Frühzeitige Bedarfserkennung - AOK

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Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation
Walter-Kolb-Straße 9-11, 60594 Frankfurt am Main
Telefon (069) 60 50 18-0, Telefax (069) 60 50 18-29
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Internet: http://www.bar-frankfurt.de
Erläuterungen zu § 2 Abs. 3 der Gemeinsamen Empfehlung
„Frühzeitige Bedarfserkennung“
Der nachstehende Katalog will den Beteiligten, d.h. allen Personengruppen, die aus ihrem
professionellen, beruflichen, familiären oder sonstigen sozialen Umgang mit den betroffenen
Menschen als erste Anzeichen für einen möglichen Teilhabebedarf erkennen könnten, eine
Hilfestellung hierzu geben. Dabei ist der Katalog weder abschließend noch vollständig. Er soll
vielmehr bei Bedarf an die aus der Praxis heraus gewonnenen Erkenntnisse angepasst werden.
Die genannten Kriterien lassen nicht zwangsläufig den Schluss zu, dass Teilhabebedarf gegeben
ist. Sie können allerdings ein Indiz dafür sein, dass eine weitere Abklärung notwendig ist.
Konkretisierung der Anhaltspunkte nach § 2 Abs. 3 der GE „Frühzeitige Bedarfserkennung“
Anhaltspunkte zum frühzeitigen Erkennen von Schädigungen und Beeinträchtigungen der
Aktivitäten oder der Teilhabe lassen sich oft aus bereits vorliegenden Informationen ableiten. Sie
können sich z.B. ergeben
−
bei Beschäftigten, die innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen
ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig sind 1
−
bei multimorbiden oder chronisch kranken Menschen jeden Alters bei
•
Veränderungen des funktionalen Status, wenn
sich die für die Beeinträchtigung der Körperfunktionen/
-strukturen ursächliche Erkrankung verschlimmert
1
Informationen hierzu: Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR): Hilfestellung für Unternehmen zur
Einführung eines betrieblichen Eingliederungsmanagements. Abrufbar unter: www.bar-frankfurt.de
1
eine weitere Krankheit mit Chronifizierungstendenz hinzutritt
•
Veränderungen der Kontextfaktoren, wenn
stützende Umweltfaktoren entfallen, z.B. bei
- körperlich, geistig oder seelisch behinderten Menschen, denen
bisherige (familiäre, nachbarschaftliche usw.) Hilfen nicht mehr
gegeben sind
- körperlich, geistig oder seelisch behinderten Menschen, deren
Wohnumfeld sich für sie ungünstig verändert hat (Wegfall von
Barrierefreiheit, Schließung von nahen Einkaufsmöglichkeiten u.ä.)
- körperlich, geistig oder seelisch behinderten Menschen, deren
Arbeitsstätte verlegt wurde
erhebliche familiäre oder erhebliche berufliche Belastungen hinzutreten
psychische Belastungen hinzutreten
−
bei Menschen mit mehrfachen oder lang andauernden stationären
Krankenhausbehandlungen wegen der selben Erkrankung insbesondere dann,
wenn durch eine Chronifizierung der Erkrankung eine Behinderung oder eine
Gefährdung oder Minderung der Leistungsfähigkeit im Erwerbsleben droht
−
bei Menschen mit besonders belastenden Arbeits- und Lebensbedingungen
•
Solche Arbeitsbedingungen können sein:
außergewöhnliche Belastungen durch Arbeitszeitregelungen wie:
vollkontinuierlicher Schichtdienst, Mehrarbeit, Nachtarbeit sowie
unregelmäßige Arbeitszeiten über einen längeren Zeitraum
außergewöhnliche physikalische oder chemische Einwirkungen über
einen längeren Zeitraum (z.B. Feinstäube, Handhabung von schweren
Lasten, Hitze)
außergewöhnliche psycho-soziale Belastungen am Arbeitsplatz oder
seelisch belastende Arbeitsinhalte
2
•
Solche Lebensbedingungen können sein:
Betreuung eines pflegebedürftigen Angehörigen
Zusammenleben mit einem abhängigkeitskranken Menschen (z.B.
Abhängigkeit von Alkohol, Drogen, Medikamenten)
Zusammenleben mit einem schwer psychisch kranken Menschen
Langzeitarbeitslosigkeit (eigene oder des Lebenspartners)
−
bei Menschen, die eine Rente wegen teilweiser oder voller Erwerbsminderung
beziehen
−
bei Menschen, die bereits Leistungen zur Teilhabe erhalten oder erhalten
haben, wenn sich eine Verschlimmerung anbahnt oder sich neue Aspekte für
eine mögliche Verbesserung des Leistungs- und Teilhabevermögens ergeben
Beispielsweise könnte die Weiterentwicklung von Hilfsmitteln und
Behandlungsmethoden dazu führen, dass bei Menschen, die bereits
Teilhabeleistungen erhalten haben, erneuter Bedarf für eine
Teilhabeleistung besteht
−
bei Menschen, bei denen der Gesundheitsschädigung vermutlich eine
psychosomatische Reaktion oder Abhängigkeitserkrankung zugrunde liegt
•
Anzeichen zur frühzeitigen Erkennung einer psychosomatischen
Erkrankung können sein: 2
Anhaltende depressive Verstimmung, Angststörungen oder Belastungsund Anpassungsstörungen
Anhaltende körperliche Beschwerden ohne organischen Befund wie
Rücken- oder Kopfschmerzen oder Herzbeschwerden
Bei Erkrankungen wie Neurodermitis oder Asthma können psychische
Faktoren als Ursache in Betracht kommen
2
Weiterführende Literatur hierzu: Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR): Rahmenempfehlungen
zur ambulanten Rehabilitation bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen, Frankfurt 2004, sowie
Bundesärztekammer, Curriculum „Psychosomatische Grundversorgung“, Köln 2001
3
•
Anzeichen zur frühzeitigen Erkennung einer Alkoholabhängigkeit können
sein: 3
Bestimmte körperliche Erkrankungen, z.B. Krankheiten des
Verdauungssystems, des Nervensystems, des Stoffwechsels, des Herzund Kreislaufsystems, Verletzungen (z.B. als Sturzfolge)
Ferner treten häufig mit einer Alkoholabhängigkeit psychische
Störungen auf, z.B. deutliche Gefühls- und Stimmungsschwankungen.
Auch sind Auffälligkeiten im Erscheinungsbild und Verhalten (z.B.
häufige Fehltage im Betrieb, fehlerhafte Arbeitsergebnisse,
Leistungsabfall, Unzuverlässigkeit, „Alkoholfahne“) zu bemerken 4
•
Anzeichen zur frühzeitigen Erkennung einer Medikamentenabhängigkeit
können sein:
Bestimmte körperliche Erkrankungen, z.B. vegetative Beschwerden wie
Magen- und Darmprobleme, Herzrasen, ständige Müdigkeit und
Erschöpfung, Schlafstörungen
Ferner treten häufig mit einer Medikamentenabhängigkeit psychische
Störungen auf, z.B. Passivität und Antriebslosigkeit, Einschränkung der
Merkfähigkeit, Unruhe und Nervosität, Angststörungen,
Niedergeschlagenheit, das Gefühl überfordert zu sein und
Verpflichtungen nicht mehr erfüllen zu können. Damit verbunden sind
soziale und berufliche Probleme 5
3
Zur Feststellung, ob ein schädlicher Konsum von Alkohol bzw. eine Alkoholabhängigkeit vorliegt, werden u.a.
Screening-Instrumente angewandt, z.B. Cage, LASD und ICD-10.
4
Weiterführende Informationen für den betrieblichen Bereich: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.
(Hrsg.): Substanzbezogene Störungen am Arbeitsplatz, Hamm 2000 (www.dhs.de)
Weiterführende Informationen für die ärztliche Praxis: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.):
Kurzintervention bei Patienten mit Alkoholproblemen – ein Beratungsleitfaden für die ärztliche Praxis, Köln 2001
(www.bzga.de), Bestell-Nummer 32021000
Weiterführende Informationen für Betroffene: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Alles klar?!, Tips
und Informationen für den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol (mit Selbsttest) (www.bzga.de), Bestell-Nummer
32010000
5
Weiterführende Informationen für Betriebe: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (Hrsg.): Substanzbe-zogene
Störungen am Arbeitsplatz, Hamm 2004 (www.dhs.de)
Basisinformationen zum Thema: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (Hrsg.): Medikamente –
Basisinformationen, Hamm 2005 (www.dhs.de)
Informationen für Ärzte: Bundesärztekammer (Hrsg.): Leitfaden „Medikamente – Schädlicher Gebrauch und
Abhängigkeit“ (in Vorbereitung)
4
•
Anzeichen zur frühzeitigen Erkennung einer Drogenabhängigkeit können
sein:
Veränderungen des psychischen Befindens, des sozialen Verhaltens,
der Leistungsfähigkeit, Entwicklung physischer Störungen. Bezogen auf
bestimmte Drogen können kurz- bzw. langfristige Wirkungen z.B. sein: 6
- Bei psychischer Abhängigkeit von Haschisch/ Marihuana:
Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen, Antriebsminderung,
Interessensverlust, Beeinträchtigung des Reaktionsvermögens und
der Informationsverarbeitung, Psychosen
- Bei Abhängigkeit von Heroin: Magen- Darmstörungen,
Gebissveränderungen, Infektionen, zurückgehende
Leistungsfähigkeit, Bewegungs- und Koordinationsstörungen, starke
Gleichgültigkeit. Entzugserscheinungen: Unruhe, Schlaflosigkeit,
labile Stimmungslage, depressive Verstimmungen
- Bei Abhängigkeit von Kokain, Methamphetamine (Speed):
Schwächung der körperlichen Widerstandskraft, Schädigung der
Atmungsorgane, Herzschwäche, Dämpfung des Hunger-, Durst- und
Müdigkeitsgefühls, Gewichtsverlust, verminderte Belastbarkeit,
verstärkte Reizbarkeit, Aggressivität, Antriebs- und
Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmungen,
Verfolgungswahn
- Bei Abhängigkeit von Ecstasy: Herz- Kreislauferkrankungen, Anstieg
der Pulsfrequenz, des Blutdrucks und der Körpertemperatur,
Schädigung des Gehirns, Erregungszustände, Abnahme des
Schmerzempfindens sowie Hunger-, Durst- und Müdigkeitsgefühls,
starker Erschöpfungszustand nach Abklingen der Drogenwirkung,
Reizbarkeit, depressive Verstimmungen, Gedächtnisstörungen
−
bei Menschen nach traumatischen Erlebnissen, insbesondere bei Eingriffen in
die körperliche Unversehrtheit
6
Weiterführende Information zu diesem Thema unter www.dhs.de (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.),
www.drugcom.de (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA)) und www.sucht.de (Fachverband
Sucht e.V.)
5
•
Traumatische Erlebnisse können sein: 7
Schwere Unfälle oder Katastrophen
Sexueller Missbrauch oder andauernde Kindesmisshandlung
Folter oder Kriegsereignisse
•
Anzeichen für eine posttraumatische Belastungsstörung können sein:
Wiedererleben (Träume, Flashbacks, Bedrängnis bei Konfrontation mit
ähnlichen Ereignissen)
Vermeidung von Umständen, die der Belastung ähneln
Amnesie oder erhöhte Sensitivität und Erregung wie Schlafstörungen,
Reizbarkeit, Wutausbrüche, Konzentrationsstörungen, erhöhte
Schreckhaftigkeit
Die beschriebenen Symptome treten in der Regel innerhalb von 6 Monaten
nach dem Ereignis auf.
7
Der medizinische Sachverständige 99 (2003) No 5, mehrere Aufsätze zu posttraumatischen Belastungsstörungen
6
Literaturhinweise
−
Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (Hrsg.) (2006): ICFPraxisleitfaden. Trägerübergreifender Leitfaden für die praktische Anwendung
der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und
Gesundheit) beim Zugang zur Rehabilitation. BAR, Frankfurt a.M.
−
Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (Hrsg.) (2005): Wegweiser –
Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen. BAR, Frankfurt a.M.
−
Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (Hrsg.) (2005): Rehabilitation
und Teilhabe – Wegweiser für Ärzte und andere Fachkräfte der Rehabilitation.
3. Auflage. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln
Von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) veröffentlichte
Arbeitshilfen:
−
Arbeitshilfe für die Rehabilitation schädel-hirnverletzter Kinder und
Jugendlicher
−
Arbeitshilfe für die Rehabilitation Koronarkranker
Arbeitshilfe für die Rehabilitation von an Asthma bronchiale erkrankten Kindern
und Jugendlichen
−
Arbeitshilfe für die Rehabilitation von Schlaganfallpatienten
−
Arbeitshilfe für die Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit
Erkrankungen der Bewegungsorgane (rheumatische Erkrankungen)
−
Arbeitshilfe zur geriatrischen Rehabilitation
−
Arbeitshilfe für die Rehabilitation Krebskranker
−
Arbeitshilfe für die stufenweise Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess
−
Arbeitshilfe für die Rehabilitation und Teilhabe psychisch kranker und
behinderter Menschen
−
Arbeitshilfe für die Rehabilitation von chronisch Nierenkranken,
Dialysepflichtigen und Nierentransplantierten
−
Arbeitshilfe für die Rehabilitation allergischer Atemwegserkrankungen
7
−
Arbeitshilfe für die Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit
Abhängigkeitserkrankungen
Alle angegebenen Publikationen können bei der Bundesarbeitsgemeinschaft für
Rehabilitation (BAR) bestellt werden oder unter www.bar-frankfurt.de abgerufen
werden.
8
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