Im Zeichen des Orpheus

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Magazin der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
März 2017
Im Zeichen des Orpheus
Monteverdi und die Anfänge der Oper
Claudio Monteverdis „Orfeo“ geht, fast auf den Tag genau, 410 Jahre nach der Uraufführung
in Mantua über die Bühne des Großen Musikvereinssaals: Anlass zu Gedanken über Ursprung
und Wesen des Musiktheaters.
Jedes Konzert im Musikverein steht im Zeichen des Orpheus. Kein Besucher kann ihn
vermeiden, so zentral wie ihn der Ringstraßen-Bildhauer Franz Melnitzky (übrigens auch
Urheber der vergoldeten Karyatiden im Großen Musikvereinssaal) im Giebelfeld über dem
Haupteingang platziert hat. Die Skulpturengruppe zeigt die Fabel des Orpheus in ihrem
schönsten Moment, kurz vor dem tragischen Umschwung, gleichsam den fruchtbaren Moment
der Geschichte. In streng klassizistischer Frontalität sitzend, rührt der antike Sänger die Lyra –
und die ihn umgebenden Götter zu Tränen. So entlassen sie die am Schlangenbiss
verstorbene Eurydike – links an ihren Gatten gelehnt – wieder aus dem Totenreich zu den
Lebenden. Die Macht der Musik überwindet den Tod – vorübergehend, denn wir wissen, wie
tragisch die Geschichte ausgegangen ist.
Zwar muss sich selbst die Musik der Sterblichkeit alles Irdischen beugen, doch: Wenn der
Mensch in seiner Qual verstummt, gab ihm ein Gott zu sagen, wie er leidet. Goethes Verse
aus seinem Schauspiel „Torquato Tasso“ über den Künstler und die Kunst schlechthin
spiegeln sich im Orpheus-Mythos – der Gesang hilft ihm, den Schmerz des Verlustes zu
bewältigen. In der Kunst sublimiert er das Leid.
Magische Verknüpfung
Der historische Tasso stellt die Assoziation zu den oberitalienischen Fürstenhöfen der
Renaissance her, in deren Umfeld der Orpheus der Antike zu neuzeitlichem Leben erweckt
wurde und zugleich eine neue Kunstgattung inspirierte: die Oper. Betrachtet man deren
Entwicklung, fällt die fast magische Verknüpfung mit der Fabel des Sängers ins Auge.
Wesentliche Punkte in der Entwicklung des Musiktheaters verbinden sich mit Orpheus. Außer
der Geburt der Oper aus dem Geist dieses Mythos um 1600 auch die Regeneration rund 150
Jahre später: Mit „Orfeo ed Euridice“ erfolgt die Rückbesinnung auf den Verlauf der Handlung
und deren musikalische Durchgestaltung anstelle einer Kette aneinandergereihter
Bravourarien. Die Opernreform Christoph Willibald Glucks entfaltete ihre Wirkung noch bei den
durchkomponierten Musikdramen Richard Wagners. Und ein Jahrhundert nach Gluck, als der
Orpheus-Mythos auf der Opernbühne längst passé war, erfand Jacques Offenbach mit
„Orpheus in der Unterwelt“ die Operette und damit einen Zweig des musikalischen
Unterhaltungstheaters, der im Musical weiterlebt und mit neuen Schöpfungen bis in die
Gegenwart breitenwirksam Erfolge feiert.
Zentraler Umschlagplatz
Was Orpheus für die Oper, ist Mantua für Orpheus – der zentrale Umschlagplatz dieser
Geschichte durch mehr als 16 Jahrhunderte. Die älteste überlieferte Gestaltung des Mythos in
der Literatur – zweifellos auf griechischen Ursprüngen basierend – stammt von Publius
Vergilius Maro, geboren im Jahr 70 vor Christus in Mantua. Sein Lehrgedicht „Georgica“
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widmet sich in vier Büchern Themen der Landwirtschaft. Das vierte handelt von der Imkerei.
Aristaios, Sohn des Apollo und Bienenzüchter, stellt in Thrakien der Eurydike nach, die auf der
Flucht vor ihm auf eine Schlange tritt und als Folge des tödlichen Bisses in der Unterwelt
verschwindet. Ihr Gatte Orpheus steigt hinab zu den Toten und rührt mit seinem Klagegesang
die Götter der Unterwelt:
„Da ward still das ganze Haus,
die Höhle des Todes,
Selbst die Geister der Rache,
das Haar umwunden mit Schlangen,
Hielten still, es schwieg des Kerberos
klaffender Rachen.
Und schon kehrt er zurück,
entronnen aller Gefahr, schon
Stieg, ihm wiedergeschenkt,
Eurydike auf zu der Lichtwelt
Hinter ihm – also war’s von
Proserpina selber geboten.“
Ausführlicher noch als Vergil behandelt rund dreißig Jahre später Publius Ovidius Naso den
Mythos in seinen „Metamorphosen“, besonders den endgültigen Verlust der Gattin: Orpheus
verstößt gegen das Verbot Plutos, sich umzudrehen. Ovid motiviert diesen verhängnisvollen
Fehler psychologisch:
„Nicht mehr fern ist die Grenze
der oberen Welt: da befürchtet
Er, der Liebende, dass sie ermatte;
er sehnt sich nach ihrem
Anblick und schaut sich um: Schon ist die
Geliebte entglitten.“
Dramatische Gestaltung
Fast eineinhalb Jahrtausende nach diesen Hexametern erscheint Orpheus erstmals in
italienischer Sprache (mit lateinischen Einsprengseln) und in dramatischer Gestaltung. Der
Auftrag kam von Francesco Gonzaga, dem Kardinal von Mantua. Im Palazzo Ducale in
Mantua wurde die „Fabula d’Orfeo“ des Florentiners Angelo Poliziano 1480 uraufgeführt. Die
400 Verse orientieren sich inhaltlich genauestens an ihren antiken Vorbildern – von Eurydikes
Tod über die Totenklage des Orpheus in der Unterwelt und den neuerlichen Verlust der Gattin
bis zum grausamen Tod des Sängers, der von den rasenden Mänaden zerrissen wird. Nicht
überliefert ist die Musik zu dem Schauspiel, jedoch darf man als sicher annehmen, dass
manche der vielfältigen lyrischen Formen (Terzinen, Oktaven, Canzonen, Sapphische Oden)
gesungen wurden. Noch aber ist es keine Oper!
Bukolik und Mythos
Aus dem Geiste des Orpheus sollte sie erstehen: In Florenz zur Vermählung der Prinzessin
Maria de Medici mit dem französischen König Heinrich IV. anno 1600 wurde im Palazzo Pitti
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„L’Euridice“ von Jacopo Peri auf einen Text von Ottavio Rinuccini uraufgeführt. Diese erste
erhaltene Oper der Geschichte (ihre zwei Jahre ältere Vorgängerin „La Dafne“ vom selben
Autorenpaar ist verloren) ist dem Missverständnis zu verdanken, dass man das antike
Schauspiel zu rekonstruieren glaubte.
Daneben bezog man sich auf das damals neue Schäferspiel, als dessen Paradebeispiel
Torquato Tassos „Aminta“ (1573) gilt. Dazu passt auch das Lieto fine: Gemeinsam mit Hirten
und Nymphen feiert das endgültig vereinte Paar den glücklichen Ausgang der Geschichte. Mit
der Verschmelzung von bukolischem Hirtenspiel und antikem Mythos war endgültig der Boden
bereitet, auf dem Werke von bleibender Bedeutung für das Opernrepertoire gedeihen konnten.
Auftritt: Musica
Die älteste noch heute gespielte Oper, „L’Orfeo“ von Alessandro Striggio und Claudio
Monteverdi, erblickte am 24. Februar 1607 in Mantua das Licht der Bühnenwelt.
Mantua: Das war der Hof der Familie Gonzaga. Vinzenzo I., Sohn der Habsburger Prinzessin
Eleonore und Enkel des Kaisers Ferdinand I., war nicht nur der bedeutendste Vertreter seines
Geschlechtes, sondern auch einer der großen Renaissancefürsten und Mäzene, denen Italien
seinen kulturellen Reichtum verdankt. Er befreite den kränklichen Torquato Tasso aus seinem
mehrjährigen Gefängnisaufenthalt am Hof in Ferrara. Er holte den jungen Rubens als Hofmaler
nach Oberitalien und ermöglichte ihm mehrjährige Studienaufenthalte in Rom. Für die Musik
erwarb sich Herzog Vincenzo unsterbliche Verdienste, indem er 1590 aus Cremona den
23-jährigen Madrigalkomponisten Claudio Monteverdi als Violaspieler für seine Hofkapelle
verpflichtete. 1601 beförderte er ihn zum Maestro della Musica, zum Hofkapellmeister.
Als der „Orfeo“ entstand, schrieb Shakespeare „König Lear“ und „Macbeth“, Caravaggio
malte den „David mit dem Kopf des Goliath“. Allerdings stand die Oper – anders als das
Drama und die Malerei – erst am Beginn ihrer Geschichte. Gemeinsam mit seinem Librettisten
löst sich Monteverdi von der vermeintlichen Wiedererweckung des antiken Schauspiels. Als
Prolog tritt nicht mehr, wie in der „Euridice“, die Tragedia auf, sondern die Musica: „Io la
Musica son“, verkündet sie selbstbewusst. Auch der Ausgang der Oper unterscheidet sich von
Jacopo Peris Vorbild. Orfeo und Euridice bleiben getrennt, doch erhebt Apoll den Sänger zu
den Sternen und tröstet ihn über den Verlust der Gattin: „In der Sonne und in den Sternen
wirst du ihr schönes Ebenbild entdecken.“
In Glück und Leid
Apoll ist es auch, der die Fehler Orfeos kommentiert: „Viel zu sehr freutest du dich über dein
heiteres Glück, nun weinst du zu sehr über dein hartes, grausames Los.“ In dieser Kritik am
„troppo“ klingt die griechische Weisheit des „????? ????“ durch. Diese warnende Inschrift soll
sich am Apollotempel beim Orakel in Delphi befunden haben: Nichts im Übermaß! Das Erbe
der griechischen Tragödie bleibt seinem Gehalt nach in der neuen Kunstgattung der Oper
bewahrt, indem diese über ihre Handlung hinausweist. Etwa wenn der Chor der Geister nach
der endgültigen Rückkehr Euridices in die Unterwelt singt: „Ewigen Ruhm verdient nur der, der
sich selbst besiegt.“
Monteverdi und Striggio zeigen mit Orfeo einen Menschen in Glück und Leid, der durch eigene
Kraft sein Geschick zunächst meistert, dann aber durch eigenes Verschulden scheitert – also
„tragisch“ im klassischen Sinne ist. Die Gegenüberstellung von Chor und Solisten kommt
natürlich aus dem Drama der Griechen. Die durchgehende Gestaltung der Handlung mit
Instrumentalmusik und Gesang aber führt zu etwas Neuem, das bleiben sollte, zum Musik-
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Theater, das bis ins 21. Jahrhundert die Menschen bewegt. Die Worte des Prologes haben seit
ihrer Niederschrift nichts von ihrer Richtigkeit verloren: „Ich bin die Musik, die mit lieblichen
Tönen dem verwirrten Herzen Ruhe schenkt. Bald zu edlem Zorn, bald zur Liebe kann ich
selbst eisesstarre Sinne entfachen.“
Alexander Marinovic
Dr. Alexander Marinovic, Jurist und Abteilungsleiter im Wissenschaftsministerium, publiziert
regelmäßig Beiträge über Kunst und Kultur.
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