimmt die Kleinfamilie unter die Lupe, wie sie an den Zentrifugalkräften eines wüsten
Jahrmarkttreibens zerschellt. Gewalt, Perversion und Missbrauch
kommen ans Licht. Das Ganze mit einem Hang zum sich endlos weiterschraubenden Sprichwort, der an Werner Schwab
erinnert. […] Trotzdem drang eine eigene Sprache durch, ein
Wuchern ins Surreale, das aufhorchen ließ.
Anna Opel, Der Freitag, 21. Mai 2010
Der groSSe Marsch von Wolfram Lotz
Was der Theatermarkt vom Autor verlangt, hat sich auch Wolfram
Lotz gefragt, der […] am Leipziger Literaturinstitut studiert. Sein
Stück »Der große Marsch« hebt mit der schwer zu widerlegenden
Feststellung an: »Die meisten Theaterleute sind (natürlich gibt es
Ausnahmen) Arschgesichter«, um hernach die kapitalismuskritische Mode eines selbstgefälligen Apparats zu verspotten. Es
treten Regisseure auf, die echte Sozialhilfeempfänger ans üppig
mit Nudelsalat gefüllte Subventions-Buffet scheuchen, außerdem der Autor selbst und seine Mutter, Josef Ackermann und
Hamlet, und viele dieses Kalibers mehr. Eine smart geschriebene
Parodie, auch wirklich komisch, vor allem die Schauspielerin Jule
Böwe musste sich während der Szenischen Lesung, die LarsOle Walburg eingerichtet hatte, immer wieder kichernd das Textbuch vors Gesicht halten.
Patrick Wildermann, Der Tagesspiegel, 23. Mai 2010
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Wolfram Lotz in seiner irrwitzigen, mit Figuren aus Politik, Wirtschaft, Geschichte und Weltdramatik fantastisch besetzten
Revue »Der große Marsch« sagt es so: »Das Theater hat ja Vorgaben gemacht. Es sollte was Politisches sein und um Wider-
stand gehen und einen aktuellen Bezug haben.« Hatte es alles;
auf originelle, subtil verquere und doch ordentlich krachende Art.
Reinhard Wengierek, Berliner Morgenpost, 19. Mai 2010
Mit Wolfram Lotz entdeckt das Berliner Theater­
treffen einen Star
Der Berliner Mann der Stunde […] ist Wolfram Lotz: Mit seinem vor Witz und hintergründiger Ironie sprühenden Stück »Der
große Marsch« dekonstruiert der 1981 geborene Leipziger die
Verlogenheit des pseudoliberalen Entertainments. »Meine Mutter
sagt: Das Theater ist ein Punkt oder ein Ort oder sonst was«,
heißt es dort, »aber es ist wie die Welt, und die Welt ist so,
wie sie ist, und das nennt man Wirklichkeit.« Lotz’ meisterlich
gebaute und brillant geschriebene Satire bildet eine faszinierend
lebendige Reflexion über die scheinhafte Welt des Theaters.
Hans-Joachim Neubauer, Rheinischer Merkur, 27. Mai 2010
Eine intellektuell-emotionale Tabula rasa hat Wolfram Lotz […] mit
dem »Großen Marsch« probiert. Sie wurde in einer szenischen
Lesung nun beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens erstmals öffentlich vorgestellt. Ausgewählt hat das Stück ausgerechnet Falk Richter, neben Burghart Klaußner, Iris Laufenberg,
Marlene Streeruwitz und Malte Ubenauf Mitglied der Jury und
auch einer der vielschreibenden, vielinszenierenden Platzhirsche.
Das verrät einige Selbstironie, denn über derlei übliche Theaterbetriebsnudeln amüsiert sich Lotz aufs schönste und gekonnt
gemein. In einem Narrenspiegel des Gegenwartstheaters treten
auf: Josef Ackermann, Dieter Hundt, Bakunin, Hamlet, Prometheus, echte Sozialhilfeempfänger, ein ausgestorbener Vogel,
Kinder mit dem Down-Syndrom, fünfzig Nereiden und, und, und
… Alle betreiben radikalverbalen Unfug zwischen Nudelsalaten,
Umzugskartons, RAF-Zitaten, Kapitalismus- und Kunstkritik. Da
wird nicht gekleckert, sondern schamlos absurd auf den Tisch
gehauen. Egal, ob und wie dies jemals auf eine Bühne gelangen
wird, als quietschvergnügt-anarchische Kopfgeburt ohne Scheu
vor Namen, Usancen und Fördergremien macht »Der große
Marsch« jedenfalls wirklich Laune.
Irene Bazinger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Mai 2010
»Der große Marsch von Wolfram Lotz eroberte bei der Lesung
das Publikum im Sturm. Mit Schwung wirft der Autor sich in
die sachkundige Verhohnepipelung des Theaters als Institution. Respektlos übt er Kritik am selbstreferentiellen Blabla einer
Szene, die sich in der Rolle der letzten kritischen Bastion gefällt
und nicht merkt, wie sie einerseits an den wahren Schmerzpunkten vorbeiredet und andererseits ästhetisch auf der Stelle tritt:
Eine Moderatorin zitiert Figuren auf die Bühne, die nur sagen
dürfen, was ins Konzept passt. Die Mutter des Autors tritt als
Figur auf, sie bringt einen unleserlichen Zettel mit der Grußbotschaft des Urhebers Lotz: »Alle sind Brei« wird am Ende entziffert. Oder frei? Was für ein schöner Gedanke, was für eine kluge
und lustvolle Kritik!«
Anna Opel, Der Freitag, 21. Mai 2010
hörtheater
Ernte von Claudia Grehn
Politisch, widerständig, aktuell, aber jenseits von jedweder
Absurdität ist Claudia Grehns vielschichtig reflexive Verzweiflungsgeschichte über polnische Arbeitsmigranten unter uns.
Eine packende »Geradeaus«-Tragödie von Beladenen und Mühseligen. Ein bitteres Schmerzens-, ein dunkles Sehnsuchtsstück
einer Autorin, die wahrscheinlich, wie Peymann sich ausdrücken
würde, »wirklich wichtig« wird. Enorm preiswürdig.
Reinhard Wengierek, Berliner Morgenpost, 19. Mai 2010
In »Ernte« geht es, formal anspruchsvoll, um die Verschränkungen von Arbeits- und Privatleben einer polnischen Familie,
die sich in Deutschland durchschlägt. Die Autorin hat sich viel
an Schicksal und Weltschmerz auf die jungen Schultern geladen und dabei mitunter ein wenig das Theater vergessen, aber
beachtlich ist ihr Versuch, Ökonomie und Liebe, Mitgefühl und
Verzweiflung zu verbinden.
Irene Bazinger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Mai 2010
Für Freitagabend steht vor der Preisverleihung des Stückemarktes mit Claudia Grehns Ernte noch ein Highlight auf dem
Programm. Die junge Autorin verbindet in ihrem Stück literarische Ambition mit Systemkritik. Und das mit einer Ernsthaftigkeit, die sich von den männlichen Kollegen abhebt, sich vielleicht
auch dem Vorwurf der Naivität aussetzt. […] Doch das Stück
begnügt sich nicht mit der Beschreibung des tristen Status Quo,
es zeigt seine Figuren als denkende, fühlende Menschen, schafft
gedanklichen Raum für Alternativen und fordert zudem das Theater als Raum der Literatur heraus. Eine reiche Ernte.
Anna Opel, Der Freitag, 21. Mai 2010
Die Welt ist Dreck
Alle Figuren wollen etwas anderes als das, was sie haben: Einen
anderen Job, eine andere Frau, ein anderes Leben. Aber eine
genaue Vorstellung, wie dieses Leben aussehen oder sich anfühlen
soll, haben sie nicht. […] Es sind Sinnsucher, Umbruchsmenschen,
mit denen eine neue Zeit experimentiert. Sie wissen, dass sie nicht
mit den nötigen Fähigkeiten ausgestattet sind, die diffusen Herausforderungen zu bewältigen. »wir werden vollgepumpt mit altmodischen werten die man so nicht mehr leben kann … überreste
aus einer weltvorstellung aus dem letzten jahrhundert«, bilanziert
Lena ihre Schulausbildung. Nicht alle Figuren Grehns sind so radikal wie Lydia, die über die Abschaffung des Menschen nachdenkt:
Ob Krebs vielleicht der nächste Schritt der Evolution ist? »his dark
and secret love / does thy life destroy«, hat Grehn ihrem Stück ein
Zitat von William Blake vorangestellt. Sehnsucht geht einher mit
Zerstörung, und die Welt ist Dreck: »der schmutz nistet sich in den
augäpfeln ein wo man ihn nicht mehr abwischen kann«. […] Auch
wenn Claudia Grehn ihre Figuren recht realistisch anlegt, sperren
sie sich gegen eine psychologische Lesart. Sie sind Begehrensmaschinen, angetrieben von Grehns Sprache.
Elena Philipp, nachtkritik.de, 21. Mai 2010
Variationen über das Kraepelin-Modell
von Davide Carnevali
Emotional bewegendes Kammerspiel
[…] Einen interessanten Diskussionsbeitrag zur Ätiologie der
Alzheimer-Krankheit bietet der 1981 in Mailand geborene Theaterautor, Übersetzer und Kritiker Davide Carnevali mit seinem
Theaterstück »Variationen über das Kraepelin-Modell oder Das
semantische Feld des Kaninchenschmorbratens« an. Es wurde
zum Wettbewerb »Stückemarkt« des Berliner Theatertreffens
2009 zum besten »Theatertrext als Hörspiel« gewählt. Deutschlandradio Kultur und SR 2 Kulturradio haben nun gemeinsam
unter der Bearbeitung und Regie von Ulrike Brinkmann das Hörspiel produziert.
Der Autor stellt die Demenz eines alten Mannes dar (mit großer Ausdrucksintensität und Einfühlungskraft von Jürgen Holtz
gesprochen), deren Krankheitssymptome sich zum Teil mit
Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises überschneiden,
und er führt die Ätiologie der Krankheit auf eine multiple Traumatisierung zurück. Der Demenzkranke, der einen fast ähnlichen
Namen wie Emil Kraepelin trägt […], lebt mit der Wahnvorstellung, der letzte Krieg sei seit 80 Jahren noch nicht beendet, die
Feinde hätten nur den Namen geändert – im Gegensatz zu Gott,
dessen Name außerhalb des »semantischen Feldes« stehe, also
bedeutungslos sei. Einmal sagt der Mann: »Ich brauche Gott,
dass ich vergesse, dass Krieg ist, ich will nichts mehr wissen, ich
will vergessen.« Im Widerspruch dazu sagt er seinem Sohn, den
er nicht erkennt und einmal für seinen früheren Feldwebel, ein
anderes Mal für seinen Vater hält: »Eine Welt ohne Erinnerung ist
wie die Wand in diesem Zimmer: kahl…«
Dem Gedächtnisverlust stehen Augenblicksmomente klaren
Bewusstseins gegenüber, das die Erfahrung einer verstörenden
Realität markiert, die »nie im Vergessen verschwindet«, aller
Verdrängung traumatischer Erfahrung zum Trotz. Der Sohn des
Alten berichtet dem behandelnden Arzt (Matthias Brenner und
Heikko Deutschmann in den kleineren Rollen), seine Mutter sei
gegen Kriegsende mit einem amerikanischen Soldaten »abgehauen«, und es ist berührend, der amalgamierten Verdrängung
und Verklärung dieses traumatischen Erlebnisses zuzuhören. Er
weiß nicht mehr den Namen seiner Frau, spricht aber von seinen
unzerstörbaren zärtlichen Gefühlen für sie.
Paradoxien zwischen traumatischen Erlebnissen, Erinnerungen
und Verdrängungen bringt der Kranke selber auf den Punkt:
»Ich erinnere mich an nichts, ich kann dir aber erzählen, was ich
vergessen habe.« Zum Beispiel das Rezept seines im Untertitel genannten geliebten Kaninchenschmorbratens. Regisseurin
Ulrike Brinkmann hat, unterstützt von zeitbloms dezenter Musikkomposition, das Theaterstück in ein gedanklich anspruchsvolles, emotional bewegendes akustisches Kammerspiel mit
Repertoire-Qualitäten transformiert.
Norbert Schachtsiek-Freitag, Funk-Korrespondenz,
04. Juni 2010
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Ernte von Claudia Grehn
Almut Zilcher und Barbara Heynen (v. l.)
Hörtheater:
Variationen über das Kraepelin-Modell von Davide Carnevali
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dramatikerworkshop
In Hannes Beckers »Befreundete Menschen« treffen Bartolomé
de las Casas und Hernán Cortés zu einem real-irrealen Gespräch
aufeinander. Die sorgfältig austarierte Sprache des 28-jährigen
Becker beschwört die Unterwerfung Lateinamerikas im Licht von
heute. Die harschen Zeitbrüche dieses experimentell angelegten
Dramas überführen den Schrecken aus der historischen Ferne
ins Nahe. Nicht alles, was geschah, ist vorbei. Und nicht alles,
was vorüber ist, ist passiert.
Sandra Kellein (geb. 1958) entwirft mit ihrer von Jean Genet in­spi-­
rierten irrlichternden Groteske »Wohlfühlen für Fortgeschrittene«
einen fulminanten Ritt durch die Wellness-Gesellschaft: »Ich
möchte doch nur ein bisschen Permanent-Make-up«, sagt ein
alter Punk. »Man verliert im Arbeits- und Alterungsprozess so
leicht die Kontur.«
Hans-Joachim Neubauer, Rheinischer Merkur, 27. Mai 2010
Als Autor ist man ja gerne mal verletzlich
Thomas Arzt, Hannes Becker und Sandra Kellein sind die
diesjährigen Teilnehmer(innen) des Stückemarkt-Workshops. Unter dem Motto »Vorsicht zerbrechlich« arbeiten die
drei zusammen mit Autor und Dramaturg John von Düffel an
kleinen Textausschnitten […]. Ein Werkstattbesuch.
[…] Wie geht es Ihnen dreien hier?
Thomas Arzt: Ich bin ganz froh, dass ich im Workshop bin.
Hier kann ich auch einen Text reinnehmen, der noch Baustelle
ist. Das ist ein geschützter Rahmen, wo man gemeinsam darüber
reden und arbeiten kann. Allerdings geht das langsam schon an
die Energie … am Montag haben wir besprochen, über Nacht
dann geschrieben, haben heute wieder besprochen, schreiben
dann wieder über Nacht. Da entwickelt sich in der Woche was.
Ich bin auch froh, dass unsere Präsentation nicht so ausgestellt
ist wie die der anderen. Das macht weniger Druck.
Sandra Kellein: Gleichzeitig ist es die Sache von jedem Autor,
ob er von den Dingen, die wir hier erarbeiten, was mitnimmt, ob
er damit was machen kann. Wir haben alle extra einen Text dafür
geschrieben. An meinem doktere ich noch herum. Gerade habe
ich hier ein paar wiedersprüchliche Botschaften bekommen.
Aber das finde ich gut: Dass ich, als emanzipierte Autorin, entscheiden muss: Was möchte ich jetzt, was nehme ich davon an?
Und das finde ich sehr wichtig, dass jeder von uns diese Frage
im Workshop auch mitkriegt: Was nimmt man von der Kritik oder
den Anmerkungen mit?
Jeder Dramaturg erzählt einem was anderes, und jeder Regisseur macht was anderes draus, und jeder Leser, Hörer oder
Zuschauer sieht nochmal was anderes. Ich muss schon bei mir
bleiben. Das ist meine persönliche Kunst, die ich hier praktiziere. Bis morgen um zehn mache ich noch ein paar marginale
Änderungen, die aber für die anderen einen unheimlichen Dreh
bedeuten können. Das bleibt hier immer ein bisschen work in
progress.
Hannes Becker: Ich erlebe hier etwas von dem Schrecken,
mit dem mein Text arbeitet. Also, ich habe einen Text geschrieben, der bewusst eine Überforderung herstellt, für jede Inszenierung. Ich behaupte trotzdem, dass das aufführbar ist. Dafür muss
ich jetzt selbst erkunden, was man nun tun muss bzw. welche
Denkschritte man gehen muss, um den Text für eine konkrete
Aufführungssituation vorzubereiten. Das ist schon gut, dass ich
das mal selbst erlebe, was der Regisseur und die Schauspieler
und alle, die daran arbeiten, um aus dem Text eine Aufführung zu
machen, überlegen müssen. […]
Sie sind ja alle doch aus unterschiedliche Generationen …
hat das was augemacht?
Thomas Arzt: Ich finde das sehr bereichernd, dass verschiedene Zugänge da sind. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass
meinem Text was aufgezwungen worden ist, nur weil ich »jung«
bin und damit vielleicht unerfahrener. Die Sandra kann gut mit
ihrer Erfahrung kommen, der John mit seinem dramaturgischen
Handwerk. Der Hannes hat mit seinem Leipzig-Studium einen
sehr literarisch-philosophischen Zugang. Und das meiste wird
so ausgedrückt, dass ich persönlich was damit anfangen kann.
Mir gefällt das gut, dass wir nur zu viert hier sind und Zeit haben.
[…]
Wie war die Arbeitsweise im Workshop? Es gibt ja sehr
unterschiedliche Ansätze in der Textarbeit.
Hannes Becker: Das war recht verschieden. Ich kann das
kurz für meinen Text sagen. Da ging es vor allem um Fragen
der Dramaturgie: Was ist dramatisch los in dem Text? Ein Text
kann auch als Text funktionieren, poetisch oder sprachlich, aber
»dramatisch«, das ist noch was anderes, oder etwas … etwas
Zusätzliches, finde ich. Da wurde bei mir sehr genau geguckt:
Da kommt jetzt dieses und dann das und das bedeutet das. Wie
kommen wir jetzt von dem einen zum anderen? Oder soll man
nicht schon früher zum anderen kommen? Und wie geht das
dann?
Wie war die Atmosphäre bis jetzt?
Sandra Kellein: Mir persönlich macht es großen Spaß, John
von Düffel bei der Arbeit zuzugucken. Der ist nun mal wirklich
ein superprofessioneller Dramaturg. Als Autor oder Autorin ist
man ja auch gerne mal verletzlich, aber John hat diese prima Art,
einem was zu sagen. Da muss man nicht in Ohnmacht fallen.
Thomas Arzt: Bei mir war das, ähnlich wie beim Hannes, so,
dass ich ein langes Stück habe, aus dem ich für die Präsentation Ausschnitte zusammengestellt habe. Durch das Zusammenstellen, durch den ersten Versuch, ist mir gleich etwas über die
Figuren klar geworden. Da ist nämlich der Eindruck entstanden,
dass das Rundherum der Figuren zu groß war und das hat das,
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was eigentlich in dem Text drinliegt, platt erscheinen lassen. Wir
haben dann gemeinsam nach Sätzen gesucht, die die Figuren
komplexer machen. Das hat mir etwas über die Figuren erzählt,
und dadurch habe ich sie wieder anders schreiben können. Ich
weiß jetzt viel mehr über meine Figuren als vor dem Workshop.
Sandra Kellein: Ich habe hier die Anregung bekommen, aus
meinem kurzen Ding, was ich für den Workshop gemacht habe,
vielleicht ein großes Stück zu bauen. Insofern ist das hier eine
ganz gute Inspiration und Anregung, weil man sich schon mal
eine Woche damit befasst hat. Ich hab da jetzt mehr Fundament,
als wenn ich das allein zu Hause gestrickt hätte.
Anne Ratte-Polle
Christoph Franken
Hannes Becker
Thomas Arzt
John von Düffel
Jörg Pose
Sandra Kellein
Ursula Staack
Wie geht es Ihnen, wenn Sie an die Präsentation denken?
Hannes Becker: Ich hätte schon gerne einen kleinen Abstand,
mal sehen, ob das klappt. Gerade sieht es so aus, als würden wir
viel proben. Dabei sein ist super, klar, aber irgendwie würde ich
mich doch gerne ab einem bestimmten Punkt ausklinken aus den
Proben und die machen lassen. Damit das nicht zu einer Einheit
verschwimmt. Das wäre mir schon sehr wichtig, dass ich mich
da wirklich hinsetzen und sagen kann: Ich schaue mir das jetzt
einfach an. Das haben die gemacht. Ich hab auch was gemacht,
aber das, was hier auf der Bühne ist, haben die gemacht.
Thomas Arzt: Ich freue mich sehr auf den Probenprozess und
die Schauspielerarbeit. Eigentlich hab ich keine Bedenken, dass
der Abend irgendwie blöd werden könnte. Und eigentlich habe
ich auch nicht das Gefühl, dass ich jetzt da bin, um einen Preis
zu gewinnen. Das ist mir eigentlich Wurst.
Sandra Kellein: Ich freue mich immer, wenn ich sehe, was
ein Schauspieler mit meinem Text macht. Oft ist das ja nochmal etwas, das ich von meiner Figur gar nicht kenne. Fast wie
ein neues Leben, das dazukommt, eigentlich schön. So bin ich
gerade ziemlich heiter. Es kann natürlich alles schief gehen. Man
kann immer auf die Schnauze fallen, genauso wie im richtigen
Leben.
Alexandra Müller, Theatertreffen-Blog, 21. Mai 2010
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Vorsicht zerbrechlich!
Präsentation des Dramatikerworkshops
autorenportraits
Claudia Grehn
Claudia Grehn möchte ihre Texte mit dem Team
fortschreiben
Claudia Grehn setzt sich auf einen der beiden antiquarischen
Küchenstühle mit den roten Polstern, nimmt ihre braunen Locken
mit beiden Händen kurz im Nacken zusammen, – und lässt sie
dann wieder auf die Schultern fallen. Sie überlegt, wie sie auf
ihre Themen kommt:
auslösen. Um an das »Wesentliche« heranzukommen, das die
junge Autorin so sehr interessiert, muss man eben eigentlich –
dichten.
»Man kann ja durch Gedichte viel näher an die Menschen herankommen. […] Es müsste Orte geben, wo Leute sich gegenseitig ihre Gedichte vortragen. Das fänd ich schön, das würde ich
gerne mal anfangen!«
Anke Schaefer, Deutschlandradio Kultur, 12. Mai 2010
»Ich glaube nicht, dass ich auf die Themen komme, sie sind ja
einfach da. Es ist ja eben so, […] erst mal wie in einem Dschungel von Problemen und Schmerzen – damit wird man konfrontiert
und man muss sich da durchkämpfen und man muss versuchen,
nicht aufzugeben und nicht unterzugehen. Oder?«
Jenseits üblicher Automatismen
Die Autorin Claudia Grehn im Gespräch mit Anna Opel
Es gibt aber auch Momente im Leben der jungen Autorin, in
denen alles stimmt. Und das sind Momente, in denen sie mit
anderen zusammenarbeitet. Von so einer Situation ist das Stück
inspiriert, das jetzt auf dem Stückemarkt des Theatertreffens
gezeigt wird. »Ernte« heißt es – und sie weiß, was ernten heißt,
denn jedes Jahr im Herbst pflückt sie Äpfel oder Weintrauben,
meist in Frankreich. […] Das Stück »Ernte« allerdings handelt
nicht so sehr vom Ernte-Glück – vielmehr von Zwängen und
Unsicherheit, von Lohnarbeit und Sozialversicherung. […]
Sie möchte in Zukunft als Autorin auf der Bühne, mit der Regie
und den Schauspielern das Stück gemeinsam weiterdichten.
[…] Der Austausch, die Teamarbeit, ist wichtig geworden, für
diese junge Frau mit den klaren Augen, mit dem klaren Blick.
In Trier ist sie aufgewachsen und lebt jetzt gerne hier im multikulturellen
Berlin, in dieser Wohnung, die sie mit einer Künstlerin aus China teilt.
Sie studiert an der Universität der Künste »Szenisches Schreiben«.
Hat sich an der Streikbewegung im vergangenen Sommer beteiligt,
das Audimax mitbesetzt, und es genossen, so ganz direkt – mit den
anderen – aktiv zu sein. All das gehört für sie zur Ausbildung.
»Man kann nicht einfach an eine Uni gehen und sagen – hier bin
ich, mach was aus mir.«
Claudia Grehn: Na ja. Das Problem der Lohnarbeit, die damit
verbundene Ausbeutung der Menschen im Kapitalismus, das
hatte sich in den Vordergrund gedrängt. Es macht mich wütend,
zu sehen, wie Menschen sinnlos daran kaputtgehen, ohne
sich zu wehren. Wütend macht mich auch das Verzweifeln an
der angeblichen Überforderung, über die so viel geredet wird.
Natürlich bin ich überfordert, wenn ich mich dem widersprüchlichen Konsummarkt hingebe und daraus ein Weltbild abzuleiten
versuche. Wenn ein Text nicht auf einem manipulierten Weltbild
basieren soll, muss man sich die eigene Bildung und Informationsbeschaffung selbst organisieren, aktiv werden. Das war
vielleicht so etwas wie ein Grundgefühl für das Entstehen des
Textes.
An der Uni gilt also wie am Theater: Zusammen kommt man
weiter. Und schon ist sie wieder beim Thema Zusammenarbeit.
Und denkt an die Zeit, als sie mit Maxim-Gorki-Theater Intendant
Armin Petras gemeinsam Stücke aus dem Russischen übersetzt
hat.
»Das bildet eben weiter. Weil man was erfährt über eine Arbeitsweise, oder darüber wie Texte geschrieben werden. Das gehört
alles zur Ausbildung!«
Claudia Grehn schöpft Atem und nippt noch mal am grünen Tee.
Es geht jetzt ein bisschen besser, mit dem Interview. Einmal hat
sie sogar schon laut gelacht. Es ist aber einfach ihre Art, sehr,
sehr vorsichtig mit den Worten umzugehen. Jedes Wort, das
man ausspricht, könnte ja beim Gegenüber ein Konzept im Kopf
[…] Und wie ist das neue, zum Stückemarkt des Berliner
Theater­treffens eingeladene Stück »Ernte« entstanden?
Bemerkenswert erscheint mir, dass die Figuren ihr kleines
Leben leben, ihr Bewusstsein aber darüber hinausweist, und
das schafft Offenheit. Was beschränkt die Figuren? Ist es
ökonomische Notwendigkeit?
Claudia Grehn: Ich würde sagen, dass sie kein politisches
Bewusstsein haben und sich nicht richtig austauschen können.
Aber ich glaube nicht, dass es die »ökonomische Notwendigkeit«
ist, die sie daran hindert. Das »Experiment« im Stück hinterfragt
genau das. Da nehmen vier Leute ihr Leben in die Hand, und
auch wenn das nicht sofort funktioniert, hat sich die Suche nach
einem Ort gegen die Selbstverständlichkeit damit nicht erledigt.
Ein Problem ist die Unsicherheit, die aufkommt, wenn man etwas
beginnt, was jenseits der üblichen Automatismen liegt. Die
Frage »Wie kann man sich durch Schreiben oder auch durch ein
gemeinsames Projekt von dieser Unsicherheit befreien?« stand
am Anfang der Zusammenarbeit mit Lena Müller. In ihren Texten, den Teilen des Stückes, die mit »Experiment« überschrieben
sind, wird das auf einer Ebene reflektiert, zu der die Figuren keinen Zugang finden.
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Autorentisch mit Marion Hirte, Wolfram Lotz, Claudia Grehn und Ekat Cordes (v. l.)
Peca Ştefan (mit Mikro)
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Es gibt noch einen anderen Schauplatz, der über die Szenerie
hinausweist. Die Figur der Lydia und ihre Lektüre in der Bibliothek.
Claudia Grehn: Ja. Das sind Texte des Physikers und Systemtheoretikers Fritjof Capra. Von seinem wissenschaftlich-ganzheitlichen Denken habe ich während meiner gesamten Schulzeit
nie etwas gehört. Wenn man etwas anderes erfahren will, muss
man gleich die Institution wechseln. Ich finde es aber wichtig,
Alternativen zu haben, Perspektiven zu wechseln, zu wissen: Es
ist nicht zwingend, dass die Menschen so leben, wie sie leben.
Hannes Becker
Peca Ştefan
Und das gilt auch in Bezug auf das Schreiben?
Claudia Grehn: Ja. Wenn ich dem näher kommen will, was in
der Gesellschaft vor sich geht, dann kann ich nicht in einer Form
schreiben, die sich auf eine Gesellschaft bezieht, die es so nicht
mehr gibt. Aber wie das geht, das weiß ich am Schreibtisch
nicht, ich kann nur Vorschläge machen. Deshalb möchte ich am
liebsten Teil des Problemprozesses sein, und zwar von Anfang
an. Eine Hierarchie finde ich in einer solchen Arbeit problematisch. Wenn es um Formen und Inhalte geht, die sich erst eine
Bühne erkämpfen müssen, dann braucht man ein Team.
Anna Opel, Theater der Zeit, Juni 2010
Julian van Daal
Ekat Cordes
Ekat Cordes
Stets auf der Suche nach neuen Formen und Aus­
drucksweisen
In Ihrem Stück kommen sowohl in Bezug auf stilistische Mittel als auch auf Aspekte der Erzählweise Elemente vor, die
man sonst eher aus dem Genrekino, vor allem dem Horrorfilm kennt. Wie kommt es dazu?
Sandra Kellein
Thomas Arzt
Wolfram Lotz
Claudia Grehn
Ekat Cordes: […] Ich denke, dass kaum ein Genre so starke
Möglichkeiten bietet, auf kreative Weise sehr reale, grausame
und auf dem Theater im Grunde kaum darstellbare Probleme
auf kritische Weise in künstlerisch überhöhte und gleichzeitig
beunruhigende Bilder zu übersetzen. In meinem Stück nutze ich
solche Elemente – vom splatterartig spritzenden Blut über den
unheimlichen Keller hin zur Geisterbahn oder einem dem Tod
ähnelnden Moderator: Dabei ging es mir aber immer darum, zu
einer Sprache und Erzählweise zu finden, die dem Betrachter
die Ahnung von etwas eigentlich gar nicht Darstellbarem, viel
Schrecklicherem gibt – und durch die Verbindung von Grauen
und einer häufig sehr spielerischen Sprache, die dieses Grauen
in Worte fasst, entsteht dann etwas Unvereinbares, eine Reibung zwischen Form und Inhalt, die ich spannend finde.
Christoph Marthalers »Riesenbutzbach« spielt in einem
umfunktionierten Institut für Gärungsgewerbe, in Ihrem Stück
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stinkt und brodelt es an allen Ecken und Enden unter einer
verborgenen Oberfläche: Ist da was Größeres am Gären?
Ekat Cordes: Da gärt ’ne ganze Menge! »Ewig gärt«, das hat
für mich die verschiedensten Bedeutungen. Zum einen die zentrale Thematik des Stücks: So lange es Menschen gibt, werden
Themen wie Missbrauch, Gewalt und Verdrängung aktuell sein
und bleiben. Gären bedeutet dann ja auch, dass etwas noch
nicht fertig, in diesem Falle noch nicht aufgeklärt ist, dass da
etwas im Verborgenen entsteht, ohne dass man es sehen oder
greifen kann. Das ist ja auch im Stück so: Jeder ahnt etwas oder
glaubt, irgendwas zu wissen, jeder merkt, dass da was gärt, aber
weil das alles nur hinter der Fassade, hinter Gartenzäunen oder
verschlossenen Türen stattfindet, weiß niemand wirklich, was er
tun soll, ob und wie er sich einschalten soll.
Was mir beim Lesen besonders auffiel, war die sehr eigene
Sprache, in der die Figuren in Ihrem Stück untereinander
kommunizieren. Viele der wiederholt auftretenden Sprachspiele waren für mich immer auch ein Spiel mit dem Schrecken, ein Herumreden um das Grauen.
Ekat Cordes: Ich fand es einfach unglaublich spannend, zu
versuchen, die Sprache immer und immer mehr zu verknappen
und zu verdichten, bis an manchen Stellen fast nur noch eben
dieses Spiel mit Sprache herrscht und der eigentlich entsetzliche Inhalt beinahe untergeht in diesem ständigen Herumreden
um den heißen Brei. Die Figuren sind sprachlos, sie suchen nach
einem Ausdruck für das, was sie sehen und hören, finden ihn
aber nicht und verlieren sich eben in dieser stilisierten, ablenkenden Sprache. […]
Kann Theater etwas bewegen?
Ekat Cordes: Es wäre in jedem Fall schön, wenn es so wäre.
[…] Das ist natürlich nicht mit herkömmlichen »well-made plays«
machbar, da müssen Stücke und Inszenierungen her, die wichtige Themen ohne eine gefällige Verharmlosung angehen. […]
Dabei geht es doch genau darum, die Leute, die ins Theater
gehen, zu fordern, in diesem geschützten Raum des Theaters
mit etwas Unbekanntem zu konfrontieren und die Zuschauer, vor
allem die jungen, nicht zu unterschätzen.
Kai Krösche, Theatertreffen-Blog, 18. Mai 2010
Peca Ştefan
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»Ich bin ein Künstler…« Ich verlange den Kulturminister zu sprechen!« – schreit das Alter Ego des Autors Peca Stefan im Stück
mit dem Titel »Drahtseilakrobaten« – und versucht seine Rechte
als Künstler einzufordern. Er will ein Stück schreiben über das,
was ihm am Herzen liegt, über die Liebe und Träume zum Beispiel –und nicht über das, was der Theaterbetrieb in Amerika
oder Europa einfordert. Weil er aus Rumänien kommt, sind das
nämlich ausschließlich Szenen über Unterdrückung, über Emigration und die Frage, wie mit rassistischen Klischees umzugehen sei. Hat Peca Ştefan das schon oft erlebt, dass seine Stücke
bestimmten Erwartungen entsprechen sollen?
»Ja, in verschiedenen Situationen! Mit diesem Problem bin ich
dauernd konfrontiert – wenn ich meine Stücke im Ausland zeigen will. Und auch zu Hause in Rumänien, denn da wiederum
werfen mir die Leute vor, ich würde meine Stücke so schreiben,
dass sie für den Export geeignet sind. Dabei ist das doch völlig unmöglich – denn man kann nur Geschichten schreiben, die
man schreiben möchte und die einem wirklich wichtig sind.«
Anke Schaefer, Deutschlandradio Kultur, 17. Mai 2010
Wolfram Lotz
Wolfram Lotz nimmt in »Der große Marsch« gleich den gesamten Theaterbetrieb samt seinen Sozialkitsch-Moden und kapitalismuskritischen Posen rasant und komisch auseinander. Diesen
Text würde man gerne mal auf der großen Bühne sehen. Auch
auf die Frage nach Einflüssen hat Lotz eine schlagfertige Antwort:
»Grabbe, Kleist, die Augsburger Puppenkiste und Didi Hallervorden«. Alles klar. Lotz ist der einzige, der sich erkennbar Gedanken
über die szenische Form gemacht hat und Funken daraus schlägt,
fröhlich mit den Spielregeln des Theaters zu spielen.
Peter Laudenbach, Süddeutsche Zeitung, 21. Mai 2010
Lotz hat eine komödiantische Ader, arbeitet sich mit Witz ab –
an der Frage, was denn wohl politisches Theater sei. Trotzdem
war es ihm wichtig, auf dem heutigen »Autorentisch« auch das
wiederum infrage zu stellen:
»Man muss aber auch mal sagen, manchmal hab ich das Gefühl,
das ist auch so eine Art Neurose, immer politisches Theater zu
wollen. Das ist wie Händewaschen, das ist eigentlich was Gutes,
aber wenn man es 100 Mal machen muss, und ständig darüber
spricht, dann wird es zur Neurose. Vielleicht kann es ja mal auch
um was anderes gehen!«
Anke Schaefer, Deutschlandradio Kultur, 17. Mai 2010
Daniel Richter, Stefanie Hoster, Julian van Daal, Thomas Krüger, Milena Mushak, Wolfram Lotz,
Claudia Grehn, Stephan Märki, Andrea Koschwitz und Friederike Jäcksch (v. l.)
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stückemarkt-preise 2010
LAUDATIO
stückemarkt-preise 2010
Der Förderpreis des tt Stückemarkts 2010, gestiftet von
der Bundeszentrale für politische Bildung, geht an Claudia Grehn und ihr Stück »Ernte«.
Förderpreis für neue Dramatik
gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung
Die Berliner Autorin hat ein sprödes, ernsthaftes Theaterstück
geschrieben, das mit Konsequenz die Folgen unserer modernen Arbeitswelt beschreibt. Die Geschichte um die polnische
Erntehelferin Anna, die mit ihren Söhnen seit einem Jahrzehnt in
Deutschland ihren Lebensunterhalt verdient, erzählt in genauen
Dialogen und intensiven poetischen Momenten über den harten Überlebenskampf in unserer unmittelbaren Nähe. Dabei
verliert sich Claudia Grehn nicht im Milieu, sondern sehnt sich
gemeinsam mit ihren Figuren nach Auswegen aus der gegenwärtigen Situation und nach Emanzipation. In den verzweifelten
»Experimenten« des Widerstand von Annas deutschem Freund
Peter, der Abiturientin Lena und des ortlosen Mädchens Lydia
trifft Claudia Grehn unsere eigenen Schwächen und unser alltägliches Versagen. So fordert sie uns heraus. Das Stück wird im
Dezember 2010 im Maxim Gorki Theater uraufgeführt.
Andrea Koschwitz, Chefdramaturgin Maxim Gorki Theater
Berlin
Der Werkauftrag des tt Stückemarkts 2010, gestiftet von
der Bundeszentrale für politische Bildung, geht an Wolfram Lotz für sein Stück »Der große Marsch«.
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Wie die Wirklichkeit auf die Bühne kommt, wie sich Wirklichkeit
zu Fiktion verhält, ist das große Thema von Wolfram Lotz’ weltökonomischer und gesellschaftspolitischer Groteske. In einer
doppelbödigen Politrevue erforscht er durch einen theatralen
Selbstversuch, was politisches Theater sein kann. Dazu bemüht
er berühmte Persönlichkeiten wie den echten Josef Ackermann,
Michail Bakunin oder Hamlet als Zeugen einer Krise des Authentizitätsbegriffs auf die Bühne. Wie bei Lotz’ turbulentem Bühnengeschehen alles in der Schwebe zwischen Sein und Nicht-Sein
bleibt, so lassen sich politische Positionen heutzutage kaum noch
verorten. In einem hintergründig-ironischen Spiel unterwandert
er mit intellektuellem Witz gängige Denkmuster der Kapitalismuskritik und politische Diskurse wie sie auf dem Theater in den
letzten Jahren geführt werden. Er entwickelt eine originäre Theaterform, die lustvoll – gespickt mit selbstreferentiellen Bezügen –
vertraute Theaterkonventionen sprengt und das Thea­ter an den
Rand seiner medialen Möglichkeiten treibt. Erst im Widerstreit
von Text und Aufführung, die in einem unauflösbaren Machtverhältnis stehen, existiert Lotz’ Theater. Die Jury schätzt Wolfram
Lotz’ scharfsichtigen Blick auf den Theaterbetrieb, die Komplexität mit der er das Thema des Politischen reflektiert und sich szenisch sogar für die große Bühne empfiehlt. Der Werkauftrag wird
am 24. Februar 2011 am Deutschen Nationaltheater Weimar in
der Regie von Annette Pullen uraufgeführt.
Stephan Märki, Intendant Deutsches Nationaltheater Weimar
2010 Claudia Grehn
für Ernte
UA im Dezember 2010, Maxim Gorki Theater Berlin
Werkauftrag
gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung
2010 Wolfram Lotz
Einige Nachrichten an das All
UA am 24.02.2011, Deutsches Nationaltheater Weimar
theatertext als hörspiel
ausgewählt und produziert von Deutschlandradio Kultur
2010 Julian van Daal
für Alles ausschalten
Woanders murren die Juroren, in Berlin jubeln sie. Mit Aplomb
weigerte sich kürzlich die Jury des Heidelberger Stückemarkts,
eines der eingereichten Dramen auszuzeichnen. Grund: Die
Texte waren zu schlecht. Solche Probleme kennt Berlins wichtigstes Nachwuchsdramatiker-Festival, der Stückemarkt des
Theatertreffens, nicht. Zumindest wurden die Preise vergeben.
Mehr als 400 Stücke nahmen an der Auswahl teil, fünf wurden in
inszenierten Lesungen aufgeführt, drei Autoren nahmen zudem
an einer Schreibwerkstatt um den Dramaturgen John von Düffel
teil. Dass der Berliner Stückemarkt ein Karrieresprungbrett ist,
beweist der rasante Aufstieg der Gewinner des Vorjahrs: Auf
den deutschsprachigen Bühnen sind Nis-Momme Stockmann
und Oliver Kluck inzwischen bekannte Namen.
Hans-Joachim Neubauer, Rheinischer Merkur, 27. Mai 2010
stückemarkt-erfolge
Viele Stückemarkt-Autoren der vergangenen Jahre haben den
Sprung auf die Bühne geschafft. Besonders freuen wir uns
über die Erfolgsbilanz von Oliver Kluck und Nis-Momme Stockmann. Im Februar 2010 erlebten die Stücke der beiden Preisträger des Vorjahres erfolgreich ihre Uraufführung. Oliver Kluck
mit »Das Prinzip Meese« (Förderpreis für neue Dramatik des tt
Stückemarkts 2009) in der Regie von Antú Romero Nunes am
Maxim Gorki Theater Berlin, Nis-Momme Stockmann mit dem
Werkauftrag des tt Stückemarkts 2009 »Kein Schiff wird kommen« in der Regie von Annette Pullen am Schauspiel Stuttgart.
Oliver Kluck darf sich darüber hinaus über die Auszeichnung
mit dem Kleist-Förderpreis 2010 für junge Dramatiker für sein
Stück »Warteraum Zukunft« freuen, die Uraufführung war bei
den Ruhrfestspielen Recklinghausen im Mai. In der kommenden Spielzeit wird er sein eigenes Kluck-Labor am Deutschen
Nationaltheater Weimar realisieren.
Auch Nis-Momme Stockmanns Arbeit wurde seit seiner Entdeckung beim Stückemarkt des Theatertreffens 2009 innerhalb eines Jahres mit Uraufführungen und Preisen gewürdigt.
Seine Stücke wurden in Heidelberg, Magdeburg und Frankfurt
am Main uraufgeführt. Am Schauspiel Frankfurt ist er zudem
Hausautor und entwickelt eigene Projekte. Zuletzt erhielt er
den Schiller-Gedächtnis-Förderpreis. Die Stuttgarter Uraufführungs-Inszenierung von »Kein Schiff wird kommen« wurde
nach Mülheim eingeladen. Und Stockmann war Stipendiat des
Autorenlabors in Düsseldorf in der Spielzeit 2009/2010.
Auch Charlotte Roos war Teilnehmerin des Stückemarktes
2009. Sie gewann die St. Galler Autorentage 2009, »Hühner.Habichte« wurde im Januar 2010 dort uraufgeführt. »Zwei
kleine nette Damen auf dem Weg nach Norden« des Franzosen Pierre Notte, ebenfalls beim Stückemarkt 2009 präsentiert,
wurde inzwischen in Karlsruhe erstaufgeführt.
Auch die Stücke der Stückemarkt-Autorinnen und -Autoren
aus den Jahren zuvor sind weiterhin auf den Spielplänen der
Theater zu finden. Anne Habermehl, Gewinnerin des Werkauftrages 2008, durfte sich im Juni des letzten Jahres über die
erfolgreiche Uraufführung ihres Werkauftrag-Stücks »Daddy«
am Bayerischen Staatsschauspiel freuen. Der Spanier José
Manuel Mora, dessen Stück beim Stückemarkt 2008 gelesen wurde, war mit »Meine Seele anderswo« beim Spieltriebe
Festival 3 im Herbst 2009 in Osnabrück vertreten. »Gegen
den Fortschritt« von Esteve Soler, der Katalane war im selben
Jahr zum Stückemarkt eingeladen, erlebte im Mai 2010 in Solothurn seine Schweizer Erstaufführung. Dirk Laucke, Teilnehmer
des Dramatikerworkshops 2006, erhielt kürzlich den Drama­
tikerpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft im BDI.
Laura Naumann, Workshop-Teilnehmerin 2008, gewann im
vergangenen Jahr den ersten Münchner Förderpreis für neue
Dramatik und wurde im April 2010 zu den Autorentheater­tagen
des Deutschen Theaters Berlin eingeladen. Die Finnin Sofi
Oksanen, deren Stück »Fegefeuer« 2009 beim Stückemarkt
zu sehen war, erhält in diesem Jahr für ihren gleichnamigen
Roman den wichtigsten Nordischen Literaturpreis.
Das prinzip Meese von Oliver Kluck
Gewinner des Förderpreises für neue Dramatik des
tt Stückemarkts 2009
Der Hass blüht prächtig
Ein Autor zu entdecken: Oliver Kluck hat mit 30 schon
eine Menge erlebt und weiß, wogegen er schreibt.
Das ist nicht wenig.
[…] Damit gar nicht erst irgendwelche Missverständnisse entstehen: Oliver Kluck ist ein sehr freundlicher, umgänglicher Mensch,
der bestechend formuliert, aber einen gewissen inneren Druck
nicht verhehlen kann. In der Nacht vor unserem Gespräch hat er
wieder mal nicht geschlafen, was nicht an unserem Termin liegt,
sondern öfter vorkommt, ihn aber nicht daran hindert, am späten
Nachmittag fast vier Stunden hochkonzentriert, dabei beeindruckend schnell und präzise durchzutexten. Es gibt für gerade mal
30 Jahre Lebenszeit schon erstaunlich viel zu erzählen.
Geboren 1980 in Bergen auf Rügen, ist er in einem Umfeld
aufgewachsen, wo zu viel Intelligenz eher stört. Seine Mutter,
ausgebildete Friseuse, hat zu DDR-Zeiten in einer Leiterplattenfabrik die Grundbestandteile von Radios zusammengelötet, die
schon damals eher fürs Technikmuseum taugten, und nach der
Wende erst einen Job an einer Tankstelle gefunden, heute selbständige Kosmetikerin. Seinem Vater hat die DDR-Armee, aus
der er unehrenhaft entlassen wurde, Zukunft und Studium verbaut, zwischendurch Hilfsarbeiter, heute als Altenpfleger tätig.
Für seinen Bildungsweg bekam Oliver Kluck eine Hauptschulempfehlung, kam aber doch auf die Realschule, was nicht viel
besser war: »Da gabs nur Krieg, da musste man nur aufpassen,
dass man keine auf die Schnauze kriegt. Heile nach Hause kommen, das war das Ziel. Wurde bis zur Neunten immer verprügelt,
danach bin ich etwas gewachsen, dann wurde es besser. In der
Klasse waren 24 Sitzenbleiber von 26, alles verhaltensauffällige
Leute.« Darauf folgte die Lehre zum Wasserbauer, »die begradigen im Binnenbereich die Flüsse, an der Küste bauen sie Dämme
oder Spülfelder oder legen Bojen mit einem Tonnenleger«. Sein
Gesellenstück war ein Stück Ufermauer: »Da bekommt man
so einen Klumpen Sedimentgestein, und wenn man da richtig
draufhaut, werden diese Brocken irgendwann viereckig. Damit
kann man dann mauern. Spaß hat’s mir nicht gemacht.« Oliver
Kluck hat auch das Geländer vom Hiddensee-Leuchtturm gestrichen, das ist noch keine zehn Jahre her. […]
Nach einem abgebrochenen Nautik-Studium in Warnemünde,
mit Bafög und Jobs mühsam selbstfinanziert, sowie einer angeblich ungenügenden Prüfung, um die noch heute heftig prozessiert
wird, hat sich Oliver Kluck in einer schlaflosen Nacht 2006 dem
Schreiben zugewandt und seither nicht wieder aufgehört. Das
Leipziger Literaturinstitut, von dem er zufällig durch einen Freund
erfährt, nimmt ihn sofort auf, was dessen Leiter Hans-Ulrich Treichel allerdings bald bereut. […] Inzwischen hat er das Studium
abgeschlossen – »Note 1,4, fast peinlich« –, sein erstes veröffentlichtes Stück, »Das Prinzip Meese«, wurde beim Stückemarkt
des Theatertreffens 2009 uraufgelesen und im Februar 2010 im
24
Michael Klammer und Anika Baumann (v. l.)
Fotos Thomas Aurin
Das Prinzip Meese von Oliver Kluck
Michael Klammer und Anika Baumann (v. l.)
25
Maxim Gorki Theater inszeniert, ein weiteres ist fertig, und ein
Roman wartet auch in der Schublade. […]
Wie sich der Autor seine Stücke auf der Bühne vorstellt? Oliver
Kluck findet Theater immer dann sehr faszinierend, »wenn man
nicht mehr weiß, ist das jetzt Wirklichkeit oder Bühne«? Aber
wer soll das besorgen? […] Dabei trägt seit dem frühen Thomas Bernhard oder den Anfängen von Werner Schwab niemand
mehr so lohnend kompromisslose Welt- und Schreibwut in sich.
Darüber hinaus hat Oliver Kluck ein gutes Gespür für menschliche Zeitbomben. Demnächst schreibt er ein Stück über Amokläufer in der Schule. Sein Mitgefühl gilt natürlich dem Täter, nicht
den Opfern.
Franz Wille, Theater heute, Januar 2010
Du, ich mag dich
Vom Stückemarkt des Theater­treffens auf die Bühne:
»Das Prinzip Meese« im Maxim-Gorki-Theater
So vielversprechend klang lange kein Karrierestart mehr: Der
30-jährige Dramatiker Oliver Kluck hat, wie er der Fachzeitschrift
»Theater heute« erzählte, über das Verfassen von Beschwerdebriefen zum Schreiben gefunden. Und zwar während des Grundwehrdienstes, als er strafversetzt in der bundeswehreigenen Bib­
liothek saß.
»Das Theater braucht dieses Stück nicht«, nimmt Kluck in seinem Vorwort denn auch eine lässig-pragmatische Pose gegenüber dem Kulturbusiness ein. »Man kann es nicht abonnieren, es
gewinnt keine Nachwuchstheaterpreise, es trägt nicht dazu bei,
den Lebensunterhalt des Autors zu sichern.« Das Kulturbusiness bedankte sich natürlich postwendend mit – einem Nachwuchstheaterpreis. Kluck gewann beim jüngsten Stückemarkt des
Berliner Theatertreffens 5000 Euro sowie die Uraufführung seines
preisgekrönten Textes »Das Prinzip Meese«, das eine Generation
porträtiert, an der »alles erbärmlich« ist. Es handelt sich um Klucks
eigene.
[…] In zehn lose aneinandergereihten Szenen ohne Figurenzuordnung bespiegelt Kluck aus verschiedenen Blickwinkeln Dauerpraktika, das Fernsehen als bildungstechnische »Vollbetreuung«
und die Unverbindlichkeit, die allerdings auch die Generation 30
plus längst erreicht hat (»Ich mag dich ja auch total gerne, möchte
aber trotzdem nicht mit dir zusammen sein, vielleicht können wir ab
und zu mal ficken«). Kluck schreibt pointierte Sätze und verknüpft
den Alltagsjargon mit Ambition: »Diese Veranstaltung hat kein
Konzept«, klingt da etwa Peter Handke als literarisches Vorbild
durch. »Das Konzept beinhaltet nicht die Provokation des Publikums in der Hoffnung auf die Eskalation des Publikums«. Antú
Romero Nunes […] hat die Ambition bewusst heruntergekocht,
sich für die Ironie-Lesart entschieden, Passagen weggelassen
und dafür seine beiden Schauspieler als Vertreter der »erbärmlichen Generation« ausgedehnte Szenenübergänge improvisieren
lassen. Kurzum: Er ist dem Text auf eine performative Art gerecht
geworden, ohne sklavisch texttreu zu sein, und findet damit einen
eigenen Zugang zum Stoff. Davon abgesehen, improvisieren die
beiden Gorki-Schauspieler derart leidenschaftlich, dass Nunes
auch in puncto Schauspielerführung über Potenzial verfügen
muss. Daran haben übrigens nicht nur die Zuschauer Spaß. Sondern auch der Autor strahlt beim Verbeugen eine Zufriedenheit mit
Regie und Schauspiel aus, die in der Branche nicht zwangsläufig
ist. Kein schlechter Anblick der Thirtysomething-Generation!
Christine Wahl, Tagesspiegel, 10. Februar 2010
»Dieses Stück muss gar nichts«
Meese Generation Privatfernsehen denkt nach […]
Stellen Sie sich vor, einer dieser jungen Leute würde in Ihre sinfonischen Konzerte kommen, um in das Pianissimo zu niesen. Oder
würde die Malerin auf der Vernissage nach dem Sinn Ihres Gekrakels fragen. Oder würde Ihre Tochter des Nachts rhythmisch mit
dem Kopf gegen den Bettpfosten stoßen und Ihnen am nächsten
Morgen mit offenem Hemd am Frühstückstisch gegenübersitzen.
Na, Schreck gekriegt? […] Es ist eine wenig bedrohliche Horrorvision für bildungsbürgerliche Elterneliten, die der junge Dramatiker Oliver Kluck, Jahrgang 1980, in seinem Theatertext »Das
Prinzip Meese« entwirft. Wenig bedrohlich ist sie schon deshalb,
weil sie sich ohnehin nie realisieren wird. Die jungen Leute kriegen ihren Hintern in Klucks Stück sowieso nicht hoch. Zu einem
derartigen Szenario des Schocks könnten sie sich erst recht nicht
aufraffen.
Zwei dieser gut ausgebildeten, aber bloß rumhängenden, Privatfernsehen-glotzenden, sich mit temporären Jobs oder Papas Dauerauftrag und vor allem ohne Träume und Visionen über Wasser
haltenden Exemplare kann man nun im Studio des Maxim Gorki
Theaters bestaunen. Dort hat der ebenfalls junge Regisseur Antú
Romero Nunes, Jahrgang 1983, Klucks Stück nun uraufgeführt.
Und bestaunen kann man auch, wie charmant beiläufig und spielfreudig Anika Baumann und Michael Klammer den nicht eben
formüblichen Kluck-Text, der beim Stückemarkt des Theatertreffens 2009 mit dem Förderpreis für neue Dramatik ausgezeichnet
wurde, unter die sich bestens unterhaltenden Zuschauer bringen.
In schlunzigen Sportklamotten lümmeln die beiden auf einem
Matratzenlager, bauen sich daraus Höhlen, türmen Kissen oder
knautschen sich hinein. Klammer schiebt gern die Hände unter
die Achseln, Baumann ist ein umwerfend rotziger Ausbund
an Schlagfertigkeit. Wenn er die Glotze einschaltet, singt sie
irgendwo im Dunkeln sehr schön Mads Langers »Beauty of the
Dark«. Locker spielen sie diverse Popkultur-Posen und Fernsehbilder an. Klammer hüllt kulturbeflissene Sätze in heftige ReichRanicki-Parodien. Baumann klemmt sich das T-Shirt als Badeanzug zwischen die Beine, und fertig ist die Baywatch-Bombe.
Immer sind die beiden dabei umgangssprachlich flachsend
unterwegs und changieren unangestrengt zwischen den Ebenen,
ohne dass dem Zuschauer davon der Kopf schwirren müsste:
»Sie wissen gar nicht, ob ich das hier spiele oder ganz privat rumfläze«, adressiert Baumann die Zuschauer.
[…] »Das Theater braucht dieses Stück nicht, man kann es
nicht abonnieren, es gewinnt keine Nachwuchstheaterpreise, es
trägt nicht dazu bei, den Lebensunterhalt des Autors zu sichern.
Dieses Stück muss kein Erfolg werden, es muss gar nichts müs-
26
sen«, heißt es in dem Vorwort, das Kluck seinem Text vorangestellt hat. Dieser kokett-unverschämten Tiefstapelei läuft das Darauffolgende natürlich zuwider. Denn Kluck will nicht weniger als
das Grundgefühl einer Generation einfangen. Und weil er genau
das auf bestechende Weise schafft, braucht das Theater dieses
Stück eben doch.
Anne Peter, taz, 10. Februar 2010
Bitte kräftig rauchen!
[…] »Das Prinzip Meese« heißt das Stück, das hier mal wirklich Stückwerk ist: ein lose gekoppelter Mix aus Prosabrocken
und Dialogfetzen, ohne klar gekennzeichnete Sprecher und
ohne Plot, ein wild assoziierender Wortschwall voller Welt- und
Kunst- und Medienhass, manchmal vielleicht etwas aufgesetzt
und klischeehaft, aber immer knurrend aggressiv. »Ein Text, beim
besten Willen nicht zusammenfassbar, schnell, wütend, witzig,
verzweifelt«, schrieb Roland Schimmelpfennig, einer der zurzeit erfolgreichsten deutschen Gegenwartsdramatiker, in der
Begründung der Jury für den Theatertreffen-Stückemarkt. […]
Der Auszeichnung für den Text ist inzwischen eine zweite, noch
renommiertere Auszeichnung gefolgt: Für sein neuestes Stück
»Warteraum Zukunft« hat Kluck den Kleist-Förderpreis bekommen, ausgewählt aus 48 Bewerbern. Dotiert ist der Preis mit
7500 Euro, verbunden ist er mit einer Uraufführung bei den
Ruhrfestspielen Recklinghausen am 18. Mai. Mag sein, dass das
Theater seine Stücke nicht braucht. Aber ganz offenbar kann es
sie gut gebrauchen.
Tobias Becker, Spiegel online, 06. Februar 2010
Kein Schiff wird kommen von Nis-Momme
Stockmann
Gewinner des Werkauftrags des tt Stückemarkts 2009
27
Mein Erfolg ist Teil des Problems
Noch vor knapp einem Jahr studierte Nis-Momme Stockmann
»Szenisches Schreiben« an der Berliner UdK, seinen Namen
kannte fast niemand in der Theaterszene, doch dann begann er
einen Erfolgslauf, der ihm selbst nicht ganz geheuer ist: Beim
Heidelberger Stückemarkt räumte Stockmann den Haupt- und
den Publikumspreis ab und beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens den Werkauftrag, er bekam ein Stipendium des Düsseldorfer Autorenlabors und wurde Hausautor des Schauspiel
Frankfurt, er verabredete mit drei Theatern Uraufführungen und
darüber hinaus Zweit- und Drittinszenierungen mit weiteren Häusern. Und all das, ohne dass auch nur einer seiner Texte jemals
auf seine Bühnentauglichkeit geprüft worden wäre: Es gab sie
bis dahin nur auf dem Papier.
»Das war eine totale absurde Situation«, sagt Stockmann, 28,
»ich hatte vorher nie wirklich Berührung mit dem Theaterbetrieb,
ich hatte de facto keine Ahnung.« Während andere junge und
vor allem mittelalte Dramatiker darüber klagten, an den deutschsprachigen Bühnen kaum einen Fuß auf den Boden zu bekom-
Erfolgsgeschichten: Oliver Kluck und Nis-Momme
Stockmann im Gespräch mit Iris Laufenberg
Matthias Kelle und Jens Winterstein (v. l.)
Fotos Cecilla Glaesker
Kein Schiff wird kommen von Nis-Momme Stockmann
Matthias Kelle, Lisa Wildmann und Jens Winterstein (v. l.)
28
men, riss man ihm seine Stücke aus der Hand - und das nicht
nur für Uraufführungen.
»Natürlich freue ich mich darüber«, sagt Stockmann, »aber mein
Erfolg ist auch Teil des Problems: Ich bin zu einer Marke geworden, beflügelt durch eine Art kapitalistischen Spirit, durch die
Preise und einen medialen Hype.« Stockmann ist zu klug, um
diese Mechanismen zu ignorieren. Er wittert den Jugendwahn
und den Frischheitsfetisch, die Ex-und-Hopp-Mentalität und mit
ihr die Gefahr: »Der Preis verfällt auch rasch.« […]
Tobias Becker, Spiegel online, 16. Januar 2010
Große Stücke halten?
Innerhalb weniger Wochen kam der Dramatiker-Neuling
Nis-Momme Stockmann von null auf drei Uraufführungen
Seit Dezember vergangenen Jahres gibt’s Stockmann-Uraufführungen Schlag auf Schlag: erst in Heidelberg, wo der harte
Realismus des dreifach prämierten Außenseiter- und AlzheimerStücks »Der Mann der die Welt aß« sehr gut ankam; dann in
Frankfurt, wo »Das blaue blaue Meer« die Tristesse zweier
Jugendlicher im Trabantenstadt-Milieu mit den Mitteln einer
poetischen neuen Innerlichkeit vor Augen führt; und schließlich
im Depot des Staatstheaters Stuttgart, wo Stockmann in »Kein
Schiff wird kommen« mit seinem frühen Autorenruhm kokettiert:
in einer Textfläche, die zwischen Künstler-Farce und FamilienTragödie oszilliert […]. Annette Pullen hat den Text für ihre Stuttgarter Uraufführungsinszenierung wie eine Partitur gelesen und
dessen […] unterschiedliche Musikalität zusammen mit drei
Akteuren zum Klingen gebracht, immer schön zwischen Dur und
Moll wechselnd. […] Ein großer kleiner Abend. […]
Volker Oesterreich, Die Deutsche Bühne, 30. März 2010
[…] In »Kein Schiff wird kommen« beschreibt er die Leiden eines
begehrten Jungautors. Die Stuttgarter Uraufführung von Stockmanns Stück wurde vor kurzem zum wichtigsten Stelldichein der
aktuellen deutschsprachigen Dramatik nach Mülheim eingeladen.
Jürgen Berger, Süddeutsche Zeitung, 19. März 2010
29
Freier Fall
[…] Stockmanns […] Reflexionen über die Mechanismen des
Kunstmarkts entwirrt [Annette Pullen]. Denn der junge Autor, der
2009 mit dem Gewinn der wichtigsten Autorenwettbewerbe für
Aufsehen erregte, besticht gerade durch seine erdige Seite. Mit
feinem Gespür für die Kämpfe, die Menschen in ihrem Innersten ausfechten, bringt sie Stockmanns bodenständige Theater-Bilder auf den Punkt. […] So vermittelt sie mit dem grandiosen Stuttgarter Ensemble die eigentliche Faszination, die
von Stockmanns Stück ausgeht. Denn der gelernte Koch, der
später Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in
Berlin studierte, zeichnet Menschen, die tief im Leben verwurzelt sind. Nach und nach fallen alle Masken ab. […] Stockmanns
anregendes Spiel mit seiner eigenen Biografie fordert Matthias
Kelle zu bemerkenswerter Tiefe heraus. […] Jens Winterstein
bewegt sich virtuos auf dem schmalen Grat zwischen Lüge und
Wahrheit. […] Brillant zeigt Lisa Wildmann die Mutter. […] Diese
Momente machen Pullens schlüssige Regiearbeit zu einem faszinierenden Spiel der Erinnerung, dessen Protagonisten realer
nicht gezeichnet sein können.
Elisabeth Maier, Esslinger Zeitung, 23. Februar 2010
Welt aus Blei
[…] »Kein Schiff wird kommen« ist weniger ein Theaterstück als
vielmehr ein Bericht über die Entstehung und finale Verwerfung
eines solchen. Natürlich auch die Geschichte einer Vergangenheitsbewältigung, an deren Ende die Selbstbefreiung steht. Es ist
kein Zufall, dass »Kein Schiff wird kommen« auch als Hörspiel produziert wird. Es verarbeitet viel Text. Es ist ein pointenreiches, klug
aufgebautes Stück, das Sprache phasenweise appetitlich zubereitet auf einem goldenen Tablett serviert und die Sinne erfreut.
Dialogszenen werden geschickt implantiert in den übergeordneten Erzählbericht des Protagonisten, der jede Impression, jeden
Gedankenfetzen, jedes Gespräch wie ein Journalist auf einem
Diktiergerät aufzeichnet und auch das Abhören desselben virtuos
in den Plot einarbeitet: Ein gekonntes Vexierspiel mit der Fiktion
des Geschriebenen und der Realität des darin Erzählten. […]
Verena Großkreutz, nachtkritik.de, 19.2010
Ankertätowierungen
[…] Stockmann schreibt mit erfrischender Direktheit und emotionaler Wucht. Er ist dicht an der Alltagssprache dran, aber das,
was der Junge seinem Diktiergerät anvertraut, ist von poetischer
Schönheit und verrät den Stilisten. […]
Adrienne Braun, Stuttgarter Zeitung, 22. Februar 2010
Wenn der Vater mit dem Sohne
Von diesem Autor wird in den nächsten Jahren auf deutschen
Bühnen noch viel zu sehen und zu hören sein. Auch das neue
Stück von Nis-Momme Stockmann besticht mit der Kraft und
Genauigkeit einer unverwechselbar poetisch-nüchternen Sprache. »Kein Schiff wird kommen« heißt das Auftragswerk, das der
29-Jährige für das Schauspiel Stuttgart geschrieben hat. Die
Uraufführung am Freitag im mit 200 Besuchern voll besetzten
Theater im Depot erhielt zu Recht viel Beifall.
Gleichermaßen feinfühlig und genau beschreibt Stockmann die
Innenschau eines jungen namenlosen Autors. […] Entsprechend
feinfühlig beobachtet sie die zarte, in beidseitigen Ritualen hilfloser Zuneigung festgefahrene Beziehung zwischen Vater und
Sohn. […] Intensives Theater […].
Horst Lohr, Stuttgarter Nachrichten, 22. Februar 2010
Der Mann, der die Welt beschreibt
Starke Charaktere in großer Verzweiflung zeichnen die
Stücke von Nis-Momme Stockmann aus. Er wurde dafür
mit Preisen bedacht. Drei Uraufführungen in Heidelberg,
Frankfurt und Stuttgart
Im Gegensatz zum Protagonisten seines Stücks hat der Autor
Nis-Momme Stockmann - trotz offensichtlicher biografischer
Parallelen zur Bühnenfigur - alles richtig gemacht. Seine Stücke
sind gefragt. Das liegt außer an der sprachlichen Qualität seiner Texte wesentlich an Stockmanns Fähigkeit, nahegehende
Charaktere zu schaffen. Bei ihm verstellt nicht die im zeitgenössischen Theater leider zu oft gesehene Künstlichkeit und zugespitzte Übertreibung den Zugang zu den Figuren, obwohl er sie
durchaus mit einer kritisch-ironischer Distanz betrachtet. […]
Claudia Gass, taz, 22. Februar 2010
Was alles nervt
Nis-Momme Stockmanns tolles Stück »Kein Schiff wird
kommen« in Stuttgart uraufgeführt
Man kann Nis-Momme Stockmann dabei zuhören, in seinem
dritten Stück »Kein Schiff wird kommen«, wie ihm die Worte im
Mund faulig werden, so wie sie schon vielen jungen Autoren (wie
etwa Hofmannsthal) faulig wurden, weil sie falsch klingen, die
vorgekauten Worte. Aber Stockmann ist einer, der sich auf die
Hinterbeine stellt, der nicht mitmacht und trotzdem weitermacht.
Daraus entsteht »Kein Schiff wird kommen« und so entsteht ein
Schriftsteller. Dieses Stück nervt nicht, weil bei diesem VaterSohn-Kampf auf der Insel trotz viel Bier etwas geschieht: Erst
kapiert der Vater nichts, denkt man mit dem Sohn, dann kapiert
der Sohn nichts, denkt der Zuschauer, und dann kapiert der Vater
was, und der Sohn kapiert was und der Zuschauer auch. Dieses
Stück nervt nicht, weil es nicht bei Wende- und Medienkritik stehenbleibt, sondern eine Geschichte entdeckt, um die es geht,
die Geschichte der Krankheit der Mutter, die zufällig 1989 war
und mehr über Mauer und Fall sagt, als manchem lieb ist. Dieses
Stück nervt nicht, weil es aus der Verweigerung ein Stückchen
Wahrheit entsteht. Und es nervt nicht, weil es die Auseinandersetzung des Autors mit sich selbst aufsplittert in die Stimmen
der Familie und das einer Art innerer Notwendigkeit folgt. Genau
die inszeniert Annette Pullen in der Stuttgarter Uraufführung sehr
klug. […] Mit seinem dritten Stück innerhalb kürzester Zeit hat
Nis-Momme Stockmann, nur scheinbar der Verweigerer unter
Deutschlands Jungdramatikern, so endlich eine Aufführung
gefunden, die den Text entfaltet und die seine Dynamik sichtbar
macht. In Stuttgart sieht man deutlich, was im Inneren dieses in
sich verschränkten Stückes alles los ist. Intelligentes Erzählen ist
eine Tugend, die am Theater oft zu kurz kommt. Hier nicht. Am
Ende hat man nachgedacht, ist berührt worden und man hat sich
vielleicht sogar selbst etwas in Frage gestellt (egal ob als Vater
oder Sohn). […]
Peter Michalzik, Frankfurter Rundschau, 23. Februar 2010
Sehet den Elefanten in der Mücke
Die äußerst komischen Leiden eines jungen Theaterautors: Annette Pullen nimmt in Stuttgart Nis-Momme
Stockmanns neues Stück »Kein Schiff wird kommen« so
leicht, dass es schwebt
Der Knaller sind in »Kein Schiff wird kommen« nicht die Wirkungen der Wende damals auf Föhr (Papa, habt ihr dem Ossi in
der Wyker Kneipe nicht eins aufs Maul gehauen? – Wieso, der
war ganz höflich, hat nur seine weiße Hosen vollgekackt, weil er
besoffen war.) – der Knaller ist der Tod der Mutter damals, 1989,
als sie Anfing, »Gespenster zu sehen«, sich vor dem Lindenbaum
im Hof vor dem Haus zu fürchten, sich den Körper an den Riemen, mit denen sie ans Bett gefesselt wurde, wundzuscheuern,
alles unter sich zu lassen. Und schließlich an einem Medikament
starb, das ihr der Vater verabreichte, um sie ruhigzustellen. […]
Drei einsame Menschen, gespielt von entspannten, gelösten und
von der Regie offenbar zu einer nüchtern empathischen Menschlichkeit und Freundlichkeit hin befreiten Schauspielern. Es sind ja
die einfachsten Mittel, zu denen Stockmanns Stücke die Thea­
ter verführen können: Menschen darzustellen und menschlich zu
sprechen. Das ist so unendlich schwer. Und kommt so selten
vor. In Stuttgart ist es jetzt auf einmal wieder ganz leicht gefallen.
Gerhard Stadelmaier, FAZ, 22. Februar 2010
Macht des Gewöhnlichen
[…] Nis-Momme Stockmann […] ist der neueste Stern am Dramatikerhimmel. Bis vor einem Jahr war der junge Mann von der
Insel Föhr noch ein Unbekannter, »ein Theaterautor … im freien
Fall«, wie es in seinem neuen Stück »Kein Schiff wird kommen«
heißt. Es ist sein drittes, entstanden als Werkauftrag des Berliner
Stückemarktes, wo Stockmann letztes Jahr mit seinem Erstling
»Der Mann der die Welt aß« reüssierte. Aufgeführt zu werden,
ist für einen Dramatiker immer noch der beste Preis. […] Stockmann hat einen so feinsinnigen, klugen Humor, er blickt mit so
viel Ironie und Ehrlichkeit auf sich selbst und mit einem so (ver)
zweifelnden, aber auch liebevollen Verständnis auf eine Welt, die
er kennt, dass dieses Stück eine helle Freude ist – nicht nur als
künstlerische Innenschau, sondern auch als das Familiendrama,
zu dem es sich entwickelt. […] Annette Pullen hat das dialogarme, an Prosapassagen reiche Stück, das der Autor »eine Fläche« nennt, so abstrakt wie möglich und so konkret wie nötig zur
Uraufführung gebracht und ihm bei aller ironischen Zuspitzung
nichts von seiner Warmherzigkeit ausgetrieben.
Christine Dössel, Süddeutsche Zeitung, 23. Februar 2010
30
Stückemarkt-Preisträgerinnen
und -Preisträger seit 2003
Förderpreis für neue Dramatik
gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung
Werkauftrag
gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung
2010 Claudia Grehn
für Ernte
UA im Dezember 2010, Maxim Gorki Theater Berlin
2010 Wolfram Lotz
Einige Nachrichten an das All
UA am 24.02.2011, Deutsches Nationaltheater Weimar
2009 Oliver Kluck
für Das Prinzip Meese
UA am 06.02.2010, Maxim Gorki Theater Berlin
2009 Nis-Momme Stockmann
Kein Schiff wird kommen
UA am 19.02.2010, Schauspiel Stuttgart
2008 Klaas Tindemans
für Bulger
UA am 17.12.2008, Maxim Gorki Theater Berlin
2008 Anne Habermehl
Daddy
UA am 20.06.2009, Bayerisches Staatsschauspiel München
2007 Maria Kilpi
für Harmin Paikka – plus null komma fünf windstill
UA am 20.12.2007, Maxim Gorki Theater Berlin
2007 Philipp Löhle
Die Kaperer oder Reiß nieder das Haus
und erbaue ein Schiff
UA am 20.03.2008, Schauspielhaus Wien
DE am 18.09.2008, Staatstheater Mainz
2006 Thomas Freyer
für Amoklauf mein Kinderspiel
2005 Oliver Schmaering
für Seefahrerstück
theatertext als hörspiel
ausgewählt von Deutschlandradio Kultur
2004 Laura Sintija Cerniauskaite
für Lucy auf Eis
2010 Julian van Daal
für Alles ausschalten
2003 Anja Hilling
für Sterne
und David Lindemann
für Koala Lumpur
(gestiftet von der Dresdner Bank)
2009 Davide Carnevali
für Variazioni sul modello di Kraepelin –
Variationen über das Kraepelin-Modell
2008 Sergej Medwedew
für Parikmacherscha – Die Friseuse
2007 Maria Kilpi
für Harmin Paikka – plus null komma fünf windstill
31
STIMMEN DER STÜCKEMARKT-AUTOREN 2010
Claudia Grehn
Wirklich gut war, dass ich immer wusste, an wen ich mich
wenden muss und mir nicht verloren vorkam in dem FestivalDschungel. Die gemeinsamen Workshops und überhaupt der
Kontakt zum Internationalen Forum, dadurch, dass sie auch bei
unseren Lesungen waren, war vielleicht das spannendste für
mich.
Ekat Cordes
Der Stückemarkt war eine sehr schöne Zeit in diesem Jahr.
Alles war sehr neu, sehr aufregend, sehr stressig, sehr spaßig, interessant und inspirierend. Anfangs war ich sehr nervös.
Ich rauchte ungefähr dreimal so viele Zigaretten wie üblich.
Gleiches galt für den Kaffeekonsum. Ich wurde sehr freundlich
empfangen und alles war dann gut. Auch (fast) alle anderen
Autoren hab ich schnell ins Herz geschlossen, so dass ich mir
nicht allein vorkam. […] Großartig war und ist, dass ich viele
interessante Menschen im Garten kennen gelernt habe, die
meine Texte konstruktiv auseinander nehmen, damit ich sie hinterher gestärkt und gepuffert wieder zusammen flicken kann.
Allen voran natürlich mein Patenonkel Malte Ubenauf. Einmal
sahen wir uns persönlich. Das war wirklich wirklich großartig.
Wir sind auch weiterhin im Austausch. Auch mit Frau Streeruwitz tausche ich Mails. Das macht auch Spaß. Außerdem interessiert sich jetzt ein Verlag für mich. Das ist alles ganz viel in
ganz kurzer Zeit und das ist schon was. Auch das Reinschnuppern in Interviewsituationen (Süddeutsche und Autorentisch,
Theatertreffen-Blog …) hat mir, glaube ich, sehr viel gebracht.
Für demnächst und so weiter. […] Um es kurz zu machen. Der
Stückemarkt ist großartig mit allem Pipapo und drumherum.
Hannes Becker
Meine Erfahrung mit dem Stückemarkt war eine sehr gute. Die
Betreuung durch euch, die angenehme Zeit mit den anderen
AutorInnen und überhaupt die Bestätigung, die es bedeutete,
eingeladen zu sein, hat es mir auch ermöglicht, über die eher
unsympathischeren Aspekte einer Wettbewerbssituation, die
Reaktionen und den Stil der Theaterkritik, die (Selbst-)Wahrnehmung als »Jungdramatiker« nachzudenken. Ich finde diese
Dinge nicht gut, aber ich halte es für notwendig, sich ihnen
immer auszusetzen, etwas darüber verstehen, wie man als
Autor in einer
Kunstöffentlichkeit agieren kann oder nicht, um dann wieder zum Schreiben zurückzukehren, dass immer noch etwas
anderes bedeutet. Verglichen mit ähnlichen Wettbewerben, bei
denen ich mit anderen literarischen Texten teilgenommen habe,
war die Erfahrung, die ich beim Stückemarkt machen durfte,
wesentlich intensiver und auch gründlicher vorbereitet, auch
durch das Rahmenprogramm. […]
Sehr dankbar war ich über die Arbeit im Dramatikerworkshop,
[…] weil es John von Düffel, wie ich finde, als Leiter des Workshops gelungen ist, einen sehr angenehmen und gründlichen
Umgang mit unseren sehr verschiedenen Texten und uns als
– ebenfalls sehr sehr verschiedenen – Persönlichkeiten zu finden, so dass die gemeinsame Arbeit mir sowohl Aufschluss
über die Texte, als auch die damit verbundenen Anliegen gegeben hat, also über das Schreiben zukünftiger Texte. […] Für
mich persönlich war es sehr hilfreich, dass ein Großteil des
Workshops der Vorbereitung der Präsentation unserer Texte
gewidmet war – d.h. dass ich gesehen habe, was es bedeutet,
wenn mein Text, der keine direkte Umsetzung auf der Bühne
erlaubt, sie aber zugleich einfordert, tatsächlich auf eine Bühne
gebracht werden soll; was ein Dramaturg, ein Regisseur, was
unterschiedliche Schauspieler dazu sagen, was sie auch einfordern und was ihre Bedürfnisse sind; und was ich selbst an
den jeweiligen Punkten der Vorbereitung als Autor sagen und
tun kann, um eine Aufführung mit zu ermöglichen. Die Präsentation selbst fand ich dann sehr gelungen, weil ich das Gefühl
hatte, dass sie einen Teil dieser Diskussion mitabgebildet hat:
Der Text wurde nicht weginszeniert, aber es wurde auch das
sichtbar, was die Schauspieler von dem Text halten, wo sie sie
sich mit ihm identifizieren konnten oder wo sie Widerstände
hatten.
Julian van Daal
Der Stückemarkt war eine sehr intensive Erfahrung. Es fühlt
sich ein bisschen so an, als ob einen jemand fragt, ob man sich
in ein Schwimmbecken werfen lassen würde. Und man kann
noch gar nicht schwimmen. Und in dem Becken sind Piranhas.
Und man sagt Ja. Man fühlt sich umsorgt, das ist schön. Man
hat die Möglichkeit, einiges vom Theatertreffen zu sehen, was
natürlich auch super ist. […] Toll war das Treffen mit Dennis
Kelly, das Gespräch mit ihm war sehr aufschlussreich. […] der
Stückemarkt hat mir sehr geholfen, zu lernen, sich in diesem
Berufsfeld zu bewegen. Ich habe zu spüren bekommen, was
negative Kritik mit einem macht, und gelernt, damit umzugehen.
Und dafür hat es sich eigentlich schon gelohnt.
Peca Ştefan
For me, this year’s Stückemarkt was a very interesting experience. I was really glad to be part of this play market and to get
to meet professionals from the German speaking world and
internationally, in Berlin. It was an honor to have a text selected
out of almost 300 from the entire Europe. Also, my play Wire
and Acrobats, was presented, as a public reading, for the first
time in Europe (it had only had one public reading in New York
earlier this year) and for such a recent play that’s very important. So, first of all, being in the Stuckemarkt meant creating
links, contacts and opening perspectives in the German speaking world theatre. As the only international author I was really
happy to meet the German and Austrian writers in the Stuckemarkt. It was a very good group, that I liked very much – and it
was very interesting to hear out their challenges as writers and
exchange ideas. Also, I think the writers were very open and
generous, a thing that I very much appreciated. It’s a shame I
don’t speak German (because it’s very hard to read their plays
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in the original language), but it was a pleasure to hang out with
these guys and discuss about theatre with them.
Being involved in workshops and public debates it was also
very useful to learn about the differences when looking at a
theatre text in Germany. Which is quite different from Romania. Also, seeing very good shows in the Theatertreffen was an
exciting experience in getting up to date with the kind of theatre
that’s made in the German speaking world. I also think the idea
of having a mentor for a year is very good – I had a very good
talk with my mentor, Iris Laufenberg. I’m very happy she’s my
mentor and very excited on how this mentorship will work in
this following year.
Overall, I think the organization of the festival is very good. I
think all the efforts were made by the excellent Friederike Jäcksch and Daniel Richter so that the authors in the Stückemarkt
made the best out of this experience. It seemed these guys
were everywhere – and I think they put so much hard work into
this, that’s worth not only mentioning but a hats down.
Sandra Kellein
Als gestandene Autorin in Prosa, Hörspiel und früheren Theaterverlagserfahrungen u.a. war dies mein erster Workshop
– und es ist sicher nie zu spät … Ein Großteil meiner Bedenken wurde durch die Sympathie zwischen uns Autoren und
die hohe Professionalität und Sensibilität von John von Düffel
ausgeglichen. Auch war es interessant mit jüngeren Autoren
von »Schreibschulen« zusammenzukommen. […] Was die Präsentation betrifft, ist es immer wunderbar mit herausragenden
Schauspielern und einem guten Regisseur arbeiten zu können.
[… ] Und nun haben wir alle die Edition, auch ein Segen, nicht
nur für das Archiv. Übrigens ist es normal, dass Arbeit manchmal weh tut. Unterm Strich bin ich also nur froh und dankbar,
dabei gewesen zu sein. Also herzlichen Dank noch mal und
immer wieder, natürlich besonders auch an Euch beide.
Thomas Arzt
Berliner Stückemarkt – das ist für mich eine äußerst intensive
Erfahrung gewesen. Mit Theatermenschen. Mit Theatertexten. Mit Theaterbuffets. Ich hab mich sehr wohl gefühlt dabei.
Wegen der sehr persönlichen Betreuung durch euch, Friederike
und Daniel. Ich hab mich auch sehr gefordert gefühlt. Wegen
des ständigen Trubels, den langen Nächten. Und wegen der
Zeit im Workshop. Der Workshop war für mich sehr produktiv,
weil ich hier konkret an meinen Texten arbeiten konnte. John
von Düffel hat ein feines Gespür dafür, wo Texte ihre Stärken
und Schwächen haben. Und wie er dir das auch vermitteln
kann. Das können nicht viele.
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Wolfram Lotz
Zur Vorjury: Es mag in der Natur der Sache liegen, dass ich
eine Vorjury gut finde, die mein Stück ja ausgewählt hat. Dennoch: Mein Eindruck der ausgewählten Texte war, dass sie – im
Gegensatz zu vergleichbaren Förderpreisen, -wettbewerben,
-werkstätten – tatsächlich danach ausgesucht wurden, ob sie
einen eigenständigen Zugang zur Dramatik bieten, ob eine
Herangehensweise aus ihnen lesbar wird, die sich nicht damit
zufriedengibt, am Ende für die Theater »brauchbar« zu sein.
Zum Aufenthalt: Es war für mich eine große Bereicherung,
andere Autoren zu treffen, und auch, an den Transit-Workshops
teilzunehmen. Die Möglichkeit zum Gespräch über Dramatik
und Theater erscheint mir unerlässlich und der Stückemarkt als
Teil des Theatertreffens dazu gut geeignet.
Zur Betreuung: Ich kann über die Betreuung der Autoren nur
Gutes sagen, durchweg. Besonders auffallend waren aber
zwei Dinge: Die Freundlichkeit und Geduld des Teams. [… ]
Man musste nichts machen, was man nicht wollte, und konnte
dabei auf die unbedingte Unterstützung des Teams zählen. Das
erscheint mir wesentlich, denn wenn man einen Schriftsteller
zwingt oder durch die bloßen Umstände zwingen lässt (was
ja öfters der Fall ist), wird der Schriftsteller nach und nach
zu einer zuckrigen Pflaume. Das ist aber nicht gut, wenn der
Schriftsteller eine zuckrige Pflaume ist. Das mag klar sein, muss
aber, glaube ich, öfters mal gesagt werden.
Zur Förderung: Entgegen mancher Vorurteile ist nichts Böses
passiert. Es wird ein Spalt geöffnet (dieser Spalt ist nicht riesig, man füllt ihn noch problemlos aus, denke ich), durch den
man seine Dramatik reichen kann in den Betrieb (Hat man dann
schon den Betrieb betreten? Ich glaube: Noch nicht. Oder
doch?).
Die Uraufführungen der StückemarktAutorinnen und -Autoren seit 2003
Arna Aley 4½ Männer und ich (tt07)
UA am 15.12.2007, Berliner Ensemble
Carles Batlle Versuchung (tt04)
Österreichische EA am 12.12.2004, Burgtheater Wien
DE am 03.12.2005, Landestheater Tübingen
Stückabdruck in Theater der Zeit 06/2004
Kai-Ivo Baulitz Transporter (tt07)
UA am 15.02.2008, schauspielfrankfurt
Almut Baumgarten Tank (tt07)
UA am 12.12.2008, Pfalztheater Kaiserslautern
John Birke Pas de deux (tt04)
UA am 07.12.2004, Burgtheater Wien
weitere Inszenierungen: Werkstattinszenierung
Münchner Kammerspiele, Premiere am 14.01.2005
Schauspiel Köln, Premiere am 19.06.2005,
Theater Konstanz, Premiere am 16.12.2005
Anne Habermehl DADDY (tt08)
(Werkauftrag des tt Stückemarkts 2008)
UA am 20.6.2009, Bayerisches Staatsschauspiel München
Anja Hilling Sterne (tt03)
UA am 28.01.2006, Bühnen der Stadt Bielefeld
weitere Inszenierung Theater Osnabrück im Rahmen
des Festivals Spieltriebe 2, Premiere am 14.09.2007
March Höld Träumt (tt07)
Ursendung der Hörspielfassung am 24.02.2010,
Deutschlandradio Kultur
Paul Jenkins Natural Selection (tt06)
UA am 09.12.2006, Bayerisches Staatsschauspiel München
Juliane Kann Blutiges Heimat (tt05)
UA am 06.04.2006, Maxim Gorki Theater Berlin
Nuran David Calis Café Europa (tt05)
UA am 16.09.2006, Schauspiel Essen
Maria Kilpi Harmin Paikka –
plus null komma fünf windstill (tt07)
UA am 20.12.2007, Maxim Gorki Theater Berlin
Österreichische EA am 10.02.2008, Burgtheater Wien
Ursendung der Hörspielfassung am 14.05.2008,
Deutschlandradio Kultur
weitere Sendung am 24.12.2008, Schweizer Radio DRS 2
Bettina Erasmy Mein Bruder Tom (tt07)
UA am 05.12.2008, Landestheater Tübingen
Oliver Kluck Das Prinzip Meese (tt09)
UA am 06.02.2010, Maxim Gorki Theater Berlin
Maja Das Gupta Zappen (tt03)
UA 2008, Zimmertheater Tübingen
Dirk Laucke alter ford escort dunkelblau (tt06)
UA am 27.01.2007, Theater Osnabrück
weitere Inszenierung Thalia Theater Hamburg,
Premiere am 13.01.2008
Stückabdruck in Theater heute 05/2007
Dorothee Brix Zuhause (tt04)
UA am 25.03.2007, Burgtheater Wien
Thomas Freyer Amoklauf mein Kinderspiel (tt05)
UA am 28.05.2006, Deutsches Nationaltheater Weimar
in Koproduktion mit dem Theater an der Parkaue Berlin,
Berlin-Premiere am 20.09.2006
weitere Inszenierungen:
Theater Augsburg, Premiere am 27.09.2007
Theaterhaus Jena, Premiere am 28.02.2008
Thalia Theater Hamburg, Premiere am 07.04.2008
Theater Vorpommern, Premiere am 20.09.2008
SE am 12.02.2009, Theater St. Gallen
Stückabdruck in Theater der Zeit 12/2006
Claudia Grehn Ernte (tt10)
UA Dezember 2010, Maxim Gorki Theater Berlin
Stückabdruck in Theater der Zeit 06/2010
Anne Habermehl Letztes Territorium (tt08)
UA am 18.11.2008, Thalia Theater Hamburg
weitere Inszenierung Stadttheater Konstanz,
Premiere am 13.03.2010
Andreas Liebmann Explodiert (tt08)
UA am 25.01.2009, Burgtheater Wien
David Lindemann Koala Lumpur (tt03)
UA am 19.12.2003, Schauspielhaus Bochum
Stückabdruck in Theater heute 07/2003
Philipp Löhle Genannt Gospodin (tt07)
UA am 21.10.2007, Schauspielhaus Bochum
weitere Inszenierungen:
Bayerisches Staatsschauspiel München,
Premiere am 06.11.2007
theater fact, Leipzig, Premiere am 28.03.2008
Staatstheater Braunschweig, Premiere am 28.11.2008
Ulmer Theater, Premiere am 06.02.2009
Staatstheater Darmstadt, Premiere am 10.01.2009
Theater Magdeburg, Premiere am 12.12.2009
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Deutsches Schauspielhaus Hamburg,
Premiere am 10.01.2010
SE am 22.01.2009, Theater Biel Solothurn
Stückabdruck in Theater heute 01/2008
Philipp Löhle Die Kaperer (tt07)
(Werkauftrag des tt Stückemarkts 2007)
UA am 20.03.2008, Schauspielhaus Wien
DE am 18.09.2008, Staatstheater Mainz
weitere Inszenierung Theater Augsburg,
Premiere am 27.01.2009
Thomas Melle Licht frei Haus (tt06)
UA am 24.06.2007, Badisches Staatstheater Karlsruhe
Nina Mitrovic Das Bett ist zu kurz oder nur
Fragmente (tt05)
Werkstattinszenierung am 18.03.2006, Burgtheater Wien
José Manuel Mora Mi alma en otra parte –
Meine Seele anderswo (tt08)
UA am 04.09.2009, Theater Osnabrück im Rahmen
des Festivals Spieltriebe 3
Stückabdruck in Theater der Zeit 10/2009
Pierre Notte Zwei kleine nette Damen auf
dem Weg nach Norden (tt09)
DE am 23.12.2009, Badisches Staatstheater Karlsruhe
Jean-Marie Piemme Um die Wurst (tt03)
DE am 28.11.2004, Badisches Staatstheater Karlsruhe
weitere Inszenierung TheaterHalle 7/Inkunst e.V. München,
Premiere am 01.07.2006
Tomo Mirko Pavlovic Der alte Tänzer und ich
haben Liebe gemacht (tt06)
UA am 28.11.2007, Staatstheater Darmstadt
weitere Inszenierung Stadttheater Gießen, Premiere am
19.04.2008
Charlotte Roos Hühner.Habichte (tt09)
UA 13.01.2010, Theater St. Gallen
Stückinsert in Theater der Zeit 06/2009
Oliver Schmaering Seefahrerstück (tt05)
UA am 17.09.2005, Neues Theater Halle
Volker Schmidt Die Mountainbiker (tt07)
UA am 24.11.2007, Theater Heidelberg
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Esteve Soler Contra el progrés –
Gegen den Fortschritt (tt08)
UA am 05.02.2009, Sala Beckett i Obrador Barcelona
DE am 20.05.2009, Bayerisches Staatsschauspiel München
SE am 07.05.2010 Theater Biel Solothurn
Johannes Schrettle Dein Projekt liebt dich (tt05)
UA am 24.09.2006, Schauspiel Graz
Nis-Momme Stockmann Der Mann der die
Welt aß (tt09)
UA am 17.12.2009, Theater Heidelberg
weitere Inszenierungen:
Theater Magdeburg, Premiere am 13.02.2010
Theater Basel, Premiere am 03.05.2010
Nis-Momme Stockmann Kein Schiff wird
kommen (tt09)
(Werkauftrag des tt Stückemarkts 2009)
UA am 19.02.2010, Schauspiel Stuttgart
Ali Taylor Cotton Wool – Watte (tt06)
UA am 18.01.2008, Staatsschauspiel Dresden
Klaas Tindemans Bulger (tt08)
UA am 17.12.2008, Maxim Gorki Theater Berlin
Theatertreffen 07. bis 24 . Mai 2010
Stückemarkt-Dokumentation
Veranstalter Berliner Festspiele
Ein Geschäftsbereich der Kulturveranstaltungen
des Bundes in Berlin GmbH
Herausgeber Berliner Festspiele
Redaktion Friederike Jäcksch, Daniel Richter
und Giselind Rinn
Gestaltung Kordula Rüter
Fotos Piero Chiussi [soweit nichts anderes angegeben]
Visuelles Konzept Theatertreffen Gute Gestaltung
Intendant Prof. Dr. Joachim Sartorius
Leiterin Theatertreffen Iris Laufenberg
Leitung Stückemarkt Daniel Richter und Friederike Jäcksch
[email protected]
Ausstattung Kathrin Frosch, Manuela Pirozzi
Praktikanten Larissa Bischoff, Demian Sant’Unione
Das Theatertreffen
wird gefördert durch die
Der Stückemarkt wird gefördert durch die
Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, 10719 Berlin
Tel. +49 (0)30 254 89-0, [email protected]
www.berlinerfestspiele.de
In Kooperation mit
www. stueckemarkt. de
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