SWR2 Wissen

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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Wissen
Am Anfang des Lebens (4/4)
Die Geburt als Zumutung
Von Eva Schindele
Sendung: Montag, 25. Januar 2016, 8.30 Uhr
Redaktion: Detlef Clas
Regie: Claudia Kattanek
Produktion: WDR 2015 (Übernahme SWR)
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
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MANUSKRIPT
Musik: Poppy Ackroyd – Feathers – Feathers
O-Ton Schwarz:
Wenn Sie als Hebamme Urlaub machen, dann sitzen sie im Hotel, neben völlig
wildfremden Leuten und dann fragt man: „Was machen sie denn so?“ Und sobald
das Wort Hebamme fällt, fangen sofort alle weiblichen Menschen am Tisch, egal
welchen Lebensalters an, ihre Geburtsgeschichten zu erzählen.
Sprecherin:
Geburten sind existentielle Ereignisse. Sie schreiben sich ein in Körper und Seele
von Müttern und Kindern.
Musik: Poppy Ackroyd – Feathers – Feathers
O-Ton C.:
Ich habe sehr oft dann gehört: Hauptsache gesund, das Kind ist gesund und du bist
gesund. Aber ich hätte mir natürlich auch gewünscht, dass ich die Möglichkeit habe
auch zu sagen: Das was ich erlebt habe, war keine schöne Geburt. Es war alles für
mich unerwartet und es war auch nicht erklärt und alles und ich fand das sehr brutal.
Dann wird nachher so „Schwamm drüber“, und dann sagt man: Hauptsache gesund.
Musik: John Zorn – Sign and Signature – The Gnostic Preludes
Atmo: Herztöne im Mutterleib
Ansage:
Am Anfang des Lebens – Die Geburt als Zumutung
Ein Feature von Eva Schindele
Atmo: Kreißsaalrundgang / OP
Jakubek: Eigentlich ist das Standard für ein Perinatal-Zentrum, dass der OP natürlich
im Kreißsaal sein muss, weil wir so schnell wie möglich die Kinder rausholen
müssen. Unser Ziel ist unter, im Notfall, unter 10 Minuten die Kinder draußen zu
haben. Das schaffen wir auch zu 99,9 Prozent …
Musik: Gustavo Santaolalla – Can light be found in the darkness? – 21 Grams Ost
O-Ton C.:
In diesen Tagen vor der Geburt, da wächst die Aufregung mit. Ab diesem 3. August
sagen alle – na, wann ist es soweit, wann ist es so weit. Ich habe mich auf die Geburt
gefreut und natürlich hat man auch Sorge, dass alles gut geht, weil man weiß: Es ist
ja ein sehr wichtiger Augenblick, wo Leben und Tod auch ganz nah beieinander sind.
Und wenn irgendwas nicht gut geht, dann weiß man nicht, trägt das Kind vielleicht
Schäden davon?
Sprecherin:
C. war damals 33 und erwartete ihr erstes Kind. Die Schwangerschaft verlief gut. Ihr
Kind wollte sie in einem Krankenhaus nicht weit von ihrer Wohnung auf die Welt
bringen.
2
O-Ton C.:
Dann war es tatsächlich so, dass 11 Tage nach dem errechneten Geburtstermin
etwas Flüssigkeit kam. Und ich wusste auch nicht genau was es ist. Es war sehr,
sehr heiß, es war Sommer. Und am nächsten Morgen bin ich ins Krankenhaus und
dann hieß es, das Fruchtwasser sei grün und es müsse ganz schnell ein
Kaiserschnitt gemacht werden.
Sprecherin:
Wenn das Fruchtwasser grün ist, heißt das noch lange nicht, dass das Kind im
Bauch der Frau in akuter Not ist. Was sich auch hinterher bestätigte: Der kleine
Junge kam putzmunter auf die Welt.
O-Ton C.:
Da fühlte ich mich total überrumpelt. Ich hatte ja keine Möglichkeit, diese
Entscheidung infrage zu stellen. Und da habe ich dann dem zugestimmt, habe mich
sehr ohnmächtig gefühlt.
O-Ton Hellmers:
Das hat natürlich auch mit dem Menschenbild zu tun. Habe ich die Einstellung zu
sagen, diese Geburt im Leben einer Frau ist einzigartig? Auch wenn sie mehrere
Geburten hat, ist jede wieder einzigartig.
Sprecherin:
Claudia Hellmers lehrt Hebammenwissenschaft an der Hochschule Osnabrück.
O-Ton Hellmers:
Und sie wird es in ihrer Biographie integrieren und sie wird im weiteren Leben das für
sich verarbeiten müssen, und das hoffentlich als schönes Erlebnis verarbeiten
können. Wenn ich diesen Anspruch habe, dann gehe ich anders mit Frauen um,
dann lasse ich sie mit entscheiden, dann versuche ich sie kontinuierlich zu betreuen,
dann schaue ich ganz genau, was hat sie für Bedürfnisse.
Musik: Gustavo Santaolalla – Can light be found in the darkness? – 21 Grams Ost
O-Ton C.:
Was ich fast komisch fand war: Da wurde auf meinen Bauch gedrückt, und wo ich
dachte, mein Kind ist wahrscheinlich das erste Kind, das geboren wird, wo ein Mann
stöhnt: Uaah. Und wo ich dachte: Wie verkehrt ist das? Ich liege da – bin jenseits von
allem durch diese Anästhesie, und dann drückt ein Mann ganz toll auf meinen Bauch
und dann kommt mein Baby raus.
O-Ton Hellmers:
Oder habe ich eher eine technisierte Einstellung, wo es mir darum geht, vielleicht
etwas salopp ausgedrückt, Hauptsache Mutter und Kind überleben. Aber wie wir zu
diesem Ergebnis kommen, spielt eigentlich nicht so eine Rolle.
Sprecherin:
Jede dritte Geburt endet mit einem Bauchschnitt. Damit hat sich die Zahl der
Kaiserschnitte in 20 Jahren verdoppelt – mit großen regionalen Unterschieden:
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Während im rheinland-pfälzischen Landau jede zweite Frau mit Kaiserschnitt
entbunden wird, ist es in Dresden nur jede sechste Frau.
Die Bielefelder Gesundheitswissenschaftlerin Petra Kolip verfasste 2012 für die
Bertelsmann-Stiftung den „Faktencheck Kaiserschnitt“.
O-Ton Kolip:
Man muss sich ja vor Augen führen: Zehn Prozent der Kaiserschnitte sind wirklich
ohne Alternative. Da ist das Leben von Mutter oder Kind gefährdet.
Sprecher:
Zum Beispiel, wenn das Kind quer im Bauch liegt, sich mit der Nabelschnur
stranguliert, oder wenn der Mutterkuchen, die sogenannte Plazenta, den
Geburtskanal versperrt oder sich gelöst hat.
O-Ton Kolip:
Und dann gibt es neunzig Prozent Kaiserschnitte, wo es einen Handlungsspielraum
gibt, der eben sehr unterschiedlich ausgeschöpft wird.
Sprecher:
Zum Beispiel, wenn das Kind in Beckenendlage, also mit dem Po nach unten liegt,
oder bei einem vorangegangenen Kaiserschnitt. Und – unter der Geburt: Wie viel Zeit
lässt man dem Kind, sich durch den Geburtskanal hinauszubewegen? Wie
interpretiert man das Abfallen der kindlichen Herztöne im CTG?
O-Ton Kolip:
Dann gibt es eben Kliniken, da wird sehr schnell zur Schnittentbindung empfohlen,
und es gibt andere, die da etwas gelassener sind. Vielleicht auch welche, wo der
Anteil von Hebammen im Kreißsaal höher ist, sodass da die Kaiserschnittrate
niedriger ist.
Musik: Shakira – She wolf – Party
Sprecher:
Popstar Shakira ist zum zweiten Mal Mutter geworden. Die 37-jährige Kolumbianerin
brachte in der Nacht zum Freitag in einer Privatklinik in Barcelona einen Sohn zur
Welt. Die Geburt erfolgte auch diesmal per Kaiserschnitt. Mutter und Kind seien
wohlauf, heißt es auf ihrer Website. Die Sängerin und ihr zehn Jahre jüngerer
Lebenspartner, der Fußballer Gerard Piqué, nannten den Kleinen Sasha Piqué
Mebarak. „Der Name Sasha bedeutet 'Verteidiger der Menschheit' und 'Krieger'“,
teilten die Eltern mit.
O-Ton Kolip:
Wunschkaiserschnitt ist ja auch so ein sehr schillernder Begriff. Diese Art von
Wunschkaiserschnitt ist sehr, sehr selten.
Was anderes ist sozusagen der Umgang mit Schmerzen: Traue ich mir die
Schmerzen, traue ich mir die Geburt zu? Gibt es vielleicht ein Risiko, was ich selber
nicht tragen will, wo ein Kaiserschnitt nicht unbedingt nötig ist, wo Frauen aber,
glaube ich, leichter zustimmen, einen Kaiserschnitt zu machen und vielleicht dann
auch unter der Geburt sagen: Ja, eigentlich war ich auch ganz froh, dass ich dann in
die Situation kam, wo es einen Kaiserschnitt geben musste.
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Musik: Gustavo Santaolalla – Requiem – Camino
Sprecherin:
Vor hundert Jahren überlebten die meisten Frauen einen Kaiserschnitt nicht. Noch
1990 machten Ärzte einen Kaiserschnitt nur, wenn die Gesundheit von Mutter oder
Kind in Gefahr war. Eine geringe Kaiserschnittrate war für eine Klinik ein
Qualitätsmerkmal. Dann wurden die Operations- und Narkosetechniken verbessert
und …
O-Ton Lenzen-Schulte:
… dadurch, dass wir schon jetzt die Option Kaiserschnitt haben, trauen sich viel, viel
mehr darüber nachzudenken, wie könnte es anders sein.
Sprecherin:
Martina Lenzen-Schulte ist Ärztin und Medizinjournalistin. Der geplante Kaiserschnitt
– auch ohne medizinische Notwendigkeit als Alternative einer natürlichen Geburt?
O-Ton Lenzen-Schulte:
Ich sehe darin nicht nur etwas Schlechtes. Ich sehe darin nicht nur eine
Verunsicherung. Sondern ich sehe darin einen aufbrechenden Dialog, der wirklich
ermöglicht den Frauen vor der Geburt und vor der Stresssituation im Kreißsaal, wo
dann vielleicht ganz schnell entschieden werden müsste, darüber nachzudenken:
Was will ich eigentlich für mich? Und darin kann auch eine Selbstbestimmung liegen.
Sprecherin:
Bei einer Geburt ist Selbstbestimmung nur in Grenzen möglich. Der Verlauf folgt
seinen eigenen natürlichen Gesetzmäßigkeiten. Im Ausnahmezustand einer Geburt
fürchten manche Frauen den Kontrollverlust. Die Anonymität des Krankenhauses
verstärkt diese Furcht, es sei denn, sie erhalten eine gute Begleitung, die sie durch
die Geburt führt. Ein Kaiserschnitt dagegen scheint für sie überschaubar, weil er
einem festgelegten Schema folgt.
Damit delegieren Frauen die Geburt an den oder die Expertin. Ist das
Selbstbestimmung?
O-Ton Lenzen-Schulte:
Die Autonomie der Mutter muss aller oberste Priorität haben. Die Mutter entscheidet.
Und wenn man von ihr verlangt, ihre Entscheidung auch nur begründen zu müssen,
ist das passiv paternalistisch. Man muss der Frau eine wirkliche Wahlfreiheit lassen.
Sprecherin:
Und man muss Frauen gut informieren!
Musik: Gustavo Santaolalla – Can light be found in the darkness? – 21 Grams Ost
O-Ton C.:
Damals fand ich das wirklich fast zynisch: In dem Krankenhaus, wo ich war, lagen
Broschüren rum und drauf stand groß: Schnitt statt Schmerz. Und da hab ich
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gedacht: Was soll das? Erstens ist ein Schnitt auch schmerzhaft, und spätestens
nachdem ich dann den Kaiserschnitt hatte – da wusste ich, das ist die absolute Lüge.
O-Ton Louwen:
Ja, sanfter Kaiserschnitt – dieser Begriff ist ja ein Marketingbegriff. Das hat ja mit
sanft nichts zu tun.
Sprecherin:
Frank Louwen leitet die Universitätsfrauenklinik in Frankfurt.
O-Ton Louwen:
Man muss durch die Hautdecke hindurchschneiden, man muss dann die Muskulatur
zur Seite schieben, man muss in die Gebärmutter hineinschneiden, und das ist bei
jedem Kaiserschnitt gleich. Das hat nichts mit sanft zu tun. Die Einführung dieses
Begriffes „sanfte Kaiserschnitt-Geburt“ sollte Frauen eher beruhigen, aber
medizinisch ist er unsinnig.
O-Ton C.:
Ein Kaiserschnitt ist eine mittelgroße Operation. Man bekommt eine Narbe, die
vielleicht zwischen 12 und 15 cm groß ist. Die gesamte Bauchdecke wird aufgemacht
und es muss alles wieder zusammenwachsen. Man ist nach so einer OP erst mal
müde und erschöpft – und eigentlich zu einem Zeitpunkt, wo man sich um ein kleines
Wesen kümmern soll, wo man alle Kraft eben in andere Sachen stecken sollte, in
Stillen, in sich kümmern und sich freuen auf sein Baby. Das ist eine sehr große
Strapaze auch für den Körper.
Sprecher:
Risiken einer Kaiserschnittgeburt für die Mutter sind schwere Infektionen, Blutungen,
Verletzungen der Blase oder Harnleiter. Verwachsungen im Bauchraum,
Fruchtbarkeits- und Plazentastörungen sowie die Gefahr eines Gebärmutterrisses
können bei möglichen nachfolgenden Schwangerschaften zum Problem werden.
O-Ton Louwen:
Die steigende Kaiserschnittrate ist beunruhigend. Vor allen Dingen deshalb, weil
mittlerweile alle Studien zeigen, dass nicht nur die mütterlichen, sondern auch die
kindlichen Komplikationen steigen, wenn ein Kind per Kaiserschnitt geboren werden
musste.
Sprecher:
Wenn die Kinder vor der 39. Schwangerschaftswoche geholt worden sind, kommen
sie häufiger mit Lungenentzündungen, Infektionen und Atemproblemen auf eine
Intensivstation. Außerdem gibt es Hinweise auf Langzeitfolgen wie ein erhöhtes
Risiko für Allergien, Asthma und Diabetes Typ 1.
Musik: Hauschka & Hilary Hahn – Clock winder – Silfra
Sprecherin:
Sind Schwangerschaft und Geburt Zeitverschwendung, etwas, was Frauen zwischen
zwei Meetings erledigen können sollten? Das Relikt eines überholten Zeitalters?
Ohne eigenen Wert? Wenig rationell, unökonomisch, subversiv?
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Angelica Ensel ist Hebamme und Ethnologin.
O-Ton Ensel:
Das Geborensein gehört zu unserem Menschsein und all die Qualitäten, die mit dem
Gebären, aber auch mit der Geburtsbegleitung verbunden sind, das sind ganz
wichtige Werte, die wir sichern müssen. Werte, ich sag mal, von Hingabe, von
Präsenz, von Achtsamkeit, von Geduld. All das, was es braucht, um zu Gebären oder
das Gebären zu begleiten.
Sprecherin:
Werte, die gesellschaftlich heute nicht gerade hoch im Kurs stehen und die sich mit
der Vorstellung von Technisierung und Machbarkeit reiben.
O-Ton Abou-Dakn:
Wir haben erfahren, dass es eben die Möglichkeit gibt, immaterielle Weltkulturerben
anzumelden. Und da haben wir gesagt, das beantragen wir mal, die normale Geburt
als ein solches. Wir wollten damit ja weltweit provozieren und haben damit auch
positive Reaktionen weltweit bekommen.
Sprecherin:
Michael Abou-Dakn leitet die Frauenklinik am St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin
Tempelhof:
O-Ton Abou-Dakn:
Die Idee war eben zu provozieren, dass man hinschaut und eine Kunst, eine
Handwerkskunst, so war das eigentlich gemeint, der normalen Geburt verloren
gehen könnte, dadurch dass eben der Kaiserschnitt zu stark fokussiert wird.
Sprecherin:
Deutschland nimmt mit einer Kaiserschnittrate von 32 Prozent in Europa einen
Spitzenplatz ein. Seit 2012 stagniert der Anstieg. Zum ersten Mal seit 25 Jahren.
O-Ton Abou-Dakn:
Was der Punkt ist, ist die Planbarkeit der Geburt. Da ist natürlich der Kaiserschnitt,
wenn ich weiß, die Frau kommt morgens um 8:30 Uhr in die Klinik, frisch geduscht,
und ich mach den Kaiserschnitt. Kaiserschnitte dauern ja heute eine Viertelstunde,
19 Minuten – sind kurze intensive Personalbindung und dann ist es wieder vorbei.
Sprecherin:
2008 rechnete die Universitätsklinik Lübeck öffentlich vor, dass 28 Prozent ihrer
Geburten Kaiserschnittentbindungen sein müssen, wenn die Geburtshilfe kein
Zusatzgeschäft werden soll.
O-Ton Abou-Dakn:
Wenn ich eine Beckenendlage zum Beispiel normal begleiten möchte, weiß ich eben
nicht, wann das Kind kommt. Ich muss meine Fachleute Tag und Nacht in der Lage
haben, dabei zu sein. Die müssen eventuell stundenlang dabei rumsitzen, und
müssen abwarten, bis dann irgendwann der kurze Moment kommt, wo sie eigentlich
gebraucht werden. Das ist natürlich unglaublich personalintensiv, das schluckt
Ressourcen.
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Sprecherin:
Die komplikationslose Geburt rechnet sich betriebswirtschaftlich nicht. Nur die
vaginale Geburt mit Interventionen wie Periduralanästhesie, Wehentropf oder
Saugglocke wird inzwischen etwas besser honoriert.
Werden geburtshilfliche Abteilungen von Krankenhausverwaltungen also vielleicht
sogar angehalten, viel zu intervenieren oder sogar Kaiserschnitte durchzuführen,
damit die Bilanz der Klinik stimmt?
O-Ton Louwen:
Das wäre fürchterlich. Auf der anderen Seite ist es so, ja, es stimmt, dass die
Spontangeburt häufig zum Minusgeschäft wird, während der Kaiserschnitt gerade die
Erlöse sichern kann, die in diesem Procedere sind. Und das führt dann dazu, dass
immer weniger an Hebammen-Begleitung im Kreißsaal zur Verfügung steht und auch
an ärztlicher Kompetenz, und das wirkt sich dann auch aus.
O-Ton Abou Dakn:
Ich glaub, da braucht unsere Gesellschaft wirklich nochmal eine
Grundsatzdiskussion, ob man letztendlich bei dem Beginn der Lebens tatsächlich so
auf Minimalkosten gehen möchte. Ob man nicht die Geburtshilfe anders bezahlen
muss, um eben eine andere Betreuungssituation hin zu bekommen.
Musik: Hauschka & Hilary Hahn – Godot – Silfra
Atmo: Kreisaalrundgang
Jakubek: So sieht ein OP aus, ganz normal steril, links ist der Raum wo die
Kinderärzte die Kinder untersuchen …
O-Ton Grieschat:
Ich habe recht gesund und recht wohlwollend begonnen, dieses Kind zu bekommen.
So hat es sich angefühlt. Ich wusste jetzt geht es los. Die Schmerzen waren
erträglich.
Sprecherin:
Es ist Mitternacht: Die Wehen kommen alle drei Minuten. Die 25-jährige Mascha
Grieschat und ihr Freund fahren ins Krankenhaus. Dort ist es voll und hektisch. Sie
werden wieder nach Hause geschickt, weil der Muttermund noch nicht genug
geöffnet sei. Gegen sieben Uhr früh kommen die Wehen alle 90 Sekunden und sie
rufen, wie empfohlen, den Krankentransporter der Klinik. Die Sanitäter fürchten eine
Sturzgeburt und rufen den Notarzt.
O-Ton Grieschat:
Dann gab es eine irre Odyssee ins Krankenhaus und als wir dann endlich nach
Notarzteinsatz in die Klinik kommen konnten, war dort leider niemand wirklich für
mich zuständig.
Sprecherin:
Mascha Grieschat ist inzwischen schon ziemlich aufgelöst. Eine Hebamme schickt
sie und ihren Partner in ein Gebärzimmer und legt – ohne viele Worte – das CTG an.
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O-Ton Grieschat:
Ich wurde wie eine Nummer, wie ein Stück Fleisch da behandelt. Sie hat in meinen
Körper hineingegriffen, um diese Muttermundsuntersuchung zu machen. – Aber ich
erinnere mich nicht an ein Gespräch oder an freundliche Worte der Hilfe. Und
irgendwann fiel dann der Satz: „Mädchen, guck dich doch mal an, du bist fertig, du
brauchst eine PDA, wenn du dein Kind natürlich bekommen möchtest.“
Sprecherin:
Man hält ihr einen Stift hin. Sie soll die Einverständniserklärung für die regionale
Narkose, kurz PDA unterzeichnen. Aufgeklärt wird sie nicht. Später wurde auch ihr
mündliches Einverständnis zum Kaiserschnitt auf diesem Bogen eingetragen.
O-Ton Grieschat:
Ich habe mich unglaublich alleingelassen gefühlt – trotz dieser wahnsinnig vielen
Menschen, die dann später um mich herumkamen. Ich kam mir vor, wie auf dem
Bahnhof. Die ganze Zeit entblößt und es war einfach nur erniedrigend und man geht
aus dem Körper raus – auch mit diesen Schmerzen, die man da aushält. Und ich war
ganz weit weg von meinem Kind – als ob das gar nicht mehr eine Geburt wäre,
sondern einfach nur eine Situation des Sterbens.
O-Ton Hartmann:
Im Englischen gibt‘s den Begriff des „birth rape“, also der Geburtsvergewaltigung,
und das ist in der Tat das, was die Frauen empfinden. Und da gibt es auch
Erzählungen über, „aus dem eigenen Körper herausgegangen sein“, was man so von
Vergewaltigungsopfern hört, dass man sich selber, wie von oben als dritte Person
beobachtet hat. Das gibt es auch bei Frauen unter der Geburt.
Sprecherin:
Katharina Hartmann, Literaturwissenschaftlerin und dreifache Mutter engagiert sich
bei „Human Rights in Childbirth“, auf Deutsch „Menschenrechte unter der Geburt“.
Diese Nichtregierungsorganisation wurde 2012 von einer amerikanischen
Menschenrechtsanwältin gegründet und hat inzwischen Ableger in 20 Ländern.
O-Ton Hartmann:
Das, was verletzt und als belastend empfunden wird, ist, dass man nicht mehr als
Frau, als Mensch, als Subjekt da liegt, sondern nur noch als Objekt. Als Behälter
eines Kindes, was ausgetragen wird und man nicht mehr in seiner Menschenwürde
wahrgenommen wird.
Musik: Hauschka & Hilary Hahn – Godot – Silfra
O-Ton Grieschat:
Es gab wohl einen Alarm mit dem CTG-Gerät, dass die kindlichen Herztöne
abgefallen sind. Man uns aber nichts erklärt hat. Und ich einfach nur gefragt habe,
was ist los hier?
Sprecherin:
Aufregung. Das Gebärzimmer füllt sich innerhalb kürzester Zeit mit unbekannten
Menschen in weißen Kitteln. Mascha hört nur das Wort Kaiserschnitt.
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O-Ton Grieschat:
Mein Partner erzählt, dass ich das auf keinen Fall will, aber man hat mich einfach
herausgetragen – wie ein Stück zur Schlachtbank. Das sind diese letzten Momente,
die ich erinnere. Dass ich auf einmal diese Maske aufgedrückt bekommen habe,
ohne dass mir jemand sagt: Sie bekommen jetzt eine Vollnarkose. Ich hatte ja
eigentlich eine PDA. Es ist einfach gemacht worden – als ob mein Kopf überhaupt
nicht an meinem Körper wäre und nicht wert, mit mir die Dinge zu besprechen.
Sprecher:
CTGs führen häufig zu Fehlalarmen und damit zu überflüssigen Kaiserschnitten.
O-Ton Grieschat:
Ich hatte keine Möglichkeit mich zu verabschieden, ich weiß nicht, sich noch einmal
einen Kuss geben oder irgendwie. Ich dachte, ich habe ihn zum letzten Mal gesehen,
weil es sich für mich so angefühlt hat, als würde ich das nicht überleben können.
Dann war die große Angst da – dass nach all dem, wie sie sich mir gegenüber
verhalten haben, dass sie auch dem Kind irgendwas antun würden. Das ist keine
realistische Angst. Das ist das, was ich in dieser Todesangst gespürt hatte.
Sprecherin:
Zeitdruck, Personalmangel, Arbeitsverdichtung und gleichzeitig das Versprechen,
alles im Griff zu haben – auf vielen Geburtsstationen regiert die Angst.
O-Ton Abou-Dakn:
Das eine Thema ist Angst im Kreißsaal von Ärzten und Ärztinnen etwas falsch zu
machen, einen Schaden hervorzurufen, gar nicht mal jetzt nur wegen der juristischen
Konsequenzen, sondern auch natürlich wegen des Leides was dahinter steht,
wodurch auch immer ausgelöst.
Sprecherin:
Werdende Eltern erwarten hundertprozentige Sicherheit und vertrauen auf die
technische Ausrüstung, die Kinderintensivstation, den nahen Operationssaal.
Erfahrung und Stellenschlüssel sind dagegen kaum ein Thema. Aber auch unter
optimalen Bedingungen können manchmal Neugeborene gesundheitlich
angeschlagen auf die Welt kommen oder ihre Geburt nicht überleben.
Hebammenwissenschaftlerin Claudia Hellmers:
O-Ton Hellmers:
Geburt ist einfach etwas, was nicht komplett vorhersehbar ist und wo auch die
Experten, auch wenn sie noch so sorgsam und so fürsorglich sind, auch in
Situationen geraten können, wo plötzlich alles anders ist, als man es vorher erwartet
hat. Und das hat dann eben auch mit dem wahren Leben zu tun. Wir sind da nicht
vor allem gefeit.
Sprecherin:
Die große Sorge der Kliniken. Sie könnten wegen der Schädigung eines Kindes
verklagt werden – entweder von den Eltern selbst oder den Krankenkassen, die sich
von der Haftpflichtversicherung das Geld zurückholen wollen.
O-Ton Grieschat:
10
Die Haftpflichtversicherungen, der Ärzte, der Krankenhäuser, der Hebammen
entscheiden, wie Kinder geboren werden sollen.
Sprecherin:
Die Versicherungssummen für die Geburtskliniken sind inzwischen explodiert. Wer
einen Kaiserschnitt macht, ist bisher vor Gericht immer auf der sicheren Seite.
O-Ton Louwen:
Aber sicherlich eine anderer ein wesentlicher Grund ist auch, aus Furcht vor
juristischen Komplikationen empfehlen viele Geburtshelfer mittlerweile eher einen
Kaiserschnitt als eine normale Geburt, weil immer noch der Mythos besteht, wenn
man einen Kaiserschnitt macht, man weniger häufig verklagt werden könnte als bei
einer normalen Geburtsbegleitung.
Sprecherin:
Frank Louwen ist Chefarzt der Universitätsfrauenklinik in Frankfurt
O-Ton Louwen:
Wenn jetzt die Daten aber zeigen, dass Kinder gar nicht profitieren, sondern im
Gegenteil wir sogar einen wichtigen Anhalt dafür haben, dass der Kaiserschnitt
möglicherweise auch negative Folgen haben kann – wohlgemerkt der Kaiserschnitt,
der nicht sein muss – wir reden ja nicht von der Situation, dass es einem Kind in der
Gebärmutter nicht gut geht. Wir reden ja nur von der Situation, in der man sich
aussuchen kann. Dann wird sich hier sicherlich auch über kurz oder lang die
Rechtslage ändern, sodass zumindest dieser Faktor anders beleuchtet wird.
Musik: Gustavo Santaolalla – Can light be found in the darkness? – 21 Grams Ost
Atmo: Kreißsaalrundgang
Jakubek: Sie sehen diesen Ständer da links, … dann wird so ein Tuch dran
gebunden, damit die Frauen nicht durchsehen können ...
O-Ton C.:
Jetzt noch, wenn der Himmel sich zuzieht und vor dem Regen, spüre ich immer
meine Narbe. Es ist eine empfindliche Stelle unter dem Bauch.
Sprecherin:
C.s Sohn ist inzwischen 12 Jahre alt.
O-Ton C.:
Ich will das auch nicht mehr in Frage stellen, weil es passiert ist. Ich hätte gerne zwei
natürliche Geburten erlebt – aber es ist so, wie es ist.
Sprecherin:
Drei Jahre später bekommt sie noch eine Tochter.
O-Ton C.:
Diesen zweiten Kaiserschnitt habe ich sehr anders erlebt, dadurch dass mein Körper
Zeit hatte, sich vorzubereiten auf einen anderen Zustand. Dadurch, dass ich die erste
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Geburt komplett anders erlebt hatte, weiß ich, dass es auch die Möglichkeit gibt,
einen Kaiserschnitt als nicht so traumatisch zu erleben.
Musik: Hauschka & Hilary Hahn – Godot – Silfra
Atmo: Kreißsaalrundgang
Jakubek: Hier liegen die Frauen, hier wird Blutdruck gemessen, Puls gemessen …
Sprecherin:
Mascha Grieschats Kaiserschnitt liegt fast vier Jahre zurück und sie hat immer noch
an dieser Erfahrung zu knapsen. Zwar kam sie schnell wieder auf die Beine und
konnte ihren kleinen Sohn versorgen, doch Weinkrämpfe und Panikattacken
verfolgten sie. Sie geht mit ihrem Baby in stationäre Behandlung und sucht auch
danach therapeutische Hilfe.
O-Ton Grieschat:
In der Aufarbeitung sollte ich festhalten, was der schönste Moment der Geburt war.
Und dann habe ich überlegt, doch es gab was Schönes, und zwar der Moment als
ich zum ersten Mal gesehen habe, mein Kind hat das überlebt. Ich bin aufgewacht,
ich war alleine in dem Raum und ich wusste eben auch nicht, hat er´s geschafft oder
nicht? Das letzte, was ich gehört hatte war, die Herztöne sind sehr schlecht, und
mein Bauch war weg. Und ich schrie dann um Hilfe. Und dann sagten sie mir dann
aber auch sehr schnell, dass der Kleine es geschafft hat und dass es ihm gut geht.
Sprecherin:
Das Kind kam fit auf die Welt. Keinerlei Anzeichen von Geburtsstress. Sie sucht das
Gespräch mit der Klinik.
O-Ton Grieschat:
Für mich wäre es, glaube ich, sehr viel einfacher gewesen, Frieden zu schließen,
wenn ich eine Entschuldigung bekommen hätte. Es tut uns leid, dass wir Sie nicht
gesehen haben, es tut uns leid, dass wir uns überhaupt nicht um Sie gekümmert
haben. Nö, wieso? – Das Ergebnis am Ende ist ja gesund und das, was dazwischen
ist, ist letztendlich egal. So haben sie das auch gesagt: Darauf kommt es doch an,
dass Sie gesund sind.
Sprecherin:
Sie wendet sich an die Schlichtungsstelle für Arzthaftungsfragen und zeigt das
Krankenhaus wegen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung an. Der
Staatsanwalt weist die Anzeige zurück.
O-Ton Grieschat:
Der Arzt entscheidet. Sobald die Gefahr des Kindswohls besteht, darf er handeln
entgegen dem Willen der Mutter. Das ist völlig irrelevant, was die möchte. Es zählt
einzig und allein, dass der Arzt die Vermutung hat, dass das Kind gerettet werden
muss.
O-Ton Hartmann:
12
Was in der Geburtshilfe häufig vorkommt, ist, dass das Wohl des Kindes gegen das
Wohl der Mutter ausgespielt wird. Also, dass die Mutter an dem Punkt nur noch
Behälter ist, in dem das Kind gefährdet wird.
Sprecherin:
Aus Brasilien und den USA sind Fälle bekannt, in denen Schwangere in
Handschellen zum OP gebracht wurden, weil sie einem Kaiserschnitt nicht
zustimmten.
O-Ton Hartmann:
Das ist auch tatsächlich ein Dilemma. Wer ist denn mehr Wert, die Mutter oder das
Kind?
Musik: Hauschka & Hilary Hahn – Godot – Silfra
O-Ton Grieschat:
Ich habe die Initiative für gerechte Geburtshilfe gegründet. Ich wollte nicht mehr als
Einzelkämpferin dastehen. Und mir ist einfach klar geworden, dass es sehr viele
Frauen gibt, die darunter leiden, dass sie unter der Geburt schlecht behandelt
worden sind – und völlig unabhängig vom Geburtsmodus jetzt, ob es am Ende ein
Kaiserschnitt wurde oder eben kein Kaiserschnitt, dass sie sehr lange mit diesem
Gefühl der Entmündigung zu tun haben.
O-Ton Hartmann:
Human Rights in Childbirth vertritt die Position, dass wo es um bewusste
Entscheidungen geht, da muss die Frau selbst die letztendliche Entscheiderin sein.
Sprecherin:
Katharina Hartmann von der internationalen Menschenrechtsorganisation Human
Rights in Childbirth.
O-Ton Hartmann:
Es darf nichts vorgenommen werden an der Frau, ohne vorherige vernünftige
Aufklärung und ohne Zustimmung.
Sprecherin:
Am 25. November ist der Internationale Tag der Gewalt gegen Frauen. An diesem
Tag legen weltweit Mütter rosa Rosen vor Kreißsaaltüren, hinter denen ihre
Menschenrechte verletzt worden sind. Ihre Geburtsberichte posten sie auf Facebook.
O-Ton Grieschat:
Gemeinsam versuchen wir natürlich auch mit der Kampagne „Roses Revolution“
endlich diese Geburtshilfe zu revolutionieren: Es soll eine friedliche Revolution sein,
sich darauf zurückzubesinnen, wer eigentlich das Kind bekommt und das ist die
Mutter. Und wenn es der Mutter gut geht, kann es dem Kind nicht schaden.
Sprecherin:
Gebären braucht Wertschätzung. Finanziell und ideell.
O-Ton Ensel:
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Werte – ich sag‘ mal von Hingabe, von Präsenz, von Achtsamkeit, von Geduld. Das
ist so wichtig, dass wir das Erhalten für unsere Kultur insgesamt. Auch wenn ich ein
Kind erziehen will, brauche ich Achtsamkeit und Geduld und Zeit. Für die gesamte
Reproduktionsarbeit. Das Gebären zu sichern, steht für mich auch für eine
gesellschaftliche Wertesetzung.
*****
14
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