Evaluation „Evaluation der Präventionsarbeit des Vereins für Mütter- und Familienpflege e.V. in Giessen“ Auftraggeber: Vorstand des Vereins für Mütter- und Familienpflege e.V. Projektleitung: Frau Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe Justus-Liebig-Universität Gießen, Professur für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft, Bismarckstraße 37, 35390 Gießen Email: [email protected] Projektbearbeitung: Frau Dipl. oec. troph. Susanne Gastmann Email: [email protected] Danksagung An dieser Stelle danken wir allen sehr herzlich, die zum Gelingen dieser Evaluation beigetragen und durch ihr Interesse an der Thematik das Vorhaben bereichert haben. Wir bedanken uns beim „Verein für Mütter- und Familienpflege e.V.“ für das uns entgegengebrachte Vertrauen in unser Forschungsteam. Ferner bedanken wir uns bei: • den drei Mütterpflegerinnen und den vier Eltern für ihre Interviews, • dem Vorstand des Vereins für Mütter- und Familienpflege e.V. für die Bereitstellung von Datenmaterial und seinem Engagement, • Frau Dorothea Heidorn und Frau Claudia Müller-Pfaff für wichtige Informationen und Vermittlungen, • den werdenden und jungen Eltern der Stadt Giessen für die Fragebogenerhebung. Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe Dipl. oec. troph. Susanne Gastmann Gießen, den 15. April 2008 2 Abkürzungsverzeichnis bzw. beziehungsweise Bsp. Beispiel bspw. beispielsweise d.h. das heißt Dipl. oec. troph Diplom-Oecotrophologin etc. et cetera f. folgend ff. folgende GIAG Gesellschaft für Integration und Arbeit Giessen mbH Kita Kindertagesstätte RVO Reichsversicherungsordnung SGB Sozialgesetzbuch sogen. sogenannte u.a. unter anderem vgl. vergleiche z.B. zum Beispiel § Paragraph ZAUG Zentrum Arbeit und Umwelt Giessen Tabellenverzeichnis Tab. 1: Kriterien aus Sicht der Eltern und der Mütterpflegerinnen (S. 10) Tab. 2: Bedarfserhebung Stadt Giessen ‚Unterstützung werdende/junge Familien’, 2007 (S. 41) 3 Inhaltsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis 3 Tabellenverzeichnis 3 1. Einführung 5 2. Problemstellung und Aufbau der Evaluation 6 2.1. Problem und Situation 6 2.2. Auftrag und Phasen der Evaluation 7 3. Theoretische Einordnung des Begriffs „Evaluation“ 7 4. Schwerpunkte und Kriterien zur Beurteilung von Mütterpflegarbeit 9 5. Die Arbeit des Vereins für Mütter- und Familienpflege Gießen e.V. 11 5.1. Selbstverständnis des Vereins 11 5.2. Mütterpflegerinnen 15 5.2.1. Entwicklung der Mütterpflege 16 5.2.2. Aufgaben einer Mütterpflegerin 17 6. Auswertung der Untersuchungsergebnisse 6.1. Daten des Vereins 18 18 6.1.1. Vereinsentwicklung 18 6.1.2. Die Mütterpflegeschule 19 6.1.3. Die Vermittlungstätigkeiten 20 6.1.4. Qualitätssicherung 23 6.2. Qualitative Interviews mit Mütterpflegerinnen 25 6.2.1. Berufsausbildung 26 6.2.2. Einsatz 27 6.2.3. Perspektiven des Berufes 32 6.3. Qualitative Interviews mit Eltern 34 6.3.1. Einsatz 35 6.3.2. Berufsbild der Mütterpflegerinnen 38 6.4. Bedarfserhebung bei werdenden und jungen Müttern/Familien in Giessen 40 7. Zusammenfassung 43 8. Bewertende Stellungnahme 47 9. Empfehlungen für den Verein, die Politik und die Krankenkassen 50 Literatur 52 4 1 Einführung „Liebes Kindlein, sei gegrüßt!“ Almut Bockemühl „Den Müttern den Rücken stärken …“ Motto der Mütterpflegerinnen Jede Frau, die ein Kind geboren hat und damit Mutter wird, erlebt eine Zeit der enormen Veränderung, gleichbedeutend mit einem natürlichen Wendepunkt in ihrem Leben und dem ihrer Familie. Je nach individueller Situation erleben die Frauen in der Phase direkt nach der Geburt Dankbarkeit und Freude über ihr Kind, Ambivalenz zum Baby und zu sich selbst oder auch ein negatives Grundgefühl. Dies hat neben den privaten oft auch gesellschaftliche Gründe. So ist „Mutterschaft eine gesellschaftliche Thematik von Komplexität und Widersprüchlichkeiten. Die Mittel zur Schwangerschafts- und damit „Mutterschaftsverhütung“ gehören heute mit zum ersten, was junge Menschen über das Thema Mutterschaft erfahren. Dies ist insofern bedauernswert, da Muttersein nicht mehr als selbstverständlicher Teil des Lebens betrachtet wird, sondern einem Bereich entspricht, vor dem sich die Frau „hüten“ sollte“ (Gastmann, 2003, S.104f). „Das sehr irdische Glück, das Kinder sind“, wird in unserer Gesellschaft oft auf die Probe gestellt (Vinken, 2002, S.20). Viele Mütter sind oft sehr schlecht vorbereitet auf das, was nach der Geburt auf sie zu kommt (http://www.medizin-im-text.de/blog/?p=57, 2008). So entwickeln sich bei vielen Müttern Erschöpfungszustände, die zunehmend mit rehabilitativen Mutter-Kind-Maßnahmen behandelt werden (Collatz, 2006, S. 72, S.165-171). Obgleich Schwangerschaft und Geburt keine Krankheiten sind, sollte die erste Zeit nach der Geburt - Wochenbett - ganz der Erholung dienen. Die allgemeinen Kräfte der Mutter sind erschöpft und müssen sich wieder regenerieren. So sind Stimmungsschwankungen, ausgelöst durch die hormonelle Umstellung, sowie auch das Gefühl der Überforderung durch Schlafmangel und auch Ängste, alles richtig zu machen, die häufigsten Symptome in dieser Zeit. Überspannte Familienbilder aus Zeitschriften und Medien prägen jedoch ein Bild von der allseits fröhlichen, ausgeglichenen jungen Mutter, ein Widerspruch, der enormen Druck auf die jungen Familien ausübt (Linden, 1992, S.63). „Den Müttern den Rücken stärken …“ (Flyer, 2007), das heißt, Mütter in der Zeit nach der Geburt aufzusuchen, zu unterstützen und sie ein Stück ihres Weges zu begleiten, damit sie diese Veränderung positiv bewältigen. Das ist die nachhaltige Aufgabe der Mütterpflegerin. Ist die Mutter gestärkt, ist auch das Baby herzlich willkommen. 5 Die vorliegende Arbeit ist in neun Kapitel unterteilt. Nach der Einführung in die Thematik, wird im zweiten Kapitel auf die Problemstellung sowie den Aufbau der Evaluation eingegangen. Es folgt eine theoretische Einordnung des Begriffs Evaluation, gefolgt von Schwerpunkten und Kriterien zur Beurteilung von Mütterpflegarbeit. Nach der Auswertung des erhobenen Datenmaterials und dessen Zusammenfassung folgt in Kapitel acht die bewertende Stellungnahme. Abschließend werden in Kapitel neun Empfehlungen gegeben. 2 Problemstellung und Aufbau der Evaluation 2.1 Problem und Situation Innerhalb von wenigen Jahren hat sich in der Bundesrepublik Deutschland ein breiter Konsens über die hohe Bedeutung von Präventionsarbeit in der Phase der Frühen Kindheit herauskristallisiert, wobei jedoch erforderliche Maßnahmen nur sehr schleppend umgesetzt werden. So werden seit Beginn der 1990er Jahre des 20. Jahrhunderts zunehmend neuartige Erkenntnisse über das Wesen, die Bedürfnisse und Fähigkeiten von Neugeborenen festgestellt und durch Begrifflichkeiten wie die des Entwicklungspsychologen „kompetenten Säugling“ geprägt. Auch LARGO DORNES (1994) über den (2000) und andere Wissenschaftler unterstüt- zen die These, dass der Säugling bereits unmittelbar nach der Geburt seine Umwelt aktiv wahrnimmt, sie nachahmt und in Interaktion mit ihr in Beziehung zu treten versteht. Doch sollen die auf der einen Seite herausragenden Erkenntnisse nicht darüber hinwegtäuschen, dass aus zahlreichen aktuellen Alltagsbeispielen der Familiensituation in Deutschland, die mit Vernachlässigung, Misshandlung und Tötung der eigenen Kinder einhergehen, starke Überforderung und ein Nicht-Umsetzen-Können der wissenschaftlichen Erkenntnisse durch die Eltern überaus deutlich wird, so dass die Einsicht wächst, dass präventive Familienunterstützungsmaßnahmen regulär, differenziert und professionell zur Verfügung gestellt werden müssen, und zwar von Anfang an. Der tief greifende gesellschaftliche Familienwandel, wie er im siebenten Familienbericht der Bundesregierung von 2005 beschrieben wird (BMFSFJ, 2005), macht ebenfalls deutlich, dass innovative und präventive Unterstützungsangebote für Familien zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben zu zählen sind. Prävention bezeichnet dabei immer vorbeugende Maßnahmen, um ein unerwünschtes Ereignis oder eine unerwünschte Entwicklung zu vermeiden. Vor dem Hintergrund der hier skizzierten Entwicklung richtet sich das 6 Erkenntnisinteresse dieser Evaluation auf die Frage, welcher gesellschaftliche Nutzen durch Mütterpflegerinnen zu erwarten ist. 2.2 Auftrag und Phasen der Evaluation Ziel der vom Vorstand des „Vereins für Mütter- und Familienpflege e.V.“ in Auftrag gegebenen Evaluation ist es, wissenschaftlich begründete Aussagen zu den gesellschaftlichen Leistungen von Mütterpflegerinnen zu gewinnen und diese zu bewerten. Daher wurden die verschiedenen Projektphasen in mehreren Sitzungen und einem Zwischenbericht mit dem Vorstand des „Vereins für Mütter- und Familienpflege e.V.“ diskutiert und abgestimmt. Die vier Projektphasen In der ersten Phase der Evaluation galt es, die Erwartungen des Vorstands an die Evaluation mit denen der Evaluatorin, die diese im Rahmen ihrer Dissertation bearbeitet, abzustimmen. Es wurden daraus erreichbare Ziele formuliert sowie ein Arbeits- und Zeitplan aufgestellt. Die zweite Phase diente der Gewinnung des Datenmaterials. Es wurden die Daten des Vereins eingeholt, leitfadenorientierte Interviews mit drei Mütterpflegerinnen und vier Müttern durchgeführt und Literatur recherchiert. Außerdem wurde eine Fragebogenerhebung von werdenden und jungen Müttern in der Stadt Giessen durchgeführt. Die letzteren Punkte dienen jedoch in erster Linie zur Gewinnung von Erkenntnissen im Rahmen der Promotion und werden ausschließlich für die Frage herangezogen, welche Vorstellungen und Bedarfe diesbezüglich werdende und junge Mütter in Giessen haben. Innerhalb der dritten Phase wurden die geführten Interviews transkribiert und ausgewertet. In der letzten Phase wurde der vorliegende Bericht ausgearbeitet und eine bewertende Stellungnahme mit Empfehlungen formuliert. 3 Theoretische Einordnung des Begriffs „Evaluation“ Der Bedeutungsgehalt des Wortes Evaluation entspricht der lateinischen Herkunft des Begriffs, der sich aus dem Wort ‚valor’ (Wert) und der Vorsilbe ‚e’ bzw. ‚ex’ (aus) zusammensetzt. Daraus ergibt sich: ‚einen Wert aus etwas ziehen’, folglich eine Bewertung vornehmen (Stockmann, 2007, S.25). WOTTAWA & THIERAU 1990) und ROSSI ET. AL. (1988) geben hierzu in ihren bis heute geltenden Standardwerken zur Evaluation schon Ende der 90er Jahre einen 7 kurzen historischen Abriss über die Bewertungsmöglichkeiten von Projekten auf verschiedenen Gebieten. Seit dieser Zeit finden Evaluationsvorhaben beinahe in allen wissenschaftlichen Disziplinen Anwendung (Bortz & Döring 1995, S.95), wobei Evaluation als ein Teil der angewandten Sozialforschung, zur Lösung praktischer und gesellschaftlicher Probleme beitragen soll, indem sie gezielt und systematisch Grundlagen für außerwissenschaftliche Entscheidungsprozesse bereitzustellen versucht. Sie nutzt hierfür die gesamte Bandbreite der sozialwissenschaftlichen Theorien und Forschungsmethoden und unterscheidet sich von der Grundlagenforschung in mehrfacher Hinsicht. Sie bewegt sich zwischen Wissenschaftlichkeit und Nützlichkeit. Sie hat immer einen Auftraggeber (Stockmann, 2007, S.27ff.). Ihr Anliegen ist die Klärung der Frage nach der Effizienz, also nach den Kosten im Verhältnis zum Nutzen von Programmen (Menne, 1998a, S.8) sowie die Frage nach der Effektivität, also den Wirkungen von Maßnahmen (Liebald, 1996, S.16). Da die Bedeutungsvielfalt des Wortes Evaluation enorm gestiegen ist, wird eine einheitliche Definition sehr schwierig. Nach STOCKMANN (2007) verbindet jedoch alle Evaluationen eine grundlegende Funktion, da „sie ein wichtiges Instrument zur Generierung von Erfahrungswissen darstellen, das mit einer Bewertung verknüpft wird“ (Stockmann, 2007, S. 25). WILL ET. AL. (1987, S. 13) beschreiben dies ganz pragmatisch, indem sie sagen, dass jeder Mensch ständig ‚evaluiert’. Menschen beobachten und erproben ständig Dinge, Personen, Vorgänge oder Institutionen und bewerten diese nach individuellen Kriterien für gut oder schlecht, zu teuer oder zu günstig, geeignet oder ungeeignet und ziehen daraus persönliche Konsequenzen. Informationen werden demnach aber immer für einen bestimmten Zweck gesammelt, ausgewertet und beurteilt und dienen so als Basis, um die Entscheidungsfindung zu unterstützen (Heiner, 1996, S. 20). LIEBALD (2001) spricht in diesem Zusammenhang von Qualitätssiche- rung und BALZER (2005, S.16) von einem Prozess, in dem nach zuvor festgelegten Zielen und explizit auf den Sachverhalt bezogenen und begründeten Kriterien ein Evaluationsgegenstand bewertet wird und in Form von Empfehlungen ausgesprochen wird, um den Evaluationsgegenstand zu optimieren und zukünftiges Handeln zu unterstützen. Die vorliegende Evaluation wird in Form einer ‚Fremdevaluation’ mit Hilfe einer externen Evaluatorin durchgeführt, wodurch die Gefahr der Subjektivität des Vorgehens sowie der Interpretation der Ergebnisse verringert und die Glaubwürdigkeit der Untersuchung erhöht wird (Will et.al., 1987, S.26). 8 4 Schwerpunkte und Kriterien zur Beurteilung von Mütterpflegearbeit Um den Erfolg und damit die Effektivität und Effizienz von Mütterpflegearbeit zu beurteilen, werden folgende drei Problemkomplexe entlang von maßgeblichen Fragestellungen untersucht. Diese liegen der Datenerhebung zugrunde und werden ebenso für die bewertende Stellungnahme und für die Empfehlungen maßgeblich sein. 1. Ziele und Wirkungen a) Welche Ziele verfolgt der Verein für Mütter- und Familienpflege e.V.? b) Wurden die gesetzten Ziele erreicht? Wie wurden sie erreicht? c) Wurden gesetzte Ziele nicht erreicht, warum wurden sie nicht erreicht? d) Wie beurteilen die verschiedenen „Ziel“-gruppen (Eltern und Mütterpflegerinnen) die Arbeit des Vereins? 2. Nachhaltigkeit a) Mit welchem Aufwand (Kosten, Ressourcen, etc.) ist welcher Nutzen erreicht worden? b) Lassen sich mit weniger Aufwand (Kosten, Ressourcen, etc.) die gleichen oder bessere Nutzeffekte erzielen? 3. Qualität und Qualifikation a) Wie schätzen die Mütterpflegerinnen und Eltern die Nützlichkeit und Qualität von Mütterpflegerinnen ein? b) Konnten die Mütterpflegerinnen mit ihrer Ausbildung die Arbeit leisten und welchen Qualifikationsbedarf gäbe es noch? c) Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Qualifikation von Mütterpflegerinnen und der Qualität des Berufsbildes? Zur Bearbeitung der Schwerpunkte werden Kriterien für die Zielgruppen der Eltern und der Mütterpflegerinnen gebildet, die so in den Leitfäden für die Interviews abgearbeitet wurden. 9 Tab.: 1 Kriterien aus der Sicht der Eltern und der Mütterpflegerinnen Kriterien aus Sicht der Eltern Kriterien aus Sicht der Mütterpflegerinnen Kriterien konkreter Einsatz: Kriterien konkreter Einsatz: 1. Kontaktaufnahme 1. Kontaktaufnahme 2. Regelung der Rahmenbedingungen 2. Regelung der Rahmenbedingungen 3. Welche Arbeiten werden konkret 3. Welche Arbeiten werden konkret ge- gemacht? 4. Angebotsspektrums; macht? unerfüllte 4. Schwerpunkte im Angebot Wünsche? 5. Qualitätssicherung der Arbeit 5. Förderung des Kindes 6. Förderung des Kindes 6. Zufriedenheit 7. Kritikpunkte Kriterien Berufsbild: Kriterien Berufsbild: 1. Kompetenzen und Qualität 1. Kompetenzen und Qualität 2. Bedarfslage in Giessen und bun- 2. Bedarfslage in Giessen und bundesweit desweit 3. Öffentlichkeitsarbeit, 3. Öffentlichkeitsarbeit, Kooperatio- Kooperationen, Vernetzung nen, Vernetzung 4. Bezahlung (gesetzliche Grundlage) 4. Bezahlung 5. Anerkennung - Feedback 6. Konkurrenz 7. Zukunft Kriterien Ausbildung: 1. Anerkennung der Ausbildung 2. Dauer und Kosten 3. Defizite 4. Selbstverständnis 10 5 Die Arbeit des „Vereins für Mütter- und Familienpflege Gießen e.V.“ Zur Auswertung der zwei nachfolgenden Kapitel werden vereinsinterne Daten, darunter die Konzeption, der Flyer, Fragebögen für Mütterpflegerinnen und Eltern, Einsatzjahresbogen, Zeitungsartikel, Veröffentlichungen, Gespräche, Protokolle von Veranstaltungen und Werbungsmaterialien von zwei Mütterpflegerinnen herangezogen. 5.1 Selbstverständnis des Vereins „Und solange wir den Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, nicht oberste Priorität zumessen, werden unsere Bemühungen zur Beschleunigung der wirtschaftlichen Entwicklung nicht weiter fruchten.“ (Brundtland 2000, S. 105) - Motto des Vereins - Der gemeinnützige „Verein für Mütter- und Familienpflege Gießen e.V.“, gegründet 1998, versteht sich als Förderer und Unterstützer der deutschlandweit einzigen „Mütterpflegerinnenschule“, die ebenso wie der Verein im Entbindungshaus Giessen-Rödgen ansässig ist. Der Aufgabenbereich des Vereins besteht dabei aus vier Schwerpunkten, die im nachfolgenden Abschnitt erläutert werden: a) Die Etablierung von Rahmenbedingungen für Mütterpflegerinnen b) Qualitätsmanagement für Mütterpflegerinnen c) Öffentlichkeitsarbeit für Mütterpflegerinnen d) bundesweite Kontakt- und Vermittlungsstelle a) Die Etablierung von Rahmenbedingungen für Mütterpflegerinnen Der erste Schwerpunkt des Vereins liegt darin, sich für die beruflichen, sozialen und rechtlichen Belange von Mütterpflegerinnen mit Focus auf die Anerkennung eines etablierten Abrechnungsmodus im Gesundheitssystem einzusetzen, also die Rahmenbedingungen für die Mütterpflegearbeit zu verbessern. Hebammengeschulte Mütterpflegerin ist dabei die Berufs11 bezeichnung für eine freiberufliche Tätigkeit, die nach § 199 Reichsversicherungsordnung und § 38 Sozialgesetzbuch V. mit den Krankenkassen abgerechnet werden kann oder privat von den Familien getragen werden muss (http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCtterpflegerin, 2008). Nach der Reichsversicherungsordnung gilt folgendes: „Die Versicherte erhält eine Haushaltshilfe, soweit ihr wegen Schwangerschaft oder Entbindung die Weiterführung des Haushalts nicht möglich ist und eine andere, im Haushalt lebende Person, den Haushalt nicht weiterführen kann (aus dem § 199 der RVO)“. Anders verhält es sich, wenn eine Schwangere durch eine Verletzung oder eine Krankheit Hilfe benötigt. In diesen Fällen greift der weniger großzügige § 38 SGB V. Er spricht allen gesetzlich Versicherten, die ihren Haushalt nicht mehr führen können, Unterstützung nur dann zu, wenn „im Haushalt ein Kind lebt, dass bei Beginn der Haushaltshilfe das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder das behindert und auf Hilfe angewiesen ist“. Eine Haushaltshilfe übernimmt dabei alles, was im Familienalltag anfällt. Je nach ärztlicher Indikation reicht diese Zeit für Wäschewaschen, Staubsaugen, Einkaufen und um ältere Geschwisterkinder zu beschäftigen. Nach der Entbindung steht einer Frau, unter den erwähnten Umständen, eine Haushaltshilfe für sechs Tage à acht Stunden zu, die mit 7,25€ pro Stunde entlohnt wird. Eine Mütterpflegerin wird ebenso wie eine Haushaltshilfe entlohnt, leistet jedoch andere Dienste. Der angestrebte Lohn, den der Vorstand des Vereins, für eine Mütterpflegerin mit abgeschlossener Ausbildung, anstrebt, beträgt 12,75€ pro Stunde. Dieser Betrag wird in Giessen bereits von einer Kasse ab 2005 gezahlt. Welche Unterschiede zwischen den hier beschriebenen Tätigkeiten einer Haushaltshilfe und denen der Mütterpflegerin bestehen, werden in Kapitel 5.2 herausgearbeitet, welches explizit die gesamten Aufgaben von Mütterpflegerinnen zeigt (Unterlagen des Vereins). Seit dem Jahre 2002 können sich die tätigen Mütterpflegerinnen sowie auch die Schülerinnen über eine Gruppenhaftpflicht des Vereins absichern. Dieses Angebot wird sehr gut angenommen, wobei bis Februar 2007 28 Mütterpflegerinnen und 18 Schülerinnen der Versicherung beigetreten sind (Aktivitätsberichte 2002, S.4; 2003, S.4; 2004, S.6; 2006, S.17). b) Qualitätsmanagement für Mütterpflegerinnen Der zweite Schwerpunkt der Arbeit des Vereins liegt bei der Qualitätssicherung der Mütterpflegearbeit. Diese wird zum einen durch den von der Mutter freiwillig ausgefüllten Fragebogen nach einem Einsatz verdeutlicht. Hier werden neun Fragen u.a. zum Umfang, der Zufriedenheit, der Zuverlässigkeit, den Erwartungen, den Angeboten und Empfehlungen, aber auch, ob es Kostenbeteiligung der Kasse gab, erhoben. Zum anderen zielt ein weiterer Fragebogen, 12 ausgefüllt von den Mütterpflegerinnen, darauf ab, deren Reflektion nach jedem Einsatz zu erleichtern und dem Verein ein Feedback zu geben. Dabei werden sechs Fragen zum Umfang des Einsatzes, der Kontaktaufnahme zur Familie, zum laufenden Kontakt zur Mutter, der Zufriedenheit der Mütterpflegerin, welche Aufgaben von den Familien nachgefragt wurden, sowie zum Einfluss der Mütterpflegearbeit auf die Familie gestellt. Im Jahre 2006 wird zudem die Anzahl der Einsätze pro Mütterpflegerinnen sowie deren Sitz abgefragt. Ab 2007 wird nun dieser Mütterpflegerinnenfragebogen durch den sogen. „Einsatzjahres-Bogen für Mütterpflegerinnen“ ersetzt. Dieser erfasst über die genannten Punkte hinaus den Einsatzort, die Anzahl der im betreuten Haushalt lebenden Kinder, die Krankenkasse der Familie und die Vergütung des Einsatzes sowie die Vereinszugehörigkeit und den Arbeitsstatus. Alle Fragebögen werden weitergeleitet und einmal im Jahr regelmäßig durch ein Vorstandsmitglied ausgewertet. Mütterpflegerinnen, die sich über die Zentrale vermitteln lassen möchten, sind verpflichtet zu regelmäßiger Dokumentation ihrer Arbeit und Reflektion über die genannten Fragebögen (Unterlagen des Vereins). Des Weiteren organisiert der Verein Kurse, Fort- und Weiterbildungen, Supervision, Seminare und regelmäßige Mütterpflegetreffen (Unterlagen des Vereins). Abschließend fällt in diesen Bereich auch die vorliegende „Fremdevaluation“, deren erklärtes Ziel es ist, begründete Aussagen zu den gesellschaftlichen Leistungen von Mütterpflegerinnen zu gewinnen und diese zu bewerten. c) Öffentlichkeitsarbeit für Mütterpflegerinnen Die Öffentlichkeitsarbeit folgt dem Prinzip der breiten Streuung. So wird in jedem Jahr ein Flyer mit einer Auflagehöhe von 3000 Stück von den Mütterpflegerinnen und Schülerinnen genutzt, um mit ihrem Namen versehen, diesen an geeigneten Stellen zu veröffentlichen. Dieser enthält ganz allgemein Auskünfte zu den Leistungen der Mütterpflegerinnen, indem Fragen gestellt und beantwortet werden. Dies sind bspw. Fragen wie: „Wer bemuttert die Mütter?“, „Woran fehlt es, wenn Mütter in die Depression gehen und Väter in die Trennung?“ Antworten sind z.B.: „In dieser Situation bieten unsere Mütterpflegerinnen auf sehr einfühlsame Weise praktische und theoretische Hilfe an.“ oder „Es fehlt an einer neuen, mutigen, politisch und spirituell wirksamen Definition von Würde, Stärke und Vollmacht junger Familien.“ Sehr wenige Informationen werden über die Kosten, Kostenerstattung und Organisation mitgeteilt (Unterlagen des Vereins). Auch Plakate dienen in Praxen als Werbung. Infoabende in verschiedenen Städten und die Veranstaltungsmitwirkung als Vortragende oder mit einem Infostand laden ein, sich zu infor13 mieren (Unterlagen des Vereins). Auch regelmäßige Annoncen oder Presseartikel und - berichte in Zeitungen und Zeitschriften (Aktivitätsberichte 2004, S. 6; 2005, S.7; 2006, S.15) sowie in der freien Enzyklopädie Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCtterpflegerin, 2008) und Radiobeiträgen regionaler Anbieter, dienen der Öffentlichkeitsarbeit. Die Pflege einer Homepage dient dagegen einerseits der Information für Interessierte, doch auch andererseits dem Zweck, speziell die Mütterpflegerinnen in einem Forum zu informieren und den Austausch zwischen ihnen auf dieser Basis zu gewährleisten (Aktivitätsbericht 2006, S.17 und www.muetterpflege.de, 2008). Auch das Organisieren von Festen für das Entbindungshaus (Aktivitätsberichte 2005, S.8; 2006, S.18), von Pressenberichten über die Aktivitäten des Vereins, Seminaren, Fachtagungen und Kongressen sowie die Werbung für die Mütterpflegerinnenschule (Aktivitätsberichte 2005, S.8; 2006, S.18) zählen zu den Aufgaben der Öffentlichkeitsarbeit.. Die konsequent erscheinenden „Aktivitätsberichte“ und „Auswertungsberichte“ dienen der internen Wissensbereicherung der Vereinsmitglieder, die dadurch sehr gut informiert werden und ihr Wissen weitergeben können (vgl. Kapitel 6.1). Diese Berichte sind inhaltlich in den Jahren 1999 bis 2006 wesentlich differenzierter geworden. Im Jahre 2005 wurde ein Film mit dem Titel „Die Helfer des Klapperstorchs“ gedreht und in verschiedenen Sendern ausgestrahlt (vgl. Kapitel 6.1.3)(Aktivitätsbericht 2005, S.2). Besonders hervorzuheben ist der Kontakt und dessen Pflege durch persönliche Gespräche und/oder Briefe zu verschiedenen Akteuren aus Politik, Wissenschaft, ortsansässigen Institutionen – Vereinen, etc. -, Hebammen, Ag´s und Ämtern durch den Vorstand und Vereinsmitgliedern. Verschiedene Akteure wurden in die Mütterpflegeschule und das Entbindungshaus eingeladen. Kontakte bestehen und werden in einzelnen Jahren besonders erwähnt, so z.B. zum Sozial- und Kultusministerium in Wiesbaden (2001, 2006), zu der Frauenbeauftragten der Stadt Giessen (1999, 2001, 2005, 2006), den Krankenkassen regional und überregional (1999 bis 2007), dem Giessener und Wetzlarer Jugendamt (2001, 2003, 2007), der Agentur für Arbeit Giessen GmbH (2007), der GIAG Giessen (2007), dem ZAUG gGmbH Giessen (2001), zur Wissenschaft (2002, 2003, 2007), den kirchlichen Verbände (2001) und dem Verein Eltern helfen Eltern e.V. (2003). Auch bei zwei Aktionstagen der Städte Giessen und Wetzlar, in den Jahren 2003 und 2005, sowie an den Wetzlarer Elterntagen im Jahre 2007 sind die Mütterpflegerinnen aktiv. Im Jahre 2006 ist ein professioneller Messestand für zukünftige öffentliche Werbekampagnen angeschafft worden (Aktivitätsberichte 1999, S.1; 2000, S.2; 2001, S.3f; 2002, S.4; 2003, S.1, 2004, S.6; 2005, S.6f; 2006, S.14). 14 Durch diese Öffentlichkeitsarbeit werden interessierte Frauen aus ganz Deutschland über die Ausbildung an der Mütterpflegeschule informiert und bekunden durch ihre zahlreichen Anfragen ihr hohes Interesse (vgl. Kapitel 6.1.2). d) Bundesweite Kontakt- und Vermittlungsstelle Im vierten Schwerpunkt wird der enorme Einsatz des Vereins für die Mütterpflegerinnen noch einmal besonders deutlich. Seit Juni 1998 finden kontinuierliche Vermittlungstätigkeiten über den Verein statt. Erst über eine ehrenamtlich geleistete „Mobile Vermittlungszentrale“ und seit Mai 2003 über eine Mütterpflegerin, die mit Aufwandsentschädigung einen Festanschluss mit Anrufbeantworter bei sich zu Hause eingerichtet hat, und nun qualifizierte Telefonbesetzung ermöglicht, die bundesweit zwischen den Eltern und den Mütterpflegerinnen vermittelt und als Ansprechpartner rund um die Geburt und Erziehung zur Verfügung steht. Auch werden hier alle Fragen bzgl. der Organisation des Mütterpflege-Dienstes und der Kostenerstattung durch die Krankenkassen geklärt (Aktivitätsberichte 1998, S.1, 2004, S.2). 5.2 Mütterpflegerinnen Professionelle Begleitung für Mutter und Kind in der Wochenbettzeit … 1996 wurde von Frau DOROTHEA HEIDORN, der Gründerin des ersten Entbindungshauses, dem „Zentrum für natürliche Geburten“ in Gießen, die Schule zur Ausbildung der hebammengeschulten Mütterpflegerin ins Leben gerufen und bis heute von ihr geleitet. Seit dieser Zeit bietet die private Mütterpflegerinnenschule in Gießen erfahrenen Frauen und Müttern eine einjährige und praxisbezogene Ausbildung an. Diese umfasst 250 Stunden Theorie, die meist als Blockveranstaltungen am Wochenende unterrichtet werden, sowie 500 Stunden Praxis. Es ist ein Schulgeld von derzeit 2800,-€ zu entrichten. Nach einem einwöchigen Einführungsblock beginnen die ersten praktischen Einsätze in Familien. Die dort gesammelten Erfahrungen werden intensiv mit der Lehrhebamme (Leiterin der Schule) und der gesamten Klasse diskutiert und aufgearbeitet. Die theoretischen Inhalte werden außer von den Hebammen auch von Diplom-Oecothrophologinnen, einer Krankengymnastin, einer Medizinerin sowie einem Psychologen vermittelt (http://www.muetterpflegerin.de/, 2008). Die Unterrichtsinhalte orientieren sich dabei an der Arbeit der bis zum Ende der 70er Jahre im Einsatz tätigen Wochenbettpflegerin sowie dem derzeit in Holland praktizierten Modell der „Kramfrauen“ (Unterlagen des Vereins). Inhalte der Ausbildung sind bspw. Salutogenese, Geburtsbegleitung, Wo15 chenpflege, Kommunikationspsychologie und Gesprächsführung, Ernährung für Mutter und Kind in Theorie und Praxis, Rückbildungsgymnastik, Familiendynamik, Entspannungstechniken, Stressbewältigungsstrategien, Massagetechniken. Des Weiteren geht es auch um das pathologische Wochenbett und die Grenzen der Arbeit einer Mütterpflegerin. Jede Mütterpflegerin erhält nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung ein Zertifikat (Zertifikat der Mütterpflegerinnenschule, 2007). Seit 1996 bis zum September 2007 wurden 101 Mütterpflegerinnen in der Mütterpflegerinnen-Schule ausgebildet. Knapp 45% sind davon deutschlandweit freiberuflich tätig. Die Nachfrage nach der Ausbildung steigt stetig an (http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCtterpflegerin, 2008), so dass seit 2006 auch im Juli jeden Jahres ein zweiter Ausbildungsgang begonnen werden konnte (vgl. Kapitel 6.1.2)(Aktivitätsbericht 2006, S.3). 5.2.1 Entwicklung der Mütterpflege Aus einem Interview mit Frau HEIDORN von 2004, welches in der Deutschen Hebammen- Zeitschrift veröffentlicht wurde, werden die Gründe, die zur Entstehung der Mütterpflegeschule führten, deutlich. Einige davon werden nun vorgestellt. So erlebte sie in der Nachsorgearbeit, nach der Geburt des Kindes, als Hebamme oft große Unruhe in den Familien. Die Mütter waren stark erschöpft, überfordert, gereizt, allein, einsam. Es entwickelte sich daraus oft ein depressives Verhalten, dass die Mutter daran hinderte, in ausreichendem Maße auf ihr Kind einzugehen sowie den Alltag zu bewältigen. Das Hauptproblem bestand darin, dass bis zur Geburt des Kindes die Mutter gut versorgt wurde, doch danach, eine Unterstützungslücke entstand. Plötzlich war die Mutter mit ihrem Kind allein zu Hause und hatte oft keinen Ansprechpartner, der ihr Tipps und Ratschläge gab oder der ihr einfach zuhörte. Die Zeiten, in denen die Hebamme in die Haushalte kam, waren ausschließlich dafür vorgesehen, das Wohlbefinden von Mutter und Kind zu kontrollieren, jedoch nicht, um mit zusätzlichen Diensten die Familie zu unterstützen und zu entlasten. Auch fehlte im sozialen Umfeld die Hilfe, da die eigene Mutter weit weg wohnte und Freunde und Bekannte wenig Zeit hatten. So wurde deutlich, dass eine professionelle Begleitung für Mutter und Kind in der Wochenbettzeit fehlte, um die Mutter und das Kind in dieser Zeit ganzheitlich (http://www.viktoria11.de/artikel/DorotheaHeidorn.html, 2008). 16 zu unterstützen 5.2.2 Aufgaben einer Mütterpflegerin Mütterpflegerinnen leisten präventive, aufsuchende Hilfe zur Verbesserung der nachgeburtlichen Betreuung, zusätzlich zur Hebamme. Dabei setzt die Mütterpflegerin dort mit ihrem Wissen und Können an, wo die Tätigkeit der Hebamme aus zeitlichen und organisatorischen Gründen endet. Die Hauptaufgaben liegen darin, die Wöchnerin bei der Pflege ihres Kindes zu unterstützen, sie in Gesundheitsfragen zu beraten und für ihr Wohlbefinden zu sorgen sowie bei der Organisation des Haushalts zur Seite zu stehen. Dabei sind die Leistungen in den Familien individuell und ganzheitlich orientiert und umfassen sowohl praktische als auch beratende Tätigkeiten in Form von körperlicher, psychischer und pragmatischer Unterstützung (http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCtterpflegerin, 2008). Die Hilfe zur Selbsthilfe, oder wie es im Flyer genannt wird, die „Bemutterung der Mutter“, steht in allen Bereichen im Mittelpunkt. So gehen die Mütterpflegerinnen achtsam und einfühlsam auf die individuellen Bedürfnisse der Schwangeren, Mutter und Familie ein. Sie kommunizieren „gewaltfrei“ (Frau Heidorn), wodurch sie das Selbstbewusstsein der Wöchnerin stärken und damit den Umgang mit dem Kind sichern (Unterlagen des Vereins). Ebenso entwickeln sie mit der Wöchnerin Stressbewältigungsstrategien für den Alltag, sind kompetente Ansprechpartnerin für die Mutter sowie die Familie und gewährleisten dadurch einen nachhaltigen Effekt zur Stärkung der Mutter. Auch bei Mehrlingsgeburten, Geburten von behinderten und toten Kindern sowie bei der Betreuung von Geschwisterkindern oder bei Krankheiten der Mütter können sie mit ihrer ganzheitlichen Kompetenz eingesetzt werden. Sie leiten die Wöchnerin bei der Rückbildungsgymnastik an oder unterstützen sie mit einer wohltuenden Massage. Sie beraten und helfen bei der Säuglingspflege, dem Stillen oder anderen Formen der Säuglingsernährung. Sie versorgen die Mutter und gegebenenfalls die gesamte Familie mit vollwertiger Ernährung. Nachgelagerte Arbeiten, die sie ausschließlich auf besonderen Wunsch der Mutter durchführen, sind Einkaufen, Waschen, Putzen und Bügeln. Der Ablauf des Einsatzes beginnt routiniert mit einem gemeinsamen Erstgespräch zwischen der Mütterpflegerin und den Müttern und Familien. Bei diesem werden die Wünsche und Erwartungen von beiden Seiten geklärt und über den Einsatz entschieden. Es wird kein schriftlicher Vertrag unterzeichnet (http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCtterpflegerin, http://www.muetterpflegerin.de/, 2008). 17 2008; 6 Auswertung der Untersuchungsergebnisse Im Folgenden werden die Ergebnisse der unterschiedlichen Erhebungen der Evaluation vorgestellt. So behandelt der erste Punkt die Datenerhebung des Vereins. Die Ergebnisse aus den leitfadenorientierten Mütterpflege- und den Elterninterviews werden im zweiten und dritten Punkt dieses Kapitels aufgeführt. Im vierten Punkt werden die Ergebnisse zum Bedarf der Mütterpflegerinnenarbeit anhand der Fragebogenauswertung von werdenden und jungen Müttern in Gießen festgestellt. Abschließend wird eine Zusammenfassung der Ergebnisse herausgearbeitet. 6.1 Daten des Vereins Wie schon in Kapitel 5.1 erwähnt, werden jährlich zwei Berichte von einem Vorstandsmitglied angefertigt, um die Vereinsmitglieder bei der jährlich stattfindenden Mitgliederversammlung über die Aktivitäten des Vereins, die Qualitätssicherung der Mütterpflegearbeit und über zukünftige Ziele zu informieren. Dies sind der „Aktivitätsbericht“ und der „Auswertungsbericht“. Grundsätzlich behandelt der Aktivitätsbericht den Jahresabschluss des Vereins und der Auswertungsbericht den statistischen Bereich des Vereins. Für die Analyse der Vereinsdaten werden acht Aktivitätsberichte aus den Jahren 1998, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005 und 2006 herangezogen. Diese geben kontinuierlich Auskunft über die Vereinsdaten, die Mütterpflegeschule, die Vermittlung, die Qualitätssicherung, die Zielsetzungen fürs laufende Jahr, die Öffentlichkeitsarbeit sowie Verschiedenes und den Jahresabschluss des laufenden Jahres. Des Weiteren werden sieben Auswertungsberichte über die Anfragen bei der Zentrale sowie der Schule und die Fragebögen für die Familien und die Mütterpflegerinnen aus den Jahren 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005 und 2006 analysiert. Ein Protokoll einer Mitgliederversammlung aus dem Jahre 1999 wird ebenfalls verwendet. 6.1.1 Vereinsentwicklung Am 16. März des Jahres 1998 wurde der Verein gegründet und im Juni desselben Jahres ins Vereinsregister eingetragen (Aktivitätsbericht, 1998, S.1). Der Vorstand besteht seitdem aus zwei Personen, die sich das Amt teilen und in enger Abstimmung miteinander handeln (Pro18 tokoll der ordentlichen Mitgliederversammlung, 2000, S.1ff.). Sonstige anfallende Aufgaben werden unter den Mitgliedern aufgeteilt. Im März des Jahres 2001 gibt es 10 aktive Mitglieder und 21 Fördermitglieder (Aktivitätsbericht, 2000, S.1ff.). Vier Jahre später zählen zu den (aktiven) Mitgliedern 12 Personen und zu den Fördermitgliedern 43 Personen (Aktivitätsbericht, 2005, S.1). Im Februar des Jahres 2007 kann einmalig eine Anhebung auf 14 Mitglieder und 67 Fördermitglieder (Aktivitätsbericht, 2006, S.1) festgestellt werden. Ein Jahresabschluss gibt seit 2005 Auskunft über die Einnahmen und Ausgaben des Vereins. Festzustellen ist, dass die wichtigsten Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden bestehen. Fixe Ausgaben sind die für Vermittlungs- und Verwaltungskosten, Werbung und Versicherungen. 6.1.2 Die Mütterpflegeschule Die Unterstützung der Mütterpflegerinnen-Schule beginnt bereits vor der Gründung des Vereins im Herbst des Jahres 1997. Der Verein schreibt die Ausbildungsstellen für Mütterpflegerinnen aus und führt erste Bewerbungsgespräche für den ersten Ausbildungskurs im Januar 1998, in dem sechs Mütterpflegerinnen erfolgreich ausgebildet werden. Im Herbst des Jahres 1998 werden erneut Ausbildungsplätze ausgeschrieben und Bewerbungsgespräche für die Ausbildung im Jahre 1999 geführt. Sieben Schülerinnen beginnen die Ausbildung im Januar 1999 (Aktivitätsbericht, 1999, S.1). Die Ausschreibungen erfolgen in verschiedenen regionalen - z.B. Giessener Allgemeine - und überregionalen - z.B. Ökotest - Zeitungen und Zeitschriften, und gehören bis heute zu den Routineaufgaben des Vereins. Obwohl die Anfragen 1 an die Mütterpflegeschule seit dem Jahre 2004 landes- und bundesweit sinken (Auswertungsbericht 2006, S.26f), steigt die Anzahl der tatsächlich in Ausbildung Gekommenen, mit kleinen Schwankungen, von Jahr zu Jahr stetig an, so dass ab dem Jahre 2006 sogar zwei Ausbildungsgänge angeboten werden. Der Winterkurs beginnt im Januar 2006, in dem 16 Schülerinnen ihre Ausbildung anfangen und der Sommerkurs im Juli 2006 mit 11 Schülerinnen. Im Januar 2007 startet der Winterkurs mit 13 Schülerinnen (Aktivitätsbericht, 2006, S.2f). Die Bewerbungsgespräche werden jeweils mit Frau HEIDORN, einer Mütterpflegerin und einer Person aus dem Vorstand geführt (Aktivitätsbericht, 2000, S.1). Interessant ist die Gruppenzusammensetzung der Schülerinnen entsprechend ihrer Herkunftsorte. So ist festzustellen, dass der Anteil von Schülerinnen, die nicht aus dem Raum GiessenMarburg stammen, höher liegt, d.h. von den 13 Schülerinnen im Januarkurs 2004 sind neun Schülerinnen aus dem gesamten Bundesgebiet und vier Schülerinnen aus dem Raum Giessen1 Werden statistisch seit 2004 geführt. 19 Marburg (Aktivitätsbericht, 2004, S.2). Seit November 2000 wird das sogen. „informelle Müpfl Treffen“ organisiert, bei dem sich ca. alle zwei Monate interessierte Mütterpflegerinnen mit dem Vorstand zusammensetzen, um ihre Erfahrungen auszutauschen, Supervision in Anspruch nehmen können und verschiedene Themenschwerpunkte bearbeiten (Aktivitätsbericht, 2001, S.3). Das Interesse an diesen Treffen sowie an der Supervision ging jedoch stark zurück, so dass es seit dem Jahre 2006 nicht mehr angeboten wird. Im Anschluss daran wird die „Müpfl-Wirkstatt“ eingeführt, die sich einmal pro Quartal unter dem Schwerpunkt „Was brauchen Mütterpflegerinnen?“ trifft (Aktivitätsbericht, 2006, S.1, 13f). 6.1.3 Die Vermittlungstätigkeiten Die kontinuierlichen Vermittlungstätigkeiten, die seit Januar 1998 eingerichtet wurden, werden mit der Einführung einer „mobilen Vermittlungszentrale“ (vgl. Kapitel 5.1) – bestehend aus einem Handykoffer mit einem „Anfrage-Fragebogen“- seit April 2000 dokumentiert. So können eingehende Anrufe von Eltern statistisch ausgewertet werden. Die Handybetreuung wurde im Wechsel von sieben bis neun Mitgliedern des Vereins jeweils ein bis zwei Monate durchgeführt (Aktivitätsbericht, 2000, S.3). Die erarbeitete Statistik zur Ermittlung der Elternanfragen über die mobile Zentrale ist aufgegliedert in eine Spalte, die die Anfragen zeitlich und örtlich erfasst, eine Spalte, die die Anzahl der Anrufe zählt, eine weitere Spalte für die durchgeführten und eine für die nicht zu Stande gekommenen Einsätze. Interessant und für die Qualitätssicherung der Mütterpflegearbeit sehr wichtig sind des Weiteren zwei Unterstatistiken, die zum einen die Gründe für ein nicht zu Stande kommen eines Einsatzes verdeutlichen, sowie zum anderen wie die Anfragenden auf das Angebot aufmerksam wurden (Auswertungsbericht, 2006, S.1-6). Weitere Statistiken kamen kontinuierlich dazu und werden heute in Extratabellen geführt. So erfasst eine Tabelle ab dem Jahre 2001 auch den „zeitlichen Umfang“ der durchgeführten Einsätze. Ab dem Jahre 2002 wird eine Statistik erstellt, die über die „Anzahl der Kinder“ der Elternanfragenden Eltern Auskunft erteilt. Über den „Anlass“ der aufsuchenden Unterstützung neben der Wochebettpflege, wurde im Jahre 2003 eine neue Statistik angelegt und im Jahre 2004 über den „Zeitumfang“, also der Zeit zwischen Anfrage und Einsatz. Ab dem Jahre 2005 wurde dann aufgrund der Ausstrahlung eines Filmes über das Entbindungshaus und über die Arbeit der Mütterpflegerinnen der „Zeitpunkt der Anfragen“ protokolliert (Auswertungsbericht, 2006, S.7f). 20 Festzustellen ist, dass innerhalb von acht Jahren die Gesamtvermittlungsquote (Beziehung zwischen Anfragen und Vermittlung) von 33% im Jahre 2001 auf 50% im Jahre 2006 kontinuierlich gestiegen ist. Die Anfragen kommen dabei aus dem gesamten Bundesgebiet. Regional am stärksten vertreten sind jedoch die Anfragen aus dem Raum Gießen. Die Einsätze werden überwiegend im Raum Marburg-Gießen-Wetzlar durchgeführt, und sind auch dort mit 58% Vermittlungsquote am besten angenommen (Auswertungsbericht, 2006, S.2f). Folgende Zahlen verdeutlichen die Steigerungsrate: im Zeitraum von April 2000 bis 31. Dezember 2000 wurden insgesamt 68 Anfragen dokumentiert, von denen 16 zu einem Einsatz führten (Aktivitätsbericht, 2000, S.3). Im Jahre 2001 waren es 57 Anfragen mit einer Vermittlungsquote von 33%, demnach 19 Einsätzen. Im Jahre 2004 werden von 57 Anfragen 21 Einsätze vermittelt und im Jahre 2006 bei 82 Anfragen, 41 Einsätze (Auswertungsbericht, 2006, S.3). Die Gründe, warum Einsätze von Mütterpflegerinnen nicht zu Stande kommen, haben sich seit 2001 kaum gravierend gewandelt. So ist der Hauptgrund die fehlende Verfügbarkeit von Mütterpflegerinnen. Ein weiterer Grund ist, dass eine Haushaltshilfe - Familie, Freunde, Reinigungskraft - die Arbeiten übernommen hat. Ein großer Teil der Interessenten meldet sich nicht zurück. Ein geringer Teil hat entweder kein Interesse oder die Kostenübernahme durch die Krankenkasse nicht genehmigt bekommen. Weitere Gründe sind mehr oder weniger spezieller Art und werden hier nicht aufgeführt (Auswertungsberichte, 2001, S.1; 2002, S.2; 2003, S.3; 2004, S.4; 2005, S.5; 2006, S.6). Die wichtigste Informationsquelle, um auf die Mütterpflegearbeit aufmerksam zu machen, ist für die meisten Eltern die Hebamme, wobei die Vermittlung durch Frau HEIDORN selbst, in ihrem Entbindungshaus, einen großen Stellenwert einnimmt wie bspw. allein im Jahre 2006, 13 Vermittlungen. Von den übrigen Hebammen der Stadt und des Landkreises Gießen kommt durchschnittlich jeweils eine Anfrage pro Praxis. Kontakte durch Freunde/Bekannte, Mütterpflegerinnen, den Flyer und den gerade schon erwähnten Film mit dem Titel „Die Helfer des Klapperstorches“ dienen als zweitwichtigste Quelle der Information. Weitere sind nach Priorität geordnet: Sozialdienst katholischer Frauen, Express (Marburger & Giessener Magazin), Jugendamt (Marburg, Gießen), Internet 2 , Frauenarzt 3 , Zeitschriften, Vereine und andere (Auswertungsberichte, 2001, S.1; 2002, S.2; 2003, S.2; 2004, S.3; 2005, S.4; 2006, S.5). 2 3 Wird seit 2005 (eine Person) abgefragt. 2006 waren es sieben Personen. Wird seit 2006 abgefragt. 21 Der „zeitliche Umfang“ der Einsätze liegt seit 2001 bei durchschnittlich 53 Stunden, wobei deutlich festzustellen ist, dass im Jahresvergleich ein Anstieg der Einsätze mit einem längeren zeitlichen Aufwand zugenommen hat. So waren im Jahre 2001 durchschnittlich 53 Stunden pro Einsatz festzustellen und im Jahre 2006 72 Stunden pro Einsatz. Als bemerkenswert hervorzuheben sind zwei Einsätze im Jahre 2004, bei denen die Mütterpflegerinnen auch nachts in der Familie blieben sowie ein Einsatz im gleichen Jahr, bei der die Mütterpflegerin für drei Wochen nach Frankreich reiste (Auswertungsberichte, 2005, S.2f; 2006, S.2f). Die Anzahl der Anfragenden mit mehreren Kindern ist kontinuierlich von 51 im Jahre 2002 auf 73 im Jahre 2006 gestiegen, wobei deutlich wird, dass Familien mit zwei Kindern besonders oft anrufen. Das unterstreicht, dass Familien, in denen bereits Kinder vorhanden sind, dass Mütterpflegeangebot mehr annehmen als Familien, bei denen das erste Kind geboren wird. Auch über Anfragen von Eltern mit Mehrlingsgeburten gibt diese Statistik Auskunft (Auswertungsberichte, 2002, S. 2; 2003, S.3; 2004, S.4, 2005, S. 3; 2006, S.4). Neben der Wochenbettpflege gibt es auch weitere Anlässe, bei denen die Arbeit von Mütterpflegerinnen erwünscht wird. So ist seit 2003 in erster Linie die Erkrankung der Mutter, neben Kinderbetreuung und Haushaltsführung Grund für einen Einsatz. Die Ursachen dafür werden ab 2006 differenzierter angegeben, wobei Frühwehen oder ein Klinikaufenthalt der Mutter in der Schwangerschaft am häufigsten genannt werden (Auswertungsberichte, 2003, S.3; 2004, S.4, 2005, S. 3; 2006, S.4). In dem Zeitraum, der zwischen Anfrage und Einsatz liegt, zeigt sich ein äußerst hohes Maß an Flexibilität der Mütterpflegerinnen. Seit 2004 4 sind die „sofort“ – Vermittlungen, also innerhalb von fünf Tagen, überdurchschnittlich hoch. Nur drei von 22 Vermittlungen, die über die Zentrale erfolgten, wurden nach der dritten Woche realisiert (Auswertungsberichte, 2004, S.4). Im Jahre 2006 zeigt sich eine gewisse Verschiebung. In diesem Jahr werden 22 Einsätze bis zur dritten Woche, und die übrigen 12 ab der vierten Woche bis zu fünf Monaten vermittelt. Dabei wird deutlich, dass mit steigendem Bekanntheitsgrad auch die Anfragen der Eltern schon in der frühen Schwangerschaft erfolgen (Auswertungsberichte, 2006, S.7). Die Analyse des Zeitpunktes der Anfragen ergab, dass eine Verbindung zwischen öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen und der Quantität der Anrufe von Eltern besteht. So erfolgten 4 Wird seit 2004 abgefragt. 22 bei der Ausstrahlung des erwähnten Filmes im April 2006 fast 50% mehr Anfragen als in den übrigen Monaten, wobei die Monate Januar und Dezember ebenfalls hoch frequentiert waren (Auswertungsbericht 2006, S.4). 6.1.4 Qualitätssicherung Von 2001 bis 2006 werden zwei Fragebögen, die der Qualitätssicherung der Mütterpflegearbeit dienen, zum einen von den Müttern bzw. Familien und zum anderen von den Mütterpflegerinnen über die Einsätze ausgefüllt und von einem Vorstandsmitglied jährlich zusammengefasst und ausgewertet. Ab 2007 wird der, in Kapitel 5.1 schon beschriebene „EinsatzjahresBogen“ verwendet, der hier jedoch nicht ausgewertet wird. Die ausreichende Versorgung der Mütterpflegerinnen mit den Fragebögen stellt der Verein sicher. Über jeden Einsatz gibt es somit zwei Fragebögen aus zwei Perspektiven, die bei der Auswertung getrennt behandelt werden. Der inhaltliche Aufbau der Fragebögen wurde bereits in Kapitel 5.1 beschrieben. Es folgt nun die Auswertung der Daten aus den Berichten der Jahre 2001, 2002, 2003, 2004, 2005 und 2006. Fragebögen aus der Perspektive der Mütter/Familien Festzustellen ist, dass die Anzahl der eingegangenen Fragebögen angestiegen ist, obgleich nicht in demselben Maße, wie die gestiegenen Einsätze. So gehen in den Jahren von 2001 bis 2005 durchschnittlich ca. 35% der ausgefüllten Fragebögen wieder ein. Ausschließlich im Jahre 2006 gehen 68% der Fragebögen ein. Der durchschnittliche Zeitumfang pro Einsatz liegt bei ca. 117 Stunden (errechnet aus den Ergebnissen der Jahre 2001, 2005 und 2006). Die Zufriedenheit ist in allen Jahren bei einer Skala von sechs Antwortmöglichkeiten ab dem Jahre 2005 – ungenügend bis sehr gut – (davor waren es drei) überdurchschnittlich positiv. So schätzen ca. 86% der Mütter die Arbeit der Mütterpflegerinnen als „sehr gut“ und ca. 14% als „gut“ ein. Die übrigen Möglichkeiten wurden nicht ausgefüllt. Ebenso verhält es sich bei den Erwartungen an die Erfüllung der Aufgaben der Mütterpflegerinnen. Dabei gaben ca. 88% der Mütter an, dass ihre Erwartungen „genau“ und ca.12%, dass sie „zum Teil“ erfüllt werden. Die Antwortmöglichkeit „gar nicht erfüllt“ wurde nicht ausgefüllt. Auch die Aufgaben selbst werden überdurchschnittlich oft als „absolut ausreichend“ und „da blieben keine Wünsche offen“ bezeichnet. Der Einsatz der Mütterpflegerin gilt in allen Jahren als überaus „zuverlässig“, „belastbar“ und es wird ein „sicheres Gefühl, wenn sie mit den 23 Kindern alleine war“ beschrieben (Auswertungsberichte 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006). Negativ aufgefallen ist die Position „Kampf mit den Krankenkassen um die Bezahlung“. Hier wird empfohlen, Verträge mit den Krankenkassen abzuschließen, um das Angebot auch nutzen zu können (Auswertungsbericht 2004, S.9). Auch wird mehr „Aufklärung [gewünscht], viele Frauen wissen gar nicht, dass es eine Mütterpflegerin gibt“. So könnte die Aufklärung bei Frauenärzten, in der Geburtsvorbereitung oder bei Krankenkassen gegeben werden (Auswertungsbericht 2006, S.12). Die Kostenerstattung durch die angegebenen Krankenkassen liegt zwischen Null bis 100% des gewünschten Stundensatzes von 12,75€ (vgl. Kapitel 5.1). Die Gründe für eine Ablehnung, oder verminderte Zahlung selbst unter dem Satz der Haushaltshilfe, werden nicht analysiert (Auswertungsberichte 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006). Fragebögen aus der Perspektive der Mütterpflegerinnen Festzustellen ist, dass die Anzahl der eingegangenen Fragebögen innerhalb von fünf Jahren um 50% gestiegen. Im Durchschnitt sind die Mütterpflegerinnen in ihrem Einsatz vier Stunden pro Tag tätig. Der tatsächliche Stundenumfang je Tag gestaltet sich jedoch individuell verschieden (Auswertungsberichte 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006). Der Kontakt wurde sehr unterschiedlich hergestellt: bis zum Jahre 2005 erfolgte der Einsatz der Mütterpflegerinnen hauptsächlich durch die Vermittlung mit Hilfe des Flyers, über den Verein oder durch Freunde (Auswertungsberichte 2001, S.3; 2002, S.3; 2003, S.4; 2004, S.6; 2005, S.10). Im Jahre 2006 (S.18) beruht der überwiegende Teil der Vermittlung auf Aktivitäten des Vereines sowie über Bekannte und Freunde oder der eigenen Werbung. Der Kontakt zur Mutter ist überwiegend „freundschaftlich“, wird jedoch vereinzelt auch als „anstrengend“ benannt. Die Mütterpflegerinnen sind zum größten Teil zufrieden mit dem Einsatz (Auswertungsberichte 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006). Interessant sind die Angebote, welche von den Müttern in Anspruch genommen werden. Sind es im Jahre 2001 in erster Linie Kochen, Haushaltsführung und Einkaufen, verändert sich dies im Jahre 2002, indem die Säuglingspflege und Kinderbetreuung hinzukommt. In den Jahren 2003 und 2004 nehmen die persönlichen Gespräche deutlich zu und sind besonders im Jahre 2006 das am häufigsten in Anspruch genommene Angebot, gefolgt von Kochen, Haushalts- 24 führung, Säuglingspflege und Kinderbetreuung. Weitere Angebote im Jahre 2006 sind (S.23): Einkaufen, Massagen, Babymassage, Rückbildungsgymnastik, Tragetuch- und Stillberatung. Abschließend wird der Frage nachgegangen, was sich durch die Tätigkeiten der Mütterpflegerin geändert hat. Dabei zeigt sich in grundlegender Übereinstimmung aus allen Jahren, dass sich durch die Tätigkeiten der Mütterpflegerinnen ganz allgemein eine Entlastung der Mutter einstellt, die zu einer ‚entspannten Atmosphäre in der Familie’ (Auswertungsberichte 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006) führt. Im Jahre 2002 wird dies auch von einigen Mütterpflegerinnen mit dem Begriff „Entstressung“ umschrieben (S.4). Die Mütter nehmen sich nach Operationen, Brustentzündungen oder Schwierigkeiten in der Schwangerschaft die Zeit zur Ruhe, was allgemein als Entlastung für die gesamte Familiensituation beschrieben wird. 6.2 Qualitative Interviews mit Mütterpflegerinnen Auf der Grundlage der qualitativen Sozialforschung nach MAYRING (2002, 2007) wurde die Konzipierung, Durchführung und Auswertung der leitfadenorientierten Interviews von drei Mütterpflegerinnen vorgenommen. In Abstimmung mit dem Vorstand des Vereins werden drei Mütterpflegerinnen mit langjähriger Berufserfahrung ausgewählt und interviewt. Die Arbeitsgebiete der interviewten Mütterpflegerinnen verteilen sich auf die Stadt und den Landkreis Gießen. Bei einem Interview konnten auch die Erfahrungen einer Mütterpflegeschülerin gehört werden, wobei diese nicht Gegenstand der Auswertung sind. Die Mütterpflegerinnen sind 37, 42 und 62 Jahre alt und selbst Mütter. Die Mütterpflegeinterviews, mit einer Dauer von ca. 200 Minuten, wurden in der Zeit vom 15.06.07 bis 21.06.07 durchgeführt. Die Namen der Mütterpflegerinnen werden anonymisiert, so dass bei der Auswertung der Interviews die Zahlen ‚1’ bis ‚3’ erscheinen. Die Gliederung dieses Kapitels orientiert sich anhand des Leitfadens der Befragung, der in Kapitel 4 beschrieben wurde. Folgende Schwerpunkte werden anhand des Leitfadens für die Mütterpflegerinnen erarbeitet: Berufsausbildung, Einsatz, Perspektiven des Berufes. 25 6.2.1 Berufsausbildung Eine Berufsausbildung ist die Vermittlung von Fertigkeiten, Kenntnissen und fachspezifischen Verhaltensweisen, die für die Berufsausübung erforderlich sind (M.L., Bd. 2, S.287). Wegweisend für die Gründung der Mütterpflegerinnenschule war die Idee eines älteren Berufes, der Wochenbettpflegerin. Wochenbettpflegerinnen waren bis Mitte der siebziger Jahre in Deutschland aktiv. Für die Ausbildung der Mütterpflegerinnen wurde zum einen dieses Berufsbild herangezogen und zum anderen das Berufsbild der zurzeit in Holland tätigen „Kramfrauen“. Eine der Mütterpflegerinnen weist sieben Jahre (1) Berufserfahrung auf. Die anderen arbeiten sechs Jahre im Beruf (2,3) als Mütterpflegerin. Die Ausbildung wurde an der Mütterpflegeschule in Gießen, mit einer Dauer von einem Jahr durchgeführt und mit einem Zertifikat erfolgreich abgeschlossen (1,2,3). Der Wunsch, den Mütterpflegerinnenberuf zu ergreifen, war bei allen drei Frauen geprägt von einer Phase der Umorientierung im Lebensverlauf. Das Erleben der Geburt und Mutterschaft der eigenen Kinder war für den Ausbildungs- und Berufswunsch ausschlaggebend (1,2,3). Zwei der Mütterpflegerinnen wurden durch einen Zeitungsartikel auf diese Ausbildung aufmerksam (1,3). Die dritte nahm die Ausbildung aufgrund des Wunsches und Interesses auf, etwas für Mütter und Kinder tun zu können (2). Alle drei Frauen hatten vor der Ausbildung zur Mütterpflegerin eine abgeschlossene Berufsausbildung und waren in diesem Beruf tätig. Dabei reicht das Spektrum der Berufsabschlüsse vom Dualen Ausbildungssystem bis hin zum Akademischen Grad (1,2,3). Während des Verlaufes der einjährigen Ausbildung werden die Mütterpflegerinnen unterschiedlich beeinflusst und geprägt. Übereinstimmend stellen sie dabei fest, dass es Grundlage der Ausbildung ist, die persönlichen Stärken - eine Mütterpflegerin nennt sie „Kompetenzen“ (1, S.40) - zu erkennen, zu reflektieren und zu festigen (1,2,3). Jede Mütterpflegerin setzt jedoch auch Schwerpunkte. So erkennt eine Mütterpflegerin, dass sie durch die Ausbildung und Berufserfahrung gelernt hat, sich abzugrenzen sowie die Grenzen anderer zu akzeptieren. Auch die Vermittlung des medizinischen Wissens wurde hervorgehoben (2, S.53). Eine weitere sieht die Ausbildung ganzheitlich, da die Ausbildung die Persönlichkeits- und Berufsentwicklung positiv beeinflusst und „heilsam“ (1, S. 41) wirkt, so dass der Wert der eigenen Familie wieder neu „geschätzt“ und „gepflegt“ wird (1, S.40f). Für die dritte Mütterpflegerin ist 26 der Schwerpunkt der Ausbildung, zu lernen, wie man „die Achtsamkeit mit den Kindern [zu] leben […] durch vorleben und miteinander reden“ umsetzen kann (3, S.48). Auch „…immer die Schuhe ausziehen, wenn sie in eine Familie reingehen…“, bewirkt sinnbildlich, achtsam mit der gesamten Familie umzugehen, d.h. die persönlichen Probleme der Mütterpflegerinnen „…draußen [zulassen]…“ (3, S.16). Einzelne Dozenten werden als besonders prägend hervorgehoben (1,2,3). Eine Mütterpflegerin unterstreicht, die Kosten der Ausbildung von 2800,- Euro privat bezahlt zu haben (1). Vereinzelt kommt es auch vor, dass das Arbeitsamt die Ausbildung bezahlt, obwohl keine staatliche Anerkennung derzeit dabei erreicht wird (3). Die Problematik hierbei ist, dass es keine einheitlichen Regelungen für die Arbeitsämter gibt und jede Heimatkommune eigenständig entscheidet (1, S.40). Des Weiteren wurden die Mütterpflegerinnen nach Mängeln in der Ausbildung befragt. Für eine Mütterpflegerin gab es keine Mängel. Die zweite Mütterpflegerin stellt fest, dass sie die strukturelle Vorbereitung auf den Berufsalltag als unzureichend empfindet. So ist es nach ihrer Einschätzung für eine Mütterpflegerin enorm schwierig die Selbstständigkeit aufrechtzuerhalten, da unter anderem das Berufsbild nicht etabliert und die Vergütung dadurch entsprechend gering ist. Auch mit dem Zertifikat, welches die Mütterpflegerinnen nach abgeschlossener Berufsausbildung erhalten, können keine finanziellen Ansprüche erhoben werden. Eine Vorbereitung auf diese Umstände sowie organisatorische Hilfestellungen wären sehr von Vorteil. Die dritte Mütterpflegerin weist darauf hin, dass es für die Ausbildung wichtig wäre, die Mütter über frühe Bildungsmöglichkeiten ihres Säuglings aufzuklären und ihnen diese Kompetenzen nahe zu bringen. So gilt es einerseits, die Kommunikation zwischen Mutter und Kind durch das Sprechen, die Mimik und Gestik der Mutter sowie durch Nachahmung des Kindes zu stärken - dies ist bereits Ausbildungsinhalt - und andererseits die körperliche Wahrnehmung bspw. durch gezieltes An- und Ausziehen zu fördern. Durch ein hohes Engagement auf diesem Gebiet konnte sich die Mütterpflegerin intensiv weiterbilden, sie könnte sich diese Qualifizierung auch sehr gut in der Ausbildung vorstellen (1,2,3). 6.2.2 Einsatz Der Kontakt, der zu einem Einsatz führt bzw. führen soll, wird sehr unterschiedlich hergestellt. Zum einen nennen die Mütterpflegerinnen das Geburtshaus und zum anderen Hebam27 men als die Ausgangspositionen für Vermittlungen. Im Geburtshaus entsteht der Kontakt „oft automatisch“ (2, S.3), da die Mütter dort intensive Gespräche mit Hebammen, Müttern und Mütterpflegerinnen führen und so über die Arbeit der Mütterpflegerinnen informiert werden. Zu den Hebammen stellen die Mütterpflegerinnen Kontakte her. Sie nutzen dazu den Flyer und suchen das persönliche Gespräch. Die Hebammen können dann wiederum den Familien das Angebot erläutern. Mit Hilfe der Flyer und der persönlichen Gespräche wird auch der Kontakt zu den Krankenhäusern, in denen Entbindungen stattfinden, aufgenommen sowie zu GynäkologInnen, KinderärztInnen, Krankenkassen, Jugendamt, Sozialdienst katholischer Frauen und zu anderen (1, S.2f). Eine weitere wichtige Kontaktstelle ist die Vermittlungszentrale, über die die Mütterpflegerinnen in einen Einsatz kommen (3, S.2). Somit werden die Einsätze entweder konkret vermittelt, ärztlich verordnet oder privat in Anspruch genommen (1, S.8f). Die Struktur der Familien, in denen die Mütterpflegerinnen eingesetzt sind, ist sehr breit angelegt, wobei die Einsätze in der sogen. „Mittelschicht“(1, S.4) überwiegen, bzw. Einsätze bei Frauen, ‚die klar sagen, dass sie dies für sich möchten’ (3, S.23). Das Jugendamt vermittelt jedoch zunehmend Mütterpflegerinnen auch an Familien mit schwierigem sozialem Hintergrund, d.h. an allein Erziehende, sehr junge Mütter ohne Berufsausbildung, Brennpunktfamilien sowie aufgrund ärztlicher Indikation auch an körperlich und psychisch kranke Mütter. Diese Familien, so berichtet eine Mütterpflegerin aus ihrer Erfahrung, „finden selten den direkten Weg zu uns“. Hier agieren somit Hebammen und das Jugendamt als Schnittstellen einer guten Unterstützung der Mütter und Familien (1, S.3f). Auffallend in sozial benachteiligten Familien ist oftmals die fehlende Kommunikation und „Lieblosigkeit“ (3, S.22) untereinander. Mütterpflegerinnen arbeiten dort oftmals so, dass sie ‚die Mutter in die Realität zurückholen müssen’ (3, S.22). Aber auch die Anzahl der Spätgebärenden ist hoch. Hier finden sich oft Frauen mit akademischem Abschluss, die sich eine „Hilfe für viele Tätigkeiten im Haus“ (2, S.3) erhoffen. Auch Mehrkindfamilien nutzen das Angebot als Entlastung und Unterstützung (2, S.3). Sobald der Kontakt hergestellt ist, findet dass sogen. „Erstgespräch“ statt. Unverbindlich wird geklärt, wann die Mütterpflegerin Zeit hat, welche Kompetenzen und Qualitäten sie vorweisen kann und welche Wünsche und konkreten Vorstellungen die Mütter und Familien haben. Entscheidend für die Mütterpflegerinnen ist dabei, dass die „Chemie stimmen muss“ (3, S.3) (1,2). Es werden mündliche Vereinbarungen zu den gemeinsamen Absprachen getroffen. Es 28 wird kein schriftlicher Vertrag abgeschlossen (1,2,3), wobei der Wunsch und die Erfordernis für eine „klare Auftragsklärung“ (1, S.4) von den Mütterpflegerinnen erkannt und diskutiert wird (2, S.16). Auch die Finanzierung der Leistung wird geklärt, bei der es vier Möglichkeiten gibt. Zum einen kann die Leistung über die Krankenkassen, die unter bestimmten Vorraussetzungen sechs Tage mit je acht Stunden bezahlen – nach § 35 SGB - abgerechnet werden. Zum anderen bezahlt die Familie privat den verlangten Betrag, kann dafür den zeitlichen Umfang selbst bestimmen. Bei der dritten Variante übernimmt eine Institution - in Giessen ist es oft der Sozialdienst katholischer Frauen – die Finanzierung und bei der letzten Variante die Ämter - bislang waren dies das Jugend- und das Sozialamt (1,2,3). Konkret gilt es, im Erstgespräch die Vorstellung „eine Mütterpflegerin [sei] für den Haushalt in der Hauptsache zuständig“ (1, S.4) auszuräumen. So erklärt dies die anfänglichen Umstände, in denen Mütterpflegerinnen oft tätig waren: „…vieles … wurde [gemacht], was die Frauen eigentlich nicht wollten, völlig frustriert waren, weil sie es gemacht haben, und dann eigentlich davon sogar abkamen …, weil sie den Frauen viel zu viele Vorschläge gemacht haben, die so attraktiv sich anhörten, ich putz für Dich, oder ich mach Dir die Küche, das es dann eben auch geheißen hat, dann kannst Du mir auch den Schrank auswaschen.“ (2, S.18). Diese Erfahrungen haben dazu geführt, in der Ausbildung den Bereich „Grenzen ziehen können“ schwerpunktmäßig zu fördern und diesen Schwerpunkt fortlaufend zu reflektieren (2, S.18). Eine Mütterpflegerin stellt Folgendes zum Inhalt ihrer Arbeit fest: „In erster Linie ist es meine Aufgabe, ein vertrauensvolles, unterstützendes, liebevolles oder freundschaftliches Verhältnis zur Mutter aufzubauen, um die Mutter so zu unterstützen, wie sie sich das wünscht. Also, dass man ganz für die Mutter und das Kind da ist denn, die Philosophie ist die, wenn es der Mutter gut geht, geht es dem Kind gut und meistens hängt da auch die Situation der Familie dran, so dass es dann der ganzen Familie gut tut.“ (1, S.4). Im Vordergrund der Arbeit von Mütterpflegerinnen steht die psychosoziale Betreuung von Mutter und Kind in der Wochenbettzeit. Eine Mütterpflegerin nennt es auch: „… Familie und Bindungen aufbauen, unterstützen, erhalten …“ (1, S.34) und zwar „…situationsorientiert …“ (1, S.39). Für eine Frau und einen Mann, die eine Familie gründen, d.h. ein Kind bekommen, bedeutet dieser Umstand einen großen Einschnitt in ihrem Leben, der von den Mütterpflegerinnen als ‚natürliche Krise’ bezeichnet wird. Dies bedeutet, dass durch das Hinzukommen einer Person in eine bestehende Familie oder in ein Paar, die Rollen, die Aufgaben, und die 29 Vorstellungen von der Familie neu geordnet werden müssen und dies mit Schwierigkeiten und „Schatten“ (1, S.5) verbunden sein kann, welche jedoch in unserer Gesellschaft oft nicht so gesehen werden. Problematisch wird es immer dann, wenn keine Lösungen gefunden werden. Oft erleben die Mütterpflegerinnen, dass die Mütter „…emotional alleingelassen in der Rolle der Mutter [sind] …“(1, S.42). Konkret kann dies bedeuten, dass die junge Mutter eine Wochenbettdepression entwickelt, die sich unbehandelt zu einer massiven psychischen Krankheit auswachsen kann. Die Mütterpflegerinnen stellen aufgrund ihrer Erfahrungen fest, dass diese Entwicklung immer häufiger vorkommt, verbunden mit einer negativen Rollenfindung der eigenen Mutterschaft sowie auch Vaterschaft. Auch fehlen oft die Vorbilder aus der eigenen Familie der Eltern, die unterstützend wirken können. Die Gründe dafür sind vielfältig, wie zum Beispiel ein anderer Wohnort der Großeltern (1,2,3). So wird die Aufgabe, die die Mütterpflegerin in dem System Familie erfüllt, immer deutlicher: sie sorgt mit ihren Fähigkeiten dafür, dass der Übergang ins Elternsein, auch mit jedem weiteren Kind, von Anfang an unterstützt wird, so dass Probleme sofort bewältigt werden können und sich nicht potenzieren. Sie leistet somit präventive Arbeit, die dem Kind, der Mutter und damit der gesamten Familie dient. So sagt eine Mütterpflegerin: „…häufig fangen irgendwelche Institutionen oder Beratungen oder Unterstützungen immer dann an, wenn schon irgendwie ein Problem da ist. Und wir fangen da an, wo ein Kind auf die Welt kommt. Wenn eine Frau zur Mutter wird und ein Mann zum Vater wird, da fangen wir an, das ist präventiv, da ist noch nichts, und das wollen wir bewahren und unterstützen und begleiten und positiv stärken. Und das finde ich schon ist eine Einmaligkeit, ja. Weil, wie gesagt, viele erst dann anfangen, wenn ein Problem auftritt und dann wird es eigentlich richtig schwierig, das wieder in den Griff zu kriegen. Und unsere Arbeit ist halt die, das Gesunde, das Positive zu stärken und zu begleiten und das auf einen guten Weg zu bringen. …“ (1, S.42f). Die Umsetzung der eigentlichen Arbeit orientiert sich an drei Schwerpunkten, nach denen gearbeitet wird: „…der Sorge um das seelische, leibliche, körperliche Wohlbefinden der Mutter …“ (1, S.8). Die Schlüsselfunktion erhält dabei der aufsuchende Charakter der Arbeit, dass also die Mütterpflegerin dort ist, wo Mutter und Kind sind. Aufgrund der Erfahrung und Ausbildung stellen die Mütterpflegerinnen fest, dass die psychoziale Betreuung der Mutter in ihrer Arbeit im Vordergrund steht. In einfühlsamen Gesprächen hören sie den Müttern zu und unterstützen durch Gesprächsführung den Prozess der Aufarbeitung der inneren Probleme. Thematisiert wird dabei von den Müttern in erster Linie das Geburtserlebnis - welches zwischen normaler Geburt, Notkaiserschnitt oder in seltenen Fällen auch dem Tod des Kindes liegt - sowie, aufgrund der emotionalen und hormonellen Verfassung der Mutter, ihre Lebens30 erfahrung und Vergangenheit. Über die Vergangenheitsbewältigung, oft mit der eigenen Mutter und Familie, können die Mütter ihre Rolle leichter finden, sich abgrenzen oder neue Beziehungen aufbauen. Die Mütterpflegerinnen beobachten die Mutter, um sie mit bestimmten Hilfestellungen zu unterstützen. Sie analysieren ebenso, was in den Familien passiert, ohne sich jedoch in die Familienverhältnisse einzumischen, und geben Rat. Mütterpflegerinnen versorgen aber auch ganz praktisch die Mutter sowie vorhandene Geschwister oder Väter mit regelmäßigen Mahlzeiten, verbunden mit dem Einkauf und der Zubereitung der Lebensmittel sowie der Reinigung benutzter Küchengeräte. Dieser Punkt ist für das allgemeine Wohlbefinden, die Stärkung der Nerven sowie für die Ruhe der Mutter und damit der Milchbildung von entscheidender Bedeutung. Oft sind die Mütter in der Anfangszeit damit überfordert bzw. wird dies oft als familiäre Leistung betrachtet, die von Angehörigen übernommen werden sollte, so dass die Zuwendung, die dadurch gegeben wird, eine intime Atmosphäre bewirkt. Die Mütterpflegerinnen leiten die Mutter bei der Pflege und dem Verstehen des Säuglings an und betreuen Geschwisterkinder. Auch wird die Wäschepflege auf Wunsch übernommen, wobei dies nicht im Vordergrund steht. Des Weiteren kann die Mutter selbst durch Entspannungsmassagen und Anleitung zur Rückbildungsgymnastik gepflegt werden sowie auch Erfahrungen sammeln mit Babymassage. So kann sie sich intensiv mit ihrem Baby auseinandersetzen und ist „nicht allein und isoliert“ (1, S.8). Was jedoch die Mutter wünscht, ist von Einsatz zu Einsatz verschieden. Eine Mutter, die einen Kaiserschnitt erlebte und viel liegen muss, setzt andere Schwerpunkte als eine Mutter, die in ihrer Depression ihr Kind ablehnt oder eine andere, die das vierte Kind geboren hat. Die Mütterpflegerin entscheidet in jedem Einsatz selbstständig, welche Wünsche der Mutter sie umsetzen will oder nicht (1,2,3). Qualitätssicherung bedeutet für die Mütterpflegerinnen, sich selbst verpflichtend, den fachlichen Austausch zu pflegen, sich weiter zu bilden, Einsätze zu dokumentieren und zu reflektieren sowie die Einsatzbögen und Fragebögen vom Verein nach besten Gewissen auszufüllen. Dabei erhalten sie Unterstützung und Motivation durch den Verein für Mütter- und Familienpflege e.V. sowie durch das Entbindungshaus von Frau HEIDORN (1,2,3). Der Verein organi- siert regelmäßige Treffen, die in den Räumen des Entbindungshauses stattfinden (1, S.15). Zusätzlich besteht die Möglichkeit über ein auf der Homepage des Vereins installiertes Forum sowie einen Chatraum auch bundesweit mit anderen Mütterpflegerinnen in Kontakt zu treten, um aktuelle Probleme im Einsatz zu diskutieren und von den Erfahrungen und Ratschlägen der Kolleginnen zu profitieren (2, S.20). In diesem Forum beurteilen auch Eltern das Angebot. So berichtet eine Mütterpflegerin über die Aussage eines Vaters, der: „ …von anderen 31 Familien gehört haben, wo es Chaos hoch drei war, […], das man da eben fürchtete, das ne Ehe gleich kaputt geht, […], dass haben sie bei uns wirklich verhindert“ (2, S.36). Zudem bieten Seminare, Tagungen, Kongresse oder Fachtage regelmäßige Grundlage, die Qualifizierung aufzufrischen, zu erweitern und eigene fachliche Schwerpunkte zu setzen (1, S.24). Beispiele für Qualifizierungsmaßnahmen sind: Stillberaterin, Familienberaterin (3, S.12), Massagen in Verbindung mit Aromatologie (1, S.24), Erste Hilfe Kurse, Erste Hilfe fürs Kind (2, S.19). Alle drei Mütterpflegerinnen stimmen darin überein, die frühkindliche Bildung der Kinder zu fördern, indem sie die Kompetenzen der Mütter stärken (1,2,3): „Weil ein Kind eigentlich immer nur lernen, erfahren, fühlen, wahrnehmen kann, wenn die Mutter sich dem Kind widmet und zuwendet, es also wahrnimmt und auf seine Bedürfnisse eingeht. Und Bildung von Null fängt bei der Mutter an und natürlich auch beim Vater, […], die Beziehung zum Vater, ist sehr wichtig. Und ich wünscht mir, dass die Bildung von Anfang an, im Kern die Familie steht. […] Und das finde ich, müsste von Anfang an in der Familie gestärkt werden und das kann man wirklich nur, indem die Bindung und Beziehung zwischen Mutter, Vater und Kind einigermaßen gesund ist […], gelebt werden darf [und …] Familie gesellschaftlich und nicht nur durch Milupa oder Pampers gewürdigt und wahrgenommen wird.“(1, S.32). Konkret bedeutet dies, dass die Mütterpflegerin von Anfang an die Eltern dazu anhält, ihr Kind zu beobachten, mit dem Säugling zu sprechen, achtsam seine Grundbedürfnisse zu erfüllen, keine Ablenkung beim Stillen zu suchen, Ruhezeiten einzuhalten, Absprachen zu treffen, Eltern zu werden (1,2). Eine Mütterpflegerin stellt dazu fest, dass diese sozialen Kompetenzen früher in der Großfamilie durch Ratschläge der älteren an die jüngere Generation geklärt waren, jedoch heute oft das Wissen darum fehlt. So wünscht sie Elternkurse vor der Geburt, die den Eltern helfen sollen, ihre Kompetenzen heraus zu bilden (2, S. 42). 6.2.3 Perspektiven des Berufes Durch ein Patent geschützt, zeichnet sich bereits im Begriff der ‚Mütterpflegerin’ auch dessen Berufsbild ab, nämlich, dass die Mutter im Vordergrund aller Bemühungen einer Mütterpflegerin steht, und die Mutter, schwerpunktmäßig in der Wochenbettzeit, unterstützt und gepflegt wird. Anders als viele sonstige Angebote – wie z.B. das Stillcafe oder Babymassagekurse -, sucht die Mütterpflegerin die Frau in ihrem Haushalt auf (1, S.21f). Sie versteht sich als Bindeglied zwischen Mutter und Hebamme, ist jedoch von dem medizinischen Aufgabenge32 biet der Hebamme klar abgegrenzt. Die Mütterpflegerin erkennt frühzeitig Risiken, leitet erste Hilfemaßnahmen ein, beobachtet und sucht gegebenenfalls den Kontakt zur Hebamme oder erteilt Ratschläge für weitere Hilfsmöglichkeiten. Damit trägt sie zur Verbesserung der Versorgung der Mutter in der Wochenbettzeit bei (3, S.20). Hier liegt wiederum auch die klare Abgrenzung zur Haushaltshilfe begründet, deren Aufgabengebiet sich ausschließlich auf die Organisation des Haushalts erstreckt (1, S.22). Alle drei Mütterpflegerinnen berichten, dass sowohl die Eltern als auch die Institutionen mit der geleisteten Arbeit sehr zufrieden sind. In den meisten Familien werden die Erwartungen übertroffen (1, S. 28). Einige Institutionen, wie das Jugendamt oder der Sozialdienst katholischer Frauen in Giessen vermitteln zunehmend neue Aufträge und bezahlen diese auch (3, S.10). Als sehr problematisch wird jedoch von den Mütterpflegerinnen die Organisation der Einsätze und damit ihre Freiberuflichkeit an sich angesehen. Da der Entbindungstermin eines Kindes nicht festgelegt werden kann und sich dadurch bis zu vier Wochen Wartezeit für den Einsatz der Mütterpflegerin ergeben können, in denen diese dann auch keinen anderen Auftrag entgegen nehmen kann, „…kann [sie] nie genau sagen, am Monatsende habe ich das und das raus,…“ (1, S.25). Eine der interviewten Mütterpflegerinnen wird auch oft als sogen. ‚Springerin’ eingesetzt, die den Beginn eines Einsatzes bei einer Familie solange überbrücken kann, bis die gewünschte Mütterpflegerin die Arbeit übernimmt. Dadurch bleibt die Flexibilität erhalten. Da es jedoch eher die Ausnahmen sind, die von ihrer selbstständigen Arbeit auch leben können, wünschen sich die Mütterpflegerinnen in diesem Problem Unterstützung. Ein Vorschlag bezieht sich auf die Gründung eines festen Netzes von wenigen Mütterpflegerinnen, die sich in einem bestimmten Gebiet, bei Krankheit oder zeitlich schwieriger Einsatzlage gegenseitig vertreten können. Im Modell erwirtschaften die Mütterpflegerinnen die Löhne für das gesamte Netz der Mütterpflegerinnen, und erhalten im Gegenzug ein monatlich festes Einkommen sowie Sozialversicherungsbeiträge, wie es ein Modell in Berlin zeigt (1,2,3). Die Bedarfslage für Mütterpflegerinnen schätzen alle drei Befragten als „riesig groß“(1, S.23) ein (1,2,3). Dies zeigt sich in den erhöhten Nachfragen nach Einsätzen und in dem gestiegenen Interesse an der Ausbildung zur Mütterpflegerinnen, sowie auch an dem in Unachtsamkeit gelebten, gesellschaftlichen Miteinander von Eltern und Kindern. Hier erkennen die Mütterpflegerinnen eine ‚Lücke’ und gehen davon aus, dass durch das frühzeitige Hinzuziehen von Unterstützungsmaßnahmen vor allem die Kommunikation und ‚Achtsamkeit’ zwischen den Eltern, aber auch zwischen Eltern und ihren Kindern gestärkt werden kann und muss. Dabei ist vor allem „die Achtsamkeit sich selbst gegenüber ganz wichtig“ (3, S.26) und diese 33 aufzubauen ziel führend für die Arbeit der Mütterpflegerinnen(1,2,3). „Schadensbegrenzung“, nennt es dann auch eine Mütterpflegerin, wenn sie meint, vor allem Mütter im Umgang mit sich und ihrem Kind zu stärken, „dann haben wir ja schon etwas geschafft“ (3, S.51). 6.3 Qualitative Interviews mit Eltern Auf der Grundlage der qualitativen Sozialforschung nach MAYRING (2002, 2007) wurde die Konzipierung, Durchführung und Auswertung der leitfadenorientierten Interviews von vier Eltern vorgenommen. Für die Auswahl der Eltern wurden fünf Kriterien festgelegt, zu denen fünf Familien gefunden werden sollten. Diese sind: eine „allein Erziehende“, eine Familie, in der die Eltern „verheiratet sind und die Großeltern vor Ort“ haben, eine „Familie mit Migrationshintergrund“, eine „unzufriedene Familie“ sowie eine „Frau“, von der in den Vorstandstreffen berichtet wurde und die fünf verschiedene Angebote des Einsatzes von Mütterpflegerinnen in Anspruch genommen hat, bei der jedoch erst die Mütterpflegerin, vom Jugendamt bestellt, eine gute Unterstützung bedeutete. Es stellte sich jedoch heraus, das letztere nicht für ein Interview zur Verfügung stand, die „unzufriedene Familie“ ausschließlich zu einem Telefoninterview bereit war und bislang kaum Familien mit Migrationshintergrund für Einsätze aufgesucht wurden. Auch waren ausschließlich Einsätze aus Giessen gewünscht, was jedoch nicht realisiert werden konnte, aufgrund der bestehenden Merkmale. So werden insgesamt vier Familien - zwei aus Giessen und zwei aus Marburg - mit folgenden Merkmalen interviewt: eine „allein Erziehende mit Migrationshintergrund“, eine Familie, in der die Eltern „verheiratet sind und die Großeltern vor Ort“ haben, eine „unzufriedene Familie“ (Telefoninterview) sowie eine Familie, in der nach mehreren Hilfsangeboten erst das Angebot der Mütterpflegerin gute Unterstützung gab. Die Vermittlung zu den interviewten Eltern wurde teilweise vom Vorstand des Vereins oder durch die Mütterpflegerinnen dieser Eltern hergestellt. Die Mütter sind 24, 28, 36 und 41 Jahre alt und haben zwischen einem und vier Kinder. Die Elterninterviews, mit einer Dauer von durchschnittlich 50 Minuten, wurden in der Zeit vom 05.09.07 bis 05.11.07 durchgeführt und anonymisiert, so dass bei der Auswertung die Zahlen vier bis sieben in Klammern erscheinen. 34 Folgende Schwerpunkte werden anhand des Leitfadens für die Eltern erarbeitet: Einsatz und Berufsbild der Mütterpflegerinnen. 6.3.1 Einsatz Der Kontakt zu den Mütterpflegerinnen entsteht bei allen vier Müttern auf sehr unterschiedliche Weise. So wurde eine Mutter in der Schwangerschaft durch Frau HEIDORN auf das Angebot aufmerksam gemacht. Aus beruflichen Gründen konnte ihr Mann und die Familie kaum Unterstützung bieten, so dass sie dankbar das Angebot der Mütterpflegerinnen in Anspruch nahm. Die Krankenkasse bezahlte den vollen Betrag. Auch bei der Geburt der zweiten Tochter kam sie auf dieses Angebot zurück. Ebenfalls in der Schwangerschaft, jedoch aufgrund ärztlicher Indikation, kam eine weitere Mutter über die Empfehlung ihrer Hebamme zu diesem Angebot. Auch hier bezahlte die Krankenkasse vollständig die angefallenen Kosten. Einer weiteren Mutter wurde eine Haushaltshilfe verordnet. Nach mehreren Versuchen überwiegend mit Pädagogikstudentinnen - da keine andere Möglichkeit vor Ort bestand -, die bis auf ‚Spielen’ mit den übrigen drei Kindern nichts im Haushalt erledigten, wurde diese Frau über den Flyer des Vereins auf das Angebot aufmerksam und stellte den Kontakt her. Da die Zufriedenheit mit der geleisteten Arbeit sehr hoch war, besteht auch heute noch – ca. vier Jahre später – Kontakt und Einsatz. Die vierte Mutter lebt aufgrund von familiär-kulturellen Hintergründen mit ihrem Kind allein in einem Frauenhaus und wurde von dem sie betreuenden Dienst auf dieses Angebot aufmerksam gemacht. Auch ihre Inanspruchnahme wurde von der Krankenkasse beglichen (4,5,6,7). Bei allen Einsätzen wurde der Haushaltshilfetarif von der Krankenkasse bezahlt. Bis auf die vierte Mutter war es für alle übrigen sehr schwierig mit der Krankenkasse darüber zu verhandeln, wer die Kosten in welcher Höhe zu tragen hat. Eine Mutter verhandelte sogar ein halbes Jahr (4,5,6,7). Die Merkmale der unterschiedlichen familiären Situationen wurden einleitend kurz beschrieben. Weitere Merkmale sowie die Beschreibung der Rahmenbedingungen des Einsatzes vertiefen im Folgenden die Lebenssituation der Familien und Arbeitssituation der Mütterpflegerinnen. Eine Mutter war zum Zeitpunkt der Geburt ihres ersten Kindes im Studium, kann jedoch auf eine abgeschlossene Berufsausbildung zurückblicken. Durch einen beruflichen Neueinstieg ihres Mannes sowie große Belastung im beruflichen Alltag ihrer Eltern und Schwiegereltern 35 war es nicht möglich, von ihnen unterstützt zu werden. Sie berichtet außerdem von geringen Kenntnissen mit kleinen Kindern, unter anderem aufgrund fehlender Beispiele aus ihrem Bekannten- und Familienkreis. Aufgrund starker und lang anhaltender Blutungen sowie depressiver Verstimmung nach der Geburt, wurde der Einsatz aufgrund der medizinischer Indikation verlängert, wobei es mit der Krankenkasse hinsichtlich der Bezahlung „ein ziemlicher Kampf war“ (4, S.3). Auch bei der Geburt des zweiten Kindes nahm sie das Angebot wieder in Anspruch. Die Zeiteinteilung, die für eine Haushaltshilfe angegeben ist - sechs Tage a acht Stunden nach der Geburt - wurde jedoch als unpassend empfunden. Die Mütterpflegerin wurde gebeten, die Zeit insofern aufzuteilen, dass sie pro Tag vier Stunden über den doppelten Zeitraum zur Verfügung stand, was als wesentlich sinnvoller angesehen wurde (4, S.2f). Eine andere Mutter, die bereits drei Kinder hatte und schwanger war, litt unter einer Venenentzündung und leichten Wehen. Ihr wurde auf Vorschlag der Hebamme direkt vom Frauenarzt eine Mütterpflegerin verschrieben. Sie benötigte vor allem praktische Unterstützung im Haushalt und bei der Kinderbetreuung und war mit der Leistung der Mütterpflegerin bzw. der Schülerin unzufrieden. Auch hier wollte die Mutter nicht an allen Tagen acht Stunden Unterstützung. Sie bedurfte jedoch zweier Nachmittage, um die Kinder zu ihren Freizeitgestaltungen fahren zu lassen. Dies sicherte ihr die Mütterpflegerin im Erstgespräch auch zu, jedoch mangelte es dann an der Umsetzung. Nach dem dreimonatlichen Einsatz nahm sich die Mutter dann eine Haushaltshilfe und empfand dieses Angebot für ihre Situation als passender. Die Krankenkasse übernahm die Bezahlung vollständig (5). Die dritte Mutter, ebenfalls mit drei Kindern und neu zugezogen, litt unter einer Blutgruppenunverträglichkeit und allgemeiner Überforderung. Ihr wurde eine Haushaltshilfe vom Frauenarzt verordnet, doch war es nicht möglich, eine adäquate Person zu finden. Über einen Verband wurden ihr Pädagogikstudentinnen geschickt, die für über „20,-€ Stundenlohn“ (5, S.3), welchen die Krankenkasse sofort bezahlte, arbeiteten, weil der Verband einen „direkten Kontrakt mit der Krankenkasse“ (5, S.3) haben soll. Jedoch war sie mit deren Arbeit sehr unzufrieden, da bis auf ‚Kinderbeschäftigung’ weiterhin alles von ihr selbst erledigt werden musste. Auch eine Krankenschwester, die einmal geschickt wurde, bedurfte fortwährender Anleitung, was die Mutter mehr belastete. Durch Zufall nahm sie das Angebot der Mütterpflegerinnen wahr und kontaktierte die Zentrale. Es wurden zwei Mütterpflegerinnen in ihren Haushalt geschickt, die sich diesen Einsatz teilten und mit denen sie sehr zufrieden war. Problematisch wurde dann jedoch die Abrechnung, da der Beruf Mütterpflegerin, zumindest bei ihrer Krankenkasse, nicht bekannt war (6). 36 Die vierte Mutter wurde zwei Monate nach der Geburt des Kindes angesprochen, da keine Familienangehörigen den Kontakt mit ihr wünschten, ob sie Hilfe benötige. Sie nahm das Angebot an. Die Vermittlung und Abrechnung übernahm der sie betreuende Dienst. An den genauen Zeitraum des Einsatzes konnte sie sich nicht mehr erinnern, jedoch noch daran, dass auch bei ihr, das Stundenkontingent aufgeteilt wurde, weil es ihr sehr entgegenkam, täglich nur einen kurzen Kontakt zu wollen (7). Alle Einsätze wurden über die Vermittlungszentrale des Vereins abgewickelt, wobei darauf geachtet wurde die Mütterpflegerinnen räumlich in der Nähe der Mutter zu vermitteln. In einem ersten Gespräch konnten dann, ohne schriftlichen Vertrag, die Aufgaben, der Zeitpunkt sowie die Bezahlung des Einsatzes besprochen und geklärt werden (4,5,6,7). Des Weiteren war es wichtig herauszufinden, ob die „Chemie stimmt“ (4, S.3). Die eigentliche Arbeit der Mütterpflegerinnen ist ebenfalls recht unterschiedlich in den Einsätzen. Allen gleich ist das einfühlsame Gespräch sowie die praktische Unterstützung im Haushalt und im Alltagsgeschehen. „So ein kleiner Urlaub vom Alltag“ (4, S.5) wird es von einer Mutter benannt. Die Prioritäten liegen beim Kochen (4,5,7), Einkaufen (7), Waschen (4) und Putzen (6) sowie der Weiterführung der allgemeinen Haushaltsorganisation (4,5,6). Die Kinderbetreuung nimmt den zweithöchsten Stellenwert ein (4,5,6). Dies wird umso wichtiger, je mehr Kinder im Haushalt leben (5,7). Die Kinder werden mit Essen und Trinken versorgt (5,6), sie spielen zusammen (4,5), räumen gemeinsam wieder auf (5) und werden zu ihren Freizeitaktivitäten am Nachmittag gebracht und auch abgeholt (5,6). Als wesentlich wird ebenfalls die Kommunikation sowie die Anleitung in der Babypflege, vor allem bei den Erstgebärenden angesehen (4,5,6,7). In den Gesprächen mit den Mütterpflegerinnen geht es dabei um die Verarbeitung des Geburtsprozesses (4), familiäre Schwierigkeiten (7), Fürsorge für die Mutter (5), freundschaftlicher Austausch von Alltagsproblemen auf gleicher Ebene (4,5,6,7). Diese Unterstützung im Gespräch beim „Teetrinken oder Spazierengehen“ (4, S.5) wird als sehr wohltuend von den Müttern empfunden, da sie sich dadurch nicht allein gelassen fühlen (4,5,6,7). Vereinzelt wurde auch Massieren (6) und Tragetuchanleitung (4) in Anspruch genommen. Der Kontakt zu den Männern der Mütter war jedoch bei allen Frauen zeitlich bedingt nicht sehr intensiv (4,5,6). Als wichtige Kompetenz wurde von der Mutter, die vergleichbare Angebote in Anspruch genommen hatte, dass hohe Maß an Einfühlungsvermögen der Mütterpflegerin im Alltag genannt. „Man hat immer das Gefühl, egal welche von beiden gekommen ist, sie kommen gerne ins Haus, sie freuen sich über mich, sie freuen sich über die 37 Kinder, sie freuen sich auf die Aufgabe und entsprechend wird die Arbeit angepackt.“ (5, S.5). Sie entlasten die Mutter mit ihrer Arbeit (5, S.22). Bemerkenswert ist die hohe Zufriedenheit der Mütter mit dem Angebot der Mütterpflegerin (4,5,6,7). Bis auf eine Mutter wird von keiner weiteren Mutter über Unstimmigkeiten oder falsche und nicht erfüllte Erwartungen berichtet (6). Zwei Mütter stellen fest, dass sie sich bei einem erneuten Einsatz massieren lassen würden (4,7). Die eher unzufriedene Mutter empfindet das Angebot trotz der Schwierigkeiten als gut und empfehlenswert, vor allem jedoch für Erstgebärende. Ihre Kritikpunkte beziehen sich auf den unprofessionellen Umgangston der Mütterpflegerin bzgl. Kritik an einer ihrer Leistungen sowie auf eine nicht erfüllte, jedoch vereinbarte Aufgabe bei der Kinderbetreuung am Nachmittag. Der Mutter waren diese zwei Bereiche sehr wichtig und so fühlte sie sich nicht respektiert. „Eine Zusammenarbeit muss mit den Bedürfnissen der Mutter und den Fähigkeiten, Fertigkeiten und Neigungen der Mütterpflegerin kompatibel gemacht werden, sonst geht es schief. Und da braucht eine Mutter, die ihr erstes Kind bekommt, andere Unterstützung, als eine Mutter die ihr viertes Kind bekommt. Aus meiner Sicht möchten Mütterpflegerinnen gerne pampern. Wenn dies jedoch nicht nötig ist, dann müssen sie auch auf andere Erfordernisse der Mütter eingehen. “(6, S.3). So stellt sie fest, dass ein schriftlicher Vertrag für beide Seiten verbindlicher gewesen wäre (6). 6.3.2 Berufsbild der Mütterpflegerinnen Den Bedarf der Familien an Mütterpflegerinnen schätzen alle Mütter als „sehr hoch“ (6, S.3) ein. So stellt eine Mutter fest: „Man hört [aus den Schlagzeilen] immer wieder von Verwahrlosung oder von Kindern, die im schlimmsten Fall verhungern, oder solchen Sachen. […] Ich glaube, wenn den Familien früher unter die Arme gegriffen wird, dann muss es nicht soweit kommen. Aber eher weniger über Kontrolle, sondern das es einfach publiker wird, dass einfach jede Frau weiß, da gibt es was, und wenn ich mich überfordert fühle, muss ich nur zum Telefon greifen, oder wenn ich Angst habe und da ist sofort jemand da, und ich muss mich nicht weiter kümmern, sondern alles andere wird in die Wege geleitet. […] … einfach dieses Wissen, da wäre unbürokratisch einfach schnelle Hilfe möglich.“(4, S.19). Eine weitere Mutter gibt jedoch zu bedenken, dass es oft „ne Kostenfrage, bei den Familien ganz besonders“ (5, S.16) ist. Wenn es ärztlich leichter verordnet werden könnte, würde es jeder Familie gut tun. Sie stellt fest, dass „die Anforderungen die man bringen muss, die die Kinder oder die Familie an einen stellt, ne, die sind ähnlich, ne, die werden durch die finanzielle Lage nen Teil 38 verschärft, ne. Aber dass ich mich mühe, die Kinder gut zu erziehen, ne, dass ich da sein für sie will, ne, und das ich ihnen das Notwenigste geben will, das sind Facts, die betreffen jede Familie.“ (5, S.17) Insofern würde sie die Bedürftigkeit des Angebots bei allen Familien gleichwertig ansehen. Das einzige, was ihrer Meinung nach entlastend wirken kann, wäre eine gute soziale Einbindung in ein soziales Netzwerk (5, S.16f). Auch die vierte Mutter würde es für jede Familie als Bereicherung empfinden, jedoch würde sie allein Erziehende vorziehen (7, S.10). Abschließend stellt eine Mutter fest, dass die flächendeckende Einführung dieses Angebotes womöglich Krankenhausaufenthalte einsparen würde (6, S.4). Als sinnvolle Kooperationspartner erachten die Mütter vor allem die Frauenärzte (4,6,7), die Hebammen (4,6), die Krankenkassen (4,5,7), die Entbindungskliniken (5), die Beratungsstellen und das Jugendamt (7). Werbung für die Arbeit der Mütterpflegerinnen sollte über eine positive Außenwirkung in der Öffentlichkeit (4), den Flyer (5), in Geburtsvorbereitungskursen, im Internet oder über Vereine, die thematisch arbeiten sowie in Zeitschriften (4) etabliert werden. Das soziale Netz - auch in Form von Nachbarn - (4) sowie auch allgemeine Mund zu Mund Propaganda (7), wird als wichtiges Medium genannt. Auf die Frage, welche strukturellen Veränderungen die Mütter sich bezüglich Schwangerschaft, Geburt und der Zeit der ersten drei Lebensjahre des Kindes für sich, ihr Kind und ihre Familie wünschen würden, setzen die Mütter folgende Prioritäten. So empfinden drei Mütter die Hebammenuntersuchungen während der Schwangerschaft wichtiger als die rein medizinische Versorgung beim Frauenarzt (4,5,6), da sie der hohe technische Einsatz (5) sowie die geringe persönliche Ansprache (7) abschrecken. Grundsätzlich wünschen sich die Mütter mehr Transparenz über die Angebote sowie deren Vernetzung (4,5,6). Die Etablierung der Mütterpflegerin wird dabei von allen Müttern gleichermaßen als sehr wichtig eingeschätzt (4,5,6,7). Des Weiteren wünschen sie sich qualitativ hochwertige Betreuung für Kinder unter drei, mit finanzieller Bezuschussung der Krippe oder der Tagesmütter (6, S. 4). Einer Mutter war besonders wichtig, dass ‚Schwangersein’ und dann ein Kind zu haben als etwas Schönes angesehen wird. Sie wünscht sich auch mehr Ansprache durch die Gesellschaft (7, S.13). Alle Mütter waren sich darin einig, dass sie Stärkung und Unterstützung in der Zeit der Schwangerschaft und in der Zeit nach der Geburt und darüber hinaus benötigen (4,5,6,7). 39 6.4 Bedarfserhebung bei werdenden und jungen Müttern/Familien in Giessen Mit Hilfe der quantitativen Sozialforschung nach RAITHEL (2006) und BURZAN ET. AL. (2007) wurde die Konzipierung, Durchführung und Auswertung einer Fragebogenerhebung bei werdenden (siebenter bis zehnter Schwangerschaftsmonat) bzw. jungen Mütter/Eltern (dritter bis siebenter Lebensmonat des Kindes) in Giessen im Zeitraum von Juni bis November 2007 vorgenommen. Von den sieben Fragen des Fragebogens wird für diese Evaluation eine Frage ausgewertet, die den Bedarf von verschiedenen Unterstützungsinhalten für werdende und junge Mütter bzw. Eltern erhebt. Es wurden insgesamt 211 Fragebögen, 104 für werdende Mütter und 107 für junge Mütter in Kinderarzt- und Frauenarztpraxen sowie bei Hebammen, Geburtshäusern und Beratungsstellen verteilt. Die Rücklaufquote beträgt insgesamt 52% - entspricht 110 Fragebögen – und ist damit als sehr hoch einzuschätzen. Der verwertbare Rücklauf, dezimiert durch fehlerhaftes Ausfüllen (27 Fragebögen) und Sonstiges (5 Fragebögen), ist mit 78 Fragebögen noch als hoch einzuschätzen. Ein Grund für fehlerhaftes Ausfüllen lag bei 21 Personen an der Schwierigkeit, sich nicht für eine Antwort der zehn Möglichkeiten entscheiden zu können. Da der Anteil sehr hoch ist, werden diese Daten gesondert ausgewertet. Auch die fünf ‚Sonstigen’ Antworten werden genannt. In sechs Fragebögen – zwei von werdenden Müttern/Eltern und vier von jungen Müttern/Eltern – wird kein Feld angekreuzt. Von den 110 befragten Personen sind acht jünger als 20 Jahre, 13 Personen zwischen 21 und 25 Jahren, 67 Personen zwischen 26 und 35, 19 Personen zwischen 36 und 40 Jahren und drei älter als 40 Jahre. Von den insgesamt acht allein erziehenden Müttern waren fünf schwanger und drei mit einem oder zwei Kindern. Von den 20 Familien, die in einer Lebensgemeinschaft zusammenleben, wurden 12 junge Familien und 8 werdende Familien befragt, wobei eine werdende Familie schon ein Kind hat. Interessant ist die hohe Zahl der Familien, in denen die Eltern verheiratet sind. So leben 51 junge Familien und 31 werdende Familien in dieser Form zusammen. 90% der Personen sind deutscher Herkunft und die übrigen 10% haben eine andere Nationalität, wobei der Anteil junger Familien höher ist als der Anteil werdender Familien. Für 13 Mütter war die Schwangerschaft nicht gewollt, für 97 Mütter gewollt. Von den 44 werdenden Eltern (34 auswertbar) ist es für 28 Mütter (21 auswertbar) die erste Schwangerschaft, für 12 (10 auswertbar) die zweite und für fünf (drei auswertbar) die dritte oder vierte Schwangerschaft. Dadurch wird eingeschätzt, dass die Beantwortung der Fragen 40 von Personen mit diesem Erfahrungshintergrund eine sehr gute Grundlage für die Einschätzung der Bedarfe ergibt. Von den 66 jungen Familien (44 auswertbar) leben 29 (19 auswertbar) mit einem Kind, ebenfalls 29 (20 auswertbar) mit zwei Kindern und acht (fünf auswertbar) mit drei oder mehr Kindern zusammen. Auch hier kann bei den Personen von einem hohen Maß an Reflektion ausgegangen werden, so dass die Antworten ein sehr gutes Bild über die tatsächliche Problematik liefert. Folgende Frage mit zwölf Antwortmöglichkeiten galt es zu bearbeiten: Tab.2: Bedarfserhebung Stadt Giessen ‚Unterstützung werdende/junge Familien’, 2007 Welche Unterstützung würden Sie als die Wichtigste für werdende/junge Familien ansehen? (Bitte nur eine Antwort ankreuzen!) Anleitung zu frühkindlicher Bildung (Bsp. sprechen mit dem Baby) ( ) Ansprechpartner für die Mutter (Bsp. für die Ernährung, Pflege des Babys) ( ) Betreuung älterer Geschwister (Bsp. zum Kindergarten bringen und abholen) ( ) Informationsaustausch (Bsp. Weitergabe von Informationen ohne praktische Erklärung) ( ) Physische Genesung der Mutter (Bsp. Massagen, Beckenbodenübungen) ( ) Physische Gesundheit der Mutter (Bsp. Gebärmutterkontrolle) ( ) Psychische Unterstützung (Bsp. Persönliche Gespräche, Stärkung des Selbstbewusstseins) ( ) Praktische Unterstützung zu Hause (Bsp. für Mutter und Baby, für Vater und Geschwister, für Haushalt) ( ) Unterlagen/Broschüren/Prospekte (Bsp. Prospekte der Säuglingsernährungsunternehmen) ( ) Unterstützung beim Elternsein (Bsp. Beratung, Entwicklung von Strategien) ( ) Unterstützung im Haushalt (Bsp. Waschen, Kochen, Putzen) ( ) Sonstige ___________________________________________________________________ Auswertung werdende Familien Von den 34 verwertbaren Fragebögen werdender Familien war es für 11 Familien entscheidend ‚Unterstützung beim Elternsein’ zu erhalten. Als zweitwichtig, und von sieben Familien angekreuzt, wird der ‚Ansprechpartner für die Mutter’ angesehen, gefolgt von ‚psychischer Unterstützung’, welche für sechs Familien sehr wichtig ist. Drei Antwortmöglichkeiten erhielten kein Kreuz: ‚Anleitung zu frühkindlicher Bildung’, ‚Betreuung älterer Geschwister’ und ‚Physische Genesung der Mutter’. Gerade letzteres, ist aufgrund des Anteils an zweit- oder Drittgeburten erstaunlich. Sehr wichtig war den Familien auch die ‚Praktische Unterstützung zu Hause’. 41 Auswertung junge Familien Von den 44 verwertbaren Fragebögen der jungen Familien kreuzen 13 Familien die ‚Unterstützung beim Elternsein’ an. Mit 11 Kreuzen wird der ‚Ansprechpartner für die Mutter’ als sehr wichtig eingeschätzt. Jeweils fünf Kreuze, und damit von der Rangfolge als gleichwichtig einzustufen, sind Angebote der ‚Unterstützung im Haushalt’, ‚Anleitung zu frühkindlicher Bildung’ und ‚Praktische Unterstützung zu Hause’. Kein Kreuz erhielten zwei Antworten: ‚Physische Gesundheit der Mutter’ und Physische Genesung der Mutter’. Die Psychische Unterstützung war zwei Familien sehr wichtig. Auswertung der Fragebögen mit vielen Antwortmöglichkeiten Von den 21 Familien - sechs werdende und 15 junge Familien – werden durchschnittlich zwei Antworten als ‚wichtigste Unterstützung’ angekreuzt. Sowohl werdende, als auch junge Eltern sehen den ‚Ansprechpartner für die Mutter’ als wichtigste Unterstützung an. Bei den übrigen Antworten der werdenden Eltern gibt es hingegen kaum mehr klare Prioritäten. Anders bei den jungen Eltern. Hier werden drei Möglichkeiten als gleichwichtig eingeschätzt: zum einen die ‚psychische Unterstützung’, zum anderen die ‚Betreuung älterer Geschwister’, sowie der ‚Informationsaustausch’. Auch die ‚Unterstützung im Haushalt’ erhält eine gewisse Priorität. Auswertung Sonstige Unter dem Punkt ‚Sonstiges’ gaben zwei werdende Familien als wichtigsten Unterstützungswunsch zum einen ‚finanzielle staatliche Unterstützung’ sowie zum anderen ‚Familienzusammenhalt und deren Rat’ an. Drei jungen Familien ist zunächst ‚alles zusammen’ sehr wichtig, dazu wünschen sie sich ‚mehr Kontaktmöglichkeiten für junge Familien in Schule, Ausbildung und Universität sowie mehr Angebote für die Altersgruppe zwischen 15 und 25 Jahren’. Sechs weitere Interviews konnten nicht ausgewertet werden, da keine konkreten Angaben zu entnehmen waren. 42 7 Zusammenfassung Jede Frau, die Mutter wird, erlebt damit einen natürlichen Wendepunkt in ihrem Leben. Die Aufgabe der Mütterpflegerinnen ist es, die Mutter nach der Geburt ihres Kindes aufzusuchen, zu begleiten und zu unterstützen. Um diese Aufgabe zu realisieren, wurde der „Verein für Mütter- und Familienpflege e.V.“ in Giessen gegründet. Die vorliegenden Untersuchungen beurteilen und bewerten die Arbeit des Vereins. Dazu wurde zunächst die Arbeit des Vereins analysiert, um danach drei Mütterpflegerinnen und vier Eltern in qualitativen Interviews zu befragen. Daneben wurde eine Fragebogenerhebung bei 78 werdenden bzw. jungen Müttern/Familien in Giessen ausgewertet. Die Ergebnisse werden nachfolgend vorgestellt. Der gemeinnützige „Verein für Mütter- und Familienpflege Giessen e.V.“ wurde 1998 als Förderer und Unterstützer der deutschlandweit einzigen Mütterpflegerinnenschule mit Sitz im Entbindungshaus Giessen-Rödgen gegründet. Zu den Aufgaben des Vereins gehört die Etablierung von Rahmenbedingungen, das Qualitätsmanagement, die Öffentlichkeitsarbeit und die bundesweite Kontakt- und Vermittlungsstelle für Mütterpflegerinnen. Flyer, Plakate, Infoabende, Presseartikel, persönliche Kontakte und Infostände dienen der Öffentlichkeitsarbeit. Seit Gründung des Vereins werden jährlich ein Aktivitätsbericht, welcher den Jahresabschluss beinhaltet, sowie ein Auswertungsbericht, welcher den statistischen Bereich des Vereins darstellt, dokumentiert. Sie dienen der Berichterstattung bei den Mitgliederversammlungen. Ausgewertet werden acht Aktivitätsberichte und sieben Auswertungsberichte. Die Anzahl der Mitglieder steigt kontinuierlich an. Von 2001 mit zehn aktiven Mitglieder und 21 Fördermitgliedern auf 2007 mit 14 aktiven Mitgliedern und 67 Fördermitgliedern. Wichtigste Einnahmen sind Mitgliedsbeiträge und Spenden - zu den Ausgaben gehören Vermittlungs-, Verwaltungs-, Werbungs- und Versicherungskosten. 1996 wurde das erste Entbindungshaus und 1997 die deutschlandweit erste Mütterpflegeschule in Giessen-Rödgen gegründet. Vor allem die Unterstützung der Mutterpflegerschule durch den Verein hat stetig zugenommen. Dies lässt sich an den gestiegenen Ausbildungszahlen erkennen, so dass im Jahre 2006 erstmalig zwei Ausbildungsgänge angeboten werden. Die kontinuierliche Vermittlung eingehender Elternanfragen bzgl. eines Einsatzes einer Mütterpflegerin gehört seit 1998 ebenso zu den Aufgaben des Vereins wie die Sorge um die Qualitätssicherung der Mütterpflegerarbeit. Auch die Vermittlungsquote steigt kontinuierlich an. Von 33% im Jahre 2001 auf 50% im Jahre 2006 (Vermittlungsquote ist die Beziehung zwischen Anfragen und Vermittlung). Auch die Einsätze steigen von im Jahre 2000 mit 16 Ein43 sätzen und 53 Stunden pro Einsatz bis zum Jahre 2006 mit 41 Einsätzen und 72 Stunden pro Einsatz. Seit dem Jahre 2000 werden zwei Fragebögen zum einen von den Müttern bzw. Familien und zum anderen von den Mütterpflegerinnen über die Qualität der Einsätze geführt. Aus Elternsicht wird darin deutlich, dass die Mütter mit dem Angebot sehr zufrieden sind, das heißt 88% der Mütter sehen ihre Erwartungen an die Mütterpflegerinnen erfüllt. Die Abrechung mit den Krankenkassen schätzen sie als problematisch ein. Die Mütterpflegerinnen sind überwiegend zufrieden mit ihren Einsätzen und bewirken ein allgemeine Entlastung der Mutter, die zu einer besseren Familienatmosphäre führt. In den Interviews mit den Mütterpflegerinnen wird deutlich, dass der Wunsch, den Mütterpflegerinnenberuf zu ergreifen, bei allen befragten Mütterpflegerinnen geprägt ist von einer Phase der Umorientierung im Lebensverlauf. Die einjährige Ausbildung der Mütterpflegerinnen dient dazu, die persönlichen Stärken zu erkennen, sie zu reflektieren und zu festigen sowie Grenzen ziehen zu lernen und die Grenzen anderer zu akzeptieren. Aber auch die Vermittlung von medizinischen Wissen und Kommunikationstechniken sind wichtige Säulen der Ausbildung. Der Kontakt für die Einsätze der Mütterpflegerinnen, wenn sie freiberuflich tätig werden, entsteht in erster Linie über das Geburtshaus, in dem auch der Verein und die Mütterpflegeschule ihren Sitz haben, sowie über die Hebammen der Stadt und des Landkreises Giessen. Ebenso dienen Flyer, die bei Frauenärzten, Krankenhäusern, Kinderärzten, u.a. ausliegen, als Kontaktmöglichkeit. Mütterpflegerinnen werden überwiegend in Familien, die der sogen. ‚Mittelschicht’ angehören, eingesetzt. Über ein Erstgespräch wird unverbindlich geklärt, welche Erwartungen und Wünsche die Mütter haben und mit welchen Kompetenzen und Qualitäten die Mütterpflegerinnen die Mütter unterstützen können. Es werden mündliche Vereinbarungen getroffen, obwohl ein schriftlicher Vertrag teilweise von den Eltern gewünscht wird. Auch die Finanzierung der Leistungen wird geklärt. Im Vordergrund der Arbeit von Mütterpflegerinnen steht die psychosoziale Bertreuung von Mutter und Kind in der Wochenbettzeit. Alle drei Mütterpflegerinnen stimmen darin überein, die frühkindliche Bildung der Kinder zu fördern, indem sie die Kompetenzen der Mütter stärken. Die Mütterpflegerin sorgt dafür, dass der Übergang ins Elternsein, auch mit jedem weiteren Kind, von Anfang an unterstützt wird, so dass auftretende Probleme sofort bewältigt werden können und sich nicht potenzieren. Sie leistet somit präventive Arbeit, die den Kindern, 44 der Mutter und damit der gesamten Familie dient. Der aufsuchende Charakter der Arbeit erlaubt es ihr, vor Ort, also in der Familie, auch praktisch tätig zu werden. So hilft sie bei der Versorgung des Babys ebenso wie beim versorgen der Mutter und anderer Familienangehöriger mit Kochen, Einkaufen sowie der Reinigung. Sie beobachtet, führt einfühlsame Gespräche und dient damit auch als Bindeglied zur Hebamme oder zum Frauenarzt. Auch die ständige Qualifizierung der Mütterpflegerinnen wurde bei den Interviews hervorgehoben. Nach der Perspektive ihres Berufes gefragt, sehen die Mütterpflegerinnen auch zukünftig einen „riesengroßen“ Bedarf. Als problematisch schätzen die Mütterpflegerinnen jedoch ihre Freiberuflichkeit ein, da der Entbindungstermin eines Kindes nicht festgelegt werden kann und sich dadurch bis zu vier Wochen Wartezeit für den Einsatz der Mütterpflegerin ergeben können. Sie wünschen sich zukünftig ein festes Netzwerk von wenigen Mütterpflegerinnen, die sich gegenseitig vertreten können. So sollten die Mütterpflegerinnen die Löhne für das gesamte Netz erwirtschaften, und erhalten im Gegenzug ein monatlich festes Einkommen. Im Ergebnis der Elterninterviews beurteilen die Eltern die Arbeit der Mütterpflegerinnen als sehr zufrieden stellend und fühlen sich durch diesen Einsatz stark entlastet. Die Arbeitssituationen der Mütterpflegerinnen, sowie die Arbeit an sich, gestalten sich, je nach familiärer Situation, verschieden. So hilft es der einen Mutter mehr, wenn die Mütterpflegerin für eine regelmäßige Mahlzeit für die Mutter und die Geschwisterkinder sorgt und einer anderen, wenn sie als allein erziehende Mutter beim Einkaufen unterstützt oder massiert wird. Auch die Babypflege war bei einer Mutter – Erstgebärende - nein Thema. Allen sehr wichtig war das einfühlsame Gespräch über die Bewältigung der Geburt und der Alltagssituation. Hier fühlen sich die Mütter kompetent begleitet und unterstützt von ihrer Mütterpflegerin. Eine Mutter wünschte sich die im Erstgespräch getroffenen Absprachen schriftlich festzuhalten. Den zukünftige Bedarf an Einsätzen für Mütterpflegerinnen schätzen die Eltern als sehr hoch ein und setzen dies mit dem steigenden Anteil an verwahrlosten Kindern und überforderten Eltern in Bezug. Als schwierig wird jedoch die Kostenübernahme angesprochen sowie die große Unwissenheit vieler Eltern über die Möglichkeit eines Einsatzes von Mütterpflegerinnen. Eine Mutter stellt fest, dass die flächendeckende Einführung dieses aufsuchenden Angebotes womöglich Krankenhausaufenthalte einsparen könnte. Dazu müsste jedoch der Bekanntheitsgrad zunehmen. Hier sehen die Eltern vor allem die Krankenkassen, Frauenärzte und Hebammen in der Pflicht. 45 Abschließend wurde die Bedarfserhebung ausgewertet. So wollen sowohl werdende als auch junge Familien in erster Linie vor und nach der Geburt ‚Unterstützung beim Elternsein’. Als zweite wichtige Aufgabe sehen sie den ‚Ansprechpartner für die Mutter’. Erst als dritte wichtige Aufgabe wird die ‚Praktische Unterstützung zu Hause’ genannt. Demgegenüber wird der Bedarf bei der ‚physischen Genesung der Mutter’, von Seiten der Eltern als eher nachrangig eingeschätzt. 46 8 Bewertende Stellungnahme Die Präventionsarbeit von Mütterpflegerinnen beginnt, sobald ein Kind geboren wird. Sie unterstützt die Mutter und die Familie psychosozial durch kompetente oder lösungsorientierte Gespräche, physisch durch die Anleitung zur körperlichen Stabilisierung sowie praktisch durch die Arbeit im Haushalt und durch die Betreuung von älteren Geschwistern. Aufgrund dieser frühen Begleitung in der Wochenbettzeit erhält sie im Sinne einer primären Prävention die Möglichkeit, Fehlentwicklungen des Kindes, Erkrankungen der Mutter und einer Überforderung der Familiensituation vorzubeugen. Somit ist ein hoher und nachhaltiger gesellschaftlicher Nutzen dieser Präventionsarbeit festzustellen. Der Verein für Mütter- und Familienpflege e.V. verfolgt dabei das Ziel, die Arbeit der Mütterpflegerinnen zu organisieren und zu unterstützen. Der Aufgabenbereich umfasst vier Schwerpunkte für Mütterpflegerinnen: die Etablierung von Rahmenbedingungen, das Qualitätsmanagement, die Öffentlichkeitsarbeit und die Einführung und Fortführung einer bundesweiten Kontakt- und Vermittlungsstelle. Durch einen hohen ehrenamtlichen Einsatz konnten alle vier Schwerpunkte realisiert werden, so dass sich die Arbeit der Mütterpflegerinnen bewährt hat. Zu der Etablierung von Rahmenbedingungen gehört die Bezahlung der Arbeit, die, bspw. über eine Abrechnung mit den Krankenkassen, noch nicht zufrieden stellend gelöst wurde. So ist durch die Bedarfsanalyse festgestellt worden, dass Eltern einen Mix aus Unterstützungsleistungen benötigen. Festzustellen ist dabei eine Diskrepanz zwischen aktueller Gesetzgebung (§38 SGB 5 und der Reichsverordnung) und der Bedarfslage der Familien. Diesbezügliche gesetzliche Änderungen wären erforderlich und sinnvoll. Auch die Vorbereitung der Mütterpflegerinnen auf die freiberufliche Tätigkeit sowie eine vertragliche Verbindlichkeit mit den Eltern in Schriftform über den bevorstehenden Einsatz sollte überdacht werden. Das Qualitätsmanagement für Mütterpflegerinnen unterliegt einem hohen Selbstreflektionsvermögen, vor allem des Vorstands und damit der ständigen Weiterentwicklung. So konnten aus den Fragebögen für die Mütter bzw. Familien und den Fragebögen der Mütterpflegerinnen Aussagen gewonnen werden, die die qualitativ hochwertige Arbeit bestätigen. Auch Weiterbildungen werden angeboten und gewünscht, die Teilnahme daran ist freiwillig, sollte aber als notwendig eingefordert und inhaltlich mit den Mütterpflegerinnen erarbeitet werden. 47 Weder die Aktivitätsberichte noch die Auswertungsberichte sowie auch die Interviews lassen eine eindeutige Kostenermittlung erkennen, so dass eine Aufwandsanalyse nur indirekt durchgeführt werden konnte. Der Verein trägt sich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Der Einsatz der Mütterpflegerinnen wird sehr unterschiedlich finanziert. Z.B. von Krankenkassen, Vereinen, Spenden oder auf privater Basis. Ausgehend von dieser doch unklaren Finanzierung ist der Nutzeffekt erheblich, denn die Zahl der jährlichen Einsätze hat sich von 2000 mit 16 Einsätzen bis 2006 auf 41 Einsätze erhöht. Der finanzielle Aufwand ist begrenzt, aber das Ergebnis übersteigt die Erwartungen. Die Öffentlichkeitsarbeit folgt dem Prinzip der breiten Streuung. Dies ist in Bezug auf die bundesweiten Anfrageorte der Eltern sowie der potenziellen Mütterpflegerinnen eine gute Möglichkeit der Erhöhung des Bekanntheitsgrades, erfolgt jedoch unter hohem zeitlichem und personellem Aufwand der Mitglieder des Vereins. Daher wäre auch im Sinne der Etablierung von Rahmenbedingungen zukünftig eine Bündelung und wiederholte Kontaktpflege mit regionalen Kooperationspartnern wie z.B. Vereinen, haushaltnahen Dienstleistungen, Kitas, etc. angebracht. Der bereits bestehende Kontakt zu Krankenkassen, Hebammen, Frauenärzten, Kinderärzten, dem Jugendamt u.a. vor Ort sollte intensiviert werden. Werbung, Verhandlung, Vermittlung und Kooperation könnten speziell ausgebildete Personen übernehmen. Die Öffentlichkeitsarbeit könnte durch die Einbeziehung von Marketinginstrumenten effektiver gestaltet werden. Die bundesweite Kontakt- und Vermittlungsstelle mit qualifizierter Telefonbesetzung arbeitet sehr effizient. Die interviewten Mütterpflegerinnen und Eltern beurteilen die Arbeit der Mütterpflegerinnen als sehr zufrieden stellend und sehen ihre Erwartungen erfüllt. Es besteht ihrer Meinung nach ein hoher Bedarf an Mütterpflegerinnen in Deutschland. So schließt das Angebot eine Versorgungslücke und ‚stärkt den Müttern den Rücken’. In der durchgeführten Bedarfserhebung in Giessen wird deutlich, dass die Schwerpunkte der Eltern in folgender Reihenfolge bestehen: ‚Unterstützung beim Elternsein’, ‚Ansprechpartnerin für die Mutter’ sowie die ‚Praktische Unterstützung zu Hause’. Diese besitzen für werdende und gleichbedeutend auch für junge Familien hohe Priorität. Dadurch zeigt sich, dass auch über eine quantitative Erhebung deutlich wird, dass die Eltern ein Angebot suchen, wie es durch die Arbeit der Mütterpflegerinnen weitgehend abgedeckt wird. Die Ergebnisse der Bedarfsermittlung unterstreichen demnach, dass die werdenden und jungen Mütter zusätzlich zu der praktischen Unterstützung 48 im Haushalt, das einfühlsame Gespräch über die Bewältigung der Geburt, über den Umgang mit ihrem Baby und über Fragen der neuen Situation des Alltags in der Familie suchen. Es ist eindeutig erkennbar, dass die Haushaltshilfe zur Weiterführung des Haushalts nach der Entbindung nicht ausreicht und eine Balance beider Schwerpunkte geschaffen werden muss. Daher zeigt diese Bedarfsermittlung, dass der Einsatz von Mütterpflegerinnen eine ganz neue Dimension der Betreuung darstellt, in der ein Gleichgewicht zwischen psychosozialer Betreuung und praktischer Unterstützung zu Hause erreicht und umgesetzt wird. Der Inhalt der Ausbildung bereitet die Mütterpflegerinnen intensiv und umfangreich auf die zu leistende Arbeit vor. Entwicklungspsychologische Forschungsergebnisse sowie neueste Erkenntnisse aus der Hirnforschung könnten jedoch noch intensiver angeboten werden. Auch eine bessere Vorbereitung hinsichtlich des beruflichen Einstiegs sowie der strukturellen Rahmenbedingungen für die freiberufliche Tätigkeit gilt es anzubieten. Festzustellen ist, dass durch die steigende Anzahl an Ausbildungsplätzen in der Mütterpflegeschule erkennbar wird, das Mutterwerden und - sein wieder an Bedeutung gewinnt. Die Ausübung des Berufes als freiberufliche Tätigkeit wird von den Mütterpflegerinnen als sehr schwierig eingeschätzt. Durch z.B. lange Wartezeiten für einen Einsatz, beruhend auf den nicht vorhersagbaren Entbindungsterminen, treten finanzielle Ausfälle bzw. Engpässe auf. Ein unternehmerischer Zusammenschluss von Mütterpflegerinnen könnte dieses Problem lösen helfen. Hier sollte der Verein unterstützend wirken. Als sehr positiv ist es zu werten, dass Mütter oder Institutionen, die die Arbeit der Mütterpflegerinnen kennen gelernt haben, diese erneut gern vermitteln. So wird über den erlebten Einsatz der Mütterpflegearbeit die Qualität des Berufsbildes bestimmt. Abschließend wird festgehalten, dass durch die Arbeit der Mütterpflegerinnen den Kindern eine sichere psychosoziale Entwicklung und den Eltern eine erforderliche Betreuung frühzeitig gegeben wird. Diese Investitionen können sich langfristig auszahlen, da bspw. anfallende Kosten für Therapien zu einem späteren Zeitpunkt, die zum Teil weniger wirksam sind, vergleichsweise höher liegen. Deshalb gilt: je früher in die Stärkung der Familie investiert wird, desto wirksamer können soziale Folgekosten gespart werden. So unterstützt der Einsatz der Mütterpflegerinnen die Familien von Anfang an mit dem Ziel, volkswirtschaftlich Kosten zu sparen. 49 8 Empfehlungen für den Verein, die Politik und die Krankenkassen a) Für den Verein: 1. Die Präventionsarbeit des Vereins hat sich bewährt. Die bisher geleistete Arbeit ist anerkennenswert und weiterzuführen. 2. Die Organisation der Vereinstätigkeit könnte noch durch Einbeziehung effektiverer Formen besser gestaltet werden. 3. Es gilt ein Programm zu entwickeln, um noch mehr Sponsoren, Spender oder Stiftungen für den Verein zu begeistern. 4. Die Öffentlichkeitsarbeit ist zu intensivieren, bestehende Kontakte auszubauen und neue zu knüpfen. Bestehendes Material zu Werbezwecken sollte kontinuierlich überarbeitet werden. 5. Ein deutschlandweiter Bekanntheitsgrad ist anzustreben. Dazu ist jede Möglichkeit in Presse, Fernsehen, Radio, Film usw. zu nutzen. 6. Die Mütterpflegeschule ist eine wesentliche Grundlage für die Ausbildung der Mütterpflegerinnen, sie ist ständig weiter auszubauen. 7. Es sollte versucht werden, diese private Schule in einem längeren Zeitraum staatlich zu fördern, so dass sie in der Zukunft eine staatliche Einrichtung werden könnte. 8. In der Ausbildung sollte auch der ‚kompetente Säugling’, wie er durch die Forschung erkannt wird, berücksichtigt werden. 9. In die Ausbildung sind Fächer aufzunehmen, die die Mütterpflegerinnen auf eine selbstständige Unternehmensführung vorbereiten sollen. 10. Die Freiberufliche Tätigkeit der Mütterpflegerinnen muss unterstützt werden, wobei die Voraussetzungen für die Unternehmensgründungen zu schaffen sind. 11. Für jeden Einsatz der Mütterpflegerinnen ist auf der Grundlage des Erstgesprächs ein schriftlicher Vertrag abzuschließen. Dazu ist ein verbindliches Vertragskonzept zu erarbeiten. 12. Es ist zu unterscheiden zwischen Einsatz und Organisation des Einsatzes. Für die Organisation des Einsatzes, z.B. erste Kontaktaufnahmen, Vermittlungen, Werbung, Zusammenarbeit mit Kooperationsstellen, Öffentlichkeitsarbeit usw. gilt es speziell ausgebildete Personen einzustellen. 50 13. Das Qualitätsmanagement ist ein wichtiger Grundstein für die Arbeit der Mütterpflegerinnen. Durch vergleichende Auswertung der Fragebögen aus zwei Perspektiven je Einsatz ist diese Qualitätsarbeit weiter zu verbessern. 14. Für jede Mütterpflegerin ist Weiterbildung verpflichtend zu leisten, dazu gilt es Weiterbildungsschwerpunkte mit den Mütterpflegerinnen zu erarbeiten. 15. Die gute Zusammenarbeit zwischen Verein, Mütterpflegeschule und Entbindungshaus ist lobenswert, trotzdem ist eine klare Abgrenzung jeder Einrichtung anzustreben. b) Für die Politik: 1. Politiker sind von der hervorragenden Arbeit der Mütterpflegerinnen zu überzeugen mit dem Ziel, dass sie diese Arbeit im gesellschaftlichen Interesse unterstützen. 2. Der Beruf ‚Mütterpflegerin’ bedarf der bundesweiten staatlichen Anerkennung. 3. Es sind staatlich geführte Mütterpflegeschulen in der gesamten Bundesrepublik einzurichten. Grundlage dafür ist eine flächendeckende Bedarfsermittlung. 4. Die Abrechnung der Einsätze der Mütterpflegerinnen ist auf eine gesicherte breite Grundlage zu stellen, die mit staatlicher Unterstützung aufzubauen ist. 5. Die Rahmenbedingungen für eine Unternehmensführung in der freiberuflichen Tätigkeit der Mütterpflegerinnen sind von staatlicher Seite zu entwickeln. 6. Änderung der gesetzlichen Grundlagen, die diesen gewünschten Maßnahmen von der gesetzgeberischen Seite den bindenden Halt gibt. c) Für die Krankenkassen: 1. Sicherung der Unterstützung der Mütterpflegerinnenarbeit durch die Erkenntnis, dass Prävention immer kostengünstiger ist als Nachbehandlung. 2. Anerkennung des Berufsbildes der ‚Mütterpflegerin’. 3. Einbeziehung und Aufnahme der Arbeit der Mütterpflegerinnen in den Katalog der primären Prävention, der von den Kassen zu bezahlenden Tätigkeiten. 4. Es gilt die Arbeit der Mütterpflegerinnen bundesweit mit allen Mitteln bekannt zu machen. Dazu sind besonders die Krankenkassen geeignet. Diesen Einsatz bei den Eltern, den Hebammen, den Kassenärzten und Entbindungskliniken anzubieten. 51 Literatur Aktivitätsberichte des Vereins für Mütter- und Familienpflege e.V.: 1998, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006 Auswertungsberichte des Vereins für Mütter- und Familienpflege e.V.: 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006 Balzer, L. (2005): Wie werden Evaluationsprojekte erfolgreich?., Verlag empirische Pädagogik: Landau Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)(2005): Guck mal!. Bildungsprozesse des Kindes beobachten und dokumentieren., Verlag Bertelsmann Stiftung: Gütersloh BMFSFJ (2005): Siebter Familienbericht. Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine Lebenslaufsbezogene Familienpolitik. Berlin Bockemühl, A. (1994): Selbstfindung und Muttersein im Leben der Frau. Verlag Freies Geistesleben: Stuttgart, S.102 Bortz, J. & Döring, N. (1995): Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler., Springer Verlag: Berlin, 2. 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