Anglikanismus – Mittelweg zwischen Extremen

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Bilder: wikimedia.org
König Henry VIII (1491) prägte die Entwicklung der anglikanischen Kirche entscheidend mit. Im Hintergrund ist der «Palace of Whitehall» in London sichtbar, gemalt von
Hendrick Danckerts, wo Henry 1547 starb.
Anglikanismus – Mittelweg zwischen Extremen
Die anglikanische Kirche fand vor rund 500 Jahren in England ihren Ursprung. Durch verschiedene Einflüsse von Persönlichkeiten aus Politik und Kirche entwickelte sie sich zu dem, was sie
heute ist – ein Mittelweg, der sich gegen extreme Ansichten zu behaupten wusste.
fe Gottes sein musste, da Katharina früher mit
Henrys verstorbenem älteren Bruder verheiratet war – ein Verstoss gegen Levitikus 20:21. Er
ersuchte den Papst Clemens VII., die Ehe für
nichtig zu erklären.
Hector Davie*
ger der Reformation. Obwohl er Erasmus, den
berühmten Humanisten von Rotterdam, mehrmals in seinem Land willkommen hiess, verteidigte er stets den katholischen Glauben. 1521
schrieb Henry sogar eine Streitschrift gegen Luther, die Assertio Septem Sacramentorum. Dafür belohnte ihn Papst Leo X. mit dem Titel «Fidei Defensor» (Verteidiger des Glaubens) – der
bis zum heutigen Tag auf britischen Münzen
erscheint. Henry setzte auf Stärke. Im Gegensatz zu den Königen des vorangegangenen
Jahrhunderts wollte er streng regieren und
wünschte sich einen Sohn, der nach ihm auch
streng regieren würde. Aber seine Frau, Katharina von Aragon, hatte eine Serie von Fehlgeburten. Ihr einziger Sohn starb nach lediglich 52
Tagen. Sie gebar nur eine Tochter, Maria Tudor. Henry war überzeugt, dass dies eine Stra-
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Eine Frage der Politik
Doch der Papst weigerte sich, die Ehe zu annulieren. Denn Katharinas Neffe, Kaiser Karl V.,
hatte Rom im Jahr 1527 geplündert, und der
Papst wollte ihn nicht weiter verärgern. Henry
sicherte sich deshalb die Zustimmung seines
Anglikanische Gemeinschaft
Mit 85 Millionen Mitgliedern in 38 autonomen Kirchen ist die «anglikanische Gemeinschaft» die drittgrösste Kirche der Welt –
teilweise wegen der britischen kolonialen
Geschichte. Die Church of England errichtete auch in der Schweiz Kirchen für englische Besucher, Arbeiter und Diplomaten. Es
bleiben noch heute zehn aktive Gemeinden,
von Genf bis Zürich, von Basel bis Lugano.
Altäre wurden durch hölzerne Tische mitten
im Kirchenschiff ersetzt. Ornamente und Statuen wurden verboten. Erzbischof Cranmer
schrieb eine Zusammenfassung des anglikanischen Glaubens, die 42 «Articles of Religion»,
für die «Vermeidung von Meinungsverschiedenheiten» – freilich waren diese absichtlich
zweideutig. Aber Edward war jung und krank.
Er starb 1553 mit 15 Jahren, und der königliche Rat konnte nicht vermeiden, dass Mary,
die Tochter von Katharina, den Thron bestieg.
Sie war katholisch, hetzte gegen die Protestanten und führte eine Gegenreformation in
England ein.
Der Einfluss der Reformation
Im Gegensatz zu Henry hatten Cromwell und
Cranmer protestantische Neigungen. Die Ideen der Reformation waren schon weit verbreitet und beeinflussten die Ernennung von neuen Bischöfen – natürlich durch den König,
nicht durch Rom. Die konkreten Neuerungen
der Reformatoren wurden mit Begeisterung
angenommen. Eine Bibel in englischer Sprache, die auf frühere Übersetzungen von John
Wyclif und William Tyndale zurückging, wurde in jeder Kirche platziert. Die Liturgie wurde vereinfacht und ebenfalls ins Englische
übersetzt. Cranmers Liturgie, das «Book of
Common Prayer», war sein Meisterwerk, und
seine tiefsinnigen und sonoren Sätze ertönen
noch heute in anglikanischen Gottesdiensten.
Er wollte die Praxis der frühen Kirche nachahmen, hatte aber keine Beispiele zur Hand und
bezog seine Ideen aus den Schriften der Kirchenväter. Er folgte der traditionellen Form
der katholischen Messe, aber ohne Gebete an
die Heiligen und zudem vereinfacht. Obwohl
er glaubte, dass das Abendmahl nur ein «Opfer des Lobes und des Dankes» war, waren viele seiner Gebete absichtlich zweideutig. Er reduzierte die sieben Tagzeitengebete auf zwei.
Eine Frau auf dem Thron
Doch Marys Herrschaft hielt nicht lange. 1558
kam Elisabeth I. auf den Thron. Sie wollte Stabilität und verlangte Toleranz. «Ich will keine
Fenster in die Seelen von Menschen öffnen»,
hat sie gesagt, und auf die Frage nach der Realpräsenz – ob Christus in der Eucharistie wahrhaft gegenwärtig sei – soll sie geantwortet haben: «Was Christus gesagt hat, das glaube ich.»
Aber die Bevölkerung blieb polarisiert. Einige
waren von den neuen protestantischen Ideen
begeistert, die meisten schätzten die alte traditionelle – und katholische – Praxis. Die Reformen wurden wieder In Kraft gesetzt, das „Book
of Common Prayer» und die „Articles of Religion» (auf 39 reduziert) wieder eingeführt, aber
weitere Reformen wurden nicht abgesegnet.
Die Calvinisten wurden im Parlament abgelehnt
– was später das Wachstum von Freikirchen stimulierte.
Der Alte geht – ein Neuer kommt
Henry starb 1547, und die Reformation der
Kirche von England ging unter seinem Sohn,
Edward VI., weiter. Edward wurde von Protestanten erzogen, und obwohl Cranmer eher zu
Zwingli neigte, gab es calvinistische Einflüsse.
Die wesentlichen Grundsätze
Am Ende des 16. Jahrhunderts gingen englische
Theologen wie John Jewel und Richard Hooker daran, die wesentlichen Grundsätze des Anglikanismus zu definieren – als via media, als
Mittelweg zwischen dem Presbyterianismus,
der in Schottland herrschte, und der Gesinnung
der Gegenreformation – als eine Kirche, die
sich zugleich als katholisch und protestantisch
versteht, mit Reformen und mit der Bewahrung
aller Traditionen, die nicht gegen die Vernunft
oder das Wort Gottes verstossen. Und so besteht die anglikanische Kirche bis heute.
Die Liturgie «Book of Common Prayer», das Meisterwerk von
Thomas Cranmer. Darin finden sich Ordnungen für Gebet, Taufe, Abendmahl, Konfirmation und Trauung, ausserdem Texte zum
kirchlichen Dienst an Frauen, für Krankenbesuch, Bestattung und
Ordination.
*Hector Davie hat sich intensiv mit der anglikanischen Tradition auseinandergesetzt. Er ist Synodaler und Finanzverantwortlicher der anglikanischen St Ursula’s Church in Bern.
Dossier zum Sammeln
DI E R E F OR M AT ION
2017 feiern wir 500 Jahre Reformation. Bereits 2014 begann der Kirchenbote mit dem mehrjährigen Schwerpunktthema Reformation, das
auch 2016 weiterverfolgt wird. Darin werden Persönlichkeiten und Ereignisse näher vorgestellt, die für die reformatorischen Kirchen in der
Schweiz von Bedeutung sind. Die Zeitachse am unteren Rand dieser
Doppelseite gibt einen Überblick und hilft, die Personen und Ereignisse
einzuordnen. Alle bisher erschienenen Dossierbeiträge können heruntergeladen werden auf www.evang-tg.ch/reformation.
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Zwischen 1208 und 1213 fanden in England
keine normalen Sonntagsgottesdienste statt.
Der Grund war ein «Interdikt» – ein Verbot des
Papstes, weil König John den neuen Erzbischof
von Canterbury nicht anerkennen wollte. Am
Ende musste John kapitulieren, aber der Streit
ging weiter. Es ging um Geld und Macht – die
Könige wollten nicht, dass das Einkommen der
englischen Kirchen in die Kassen von Rom floss,
und dass die einflussreichsten Bischöfe ohne
Zustimmung des Monarchen ernannt wurden.
Verteidigung des katholischen Glaubens
1509 kam Henry VIII. auf den Thron. Als zweiter Sohn seines Vaters hatte er die Kultur der
Renaissance aufgesogen. Er war musikalisch, in
Fremdsprachen bewandert und las und schrieb
theologische Werke. Aber er war kein Anhän-
neuen Kanzlers, Thomas Cromwell, und des
neuen Erzbischofs von Canterbury, Thomas
Cranmer, und am 23. Mai 1533 verabschiedete das englische Parlament folgendes Gesetz:
«Der Bischof von Rom hat keine Zuständigkeit
in diesem Reich von England.» Bis dahin war alles eine Frage der Politik, und politisch ging es
weiter. Die Klöster wurden aufgelöst, Mönche
und Nonnen pensioniert. Die ganze Kirchenverwaltung wurde anglifiziert: die höchste Autorität lag beim König. Die Suprematsakte von
1534 machte Henry zum «Supreme Head of
the Church of England» – zum Oberhaupt der
Bild: www.executedtoday.com
Kirche von England.
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