Notizen zum Medien-Apéro vom
20. Januar 2016
Zoo Zürich AG
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DAS PRIVILEG, EIN ORANG-UTAN
IN ZÜRICH ZU SEIN
Zugegeben, der Titel dieses Medien-Apéros klingt etwas provokativ. Aber
das soll er auch. Denn das, was sich im Herkunftsgebiet dieser Tiere an
Lebensraumzerstörung abspielt, ist höchst dramatisch. Mit einer der
Ursachen dieser Lebensraumzerstörung kommen wir täglich mehrfach in
Berührung: Die Nachfrage nach Palmöl, das in unzähligen Lebensmitteln
und Produkten des täglichen Gebrauches enthalten ist, steigt weiterhin an
und fördert so die Ausweitung der Anbaugebiete der Ölpalme auf
ursprünglich mit Regenwald bestockten Flächen.
Die Ölpalme stammt ursprünglich aus Westafrika. Die vielfältig nutzbaren Eigenschaften
des aus dem Fruchtfleisch (Palmöl) und den Samen (Palmkernöl) gewonnenen Öls sind
schon länger bekannt. Die industrielle Nutzung dieser Ölpflanze setzte zu Beginn des 20.
Jahrhunderts ein. Die Ölpalme ist mit einer Ernte von etwa 3.5 Tonnen Öl pro Hektare
und Jahr die ertragreichste Ölpflanze und liefert so das günstigste Pflanzenfett. Durch die
Erweiterung der Anwendungsmöglichkeiten stieg die Nachfrage nach Palmöl stetig an.
Die Ölpalme stammt aus dem tropischen Regenwald und so liegen auch die
Anbaugebiete dieser Pflanze im Bereich tropischer Regenwälder. In Südost-Asien hat
diese Ölpflanze schnell Fuss gefasst. Da die Palme in grossflächigen Monokulturen
angebaut wird, werden entsprechend grossflächig ursprüngliche Lebensräume zerstört –
vorwiegend Regenwald. 1962 lag die Produktion von Palmöl bei ungefähr 1 Million
Tonnen. 2000 waren es bereits 21.7 Mio. Tonnen, 2015 60 Mio. Tonnen.
Hauptproduzenten sind Indonesien und Malaysia (zusammen rund 85 Prozent). Palmöl
wird weiter auch in Südamerika (Ecuador, Kolumbien) und in Afrika produziert. Die
Verwendung von Palmöl für die Herstellung von Bio-Diesel heizt die Nachfrage nach
diesem Rohstoff nun noch zusätzlich an.
Indonesien produziert auf rund 13 Mio. Hektaren (mehr als dreimal die Fläche der
Schweiz) etwa 30 Mio. Tonnen Palmöl und plant, die Produktion bis 2025 auf 40 Mio.
Tonnen zu erhöhen. Auf der Insel Borneo wuchs die Anbaufläche für Ölpalmen von 1984
bis 2003 von 2000 auf 27‘000 Quadratkilometer an. Zwischen 2003 und 2007 wurden
jährlich rund 1‘157‘000 Hektaren Regenwald abgeholzt, vor allem für Ölpalmplantagen.
Diese Zahlenspiele können beliebig fortgesetzt werden. Sie bringen vor allem eines zum
Ausdruck: In Indonesien und Malaysia, auf Sumatra und Borneo wird im grossen Stil und
Wer Tiere kennt,
wird Tiere schützen.
mit unheimlicher Dynamik Regenwald zerstört und in Monokulturen umgewandelt. Nebst
einer grossen Artenvielfalt verlieren dabei auch die Orang-Utans zusehends ihren
Lebensraum. Als Randnotiz dazu vermeldeten die Medien letzten Herbst, dass auf
Luftbildern der NASA über Sumatra und Borneo grossflächige Rauchwolken, die zum Teil
bis nach Thailand und Singapur reichten, sichtbar und zehntausende Brandherde
auszumachen seien. Viele dieser Brandherde hatten zum Ziel, Land für Plantagen,
insbesondere Ölpalmplantagen, zu «gewinnen».
Wenn es auch mit dem «Runden Tisch für nachhaltige Palmölproduktion» (RSPO)
Bestrebungen gibt, mit zertifiziertem Palmöl die negativen Auswirkungen des
Ölpalmenanbaus zu minimieren, wird die steigende Nachfrage nach Palmöl trotzdem zur
weiteren Zerstörung von Regenwald führen. (Zudem: die Umwandlung von Regenwäldern
in Monokulturen kann bezüglich der Biodiversität nie «nachhaltig» sein.)
Vom Aussterben bedrohte Menschenaffen
Die Orang-Utans («Waldmenschen») sind die grössten im Kronenbereich der
Regenwälder lebenden Säugetiere. Ihre Populationsdynamik ist sehr langsam: Die
Weibchen werden mit etwa dreizehn bis fünfzehn Jahren geschlechtsreif und haben vier
bis fünf Junge in ihrem Leben. Die Geburtsintervalle betragen sechs bis neun Jahre. Die
Jungtiere brauchen lange, um sich das nötige Wissen und die Erfahrung anzueignen, die
für das Überleben im wohl artenreichen, an geeigneter Nahrung aber knapp bemessenen
Lebensraum Regenwald notwendig sind.
Die nunmehr zehn Jahre alten Bestandesschätzungen gehen davon aus, dass es vom
Sumatra Orang-Utan noch etwa 7300 Individuen und vom Borneo Orang-Utan 45‘000
bis 69‘000 Individuen gibt. Die wichtigsten Bedrohungsfaktoren der Menschenaffen sind:

Lebensraumverlust durch Umwandlung von Regenwald in Plantagen
(insbesondere Ölpalmplantagen) und landwirtschaftlich genutzte Flächen;

Zerstörung ihres Lebensraums durch Feuer (Brandrodungen, durch Trockenheit
begünstigte Waldbrände);

Holznutzung, auch wenn sie selektiv betrieben wird;

Fragmentierung des Lebensraums (Aufsplitterung in kleine, langfristig kaum
überlebensfähige Teilpopulationen);

Jagd und Handel mit Jungtieren.
Der drohende Verlust der Orang-Utans durch die allzu egoistische Umsetzung
menschbezogener Interessen steht stellvertretend für den Verlust artenreicher Tier- und
Pflanzengemeinschaften. Auch wenn sich die Zerstörung der Regenwälder in Indonesien
und Malaysia weit entfernt von unserer Haustüre abspielt, sind wir als Konsumenten
palmölhaltiger Produkte in dieses Geschehen involviert.
Einsatz der Zoos für Palmöl-Deklarationspflicht
Aber wir müssen nicht tatenlos zuschauen: Seit Beginn dieses Jahres besteht auch in der
Schweiz die Kennzeichnungspflicht für palmölhaltige Produkte. Wenn auch meist nur
kleingedruckt vermerkt, so kann doch jeder Konsument, jede Konsumentin wählen, wie
Wer Tiere kennt,
wird Tiere schützen.
weit er/sie Produkte mit Palmöl konsumieren möchte und mit dieser Wahl die
Verwendung von Palmöl mit beeinflussen. So kann jeder/jede mitbestimmen, wieviel
Regenwald und damit Zukunft der Orang-Utans er sich im Munde zergehen lassen will.
Der Zoo Zürich begrüsst diese Deklarationspflicht. Er beteiligte sich im Jahr 2010 an der
europaweiten Kampagne des Verbands Europäischer Zoos und Aquarien EAZA zur
Erhaltung der grossen Menschenaffen. Zwei Millionen Unterschriften wurden im Rahmen
der Kampagne gesammelt. Mit der Hilfe von EU-Parlamentariern hat sie massgeblich
dazu beigetragen, dass die EU die Kennzeichnungspflicht für Palmöl 2014 schliesslich
eingeführt hat. Sie ist ein grosser Erfolg und wichtiger Schritt für den Schutz von
Menschenaffen und ihrer Lebensräume.
Erhaltungszuchtprogramm im Zoo
Im Zoo Zürich umfasst der Bestand an Sumatra Orang-Utans zehn Tiere. Seniorin ist die
1967 in Stuttgart geborene Lea. Ihre Mitbewohnerin ist die 1988 geborene Oceh. Als
eigentliche Familie lebt Timor (1975 in Jersey geboren) mit ihren Töchtern Xira (1997),
Cahaya (2002) und Mimpi (2012) sowie mit ihren Enkeln Hadjah (2007), Malou (2012)
und Pandai (2015) und deren Vater Djarius (1994 in Dresden geboren) zusammen. Die
Zürcher Orang-Utans sind Teil des rund 160 Tiere umfassenden Europäischen
Erhaltungszuchtprogramms EEP für diese Art.
Naturschutzpartner Stiftung PanEco
Vor Ort setzt sich der Zoo Zürich mit der in Sumatra aktiven Schweizer Stiftung PanEco
für den Erhalt der Orang-Utans ein. Das Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramm SOCP
wurde 1999 von der Schweizerin und PanEco-Stiftungsratspräsidentin Regina Frey
gegründet. Es ist ein langfristig angelegtes Programm, das auf einem Abkommen mit der
indonesischen Naturschutzbehörde beruht. Das ganzheitliche Programm wird von
PanEco, zusammen mit ihrer Partnerstiftung YEL, auf Sumatra umgesetzt und umfasst
diverse Teilbereiche zum Schutz der Sumatra Orang-Utans und des Regenwalds.
Der Fokus des Programms liegt in der Konfiszierung, Pflege und Wiederansiedlung illegal
als Haustiere gehaltener Orang-Utans sowie der Evakuierung von Tieren, die infolge der
Zerstörung des Regenwalds heimatlos geworden sind. Die Stärkung und Schaffung neuer
Populationen wertet die Regenwälder auf und erhöht die Hemmschwelle für die
Abholzung des Lebensraums der Orang-Utans. Hierzu betreibt das SOCP eine Auffangund Pflegestation sowie zwei Auswilderungsstationen.
Konfiszierung und Auffangstation
Nach der Konfiszierung, respektive nach dem Einfangen eines kranken isolierten Tieres,
wird dieses unter Aufsicht der Naturschutzbehörde zur Auffang- und Pflegestation des
Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramms gebracht. Das Ziel der Auffang- und Pflegestation
ist es, optimale Voraussetzungen für die Wiederauswilderung der Tiere zu schaffen. Die
Station ist die einzige ihrer Art auf Sumatra und liegt südwestlich der Grossstadt Medan.
Bei der Ankunft in der Station wird jeder Orang-Utan für die Dauer der medizinischen
Untersuchung und eventuellen Behandlung in einem separaten Gehege isoliert. Nach
Wer Tiere kennt,
wird Tiere schützen.
einer kurzen Eingewöhnungszeit, in der sich die Tiere vom Stress des Transports erholen
und ihre neue Umgebung kennen lernen, werden die Tiere narkotisiert und medizinisch
untersucht. So kann sichergestellt werden, dass nur absolut gesunde Menschenaffen in
die Freiheit entlassen werden. Sobald die Orang-Utans die mindestens dreissigtägige
Quarantäne durchlaufen haben, kommen sie in ein Sozialisierungsgehege. Das
Zusammenleben mit Artgenossen hilft, grundlegende Fähigkeiten und
Überlebensstrategien für das spätere Leben im Regenwald zu erlernen. Säuglinge und
Jungtiere werden in einer speziellen Einheit der Quarantänestation grossgezogen, bis sie
im Alter von etwa fünf Jahren bereit für die Wiederansiedlung sind.
Seit Projektbeginn 2001 konnten bereits 311 Orang-Utans in der Auffang- und
Pflegestation aufgenommen werden. 25 Neuzugänge wurden alleine im vergangenen
Jahr registriert. Aktuell wachsen 17 Jungtiere im «Baby-House» der Station auf.
Auswilderungsstationen
Aufgrund der Beobachtungen der Patienten im Sozialisierungsgehege wird eine Gruppe
von Orang-Utans zusammengestellt, die bezüglich Altersstruktur, Geschlecht und
Charakter zusammenpasst. Anschliessend werden die Tiere in die Auswilderungsstation
im Bukit Tigapuluh Nationalpark (Provinz Jambi) oder im Jantho Naturreservat (Provinz
Aceh) überführt. Dort werden sie sorgfältig auf ein Leben in ihrer natürlichen Umgebung
vorbereitet, bevor sie schrittweise und unter ständiger Beobachtung freigelassen werden.
SOCP ist es gelungen, bisher 162 Tiere im Bukit Tigapuluh-Nationalpark und 71 im
Jantho Naturreservat wieder anzusiedeln. Vor einer Woche erreichte PanEco die
erfreuliche Nachricht, dass das Orang-Utan-Weibchen «Marconi» schwanger ist. Dies ist
die erste Schwangerschaft eines ausgewilderten Orang-Utans in der neuen Population in
Jantho und ein grosser Erfolg für das SOCP-Team.
Begleitende Massnahmen
Um die gefährdete Art langfristig schützen zu können, verfolgt das Orang-UtanSchutzprogramm einen integrierten Ansatz und ergänzt obige Teilprojekte mit Forschung
und Monitoring, Lobby- und Kampagnenarbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung
sowie der Förderung einer nachhaltiger Entwicklung.
Links:
Mehr zu unserem Naturschutzprojekt in Sumatra: www.zoo.ch/naturschutz-sumatra
Mehr zu unserem Naturschutzpartner Paneco: www.paneco.ch
Für weitere Informationen stehen Ihnen gerne zur Verfügung:
Dr. Alex Rübel, Direktor, Zoo Zürich
Dr. Robert Zingg, Senior Kurator, Zoo Zürich
Telefon 044 254 25 00, [email protected]
Für die Stiftung PanEco:
Irena Wettstein, Verantwortliche Kommunikation, Stiftung PanEco
Telefon 052 354 32 34, [email protected]
Text-, Bild- und Videomaterial elektronisch erhältlich unter www.zoo.ch/medien
Wer Tiere kennt,
wird Tiere schützen.
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