Reizstrom-Ultraschalltherapie

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Therapiefibel
Reizstrom-Ultraschalltherapie
PhySys – Therapie-Fibel
© Zimmer MedizinSysteme GmbH
Autor: Dr. med. Konrad Boegelein
Bernd Zimmer
Hochwirksame Therapie ohne Nebenwirkungsproblematik
Teil I Elektrotherapie
1. Allgemeiner Teil
6
1.1 Einleitung
6
1.2 Das Spektrum der Stromformen
6
1.3 Physikalische Grundlagen
7
1.4 Stromkonstant (CC) oder Spannungskonstant (CV)
7
1.5 Elektrodentechnik
8
2. Dosierung
10
3. Indikationen der Reizstrombehandlung, Übersicht 12
4. Kontraindikationen
14
5. Stromformen zur Therapie
15
5.1 Galvanische Ströme
15
5.2 Forcierter, transdermaler Transport von Medikamenten; Iontophorese und Elektroporation
15
5.2.1 Iontophorese
16
5.2.2 Elektroporation
16
5.3 Elektrostimulation zur Schmerzbehandlung
18
5.3.1 Grundlagen der Schmerztherapie
18
5.3.2 TENS Ströme zur Schmerztherapie
19
5.3.3 Hochvoltströme
22
5.3.4 Ströme mit schmerzhemmender, durchblutungsfördernder und trophisierender Wirkung
22
5.3.5 Diadynamische Ströme zur
Stoffwechselsteigerung, Ödemresorption,
Schmerzbehandlung, Mehrdurchblutung
22
5.3.6 Träbert‘scher Reizstrom
23
5.4 Elektrostimulation der Muskulatur
24
5.4.1 Mittelfrequenzströme – Muskelstimulation, 26
Schmerzdämpfung und klassische Mittelfrequenz
5.4.2 Interferenzströme – Schmerzbehandlung, 28
Muskelentspannung und vegetative Stimulation
5.4.3 Niederfrequente Ströme zur Muskelstimulation
5.5 Stromformen zur Rehabilitation bei gestörter
Muskelfunktion und zum spezifischen Training bei der Rehabilitation von Sportverletzungen
29
29
5.5.1 Rehabilitation im Muskelbereich
29
5.5.2 „Russische Stimulation“
29
31
5.5.3 Sequenzströme zum spezifischen Training
in der Rehabilitation von Sportverletzungen
PhySys– Therapie-Fibel
Teil I Elektrotherapie
5.6 Ströme zur Diagnostik und Behandlung bei
Lähmungen
32
5.6.1 Elektrotherapie schlaff gelähmter
Muskulatur
35
5.6.2 Ströme zur neuromuskulären Diagnostik
35
5.6.3 Therapie von schlaffen Lähmungen
35
5.6.4 Intensionsübungen
36
5.6.5 Elektrotherapie spastisch gelähmter
Muskulatur
5.7 Sonderstromformen –
Indikationsbezogene Ströme
5.7.1 Elektrorelaxationstherapie
(Elektro-Schlaftherapie)
36
36
37
5.7.2 Plazenta-Insuffizienz
38
5.7.3 Paravertebraltest
38
5.7.4 Beckenbodenstimulation bei Harninkontinenz, Stuhlinkontinenz
40
Teil II Ultraschalltherapie
1. Allgemeiner Teil
1.1 Einleitung
41
41
1.2 Anwendungsmöglichkeiten
41
1.3 Physikalische Grundlagen
41
1.4 Technische Kriterien des Ultraschalltherapiegerätes
42
2. Tiefenwirkung des therapeutischen Ultraschalls 43
3. Physiologische Wirkungsmechanismen
der Ultraschalltherapie
46
4. Beschallungsmethoden
49
4.1 Direkte Beschallung
49
4.2 Indirekte Beschallung
49
4.3 Neurale Behandlungswege bei der indirekten
Beschallung
49
5. Beschallungsort
50
5.1 Dauerschall
50
5.2 Impulsschall (pulsierender Ultraschall)
50
5.3 Auswahl und Einstellen der Wirkkomponenten
des Impulsschalls
50
Hochwirksame Therapie ohne Nebenwirkungsproblematik
6. Applikationstechnik
51
6.1 Dynamische Beschallung
51
6.2 Semistatische Beschallung
51
6.3 Statische Beschallung
51
7. Ankoppelungsformen und Ankoppelungsmittel
52
7.1 Direkte Ankoppelung
52
7.2 Indirekte Ankoppelung
52
8. Anwendung des therapeutischen Ultraschalls
53
8.1 Therapieparameter
53
8.2 Dosierung
53
8.3 Intensität
53
8.4 Behandlungsdauer
53
9. Nebenwirkungen
54
10. Forcierter transkutaner Stofftransport mit
dem Ultraschall
55
10.1 Ultraphonophorese (Sonophorese)
55
10.2 Sonoporation
55
11. Ultraschall Programme
57
12. Indikationen
58
12.1 Typische aus der Orthopädie, Chirurgie,
Traumatologie, Rheumatologie
58
12.2 Weitere Indikationen
58
13. Kontraindikationen
59
Teil III Simultantherapie
mit Ultraschall
Nach Wirkung kombinierte Simultanprogramme Ultraschall- und Elektrostimulation
60
Teil I: Elektrotherapie
1. Allgemeiner Teil
1.1 Einleitung
Die Elektrotherapie – ein bedeutendes Teilgebiet der Physikalischen Medizin – spielt heute eine wichtige Rolle bei der
Behandlung und Rehabilitation vieler Erkrankungen.
Die Physiologie hat die Wirkprinzipien der Elektrotherapie in
den letzten Jahrzehnten weitgehend aufgedeckt, dennoch
bleibt der empirische Charakter einiger Verfahrensweisen
bestehen. Erkennbar wird dies besonders bei Behandlungsanweisungen zu einzelnen Krankheitsbildern. Auch in
dieser Fibel gründen viele Behandlungsanweisungen auf
empirischem Wissen. Sie sind als Vorschläge zu verstehen,
die durch individuelle Erfahrungen der Anwender modifiziert
werden können.
Entscheidend für den Erfolg der Behandlung ist deshalb die
individuelle Anpassung der Elektrotherapie an das Krankheitsgeschehen und an die Reaktion des Patienten.
Unter Elektrotherapie verstehen wir eine Reihe von Verfahren,
bei denen elektrische Energie zu Heilzwecken angewendet
wird. Man pflegt diese Verfahren in die Nieder-, Mittel- und
Hochfrequenztherapie einzuteilen. Dabei zählt man zur
Niederfrequenztherapie die Behandlung mit konstantem
Gleichstrom (stabile Galvanisation), die Iontophorese und die
Reizstrombehandlung von Muskeln und Nerven mit Impulsströmen unter 1000 Hz. Zur Mittelfrequenztherapie rechnet
man Wechselströme mit einer Frequenz von mehr als 1000 Hz
(1 kHz), wobei bislang Frequenzen von 2000 Hz bis 8000 Hz,
aber auch 11 000 Hz verwendet werden. Hochfrequenzströme
von mehr als 100 000 Hz (100 kHz) finden Verwendung bei der
Therapie mit Kurz-, Dezimeter- und Mikrowellen.
Hochfrequenzströme werden im Gegensatz zu Nieder- und
Mittelfrequenzströmen nicht über Elektroden eingebracht,
sondern über elektromagnetische Felder. Diese gelangen
berührungslos über Applikatoren in den Körper.
1.2 Das Spektrum der Stromformen
Die allgemeinen Ziele der Elektrotherapie sind:
- die Behandlung von Schmerzen
- die Verbesserung gestörter Muskel- und Gelenkfunktionen
- die Verbesserung der Durchblutung und Ernährungssituation
des Gewebes
- die Förderung der Heilung
Daneben gibt es eine Reihe von speziellen Anwendungen.
Diese Wirkungen werden mit unterschiedlichen Stromformen
erzielt, indem entweder Nerven und Muskeln gereizt
werden oder Gewebe polarisiert wird. Weiterer Differenzierungsbedarf ergibt sich, da die behandlungsbedürftigen
Störungen sich vielfach hinsichtlich Ausdehnung, Gewebetiefe und Akuität unterscheiden.
Ein umfassendes Spektrum an Stromformen macht die gezielte
Therapie möglich.
6
Teil I: Elektrotherapie
1. Allgemeiner Teil
1.3 Physikalische Grundlagen
In einem elektrischen Feld wirkt der menschliche Körper
insgesamt als Leiter (Volumenleiter), in dem geladene
Atome oder Moleküle („Ionen”) wandern. Auf diese Weise
wird im Körper ein Ionenfluss in zwei Richtungen erzeugt.
Positive Ionen wandern zum negativen Pol (Kathode) und
heißen deshalb Kationen, negative Ionen wandern zum
positiven Pol (Anode) und heißen deshalb Anionen.
Die Wirkungen des Stromes werden wesentlich von der
Stromdichte (gemessen in mA/cm2) beeinflusst, die wiederum von der Elektrodengröße, der Elektrodenpositionierung
und der Strommenge abhängt.
Dadurch lässt sich der Strom ebenso über größere Gebiete
verteilen wie auf kleinere Flächen konzentrieren.
Man spricht in diesem Zusammenhang von indifferenter
(a) (mit weniger gezielt wirkender, geringerer Stromdichte)
bzw. differenter Elektrodentechnik (b) (mit gezielt wirksamer Stromdichte).
1.4 Stromkonstant (CC) oder Spannungskonstant (CV)
CC:
Im stromkonstanten Betrieb wird die Spannung an den
Elektroden durch das Gerät automatisch so geregelt, dass
die eingestellte Stromintensität während der gesamten
Behandlungszeit unverändert bleibt. Die Elektroden müssen dabei am Behandlungsort fixiert bleiben.
Ein Abheben der Elektroden im CC-Betrieb bewirkt ein
augenblickliches Abschalten des Stromes aus Sicherheitsgründen, da das Gerät ansonsten mit einer sehr hohen
Spannung versuchen würde, den unterbrochenen Strom
aufrechtzuerhalten, was beim Wiederaufsetzen der Elektroden zu einem elektrischen Schlag führen würde.
CV:
Im spannungskonstanten Betrieb wird die Spannung
während der Therapiezeit auf dem voreingestellten Niveau
gehalten. Ändert sich der elektrische Widerstand der Haut,
besonders über Triggerpunkten, motorischen Reizpunkten
und als „Maximalpunkte“ bekannten Hautarealen, so
ändert sich die abgegebene Stromdosis. Die Suche nach
solchen Punkten mit bewegten Elektroden ist nur im
spannungskonstanten Betrieb möglich, da hier die
Elektrode gefahrlos abgehoben und wieder aufgesetzt
werden kann.
7
(+)
(a)
(–)
(+)
(b)
(–)
Teil I: Elektrotherapie
1. Allgemeiner Teil
Wiederverwendbare Elektroden sind meist unterpolsterte Plattenelektroden, wobei als Unterpolsterung
Schwämme dienen, aber auch textile, saugfähige
Materialien. Die Platten selbst bestehen aus Zinn
oder Leitgummi.
1.5 Elektrodentechnik
Die Elektrodengröße soll der Größe des Behandlungsgebietes angepasst sein. Kleinflächige Behandlungen mit kleinen
Elektroden setzt man beispielsweise ein, um Triggerpunkte,
Nervenreizpunkte oder kleinflächige Schmerzareale zu behandeln. Großflächige Behandlungen sind z. B. bei größeren
Schmerzarealen oder zur Behandlung von Muskelgruppen
erforderlich.
Die „einkreisige“ Behandlung erfolgt mit einem Elektrodenpaar und einem Kanal, die „zweikreisige“ Behandlung wird
mit zwei Elektrodenpaaren und entsprechend zwei Kanälen
durchgeführt.
Für Behandlungen mit Interferenzströmen sind immer vier
Elektroden in zwei getrennten Stromkreisen notwendig.
Die Elektroden können lokal im Behandlungsgebiet angebracht
werden oder segmental entsprechend der segmentalen
Nervenversorgung. Für die lokale Behandlung von Schmerzen
oder zur Reizung von Muskeln können die Elektroden auch
über dem entsprechenden peripheren Nerv platziert werden.
Den einzelnen Indikationen ist jeweils die empfohlene
Elektrodentechnik zugeordnet.
Eine weitere Möglichkeit ist die Kombination der Elektrostimulation mit der Ultraschalltherapie im Simultanverfahren,
das dort ausführlich beschrieben wird. Hierbei dient der
Schallkopf auch als Elektrode.
Saugglockensysteme mit eingebauten Metallplatten, die
dann mit Schwämmen unterpolstert werden, werden häufig
als Elektroden eingesetzt. Für den Einsatz von Saugglockenelektroden kann das Therapiegerät mit dem Gerät Vaco
kombiniert werden. Die Saugglocken des Vaco dienen als
Elektroden, die elektrische Verbindung der Geräte ermöglicht
die Einstellung der Stromform und der Behandlungsparameter
am Therapiegerät. Der gewünschte Unterdruck wird am Vaco
eingestellt.
Auch Teilbäder (Zellenbad) werden für die Behandlung von
Extremitäten eingesetzt. Dabei können Zinnplattenelektroden
mit Schwämmen in Behälter gelegt werden. Die Arme oder
Beine werden dann im Wasserbad behandelt.
Neben herkömmlicher Elektrodentechnik eignen sich besonders die einfach zu handhabenden, hygienischen Einmalelektroden. Auswahl und Applikation der Elektroden müssen mit
Sorgfalt geschehen.
Im stromkonstanten Betrieb ist auf einen guten und gleichmäßigen Hautkontakt zu achten. Bei einer Verringerung der
Kontaktfläche könnten sonst Missempfindungen für den
Patienten auftreten.
8
Teil I: Elektrotherapie
1. Allgemeiner Teil
Vor der Behandlung ist die Haut zu inspizieren und ggf. zu
reinigen, z. B. wenn der Patient verschwitzt ist oder Salben
aufgetragen sind.
Entzündete Hautstellen, kleine Wunden oder Risse werden
mit Vaseline oder Zinkpaste abgedeckt. Auch bei frischen
Narben ist besondere Vorsicht geboten.
Eine exakte Elektrodenlokalisation ist besonders zur
Reizung kleinflächiger Areale zu beachten, z. B. für
Schmerzpunkte, Nervenwurzeln, Nervenaustrittspunkte
und Reizorte im Nervenverlauf, Myogelosen, myofasziale
Triggerpunkte und Akupunkturpunkte.
Die Elektroden können auch über Schmerzarealen appliziert werden, wenn eine segmentale Behandlung nicht
angezeigt ist. Dabei wird das Schmerzareal mit mittleren
bis großflächigen Elektroden überdeckt oder eingekreist.
Zu diesem Zweck können ein (bipolare Reizung) oder zwei
(tetrapolare Reizung) Elektrodenpaare angelegt werden.
Bei der lokalen Reizung wird die Kathode über dem
schmerzhaften Areal angelegt, die Anode an der gegenüberliegenden Seite oder proximal davon.
Diese Elektrodentechnik eignet sich beispielsweise zur
Behandlung von Muskel- und Gelenkverletzungen.
Bei der segmentalen Reizung wird die Kathode über dem
Schmerzgebiet angebracht, die Anode immer paravertebral
im entsprechenden Segment.
Auch wenn die auf- oder absteigende Polung bei der Therapie nicht den Stellenwert hat wie bei der Galvanisation,
sollte auch bei Impulsströmen zur bestmöglichen Nutzung
des Therapieerfolges regelmäßig die Kathode distal appliziert werden, insbesondere wenn im Verlauf von Nerven
behandelt wird.
Zur Reizung von Muskeln wird eine kleinflächige (differente)
Kathode auf dem motorischen Reizpunkt des Muskels
oder am versorgenden motorischen Nerv angebracht, eine
größere (indifferente) Anode über dem Muskelansatz oder
proximal über dem entsprechenden motorischen Nervenstamm.
Bei der Längsdurchströmung von Muskeln bedient man
sich einer indifferenten Elektrodentechnik. Die Elektroden
werden in der Nähe des Ursprungs und des Ansatzes des
Muskels appliziert. Diese Technik eignet sich beispielsweise zur Detonisierung und zur Verbesserung der Durchblutung der Muskulatur.
9
Teil I: Elektrotherapie
2. Dosierung
Dosierung
Die Dosierung richtet sich nach dem Krankheitsverlauf und
der individuellen Verträglichkeit. Als Dosierungskriterien
gelten die Stromstärke, die Behandlungsdauer, die Länge der
Behandlungsserie und die Intervalle zwischen den einzelnen
Behandlungen.
Dosierung nach Krankheitsstadien
Subakute Krankheitsstadien:
- niedrige Stromstärke
- kurze Behandlungsdauer
- kurze Behandlungsserie
- kurze Behandlungsintervalle
Bei akuten Krankheitsstadien ist im Regelfall die Elektrostimulation kontraindiziert (siehe auch 6.2). Hier empfiehlt sich
zum Beispiel die Kryotherapie.
Chronische Krankheitsstadien:
- höhere Stromstärke
- längere Behandlungsdauer
- längere Behandlungsserie
- längere Behandlungsintervalle
Die Dosierung liegt bei subakuten / subchronischen Krankheitsstadien dazwischen.
Dosierung nach sensiblen oder motorischen Kriterien
Sensibel unterschwellig:
kein Stromgefühl – der Strom wird zunächst bis zum Auftreten eines leichten Stromgefühls hochgeregelt, dann aber
reduziert, bis er nicht mehr wahrgenommen wird.
Sensibel schwellig:
leichtes Stromgefühl – „Ameisenlaufen“.
Sensibel überschwellig:
starke Stromempfindung – kräftige Vibrationen
Motorisch unterschwellig:
kein sichtbares Muskelzucken
Motorisch schwellig:
kaum sichtbare Zuckung der Muskulatur
Motorisch überschwellig:
wellenförmige Bewegungen und Kontraktion der Muskulatur
Überdosierung:
schmerzhafte Kontraktion
10
Teil I: Elektrotherapie
2. Dosierung
Stromstärke
Schwache Dosierung: sensibel unterschwellig – Die Stromstärke wird bis zu
einem leichten Stromgefühl hochreguliert und dann zurückgenommen, bis der Strom nicht mehr wahrgenommen
wird.
Mittlere Dosierung:
sensibel schwellig – Der Patient bemerkt ein Prickeln/
Ameisenlaufen, das nicht unangenehm sein darf.
Starke Dosierung:
kräftiges Stromgefühl das in Sonderfällen bis an die
Schmerzgrenze heranreichen kann.
Überdosierung:
Stechen, Brennen, Hitzegefühl
Hinweis: Vor allem bei galvanischen Strömen darf die
effektive Stromstärke 0,2 mA/cm2 der Fläche der aktiven
Elektrode nicht überschreiten. Dies gilt ebenso
für niederfrequente monopolare Impulsströme.
Der Effektivwert ist nicht mit dem Spitzenwert zu
verwechseln, der bei einigen Stromformen angezeigt wird.
Dieser Grenzwert ist insbesondere bei Patienten mit
Sensibilitätsstörungen zu beachten!
Überdosierungserscheinungen dürfen nicht auftreten,
sonst sind auch galvanisch bedingte Hautschäden zu
befürchten.
Behandlungsdauer
kurz:
5 min
mittel: 10 min
lang:
15 min
sehr lang: länger als 20 min
Behandlungsintervall
kurz:
tägliche Behandlung,
evtl. mehrmals täglich
mittel: 3 mal wöchentlich
lang:
2 mal wöchentlich
Behandlungsserie
kurz:
3–5 mal
mittel: 6–10 mal
lang:
12–18 mal
Bei subakuten Erkrankungen sollte täglich behandelt
werden, bei chronischen Krankheitsstadien 2–3 mal
wöchentlich.
Erweist sich der Erfolg der Behandlung chronischer Erkrankungen als ungenügend, soll vor einer weiteren Serie eine
Reizpause von 8–10 Wochen eingelegt werden.
11
Teil I: Elektrotherapie
3. Indikationen für die Reizstrombehandlung, Übersicht
Durchblutungs-und Trophikförderung
· Funktionelle Durchblutungsstörungen
· Angiopathie bei Diabetes mellitus
· Angioneuropathie (M. Raynaud)
· Akrozyanose
· venöse Gefäßerkrankungen
· chronisch venöse Insuffizienz
· Arterielle Verschlusskrankheit (Stadium I / IIa)
· Sympathische Reflexdystrophie
· Sudeck-Syndrom (Stadium II)
· Lymphödem
· Fazialisparese (als Vorbehandlung)
· Chronisch verspannte Muskulatur
· Erkrankungen peripherer Gelenke (chronisch)
· Radikuläre Syndrome bei Wirbelsäulenerkrankungen
(subakut und chronisch)
· Bandrupturen
· Tendovaginitis
· Bursitis
· Venöse Ulzera
· Neurotrophische Ulzera
· Dekubitalgeschwüre
· Verzögerte Wundheilung
· Osteoporose
· Verzögerte Knochenheilung
· Bandrupturen
Analgesie
· Distorsion, Kontusionen, Verstauchung von Muskeln,
Sehnen, Gelenken und Knochen
· Großflächige Myalgien
· Polyarthralgien
· Gelenkerkrankungen, entzündlich
· Chronische Polyarthritis (rheumatoide Arthritis), Behandlung
im entzündungsarmen Intervall
· Diffuse Schmerzen bei Periarthropathien, Arthrosen, M.
Bechterew
· Tendinitis, Tendovaginitis
· Lokale und pseudoradikuläre Wirbelsäulenerkrankungen
(akut, subakut, chronisch)
· Wurzelläsion
· Bandscheibenoperation
· Entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen, chronisch
· chron. Schmerzzustände, Schmerzkrankheit
· Pelvipathie (sog. Adnexitis)
· Pelvipathie (sog. Prostatitis)
· Neuralgien
· Neuritis
· Polyneuropathie
· Radikuläre Syndrome
· Nerven-Kompressionssyndrome
· Allodynie
· Kausalgie
12
Teil I: Elektrotherapie
3. Indikationen für die Reizstrombehandlung, Übersicht
Muskeltonisierung
· Muskelschwäche
· Willkürinnervationsschwäche
· fehlendes Muskelgefühl
Muskeldetonisierung
· Überbelastung der Muskulatur
· Schmerzhafte Muskelverspannungen
· Myofasziale Schmerzsyndrome
· Sehnen- und Muskelrupturen
· Kontrakturen
Weitere Indikationen
· Periarthropathien und Insertionstendopathien
(akut, subakut)
· Periarthropathien und Insertionstendopathien (chronisch)
· Erkrankungen peripherer Gelenke (akut, subakut)
· Posttraumatische Zustandsbilder (Hämatome, Ödeme)
· Übermäßiges Schwitzen an Händen und Füßen
(Hyperhidrosis palmarum et plantarum)
· Haltungsstörungen der Wirbelsäule, erworben:
posttraumatisch, postentzündlich, degenerativ
· Haltungsstörungen der Wirbelsäule im Kindes- und
Jugendalter
· Frakturen der Wirbelsäule, Spondylodesen
· Gelenkoperationen; Arthroskopie, Arthrotomie
· Angeborene Miss- und Fehlbildungen bzw. Fehlstellungen
der Stütz- und Bewegungsorgane zur Behandlung im
Kindesalter
· Stuhlinkontinenz (nur PhySys)
· Harninkontinenz (nur PhySys)
· Störung der Darmmotilität (nur PhySys)
· chron. Obstipation (nur PhySys)
· sekundäres Lymphödem und Lymphstau
· Pelvipathie
· Polyneuropathie
· Vorderhornerkrankungen des RM
· Periphere Paresen; Plexusparesen
· Nicht lokale, generalisierte Wirbelsäulenerkrankungen
· Spastik (nur PhySys)
· spastische Paresen (nur PhySys)
· schlaffe Paresen (nur PhySys)
13
Teil I: Elektrotherapie
4. Kontraindikationen
Allgemeine Kontraindikationen
· Akute Entzündungen (lokal, systemisch)
· Arterielle Verschlusskrankheit ab Stadium IIb nach Fontaine
· Eitrige Prozesse
· Fieber
· Allgemeininfektionen
· Tumore maligner und benigner Art
· Thrombophlebitis,
· Phlebothrombose bei Gefahr von Embolien
· Herzschrittmacher und sonstige implantierte
elektronische Vorrichtungen
· transcardialer Stromfluss
· Metallimplantate im Stromgebiet bei Anwendung galvanischer
oder unipolarer Ströme mit Impulsbreiten von mehr als 1 ms
· Psychosen
zusätzlich zu beachtende Gegenanzeigen:
TENS-Therapie
· kausal zu behebende Schmerzen
· überwiegend psychogene Schmerzen
(TENS-Therapie ist unwirksam)
· zentrale Schmerzsyndrome, z. B. Thalamus-Schmerzsyndrom
Muskelbehandlung mit geschwellten Gruppenimpulsen
(Schwellströme):
· Bewusstlosigkeit, Bewusstseinstrübung
· reflektorische Hemmung (z. B. bei Frakturen)
· Muskelentzündung
· mimische Gesichtsmuskulatur
· wenn die Reizstromtherapie anhaltende Schmerzen auslöst
· Fazialisparese
· Säuglinge, Kleinkinder
· Zunahme einer Spastik
Vorsichtsmaßnahmen für bestimmte Stromformen
Diadynamischer Strom, Träbert-Strom:
· Um mögliche Hautschäden durch den hohen galvanischen
Anteil der diadynamischen Ströme zu vermeiden, ist eine
sorgfältige Elektrodentechnik notwendig, wobei eine Zwischenlage mit einem Schwamm oder Gaze von mindestens
1 cm empfohlen wird.
Elektroakupunktur
· Keine Nadelakupunktur bei Blutgerinnungsstörungen
14
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
5.1 Galvanische Ströme
GA00 Galvanischer Strom, auch zur Iontophorese
GA01 Großflächengalvanisation
Der galvanische Strom oder Gleichstrom fließt während
der gesamten Behandlung konstant durch das Gewebe
und löst in therapeutischer Dosierung keine fortgeleiteten
Aktionspotentiale aus (ausgenommen sind Zuckungen
beim ruckartigen Ein- oder Ausschalten, deshalb soll die
Einstelldosis durch „Einschleichen” oder „Ausschleichen”
langsam variiert werden).
Das elektrische Feld übt, abhängig von der jeweiligen
Ladung der Pole, anziehende oder abstoßende Kräfte auf
die Ionen in den Körperflüssigkeiten aus, so dass es zu
Ionenbewegungen kommt, mit der Folge polarisierender
Einflüsse auf die Zellen im Stromfeld.
Es gibt spezifische anodische und kathodische Wirkungen,
die unter der jeweiligen Elektrode in Erscheinung treten.
Anodische Felder erhöhen die Potenzialdifferenz über
Zellmembranen. Sie stabilisieren die Zellen gegen Reize,
weshalb ihnen eine sedierende Wirkung zugeschrieben wird.
Kathodische Felder verringern die Potentialdifferenzen
über Zellmembranen und steigern damit deren Erregbarkeit.
Konstanter Gleichstrom steigert die Reaktions- und Funktionsfähigkeit der motorischen Nerven. Er wirkt hyperämisierend, analgetisch, antiphlogistisch und zellwachstumsfördernd.
Zur Galvanisation sind großflächige Elektroden geeignet
mit einer Fläche von 100 - 200 cm2, da bei der konstanten Galvanisation die Schmerzbereiche unter den
Elektroden behandelt werden. Sie müssen mit einer ca.
1–2 cm dicken Zwischenlage aus gut angefeuchteten
Viskoseschwämmen, Kompressen, Gaze oder dergleichen
unterlegt werden. Die Elektroden müssen auf der Haut
ebenmäßig anliegen, wozu sie z. B. mit Klettbändern oder
Sandsäckchen fixiert werden.
5.2 Forcierter, transdermaler Transport von Medikamenten; Iontophorese und Elektroporation
Der transdermale Transport von Medikamenten ist eine
elegante, nicht invasive Methode der topischen und in
erster Linie der systemischen Applikation von Wirkstoffen
unter Umgehung des Pfortader-Leber-Systems, also der
parenteralen Verabreichung von Medikamenten.
Die Haut stellt eine sehr effektive Barriere gegen eindringende chemische Stoffe dar. Die oberste Schicht, das
Stratum corneum (= Hornschicht), besteht aus Hornzellen
und Fetten; sie ist impermeabel für die meisten wasserlöslichen Substanzen, wie auch für Medikamente, sofern
diese wasserlöslich sind.
Die Hornschicht wird von den Hautanhangsgebilden,
wie den Haaren und den Ausführungsgängen der
Schweißdrüsen durchzogen, deren Epithelauskleidung
keine Hornschicht aufweist und daher nur einen geringen
elektrischen Widerstand besitzt.
15
Abb.: Histologischer Aufbau der Haut
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
5.2.1 Iontophorese
Der transdermale Transport von Wirkstoffen mit der herkömmlichen Iontophorese mit niedrig dosiertem galvanischem
Strom geschieht über die Epithelauskleidung der Hautanhangsgebilde.
Bei der Iontophorese werden ionisierte Medikamente mittels
eines niedrig dosierten galvanischen Stromes in die Haut
eingeschleust. Verwendet werden Medikamente in wässriger
Lösung oder in Form von Gelen. Elektrisch schlecht leitende
Fettsalben sind ungeeignet.
Im Vergleich mit der üblichen Applikation von Gelen oder
wässrigen Lösungen dringen bei der gleichzeitigen Anwendung
von Gleichstrom deutlich größere Mengen des Medikamentes
in die oberflächlichen Schichten der Haut ein. Da sie von dort
nur noch langsam weiter diffundieren, entsteht unter der
Hornschicht ein temporäres Medikamentendepot.
Das bedeutet auch, dass nur geladene Moleküle, also Ionen
im galvanischen Feld, in die Haut eingeschleust werden können, wobei der primäre Transportweg die Epithelauskleidung
der Hautanhangsgebilde ist.
Iontophorese-Elektrode
Schwamm, Textil
Negativ geladene Substanzen (Anionen) werden unter der
Kathode, positiv geladene Substanzen (Kationen) unter der
Anode aufgebracht. Medikamente, die sowohl anodische
als auch kathodische Wirkstoff-Ionen enthalten, können mit
automatisch umpolendem Strom eingebracht werden.
Haut
Medikamentenionen
Zur Vermeidung von Verätzungen müssen die Elektroden
mit ca. 2 cm dicken Mullagen oder Schwämmen unterlegt
werden.
Intrakutanes Depot
Transport durch die Membran über die
„Pore“ durch Diffusion von Molekülen
entlang des Konzentrationsgradienten
–
–
+
–
–
+
+
H2O
+
H2O
H2O
Zwischen Gel und Schwamm kann auch eine spezielle
stromdurchlässige Cellophan Folie gelegt werden, um eine
Kontamination des Schwammes mit dem Medikament zu
verhindern. Die Elektrodenfläche sollte – abhängig vom
Behandlungsgebiet – möglichst groß gewählt werden.
5.2.2 Elektroporation
Der Transport von Molekülen in lebende Zellen mit Hilfe der
Elektroporation beruht auf der elastischen Verformbarkeit der
Zellmembran, die sich nach einem Aufreißen wieder schließt.
Das Aufreißen der Membran kann durch elektrische Stromimpulse bewirkt werden und ist temporär; vorübergehend
bildet die Zellmembran also „Löcher“ oder „Poren“ aus. In
der Abbildung ist das „Auseinanderreißen“ der Zellmembran
auf der rechten Seite dargestellt, wodurch sich eine wasserdurchlässige Pore bildet, durch die in Wasser gelöste Stoffe
diffundieren. Die linke Seite der Abbildung zeigt das zeitliche
Verhalten der Bildung und des Schlusses der Poren.
Dieses temporäre Aufreißen der Zellmembranen stellt sich
bei einer Spannung über die Membran von 0,5–1,0 V ein und
16
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
wird als Elektroporation bezeichnet. Es tritt dabei punktförmig am Ort des größten Spannungsgefälles an der
Membran auf.
Auch die isolierenden Schichten der elektrischen Hautbarriere, des Stratum corneum zeigen das Phänomen
der temporären Bildung von Poren durch Spannungen im
Bereich von 0,5 –1,0 V pro Membran mit der Folge, dass
die Membranen und die Hornhautschicht auch für große
Moleküle durchlässig wird.
Um dieses Phänomen der kurzzeitigen Porenbildung zu erreichen, sind Impulse mit einer Spannung von ca. 30–50 V
über ca. 70–100 Membranen ausreichend. Dies entspricht
in etwa der Dicke der Zellschichten der Hornschicht der
Haut. Die Impulsbreite beträgt für therapeutische Zwecke
etwa 300 µs oder weniger. Die Poren bestehen dann
mehrere Minuten.
Verlauf der Porenöffnung
1
f
0
0
5
10
20
t / min
Impulse mit Spannungen über 100 V sind häufig schmerzhaft und erzeugen eine länger anhaltende Permeabilität
durch Elektroporation. Diese ist allerdings nur bei wenigen
speziellen Anwendungen sinnvoll.
Eine zu geringe Spannung (<40 V) ist zu vermeiden, da sich
das Phänomen der Elektroporation des Stratum corneum
mit zunehmender Spannung verstärkt und somit zu einem
effektiven und wichtigen Pfad für den transkutanen Medikamententransport wird, der quantitativ der Iontophorese
und der Phonophorese deutlich überlegen ist.
Der Transport durch die gebildeten Poren kann mit galvanischem Strom in Form der Iontophorese oder mit Ultraschall
in Form der Sonophorese zusätzlich verbessert werden.
Die Kombination kurzer Impulse mit hohen Spannungen
mit dem galvanischen Strom nutzt beide Prinzipien und
Transportpfade: den elektroporetischen Transport über die
gebildeten Poren in der Hornschicht und den iontophoretischen Transport über die Epithelzellen der Hautanhangsgebilde, wie Schweißdrüsen und Haarfollikel.
In der Kombination ergibt sich eine effiziente Methode zur
Einschleusung von Medikamenten in und direkt unter die
Haut. Der Transportfaktor der Kombination Elektroporation
und Iontophorese entspricht in etwa der Summe der Transportfaktoren der Einzelmethoden. In Abhängigkeit von der
Größe der zu transportierenden Moleküle betragen die
Transportfaktoren das 200fache bis mehrere Tausendfache
der üblichen, passiven Diffusion von Salben, Gelen etc.
Die Kombination von Elektroporation und Iontophorese
vermeidet auch die bei der Iontophorese bekannte Latenzzeit von ca. 10 Minuten bis zum Einsetzen des Medikamententransportes in die Haut. Der transkutane Transport
setzt unverzüglich ein.
17
Zur Elektroporation mit dem Therapiegerät sind die nachfolgend
aufgeführten Rechteckimpulse vorgesehen.
1. Rechteckimpuls 0,05 – 0,1 ms 0,1 Hz
2. Rechteckimpuls 0,05 – 0,1 ms 1,0 Hz
3. Rechteckimpuls 0,05 – 0,1 ms 0,1 Hz / 1 Hz in Kombination mit
galvanischem Strom
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
5.3 Elektrostimulation zur Schmerzbehandlung
5.3.1 Grundlagen der Schmerztherapie
Impuls-Ströme reizen die sensiblen Nerven in der Haut.
Übertragung sensibler
Reize auf höhere Zentren
Zentrale
Kontolle
TransmissionsZelle +
+
–
–
+
A-Delta Faser
Afferenzen
S
G
–
A-Delta & C
Faser-Afferenzen
Höhrere Zentren, wie der Kortex beeinflussen:
- die Perzeption und Beantwortung von
Schmerzreizen
- die Übertragung der Schmerzreize auf der
Ebene des Hinterhorns
Sie werden üblicherweise mit relativ niedrigen Intensitäten
(sensibel schwellige Dosierung) und höheren Frequenzen
(etwa 50 – 100 Hz) zur Schmerzbehandlung eingesetzt.
Die Wirkung dieser Therapie wird durch lokale Verdeckungseffekte erklärt, bestehende Schmerzreize werden durch den
nicht schmerzhaften Reiz im Sinne einer Gegenirritation
unterdrückt.
Ein weiterer Erklärungsansatz ist die Aktivierung schmerzhemmender Reflexe im Rückenmark durch die nicht schmerzhaften Ströme (gate control theory), wodurch die Weiterleitung
der Schmerzreize ins Gehirn verhindert wird.
Die Wirkung der Akupunktur und davon abgeleitet auch der
Elektroakupunktur (EAP) und der akupunkturähnlichen TENS
(apl-TENS) beruht auf lokalen, segmentalen, spinalen und
supraspinalen Mechanismen.
Die Elektrostimulation mit stark hautreizenden Stromformen
und die EAP besitzen auch einen anti-inflammatorischen
Effekt, da es durch die Stimulation der Aδ- und C-Fasern zu
einer durch „Axonreflexe“ vermittelten Ausschüttung von
vasoaktiven Neuropeptiden wie „calcitonin generelated peptid“ (CGRP) und „Substanz P“ (SP) kommt. Zu einer ebenfalls
anti-inflammatorischen und zusätzlich analgetischen Wirkung
kommt es durch die periphere Ausschüttung von Endorphinen.
Ein zweiter, entzündungshemmender Mechanismus entsteht
durch den Anstieg des Blutkortisols.
Außerdem wirkt die Akupunktur auch systemisch durch die
morphinähnlichen Neurotransmitter, die auch in den Liquor
und das Blut abgegeben werden.
Die Schmerzhemmung basiert auf mehreren Mechanismen:
· Einmal werden deszendierende Nervenfasern der
nozizeptiven Hinterhornneurone aktiviert und somit Schmerzen
gehemmt.
· Darüber hinaus ist belegt, dass zentralnervöse Strukturen
wie das limbische System, der Hypothalamus und das
periaquäduktale Grau (PAG) aktiviert werden. Auch die
Aktivität einiger anderer zerebraler Strukturen, die an der
Schmerzverarbeitung beteiligt sind, wird beeinflusst, wie
die Inselregion, das Kleinhirn, der sensomotorische Kortex
und der Gyrus cinguli.
18
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
· Die Ausschüttung der Neurotransmitter Serotonin, seines
Abbauprodukts 5-Hydroxyindolessigsäure und des Vorläufers Tryptophan scheint von der Stimulations-Frequenz
abhängig zu sein.
· Bei niedrigfrequenter Elektrostimulations(akupunktur)
mit Frequenzen über 20 Hz (meist 50–150 Hz)
kommt es hauptsächlich zu einer Ausschüttung von
β-Endorphinen, Enkephalin und Endomorphin.
Hierdurch werden die Opiatrezeptoren δ und μ besetzt.
· Bei der Elektrostimulations(akupunktur) (HF) wird überwiegend Dynorphin und Orphanin Q ausgeschüttet, die
an κ-Opiatrezeptoren binden.
· Mit niederfrequenten TENS Strömen in niedriger Dosierung unterhalb der Schmerzschwelle wird ein weiterer
Schmerzhemm-Mechanismus auf Rückenmarksebene
aktiviert. Die Entladungsfrequenz der langsam leitenden Schmerzfasern wird durch diese Form des Reizes
herabgesetzt, man bezeichnet dies als Depotenzierung.
Dies hat eine über mehrere Stunden anhaltende
Schmerzhemmung zur Folge.
5.3.2 TENS-Ströme zur Schmerztherapie
NF00 Ultrareizstrom Traebert 2/5 ms 143 Hz
NF01 Modifizierter Ultrareizstrom 0,5/5 ms 182 Hz
NF02 TENS Analgesie 1 ms 100 Hz
NF03 Analgesie TENS (biphasisch) 300µs 50 Hz
NF04 Analgesie TENS (biphasisch) 250µs 50 Hz
NF05 SP02 APL TENS (alternierend) 250µs 80 Hz, Burst 2 Hz
NF06 Alternierender Rechteckstrom 100 Hz 0,5 ms/2Hz 1 ms
NF07 Analgesie stochastisch (biphasisch) 1 ms 5-30 Hz
NF08 Analgesie stochastisch (biphasisch) 300µs 40-100 Hz
Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)
TENS-Ströme werden mit relativ niedrigen Intensitäten
(sensibel schwellige Dosierung) und höheren Frequenzen
(etwa 50–100 Hz) zur Schmerzbehandlung eingesetzt.
Auch die stochastischen Reizströme (5–30 Hz) können zur
TENS-Therapie eingesetzt werden, sie beugen dem
Gewöhnungseffekt vor, der sich regelmäßig bei der
Reizung mit gleichbleibenden Frequenzen einstellt.
Im Angelsächsischen werden diese Formen der TENS auch
als „high frequency, low intensity TENS" bezeichnet.
Ihre Wirkung beruht weitgehend auf den Mechanismen
der gate control theorie.
19
Monophasisch alternierend
Biphasisch symmetrisch
Biphasisch asymmetrisch
Monophasisch
Abb.: Beispiele von Impulsen, die in der TENS-Therapie Verwendung finden.
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
Stochastische Ströme
Bei den stochastischen Strömen handelt es sich um analgetisch wirksame Rechteckströme mit einer Impulsbreite von
2 ms, 1 ms oder 0,5 ms. Diese Ströme zeichnen sich durch
zufällige (stochastische) Impulsabstände aus. Auf diese
Weise wird der häufig festzustellende Gewöhnungseffekt
reduziert.
Deshalb werden stochastische Ströme bevorzugt in der Langzeittherapie chronischer Schmerzen (TENS-Prinzip) eingesetzt.
Die beschriebene analgetische Wirkung ist insbesondere mit
Impulsfolgen von 5–30 Hz zu erzielen.
Elektroakupunktur (EAP)
Je kleiner die Fläche einer Reizelektrode ist, desto höher ist
die Stromdichte über diese Fläche. Dabei werden etwa 0,2
bis 0,3 mA/cm² effektiv toleriert.
Die EAP wird mit Nadeln durchgeführt, wobei die Nadeln
gleichzeitig als Elektrode dienen. Die Fläche dieser „Nadelelektroden“ ist sehr klein, unter 0,4 mm², weshalb nur
geringste Stromdosen tolerierbar sind. Mit dem Durchstechen der Haut wird zudem der elektrische Hautwiderstand
ausgeschaltet.
Aus diesen Gründen dürfen daher auf keinen Fall die üblichen
Dosierungen im Milliampere-Bereich gewählt werden.
Die Reizung erfolgt mit sogenannten Mikroreizströmen von
etwa 2–8 Hz und nur wenigen Mikroampere.
Die Elektroakupunktur führt der Therapeut mit den üblichen
Körper-Akupunkturnadeln als Elektroden durch, indem er
diese an das Reizstromgerät anklemmt.
Stromformen zur EAP:
MI00 Mikroreizstrom Burst 2 Hz
MI01 Mikroreizstrom 500 ms alternierend 0,5 Hz (nur PhySys)
MI03 Mikroreizstrom 200 ms biphasisch 5 Hz (nur PhySys)
Apl-TENS
Von der Elektroakupunktur ist die Apl-TENS zu unterscheiden,
die transkutan angewandt wird.
Die bevorzugten Reizorte sind die klassischen Akupunkturpunkte sowie spezifische Schmerz- und Triggerpunkte in den
Myotomen des betroffenen Segments.
Die Dosis ist derart hoch zu wählen, dass Muskelkontraktionen auftreten. Zur Stimulation eignen sich kleinflächige
Elektroden, die über den jeweiligen Reizpunkten appliziert
werden.
Die apl-TENS (acupuncture like TENS) wird mit den üblichen
Oberflächenelektroden durchgeführt. Dabei sind möglichst
kleinflächige Elektroden zu empfehlen, z. B. die kleinen Einmalelektroden von Zimmer MedizinSysteme.
Bei der Apl-TENS werden zur Stimulation Stromimpulse mit
niedrigen Frequenzen (1–8 Hz) und hohen Intensitäten nahe
der individuellen Toleranzgrenze benutzt. Man bezeichnet
diese Form daher als low frequency-high intensity TENS.
20
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
Der Wirkungsmechanismus dieser Methode scheint in
einer Endorphinausschüttung im ZNS zu liegen. Die
Endorphine binden an Opiat-Rezeptoren und blockieren
somit die Schmerzübertragung und -empfindung. Opiat
Rezeptoren sind in vielen Bereichen des Gehirns vorhanden, besonders im Schmerz-System.
Stimulationsbedingte Schmerzen werden durch die
Verwendung von sog. Bursts und auch durch eine nicht
schmerzhafte Dosierung der niederfrequenten TENS
vermieden.
Bursts sind Impulsgruppen mit niedrigen Wiederholungsfrequenzen von 0,5–8 Hz. Die Basisfrequenz innerhalb
einer Impulsgruppe beträgt meist 8–100 Hz, der Einzelimpuls ist etwa 0,2 ms breit.
Stromform zur apl-TENS
NF05 Apl TENS (alternierend) 250µs 80 Hz, Burst 2 Hz
NF06 Alternierender Rechteckstrom 100 Hz 0,5 ms / 2 Hz 1 ms
Schmerzbehandlung bei akuten und subakuten Schmerzzuständen mit Mikroreizströmen (MENS):
MI00 Mikroreizstrom Burst 2 Hz
MI01 Mikroreizstrom 500 ms alternierend 0,5 Hz
(nur PhySys)
MI02 Mikroreizstrom 100 Hz 10 ms
MI03 Mikroreizstrom 200 ms biphasisch 5 Hz (nur PhySys)
Mikroreizströme sind durch Intensitäten charakterisiert,
die unterhalb der sensiblen und motorischen Schwelle im
Mikroampere-Bereich liegen. Während der Behandlung
hat der Patient entweder kein oder ein eben gerade spürbares Stromgefühl. Die diesen Strömen zugeschriebene
analgetische Wirkung wird in einem Intensitäts-Fenster
von etwa 300–700 Mikroampere beobachtet. Die Impulsfrequenzen liegen zwischen 0,3 Hz und 400 Hz.
Die Wirksamkeit der Mikroreizströme wird mit der Beeinflussung sogenannter Verletzungsströme erklärt, die bei
einer Schädigung von Geweben entstehen. Diese Ströme
im Mikroampere-Bereich regen den Zellstoffwechsel und
die Bildung von ATP an, womit der beobachtete positive
Einfluss auf die Gewebeheilung und die Schmerzintensität
erklärt wird.
In verschiedenen Publikationen wird von einer Schmerzlinderung insbesondere bei akuten Zuständen berichtet.
21
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
5.3.3 Hochvoltströme
HV00 Hochvolt Vibration geschwellt 10 Hz
HV01 Hochvoltstrom 10-25 Hz
HV02 Hochvoltstrom 50-100 Hz
HV03 Hochvolt Vibration geschwellt 200 Hz
Hochvolt-Ströme bestehen aus Serien von sehr kurzen, etwa
10–50 Mikrosekunden dauernden Impulsen, die motorische
und sensible Nerven stimulieren.
Durch die extrem kurze Impulsdauer kommt es zu keiner
nennenswerten sensiblen Belästigung.
Um die für eine Reizwirkung notwendige Stromdosis zu erreichen, wird eine hohe Spannung benötigt, woraus sich der
Name „Hochvolt“ ableitet.
Die geringe sensible Belästigung ermöglicht eine vorteilhafte
Reizung motorischer Nerven, insbesondere bei muskulären
Verspannungszuständen. Somit stehen bei der Therapie mit
Hochvoltströmen die Muskeldetonisierung und die damit
erzielbare Analgesie im Vordergrund.
Niedrige Frequenzen (bis etwa 10 Hz) wirken in Form einer
„Schüttelung“ lockernd auf überlastete Muskulatur.
MF (monophasé fixe)
DF (diphasé fixe)
CF (monodulé en courtes périodes)
LP (modulé en longues périodes)
5.3.4 Ströme mit schmerzhemmender, durchblutungsfördernder und trophisierender Wirkung
Je höher der galvanische, d. h. gerichtete monodirektionale
Anteil eines Impulsstromes ist, desto ausgeprägter stellen
sich auch die Wirkungen des galvanischen Stromes ein.
Impulsströme mit hohem galvanischem Anteil haben daher
eine ausgeprägte durchblutungsfördernde Wirkung. Auch die
Stoffwechselvorgänge in den Zellen werden stimuliert, womit
eine Beschleunigung der Heilung durch eine Verbesserung der
Gewebeernährung – der Trophik – erreicht wird.
5.3.5 Diadynamische Ströme zur Stoffwechselsteigerung, Ödemresorption, Schmerzbehandlung,
Mehrdurchblutung
DI00 Diadynamischer Strom DF 100 Hz
DI01 Diadynamischer Strom MF 50 Hz
DI02 Diadynamischer Strom CP 50 / 100 Hz
DI03 Diadynamischer Strom LP 50 / 100 Hz
DI04 Diadynamischer Strom 2 Min. DF, 4 Min. CP
DI05 Diadynamischer Strom 2 Min. DF, 4 Min. LP
Die Impulse mit der Form einer Sinushalbwelle haben als
Grundfrequenz 50 Hz oder 100 Hz. Diese beiden Grundfrequenzen wurden bei den Stromformen CP und LP kombiniert.
Auch die Kombination von DF mit CP oder LP wird in der
Praxis häufig angewandt. Den diadynamischen Strömen sollte
immer ein galvanischer Strom unterlegt werden, da dieser
sogenannte Basisstrom die Durchblutung und Gewebetrophik
zusätzlich zu fördern vermag.
Die therapeutischen Wirkungen der diadynamischen Ströme
beruhen auf analgetischen, durchblutungsfördernden und
trophikfördernden Eigenschaften. Damit einher geht auch
22
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
eine ausgeprägte Resorptionsförderung, beispielsweise
bei posttraumatischen Zuständen. Die Verbesserung von
Stoffwechselvorgängen zur Beschleunigung von Heilungsprozessen ist stets verbunden mit trophikverbessernden
Eigenschaften, die vor allem bei chronisch-degenerativen
Erkrankungen von Nutzen sind.
Die diadynamischen Ströme werden im Allgemeinen sensibel überschwellig dosiert. Der Patient soll ein deutliches
Kribbeln oder Vibrieren unter den Elektroden empfinden.
Bei chronischen Prozessen ist es manchmal erforderlich,
die Stromintensität bis zur Toleranzgrenze zu steigern.
Es werden mittlere oder große Elektroden empfohlen.
Am besten geeignet sind Schwammtaschenelektroden.
Die Elektroden müssen plan und gleichmäßig aufliegen,
um kleinflächige Stromspitzen zu vermeiden.
5.3.6 Träbert'scher Reizstrom
Der Träbertstrom, auch Ultrareizstrom genannt, ist ein
unipolarer Rechteckstrom von 2 ms Impuls- und 5 ms
Pausendauer, woraus sich eine Frequenz von 143 Hz
ergibt. Die gute analgetische Wirksamkeit verschaffte
dieser Stromform eine breite Anwendung bei posttraumatischen Schmerzzuständen und Neuralgien sowie bei
schmerzhaften degenerativen Gelenkerkrankungen.
Ultrareizstrom nach Träbert
Nach einem anfangs intensiven, manchmal etwas unangenehm empfundenen Reiz, soll während der gesamten
Behandlungszeit ein deutliches Stromgefühl erhalten
bleiben. Das auftretende Muskelwogen ist zur Detonisierung erwünscht.
modifizierter Ultrareizstrom
Ultrareizstrom 182 Hz
Diese Modifikation des Träbert'schen Ultrareizstroms
ist durch eine Impulsbreite von 0,5 ms gekennzeichnet,
woraus sich bei einer Pausendauer von 5 ms eine Frequenz
von 182 Hz ergibt. Dieser Strom hat gegenüber dem
Träbert'schen Strom eine reduzierte trophische Wirkung.
Diese Stromform reizt die Schmerzfasern der Haut nur
noch geringfügig, was eine relativ hohe Dosierung ohne
unangenehmes Stromempfinden erlaubt. Damit kann ein
intensives Muskelwogen zur Detonisierung verspannter
Muskeln bewirkt werden, z. B. zur Entstauung bei Muskelverletzungen.
23
NF 00 Ultrareizstrom nach Träbert 2 ms / 5 ms, 143 Hz
NF 01 Ultrareizstrom modifiziert 182 Hz 0,5 / 5 ms, 182 Hz
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
5.4 Elektrostimulation der Muskulatur
Diese Stromformen werden zur neuromuskulären Reizung
eingesetzt.
Reizfrequenzen bis etwa 10 Hz erzeugen Einzelzuckungen.
Die mechanische Antwort auf einen Reiz überdauert die
elektrische Aktivität um ein Vielfaches, daher bauen ab einer
Frequenz von etwa 10 Hz die Zuckungen aufeinander auf, die
Muskulatur kontrahiert somit intensiver, als es mit Einzelzuckungen möglich ist. Erst diese tetanische Kontraktion erlaubt
dem Muskel, seine Kraft zu entfalten.
Mit steigender Frequenz wird auch die Kraftentfaltung in der
Muskulatur intensiver und erreicht bei Reizfrequenzen von ca.
50–70 Hz ihren Höhepunkt.
Die Muskeln des menschlichen Körpers sind im Gegensatz zu
spezialisierten Muskeln bestimmter Tiere eher als universelle Bewegungsorgane angelegt. Sie sind daher nur bedingt
spezialisiert und in der Lage, sowohl Kraft- als auch Ausdauerleistungen zu erbringen. Dazu bestehen die Muskeln aus
unterschiedlichen Fasertypen, der „rot“ genannten Ausdauermuskulatur und der „weiß“ genannten Kraftmuskulatur,
die ihr Reizoptimum bei unterschiedlichen Frequenzen haben.
Die Ausdauermuskulatur kann mit niedrigeren Frequenzen um
20–30 Hz, die Kraftmuskulatur mit höheren Frequenzen um
50–60 Hz spezifisch gereizt und auch unterstützend trainiert
werden. Interessant ist die Beobachtung, dass mit einer
Langzeitstimulation mit den faserspezifischen Frequenzen
eine Anpassung des Muskels bewirkt werden kann; man
kann einen Muskel daher den spezifischen Anforderungen an
Ausdauer und Kraft entsprechend therapeutisch optimal in
seiner Faserzusammensetzung modifizieren.
Über etwa 100 Hz können aufgrund der Refraktärzeit der
Muskelfasern nicht mehr alle gleichmäßig erregt werden,
zudem wird die Refraktärzeit auch länger. Es resultiert nun
ein irreguläres Kontraktionsmuster, das keine Kraftentfaltung
mehr zur Folge hat und vielmehr eine relaxierende Wirkung
auf den Muskel ausübt, der zudem besser durchblutet wird
und wegen der fehlenden Kraftentfaltung auch während der
Stimulation gedehnt werden kann. Auf diesem Mechanismus
beruht unter anderem die hervorragende muskelrelaxierende
und analgesierende Wirkung der funktionellen Muskeltherapie
mit dem Simultanverfahren.
Gerade zur neuromuskulären Reizung steht eine Fülle von
Stromformen zur Verfügung, die unterstützend entsprechend
dem Therapiezweck eingesetzt werden, entweder in Verbindung mit Willkürkontraktionen zur Tonisierung und Kräftigung
oder zusammen mit Dehnung zur Detonisierung und Relaxation.
Auch die willkürliche Aktivierbarkeit und die neuronale
Ansteuerung der Muskulatur werden durch die neuromuskuläre
Elektrostimulation verbessert, sowohl peripher an der Muskulatur als auch zentral in den motorischen Gehirnzentren.
Die Voraussetzungen für die (begleitende) Bewegungs- und
24
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
Trainingstherapie werden somit verbessert. Dies zeigt
auch die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Verbindung
von Bewegungsübungen mit der Elektrostimulation, insbesondere, wenn Schmerzen, Immobilisation oder Verletzungen die Willkürmotorik einschränken.
Wichtig ist die individuelle Planung der Therapie und
somit die Anpassung der Reizstrombehandlung an den
Zustand der Muskulatur. Betont sei dabei, dass bei dieser
Form der neuromuskulären Reizung das neuromuskuläre
System intakt sein muss.
Komplexe Störungen des Bewegungsablaufes sind häufig
das Resultat einer lange bestehenden Bewegungseinschränkung, in erster Linie aufgrund von Gelenkfunktionsstörungen. Lange anhaltende Bewegungsstörungen führen
zu fehlerhaften zentralen Bewegungsmustern; es gilt in
der Therapie, die normalen zentralen Steuerungsmechanismen der Bewegung wieder herzustellen.
Diesem Zweck dienen die kombinierten Stromformen zur
Muskelrehabilitation. Diese werden bei allen chronisch
gestörten Bewegungsmustern zur Unterstützung der
Bewegungstherapie, in erster Linie auch zur Unterstützung
propriozeptiver Formen der Therapie eingesetzt.
Das Prinzip der kombinierten Therapie von Störungen der
Muskulatur trifft auch für sportmedizinische Indikationen
zu. Hier tritt allerdings das Beüben aufgrund langfristig
gestörter Bewegungsmuster in den Hintergrund und wird
durch den Aspekt des Trainings ersetzt.
Das zielführende Muskeltraining wird mit speziellen
Stromformen unterstützt, die auf die unterschiedlichen
Faserarten einwirken können.
Die Behandlung erfolgt immer mit zwei Stromkreisen,
den sog. Kanälen, die simultan oder alternierend
geschaltet werden können.
Die simultane Stimulation wird z. B. zum gleichzeitigen
Beüben von Muskelketten über mehrere Gelenke hinweg
eingesetzt, die alternierende Stimulation z. B. zum Beüben
von Agonisten und Antagonisten.
Einsatzmöglichkeiten:
· allgemeinen Muskelkräftigung
· Kräftigung mit Betonung der Haltemuskulatur
· Kräftigung mit Betonung der Kraftmuskulatur
· Detonisierung verspannter und schmerzhafter Muskulatur
Muskeldurchblutung
Die Kontraktionszyklen der Muskulatur sind energieverbrauchende Vorgänge, daher nimmt die Durchblutung
während der Muskelarbeit zu. Die Mehrdurchblutung
beruht auf der Freisetzung vasoaktiver Stoffwechselprodukte, der Aktivierung afferenter, also propriozeptiver
Nervenfasern und der Förderung des venösen Rückstroms
über die Muskelpumpe.
25
Vorteile der elektrischen Muskelstimulation
- Aktivierung des gesamten kontraktilen Apparates
- Längere Dauer der Muskelanspannung
- Umgehung von Ermüdungsprozessen im Zentralnervensystem
- Gezieltes Training einzelner Muskeln und Muskelgruppen möglich
- Zusätzlich reflextherapeutische Effekte
- Fehlende psychische Belastung
- Training auch in einer Regenerations- und
Immobilisationsphase möglich
- Geringe kardiovaskuläre Belastung
Nachteile der elektrischen Muskelstimulation
- Unphysiologisches Rekrutierungsmuster
- Erregung von Teilen des Muskels, statt des gesamtes Muskels
- Sensibel belastend
- Maximale Kontraktionskraft ist schmerzhaft und daher begrenzt
- Exzentrische Muskelkontraktionen sind mit der neuromuskulären
Stimulation alleine nicht durchführbar
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
MF00 Mittelfrequenz 8000 Hz (nur PhySys)
MF01 Mittelfrequenz 8000 Hz, geschwellt
MF02 Mittelfrequenz Sinusmodulation,
(Schwellung) 8000 Hz (nur PhySys)
RS00 Tonisierende Mittelfrequenz 2500 Hz,
geschwellt (nur PhySys)
Kräftigung der innervierten Muskulatur
MF04 Mittelfrequenz 8000 Hz, geschwellt,
Modulation 25 Hz
Tonisierung von
„roten“ Muskelfasern
zur Verbesserung der
Ausdauerleistung
MF05 Mittelfrequenz 8000 Hz, geschwellt,
Modulation 50 Hz
MF10 Mittelfrequenz 8000 Hz geschwellt,
Modulation 30 – 60 Hz (nur PhySys)
RS01 Mittelfrequenz 2500 Hz geschwellt,
Modulation 50 Hz (nur PhySys)
Tonisierung von
„weißen“ Muskelfasern
zur Verbesserung der
Schnellkraft
MF03 Mittelfrequenz 8000 Hz,
Modulation 10 Hz (nur PhySys)
MF07 Mittelfrequenz 8000 Hz,
Modulation 3 – 10 Hz
Detonisierung der
Muskulatur durch
„Schüttelung“
MF08 Mittelfrequenz 8000 Hz,
Modulation 10 – 30 Hz (nur PhySys)
MF09 Mittelfrequenz 8000 Hz, geschwellt,
Modulation 10 – 30 Hz
Langzeitstimulation von
„roten“ Muskelfasern
zur Verbesserung der
Ausdauerleistung
MF11 Mittelfrequenz 8000 Hz,
Modulation 100 – 200 Hz
Detonisierung der
Muskulatur und Durchblutungsförderung
MF06 Mittelfrequenz 8000 Hz,
Modulation 100 Hz (nur PhySys)
Analgesie und Durchblutungsförderung in
der Muskulatur
5.4.1 Mittelfrequenzströme – Muskelstimulation,
Schmerzdämpfung und klassische Mittelfrequenz
Mittelfrequente Reizströme sind definitionsgemäß Wechselströme im Frequenzband zwischen 1.000 Hz und 100.000 Hz.
Mittelfrequenzströme sind ambipolar, d. h. sie haben unter
allen Elektroden eine gleichsinnige Wirkung. Sie sind als
ladungsbalancierte (nulllinien-symmetrische) Ströme auch
für längere Anwendung und zur Anwendung über MetallImplantaten geeignet.
Bei diesen Frequenzen ist nicht mehr die einzelne Schwingung als Reiz wirksam, sondern eine Serie mehrerer Hundert
aufeinander folgender Schwingungen als reizwirksamer
Summationsimpuls. Die Frequenz dieser Summationsimpulse
entsteht durch Amplituden- oder Frequenzmodulation, um
die oben erwähnten Summen- oder Summationsimpulse zu
erhalten. In den Therapiegeräten sind zwei Verfahren der
Amplitudenmodulation realisiert, die geräteseitige Amplitudenmodulation, das SINUS-Verfahren nach Jasnogorodskij
und die Amplitudenmodulation durch Überlagerung zweier
Stromkreise unterschiedlicher Frequenz im Gewebe, das
Interferenzstromverfahren (nach Nemec).
Die hohe Basisfrequenz der mittelfrequenten Ströme bedingt
eine mit zunehmender Frequenz steigende thermische
Belastung des Gewebes. Aus diesem Grund haben sich für
therapeutische Zwecke nur Frequenzen bis ca. 8.000 Hz als
Basisfrequenz bewährt. Darüber hinaus verhindert die thermische Belastung den Einsatz reizauslösender Stromdosen.
In den Geräten sind als Basisfrequenzen der mittelfrequenten
Ströme 2.500 Hz, 4.000 Hz und 8.000 Hz vorgesehen.
Mit steigender Frequenz nimmt die sensible Reizung der
kutanen Rezeptoren ab, so dass die höheren Frequenzen
einen geringeren Hautreiz aufweisen und somit angenehmer
empfunden werden.
Der geringe oder fehlende Hautreiz erlaubt eine schmerzfreie
Stimulation und dadurch die Anwendung hoher Dosen, die
in der Lage sind, tiefer gelegene motorische Nervenfasern
wirksam zu reizen. Damit sind die mittelfrequenten Ströme
gut geeignet zur Muskelstimulation.
Die schmerzlindernde Wirkung der mittelfrequenten Ströme
ist daher vorrangig ein indirekter Effekt bedingt durch die
Veränderungen des Muskeltonus, in erster Linie als MuskelDetonisierung.
Klassische Mittelfrequenz (SINUS-Verfahren von
ZIMMER)
Das ursprünglich nach dem russischen Gerät „Amplipuls“
benannte Verfahren erzeugt die reizwirksamen Summationsimpulse im Gerät.
Der Reiz wird daher unter den Elektroden wirksam, wo auch
die größte Stromdichte besteht.
26
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
Der Hautreiz ist dabei nicht sehr ausgeprägt, da durch die
kapazitive Koppelung der Wirkort der Ströme in den gut
leitenden Schichten unter der Haut und in der Muskulatur
liegt.
Der Vorteil dieser Ströme liegt in der genauen Lokalisation
des Reizortes, womit es möglich wird, gezielt motorische
Nerven, motorische muskuläre Reizpunkte und verhärtete
Bezirke in der Muskulatur, wie myofasziale Triggerpunkte
zu behandeln.
Einen breiten Einsatz finden diese mittelfrequenten
Ströme zur Tonisierung von Muskulatur zur Unterstützung
kräftigender Übungstherapien in der Rehabilitation und
beim Muskeltraining im Sport. Dabei kommt auch die
oben beschriebene Eigenschaft langer mittelfrequenter
Impulsserien zum Tragen, die in langsamer Schwellung
appliziert den Reiz nicht am motorischen Nerv sondern an
der Muskelfaser direkt auslösen.
Mittelfrequenzaktivierung nach Senn
Besonders in der Muskulatur tritt die schrittweise Depolarisierung der Zellmembranen bis zur Erregungsschwelle
im gesamten Stromfeld auf. Dieser Mechanismus wurde
von Wyss und Senn für lange mittelfrequente Impulse
beschrieben, deren Dauer mindestens 300 ms betragen
muss. Dabei führen die langen, oft mehrere Sekunden anhaltenden mittelfrequenten Stromschwellungen zunächst
zu mehreren Einzelentladungen der Muskelfasermembran,
die in eine plateauförmige Depolarisation mündet.
Diese wird von der Muskelfasermembran ca. 6 Sekunden
aufrecht erhalten und bildet sich dann spontan zurück.
Die Aktivierung der Muskulatur mit diesen langen mittelfrequenten Schwellströmen ist sehr gut verträglich, da sie
einen Eigenrhythmus der Muskulatur auslöst und dadurch
eine Überbelastung vermieden werden kann.
Diese physiologische Aktivierung der Muskelfasermembran in deren Eigenrhythmus stellt das eigentliche „mittelfrequente Reizprinzip“ dar, was sich durch die fehlende
Ermüdung der Muskulatur während der BehandlungsSitzung therapeutisch nutzen lässt. Die Muskelaktivierung
mit mittelfrequenten Impulsen ist nur bei einem intakten
neuro-muskulären System möglich. Zur Diagnose der
Funktionsfähigkeit des Nerv-Muskelsystems wird der
Mittelfrequenztest nach Lange (PA 00) angewandt.
Die physiologische Muskelaktivierung mit langen an- und
abschwellenden mittelfrequenten Impulsserien wird
für folgende Indikationen als adjuvantes Verfahren mit
krankengymnastischen Übungsbehandlungen und aktiven
Trainingsmethoden empfohlen:
· Willkürinnervationsschwäche
· fehlendes Muskelgefühl
· Muskelschwäche
· reflektorische Verspannungen
· Adjuvant zum Muskeltraining
27
~ 6 Sekunden
Verlauf des
Membranpotentials der
Muskelzellen
Reizimpuls
Mittelfrequenzaktivierung nach Senn
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
IF00 Interferenz unmoduliert, sweep 6 sek
IF08 Interferenz 1 – 100 Hz, sweep 6 sek;
90 % (nur PhySys)
Zur Anregung des
Gewebe-Stoffwechsels
und Analgesie
IF01 Interferenz 10 Hz, sweep 6 sek; 90 %
IF02 Interferenz 50 Hz, sweep 6 sek
IF04 Interferenz 3 – 10 Hz, sweep 6 sek; 90 %
Muskelaktivierung bei
Myalgie
IF03 Interferenz 100 Hz, sweep 6 sek
Analgesie und
Resorptionsförderung
IF05 Interferenz 10 – 30 Hz, sweep 6 sek
Muskelaktivierung bei
Schmerzen der Haltemuskulatur
IF06 Interferenz 30 – 60 Hz, sweep 6 sek
Allgemeine Muskelaktivierung bei Myalgie
IF07 Interferenz 60 – 120 Hz, sweep 6 sek
IF09 Interferenz 120 – 200 Hz, sweep 6 sek;
90% (nur PhySys)
Großflächige
Muskeldetonisierung
Vollständige
Interferenz
Guter Reizeffekt
Unvollständige
Interferenz
Mäßiger Reizeffekt
5.4.2 Interferenzströme – Schmerzbehandlung, Muskelentspannung und vegetative Stimulation
Bei dem Interferenzstrom-Verfahren werden zwei Stromkreise gekreuzt angelegt, die sich entweder in ihrer Frequenz
unterscheiden oder bei gleichen Frequenzen gegeneinander in
ihren Phasen verschoben werden. Im Gewebe überlagern sich
diese elektrischen Wechselstromfelder und bilden dabei typische Interferenzmuster in Form von niederfrequenten Schwebungen aus. Die Frequenz dieser Schwebungen entspricht der
Differenz der Frequenzen der beiden Stromkreise.
Die Amplitudenmodulation mit Hilfe unterschiedlicher Frequenzen ist als „klassische“ Interferenz bekannt. Die Technik
der Interferenz durch Phasenverschiebung wird von den
Herstellern auch als „planare“ Interferenz bezeichnet, wobei
eine Amplitudenmodulation bei gleicher Frequenz sowohl bei
gleichen als auch unterschiedlichen Amplituden der interferierenden Wellen erreicht wird.
Es ist somit verständlich, dass es sich beim InterferenzstromVerfahren um eine räumlich wirkende Methode handelt, die
zur Therapie gut in einem größeren Volumen, jedoch nicht
punktgenau eingesetzt werden kann.
Keine Interferenz
Kein Reizeffekt
Die Interferenzstromtherapie eignet sich daher in erster
Linie zur Detonisierung mittlerer und größerer Muskeln und
Muskelgruppen.
Der Vorteil des Interferenzstrom-Verfahrens ist in der ausgezeichneten Verträglichkeit zu sehen, da in der Haut keinerlei
modulierte Ströme und dementsprechend auch keine Reize
auftreten.
Diese Methode der Amplitudenmodulation erzeugt – wie
dargestellt – im Gewebe Impulse unterschiedlicher Modulationsgrade.
· Unter den Elektroden fehlen reizwirksame Impulse, weil dort
ein unmodulierter Strom fließt.
· Ein wirksamer Reiz ist aber nur mit vollständig modulierten
Impulsen zu erzielen, die im Interferenzstromfeld vorzugweise
entlang der Diagonalen des von den Elektroden gebildeten
Rechtecks entstehen. Nur dort sind die Felder gleich
stark und haben einen annähernd parallelen Verlauf, was die
Voraussetzungen zur Bildung einer vollständigen Interferenz
erfüllt. Diese Impulse werden häufig auch als vollständige
Schwebungen bezeichnet.
· Die inhomogenen elektrischen Eigenschaften der Gewebe
dürften darüber hinaus zu Verzerrungen der Stromfelder im
Körper führen. Diesem Umstand soll mit der Vektortechnik,
dem Sweep begegnet werden. Innerhalb eines Segments
der Quadranten des Elektroden-Rechtecks wird der Ort der
optimalen Interferenz verschoben, indem die Amplitude
Interferenzfeld in der Therapie
28
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
eines Stromkreises zu- und abnimmt. In diesen Segmenten entstehen reiztaugliche Impulse, womit ein größerer
Bereich des Therapiefeldes wirksam behandelt werden
kann. Diese Verschiebung des Hauptvektors kann im Therapiegerät eingestellt werden und überstreicht je Quadrant
jeweils bis zu 80°.
5.4.3 Niederfrequente Ströme zur Muskelstimulation
Diese Stromformen werden zur neuromuskulären Reizung
während der Rehabilitation eingesetzt. Für die Effizienz der
Reizung ist es nicht von Bedeutung, ob symmetrische oder
asymmetrische Rechteckimpulse genutzt werden, dies
hängt vom individuellen Empfinden der Patienten ab.
Zu beachten ist ferner, dass nur symmetrische Rechteckimpulse für das Simultanverfahren mit dem Ultraschall
oder für die Anwendung mit beweglichen Elektroden,
z. B. zur Triggerpunkt-Stimulation geeignet sind, da nur
symmetrische Impulse im CV-Betrieb eingesetzt werden
sollen, um ein evtl. eintretendes Brennen und galvanische
Hautschäden zu vermeiden.
Wichtig ist die individuelle Planung der Therapie und
somit die Anpassung der Reizstrombehandlung an den
Zustand der Muskulatur. Betont sei dabei, dass es sich bei
dieser Form der muskulären Rehabilitation um ein intaktes
neuromuskuläres System handelt.
5.5 Stromformen zur Rehabilitation bei gestörter
Muskelfunktion und zum spezifischen Training bei
der Rehabilitation von Sportverletzungen
5.5.1 Rehabilitation im Muskelbereich
Schwellströme, angepasst an Innervationsgrad und Funktionszustand des Muskels unterstützen oder initiieren die
willkürliche Auslösung von Kontraktionen. Die Entstehung
einer immobilisationsbedingen Atrophie kann somit erheblich verlangsamt werden.
Entsprechend den Anforderungen und den verlorengegangenen Funktionen können mit der gewählten Frequenz
auch die spezifischen Eigenschaften der Muskelfasertypen
berücksichtigt und spezifisch beübt werden.
5.5.2 „Russische Stimulation“
Diese Sonderform der mittelfrequenten Reizung wird
erfolgreich zur Erhaltung der Muskelkraft, insbesondere
bei großen Muskeln, eingesetzt. (nur PhySys)
29
Bipolarer symmetrischer
Rechteckimpuls
Bipolarer asymmetrischer
Rechteckimpuls
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
Die folgenden Bilder geben eine Übersicht über die wichtigsten
Indikationen zur komplexen Muskeltherapie bei der Rehabilitation von
Sportschäden und chronischen orthopädischen Erkrankungen.
Dargestellt sind die Muskeln / Muskelgruppen, die jeweils tonisierend
oder detonisierend behandelt werden sollen.
Ströme zur Rehabilitation bei gestörter Muskelfunktion
MR00 Kräftigung der Agonisten /
Detonisierung der Antagonisten
MR01 Kräftigung der Agonisten MF /
Detonisierung der Antagonisten
MR02 Kräftigung von Muskelgruppen /
Agonisten und Antagonisten
MR03 Kräftigung von Muskelgruppen /
Agonisten und Antagonisten MF
MR04 Detonisierung und Analgesie von Agonisten
und Antagonisten (nur PhySys)
MR05 Detonisierung und Analgesie von Agonisten
und Antagonisten 10 Hz (nur PhySys)
MR06 Stoffwechselstimulation und Analgesie Mittelfrequenz
Komplexe Störungen des Bewegungsablaufes sind häufig das
Resultat einer lange bestehenden Bewegungseinschränkung,
in erster Linie aufgrund von Gelenkfunktionsstörungen. Als
Ursache dieser Gelenkfunktionsstörungen stehen die degenerativen Erkrankungen der Gelenke und der Wirbelsäule an
erster Stelle.
Lange anhaltende Bewegungsstörungen führen zu fehlerhaften zentralen Bewegungsmustern; es gilt in der Therapie, die
normalen zentralen Steuerungsmechanismen der Bewegung
wieder herzustellen.
Diesem Zweck dienen die kombinierten Stromformen zur
Muskelrehabilitation. Diese werden bei allen chronisch
gestörten Bewegungsmustern zur Unterstützung der Bewegungstherapie, in erster Linie auch zur Unterstützung propriozeptiver Formen der Therapie eingesetzt.
Schwellströme, angepasst an Innervationsgrad und Funktionszustand des Muskels, unterstützen oder initiieren die
willkürliche Auslösung von Kontraktionen. Die Entstehung einer immobilisationsbedingten Atrophie kann somit erheblich
verlangsamt werden.
Entsprechend den Anforderungen und den verlorengegangenen Funktionen können mit der gewählten Frequenz auch die
spezifischen Eigenschaften der Muskelfasertypen berücksichtigt und spezifisch beübt werden.
Als Indikationsbeispiele seien Muskelfunktionsstörungen
genannt wie:
· chronisch degenerative Erkrankungen der peripheren Gelenke,
· chronisch degenerative Erkrankungen der Wirbelsäule,
· chronische Verletzungsfolgen,
· angeborene und erworbene Haltungs- und statische
Störungen an Gelenken und Wirbelsäule,
· chronische Störungen des Muskeltonus und der Muskeltrophik
30
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
5.5.3 Sequenzströme zum spezifischen Training in
der Rehabilitation von Sportverletzungen
Das Prinzip der sequentiellen Therapie von Störungen der
Muskelfunktion wird bei sportmedizinischen Indikationen
angewandt. Hier tritt allerdings das Beüben aufgrund langfristig gestörter Bewegungsmuster in den Hintergrund und
wird durch den Aspekt des Trainings ersetzt.
Für die Rehabilitation nach Verletzungen im Sport und
von Sportschäden wurden Ströme zum physiologischen
Sequenztraining entwickelt, die auf den Zustand des zu
behandelnden Muskels oder der Muskelkette und auf den
Trainingszweck abgestimmt sind.
Diese Stromformen unterstützen das zielführende Muskeltraining mit speziellen Stromformen, die auf die unterschiedlichen Faserarten einwirken können.
Der Zyklus beginnt mir einer Aufwärmphase, darauf folgt
die Trainingsphase, beendet wird er mit einer
Entspannungsphase.
Die Sequenzbehandlung erlaubt es, das Rehabilitationstraining nach speziellen Anforderungen der einzelnen
Sportart und auch gemäß den muskulären Voraussetzungen des Sportlers entsprechend zu planen und gezielt
einzusetzen.
Die Behandlung erfolgt immer mit zwei Stromkreisen, den
sog. Kanälen, die simultan oder alternierend geschaltet
werden können.
Sequenztherapie zur Muskelstimulation:
Jedes Programm besteht aus drei Phasen:
Sequenztraining
Die simultane Stimulation wird z. B. zum gleichzeitigen
Beüben von Muskelketten über mehrere Gelenke hinweg
eingesetzt, die alternierende Stimulation z. B. zum Beüben
von Agonisten und Antagonisten.
31
Aufwärmphase,
5 min
5 – 30 Hz, 500 µsec.
Rechteck mit galvanischem Ausgleich
Trainingsphase,
10 min bis 20 min
(Wahl der Stromform
entsprechend dem
Befund)
SR 00 Muskelkräftigung allgemein
SR 01 Kräftigung Haltemuskulatur
SR 02 Kräftigung
Schnellkraftmuskulatur
SR 04 Ausdauertraining
SR 05 Schnellkrafttraining
SR 06 Explosivkrafttraining
Entspannungsphase,
3 min
10 Hz geschwellt, Rechteck 120 µsec.
mit galvanischem Ausgleich
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
Ströme zur Lähmungsdiagnostik – Diagnostik bei Lähmungen
PA00 Innervationstest nach Lange, 8000 Hz
PA01 Neofaradischer Test 1 ms, 50 Hz
PA02 Chronaxie / Akkomodationsquotient
PA03 I/t - Kurvendiagnostik (nur PhySys)
PA15 Fischgoldtest
Ströme zur Lähmungsbehandlung – Muskelaktivierung bei
unterschiedlichen Lähmungsformen / -graden
PA04 Therapie schlaffer Lähmungen (nur PhySys)
PA14 Therapie spastischer Lähmungen (nur PhySys)
PA06
PA07
PA08
PA10
PA11
PA12
Lähmungsbehandlung mit alternierenden Dreieckimpulsen
Lähmung, mittlere Entartung, 200 / 1400 ms
Lähmung, geringe Entartung, 100 / 1000 ms
Intentionsübung biphasisch 600 µs, 50 Hz
Muskelrehabilitation Kraft (biphasisch) T 0,5 ms, 60 Hz
Muskelrehabilitation Ausdauer (biphasisch), T 1 ms, 20 Hz
5.6 Ströme zur Diagnostik und Behandlung
bei Lähmungen
5.6.1 Elektrotherapie schlaff gelähmter Muskulatur
Ein innervierter Muskel reagiert auf die Reizung mit Rechteckimpulsen mit einer einmaligen blitzartigen Zuckung.
Um die Funktionsfähigkeit des neuromuskulären Systems zu
untersuchen, wird der Muskel über eine Minute mit einem
Rechteckstrom von 1 ms Dauer und einer Frequenz von 50 Hz
gereizt, dem sog. neofaradischen Strom. Kontrahiert der
Muskel während dieser Reizung, ist seine Nervenversorgung
intakt, der Muskel ist „faradisierbar“.
Im Gegensatz zum Reaktionsmuster des intakten Skelettmuskels auf elektrische Reize verändert sich diese Reaktion bei
manchen Erkrankungen des Muskels sowie bei Erkrankungen
oder Verletzungen des peripheren Nervensystems in typischer
Weise. Dabei kann die Reizschwelle erhöht oder erniedrigt
sein. Ist die Reizschwelle erhöht, benötigt man höhere Stromdosen, um eine Reaktion auszulösen; ist sie erniedrigt, ist der
Muskel leichter erregbar oder sogar übererregbar.
Die Erregbarkeit des Muskels kann aber auch völlig zum
Erliegen kommen.
In den Fällen, in denen sich die Stromstärke ändert, die zur
Auslösung einer Zuckung benötigt wird, spricht man von einer
quantitativen Veränderung. Veränderungen des Kontraktionsund Zuckungsablaufs werden als qualitative Veränderungen
bezeichnet.
Im Falle einer Denervation tritt auf einen elektrischen Reiz hin
häufig eine träge und wurmförmig verlaufende Zuckung auf,
die als Entartungsreaktion (EAR) bezeichnet wird. Die EAR
kann partiell oder komplett sein.
Bei einer schweren Schädigung, die mit einer vollständigen
Denervation einhergeht, beobachtet man:
· den Verlust der faradischen Erregbarkeit nach 3–4 Tagen
· den Verlust der indirekten galvanischen Erregbarkeit nach
ca. zwei Wochen
· eine komplette EAR bei direkter galvanischer Reizung
Bei einer lang dauernden kompletten Denervation kommt
es zur bindegewebigen Degeneration der Muskulatur; dann
erlischt auch die direkte galvanische Erregbarkeit.
Liegt eine inkomplette Denervation vor, z. B. bei einer Nervenquetschung mit Erhalt der Kontinuität des Endo- bzw.
Perineuriums, so kann es zwar zum vollständigen Funktionsausfall der Muskulatur kommen, sie bleibt aber faradisch
erregbar, trotz weiter bestehender schlaffer Lähmung.
32
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
Man beobachtet eine partielle EAR, die sich aus folgenden
Befunden ergibt:
· die faradische Erregbarkeit ist noch erhalten
· bei direkter galvanischer Reizung ist die Zuckung an
fangs nicht träge und wurmförmig, sie wird es aber
nach einer Reihe von Impulsen
Die Reizung mit dem neofaradischen Strom reicht also
aus, um sich einen schnellen Überblick über ein Lähmungsbild zu verschaffen (neofaradischer Test).
Weiter entwickelte Varianten der Prüfung der neuromuskulären Innervation sind der von dem französischen Neurologen
Fischgold entwickelte „Fischgoldtest“ sowie der von dem
deutschen Arzt Lange entwickelte Innervationstest.
Der „Fischgoldtest“ vergleicht die Reizantwort auf einen
Reiz mit 1 ms Impulsbreite mit der auf einen Reiz mit 100 ms
Impulsbreite. Der Quotient aus beiden Stromamplituden
(in mA) dient zur Beurteilung einer partiellen Denervation.
Der „Lange-Test“ bedient sich eines mittelfrequenten
Impulses von 300 ms Dauer. Er wird immer im Seitenvergleich mit der gesunden Seite durchgeführt und liefert somit eine visuelle Aussage über den Innervationsgrad eines
Muskels, wobei eine totale von einer partiellen Lähmung
unterschieden werden kann.
Zur Therapie sind diese Tests jedoch nicht geeignet.
Für diesen Zweck werden Rechteck- und Dreieckströme
eingesetzt, deren Impulsbreite regelbar ist.
Rechteckimpulse erzeugen beim gesunden Muskel eine
schnell ablaufende, blitzartige Zuckung.
Dreieckströme haben einen mehr oder weniger verzögerten
Anstieg. Der gesunde Muskel ist in der Lage, sich dem
verzögerten Anstieg in gewissen Grenzen anzupassen und
reagiert daher erst bei deutlicher Erhöhung der Schwellenstromstärke mit einer Kontraktion. Diese erfolgt umso
langsamer, je flacher der Anstieg ist; sie wird mit zunehmender Steilheit des Anstiegs schneller und deutlicher
wahrnehmbar.
Der gesunde Muskel reagiert also auf Rechteckimpulse bei
niedrigerer Stromstärke, während er auf Dreieckimpulse
erst nach mehrfacher Erhöhung der Schwellenstromstärke
anspricht, er passt sich dem verzögerten Anstieg an.
Diese Anpassungsfähigkeit nennt man Akkomodabilität,
den Vorgang selbst Akkommodation.
Der gelähmte Muskel hat dagegen, je nach Entartungsgrad, diese Anpassungsfähigkeit eingebüßt. Er reagiert
deshalb auf Dreieckimpulse mit weit geringerer
Stromstärke als ein gesunder Muskel.
33
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
Der Quotient der mindestens zur Auslösung einer Zuckung mit
einem Rechteckimpuls resp. Dreieckimpuls benötigten Stromintensitäten wird als Akkomodationsquotient bezeichnet. Je
ausgeprägter die Denervation einen Muskels ist, desto kleiner wird auch der Akkommodationsquotient, was den Verlust
der Akkomodabilität messbar macht.
Reizt man beispielsweise einen geschädigten Muskel, der
von gesunden Muskeln umgeben ist, mit Rechteckimpulsen,
so kann man häufig beobachten, dass die gesunden Antagonisten oder benachbarte Muskeln rascher und kräftiger
reagieren als der geschädigte Muskel. Man spricht in diesem
Fall vom Durchschlagen der Antagonisten.
Reizt man jedoch den geschädigten Muskel mit Dreieckstromimpulsen, so kann er sich dem Kontraktionsreiz nicht
entziehen, während die gesunden Antagonisten aufgrund
ihrer Akkomodabilität nicht reagieren. Man spricht daher
von der selektiven Reizung der gelähmten Muskulatur. Der
jeweilige Reizbedarf für die selektive Reizung des geschädigten Muskels muss genau festgestellt werden. Hierzu dient die
Reizzeit-Reizstärke-Kurve, kurz It-Kurve genannt (Erstellung
einer It-Kurve: siehe Anhang).
Die Behandlung des schlaff gelähmten Muskels mit dreieckoder trapezförmigen Stromimpulsen berücksichtigt, dass
ein nicht irreparabel denervierter Muskel durch den Ausfall
funktioneller und trophischer Einflüsse der Nervenfasern
unter anderem einen Verlust an kontraktiler Substanz erleidet,
mit dem Ergebnis einer zunehmenden Muskelatrophie. Bei
anhaltender Lähmung und bei kompletter Denervierung kann
es nach längerer Zeit, d. h. nach ein bis zwei Jahren, zum
vollständigen Untergang der Muskelfasern kommen, die
durch nicht kontraktiles Bindegewebe ersetzt werden.
Man geht mit der Elektrotherapie davon aus, dass durch
selektive Reizung hervorgerufene Muskelkontraktionen die
Atrophie und Dystrophie des Muskelgewebes verzögern oder
verringern können, zumindest bei partieller EAR, und zwar so
lange, bis eine Reinnervation erfolgt.
Darüber hinaus bleibt zumindest das zentrale Funktionsbild
des Muskels durch die Auslösung propriozeptiver Reize
erhalten.
Ergänzend ist zu sagen, dass die selektive Reizung einen
möglichst flachen Anstieg der Stromimpulse erfordert, während die optimal kräftige Kontraktion einen möglichst steilen
Anstieg benötigt. Der Anstieg soll also so steil wie möglich,
aber so flach wie nötig sein.
Mit dem Programm „Therapie schlaffer Lähmungen“ stehen
variabel regelbare trapezförmige Ströme zur Verfügung, die
diese Bedingungen optimal erfüllen. (nur PhySys)
34
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
5.6.2 Ströme zur neuromuskulären Diagnostik
Neofaradischer Test 1 ms, 50 Hz und
Faradisierung, Rechteck, 1 ms
Mit diesen Tests wird geprüft, ob der Muskel „faradisierbar“, d. h. mit dem faradischen Strom erregbar ist.
Die Muskelkontraktion muss über eine Minute hinweg aufrechterhalten werden können. Ein faradisierbarer Muskel
ist innerviert.
Innervationstest nach Lange, 8000 Hz:
Der Innervationstest mit mittelfrequenten Einzelimpulsen beruht auf der gestuften Reizantwort innervierter,
teilinnervierter und denervierter Muskulatur auf mittelfrequente Reizung. Im Seitenvergleich kann der Behandler
Unterschiede in der Intensität und Kraft der ausgelösten
Zuckung erkennen und grob auf den Grad der Denervierung
schließen.
Chronaxie / Akkommodationsquotient
Diese Methode dient zur Durchführung einer einfachen
und schnellen Diagnostik. Es besteht aus 3 Programmschritten, in denen nacheinander die Rheobase, Chronaxie
und Akkomodationsschwelle gemessen und daraus der
Akkomodationsquotient ermittelt wird.
IT – Kurve (nur PhySys)
Diese Methoden dienen der Überprüfung der Funktion
des neuromuskulären Systems im Verlauf einer Therapie
schlaffer Lähmungen durch den Physiotherapeuten. Damit
kann der Behandler bei langwierigen Reinnervationsprozessen die Reizparameter dem Zustand und der Reizfähigkeit des Nerv-Muskel-Systems anpassen. Insbesondere
die therapeutisch genutzten Stromformen (siehe: Therapie
von schlaffen Lähmungen) müssen den sich ändernden
reizphysiologischen Bedingungen des Nerv-Muskel-Systems angepasst werden können.
5.6.3 Therapie von schlaffen Lähmungen
Therapie schlaffer Lähmungen Trapezstrom:
Diese Ströme können zur Reizung schlaff gelähmter Muskeln elegant genutzt werden, ohne die Notwendigkeit,
eine It-Kurve aufnehmen zu müssen. Mit den Trapezströmen gelingt es, schnell und zuverlässig die geeigneten
Einzel-Impulse zur selektiven Reizung der schlaff gelähmten Muskeln festzulegen.
Lähmungsbehandlung mit alternierenden DreieckimpulsenLähmung, mittlere Entartung, 200 ms / 1400 ms
Lähmung, geringe Entartung 100 ms / 1000 ms
Diese Ströme sind dreieckförmige Einzelimpulse, die ohne
orientierende Voruntersuchung zur probatorischen Reizung
schlaff gelähmter, meist teilparetischer Muskulatur eingesetzt werden können.
35
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
Lähmungsbehandlung alternierender Rechteckstrom, 5 Hz
Funktionelle Muskelstimulation 25 Hz geschwellt (nur PhySys)
Intentionsübung 50 Hz, geschwellt
Bei fortschreitender Reinnervation ist es wirkungsvoller, die
betroffene Muskulatur mit Serienimpulsen zu reizen, da jetzt
nicht mehr nur die Erhaltung von Muskelgewebe zielgebend
ist, sondern vielmehr die Muskulatur auch wieder zunehmend
trainierbar wird.
Die Behandlung mit diesen Stromformen führt dann in Kombination mit der Trainingstherapie zur Stimulation mit dem Ziel
der Rehabilitation, d. h. der Wiederherstellung der verloren
gegangenen Funktionen der Muskulatur (siehe Ströme zur
Muskelrehabilitation).
5.6.4 Intentionsübungen
Zur Behandlung teilparetischer Muskulatur, z. B. während der
Reinnervationsphase. Dabei koppelt der Patient seine Absicht
zu einer bestimmten Willkürbewegung (Willkürkontraktion)
synchron mit dem Auslösen einer elektrischen Stimulation
des Muskels.
Die Elektrodenanlagen sind wie folgt:
Arme
Beine
Kreis I
Kreis II
M.biceps brachii
M.biceps brachii
Kreis I
Kreis II
Handbeuger und Daumenballen
Handstrecker, Fingerstrecker
Kreis I
Kreis II
Adduktoren
M.glutaeus medius, M.quadratus lumborum
Kreis I
Kreis II
M.gastrocnemius
M.tibialis ant., M.peronaeus
Die Reizung erfolgt etagenweise von proximal nach distal
jeweils über 15 Minuten
I
II
III
IV
Einzelimpuls 0,2 - 0,5 ms
Burst 30 Hz, 1959 ms, PhySys SD 16,7 ms)
wie I
wie II
0,5 ms
I
50 ms
1950 ms
II
0,5 ms
III
2050 ms
IV
2100 ms
50 ms
1950 ms
4000 ms
5.6.5 Elektrotherapie spastisch gelähmter Muskulatur
Therapie spastischer Lähmungen 0,5 Hz nach Edel
(nur PhySys) (siehe Abbbildung)
Dieses Verfahren beruht einerseits auf der autogenen
Hemmung, die eintritt, wenn die Golgi-(Sehnen)-Organe der
spastischen Muskeln mit Einzelimpulsen oder Burst-Impulsen
überschwellig gereizt werden und andererseits auf der Elektrostimulation der geschwächten Antagonisten der spastischen Muskeln, z. B. der Fingerstrecker und der Fußheber.
Dabei ist es wichtig, die Antagonisten während der Ruhephase der spastischen Muskeln zu stimulieren. Der im Programm
vorgegebene Ablauf soll daher nicht modifiziert werden.
5.7 Sonderstromformen - Indikationsbezogene Ströme
Psoriasis Mittelfrequenz, 8000 Hz / 100 Hz
SP 00 Psoriasis MF 8000Hz; Modulation 100 Hz.
Die Therapie der Psoriasis mit Reizströmen ist ein Behandlungskonzept, das am Forschungszentrum Karlsruhe
entwickelt und umfassend wissenschaftlich begründet wurde.
Der mittelfrequente Reizstrom überbrückt die Hornschicht der
Haut kapazitiv.
Die antipsoriatische Wirkung des mittelfrequenten Stromes
beruht auf einer Reduzierung der überschießenden Zellteilung
(bei Hyperproliferation) und auch durch seine anti-entzündliche und anti-ödematöse Wirkung. Die Reizstromtherapie
kann bei allen Lokalisationen der Psoriasis erfolgen, die einer
Elektrodenapplikation gut zugänglich sind, sie kann auch
mittels Wasserbädern erfolgen, wenn die Positionierung der
Elektroden schwierig ist.
36
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
In klinischen Studien hat sich die Behandlung der Psoriasis
mit einem Mittelfrequenzstrom mit den o.a. Parametern
als hoch wirksam erwiesen. Etwa 90 % der Patienten
sprechen auf die Therapie im Sinne einer vollständigen
Remission bzw. einer signifikanten Besserung des Krankheitsbildes an (Philipp et al., 2000).
Die Anwendung kann als adjuvante Therapie besonders
bei lokalen Hauteffloreszenzen empfohlen werden. Die
Behandlung kann jeweils bei Schüben auch wiederholt angewandt werden, wofür sich die Strombehandlung wegen
ihrer Nebenwirkungsfreiheit in besonderem Maße eignet.
Hyperhidrosis palmarum et plantarum, 100 Hz
SP 01 100 Hz
Sichere Indikationen sind die idiopathische Hyperhidrosis
der Handflächen und Fußsohlen. Dabei soll ein mittlerer
bis höherer Schweregrad der Hyperhidrosis vorliegen. Die
Domäne der Hyperhidrosis-Therapie ist die Behandlung
von Handflächen oder Fußsohlen.
Die Therapie der Hyperhidrosis ist in ihrer Wirkung bisher
nur durch die Pulsstromanwendung belegt. Weitere Indikationen umfassen postoperative Hyperhidrosis, Keratoma
sulcatum und Mykosen, bei denen die Hyperhidrosis einen
prädisponierenden Faktor für die Infekte darstellt. Hier
wird die Iontophorese als unterstützende therapeutische
Maßnahme eingesetzt.
Triggerpunktbehandlung
SP 02; Burst 2 Hz
Werden myofasziale Triggerpunkte und Akupunkturpunkte
kräftig gereizt, induzieren sie eine Schmerzhemmung durch
eine zentrale Freisetzung von Endorphinen und durch eine
lokale Depotenzierung. Dabei haben sich kräftige, motorisch überschwellige und sensibel an die Schmerzschwelle
heranreichende Reizimpulse von etwa 2 Hz als wirksam
erwiesen.
5.7.1 Elektrorelaxationstherapie
(Elektro-Schlaftherapie)
SP 03; 10 Hz (nur PhySys)
Die Elektrorelaxationstherapie wird u. a. auch bei vegetativen Störungen wie funktionellen Herz-Kreislaufbeschwerden, Darmstörungen etc. als regulative Therapie empfohlen. Große Elektroden liegen im Nacken (Kathode) und an
der Stirn oder im lumbosakralen Übergang (Anode), wobei
bei bipolaren Impulsen zwei und bei Anwendung der Interferenz 4 Elektroden angelegt werden. Als Stromformen
eignen sich der unmodulierte Mittelfrequenzstrom oder
Rechteckimpuls von 100 Hz in gerade spürbarer Dosierung.
37
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
5.7.2 Plazenta-Insuffizienz
SP 04: 40-60 Hz (nur PhySys)
Die Elektrostimulation mit TENS-Strömen verbessert die
Durchblutung der Plazenta. Nachteilige Wirkungen wurden
keine festgestellt. Die Plazentadurchblutung wurde mit
Radioisotopen und Doppler-Ultraschall gemessen.
Ohriontophorese
SP 05:
Immer mehr, in zunehmendem Maße auch junge Menschen
leiden an Tinnitus.
Seit vielen Jahren wird bei diesem häufig therapieresistenten
Leiden die Ohrionttophorese-Therapie des Tinnitus eine
Lidocain-Adrenalin-Lösung (0,5 %; 1:100 000) angewandt.
Bei dieser Behandlungsform wurde immer wieder über gute
Ergebnisse berichtet. Die Resultate beruhen auf unspezifischen Mechanismen.
Die Anwendung muss mit einer speziellen Ohrelektrode
erfolgen.
Dabei träufelt der Therapeut die Lösung in den Gehörgang
des Patienten und legt einen kleinen Mullstreifen ein. Die
Ohrelektrode (Anode) wird ebenfalls im Gehörgang platziert.
Dabei ist darauf zu achten, dass sie keinen Kontakt mit
dem Trommelfell hat, was durch die Mulleinlage verhindert
werden soll. Die Therapiedauer beträgt ca. 10–15 Minuten,
die Therapie sollte zwei- bis dreimal wöchentlich angewandt
werden.
5.7.3 Paravertebraltest
SP 07; 50 Hz (nur PhySys)
Der Test wird zur Identifizierung von Maximalpunkten entlang
der Wirbelsäule eingesetzt.
Der Rücken wird mit zwei beweglichen Elektroden beidseitig
paravertebral von zervikal nach lumbosakral und zurück bestrichen, die Maximalpunkte können markiert werden, sofern
sie nicht durch eine Rötung ohnehin kenntlich werden, um sie
sodann spezifisch zu behandeln, z. B. mit einer Punktelektrode.
Da bewegliche Elektroden zur Anwendung kommen, darf der
Test nur im CV-Modus durchgeführt werden.
Indikationen:
Lymphödem: einkreisig oder zweikreisig
1350 µs
5 sec; 8 Hz
10 sec
Stromformen zur Reizung der glatten Muskulatur
Lymphödem, Darmatonie
SP08 Darmatonie (nur PhySys)
SP 09 Lymphödem
Die Beschleunigung des Lymphstromes bewirkt auch eine
schnellere Resorption posttraumatischer und postoperativer
Ödeme und Hämatome.
Reiz- und Entzündungszustände verändern die Durchlässigkeit
der Kapillaren. In der Folge sickert mehr Flüssigkeit ins Gewebe ein. Das gesunde Lymphsystem ist in der Lage, eine bis zur
10-fachen der normal anfallenden Menge an Flüssigkeit aufzunehmen, bevor eine Schwellung auftritt. Eine Schwellung
entsteht erst, wenn diese Menge ins Gewebe überschritten
38
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
wird oder das Lymphgefäß-System durch Trauma, OP,
Radiatio etc. geschädigt ist.
Durch den Abtransport der Flüssigkeit aus dem Gewebe
und die damit eintretende Druckentlastung kann auch
eine verbesserte Stoffwechselsituation und somit eine
Beschleunigung des Heilungsvorganges insbesondere
bei chronischen Wunden, Ulzerationen und verzögerter
Heilung erreicht werden.
Die Stimulation erfolgt in motorischer Dosierung, bei der
deutliche Kontraktionen der Beinmuskulatur ausgelöst
werden müssen.
Neben der Stimulation von Venen und auch Lymphgefäßen
wurde als eigene Form der Stimulation vegetativer
Nervenfasern eine Stromform zur Stimulation der
Darmaktivität entwickelt. Diese Stromform aktiviert die
glatte Muskulatur des Darmes direkt und führt zu einer
starken Motilitätssteigerung des Darmes. Dies kann z. B.
mit einem Stethoskop festgestellt werden. Die Patienten
verspüren nach wenigen Minuten der Stimulation einen
Defäkationsreiz bis hin zu einem imperativen Stuhldrang.
Neben der postoperativen Darmatonie eignet sich das
Verfahren bei Zuständen der chronischen Darm-Hypotonie
bzw. -Atonie zur effektiven Stimulation der Defäkation
ohne die Anwendung von Laxantien, die chronisch eingenommen ihrerseits zu Darmträgheit führen. Somit ist auch
eine Stimulation zur Verbesserung der Darmbewegungen
bei chronischem Laxantienabusus möglich.
Die Dosierung des Stroms ist motorisch überschwellig,
d. h. bis zum Auftreten von Muskelbewegungen der
Bauchdecke.
Tonisierung von Venen
SP 10: Tonisierung von Venen, 1,75 Hz
Der Test wird zur Identifizierung von Maximalpunkten
entlang der Wirbelsäule eingesetzt.
Stromform zur Tonisierung von Venen
560 ms
4 ms
4 ms
4 ms
Neodynamischer Strom, 4 ms, Burst von 3 Impulsen
Pause 560 ms
Frequenz ca. 175 Hz
Dosierung sensibel schwellig bis überschwellig
39
Teil I: Elektrotherapie
5. Stromformen zur Therapie
Mit dieser Stromform werden speziell die glatten Muskelzellen der Gefäßwand über eine Stimulation der sympathischen
Innervation gereizt.
Mit den entsprechenden Elektrodenanlagen lassen sich daher
sowohl oberflächliche als auch tiefe Venen tonisieren.
Ebenso werden Lymphgefäße aktiviert, womit ein verbesserter Lymphabfluss ohne eine stimulationsbedingte Hyperämie
erreicht wird.
Die Stromformen zur Stimulation der sympathischen Innervation der Gefäßmuskulatur bedingen eine Elektrodenanlage
über den zu stimulierenden Venen bzw. Lymphgefäßen, um
eine Konstriktion von Arterien zu vermeiden.
Als Indikationen gelten:
- venöse Stauungsbeschwerden bei Varikosis
- die Beschleunigung des venösen Rückstroms zur Prävention
von Thrombosen und deren Komplikationen, insbesondere
bei Immobilisation
- bei anderen Zuständen, die Gefahr einer Thrombose bergen,
z. B. postoperativ und
- auch zur Unterstützung der antikoagulatorischen Therapie.
5.7.4 Beckenbodenstimulation bei Harninkontinenz,
Stuhlinkontinenz (nur PhySys)
IC 00 Inkontinenz / Beckenbodenstimulation,
8000 Hz geschwellt, Modulation 50 Hz
IC 01 Stress- / Stuhlinkontinenz, 50 Hz geschwellt
IC 02 gemischte Stress-/Urge-Inkontinenz, 27 Hz geschwellt
IC 03 gemischte Stress-/Urge-Inkontinenz, 8000 Hz,
Modulation, 27 Hz geschwellt
IC 04 Urge-Inkontinenz, 10 Hz
IC 05 Urge-Inkontinenz, 8000 Hz, Modulation, 10 Hz
Die Elektrostimulation der Beckenbodenmuskulatur hat in klinischen Tests gute Ergebnisse bei verschiedenen Formen der
Harninkontinenz gezeigt. Neben Operationen, medikamentöser und konventioneller Behandlung wird sie bei diesem
Leiden seit vielen Jahren erfolgreich eingesetzt.
Die Elektrostimulation ist in erster Linie bei der Stressinkontinenz erfolgreich, auch bei einem Mischbild aus Drang-(Urge)
und Stressinkontinenz.
Empfohlen wird die Behandlung mit einer Vaginalelektrode.
Zur Therapie der Stuhlinkontinenz wird eine Analelektrode
empfohlen.
Behelfsweise mit 4 mittelgroßen Elektroden, zwei über der
Symphyse links und rechts paramedian, zwei im Schritt an der
Innenseite der Oberschenkel. Diese müssen so lange verschoben und während der Therapie manuell fixiert werden, bis
eine Kontraktion des Beckenbodens bzw. des Sphinkter ani
spürbar eintritt. Die Behandlung erfolgt mit einer motorisch
überschwelligen Stimulation des Beckenbodens, die Patientin
muss dabei mit üben.
Die Behandlung soll für etwa 10 min. 2–3 mal wöchentlich
durchgeführt werden.
40
Teil II: Ultraschalltherapie
1. Allgemeiner Teil
1.1 Einleitung
Als Ultraschall wird der Schall-Frequenzbereich oberhalb
des Hörbereichs (16 Hz–20 kHz) bezeichnet. Therapeutische Ultraschallgeräte benutzen Frequenzen von 800 kHz
bis 3 MHz. Schall und somit auch Ultraschall besteht aus
mechanischen Schwingungen, die von einer Schallquelle
ausgesandt werden. Die Ausbreitung des Schalls ist stets
an ein Medium gebunden. Im Gegensatz zu elektromagnetischen Wellen können sich Schallwellen im Vakuum
nicht fortbewegen.
1.2 Anwendungsmöglichkeiten
Ultraschall wird zu verschiedensten Zwecken benutzt.
Bei der Verwendung von Ultraschall in der Medizin stehen
diagnostische Methoden im Vordergrund (Sonographie),
z. B. bei der Ultraschalldiagnostik bei Schwangerschaft
oder zur Erkennung möglicher pathologischer Gewebeveränderungen. Die Ultraschalltherapie im Rahmen der physikalischen Therapie nutzt die mechanischen Schwingungen
im Ultraschallbereich (z. B. mit einer Frequenz von 800 kHz)
zur Erzeugung von Wärme durch die gewebespezifische
Absorption des Ultraschalls. Dabei entsteht die meiste
Wärme in Geweben mit starker Absorption (z. B. Knochen)
und an Grenzflächen zwischen zwei Geweben, die eine
stark unterschiedliche Schallimpedanz (= Widerstand)
aufweisen.
Am weitesten verbreitet ist die Ultraschalltherapie im
Behandlungsspektrum chronisch-entzündlicher, degenerativer und posttraumatischer Erkrankungen des Stütz- und
Bewegungsapparates, bei reflektorisch beeinflussbaren
Funktionsstörungen innerer Organe, bei Ulcus cruris und
anderen z. B. dermatologischen Erkrankungen.
1.3 Physikalische Grundlagen
Die technische Grundlage der Ultraschalltherapiegeräte
beruht auf der Anwendung des umgekehrten piezoelektrischen Effektes. Piezoelektrische Eigenschaften von Quarzkristallen wurden erstmals 1980 von den Gebrüdern Pierre
und Paul Jacques Curie beschrieben. Die Entdeckung
des reziproken (umgekehrten) piezoelektrischen Effektes
gelang Paul Langevin im Jahr 1914.
Bei Anlegen eines Wechselstromes an einen piezoelektrischen Kristall, z. B. Bleizirkonat, wird dieser im Rhythmus
des Wechselstromes zusammengedrückt und auseinandergezogen.
Diese breiten sich z. B. im Körpergewebe als Verdichtungsu. Verdünnungswellen aus. Aus diesem Grunde kann man
die Ultraschalltherapie nicht als primäre Elektrotherapie
bezeichnen, sondern vielmehr als Mechanotherapie. Die
im Schallkopf (Schwinger) erzeugten Wellen lenken die
Moleküle des Gewebes aus ihrer Ruhelage aus und regen
sie zu pendelnden Bewegungen an. Die Teilchenauslenkung ist dabei sehr klein, sie liegt im Bereich von
Nanometern.
41
DRUCK
ZUG
DRUCK
ZUG
DRUCK und ZUG Wirkungen auf die Molekülstrukturen des Gewebes
Abb.: Gillert, Rulffs, Boegelein: Elektrotherapie, Pflaum Verlag, München 1995
Teil II: Ultraschalltherapie
1. Allgemeiner Teil
Bezeichnung
Flächenabtastung
3D-Ansicht
Flächenabtastung
Draufsicht
100% 2400k
0% 800k
80% 2400k
20% 800k
Die auftretende Beschleunigung der Teilchen ist jedoch sehr
hoch, sie beträgt etwa das 100 000-fache der Erdbeschleunigung. Mit fortschreitender Eindringtiefe in das Medium, also
auch in das Körpergewebe, wird Ultraschallenergie absorbiert. Die Absorptionsgröße ist je nach Gewebekonsistenz
unterschiedlich. So wird Ultraschall von Knochengewebe 10
mal mehr als von Muskelgewebe absorbiert.
Durch die Absorption nimmt die Intensität mit zunehmender
Eindringtiefe ab. Bei einer Frequenz von 800 kHz beträgt die
Halbwertstiefe in Fettgewebe etwa 3,3 cm, in Muskelgewebe
etwa 2,1 cm, in Knochengewebe nur etwa 3 mm.
Folgende Tabelle zeigt die ungefähren Eindringtiefen des
Ultraschalls bei den therapeutischen Frequenzen des
Therapiegeräts:
50% 2400k
50% 800k
20% 2400k
80% 800k
0% 2400k
100% 800k
Lfd. Nr.
Einstellung
(Anteil 2400k/ Anteil 800k)
AER (mm2)
BNR (1)
1
100 % / 0 %
272,2
4,48
2
80 % / 20 %
272,2
4,06
3
50 % / 50 %
268,1
3,31
4
20 % / 80 %
257,3
2,98
5
0 % / 100 s%
243,7
2,83
Frequenz
0,8 MHz
2,4 MHz
Hautgewebe
4 cm
1,5 cm
Fettgewebe
17 cm
6 cm
Muskelgewebe
9 cm
3 cm
Sehnengewebe
2,5 cm
1 cm
Knorpelgewebe
2,5 cm
1 cm
Knochengewebe
0,8 cm
n/a
Wasser
3900 cm
1300 cm
1.4 Technische Kriterien des Ultraschalltherapiegerätes
Die Verteilung des effektiven Schalldruckes über die Fläche
des Schallkopfes bei verschiedenen Anteilen der Schallabgabe mit den Frequenzen 2,4 MHz und 0,8 MHz stellt sich beim
Therapiegerät entsprechend der folgenden Abbildung dar.
Es fällt auf, dass die Schallabgabe sowohl bei den beiden
Frequenzen als auch bei unterschiedlicher prozentualer Verteilung der beiden Frequenzen über die Fläche des Schallkopfes
ziemlich gleichmäßig erfolgt.
Somit ist eine homogene Beschallung des Gewebes in der
Therapie gewährleistet.
Die Kennzahlen der aktiven Fläche der Schallabgabe und des
Verhältnisses von Spitzendruck zu mittlerem Druck über die
Fläche des Schallkopfes bestätigen diese homogene Schallabgabe des Therapiegeräts.
Die Qualität eines Schallkopfes gewährleistet eine homogene
Abgabe der Ultraschall-Energie (BNR s. u.) über die Fläche
des Schallkopfes (AER, s. u.)
Die AER stellt dabei die aktive Fläche, d.h. die wirksam
strahlende Fläche des Schallkopfes (in mm) dar, über die der
Ultraschall abgegeben wird. Die BNR (beam nonuniformity
ratio) beschreibt das Verhältnis der Höhe des Spitzendrucks
zum Mittelwert der effektiven Schalldrücke über dem Schallkopf. Beide Kennwerte sind wichtige Qualitätsmerkmale von
Ultraschallgeräten.
42
Teil II: Ultraschalltherapie
2. Tiefenwirkung des therapeutischen Ultraschalls
2. Tiefenwirkung des therapeutischen Ultraschalls
Die thermische Wirkung des Ultraschalls beruht auf der
Absorption von Schallleistung im Gewebe. Durch die
Absorption nimmt die am Gewebeanfang eingebrachte
Schallintensität mit der Tiefe in der Ausbreitungsrichtung
nach einer Exponentialfunktion ab.
Die Intensität wird in W/cm² gemessen, sie nimmt exponentiell mit zunehmender Tiefe ab, wobei das Maß der
Abnahme in der Tiefe von der Frequenz abhängt.
Die Frequenzwahl beeinflusst die Eindringtiefe des Ultraschalls. Je höher die Frequenz ist, desto geringer ist die
Eindringtiefe.
Die Leistungsdichte jeder Frequenz hat ein eigenes Maximum. Wie schon gezeigt, bestätigt sich, dass die Maxima
der hohen Frequenzen in geringer Gewebetiefe liegen und
die Maxima der niedrigeren Frequenzen in größerer Gewebetiefe. Die Maxima sind als Leistung pro Volumeneinheit
(P‘max) berechnet.
Für Skelettmuskeln folgen für die Frequenzen 0,8 MHz und
2,4 MHz als optimale Gewebetiefe und dort auftretende
maximale Leistungsdichte:
So ist die Intensität bei 0,8 MHz im Muskel in erst 2,9 cm
Gewebetiefe auf den halben Wert gesunken, wogegen
diese sogenannte „Halbwertstiefe“ bei 2,4 MHz schon bei
0,95 cm liegt. Der Abfall der Intensität auf 1/10, also
10 %, erfolgt bei 0,8 MHz erst bei 10 cm Tiefe und bei
2,4 MHz bei 3,2 cm.
Damit werden tiefer liegende Strukturen, z. B. Nervenstämme und muskuläre Verhärtungen, bei Anwendung
von 2,4 MHz fast nicht mehr behandelt, wohl aber mit
0,8 MHz. Die Intensität pro Volumeneinheit nimmt wie
gesagt exponentiell mit zunehmender Tiefe ab. Sie ist,
zusammen mit der Beschallungszeit, für die in dieser Tiefe
erreichte Erwärmung maßgebend.
Bei gleicher Anfangsintensität wird bei der Frequenz
2,4 MHz in geringer Tiefe mehr Leistung in Wärme
umgewandelt, was ja gerade zum schnelleren Intensitätsabfall führt. Damit bleibt für tiefere Gewebeschichten
weniger übrig. Ab etwa zwei Zentimeter Tiefe wird mit der
Frequenz 0,8 MHz mehr Wärme erzeugt. Mit der Frequenz
lässt sich also auch die Gewebetiefe mit der größten
Wärmeerzeugung einstellen.
Für jede Gewebetiefe gibt es eine optimale Frequenz,
bei der genau in dieser Tiefe die größte Umwandlung
von Ultraschallleistung in Wärme erfolgt.
43
Im Diagramm 1 ist der Intensitätsabfall in der Muskulatur bei 0,8 MHz und 2,4 MHz
dargestellt.
optimale
Gewebetiefe
dort auftretende
max. Leistungsdichte
f = 0,8 MHz
zopt = 4,17 cm
P‘max = 0,177 W/cm³
f = 2,4 MHz
zopt = 1,39 cm
P‘max = 0,530 W/cm³
Teil II: Ultraschalltherapie
2. Tiefenwirkung des therapeutischen Ultraschalls
Die Erwärmung ist abhängig von der Energieabsorption pro
Volumeneinheit. Da mit zunehmender Tiefe auch weniger
Energie pro Volumeneinheit zur Verfügung steht, wird mit
0,8 MHz trotz des tiefer gelegenen Absorptionsmaximums
nur mit einer höheren Ausgangsleistung eine dem näher an
der Oberfläche liegenden Absorptionsmaximum der 2,4 MHz
vergleichbare Erwärmung nur zu erzielen sein.
NahfeldFernfeld
Die Therapie mit Ultraschall findet im Nahfeld des Schallfeldes statt (siehe Abb.). Im Nahfeld überwiegt die Absorption
des Ultraschalls, die Streuung ist dagegen vernachlässigbar,
weil sich der Ultraschallstrahl praktisch parallel in die Tiefe
des Gewebes ausbreitet und so nur die Absorption zur Abschwächung der Schallintensität beiträgt.
Abbildung: Ultraschallfeld
Die Ausdehnung des Nahfeldes in die Tiefe des Gewebes ist
ebenfalls von der Frequenz abhängig.
Das Nahfeld mit dem parallel verlaufenden Ultraschallstrahl
und damit die therapeutisch erreichbare Gewebetiefe beträgt:
2,4 MHz
0,8 MHz
Tiefe
0,5 cm
1,0 cm
1,5 cm
2,0 cm
2,5 cm
3,0 cm
3,5 cm
4,0 cm
4,5 cm
5,0 cm
5,5 cm
6,0 cm
bei 0,8 MHz bei 2,4 MHz ca. 7,0 cm
ca. 2,5 cm
Durch die Wahl der Frequenz kann somit die Tiefe eingestellt
werden, in der die meiste Wärme entsteht. Die Frequenz von
0,8 MHz hat ihre optimale Wirkung in ca. 3,5– 4,5 cm Tiefe,
die Frequenz von 2,4 MHz entsprechend in 1,0–1,5 cm Tiefe.
Mit diesen Frequenzen ist die Tiefe der optimalen Wärmeentstehung erfasst, da bei höheren Frequenzen ab ca. 3 MHz die
optimale Tiefe bei ca. 1 cm liegt und daher tiefere Gewebeschichten nicht mehr erwärmt, und niedrigere Frequenzen als
0,5 MHz keine befriedigende Wärmewirkung mehr erwarten
lassen.
6,5 cm
Temperatur (°C)
Aus dem Temperaturprofil lässt sich erkennen, dass lange
Therapiezeiten über 8 Minuten Dauer keine wesentliche
Temperaturerhöhung bedingen, weshalb der therapeutische
Ultraschall darüber hinaus nicht sinnvoll angewandt wird.
Zeit (min)
Abb.: Mayr, J. William, G.J. Measch et al
Intramuscular Temperature, Rise will Acpical Analgesics used as coupling
Agents during Therapeutic Ultrasound, J. Athletic Training, 2001; 36:20-26
44
Teil II: Ultraschalltherapie
2. Tiefenwirkung des therapeutischen Ultraschalls
Therapie-Tiefe und Verhältnis der Frequenzen
0,8 MHz und 2,4 MHz
Die Nachbildung einer optimalen Tiefe dazwischen kann
nun durch zyklisches Umschalten zwischen den beiden Frequenzen erfolgen. Weil diese Umschaltung schneller als
die Wärmezeitkonstante im Gewebe erfolgt, wirken beide
Wärmezonen wie eine dazwischen liegende optimale
Wärmezone.
Bei einem variablen Verhältnis der Dauer der 0,8 MHzSchwingung zur Dauer der 2,4 MHz-Schwingung kann die
optimale Tiefe beliebig zwischen ca. 0,5 cm und 6,0 cm
Tiefe eingestellt werden.
Umgekehrt können für eine gewünschte optimale Tiefe
die Anteile der beiden Frequenzen am Zyklus bestimmt
werden.
Die thermische Relaxationszeit bezeichnet die Zeit, die
ein Gewebe benötigt, um 50 % der aufgenommenen
(= absorbierten) Energie durch Diffusion an die Umgebung
weiterzugeben.
Sie liegt in lebendem biologischem Gewebe unter einer
Sekunde, weshalb während der Behandlung von mehreren
Minuten eine homogene Durchwärmung des behandelten
Gewebe-Volumens zuverlässig erreicht wird.
In den folgenden Diagrammen ist der zeitliche Verlauf der
Erwärmung dargestellt, wie er experimentell an menschlichem Gewebe in vivo ermittelt wurde.
Höhere Frequenzen, die oberflächennah absorbiert
werden, geben pro Volumeneinheit mehr Energie an das
Gewebe ab, als Frequenzen, die in tieferen Schichten
absorbiert werden. Aus diesem Grund ist die Erwärmung
an der Oberfläche intensiver, was eine kürzere Behandlung
oder eine Therapie mit niedrigeren Intensitäten erfordert,
um thermische Schäden zu vermeiden.
Intramuskuläre Temperatur im M. triceps surae,
in 3 cm Gewebetiefe.
1,5 cm
50 % 2,4 MHz
50 % 0,8 MHz
3,0 cm
Optimale Tiefe
0,8 MHz
4,2 cm
100% 0,8 MHz
4,5 cm
6,0 cm
Abb.: Biskop, D.O. Arapex et al
Human Tissue - Temperatur Rise During Treatments with the Aquaflex Gel
Pad, J. Athletic Training, 2004; 39: 126-131
1,60 °C/min
1,40 °C/min
1,20 °C/min
44,00 °C
1,00 °C/min
42,88 °C
42,00 °C
0,80 °C/min
41,37 °C
40,00 °C
0,60 °C/min
38,00 °C
1 MHz Ultraschall
2,5 - 5,0 cm Tiefe
0,40 °C/min
0,00 °C/min
0 min
3 MHz Ultraschall
0,8 - 1,6 cm Tiefe
0,20 °C/min
35,88 °C
34,00 °C
32,00 °C
Optimale Tiefe
2,4 MHz
1,4 cm
Temperaturanstieg im menschlichen Muskel in vivo
Temperaturanstieg im menschlichen Muskel in
1 cm Tiefe in vivo; 3 MHz, 1,0 W/cm2
36,00 °C
100% 2,4 MHz
5 min
10 min
45
0,50 W/cm2
1,00 W/cm2
1,50 W/cm2
2,00 W/cm2
Teil II: Ultraschalltherapie
3. Physiologische Wirkungsmechanismen der Ultraschalltherapie
3. Physiologische Wirkungsmechanismen der Ultraschalltherapie
Die Wirkungen des Ultraschalls sind von komplexer Natur.
Aus systematischen Gründen werden dabei die thermischen
und mechanischen Wirkungen unterschieden.
Thermische Wirkung
Die Anregung der Moleküle im Gewebe durch die Ultraschallenergie bedingt die Entstehung von Wärme, die an
der Knochenoberfläche besonders ausgeprägt ist. An der
Grenzschicht zum Knochen, in geringerem Maße auch an
Sehnenoberflächen und in der Muskulatur, kommt es zu einer
therapeutisch wirksamen, gezielten Tiefenerwärmung mit den
physiologischen Wirkungen der Thermotherapie:
Schallkopf
Temperatur
15 %
Fett
55 %
Muskel
30 %
Knochen
Abb. Charakteristik der Gewebeerwärmung im Ultraschallfeld
- Hyperämie
- Stoffwechselsteigerung
- verbesserte Dehnbarkeit der kollagenen Fasern
- Tonusminderung der Muskulatur
- Analgesie
Die Ultraschalltherapie in thermisch wirksamen Dosen soll
daher nur dort angewendet werden, wo eine Erwärmung auch
erwünscht ist.
Hauptsächlich vor Knochen liegende Gewebestrukturen, die
pathologische Veränderungen aufweisen, wie Gelenkkapseln,
Sehnen- und Synovialgewebe, können wirksam erwärmt
werden. Im Falle des Hüftgelenks ist dies trotz der tiefen Lage
möglich. Im Gegensatz zur mehr unselektionierten Erwärmung
größerer Gewebeanteile mit den Methoden der Diathermie
(Kurzwelle, Mikrowelle) ist die Ultraschallanwendung zur
gezielten Behandlung umschriebener Areale geeignet, z. B. im
Falle der häufigen, schmerzhaften Muskelverhärtungen. Sie
kann dabei besonders effektiv in Form des Simultanverfahrens mit muskeldetonisierenden Reizströmen benutzt werden,
um die Dehnbarkeit zu verbessern. Idealerweise werden
während der Therapie gleichzeitig Dehnübungen durchgeführt.
Auch die bevorzugte Erwärmung von Narben, Sehnenscheiden, Bändern und Nervenstämmen ist bekannt.
Der Grad der auftretenden Temperaturerhöhungen ist dabei
von der Ultraschalldosis und der angewandten Frequenz
abhängig. Dabei haben höhere Frequenzen eine geringere
Eindringtiefe, weil sie stärker absorbiert werden.
Die Therapie mit niedrigeren Schallfrequenzen soll daher
bei tiefer liegenden Prozessen, die Therapie mit höheren
Schallfrequenzen eher bei oberflächlichen Behandlungsorten
durchgeführt werden.
46
Teil II: Ultraschalltherapie
3. Physiologische Wirkungsmechanismen der Ultraschalltherapie
Mechanische Wirkung = Regenerative Wirkung
Die Druckschwankungen im Ultraschallfeld wirken im
Sinne von Druck und Zug auf das Gewebe ein. Die Scherund Beschleunigungskräfte bewirken Verformungen der
Zellmembranen und über Veränderungen der Membranpermeabilität eine Beeinflussung des Zellstoffwechsels. Auch
der intra- und interzelluläre Stofftransport kann mittelbar
durch Flüssigkeitsströmchen (microstreaming) beschleunigt werden, die durch die Ultraschallenergie ausgelöst
werden.
Die mechanischen Einwirkungen des Ultraschalls bewirken
über diese Beschleunigung von Stoffwechselvorgängen
reparative und regenerationsfördernde Vorgänge in Weichteil- und Knochengewebe.
In therapeutischer Dosierung wird jedoch der mechanische
Einfluss der Ultraschalltherapie auf den Stoffwechsel im
Zusammenwirken mit den thermischen Effekten auf das
Gewebe zu sehen sein.
Vermehrte
Protein-Synthese
oder zelluläre
Aktivität
Stimulierter
Zelltyp
Wirkung
Interleukin-1β
Osteoblasten,
Monozyten
Entzündungsfördernd
(Entzündungsmediator)
Interleukin-2
T-Zellen
T-Zell Wachstum erhöht
Interleukin-8
Osteoblasten
Migration und Proliferation
von Endothelzellen erhöht
Vaskulärer
endothelialer
Wachstumsfaktor
Osteoblasten,
Monozyten
Migration und Proliferation
von Endothelzellen erhöht
Allgemeiner
Fibroblastenwachstumsfaktor
Osteoblasten
Migration und Proliferation
von Endothelzellen erhöht
FibroblastenWachstumsfaktor
Monozyten
Fibroblastenwachstum
erhöht
Kollagen
Osteoblasten,
Fibroblasten
Wundheilung beschleunigt
Ebenso bestehen komplexe Einflüsse auf das Immunsystem,
die im Folgenden nicht im Einzelnen beschrieben, sondern
in einer Tabelle aufgelistet sind. Insgesamt resultiert aus
all diesen nicht thermischen Wirkungen eine beschleunigte Heilung verletzter und chronisch entzündeter Gewebe.
Chloramphenicol
Azetyl Transferase
HeLa, NIH/3T3,
C1271
Genexpression für liposomale Transfektion erhöht
Zellproliferation
Fibroblasten
Wundheilung beschleunigt
Zellproliferation
Osteoblasten
Knochenheilung beschleunigt
Zelluläre und molekulare Effekte des nicht-thermischen
Ultraschalls auf die Heilungsvorgänge von Gewebe
(nach L.D. Johns 2002).
Vermehrte Adhäsion
von Lymphozyten
Endothel-Zellen
Erhöhtes Einwandern von
Lymphozyten
Vasodilatation
Kapillaren,
Endothel-Zellen
Verbesserte
Mikrozirkulation
Die Therapie mit niedrig dosiertem (< 0,5 W/cm²) oder
gepulstem Ultraschall mit einer entsprechend geringen
effektiven Dosis hat lediglich eine geringe Temperaturerhöhung von ca. 0,5 °C im Gewebe zur Folge, auch bei
längerer Beschallung über 10 Minuten. Somit ist bei
niedrig dosiertem und gepulstem Ultraschall eine
thermische Wirkung nicht vorhanden.
Trotzdem kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich
in der zellulären Mikroumgebung eine lokale Temperaturerhöhung aufgrund von Kavitationseffekten einstellt.
Dabei bilden sich kleine Gasbläschen in den Zellen und
in der interzellulären Flüssigkeit, die bei jeder Druckwelle
implodieren und damit starke mechanische Kräfte auf die
Zellmembranen und die Zellorganellen ausüben.
Es wird vermutet, dass es dadurch zu Mikrotraumen an
den zellulären Strukturen kommt, womit eine „Reparaturaktivität“ der Zellen ausgelöst wird, die dann zu einer
rascheren Heilung im Gewebe führt.
Auch die als akustische Strömung bezeichneten mechanischen Kräfte in Richtung der Ausbreitung des Ultraschalls
sind in der Lage, Moleküle und Ionen zu verlagern und
somit Flüssigkeitsströme in den Zellen zu induzieren.
47
Teil II: Ultraschalltherapie
3. Physiologische Wirkungsmechanismen der Ultraschalltherapie
Eine weitere nicht-thermische Wirkung, die Resonanz auf
molekularer Ebene, ist frequenzabhängig. Dabei werden
Proteine (Enzyme) in ihrer Resonanzfrequenz angeregt und
ändern ihre Konformation, womit sie von einem inaktiven in
einen aktiven Zustand gebracht werden. Die erhöhte Aktivität
dieser Enzyme führt zu einer allgemeinen Aktivitätssteigerung
der Zellen und damit zu einer Heilungsbeschleunigung.
Um ohne thermische Belastung eine effektive Anregung
des Zellwachstums zu erzeugen, sind häufig höhere Dosen
notwendig.
Schon 1939 haben Pohlmann et al. mit Dosen von ca.
5 W/cm² bei Neuralgien und Myalgien über erfolgreiche
Behandlungen berichtet.
Das Prinzip der hochdosierten Ultraschalltherapie wird dann
eingesetzt, wenn ohne thermische Belastung eine starke
Anregung des Stoffwechsels erreicht werden soll, um den
Ultraschall für die Beschleunigung von Heilungsvorgängen
anzuwenden, z. B. für die Knochenheilung bei Pseudarthrosen
und verzögerter Frakturheilung, aber auch zur Verbesserung
der Anregung des Fibroblastenwachstums bei Sehnenverletzungen.
48
Teil II: Ultraschalltherapie
4. Beschallungsmethoden
Beschallungsmethoden
Drei bzw. vier unterschiedliche Methoden werden in der
Ultraschalltherapie eingesetzt. Die vierte Methode ist eine
Kombinationstherapie Reizstrom / Ultraschall, das sog.
„Simultanverfahren“ (siehe Teil III).
4.1 Dauerschall
Dauerschall wird auch als Gleichschall oder kontinuierlicher Ultraschall bezeichnet. Bei dieser am häufigsten
angewandten Beschallungsart wird die Ultraschallintensität kontinuierlich über die Behandlungszeit beibehalten
(kontinuierlicher Ultraschall). Hier wird besonders die
thermische Wirkung des Ultraschalls genutzt.
4.2 Impulsschall (pulsierender Ultraschall)
Im Falle des Impulsschalles erfolgt die Energieabgabe
impulsartig, diskontinuierlich. Die thermische Wirksamkeit
ist dabei deutlich reduziert, jedoch nicht die mechanische.
Die oft gegebene Empfehlung, den Impulsschall bei
thermosensiblen Krankheitsprozessen, wie etwa bei
neuritischen Schmerzen einzusetzen, beruht auf der
empirisch beobachteten Wirksamkeit. Aus diesem Grunde
ist die Benennung exakter Dosierungsparameter für gepulste Formen des Ultraschalls kaum möglich. Hier gelten
ebenfalls bewährte, empirisch ermittelte Werte.
4.3 Auswahl und Einstellen der Wirkkomponenten
des Impulsschalls
Im gepulsten Betrieb kann die Dauer der Impulse verlängert oder verkürzt werden, ebenso kann die Spitzenintensität der Impulse getrennt eingestellt werden.
Auf diese Weise kann der Therapeut die Wärmewirkung
und die mechanische Wirkung des Impulsschalles individuell einstellen. Darüber hinaus kann durch die Einstellung
der Verteilung der beiden Frequenzen 0,8 MHz und 2,4
MHz die Wirktiefe ebenfalls individuell eingestellt werden
Wirkung
ImpulsIntensität
Impuls-Dauer
Überwiegend thermisch
Hohe Intensität
Lange Impulse
Thermisch und mechanisch
Mittlere Intensität
Mittlere Impulsdauer
Überwiegend mechanisch
Hohe Intensität
Kurze Impulse
(siehe auch Seite 52)
49
Teil II: Ultraschalltherapie
5. Beschallungsort
Beschallungsort
Hinsichtlich des Beschallungsortes ist zu unterscheiden
zwischen der lokalen (direkten) Beschallung am Krankheitsort
zur Erzielung einer Lokalwirkung und der indirekten Beschallung unter Nutzung nervaler reflektorischer Verbindungen zum
Krankheitsort zur Erzielung einer Fernwirkung.
5.1 Direkte Beschallung
Am meisten wird die lokale, direkte Beschallung der betroffenen Gewebebereiche benutzt. Das Behandlungsfeld sollte
auch Gebiete einschließen, die zum Krankheitsort in Beziehung stehen, z. B. reflektorisch verspannte Muskeln, Myogelosen, Schmerzpunkte, schmerzhafte Sehnenansätze usw.
5.2 Indirekte Beschallung
Manchmal kann die Beschallung nicht direkt erfolgen, sei es,
weil Verletzungen oder feste Verbände den Zugang behindern
oder weil der Krankheitsprozess noch ziemlich akut ist, z. B.
M. Sudeck I u. II. Die indirekte Beschallung nutzt bestehende
reflektorische Verbindungen zum Krankheitsort und kann
somit Fernwirkungen erzielen.
Auch innere Organe sind der Ultraschalltherapie nur über
diese kutiviszeralen Reflexe zugänglich.
Neurale Behandlungswege bei der indirekten Beschallung
Folgende Behandlungstechniken sind möglich:
- die radikuläre, paravertebrale Beschallung an den
Nervenwurzeln
- die segmentale Beschallung hyperalgetischer Head'scher
Zonen
- die Beschallung vegetativer Fasern mit dem neuraltherapeutischen Aufbau
- die Beschallung von Akupunkturpunkten
50
Teil II: Ultraschalltherapie
6. Applikationstechnik
Applikationstechnik
Hier gilt es zwischen 3 Möglichkeiten zu wählen, wobei
der ersten die Hauptbedeutung zukommt.
6.1 Dynamische Beschallung
Hierbei wird der Schallkopf langsam und mit geringem
Druck kreisförmig, spiralförmig, sich überlappend über das
Behandlungsfeld, über Muskeln dem Faserverlauf folgend,
geführt. Es hat sich als günstig erwiesen, bei einer Schallkopfgröße von 5 cm² das Behandlungsfeld nicht größer als
etwa handflächengroß zu wählen. Soll ein ausgedehnteres
Areal behandelt werden, so wird dieses in 2 – 3 Behandlungsfelder der erwähnten Größe (diese entsprechen dem
Begriff einer Region) aufgeteilt, die nacheinander in einer
Sitzung beschallt werden. Die dynamische Beschallung hat
den Vorteil einer homogenen Energieverteilung im Behandlungsbereich, womit das Auftreten potentiell schädlicher
Intensitätsmaxima im Gewebe verhindert wird.
6.2 Semistatische Beschallung
Bei der semistatischen Beschallung wird der Schallkopf
mit sehr kleinen Bewegungen an Ort und Stelle bzw.
besonders langsam geführt. Diese Behandlungsmethode
wird eingesetzt, wenn begrenzte, lokale Bereiche, wie
z. B Sehnenansätze, Myogelosen oder die paravertebralen
Nervenaustrittspunkte behandelt werden sollen. Das setzt
eine Reduzierung der Dosis voraus, um evtl. mechanische Schäden, zumindest aber störende Sensationen zu
vermeiden.
6.3 Statische Beschallung
Die statische Beschallung erfolgt mit völlig ruhendem
Schallkopf. Da es infolge der stets inhomogenen Abstrahlcharakteristik bei hoher Dosierung zu thermischen oder
mechanischen Schäden kommen kann, ist diese Applikationsform nicht zu empfehlen und wird heute kaum noch
durchgeführt.
51
Teil II: Ultraschalltherapie
7. Ankoppelungsformen und Ankoppelungsmittel
Ankoppelungsformen und Ankoppelungsmittel
Um den Übertritt des Ultraschalls in das Gewebe zu
ermöglichen, ist die Anwendung von sogenannten Koppelsubstanzen unbedingt erforderlich.
Man unterscheidet zwischen der direkten und der indirekten
Ankoppelung.
7.1 Direkte Ankoppelung
Von direkter Ankoppelung spricht man, wenn eine Substanz
benutzt wird, die es ermöglicht, den Schallkopf direkt auf
die Haut aufzusetzen, ohne dass Luft in den Zwischenraum
eindringen kann.
Am besten eignen sich Gele bei denen unter der Einwirkung
des Ultraschalls keine Gasbläschen entstehen und die keine
für die Haut und den Schallkopf schädlichen Stoffe enthalten.
Cave: Besonders bei der Simultantherapie mit Reizstrom
müssen die Gele auch eine gute elektrische Leitfähigkeit
haben. Es ist darauf zu achten, dass nur vom Hersteller
freigegebene Koppel-Gele benutzt werden.
7.2 Indirekte Ankoppelung
Von indirekter Ankoppelung spricht man bei einer subaqualen
Beschallung, wobei die Behandlung im Wasserbad erfolgt.
Sie wird überwiegend zur Ultraschalltherapie an Händen und
Füßen eingesetzt. Zur Vermeidung von Reflexionen müssen
nach dem Eintauchen die Luftbläschen auf der Haut und dem
Schallkopf abgestreift werden. Die Absorption in bläschenfreiem Wasser ist über viele cm vernachlässigbar, so dass der
Schallkopfabstand von der Haut relativ unkritisch ist.
52
Teil II: Ultraschalltherapie
8. Anwendung des therapeutischen Ultraschalls
Anwendung des therapeutischen Ultraschalls
8.1 Therapieparameter
Die wesentlichen Therapieparameter sind:
- Intensität
- Behandlungsdauer
- Anzahl der Behandlungen pro Serie
- Intervall zwischen den einzelnen Therapiesitzungen
Die Wahl der Therapieparameter orientiert sich neben
dem Behandlungszweck an der Interaktion von Ultraschall
und dem Gewebe, wobei die Penetrationstiefe berücksichtigt werden sollte, die ja umgekehrt proportional zur
Absorption ist.
Die Therapie mit dem Ultraschall findet im Nahfeld statt,
wie bereits erwähnt wurde. Unabhängig von den in der
folgenden Tabelle angegebenen Eindringtiefen ist die
therapeutisch nutzbare Tiefe auf das Nahfeld beschränkt
(0,8 MHz ca. 7,0 cm; 2,4 MHz ca. 2,5 cm).
8.2 Dosierung
Die Dosierung muss sich an der Erkrankung, der
Lokalisation und am Reaktionsvermögen des Patienten orientieren. Ultraschallsensible Erkrankungen, wie
Neuralgien, akute Stadien, oberflächliche Prozesse sind
mit niedrigen Dosisstufen zu behandeln. Chronische und
tiefgelegene Krankheitsprozesse können mit mittleren
und hohen Dosen behandelt werden.
8.3 Intensität
Es ist zweckmäßig, diese Parameter in drei Dosisstufen
einzubringen. Diese Dosisstufen entsprechen unserem
heutigen Kenntnisstand und können der Tabelle rechts
entnommen werden.
Frequenz
0,8 MHz
2,4 MHz
Hautgewebe
4 cm
1,5 cm
Fettgewebe
17 cm
6 cm
Muskelgewebe
9 cm
3 cm
Sehnengewebe
2,5 cm
1 cm
Knorpelgewebe
2,5 cm
1 cm
Knochengewebe
0,8 cm
n/a
Wasser
3900 cm
1300 vm
Tabelle: Penetrationstiefe des Ultraschalls in Abhängigkeit von der Ultraschallfrequenz
und dem Gewebe (≈ 30% der an der Oberfläche applizierten Dosis)
Dosisstufe
niedrig
Dosisstufe
mittel
Dosisstufe
hoch
8.4 Behandlungsdauer
kurz:
3 Minuten
mittel:
6 Minuten
lang
9 Minuten
Subakute Krankheitszustände erfordern kürzere Behandlungsserien von etwa sechs Einzelbehandlungen, die
täglich oder jeden zweiten Tag durchgeführt werden.
Chronische und nur wenig reagierende Zustände werden
mit längeren Serien von etwa 12 Einzelbehandlungen
therapiert und ebenfalls täglich oder jeden zweiten Tag
verabreicht.
Überdosierungen sind auf jeden Fall zu vermeiden.
Anzeichen von Überdosierung sind auftretende Schmerzen.
Auch eine Verschlechterung des objektiven Krankheitsbefundes gilt als Zeichen für Überdosierung.
53
Intensität
0,8 MHz
2,4 MHz
Dauerschall
0,05–0,3 W/cm²
0,05–0,1 W/cm²
Impulsschall
0,15–0,3 W/cm²
0,15–0,3 W/cm²
Dauerschall
0,5–1,0 W/cm²
0,3–0,7 W/cm²
Impulsschall
0,6–1,5 W/cm²
0,6–0,9 W/cm²
Dauerschall
1,5–3,0 W/cm²
1,5–3,0 W/cm²
Impulsschall
1,5–6,0 W/cm²
1,5–6,0 W/cm²
Teil II: Ultraschalltherapie
9. Nebenwirkungen
Nebenwirkungen
Nebenwirkungen der Ultraschallbehandlung resultieren meist
aus falscher Behandlungstechnik und Überdosierung:
- Überhitzung
- Kavitationen im Gewebe
- Bildung von freien Radikalen, wie von H2O2 durch die
Umsetzung der Ultraschallenergie in chemische Reaktionsenergie. Dadurch ist verständlich, dass die Ultraschalltherapie
nicht nur wegen der Erwärmung bei akut entzündlichen
Prozessen nicht eingesetzt werden darf.
54
Teil II: Ultraschalltherapie
10. Forcierter transkutaner Stofftransport mit dem Ultraschall
Forcierter transkutaner Stofftransport mit dem
Ultraschall
10.1 Ultraphonophorese (Sonophorese)
Man versteht darunter die Möglichkeit, Medikamente, die
entweder in der Ankoppelungssubstanz enthalten sind,
oder die vorher auf die Haut aufgetragen wurden, mit Hilfe
der Ultraschallenergie in den Körper (zumeist nahe an den
Erkrankungsort) zu bringen. Bevorzugt werden bei diesem
Verfahren zur lokalen Anwendung Kortikoide, Analgetika,
Antiphlogistika oder Lokalanästhetika eingesetzt.
Die Eindringtiefe der Medikamente ist nicht von der
Intensität, sondern von der Applikationszeit des Ultraschalls abhängig. Auch die durch Ultraschall transportierte
Stoffmenge ist wesentlich geringer als bei der Iontophorese. Zum Vergleich kann mit der Sonophorese etwa die
doppelte Menge an Stoffen im Vergleich zur freien Diffusion in die Haut transportiert werden, mit der Iontophorese
dagegen bis zum 1000fachen, abhängig von der Ladung
und der Größe der Moleküle.
10.2 Sonoporation
Unter Sonoporation versteht man die vorübergehende
Öffnung von Zellmembranen, wenn in deren Nähe durch
Ultraschallwellen angeregte Mikrobläschen oszillieren.
Genutzt wird die Sonoporation zum transdermalen
Transport von Medikamenten. Die Druckwellen des
Ultraschalls erzeugen in einer Flüssigkeit kleinflächig hohe
Temperaturänderungen bis hin zum Siedepunkt. Dadurch
entstehen an der Schallquelle ständig mikroskopische
Bläschen durch Kavitation, die in die Flüssigkeit hinein
abgeben werden. Nach kurzer Zeit (ns) kollabieren diese
Kavitationsbläschen, wobei ein Flüssigkeitsstrahl durch
das Zentrum der Bläschen schießt und dabei sehr hohe
Drücke erzeugt (siehe Abb.). Dieser zentrale Jet wirkt wie
ein Rammbock oder eine Injektion unter hohem Druck.
Bei der Sonoporation lockern die mechanischen Kräfte
der kollabierenden Bläschen das Epithel und erhöhen die
Permeabilität der Haut-Barriere, sodass große Moleküle
penetrieren können.
Sonoporation ist die vorübergehende Öffnung der
Zellmembranen durch Ultraschall. Das geschieht durch in
der Nähe stark oszillierende Mikrobläschen, die Mikroströmungen erzeugen. Diese Mikroströmungen versetzen
die angrenzenden Zellmembranen in Oszillation, bis sie
nachgeben und so für wenige Minuten eine „Pore“ in der
Zellmembran entsteht, die die Zelle selbst wieder schließt.
Während der Öffnungszeit der Poren können nun durch
sie hindurch z. B. Medikamente in die Zellen eindringen
und auch durch Zellen hindurch wandern. Auf diese Weise
können Moleküle (Medikamente) bis zu einem Durchmesser von ca. 50 nm eingeschleust werden.
55
Abb.: Der zentrale Jet während des Kollapses des Kavitionsbläschens
wirkt wie eine mikroskopische Injektionsnadel. Als Sonoporation wird der
transdermale Transport mittels Ultraschall bezeichnet
Teil II: Ultraschalltherapie
10. Forcierter transkutaner Stofftransport mit dem Ultraschall
6
:
:
:
:
5.5
5
Die Abbildung zeigt, dass Ultraschall mit einer niedrigeren
Frequenz die größte Ausdehnung der Mikrobläschen und
damit die größten Kräfte erzeugt, bevor diese platzen.
1 MHz
1,5 MHz
2 MHz
3,5 MHz
Die im Ultraschallfeld entstehende kleine Pore in der Zellmembran ist mit einem Pfeil gekennzeichnet.
Relative Expansion
4.5
4
Die Sonoporation wird therapeutisch mit Schallleistungen von
2 W/cm² und mehr mit einem gepulsten Ultraschall (z. B. 20
Hz gepulst) durchgeführt; die Anwendungsdauer liegt meist
unter einer Minute.
3.5
3
1 MHz
2.5
3,5 MHz
2
1,5 MHz
2 MHz
1.5
1
1
2
3
4
Do (µm)
5
6
7
8
Diese lokale Freisetzung der Medikamente bewirkt neben
einer verbesserten lokalen Wirkung durch die zielgenaue Therapie auch eine Reduktion von systemischen Nebenwirkungen
der verabreichten Medikamente.
Die genauen Mechanismen der Sonoporation sind noch nicht
vollständig verstanden, so dass die gezielte Medikamentengabe noch keine zuverlässige Reproduzierbarkeit zeigt.
Abb.: Biskop, Deng, Ch., X; F. Seiling et al
Ultrasound indured Membram Porosity
Ultrsound in Mechane and Biology, 2004; 30:4: 519-526
"Pore"
56
Teil II: Ultraschalltherapie
11. Ultraschall Programme
Tabelle der Ultraschall Programme:
Programm
Basis Frequenz
Modus
Puls Frequenz
Wirkung
US 00
0,8 MHz
CW
ungepulst
Wärme, tief
US 01
0,8 MHz
PW
50 Hz
Regenerativ, tief
US 02
0,8 MHz
PW
20 Hz
Regenerativ, tief
US 03
2,4 MHz
CW
ungepulst
Wärme, oberflächlich
US 04
2,4 MHz
PW
50 Hz
Regenerative Wirkung, oberflächlich
US 05
2,4 MHz
PW
20 Hz
Regenerative Wirkung, oberflächlich
US 06
0,8 MHz / 2,4 MHz
1:1, CW
ungepulst
Wärmewirkung, tief und oberflächlich
US 07
0,8 MHz / 2,4 MHz
1:1, PW
50 Hz
Regenerative Wirkung, tief und oberflächlich
US 08
0,8 MHz / 2,4 MHz
1:1, PW
20 Hz
Regenerative Wirkung, tief und oberflächlich
57
Teil II: Ultraschalltherapie
12. Indikationen
Indikationen
Das Indikationsspektrum des Ultraschalls ist besonders
breit bei den Erkrankungen und Funktionsstörungen, die dem
rheumatischen Formenkreis zugeordnet werden. Die Therapie
zielt hierbei zunächst auf eine Schmerzlinderung ab. Daraus
resultiert u. a. eine Tonusminderung schmerzhaft verspannter
Muskulatur. Dem Patienten wird so die Möglichkeit eröffnet,
durch Bewegungsübungen selbst zur Funktionsverbesserung
bzw. -erhaltung aktiv beizutragen. Verbesserung der Durchblutung und der Trophik sowie Minderung von Entzündungsprozessen sind die positiven Begleiteffekte.
Weiterhin werden bindegewebige Strukturen, insbesondere
im Kapsel-Band-Apparat, und Sehnen unter dem Einfluss des
Ultraschalls elastischer und erleichtern somit die Übungstherapie mit aktiven oder passiven Bewegungen.
12.1 Typische Indikationen aus der Orthopädie,
Chirurgie, Traumatologie, Rheumatologie
- Vertebragene Schmerzsyndrome, z. B. Zervikalsyndrom,
Lumbalsyndrom
- Spondylitis ankylosans (nur im entzündungsfreien Intervall)
- Gelenkerkrankungen
- Rheumatoide Arthritis
(soweit eine Wärmeanwendung angezeigt ist)
- Arthrose
- Periarthropathien
- Epicondylopathie
- Tendinosen, Periostosen, Fersensporn
- Achillodynie
- Narben, Kontrakturen, Dupuytren-Kontraktur
- Posttraumatische Beschwerden
- Frakturen (insbesondere bei verzögerter Kallusbildung)
12.2 Weitere Indikationen
- Asthma bronchiale
- Rhinopathie
- Persistierende Beschwerden der HWS nach Schleudertraumen mit repetitiven Blockierungen
- Kopfschmerzen
- Ohrenschmerzen
- Zosterneuralgie
- Funktionelle Störungen des Magens und Zwölffingerdarms
- Pelvipathie
- Funktionelle Beschwerden des kleinen Beckens
58
Teil II: Ultraschalltherapie
13. Kontraindikationen
Kontraindikationen
- Erkrankungen bei denen Wärme nicht angewendet
werden darf, z. B. akut entzündliche Erkrankungen
- Erkrankungen, bei denen mechanische Einflüsse
kontraindiziert sind, z. B. Phlebothrombose,
hämorrhagische Diathese
- zervikal nicht höher als C 3 beschallen
- Beschallung parenchymatöser oder wärmeempfindlicher
Organe (Testes, Auge, gravider Uterus, Leber, Niere etc.)
- Anästhesierte Hautgebiete
- Störungen der Temperaturempfindung
- nach Behandlung mit ionisierenden Strahlen
- Epiphysenfugen
- Tumore
- Regionen über elektronischen Schrittmachersystemen
Relative Kontraindikation
Metallimplantate und Endoprothesen
Gegen eine dynamische Beschallung in niedriger Dosierung bestehen heute keine Bedenken mehr.
59
Teil III: Simultantherapie
1. Simultantherapie mit Ultraschall
Simultantherapie mit Ultraschall
Die Kombination Reizstrom/Ultraschall bezeichnet man als
„Simultanverfahren”. Hierbei ist der Ultraschall- und der Reizstromgenerator zu einer therapeutischen Einheit verbunden,
wobei der Schallkopf die aktive Elektrode (bei unipolaren
Stromformen als Anode) ist.
Das Reizstromgerät muss im CV-Betrieb arbeiten, da der
Schallkopf ständig bewegt werden soll und dabei auch abheben kann. Der Strom fließt vom Schallkopf über ein elektrisch
leitfähiges Koppel-Gel über den Patienten zur indifferenten
Elektrode.
Für die Kombination des Reizstromes mit dem Ultraschall im
Simultanverfahren stehen mehrere geeignete Stromformen
zur Verfügung. Von großem therapeutischem Vorteil ist dabei
die Funktion des Schallkopfes als bewegliche Elektrode,
wodurch die therapeutischen Wirkungen von Ultraschall und
Reizstrom gleichzeitig auftreten. Die zugehörige Anode als
großflächige indifferente Gegenelektrode wird entfernt vom
Behandlungsort paravertebral im Segment der betroffenen
Körperregionen angebracht.
Mittelfrequenzströme oder TENS-Ströme mit Frequenzen über
100 Hz werden in motorisch gerade schwelliger Dosierung
zur gezielten Behandlung von Trigger- und Schmerzpunkten
eingesetzt, die mit dem dynamisch geführten Schallkopf gut
lokalisiert werden können.
Liegen chronische, häufig therapierefraktäre Erkrankungen
des Bewegungsapparates vor, kann die Simultantherapie
mit Rechteckströmen wie dem Ultrareizstrom und ferner mit
diadynamischen Strömen durchgeführt werden.
Der Schallkopf ist bei monophasischen Strömen stets kathodisch gepolt.
Neben einer synergistischen Wirkung der beiden als analgetisch, durchblutungsfördernd und muskeldetonisierend
bekannten Energieformen hat das Simultanverfahren Vorteile
gegenüber einer alleinigen Ultraschall- oder Reizstrombehandlung. Mit dem bewegten Schallkopf gelingt es relativ
einfach, die Triggerpunkte bei den häufigen myofaszialen
Schmerzsyndromen genau zu lokalisieren, um sie anschließend
gezielt ausschalten zu können. Diese Triggerpunkte entsprechen häufig den klassischen Akupunkturpunkten. Wird der
Schallkopf darüber geführt, werden sie durch eine gegenüber
der Umgebung deutlich gesteigerte Empfindlichkeit, durch das
Auftreten lokaler Muskelkontraktionen sowie häufig durch
eine Hautrötung über den Triggerpunkten erkennbar. Bei vertebragenen Syndromen sind sie im Myotom des betroffenen
Segments oft mehrfach vorhanden.
60
Teil III: Simultantherapie
1. Simultantherapie mit Ultraschall
Die Simultantherapie insbesondere myofaszialer Schmerzsyndrome soll mit Dehnübungen kombiniert werden, um
den Funktionszustand der meist verkürzten Muskulatur
nachhaltig zu verbessern.
Das Simultanverfahren bei myofaszialen Schmerzen
Muskelschmerzen sind ein sehr häufiges medizinisches
Symptom. Ca. 85 % der europäischen Bevölkerung leiden
irgendwann im Laufe ihres Lebens an muskulär bedingten
Rückenschmerzen, allein 30 % entwickeln myofasziale
Schmerzsyndrome mit aktiven / passiven Triggerpunkten.
Muskuloskelettale Schmerzen sind europaweit der häufigste Grund, einen Arzt aufzusuchen.
Definition myofaszialer Schmerzen
Der myofasziale Schmerz (MFS) stellt eine schmerzhafte
Funktionsstörung mit Symptomen aus dem Muskel- und
Faszienbereich dar. Es handelt sich um eine klinische Diagnose, basierend auf Anamnese und körperlichem Untersuchungsbefund, ohne quantifizierbare Zusammenhänge,
bisher ohne kontrollierte Studien und darüber hinaus mit
mehrdeutigen Kriterien. Kennzeichnend bei MFS ist der
Triggerpunkt, ein kleiner umschriebener Punkt an empirisch gefundenen, reproduzierbaren Lokalisationen des
Muskels, der schmerzhaft ist und einen ausstrahlenden,
übertragenen Schmerz auslöst.
Fortgeleitete Schmerzen und Triggerpunkte in Muskulatur
und Faszien sind pathognomonisch für die häufigen myofaszialen Schmerzsyndrome.
Myofasziale Triggerpunkte entstehen in Muskulatur und
Faszien, die meist chronisch verspannt und überlastet sind.
In solchen, verspannten Bereichen, insbesondere von
Muskeln, bilden sich verhärtete bandförmige Bezirke,
in denen sich Triggerpunkte befinden können.
Es werden aktive von passiven Triggerpunkten
unterschieden.
Aktive Triggerpunkte lösen direkt fortgeleitete Schmerzen
in typische Referenzzonen aus. Passive Triggerpunkte
lösen diese fortgeleiteten Schmerzen aus, wenn sie gereizt werden, z. B. durch Druck oder Zug, ansonsten
sind sie asymptomatisch.
Die Diagnose erfolgt palpatorisch und aufgrund der
gestörten Muskelfunktion sowie des typischen Musters
des fortgeleiteten Schmerzes.
Somit stellt der myofasziale Schmerz eine Funktionsstörung des myofaszialen Apparates dar; er ist keine
eigenständige pathologische Entität, sondern ein
Symptom.
61
Teil III: Simultantherapie
1. Simultantherapie mit Ultraschall
Der myofasziale Schmerz stellt häufig eine Ko-Diagnose bei
Störungen des Bewegungsapparates dar, neben der weitere
Dysfunktionen z. B. von Gelenken, Sehnen oder Ligamenten aufgesucht und Strukturstörungen, wie neoplastische,
degenerative, entzündliche, ischämische oder nervale, zuvor
identifiziert werden müssen,
Anamnese: Vorausgegangene muskuläre Überlastung, einseitige Belastungshaltungen, vorwiegend Bewegungsschmerz,
Ruheschmerzen eher bei fortgeschrittenem Verlauf.
Schmerzausstrahlung: Meist Angabe lediglich des umschriebenen Lokalschmerzes; Auslösung des Übertragungsmusters
durch Stimulation z. B. mit Fingerdruck. Die zum Triggerpunkt
gehörende Schmerz-Referenzzone wird nur teilweise über das
Konvergenzmodell am Hinterhorn des Rückenmarks erklärt.
71% der muskulären Triggerpunkte stimmen mit Akupunkturpunkten überein (Melzack, 1981).
Charakteristik des Triggerpunktes: Lokale Empfindlichkeit auf
Druck durch spontane Schmerzäußerung des Patienten
(jump sign), die mit Druckalgometern für Schmerzschwelle
und Toleranz auch quantifizierbar ist. Der Triggerpunkt liegt
meist innerhalb eines verhärteten Stranges im Verlauf des
Muskels (taut band). Bei mechanischer Stimulation des
Triggerpunktes entsteht oft eine Muskelzuckung (twitch
response).
Einschränkung der Muskelfunktion: Die passive Dehnbarkeit
ist verringert, die Kontraktion gegen Widerstand schmerzhaft,
maximale Willkürinnervation nicht möglich.
Gestörte autonome Regulation: Vasomotorische und
sudomotorische Störungen im „Skin rolling-Test“,
Kibler-Falte, herabgesetzter elektrischer Hautwiderstand.
Diese Störung entsteht erst bei chronischem Verlauf.
Vorkommen: Das Auftreten von myofaszialen Schmerzen ist
nicht geschlechts- und/oder altersspezifisch. Sie werden als
wichtigste Haupt- oder Ko-Diagnose bei Patienten mit
Störungen des Bewegungssystems festgestellt.
Primäre Auslöser: Trauma, Überlastung, Fehlhaltung,
Fehlbewegungs-Stereotypien.
Sekundäre Auslöser: Andere Dysfunktionen des Bewegungssystems (z. B. artikulär), häufig bei Strukturstörungen des
Skelettsystems und innerer Organe, sowie psychosomatische
Störungen.
62
Teil III: Simultantherapie
1. Simultantherapie mit Ultraschall
Ein aktiver myofaszialer Triggerpunkt führt immer zur
Schwächung und Verkürzung des betroffenen Muskels.
Ein latenter myofaszialer Triggerpunkt wird nur bei Reizung
schmerzhaft. Triggerpunkte und die dazugehörigen Referenzzonen ergeben typische Muster, die einen genauen
Rückschluss auf die betroffene Muskulatur zulassen.
Die klinischen Zeichen myofaszialer Triggerpunkte
überdauern die auslösenden Ereignisse meist lange Zeit
und können somit chronifizieren. Bleiben diese schmerzauslösenden myofaszialen Triggerpunkte lange bestehen,
wird sich eine muskuläre Dysfunktion mit der Folge einer
Dysbalance und einem gestörten Bewegungsablauf
entwickeln, der dann auch zu strukturellen Schädigungen
führen wird.
Mit dem Simultanverfahren steht eine umfassende und
hoch wirksame therapeutische Möglichkeit zur Behandlung myofaszialer Schmerzsyndrome zur Verfügung.
Die Basis dieser Therapie ist
- die Detonisierung der Muskulatur mit elektrischen
Strömen,
- die Erwärmung und Verbesserung der Elastizität der
verhärteten Muskelanteile durch den Ultraschall und
- die Dehnung des betroffenen Muskels zur Wiederherstellung seiner physiologischen Länge und Spannung.
Behandlungstechnik:
Eine große oder mittlere Elektrode dient als indifferente
Elektrode (Anode) und wird segmental paravertebral
platziert.
Das Gerät wird auf die Betriebsart „spannungskonstant“
(CV) eingestellt.
Der Schallkopf ist jetzt als differente Elektrode (Kathode)
wirksam. Er wird mit kleinflächigen kreisenden Bewegungen langsam im Behandlungsgebiet geführt
Gleichzeitig wird die Stromintensität langsam hochgeregelt, bis der Patient den Strom deutlich spürt. An den
Triggerpunkten sollen lokale Muskelzuckungen eintreten.
Während der Therapie sollen die Triggerpunkte etwa 50 %
der Zeit unter gleichzeitigem Dehnen behandelt werden.
Die Dehnung wird statisch und jeweils bis an die
Schmerzgrenze durchgeführt. So kann der Muskel Schritt
für Schritt bis zu seiner normalen Länge gedehnt werden.
63
Teil III: Simultantherapie
1. Simultantherapie mit Ultraschall
Empfohlene Therapieparameter:
Ultraschall:
Die Ultraschalldosis hängt ab von der Lage und der Masse
des/der zu behandelnden Muskeln.
Oberflächlich liegende Muskeln (bis ca. 2 cm Tiefe):
2,4 MHz, 0,5 W/cm²
Muskeln in mittlerer Tiefe (2–6 cm Tiefe): 0,8 MHz, 1,0 W/cm²
Tief gelegene Muskeln (> 6 cm Tiefe):
0,8 MHz, 2,0 W/cm²
Elektrostimulation:
Der Strom ist motorisch schwellig zu dosieren, so dass an den
Triggerpunkten Muskelzuckungen auftreten, nicht aber in den
übrigen Muskel-Anteilen.
Als die am besten geeignete Stromform gilt ein mittelfrequenter Strom mit 100 bis 200 Hz,
alternativ kann auch der modifizierte Ultrareizstrom mit
182 Hz verwendet werden.
Nach Wirkung kombinierte Simultanprogramme Ultraschall- und Elektrostimulation
Progr.
Anwendung
Ultraschall
Stromform
SI 00
Hyperämie
0,8 MHz / 2,4 MHz
Ultrareizstrom, 143 Hz
SI 01
Heilungsförderung,
Gewebe-Regeneration
0,8 MHz / 2,4 MHz
MF 8000 Hz, unmodulliert
SI 02
Analgesie
0,8 MHz / 2,4 MHz
Biphasischer Rechteckstrom, 3–10 Hz
SI 03
Muskeldetonisierung
0,8 MHz / 2,4 MHz
Biphasischer Rechteckstrom, 100–200 Hz
SI 04
Triggerpunktbehandlung
0,8 MHz / 2,4 MHz
MF 8000 Hz, 100–200 Hz
SI 05
Freies Programm
Frei wählbar
Frei wählbar
64
Für Ihre Notizen
65
Für Ihre Notizen
66
Für Ihre Notizen
67
Zimmer MedizinSysteme GmbH
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