DGBS Newsletter-Neues aus der Forschung 2013

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WAS GIBT ES NEUES AUS DER FORSCHUNG BEI BIPOLARE
STÖRUNGEN? EINE LITERATURÜBERSICHT 2013
Michael Bauer, Rita Bauer, Jörn Conell, Markus Donix, Karolina Leopold,
Ute Lewitzka, Andrea Pfennig, Maximilian Pilhatsch, Dirk Ritter, Philipp
Ritter, Christine Winter, Emanuel Severus
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie,
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Technische Universität Dresden
1.
1.1
1.2
Risikokonstellationen und Früherkennung
Merkmale, Symptomatik und naturalistische Behandlungsstrategien
bei Personen mit Risikostatus für die Entwicklung einer Bipolaren
Störung
Früherkennungszentren für psychische Erkrankungen: ein Komplementärangebot der psychiatrischen Regelversorgung
2
2.1
2.2
2.3
Diagnostik und Epidemiologie
Bipolare Störungen im neuen DSM-5 Klassifikationssystem der APA
Lebenserwartung um 10 Jahre verkürzt
Erhöhtes Demenzrisiko bei Patienten mit einer Bipolaren Erkrankung
3
3.1
Suizidforschung
Häufigkeit von Suiziden bei Patienten mit bipolaren Störungen: Zusammenfassung aktueller epidemiologischer Daten
Die suizidprophylaktischen Eigenschaften von Lithium bei Patienten
mit affektiven Störungen: Übersicht und Metaanalyse
3.2
4
4.1
4.2
4.3
4.4
5
5.1
5.2
5.3
5.4
5.5
5.6
5.7
5.8
Neurobiologie und Neuropsychologie
Tiefe Hirnstimulation (subgenuales Cingulum) bei der Behandlung der
Bipolaren Depression
Strukturelle Gehirnveränderungen bei Patienten mit einer Bipolaren
Erkrankung: Befunde des ENIGMA Consortiums
Günstiger Einfluss einer Lithiumtherapie auf das Hippocampusvolumen ist unabhängig vom rezidivprophylaktischen Ansprechen
Meta-Analyse zu kognitiven Beeinträchtigungen bei bipolaren Patienten in euthymen Phasen
Pharmakotherapie
Internationale Kohortenstudie zur Wirksamkeit von Lithium in der
Rezidivprophylaxe Bipolarer Störungen
Die Wirksamkeit von Lithium nach Absetzen und erneutem Beginn
der Prophylaxe
Niedrige Lithium-Serumspiegel (<0.6) zeigen schlechte prophylaktische Wirksamkeit von Lithium in der Verhinderung manischer und
depressiver Episoden
Monitoring der Lithium Langzeitbehandlung: helfen Qualitätsverbesserungsprogramme?
The International Society for Bipolar Disorders (ISBD) Task Force:
Bericht über den Einsatz von Antidepressiva bei Bipolaren Störungen
Lurasidon Monotherapie in der Behandlung der Bipolar-I-Depression:
Eine randomisiert, doppel-blind, Placebo-kontrollierte Studie
Lurasidon als Begleittherapie („add-on“) zu Lithium oder Valproat in
der Behandlung der Bipolar-I-Depression: Eine randomisiert, doppelblind, Placebo-kontrollierte Studie
Supraphysiogische L-Thyroxin zur Behandlung der Bipolaren
Depression
Seite 2
5.9
Ketamin bei affektiven Störungen: Zusammenfassung von klinischer
Wirksamkeit, Wirkmechanismen und Anwendungsbeschränkungen
6
6.1
Psychotherapie und andere Therapien
Familien-fokussierte Therapie als Frühintervention bei symptomatischen Jugendlichen mit hohem Risiko für Bipolare Störungen
6.2
„Functional remediation“: Randomisierte Studie eines neuen neurokognitiven Interventionsprogrammes
7
7.1
Leitlinien
Deutschland: S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie Bipolarer
Störungen – wesentliche Empfehlungen zur Rezidivprophylaxe
Canada: CANMAT-Leitlinie Therapie Bipolarer Störungen, Update
2013
World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP)
Guidelines for the Biological Treatment of Bipolar Disorders: Update
2012 on the long-term treatment of bipolar disorder
7.2
7.3
8
Literaturliste
Seite 3
1.
Risikokonstellationen und Früherkennung
1.1
Merkmale, Symptomatik und naturalistische Behandlungsstrategien bei Personen mit Risikostatus für die Entwicklung
einer Bipolaren Störung (1)
Während die Früherkennung von Psychosen bereits seit einigen Jahren
beforscht wird und auch in Deutschland einzelne Früherkennungszentren
etabliert wurden, steckt die Früherkennung Bipolarer Störungen aktuell noch in
den Anfängen. Vorläufige, retrospektive Studien geben Hinweise darauf, dass
der Manifestation der Bipolaren Störung eine Phase dynamischer Symptomentwicklung vorausgeht (sogenanntes Prodrom). Diese Phase scheint hinsichtlich der relevanten Dauer, die Frühidentifikation und -Intervention ermöglicht und depressiver Symptome dem Prodromalstadium der Schizophrenie
ähnlich, obwohl Stimmungsschwankungen häufiger im bipolaren Prodrom und
attenuierte, positive psychotische Symptome (bis eventuell kurz vor dem
Vollbild der Manie) häufiger im schizophrenen Prodrom auftreten. Inwieweit es
sich bei diesen Symptomen um erste subsyndromale Manifestationen der
Erkrankung, oder auch z. T. um vorbestehende und nach Ersterkrankungsbeginn weiterbestehende Komorbiditäten handelt, ist derzeit aufgrund
fehlender Datenlage ungeklärt. Unklar ist derzeit ebenfalls, welche Symptome
oder Symptomkomplexe sich am besten eignen, um reliabel Patienten vor
Beginn einer Manie zu identifizieren, ob Früherkennung einer Bipolar-IIStörung möglich ist und ob und inwieweit sich Prodromi in Patientenuntergruppen unterscheiden, abhängig vom Vorliegen von z. B. familiärer
Belastung, psychotischen Vollsymptomen, Erkrankungsalter, spezifischen
Komorbiditäten, etc.
Abb. 1: Quelle (1)
Im Früherkennungszentrum für psychische Störungen in Dresden wurden
Personen auf das Vorhandensein von Risikokonstellationen für die Entwicklung
bipolarer Störungen untersucht. Hierfür wurden zwei neu entwickelte
Instrumente, die BPSS (Bipolar Prodrome Symptome Scale) und EPIbipolar
(Early Phase Interview for bipolar disorders) angewendet. Diese erfassten
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bekannte Risikofaktoren wie positive Familienanamnese (bipolare Störungen
bei 35 %, Majore Depressionen bei 41 % und Psychosen bei 7 %), zunehmende Stimmungsschwankungen (bei 62 %), unterschwellige (hypo)mane
Symptome (bei 52 %), spezifische Schlaf- und Rhythmusstörungen (bei 62 %),
Angst/Ängstlichkeit (bei 90 %), affektive Erkrankungen (bei 79 %), vermindertes psychosoziales Funktionsniveau (bei 79 %), zunehmender und
periodischer Substanzkonsum (bei 17 %) und Diagnose eines ADHD (bei 3 %).
Personen, die ein entsprechendes Risikoprofil aufwiesen, erhielten unter
Berücksichtigung aktueller Symptomatik und aktueller und/oder vorheriger
anderer psychischer Erkrankung individuelle Therapieangebote. Im Ergebnis
erfüllten von den 180 untersuchten Personen 29 (16 %) die Kriterien für einen
Risikostatus für bipolare Störungen. Von diesen 29 Risikopersonen erfüllten 27
(93 %) bereits die Kriterien für eine andere manifeste psychiatrische
Erkrankung aktuell oder in der Anamnese und 14 (48 %) hatten bereits zuvor
eine medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlung in Anspruch
genommen. Die Therapieempfehlungen für die Personen mit Risikokonstellationen beinhalteten Psychoedukation (bei 100 %), Psychotherapie (bei
62 %), Medikation (bei 17 %) und eine Kombination aus Medikamenten und
Psychotherapie (bei 14 %). Zusammenfassend wird ein multifaktorieller
Ansatz, der alle bekannten Risikofaktoren umfasst, bei der Früherkennung
bipolarer Störungen als wichtig erachtet. Da die Mehrzahl der Patienten mit
Risikokonstellationen bereits andere psychiatrische Erkrankungen aufweisen,
ist die Untersuchung von Auswirkungen unterschiedlicher Therapiestrategien
unbedingt notwendig. Dabei sollten sowohl kurzfristige als auch langfristige
Effekte auf Symptomatik, Risikokonstellation und Übergangsraten berücksichtigt werden.
Abb. 2: Quelle (1)
Seite 5
Abb. 3: Quelle (1)
1.2
Früherkennungszentren für psychische Erkrankungen: ein
Komplementärangebot der psychiatrischen Regelversorgung (2)
In diesem Artikel werden Daten zu Personen präsentiert, die an einem
universitären Früherkennungszentrum von Juli 2009 bis April 2012 untersucht
wurden. Bei dem Früherkennungszentrum handelt es sich um ein niedrigschwelliges Diagnostik- und Behandlungsangebot für junge Menschen mit dem
Verdacht einer psychischen Erkrankung. Insgesamt nahmen 192 Personen
das Angebot eines Erstkontaktes war, dabei betrug der Altersdurchschnitt 25
Jahre. Knapp die Hälfte (46 %) aller Personen wurden vom Psychiater oder
Psychotherapeuten geschickt, die andere Hälfte nahm aus eigener Initiative
oder nach Anregung durch Freunde oder Familie den Kontakt auf. Von den
192 Erstkontakten durchliefen 149 Personen das gesamte Diagnostikprogramm. Dabei gaben 30 % an bisher noch nie in psychiatrischer oder
psychotherapeutischer Behandlung gewesen zu sein. Bei den 149 Personen
mit kompletter Diagnostik lag nur bei 20 (13 %) keine psychiatrische
Erkrankung vor. Insgesamt 78 Patienten (52 %) erfüllten die Kriterien für eine
psychiatrische Erkrankung, 21 Patienten (14 %) für zwei Erkrankungen und 10
Patienten (7 %) für drei Erkrankungen. Außerdem erfüllten 49 Personen (33 %)
die Kriterien für die Zuordnung zu einer (Ultra)(Hoch)-Risikogruppe, davon
jeweils 27 Personen (18 %) für Psychosen und für Bipolare Störungen. Von
diesen Personen wiesen vier Patienten Hochrisikokriterien für beide Gruppen
auf. Außerdem waren 63 % aller (Ultra)Hochrisikopersonen für Bipolare
Störungen und 48 % aller Hochrisikopersonen für Psychosen zum Zeitpunkt
der Untersuchung manifest an mindestens einer anderen psychiatrischen
Störung (z.B. Depression oder Angststörung) erkrankt. Die Patienten mit manifester psychiatrischer Erkrankung erhielten bei bestehender Indikation nach
ausführlicher Aufklärung eine Therapieempfehlung und Weitervermittlung in die
psychiatrische Regelversorgung. Hierbei wurde bei 11 % eine stationäre und
bei 14 % eine teilstationäre Behandlung in einer psychiatrischen Klinik empfohlen. 52 % wurde eine ambulante Psychotherapie nahe gelegt und bei 44 %
wurde zur ambulanten Weiterbetreuung durch einen Facharzt für Psychiatrie
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geraten. Bei 20 % erfolgte die Empfehlung von unspezifischen Angeboten wie
z.B. Entspannungstraining, Familienberatung, Drogenberatung, etc.
Fazit: Die große Mehrheit der im Früherkennungszentrum untersuchten
Patienten weisen bereits manifeste psychische Erkrankungen auf und
benötigen eine entsprechende Therapie.
Abb. 4: Quelle (2)
Abb. 5: Quelle (2)
Seite 7
Ab
Abb. 6: Quelle (2)
Abb. 7: Quelle (2)
Ziele der Früherkennung und bedarfsgerechten Frühintervention sind:
•
Reduktion der frühen Symptomatik,
•
Verbesserung oder zumindest die Stabilisierung des funktionellen
Status auf einem möglichst hohen Niveau,
•
Verhinderung/Verzögerung der Erkrankungsmanifestation,
•
Minimierung des Erkrankungsschweregrades,
•
Verkürzung unbehandelter Krankheitsphasen sowie
Seite 8
•
positive Beeinflussung des Krankheitsverlaufs, falls eine Verhinderung der Vollmanifestation einer Bipolaren Störung nicht möglich ist.
2.
Diagnostik und Epidemiologie
2.1
Bipolare Störungen im neuen DSM-5 Klassifikationssystem der
APA (3)
Im Frühjahr 2013 ist die 5. Auflage des Klassifikationssystems „Diagnostic and
Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-5) der American Psychiatric
Association erschienen. DSM-5 hat auch einige wichtige Neuerungen auf dem
Gebiet der Bipolaren Störungen mit sich gebracht.
Neue Einordnung Bipolarer Störungen im DSM-5
Im DSM-5 finden sich „Bipolar and related Disorders“ erstmalig in einem
eigenen Kapitel wieder, lokalisiert zwischen den Kapiteln „schizophrenia
spectrum and other psychotic disorders“ sowie „depressive disorders“.
Umfassen tut dieses neue Kapitel, wie gehabt, die Bipolar I Störung, die
Bipolar II Störung sowie die Zyklothyme Störung. Doch es gibt diagnostische
Erweiterungen – und nicht alle Kriterien für die etablierten Bipolaren Störungen
sind dieselben geblieben.
Diagnostische Erweiterungen
Neu hinzugekommen sind die „substance/medication-induced bipolar and
related disorder“, hervorgegangen aus der „substance-induced mood disorder“
(DSM-IV-TR) sowie die „bipolar and related disorder due to another medical
condition“, hervorgegangen aus der „mood disorder due to a general medical
condition“ (DSM-IV-TR). Die bisherige Kategorie der „bipolar disorder not
otherwise specified“ (DSM-IV-TR: 296.80) wird weiter unterteilt in die neue
Kategorie „other specified bipolar and related disorder“ (DSM-5: 296.89) sowie
die „unspecified bipolar and related disorder“ (DSM-5: 296.80). Letztere
umfasst, wie schon im DSM-IV-TR Pendant (296.80) u.a. Situationen, in denen
der Arzt auf Grund unzureichender Informationen (noch) nicht bestimmen
kann, z.B. in Rahmen einer Notaufnahme, welche Bipolare Störung denn nun
genau vorliegt[2]. Erstere umfasst näher spezifizierte bipolare Störungen, die
jedoch unter der bisherigen diagnostischen Schwelle für die etablierten
Bipolaren Störungen bleiben (Bipolar I, Bipolar II, Zyklothyme Störung)“, im
Sinne einer „subthreshold bipolar disorder“. Von DSM-5 als Beispiele
angegeben werden Krankheitsbilder, die unterschwellige hypomanische
Episoden umfassen, in Verbindung mit Episode(n) einer Major Depression,
nämlich „short-duration hypomanic episodes (2-3 days) and major depressive
epsiodes“ sowie „hypomanic episodes with insufficient symptoms and major
depressive episodes“, bzw. auch ausgewachsene hypomanische Episoden,
jedoch ohne bisherige Episoden einer Major Depression „hypomanic episode
without prior major depressive episodes“. Schließlich wird auch noch eine
unterschwellige zyklothyme Störung definiert (short-duration cylothymia (less
than 24 months)), die, wie im Namen bereits erwähnt, das konventionelle
Zeitkriterium von mindestens 24 Monaten nicht erfüllt.
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Gemischte Episode: Mixed specifier
Bisher konnte eine Bipolar I Störung bei Vorliegen einer einzigen gemischten
Episode diagnostiziert werden. Dies Möglichkeit besteht in DSM-5 nicht mehr –
da es keine gemischte Episoden mehr gibt – dafür jedoch, auf hypomanische,
depressive und manische Episoden anwendbar, „mixed specifiers“. Die
bisherige gemischte Episode wäre nunmehr eine manische Episode, mit
„mixed features“. Diese neuen „specifiers“ erlauben nun auch „mixed
hypomania“ und „mixed depression“ zu diagnostizieren, was praktisch hilfreich
und prognostisch wesentlich sein kann, da z.B. (hypo)manische Symptome
während einer Episode einer Major Depression (bei bisher unipolarem Verlauf)
einen Risikofaktor für die Entwicklung einer Bipolar I oder Bipolar II Störung
darstellen.
Als einen weiteren neuen „specifier“ für die aktuelle oder zuletzt aufgetretene
Episode gibt es zudem with anxious features“, aus dem Wissen heraus, dass
ängstliche Krankheitsmerkmale häufig vorkommen und mit einer schlechteren
Prognose assoziiert sind.
Neuer Kriterien für bekannte Diagnosen
Zu begrüßen ist auch, dass nunmehr neben einer gehobenen, expansiven oder
gereizten Stimmungslage eine Zunahme zielgerichteter Aktivität bzw. von
Energie ein obligatorisches Symptom für eine hypomanische oder manische
Episode darstellt.
Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass, dass nunmehr auch
(hypo)manische Episoden, selbst wenn sie unter Antidepressiva erstmalig
auftreten, prinzipiell als richtige (hypo)manische Episode zählen können, und
damit die Diagnosestellung einer Bipolaren Störung, bei früher stattgehabter
depressiver Episode, möglich ist – vorausgesetzt, die Dauer der
(hypo)manischen Episode geht in voller Ausprägung über die physiologische
Wirkung des Antidepressivums (nach dessen Absetzen) hinaus. Dies ist
sicherlich ein zu begrüßender und praktikabler Schritt, insbesondere für den
prospektiven Verlauf von Patienten mit Major Depression.
Fazit: DSM-5 hat einige wichtige Veränderungen hinsichtlich der Diagnostik
Bipolarer Störungen mit sich gebracht.
Krankheitsbilder, die die Kriterien für Bipolare Störungen erfüllen, jedoch im
Rahmen von Substanzkonsum oder körperlichen Erkrankungen auftreten
finden sich nunmehr auch in dem neu geschaffenen Kapitel „Bipolar and
related disorders“.
Ebensolches gilt für Krankheitsbilder, die bisher als „subthreshold bipolar
disorders“ fungiert hätten, und sich nunmehr in der Gruppe „other specified
bipolar and related disorder“ wiederfinden.
Eine Zunahme zielgerichteter Aktivität bzw. Energie ist, neben einer
gehobenen, expansiven bzw. gereizten Stimmung, nunmehr ein
obligatorisches Symptom für (hypo)manische Episoden.
Unter Antidepressiva sich entwickelnde (hypo)manische Episoden können
jetzt, sofern die Symptomatik in unveränderter Form auch nach Absetzen des
Antidepressivums über den physiologischen Effekt des Antidepressivums
hinaus in gleicher Ausprägung bestehen bleibt, für die Diagnosestellung einer
Bipolar I bzw. II Störung herangezogen werden.
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Während einige dieser Neuerungen, insbesondere was den Zusatz von
zielgerichteter
Aktivität/Energie
als
obligatorisches
Symptom
für
(hypo)manische Episoden angeht, als sehr sinnvoll angesehen werden
müssen bleibt dies für andere, z.B. unterschwellige Bipolare Störungen, erst
noch zu zeigen.
2.2
Lebenserwartung um 10 Jahre verkürzt (4)
Es ist aus einigen Studien, z.B. aus den USA und Schweden, bekannt, dass
Patienten mit psychischen Erkrankungen im Vergleich zur Normalbevölkerung
kürzer leben. Dabei wurden zumeist nur die Sterberaten (standardisierte
Mortalitätsrate, SMR) untersucht. Britische Forscher vom King`s Collage
London wollten diese Befunde überprüfen und dabei speziell die
Lebenserwartung, welche auch jüngere Menschen in die Kohorte einschließt,
in den Blick nehmen. Sie hatten Zugriff auf sehr gut dokumentierte,
elektronische Daten des South London and Maudsley NHS Foundation Trust
(SLAM), einem der größten Anbieter von Betreuungsprogrammen bei
psychischen Erkrankungen in Europa. Dieser Dienst hält ambulante, stationäre
und gemeindenahe psychiatrische Leistungen für einen großen Einzugsbereich
mit etwa 1,2 Millionen Einwohnern im Südosten Londons vor. Es wurden
31.719 Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen, d.h. mit den
Diagnosen Schizophrenie (ICD 10: F20), schizoaffektive Störung (F25),
bipolare Störung (F31), Suchterkrankungen (F10 bis F19), depressive Episode
(F32) und rezidivierende depressive Störung (F33), die zwischen 2007 und
2009 vom SLAM betreut wurden, in die Untersuchung eingeschlossen.
Verglichen wurde deren Lebenserwartung mit dem britischen Durchschnitt der
Lebenserwartung bei Geburt (2006-2008).
Dabei zeigte sich, dass bei der bipolaren Störung die Lebenserwartung etwa
10 Jahre verkürzt ist: Bei Männern um 10,1 Jahre und bei Frauen um 11,2
Jahre. Die deutlichsten Abweichungen von der Lebenserwartung der Allgemeinbevölkerung zeigten Frauen mit schizoaffektiver Störung: Sie hatten mit
64,1 Jahren eine um 17,5 Jahre verkürzte Lebenserwartung. Männliche
Patienten mit einer Schizophrenie erreichten im Durchschnitt nur ein Alter von
62,8 Jahren und starben damit 14,6 Jahre eher als die anderen britischen
Männer. Die Abbildung 8 zeigt eine Tabelle mit weiteren diagnosespezifischen
Ergebnissen.
Die Todesursachen wurden in der vorliegenden Studie nicht untersucht. Die
Autoren vermuten, dass die Differenz der Lebenserwartungen nicht allein
durch Suizide zu erklären ist. Bezugnehmend auf eine andere britische Studie
wurde diskutiert, dass Herzinfarkte oder Schlaganfälle todesursächlich
gewesen sein könnten. Auf andere Untersuchungen über unausgewogene
Ernährung, physische Inaktivität sowie metabolische und kardiovaskuläre
Nebenwirkungen bei langjähriger Neuroleptikabehandlung von psychiatrischen
Patienten wurde in diesem Zusammenhang verwiesen.
Fazit: Die Ergebnisse der Studie demonstrieren den wesentlichen Einfluss
einer schweren psychischen Erkrankung, wie der bipolaren Störung, auf die
Lebenserwartung, vergleichbar mit weithin bekannten Risikofaktoren wie
Rauchen, Fettsucht oder Diabetes. Sie heben die Notwendigkeit von zu
entwickelnden Strategien gegen die Früh-Mortalität vor. Der Verhinderung von
Suiziden wird hierbei nach wie vor hohe Bedeutung zukommen; allerdings
müssen weitere Ursachen, wie kardiovasculäre Erkrankungen, Krebs oder
Diabetes mellitus erkannt und behandelt werden.
Seite 11
Abb. 8: Quelle (4)
2.3
Erhöhtes Demenzrisiko bei Patienten mit einer Bipolaren
Erkrankung (5)
Gegenstand der Untersuchung war die Fragestellung, ob Patienten mit einer
Bipolaren Erkrankung ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Demenz
aufweisen. Kognitive Defizite können bei bipolar Erkrankten auch in euthymen
Phasen vorliegen, jedoch wurde der mögliche Zusammenhang mit verändertem Demenzrisiko bislang hauptsächlich für unipolar depressive Patienten
untersucht.
Die Autoren dieser Studie, die in Taiwan durchgeführt wurde, nutzten
Informationen einer landesweiten Datenbank für Krankenversicherte. Sie
konnten zwischen 2000 und 2009 insgesamt 9.304 Patienten identifizieren, bei
denen in diesem Zeitraum erstmalig eine Demenz diagnostiziert wurde und
stellen ihnen etwa 55.000 Versicherte gegenüber, die keine Demenzdiagnose
hatten. Es konnte gezeigt werden, dass das Vorliegen einer Bipolaren
Erkrankung mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden war, und dies nicht
durch eine Reihe von anderen Variablen erklärt werden konnte, wie z.B.
zerebrovaskuläre Erkrankungen, Substanzabusus, oder verschiedene Formen
der Inanspruchnahme des Versorgungssystems. In der Gruppe der Demenzerkrankten hatten 1,37 % der Patienten anamnestisch die zusätzliche
Diagnose einer Bipolaren Erkrankung, in der Kontrollgruppe nur 0,25 %.
Fazit: Die pathophysiologischen Grundlagen der gefundenen Assoziation, die
für Männer und Frauen gleichermaßen nachgewiesen werden konnte, verbleiben Gegenstand weiterer Forschung. Diskutiert werden hirnmorphologische
Aspekte, wie vermindertes Volumen des Frontalcortex oder Stoffwechselveränderungen, beispielsweise im Glucocorticoidhaushalt.
Seite 12
Abb. 9: Quelle (5)
Abb. 10: Quelle (5)
Seite 13
3.
Suizidforschung
3.1
Häufigkeit von Suiziden bei Patienten mit bipolaren Störungen:
Zusammenfassung aktueller epidemiologischer Daten (6)
Aufgrund der erheblichen gesellschaftlichen Bedeutung ist die Therapie
suizidalen Verhaltens in den letzten Jahren zunehmend in den Mittelpunkt
psychiatrischer Forschung gerückt und nimmt damit auch einen größeren
Stellenwert in der Erarbeitung von Behandlungs- und Präventionsstrategien
ein. Pompili und Kollegen berichten in dieser umfassenden Übersichtsarbeit
die derzeitigen Erkenntnisse, wie häufig Suizide bei Erwachsenen mit bipolarer
Störung auftreten. Dazu führten die Forscher eine systematische Literaturanalyse innerhalb verschiedener Datenbanken (z.B. Pubmed/Medline,
Cochrane u.a.) durch und filterten dabei alle (N=455) zu diesem Thema
erschienenen, englischsprachigen Arbeiten der Jahre 1980 bis 2011 heraus.
Alle Studien, die epidemiologische Daten zu dem Thema „Suizid“, „Bipolare
Störung (BD)“, „Erwachsene“ enthielten, wurden hinsichtlich des Inhaltes einer
weiteren Prüfung unterzogen. Studien mit Daten zu Untersuchungen über
Suizidgedanken und Suizidversuchen wurden nicht mitberücksichtigt.
Insgesamt konnten 34 Artikel in die Analyse einbezogen werden.
Mit ihrem Review konnten die Forscher zeigen, dass das Suizidrisiko bei
erwachsenen Patienten mit bipolarer Störung insgesamt 20-30mal höher ist,
verglichen mit dem Risiko für die allgemeine Bevölkerung. Insbesondere war
dieses Risiko bei jungen Patienten während der ersten Jahre ihrer Erkrankung
erhöht. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass die einzelnen einbezogenen Studien zum Teil verschiedene Ergebnisse präsentierten. Abhängig
von den eingeschlossenen Studienteilnehmern unterschied sich das relative
Risiko beispielsweise abhängig vom Geschlecht, dem Auftreten früherer
Suizidversuche, Dauer der Erkrankungen, Medikation etc. Das Review bestätigte, dass das Risiko bei Patienten mit einem früheren Suizidversuch in der
Geschichte erhöht ist, ebenso bei Patienten, die kürzlich aus einer stationären
Behandlung entlassen wurden sowie bei Patienten, die arbeitsbezogene
Probleme haben.
Innerhalb verschiedener psychiatrischer Erkrankungen weisen Patienten mit
einer bipolaren Störung den stärksten Zusammenhang zwischen Erkrankung
und Suizid auf – Suizide von Patienten mit BD machen etwa ein Viertel aller
Suizide aus. Es bestätigte sich ebenfalls, dass durch Suizid verstorbene
bipolare Patienten charakteristische Risikofaktoren aufweisen. Ein vorangegangener Suizidversuch, das Vorkommen von Suiziden bei Familienangehörigen ersten Grades oder das gleichzeitige Vorliegen einer Angsterkrankung
gehören zu den Risikofaktoren mit dem stärksten Einfluss. Besonders heben
die Autoren den Einfluss der pharmakologischen Behandlung hervor:
Patienten, die mit Antidepressiva behandelt werden und eine stimmungsstabilisierende Substanz (insbesondere Lithium) absetzen, haben ein deutlich
erhöhtes Risiko, durch Suizid zu versterben.
Seite 14
Abb. 11: Quelle (6)
Abb. 11: Quelle (6)
3.2
Die suizidprophylaktischen Eigenschaften von Lithium bei Patienten mit affektiven Störungen: Übersicht und Metaanalyse (7, 8)
Für Lithium als eine der ältesten in der Psychiatrie verwendeten pharmakologischen Substanzen wurde seit Anfang der 90iger Jahre ein eigenständiger,
im Vergleich zu anderen Psychopharmaka wahrscheinlich spezifischer sogenannter anti-suizidaler Effekt nachgewiesen. Trotz dieses Wissens und des
heute ebenfalls in nationalen und internationalen Leitlinien dokumentierten
Stellenwertes von Lithium in der Akut-und Erhaltungstherapie affektiver
Störungen ist Lithium hinsichtlich seiner Verschreibungshäufigkeit im Vergleich
zu anderen psychotropen Substanzen unterrepräsentiert.
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Die aktuellste Übersicht zum Thema suizidprotektive Wirkung von Lithium
stammt von Cipriani et al. (8). Die Forscher führten ein umfassendes Review
sowie eine Metaanalyse der zu diesem Thema erschienenen Arbeiten durch.
Dazu wurden verschiedene Literaturdatenbanken (z.B. Medline, Embase, etc.),
aber auch Datenbanken der Zulassungsbehörden (FDA) genutzt und alle
randomisierten, kontrollierten Studien eingeschlossen, welche Lithium bzw.
andere aktive Substanzen (beispielsweise Antidepressiva, andere Stimmungsstabilisierer) oder Plazebo in der Langzeitbehandlung (definiert als Behandlung
länger als 12 Wochen) von affektiven Störungen untersuchten. Es wurden
Studien von Erwachsenen aber auch von Kindern und Jugendlichen eingeschlossen, die die alleinige Therapie mit einer der Substanzen aber auch
Kombinationsbehandlungen (verschiedene Medikamente) sowie Augmentationsbehandlungen beinhalteten. Als zu untersuchende Zielgrößen wurden
„suizidale Ereignisse“, „Selbstverletzendes Verhalten“ sowie „Gesamtsterblichkeit“ definiert.
Von den insgesamt 1.491 zu diesem Thema gefundenen Studien konnten 48
zwischen 1968 und 2013 publizierte Arbeiten eingeschlossen werden. Die
durchschnittliche Behandlungszeit mit Lithium bzw. der Vergleichssubstanz
betrug 19.1 Monate, insgesamt waren 6.674 Patienten zu einem der
Behandlungsarme (Lithium oder Plazebo oder andere aktive Substanz)
randomisiert worden. Lithium war in der Verhinderung von Suiziden (Odds
Ratio 0.13, 95 % Konfidenzintervall 0.03-0.66) sowie hinsichtlich der Gesamtsterblichkeit (Odds Ratio 0.38, 0.15-0.95) effektiver als Plazebo, weniger
deutlich überlegen in der Verhinderung von Selbstverletzenden Verhalten
(Odds Ratio 0.60, 0.27-1.32). Im Vergleich zu Carbamazepin zeigte Lithium
eine stärkere Überlegenheit in der Verhinderung von selbstverletzenden
Verhalten (Odds Ratio 0.14, 0.02-0.83).
Abb. 13: Quelle (8)
Mit dieser Metaanalyse konnte erneut bestätigt werden, dass Lithium im
Vergleich zu Plazebo mit einem erniedrigten Risiko für Suizide sowie im
Vergleich mit Carbamazepin mit einem reduzierten Risiko für selbstverletzendes Verhalten assoziiert ist. Die Autoren fanden des Weiteren heraus,
Seite 16
dass Lithium die Zahl der Suizide und die Gesamtsterblichkeit sowohl in
Patienten mit unipolarer als auch in Patienten mit bipolarer Depression senkt.
Sie schlussfolgerten, dass Lithium in der Behandlung von Menschen mit
affektiven Störungen eine wichtige Rolle spielt, insbesondere bei Vorliegen von
Suizidalität aber auch bei Patienten, die ein Risiko für selbstverletzendes
Verhalten aufweisen.
4.
Neurobiologie und Neuropsychologie
4.1
Tiefe Hirnstimulation (subgenuales Cingulum) bei der
Behandlung der Bipolaren Depression (9, 10)
Zwei Berichte beschäftigen sich mit der Tiefen Hirnstimulation (THS) bei der
Behandlung der Bipolaren Störung. Bisherige Studien zur antidepressiven
Wirksamkeit der THS fokussieren überwiegend auf drei in dem Depressionsnetzwerk zentrale Knotenpunkte, den vorderen Schenkel der Capsula interna,
den Nacc und das subgenuale Cingulum (Cg25). In allen bislang vorliegenden
Studien, mit Ausnahme der gerade erst veröffentlichten Studie zur Untersuchung der Auswirkungen der THS an der Abzweigung des superolateralen
Arms des medialen Vorderhirnbündels, wird eine durchschnittliche Symptomverbesserung um 50 % in 50-60 % der ansonsten therapierefraktären
depressiven Patienten beschrieben. In einige dieser Studien wurden bereits
wenige Patienten mit therapieresistenter Depression im Rahmen einer
Bipolaren Störung integriert, eine differenzierte Betrachtung dieses Patientenklientels konnte jedoch aufgrund der geringen Einschlusszahlen bislang nicht
getroffen werden.
Die jetzt erschiene Open-label Studie von der Arbeitsgruppe um Helen
Mayberg untersucht 10 Patienten mit einer unipolaren Depression und 7
Patienten mit einer Bipolar II Störung und zeigt die gleiche Effektivität der
Cg25-THS über einen Beobachtungszeitraum von 24 Wochen in beiden
Patientengruppen (Holtzheimer et al. 2012). Zudem wird festgehalten, dass es
zu keinen hypomanen oder manischen Episoden im Verlauf und zu keiner
Symptomverschlechterung nach Remission kam. In Ergänzung zu dieser
Studie berichten Torres und Mitarbeiter (2013) von der stabil antidpressiven
Wirkung der Cg25-THS bei einer 74jährigen Bipolar Typ I Patientin mit einer
zuletzt über zwei Jahre therapierefraktären depressiven Episode. Auch hier
kam während des Beobachtungszeitraums von 9 Monaten zu keiner
hypomanen oder manischen Episode. Diese ersten Berichte sind
vielversprechend, bedürfen aber weiterer Untersuchungen in kontrollierten
Studiendesigns über längere Beobachtungszeiträume.
Seite 17
Abb. 14: Quelle 9
Abb. 15: Quelle 9
Seite 18
Abb. 16: Quelle 10
Abb. 17: Quelle (10)
4.2
Strukturelle Gehirnveränderungen bei Patienten mit einer
Bipolaren Erkrankung: Befunde des ENIGMA Consortiums (11)
Morphologische Veränderungen basierend auf strukturellen Magnetresonanztomographie (MRT) Befunden wurden bei Patienten mit Bipolarer Störung
wiederholt in der Literatur beschrieben, allerdings waren die Befunde häufig
widersprüchlich bzw. kleinen Fallzahlen erhoben.
Im Kontext eines internationalen Neuroimaging Konsortiums (Enhancing
Neuroimaging Genetics through Meta-Analysis, ENIGMA) wurden strukturelle
Magnetresonanztomographie (MRT) Daten aus 20 Zentren von 1.747
Seite 19
bipolaren Patienten und von 2.615 korrespondierenden gesunden Kontrollpersonen auf Volumenunterschiede in 9 Regionen untersucht; dies waren der
Nucleus accumbens, Amygdala, Kaudatus, Hippocampus, Pallidum, Putamen,
Thalamus, Seitenventrikel und intrakranielles Volumen. age, sex, and
differences in head size (ICV) as covariate.
In der Analyse zeigte, sich dass die Gruppe der bipolaren Patienten signifikante Volumenreduktionen in den folgenden Regionen aufwiesen: Hippocampus, Thalamus und Amygdala. Des Weiteren zeigte sich, dass bipolare
Patienten signifikant größere Ventrikel aufweisen. Bei den übrigen 5 Strukturen
fanden sich keine signifikanten Veränderungen im Vergleich zu den Kontrollen.
Fazit: Diese mit Abstand bislang größte Untersuchung von einzelnen MRT
Befunden belegt strukturelle Gehirnveränderungen bei Patienten mit Biolarer
Störung.
Abb. 18: Quelle (11)
4.3
Günstiger Einfluss einer Lithiumtherapie auf das Hippocampusvolumen ist unabhängig vom rezidivprophylaktischen Ansprechen (12)
Die Autoren der Studie untersuchten 37 Patienten mit einer Bipolaren Störung
und langjähriger (seit mindestens 2 Jahren) bestehender Lithiumtherapie, oder
bislang nicht erfolgter längerer Lithium-Behandlung und 19 gesunde
Kontrollpersonen. Die Studienteilnehmer wurden über spezialisierte Kliniken in
Canada, Deutschland und vier weiteren europäischen Ländern rekrutiert. Um
die Hippocampusvolumina zu bestimmen, wurde eine magnetresonanztomografische Untersuchung (MRT) durchgeführt.
Es konnte nachgewiesen werden, dass nicht mit Lithium behandelte langjährig
erkrankte Patienten (> 10 Jahre bipolar erkrankt und mindestens 5 Krankheitsepisoden) geringere Hippocampusvolumina aufwiesen, als gesunde Personen;
hingegen zeigte sich zwischen den mit Lithium behandelten Patienten und
Gesunden dieser Unterschied nicht. Die Gruppe der mit Lithium behandelten
Patienten wurden nochmals unterteilt in die mit guter Response auf Lithium
Seite 20
und solche mit weniger guter Response. Der Effekt einer Hippocampusvolumen, wie er sich für die Lithiumgruppe im Vergleich zur Nicht-Lithium
Gruppe zeigte, war in beiden Gruppen gleichermaßen vorhanden.
Abb. 19: Quelle (12)
Abb. 20: Quelle (12)
Fazit: Die Ergebnisse der Studie unterstützen die Hypothese, dass mit fortschreitender Bipolarer Störung auftretende Verminderungen des Hippocampusvolumens durch mögliche neuroprotektive Effekte einer Lithiumbehandlung, aber nicht durch andere pharmakologische Behandlungen, günstig
beeinflusst werden können. Da sich dieser Effekt auch bei weniger guten
Lithium-Respondern zeigte, kann spekuliert werden, dass dieser neuroprotektive Effekt (und seine neurobiologische Basis) von Lithium unabhängig
von seinen rezidivprophylaktischen Wirkungen eintritt.
Seite 21
4.4
Meta-Analyse zu kognitiven Beeinträchtigungen bei bipolaren
Patienten in euthymen Phasen (13)
Bipolare Störungen sind häufig – auch in euthymen Phasen – mit kognitiven
Einschränkungen der betroffenen Patienten assoziiert. So fand sich in Untersuchungen und Metaanalysen immer wieder Anhalt für derartige Probleme,
allerdings sind diese Befunde inkonsistent.
Aus diesem Grund reanalysierten Bourne et al. in der zugrundeliegenden
Arbeit 31 Primärstudien (25 zwischen Januar 2007 und Juni 2010 veröffentlicht
und partiell in Metaanalysen verarbeitet und 6 unveröffentlicht) mit N=2.876
Probanden (N=1.276 aktuell euthyme bipolare Probanden und 1.609 gesunde
Kontrollprobanden) als Komplettset, indem sie 11 spezifische Outcomeparameter aus den Bereichen Lernen und Gedächtnis von verbalem Material
(CVLT/RAVLT), Verarbeitungsgeschwindigkeit bei Aufgabenwechsel (TMT-A
und B), nonverbales Arbeitsgedächtnis (Zahlenspanne vorwärts und rückwärts)
und exekutive Funktionen/kognitive Flexibilität bzw. set-shifting (WCST)
untersuchten.
Neben dem Hauptziel der Arbeit, der Überprüfung der Größe des Einflusses
konfundierender Faktoren auf die bisherigen Befunde, sollte auch der Einfluss
der Medikation und der Krankheitsschwere auf die kognitiven Beeinträchtigungen überprüft werden.
Die Gruppe der bipolaren Patienten ähnelte der Kontrollgruppe bezüglich der
Geschlechterverteilung, war aber im Durchschnitt signifikant älter und wies
eine durchschnittlich kürzere Schulbildung und auch einen signifikant geringeren durchschnittlichen prämorbiden IQ als die Kontrollgruppe auf.
In allen gemessenen kognitiven Parametern zeigte sich eine deutlich geringere
kognitive Leistungsfähigkeit der Probanden der bipolaren Gruppe, wobei diese
Unterschiede zwischen den Gruppen mit der Effektgröße zunahm (insbesondere bei VLT, TMT-B und Zahlenspanne vorwärts und rückwärts). Für den
Unterschied zwischen den Gruppen im TMT-A und der Anzahl der erreichten
Kategorien im WCST zeigte sich in einer Metaregression die Verringerung der
residualen Stimmung als entscheidend, während die Gruppenunterschiede
zwischen den anderen gemessenen kognitiven Funktionen hiervon unbeeinflusst blieben. Innerhalb der bipolaren Gruppe fand sich ein Zusammenhang
zwischen der Depressionsschwere und der Gedächtnis-, Geschwindigkeitsund der Leistung in den Exekutivfunktionen dahingehend, dass die Schwere
der Depression mit schlechteren Ergebnissen in den drei Bereichen einherging. Es zeigte sich kein Effekt bezüglich der Schwere der Manie auf ein
Outcomeparameter.
Sowohl bezüglich der Medikation, die von 952 Probanden vollständig vorlag,
als auch der Krankheitsschwere (Episoden und Krankenhausbehandlungen)
ergaben sich nur in wenigen Bereichen maximal leichtgradige Effekte. So
zeigte weder die Lithiumbehandlung, noch die mit Antidepressiva oder
Antikonvulsiva einen Effekt auf die gemessenen kognitiven Leistungen, die mit
Antipsychotika behandelten Probanden zeigten eine signifikant reduzierte
Leistungsfähgikeit bezüglich des Gedächtnisses für verbales Material (VLT).
Medikamentenfreiheit erhöhte die Gedächtnisleistungen für alle genannten
Medikamentengruppen (Gesamtgedächtnis und Langzeit).
Von den Krankheitsvariablen hatte die Anzahl manischer Episoden Einfluss auf
das Ergebnis in Subskalen des VLT sowie auf das im TMT-A, wohingegen die
Anzahl der Gesamtepisoden ausschließlich das Ergebnis im TMT-A beein-
Seite 22
flusste, ebenso wie die Anzahl der stationären Behandlungen wegen Depression. Die Anzahl der gesamten Krankenhausbehandlungen hatte Einfluss
sowohl auf das Ergebnis im TMT-A wie auch -B, während die Anzahl depressiver Episoden und die stationären Behandlungen wegen Manie ohne
Einfluss auf gemessene kognitive Funktionen blieben.
Fazit: Da alle genannten Ergebnisse immer für das Alter, den IQ und das
Geschlecht kontrolliert wurden, ergab diese Untersuchung deutlichen Anhalt
für das Vorliegen kognitiver Defizite bei bipolar Erkrankten auch in euthymen
Phasen in den beschriebenen Bereichen unabhängig von den genannten
Faktoren. Die meisten dieser Effekte können, so ein weiteres Ergebnis dieser
Studie – entgegen bisheriger Annahmen – nicht hauptsächlich als Residualsymptome der Erkrankung oder als Medikamentennebenwirkung interpretiert
werden, wohl aber als relativ nichtspezifische Effekte vielfältiger Netzwerkfunktionen des Gehirns.
Abb. 21: Quelle (13)
Seite 23
Abb. 22: Quelle (13)
5.
Pharmakotherapie
Studien mit etablierten Substanzen in der Therapie Bipolarer Störungen
5.1
Internationale Kohortenstudie zur Wirksamkeit von Lithium in
der Langzeitbehandlung Bipolarer Störungen (14)
Die Veröffentlichung der International Group for the Study of Lithium-Treated
Patients (IGSLi, 14) beschreibt die Ergebnisse einer prospektiven Kohortenstudie von Patienten mit bipolaren Störungen aus Deutschland, Kanada und
Polen. Ziel war es, die Wirksamkeit einer Langzeit-Lithium-Behandlung vor
allem bezüglich der langfristigen Stabilisierung des Krankheitsverlaufs zu
untersuchen. Insgesamt wurden 346 Patienten über im Mittel zehn Jahre ihrer
Lithiumbehandlung im Rahmen ihrer Routineversorgung nachverfolgt
(Spannweite 1 bis 20 Jahre). Als Parameter für die Langzeitstabilität wurde der
Krankheits-Index (Morbidity Index) über die Zeit untersucht. Dieser ergibt sich
für je ein Jahr, wenn Wochen mit leichter, mittelschwerer oder schwerer
Symptomatik gewichtet addiert und durch die Gesamtzahl der Wochen des
Jahres geteilt werden.
Im Ergebnis fanden die Autoren einen stabilen, niedrigen Krankheits-Index von
im Mittel 0,125 ± 0,299 im ersten und 0,110 ± 0,267 im 20. Jahr. Der niedrige
Index spricht für eine gute Langzeitprophylaxe.
Fazit: Die präsentierte Studie ist eine der wenigen großen Kohortenstudien an
Patienten mit Bipolaren Störungen, und die einzige, welche die Langzeitstabilität unter Lithiumbehandlung über einen so langen Zeitraum untersucht
hat, und die Wirksamkeit einer Lithium Langzeittherapie bestätigt. Einschränkend ist zu beachten, dass die verwertbaren Fallzahlen mit der Dauer
der Studie sanken, 165 Patienten wurden mindestens 10 Jahre, 93 mindestens
15 und nur 45 Patienten mindestens 20 Jahre nachbeobachtet.
Seite 24
Abb. 23: Quelle (14)
5.2
Die Wirksamkeit von Lithium nach Absetzen und erneutem
Beginn (15)
Lithium ist der Goldstandard in der Langzeitbehandlung Bipolarer Erkrankungen. Ein Absetzen von Lithium ist regelhaft mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, eine erneute Episode zu erleiden, vergesellschaftet. Zusätzlich
gibt es Fallberichte, die nahelegen, dass eine erneute Behandlung mit Lithium
nach einem vorherigen Absetzen mit einer verminderten phasenprophylaktischen Wirksamkeit einhergehen kann. Die vorliegende Studie nimmt sich
dieser Fragestellung im Rahmen einer Metaanalyse an.
Eingeschlossen wurden hierbei von den Autoren prospektive Studien, in denen
bipolare Patienten auf Lithium eingestellt wurden, dieses zu einem späteren
Zeitpunkt absetzten, in der Folge dann jedoch wieder auf Lithium eingestellt
wurden. Verglichen wurde für die vorliegende Arbeit der Zeitraum, in dem die
Patienten Lithium das erste Mal erhalten hatten mit dem Zeitraum, in dem sie
Lithium nach dem Absetzen wieder erhalten hatten.
Die Literatursuche ergab hierbei 5 relevante Arbeiten, von denen jedoch nur 3
die für die Metaanalyse notwendigen Angaben beinhalteten, insgesamt handelt
es sich um eine Stichprobe von n= 212. Die „pooled odds ratio“ für das
Auftreten einer oder mehrerer neuer Episoden nach der Unterbrechung der
Lithiumbehandlung im Vergleich zur kontinuierlichen Behandlung betrug
hierbei 1.40 (95 % confidence interval: 0.85-2.31; p=0.19). Somit ergab diese
Meta-Analyse zumindest keinen klaren Hinweis dafür, dass Lithium tatsächlich
weniger effektiv bei erneuter Gabe nach einer vorherigen Unterbrechung ist.
Das Ergebnis schließt allerdings nicht aus, dass es Untergruppen von mit
Lithium behandelten Patienten geben kann, auf die die getestete Hypothese
dieser Studie zutrifft.
Als limitierende Faktoren werden die geringe Anzahl der zur Verfügung
stehenden Studien genannt, ferner die Tatsache, dass Informationen bez.
potentieller konfundierender Variablen, wie zum Beispiel Begleitmedikation
oder Lithiumspiegel nur teilweise zur Verfügung standen. Somit fordern die
Autoren, dass weitere größere prospektive Studien notwendig sind, um die
Frage nach einer „Lithium Refraktärität“ nach vorherigem Absetzen sicher
beantworten zu können.
Seite 25
Abb. 24: Quelle (15)
Abb. 25: Quelle (15)
5.3
Niedrige Lithium-Serumspiegel (<0.6) zeigen schlechte
prophylaktische Wirksamkeit von Lithium in der Verhinderung
manischer und depressiver Episoden (16)
Ältere Studien zeigten, dass Lithium-Dosierungen unter 0.5 nicht die gewünschten Ergebnisse in der prophylaktischen Behandlung bipolarer Patienten
erbringen. Allerdings gibt es immer wieder positive Einzelfallberichte mit
niedrigerer Dosierung (0.4-0.6), die in der Regel ja auch besser verträglich sind
Seite 26
als höhere. In einer neuen internationalen, randomisierten Placebo-kontrollierten Studie wurde die Wirksamkeit von Lithium im Rahmen einer Zulassungsstudie eines atypischen Antipsychotikums als Goldstandard mit untersucht. In dieser Studie wurde gezeigt, dass Lithium signifikant die Zeit bis zu
einem Rezidiv verlängert im Vergleich zur Placebobehandlung.
In einer Post-hoc Analyse haben die Autoren nun untersucht, inwiefern die
Höhe des Lithiumspiegels einen Einfluss auf das Ergebnis in der zweijährigen
Studienphase hatte. Dabei zeigte sich ein deutlicher, klinisch relevanter
Befund: Patienten mit einem Lithiumspiegel von <0,6 zeigten signifikant
schlechtere Behandlungsergebnisse als die Gruppe der Patienten mit einem
Spiegel mit >0.6. Und dieser Befund bezieht sich sowohl auf die Verhinderung
manischer als auch depressiver Episoden gleichermaßen.
Abb. 26: Quelle (16)
Diese Studie bestätigt frühere Studienbefunde erneut, dass auf ausreichende
Lithiumspiegel in der Langzeitbehandlung bipolarer Patienten geachtet werden
muss. Ein Lithium-Serumspiegel von >0.6 ist dabei anzustreben zur optimalen
Phasenprophylaxe. Das regelmäßige (ca. alle 3 Monate) Monitoring hat dabei
eine bedeutende Rolle (s. auch nachstehender Beitrag).
5.4
Monitoring der Lithium Langzeitbehandlung: helfen
Qualitätsverbesserungsprogramme? (17)
Lithium gilt auch heutzutage als Standard in der Langzeitbehandlung Bipolarer
Erkrankungen, zudem ist seine Wirksamkeit in der Rückfallprophylaxe
wiederkehrender depressiver Episoden im Rahmen einer Majoren Depression
erwiesen. Lithium hat allerdings auch einen engen therapeutischen Index,
zudem kann es auch innerhalb dieses Indexes zu Nebenwirkungen kommen;
zu nennen sind hier Veränderungen in der Schilddrüsenfunktion, zumeist im
Sinne einer Hypothyreose und Struma, zum anderen, gerade wenn langfristig
eingenommen, zu einer eingeschränkten Nierenfunktion. Vor diesem
Hintergrund existieren von verschiedenen Leitlinien Empfehlungen hinsichtlich
der zu kontrollierenden Laborparameter, vor als auch während der Behandlung
Seite 27
mit Lithium. Zusätzlich sind Patienten über diese Notwendigkeiten als auch die
möglichen Zeichen von Intoxikationen vor Einnahme des Medikamentes
aufzuklären (Psychoedukation!).
Abb. 27: Quelle (17)
Die vorliegende Studie untersuchte, inwiefern solche Richtlinien, in diesem Fall
von NICE (Grossbritannien) tatsächlich umgesetzt werden – und inwiefern
hierbei ein Qualitätsverbesserungsprogramm helfen kann. Durchgeführt wurde
die Studie in Grossbritannien, vom „Prescribing Observatory for Mental Health
(POMH-UK)“, auf freiwilliger Basis, es gab insgesamt drei sogenannte „audits“,
wobei beim „baseline audit“ 38 NHS Trusts Daten von 3,373 Patienten aus 436
klinischen Teams beisteuerten. Das Qulitätsverbesserungsprogramm beinhaltete neben dem Monitoring der interessierenden Parameter u.a. die Bereitstellung von Patientenbroschüren als auch von Dokumentationsmöglichkeiten
für die entsprechenden Parameter.
Im Vergleich zum Baseline Wert (2008) zeigte sich beim ersten follow-up
(2010), dass der Anteil der Patienten auf Lithium, die mindestens 4 Lithiumspiegelbestimmungen aufwiesen, von 30 % auf 48 % angestiegen war, für die
Nierenfunktion betrug der Prozentsatz der Patienten, die mindestens zwei
Nierenfunktionstests während eines Jahres aufwiesen, 55 % bzw. 70 %, für die
Schilddrüsenfunktion 49 % bzw. 66 %. Ältere Patienten als auch solche, die
zusätzlich eine Begleitmedikation hatten, von der bekannt ist, dass sie potentiell mit Lithium interferieren kann, wurden nicht öfter gemonitort.
Seite 28
Abb. 28: Quelle (17)
Fazit: Die vorliegende Studie zeigt, dass durch geeignete Qualitätsverbesserungsprogramme der Anteil der mit Lithium behandelten Patienten, der
die nach Guidelines empfohlenen Begleituntersuchungen erhält, deutlich
gesteigert werden kann. Allerdings verbleibt auch bei dieser Studie, je nach
Parameter, ein Anteil von bis zu 50 % der Patienten, der weiterhin nicht Leitlinien-gerecht behandelt wird. Hier ist nach weiteren Interventionsmöglichkeiten
zu suchen, um auch für diese eine sichere und effektive Behandlung mit
Lithium sicher zu stellen.
5.5
The International Society for Bipolar Disorders (ISBD) Task
Force: Bericht über den Einsatz von Antidepressiva bei
Bipolaren Störungen (18)
Eine internationale Expertengruppe, eingesetzt von der globalen Fachgesellschaft „International Society for Bipolar Disorders“ (ISBD), entwickelte ein
Konsensuspapier auf der Basis der Delphi-Methode über den Einsatz von Antidepressiva in den verschiedenen Behandlungsphasen Bipolarer Störungen.
Als Basis für die Umfrage unter den Experten diente eine systematische
Literatursuche zur Identifizierung aller relevanten kontrollierten Studien zu den
verschiedenen Fragestellungen. Die wesentlichen Ergebnisse der Task Force
sind wie folgt:
•
Es findet sich eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem weitverbreiteten
Einsatz von Antidepressiva und der zugrundeliegenden geringen Evidenz
aus kontrollierten Studien (u.a. Zahl der Studien, Effektstärken) (s.
Tabelle).
•
Insgesamt ist die Zahl aussagekräftiger kontrollierter Studien als zu gering
zu bezeichnen, um sichere Aussagen über den Einsatz von Antidepressiva zu machen. Wenn es im Einzelfall anamnestisch positive
Seite 29
Behandlungserfahrungen mit Antidepressiva gibt, ist der Einsatz gerechtfertigt (gilt sowohl für die Akutphase-Therapie als auch die Rezidivproprophylaxe).
•
Bei der Bipolar I Störung sollten Antidepressiva allerdings nur zusammen
mit einem Stimmungsstabilisierer gegeben werden; für die Gruppe der
SSRI und Bupropion ist das Risiko eines „Switch“ in die Manie niedriger
als für die Gruppe der Trizyklika, Tetrazyklika oder SNRIs (Venlafaxin,
Duloxetin).
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Empfehlungen in den
verschiedenen Behandlungsphasen und Indikationen.
Abb. 29: Quelle (18)
Seite 30
Abb. 30: Quelle (18)
Abb. 31: Quelle (18)
Seite 31
Studien mit neuen oder experimentellen Substanzen in der Therapie
Bipolarer Störungen
5.6
Lurasidon Monotherapie in der Behandlung der Bipolar-IDepression: Eine randomisiert, doppel-blind, Placebokontrollierte Studie (19)
In dieser Studie wurde die Effektivität und das Sicherheitsprofil von Lurasidon
bei der Behandlung von Patienten mit einer depressiven Episode bei bekannter
Bipolar I Störung evaluiert. Eingeschlossen wurden Patienten im Alter
zwischen 18 und 75 Jahren mit einer depressiven Episode von ≥4 Wochen
Dauer und einem Wert ≥20 auf der Montgomery-Asberg-Depressions-Skala
(MADRS). In der dreiarmigen Studie erhielten die Teilnehmer entweder
Lurasidon 20-60 mg/Tag (n=166), 80-120 mg/Tag (n=169) oder Placebo
(n=170) über einen Zeitraum von 6 Wochen. Primärer Endpunkt war die Reduktion des MADRS im Vergleich zur Baseline. Eine vorbestehende phasenprophylaktische Begleitmedikation wurde für den Studienzeitraum abgesetzt.
Im Vergleich zu Placebo war in beiden Dosisgruppen (Lurasidon) eine
signifikante Überlegenheit gegenüber der Placebo-Bedingung festzustellen.
Nach 6 Wochen war in der 20-60 mg/Tag Gruppe eine Reduktion von 15,4
(Effektstärke=0,51), in der 80-120 mg/Tag Gruppe eine Reduktion von
ebenfalls 15,4 (Effektstärke=0,51) und in der Placebo-Gruppe eine Reduktion
von 10,7 im MADRS Score ermittelt worden. Eine signifikante Verbesserung
trat auch in den sekundären Endpunkten dem CGI-BP, sowie der Angstsymptomatik und der Lebensqualität auf. Die Drop-out Raten unterschieden
sich zwischen den Gruppen nicht signifikant.
Die am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Kopfschmerzen, Bewegungsunruhe und Schläfrigkeit. Es wurden minimale Veränderungen im Gewicht, den Blutfetten und dem Zuckerstoffwechsel gemessen.
Abb. 32: Quelle (19)
Seite 32
Abb. 33: Quelle (19)
Fazit: Eine Monotherapie mit Lurasidon in der Dosis zwischen 20-120 mg/Tag
führt – bei einem günstigen Nebenwirkungsprofil- zu einer signifikanten
Besserung der depressiven Symptomatik in Patienten mit einer Bipolar Typ I
Depression.
Anmerkung: Lurasidon ist zur Behandlung der Bipolaren Störung bislang nur
von der US amerikanischen FDA zugelassen, aber noch nicht in Europa/
Deutschland.
5.7
Lurasidon als Begleittherapie („add-on“) zu Lithium oder
Valproat in der Behandlung der Bipolar-I-Depression: Eine
randomisiert, doppel-blind, Placebo-kontrollierte Studie (20)
Lurasidon als Begleittherapie zu Lithium oder Valproat in der Behandlung von
Patienten mit einer depressiven Episode bei bekannter Bipolar 1 Störung
evaluiert. Eingeschlossen wurden Patienten im Alter zwischen 18 und 75
Jahren mit einer depressiven Episode von ≥4 Wochen Dauer und einem Wert
≥20 auf der Montgomery-Asberg-Depressions-Skala (MADRS). Die Patienten
mussten zuvor mindestens 28 Tage mit einer suffizienten Dosis Valproat oder
Lithium behandelt worden sein. In der zweiarmigen Studie erhielten die
Teilnehmer über einen Zeitraum von 6 Wochen Lurasidon in einer Dosierung
zwischen 20-120 mg/Tag (n=183) oder Placebo (n=165). Primärer Endpunkt
war die Reduktion im MADRS-Score im Vergleich zur Baseline.
Die Behandlung mit Lurasidon führte zu einer signifikanten Reduktion des
MADRS-Score im Vergleich zu Placebo (-17,1 vs. -13,5; Effektstärke=0,34).
Bezüglich der sekundären Endpunkte wurde eine signifikante Verbesserung
des CGI-BP, der Angst-Symptomatik und der Lebensqualität festgestellt. Die
Drop-out Rate war in der Lurasidon Gruppe leicht erhöht (7,9 % vs. 6,0 %). Die
am häufigsten berichteten Nebenwirkungen in der Lurasidon Gruppe waren
Übelkeit, Schläfrigkeit, Tremor und Bewegungsunruhe. Es wurden minimale
Veränderungen im Gewicht, den Blutfetten und dem Zuckerstoffwechsel
gemessen.
Seite 33
Abb. 34: Quelle (20)
Fazit: Eine Begleittherapie mit Lurasidon in der Dosis zwischen
20-120 mg/Tag bei vorbestehender suffizienter Behandlung mit entweder
Lithium oder Valproat führt zu einer signifikanten Besserung der depressiven
Symptomatik in Patienten mit einer Bipolar Typ I Depression.
Anmerkung: Lurasidon ist zur Behandlung der Bipolaren Störung bislang nur
von der US amerikanischen FDA zugelassen, aber noch nicht in Europa/
Deutschland.
5.8
Supraphysiogische L-Thyroxin zur Behandlung der Bipolaren
Depression (21)
Eine Therapiealternative bei therapieresistenten Patienten mit unipolarer
Depression ist die Augmentationsbehandlung mit Schilddrüsenhormonen.
Studien, die die Wirkungen von Schilddrüsenhormonen bei behandlungsresistenten Depressionen untersuchten, wurden überwiegend mit Triiodthyronin
(T3) durchgeführt, allerdings ohne einheitliche positive Studienergebnisse. Zur
Augmentation mit L-Thyroxin (L-T4, in supraphysiologischer Dosis,
300-400 µg/Tag) liegen bisher nur kleinere Studien vor, die die Wirksamkeit
dieses Verfahrens zeigen.
Die Autoren Stamm und Kollegen (2013) führten nun erstmals in einem multizentrischen Design eine randomisierte, doppel-blinde, Plazebo-kontrollierte
Studie mit L-T4 (300 µg/Tag) bei bipolarer Depression durch. Patienten mit
resistenter depressiver Episode wurden über 6 Wochen augmentativ mit dem
Schilddrüsenhormon behandelt. Im primäre Outcome-Parameter zeigte sich
eine deutliche Absenkung der Depressionsschwere (7.8 Punkte auf der
Hamilton Depressionsskala), allerdings war der Unterschied zu Placebo zum
Studienende nach 6 Wochen statistisch nicht signifikant (p=0.198). In einer
post-hoc Analyse zeigte sich jedoch ein solcher signifikanter Effekt für die
Gruppe der Frauen (p=0.12). Hohe TSH Werte (=Indikator für eine relativ
hypothyreote Stoffwechsellage) vor Beginn der Behandlung waren ein
Prädiktor für ein gutes Ansprechen auf die L-T4 Behandlung bei Frauen
(p=0.05). Die Verträglichkeit wurde insgesamt als gut berichtet; innere Unruhe
trat in der Verumgruppe (L-T4) häufiger auf.
Seite 34
Abb. 35: Quelle (21)
Fazit: Bei Frauen ist die Augmentationstherapie mit hochdosiertem L-Thyroxin
eine neue Behandlungsalternative bei therapieresistenten Patienten mit
bipolarer Depression. Die Autoren weisen auf die sorgfältige Auswahl (z.b.
Ausschluss kardial kranker Patienten) der Patienten hin, die für dieses
Verfahren in Frage kommen.
5.9
Ketamin bei affektiven Störungen: Zuammenfassung von
klinischer Wirksamkeit, Wirkmechanismen und Anwendungsbeschränkungen (22)
Die Autoren erstellten ein systematisches Review zur klinischen Anwendung
des NMDA (N-Methyl-D-Aspartat) Rezeptor-Antagonisten Ketamin (ein seit
längerem vor allem in der Narkosebehandlung gebräuchlichen und zugelassenes Medikament), der sich zunehmend als schnell-wirksames Antidepressivums etabliert. Hierbei wurden Daten aus 143 Publikationen der
letzten 40 Jahre im Hinblick auf klinische Wirksamkeit bei affektiven Störungen
(unipolar und bipolar), Wirkmechanismen und zukünftige Möglichkeiten, sowie
Limitationen in der Anwendung berücksichtigt.
Mehrere kleinere randomisierte, plazebo-kontrollierte Studien zeigten eine
rasche, 1-2 Wochen anhaltende hohe Wirksamkeit einer einmaligen i.v. Gabe
auf depressive Symptome einschließlich Suizidgedanken bei zum Teil therapieresistenten depressiven Patienten. Kürzlich wurde zudem in einer größeren
randomisierten Studie an 73 Patienten eine gegenüber der i.v. verabreichten
Vergleichssubstanz aus der Gruppe der Benzodiazepine (Midazolam) deutlich
überlegene Wirksamkeit bei Linderung depressiver Symptome demonstriert.
Die klinisch als moderat bis schwerwiegend zu gewichtenden, typischen
Nebenwirkungen nach Einmalgabe sind gut charakterisiert und umfassen in
der Regel maximal 2 Stunden anhaltende Zustände von Verwirrtheit, Wahrnehmungsstörungen, Euphorie Blutdruckerhöhungen und Schwindel. Demgegenüber sind evidenzbasierte Aussagen zur Tolerabilität bei langfristiger
Anwendung derzeit noch nicht möglich.
Bezüglich der Wirkmechanismen legen präklinische Studien sowohl einen
Seite 35
NMDA Rezeptorantagonismus mit nachfolgender Modulation des glutamatergen Systems, als auch eine Induktion neuro- und synaptogenetischer
Prozesse nah.
Abb. 36: Quelle (22)
Fazit: Zusammenfassend bietet die klinische und präklinische Anwendung von
Ketamin eine Möglichkeit, die Bedeutung des glutamatergen Systems in der
Pathophysiologie affektiver Störungen zu profilieren. Die ersten Studiendaten
bei therapierefraktären depressiven Patienten geben Anlass zu optimistischer
Betrachtung. Zur Etablierung eines breiten therapeutischen Nutzens und
Einsetzbarkeit werden allerdings weitere Studiendaten zur klinischen Wirksamkeit und vor allem auch Verträglichkeit langfristiger Anwendungen benötigt.
6.
Psychotherapie und andere Therapien
6.1
Familien-fokussierte Therapie als Frühintervention bei symptomatischen Jugendlichen mit hohem Risiko für Bipolare
Störungen (23)
In der Veröffentlichung der Gruppe um David Miklowitz (23) werden
Ergebnisse einer randomisierten, kontrollierten und Rater-verblindeten Studie
zur spezifischen Familien-fokussierten Psychotherapie bei Hochrisikopersonen
für die Entwicklung bipolarer Störungen berichtet. In der Studie wurden 40
Jugendliche (mittleres Alter 12,3±2,8 Jahre) per Zufall der Familienfokussierten Therapie (n=21) oder einer Psychoedukations-Kontrollgruppe
(n=19) zugeteilt. Einschlusskriterien waren das Vorliegen einer Bipolar-I- oder
-II-Störung bei einem Verwandten ersten Grades und die Erkrankung des
Jugendlichen selbst an einer unipolar-depressiven Störung, einer Zyklothymie
oder einer bipolaren Störung, welche die diagnostischen Kriterien für eine
Bipolar-I oder II nicht erfüllt. Außerdem mussten in den letzten 2 Wochen vor
Einschluss affektive Symptome vorgelegen haben. Die spezifischen Familienfokussierten Therapiesitzungen widmeten sich der Psychoedukation, der
Seite 36
Kommunikations- und Problemlösungsfertigkeiten. Siebzehn der 21 eingeschlossenen Familien nahmen an mindestens 10 der 12 Sitzungen der
Familien-fokussierten Therapie teil, die über vier Monate angeboten wurden,
einige nahmen darüber hinaus bis sechs Krisensitzungen wahr. In der
Kontrollgruppe besuchten 18 der 19 Familien mindestens eine der beiden
Psychoeduktionssitzungen.
Die Teilnehmer beider Gruppen wurden im Mittel 45 Wochen nachbeobachtet.
Der Hauptendpunkt der Studie, die Zeit bis zur Genesung, war signifikant
kürzer in der Interventions- als der Kontrollgruppe (P=0,047). Über die Followup-Zeit verbrachten die Jugendlichen der Interventionsgruppe signifikant mehr
Zeit in Remission als die der Kontrollgruppe (26,8 vs. 19,5 Wochen, p<0.001).
Abb. 37: Quelle (23)
Abb. 38: Quelle (23)
Seite 37
Abb. 39: Quelle (23)
Fazit: Die Studie ist eine der wenigen Studien zur frühen Intervention bei
Hochrisikopersonen für die Entwicklung bipolarer Störungen, die bislang
publiziert sind. Durch die methodische Güte mit Randomisierung,
Kontrollbedingung und Verblindung des die Studienendpunkte erfassenden
Mitarbeiters, ist sie als sehr wertvoll zu betrachten. Limitierend sind die geringe
Fallzahl und die fehlende Vergleichbarkeit der Intensität der Therapien (12
Sitzungen Familien-fokussierte Therapie vs. 2 Sitzungen Psychoedukation) zu
berücksichtigen. Ferner ist zu beachten, dass zu Studienbeginn 60 % der
Teilnehmer mindestens eine psychotrope Medikation erhielten (einschließlich
Antidepressiva, Antipsychotika, Stimmungsstabilisierer und Stimulantien).
6.2
„Functional remediation“: Randomisierte Studie eines neuen
neurokognitiven Interventionsprogrammes (24)
Es ist gut untersucht, dass 40-60 % der Patienten mit einer bipolar affektiven
Störung neurokognitive Beeinträchtigungen nicht nur während akuten
Stimmungsepisoden sondern auch während euthymen Perioden erfahren. Bis
vor kurzer Zeit wurden Strategien des „kognitiven Trainings“ in erster Linie
jedoch als eine Intervention für schizophren erkrankte Patienten angesehen
und es gab kaum Wissen über die Wirkung von „neurokognitivem Training“ bei
Patienten mit affektiven Erkrankungen.
Die Autoren Torrent et al. (24) wollten deshalb mit Ihrer Studie die Wirksamkeit
von „funktionalem Training“ („functional remediation“) in einer Stichprobe von
euthymen Patienten mit bipolar affektiver Störung beurteilen. „Funktionales
Training“ ist ein neues neurokognitives Interventionsprogramm, welches
speziell für bipolar erkrankte Patienten entwickelt wurde und neurokognitive
Themen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und exekutive Funktionen trainiert,
dabei aber den Schwerpunkt auf die Erfüllung der notwendigen Anforderungen
des Alltags legt. Die Patienten werden angeleitet zu Übungen hinsichtlich ihrer
Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Problemlösefähigkeit, „Multitasking“ und
Organisation, um ihre funktionalen Fähigkeiten zu verbessern.
In einer multizentrischen randomisierten, Rater-verblindeten klinischen Ver-
Seite 38
suchsanordnung mit 239 ambulanten Patienten mit bipolarer Störung nach
DSM-IV-Kriterien, wurde „funktionales Training“ (N=77) über 21 Wochen lang
mit Psychoedukation (N=82) und „Routinebehandlung (TAU)“ (N=80) verglichen. Die pharmakologische Behandlung wurde in allen drei Gruppen unverändert belassen.
Die primären Ergebnisvariablen waren Verbesserungen in der „Allgemeinen
psychosozialen Funktionsfähigkeit“, verblindet gemessen als die durchschnittliche Veränderung in der Bewertung des „Functioning Assessment Short Form
(FAST)“ im Zeitraum zwischen Beginn und Ende des Behandlungszeitraumes.
Der Functioning Assessment Short Test (FAST) ist ein Fragebogen zur
Erfassung der grundlegenden Funktionsprobleme von psychiatrischen
Patienten, insbesondere auch bipolar affektiv Erkrankter. Der Fragebogen umfasst 24 Items um Beeinträchtigungen und Behinderungen in sechs
spezifischen Bereichen der Funktionalität zu beschreiben: Selbständigkeit,
berufliche Funktionsfähigkeit, kognitive Funktionen, Fertigkeiten im Bereich
Finanzen, in zwischenmenschlichen Beziehungen und im Bereich Freizeit.
Am Ende der Studie hatten 183 Patienten die Interventionsphase beendet. Die
Ergebnisse der Analysen zeigten signifikante funktionale Verbesserungen über
den Behandlungszeitraum der 21 Wochen hinweg, welche einen Zusammenhang zwischen Behandlungsaufgabe und Zeit nahelegen. Turkey’s Post hoc
Tests zeigten, dass sich „funktionales Training“ signifikant von den Bedingungen der Routinebehandlung (TAU) unterscheidet, aber nicht von Psychoedukation.
Fazit: “Funktionales Training” als eine neue Gruppenintervention ist wirksam
bezüglich von Verbesserungen im funktionalen Ergebnis in einer Stichprobe
von euthymen bipolar affektiv Erkrankten verglichen mit den Bedingungen der
Routinebehandlung (TAU).
Abb. 40: Quelle (24)
Seite 39
Abb. 41: Quelle (24)
7.
Leitlinien
7.1
Deutschland: S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen – wesentliche Empfehlungen zur Rezidivprophylaxe (25)
Die im Jahre 2012 online verfügbare erste deutschsprachige evidenz- und
konsensbasierte S3-Leitlinie Bipolare Störungen, herausgegeben von der
Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) e.V. und der
Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde
(DGPPN), wurde nun 2013 kompakt und damit anwenderfreundlicher auch als
Buch publiziert. Diese Leitlinie ermöglicht Ärzten, Therapeuten, Patienten und
Angehörigen mehr Sicherheit in der Entscheidungsfindung. Neben Empfehlungen zur Diagnostik und Behandlung enthält die Leitlinie auch solche zum
trialogischen Handeln, zu Wissensvermittlung und Selbsthilfe sowie zu Versorgungsstrategien für diese komplexe Erkrankung.
S3 (Stufe 3) steht für die bestmöglichste evidenzbasierte Methodik, die eine
Leitlinie derzeit haben kann. Dies bedeutet unter anderem, dass die gesamte
internationale wissenschaftliche Fachliteratur systematisch aufzubereiten und
zu bewerten war, und dass sich alle relevanten Gruppen in einem Konsensusverfahren auf die Empfehlungen der Leitlinie einigen mussten.
Das Kapitel Therapie gliedert sich in die verschiedenen Ziele der Behandlung
(Grundsätzliches, Behandlung der akuten Manie, Behandlung der akuten
bipolaren Depression, Phasenprophylaxe, spezielle Patientengruppen und
spezielle Therapiesituationen). Bezüglich vieler pharmakotherapeutischer
Fragen stellten sich Erkenntnisdefizite und Forschungsbedarf heraus. Daher
konnten nur in seltenen Ausnahmefällen Empfehlungen mit dem höchsten
Empfehlungsgrad A („soll eingesetzt werden“) vergeben werden. Dennoch
bemüht sich die Leitlinie, für alle klinisch relevanten Konstellationen
Seite 40
Empfehlungen oder Hinweise zu geben. Drei farbige Grafiken fassen die
Empfehlungen für die Initialbehandlung und für die nachfolgenden Schritte im
Falle unzureichender Response zusammen.
Abb. 42: Quelle (25)
Im Folgenden ist ein Algorithmus abgebildet, der die Empfehlungen zur
Phasenprophylaxe bei Bipolaren Störungen zusammenfasst.
Abb. 43: Quelle (25)
1 Gegen depressive Episoden bei Ansprechen in Akutphase, KKP für Einsatz
gegen depressive Episoden auch ohne Ansprechen in Akutphase, 2 gegen
manische Episoden bei Ansprechen in Manie, 3 bei Rapid Cycling, 4 bei
Ansprechen in Manie, 5 Depotpräparat, bei Ansprechen in Akutphase, 6 bei
Ansprechen auf diese Kombination in Akutbehandlung, 7 bei Ansprechen auf
ZIP in Manie, 8 bei Beginn in akuter Phase und längerfristiger Planung,
*Behandlung wie üblich: Jede Monotherapie und Kombination von Antidepressiva Stimmungsstabilisierer und Anxiolytika erlaubt. Empfehlungsgrade:
Seite 41
A, B, 0, KKP (klinischer Konsenspunkt). ARI Aripiprazol, CBZ Carbamazepin,
DVP Valproat, EKT Elektrokonvulsionstherapie, FFT familienfokussierte
Therapie, IPSRT interpersonelle und soziale Rhythmustherapie, KVT kognitive
Verhaltenstherapie, LAM Lamotrigin, Li Lithium, OLZ Olanzapin, PE Psychoedukation, QUE Quetiapin, RIS Risperidon, ZIP Ziprasidon
Abb. 44: Quelle (25)
Abb. 45: Quelle (25)
Seite 42
Abb. 46: Quelle (25)
Abb. 47: Quelle (26)
7.2
Canada: CANMAT Leitlinie Therapie Bipolarer Störungen, Update
2013 (27)
Eine weitere Leitlinie, die seit vielen Jahren international beachtet wird, auch
weil sie jedes Jahr aktualisiert wird, ist die des Canadian Network for Mood and
Anxiety Treatments (CANMAT). Für die Behandlung der depressiven Phase,
der manischen Phase und der Rezidivprophylaxe gibt es in diesen Leitlinien
Übersichten, für welche Substanzen es hohe Evidenz gibt und für welche
weniger. Diese Tabellen sind im folgenden abgebildet („first line, second line,
third line, not recommended“ sind die verschiedenen Kategorien).
Seite 43
Abb. 48: Quelle (27)
Abb. 49: Quelle (27)
Seite 44
Abb. 50: Quelle (27)
Abb. 51: Quelle (27)
7.3
World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP)
Guidelines for the Biological Treatment of Bipolar Disorders:
Update 2012 on the long-term treatment of bipolar disorder (28)
Die Globale Fachgesellschaft der biologisch-psychiatrischen Gesellschaften,
die World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP), entwickelt
seit vielen Jahren Behandlungsleitlinien für alle wesentlichen psychiatrischen
Erkrankungen. Es handelt sich dabei um evidenzbasierte Leitlinien, die von
Seite 45
einer international besetzten Expertengruppe zusammengestellt werden. Zur
Indikation der Rezidivprophylaxe („maintenance treatment“) bipolarer
Störungen gibt es nun eine aktualisierte Version (28). Bemerkenswert und für
den Leser hilfreich ist der nachstehende Algorithmus zur Integrationsstellung
einer Rezidivprophylaxe. Die Abbildung gibt einen Überblick über diesen
Algorithmus, in dem je nach Abhängigkeit der Anzahl der bisherigen Episoden
und dem Vorliegen einer positiven Familiengeschichte das weitere Procedere
empfohlen wird.
Abb. 52: Quelle: (28)
Seite 46
8.
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