www.AnwaltVoss.de 1 Rechtsquellen des Arbeitsrechts ..................................................................................2 2 Begriff des Arbeitsvertrages .........................................................................................2 3 Vorstellungsgespräch ...................................................................................................4 4 Vorstellungskosten .......................................................................................................8 5 Diskriminierungsverbote ...............................................................................................8 6 Abschluss des Arbeitsvertrages .................................................................................10 7 Befristung des Arbeitsvertrages .................................................................................11 8 Arbeitspflicht ...............................................................................................................15 8.1 Nichterfüllung der Arbeitspflicht ......................................................................17 8.2 Schlechterfüllung der Arbeitspflicht ................................................................17 9 Erholungsurlaub .........................................................................................................19 10 Elternzeit.....................................................................................................................22 11 Nebenpflichten des Arbeitnehmers ............................................................................24 12 11.1 Anzeige / Nachweis der krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit ...................24 11.2 Meldung von Betriebsstörungen .....................................................................25 11.3 Nebentätigkeit.................................................................................................25 11.4 Verschwiegenheit ...........................................................................................26 11.5 Wettbewerbstätigkeit ......................................................................................26 Entgeltzahlungspflicht.................................................................................................27 12.1 Anwesenheitsprämie ......................................................................................27 12.2 Gratifikation.....................................................................................................28 12.3 Aus- / Fortbildungsbeihilfe ..............................................................................28 13 Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall ...........................................................................29 14 Annahmeverzug des Arbeitgebers .............................................................................32 15 Nebenpflichten des Arbeitgebers ...............................................................................36 15.1 Lebens- / Gesundheitsschutz .........................................................................36 15.2 Persönlichkeitsschutz .....................................................................................37 15.3 Beschäftigungspflicht......................................................................................37 15.4 Störungen am Arbeitsplatz .............................................................................38 16 Aufhebungsvertrag .....................................................................................................39 17 Betriebsratsanhörung .................................................................................................40 18 Kündigung ..................................................................................................................44 19 Ordentliche Kündigung ...............................................................................................46 19.1 Kündigungsfrist, -termin ..................................................................................46 19.2 Soziale Rechtfertigung....................................................................................47 19.2.1 Personenbedingte Kündigung.............................................................49 1 www.AnwaltVoss.de 19.2.2 Verhaltensbedingte Kündigung ...........................................................49 19.2.3 Betriebsbedingte Kündigung ...............................................................51 19.2.4 Abfindungsanspruch ...........................................................................53 20 Außerordentliche Kündigung ......................................................................................54 21 Kündigungsschutzklage..............................................................................................55 22 Arbeitszeugnis ............................................................................................................55 1 Rechtsquellen des Arbeitsrechts Die Bestimmung der Rechte und Pflichten aus einem Arbeitsverhältnis erfolgt aus einem Geflecht verschiedener Rechtsregeln. Auszugehen ist von dem ein Arbeitsverhältnis begründenden Arbeitsvertrag, der mündlich oder schriftlich geschlossen worden sein kann. Die arbeitsvertraglichen Vereinbarungen werden jedoch durch Gesetze, Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen modifiziert und / oder ergänzt. Damit ist die Unterscheidung zwischen zwingenden und nachgiebigen Rechtsvorschriften angesprochen, die gerade im Arbeitsrecht zu einer vermengten Normenhierarchie führt: 1. Zwingende Gesetzesnormen, 2. Zwingende Tarifvertragsnormen, 3. Zwingende Betriebsvereinbarungsnormen, 4. Arbeitsvertragsnormen, 5. Nachgiebige Betriebsvereinbarungsnormen, 6. Nachgiebige Tarifvertragsnormen und 7. Nachgiebige Gesetzesnormen. Die Normenhierarchie ist das Ergebnis des Rangprinzips, nach dem die ranghöhere Regelung die rangniedrigere Regelung verdrängt. Die zwingenden Rechtsvorschriften sind für die Arbeitsvertragsparteien verbindlich, während die nachgiebigen Rechtsvorschriften von ihnen abgeändert werden können. Ob einer Rechtsvorschrift ein zwingender oder ein nachgiebiger Charakter zukommt, ist durch eine Auslegung der Rechtsvorschrift zu ermitteln. Das in der Normenhierarchie zum Ausdruck kommende Rangprinzip wird jedoch durch das Günstigkeitsprinzip modifiziert, nach dem die rangniedrigere Regelung den Vorrang vor der ranghöheren Regelung erhält, soweit sie für den Arbeitnehmer günstiger ist. 2 Begriff des Arbeitsvertrages Der Arbeitsvertrag ist ein privatrechtlicher Vertrag, durch den sich der Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber zur Leistung unselbstständiger Dienste gegen die Zahlung der vereinbarten Vergütung verpflichtet1. Die Bestimmung eines Arbeitsvertrages richtet sich nicht nach der Bezeichnung, die dem Rechtsverhältnis von den Vertragsparteien gegeben 1 BAG – Beschluss vom 16.02.2000 – 5 AZB 71/99 2 www.AnwaltVoss.de ist, vielmehr kommt es auf die tatsächliche Ausgestaltung und das tatsächliche Erscheinungsbild der Rechtsbeziehungen der Vertragsbeteiligten an2. Strafgefangene, Sicherungsverwahrte und Fürsorgezöglinge arbeiten nicht auf Grund eines Arbeitsvertrages, sondern auf Grund eines öffentlich-rechtlichen Verhältnisses. Beamte, Richter und Soldaten leisten ihre Dienste auf Grund eines öffentlich-rechtlichen Dienst- und Treueverhältnisses, für das die Beamten-, Richter- und Soldatengesetze gelten. Familienangehörige sind zum Teil, beispielsweise Kinder und Ehegatten nach § 1360 S. 1, § 1619 BGB, bereits kraft Gesetzes zur Mitarbeit verpflichtet, sodass ihre Tätigkeit ohne eine ausdrückliche Vereinbarung nicht auf einem Arbeitsvertrag beruht. Ein-Euro-Jobber, denen eine Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung nach § 16 Abs. 3 S. 2 Hs. 1 SGB II zugewiesen ist, stehen in keinem Arbeitsverhältnis zu ihrem Dienstherrn3. Der Arbeitsvertrag unterscheidet sich von anderen Vertragsgestaltungen durch die von dem Arbeitnehmer geschuldete Leistung und die von dem Arbeitgeber zu erbringende Vergütung. Der Werkvertrag nach § 631 Abs. 1 BGB erfordert von dem Unternehmer zwar auch die Erbringung einer Leistung. Doch schuldet der Unternehmer nicht nur die Dienstleistung an sich, sondern den Eintritt eines bestimmten Erfolges. Während der Arbeitnehmer seine Leistung für die Vergütung erbringt, wird der Beauftragte beim Auftragsvertrag nach § 662 BGB unentgeltlich tätig. Auch der Gesellschafter kann nach § 706 Abs. 3 BGB zur Dienstleistung verpflichtet sein, doch erbringt er die Dienste ohne eine ausdrückliche Vereinbarung nicht für einen anderen, sondern zur Förderung des gemeinschaftlichen Zweckes des Gesellschaftsvertrages nach § 705 BGB. Von den selbstständigen, insbesondere freiberuflichen, Tätigkeiten eines Dienstvertrages nach § 611 Abs. 1 BGB grenzt sich der Arbeitsvertrag durch das Merkmal der „Unselbstständigkeit der Dienste“ ab. Nach § 84 Abs. 1 S. 2 HGB ist selbstständig ist, wer im Wesentlichen frei seine Tätigkeit gestalten und seine Arbeitszeit bestimmen kann. Damit ist darauf abzustellen, ob nach Art, Ort und Zeit eine Weisungsgebundenheit besteht4, bei der auf die persönliche und nicht die wirtschaftliche Abhängigkeit abzustellen ist. 2 BAG – Urteil vom 20.08.2003 - 5 AZR 610/02; BGH – Urteil vom 25.06.2002 - X ZR 83/00 3 BAG – Beschluss vom 17.01.2007 – 5 AZB 43/06; BAG – Beschluss vom 08.11.2006 – 5 AZB 36/06 4 BAG – Urteil vom 20.08.2003 - 5 AZR 610/02; BGH – Urteil vom 25.06.2002 - X ZR 83/00 3 www.AnwaltVoss.de 3 Vorstellungsgespräch Der Arbeitgeber ist berechtigt, mit dem Bewerber ein Vorstellungsgespräch zu führen und diesem Fragen zu stellen. Das dem Arbeitgeber eingeräumte Fragerecht ist jedoch nicht unbeschränkt, sondern zum Schutz des Bewerbers durch die Rechtsprechung reglementiert worden. Um mit der Arbeitsleistung eines Bewerbers kalkulieren zu können, ist der Arbeitgeber bestrebt, möglichst umfassende Informationen über den Bewerber zu erhalten. Der Bewerber demgegenüber strebt den Schutz seiner Privatsphäre an, möchte jedoch zugleich in den Betrieb des Arbeitgebers eingegliedert werden. Aus diesem Spannungsverhältnis zwischen den Arbeitgeber- und den Bewerberinteressen sind die Berechtigungen des Arbeitgebers zur „Ausforschung“ des Bewerbers anhand einer umfassenden Abwägung zu entwickeln. Dabei werden die Informationsrechte des Arbeitgebers durch die Rechte des Bewerbers begrenzt: 1. Die Tatsachen müssen in einem erkennbaren Zusammenhang mit der in Aussicht genommenen Beschäftigung stehen. 2. Die Tatsachen müssen objektiv geeignet sein, das für den Arbeitgeber in einem Arbeitsvertrag liegende Risiko zu erhöhen. 3. Das Persönlichkeitsrecht des Bewerbers muss dadurch beachtet werden, dass weder unverhältnismäßig in seinen Intimbereich eingedrungen noch seine Persönlichkeit in ihrer Ganzheit erfasst wird. 4. Die Diskriminierungsverbote der gesetzgeberischen Wertentscheidungen, insbesondere zu Gunsten bestimmter Personengruppen, müssen beachtet werden. Der Arbeitgeber darf sich nach dem Bestehen einer Aufenthalts- / Arbeitserlaubnis erkundigen. Die Fragen des Arbeitgebers zum beruflichen Werdegang des Bewerbers sind zulässig. Auch Fragen des Arbeitgebers zu beruflichen Fähigkeiten und Kenntnissen dürfen gestellt werden, um die Qualifikation und Einsetzbarkeit des Bewerbers beurteilen zu können. Die Frage nach der bisherigen Vergütung ist nur zulässig, wenn sie eine Aussagekraft für die von dem Arbeitgeber zu besetzende Arbeitsstelle hat. Dies ist der Fall, wenn die bisherige und die angestrebte Tätigkeit des Bewerbers zumindest vergleichbare Kenntnisse und Fähigkeiten erfordern oder der Bewerber eine erfolgsabhängige Vergütung bezogen hat oder der Bewerber eine Mindestvergütung von dem Arbeitgeber verlangt. 4 www.AnwaltVoss.de Die unspezifizierte, generelle Abfrage früherer Erkrankungen ist unzulässig. Nur solche Fragen nach dem Gesundheitszustand des Bewerbers, die in einem Zusammenhang mit dem beabsichtigten Arbeitsverhältnis stehen, sind dem Arbeitgeber erlaubt. Dies ist der Fall, wenn die Fragen darauf abzielen, herauszufinden, ob eine Krankheit vorliegt, die die Eignung für die vorgesehene Tätigkeit dauerhaft oder regelmäßig wiederkehrend einschränkt, oder ob zum Zeitpunkt der Arbeitsaufnahme bzw. in absehbarer Zeit mit einer längeren Arbeitsunfähigkeit zu rechnen ist, die auf Krankheit, Operation oder Kur beruht, oder ob eine ansteckende Krankheit vorliegt, die zwar die Leistungsfähigkeit nicht einschränkt, jedoch andere Arbeitnehmer, Kunden oder Dritte gefährdet5. Die Zulässigkeit der Frage nach einer Mitarbeit des Bewerbers im Ministerium für Staatssicherheit ist für die privaten und die öffentlichen Arbeitgeber unterschiedlich zu beurteilen. Dem privaten Arbeitgeber ist die Frage nach einer Mitarbeit im Ministerium für Staatssicherheit grundsätzlich verwehrt. Nur sofern der zu besetzende Arbeitsplatz ein besonderes Sicherheitsbedürfnis verlangt, das in sicherheitsrelevanten Tendenzbetrieben gegeben sein kann, darf der Bewerber nach einer Mitarbeit im Ministerium für Staatssicherheit gefragt werden. Der öffentliche Arbeitgeber darf die Frage nach einer Mitarbeit im Ministerium für Staatssicherheit grundsätzlich stellen6. Allerdings muss der Bewerber die Frage bei einer vor dem Jahre 1970 stattgefundenen Mitarbeit im Ministerium für Staatssicherheit nicht wahrheitsgemäß beantworten, da durch den langen Zeitablauf keine Rückschlüsse auf seine heutige Eignung und Qualifikation mehr möglich sind7. Die Frage nach der Partei- / Gewerkschaftszugehörigkeit ist auf Grund der Wertungen des Art. 9 Abs. 3 S. 1 GG grundsätzlich unzulässig8. Ausnahmsweise ist dem Arbeitgeber eine solche Abfrage erlaubt, wenn er mit dem Bewerber eine leitende Position in dem Betrieb besetzen will, durch die der Arbeitgeber gegenüber den Arbeitnehmern vertreten wird. Ausnahmsweise sind die Parteien / Gewerkschaften berechtigt, nach der Partei- / Gewerkschaftszugehörigkeit zu fragen, um den ausreichenden Tendenzbezug des Bewerbers zu ihrer Aufgabenstellung sicherzustellen. 5 BAG – Urteil vom 07.06.1984 – 2 AZR 270/83 6 BAG – Urteil vom 13.06.1996 – 2 AZR 483/95 7 BVerfG – Urteil vom 08.07.1997 – 1 BvR 2111/94 – 1 BvR 195/95 – 1 BvR 2189/95 8 BAG – Urteil vom 19.03.2003 – 4 AZR 331/02 5 www.AnwaltVoss.de Der Arbeitgeber ist berechtigt, den Bewerber nach seinem Vor- und Nachnamen und nach seinem Familienstand zu fragen. Demgegenüber ist dem Arbeitgeber zur Vermeidung einer Benachteiligung nach § 1 AGG eine Frage nach dem Alter / Geburtsdatum des Bewerbers nicht gestattet. Die Zulässigkeit der Frage des Arbeitgebers nach der Religionszugehörigkeit des Bewerbers ist für die privaten und die kirchlichen Arbeitgeber unterschiedlich zu beantworten. Dem privaten Arbeitgeber ist die Abfrage der Religionszugehörigkeit wegen des Gleichbehandlungsgrundsatzes des Art. 3 Abs. 3 S. 1 GG und der Religionsfreiheit des Art. 4 Abs. 1 GG grundsätzlich verwehrt. Nur soweit bestimmte religiöse Gründe, beispielsweise das Verbot des Tierschlachtens nach den geltenden Gesetzen, die konkrete Arbeitstätigkeit beeinträchtigen können, ist es dem privaten Arbeitgeber erlaubt, die Religionszugehörigkeit des Bewerbers zu klären. Der kirchliche Arbeitgeber kann für sich die Selbstverwaltungsgarantie nach Art. 140 GG, Art. 137 WRV in Anspruch nehmen, die auch die Klärung der loyalen Einstellung zu der kirchlichen Ordnung und zu den kirchlichen Grundsätzen umfasst; insoweit wird den Kirchen nach § 9 Abs. 1 AGG ausdrücklich eine sachliche Rechtfertigung der Diskriminierung zugestanden. Nachdem der Europäische Gerichtshof9 die Frage nach einer Schwangerschaft unter der Geltung des Diskriminierungsverbots der Richtlinie 76/207/EWG unabhängig vom Bewerberkreis als eine Diskriminierung der weiblichen Bewerberin angesehen hatte, ist die Frage nach einer Schwangerschaft unabhängig von dem Bewerberkreis wegen eines Verstoßes gegen das Diskriminierungsverbot des § 611 a Abs. 1 S. 1 BGB aF, § 7 Abs. 1 Hs. 1, § 1 AGG als in der Regel unzulässig beurteilt worden10. Die Frage nach der Schwangerschaft sollte nur noch bei einem Ausschluss der Realisierbarkeit des Arbeitsverhältnisses, also bei einer objektiven Ungeeignetheit der Bewerberin für die angestrebte Beschäftigung, insbesondere bei einem Beschäftigungsverbot nach § 4 Abs. 2 MuSchG oder einem sofortigen Eintritt der Mutterschutzfristen nach § 3 Abs. 2, § 6 Abs. 1 MuSchG und der Elternzeit nach §§ 15 ff. BErzGG aF, §§ 15 ff. BEEG in einem befristeten Arbeitsverhältnis, zulässig sein11. Der Ausschluss der Realisierung des Arbeitsverhältnisses wird von dem Europäischen Gerichtshof wegen des nur vorübergehenden Zustandes einer Schwangerschaft jedoch zumindest in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis nicht anerkannt, 9 EuGH – Urteil vom 08.11.1990 – Rs C – 177/88 10 BAG – Urteil vom 01.07.1993 – 2 AZR 25/93; BAG – Urteil vom 15.10.1992 – 2 AZR 227/92 11 BAG – Urteil vom 01.07.1993 – 2 AZR 25/93; BAG – Urteil vom 15.10.1992 – 2 AZR 227/92 6 www.AnwaltVoss.de da einer werdenden Mutter durch gesetzliche Schutzrechte trotz (hoher) finanzieller Belastungen für den Arbeitgeber und trotz des Ausschlusses der Beschäftigungsmöglichkeit keine Nachteile entstehen dürfen. Diese Grundsätze scheint der Europäische Gerichtshof12 auch auf ein befristetes Arbeitsverhältnis zu erstrecken, das wegen einer Schwangerschaft überhaupt nicht, noch nicht einmal teilweise, realisiert werden kann. Die Frage nach einer Schwerbehinderteneigenschaft ist vom Bundesarbeitsgericht13 allgemein als zulässig bewertet worden, da der Arbeitgeber nur bei der Kenntnis dieses Umstandes die dem schwerbehinderten Bewerber nach dem Schwerbehindertenrecht zu gewährenden Rahmenarbeitsbedingungen schaffen könne. Ob diese Rechtsprechung auch unter der Geltung des Sozialgesetzbuchs IX und des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes weiterhin von Bestand sein wird, bleibt abzuwarten. Einerseits sind durch § 81 Abs. 2 S. 1 Nr. 1 – 5 SGB IX, §§ 15, 7 Abs. 1 Hs. 1, § 1 AGG gesetzliche Bestimmungen geschaffen worden, deren inhaltliche Regelung dem § 611 a BGB aF entsprechen. Aber gerade auf der Grundlage des Diskriminierungsverbots des § 611 a BGB aF, § 7 Abs. 1 Hs. 1, § 1 AGG beurteilt das Bundesarbeitsgericht die Frage nach der Schwangerschaft als unzulässig. Andererseits darf eine an ein Diskriminierungsmerkmal anknüpfende Ungleichbehandlung nach § 5 AGG vorgenommen werden, wenn sie auf eine positive Maßnahme zum Ausgleich der Benachteiligung gerichtet ist. Eine solche positive Maßnahme könnte in einer Integrationsvereinbarung nach § 83 Abs. 2 a Nr. 1 SGB IX liegen, deren Umsetzung die Kenntnis der Schwerbehinderteneigenschaft erfordert. Die Frage nach einer Mitgliedschaft in der Scientology-Organisation ist dem Arbeitgeber erlaubt. Die Frage nach den Vermögensverhältnissen des Bewerbers ist nur bei Arbeitsverhältnissen zulässig, die eine Vertrauensstellung erfordern oder eine Repräsentation des Betriebes nach außen umfassen. Die Frage nach Vorstrafen ist nur zulässig, wenn diese für die zu besetzende Stelle von Bedeutung sind14. Dabei ist zwischen vermögensrechtlichen, verkehrsrechtlichen, körperlichen, sittlichen und politischen Delikten zu unterscheiden, sodass der Arbeitgeber 12 EuGH – Urteil vom 04.10.2001 – Rs C – 438/99; EuGH – Urteil vom 04.10.2001 – Rs C – 109/00 13 BAG – Urteil vom 05.10.1995 – 2 AZR 923/94 14 BAG – Urteil vom 21.02.1991 – 2 AZR 449/90 7 www.AnwaltVoss.de sich nur nach solchen Vorstrafen erkundigen darf, deren Schutzgüter an dem zu besetzenden Arbeitsplatz betroffen sein können. Der Bewerber, dessen Vorstrafen nicht mehr in ein polizeiliches Führungszeugnis aufzunehmen oder zu löschen sind, darf sich nach § 53 Abs. 1 BZRG als unbestraft bezeichnen15. Die Frage nach der Ableistung des Wehr- / Zivildienstes ist unzulässig, da sie in die Gewissensfreiheit des Bewerbers nach Art. 4 Abs. 1 GG eingreift. Jedoch darf der Arbeitgeber nach der zukünftigen Ableistung des Wehr- / Zivildienstes fragen, da er damit die zukünftige Verfügbarkeit des Bewerbers klären möchte. Die Frage des Arbeitgebers nach Wettbewerbsverboten des Bewerbers ist zulässig. 4 Vorstellungskosten Der Arbeitgeber hat dem Bewerber die Vorstellungskosten nicht nur bei einer ausdrücklichen Erstattungszusage zu ersetzen, vielmehr schuldet er deren Ersatz nach § 670 BGB immer dann, wenn er den Bewerber zu einer persönlichen Vorstellung auffordert. Umgekehrt hat der Arbeitgeber einen Vorstellungskostenersatz nicht zu erbringen, wenn er dies im Zusammenhang mit der Aufforderung zur Vorstellung ausdrücklich und unzweideutig erklärt. Ein derartiger Ausschluss ist jedoch nicht bereits darin zu sehen, dass dem Bewerber anheim gestellt wird, sich vorzustellen, oder dass er zu einer unverbindlichen Rücksprache mit dem Arbeitgeber aufgefordert wird. Die Verpflichtung zur Erstattung der Vorstellungskosten besteht auch dann, wenn später ein Arbeitsverhältnis mit dem Bewerber begründet wird. 5 Diskriminierungsverbote Der Arbeitgeber unterliegt bei dem Abschluss eines Arbeitsvertrages dem Diskriminierungsverbot nach § 7 Abs. 1 Hs. 1, § 1 AGG. Dieses soll alle Benachteiligungen auf Grund der Rasse, der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion, der Weltanschauung, der Behinderung, des Alters und der sexuellen Identität verhindern. Eine unterschiedliche Behandlung ist nach § 8 Abs. 1 AGG nur zulässig, wenn die Unterscheidung wegen der Art der Tätigkeit oder wegen der Bedingungen der Tätigkeitsausübung 15 eine wesentliche und entscheidende Anforderung des BAG – Urteil vom 21.02.1991 – 2 AZR 449/90 8 www.AnwaltVoss.de Arbeitsverhältnisses darstellt, deren Zweck rechtmäßig und deren Anforderung angemessen ist. Das Diskriminierungsverbot nach § 7 Abs. 1 Hs. 1, § 1 AGG erfasst jedes Stadium der Arbeitsplatzbesetzung, sodass der Arbeitgeber von Beginn an verpflichtet ist, das Einstellungsverfahren in einer Art und Weise durchzuführen, die eine Benachteiligung verhindert. Insbesondere hat der Arbeitgeber nach § 11 AGG bereits grundsätzlich eine neutrale Ausschreibung des Arbeitsplatzes vorzunehmen. Nur soweit ein bestimmter Umstand als unverzichtbare Voraussetzung der Tätigkeit erscheint, darf nach § 8 Abs. 1 AGG ein nicht neutrales Stellenangebot vorgenommen werden. Eine Diskriminierung kann in der Person des benachteiligten Bewerbers einen Schadenersatzanspruch nach § 15 Abs. 1 S. 1 AGG, § 280 Abs. 1 S. 1, § 311 Abs. 2 Nr. 1 BGB wegen eines Verschuldens bei Vertragsschluss und nach § 823 Abs. 2 S. 1 BGB wegen einer unerlaubten Handlung entstehen lassen. Diese Haftung des Arbeitgebers nach § 15 Abs. 1 S. 1 AGG tritt nach § 15 Abs. 1 S. 2 AGG jedoch nicht ein, wenn der Arbeitgeber die Pflichtverletzung nicht zu vertreten hat. Das Verschulden des Arbeitgebers kann dabei nicht nur in einem eigenen Verstoß gegen das Benachteiligungsverbot liegen, vielmehr trifft den Arbeitgeber auch eine Haftung für Erfüllungsgehilfen nach § 278 S. 1 BGB und aus einem Organisationsverschulden nach § 12 Abs. 1 – 4 AGG, sodass er auch für fremde Benachteiligungen einzustehen haben kann. Der Schadenersatzanspruch nach § 15 Abs. 1 S. 1 AGG, § 280 Abs. 1 S. 1, § 311 Abs. 2 Nr. 1 BGB ist auf die Erstattung des dem Bewerber durch die Benachteiligung entstandenen materiellen Schadens gerichtet. Da eine Naturalrestitution durch den Abschluss eines Arbeitsvertrages nach § 15 Abs. 6 AGG ausgeschlossen ist, kann der Bewerber jedoch nur eine Schadenkompensation geltend machen; dabei kommt als Schaden insbesondere ein dem Bewerber entstandener Gewinnentgang nach § 252 S. 1 BGB in Betracht, der nach seiner Höhe bis zum nächstzulässigen Kündigungstermin begrenzt ist. Ein Verstoß des Arbeitgebers gegen das Diskriminierungsverbot führt ferner zu seiner Verpflichtung, dem Bewerber nach § 15 Abs. 2 S. 1 AGG eine Entschädigung zu zahlen. Diese Haftung des Arbeitgebers ist von einem Verschulden unabhängig, sodass bereits eine objektive Benachteiligung einen Entschädigungsanspruch des Bewerbers auslöst. Der Entschädigungsanspruch nach § 15 Abs. 2 S. 1 AGG ist auf die Erstattung des dem Bewerber durch die Diskriminierung entstandenen immateriellen Schadens gerichtet. Für 9 www.AnwaltVoss.de den bestqualifizierten Bewerber ist eine Entschädigungshöchstgrenze nicht vorgesehen, denn lediglich für die weiteren Bewerber sieht § 15 Abs. 2 S. 2 AGG eine Entschädigung von höchstens drei Monatsentgelten vor. Seine Grenze findet der Entschädigungsanspruch des § 15 Abs. 2 S. 1 AGG nach § 242 BGB im Missbrauch des Bewerbers, sodass einem Bewerber, der sich auf nicht neutral ausgeschriebene Stellenanzeigen nur zur Erlangung der Entschädigung bewirbt, eine Entschädigung zu versagen ist. Eine nicht missbräuchliche Bewerbung setzt neben der objektiven Qualifikation des Bewerbers für den ausgeschriebenen Arbeitsplatz auch dessen subjektiven Willen zum Abschluss eines Arbeitsvertrages voraus. Der Schadenersatzanspruch und der Entschädigungsanspruch des Bewerbers müssen nach § 15 Abs. 4 S. 1 AGG innerhalb einer Frist von zwei Monaten schriftlich geltend gemacht werden, die nach § 15 Abs. 4 S. 2 AGG mit dem Zugang der Ablehnung zu laufen beginnt; durch einen Tarifvertrag kann nach § 15 Abs. 4 S. 1 AGG eine andere Frist bestimmt werden. Ferner ist eine Entschädigungsklage nach § 61 b Abs. 1 ArbGG nur innerhalb einer Frist von drei Monaten seit der schriftlichen Geltendmachung des Entschädigungsanspruchs möglich. Der Arbeitgeber unterliegt bei dem Abschluss eines Arbeitsvertrages dem Diskriminierungsverbot nach § 81 Abs. 2 S. 1 SGB IX, auf das das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz zur Anwendung gelangt. Durch das Diskriminierungsverbot sollen alle Benachteiligungen auf Grund einer Schwerbehinderung ausgeschlossen werden, soweit nicht die körperliche Unversehrtheit nach § 8 Abs. 1 AGG die wesentliche und entscheidende Anforderung der angedachten Tätigkeit ist. 6 Abschluss des Arbeitsvertrages Der Abschluss eines Arbeitsvertrages bedarf grundsätzlich keiner Form. Nach § 14 Abs. 4 TzBfG bedarf allerdings die Befristungsabrede beim Abschluss eines befristeten Arbeitsvertrages der Schriftform. Trotz der grundsätzlichen Formfreiheit des Arbeitsvertrages muss der Arbeitgeber nach § 2 Abs. 1 S. 1 NachwG, § 11 Abs. 1 S. 1, 2 AÜG eine Niederschrift über die wesentlichen Vertragsbestandteile fertigen, die Niederschrift unterzeichnen und dem Arbeitnehmer ein Exemplar der Dokumentation aushändigen. Von der Schriftform des § 126 Abs. 2 S. 1, 2 BGB unterscheidet sich die Dokumentationspflicht dadurch, dass die Niederschrift von dem Arbeitnehmer nicht zu unterzeichnen ist. Die von dem Arbeitgeber in der Niederschrift zu erfassenden Angaben ergeben sich aus § 2 Abs. 1 10 www.AnwaltVoss.de S. 2 NachwG, § 11 Abs. 1 S. 2 AÜG und sind nach § 2 Abs. 4 NachwG nicht erforderlich, soweit sie sich aus einem schriftlichen Arbeitsvertrag zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer ergeben. Ein Arbeitsvertrag unterliegt nach seinem Abschluss den Anfechtungsmöglichkeiten der §§ 119 - 124 BGB. Arbeitsrechtlich von Bedeutung ist insbesondere die Anfechtung wegen einer arglistigen Täuschung nach § 123 Abs. 1 BGB. Sie setzt eine Täuschung des Arbeitgebers durch den Arbeitnehmer voraus, die vor dem Abschluss des Arbeitsvertrages erfolgt sein muss. Als Täuschungshandlung eines Bewerbers kommt zunächst die unwahre Beantwortung der in einem Einstellungsgespräch gestellten Fragen in Betracht, da diese für den Arbeitgeber die Grundlage der Einstellung darstellen. Allein die unwahre Beantwortung einer Einstellungsfrage berechtigt den Arbeitgeber aber noch nicht zur Irrtumsanfechtung, denn der Bewerber muss die Täuschung widerrechtlich begangen haben. Dies ist nur dann der Fall, wenn die Frage des Arbeitgebers zulässig war; soweit der Arbeitgeber eine unzulässige Einstellungsfrage stellt, ist der Bewerber zur Lüge berechtigt, ohne dass der Arbeitgeber dies sanktionieren könnte. 7 Befristung des Arbeitsvertrages Mit der Befristung eines Arbeitsvertrages wird der Arbeitgeber in die Lage versetzt, eine Arbeitsvertragsbeendigung Kündigungsschutz des herbeizuführen, Arbeitnehmers, ohne der den nur allgemeinen bei der und besonderen Beendigung eines Arbeitsverhältnisses durch Kündigung zur Anwendung gelangt, beachten zu müssen. Das befristete Arbeitsverhältnis gerät damit in das Spannungsfeld des allgemeinen und besonderen Kündigungsschutzes, das eine Beschränkung der Zulässigkeit von befristeten Arbeitsverträgen verursacht. Die Auflösung des Spannungsverhältnisses zwischen der Befristung eines Arbeitsvertrages sowie dem allgemeinen und besonderen Kündigungsschutz ist anhand des § 14 TzBfG vorzunehmen, dessen Anwendbarkeit über die rechtlichen Befristungsvoraussetzungen entscheidet. Ein befristetes Arbeitsverhältnis ist nach § 3 Abs. 1 S. 1 TzBfG gegeben, wenn ein Arbeitnehmer auf Grund eines auf bestimmte Zeit geschlossenen Arbeitsvertrages beschäftigt wird. Nach § 3 Abs. 1 S. 2 TzBfG wird dabei zwischen dem kalendermäßig befristeten Arbeitsvertrag und dem zweckbefristeten Arbeitsvertrag unterschieden. Während ein kalendermäßig befristeter Arbeitsvertrag vorliegt, wenn seine Dauer kalendermäßig bestimmt oder kalendermäßig bestimmbar ist, ist ein zweckbefristeter Arbeitsvertrag 11 www.AnwaltVoss.de gegeben, wenn sich seine Dauer aus der Art, dem Zweck oder der Beschaffenheit der Arbeitsleistung ergibt. Die kalendermäßige Befristung eines neu abgeschlossenen Arbeitsvertrages ohne einen sachlichen Rechtfertigungsgrund ist nach § 14 Abs. 2 S. 1 Hs. 1 TzBfG bis zur Höchstdauer von zwei Jahren zulässig. Innerhalb dieses Höchstzeitrahmens ist nach § 14 Abs. 2 S. 1 Hs. 2 TzBfG eine 3-malige Verlängerung der kalendermäßigen Befristung ohne sachlichen Grund möglich, sodass der 2-Jahres-Zeitraum maximal in vier beliebige Befristungsabschnitte eingeteilt werden kann. Allerdings ist eine Verlängerung des Arbeitsverhältnisses im Sinne des § 14 Abs. 2 S. 1 Hs. 2 TzBfG nur gegeben, wenn sie während dessen Bestand vorgenommen wird. Erfolgt die Verlängerung erst nach der Beendigung des Arbeitsverhältnisses, ist der Neuabschluss eines Arbeitsvertrages gegeben, der die kalendermäßige Befristung nach § 14 Abs. 2 S. 2 TzBfG unwirksam macht16. Auch ist eine Verlängerung des Arbeitsvertrages im Sinne des § 14 Abs. 2 S. 1 Hs. 2 TzBfG nur anzunehmen, wenn sie lediglich den Endtermin des Arbeitsverhältnisses bei im Übrigen unveränderten Vertragsbedingungen (Vergütung, Arbeitszeit usw.) verschiebt. Einer Veränderung der Vertragsbedingungen kommt damit in unterschiedlicher Hinsicht eine Bedeutung in Bezug auf die Befristung eines Arbeitsverhältnisses zu. Zum einen führt eine Veränderung der Vertragsbedingungen anlässlich der Verlängerung eines Arbeitsverhältnisses grundsätzlich zu einem Neuabschluss des Arbeitsvertrages, der einer wirksamen kalendermäßigen Befristung nach § 14 Abs. 2 S. 2 TzBfG entgegen steht. Eine Veränderung anlässlich der Verlängerung eines Arbeitsverhältnisses begründet einen Neuabschluss jedoch nicht, wenn die Veränderung auch bei dem Bestand eines unbefristeten Arbeitsverhältnisses von den Arbeitsvertragsparteien vereinbart worden wäre17; diese Einschränkung erfordert das Diskriminierungsverbot des § 4 Abs. 2 S. 1 TzBfG. Zum anderen macht eine Veränderung der Vertragsbedingungen während der Befristung eines Arbeitsverhältnisses eine spätere Verlängerung des Arbeitsverhältnisses nicht zu einem Neuabschluss des Arbeitsvertrages18. Der Abschluss eines kalendermäßig befristeten Arbeitsvertrages ohne sachliche Rechtfertigung ist stets nur bei dem Abschluss eines neuen Arbeitsvertrages zulässig. Nach § 14 Abs. 2 S. 2 TzBfG ist eine kalendermäßige Erstbefristung 16 unwirksam, sofern mit demselben Arbeitgeber zuvor ein anderes BAG - Urteil vom 16.03.2005 – 7 AZR 289/04; BAG – Urteil vom 01.12.2004 – 7 AZR 198/04; BAG – Urteil vom 15.01.2003 – 7 AZR 535/02; BAG – Urteil vom 26.07.2000 – 7 AZR 51/99 17 BAG – Urteil vom 23.08.2006 – 7 AZR 12/06 18 BAG – Urteil vom 18.01.2006 – 7 AZR 178/05; BAG – Urteil vom 19.10.2005 – 7 AZR 31/05 12 www.AnwaltVoss.de Arbeitsverhältnis bestand. Mit demselben Arbeitgeber bestand ein Arbeitsverhältnis, wenn der Arbeitsvertrag von dem Arbeitnehmer mit derselben natürlichen oder juristischen Person abgeschlossen wurde. Der vormalige Einsatz des Arbeitnehmers als Leiharbeitnehmer im Unternehmen des späteren Arbeitgebers steht der kalendermäßigen Befristung ohne Sachgrund nicht Leiharbeitnehmer entgegen; im auch der Unternehmen des spätere Einsatz späteren des Entleihers Arbeitnehmers als widerspricht der 19 kalendermäßigen Befristung ohne Sachgrund nicht . Der Abschluss eines neuen Arbeitsvertrages setzt voraus, dass zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer niemals zuvor, und sei es vor Jahrzehnten und nur für einen kürzesten Zeitraum, ein anderes Arbeitsverhältnis bestand20. Die kalendermäßige Befristung eines Arbeitsvertrages ohne einen sachlichen Rechtfertigungsgrund ist nach § 14 Abs. 2 a S. 1 Hs. 1 TzBfG bei der Neugründung eines Unternehmens innerhalb der ersten vier Jahre bis zur Höchstdauer von vier Jahren zulässig. Innerhalb dieses Zeitrahmens ist nach § 14 Abs. 2 a S. 1 Hs. 2 TzBfG auch die mehrfache Befristung des Arbeitsvertrages möglich, ohne dass die Anzahl der Befristungen oder deren jeweilige Dauer reglementiert ist. Das Befristungsprivileg des § 14 Abs. 2 a S. 1 TzBfG bezieht sich ausschließlich auf die Neugründung eines Unternehmens. Demnach kommt seine Anwendung bei der Eröffnung eines weiteren Betriebes durch ein bereits seit mehr als vier Jahren bestehendes Unternehmen nicht in Betracht; allerdings können Unternehmen, die zum Zeitpunkt des Inkrafttretens des § 14 Abs. 2 a TzBfG, mithin am 01.01.2004, noch keine vier Jahre bestanden, für die Restdauer ihrer Neugründungseigenschaft eine kalendermäßige Befristung von Arbeitsverträgen ohne sachliche Rechtfertigung vornehmen. Nach § 14 Abs. 3 S. 1 TzBfG ist die kalendermäßige Befristung eines Arbeitsvertrages außerhalb der Grenzen des § 14 Abs. 2 TzBfG und des § 14 Abs. 2 a TzBfG und des § 14 Abs. 1 TzBfG wirksam, sofern der Arbeitnehmer bei Beginn des Arbeitsverhältnisses das 52. Lebensjahr vollendet hat und unmittelbar vor dem Beginn des Arbeitsverhältnisses mindestens für vier Monate beschäftigungslos war oder in einem vergleichbaren Beschäftigungsverhältnis stand. Bis zu einer Gesamtdauer von fünf Jahren ist nach § 14 Abs. 3 S. 2 TzBfG auch die mehrfache Befristung des Arbeitsvertrages möglich, ohne dass die Anzahl der Befristungen oder deren jeweilige Dauer reglementiert ist. 19 BAG – Urteil vom 18.10.2006 – 7 AZR 145/06 20 BAG – Urteil vom 06.11.2003 – 2 AZR 690/02 13 www.AnwaltVoss.de Die kalendermäßige und die zweckbegründete Befristung des Arbeitsverhältnisses außerhalb des § 14 Abs. 2, 2 a, 3 TzBfG sind grundsätzlich unwirksam. Nur soweit dem Arbeitgeber ein sachlicher Grund für die Befristung zur Seite steht, kommt nach § 14 Abs. 1 S. 1 TzBfG eine Befristung des Arbeitsvertrages in Betracht. Die Befristung eines Arbeitsverhältnisses bedarf nach § 14 Abs. 4 TzBfG zu ihrer Wirksamkeit der Schriftform. Dies bedeutet nicht, dass der gesamte befristete Arbeitsvertrag schriftlich abzufassen ist, vielmehr muss allein die Befristungsabrede in einer der Form des § 126 Abs. 1, 2 BGB entsprechenden Art und Weise schriftlich fixiert werden21. Während im Fall der kalendermäßigen Befristung entweder die Befristungsdauer oder das Enddatum der Befristung angegeben werden müssen, ist im Fall der zweckbegründeten Befristung der Befristungszweck festzuhalten. Um nach § 14 Abs. 2 S. 1 Hs. 1 TzBfG wirksam ohne sachlichen Grund kalendermäßig befristet zu sein, muss der Arbeitsvertrag nicht ausdrücklich nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz abgeschlossen worden sein22. Vielmehr ist nur erforderlich, dass nach den arbeitsvertraglichen Vereinbarungen die tatsächlichen Voraussetzungen des § 14 Abs. 2 TzBfG eingehalten sind. Um nach § 14 Abs. 1 S. 1 TzBfG wirksam mit sachlichem Grund kalendermäßig befristet zu sein, muss der Arbeitsvertrag nicht ausdrücklich den Sachgrund angeben23. Vielmehr ist es ausreichend, wenn der Sachgrund nach § 14 Abs. 1 S. 2 TzBfG objektiv zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses gegeben ist. Die wirksame Befristung eines Arbeitsverhältnisses bewirkt nach § 620 Abs. 1 BGB, § 15 Abs. 1, 2 TzBfG, dass der Arbeitsvertrag im Falle der Kalenderbefristung mit dem Ablauf des Befristungszeitraumes und im Falle der Zweckbefristung frühestens zwei Wochen nach der schriftlichen Unterrichtung des Arbeitnehmers über die Zweckerreichung endet. Ein unbefristetes Arbeitsverhältnis wird nach § 625 BGB, § 15 Abs. 5 TzBfG nur begründet, sofern der Arbeitnehmer seine Tätigkeit unwidersprochen und mit dem Wissen des Arbeitgebers fortsetzt. Die unwirksame Befristung eines Arbeitsvertrages führt demgegenüber nicht zur Unwirksamkeit des befristeten Arbeitsverhältnisses, sondern nach § 16 S. 1 Hs. 1 TzBfG zu 21 BAG – Urteil vom 13.10.2004 – 7 AZR 218/04; BAG – Urteil vom 23.06.2004 – 7 AZR 636/03 22 zu § 1 BeschFG aF: BAG – Urteil vom 16.04.2003 – 7 AZR 187/02; BAG – Urteil vom 24.10.2001 – 7 AZR 686/00 23 BAG – Urteil vom 23.06.2004 – 7 AZR 636/03 14 www.AnwaltVoss.de seiner Ersetzung durch einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Dieser kann nach § 16 S. 1 Hs. 2 TzBfG von dem Arbeitgeber frühestens zum vereinbarten Ende des beabsichtigten befristeten Arbeitsverhältnisses ordentlich gekündigt werden, sofern der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer nicht nach § 15 Abs. 3 TzBfG die Möglichkeit einer ordentlichen Kündigung auch während der beabsichtigten Befristung vereinbart haben. Will der Arbeitnehmer die Rechtsunwirksamkeit einer Befristungsabrede geltend machen, muss er nach § 17 S. 1 TzBfG innerhalb von drei Wochen nach dem vereinbarten Ende des Arbeitsverhältnisses eine Entfristungsklage bei dem Arbeitsgericht erheben. Versäumt er diese Frist, gilt die Befristung nach § 17 S. 1 TzBfG, § 7 Hs. 1 KSchG als von Anfang an wirksam; dabei werden nicht nur ein etwa fehlender Sachgrund, sondern auch alle anderen Wirksamkeitsmängel der Befristung, z. B. eine fehlende Schriftform, geheilt. Im Rahmen der Entfristungsklage bewertet das Arbeitsgericht lediglich die Wirksamkeit der letzten Befristungsabrede zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer24. Demgegenüber prüft es nicht, ob bereits zuvor durch eine vorherige unzulässige Befristung zu einem früheren Zeitpunkt ein unbefristetes Arbeitsverhältnis zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer begründet worden ist, denn in dem Abschluss des letzten befristeten Arbeitsvertrages wird ein Verzicht des Arbeitnehmers auf eine Überprüfung der vorherigen Befristungen gesehen. Um einem solchen Verzicht entgegen zu wirken, kann der Arbeitnehmer die letzte Befristung jedoch unter dem Vorbehalt annehmen, dass noch kein unbefristetes Arbeitsverhältnis besteht, und die vorherige (un-)zulässige Befristung zugleich mit der Entfristungsklage angreifen25. 8 Arbeitspflicht Die Arbeitspflicht weist personale Elemente auf, die sich sowohl in Richtung auf die Person des Arbeitnehmers als auch in Richtung auf die Person des Arbeitgebers ergeben. Einerseits schuldet der Arbeitnehmer die Arbeitsleistung nach § 613 S. 1 BGB im Zweifel in eigener Person. Er ist im Zweifel nicht berechtigt, die Arbeitsleistung durch eine andere Person erbringen zu lassen, während das Arbeitsverhältnis im Zweifel mit dem Tod des Arbeitnehmers beendet wird. Andererseits ist der Anspruch auf die Arbeitsleistung nach § 613 S. 2 BGB im Zweifel nicht übertragbar. Ein Arbeitnehmer ist daher im Zweifel nur 24 BAG – Urteil vom 13.10.2004 – 7 AZR 218/04; BAG – Urteil vom 25.08.2004 – 7 AZR 7/04 25 BAG – Urteil vom 13.10.2004 – 7 AZR 218/04; BAG – Urteil vom 25.08.2004 – 7 AZR 7/04 15 www.AnwaltVoss.de gegenüber dem Arbeitgeber, mit dem er den Arbeitsvertrag geschlossen hat, zur Arbeitsleistung verpflichtet. Der Inhalt der Arbeitspflicht wird durch den Arbeitsvertrag, der unter Berücksichtigung einer etwaigen Betriebsübung nach den Grundsätzen von Treu und Glauben auszulegen ist, bestimmt. Danach hat ein Arbeitnehmer die geschuldete Arbeitsleistung am festgelegten Ort zu der richtigen Zeit zu erbringen. Diese Maßstäbe kann der Arbeitgeber nach § 106 S. 1 GewO in Bezug auf Art, Ort und Zeit durch sein Direktionsrecht näher konkretisieren. Das Direktionsrecht nach § 106 S. 1 BGB ist das Recht des Arbeitgebers, innerhalb des durch den Arbeitsvertrag vorgegebenen Rahmens die von dem Arbeitnehmer zu leistenden Arbeiten nach Art, Ort und Zeit näher zu bestimmen. Die Form, in der der Arbeitgeber das Direktionsrecht ausübt, ist allein ihm überlassen. Sowohl ein bestimmtes Kommando („Hauruck“) als auch eine freundliche Bitte des Arbeitgebers stellen eine Ausübung des Direktionsrechtes dar. Es umfasst dabei nicht allein die Befugnis zur Konkretisierung der Arbeitspflicht des Arbeitnehmers, sondern nach § 106 S. 2 GewO auch die Berechtigung zur Regelung der arbeitsbegleitenden Ordnung, so durch Rauchverbote, Kleiderordnungen und Parkplatzbenutzungsregelungen. Begrenzt wird das Direktionsrecht zunächst nach § 106 S. 1 GewO durch alle zwingenden Bestimmungen der Normenhierarchie, die auf einer höheren Stufe als der Arbeitsvertrag stehen. Daher kann es als Bestandteil des Arbeitsvertrages nur im Rahmen der zwingenden Gesetze, Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen ausgeübt werden. Nicht überschreiten darf das Direktionsrecht sodann die Vorgaben des Arbeitsvertrages. Was bereits in dem Arbeitsvertrag einer Regelung zugeführt worden ist, kann nicht über das Direktionsrecht abgeändert werden, denn der Arbeitsvertrag und das Direktionsrecht stehen zueinander in einer Wechselbeziehung. Je genauer der Arbeitsvertrag die Art, den Ort und die Zeit der Arbeitsleistung bestimmt, desto geringer ist die Befugnis des Arbeitgebers zu konkretisierenden Weisungen; je weiter der durch den Arbeitsvertrag vorgegebene Rahmen ausgestaltet ist, desto größer sind die Weisungsbefugnisse des Arbeitgebers. Schließlich unterliegt das Direktionsrecht den § 106 S. 1 GewO, § 315 Abs. 1 BGB, sodass sich seine Ausübung stets im Rahmen des billigen Ermessens des Arbeitgebers bewegen muss. Dabei hat der Arbeitgeber nicht nur alle Umstände des Einzelfalles und die Interessen des Arbeitnehmers angemessen zu berücksichtigen, sondern nach § 106 S. 3 GewO, § 81 Abs. 2 SGB IX auch auf Behinderungen des Arbeitnehmers zu achten. 16 www.AnwaltVoss.de Obwohl ein Arbeitnehmer nach § 611 Abs. 1 BGB verpflichtet ist, die geschuldete Arbeitsleistung am festgelegten Ort zu der richtigen Zeit zu erbringen, treten in der Arbeitspraxis immer wieder Situationen auf, in denen er dieser Pflicht nicht nachkommt. Grundsätzlich sind die Tatbestände der Nichterfüllung der Arbeit und der Schlechtleistung der Arbeit zu unterscheiden, deren Verletzungen aber durch die verschiedensten Tatbestände bestimmt werden und sich in ihren Rechtsfolgen unterschiedlich auswirken. 8.1 Nichterfüllung der Arbeitspflicht Manchmal tritt ein Arbeitnehmer trotz des Abschlusses eines Arbeitsvertrages seine Arbeitsstelle nicht an. Umgekehrt sind auch Fallgestaltungen häufig, in denen ein Arbeitnehmer ohne die Einhaltung der Kündigungsfrist seine Arbeitstätigkeit einstellt oder verweigert. Ein solches Verhalten stellt sich nicht als Verzug, sondern als Unmöglichkeit dar, da die Arbeitsleistung eine absolute Fixschuld ist, die der Arbeitnehmer nicht mehr nachholen kann. Dies führt dazu, dass der Anspruch des Arbeitgebers auf die Arbeitsleistung für die Vergangenheit nach § 275 Abs. 1 BGB ausgeschlossen ist. Für die Zeit der Nichterfüllung der Arbeitspflicht ist der Arbeitgeber jedoch nach § 326 Abs. 1 S. 1 BGB von der Entgeltzahlung befreit; soweit er die Vergütung bereits erbracht hat, kann er diese von dem Arbeitnehmer zurückfordern. Der Arbeitgeber ist berechtigt, den Arbeitnehmer für die Zukunft vor dem Arbeitsgericht auf die Erfüllung seiner Arbeitspflicht zu verklagen. Gegenüber einem Arbeitnehmer, der zur Arbeit nicht erscheint, hat der Arbeitgeber einen Schadenersatzanspruch. Dieser Schadenersatzanspruch gründet sich grundsätzlich auf die §§ 280, 283 BGB, während nach einer außerordentlichen Kündigung des Arbeitgebers die Sonderregelung des § 628 Abs. 2 BGB zur Anwendung kommt. Zeitlich begrenzt ist der Schadenersatz jedoch bis zu dem Zeitpunkt, zu dem der Arbeitnehmer das Arbeitsverhältnis frühestens hätte ordentlich kündigen können. Wegen einer beharrlichen Arbeitsverweigerung kann die Erteilung einer Abmahnung oder der Ausspruch einer Kündigung des Arbeitsverhältnisses in Betracht kommen. 8.2 Schlechterfüllung der Arbeitspflicht Manchmal erbringt ein Arbeitnehmer zwar eine Arbeitsleistung, diese ist aber mit Mängeln behaftet. Insbesondere sind damit Fallkonstellationen betroffen, in denen der Arbeitnehmer zu langsam arbeitet, das Arbeitsergebnis misslingt oder das Eigentum des Arbeitgebers beschädigt wird. Nach § 611 Abs. 1 BGB ist ein Arbeitnehmer nur zur Leistung der versprochenen Dienste verpflichtet, ohne dass er einen bestimmten Arbeitserfolg schuldet. 17 www.AnwaltVoss.de Eine Minderung der Vergütung tritt weder durch eine unverschuldete noch durch eine verschuldete Schlechtleistung des Arbeitnehmers ein, sodass diese ihm weiterhin in vollem Umfang erhalten bleibt. Jedoch macht sich der Arbeitnehmer durch eine schuldhafte Schlechterfüllung gegenüber dem Arbeitgeber schadenersatzpflichtig. Dies bedeutet, dass zwar keine Minderung des Vergütungsanspruches eintritt, dass aber der Arbeitgeber seinerseits gegen den Arbeitnehmer einen Schadenersatzanspruch nach § 280 Abs. 1 S. 1 BGB erwirbt, der die entstandenen Schäden umfasst. Mit diesem Schadenersatzanspruch kann der Arbeitgeber sodann gegenüber dem Vergütungsanspruch aufrechnen, doch hat er dabei die Pfändungsfreigrenzen der § 394 S. 1 BGB, §§ 850 ff. ZPO zu beachten. Entgegen der grundsätzlichen Verteilung der Darlegungs- und Beweislast des § 280 Abs. 1 S. 2 BGB, nach dem ein Pflichtenverstoß auch das Verschulden indiziert, wird die Darlegungs- und Beweislast für das Verschulden des Arbeitnehmers nach § 619 a BGB zwar auf den Arbeitgeber verschoben. Doch würde der Arbeitnehmer im Rahmen der schuldhaften Schlechterfüllung bei strenger Anwendung der gesetzlichen Haftungsbestimmungen nicht nur für Vorsatz haften, vielmehr hätte er bereits für die durch leichteste Fahrlässigkeit verursachten Schäden einzustehen. Angesichts der modernen Arbeitswelt müsste der Arbeitnehmer folglich mit einem hohen Haftungspotenzial umgehen, dessen Realisierung ihn im Falle einer vollen Haftung auf Dauer wirtschaftlich ruinieren würde. Diesem Risiko könnte er sich praktisch nicht entziehen, denn aus wirtschaftlichen Gründen ist er regelmäßig auf den Verkauf seiner Arbeitskraft angewiesen. Dies nahm das Bundesarbeitsgericht zum Anlass, durch eine richterliche Rechtsfortbildung eine Haftungsbeschränkung zu Gunsten des Arbeitnehmers zu entwickeln, die auf alle betrieblich veranlassten und auf Grund des Arbeitsverhältnisses geleisteten Tätigkeiten des Arbeitnehmers anwendbar ist. Betrieblich veranlasst sind solche Tätigkeiten, die dem Arbeitnehmer arbeitsvertraglich übertragen worden sind oder die er im Interesse des Arbeitgebers für dessen Betrieb ausführt; die Tätigkeit muss dabei in einem nahen Zusammenhang mit dem Betrieb und seinem betrieblichen Wirkungskreis stehen26. Danach muss sich der Arbeitgeber nach § 254 BGB analog sein Betriebsrisiko und seine Organisationsverantwortung als Mitverschulden bei einem Schadeneintritt anrechnen lassen, sodass sich die nachfolgende Haftungsverteilung ergibt: 1. Der Arbeitnehmer haftet voll bei Vorsatz und grober Fahrlässigkeit. Sowohl der Vorsatz als auch die grobe Fahrlässigkeit müssen sich nicht nur auf die Pflichtwidrigkeit, sondern auch auf den Schaden27. 2. Der Arbeitnehmer haftet anteilig bei normaler Fahrlässigkeit. Dabei bestimmt sich die Haftungsquote nach den Umständen des 26 BAG – Urteil vom 18.04.2002 – 8 AZR 348/01 27 BAG – Urteil vom 18.04.2002 – 8 AZR 348/01 18 www.AnwaltVoss.de Einzelfalles, insbesondere nach der Schadenshöhe, der persönlichen Situation des Arbeitnehmers (Einkommen, Vermögen, Familie) und dem Verschuldensgrad; das Bundesarbeitsgericht hat eine Haftungsbeteiligung des Arbeitnehmers von mehr als fünf Monatsbruttoeinkommen nicht beanstandet. 3. Der Arbeitnehmer haftet nicht bei leichtester Fahrlässigkeit. Wegen einer schlechten Arbeitsleistung kann neben einer Abmahnung gegebenenfalls eine Kündigung des Arbeitsvertrages gerechtfertigt sein. 9 Erholungsurlaub Nach § 1 BUrlG hat jeder Arbeitnehmer in jedem Kalenderjahr einen Anspruch auf bezahlten Erholungsurlaub. Der volle Urlaubsanspruch entsteht nach § 4 BUrlG erstmals, wenn das Arbeitsverhältnis sechs Monate bestanden hat. Der volle Urlaubsanspruch entsteht nach § 1 BUrlG jeweils erneut, wenn das Kalenderjahr wechselt. Die volle Entstehung des Urlaubsanspruchs tritt selbst dann ein, wenn der Arbeitnehmer nicht über das gesamte Kalenderjahr bei dem Arbeitgeber beschäftigt war, da eine zeitanteilige Berechnung des Urlaubs nur unter den Voraussetzungen des § 5 Abs. 1 BUrlG in Betracht kommt. Im Rahmen des § 5 Abs. 1 BUrlG ist zwischen dem echten Teilurlaub des § 5 Abs. 1 Nr. 1 a, b BUrlG und dem gekürzten Vollurlaub nach § 5 Abs. 1 Nr. 1 c BUrlG zu unterscheiden. Der echte Teilurlaub entsteht, wenn ein Arbeitnehmer den vollen Urlaubsanspruch mangels Erfüllung der Wartezeit nicht mehr erlangen kann. Der gekürzte Vollurlaub nimmt eine Verkürzung des bereits entstandenen vollen Urlaubsanspruchs vor, wenn ein Arbeitnehmer in der ersten Hälfte eines Kalenderjahres aus dem Arbeitsverhältnis ausscheidet. Dabei stellt sich die Beendigung des Arbeitsvertrages mit dem Ablauf des 30.06. als ein Ausscheiden des Arbeitnehmers in der ersten Jahreshälfte dar. Sowohl für den echten Teilurlaub als auch für den gekürzten Vollurlaub sieht § 5 Abs. 1 BUrlG den Ansatz von 1/12 des Jahresurlaubs, nicht nur des gesetzlichen Mindesturlaubs, je vollem Monat des Bestehens des Arbeitsverhältnisses vor. Maßgeblich für diese Berechnung ist nicht die Zahl der Kalendermonate, in denen zumindest teilweise eine Arbeitsleistung erbracht wurde, sondern die Zahl der vollen Beschäftigungsmonate von dem Beginn bis zu der Beendigung des Arbeitsvertrages. Der Urlaub ist durch den Arbeitgeber zu gewähren, sodass die konkrete zeitliche Festlegung des Urlaubs einseitig durch den Arbeitgeber erfolgt. Ein Urlaub muss vor seinem Antritt durch den Arbeitgeber gewährt worden sein, sodass eine nachträgliche Anrechnung von Zeiten der Nichtbeschäftigung auf den Urlaub nicht möglich ist. Bei der Festlegung des Urlaubs hat der Arbeitgeber zahlreiche Gesetzesschranken zu beachten, die bewirken, dass 19 www.AnwaltVoss.de der Arbeitnehmer grundsätzlich die Berücksichtigung seiner Urlaubswünsche verlangen kann. Der Arbeitgeber hat zunächst nach §§ 1, 7 Abs. 3 S. 1 BUrlG zu berücksichtigen, dass der Urlaub grundsätzlich im jeweiligen Kalenderjahr gewährt wird. Nur dringende betriebliche oder in der Person des Arbeitnehmers liegende Gründe rechtfertigen nach § 7 Abs. 3 S. 2 BUrlG eine Übertragung des Urlaubs auf das nachfolgende Kalenderjahr, in dem der Urlaub nach § 7 Abs. 3 S. 3 BUrlG sodann bis zum Ablauf des 31.03. genommen worden sein muss. Gewährt der Arbeitgeber den Urlaub vor dem Ablauf des Kalenderjahres bzw. dem Ablauf des Übertragungszeitraumes nicht, obwohl ihm dies möglich war, tritt mit dem Zeitablauf an die Stelle des ursprünglichen Urlaubsanspruchs ein Schadenersatzanspruch in der Form eines Urlaubsanspruchs in gleicher Höhe. Da der Arbeitgeber jedoch nicht verpflichtet ist, den Urlaub von sich aus anzubieten, schuldet er keinen Schadensersatz in der Form eines Urlaubsanspruchs, wenn der Arbeitnehmer seinen Urlaub nicht rechtzeitig eingefordert hat. Ferner hat der Arbeitgeber nach § 7 Abs. 1 S. 1 BUrlG die Urlaubswünsche des Arbeitnehmers zu berücksichtigen, die nur zurücktreten, soweit im Rahmen einer umfassenden Interessenabwägung dringende betriebliche Interessen des Arbeitgebers oder sozial vorrangige Urlaubswünsche anderer Arbeitnehmer vorhanden sind. Dringende betriebliche Belange können insbesondere bei Saisonarbeiten oder bei festen Betriebsferien, während derer der gesamte Betrieb stillgelegt wird, gegeben sein. Bei entgegenstehenden Urlaubswünschen anderer Arbeitnehmer, die aus dringenden betrieblichen Gründen nicht gleichzeitig erfüllt werden können, ist insbesondere anhand des Alters, der Dauer der Betriebszugehörigkeit, der Zahl der schulpflichtigen Kinder und der Berufstätigkeit des Ehegatten eine Bewertung vorzunehmen. Der Arbeitgeber hat den Urlaub nach § 7 Abs. 2 S. 1 BUrlG schließlich zusammenhängend zu gewähren, sofern nicht dringende betriebliche oder in der Person des Arbeitnehmers liegende Gründe dies ausschließen. In jedem Fall muss einer der Urlaubsteile nach § 7 Abs. 2 S. 2 BUrlG mindestens zwölf aufeinander folgende Werktage umfassen, um dem Erholungszweck des Urlaubs gerecht zu werden. Eine Urlaubsgewährung entfaltet sowohl für den Arbeitgeber als auch für den Arbeitnehmer eine Bindungswirkung. Eine Änderung des einmal durch den Arbeitgeber festgelegten Urlaubs ist nur noch durch eine einvernehmliche Regelung zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer möglich. Nur in zwingenden Notfällen ist der Arbeitgeber berechtigt, den festgelegten Urlaubszeitraum einseitig zu verändern, insbesondere den Urlaubsabbruch durch den Arbeitnehmer zu verlangen. Solche zwingenden Notfälle lassen sich jedoch nicht bereits mit einem plötzlichen, unvorhergesehenen Arbeitsanfall rechtfertigen, vielmehr muss für den Betrieb eine Gefahrensituation vorhanden sein, die einen anderen Ausweg nicht 20 www.AnwaltVoss.de mehr zulässt. Die mit einem Nichtantritt oder einem Abbruch des Urlaubs verbundenen Kosten fallen dem Arbeitgeber zur Last. Die Zeiten der krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit, die während des Urlaubs auftreten und durch eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nachgewiesen werden, sind nach § 9 BUrlG nicht auf den Urlaub anzurechnen. Der gesetzliche Mindesturlaub beträgt nach § 3 Abs. 1 BUrlG mindestens 24 Werktage im Kalenderjahr. Als Werktage sind nach § 3 Abs. 2 BUrlG alle Kalendertage zur berücksichtigen, die keine Sonntage und keine gesetzlichen Feiertage sind, sodass der gesetzliche Mindesturlaub von einer 6-Tage-Woche ausgeht. Das bedeutet, dass ohne eine andersartige Regelung der Arbeitsvertragsparteien auch bei einer 5-Tage-Woche die Samstage auf den Urlaubsanspruch anzurechnen sind. Liegt dem Arbeitsverhältnis keine 6Tage-Woche zu Grunde, ist der gesetzliche Mindesturlaub an die geringere Arbeitszeit anzupassen, indem die Werktage und die Arbeitstage rechnerisch zueinander in Beziehung gesetzt werden. Von diesem Urlaubsumfang kann nach § 13 Abs. 1 S. 1 BUrlG weder einzelvertraglich noch kollektivvertraglich zu Ungunsten des Arbeitnehmers abgewichen werden. Da eine Verlängerung des Urlaubsanspruch jedoch nicht ausgeschlossen ist, wird dieser häufig durch den vertraglichen Mehrurlaub über das gesetzliche Mindestmaß hinaus verlängert. Der Urlaubsanspruch ist nach § 7 Abs. 3 S. 1, 3 BUrlG befristet. Danach ist der Arbeitnehmer gehalten den Urlaub grundsätzlich bis zum Ablauf des 31.12. eines jeden Kalenderjahres zu nehmen, um dessen Verfall zu vermeiden. Nur soweit dringende betriebliche oder in der Person des Arbeitnehmers liegende Gründe eine Urlaubsübertragung nach § 3 Abs. 3 S. 2 BUrlG in das Folgejahr rechtfertigen, ist dieser bis zum Ablauf des 31.03. des Folgejahres in Anspruch zu nehmen, um ein Erlöschen des Urlaubsanspruchs zu vermeiden. Selbst bei einer Erkrankung des Arbeitnehmers, die eine Übertragung des Urlaubs in das Folgejahr begründen kann, tritt ein Urlaubsverfall jedoch spätestens mit dem Ablauf des 31.03.des Folgejahres ein. Das Arbeitsentgelt ist nach §§ 1, 11 Abs. 1 S. 1 BUrlG während des Urlaubs fortzuzahlen. Zur Berechnung des Urlaubsentgelts ist das Arbeitsentgelt zu Grunde zu legen, das der Arbeitnehmer in den letzten 13 Wochen vor dem Beginn des Urlaubs erhalten hat, doch können besondere Umstände nach § 11 Abs. 1 S. 2, 3 BUrlG berücksichtigungsfähig sein. Das Urlaubsentgelt ist nach § 11 Abs. 2 BUrlG vor dem Antritt des Urlaubs auszuzahlen. 21 www.AnwaltVoss.de Eine Abgeltung des Urlaubs ist nach § 7 Abs. 4 BUrlG nur möglich, wenn der Urlaub wegen einer Beendigung des Arbeitsvertrages nicht mehr in Anspruch genommen werden kann. In diesem Falle tritt an die Stelle des bereits entstandenen, aber nicht mehr erfüllbaren Urlaubsanspruchs als Surrogat der Urlaubsabgeltungsanspruch, der nach seiner Rechtsnatur mit dem ursprünglichen Urlaubsanspruch identisch ist. Dies bedeutet, dass die Urlaubsabgeltung nur verlangt werden kann, soweit der Urlaub bei einem unterstellten Fortbestand des Arbeitsverhältnisses noch hätte geltend gemacht werden können. Ist der Arbeitnehmer aus dem Arbeitsverhältnis ausgeschieden und bis zum Ablauf des 31.12. bzw. 31.03. arbeitsunfähig erkrankt, so hat er keinen Urlaubsabgeltungsanspruch, denn wegen des Verfalls des Urlaubs nach § 7 Abs. 3 S. 1, 3 BUrlG hätte er diesen auch bei einem Fortbestand des Arbeitsvertrages nicht mehr einfordern können. Ist der Arbeitnehmer aus dem Arbeitsverhältnis ausgeschieden und hat er den Urlaubsabgeltungsanspruch nicht bis zum Ablauf des 31.12. bzw. 31.03 gegenüber dem Arbeitgeber geltend gemacht, so tritt ein Verfall ein, denn auch die Urlaubsgewährung hätte von dem Arbeitnehmer rechtzeitig beantragt werden müssen. 10 Elternzeit Die Elternzeit setzt nach § 15 Abs. 1 S. 1 BEEG voraus, dass der Arbeitnehmer mit einem Kind in einem Haushalt lebt und dieses Kind selbst betreut und erzieht. Dabei kommen nicht nur leibliche Kinder zur Begründung der Elternzeit in Betracht, vielmehr sieht § 15 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 BEEG eine Erweiterung auch auf „angenommene“ Kinder vor. Begrenzt wird der Anspruch auf eine Elternzeit nach § 15 Abs. 2 S. 1 BEEG grundsätzlich bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres des Kindes. Nach § 15 Abs. 2 S. 4 Hs. 1 BEEG kann nur mit Zustimmung des Arbeitgebers oder nach § 15 Abs. 2 S. 5 Hs. 1 BEEG kann nur im Falle einer Adoption ausnahmsweise eine Elternzeit bis zur Vollendung des achten Lebensjahres geltend gemacht werden. Eine Elternzeit hat der Arbeitnehmer nach § 16 Abs. 1 S. 1 BEEG spätestens sieben Wochen vor ihrem Antritt schriftlich von dem Arbeitgeber zu verlangen. Ohne dass die Elternzeit noch von dem Arbeitgeber gewährt werden müsste, ist der Arbeitnehmer bei Vorliegen der Voraussetzungen des Elternzeitanspruchs berechtigt, der Arbeit mit dem Elternzeitbeginn fortzubleiben. Damit unterscheidet sich die Elternzeit von dem Erholungsurlaub, der von dem Arbeitnehmer nicht einseitig genommen werden darf, sondern stets der Gewährung durch den Arbeitgeber bedarf. Gleichzeitig mit der Geltendmachung 22 www.AnwaltVoss.de eines Anspruchs auf Elternzeit hat der Arbeitnehmer nach § 16 Abs. 1 S. 1 BEEG mitzuteilen, für welche Zeiträume er die Elternzeit in Anspruch nehmen will. So mag es sein, dass die Elternteile sich die Inanspruchnahme der Elternzeit teilen, indem sie sich innerhalb der Grenzen des § 16 Abs. 1 S. 5 BEEG bei der Betreuung und Erziehung des Kindes abwechseln. An eine Erklärung über die Dauer und Lage der Elternzeit ist der Arbeitnehmer grundsätzlich gebunden, sodass nach § 16 Abs. 3 S. 1 BEEG nur durch eine Vereinbarung mit dem Arbeitgeber eine Verkürzung oder Verlängerung der Elternzeit bewirkt werden kann. Ferner kann nach § 16 Abs. 3 S. 4 BEEG durch den Arbeitnehmer einseitig eine Verlängerung der Elternzeit verlangt werden, wenn ein geplanter Wechsel in der Kindesversorgung durch die Elternteile aus wichtigem Grund nicht erfolgen kann. Die Elternzeit beträgt maximal drei Jahre. Grundsätzlich endet die Elternzeit auf Grund ihrer Begrenzung auf maximal drei Jahre damit spätestens einen Tag vor dem dritten Geburtstag des Kindes. Die Hauptleistungspflichten aus einem Arbeitsvertrag sind während einer Elternzeit suspendiert. Der Arbeitnehmer schuldet keine Arbeitsleistung, während der Arbeitgeber nicht zur Entgeltzahlung verpflichtet ist. Die Nebenpflichten aus dem Arbeitsverhältnis werden durch die Elternzeit jedoch nicht berührt, sodass diese auch während der Elternzeit fortwirken. Eine Teilzeitbeschäftigung bei seinem Arbeitgeber darf der Arbeitnehmer nach § 15 Abs. 4 S. 1 BEEG auch während der Elternzeit bis zur Dauer von 30 Wochenstunden ausüben. Eine sonstige Erwerbstätigkeit ist ihm nach § 15 Abs. 4 S. 3 BEEG jedoch nur mit einer Zustimmung seines Arbeitgebers erlaubt, wobei der Arbeitgeber nach § 15 Abs. 4 S. 4 BEEG die Versagung der Erlaubnis schriftlich innerhalb von vier Wochen mit entgegenstehenden dringenden Betriebsinteressen zu begründen hat. Eine Elternzeit kann nach § 17 Abs. 1 S. 1 BEEG auf den Erholungsurlaub angerechnet werden, indem der Erholungsurlaub für jeden vollen Monat der Elternzeit um 1/12 zu kürzen ist. Den vor einer Elternzeit entstandenen, aber nicht gewährten Erholungsurlaub hat der Arbeitgeber nach § 17 Abs. 2 BEEG im laufenden oder im nächsten Urlaubsjahr nach der Beendigung der Elternzeit nachzugewähren. Den Erholungsurlaub, den der Arbeitnehmer vor einer Elternzeit zu viel genommen hat, hat er sich nach § 17 Abs. 4 BEEG auf den Erholungsurlaub nach der Beendigung der Elternzeit anrechnen zu lassen. 23 www.AnwaltVoss.de 11 Nebenpflichten des Arbeitnehmers 11.1 Anzeige / Nachweis der krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit Ein Arbeitnehmer ist nach § 5 Abs. 1 S. 1 EFZG verpflichtet, dem Arbeitgeber die krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit und deren voraussichtliche Dauer unverzüglich mitzuteilen. Darüber hinaus ist er nach § 5 Abs. 1 S. 2 EFZG gehalten, dem Arbeitgeber unter bestimmten Voraussetzungen eine ärztliche Bescheinigung über das Bestehen der krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit und deren voraussichtliche Dauer vorzulegen. Regelmäßig am ersten Arbeitsunfähigkeitstag in den ersten Betriebsstunden hat die Anzeige der Arbeitsunfähigkeit durch den Arbeitnehmer oder einen Dritten, insbesondere einen Familienangehörigen, zu erfolgen. Dabei kommt es für die Rechtzeitigkeit einer Arbeitsunfähigkeitsmitteilung nicht auf die Abgabe durch den Arbeitnehmer, sondern auf den Zugang bei dem Arbeitgeber an. Eine besondere Form ist bei der Mitteilung über die Arbeitsunfähigkeit nicht einzuhalten, sodass diese insbesondere mündlich oder schriftlich, per Telefon oder per Telefax gemacht werden kann. Unter dem zeitlichen Aspekt wird regelmäßig jedoch nur eine mündliche oder telefonische Kontaktaufnahme mit dem Arbeitgeber den unverzüglichen Mitteilungspflichten genügen. Die Anzeige der Arbeitsunfähigkeit muss gegenüber der bei dem Arbeitgeber zuständigen Stelle, nämlich regelmäßig bei der Personalabteilung, vorgenommen werden, sodass die Mitteilung gegenüber einem Vorarbeiter nicht ausreichend ist. Inhaltlich hat der Arbeitnehmer nur über die Arbeitsunfähigkeit an sich und deren voraussichtliche Dauer zu informieren, nicht jedoch über die Art der Erkrankung. Nur in besonderen Ausnahmefällen, etwa zum Schutz der übrigen Arbeitnehmer vor ansteckenden Krankheiten, ist er verpflichtet, den Arbeitgeber weitergehend zu unterrichten. Die Mitteilung der voraussichtlichen Dauer der Arbeitsunfähigkeit erfordert von dem Arbeitnehmer eine Selbstdiagnose, die er zu äußern hat. Er darf nicht zunächst die Diagnose eines Arztes abwarten, da der Arbeitgeber ein Interesse an einer unverzüglichen Information hat. Dauert eine Arbeitsunfähigkeit länger als drei Tage muss der Arbeitnehmer eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen. Diese muss spätestens am „darauf folgenden Arbeitstag“, nämlich am vierten Arbeitstag, vorgelegt werden, sodass bei einer Arbeitsunfähigkeit, die weniger als vier Tage andauert, keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorzulegen ist. Allerdings ist der Arbeitgeber nach § 5 Abs. 1 S. 3 EFZG ohne jede Begründung berechtigt, bereits für den ersten Arbeitsunfähigkeitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu verlangen; ein solches Begehren kann der Arbeitnehmer auch bereits antizipiert in dem Arbeitsvertrag stellen. Für eine Folgeerkrankung, durch die die ursprünglich prognostizierte Dauer der Arbeitsunfähigkeit 24 www.AnwaltVoss.de verlängert wird, treffen den Arbeitnehmer wiederum die Verpflichtungen nach § 5 Abs. 1 S. 1, 2 EFZG. Zwar wird in § 5 Abs. 1 S. 4 EFZG nur die Pflicht zur erneuten Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung statuiert, doch ergibt sich aus dem Zweck der Anzeigeverpflichtung auch deren nochmalige Erforderlichkeit. 11.2 Meldung von Betriebsstörungen Ein Arbeitnehmer hat Störungen des Betriebsablaufes, insbesondere befürchtete oder eingetretene Schäden, zu melden. Diese Verpflichtung findet ihre Grenze jedoch an einer Eigen- und / oder Fremddenunziation. Zunächst ist ein Arbeitnehmer nicht gehalten, sich selbst zu bezichtigen. Ferner hat er dem Arbeitgeber die Schädigung durch einen anderen Arbeitnehmer nur mitzuteilen, wenn ihm entweder allgemein die Überwachung der anderen Arbeitnehmer übertragen ist oder wenn sich die schädigende Handlung in dem Aufgabenbereich ereignet, der dem Arbeitnehmer anvertraut ist, sowie eine Wiederholungsgefahr besteht. 11.3 Nebentätigkeit Die Ausübung einer Nebentätigkeit ist dem Arbeitnehmer grundsätzlich erlaubt. Die Ausübung einer Nebentätigkeit durch den Arbeitnehmer darf jedoch nicht die Belange des Arbeitgebers beeinträchtigen. Eine Nebentätigkeit, die mit der dem Arbeitgeber geschuldeten Arbeitsleistung zeitlich oder sachlich unvereinbar ist, ist dem Arbeitnehmer verwehrt. Eine Nebentätigkeit darf nicht während der Arbeitszeit ausgeübt werden. Darüber hinaus darf sie den Arbeitnehmer nicht so in Anspruch nehmen, dass er nicht mehr in der Lage ist, seine Pflichten gegenüber dem Arbeitgeber ordnungsgemäß zu erfüllen; insbesondere hat der Arbeitnehmer eine Überbeanspruchung seiner Körper- und Geisteskräfte zu vermeiden. Dies gilt auch für eine Nebentätigkeit, die mit einem gesellschaftlichen oder politischen Engagement im Zusammenhang steht und dem Arbeitgeber neue Geschäftskontakte vermitteln könnte. Höchstarbeitszeit Eine des Nebentätigkeit darf Arbeitszeitgesetzes nicht führen, zu da einer die Überschreitung der Arbeitszeiten aller Arbeitsverhältnisse nach § 2 Abs. 1 S. 1 Hs. 2 ArbZG zusammenzurechnen sind. Eine Nebentätigkeit darf keine Wettbewerbssituation und keinen Widerspruch zu dem Arbeitgeber hervorrufen. Dem Arbeitnehmer ist eine Nebentätigkeit während des Erholungsurlaubs nach § 8 BUrlG untersagt. Der Arbeitgeber ist nicht berechtigt, in einem Arbeitsvertrag ein allgemeines Nebentätigkeitsverbot mit dem Arbeitnehmer zu vereinbaren. Ein allgemeines Nebentätigkeitsverbot beschränkt sich darauf, dass dem Arbeitnehmer nur eine solche 25 www.AnwaltVoss.de Nebentätigkeit untersagt ist, an deren Unterlassung der Arbeitgeber ein berechtigtes Interesse hat. Der Arbeitgeber ist jedoch befugt, die Aufnahme einer Nebentätigkeit in einem Arbeitsvertrag von einer arbeitnehmerseitigen Anzeige oder einer arbeitgeberseitigen Zustimmung abhängig zu machen. Die Anzeigepflicht ist von dem Arbeitnehmer auch dann zu beachten, wenn er gegenüber dem Arbeitgeber einen Anspruch auf die Zustimmung zu der Nebentätigkeit hat. Die Zustimmung zu einer Nebentätigkeit hat der Arbeitgeber zu erklären, wenn seine Interessen zeitlich und sachlich durch die Nebentätigkeit nicht beeinträchtigt werden. 11.4 Verschwiegenheit Die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers umfasst zunächst nur solche Verhältnisse des Arbeitgebers, an deren Geheimhaltung dieser ein berechtigtes Interesse hat. Dies können insbesondere Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse sein, deren Verrat nach § 17 Abs. 1 S. 1 UWG mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren geahndet werden kann. Weitergehend ist der Arbeitnehmer nicht zum Stillschweigen über die Verhältnisse des Arbeitgebers verpflichtet. 11.5 Wettbewerbstätigkeit Nach § 60 Abs. 1 HGB ist dem Arbeitnehmer verboten, ohne Einwilligung des Arbeitgebers während des Bestandes des Arbeitsverhältnisses eine Wettbewerbstätigkeit zu dem Arbeitgeber zu betreiben. Der Arbeitgeber kann nach § 61 Abs. 1 Hs. 1 HGB Schadenersatz verlangen, wenn der Arbeitnehmer das ihm obliegende Wettbewerbsverbot verletzt. Statt dieses Schadenersatzes kann er nach § 61 Abs. 1 Hs. 2 HGB aber auch verlangen, in die wettbewerbswidrig abgeschlossenen Geschäfte des Arbeitnehmers einzutreten. Dieses Recht bedeutet jedoch nicht, dass der Vertragspartner eines Kunden in der Weise ausgetauscht wird, dass nicht mehr der Arbeitnehmer, sondern nunmehr der Arbeitgeber der Vertragspartner des Kunden ist. Vielmehr geht es allein um die Herausgabe des Geschäftserlöses durch den Arbeitnehmer. Das Eintrittsrecht nach § 60 Abs. 1 Hs. 1 HGB kann unabhängig von einem Schadenseintritt bei dem Arbeitgeber geltend gemacht werden, sodass dieser von einem schwierigen Schadensnachweis befreit ist. Sowohl der Schadenersatzanspruch als auch das Eintrittsrecht des Arbeitgebers verjähren nach § 61 Abs. 2 HGB in drei Monaten seit der Kenntnis / Kenntnismöglichkeit des Wettbewerbsgeschäftes, spätestens in fünf Jahren seit dem Abschluss des Geschäftes. 26 www.AnwaltVoss.de 12 Entgeltzahlungspflicht Die Vergütung bestimmt sich nach § 611 Abs. 1 BGB nach den Vereinbarungen der Arbeitsvertragsparteien in dem (mündlichen oder schriftlichen) Arbeitsvertrag. Häufig richtet sich deren Höhe dabei jedoch nicht nach dem Arbeitsvertrag, sondern nach den Bestimmungen der Entgelttarifverträge. Sind der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer nach § 3 Abs. 1 TVG tarifgebunden oder ist der Vergütungstarifvertrag nach § 5 Abs. 1 S. 1 TVG für allgemeinverbindlich erklärt worden, so gelten die tariflichen Entgeltbestimmungen nach § 4 Abs. 1 TVG unmittelbar zwischen den Arbeitsvertragsparteien. Sind der Arbeitgeber oder der Arbeitnehmer demgegenüber nicht tarifgebunden und ist der Entgelttarifvertrag nicht allgemeinverbindlich, so können die Arbeitsvertragsparteien in dem Arbeitsvertrag die Anwendung eines Entgelttarifvertrages vereinbaren. Lässt sich eine arbeitsvertragliche Vergütungsvereinbarung nicht feststellen, so ist der Arbeitnehmer nach § 612 Abs. 2 BGB berechtigt, das übliche Entgelt zu verlangen. Üblich ist die in dem gleichen oder in einem ähnlichen Gewerbe an dem betreffenden Ort für die entsprechende Arbeit normalerweise gezahlte Vergütung. 12.1 Neben Anwesenheitsprämie der Vergütung verspricht der Arbeitgeber zum Teil die Zahlung einer Anwesenheitsprämie, die das Ausmaß der Fehlzeiten des Arbeitnehmers möglichst gering halten soll. Die Berücksichtigung von krankheits- und mutterschutzbedingten Fehlzeiten im Rahmen der Ermittlung einer Anwesenheitsprämie ist nicht unproblematisch. Zwar kann ein Arbeitgeber, der dem Arbeitnehmer eine freiwillige Leistung neben dem Arbeitsentgelt zukommen lässt, deren Inhalt grundsätzlich frei bestimmen, doch stößt er damit zugleich an die den Arbeitnehmer schützenden Grenzen des Entgeltfortzahlungsgesetzes sowie des Mutterschutzgesetzes. Das Bundesarbeitsgericht lässt auch bei krankheits- und mutterschutzbedingten Fehlzeiten ein Kürzung der Anwesenheitsprämie zu, soweit die Kürzungsrate den Interessen sowohl des Arbeitgebers als auch des Arbeitnehmers gerecht wird; im Regelfall ist bei einer jährlich auszuzahlenden Anwesenheitsprämie eine Kürzungsrate von 1/60 je Ausfalltag als die beiderseitigen Interessen ausreichend berücksichtigend bewertet worden, während in einer Betriebsvereinbarung ohne einen Verstoß gegen § 75 Abs. 1 S. 1 BetrVG auch eine Kürzungsrate von 1/30 je Fehltag als zulässig angesehen wurde. Diese Rechtsprechung ist in §§ 4 b EFZG aF, 4 a EFZG zwar nur zum Teil übernommen worden, jedoch ist damit eine vertraglich vereinbarte Kürzung der Anwesenheitsprämie wegen krankheitsbedingter Fehlzeiten anerkannt worden, indem das im 27 www.AnwaltVoss.de Jahresdurchschnitt täglich erzielte Arbeitsentgelt je Arbeitsunfähigkeitstag um 1/4 gekürzt werden darf. 12.2 Gratifikation Ein Arbeitnehmer hat gegen den Arbeitgeber keinen allgemeinen Anspruch auf die Gewährung einer Gratifikation. Neben dem Arbeitsvertrag, den Tarifverträgen und den Betriebsvereinbarungen kann sich ein Anspruch auf eine Gratifikation aus den Rechtsinstituten der betrieblichen Übung und der allgemeinen Gleichbehandlung ergeben. Grundsätzlich zulässig ist eine Verbindung der Gratifikationszusage mit einer Rückzahlungsklausel, nach der der Arbeitnehmer die Gratifikation zurückzugewähren hat, wenn er vor einem bestimmten Zeitpunkt aus dem mit dem Arbeitgeber bestehenden Arbeitsverhältnis ausscheidet. Für einzelvertraglich vereinbarte Rückforderungsklauseln hat das Bundesarbeitsgericht die nachfolgenden Grundsätze aufgestellt: 1. Eine Gratifikation, die den Betrag von 200,00 DM (100,00 €) nicht übersteigt, rechtfertigt keine Bindung des Arbeitnehmers. 2. Eine Gratifikation, die mehr als 200,00 DM (100,00 €) und weniger als eine Monatsvergütung ausmacht, rechtfertigt eine Bindung des Arbeitnehmers bis zum 31.03. des Folgejahres. 3. Eine Gratifikation, die eine Monatsvergütung ausmacht, ist nach der Anzahl der Kündigungsmöglichkeiten des Arbeitnehmers bis zum 31.03. des darauf folgenden Jahres zu beurteilen. Hat der Arbeitnehmer bis zu diesem Datum nur eine Kündigungsmöglichkeit, so ist es ihm zuzumuten, diese auszulassen. Hat der Arbeitnehmer bis zum 31.03. des Folgejahres mehrere Kündigungsmöglichkeiten, so ist es ihm zuzumuten, den Betrieb erst nach diesem Datum zum nächstmöglichen Termin zu verlassen. 4. Eine Gratifikation von mehr als einer Monatsvergütung und weniger als zwei Monatsvergütungen rechtfertigt eine Bindung des Arbeitnehmers bis zum 30.06. des Folgejahres. Für tarifvertragliche Rückzahlungsklauseln ist eine weitergehende Bindung des Arbeitnehmers zulässig. 12.3 Aus- / Fortbildungsbeihilfe Eine Aus- / Fortbildungsbeihilfe wird von dem Arbeitgeber gewährt, um qualifizierte Arbeitskräfte zu erhalten. Dies geschieht regelmäßig in der Erwartung, dass er nach der Beendigung der Aus- / Fortbildung die Arbeitskraft des Arbeitnehmers für einen gewissen Zeitraum tatsächlich nutzen kann, sodass er mit dem Arbeitnehmer regelmäßig die Rückzahlung der Aus- / Fortbildungsbeihilfe für den Fall vereinbart, dass der Arbeitnehmer die Arbeitstätigkeit nicht aufnimmt oder vor dem Ablauf einer bestimmten Zeit aus dem 28 www.AnwaltVoss.de Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitgeber ausscheidet. Zwar ist die Vereinbarung einer solchen Rückzahlungsklausel grundsätzlich möglich, doch ist eine Abwägung der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen vorzunehmen28. Diese hat sich insbesondere an dem durch die Aus/ Fortbildung begründeten Vorteil des Arbeitnehmers, der Dauer der Aus- / Fortbildungsmaßnahme, der Dauer der Bindung des Arbeitnehmers sowie der Höhe des Rückzahlungsbetrages zu orientieren. Entscheidend ist zunächst, ob sich die Berufs- / Verdienstaussichten des Arbeitnehmers auf dem Arbeitsmarkt verbessert haben. Eine Kostenbeteiligung ist dem Arbeitnehmer umso eher zuzumuten, je größer der mit der Aus- / Fortbildung verbundene berufliche Vorteil für ihn ist29. Andererseits scheidet eine Beteiligung des Arbeitnehmers an den Aus- / Fortbildungskosten in der Regel aus, wenn die Interessen des Arbeitnehmers an der Maßnahme im Vergleich zu denen des Arbeitgebers gering sind. Dies kann der Fall sein, wenn die Aus- / Fortbildung im Wesentlichen auf die Bedürfnisse des Arbeitgebers, insbesondere dessen Interessen im Rahmen der eigenen 30 Betriebsorganisation, ausgerichtet ist . 13 Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall Ein Anspruch auf Entgeltfortzahlung ist nach § 3 Abs. 1 S. 1 EFZG gegeben, wenn ein Arbeitnehmer durch Arbeitsunfähigkeit infolge Krankheit an seiner Arbeitsleistung verhindert ist, ohne dass ihn ein Verschulden trifft. Dies setzt nach § 3 Abs. 3 EFZG jedoch voraus, dass das Arbeitsverhältnis bereits seit vier Wochen ununterbrochen besteht; auf diese Wartezeit ist auch eine dem Arbeitsverhältnis vorausgegangene Berufsausbildungszeit anzurechnen31. Eine Krankheit ist gegeben, wenn ein regelwidriger körperlicher oder geistiger Zustand vorliegt, der der Heilbehandlung bedarf. Zunächst ist die Arbeitsunfähigkeit durch eine Krankheit bedingt, wenn es dem Arbeitnehmer auf Grund der Erkrankung nicht möglich ist, die nach dem Arbeitsvertrag geschuldete Arbeitsleistung zu erbringen. Ferner bedingt eine Krankheit die Arbeitsunfähigkeit, wenn der Arbeitnehmer die Arbeitsleistung nur mit der Gefahr erbringen könnte, dass sich sein Zustand in absehbarer naher Zukunft verschlimmert. Letzteres ist auch anzunehmen, wenn er zur Zeit zwar noch arbeitsfähig ist, ohne 28 BAG – Urteil vom 05.12.2002 – 6 AZR 539/01; BAG – Urteil vom 25.04.2001 – 5 AZR 509/99; BAG – Urteil vom 06.05.1998 – 5 AZR 535/97 29 BAG – Urteil vom 05.12.2002 – 6 AZR 539/01 30 BAG – Urteil vom 05.12.2002 – 6 AZR 539/01 31 BAG – Urteil vom 20.08.2003 – 5 AZR 436/02 29 www.AnwaltVoss.de vorbeugende Heilbehandlung aber in Kürze mit einer Erkrankung des Arbeitnehmers gerechnet werden muss. Allein der Umstand, dass der Arbeitnehmer auf Grund einer Erkrankung den Arbeitsweg nicht zurücklegen kann, begründet dagegen keine Arbeitsunfähigkeit. Eine durch Krankheit bedingte Arbeitsunfähigkeit wird nicht dadurch ausgeschlossen, dass der Arbeitnehmer trotz der Erkrankung noch in der Lage ist, seine Arbeitspflicht teilweise zu erfüllen. Den Nachweis einer krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit hat der Arbeitnehmer zu führen, den er zunächst mit der Vorlage einer ärztlichen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung führt. Diesen Nachweis kann der Arbeitgeber nur dadurch erschüttern, dass er Umstände darlegt und beweist, die Anlass zu ernsthaften Zweifeln an der Arbeitsunfähigkeit geben. Ernsthafte Zweifel können sich aus der Ausstellung oder dem Inhalt einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ergeben. Sowohl die Ausstellung eines Attests aus Gefälligkeit als auch die Erstellung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ohne eine vorherige Untersuchung des Arbeitnehmers lassen ernsthafte Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit aufkommen. Eine Rückdatierung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erscheint in diesem Zusammenhang ebenfalls als auffällig. Die Anordnung einer Therapie, die für die gestellte Diagnose ungewöhnlich ist, lässt ernsthafte Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit ebenso entstehen wie die Nichtberücksichtigung der von dem Arbeitnehmer zu leistenden Arbeit bei der vorzunehmenden Bewertung. Ernsthafte Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit können sich aus den Erklärungen oder dem Verhalten des Arbeitnehmers ergeben. Insoweit spielt insbesondere die Androhung der Erkrankung für den Fall einer Urlaubsverweigerung eine besondere Rolle. Ernsthafte Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit können sich aus einem Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen ergeben, den der Arbeitgeber nach § 275 Abs. 1 a S. 3, Abs. 1 Nr. 3 b SGB V bei Zweifeln an einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung einschalten kann. Die Umstände, die zur Einschaltung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen führen können, sind beispielhaft in § 275 Abs. 1 a S. 1 SGB V aufgeführt. Gelingt es einem Arbeitgeber den Nachweiswert einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu erschüttern, so obliegt es nunmehr erneut dem Arbeitnehmer den Nachweis der Arbeitsunfähigkeit auf eine andere Art und Weise zu führen. Hierzu kann er sich insbesondere auf das Zeugnis des ihn behandelnden Arztes beziehen. Nach § 3 Abs. 1 S. 1 EFZG entfällt die Entgeltfortzahlung, wenn den Arbeitnehmer ein Verschulden an der krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit trifft. Dies ist im Sinne eines Verschuldens gegen sich selbst zu verstehen, sodass ein Verschulden gegeben ist, wenn 30 www.AnwaltVoss.de die Erkrankung auf einem gröblichen Verstoß gegen das von einem verständigen Menschen im eigenen Interesse zu erwartende Verhalten beruht. Ein Verkehrsunfall, der auf ein grob fahrlässiges Verhalten des Arbeitnehmers zurückzuführen ist, führt zum Ausschluss der Entgeltfortzahlung. Grobe Fahrlässigkeit ist diesbezüglich beim Nichtanlegen des Sicherheitsgurtes und bei der Benutzung eines nicht verkehrstauglichen Fahrzeuges angenommen worden. Ein Sportunfall führt zum Wegfall der Entgeltfortzahlung, wenn es sich um eine besonders gefährliche Sportart handelt. Eine solche ist gegeben, wenn das Verletzungsrisiko bei objektiver Betrachtung so groß ist, dass auch ein gut ausgebildeter Sportler bei sorgfältiger Beachtung aller Regeln auftretende Risiken nicht vermeiden kann und sich damit unbeherrschbaren Gefahren aussetzt. Während das Fußballspielen, das Fallschirmspringen und das Drachenfliegen nicht als entgeltfortzahlungsschädlich bewertet wurden, ist eine Verletzung des Arbeitnehmers, die dieser beim Amateurboxen oder beim Kick-Boxen erlitt, als von dem Arbeitnehmer verschuldet beurteilt worden. Ein Sportunfall führt ferner zum Wegfall der Entgeltfortzahlung, wenn die sportliche Betätigung in einer die persönlichen Kräfte und Fähigkeiten deutlich übersteigenden Weise oder unter einem besonders groben und leichtsinnigen Verstoß gegen die anerkannten Regeln der jeweiligen Sportart erfolgte. Den Arbeitnehmer treffen die Anzeige- und Nachweispflichten des § 5 Abs. 1 S. 1, 2 EFZG, nach denen er dem Arbeitgeber die Arbeitsunfähigkeit unverzüglich anzuzeigen und gegebenenfalls durch Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nachzuweisen hat. Ein Verstoß des Arbeitnehmers gegen diese Verpflichtungen berechtigt den Arbeitgeber nach § 7 Abs. 1 Nr. 1 EFZG, die Fortzahlung des Entgeltes bis zur Erfüllung der Anzeigebzw. Nachweispflicht durch den Arbeitnehmer zu verweigern. Die Entgeltfortzahlung hat der Arbeitgeber nach § 3 Abs. 1 S. 1 EFZG grundsätzlich für die Dauer der Arbeitsunfähigkeit zu erbringen. Diese Verpflichtung wird jedoch in mehrfacher Hinsicht zeitlich beschränkt. Zunächst ordnet § 3 Abs. 1 S. 1 EFZG an, dass die Entgeltfortzahlung auf die Dauer von sechs Wochen beschränkt ist. Ferner ergibt sich aus § 3 Abs. 1 S. 2 EFZG, dass die Dauer der erneuten Erkrankung wegen derselben Krankheit mit der Dauer der ursprünglichen Krankheit zusammenzurechnen ist, soweit nicht die dort genannten Fristen eingehalten sind. Bei der Berechnung der Entgeltfortzahlungsfrist gilt das Prinzip der Einheit des Verhinderungsfalles. Durch dieses soll sicher gestellt werden, dass der Arbeitgeber an einem Stück maximal für die Dauer von sechs Wochen zur Entgeltfortzahlung herangezogen wird. Tritt während einer ersten Erkrankung eine zweite andere Krankheit auf, so werden die beiden Erkrankungen als ein Verhinderungsfall 31 www.AnwaltVoss.de aufgefasst, sodass der Arbeitnehmer die Entgeltfortzahlung an einem Stück für die beiden Krankheiten insgesamt nur für die Dauer von sechs Wochen geltend machen kann. Schließt sich eine zweite andere Erkrankung an eine erste Krankheit an, so liegen nur dann zwei Verhinderungsfälle vor, wenn eine Unterbrechung zwischen den beiden Erkrankungen vorliegt, die voraussetzt, dass der Arbeitnehmer zwischenzeitlich wieder arbeitsfähig gewesen ist, insbesondere seine Arbeitstätigkeit zwischenzeitlich wieder aufgenommen hat. Bei der Berechnung der Entgeltfortzahlungsfrist gilt nach § 3 Abs. 1 S. 2 EFZG das Prinzip der Fortsetzungserkrankung. Danach werden die Zeiten einer erneuten Erkrankung wegen derselben Krankheit mit den Zeiten der ursprünglichen Erkrankung zusammengerechnet, soweit nicht die Fristen des § 3 Abs. 1 S. 2 Nr. 1, 2 EFZG gewahrt sind. Ist der Arbeitnehmer sechs Monate vor der Wiedererkrankung nicht an derselben Krankheit erkrankt, hat er nach § 3 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 EFZG erneut den Entgeltfortzahlungsanspruch von sechs Wochen. Wird der Arbeitnehmer wegen derselben Erkrankung erneut arbeitsunfähig, nachdem seit der ersten Arbeitsunfähigkeit wegen dieser Krankheit ein Zeitraum von zwölf Monaten abgelaufen ist, ist der Arbeitgeber nach § 3 Abs. 1 S. 2 Nr. 2 EFZG zur Entgeltfortzahlung bis zur Dauer von sechs Wochen verpflichtet; zur Berechnung dieser Frist ist auf den Beginn der einzelnen Krankheitsperioden abzustellen. Die Entgeltfortzahlung ist in ihrem Ausgangspunkt nach dem Lohnausfallprinzip zu ermitteln, nach dem für den Entgeltfortzahlungszeitraum konkret das Entgelt zu bestimmen ist, das der Arbeitnehmer ohne die Arbeitsunfähigkeit erhalten hätte. Da eine genaue Ermittlung dieses Entgeltes, gerade bei schwankenden Arbeitszeiten, jedoch nicht möglich ist, ist das Lohnausfallprinzip durch § 4 Abs. 1 EFZG modifiziert worden. Danach ist einem Arbeitnehmer das ihm bei der für ihn maßgebenden regelmäßigen Arbeitszeit zustehende Arbeitsentgelt fortzuzahlen, das üblicherweise nach den letzten 13 Wochen vor der Erkrankung berechnet wird. Dabei sind Kurzarbeit und Überstunden zu berücksichtigen, doch kann ihm Rahmen der vorzunehmenden Prognose für die Entgeltfortzahlung berücksichtigt werden, dass diese Besonderheiten während der Dauer der Entgeltfortzahlung wegfallen. So kann die Anordnung von Kurzarbeit nach § 4 Abs. 3 S. 1 EFZG oder die Anordnung von Überstunden während der Erkrankung, falls allgemein erfolgt, auch dann zu berücksichtigen sein, wenn die Arbeitszeit vor dem Krankheitsbeginn abweichend geregelt war. 14 Annahmeverzug des Arbeitgebers 32 www.AnwaltVoss.de Ein Arbeitnehmer kann nach § 615 S. 1 BGB das Entgelt auch für nicht erbrachte Arbeitstätigkeiten verlangen, wenn der Arbeitgeber mit der Annahme der Arbeitsleistung im Verzug ist. Hierbei hat sich der Arbeitnehmer nach § 615 S. 2 BGB jedoch dasjenige anrechnen zu lassen, was er infolge des Unterbleibens der Arbeitsleistung erspart oder durch die anderweitige Verwendung seiner Arbeitskraft erlangt oder böswillig zu erlangen unterlässt. Durch § 615 S. 1 BGB werden nur die Rechtsfolgen des Annahmeverzuges geregelt. Dessen Voraussetzungen bestimmen sich nach §§ 293 ff. BGB, sodass nach diesen zu beurteilen ist, ob sich der Arbeitgeber im Verzug mit der Annahme der Arbeitsleistung befindet. Ein Arbeitgeber gerät nach § 293 BGB in den Annahmeverzug, wenn er die ihm angebotene Arbeitstätigkeit des Arbeitnehmers nicht annimmt. Dieses Angebot hat der Arbeitnehmer nach § 294 BGB grundsätzlich in tatsächlicher Form vorzunehmen. Dazu muss er sich an der Arbeitsstelle einfinden, um den Arbeitgeber um die Zuweisung eines Arbeitsplatzes zu bitten. Nur ausnahmsweise ist das Erscheinen des Arbeitnehmers an der Arbeitsstelle nach § 295 S. 1 BGB nicht erforderlich, um den Annahmeverzug zu begründen. Soweit ein Arbeitgeber erklärt hat, die Arbeitstätigkeit nicht anzunehmen, oder seinen Mitwirkungspflichten nicht nachgekommen ist, ist eine mündliche Mitteilung des Arbeitnehmers, dass er seine Arbeitskraft anbiete, zur Begründung des Annahmeverzuges ausreichend. Ohne jedes Angebot der Arbeitstätigkeit kommt ein Arbeitgeber nach § 296 S. 1 BGB in den Annahmeverzug, soweit er eine nach dem Kalender bestimmte Mitwirkungshandlung nicht rechtzeitig vornimmt. Gerade für eine arbeitgeberseitige Kündigung des Arbeitsverhältnisses ergibt sich hieraus, dass der Arbeitgeber mit dem Zeitpunkt, zu dem der Arbeitsvertrag nach der Kündigung enden soll, in den Annahmeverzug gerät, ohne dass eine weitere Tätigkeit des Arbeitnehmers erforderlich ist32. Dies beruht darauf, dass der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer einen funktionsfähigen, dem Arbeitsvertrag entsprechenden Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen und zuzuweisen hat, sodass er ohne diese Tätigkeit eine nach dem Kalender bestimmte Mitwirkungshandlung im Sinne des § 296 S. 1 BGB verabsäumt. Den nach einer Kündigung eingetretenen Annahmeverzug kann der Arbeitgeber nur dadurch wieder beenden, dass er den Arbeitnehmer zur Arbeitsaufnahme auffordert und diesem wieder einen funktionsfähigen, dem Arbeitsvertrag entsprechenden Arbeitsplatz zuweist. Eine Aufforderung zur Arbeitsleistung muss der Arbeitgeber jedoch nicht tätigen, wenn er sich mit dem Arbeitnehmer vergleichsweise über die Unwirksamkeit 32 BAG – Urteil vom 24.09.2003 – 5 AZR 500/02; BAG – Urteil vom 18.01.2000 – 9 AZR 932/98; BAG – Urteil vom 09.08.1984 – 2 AZR 374/83 33 www.AnwaltVoss.de der Kündigung geeinigt hat, denn in diesem Fall hat der Arbeitnehmer mit dem Zeitpunkt der Rechtsverbindlichkeit des Vergleichs seine Arbeitskraft tatsächlich anzubieten. Zur Beendigung des Annahmeverzuges genügt die bloße Aufforderung zur Arbeitsaufnahme nicht, vielmehr muss der Arbeitgeber dabei unzweifelhaft deutlich machen, dass er die Kündigung des Arbeitsvertrages als unwirksam erachtet. Dieses Erfordernis beruht darauf, dass der Arbeitgeber nicht nur allgemein einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen hat, sondern darüber hinaus dem Arbeitnehmer auch eine ungekündigte Arbeitsstelle zuweisen muss. Dies bedeutet, dass der Annahmeverzug während eines Kündigungsschutzprozesses selbst dann nicht endet, wenn der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer für die Dauer des Kündigungsschutzprozesses vorsorglich einen befristeten Arbeitsvertrag anbietet33. Durch ein solches Angebot wird lediglich die Frage berührt, inwieweit der Arbeitnehmer verpflichtet ist, sich ein entsprechendes Einkommen nach § 615 S. 2 BGB, § 11 Nr. 2 KSchG anrechnen zu lassen. Der Annahmeverzug tritt nach § 297 BGB nicht ein, wenn ein Arbeitnehmer außer Stande ist, seine Arbeitsleistung zu erbringen. Ein solches Leistungsunvermögen tritt nicht nur bei einer objektiven Leistungsunfähigkeit, sondern auch bei einer subjektiven Leistungsunwilligkeit34 ein, sodass die subjektive Leistungsbereitschaft des Arbeitnehmers während des gesamten Annahmeverzuges gegeben sein muss. Der Annahmeverzug bewirkt nach § 615 S. 1 BGB, dass der Arbeitgeber zur Entgeltzahlung verpflichtet ist, ohne dass der Arbeitnehmer die ausgefallene Arbeitsleistung nachzuholen hat. Ein Arbeitnehmer hat sich nach § 615 S. 2 BGB, § 11 KSchG35 auf das Verzugsentgelt bestimmte Einsparungen sowie bestimmte reale oder fiktive Einkünfte anrechnen zu lassen. Die durch den Arbeitsausfall verursachten Einsparungen nach § 615 S. 2 BGB werden insbesondere durch nicht angefallene Fahrtkosten bestimmt. Die durch den Arbeitsausfall entstandenen realen Einkünfte nach § 615 S. 2 BGB, § 11 Nr. 1, 3 KSchG werden insbesondere durch die Arbeitsentgelte für andere Arbeitstätigkeiten und durch die Leistungen der Arbeitslosenversicherung bestimmt. Die durch den Arbeitsausfall entstandenen fiktiven Einkünfte nach § 615 S. 2 BGB, § 11 Nr. 2 KSchG werden insbesondere durch die böswillig unterlassenen Arbeitsentgelte aus einem anderweitigen Erwerb bestimmt. Ein böswilliges Unterlassen des anderweitigen Erwerbs ist gegeben, wenn der Arbeitnehmer ohne einen ausreichenden Grund das Angebot zumutbarer Arbeit 33 BAG – Urteil vom 24.09.2003 – 5 AZR 500/02; BAG – Urteil vom 14.11.1985 – 2 AZR 98/84 34 BAG – Urteil vom 13.07.2005 – 5 AZR 578/04 35 BAG – Urteil vom 16.06.2004 – 5 AZR 508/03 34 www.AnwaltVoss.de verhindert oder ohne einen ausreichenden Grund zumutbare Arbeit ablehnt36; dabei muss der Arbeitnehmer jeweils vorsätzlich handeln, sodass ein fahrlässiges oder ein grob fahrlässiges Verhalten zur Annahme des böswilligen Unterlassens anderweitigen Erwerbs nicht ausreichen37. Die Zumutbarkeit der anderen Arbeitsmöglichkeit bestimmt sich nach den Umständen des Einzelfalles, insbesondere dem Inhalt des bisherigen Arbeitsverhältnisses sowie der Vorbildung des Arbeitnehmers. Es ist dem Arbeitnehmer zunächst unzumutbar, ein anderweitiges Dauerarbeitsverhältnis einzugehen, da ihm dieses die Rückkehr an seinen bisherigen Arbeitsplatz erschwert. Insbesondere ist der Arbeitnehmer nicht verpflichtet, den Vermittlungsdienst der Bundesagentur für Arbeit in Anspruch zu nehmen und sich dort arbeitsuchend zu melden38. Demgegenüber ist es dem Arbeitnehmer nach einer arbeitgeberseitigen Kündigung des Arbeitsvertrages nicht generell unzumutbar, eine weitere Arbeitstätigkeit für den Arbeitgeber zu erbringen, wenn dieser ihm bis zum endgültigen Abschluss eines Kündigungsschutzverfahrens eine Weiterbeschäftigung zu denselben Arbeitsbedingungen anbietet. Die Zumutbarkeit hängt vielmehr von der Art der Kündigung und ihrer Begründung Kündigungsschutzprozess sowie ab39. dem Bei Verhalten einer des Arbeitgebers betriebsbedingten40 oder in dem bei einer personenbedingten Kündigung ist dem Arbeitnehmer die vorläufige Weiterarbeit bei seinem Arbeitgeber zu den bisherigen Arbeitsbedingungen grundsätzlich zumutbar. Während dem Arbeitgeber eine sein Direktionsrecht überschreitende Zuweisung einer anderen Arbeitstätigkeit in der Regel verwehrt ist41, kann dem Arbeitnehmer die vorläufige Ausübung derselben Tätigkeit zu einer geringeren Vergütung nach den Umständen des Einzelfalles zumutbar sein42. Eine vorläufige Weiterarbeit bei seinem Arbeitgeber ist dem Arbeitnehmer bei einer verhaltensbedingten Kündigung, insbesondere bei einer außerordentlichen Kündigung, in der Regel nicht zumutbar. Gerade die Art und die Schwere der gegen den Arbeitnehmer erhobenen Vorwürfe können der Zumutbarkeit der Weiterbeschäftigung entgegenstehen, wenn sie den Arbeitnehmer bereits erheblich in seinem Ansehen beeinträchtigt haben. Selbst bei einer außerordentlichen verhaltensbedingten Kündigung macht der Arbeitnehmer durch die Stellung eines allgemeinen Weiterbeschäftigungsantrages jedoch deutlich, dass ihm eine weitere Tätigkeit bei dem Arbeitgeber bis zum Abschluss des 36 BAG – Urteil vom 16.06.2004 – 5 AZR 508/03 37 BAG – Urteil vom 16.06.2004 – 5 AZR 508/03 38 BAG – Urteil vom 16.05.2000 – 9 AZR 203/99 39 BAG – Urteil vom 16.06.2004 – 5 AZR 508/03 40 BAG – Urteil vom 13.07.2005 – 5 AZR 578/04; BAG – Urteil vom 16.06.2004 – 5 AZR 508/03 41 BAG – Urteil vom 16.06.2004 – 5 AZR 508/03 42 BAG – Urteil vom 16.06.2004 – 5 AZR 508/03 35 www.AnwaltVoss.de Kündigungsrechtsstreits nicht unzumutbar ist43. Die Einsparungen und Einkünfte sind auf das gesamte Verzugsentgelt anzurechnen und nicht lediglich auf den Zeitabschnitt, auf den sie entfallen. 15 Nebenpflichten des Arbeitgebers Ein Arbeitsvertrag ist ein Schuldverhältnis, aus dem sich für den Arbeitgeber neben der Entgeltzahlungspflicht nach § 611 Abs. 1 BGB weitere Nebenpflichten ergeben. 15.1 Lebens- / Gesundheitsschutz Ein Arbeitgeber ist nach § 618 Abs. 1 BGB verpflichtet, dafür zu sorgen, dass der Arbeitnehmer während der Arbeitsleistung vor Gefahren für Leben oder Gesundheit geschützt wird. Diese Verpflichtung umfasst nicht nur die von einem Arbeitgeber zur Verfügung gestellten Arbeitsräume und Arbeitsmaterialien, von denen keine Lebens- / Gesundheitsgefahren ausgehen dürfen, sondern sie bezieht sich auch auf die von dem Arbeitgeber vorgegebene Arbeitsorganisation, die in einer Art und Weise auszurichten ist, dass Arbeitnehmerschädigungen vermieden werden. Der Arbeitgeber hat alle wirtschaftlich vertretbaren und ihm im Rahmen des Betriebes und der Arbeit möglichen Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen, die zum Teil durch die Arbeitsstättenverordnung, die Arbeitsstoffverordnung, das Gerätesicherheitsgesetz, das Arbeitssicherheitsgesetz und die Arbeitsschutz- und Unfallverhütungsvorschriften der Berufsgenossenschaften konkretisiert sind. Die fehlende Beachtung der Schutzmaßnahmen für Leben und Gesundheit durch den Arbeitgeber begründet zu Gunsten des Arbeitnehmers ein Leistungsverweigerungsrecht, durch das er berechtigt ist, die Arbeitsleistung ohne finanzielle Nachteile zu verweigern. Ferner begründet die Nichteinhaltung der erforderlichen Schutzvorschriften durch den Arbeitgeber einen Schadenersatzanspruch des Arbeitnehmers, der auch in § 618 Abs. 3 BGB zum Ausdruck kommt. Eine zu Gunsten des Arbeitnehmers eintretende Gefahrenverringerung kann die Zurverfügungstellung von Schutzmitteln (Kleidung, Schuhe, Helm) erfordern. Diese sind dem Arbeitnehmer kostenfrei zu überlassen und kostenfrei zu unterhalten, ohne dass der Arbeitgeber berechtigt wäre, von dem Arbeitnehmer eine teilweise oder volle Kostenbeteiligung zu verlangen. Eine Kostenbeteiligung des Arbeitnehmers ist als 43 BAG – Urteil vom 24.09.2003 – 5 AZR 500/02 36 www.AnwaltVoss.de beschränkende Vereinbarung nach § 619 BGB wegen eines Verstoßes gegen § 618 Abs. 1 BGB unwirksam. Abzugrenzen sind die Schutzmittel, insbesondere die Schutzkleidung, von der Arbeitskleidung. Grundsätzlich ist ein Arbeitgeber zur Gestellung der Arbeitskleidung nicht verpflichtet, sodass er sich grundsätzlich auch nicht an deren Kosten zu beteiligen hat. Sie ist als persönliche Aufwendung des Arbeitnehmers anzusehen, deren Verschleiß durch das von dem Arbeitgeber erbrachte Entgelt abgegolten wird. Der Arbeitgeber hat den Arbeitnehmer über die Gefahren seiner ausgeübten Tätigkeit zu informieren und ihn in den Gebrauch der vorhandenen Schutzmittel einzuweisen. Allein mit einer Information und Einweisung genügt der Arbeitgeber seinen Nebenpflichten aus § 618 Abs. 1 BGB jedoch noch nicht, denn er hat während des Bestandes eines Arbeitsverhältnisses fortlaufend darüber zu wachen, dass die Schutzmaßnahmen von den Arbeitnehmern eingehalten und die Schutzmittel von den Arbeitnehmern verwandt werden. 15.2 Persönlichkeitsschutz Der Arbeitgeber ist berechtigt, den Arbeitnehmer während seiner Arbeitstätigkeit zu überwachen. Begrenzt wird diese Berechtigung jedoch durch das Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers nach Art. 2 Abs. 1 GG, durch das eine über das normale Maß hinausgehende, insbesondere lückenlose Kontrolle am Arbeitsplatz als unzulässig bewertet wird44. Von dem Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers werden sowohl das Recht am gesprochenen Wort als auch das Recht am eigenen Bild erfasst, die u. a. die eigene Bestimmung der Aufzeichnung und der Veröffentlichung der Worte und der Bilder umfassen. Ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers ist dem Arbeitgeber nur im Rahmen der Wahrnehmung überwiegender schutzwürdiger Interessen erlaubt, die gegen die im Rahmen einer umfassenden Güterabwägung zu bewertenden Interessen des Arbeitnehmers abzugrenzen sind45. 15.3 Beschäftigungspflicht Der Arbeitnehmer ist nicht allein verpflichtet, die Arbeitsleistung zu erbringen, vielmehr hat er auch einen Anspruch auf eine dem Arbeitsvertrag entsprechende Beschäftigung durch den Arbeitgeber. Die Beschäftigungspflicht des Arbeitgebers ist an den Bestand des 44 BAG – Urteil vom 27.03.2003 – 2 AZR 51/02 45 BAG – Urteil vom 27.03.2003 – 2 AZR 51/02 37 www.AnwaltVoss.de Arbeitsverhältnisses gebunden, sodass gerade während des Laufes eines Kündigungsschutzprozesses eine nicht unerhebliche Unsicherheit in Bezug auf die Weiterbeschäftigung eines Arbeitnehmers besteht. Soweit die Kündigung eines Arbeitgebers gerechtfertigt ist, ist kein Beschäftigungsanspruch des Arbeitnehmers gegeben, während dieser besteht, soweit die Kündigung unwirksam ist. Gerade diese Unsicherheit wird jedoch erst während des Kündigungsschutzverfahrens geklärt, sodass eigentlich erst nach dessen rechtskräftigen Abschluss über den Beschäftigungsanspruch des Arbeitnehmers entschieden werden kann. Nach § 102 Abs. 5 S. 1 BetrVG hat ein Arbeitgeber den Arbeitnehmer nach einer ordentlichen Kündigung des Arbeitsverhältnisses, der der Betriebsrat fristgerecht und ordnungsgemäß widersprochen hat, bis zum rechtskräftigen Abschluss des Kündigungsschutzprozesses zu unveränderten Arbeitsbedingungen weiterzubeschäftigen. Eine Freistellung des Arbeitnehmers ist dabei nur unter den Voraussetzungen des § 102 Abs. 2 S. 2 Nr. 1 - 3 BetrVG möglich. Demgegenüber erkennt die Rechtsprechung für die ordentliche Kündigung, der der Betriebsrat nicht fristgerecht und ordnungsgemäß widersprochen hat, und für die außerordentliche Kündigung einen Beschäftigungsanspruch des Arbeitnehmers während des Kündigungsschutzverfahrens nur unter besonderen Voraussetzungen an. Danach besteht ein solcher bis zu einem der Kündigungsschutzklage stattgebenden Urteil nur, wenn die Kündigung offensichtlich unwirksam ist oder der Arbeitnehmer ein außergewöhnliches Interesse an der Weiterbeschäftigung hat46. Erst mit einem zu Gunsten des Arbeitnehmers entscheidenden Urteil, gleich in welcher Instanz, entsteht für die Dauer des Bestandes des der Kündigungsschutzklage stattgebenden Urteils eine Verpflichtung des Arbeitgebers zur Beschäftigung des Arbeitnehmers47. 15.4 Störungen am Arbeitsplatz Der Arbeitgeber hat die Verpflichtung, zu gewährleisten, dass ein Arbeitnehmer an seinem Arbeitsplatz weder von Kollegen noch von Vorgesetzten beleidigt oder belästigt wird. Dabei kann er verpflichtet sein, den Störer zu rügen, abzumahnen, zu versetzen oder zu kündigen. Eine besondere Ausprägung hat die Schutzpflicht des Arbeitgebers vor Störungen am Arbeitsplatz durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz erfahren. Dieses verfolgt nach § 1 AGG das Ziel, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse, der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion, der Weltanschauung, der Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern. Nach § 3 Abs. 3 AGG stellt eine Belästigung eine 46 BAG – Beschluss vom 27.02.1985 - GS 1/84 47 BAG – Beschluss vom 27.02.1985 - GS 1/84 38 www.AnwaltVoss.de Benachteiligung dar, wenn eine unerwünschte Verhaltensweise im Zusammenhang mit einem Diskriminierungstatbestand bezweckt oder bewirkt, dass die Würde des Belästigten verletzt und ein belastenden Umfeld geschaffen wird. Gerade eine sexuelle Belästigung kann dabei nach § 3 Abs. 4 AGG zu einer Benachteiligung führen. Nach § 12 Abs. 1 S. 1 AGG hat der Arbeitgeber den Arbeitnehmer vor Benachteiligungen am Arbeitsplatz zu schützen. Dieser Schutz ist nach § 12 Abs. 1 S. 2, § 12 Abs. 2 S. 1 AGG durch vorbeugende Maßnahmen, insbesondere Informationen und Schulungen, sowie nach § 12 Abs. 3, 4 AGG durch ahnende Maßnahmen, insbesondere Abmahnung, Umsetzung, Versetzung und Kündigung, sicherzustellen. Einem benachteiligten Arbeitnehmer steht nicht nur nach § 13 Abs. 1 S. 1 AGG ein Beschwerderecht zu, vielmehr ist er nach § 14 S. 1 AGG bei (sexuellen) Belästigungen, gegen die der Arbeitgeber nicht ausreichend einschreitet, zur Verweigerung der Arbeitsleistung berechtigt. 16 Aufhebungsvertrag Ein Arbeitsverhältnis kann durch den Abschluss eines Aufhebungsvertrages beendet werden, der nach § 623 BGB der Schriftform bedarf. Ein Aufhebungsvertrag muss weder die dem Arbeitsverhältnis zu Grunde liegenden Kündigungsfristen noch einen etwaigen allgemeinen oder besonderen Kündigungsschutz beachten; auch der Betriebsrat muss vor seinem Abschluss nicht angehört werden. Bei dem Abschluss eines Aufhebungsvertrages sind jedoch die sozialversicherungsrechtlichen Folgen zu bedenken. Gegen einen Arbeitslosen, der an der Beendigung seines Arbeitsverhältnisses mitwirkt, wird nach § 144 Abs. 1 S. 2 Nr. 1, Abs. 3 S. 1 SGB III grundsätzlich eine Sperrzeit von zwölf Wochen verhangen. Eine Sperrzeit tritt nach § 144 Abs. 1 S. 1 SGB III jedoch nicht ein, wenn der Arbeitslose für sein Verhalten einen wichtigen Grund hatte. Um die Anordnung einer Sperrzeit nach § 144 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 SGB III zu vermeiden, wird in einen Aufhebungsvertrag häufig eine Regelung aufgenommen, dass dieser auf Veranlassung des Arbeitgebers zur Vermeidung einer ansonsten ohnehin ausgesprochenen Kündigung abgeschlossen wird. Allein das Drohen einer Kündigung durch den Arbeitgeber begründet jedoch noch keinen wichtigen Grund zum Abschluss eines Aufhebungsvertrages. Nach dem Bundessozialgericht hat ein Arbeitnehmer nur dann einen wichtigen Grund zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses, wenn eine im Zeitpunkt des Abschlusses des Aufhebungsvertrages ausgesprochene Kündigung objektiv rechtmäßig gewesen wäre; insoweit liegt die Darlegungs- und Beweislast für das Bestehen des wichtigen Grundes nach § 144 Abs. 1 S. 4 SGB III bei dem Arbeitnehmer. Nach der Einführung des § 1 a KSchG nimmt die von der 39 www.AnwaltVoss.de Bundesagentur für Arbeit erlassenen Dienstanweisung zu § 144 SGB III (Rn. 144.101 – 144.103) jedoch ohne die objektive Rechtmäßigkeit der Kündigung einen wichtigen Grund zum Abschluss eines Aufhebungsvertrages an, wenn 1. eine Kündigung durch den Arbeitgeber mit Bestimmtheit in Aussicht gestellt wird, 2. die Kündigung auf betriebliche Gründe gestützt wird, 3. die Kündigung zu demselben Zeitpunkt, zu dem das Beschäftigungsverhältnis beendet wird, oder früher wirksam werden würde, 4. die Kündigung die Kündigungsfrist einhalten würde und 5. eine Abfindung von 0,5 Monatsgehältern, mindestens aber 0,25 Monatsgehälter pro Beschäftigungsjahr an den Arbeitnehmer gezahlt wird. Die Verhängung einer Sperrzeit nach § 144 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 SGB III bewirkt eine Verkürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes. Die Dauer des Anspruchs auf Arbeitslosengeld mindert sich nach § 128 Abs. 1 Nr. 4 SGB III um die Dauer einer Sperrzeit wegen Arbeitsaufgabe. Der Arbeitslosengeldanspruch ruht nach § 143 a Abs. 1 S. 1 SGB III bis zu dem Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist, soweit ein Arbeitsvertrag ohne die Einhaltung der ordentlichen Kündigungsfrist beendet worden ist und der Arbeitslose eine Entlassungsentschädigung erhalten hat. 17 Betriebsratsanhörung Ein Arbeitgeber hat den Betriebsrat nach § 102 Abs. 1 S. 1 BetrVG vor jeder Kündigung anzuhören, sodass ein entsprechender Verstoß nach § 102 Abs. 1 S. 3 BetrVG zur Unwirksamkeit der Kündigung führt. Mit den Worten „vor jeder Kündigung“ stellt § 102 Abs. 1 S. 1 BetrVG auf die Abgabe der Kündigungserklärung durch den Arbeitgeber ab, während es auf den Zugang der Kündigung bei dem Arbeitnehmer grundsätzlich nicht ankommt48. Die Unwirksamkeitssanktion betrifft nicht nur solche Kündigungen, bei denen der Betriebsrat überhaupt nicht angehört wurde. Sie erfasst vielmehr auch solche Kündigungen, bei denen der Betriebsrat zwar angehört wurde, die Anhörung aber nicht ordnungsgemäß erfolgte. Der Zeitpunkt der Unterrichtung des Betriebsrates über eine Kündigungsabsicht richtet sich im Wesentlichen nach der Art der beabsichtigten Kündigung. Da einerseits der Betriebsrat nach § 102 Abs. 2 S. 1, Abs. 3 BetrVG im Falle einer ordentlichen Kündigung eine Woche Zeit hat, um schriftliche Bedenken zu äußern oder der Kündigung zu widersprechen, und andererseits der Arbeitgeber erst nach der Stellungnahme des Betriebsrates oder nach dem 48 BAG – Urteil vom 08.04.2003 – 2 AZR 515/02 40 www.AnwaltVoss.de Ablauf der 1-wöchigen Frist zum Ausspruch der Kündigung berechtigt ist, muss die Betriebsratsanhörung so frühzeitig erfolgen, dass ein Zugang der Kündigung bei dem Arbeitnehmer unter Einschluss der vollen Erklärungsfrist des Betriebsrates und unter Einhaltung der maßgeblichen Kündigungsfrist zu dem vorgesehenen Kündigungstermin noch rechtzeitig gegenüber dem Arbeitnehmer erfolgen kann. Da zum einen der Betriebsrat nach § 102 Abs. 2 S. 3 BetrVG im Falle einer außerordentlichen Kündigung seine Bedenken innerhalb von drei Tagen schriftlich äußern muss und zum anderen der Arbeitgeber die 2wöchige Ausschlussfrist des § 626 Abs. 2 S. 1 BGB zu wahren hat, muss die Anhörung des Betriebsrates spätestens am zehnten Tag nach der Kenntnis der für die Kündigung maßgeblichen Tatsachen erfolgen, um die Kündigung noch nach dem Ablauf der Anhörungsfrist am letzten Tag der Ausschlussfrist aussprechen zu können. Bei einer Betriebsratsanhörung ist der Betriebsrat anzuhören, sodass die Regelung des § 26 Abs. 3 S. 2 BetrVG zur Anwendung gelangt. Danach ist der Betriebsratsvorsitzende oder im Falle seiner Verhinderung der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende zur Entgegennahme der Anhörungserklärungen des Arbeitgebers berufen. Erfolgt eine Mitteilung der Kündigungsabsicht gegenüber einem unzuständigen Betriebsratsmitglied, so ist sie gegenüber dem Betriebsrat erst dann in wirksamer Weise abgegeben, wenn sie von dem unzuständigen Betriebsratsmitglied an den Betriebsratsvorsitzenden oder im Falle seiner Verhinderung an den stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden weitergeleitet worden ist. Der Arbeitgeber ist verpflichtet, das Anhörungsverfahren grundsätzlich während der Arbeitszeit des Betriebsratsvorsitzenden bzw. des stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden in den Betriebsräumen einzuleiten. Zwar sind diese berechtigt, auch außerhalb ihrer Arbeitszeit eine Anhörungsmitteilung des Arbeitgebers anzunehmen, doch sind sie hierzu grundsätzlich nicht verpflichtet. Nimmt der Betriebsratsvorsitzende bzw. der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende eine Anhörungsmitteilung widerspruchslos außerhalb der Arbeitszeit an, setzt dies die Äußerungsfristen des § 102 Abs. 2 S. 1, 3 BetrVG in Lauf. Der Arbeitgeber hat den betroffenen Arbeitnehmer nicht nur durch die Angabe seines Namens konkret zu bezeichnen, sondern darüber hinaus die Sozial- und Betriebsdaten des Arbeitnehmers mitzuteilen. Während die Sozialdaten im Wesentlichen durch das Geburtsdatum, den Familienstand, die Kinderzahl und die persönlichen Umstände bestimmt werden, bestimmen sich die Betriebsdaten hauptsächlich nach der Betriebszugehörigkeit und der Arbeitstätigkeit. 41 www.AnwaltVoss.de Die Informationspflicht des Arbeitgebers umfasst die Mitteilung, ob eine ordentliche oder eine außerordentliche Kündigung ausgesprochen werden soll. Will der Arbeitgeber, der eine außerordentliche Kündigung erwägt, sicherstellen, dass im Falle der Unwirksamkeit der außerordentlichen Kündigung die von ihm vorsorglich erklärte oder dahin umgedeutete ordentliche Kündigung nicht an der fehlenden Betriebsratsanhörung scheitert, muss er den Betriebsrat deutlich darauf hinweisen, dass die geplante außerordentliche Kündigung hilfsweise als ordentliche Kündigung gelten soll. Der Arbeitgeber hat ferner zu erklären, ob eine Änderungs- oder eine Beendigungskündigung geplant ist. Will er im Wege einer Änderungskündigung die Arbeitsbedingungen einseitig ändern, so hat der Arbeitgeber dem Betriebsrat das Änderungsangebot und die Gründe für die beabsichtigte Änderung der Arbeitsbedingungen mitzuteilen sowie dann, wenn er sich eine Beendigungskündigung vorbehalten und dazu eine erneute Anhörung des Betriebsrates ersparen will, zugleich zu verdeutlichen, dass er im Falle der Ablehnung des Änderungsangebotes durch den Arbeitnehmer die Beendigungskündigung beabsichtigt. Der Arbeitgeber hat eine Aussage zu der Kündigungsfrist zu tätigen. Ob die Angabe des Kündigungstermins im Anhörungsverfahren notwendig ist, ist nicht abschließend geklärt. Nach dem 7. Senat des Bundesarbeitsgerichts kann die Angabe des Endtermins einer Kündigungsfrist regelmäßig nicht verlangt werden, da nicht sicher sei, zu welchem Zeitpunkt die geplante Kündigung dem Arbeitnehmer zugehe und damit die Kündigungsfrist in Lauf setze. Der 2. Senat des Bundesarbeitsgerichts hält die Angabe der Kündigungsfrist für unverzichtbar, lässt aber nicht erkennen, ob er auch die Mitteilung des Kündigungstermins für zwingend hält. Die Kündigungsgründe hat der Arbeitgeber dem Betriebsrat mitzuteilen, d.h. er muss ihm die nach seiner Ansicht maßgeblichen Gründe für eine beabsichtigte Kündigung mitteilen. Der Arbeitgeber muss diejenigen Gründe erläutern, die nach seiner subjektiven Sicht die Kündigung rechtfertigen und für seinen Kündigungsentschluss maßgebend sind. Diese Gründe darf der Arbeitgeber aber nicht nur pauschal, schlagwortartig oder stichwortartig bezeichnen, vielmehr hat er die einen Kündigungsentschluss tragenden Tatsachen so genau zu umschreiben, dass der Betriebsrat ohne eigene, weitere Nachforschungen in die Lage versetzt wird, die Stichhaltigkeit der Kündigungsgründe zu prüfen und sich über seine mögliche Stellungnahme schlüssig zu werden. Teilt der Arbeitgeber dem Betriebsrat objektiv kündigungsrechtlich erhebliche Tatsachen nicht mit, weil er darauf eine Kündigung (zunächst) nicht stützen will oder weil er sie für seinen Kündigungsentschluss für unerheblich oder entbehrlich hält, dann ist die Betriebsratsanhörung in Bezug auf die subjektiven 42 www.AnwaltVoss.de Kündigungsgründe ordnungsgemäß. Eine in objektiver Hinsicht unvollständige Anhörung verwehrt es dem Arbeitgeber aber, im Kündigungsschutzprozess solche Kündigungsgründe nachzuschieben, die über eine Erläuterung des dem Betriebsrat mitgeteilten Kündigungssachverhaltes hinausgehen. Der Betriebsrat soll den Arbeitnehmer nach § 102 Abs. 2 S. 4 BetrVG vor der Beschlussfassung über seine Stellungnahme hören. Diese Maßnahme soll der Betriebsrat jedoch nur ergreifen, soweit dies erforderlich ist, sodass ihm bei der Beurteilung der Erforderlichkeit ein pflichtgemäßer Ermessensspielraum eingeräumt ist. Damit hat der Arbeitnehmer, mit Ausnahme einer Reduzierung des Betriebsratsermessens auf Null, praktisch keine Möglichkeit seine Anhörung durch den Betriebsrat zu erzwingen. Selbst soweit eine Entscheidung des Betriebsrates über die Anhörung des Arbeitnehmers fehlerhaft gewesen sein sollte, berührt dies die Betriebsratsanhörung nicht, die weiterhin als ordnungsgemäß zu bewerten ist. Dem pflichtgemäßen Ermessen des Betriebsrates unterfällt die Entscheidung, ob und wie er sich nach § 102 Abs. 2 S. 1 BetrVG zu einer ordentlichen Kündigung im Anhörungsverfahren äußern möchte; hierzu steht dem Betriebsrat nach § 102 Abs. 2 S. 1, Abs. 3 BetrVG eine Äußerungsfrist von einer Woche zur Verfügung. Gibt der Betriebsrat eine Stellungnahme innerhalb der Äußerungsfrist nicht ab, so gilt seine Zustimmung zu der Kündigung nach § 102 Abs. 2 S. 2 BetrVG als erteilt. Dabei ist zu beachten, dass die Erklärung des Betriebsrates, keine Stellungnahme abzugeben oder auf eine solche zu verzichten, nicht nach § 102 Abs. 2 S. 2 BetrVG zur Zustimmungsfiktion führt; die von dem Betriebsrat getätigte Erklärung stellt nämlich gerade eine Stellungnahme dar, die im Gegensatz zu einem bloßen Schweigen des Betriebsrates den Inhalt hat, dass in Bezug auf eine Kündigung weder Bedenken angemeldet werden noch widersprochen wird noch zugestimmt wird. Bedenken gegen eine Kündigung hat der Betriebsrat nach § 102 Abs. 2 S. 1 BetrVG schriftlich anzumelden, sodass nur mündlich geäußerte Bedenken keine rechtliche Relevanz haben. Der Betriebsrat kann jedwede Art von Bedenken gegenüber dem Arbeitgeber äußern, die insbesondere auch mit persönlichen oder sozialen Verhältnissen des Arbeitnehmers im Zusammenhang stehen können. Auf einen Kündigungsschutzprozess sind die Bedenken des Betriebsrates jedoch ohne jeden Einfluss, sie dienen allein dem Versuch, die Kündigungsentscheidung des Arbeitgebers zu beeinflussen. Einen Widerspruch gegen die Kündigung kann der Betriebsrat nach § 102 Abs. 3 BetrVG tätigen. Obwohl sich dies nicht ausdrücklich aus § 102 Abs. 3 BetrVG ergibt, hat auch der Widerspruch schriftlich zu erfolgen; dies wird in § 102 Abs. 4 BetrVG deutlich. Dass der Betriebsrat den Begriff 43 www.AnwaltVoss.de „Widerspruch“ ausdrücklich verwendet, ist nicht erforderlich, vielmehr genügt es, dass er Einwände gegen die Kündigung vorträgt, die er auf die Widerspruchsgründe des § 102 Abs. 3 Nr. 1 - 5 BetrVG stützt. Ein Widerspruch des Betriebsrates kann nur auf bestimmte Gründe gestützt werden, die in § 102 Abs. 3 Nr. 1 - 5 BetrVG abschließend aufgeführt sind. Als Rechtsfolge zieht ein Widerspruch des Betriebsrates die Verpflichtung des Arbeitgebers zur Übermittlung einer Abschrift des Widerspruches nach § 102 Abs. 4 BetrVG und den Anspruch des Arbeitnehmers auf Weiterbeschäftigung bis zum rechtskräftigen Abschluss des Kündigungsschutzprozesses nach § 102 Abs. 5 S. 1 BetrVG nach sich. Der Betriebsrat kann einer Kündigung zustimmen. Die Beschlussfassung des Betriebsrates im Falle einer außerordentlichen Kündigung entspricht im Wesentlichen den Reaktionsmöglichkeiten im Falle einer ordentlichen Kündigung. Zunächst ist allerdings die Äußerungsfrist nach § 102 Abs. 2 S. 3 BetrVG auf drei Tage verkürzt. Ferner besteht der Weiterbeschäftigungsanspruch des § 102 Abs. 5 S. 1 BetrVG nach einem Widerspruch des Betriebsrates nicht. Eine Betriebsratsanhörung vollzieht sich in zwei aufeinander folgenden Schritten, die nach ihren Zuständigkeits- und Verantwortungsbereichen voneinander abzugrenzen sind. Zunächst hat der Arbeitgeber die Anhörung ordnungsgemäß einzuleiten. Unterlaufen ihm hierbei Fehler, dann führt die mangelhafte Betriebsratsanhörung zur Unwirksamkeit der Kündigung nach § 102 Abs. 1 S. 3 BetrVG49, ohne dass es auf ein Verschulden des Arbeitgebers ankommt. Sodann hat der Betriebsrat sich mit der beabsichtigten Kündigung zu befassen und sich darüber schlüssig zu werden, ob und wie er auf diese reagiert. Die Fehler, die der Betriebsrat während seines Verfahrens begeht, berühren die Ordnungsmäßigkeit der Anhörung und damit die Wirksamkeit der Kündigung nicht50. 18 Kündigung Eine Kündigung muss sowohl von dem Arbeitgeber als auch von dem Arbeitnehmer nach § 623 Hs. 1 BGB schriftlich ausgesprochen werden, da sie ansonsten unwirksam ist und nicht zu einer Beendigung des Arbeitsvertrages führt. Wird die Kündigung von einer Personenmehrheit, zum Beispiel einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts, ausgesprochen, so muss die Kündigung entweder von allen Gesellschaftern unterschrieben sein oder durch 49 BAG – Urteil vom 16.01.2003 – 2 AZR 707/01 50 BAG – Urteil vom 16.01.2003 – 2 AZR 707/01 44 www.AnwaltVoss.de einen Vertretungszusatz erkennen lassen, dass die unterzeichnenden Gesellschafter auch für die nicht unterzeichnenden Gesellschafter unterschrieben haben51. Wird eine Änderungskündigung ausgesprochen, so erstreckt sich das Formerfordernis sowohl auf die Kündigung als auch auf das als Bestandteil der Kündigung erscheinende Änderungsangebot52; dabei muss das Änderungsangebot zwar ausreichend bestimmt sein, doch müssen in der Änderungskündigung nur die Arbeitsvertragsbedingungen benannt werden, die durch das Änderungsangebot verändert werden sollen53. In der elektronischen Form des § 126 a BGB kann eine Kündigung nach § 623 Hs. 2 BGB nicht ausgesprochen werden. Eine Person, deren Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis endet, ist nach § 37 b S. 1 SGB III gehalten, sich spätestens drei Monate vor der Beendigung bei der Agentur für Arbeit arbeitsuchend zu melden. Dabei ergibt sich aus § 37 b S. 5 SGB III, dass nur außerbetriebliche Ausbildungsverhältnisse von der Meldepflicht umfasst werden, da bei betrieblichen Ausbildungsverhältnissen die Möglichkeit der Begründung eines Arbeitsverhältnisses mit dem Ausbildungsbetrieb gegeben ist, über die in der Regel erst nach dem Bestehen der Abschlussprüfung entschieden wird. Sofern der Zeitraum zwischen der Kenntnis von der Beendigung des Arbeits- oder Ausbildungsverhältnisses und der Beendigung weniger als drei Monate beträgt, hat die Meldung nach § 37 b S. 2 SGB III innerhalb einer Frist von drei Tagen seit der Kenntnis der Beendigung des Arbeits- oder Ausbildungsverhältnisses zu erfolgen. Dabei ist zur Berechnung der 3-Tages-Frist nicht auf die Dienstbereitschaft der Agentur für Arbeit, sondern nach § 26 Abs. 1 SGB X, § 188 Abs. 1 BGB auf den Kalender abzustellen; fällt der Fristablauf auf einen Samstag, einen Sonntag oder auf einen gesetzlichen Feiertag, endet die 3-Tages-Frist mit dem Ablauf des nächsten Werktages. Eine Verletzung der Meldeobliegenheit ohne einen wichtigen Grund führt nach § 144 Abs. 1 S. 2 Nr. 7 SGB III zu einer Sperrzeit, die nach § 144 Abs. 6 SGB III eine Dauer von einer Woche hat. Eine Kündigung soll von dem Arbeitgeber nach § 2 Abs. 2 S. 2 Nr. 3 SGB III mit einem Hinweis auf das Erfordernis eigener Aktivitäten zur Arbeitsplatzsuche und auf das Erfordernis zur unverzüglichen Meldung bei der Agentur für Arbeit verbunden werden. Obwohl ein Verstoß des Arbeitslosen gegen die ihm obliegenden Verpflichtungen nach § 37 51 BAG – Urteil vom 21.04.2005 – 2 AZR 162/04 52 BAG – Urteil vom 16.09.2004 – 2 AZR 628/03 53 BAG – Urteil vom 16.09.2004 – 2 AZR 628/03 45 www.AnwaltVoss.de b, § 140 SGB III zu einer Minderung des Arbeitslosengeldes führt, führt eine Verletzung der Hinweispflichten durch den Arbeitgeber nicht zu einem Schadenersatzanspruch des Arbeitnehmers54. 19 Ordentliche Kündigung 19.1 Kündigungsfrist, -termin Die von den Arbeitsvertragsparteien einzuhaltenden Kündigungsfristen und -termine bestimmen sich zunächst nach den von ihnen in dem Arbeitsvertrag oder in dem Tarifvertrag getroffenen Vereinbarungen. Diese können von den gesetzlichen Bestimmungen des § 622 BGB zwar abweichende Bestimmungen enthalten, doch wird die Regelungsbefugnis der Arbeitsvertragsparteien zum Teil eingeschränkt. Einerseits ist bei einer Veränderung der Kündigungsfristen und -termine jedoch zu beachten, dass nach § 622 Abs. 6 BGB die von dem Arbeitnehmer einzuhaltende Kündigungsfrist niemals länger vereinbart werden darf als die von dem Arbeitgeber zu beachtende Kündigungsfrist, während umgekehrt die von dem Arbeitnehmer zu wahrende Kündigungsfrist kürzer bemessen sein darf als die von dem Arbeitgeber anzuwendende Kündigungsfrist. Ein Verstoß gegen diese Gesetzesbestimmung führt nach § 89 Abs. 2 S. 2 HGB analog dazu, dass auch eine Kündigung durch den Arbeitgeber nach der längeren Kündigungsfrist zu bemessen ist55. Andererseits sind die Gestaltungsmöglichkeiten des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers jedoch auch durch § 622 Abs. 4, 5 BGB begrenzt, der sowohl für eine arbeitsvertragliche als auch für eine tarifvertragliche Veränderung der Kündigungsfristen und Kündigungstermine einige Beschränkungen vorsieht. Ein Arbeitsvertrag ist nach § 622 Abs. 1 BGB grundsätzlich mit einer Kündigungsfrist von vier Wochen zu den Kündigungsterminen des 15. oder des Endes eines jeden Kalendermonats kündbar. Durch einen Arbeitsvertrag kann die Grundkündigungsfrist, die auch durch die Kündigungstermine bestimmt wird, nur unter den Voraussetzungen des § 622 Abs. 5 S. 1 BGB im Rahmen eines vorübergehenden Aushilfsarbeitsverhältnisses oder innerhalb eines Kleinbetriebes verkürzt werden, während eine Verlängerung der Grundkündigungsfrist durch den Arbeitsvertrag nach § 622 Abs. 5 S. 2 BGB zulässig ist. Sowohl eine Verkürzung als 54 BAG – Urteil vom 29.09.2005 – 8 AZR 571/04 55 BAG – Urteil vom 02.06.2005 – 2 AZR 296/04 46 www.AnwaltVoss.de auch eine Verlängerung der Grundkündigungsfrist ist nach § 622 Abs. 4 S. 1 BGB durch einen Tarifvertrag regelbar. Die Grundkündigungsfrist und die Grundkündigungstermine für die arbeitgeberseitige Kündigung des Arbeitsverhältnisses werden durch § 622 Abs. 2 S. 1 BGB von der Dauer der Betriebs- und Unternehmenszugehörigkeit des Arbeitnehmers abhängig gemacht. Die Beschäftigungskündigungsfrist kann durch einen Arbeitsvertrag, wie sich aus einem Umkehrschluss aus § 622 Abs. 5 S. 2 BGB ergibt, zwar nicht verkürzt, aber verlängert werden. Demgegenüber ist durch einen Tarifvertrag nach § 622 Abs. 4 S. 1 BGB jede Änderung der Beschäftigungskündigungsfrist zulässig. 19.2 Soziale Rechtfertigung Das Kündigungsschutzgesetz ist nach § 23 Abs. 1 S. 1 KSchG zwar grundsätzlich von allen privaten und öffentlichen Arbeitgebern zu beachten, doch tritt der allgemeine Kündigungsschutz nach § 23 Abs. 1 S. 2, 3 KSchG nur ein, soweit der Betrieb oder die Verwaltung eine bestimmte Mindestgröße aufweist. Dabei ist die dem Betrieb oder der Verwaltung abverlangte Betriebsgröße von dem Zeitpunkt des Beginns des von der Kündigung betroffenen Arbeitsverhältnisses abhängig. Für Arbeitnehmer, deren Arbeitsverhältnis vor dem 01.01.2004 begonnen hat, eröffnet § 23 Abs. 1 S. 2 KSchG die Anwendung des Kündigungsschutzgesetzes, wenn der Arbeitgeber in dem Betrieb oder der Verwaltung regelmäßig Berufsausbildung mehr als Beschäftigten fünf Arbeitnehmer beschäftigt. Dabei ausschließlich sind die der zu Arbeitnehmer, ihrer deren Arbeitsverhältnis nach dem 31.12.2003 begonnen hat, nach § 23 Abs. 1 S. 3 Hs. 2 KSchG zur Feststellung der Arbeitnehmerzahl so lange nicht mitzuzählen, bis eine Beschäftigtenzahl von zehn Arbeitnehmern erreicht wird. Insoweit soll erreicht werden, dass ursprünglich nicht unter das Kündigungsschutzgesetz fallende Arbeitnehmer durch nach dem 31.12.2003 erfolgte Einstellungen des Arbeitgebers nicht gegenüber den neu eingestellten Arbeitnehmern privilegiert werden; vielmehr soll der Kündigungsschutz für die ursprünglich nicht geschützten Arbeitnehmer ebenfalls erst nach dem Überschreiten des Schwellenwertes von zehn Arbeitnehmern begründet werden. Für Arbeitnehmer, deren Arbeitsverhältnis nach dem 31.12.2003 begonnen hat, tritt der Schutz des Kündigungsschutzgesetzes nach § 23 Abs. 1 S. 3 Hs. 1 KSchG in Kraft, wenn der Arbeitgeber in dem Betrieb oder der Verwaltung in der Regel mehr als zehn Arbeitnehmer ausschließlich der zu ihrer Berufsausbildung Beschäftigten beschäftigt. Bei der Ermittlung der Arbeitnehmerzahl sind Vollzeitarbeitsverhältnisse jeweils als ein Arbeitnehmer zu zählen. Demgegenüber werden 47 www.AnwaltVoss.de Teilzeitarbeitsverhältnisse nach § 23 Abs. 1 S. 4 KSchG entsprechend der regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit nur anteilig berücksichtigt. Dem allgemeinen Kündigungsschutz unterfallen nach § 1 Abs. 1 KSchG nur solche Arbeitnehmer, deren Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder Unternehmen ohne Unterbrechung länger als sechs Monate bestanden hat. Dabei versteht man unter einem Betrieb die organisatorische Einheit von persönlichen, sachlichen und immateriellen Mitteln zur Erreichung eines bestimmten arbeitstechnischen Zwecks, und unter einem Unternehmen die organisatorische Einheit persönlicher, sachlicher und immaterieller Mittel zur Verfolgung des Zieles, ein bestimmtes Bedürfnis über den Markt zu befriedigen. Die Erwähnung des Betriebes in § 1 Abs. 1 KSchG ist eigentlich überflüssig, denn die Beschäftigung in demselben Unternehmen und damit in jedem beliebigen Betrieb des Unternehmens genügt, um die Wartefrist zu erfüllen. Nicht ausreichend ist allerdings die Beschäftigung in einem Betrieb eines anderen Unternehmens, selbst wenn dieses demselben Konzern angehört. Durch eine ausdrückliche Vereinbarung können der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber allerdings bestimmen, dass auch Zeiten früherer Beschäftigungsverhältnisse in anderen Unternehmen auf die Wartezeit angerechnet werden sollen. Eine solche Absprache ist insbesondere anzunehmen, wenn der Arbeitnehmer von vornherein für alle Betriebe und Unternehmen des Konzerns eingestellt worden ist. Die Kündigung eines Arbeitsvertrages durch den Arbeitgeber ist nach § 1 Abs. 2 S. 1 KSchG sozial ungerechtfertigt, wenn sie nicht durch Gründe, die in der Person oder in dem Verhalten des Arbeitnehmers liegen, oder durch dringende betriebliche Erfordernisse, die einer Weiterbeschäftigung des Arbeitnehmers entgegenstehen, bedingt ist. Die arbeitgeberseitige Kündigung ist nach § 1 Abs. 2 S. 2 KSchG ferner sozial ungerechtfertigt, wenn der Betriebs- oder Personalrat aus einem der in § 1 Abs. 2 S. 2 Nr. 1, 2 KSchG aufgeführten Gründe schriftlich der Kündigung entgegentritt. Bei der Beurteilung der sozialen Rechtfertigung hat eine umfassende Abwägung der Interessen des Arbeitnehmers an dem Bestandsschutz seines Arbeitsverhältnisses und des Arbeitgebers an dessen Beendigung stattzufinden. Eine Kündigung ist bereits dann gerechtfertigt, wenn Umstände vorliegen, die diese bei verständiger Würdigung in Abwägung der Interessen der Arbeitsvertragsparteien und des Betriebes als billigenswert und angemessen erscheinen lassen. Dagegen ist es nicht erforderlich, dass eine Kündigung des Arbeitgebers durch einen Grund verursacht ist, der dem Arbeitgeber die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses über das Ende der Kündigungsfrist hinaus überhaupt nicht mehr zumutbar erscheinen lässt. Das Kündigungsrecht des Arbeitgebers wird von dem ultima-ratio-Prinzip beherrscht, d. h. dass 48 www.AnwaltVoss.de der Arbeitgeber in jedem Falle zu versuchen hat, eine Kündigung durch andere geeignete Maßnahmen zu vermeiden. Vor jeder Kündigung durch den Arbeitgeber, insbesondere vor jeder personen- und betriebsbedingten Kündigung, ist zu prüfen, ob sie dadurch vermieden werden kann, dass der Arbeitnehmer an einem anderen Arbeitsplatz zu geänderten Arbeitsbedingungen weiter beschäftigt wird. Jeder verhaltensbedingten Kündigung hat grundsätzlich eine Abmahnung des Arbeitnehmers wegen eines gleichartigen Arbeitsvertragsverstoßes vorauszugehen. Für die Beurteilung der sozialen Rechtfertigung einer arbeitgeberseitigen Kündigung ist auf den Zeitpunkt des Zuganges der Kündigung bei dem Arbeitnehmer abzustellen. Gerade für die personen- und betriebsbedingte Kündigung ist eine auf den Zeitpunkt des Kündigungszugangs bezogene Prognosebeurteilung vorzunehmen, die von Umständen, die nach dem Ausspruch der Kündigung eingetreten sind, nicht mehr beeinflusst wird. 19.2.1 Personenbedingte Kündigung Kündigungsgründe, die in der Person des Arbeitnehmers liegen, sind solche, die auf den persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten des Arbeitnehmers beruhen. Hierzu zählen vor allem Erkrankungen eines Arbeitnehmers, die seine Einsatzfähigkeit herabsetzen oder ausschließen. Soll eine Kündigung auf die persönlichen Verhältnisse eines Arbeitnehmers gestützt werden, bedarf es einer sorgfältigen Abwägung der Interessen der Arbeitsvertragsparteien. Zu Gunsten des Arbeitnehmers ist zu berücksichtigen, ob und inwieweit dem Arbeitgeber die Kündigungsgründe bereits vor Eintritt des Kündigungsschutzes bekannt waren oder ob sie erst im Verlaufe einer langjährigen Beschäftigung infolge des natürlichen Kräfteverschleißes eingetreten sind. In diesen Fällen wird der Arbeitgeber sie in der Regel nicht als wesentliche Belastung des Arbeitsverhältnisses angesehen haben oder es entspricht der Billigkeit, wenn der Arbeitgeber auch dem arbeitsgeschädigten Arbeitnehmer noch eine Beschäftigungsmöglichkeit einräumt. Auch für eine personenbedingte Kündigung des Arbeitgebers gilt das Kündigungsausspruch ultima-ratio-Prinzip, auch nach sodass der Arbeitgeber Versetzungsmöglichkeiten, vor gegebenenfalls einem nach zumutbaren Umschulungs- oder Fortbildungsmaßnahmen, zu suchen hat. 19.2.2 Verhaltensbedingte Kündigung Ein verhaltensbedingter Kündigungsgrund ist gegeben, wenn ein ruhig und verständig denkender Arbeitgeber auf Grund einer von dem Arbeitnehmer willensgesteuerten Handlung, 49 www.AnwaltVoss.de die rechtmäßig oder unrechtmäßig sein kann, zu einer Kündigung des Arbeitsverhältnisses veranlasst würde. Im Rahmen der dabei vorzunehmenden Interessenabwägung sind zwar nicht nur solche Umstände zu beachten, die dem Arbeitgeber eine Fortsetzung des Arbeitsvertrages unzumutbar machen, doch müssen diese ein solches Gewicht erreichen, dass es angemessen erscheint, das Arbeitsverhältnis über den Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist nicht mehr fortzusetzen. Während auf der Seite des Arbeitgebers insbesondere die Arbeits- und Betriebsdisziplin, die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des Betriebes, der Eintritt eines Vermögensschadens, die Wiederholungsgefahr, die Schädigung des Unternehmensansehens und der Schutz der Belegschaft zu beachten sind, sind in Bezug auf den Arbeitnehmer insbesondere Art, Schwere und Häufigkeit der Pflichtverletzung, das Mitverschulden des Arbeitgebers und die Dauer der Betriebszugehörigkeit zu berücksichtigen. Aus dem ultima-ratio-Prinzip folgt, dass der verhaltensbedingten Kündigung eine Abmahnung und eine Überprüfung der Versetzungsmöglichkeiten vorauszugehen haben. Da eine Abmahnung darauf ausgerichtet ist, dem Arbeitnehmer sein Fehlverhalten vorzuhalten und ihn zu einer Verhaltensänderung zu motivieren, kann zur sozialen Rechtfertigung einer verhaltensbedingten Kündigung nur eine solche Abmahnung herangezogen werden, die auf einem dem Kündigungssachverhalt vergleichbaren Geschehen beruht, sodass zwischen den beiden Vorkommnissen ein gleichwertiger Unrechtsgehalt gegeben sein muss. Eine Abmahnung ist der Ausdruck der Missbilligung eines Verhaltens unter Androhung von Rechtsfolgen für die Zukunft, sofern das missbilligte Verhalten nicht geändert wird. Sie enthält somit drei Elemente: 1. Umschreibung des zu missbilligenden Verhaltens, 2.Aufforderung, dieses Verhalten zu ändern und 3. Androhung von Kündigungsfolgen für den Fall der Nichtänderung des Verhaltens. Aus der Funktion einer Abmahnung, dem Arbeitnehmer deutlich zu machen, dass der Arbeitgeber nicht bereit ist, ein bestimmtes Verhalten hinzunehmen, folgt, dass das Fehlverhalten des Arbeitnehmers in der Abmahnung klar, deutlich und ausreichend konkretisiert dargestellt sein muss. Nur allgemeine Hinweise, beispielsweise „auf Grund der Ihnen bekannten Vorkommnisse“, genügen der Hinweisfunktion der Abmahnung nicht. Insgesamt ist es daher erforderlich, dass dem Arbeitnehmer zunächst das missbilligte Verhalten im Verhältnis zu dem vertragsgerechten Verhalten aufgezeigt wird, um ihn sodann aufzufordern, sich in der Zukunft vertragstreu zu verhalten. Aus der Funktion der Abmahnung, das zu missbilligende Verhalten des Arbeitnehmers abschließend zu ahnden, ergibt sich, dass der Arbeitgeber mit dem Ausspruch einer Abmahnung des (außer)ordentlichen Kündigungsrechts verlustig geht, 50 www.AnwaltVoss.de sofern die für die Kündigung maßgeblichen Umstände mit dem der Abmahnung zu Grunde liegenden Sachverhalt identisch sind56. Mit einer Abmahnung gibt der Arbeitgeber seine Bereitschaft zu erkennen, das mit dem Arbeitnehmer bestehende Arbeitsverhältnis trotz des Fehlverhaltens des Arbeitnehmers fortzusetzen, sodass in der Abmahnung ein konkludenter Kündigungsverzicht zu sehen ist. Ein Verzicht auf die Kündigungsberechtigung ist jedoch nicht anzunehmen, sofern sich der Arbeitgeber weitere Konsequenzen des zu 57 missbilligenden Verhaltens in der Abmahnung vorbehält . Aus der Funktion einer Abmahnung, dem Arbeitnehmer deutlich zu machen, dass der Bestand seines Arbeitsverhältnisses bei einer Wiederholung des missbilligten Verhaltens gefährdet ist, folgt, dass sich gerade die Gefährdung des Bestandes des Arbeitsverhältnisses für den Arbeitnehmer aus dem Zusammenhang der Abmahnung ergeben muss. Zwar lässt das Bundesarbeitsgericht die Androhung „arbeitsrechtlicher Konsequenzen“ der Warnfunktion der Abmahnung genügen, doch sehen einige Arbeitsgerichte einen bloßen Hinweis auf „personelle Konsequenzen“ oder „geeignete arbeitsrechtliche Schritte“ als nicht ausreichend an. Aus Vorsorge sollte in der Abmahnung daher regelmäßig auf die drohende Kündigung des Arbeitsverhältnisses im Wiederholungsfalle hingewiesen werden. 19.2.3 Betriebsbedingte Kündigung Eine betriebsbedingte Kündigung wird nicht allein nach den dringenden betrieblichen Erfordernissen des § 1 Abs. 2 S. 1 KSchG bestimmt, sondern darüber hinaus auch noch an der Sozialauswahl des § 1 Abs. 3 S. 1 Hs. 1 KSchG gemessen. Eine betriebsbedingte Kündigung ist gerechtfertigt, wenn eine unternehmerische Entscheidung vorliegt, durch die auf Grund inner- oder außerbetrieblicher Ursachen eine Veränderung der im Betrieb zu erledigenden Arbeitsmenge eintritt, der ein Arbeitgeber durch andere Maßnahmen nicht gerecht werden kann. Während zu den innerbetrieblichen Ursachen insbesondere die Rationalisierungsmaßnahmen und die Produktionsumstellung / einstellung gehören, zählen zu den außerbetrieblichen Geschehnissen insbesondere der Auftragsmangel, der Umsatzrückgang, der Gewinnverfall und die Unrentabilität. Die außerbetrieblichen Gründe können eine betriebsbedingte Kündigung nur dann rechtfertigen, wenn sie der Arbeitgeber zum Anlass einer unternehmerischen Entscheidung nimmt, um eine Betriebsänderung durchzuführen. Die inner- und außerbetrieblichen Gründe müssen 56 BAG – Urteil vom 06.03.2003 – 2 AZR 128/02; BAG – Urteil vom 10.11.1988 – 2 AZR 215/88 57 BAG – Urteil vom 06.03.2003 – 2 AZR 128/02 51 www.AnwaltVoss.de zum Wegfall eines Arbeitsplatzes führen. Insoweit kommt es aber nicht darauf an, ob ein bestimmter Arbeitsplatz weggefallen ist, sondern allein darauf, ob der Bedarf für einen Arbeitnehmer nicht mehr besteht. Auch für eine betriebsbedingte Kündigung gilt das ultimaratio-Prinzip, sodass diese nur zulässig ist, wenn sie unvermeidbar ist. Die Unvermeidbarkeit der Kündigung ist zunächst nicht gegeben, wenn der Arbeitnehmer durch den Arbeitgeber auf einen anderen, freien und gleichwertigen Arbeitsplatz versetzt werden kann. Bei der Kontrolle der Versetzungsmöglichkeit sind alle vergleichbaren und freien Arbeitsplätze im Betrieb des Arbeitgeber zu berücksichtigen, ohne dass der Arbeitgeber verpflichtet ist, einen neuen Arbeitsplatz zu schaffen, um die Kündigung abzuwenden. Allein durch das Erfordernis der Einarbeitung oder Umschulung des Arbeitnehmers wird die Versetzungsmöglichkeit innerhalb des Betriebs nicht ausgeschlossen, denn dem Arbeitgeber ist es zumutbar, solche Maßnahmen in einer vertretbaren Zeit mit einem vertretbaren Aufwand vorzunehmen. Die Unvermeidbarkeit der Kündigung ist des Weiteren nicht gegeben, wenn der Arbeitnehmer in dem Betrieb des Arbeitgebers auf einem schlechteren Arbeitsplatz eingesetzt werden kann. Aus dem Vorrang der Änderungskündigung gegenüber der Beendigungskündigung folgt, dass der Arbeitgeber verpflichtet ist, dem Arbeitnehmer vor dem Ausspruch einer Beendigungskündigung eine mögliche Weiterbeschäftigung zu schlechteren Arbeitsbedingungen anzubieten. Trotz eines dringenden betrieblichen Erfordernisses ist eine betriebsbedingte Kündigung nach § 1 Abs. 3 S. 1 Hs. 1 KSchG sozial ungerechtfertigt, wenn der Arbeitgeber bei der Auswahl des konkret zu kündigenden Arbeitnehmers die Dauer der Betriebszugehörigkeit, das Lebensalter, die Unterhaltspflichten und die Schwerbehinderung nicht oder nicht hinreichend beachtet hat. Damit ist zunächst nur zum Ausdruck gebracht, dass der Arbeitgeber diese vier Grunddaten bei seiner Kündigungsentscheidung zu berücksichtigen hat, während die Beachtung weiterer sozialer Gesichtspunkte damit nicht ausgeschlossen ist. Allerdings müssen die weiteren sozialen Gesichtspunkte „in einem unmittelbaren spezifischen Zusammenhang mit den Grunddaten stehen58“ oder „sich aus solchen betrieblichen Gegebenheiten herleiten, die evident einsichtig sind59“. Die Vergleichbarkeit der in die Sozialauswahl einzubeziehenden Arbeitnehmer richtet sich in erster Linie nach arbeitsplatzbezogenen Merkmalen. Bei ihrer Überprüfung auf horizontaler Ebene sind zunächst alle Arbeitnehmer vergleichbar, die denselben Beruf erlernt haben und ausüben. Im Rahmen der vertikalen Austauschbarkeit der Arbeitnehmer sind grundsätzlich nur die 58 BT-Drucks 15/1204 S. 11 59 BT-Drucks 15/1204 S. 11 52 www.AnwaltVoss.de Arbeitnehmer derselben hierarchischen Ebene zu vergleichen. Etwas anderes ergibt sich jedoch dann, wenn der zu kündigende Arbeitnehmer signalisiert hat, dass er auch mit einer Arbeitstätigkeit auf einer geringeren Organisationsstufe einverstanden ist. In der räumlichen Begrenzung erstreckt sich die soziale Auswahl auf sämtliche Arbeitnehmer des Betriebes, sodass eine Betrachtung nur benachbarter Arbeitsplätze oder Betriebsabteilungen unzulässig ist. Im Rahmen der Sozialauswahl ist unter mehreren vergleichbaren Arbeitnehmern derjenige zu kündigen, der nach seinen Sozialdaten den geringsten Schutz benötigt. Dabei sind nach § 1 Abs. 3 S. 1 KSchG die Dauer der Betriebszugehörigkeit, das Lebensalter, die Zahl der Unterhaltsverpflichtungen und die Schwerbehinderung als die Grunddaten des Arbeitnehmers zu bewerten, denen bei der Abwägung grundsätzlich ein gleiches Gewicht zukommt60. Als weitere Auswahlgesichtspunkte kommen die sozialen Gesichtspunkte, die „in einem unmittelbaren spezifischen Zusammenhang mit den Grunddaten stehen61“ oder „sich aus solchen betrieblichen Gegebenheiten herleiten, die evident einsichtig sind62“, in Betracht. Aus allen Wertungskriterien ist eine Abwägung nach den Umständen des Einzelfalles vorzunehmen, sodass gelegentlich entwickelte Punktetabellen nicht geeignet sind, einen sicheren Beurteilungsmaßstab abzugeben. Vernachlässigt werden kann die soziale Auswahl nach § 1 Abs. 3 S. 2 KSchG, wenn berechtigte betriebliche Bedürfnisse die Weiterbeschäftigung eines oder mehrerer Arbeitnehmer erfordern. Der Arbeitgeber muss einen Arbeitnehmer, der sich als Leistungsträger für den Betrieb unentbehrlich gemacht hat, auch dann nicht kündigen, wenn er gegenüber anderen Arbeitnehmern sozial weniger schutzbedürftig ist. Berechtigte betriebliche Bedürfnisse zur Weiterbeschäftigung eines Arbeitnehmers sind gegeben, wenn auf ihn im Interesse eines geordneten Betriebsablaufs nicht verzichtet werden kann. 19.2.4 Dem Abfindungsanspruch von einer betriebsbedingten Kündigung betroffenen Arbeitnehmer kann ein Abfindungsanspruch entstehen, dessen Höhe nach § 1 a Abs. 2 S. 1 KSchG mit einem halben Monatsverdienst für jedes Jahr des Bestandes des Arbeitsverhältnisses zu bemessen ist. Dieser setzt nach § 1 a Abs. 1 S. 1 KSchG zunächst voraus, dass der Arbeitgeber eine betriebsbedingte Kündigung ausgesprochen hat, gegen die der Arbeitnehmer eine Kündigungsschutzklage nicht erhebt. Des Weiteren setzt der Abfindungsanspruch nach § 1 a 60 BT-Drucks 15/1204 S. 11 61 BT-Drucks 15/1204 S. 11 62 BT-Drucks 15/1204 S. 11 53 www.AnwaltVoss.de Abs. 1 S. 2 KSchG voraus, dass der Arbeitgeber die Kündigung mit einem Hinweis auf die betriebsbedingten Kündigungsgründe und auf das Entstehen des Abfindungsanspruchs bei dem Verstreichenlassen der Klagefrist für die Kündigungsschutzklage verbunden hat. Zur Entstehung gelangt der Abfindungsanspruch des § 1 a Abs. 1 KSchG sodann mit dem Ablauf der Kündigungsfrist der von dem Arbeitgeber ausgesprochenen Kündigung. 20 Außerordentliche Kündigung Eine außerordentliche Kündigung ist nach § 626 Abs. 1 BGB gerechtfertigt, wenn zu Gunsten des Kündigenden ein wichtiger Grund gegeben ist. Dabei prüft das Bundesarbeitsgericht die Kündigungsberechtigung stets in zwei Stufen, indem es zunächst klärt, ob der Kündigungssachverhalt an sich geeignet ist, eine außerordentliche Kündigung zu rechtfertigen, um sodann abzuwägen, ob auch unter Berücksichtigung der Einzelfallumstände eine außerordentliche Kündigung gerechtfertigt ist. Gerade im Rahmen der vorzunehmenden Einzelfallabwägung kommt dem ultima-ratio-Prinzip eine besondere Bedeutung zu, denn grundsätzlich kommt eine außerordentliche Kündigung wegen eines Verhaltens des anderen Vertragspartners nur nach einer vorherigen, gleichartigen Abmahnung in Betracht; zu dieser gelten dieselben Grundsätze, die auch bei einer ordentlichen Kündigung aus verhaltensbedingten Gründen zu berücksichtigen sind. Eine außerordentliche Kündigung kann nach § 626 Abs. 2 S. 1 BGB nur innerhalb von zwei Wochen ausgesprochen werden. Diese Frist beginnt nach § 626 Abs. 2 S. 2 BGB zu dem Zeitpunkt, zu dem der Kündigende von den Kündigungstatsachen Kenntnis erlangt. Für den Beginn der Ausschlussfrist ist erforderlich, dass der Kündigende eine sichere Kenntnis von den für die Kündigung maßgebenden Tatsachen hat, sodass bloße Vermutungen nicht ausreichen, um die Ausschlussfrist in Gang zu setzen. Liegt der Kündigungssachverhalt nicht offen zu Tage, beginnt die Ausschlussfrist, wenn die gebotene Aufklärung mit der gebotenen Beschleunigung beendet und eine Anhörung des zu kündigenden Arbeitnehmers stattgefunden hat; im Allgemeinen wird die Anhörung innerhalb einer Woche stattzufinden haben. Da die Ausschlussfrist eine positive Kenntnis des Kündigenden über die der Kündigung zu Grunde zu legenden Tatsachen erfordert, wird sie selbst bei einer grob fahrlässigen Unkenntnis des Kündigenden nicht ausgelöst. Wird die Kündigung auf einen dauernden Zustand gestützt, so beginnt die Ausschlussfrist nicht bereits mit dem Beginn des Dauerzustandes zu laufen, vielmehr setzt sie erst mit dessen Beendigung ein. 54 www.AnwaltVoss.de 21 Kündigungsschutzklage Der Arbeitnehmer kann die Rechtsunwirksamkeit einer Kündigung innerhalb einer Frist von drei Wochen nach dem Zugang der schriftlichen Kündigung mit einer Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht geltend machen. Für eine ordentliche Kündigung sieht § 4 S. 1 KSchG vor, dass sowohl die Rechtsunwirksamkeit der Kündigung wegen Sozialwidrigkeit als auch die Rechtsunwirksamkeit der Kündigung wegen anderer Gründe in einer Kündigungsschutzklage gerügt werden müssen. Für eine außerordentliche Kündigung bestimmen die § 13 Abs. 1 S. 2, § 4 S. 1 KSchG, dass deren Rechtsunwirksamkeit mit einer Kündigungsschutzklage anzugreifen ist. Von dem Erfordernis der Einleitung eines Kündigungsschutzverfahrens vor dem Arbeitsgericht werden alle Gründe erfasst, die zu einer Unwirksamkeit der von dem Arbeitgeber ausgesprochenen Kündigung führen können. Neben der Sozialwidrigkeit bei einer ordentlichen Kündigung sowie neben dem mangelnden wichtigen Grund oder dem Ablauf der Ausschlussfrist bei einer außerordentlichen Kündigung werden insbesondere die nachfolgenden Unwirksamkeitsrügen umfasst: § 18 BErzGG, § 102 BetrVG, §§ 138, 613 a Abs. 4 BGB, § 9 MuSchG, § 85 SGB IX. Außerhalb einer Kündigungsschutzklage kann jedoch die mangelnde Schriftform einer Kündigung nach § 623 BGB geltend gemacht werden, da der Beginn der Klagefrist nach § 4 S. 1 KSchG gerade an den Zugang der schriftlichen Kündigung geknüpft ist. Versäumt ein Arbeitnehmer die 3-wöchige Klagefrist, so wird eine arbeitgeberseitige Kündigung nach § 7 Hs. 1 KSchG trotz des Umstandes, dass sie gegebenenfalls rechtsunwirksam ist, von Anfang an wirksam. Diese Wirksamkeitsfiktion betrifft alle Gründe, die zu einer Unwirksamkeit der von dem Arbeitgeber ausgesprochenen Kündigung führen können. 22 Arbeitszeugnis Ein Arbeitszeugnis ist auf dem von dem Arbeitgeber im Geschäftsverkehr verwandten aktuellen Geschäftspapier Verbesserungen, zu Streichungen erstellen63. oder Es Ähnliches darf keine 64 enthalten . Flecken, Ein Radierungen, Arbeitszeugnis ist grundsätzlich unter dem Datum des letzten Tages des Arbeitsverhältnisses zu erteilen, da ansonsten aus dem Datum auf eine mögliche Streitigkeit zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer über den Inhalt des Arbeitszeugnisses geschlossen werden kann; dies 63 BAG – Urteil vom 03.03.1993 – 5 AZR 182/92 64 BAG – Urteil vom 03.03.1993 – 5 AZR 182/92 55 www.AnwaltVoss.de gilt auch für geänderte / ergänzte Arbeitszeugnisse, zu denen ein Arbeitgeber erst durch einen gerichtlichen Vergleich oder ein gerichtliches Urteil angehalten wurde. Neben den Angaben zur Person eines Arbeitnehmers (Vorname, Nachname, Geburtsdatum) enthält das einfache Zeugnis nach § 109 Abs. 1 S. 2 GewO eine Beschreibung der Art und der Dauer der Tätigkeit. Die Tätigkeit des Arbeitnehmers ist vollständig und zutreffend zu beschreiben, sodass sich aus dem Arbeitszeugnis ein eindeutiges Bild über den dem Arbeitnehmer übertragenen Aufgabenbereich ergibt; dazu genügt eine bloße Wiedergabe der Berufsbezeichnung nicht, vielmehr sind auch Qualifikationen und Spezialisierungen des Arbeitnehmers in das Arbeitszeugnis aufzunehmen. Die Tätigkeitsdauer muss durch die Angabe des Anfangs- und des Enddatums beschrieben werden; dabei dürfen Unterbrechungen der Tätigkeit, selbst bei einer längeren Dauer, in das Zeugnis nicht aufgenommen werden. Neben den Angaben eines einfachen Zeugnisses muss sich ein qualifiziertes Arbeitszeugnis nach § 109 Abs. 1 S. 3 GewO auch zu der Leistung und dem Verhalten eines Arbeitnehmers während des Arbeitsverhältnisses erklären. Während der Begriff der Leistung die Leistungsfähigkeit (Können, Wissen, Fertigkeiten usw.), die Leistungsbereitschaft und die Leistungserfolge (Arbeitsgüte, Arbeitstempo, Arbeitsökonomie usw.) eines Arbeitnehmers umfasst, bezieht sich der Begriff des Verhaltens auf das Sozialverhalten eines Arbeitnehmers gegenüber Geschäftspartnern, Vorgesetzten und Kollegen. Der Inhalt eines qualifizierten Arbeitszeugnisses steht dabei grundsätzlich im pflichtgemäßen Ermessen des Arbeitgebers, der bei der Abfassung eines Zeugnisses einen Beurteilungsspielraum hat und der in der Wortwahl für ein Arbeitszeugnis frei ist65. Jedoch hat der Arbeitgeber bei der Erstellung eines Zeugnisses die Grundsätze der Zeugniswahrheit und der wohlwollenden Beurteilung des Arbeitnehmers zu beachten, die sein(en) Ermessen / Beurteilungsspielraum einschränken66. Die Formulierungen eines Arbeitszeugnisses müssen nicht nur nach § 109 Abs. 2 S. 1 GewO klar und verständlich sein, vielmehr dürfen sie nach § 109 Abs. 2 S. 2 GewO auch keine versteckten Hinweise enthalten. Zur Gesamtbewertung eines Arbeitnehmers haben sich in der Praxis der Arbeitgeber bestimmte Redewendungen 65 BAG – Urteil vom 21.06.2005 – 9 AZR 352/04 66 BAG – Urteil vom 21.06.2005 – 9 AZR 352/04; BAG – Urteil vom 10.05.2005 – 9 AZR 261/04; BAG – Urteil vom 14.10.2003 – 9 AZR 12/03; BAG – Urteil vom 03.03.1993 – 5 AZR 182/92 56 www.AnwaltVoss.de entwickelt, deren wertender Gehalt sich an den üblichen Schulnoten orientiert67. Die Grundlage eines Arbeitszeugnisses bilden die Leistungen und die Verhaltensweisen, die während des Bestandes des Arbeitsverhältnisses für den Arbeitnehmer kennzeichnend waren68; daher sind einmalige Vorfälle oder Umstände, die für den Arbeitnehmer nicht typisch waren, in ein Zeugnis nicht aufzunehmen. Das Arbeitszeugnis ist von dem Arbeitgeber zu erstellen und zu unterzeichnen. Dieser darf die Erstellung und Unterzeichnung zwar auf einen Mitarbeiter übertragen, doch muss das Zeugnis stets von einem gegenüber dem Arbeitnehmer ranghöheren Mitarbeiter, der gegenüber dem Arbeitnehmer zu Weisungen berechtigt ist, unterzeichnet werden69. Dabei müssen sich im Falle einer Übertragung sowohl die funktionelle Vertretungsberechtigung als auch die Weisungsberechtigung des Mitarbeiters aus dem Zeugnis selbst ergeben70. Das Zeugnis hat der Arbeitnehmer in den Geschäftsräumen des Arbeitgeber, der das Zeugnis bereitzuhalten hat, abzuholen71. Nur unter dem Gesichtspunkt von Treu und Glauben nach § 242 BGB, zum Beispiel aus Entfernungsgründen, kann eine Verpflichtung des Arbeitgebers zur Übersendung eines Arbeitszeugnisses bestehen. Dem Arbeitgeber steht ein Zurückbehaltungsrecht an einem Zeugnis nicht zu. Selbst ein Verstoß des Arbeitnehmers gegen den mit dem Arbeitgeber geschlossenen Arbeitsvertrag rechtfertigt eine Verzögerung der Erteilung des Arbeitszeugnisses nicht. 67 sehr gut = stets zu unserer vollsten Zufriedenheit; gut = stets zu unserer vollen Zufriedenheit; befriedigend = zu unserer vollen Zufriedenheit; ausreichend = zu unserer Zufriedenheit; mangelhaft = im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit 68 BAG – Urteil vom 21.06.2005 – 9 AZR 352/04 69 BAG – Urteil vom 04.10.2005 – 9 AZR 507/04; BAG – Urteil vom 26.06.2001 – 9 AZR 392/00, 34; BAG – Urteil vom 21.09.1999 – 9 AZR 893/98 70 BAG – Urteil vom 04.10.2005 – 9 AZR 507/04 71 BAG – Urteil vom 08.03.1995 – 5 AZR 848/93 57