schaubühne am lehniner platz
Pressespiegel - Kritiken
inforadio, 17.1.2016
'Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs' von Milo Rau in der Schaubühne
Der Schweizer Milo Rau ist einer der gefragtesten Regisseure Europas. Streitbar sind seine
politisch-realistischen Inszenierungen immer. An der Berliner Schaubühne wurde jetzt
"Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs" uraufgeführt. Unsere Kritikerin Ute Büsing
war dort.
Die Geschichte des Maschinengewehrs wird nicht erzählt. Viel mehr wird in diesem
theatralen Essay abgehandelt, was es in den Händen entfesselter Mörderbanden anrichtet. Und
"Mitleid", das meint uns hier im Herzen Europas, unsere Empathiefähigkeit und ihre eng
gesteckten Grenzen. Ausgehend von dem syrischen Flüchtlingsjungen, der zwischen dem
türkischen Bodrum und dem griechischen Kos ertrank, und der kontinentalen Mitleidwelle,
die sein Foto auslöste, hinterfragt Milo Rau in dem nachdenklich stimmenden
Anderthalbstünder die mangelnde Bereitschaft, uns mit den Millionen Opfern der Genozide in
Zentralafrika, namentlich im Kongo, in Burundi und Ruanda, auseinanderzusetzen.
"Starke" Inszenierung
Er hält Narzissmus und Rassismus einen Spiegel vor, indem er die absolut überzeugende
Schauspielerin Ursina Lardi in die Rolle einer unbedarften NGO-Mitarbeiterin schlüpfen
lässt, die als jugendliche Hilfskraft im Kongo stationiert wird. Dies geschieht kurz vor dem
Völkermord der Hutus an den Tutsi in Ruanda. Bald hört sie die titelgebenden
Maschinengewehre sirren und die Schreie der Ermordeten. Eine Million Menschen flüchten in
den Kongo - darunter auch die Milizionäre, die das große Schlachten angerichtet haben. 1000
NGO's werden aufgeboten, sie zu betreuen. Dann marschiert die neue ruandische TutsiArmee ins Camp ein und mordet ihrerseits.
Aus der sicheren Distanz eines "Feldherrenhügel" beobachtet das die Ich-Erzählerin. Sie steht
während der gesamten Aufführung in den verbrannten Trümmern des Lagers. Die Aussagen
über ungehemmte Massaker und hilflose Helfer basieren auf Raus Recherchen. Für das
Theater hat er sie mit dem Ödipus-Mythos zusammengeführt. Heraus kommt ein klassisches
Aufklärungsdrama: Mitwisserschaft mündet in die tragische Einsicht der Mittäterschaft.
Blank liegt der Zynismus der Mitleidindustrie, die sich afrikanische und syrische Flüchtlinge
zur Bestätigung des eigenen Gutmenschentums zunutze macht.
Milo Rau rechnet auch ab mit Flüchtlingschören auf den Bühnen und: mit seiner Art,
politisch-realistisches Theater zu machen. Hinter dem Authentizitätseffekt verschwindet, so
zeigt er, die notwendige Doppeldeutigkeit von Kunst. Die in Burundi geborene und bei
belgischen Adoptiveltern aufgewachsene Schauspielerin Consolate Sipérius spielt hier im
Prolog und im Epilog umwerfend authentisch tatsächlich sich selbst - und verdeutlicht so die
beabsichtigte Brechung: Gute Absichten allein reichen nicht. Am Ende, so heißt es, kommt es
darauf an, wer die Maschinengewehre hat... Stark!
BerZ, 18.1.2016
Milo Rau inszeniert „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“
Von Doris Meierhenrich
„Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ dreht sich um pure Aktualität. Es geht um
die Hilfsbereitschaft und Politik der Hilfe, die angesichts aktueller Flüchtlingsankünfte
speziell in Deutschland Hochkonjunktur hat. Schrecklich ist dieser Abend und erschütternd.
Wenn Milo Rau ein neues Stück ankündigt, dann sind die markigen Leitartikel, die er ihm
vorausschickt, so unverzichtbar wie andernorts Voraufführungen. Kein anderer
Theatermacher arbeitet so intensiv an seiner medialen Wirkung, daran, öffentlich zu wirken
mit seinen Projekten, wie Milo Rau. Und so waren auch dieses Mal zahlreiche Manifeste des
Regisseurs unterwegs, die das Terrain systemkritisch aufzubereiten hatten für „Mitleid. Die
Geschichte des Maschinengewehrs“. Das zu erwähnen ist wichtig, denn ohne all die
außertheatralen Verweise fehlt seinem Theater die Hälfte der Referenz.
Alle sind Arschlöcher
„Mitleid“ nun dreht sich dazu um pure Aktualität. Es geht um die Hilfsbereitschaft und Politik
der Hilfe, die angesichts aktueller Flüchtlingsankünfte speziell in Deutschland
Hochkonjunktur hat. Hilfe ist gut, meinen wir alle. Vielleicht denkt auch Milo Rau insgeheim
so. In der Schweizer „Sonntagszeitung“ aber ließ er erst einmal ausrichten: „Alle sind
Arschlöcher!“ und meinte damit nicht die Flüchtlinge, sondern uns (sich eingeschlossen), die
kurzsichtigen Gastgeber und Hüter der Zuflucht.
Regisseur und Bühnenautor
Wer helfen will, so Rau, soll keine Herzchen auf Notunterkünfte malen – „zynischen
Humanismus“ nennt er das – sondern der eigenen Schuld an dieser Flucht auf die Schliche
kommen. Und diese Schuld verbirgt sich nicht in Afrika oder dem Nahen Osten, sondern in
dem, was wir selbst hervorbringen: die „systemische Ungerechtigkeit und der Rassismus“
globaler Marktwirtschaft, auf der Europa fußt.
Was sich wie Wahlslogans anhört, birgt komplexe Wahrheiten. Zusammen mit einer Vielzahl
Zeugen, Juristen und NGO-Experten belegte Rau das im vergangenen Sommer am Beispiel
Zentralafrikas in seinem „Kongo-Tribunal“. Nach der Verhandlung in Bukavu tagte es auch
drei Tage in Berlin und auch in das Zwei-Personen-Stück „Mitleid“ wirkt dieses große
Recherche-Projekt noch hinein. Die Spielfläche der Schaubühne ist komplett mit Müll
übersät: Hier ist so ein Ort, vor dem die Menschen fliehen, um zu leben. Oder wohin Europäer
reisen, um als Helfer Meriten zu ernten. Die burundische Schauspielerin Consolate Siperius
musste schon als Kind 1993 ihre Heimat verlassen, weil Hutu und Tutsi sich gegenseitig
abschlachteten. Ursina Lardi spielt eine NGO-Helferin, die dagegen meinte, Frieden in das
ausgebeutete und umkämpfte Zentralafrika bringen zu können. Beide Frauen erzählen von
sich in erster Person, doch Lardi spricht Texte, die Rau in mehreren Interviews mit solchen
Helfern gesammelt hat. Kein Wort sei erfunden, so Rau, und doch ist Lardis Erzählung eben
(Ver)Dichtung. Dokumentarisch will Rau sein Theater daher nicht nennen, ebenso wenig
„Recherchetheater“, „engagiertes Theater“ oder „politisches Theater“, die er alle für
unmöglich erklärt. Rau will dagegen real werden, weshalb er allenfalls Alexander Kluges
Bezeichnung „Real-Theater“ für sich geltenlässt.
Was nun in der Schaubühne zur Aufführung kam, ist natürlich nicht „realer“, als jede andere
Aufführung. Und doch muss man diesem seltsamen Zwei-Monologe-Stück etwas sehr
Besonderes bescheinigen, denn hier entsteht eine Art Theater zweiter Ordnung: die Geburt
eines Meta-Theaters aus dem Geiste des Zynismus. Überhaupt der Zynismus! Er ist das
heimliche Thema dieses herausfordernden, widersprüchlichen Abends und
überraschenderweise ist er auch sein stärkstes Mittel. Denn wie Rau gerade den Lardi-Text
montiert hat, wie sie langsam erst unbeeindruckt von den in ihren Augen luxuriösen
Verhältnissen in den heutigen Auffanglagern an der EU-Grenze erzählt, wie sie dann immer
betroffener in ihre Afrika-Erinnerungen eintaucht, in die täglichen kleinen Rassismen und die
Massaker, deren Opfer wie Täter sie in ihren Lagern „durchfüttern“ mussten, dann zeigt das
erst einmal nicht nur die erschütternde Sinnlosigkeit dieser organisierten „Hilfe“. Es führt
zugleich die furchtbare Ökonomisierung der Anteilnahme vor.
Wohldosierter Zynismus
Es ist der selektive Blick, das Sehen des einen und Übersehen des anderen Leids, das Rau uns
in Gestalt der zynischen, sanft-rassistischen Ursina-Lardi vor Augen hält: ein wohldosierter
Zynismus, den wir im Gefolge der Mainstreammedien täglich vollziehen. Einen „TheaterEssay“ hat Rau „Mitleid“ selbst genannt. Und trotzdem auf den ersten Blick nichts
essayistisch an den (pseudo)-biografischen Monologen der beiden erscheint, bewegen sich
ihre Erzählungen doch auf so subtil doppelbödigem Niveau, schlagen sie unentwegt so dünne
Fäden zu den nur mitgedachten, weltgeschichtlichen Hintergründen, dass man sehr bald ihr
Artifizielles erkennt. Schrecklich ist dieser Abend und erschütternd und mit allem Vor und
Danach ein erstaunliches Reflexionsspiel.
SZ, 19.1.16
NZZ Online, 19.1.16
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Flucht in Beethoven
taz, 19.1.16
THEATER An der Schaubühne Berlin brachte der Regisseur und Autor Milo Rau „Mitleid.
Die Geschichte des Maschinengewehrs“ heraus, die das NGO-Engagement hinterfragt
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Ursina Lardi in „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ Foto: Daniel Seifert
VON KATRIN BETTINA MÜLLER
Sie hießen „Teachers in conflict“, „Heal Africa“ oder „Konvoi der Hoffnung“. Sie wollten
helfen, nach dem Völkermord
in Ruanda, in einem Flüchtlingslager in Goma am Kiwusee. Zwei Millionen Hutu waren auf der Flucht vor der TutsiBefreiungsarmee in den Kongo
gekommen. Vermutlich an die
1.000 NGOs waren vor Ort. Daran erinnert sich die Schauspielerin auf der Bühne, die damals,
mit 19, Teil dieser Weißen gewesen war. Was haben sie sich zugetraut? Was wurde von ihnen
erwartet? Mit Workshops, mit
Friedenserziehung, mit Beten,
Tanzen und Singen das nächste
Massaker zwischen Hutu und
Tutsi verhindern?
Ursina Lardi spielt an der Berliner Schaubühne diese Schauspielerin, die einmal aus Enthusiasmus und weil es sich gut
macht im Lebenslauf, als Entwicklungshelferin im Kongo
war. Sie spricht im schlichten blauen Kleid ins Mikro, sie
spricht in die Kamera, sie redet
das Publikum direkt an, vorsichtig durch den Schutt, den
Müll auf dem Bühnenboden
staksend. Sie vergleicht ihre Arbeit im Theater mit der als Helferin. Wenn sie Ödipus spiele,
der getrieben wird von einer
Scham und einer Schuld, die
Immer steht dabei
die Frage im Hintergrund, wie ertragen
wir das Elend der
anderen, warum
schauen wir es an?
er lange nicht erkennen kann
– oder nicht erkennen will –,
gleicht das dann nicht dem Einsatz derer, die getrieben von der
Schuld des Kolonialismus jetzt
versuchen, die Folgeschäden zu
bekämpfen? Folgen nicht beide
Rollen einem ähnlichen Muster?
„Mitleid. Die Geschichte des
Maschinengewehrs“ ist das neueste Stück von Milo Rau überschrieben, in dem der Schweizer Regisseur mit Hilfe von zwei
Schauspielerinnen in zwei Monologen auch eine kritische Bestandsaufnahme der eigenen
Arbeit als politischer Regisseur
unternimmt. Der Text beruht
auf vielen Interviews mit NGOMitarbeitern, mit Geistlichen
und Kriegsopfern, geführt entlang der gegenwärtigen Flüchtlingsrouten, aber auch im
Kongo. Immer steht dabei die
Frage im Hintergrund, wie ertragen wir das Elend der anderen,
warum schauen wir es an? Der
Text beruht aber auch auf einer
Analyse des klassischen Schauspiels, der Notwendigkeit von
Empathie und ihrer professionellen Vermittlung im Theater.
Beide Perspektiven überschneiden sich, fragen aus unterschiedlichen
Richtungen
nach der Funktion und Funktionalisierung von Mitleid. Das
macht die Inszenierung aufregend, dieses stete Hinterfragen
der eigenen Gründe. Milo Rau,
der in seinen großangelegten
Recherche- und Inszenierungsprojekten wie den „Moskauer
Prozessen“ und dem „Kongo-Tribunal“ versuchte, die Hebelwirkung der Instrumente des Theaters bis in die Realität selbst
hinein zu verlängern, nimmt
sich selbst, die Figur des Regisseurs, nicht aus der Kritik europäischer Überheblichkeit und
Überschätzung aus.
Afrikanische Schicksale
Aber das ist wiederum nur ein
Teil der komplexen Geschichte.
Immer wieder scheint eine Verbundenheit mit und ein Berührtwerden von den afrikanischen Schicksalen auf, die neben der Erkenntnis des eigenen
Zynismus wie eine zweite Spur
mitläuft. Das sticht besonders
am Anfang und am Ende hervor, wenn die belgische Schauspielerin Consolate Sipérius auftritt, die in Burundi geboren
wurde und die erzählt, dass sie
vier Jahre alt war, als ihre Familie ermordet wurde.
Sie ist Überlebende und Zeugin des Völkermords; und sie ist
eine Künstlerin, die die Antike
liebt, die großen tragischen Heldinnen. Rachefantasien à la Tarantino, oh ja, die liebt sie auch,
damit hat sie sich schon aus einer depressiven Phase geholfen. Aber das Angebot des Regisseurs, sagt sie, auf der Theaterbühne auf ihr weißes Publikum
mit dem Maschinengewehr zu
zielen als Figur der Rache für erfahrenen Rassismus, lehnt sie
dann doch dankend ab.
Die Stadt Kigali, der Kiwusee,
die Grenzstadt Goma, die Flüchtlingslager im Kongo oder in Ruanda, sie sind in der Inszenierung nur in der Sprache präsent
und in wenigen, ausgesuchten
Geräuschen. „Mitleid“ ist auch
ein Stück gegen die Überwältigungsästhetik der Bilder in den
alltäglichen Medien, gegen das
dramatische Erzeugen von Gefühlen mit den Nachrichtenbildern, gegen die Permanenz der
Steigerung ins Schlimmere.
Die weiße Schauspielerin erzählt in der Rolle der ehemaligen Entwicklungshelferin, wie
sie sich in die höchst dramatische Musik von Beethoven geflüchtet und darin verbarrikadiert habe, um Abstand zu halten zu dem Sterben und Morden
der Massaker, die sie miterlebte.
Diese Flucht in eine gewaltsame
Ästhetik, mit der man sonst
nicht eben geizt an der Schaubühne und an anderen Theatern, um das Schreckliche des
realen Geschehens zu betonen,
Milo Rau lässt sie aus. Und das
macht seinen Text stark, ebenso
wie die sehr präzise Arbeit der
Schauspielerinnen.
Milo Rau ist nicht nur ein interessanter Theaterregisseur, sondern auch ein guter Propagandist der eigenen Projekte. Seine
Interviews gleichen Manifesten.
Ohne Anteile von Größenwahn,
ohne die Gabe, die Realität in
der Imagination überschreiten
zu können und andere dahin
mitzuziehen, hätte er wohl für
viele seiner Arbeiten nie die notwendige Unterstützung, die vielen Teilnehmer gefunden. Er ist
ja selbst manchmal wie ein Missionar unterwegs. Und das hat
wohl auch seinen Blick geschärft
auf die Projektionen und Fiktionen, die sich die Helfer mit ihrer Macht aufbauen.
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F.A.Z., Montag den 18.01.2016 FEUILLETON 13
FAZ, 18.1.2016
Wir Kapitalisten des Leidens
Wie friedlich auch die Absichten, am Ende entscheidet
immer die Gewalt: Milo Rau bringt sein Stück „Mitleid.
Die Geschichte des Maschinengewehrs“ an der Berliner
Schaubühne zur Uraufführung.
Was für ein Saustall! Auf der halbrunden Spielfläche in der Berliner
Schaubühne herrscht das nackte Chaos – als hätte jemand seine
Wohnung entrümpelt und alles wüst auf die Straße geworfen, und
dann hätten andere Leute noch ihren Sperrmüll dazugeschmissen:
Autoreifen, Holzkisten, Plastikfolien, Papierfetzen, Tragetaschen,
Blechdosen, Kissen, zerbrochene Möbel, getrocknete Zweige,
undefinierbare Splitter, einen defekten Kühlschrank, ein gemustertes,
angebranntes Sofa, darauf eine Wanduhr, stehengeblieben um
zwanzig vor zwölf. Was der Bühnenbildner Anton Lukas da für die
Uraufführung von Milo Raus Zweifrauenstück „Mitleid. Die
Geschichte des Maschinengewehrs“ zusammengewürfelt hat, soll an
diesem Abend nicht mehr und nicht weniger als die heutige Welt in
ihrem desaströsen Zustand darstellen. Alles schreit nach Heilung,
Struktur, Ordnung. Aber wie soll das gehen, sind doch bereits so viele
Hoffnungen, Utopien, Verbesserungskonzepte in Bausch und Bogen
gescheitert? Dumm gelaufen, räumt der 1977 in Bern geborene
Regisseur, Journalist und Soziologe Milo Rau zwar ein, ohne sich
deshalb lang entmutigen zu lassen. Er möchte eben auf seine Art die
Welt retten, und wenn das nicht klappt, hat er es zumindest probiert.
Wer das für albern hält, wird an seinen nüchtern konzentrierten
Theaterstücken keine Freude haben, allerdings auch vor Rau keine
Gnade finden. Der nämlich wirft den Europäern Ignoranz und
Blindheit gegenüber den Schrecknissen jenseits ihres Kontinents vor,
für die ihr turbokapitalistisches Wirtschaftssystem, ihr
imperialistisches Auftreten, ihre Firmen und Waffen verantwortlich
seien. Dabei schont er die eigene Zunft mit ihrer „Mitleidsästhetik des
Westens“ nicht, nimmt sich selbst von diesen „Kapitalisten des
Leidens“ nicht aus: „Wir schlagen einfach aus den Opfern und Toten
unserer Wirtschaft noch ein zweites Mal Kapital, indem wir sie im
Kunstraum inszenieren und bemitleiden.“
Milo Rau hat eine Mission, spricht darüber engagiert wie eloquent in
Essays, Zeitungsbeiträgen, Interviews – und auch im Theater, das er
als demokratische Institution für politische Bildung und Aufklärung
betrachtet. Er nutzt meist die Kunstform des „Reenactments“, um
komplexe historische Vorgänge mit Originaltexten dokumentarisch
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nachzustellen und wie in einer Therapiesitzung verborgene
Wahrheiten ans Tageslicht zu bringen, etwa den Prozess gegen den
rumänischen Diktator Nicolae Ceauşescu, das Verfahren gegen die
russische Punk-Band Pussy Riot, das Manifest des rechtsextremen
Attentäters Anders Breivik. Für „Mitleid. Die Geschichte des
Maschinengewehrs“ hat er mit zwei Schauspielerinnen einen Monolog
entwickelt, der sich neben einigen biographischen Passagen im
Wesentlichen auf Gespräche mit zahlreichen Mitarbeitern von
Nichtregierungsorganisationen in Krisengebieten stützt. Die
Hauptfrage dieses thematisch vielfältig verästelten Textes lautet: Ist
die Situation auf der Welt wirklich dermaßen aussichtslos, dass jede
Hilfe misslingen muss? Weil mit Mitleid reagiert wird, wo
Gerechtigkeit sein müsste? Und weil Charity keine Solidarität ersetzt?
Harter Stoff, gewiss, aber als Autor wie als Regisseur bringt ihn Milo
Rau präzise und bewegend auf die effektvoll zugemüllte Bühne.
Ursina Lardi gibt eine Schweizer Lehrerin, die es 1994 in den Kongo
verschlagen hatte, wo sie Entwicklungshilfe in Form von
„Friedensarbeit“ an der Universität und alsbald in Flüchtlingslagern
leistete. Gänzlich „krisenunerfahren“, wurde sie dort mit dem
Völkermord im Nachbarland Ruanda konfrontiert. In einem
eleganten blauen Strickkleid und hellen Pumps erzählt sie, damenhaft
zwischen all dem Unrat auf ein Stehpult gestützt, von Ödipus, der
seine Schuld so lange nicht begreifen will und den sie im
Jugendtheater spielte, von ihren traumatischen Erlebnissen in
Zentralafrika und wie übertrieben ihr erscheint, was mit der
„Flüchtlingskrise“ jetzt hierzulande als „größte humanitäre
Katastrophe des Jahrhunderts“ bezeichnet wird – schließlich hat sie
dem Grauen damals direkt ins Gesicht geblickt, dem Genozid und wie
Ende Juli 1994 zwei Millionen Menschen „völlig unorganisiert“ in
kürzester Zeit aus Ruanda in den darauf überhaupt nicht
vorbereiteten Kongo geflohen waren.
Lardi wirkt sehr gefasst und sachlich, als hielte sie einen Vortrag vor
jungen Lehrern, die – wie einst sie – weit wegwollen. Die
Erinnerungen treiben ihr später dennoch fast die Tränen in die
Augen, doch sie strengt sich merklich an, um nicht zur weinerlichrührseligen Weißen zu werden. Zwischendurch zeigt sie Landkarten
und Fotos von heutigen syrischen Flüchtlingen: „Alle sehen aus wie
Hipster.“ Ursina Lardi spielt den Monolog einer zerrütteten,
verzweifelten, von ihren Erfahrungen überrollten und bis zum
Zynismus hellsichtigen Europäerin mit heißem Verstand, kalter Wut
und vor allem mit entschiedener Liebe. So gewinnt ihre Lehrerin
ungeschützte Erträglichkeit wie arrogante Unerträglichkeit und ihre
Erzählung eine geradezu obszöne Wahrhaftigkeit. Denn trotz
sämtlicher redlicher Bemühungen und friedlicher Absichten kommt
es schlussendlich immer nur darauf an, „wer die Maschinengewehre
hat“.
Am Anfang und am Ende des Abends meldet sich die in Burundi
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geborene Consolate Sipérius zu Wort. Sie schildert, wie ihre Familie
bereits 1993 infolge des mörderischen Konflikts zwischen Hutu und
Tutsi vor ihren Augen umgebracht und sie von belgischen Eltern
adoptiert worden war. Sie sitzt hinter einem Mischpult und schaltet
sich manchmal in Ursina Lardis Suada ein, indem sie Geräusche wie
Regenschauer oder Vogelgezwitscher einblendet. Als
Genozidüberlebende verschafft sie dem Stück mit ihrem
Zeitzeugen-Bonus das Gütesiegel der Authentizität. Beide Frauen
werden gefilmt, ihre Köpfe auf eine riesige hängende Leinwand
projiziert. Damit präsentiert Milo Rau einerseits noch die Realität,
andererseits schon ein Bild von ihr und stellt seine beklemmende
Rekonstruktion selbst zur Debatte. Viel Neues ist nicht zu hören, das
hätte wohl kaum jemand erwartet, bloß wie diese kühle theatralische
Lektion in Sachen Politik und Geschäft erteilt wird, ist eine
unbequeme und dabei elektrisierende Herausforderung. Die Welt
wird in knapp zwei Stunden bestimmt nicht gerettet, aber schlechter
wenigstens auch nicht.
IRENE BAZINGER
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18.01.2016 09:52
Deutschlandfunk, 17.1.2016
"Mitleid" an der Schaubühne Die
unerbittliche Logik des Gewehrs
Warum wiegt ein ertrunkener Flüchtlingsjunge an den Toren Europas moralisch offenbar
mehr als zum Beispiel 1.000 Tote in den kongolesischen Bürgerkriegsgebieten? Das fragt der
Schweizer Theatermacher Milo Rau in seinem neuesten Stück "Mitleid. Die Geschichte des
Maschinengewehrs" an der Berliner Schaubühne. Dafür hat er sich auch wirklich in den
Kongo begeben.
Von Eberhard Spreng
"Es gibt im europäischen Theater einfache und schwere Übungen. Die einfachen Übungen
sind: Das Auswendiglernen von Figurentext. Die Performance. Oder das sogenannte
dokumentarische Theater."
Milo Raus Vertrauen in die Kraft der Bühne ist beschränkt. Vor allem glaubt er nicht, dass die
Bretter die Welt bedeuten können, oder dass ein Schauspieler das verkörpern kann, was sich
vor dem Engel der Geschichte unentwegt an Elend, Mord und Qual aufschichtet. Aber, woran
er mit seiner Protagonistin Ursina Lardi in seinem Essay vom Mitleid und dem
Maschinengewehr glaubt, ist, dass er von der Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit einer
Europäerin erzählen kann, die als junge Frau mal in einer NGO im Kongo aktiv war und
später Schauspielerin wurde.
Eingerahmt wird die Reise ins Herz der Finsternis einer Wohlmeinenden von einem Pro- und
Epilog: Die in Burundi geborene belgische Schauspielerin Consolate Sipérius sitzt hinter
einem Tisch, ihr Gesicht erscheint groß auf einer Leinwand hinter der halbrunden Bühne. Ihre
Eltern waren 1993 vor ihren Augen ermordet worden, berichtet sie, erschossen mit
Maschinengewehren. Später kam sie als Adoptivkind nach Belgien, in ein Dorf, wo sie als
einzige Schwarze begafft wurde. Consolate bleibt während Lardis Solo stumme Zeugin, als
Nachweis des Authentischen im Dokumentartheater des Milo Rau. Natürlich weiß der Autor
und Regisseur um sein Spiel mit der schwarzen Hautfarbe und der Opferrolle der
Schauspielerin. "Schwarz ist immerhin ein klares Statement" sagt die Lardi provozierend,
ironisch in ihrem Monolog.
Milo Rau verletzt Klischee-Botschaften der medialen Erregungsproduktion
Sie steht inmitten einer zerstörten Einrichtung: ein halb verkohltes Sofa, kaputte Plastikstühle,
zerfetzte Kleidung. Vor ihr ein Mikrofonständer, hinter ihr die breite Leinwand, mit ihrem
Video-Abbild. Das Foto des zwischen dem türkischen Bodrum und dem griechischen Kos
ertrunkenen Jungen Ailan hält sie vor die Videokamera und dann erzählt sie zunächst von
einem Besuch in einem Flüchtlingslager an der mazedonischen Grenze und den jungen
syrischen Männern, die alle wie Hipster aussehen, sich zieren, Wasser aus einem Container zu
trinken, bevor sie in klimatisierte Busse einsteigen.
"Es tut mir Leid
Aber ich verstehe das nicht:
Das soll die Katastrophe unserer Zeit sein?
Das?
Eine Helferin sagte mir:
Es ist 1.000 Mal schwieriger, ein ACDC-Konzert zu organisieren als so ein Lager."
Milo Rau verletzt Klischee-Botschaften der medialen Erregungsproduktion. Die Dinge sind
nicht, was sie scheinen sollen, hinter jeder Bildebene steckt eine andere, Verborgene. Aber im
Kern geht es ihm um die bittere Erkenntnis einer jungen Frau, die ihre hehren Vorstellungen
in ihrer Arbeit als junger Helferin in der NGO "Teachers in Conflict" verraten muss. Das war
in dem Sammelsurium der im Kongo aktiven Nicht-Regierungs-Organisationen, die die nach
dem Völkermord an den Tutsis aus Ruanda geflohenen Hutu-Mörder versorgten, bevor
Kagames Tutsi-Armee die Grenze überquerte und diese Lager ihrerseits in ein Blutbad
verwandelte. Ein Soldat habe der "Weißen auf ihrem Feldherrenhügel" ein paar Mal
zugewinkt, und Freude habe sie empfunden beim Geräusch der Maschinengewehrsalven, die
die Völkermörder trafen. In einem Traum wird sie von lachenden Männern gezwungen, ihre
ehemalige Freundin zu bepinkeln, auch um ihre Haut zu retten. Filme wie von Triers
"Dogville" und Tarantinos "Inglorious Basterds" werden zitiert, wenn es um die Folgen der
Selbsttäuschung und das Recht auf Rache geht.
Milo Rau schreibt nach eigenen Recherchen, lässt sich aber ebenfalls inspirieren von dem
Roman "Hundert Tage" des Landmannes Lukas Bärfuss. "Was geschieht, wenn die
Verdrängung nicht mehr funktioniert, wenn einen die Realität plötzlich heimsucht?", hatte der
gefragt. Im Kongo findet, so will Rau offen legen, seit langem das wohl best-verschwiegene
Massensterben der Gegenwart statt, ein Holocaust, dem der Regisseur schon in seinem groß
angelegten Kongo-Tribunal gerecht werden wollte. Die Hintergründe: Abbau von Rohstoffen,
von Koltan, von Kobald, Kupfer, Gold und Diamanten.
Dies aber ist ein kleiner Abend. Er zeigt mit Brecht, dass niemand gut sein kann, wenn die
Verhältnisse nicht so sind, mit Adorno, dass es nichts Richtiges im Falschen geben kann.
Niemand, und vor allem kein Mensch aus dem Abendland, richte sich also ein im Glauben an
die eigene Wohltat. Das ist nach Jahrhunderten von Kolonialismus und Neokolonialismus,
Imperialismus und Neo-Imperialismus nicht mehr möglich. "Was ist deine Situation" bleibt
Raus zentrale Frage beim Ausloten des moralisch Möglichen und er bemerkt lakonisch: "Am
Ende des Tages kommt es drauf an, wer die Maschinengewehre hat." Ein verstörender Abend.
Und hochaktueller Beitrag zu laufenden Debatten.
TSP, 18.1.2016
BERLINER THEATER-DOPPEL
Milo Rau an der Schaubühne und Hallervorden spielt Hauptmann
Gute Menschen gibt es nicht
Labor der Empathie: Milo Raus Provokation „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“
Von Sandra Luzina
„Ich bin auch nur ein Arschloch“, bekannte der Theatermacher Milo Rau
jüngst in der Schweizer „Sonntagszeitung“. Damit wollte er sich nicht etwa als
eitler Regiedespot outen, der seine Schauspieler schikaniert. Vielmehr rechnet er
mit dem „zynischen Humanismus“ ab,
der für ihn derzeit die dominierende europäische Lebensphilosophie ist.
„Alle sind Arschlöcher“, lautet nun
auch das wenig erbauliche Motto des dokumentarischen Theaterstücks „Mitleid.
Die Geschichte des
Maschinengewehrs“, das an der Ursina Lardi
Schaubühne
Premiere hatte. Der war mit dem
Doppelmonolog von Regisseur
Ursina Lardi und
Consolate Sipérius auf
fragt nach den Gren- Recherche
zen unseres Mitleids
und den Grenzen in Bodrum
des
europäischen
Humanismus – auf
polemisch zugespitzte, ja provokante
Weise. Rau ist ein Theatermacher, der polarisiert. Hier zieht er nicht nur gegen die
Hilfsindustrie der NGOs und eine westliche „Wohlfühl-Ethik“ zu Felde, er macht
auch dem Theater den Prozess.
Ursina Lardis Sorge gilt bei ihrem ersten Auftritt sich selbst. Sie stellt sich ihr
Alter und ihre zunehmende Gebrechlichkeit vor. Und fragt dann in den Zuschauerraum hinein: „Wer sieht uns, wenn wir
leiden? Wer sieht uns, wenn wir zugrunde gehen?“ Letztlich ist es die Frage
nach dem abwesenden Gott, die hier gestellt wird. Doch Lardi verdreht hier
schon auf bemerkenswerte Weise den
Mitleidsdiskurs. Die Schaubühnen-Aktrice reklamiert für sich die Kunst der Einfühlung, um dann völlig ungerührt über
das Foto von Alan Kurdi zu sprechen. Der
ertrunkene syrische Junge, der an der
Küste von Bodrum angeschwemmt
wurde, wurde zur Ikone und löste überall
Mitleid aus.
Lardi hat, so erzählt sie dem Publikum,
zusammen mit dem Regisseur eine Recherchereise entlang der Flüchtlingsroute
unternommen, von Bodrum aus fuhren
sie in ein Flüchtlingslager an der mazedonischen Grenze. Aber auch in den Kongo
sind sie gereist. Ursina Lardi war früher
selbst für eine NGO tätig. Ihre Erfahrungen sind in den Monolog eingeflossen.
Es ist nicht immer genau zu entscheiden, wer hier spricht: Lardi selbst oder
eine fiktive Entwicklungshelferin, die es
in den Kongo verschlägt und die bald er-
Waten durch Müll. Ursina Lardi (rechts) und Consolate Sipérius reflektieren das Flüchtlingselend.
kennen muss, das es so etwas wie einen
guten Menschen nicht gibt. Lardi stapft
im blauen Strickkleid über die mit Müll
übersäte Bühne. Zugleich ist sie überlebensgroß auf einer Leinwand zu sehen.
Manchmal betrachtet sie ihr mediales Abbild und scheint auf Distanz zu sich zu
gehen. Sie zeigt Fotos von jungen Männern, die sie an der mazedonischen
Grenze getroffen hat und stellt mit unverhohlenem Sarkasmus fest, die Syrer sähen doch alle wie Hipster aus.
Unsere mediale Aufmerksamkeit und
unser Mitleid endet an der Außengrenze
der EU, das ist für Milo Rau der Skandal.
Seine Inszenierung – und das ist das eigentlich Provozierende – schlägt den Bo-
gen vom medial gut ausgeleuchteten
Flüchtlingstreck zu den anhaltenden Morden in Zentralafrika.
„Ich war blutjung und dumm“, berichtet Lardi über ihren Einsatz im Kongo.
Und berichtet dann, wie völlig unbedarfte
junge Europäer auf Kriegsopfer losgelassen werden und abstruse Workshops abhalten. In ihren Schilderungen stellen die
humanitären Hilfsorganisationen, die Namen wie „Konvoi der Hoffnung“ oder
„Freunde der Naturvölker“ tragen, ein absurdes Business dar, das Profit aus dem
Elend schlägt. In ihrem beißenden Spott
muten die Szenen gelegentlich wie politisches Kabarett an. Die Aktivistin erzählt
auch von Massakern, die sie miterlebt hat.
Foto: Daniel Seiffert
Schließlich wird auch sie gezwungen, eines der Opfer zu demütigen. Rau strapaziert die Fabel arg, um zu demonstrieren,
dass jeder inder Bürgerkriegshölledie moralische Integrität verliert. Er mutet seiner Darstellerin einiges zu: Lardi muss sogar auf die Bühne pinkeln. Das Stück schildert aber nicht nur eine Desillusionierung, es verweist auf ein grundsätzliches
Dilemma. „Am Ende der Geschichte
kommt es daraufan,wer die Maschinengewehre hat“, resümiert Ursina Lardi.
Die von ihr verkörperte Figur, die narzisstische und rassistische Züge trägt, ist
zwar das Zentrum des Abends, doch den
Prolog hält die aus Burundi stammende
Consolate Sipérius. „Ich bin eine Zeugin“,
Wenn dem Prinzipal das Lächeln vergeht
stellt sie sich vor. Sie musste als Kind mit
ansehen, wie ihre Eltern bei einem Genozid ermordet wurden. Später wurde sie
von einem belgischen Paar adoptiert. Sie
sei aus einem „Ikea-Katalog für Waisen“
ausgewählt, spottet sie. Ihre Erfahrungen
im belgischen Mouscron fasst sie so zusammen: „Dies ist eine Welt ohne Mitleid.“ Sie spielt hier bewusst nur eine marginale Rolle. Aufmerksam lauscht sie dem
Monolog der Einfühlungskünstlerin Lardi
und rücktsie schon durch ihre Präsenz, ihren Blick in ein anderes Licht.
Mit „Fear“ von Falk Richter, das sich
mit den Entwicklungen am rechten politischen Rand beschäftigt, gelang der Schaubühne zuletzt ein Abend mit großem Erregungspotential. Die AfD, die sich provoziert fühlte, forderte sogar die Absetzung. Milo Rau schießt sich nun nicht auf
Demagogen und Pegida-Zombies ein, er
attackiert die Selbstgerechtigkeit und das
Humanitätsgedusel von aufgeklärten Europäern und betrachtet auch die Mitleidsfabrikation des Theaters kritisch. Damit
beute man das Leiden der Anderen
lautet sein VorEr attackiert aus,
wurf. Doch er selbst
die
polemisiert von eimoralischen PoBorniertheit ner
sition aus, erhebt
der ach so
sich über Zyniker,
aufgeklärten Leidenskonsumenten
und
EmpaEuropäer
thie-Athleten – und
macht sich dadurch
angreifbar. In ihrem
Schlussmonolog berichtet Consolate Sipérius davon, wie sie sich den Tarantino-Film „Inglourious Basterds“ angeschaut habe. Besonders beeindruckt hat
sie die Szene in dem Pariser Kino, in der
das Gesicht der Jüdin Shosanna in Großaufnahme auf der Leinwand erscheint
und auf die versammelte Nazi-Elite herabschaut. Diesen mitleidlosen Blick der Rache wollte auch ihr Regisseur haben, erzählt Sipérius. Doch als er sie aufforderte, mit dem Maschinengewehr auf das
Publikum zu zielen, habe sie sich geweigert.
Ja, auch Milo Rau ist ein Arschloch, er
stilisiert sich jedenfalls dazu. „Mitleid“ ist
ein verstörender Abend, der mit einfachen Gewissheiten aufräumt. Aufwühlend auch dank der großartigen Darstellerinnen. Das Stück ist nicht nur Anklage.
Gerade wenn es die moralischen Ambivalenzen der hilflosen Helfer ausleuchtet,
wird es zum Appell für Menschlichkeit.
— Wieder am 29. und 30. Januar,
20.30 Uhr, sowie am 31. Januar, 19 Uhr
Zitty, 3/2016
B.Z., 17.1.2016
Uraufführung
Aufwühlend: Humanismus und Mitleid in
der Schaubühne
„Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ handelt von der Unfähigkeit Europas, an
den Krisenherden unserer Welt Gutes zu tun - keine einfache Kost.
Erschreckend, aufwühlend und brandaktuell! „Mitleid. Die Geschichte des
Maschinengewehrs“ handelt von der Unfähigkeit Europas, an den Krisenherden unserer Welt
Gutes zu tun. Der Schweizer Autor und Regisseur Milo Rau inszenierte das Stück an der
Schaubühne Berlin. Premiere am Samstagabend. In den Hauptrollen: Ursina Lardi und
Consolate Sipérius.
Das Stück führt den Zuschauer über Flüchtlings-Routen im Mittelmeer in den
zentralafrikanischen Bürgerkrieg. Es erzählt die Geschichte von zwei Frauen: einem HutuMädchen aus Burundi, deren Familie in dem bewaffneten Konflikt abgeschlachtet wurde, und
einer Entwicklungshelferin aus der Schweiz, die den Genozid in Ruanda im Nachbarland
Kongo miterlebt.
In einem Doppel-Monolog berichten die Frauen von ihrem Schicksal. Das Mädchen aus
Burundi wurde von einer belgischen Familie adoptiert. In dem Städtchen ist sie eine echte
Attraktion: das „erste Negermädchen“. Die Entwicklungshelferin muss einsehen, dass ihr
humanitärer Einsatz nichts Gutes bewirkt – im Gegenteil. Immerhin: Beide Frauen haben am
Ende noch etwas, das ihnen Hoffnung macht.
„Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs ist keine einfache Kost. Schonungslos und
direkt wird der Zuschauer mit den unfassbaren Geschehnissen auf der anderen Seite der Welt
konfrontiert. Als sich die Hauptdarstellerin auf der Bühne erleichtert, herrscht im ganzen
Raum betretene Stille. Wie sollen wir mit dem Irrsinn umgehen? Diese Frage dürfte sich beim
Verlassen des Theaters jeder stellen. Darum ist es ein gutes Stück, ein wichtiges Stück!
von Olaf Mehlhose
Der Freitag, 20.1.16
Weinen, wo man gar nicht weinen darf
Die Schaubühne führt Milo Raus »Mitleid. Die Geschichte des Maschinegewehrs« auf
Neues Deutschland Online, 21.1.16
Von Alexander Isele
Am Ende des Stückes widersetzt sich
die Schauspielerin Consolate Sipérius
den Anweisungen ihres Regisseurs
Milo Rau: Dieser wollte, dass sie mit
dem Maschinengewehr in jenes Publikum schießt, das sich am Leid anderer bestenfalls ergötzt, oft genug sogar daran verdient. Sipérius ist Überlebende und damit Zeugin eines Massakers in Burundi, bei dem ihre Eltern
starben. Sie selbst wurde von einer
belgischen Familie »aus dem Katalog«
ausgesucht und adoptiert. Ob als Opfer oder Zeugin: Ihr Platz auf der Bühne, links im Hintergrund, ohne viel zu
sagen, ist allein deshalb gerechtfertigt, weil sie den Zuschauer mitfühlen
lässt am Schicksal der Armen und
Hilfsbedürftigen dieser Welt.
Milo Raus »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« feierte in
der Schaubühne Premiere. Das Stück
ist größtenteils ein Monolog, die
Bühne eine große Müllhalde, der
Fantasie des an »Nachrichten« geschulten Blickes wird die Verortung
des Schauplatzes überlassen. Eine
Reise zu den Zentren der heutigen
menschlichen Katastrophen beginnt,
entlang der Flüchtlingsrouten, in die
Türkei, mit der Fähre nach Griechenland, schließlich nach Zentralafrika, ins kongolesische Bürgerkriegsgebiet. Erzählt wird diese Geschichte von Ursina Lardi.
Es ist aber auch eine Reise in Lardis Vergangenheit als – ja, als was genau? – als Entwicklungshelferin,
Friedensdienstleistende oder als
Touristin? Sie liefert Beweise, dass
alles so stattgefunden hat. Fotos mit
ihr als 19-Jährige in Goma. Sie erzählt von ihren Erfahrungen als völlig überfordertes »blutjunges und
dummes Mädchen« im Auslandsdienst der »Teachers in Conflict«, einer
Nichtregierungsorganisation
(NGO). Von dieser wurde sie aufgrund ihrer »Standhaftigkeit« im
Auswahlverfahren »rekrutiert«. Sie
erzählt, wie sie mit 20 Jahren Workshops für traumatisierte Offiziere anleiten musste, die gerade einen Völkermord begangen hatten und sich
nun aussöhnen sollten. Von Freunden und Bekannten, die sie, mit ihrem eigenem Geld, vor dem Tod bewahrte, und die sie Jahre später wiedertraf – im Dienste des Militärs.
Nach und nach kommen Zweifel
auf. Nicht an dem Gesagten und Erlebten, dazu sind Lardis Empfindungen auf der Bühne zu fein, zu präzise,
ihr Schauspiel zu überzeugend, zu
wuchtig, um sie zu hinterfragen. Es ist
Vom Leid der Anderen profitieren: Ursina Lardi
die Menge des Erlebten, das zu viel
für eine Person zu sein scheint. In der
Tat speist sich der Monolog nicht nur
aus Lardis Erlebnissen, sondern auch
aus Milo Raus eigenen Erfahrungen,
denen vieler NGO-Mitarbeiter, Geistlicher und Kriegsopfer, die der Regisseur während seiner Arbeit in Zentralafrika interviewt hat.
Lardi nimmt sich ihrer an, verkörpert den ganzen Schmerz, den man bei
dieser Arbeit erlebt, die unfassbaren
Leiden, die sich beim Anblick von Folter und Massenmord, von Armut,
Hunger und Flucht in die Seele ätzen
und Nacht für Nacht in Albträumen
emporkriechen. Aber auch das Hochgefühl, das sich einstellt bei der Ankunft, wenn man mit 20 denkt, die
Welt zu retten und sich dabei von
Schwarzen bedienen lässt.
Ursina Lardi ist grandios! Sie fesselt, obwohl sie fast nichts macht, außer am Pult zu stehen und zu erzählen. Sie häutet sich förmlich auf der
Bühne, Schicht um Schicht fällt der
selbstgerechte Anspruch ab, Gutes zu
tun, ihr Mitleid verkommt zu einer herablassenden Haltung. Nach und nach
offenbart sich die Eigenheit einer Industrie, die recht gut davon lebt, das
Leiden der anderen zu verwalten. Die
Frage ist, welche Industrie verkörpert
sie gerade – die Entwicklungsindustrie, die Theaterindustrie? Lardi ist sich
ihrer Rolle vollkommen bewusst, sie
lässt teilhaben an ihrem Erinnerungsprozess, der nur einen Schluss
zulässt: »Hier also zu weinen. Das wär’
das allerletzte«, sagt sie. Und während sie das sagt, kann sie ihre Tränen nicht zurückhalten.
Milo Rau führt mit »Mitleid. Die
Geschichte des Maschinengewehrs«
ein in sein Konzept des »zynischen
Humanismus«. Nicht, dass man nicht
weinen darf, muss, in Anbetracht des
Elends auf der Welt. Nur darf man
nicht vergessen: »Ich profitiere von der
Ungerechtigkeit der Welt! Ich bin ein
Foto: Daniel Seiffert
Arschloch!«, wie Rau kürzlich in der
Schweizer »Sonntagszeitung« schrieb.
Das Stück ist somit auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem
Theater selbst, mit der Rolle des Au-
Ursina Lardi häutet
sich förmlich auf der
Bühne, Schicht um
Schicht fällt der selbstgerechte Anspruch ab,
Gutes zu tun.
tors, der Schauspieler und auch der
des Publikums. Das Stück fragt, wie
es sein kann, dass ein Foto eines toten geflüchteten Jungen im Mittelmeer ganz Europa in Trauer stürzt,
während der sich abzeichnende Genozid in Burundi es kalt lässt. Lardi
sagt: »Und die Moral: erschieß’ sie, al-
le! Am Ende kommt es darauf an, wer
die Maschinengewehre hat.« Wir alle
sind Arschlöcher, unfähig zu helfen.
Zurück zu Consolate Sipérius. Pround Epilog hält sie, sitzend, mehr an
die Kamera gerichtet als ans Publikum. Opfer und Zeugin ist sie, das
reicht im Authentizitätszwang des
Theaters für eine Rolle auf der Bühne. Antigone war sie schon, hat die
weibliche Hauptrolle in Shakespeares »Romeo und Julia« gespielt.
Sie müpft auf gegen Rau. Sie braucht
diese Rolle nicht. Sie muss kein Zeugnis ablegen, weder über den Bürgerkrieg noch über ihre Berechtigung,
auf der Bühne zu sein. Und ganz sicher hat sie kein Publikum nötig, das
anhand ihrer Geschichte Mitleid
empfindet.
Sie legt den Zynismus offen, den
wir uns angewöhnt haben. Und spielt
ihn nicht mit.
Nächste Vorstellungen: 29.-31. Januar
Tiroler Tageszeitung, 17.1.16
nachtkritik, 17.1.2016
Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs – An der
Schaubühne Berlin kitzelt Milo Rau das
zentraleuropäische schlechte Gewissen
Europa, du In-Kontinent!
von Sascha Ehlert
Berlin, 16. Januar 2015. Ursina Lardi hat Pippi in den Augen. Sie rafft ihr Kleid, schaut
konzentriert ins Bühnenrund, und dann: ein Rinnsal. Sie erzählt aus einem Alptraum, die
Pfütze zwischen ihren Beinen allerdings, die ist echt. Jene Szene, in der die als idealtypische
Vertreterin der herrschenden Klasse treffsicher besetzte Schaubühnen-Darstellerin im
strengen blauen Kleid davon erzählt, wie sie ihrer afrikanischen Freundin auf den Kopf
uriniert und anschließend einen grausamen Tod sterben lässt, markiert den späten
Wendepunkt einer Inszenierung, die bis dahin kaum überraschte. Vor allem deshalb, weil das
Vorabrauschen im Blätterwald so laut gewesen war, dass man zwangsläufig wusste, worum es
an diesem Abend gehen würde, bevor man überhaupt am Lehniner Platz stand.
Charity und Betroffenheits-Posts auf Facebook sind nett gemeint, aber eigentlich nicht mehr
als zynischer Ausdruck von zentraleuropäischem Egozentrismus – und wir beziehungsweise
unser Reichtum letztendlich verantwortlich für Massenarmut und Massenmorde auf dem
afrikanischen Kontinent. Der Schweizer Theatermacher und Aktivist Milo Rau gibt im
Namen dieser Erkenntnis Interviews und schreibt Essays, die voll aufklärerischem Furor nicht
weniger als das Ende der Festung Europa einfordern. "Retten wir gemeinsam die Welt", ruft
der Idealist Rau ins Presserund. "Warum sollten wir nicht, wenn auch nur für eine Saison, die
alte Schlingensief-Rolle der ironischen Negation aufgeben und, sagen wir es offen:
staatstragend arbeiten?"
Hilfe, wo ist meine Yoga-Matte?
Raus Inszenierung "Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs" in der Schaubühne
Berlin nun folgt bis zu besagter Piss-Szene so programmatisch dieser Direktive, dass man sich
zwischendurch zu langweilen beginnt. Nachdem Consolate Sipérius, in Brüssel lebende
Schauspielerin aus Burundi, der Kamera ihre persönliche Fluchtgeschichte erzählen durfte,
übernimmt schnell Ursina Lardi das Zepter. Zunächst auch auf der Leinwand, dann in
physischer Gestalt. Kurz beäugt sie ihr Leinwand-Ich kritisch, aber dann erzählt sie in
Einklang mit diesem mit staatstragender, expressiver Mimik.
Guckt mal, der arme Flüchtling! Ursina Lardi © Daniel Seiffert
Sie spielt sich selbst als unerträglich zynische und rassistische Schauspielerin, die zu
Recherchezwecken in den Kongo zurückkehrt, wo sie einst für eine NGO gearbeitet hat.
Wenn etwas nicht ihr bekannten Regeln folgt, dann schreit sie und ruft nach ihrer YogaMatte. Typisch deutsch! Sich an die natürliche Langsamkeit des afrikanischen Lebens
anzupassen, käme ihr nicht im Traum in den Sinn. Kurzum: Sie ist eine unerträgliche Person.
Nachdem Lardi die Bühne betreten hat, muss Sipérius mucksmäuschenstill sein. Klar, die
weiße Frau redet über die Leid-geplagten Afrikaner – ein Monolog, kein Dialog. Raus
Karikatur eurozentristischer Ignoranz gerät aber leider über weite Strecken so penetrant, dass
sie selbst wirkt wie die "Zeigefinger-Kritik", die er in einem im Programmheft abgedruckten
Interview entschieden ablehnt.
Grand Finale mit Kalaschnikows
Ausnahme ist das Ende. Nachdem Lardi fertig ist mit Pinkeln, ruft sie: "Jesus gibt mir Kraft!"
und geht ab. Auftritt Sipérius, die von der großen Leinwand herab von der "Rache des
Riesengesichts" aus Quentin Tarantinos "Inglorious Basterds" erzählt. Sie berichtet, wie die
Jüdin Shoshanne Dreyfuß in einem Kino auf der Leinwand auftaucht und Rache an NaziDeutschland nimmt, wie sie Goebbels und Hitler mit Maschinengewehren erschießen lässt.
Als das Riesengesicht von Sipérius dies ausführt, muss sie lächeln: "Mein Regisseur meinte,
ziel doch mit der AK-47 auf das Publikum, während du das sagst."
Obwohl Rau hier doch immerhin andeutet, die Genozide in Afrika, für die Europa
Mitverantwortung trägt, seien gleichzusetzen mit dem Holocaust, fällt der Schlussapplaus der
Seidenschalträger im Schaubühnen-Globe generös aus. Vermutlich wäre "Mitleid" ehrlicher
und wirkungsvoller, hätte Rau zum Grande Finale echte Kalaschnikow-Menschen in den
Gängen aufmarschieren lassen. Auf jeden Fall wäre es tatsächlich radikal.
pagewizz.com, 17.1.2016
Schaubühne Berlin: "Mitleid. Die
Geschichte des Maschinengewehrs".
Premiere im Globe Theater. Eine theatrale Reportage über die desaströsen Verhältnisse in
Afrika. Ist der Westen für Genozid und Ausbeutung in Afrika verantwortlich zu machen?
Der Titel ist irreführend. Wer von der Geschichte des Maschinengewehrs hört, fühlt sich in
die Mitte des 19. Jahrhunderts versetzt, als die ersten Vorläufer der heutigen
hochentwickelten vollautomatischen Schusswaffen präsentiert wurden. Es geht um etwas
ganz anderes: Am Ende gewinnt jene Seite, die das Maschinengewehr besitzt bzw. das
bessere. Gegen Ende der Inszenierung hält die Schauspielerin Ursina Lardi demonstrativ ein
Maschinengewehr in Richtung Publikum. Während des Abends erfahren die Zuschauer, dass
etliche Entwicklungsgelder des Westens gen Ruanda in die Waffenbeschaffung geflossen
sind. Folglich gab es beim Völkermord in Ruanda 1994 eine - für hiesige Verhältnisse
bescheidene - Hochrüstung. Fast explizit ist das eine indirekte Mitschuld, als hätten sich die
Hutus und die Tutsis ohne westliche "Beteiligung" friedlich in den Armen gelegen. Für den
Regisseur Milo Rau, der sogar den Ödipus-Mythos mobilisiert, ist die Sache klar: An allem
Unglück in den Staaten Afrikas und des Nahen Ostens ist der forciert kapitalistische Westen
zumindest mitschuldig, wenn nicht mehr. Eine sehr monokausale Erkenntnis.
Ursina Lardi, mitten im Müll und live auf Video (Bild: © Daniel Seiffert)
Die Festung Europa und ihre wirtschaftlichen Vergehen
Auf der Bühne agieren die Belgierin Consolate Sipérius und die immer populärer werdende,
leinwanderprobte Helvetierin Ursina Lardi. Eine Interaktion findet nicht statt, beide
monologisieren. Sipérius, die ihre Wurzeln in Burundi hat und dort als Kind einen ethnisch
bedingten Völkermord miterlebte, übernimmt den Anfang und das Ende. Auch sie zieht, so
will es der Regisseur, die westlichen Wirtschaftskolonisatoren in die blutige
Mitverantwortung. Rachegelüste steigen auf, euphemistisch ausgedrückt eine Nemesis. Ursina
Lardi, die eine junge Entwicklungshelferin und Lehrerin spielt und zwischen Betroffenheit
und Zynismus hin– und herschwankt, liefert rein mimisch eine grandiose, bezaubernde
Performance ab. Das ist eine neue Akzentuierung des auf sachliche Nüchternheit setzenden
Dokumentationsspezialisten Milo Rau, der selbstverständlich mit Lardi eine wochenlange
Recherchetournee in besagte Krisengebiete absolviert hat, nur um seine vorgefasste Meinung
bestätigt zu sehen. Der Ankläger der "Festung Europa" kommt einem vor, als wolle er auf
einen fahrenden Zug aufspringen. Besser: Er läuft einem abgefahrenen Zug hinterher. Milo
Rau prangert Zustände an, die bereits in den 80er-Jahren von der deutschen Linken lebhaft
diskutiert wurden: Deutschland, das westliche Europa tragen ihren Wohlstand auf dem
Rücken Afrikas aus. Der kritische Intellektuelle Milo Rau versucht nicht nur einen Reload
zu liefern, sondern einen um einige Einsichten erweiterten Update.
Ursina Lardi (Bild: © Daniel Seiffert)
Mitten im Müll
In einigen Punkten hat er durchaus Recht. Die Coltan- und Kupferförderung mit Hilfe von
afrikanischen Mimimallohnempfängern ist tatsächlich eine moderne Form der Ausbeutung,
zumal die Produkte anschließend um das Dutzendfache zu Weltmarkpreisen verkauft werden.
Die immer wieder erwähnten nichtstaatlichen Hilfsorganisationen (NGOs), altruistisch und
egoistisch zugleich, mögen zwar den Einheimischen wie annexionsunwillige Kolonisatoren
vorkommen, aber sie versuchen auch mit ihren lebenslaufsstärkenden Aktivitäten eine
Teilverwaltung der Ordnung zu organisieren. Milo Rau, der NGO-Beschäftigte hauptsächlich
diskreditiert, fordert authentisches Mitleid, keine ästhetisierten Betroffenheitsgesten. Er
kritisiert das oberflächliche aktuelle politische Theater und glaubt, mit seiner Theatervariante
etwas Glaubwürdigeres geschaffen zu haben. Ursina Lardi, die wie nach einem Massaker
mitten im Müll steht und die Wirklichkeit teilweise ausblendet, ist aber durch ihre
hinreißende, hohe Schauspielkunst ein Ästhetisierungsphänomen, das differenziert
strukturierte Zuschauer zwar zu goutieren vermögen, aber die eigentlichen politischen Pläne
und Bedürfnisse des eminent auskunftsfreudigen, pressegierigen Regisseurs konterkariert.
Kurz: Rau sucht seine wirtschaftspolitischen Vorwürfe durch Kunst zu verbrämen und macht
im Grunde genau das, was er an Kollegen kritisiert. Die am Ende urinierende Ursina Lardi
sieht man doppelt: Einmal live auf der Bühne und dann in Großformat auf Video. Wen ein
already-heard-Erlebnis überkommt, der kann sich wenigstens an ihrem meistens gelungenen
Zusammenspiel von Gestik und Gesagtem erfreuen. Insgesamt ein zwiespältiger Abend.
Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs
von Milo Rau
Regie: Milo Rau, Bühne und Kostüme: Anton Lukas, Video und Sound: Marc Stephan,
Dramaturgie: Florian Borchmeyer, Mitarbeit Recherche/Dramaturgie: Mirjam Knapp, Stefan
Bläske, Licht: Erich Schneider.
Mit: Ursina Lardi, Consolate Sipérius.
Schaubühne Berlin
Premiere vom 16. Januar 2016
Dauer: 100 Minuten, keine Pause
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schaubühne am lehniner platz Pressespiegel