Drastische Erhöhung der Populationsdichte

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WILDLIFE | WÖLFE
Wölfe und Hybrid
Drastische Erhöhung der
Populationsdichte
­­
Von Jenny Perelli
Atemberaubende Landschaften, einzigartige ­Kunstwerke,
­erlesene Weine und Wölfe. Das ist die Toskana heute.
­ rovinzen
Und – man hört sie nach langer Zeit wieder in allen P
heulen. Wölfe waren in Europa nahezu ausge­rottet. Überlebt
hatten nur wenige Tiere im Südwesten, etwa im toskanischen
Apennin, wo sich die ­Wolfspopulation in den letzten 50 ­Jahren
erholen konnte. In den dichten Wäldern der Toskana leben
­heute wieder über 100 Wolfsrudel, von denen ca. 20 auch
Wolfshybriden beherbergen.
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Hundemagazin WUFF 7-8/2016
Foto: Fabio Palella
den in der Toskana
Hundemagazin WUFF 7-8/2016
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WILDLIFE | WÖLFE
D
ieser exponenzielle Populationsanstieg von Wölfen und Hybriden ist europaweit einzig­a rtig,
doch mit diesem bislang eher unklar
umrissenen Rekord muss die Toskana
noch lernen umzugehen. Italiens anerkanntester ­Wolfsexperte, der Tier- und
Naturforscher Dr. ­Federico ­Morimando*
veranschaulicht die Situation: „Es
stimmt, ganz Europa erlebt momentan ein sog. Rewilding. Die wilden
Tiere kommen wieder zurück: Wölfe,
Luchse, Bären und sogar Bisons. Weite
Areale unseres Kontinents verwildern.
Die Landschaft wird banalisiert, d.h.
ausgedehnte landwirtschaftliche Gebiete
entvölkern sich und der Wald nimmt
wieder überhand. Europaweit verliert
die krisenbelastete Landwirtschaft
jährlich ca. 600-700 Hektar ihrer Fläche
an den Wald. Schuld daran ist hauptsächlich die Globalisierung der Agrikultur, die intensive Einfelderwirtschaft
und die niedrigen Gewinnmargen für
blockfreie Andersdenkende. Daraus
erfolgt zeitgleich eine Hypertrophie der
Huftiere, d.h. der Lieblingsbeutetiere der
Wölfe und anderer Beutegreifer.“
politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die in Europa, anders als in
anderen Kontinenten, die Entwicklung
der biologischen Vielfalt und die Rückkehr verschwundener Arten, vor allem
der großen Säugetiere und der Vögel,
gefördert haben. Es wird geschätzt, dass
in den letzten 40 Jahren die Tierpopulation Europas um durchschnittlich 6%
angestiegen ist. So zählen wir heute ca.
17.000 Bären, 12.000 Wölfe, 9000 Luchse. Das Wachstum der Städte und das
Veröden des Landes taten den Rest. Im
Jahr 2020 werden wahrscheinlich 4 von
5 Europabürgern in von enormen Wildparks umgebenen Großstädten leben.
Das schwierige Zusammenleben von
Wolf und Mensch
Schon jammern toskanische Tierzüchter
und Landwirte, der Wolf würde zu viele
Schafe, Ziegen und andere Zuchttiere
reißen. „Wen wollt ihr schützen, ihr
Politiker? Uns Bauern oder den Wolf?“
protestieren sie lautstark.
Dazu Dr. Morimando: „Die Zootechnik
hat sicher ihre Probleme, doch es sei
an diesem Punkt daran erinnert, dass
der Wolf in Italien seit dem Jahr 1976
artengeschützt ist – ja sogar besonders
geschützt. Die spontane Wiederbesiedelung seiner ehemaligen Rückzugsgebiete
Foto: Nadine Haase
Auch hier liegt die Toskana mit ihrem
Bestand an Europas erster Stelle. Unterstützend wirken selbstverständlich die
Wolfsexperte Dr. Federico
Morimando: „Es stimmt,
ganz Europa erlebt
momentan ein sog. Re­­
wilding. Die wilden Tiere
kommen wieder zurück.“
Frei lebende reinrassige Wölfe.
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Hundemagazin WUFF 7-8/2016
zwingt den Wolf zu einer Synanthropie,
d.h. zu einer allmählichen Anpassung
an den menschlichen Lebensraum; und
in Sachen Anpassung sind sich Wolf und
Mensch sehr ähnlich.“
Wieder einmal stehen Wolf und Mensch
sich also unschuldig, aber bewaffnet,
gegenüber. Der eine mit seinen Reißzähnen, der andere mit einem Gewehr
- denn die Wilderei, die stillschweigend
vom hiesigen Verwaltungsapparat geduldet wird, ist zur Zeit eine Dezimierungsmethodik, die eifrig und ungesetzlich
eingesetzt wird. Vor kurzem wurde in
der Lokalpresse die Schreckensnachricht
eines von 10 Wölfen verfolgten Joggers
veröffentlicht. **
WUFF Information
Verweise
* Dr. Federico Morimando ist
Natur- und Tierforscher der
ARSIA (Agenzia Regionale per
lo Sviluppo e l’Innovazione nel
settore Agricolo e Forestale della
Regione Toscana – Regionale
Direktion für die Entwicklung
und Innovation in der Landund Forstwirtschaft der ­Region
­Toskana); Freiberufler der
Proeco, Siena; Mitglied der A.I.N.
(Associazione Italiana Naturalisti, Italienischer Naturforscherverband, Florenz); PhD in
Tierbiologie, Universität Siena.
** Corriere di Siena, 13.6.15, “Ho
corso per un chilometro accanto
ai lupi”
Hundemagazin WUFF 7-8/2016
Wolfsexperte Dr.
Federico Morimando
ist nachts oft unter­
wegs, um die Wölfe
zu studieren.
Es sei hier bemerkt, dass dem geschockten Sportler kein Haar gekrümmt
worden ist. Übrigens sollte man im Falle
einer unliebsamen Begegnung besser
nicht weglaufen.
Dr. Morimando: „Flucht ist genau die
Reaktion, die ein Raubtier von einer
potenziellen Beute erwartet. Wenn es
erst soweit kommt, wird automatisch
der Jagd- und Folgeinstinkt geweckt. Im
Zweifelsfall: stehenbleiben, sich groß
machen und sein Gegenüber so ruhig
wie möglich beobachten.“
Der Wolf und seine Verwandten
Trotzdem stellt sich die Frage: Waren
es tatsächlich reinrassige Wölfe, oder
waren es doch etwa Hybriden? Was ist
eigentlich ein Wolfshybrid? Im weitesten
Sinn handelt es sich hierbei um eine
Wolf-Hund-Mischung. „Beide gehören
der Familie der Kaniden an, wobei der
Hybrid sich funktionell und ökologisch
keineswegs vom Wolf unterscheidet“,
erklärt Morimando. „Da der Hund das
Ergebnis einer rund 20.000-jährigen
­Domestizierung ist, ist auch der Wolfshybrid generell ein menschliches „Produkt“. Die Evolution sucht immer neue
Wege, um sich der Umwelt bestmöglich
anzupassen und in diesem Kontext ist
die Hybridisierung nur eine Variante
aller potenziellen Abweichungsformen
einer Art. Alle in sich geschlossenen
sozialen Gefüge ohne Öffnungen nach
außen sind dazu verdammt, früher oder
später zu erkranken und einzugehen.
Man denke da nur an die Bluterkrank-
heit bei den Menschen. Jahrhundertelange, königliche Inzucht kreierte nur
geschwächte und lebensuntüchtige
Individuen“, so Morimando.
Die Auswahl der domestizierten Form,
also des Hundes, ist mit der Zeit direktional und unabhängig von jeglicher
natürlichen Selektion erfolgt, wobei sie
gewisse funktionelle Eigenschaften in
einem anthropischen Kontext bevorzugt
hat, wie etwa eine frühe Geschlechtsreife, kürzere Fortpflanzungszyklen,
Verzögerung der Verhaltensreife, sowie
Größe, Farbe, Gutmütigkeit etc. Die
Hybridisierung von Hund und Wolf
hingegen ist sicherlich ein Phänomen,
das sich in der langen Domestizierungsgeschichte mehrmals und in vielfältiger
Form wiederholt hat.
Unterschiede zwischen Wolf und
Wolfshybriden
Inwieweit differieren Wolfshybriden und
reinrassige Wölfe im Erscheinungsbild
und im Verhalten? Wie ist eine Hybridisierung überhaupt möglich? Farbliche
Unterschiede finden wir in den Zehenballen, den Krallen, dem Fell, der Nase
und dem Zahnfleisch, wobei der Hybrid
sehr häufig zur Pigmentlosigkeit neigt.
„Interessant ist, dass Wölfe, die in der 4.
oder 5. Generation völlig schwarz sind,
in der 1. Generation sicher mit einem
Hund eingekreuzt waren“, veranschaulicht Morimando. Außerdem haben Hybriden oft ein defektes oder unvollständiges Gebiss. Auch die Dimensionen von
Ohren, Stirn, Schnauze und Schwanz
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Dieser toskanische Hybrid ist in die Wildkamera-Falle
getappt. (daher die schlechte Bildqualität)
können sehr von den reinrassigen
­Maßen abweichen. Selbstverständlich
geht dies mit genetischen Variationen
einher. Da allerdings sowohl die phänotypische als auch die genetische Katalogisierungsmethodik klare Grenzen
aufweist, kann nicht eindeutig definiert
werden, was genau ein „Hybrid“ ist. Der
Begriff entwickelt sich vielmehr kontinuierlich weiter. Eine möglichst genaue
Bestimmung ist allerdings notwendig,
um die im Territorium ansässigen Wölfe
und Hybriden besser überwachen und
eventuell regulierend eingreifen zu
können. F. Morimando erklärt, dass
wir, was das Verhalten angeht, noch im
Dunkeln tappen, da es keinerlei Gewissheit über etwaige Diskrepanzen gäbe.
Sicher sei einzig eine Verschiebung der
Paarungszeit.
„Nach der Wiederbesiedelung unserer
Region durch den Wolf gibt es mehr
Möglichkeiten zur Begegnung zwischen
Wölfen und Hunden. Das wird immer
dann möglich, wenn in einem bestimmten Gebiet eine hohe Anzahl von
streunenden Hunden auf eine numerisch
reduzierte Wolfsbevölkerung stößt.
Eben das erfolgt gerade in der Toskana“,
erklärt Morimando.
Die Problematik der streunenden
Hunde
durchaus auch untereinander kreuzen,
kann die Vermischung sich sehr schnell
ausbreiten.
Dr. Morimando schildert weiter: „Im
Normalfall wäre der Hund Beute des
Wolfes, doch zerrüttete Rudel, ohne
eine starke soziale Integrität, können
zur Vereinsamung einzelner Exemplare ­f ühren, die immer nach Begleitung
suchen werden. Ein kompaktes Rudel
hingegen will sich eher schützen.“ In
Italien leben heute ca. 1.500 Wolfsexemplare, denen mehr als 700.000 streunende oder verwilderte Hunde gegenüberstehen. Diese Konstellation ergibt genau
die Situation, die dem höchsten Hybridisierungsrisiko ausgesetzt ist. Die Wölfe
werden immer weniger und die Hunde
immer mehr, doch summa summarum
steigt die Zahl der Kaniden konstant
weiter an. Das Zusammenleben mit den
Menschen wird komplizierter. Verkehrsunfälle häufen sich, immer mehr Hausund Zuchtvieh erliegt den Jagdzügen der
Kaniden. Der Wolf beißt, der Mensch
schießt. In ganz Italien werden jedes
Jahr 50-70 Wölfe illegal erlegt, wobei die
Dunkelziffer erschreckend hoch ist.
Die Verbreitung der streunenden Hunde
ging zeitgleich mit dem letzten Bottle­
neck des Wolfes einher, was die Hybridisierungsgefahr dramatisch anwachsen
ließ. Hunde werden in Italien leider
immer noch willentlich ausgesetzt, und
Schäferhunde genießen sehr oft einen
relativen und unkontrollierten Freilauf.
Heulen und warten auf Antwort ...
Streunende oder verwilderte Hunde
können durchaus die reproduktiven
Barrieren mit wilden Artgenossen
lockern oder durchbrechen. Wenn es
darüber hinaus in der Wolfspopulation
eine Veränderung der sozialen Struktur
gibt (oft aufgrund der Verfolgung von
Seiten des Menschen), kann die Inter­
aktion zwischen der domestizierten und
der wilden Form beachtliche Ausmaße
annehmen. Mischpaare entstehen – in
der Regel asymmetrischer Art, d.h. es
paaren sich ein weiblicher Wolf und
ein Hunderüde - die Hybridisierung
hat somit begonnen. Da Hybriden sich
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Hundemagazin WUFF 7-8/2016
Zahlreiche Zuchtzentren von zum Verkauf angebotenen Wolf-Hund-Hybriden
(tschechoslowakischer Hund, Saarloos-Wolfhunde und italienischer Schäferhund) sind in den letzten Jahren wie
aus dem Boden geschossen und stellen
ein konkretes Entlaufsrisiko dar.
Bedrohte Artenvielfalt
Maßnahmen zur Problembeseitigung
„Die Aufrechterhaltung der Integrität,
des Zusammenhalts und der sozialen
Funktionsfähigkeit der Rudel ist ein
Meilenstein zur Bekämpfung und zur
Reduzierung des Hybridisierungs­
risikos“, meint Dr. Morimando. „Kompetente Experten sollten den gesamten
­Prozess verfolgen. Man sollte niemals
dem Versuch erliegen, das Individuum mit der Spezies zu verwechseln,
denn die Spezies trägt das genetische
­Reservoir in sich, das wunderbare
Exemplare erschafft. Dahinter steht eine
großartige Idee. Eine Idee, deren Durchführung unter einer einzigen Bedingung
erfolgen kann: einem enorm langen
Zeitraum. Mir liegt die Kontinuität der
Art, nicht der Einzeltiere am Herzen.
Diese zu verteidigen ist meines Erachtens ein ideologischer Fehler. Hier geht
es nicht um Ethik.“
In Problemsituationen befürwortet Morimando daher durchaus eine gezielte
Dezimierung.
Die Toskana habe laut Morimando
faunistisch bereits einen sehr kritischen
Punkt erreicht; ferner sei die Rechts­
sicherheit derweil praktisch abwesend,
denn das Gesetz würde einfach nicht
angewendet werden. Diese laissez faire,
laissez passer - Haltung des hiesigen
Verwaltungsapparates birgt tatsächlich anarchische Aspekte in sich und
überlässt die Region in diesem Punkt
ohne Regelung, quasi sich selbst. Die
Wilderer müssten stattdessen klar mit
dem ­a ngewandten Gesetz konfrontiert
werden.
„Die Analyse der erlegten Tiere wäre
sehr hilfreich. Doch, obgleich mir die
Anwohner gerne ihre Probleme mit den
Wölfen anvertrauen, machen Wilderer
am Ende immer dasselbe. Sie schießen,
schaufeln und schweigen.“
Die Faszination des Wolfes
Federico Morimandos erste Begegnung
mit einem Wolf in freier Wildbahn liegt
bereits etliche Jahrzehnte zurück: „Das
war im Nationalpark der Abruzzen.
Nachdem der Wolf in Italien nur mehr
in Märchen und Geschichten zugegen
war, konnte ich ihn endlich mit meinen Augen sehen. Mein Herz schlug
wie verrückt. Das war schon ein ganz
besonderer Moment in meinem Leben.“
Der Populationsanstieg von Wölfen
und Wolfshybriden, der in der Toskana
die biologische Wirklichkeit auf den
Kopf gestellt hat, ist ein Phänomen, das
erforscht, verstanden und überwunden
werden muss. Also Work in Progress. D
Foto: Petra Eckerl
Dazu Dr. Morimando: „Die diffuse
Anwesenheit streunender Hunde stellt
für den Wolf eine Bedrohung dar, denn
beide konkurrieren um die gleichen
Nahrungsressourcen. Außerdem greifen
auch Hunde Zuchtvieh an, was den Konflikt zwischen Wolf und Mensch, der
fälschlicherweise immer den Wolf für
die Angriffe verantwortlich macht, noch
weiter verschärft. Zuletzt ist die Hybridisierung an sich eine Gefahr für den
Wolf, weil er den Verlust seines genetischen Erbes riskiert. Hybridisierungsereignisse ermöglichen die Fixierung
hundeeigener genetischer Varianten in
der verwandten Wolfsbevölkerung.“
Der Anstieg der Hybridisierungsrate
ist daher eine ernste Bedrohung der
biologischen Artenvielfalt, da sie zum
Verlust der genetischen Identität des
Wolfes führt. Der Wolf ist ein wesentlicher und notwendiger Bestandteil der
Biodiversität in natürlichen Ökosystemen. Seine Erhaltung hat Auswirkungen
auf alle anderen tierischen und pflanzlichen Umweltkomponenten und die
Rolle der Raubtiere als Regulatoren der
Bio­zönose, d.h. der Lebensgemeinschaft
von Lebewesen innerhalb eines Biotops,
ist weithin anerkannt. Daraus folgt, dass
die Regelung der Hybridenproblematik
und die der streunenden Hunde untrennbar verbunden sind.
Streunende Hunde stellen für den
Wolf eine Bedrohung dar, denn
­beide ­konkurrieren um die gleichen
­Nahrungsressourcen. Außerdem ist die
Hybridisierung an sich eine Gefahr für
den Wolf, weil er den Verlust seines
­genetischen Erbes riskiert.
Hundemagazin WUFF 7-8/2016
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