MatHER-ch.ch Wirksamkeit der Betreuung auf die Gesundheit rund um die Geburt aus Sicht der Frauen in drei Schweizer Kantonen Zusammenfassung für die Teilnehmerinnen Katrin Burkhard, Ans Luyben Angewandte Forschung und Entwicklung,Dienstleistung Geburtshilfe, Berner Fachhochschule, Fachbereich Gesundheit, Bern 1 Einleitung Die Qualität und Wirksamkeit der Betreuung rund um die Geburt hat sowohl kurzfristige, als auch langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit von Frauen, Kindern und Familien. Sie ist somit essentiell für die Gesundheit von zukünftigen Generationen. Obwohl in der Schweiz medizinische und epidemiologische Daten erfasst werden, fehlen bis anhin Informationen aus Sicht der betroffenen Frauen. Das Ziel dieser Studie war es, ein Instrument zur Erhebung der Wirksamkeit der professionellen Betreuung und Qualität der Gesundheit während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, aus Sicht der Klientinnen in der Schweiz, zu entwickeln. Diese Informationen sollen dabei helfen, die professionelle Betreuung rund um die Geburt zu verbessern. Die Studie Die Studie wurde in zwei Teilen durchgeführt. Im ersten Teil wurde der englischsprachige Fragebogen der Kanadischen Maternity Experiences Survey (http://www.statcan.gc.ca/imdbbmdi/5019-eng.htm) auf Deutsch übersetzt, angepasst und ergänzt. Im zweiten Teil wurde der entwickelte Fragebogen in einer Pilot-Studie bei Frauen 8 bis 12 Monate nach der Geburt in drei Schweizer Kantonen (Bern, Zug, Graubünden) getestet. Mittels Ausfüllen des Fragebogens und einem anschliessenden Interview wurden dabei auch die ersten Daten gesammelt. Insgesamt wurden 63 Fragebögen verschickt, von denen 61 retourniert wurden. Mit 59 Frauen wurde ein Interview geführt. Die Teilnehmerinnen Fast 82 Prozent der teilnehmenden Frauen waren Schweizerinnen; die anderen Frauen waren entweder Doppelbürgerinnen oder stammten aus verschiedenen europäischen Ländern. Alle Frauen sprachen deutsch und alle hatten einen Berufsschul- oder einen höheren Abschluss. Für rund 65 Prozent der Frauen betraf die Umfrage ihr erstes lebend geborenes Kind, für 25 Prozent ihr zweites und für rund 8 Prozent ihr drittes Kind. Sie waren bei der Geburt ihres Kindes zwischen 20 und 45 Jahre alt und lebten mehrheitlich in einer festen Partnerschaft. Alle Kinder waren Einlinge und sie wurden zwischen der 30. und 41. Schwangerschaftswoche geboren. Ungefähr die Hälfte der Kinder waren Mädchen. Schwangerschaft Schwangerschaft und Gesundheit Die Mehrheit der Frauen bemerkte ihre Schwangerschaft zwischen der 2. und 6. Woche; für die Hälfte der Frauen war dies der richtige Zeitpunkt. Als die Frauen erfuhren, dass sie schwanger waren, bezeichneten sie sich mehrheitlich als glücklich (87,6 Prozent). Die meisten Frauen (91,6 Prozent) wussten bereits vor der Schwangerschaft, dass die Einnahme von Folsäure Fehlbildungen verhindern kann. In den ersten drei Monaten der Schwangerschaft nahmen fast alle Frauen täglich ein Folsäurepräparat zu sich. Bei den meisten Frauen veränderte sich das Rauch- und Trinkverhalten während der Schwangerschaft. In den letzten drei Monaten vor der Schwangerschaft gab es 78,8Prozent Frauen, und in den letzten drei Monaten der Schwangerschaft sogar 91,7 Prozent, die nicht rauchten. Rund zwei Drittel der Frauen tranken während der Schwangerschaft gar keinen Alkohol und 31,1 Prozent tranken weniger als einmal im Monat. Schwangerschaftsbetreuung Der erste Besuch in der Schwangerenvorsorge fand im Durchschnitt in der 8. Schwangerschaftswoche statt. In der Regel waren die Frauen 8 bis 9 Mal in einer Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchung. Ein Grossteil davon fand bei einem Geburtshelfer/ Gynäkologen statt. Viele Frauen sagten, dass sie zu ihrem Gynäkologen gingen, weil sie diesen schon 2 kannten und erwarteten von ihm vor allem fachliche Betreuung. Nur wenige gingen zu einer Hebamme (8,2 Prozent) oder zu einem Hausarzt (1,6 Prozent) und circa 10 Prozent der Frauen wurden gemeinsam von einem Arzt und einer Hebamme betreut. Mehrere Frauen wünschten sich eine kombinierte Betreuung. Die meisten Frauen konsultierten noch zwei bis drei weitere Fachpersonen, meistens waren dies Personen aus der Komplementärmedizin. Alle Frauen hatten Ultraschalluntersuchungen. Der erste Ultraschall fand meistens mit rund 8 bis 9 Wochen statt. In der Regel wurden 5 bis 6 Ultraschalluntersuchungen durchgeführt. Belastung und Unterstützung Insgesamt 54.1 Prozent der Frauen empfanden das Jahr vor der Geburt als eher bis sehr anstrengend. Meistens wurde ein Umzug oder eine Erkrankung einer nahe stehenden Person als belastendes Ereignis angegeben. Verschiedene Frauen erlebten bei der Arbeit Probleme, die mit der Schwangerschaft bzw. Mutterschaft in Beziehung standen. Viele erlebten auch die Schwangerschaft, am häufigsten aufgrund von Müdigkeit, Übelkeit und Wassereinlagerungen, als anstrengend. Viele Frauen bekamen während der Schwangerschaft meistens Unterstützung von Personen aus ihrem sozialen Umfeld. Rund 13 Prozent der Frauen erlebten wenig Unterstützung.Vier Frauen berichteten über Erfahrungen mit häuslicher Gewalt. Informationen Die teilnehmenden Frauen fanden, dass sie über die Themen in Bezug zu Schwangerschaft, Wehen und Geburt ausreichend informiert wurden. Am meisten wurden sie über körperliche Veränderungen, am wenigsten über den Gebrauch von Schmerzmitteln während Schwangerschaft und Geburt informiert. Sie erhielten aber auch rund 16 Prozent widersprüchliche Informationen, dies, weil in der Regel mehrere, unterschiedliche Quellen konsultiert wurden. Geburt Geburt und Geburtsort Rund zwei Drittel der Frauen hatten ihr Kind spontan geboren. 37,7 Prozent der Frauen hatten eine Kaiserschnittgeburt. 60 Prozent davon waren geplante Kaiserschnitte, meistens aus medizinischen Gründen, wie einer Beckenendlage oder wegen Schwangerschaftskomplikationen. Lediglich 8,2 Prozent gaben an, dass sie um einen Kaiserschnitt gebeten hatten. Alle Kinder wurden in einem öffentlichen oder privaten Spital geboren. Für die meisten Frauen ergab sich der Ort der Geburt wie von selbst, da sie das Spital wählten, in dem ihr Gynäkologe Belegarzt war oder welches nahe beim Wohnort lag. Zudem waren eine gute medizinische Versorgung und somit eine hohe Sicherheit wichtige Kriterien für die Wahl. Interventionen Im Allgemeinen war die Rate der Interventionen unter der Geburt, wie zum Beispiel Einlauf, Intimrasur oder Beine in Beinstützen, niedrig. Die meist angewendete Unterstützung war eine Vakuumgeburt. Zudem wurde oft eine kontinuierliche Herztonüberwachung durchgeführt und rund zwei Drittel der Frauen hatten eine Dammverletzung, die genäht werden musste, wobei die Hälfte davon einen Dammschnitt hatte. Bei einem Drittel wurde die Geburt medikamentös eingeleitet und bei einem anderen Drittel wurde sie medikamentös beschleunigt. Für einige Frauen war die Einleitung oder die Beschleunigung eine belastende Erfahrung. Schmerzlinderung Fast jede zweite Frau hatte während der Geburt eine Epidural- oder Spinalanästhesie, welche sie in 95,2 Prozent als sehr hilfreich empfunden hatten. Die zweitwichtigste Methode zur Schmerzlinderung war für die Frauen die Anwesenheit einer Bezugsperson. Weitere 3 häufig angewendete nicht-medikamentöse Methoden zur Schmerzlinderung waren noch Atemübungen oder Positionswechsel, welche je von rund 70 Prozent der Frauen als sehr oder eher hilfreich empfunden wurden. Geburtserlebnis Die Geburt war für die meisten Frauen ein positives Ereignis. Knapp die Hälfte der Frauen würde an ihrem letzten Geburtserlebnis nichts ändern. Von den anderen hätten mehrere Frauen lieber eine natürliche Geburt statt eines Kaiserschnitts, mehr Zeit zur Vor- und Nachbereitung bei einem Kaiserschnitt oder würden sich vorher andere Spitäler anschauen gehen, beziehungsweise in ein anderes Spital gehen. Rund 75 Prozent der Frauen hatten sich während der Geburt Sorgen um ihr Kind oder sich gemacht; zum Gefühl der Sicherheit trugen vor allem die Begleitperson, die meistens der Partner war, und die Hebamme bei. Betreuung Mehr als 70 Prozent der Frauen fanden es wichtig, während der Geburt von derselben Fachperson betreut zu werden. Mehr als 90 Prozent der Frauen wurden während dem Geburtsvorgang hauptsächlich von einer Hebamme betreut. Bei rund 50 Prozent der Frauen war ihr Arzt bei der Geburt dabei. Meistens wurden die Frauen, sowohl bei einer Spontan-, wie auch bei einer Kaiserschnittgeburt, von ihrem Partner begleitet, was mehrheitlich ein positives Erlebnis war. Nach der Geburt / Frühe Mutterschaft Spitalaufenthalt In der Regel blieben die Frauen, so wie auch ihr Baby, rund vier Tage im Spital. Für die meisten Frauen war diese Zeit ungefähr richtig. Die Meinungen über das Wochenbett im Spital waren sehr unterschiedlich, einige Frauen waren froh noch etwas im Spital bleiben zu können, um mehr über die Versorgung des Kindes zu lernen, andere fanden den Aufenthalt im Spital nicht so erholsam, da sie keine Ruhe und nur wenig Privatsphäre, vor allem wegen den Mehrbettzimmer, hatten. Die teilnehmenden Frauen waren am meisten mit den Fachkompetenzen der betreuenden Fachpersonen und ihrer Mitsprache bei gemeinsamen Entscheidungen zufrieden. Weniger zufrieden waren sie aber mit Informationen, die sie von Fachpersonen gekriegt hatten, Schutz der Würde und Privat- und Intimsphäre und dem Respekt und Sorgfalt, die ihnen entgegen gebracht wurden. Betreuung zu Hause Bei der Betreuung von Mutter und Kind zu Hause spielte vor allem die soziale Unterstützung und Einbettung eine wichtige Rolle. Meistens nahm der Mann zwei Wochen Ferien nach der Geburt und die Eltern wurden auch die Kinderbetreuung einbezogen, vor allem wenn die Frau wieder arbeiten ging. Ausländische Frauen empfanden diese Zeit eher als schwierig, weil sie ihre Familie nicht in der Nähe hatten. In einigen Regionen war die professionelle Wochenbettbetreuung im Übergang Spital – zu Hause sehr gut organisiert. Die meisten Frauen wurden primär von einer Hebamme und anschliessend von einer Mütterberaterin betreut. Informationen Die meisten Frauen fühlten sich über die relevanten Themen nach der Geburt ausreichend informiert. Der Informationsgrad per Thema war aber unterschiedlich, am meisten wurden sie über postnatale Depressionen und über das Stillen informiert. Insgesamt fühlten die Frauen sich am wenigsten über Fläschchennahrung, Kindersicherheit und körperliche Anforderungen nach der Geburt informiert. 4 Stillen Die meisten Mütter (72,1 Prozent) konnten ihr Kind innerhalb der ersten fünf Minuten in die Arme nehmen. Bei mehr als zwei Drittel der Frauen war das Kind beim Erstkontakt nackt und bei 78,8 Prozent lag das Kind bei der Mutter auf der nackten Haut. Fast alle Frauen (96,7 Prozen) konnten ihr Kind nach der Geburt tatsächlich auch stillen oder hatten versucht es zu stillen, auch wenn dies nur für kurze Zeit war. Mehr als die Hälfte der Frauen (62,7 Prozent) stillten ihr Kind beim Zeitpunkt der Umfrage noch, jedoch hatten nur ca. 10 Prozent der Frauen die Nahrung ihres Kindes nicht mit Flüssigkeiten, wie Wasser, Tee oder Milchersatz angereichert. Die Frauen, die bereits aufgehört hatten, hatten im Durchschnitt mit rund 6 Monaten abgestillt, davon circa 17 Prozent in den ersten 3 Wochen. Oft war zu wenig oder keine Milch der Grund. Kindliche Gesundheit Die Babys wogen bei der Geburt durchschnittlich rund 3300 Gramm. Die meisten Frauen (77 Prozent) hatten seit der Geburt ausserhalb der Routinekontrollen einen Arzt oder eine andere Fachperson für ihr Baby konsultiert. Nur fünf Prozent der Kinder mussten nach der Geburt nochmals im Spital übernachten (zwischen zwei und acht Nächten). Fast alle Frauen (91,8 Prozent) waren mit der Gesundheitsbetreuung, welche das Baby seit der Geburt erhalten hatte sehr oder eher zufrieden. Zum Zeitpunkt der Umfrage schätzten 86,9 Prozent der Frauen den Gesundheitszustand ihres Babys als hervorragend oder sehr gut ein. Mütterliche Gesundheit nach der Geburt Zum Zeitpunkt des Interviews schätzten die meisten Frauen (88.5 Prozent) ihren Gesundheitszustand als gut bis sehr gut ein. Ungefähr die Hälfte der Frauen berichtete über körperliche Beschwerden in den ersten drei Monaten. 10 bis 15 Prozent der Frauen gaben auch 8 bis 12 Monate nach der Geburt noch körperliche Beschwerden, wie Schmerzen im Schambereich, bei der Kaiserschnittnaht, beim Geschlechtsverkehr oder im Rücken an. Der Befindlichkeitsscore zeigte, dass etwa gleich viele Frauen, insbesondere Migrantinnen, zu diesem Zeitpunkt auch noch psychische Beschwerden hatten. Schlussfolgerung Die Daten der jetzigen Studie zeigen, dass die Frauen in den drei Schweizer Kantonen im Allgemeinen mit ihrer fachlichen Betreuung rund um die Geburt sehr zufrieden sind. Sie geben jedoch auch Hinweise auf Lücken in der Mutterschaftsbetreuung. Diese Resultate betonen damit die Wichtigkeit einer regelmässigen, grossflächigen Evaluation der Erfahrungen betroffener Klientinnen im Hinblick auf die Optimierung der Versorgungsangebote rund um die Geburt und Kostenreduktion im Gesundheitswesen. Der in dieser Studie entwickelte Fragebogen kann dazu als Erhebungsinstrument benutzt werden. 5