und „Council“ – Skandale als soziale Mechanismen

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ZUR VERNETZUNG VON „ARENA“ UND „COUNCIL“ – SKANDALE ALS SOZIALE MECHANISMEN (IN) DER VERMITTLUNG VON IDENTITÄT UND DIFFERENZ
Rasco Hartig-Perschke, Technische Universität Hamburg-Harburg
In der Perspektive einer an flüchtigen Kommunikationsereignissen und Referenzierungsmustern orientierten Kommunikationssoziologie (vgl. Malsch 2005; Malsch, Perschke und Schmitt 2006, HartigPerschke 2009) stellen soziale Entitäten emergente Gebilde dar, die in der kontinuierlichen Wiederholung bestimmter „sozialer Logiken“ der Vernetzung von Kommunikationsereignissen bestimmten
Typs („Kommunikationsmuster“) und in der fortwährenden Stabilisierung sozialer Bedeutungen (Semantikkomplexe) ruhen. Die Erklärung sozialer Emergenz bedeutet dementsprechend, vor allem jeweilige Vernetzungs- bzw. Strukturdynamiken der Kommunikation in den Blick nehmen und nachzeichnen zu müssen. Obwohl die neuere soziologische Kommunikationsprozessforschung (vgl. z.B.
Vogd 2005), welche u.a. auf die Kommunikationstheorie Luhmanns, den symbolischen Interaktionismus oder die Ethnomethodologie rekurriert, bereits verschiedene Konzepte „in Anschlag“ gebracht
hat, um die Emergenz sozialer Tatsachen aus Vernetzungsdynamiken heraus erklären zu können, fehlen ihr weiterhin insbesondere temporalitätssensitive sowie Kausalitäten und Reflexivitäten in ausreichendem Maße reflektierende Konzepte, die es möglich machen, die Eigenschaften und Effekte von
Kommunikationsereignissen und Vernetzungsdynamiken (Referenzierungsmustern), die „Infrastrukturleistungen“ von Kommunikationsepisoden, das „crisscrossing“ von „message reference networks“
(Malsch und Schlieder 2004) und die emergenten Eigenschaften sozialer Institutionen theoriesprachlich angemessen zu erfassen. Neuere Studien (Albrecht 2008, Schmitt 2009) zeigen, dass neben der
soziologischen Emergenztheorie (Bora 2003, Heintz 2004, Sawyer 2005), der Diskurstheorie sowie –
analyse (vgl. Bora 2000/2005 sowie 2008, Stäheli 1998) und dem „mechanisms-based approach to
social theory“ (vgl. Beiträge in Hedström und Swedberg 1998 sowie in Schmitt et al. 2006) vor allem
die „phänomenologische Netzwerktheorie“ (vgl. Fuhse 2008, Azarian 2005) wertvolle Anregungen für
eine prozesstheoretisch operierende Soziologie der Kommunikation bieten kann.
Die phänomenologische Netzwerktheorie ist vor allem mit dem Namen Harrison C. Whites
verbunden. White hat im Rahmen verschiedener Veröffentlichungen versucht, soziologische Kategorien in netzwerkanalytischer Perspektive zu (re)formulieren und der sozialen Netzwerkanalyse auf
diesem Wege eine eigenständige sozialtheoretische Basis zu geben.
Ziel des geplanten Beitrages ist es, am empirischen Beispiel zu eruieren, inwiefern von Harrison C.
White entwickelte Konzepte und Strategien der neueren Kommunikationsprozessforschung helfen
können, Prozesse sozialer Emergenz zu modellieren und ihre jeweiligen Verläufe und Effekte zu erklären. Im Mittelpunkt der Betrachtungen werden u.a. Whites Überlegungen zur Ausgestaltung von
Kontrollversuchen, zur Emergenz von Identitäten aus Netzwerken („Disziplinen“), zum „Embedding“
sowie zu „stories“, Verbindungssträngen, Institutionen und „styles“ (vgl. White 1992/2008) stehen.
Den empirischen Ausgangspunkt der Betrachtungen bilden neuere Forschungen zur Skandalkommunikation und zur Konstituierung von Teilöffentlichkeiten (vgl. Burkhardt 2006, Florian 2009 und Hartig-Perschke 2009; zur Frage von Teilöffentlichkeiten auch Albrecht, Lübcke und Hartig-Perschke
2008). Sie zeigen, dass Skandale nicht nur einen wichtigen Teil des Immunsystems funktionaldifferenzierter Gesellschaften bilden, sondern darüber hinaus vielfältige Differenzierungs- und Integrationseffekte zeitigen (vgl. hierzu unmittelbar Hartig-Perschke 2009). Nach wie vor fehlt der kommunikationssoziologischen Forschung allerdings ein geeignetes Vokabular, diese Differenzierungsund Integrationseffekte auch theoretisch adäquat erfassen zu können. Auf Harrison C. Whites Kategorie der Disziplinen fokussierend untersucht der geplante Beitrag schließlich, inwiefern Skandale, in
deren Mittelpunkt der Kampf um Deutungshoheit und um die Kontrolle sozialer Beziehungen („accident-and-control-“ und „friction-and-matching“-Prozesse; vgl. White 1992: S. 27 sowie S. 19) steht, in
ihrer Eigenschaft als soziale Mechanismen die Emergenz verschiedener Typen von „Arenen“ und
„Councils“ zu bedingen, d.h. soziale Verhältnisse von Ungleichheit und Gleichheit bzw. das Verhältnis von Inklusion und Exklusion auf vielfältige Art und Weise zu gestalten vermögen. Eine wesentliche Zielsetzung des Beitrages ist es, wichtige Begriffe Whites für die anschlussorientierte, d.h. temporalitätssensitive soziologische Kommunikationsprozessforschung und –theorie fruchtbar zu machen,
Mechanismen der Skandalisierung als Zusammenwirken von „accident-and-control“- und „frictionand-matching“-Prozessen zu analysieren und zu beschreiben und mit Hilfe der Konzepte Whites zu
erklären, welche Eigenschaften Skandalkommunikationen charakterisieren und welche strukturstabilisierenden und -transformierenden Effekte diese nach sich ziehen. Empirische Bezugspunkte bilden
sowohl politische Skandale wie auch Wirtschaftsskandale. Zwei Fallbeispiele werden im Mittelpunkt
der Betrachtungen stehen. Im Rahmen von Fallbeispiel (1) wird zunächst die in den amerikanischen
Massenmedien und auf Weblogs geführte Diskussion um eine rassistisch geprägte Äußerung des USSenators Trent Lott im Jahre 2002 thematisiert. Fallbeispiel (2) fokussiert schließlich auf die neuere
Diskussion über die Höhe von Managergehältern vor der Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise.
Auch im Rahmen dieses Fallbeispiels wird es darum gehen, exkludierende und inkludierende, d.h.
trennende und verbindende Effekte der Skandalkommunikation zu untersuchen.
Der Beitrag beginnt (1) mit einem Überblick über die systemtheoretisch fundierte soziologische Kommunikationsprozessforschung und –theorie und ihre wesentlichen Annahmen und Ansätze.
In Teil zwei des Vortrages wird dann am empirischen Beispiel untersucht, inwiefern (2) die Konzepte
Whites der neueren Kommunikationsprozessforschung helfen können, Emergenzeffekte zu beobachten
und zu erklären. Der Beitrag schließt (3) mit einer kritischen Reflexion der eigenen Arbeiten und mit
einer Diskussion der Möglichkeiten einer gehaltvollen Relationierung von netzwerk- und kommunikationstheoretischen Konzepten.
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