im hohen Norden

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S
chon immer hat der Norden eine unbeschreibliche Faszination auf mich
ausgeübt. Letzten September bereiste ich
zusammen mit meiner Frau Alaska. Mehrere Nächte hintereinander standen wir
mehrmals auf, um den eisigen Nachthimmel nach Polarlichtern abzusuchen. Ohne
Erfolg! In der letzten Nacht vor unserem
Rückflug versuchten wir es, bereits etwas resigniert, zum letzten Mal. Und tatsächlich flackerten kurz nach Mitternacht
plötzlich helle grüne Lichter am Himmel!
Es war wie in einer anderen Welt. Weitab
von jeglicher Zivilisation, beobachteten
wir die Polarlichter, die sich wellengleich
über uns am Himmel hin und her bewegten. Als dann in der Ferne noch ein Wolfs-
Der Lebensraum im
hohen Norden ist von
eigenen Gesetzen
geprägt. Lässt man
sich auf seine raue
rudel zu heulen begann, war das Erlebnis
perfekt. Regungslos und mit Gänsehaut
standen wir wie angewurzelt da und genossen diesen einmaligen Moment in der
nordischen Wildnis.
Verschiedene Faktoren beeinflussen
das Klima einer Region. Grundsätzlich
gilt jedoch, dass es kälter wird, je nördlicher man sich bewegt oder je höher man
sich über dem Meeresspiegel befindet.
Deshalb gibt es auch in unseren Breitengraden Berggebiete, die vom Klima und
von der Tierwelt her dem hohen Norden
ähnlich sind. Während bei uns viele Tierarten ausgestorben sind oder in Randgebiete in grosser Höhe zurückgedrängt
wurden, findet man in den arktischen Re-
gionen eine Vielzahl kleiner und grosser
Tiere.
Normalerweise benötigt man eine
recht grosse Portion Glück, um einen Bären, Elch oder Wolf zu sehen, ganz anders in Nordamerika. Obwohl es dort
ebenfalls viel Zeit und Geduld braucht,
ist die Chance, solchen Tieren zu begegnen, viel grösser. Die unendlichen Weiten,
insbesondere in den Naturschutzgebieten, bieten für Karibus, Elche, Dallschafe,
Moschusochsen, Eis-, Schwarz- und Grizzlybären, Wölfe und viele weitere Tierarten einen optimalen Lebensraum. Zudem
haben die Tiere in den Nationalparks oft
kaum Scheu vor den Menschen, weil sie
nicht gejagt werden dürfen.
Leider geraten viele Gebiete durch die
Öl- und Gasindustrie zunehmend unter Druck. So gibt es seit längerer Zeit
Pläne, Schutzgebiete für Erdölbohrungen etc. freizugeben. Noch viel grössere
Gefahr aber droht den Tieren und Menschen durch das sich in den letzten Jahren
verändernde Klima. Die arktischen Regionen erlebten einen markanten Temperaturanstieg. Gletscher brechen ab, Eisflächen gehen zurück und selbst im Winter
friert das Meer oft nicht mehr vollständig zu, eine Gefahr für viele Tiere. Gewisse Tierarten, wie beispielsweise Eisbären, finden immer weniger Nahrung und
sind vom Aussterben bedroht. Zudem
machen Umweltverschmutzung und die
Überfischung der Meere vielen Tieren das
Leben zusätzlich schwer.
Wo der Boden noch vor wenigen Jahren gefroren blieb, schmilzt jetzt im Sommer der Permafrost. Häuser, Stromleitungen, Bäume und auch Strassen versinken
langsam im morastigen Untergrund. Wir
haben dieses Phänomen eindrücklich auf
einer Strecke des Alaska-Highways erlebt.
Grosse Löcher, unzählige Buckel und Dellen sowie das Abrutschen von Teilen der
Strasse erschwerten das Vorwärtskommen zeitweise massiv.
Zudem leiden die Menschen vermehrt
an Allergien, auch Jagd und Fischerei werden immer schwieriger.
Im hohen Norden
Wirklichkeit ein,
entdeckt man eine
faszinierende Schönheit.
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Die Pflanzen
Je kälter das Klima, desto niedriger der
Pflanzenwuchs. In den südlicheren Gegenden des Nordens findet man noch
zahlreiche Bäume wie Fichten und Kiefern, teilweise gemischt mit Birken, Espen und Erlen. Diese bewaldete Vegetationszone, auch Taiga genannt, wird von
der mehrheitlich baumlosen Tundra abgelöst. Dort wachsen aufgrund der 8- bis
10-monatigen Frostperiode und des geringen Wassergehalts im Boden keinerlei
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hochwachsende Pflanzen mehr. Sie bilden allesamt niedrige Wuchsformen und
Knospen aus, die unter der isolierenden
Schneedecke überwintern, und wenn es
wärmer wird, erneut aufblühen.
In den feuchten Gebieten der Tundra
gedeihen kümmerliche Tannen in kleinen, lockeren Wäldchen. Zwergbirken,
Weiden und Gebüsche, sowie Beerensträucher, Moose, Flechten, Bergblumen
und Gräser trifft man ebenfalls dort an.
In der trockenen Tundra hingegen sind
die Lebensbedingungen noch härter. So
wachsen dort die Pflanzen infolge des trockenen, humusarmen Bodens nur wenige
Zentimeter hoch. Zu ihnen gehören winzige Bergblumen, Moose und verschiedenste Kräuter und Flechten.
Die Tierwelt des Nordens
Die Tiere im hohen Norden sind wahre
Überlebenskünstler. Dabei benutzen sie
verschiedene Strategien, um unter den
rauen und lebensfeindlichen Bedingungen leben zu können. Zur ersten Gruppe
gehören eine Reihe von Insekten, insbesondere die Stechmücken, die im Sommer das Leben zur Plage werden lassen.
Die Mücken legen die Eier zu Beginn der
kalten Jahreszeit ab, sodass diese im Winter einfrieren. Sobald im Frühjahr das Eis
schmilzt und es wärmer wird, schlüpfen
sie sich innert kürzester Zeit.
Zu den kälteresistenten Tieren gehören
auch die Grizzlys, die sich für die Winterruhe in eine Höhle zurückziehen, oder
die Murmeltiere, welche einen Winterschlaf halten. Andere Tiere verfügen über
einen besonderen Kälteschutz in Form eines dichten Fells, wie beispielsweise der
Moschusochse, Eisbär, Schneehase, Fuchs,
oder eines warmen Federkleides, wie dies
beim Rauhfussbussard oder dem Schneehuhn der Fall ist. Der Moschusochse sowie zahlreiche Nager sind in der Lage,
Pflanzen unter dem Schnee freizukrat-
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zen, um selbst in der kalten Jahreszeit genügend Nahrung zu finden.
Eine weitere Gruppe bilden die Karibu
(Nordamerika) und Rentiere (Europa).
Sie ernähren sich im Winter mit Flechten. Diese Tiere weichen wenn möglich
der schlimmsten Kälte der Polarnacht
aus, indem sie an den Rand der Taiga und
in die Waldtundra wandern. Wenn sie im
Frühjahr wieder zurück in die Tundra ziehen, schliessen sie sich zu riesigen Her-
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den zusammen, die bis 100 000 Tiere und
mehr umfassen können. Dabei überqueren sie Berge und Sümpfe, durchschwimmen Flüsse und bekommen während der
alljährlichen Wanderung (bis 6000 Kilometer!) sogar ihre Jungen.
Dieser Gruppe gehören auch die Zugvögel an. Am weitesten fliegt dabei die
Küstenseeschwalbe, die im Sommer in der
Arktis brütet und im Winter bis in die
Antarktis fliegt. Mit ihren Flügen von Po-
largebiet zu Polargebiet (gut 20 000 Kilometer pro Strecke) halten sie damit den
Langstreckenrekord unter den Zugvögeln.
Die Menschen
Die Ureinwohner der Polarregionen wurden früher unter dem traditionellen Begriff Eskimos zusammengefasst. Diese Bezeichnung bedeutet Rohfleischesser und
stammt mit Blick auf die Ernährungsweise von den Algonkin- und Cree-Indianern. Selbst bezeichnen sich die nordkanadischen Eskimos jedoch als Inuit, das
heisst «Wesen mit Seele». Auch verschie-
dene andere Völker bewohnen die Polarregion, z. B. Nenzen, Jakuten, Samen und
Ewenken.
Die Inuit sind mit den Aleuten auf
den gleichnamigen Inseln und mit den
Tschuktschen im Osten Sibiriens verwandt. Das Millionen von Quadratkilometern umfassende Gebiet der Tundren
und der eisigen Küsten im Norden wird,
je nach Definition, von zwischen wenigen
hundertausend und vier Millionen Menschen bewohnt. Trotz der riesigen Entfernung von über 5000 Kilometer Luftlinie
zwischen Sibirien und Ostgrönland besitzen die Inuit eine relativ einheitliche
Sprache und Kultur.
Jagd und Fischfang waren bis Mitte des
20. Jahrhunderts für sie lebensnotwendig.
Wenn inzwischen auch die Versorgung
mit Nahrungsmitteln aus dem Süden gesichert ist und daher eine unmittelbare
Abhängigkeit von der Jagd nicht mehr
besteht, so sind das Jagen und Fischen
doch noch immer tief in der Inuit-Kultur verwurzelt. Heute leben sie in festen
Häusern, haben Computer und Fernseher und immer öfter ersetzt der Motorschlitten das traditionelle Hundegespann.
n
I Text und Bilder: Martin Mägli
www.naturbild.ch
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