SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE SWR2 Wissen Am Anfang des Lebens (4/4) Die Geburt als Zumutung Von Eva Schindele Sendung: Montag, 25. Januar 2016, 8.30 Uhr Redaktion: Detlef Clas Regie: Claudia Kattanek Produktion: WDR 2015 (Übernahme SWR) Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Service: SWR2 Wissen können Sie auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter www.swr2.de oder als Podcast nachhören: http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/wissen.xml Die Manuskripte von SWR2 Wissen gibt es auch als E-Books für mobile Endgeräte im sogenannten EPUB-Format. Sie benötigen ein geeignetes Endgerät und eine entsprechende „App“ oder Software zum Lesen der Dokumente. Für das iPhone oder das iPad gibt es z.B. die kostenlose App „iBooks“, für die Android-Plattform den in der Basisversion kostenlosen Moon-Reader. 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Musik: John Zorn – Sign and Signature – The Gnostic Preludes Atmo: Herztöne im Mutterleib Ansage: Am Anfang des Lebens – Die Geburt als Zumutung Ein Feature von Eva Schindele Atmo: Kreißsaalrundgang / OP Jakubek: Eigentlich ist das Standard für ein Perinatal-Zentrum, dass der OP natürlich im Kreißsaal sein muss, weil wir so schnell wie möglich die Kinder rausholen müssen. Unser Ziel ist unter, im Notfall, unter 10 Minuten die Kinder draußen zu haben. Das schaffen wir auch zu 99,9 Prozent … Musik: Gustavo Santaolalla – Can light be found in the darkness? – 21 Grams Ost O-Ton C.: In diesen Tagen vor der Geburt, da wächst die Aufregung mit. Ab diesem 3. August sagen alle – na, wann ist es soweit, wann ist es so weit. Ich habe mich auf die Geburt gefreut und natürlich hat man auch Sorge, dass alles gut geht, weil man weiß: Es ist ja ein sehr wichtiger Augenblick, wo Leben und Tod auch ganz nah beieinander sind. Und wenn irgendwas nicht gut geht, dann weiß man nicht, trägt das Kind vielleicht Schäden davon? Sprecherin: C. war damals 33 und erwartete ihr erstes Kind. Die Schwangerschaft verlief gut. Ihr Kind wollte sie in einem Krankenhaus nicht weit von ihrer Wohnung auf die Welt bringen. 2 O-Ton C.: Dann war es tatsächlich so, dass 11 Tage nach dem errechneten Geburtstermin etwas Flüssigkeit kam. Und ich wusste auch nicht genau was es ist. Es war sehr, sehr heiß, es war Sommer. Und am nächsten Morgen bin ich ins Krankenhaus und dann hieß es, das Fruchtwasser sei grün und es müsse ganz schnell ein Kaiserschnitt gemacht werden. Sprecherin: Wenn das Fruchtwasser grün ist, heißt das noch lange nicht, dass das Kind im Bauch der Frau in akuter Not ist. Was sich auch hinterher bestätigte: Der kleine Junge kam putzmunter auf die Welt. O-Ton C.: Da fühlte ich mich total überrumpelt. Ich hatte ja keine Möglichkeit, diese Entscheidung infrage zu stellen. Und da habe ich dann dem zugestimmt, habe mich sehr ohnmächtig gefühlt. O-Ton Hellmers: Das hat natürlich auch mit dem Menschenbild zu tun. Habe ich die Einstellung zu sagen, diese Geburt im Leben einer Frau ist einzigartig? Auch wenn sie mehrere Geburten hat, ist jede wieder einzigartig. Sprecherin: Claudia Hellmers lehrt Hebammenwissenschaft an der Hochschule Osnabrück. O-Ton Hellmers: Und sie wird es in ihrer Biographie integrieren und sie wird im weiteren Leben das für sich verarbeiten müssen, und das hoffentlich als schönes Erlebnis verarbeiten können. Wenn ich diesen Anspruch habe, dann gehe ich anders mit Frauen um, dann lasse ich sie mit entscheiden, dann versuche ich sie kontinuierlich zu betreuen, dann schaue ich ganz genau, was hat sie für Bedürfnisse. Musik: Gustavo Santaolalla – Can light be found in the darkness? – 21 Grams Ost O-Ton C.: Was ich fast komisch fand war: Da wurde auf meinen Bauch gedrückt, und wo ich dachte, mein Kind ist wahrscheinlich das erste Kind, das geboren wird, wo ein Mann stöhnt: Uaah. Und wo ich dachte: Wie verkehrt ist das? Ich liege da – bin jenseits von allem durch diese Anästhesie, und dann drückt ein Mann ganz toll auf meinen Bauch und dann kommt mein Baby raus. O-Ton Hellmers: Oder habe ich eher eine technisierte Einstellung, wo es mir darum geht, vielleicht etwas salopp ausgedrückt, Hauptsache Mutter und Kind überleben. Aber wie wir zu diesem Ergebnis kommen, spielt eigentlich nicht so eine Rolle. Sprecherin: Jede dritte Geburt endet mit einem Bauchschnitt. Damit hat sich die Zahl der Kaiserschnitte in 20 Jahren verdoppelt – mit großen regionalen Unterschieden: 3 Während im rheinland-pfälzischen Landau jede zweite Frau mit Kaiserschnitt entbunden wird, ist es in Dresden nur jede sechste Frau. Die Bielefelder Gesundheitswissenschaftlerin Petra Kolip verfasste 2012 für die Bertelsmann-Stiftung den „Faktencheck Kaiserschnitt“. O-Ton Kolip: Man muss sich ja vor Augen führen: Zehn Prozent der Kaiserschnitte sind wirklich ohne Alternative. Da ist das Leben von Mutter oder Kind gefährdet. Sprecher: Zum Beispiel, wenn das Kind quer im Bauch liegt, sich mit der Nabelschnur stranguliert, oder wenn der Mutterkuchen, die sogenannte Plazenta, den Geburtskanal versperrt oder sich gelöst hat. O-Ton Kolip: Und dann gibt es neunzig Prozent Kaiserschnitte, wo es einen Handlungsspielraum gibt, der eben sehr unterschiedlich ausgeschöpft wird. Sprecher: Zum Beispiel, wenn das Kind in Beckenendlage, also mit dem Po nach unten liegt, oder bei einem vorangegangenen Kaiserschnitt. Und – unter der Geburt: Wie viel Zeit lässt man dem Kind, sich durch den Geburtskanal hinauszubewegen? Wie interpretiert man das Abfallen der kindlichen Herztöne im CTG? O-Ton Kolip: Dann gibt es eben Kliniken, da wird sehr schnell zur Schnittentbindung empfohlen, und es gibt andere, die da etwas gelassener sind. Vielleicht auch welche, wo der Anteil von Hebammen im Kreißsaal höher ist, sodass da die Kaiserschnittrate niedriger ist. Musik: Shakira – She wolf – Party Sprecher: Popstar Shakira ist zum zweiten Mal Mutter geworden. Die 37-jährige Kolumbianerin brachte in der Nacht zum Freitag in einer Privatklinik in Barcelona einen Sohn zur Welt. Die Geburt erfolgte auch diesmal per Kaiserschnitt. Mutter und Kind seien wohlauf, heißt es auf ihrer Website. Die Sängerin und ihr zehn Jahre jüngerer Lebenspartner, der Fußballer Gerard Piqué, nannten den Kleinen Sasha Piqué Mebarak. „Der Name Sasha bedeutet 'Verteidiger der Menschheit' und 'Krieger'“, teilten die Eltern mit. O-Ton Kolip: Wunschkaiserschnitt ist ja auch so ein sehr schillernder Begriff. Diese Art von Wunschkaiserschnitt ist sehr, sehr selten. Was anderes ist sozusagen der Umgang mit Schmerzen: Traue ich mir die Schmerzen, traue ich mir die Geburt zu? Gibt es vielleicht ein Risiko, was ich selber nicht tragen will, wo ein Kaiserschnitt nicht unbedingt nötig ist, wo Frauen aber, glaube ich, leichter zustimmen, einen Kaiserschnitt zu machen und vielleicht dann auch unter der Geburt sagen: Ja, eigentlich war ich auch ganz froh, dass ich dann in die Situation kam, wo es einen Kaiserschnitt geben musste. 4 Musik: Gustavo Santaolalla – Requiem – Camino Sprecherin: Vor hundert Jahren überlebten die meisten Frauen einen Kaiserschnitt nicht. Noch 1990 machten Ärzte einen Kaiserschnitt nur, wenn die Gesundheit von Mutter oder Kind in Gefahr war. Eine geringe Kaiserschnittrate war für eine Klinik ein Qualitätsmerkmal. Dann wurden die Operations- und Narkosetechniken verbessert und … O-Ton Lenzen-Schulte: … dadurch, dass wir schon jetzt die Option Kaiserschnitt haben, trauen sich viel, viel mehr darüber nachzudenken, wie könnte es anders sein. Sprecherin: Martina Lenzen-Schulte ist Ärztin und Medizinjournalistin. Der geplante Kaiserschnitt – auch ohne medizinische Notwendigkeit als Alternative einer natürlichen Geburt? O-Ton Lenzen-Schulte: Ich sehe darin nicht nur etwas Schlechtes. Ich sehe darin nicht nur eine Verunsicherung. Sondern ich sehe darin einen aufbrechenden Dialog, der wirklich ermöglicht den Frauen vor der Geburt und vor der Stresssituation im Kreißsaal, wo dann vielleicht ganz schnell entschieden werden müsste, darüber nachzudenken: Was will ich eigentlich für mich? Und darin kann auch eine Selbstbestimmung liegen. Sprecherin: Bei einer Geburt ist Selbstbestimmung nur in Grenzen möglich. Der Verlauf folgt seinen eigenen natürlichen Gesetzmäßigkeiten. Im Ausnahmezustand einer Geburt fürchten manche Frauen den Kontrollverlust. Die Anonymität des Krankenhauses verstärkt diese Furcht, es sei denn, sie erhalten eine gute Begleitung, die sie durch die Geburt führt. Ein Kaiserschnitt dagegen scheint für sie überschaubar, weil er einem festgelegten Schema folgt. Damit delegieren Frauen die Geburt an den oder die Expertin. Ist das Selbstbestimmung? O-Ton Lenzen-Schulte: Die Autonomie der Mutter muss aller oberste Priorität haben. Die Mutter entscheidet. Und wenn man von ihr verlangt, ihre Entscheidung auch nur begründen zu müssen, ist das passiv paternalistisch. Man muss der Frau eine wirkliche Wahlfreiheit lassen. Sprecherin: Und man muss Frauen gut informieren! Musik: Gustavo Santaolalla – Can light be found in the darkness? – 21 Grams Ost O-Ton C.: Damals fand ich das wirklich fast zynisch: In dem Krankenhaus, wo ich war, lagen Broschüren rum und drauf stand groß: Schnitt statt Schmerz. Und da hab ich 5 gedacht: Was soll das? Erstens ist ein Schnitt auch schmerzhaft, und spätestens nachdem ich dann den Kaiserschnitt hatte – da wusste ich, das ist die absolute Lüge. O-Ton Louwen: Ja, sanfter Kaiserschnitt – dieser Begriff ist ja ein Marketingbegriff. Das hat ja mit sanft nichts zu tun. Sprecherin: Frank Louwen leitet die Universitätsfrauenklinik in Frankfurt. O-Ton Louwen: Man muss durch die Hautdecke hindurchschneiden, man muss dann die Muskulatur zur Seite schieben, man muss in die Gebärmutter hineinschneiden, und das ist bei jedem Kaiserschnitt gleich. Das hat nichts mit sanft zu tun. Die Einführung dieses Begriffes „sanfte Kaiserschnitt-Geburt“ sollte Frauen eher beruhigen, aber medizinisch ist er unsinnig. O-Ton C.: Ein Kaiserschnitt ist eine mittelgroße Operation. Man bekommt eine Narbe, die vielleicht zwischen 12 und 15 cm groß ist. Die gesamte Bauchdecke wird aufgemacht und es muss alles wieder zusammenwachsen. Man ist nach so einer OP erst mal müde und erschöpft – und eigentlich zu einem Zeitpunkt, wo man sich um ein kleines Wesen kümmern soll, wo man alle Kraft eben in andere Sachen stecken sollte, in Stillen, in sich kümmern und sich freuen auf sein Baby. Das ist eine sehr große Strapaze auch für den Körper. Sprecher: Risiken einer Kaiserschnittgeburt für die Mutter sind schwere Infektionen, Blutungen, Verletzungen der Blase oder Harnleiter. Verwachsungen im Bauchraum, Fruchtbarkeits- und Plazentastörungen sowie die Gefahr eines Gebärmutterrisses können bei möglichen nachfolgenden Schwangerschaften zum Problem werden. O-Ton Louwen: Die steigende Kaiserschnittrate ist beunruhigend. Vor allen Dingen deshalb, weil mittlerweile alle Studien zeigen, dass nicht nur die mütterlichen, sondern auch die kindlichen Komplikationen steigen, wenn ein Kind per Kaiserschnitt geboren werden musste. Sprecher: Wenn die Kinder vor der 39. Schwangerschaftswoche geholt worden sind, kommen sie häufiger mit Lungenentzündungen, Infektionen und Atemproblemen auf eine Intensivstation. Außerdem gibt es Hinweise auf Langzeitfolgen wie ein erhöhtes Risiko für Allergien, Asthma und Diabetes Typ 1. Musik: Hauschka & Hilary Hahn – Clock winder – Silfra Sprecherin: Sind Schwangerschaft und Geburt Zeitverschwendung, etwas, was Frauen zwischen zwei Meetings erledigen können sollten? Das Relikt eines überholten Zeitalters? Ohne eigenen Wert? Wenig rationell, unökonomisch, subversiv? 6 Angelica Ensel ist Hebamme und Ethnologin. O-Ton Ensel: Das Geborensein gehört zu unserem Menschsein und all die Qualitäten, die mit dem Gebären, aber auch mit der Geburtsbegleitung verbunden sind, das sind ganz wichtige Werte, die wir sichern müssen. Werte, ich sag mal, von Hingabe, von Präsenz, von Achtsamkeit, von Geduld. All das, was es braucht, um zu Gebären oder das Gebären zu begleiten. Sprecherin: Werte, die gesellschaftlich heute nicht gerade hoch im Kurs stehen und die sich mit der Vorstellung von Technisierung und Machbarkeit reiben. O-Ton Abou-Dakn: Wir haben erfahren, dass es eben die Möglichkeit gibt, immaterielle Weltkulturerben anzumelden. Und da haben wir gesagt, das beantragen wir mal, die normale Geburt als ein solches. Wir wollten damit ja weltweit provozieren und haben damit auch positive Reaktionen weltweit bekommen. Sprecherin: Michael Abou-Dakn leitet die Frauenklinik am St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin Tempelhof: O-Ton Abou-Dakn: Die Idee war eben zu provozieren, dass man hinschaut und eine Kunst, eine Handwerkskunst, so war das eigentlich gemeint, der normalen Geburt verloren gehen könnte, dadurch dass eben der Kaiserschnitt zu stark fokussiert wird. Sprecherin: Deutschland nimmt mit einer Kaiserschnittrate von 32 Prozent in Europa einen Spitzenplatz ein. Seit 2012 stagniert der Anstieg. Zum ersten Mal seit 25 Jahren. O-Ton Abou-Dakn: Was der Punkt ist, ist die Planbarkeit der Geburt. Da ist natürlich der Kaiserschnitt, wenn ich weiß, die Frau kommt morgens um 8:30 Uhr in die Klinik, frisch geduscht, und ich mach den Kaiserschnitt. Kaiserschnitte dauern ja heute eine Viertelstunde, 19 Minuten – sind kurze intensive Personalbindung und dann ist es wieder vorbei. Sprecherin: 2008 rechnete die Universitätsklinik Lübeck öffentlich vor, dass 28 Prozent ihrer Geburten Kaiserschnittentbindungen sein müssen, wenn die Geburtshilfe kein Zusatzgeschäft werden soll. O-Ton Abou-Dakn: Wenn ich eine Beckenendlage zum Beispiel normal begleiten möchte, weiß ich eben nicht, wann das Kind kommt. Ich muss meine Fachleute Tag und Nacht in der Lage haben, dabei zu sein. Die müssen eventuell stundenlang dabei rumsitzen, und müssen abwarten, bis dann irgendwann der kurze Moment kommt, wo sie eigentlich gebraucht werden. Das ist natürlich unglaublich personalintensiv, das schluckt Ressourcen. 7 Sprecherin: Die komplikationslose Geburt rechnet sich betriebswirtschaftlich nicht. Nur die vaginale Geburt mit Interventionen wie Periduralanästhesie, Wehentropf oder Saugglocke wird inzwischen etwas besser honoriert. Werden geburtshilfliche Abteilungen von Krankenhausverwaltungen also vielleicht sogar angehalten, viel zu intervenieren oder sogar Kaiserschnitte durchzuführen, damit die Bilanz der Klinik stimmt? O-Ton Louwen: Das wäre fürchterlich. Auf der anderen Seite ist es so, ja, es stimmt, dass die Spontangeburt häufig zum Minusgeschäft wird, während der Kaiserschnitt gerade die Erlöse sichern kann, die in diesem Procedere sind. Und das führt dann dazu, dass immer weniger an Hebammen-Begleitung im Kreißsaal zur Verfügung steht und auch an ärztlicher Kompetenz, und das wirkt sich dann auch aus. O-Ton Abou Dakn: Ich glaub, da braucht unsere Gesellschaft wirklich nochmal eine Grundsatzdiskussion, ob man letztendlich bei dem Beginn der Lebens tatsächlich so auf Minimalkosten gehen möchte. Ob man nicht die Geburtshilfe anders bezahlen muss, um eben eine andere Betreuungssituation hin zu bekommen. Musik: Hauschka & Hilary Hahn – Godot – Silfra Atmo: Kreisaalrundgang Jakubek: So sieht ein OP aus, ganz normal steril, links ist der Raum wo die Kinderärzte die Kinder untersuchen … O-Ton Grieschat: Ich habe recht gesund und recht wohlwollend begonnen, dieses Kind zu bekommen. So hat es sich angefühlt. Ich wusste jetzt geht es los. Die Schmerzen waren erträglich. Sprecherin: Es ist Mitternacht: Die Wehen kommen alle drei Minuten. Die 25-jährige Mascha Grieschat und ihr Freund fahren ins Krankenhaus. Dort ist es voll und hektisch. Sie werden wieder nach Hause geschickt, weil der Muttermund noch nicht genug geöffnet sei. Gegen sieben Uhr früh kommen die Wehen alle 90 Sekunden und sie rufen, wie empfohlen, den Krankentransporter der Klinik. Die Sanitäter fürchten eine Sturzgeburt und rufen den Notarzt. O-Ton Grieschat: Dann gab es eine irre Odyssee ins Krankenhaus und als wir dann endlich nach Notarzteinsatz in die Klinik kommen konnten, war dort leider niemand wirklich für mich zuständig. Sprecherin: Mascha Grieschat ist inzwischen schon ziemlich aufgelöst. Eine Hebamme schickt sie und ihren Partner in ein Gebärzimmer und legt – ohne viele Worte – das CTG an. 8 O-Ton Grieschat: Ich wurde wie eine Nummer, wie ein Stück Fleisch da behandelt. Sie hat in meinen Körper hineingegriffen, um diese Muttermundsuntersuchung zu machen. – Aber ich erinnere mich nicht an ein Gespräch oder an freundliche Worte der Hilfe. Und irgendwann fiel dann der Satz: „Mädchen, guck dich doch mal an, du bist fertig, du brauchst eine PDA, wenn du dein Kind natürlich bekommen möchtest.“ Sprecherin: Man hält ihr einen Stift hin. Sie soll die Einverständniserklärung für die regionale Narkose, kurz PDA unterzeichnen. Aufgeklärt wird sie nicht. Später wurde auch ihr mündliches Einverständnis zum Kaiserschnitt auf diesem Bogen eingetragen. O-Ton Grieschat: Ich habe mich unglaublich alleingelassen gefühlt – trotz dieser wahnsinnig vielen Menschen, die dann später um mich herumkamen. Ich kam mir vor, wie auf dem Bahnhof. Die ganze Zeit entblößt und es war einfach nur erniedrigend und man geht aus dem Körper raus – auch mit diesen Schmerzen, die man da aushält. Und ich war ganz weit weg von meinem Kind – als ob das gar nicht mehr eine Geburt wäre, sondern einfach nur eine Situation des Sterbens. O-Ton Hartmann: Im Englischen gibt‘s den Begriff des „birth rape“, also der Geburtsvergewaltigung, und das ist in der Tat das, was die Frauen empfinden. Und da gibt es auch Erzählungen über, „aus dem eigenen Körper herausgegangen sein“, was man so von Vergewaltigungsopfern hört, dass man sich selber, wie von oben als dritte Person beobachtet hat. Das gibt es auch bei Frauen unter der Geburt. Sprecherin: Katharina Hartmann, Literaturwissenschaftlerin und dreifache Mutter engagiert sich bei „Human Rights in Childbirth“, auf Deutsch „Menschenrechte unter der Geburt“. Diese Nichtregierungsorganisation wurde 2012 von einer amerikanischen Menschenrechtsanwältin gegründet und hat inzwischen Ableger in 20 Ländern. O-Ton Hartmann: Das, was verletzt und als belastend empfunden wird, ist, dass man nicht mehr als Frau, als Mensch, als Subjekt da liegt, sondern nur noch als Objekt. Als Behälter eines Kindes, was ausgetragen wird und man nicht mehr in seiner Menschenwürde wahrgenommen wird. Musik: Hauschka & Hilary Hahn – Godot – Silfra O-Ton Grieschat: Es gab wohl einen Alarm mit dem CTG-Gerät, dass die kindlichen Herztöne abgefallen sind. Man uns aber nichts erklärt hat. Und ich einfach nur gefragt habe, was ist los hier? Sprecherin: Aufregung. Das Gebärzimmer füllt sich innerhalb kürzester Zeit mit unbekannten Menschen in weißen Kitteln. Mascha hört nur das Wort Kaiserschnitt. 9 O-Ton Grieschat: Mein Partner erzählt, dass ich das auf keinen Fall will, aber man hat mich einfach herausgetragen – wie ein Stück zur Schlachtbank. Das sind diese letzten Momente, die ich erinnere. Dass ich auf einmal diese Maske aufgedrückt bekommen habe, ohne dass mir jemand sagt: Sie bekommen jetzt eine Vollnarkose. Ich hatte ja eigentlich eine PDA. Es ist einfach gemacht worden – als ob mein Kopf überhaupt nicht an meinem Körper wäre und nicht wert, mit mir die Dinge zu besprechen. Sprecher: CTGs führen häufig zu Fehlalarmen und damit zu überflüssigen Kaiserschnitten. O-Ton Grieschat: Ich hatte keine Möglichkeit mich zu verabschieden, ich weiß nicht, sich noch einmal einen Kuss geben oder irgendwie. Ich dachte, ich habe ihn zum letzten Mal gesehen, weil es sich für mich so angefühlt hat, als würde ich das nicht überleben können. Dann war die große Angst da – dass nach all dem, wie sie sich mir gegenüber verhalten haben, dass sie auch dem Kind irgendwas antun würden. Das ist keine realistische Angst. Das ist das, was ich in dieser Todesangst gespürt hatte. Sprecherin: Zeitdruck, Personalmangel, Arbeitsverdichtung und gleichzeitig das Versprechen, alles im Griff zu haben – auf vielen Geburtsstationen regiert die Angst. O-Ton Abou-Dakn: Das eine Thema ist Angst im Kreißsaal von Ärzten und Ärztinnen etwas falsch zu machen, einen Schaden hervorzurufen, gar nicht mal jetzt nur wegen der juristischen Konsequenzen, sondern auch natürlich wegen des Leides was dahinter steht, wodurch auch immer ausgelöst. Sprecherin: Werdende Eltern erwarten hundertprozentige Sicherheit und vertrauen auf die technische Ausrüstung, die Kinderintensivstation, den nahen Operationssaal. Erfahrung und Stellenschlüssel sind dagegen kaum ein Thema. Aber auch unter optimalen Bedingungen können manchmal Neugeborene gesundheitlich angeschlagen auf die Welt kommen oder ihre Geburt nicht überleben. Hebammenwissenschaftlerin Claudia Hellmers: O-Ton Hellmers: Geburt ist einfach etwas, was nicht komplett vorhersehbar ist und wo auch die Experten, auch wenn sie noch so sorgsam und so fürsorglich sind, auch in Situationen geraten können, wo plötzlich alles anders ist, als man es vorher erwartet hat. Und das hat dann eben auch mit dem wahren Leben zu tun. Wir sind da nicht vor allem gefeit. Sprecherin: Die große Sorge der Kliniken. Sie könnten wegen der Schädigung eines Kindes verklagt werden – entweder von den Eltern selbst oder den Krankenkassen, die sich von der Haftpflichtversicherung das Geld zurückholen wollen. O-Ton Grieschat: 10 Die Haftpflichtversicherungen, der Ärzte, der Krankenhäuser, der Hebammen entscheiden, wie Kinder geboren werden sollen. Sprecherin: Die Versicherungssummen für die Geburtskliniken sind inzwischen explodiert. Wer einen Kaiserschnitt macht, ist bisher vor Gericht immer auf der sicheren Seite. O-Ton Louwen: Aber sicherlich eine anderer ein wesentlicher Grund ist auch, aus Furcht vor juristischen Komplikationen empfehlen viele Geburtshelfer mittlerweile eher einen Kaiserschnitt als eine normale Geburt, weil immer noch der Mythos besteht, wenn man einen Kaiserschnitt macht, man weniger häufig verklagt werden könnte als bei einer normalen Geburtsbegleitung. Sprecherin: Frank Louwen ist Chefarzt der Universitätsfrauenklinik in Frankfurt O-Ton Louwen: Wenn jetzt die Daten aber zeigen, dass Kinder gar nicht profitieren, sondern im Gegenteil wir sogar einen wichtigen Anhalt dafür haben, dass der Kaiserschnitt möglicherweise auch negative Folgen haben kann – wohlgemerkt der Kaiserschnitt, der nicht sein muss – wir reden ja nicht von der Situation, dass es einem Kind in der Gebärmutter nicht gut geht. Wir reden ja nur von der Situation, in der man sich aussuchen kann. Dann wird sich hier sicherlich auch über kurz oder lang die Rechtslage ändern, sodass zumindest dieser Faktor anders beleuchtet wird. Musik: Gustavo Santaolalla – Can light be found in the darkness? – 21 Grams Ost Atmo: Kreißsaalrundgang Jakubek: Sie sehen diesen Ständer da links, … dann wird so ein Tuch dran gebunden, damit die Frauen nicht durchsehen können ... O-Ton C.: Jetzt noch, wenn der Himmel sich zuzieht und vor dem Regen, spüre ich immer meine Narbe. Es ist eine empfindliche Stelle unter dem Bauch. Sprecherin: C.s Sohn ist inzwischen 12 Jahre alt. O-Ton C.: Ich will das auch nicht mehr in Frage stellen, weil es passiert ist. Ich hätte gerne zwei natürliche Geburten erlebt – aber es ist so, wie es ist. Sprecherin: Drei Jahre später bekommt sie noch eine Tochter. O-Ton C.: Diesen zweiten Kaiserschnitt habe ich sehr anders erlebt, dadurch dass mein Körper Zeit hatte, sich vorzubereiten auf einen anderen Zustand. Dadurch, dass ich die erste 11 Geburt komplett anders erlebt hatte, weiß ich, dass es auch die Möglichkeit gibt, einen Kaiserschnitt als nicht so traumatisch zu erleben. Musik: Hauschka & Hilary Hahn – Godot – Silfra Atmo: Kreißsaalrundgang Jakubek: Hier liegen die Frauen, hier wird Blutdruck gemessen, Puls gemessen … Sprecherin: Mascha Grieschats Kaiserschnitt liegt fast vier Jahre zurück und sie hat immer noch an dieser Erfahrung zu knapsen. Zwar kam sie schnell wieder auf die Beine und konnte ihren kleinen Sohn versorgen, doch Weinkrämpfe und Panikattacken verfolgten sie. Sie geht mit ihrem Baby in stationäre Behandlung und sucht auch danach therapeutische Hilfe. O-Ton Grieschat: In der Aufarbeitung sollte ich festhalten, was der schönste Moment der Geburt war. Und dann habe ich überlegt, doch es gab was Schönes, und zwar der Moment als ich zum ersten Mal gesehen habe, mein Kind hat das überlebt. Ich bin aufgewacht, ich war alleine in dem Raum und ich wusste eben auch nicht, hat er´s geschafft oder nicht? Das letzte, was ich gehört hatte war, die Herztöne sind sehr schlecht, und mein Bauch war weg. Und ich schrie dann um Hilfe. Und dann sagten sie mir dann aber auch sehr schnell, dass der Kleine es geschafft hat und dass es ihm gut geht. Sprecherin: Das Kind kam fit auf die Welt. Keinerlei Anzeichen von Geburtsstress. Sie sucht das Gespräch mit der Klinik. O-Ton Grieschat: Für mich wäre es, glaube ich, sehr viel einfacher gewesen, Frieden zu schließen, wenn ich eine Entschuldigung bekommen hätte. Es tut uns leid, dass wir Sie nicht gesehen haben, es tut uns leid, dass wir uns überhaupt nicht um Sie gekümmert haben. Nö, wieso? – Das Ergebnis am Ende ist ja gesund und das, was dazwischen ist, ist letztendlich egal. So haben sie das auch gesagt: Darauf kommt es doch an, dass Sie gesund sind. Sprecherin: Sie wendet sich an die Schlichtungsstelle für Arzthaftungsfragen und zeigt das Krankenhaus wegen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung an. Der Staatsanwalt weist die Anzeige zurück. O-Ton Grieschat: Der Arzt entscheidet. Sobald die Gefahr des Kindswohls besteht, darf er handeln entgegen dem Willen der Mutter. Das ist völlig irrelevant, was die möchte. Es zählt einzig und allein, dass der Arzt die Vermutung hat, dass das Kind gerettet werden muss. O-Ton Hartmann: 12 Was in der Geburtshilfe häufig vorkommt, ist, dass das Wohl des Kindes gegen das Wohl der Mutter ausgespielt wird. Also, dass die Mutter an dem Punkt nur noch Behälter ist, in dem das Kind gefährdet wird. Sprecherin: Aus Brasilien und den USA sind Fälle bekannt, in denen Schwangere in Handschellen zum OP gebracht wurden, weil sie einem Kaiserschnitt nicht zustimmten. O-Ton Hartmann: Das ist auch tatsächlich ein Dilemma. Wer ist denn mehr Wert, die Mutter oder das Kind? Musik: Hauschka & Hilary Hahn – Godot – Silfra O-Ton Grieschat: Ich habe die Initiative für gerechte Geburtshilfe gegründet. Ich wollte nicht mehr als Einzelkämpferin dastehen. Und mir ist einfach klar geworden, dass es sehr viele Frauen gibt, die darunter leiden, dass sie unter der Geburt schlecht behandelt worden sind – und völlig unabhängig vom Geburtsmodus jetzt, ob es am Ende ein Kaiserschnitt wurde oder eben kein Kaiserschnitt, dass sie sehr lange mit diesem Gefühl der Entmündigung zu tun haben. O-Ton Hartmann: Human Rights in Childbirth vertritt die Position, dass wo es um bewusste Entscheidungen geht, da muss die Frau selbst die letztendliche Entscheiderin sein. Sprecherin: Katharina Hartmann von der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights in Childbirth. O-Ton Hartmann: Es darf nichts vorgenommen werden an der Frau, ohne vorherige vernünftige Aufklärung und ohne Zustimmung. Sprecherin: Am 25. November ist der Internationale Tag der Gewalt gegen Frauen. An diesem Tag legen weltweit Mütter rosa Rosen vor Kreißsaaltüren, hinter denen ihre Menschenrechte verletzt worden sind. Ihre Geburtsberichte posten sie auf Facebook. O-Ton Grieschat: Gemeinsam versuchen wir natürlich auch mit der Kampagne „Roses Revolution“ endlich diese Geburtshilfe zu revolutionieren: Es soll eine friedliche Revolution sein, sich darauf zurückzubesinnen, wer eigentlich das Kind bekommt und das ist die Mutter. Und wenn es der Mutter gut geht, kann es dem Kind nicht schaden. Sprecherin: Gebären braucht Wertschätzung. Finanziell und ideell. O-Ton Ensel: 13 Werte – ich sag‘ mal von Hingabe, von Präsenz, von Achtsamkeit, von Geduld. Das ist so wichtig, dass wir das Erhalten für unsere Kultur insgesamt. Auch wenn ich ein Kind erziehen will, brauche ich Achtsamkeit und Geduld und Zeit. Für die gesamte Reproduktionsarbeit. Das Gebären zu sichern, steht für mich auch für eine gesellschaftliche Wertesetzung. ***** 14