VELUX Daylight and Architecture Ausgabe 11

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DAYLIGHT &
ARCHITECTURE
FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 GENIUS LOCI 10 EURO
ARCHITEKTURMAGAZIN
VON VELUX
DAYLIGHT & ARCHITECTURE ARCHITEKTURMAGAZIN VON VELUX
VELUX
EDITORIAL
FOTOGRAFIE VON JOSEF HOFLEHNER.
DAS TAGESLICHT UND
DIE SPEZIFIK
DES ORTES
Nach altem römischen Glauben besitzt jedes Lebewesen – ob Mensch oder Tier –
einen „Genius“ oder Schutzgeist, der es am Leben hält. Der „Genius loci“ ist der Geist
eines Ortes, die Summe seines sichtbaren und unsichtbaren Wesens. Schon im Altertum ließen sich Architekten in ihrem Streben nach Harmonie vom Geist eines
Ortes inspirieren, und bis heute ist der Genius loci für die Architektur von großer
Bedeutung: Er bestimmt die Form eines Gebäudes, die Auswahl des Materials, dessen Verträglichkeit mit den natürlichen Gegebenheiten und klimatischen Bedingungen sowie den Umgang mit Tageslicht und Belüftung.
Wie aber beeinflusst die natürliche Lichtsituation an einem bestimmten Ort
das Leben der dort ansässigen Menschen, und wie wirken sich diese lokalen Tageslichtverhältnisse auf die jeweilige Architektur aus? Gehört doch das Tageslicht zu den ureigenen Merkmalen, die einen Ort charakterisieren. Landschaften
lassen sich einebnen und Grünflächen zubetonieren, Baumaterialien sind heute
nahezu grenzenlos verfügbar, und historische Ereignisse geraten in Vergessenheit. Doch das Tageslicht lässt sich weder exportieren noch standardisieren; die
skandinavische Mittsommernacht oder die Mittagssonne in den Anden, die alle
Schatten verschwinden lässt, bleiben stets an ihren Ort gebunden.
Wir baten fünf Architekten, die an Universitäten lehren und beim International
VELUX Award 2008 als Tutoren für teilnehmende Studenten fungierten, sich für
uns auf die Suche nach dem charakteristischen Tageslicht ihrer Umgebung zu begeben – in Hangzhou, Eskisehir, Lissabon, Oslo und Charleston. Sie analysierten die
spezifischen Eigenschaften des Tageslichts, die an dem jeweiligen Ort zu beobachten sind, und gingen der Frage nach, wie traditionelle Baumeister und moderne Architekten das vorhandene natürliche Licht für ihre Bauten nutzten.
Aus den Blickwinkeln des Architekturtheoretikers und des Physikers betrachten Gerhard Auer und Nick Baker unser Thema in ihren Beiträgen. Im Mittelpunkt
von Gerhard Auers Überlegungen steht jener Ort, der jedem Menschen wohl am
vertrautesten ist – die eigene Wohnung. Nick Baker dagegen beginnt seine Argumentation zunächst ganz ohne Gebäude: Unsere Gene sind die eines Lebewesens
aus der freien Natur, und daher sollten uns Gebäude auch so wenig wie möglich
von dieser trennen. Beide Autoren weisen darauf hin, wie wichtig Ausblicke ins
Freie für das Wohlbefinden des Menschen sind. Dies wiederum unterstreicht, dass
Architektur bei allen Diskussionen über Klimadaten und Energieverbräuche doch
nach wie vor zuallererst der sinnlichen Wahrnehmung eines Ortes und der direkten Interaktion zwischen Mensch und Umwelt dienen sollte.
Mit dem Sanatorium Zonnestraal und der Van-Nelle-Fabrik begegnen uns
zwei interessante Beispiele für die Wechselbeziehung zwischen Architektur, Lokalität, Tageslicht und Innenklima – großzügig geschnittene und schöne Räume
vermitteln hier gerade durch den Einfluss des Tageslichts den Bewohnern die Einzigartigkeit des Ortes. Ein Interview mit dem Architekten Wessel de Jonge, der
die beiden Gebäude restaurierte, komplettiert diese Ausgabe.
Die Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam wird im Mai 2009 Schauplatz des
3. VELUX Daylight Symposiums sein, an dem u. a. Nick Baker und Wessel de Jonge
mit Vorträgen teilnehmen werden.
Viel Vergnügen bei der Lektüre!
1
JETZT
FRÜHLING 2009
AUSGABE 11
INHALT
VELUX Editorial
Inhalt
Jetzt
Mensch und Architektur
Licht und Orte
14 Tageslicht
Lichter der Welt
38 Licht
42 Reflektionen
Genius Lucis
50 Tageslicht im Detail
Innenlicht und Außenwelt
56 VELUX Einblicke
Diskreter Nachbar
64 VELUX im Dialog
„Dieses Gebäude stimmt mich optimistisch”
72 VELUX Panorama
78 Bücher
Rezensionen
80 Vorschau
1
2
4
8
Neue Projekte rund um das Thema Tageslicht:
I. M. Pei hat einen kristallinen Baukörper unter der
Wüstensonne Abu Dhabis errichtet, Jean Nouvel
eine „Grotte in Weiß“ in den Docklands von Le Havre
gebaut. Die neue Festungsmauer von Granada
gleicht einem Lichtfilter, während die ‚GreenPix’Medienfassade in Peking mithilfe der Energie des
Tageslichts Videokunst ins Straßenbild bringt.
VELUX EINBLICKE
DISKRETER NACHBAR
Groß, düster und fensterlos wirkt das Wohnhaus
von Alan Jones in Randalstown von der Straße aus.
Seine schwarze Faserzementhülle erinnert an die
traditionellen Schieferfassaden Nordirlands, seine
Größe und Form an die Kirchen und Versammlungshäuser der Nachbarschaft. Das Gebäudeinnere jedoch überrascht durch Offenheit, Ausblicke und ein
Entwurfskonzept, das Raum für Tageslicht lässt.
8
Licht ist … anders. Immer wieder. Jeder Ort, jede
Tages- und Jahreszeit bringt eine eigene Lichtstimmung hervor – das ist wohl die wichtigste Lehre,
die Architekten aus Jahrtausenden der Beschäftigung mit Tageslicht gezogen haben. Wie sie dabei
vorgingen und welche Antworten sie auf die feinen Lichtunterschiede fanden, beschreibt Marietta
Millet in ihrem Beitrag.
2
56
FOTOGRAFIE VON JOSEF HOFLEHNER. NIAGARA FALLS, STUDY 4 – ONTARIO, CANADA
MENSCH
UND ARCHITEKTUR
LICHT UND ORTE
4
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
REFLEKTIONEN
GENIUS LUCIS
42
Niemand kennt die Bauten der niederländischen
Moderne besser als Wessel de Jonge. Der niederländische Architekt hat in den vergangenen Jahren unter anderem Bauten von Jan Duiker, Gerrit
Rietveld und Brinkman & Van der Vlugt restauriert. In Daylight&Architecture berichtet er über
Tageslicht und Komfort in der klassisch-modernen
Architektur und über die Herausforderung, zeitgemäße Nutzungen für die Gebäude der 20er-Jahre
zu finden.
VELUX PANORAMA
FENSTER ZUM GARTEN
72
Die Architekten frundgallina haben sich eines Bürgerhauses in der Schweizer Kleinstadt Le Landeron
angenommen. Sie schufen eine lichte, offene Wohnlandschaft in Weiß und dunklem Holz, deren Geometrie sich von den Außenmauern des Hauses löst.
Da diese überdies nur wenige Öffnungen besaßen,
lenken nun zwei Reihen Dachwohnfenster das Tageslicht tief in das Dachgeschoss.
FOTOGRAFIE VON BEATRICE MINDA, MASSY-PALAISEAU, 2005
Mit welchem Licht wollen wir wohnen? „Das
kommt darauf an“, möchte man antworten. Doch
jenseits aller individuellen und kulturellen Unterschiede gibt es weltweite, zeitlose Konstanten bei der Gestaltung von Wohn-Licht. Gerhard
Auer hat sich auf die Suche nach ihnen gemacht.
64
VELUX IM DIALOG
„DIESES GEBÄUDE STIMMT
MICH OPTIMISTISCH”
TAGESLICHT
LICHTER DER WELT
14
Wir baten fünf Architekten, die an Hochschulen und
Universitäten lehren und beim International VELUX
Award 2008 als Tutoren für teilnehmende Studenten fungierten, sich für uns auf die Suche nach dem
charakteristischen Tageslicht ihrer Umgebung zu
begeben – in Hangzhou, Eskisehir, Lissabon, Oslo
und Charleston. Sie analysierten die spezifischen
Eigenschaften des Tageslichts, die an dem jeweiligen Ort zu beobachten sind, und gingen der Frage
nach, wie traditionelle Baumeister und moderne
Architekten das vorhandene natürliche Licht für
ihre Bauten nutzten.
3
FOTO: COURTESY OF THE MUSEUM OF ISLAMIC ART
JETZT
Was die Architektur bewegt: Projekte,
Veranstaltungen und ausgewählte Neuentwicklungen aus der Welt des Tageslichts.
„Architektonischer Edelstein“
in I. M. Peis Neubau Museum
für Islamische Kunst in Doha.
Tageslicht tritt durch einen
kleinen Okulus von oben in das
Gebäude ein und wird von einer
facettierten Kuppel aus Edelstahl reflektiert.
Die Kunst der Edelsteinschleiferei besteht darin, einen Rohling durch Bearbeitung seiner Oberflächen in ein
funkelndes Kunstwerk zu verwandeln. Je komplexer die dabei verwendete Geometrie, je zahlreicher die
Facetten des Steins, desto eindrucksvoller das Endergebnis. Auch I. M.
Peis Neubau des Museums für Islamische Kunst in Doha ist ein solcher, architektonischer Edelstein, obwohl er
mit undurchsichtigem französischem
Kalkstein verkleidet ist. Seine scharfkantige, regelmäßige und komplexe
Form ist wie geschaffen dazu, in der
gleißenden arabischen Wüstensonne
Geometrien aus Licht und Schatten
zu erzeugen. Im Inneren des fast 50
Meter hohen Atriums setzt sich das
Spiel fort: Tageslicht tritt durch einen
vergleichsweise kleinen Okulus oben
im Gebäude ein und wird von einer facettierten Kuppel aus Edelstahl reflektiert. Das Museum ist in vielerlei
Hinsicht ein ‚typischer’ Pei – monumental, monolithisch und bis auf eine
fast gebäudehohe Öffnung auf der
Nordseite fensterlos. Dennoch mühte
sich der 1917 geborene Architekturveteran, sein Formenvokabular an
die Traditionen der islamischen Welt
anzupassen: „Es schien mir, dass ich
die Essenz der islamischen Architek-
6
FOTO: CLEMENT GUILLAUME
FOTOO: COURTESY OF THE MUSEUM OF ISLAMIC ART
EDELSTEIN IN DER
WÜSTENSONNE
GROTTE IN WEISS
tur finden müsste. Die Schwierigkeit
dabei war, dass die islamische Kultur
so vielgestaltig ist.“ Wichtige Inspirationsquellen waren für ihn die Festungsbauten Nordafrikas und ein Brunnen
im Innenhof der Ibn-Tulun-Moschee
in Kairo. Wie bei dem Brunnen sollte
auch in I. M. Peis Museum die pure,
ornamentlose Form für sich stehen.
Während der Außenbau diesen Anspruch einlöst, wurde das Atrium mit
seinen Beton-Kassettendecken und
vielfarbigen Steinfußböden deutlich
stärker an den Geschmack der Auftraggeber angepasst. Das Gebäude
steht auf einer eigens aufgeschütteten Insel 60 Meter vor der Küste am
Südende der Bucht von Doha. Lediglich eine 45 Meter hohe Curtain-Wall
aus Glas an der Nordseite des Atriums stellt die visuelle Verbindung
zwischen dem Museumsinneren und
der Skyline Dohas her. In die auf fünf
Geschossen rings um das Atrium verteilten Ausstellungsräume dringt dagegen kein Lichtstrahl vor: Sie wurden
nach Entwürfen des französischen Architekten Jean-Michel Wilmotte mit
Porphyr, brasilianischem Edelholz und
Edelstahlgewebe ausgekleidet und
werden genau mit der Menge elektrischen Lichts beleuchtet, die den
Kunstwerken zuträglich ist.
Le Havre, die zweitgrößte Hafenstadt Frankreichs, wächst wie viele
Seehäfen stetig dem Meer entgegen:
Draußen an der Seine-Mündung entstehen gegenwärtig neue Kaianlagen
für Supertanker und Containerschiffe.
Die weiter stadteinwärts gelegenen
Docks dagegen stehen großenteils
leer und warten auf neue Nutzungen.
Wie zum Beispiel die ‚Bains des Docks‘
von Jean Nouvel: Äußerlich fügt sich
der massige Block aus schwarzglänzend lasierten Betonfertigteilen mit
seinen maßstabslosen Aluminiumfenstern ebenso nahtlos ins Hafengebiet ein, wie er später in ein hier noch
zu schaffendes Büro- oder Gewerbegebiet passen würde. Innen jedoch
weicht die Geschlossenheit einer faszinierenden und bisweilen irritierenden Vielfalt der Räume und Korridore,
Becken, Sitz- und Liegeflächen. Das
einzig ordnende Element ist – neben
der kubischen Gesamtform des Bauwerks – das große 50-Meter-Becken,
das zwar im Inneren des Gebäudes,
aber unter freiem Himmel liegt. Die
weiß gestrichenen Fassaden ringsum
deuten mit ihren Nischen und unregelmäßig verteilten Fenstern bereits
an, welche Idee Nouvel bei seinem
Entwurf leitete: die einer kleinteilig
gegliederten Großskulptur, in deren
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
Ecken und Winkeln der Besucher auch
ausreichend Rückzugsräume findet.
Während viele seiner Kollegen den
rechten Winkel und die nackte weiße
Wand derzeit am liebsten abschaffen möchten, rehabilitiert der französische Pritzker-Preisträger beide
mit Nachdruck. Eines seiner Vorbilder war Eduardo Chillidas Skulpturenzyklus ‚Elogio de la luz‘. Wie der
baskische Bildhauer lässt Nouvel das
Tageslicht durch tiefe Einschnitte in
der Gebäudehülle in die Innenräume
fallen. Dort wird es von weißen Mosaikfliesen, mit denen Böden, Becken
und Sitzgelegenheiten verkleidet
sind, reflektiert und in alle Richtungen gestreut. Neben dem Sportbecken umfassen die ‚Bains des Docks‘
ein Spaßbecken mit Innen- und Außenbereich, zwei Kinderbecken und
einen Bereich für die Balneotherapie. Die Gestaltung der ineinander
geschachtelten Beckenlandschaft
orientiert sich nicht zuletzt an natürlichen Vorbildern wie den Sinterterrassen von Pamukkale in der Türkei.
Wie dort bilden auch in Jean Nouvels
Bad das strahlende Weiß der Raumoberflächen und das Türkis des Wassers die zurückhaltende Farbpalette,
vor der sich das bunte Treiben der Badenden abspielt.
Noch immer genießen Medienfassaden unter Architekten keinen besonders guten Ruf. Denn sie gelten als
unarchitektonischer Eingriff in das ureigene Metier der Architektur; Motto:
„Wir unterbrechen das Stadtbild für
eine Werbepause.“ Außerdem verbrauchen sie eine nicht unbeträchtliche Menge Elektrizität und tragen zur
viel beklagten Lichtverschmutzung
am Nachthimmel bei. Bei GreenPix,
die 2200 Quadratmeter große Medienfassade des Xicui Entertainment
Complex in Peking, liegen die Dinge
etwas anders. Zwar schmückt auch
dieses Kunstwerk einen an sich unscheinbaren Gebäudekomplex nahe
des olympischen Basketball- und des
Baseballstadions, doch das Bildprogramm, das darauf abgespielt wird,
umfasst vor allem Videoinstallationen junger Künstler. Koordiniert wird
es von einem vielköpfigen Team um
die Kuratorin und Produzentin Luisa
Gui. Noch wesentlicher ist bei diesem Projekt jedoch der energetische Aspekt: Die gesamte Fassade
operiert unabhängig vom Stromnetz. Sie wird durch in das Glas einlaminierte Solarzellen gespeist, deren
Elektrizität tagsüber in Batterien
zwischengespeichert und nachts
zur Versorgung der 2292 farbverän-
FOTO: VICENTE DEL AMO
FOTO: SIMONE GIOSTRA/ARUP/ROGU
KULTURFERNSEHEN
MIT SOLARENERGIE
PORÖSE FESTUNGSMAUER
derlichen LED-Lichtpunkte verwendet wird. Die Photovoltaikelemente
sind nicht gleichmäßig über die Fassade verteilt, sondern in einem unregelmäßigen Muster angeordnet, das
ein wenig an einen Wolkenhimmel
erinnert. „Mit der Medienfassade
erhält die Stadt Peking ihren ersten
Ausstellungsort für digitale Medienkunst und zugleich das bisher radikalste Beispiel für gebäudeintegrierte
Photovoltaik“, sagt der New Yorker
Architekt Simone Giostra, der die
Fassade gemeinsam mit den Ingenieuren von Arup konzipiert hat. Der gebürtige Italiener sammelte während
12 Jahren als Projektarchitekt in den
Büros von Richard Meier, Steven Holl,
Raimund Abraham und Rafael Viñoly
Erfahrungen in der Konstruktion von
Glasfassaden, bevor er sich auf die
Integration neuer Medien in die Architektur spezialisierte. Um der Medienfassade, die rund zwei Meter vor
der eigentlichen Außenwand des Gebäudes installiert wurde, auch bei Tag
Struktur und Tiefe zu verleihen, sind
einige der quadratischen, punktgehaltenen Glasscheiben um bis zu fünf
Grad aus der Fassadenebene geneigt,
was auf den ersten Blick den Anschein
erweckt, als handele es sich um zahlreiche leicht geöffnete Fenster.
Mit der Alhambra und dem Generalife
zählt Granada zwei der wichtigsten
maurischen Bauwerke in Spanien zu
seinen Sehenswürdigkeiten. Die Wurzeln der Stadt liegen indessen woanders: Schon die Iberer und Römer
errichteten auf dem der Alhambra
gegenüberliegenden Cerro de San
Miguel eine Festung. Heute ist dieser
Ort in Anlehnung an seinen späteren
maurischen Namen als ‚Alto Albaicín‘
bekannt. Unter der Herrschaft der
Nasriden wurde das Viertel ab Mitte
des 14. Jahrhunderts mit einer Mauer
umgeben. Heute trennt diese das
einstige Maurenviertel von den innenstadtnahen Vororten Granadas.
Doch das nähere Umfeld war lange
Zeit alles andere als einladend: Schon
im 19. Jahrhundert wurde die Mauer
teilweise durch ein Erdbeben zerstört; auf den Grundstücken ringsum
sammelte sich der Schutt der Jahrhunderte an. Der Wiederaufbau der
Mauer durch Antonio Jimenez Torrecillas ist Teil einer groß angelegten
Instandsetzung des gesamten Gebiets. 112 Tonnen Granit ließen die
Architekten aufschichten, bis ihre
Konstruktion in Breite und Höhe der
alten Mauer entsprach. Aus der Ferne
wirkt sie nun tatsächlich wie deren
Fortsetzung; im Detail wird jedoch
ihre Eigenständigkeit sichtbar: Sie
steht nicht unmittelbar in der Flucht
der Nasridenmauer, sondern daneben
auf einem eigenen Fundament und
kann daher (theoretisch) wieder abgerissen werden, ohne das Baudenkmal
zu beschädigen. Ihre äußerst flachen
Steinschichten werden von lediglich einen Millimeter breiten Mörtelfugen zusammengehalten, was dem
Ganzen das Aussehen eines Trockenmauerwerks verleiht. Außerdem ist
die Mauer innen hohl: Zwischen den
beiden Mauerschalen verläuft ein
gedeckter Gang, in dem im Sommer
eine angenehme Kühle herrscht. Spürund sichtbar ist die Außenwelt dennoch auch von hier: Die Granitplatten
sind ‚auf Abstand‘ vermauert, sodass
die Zwischenräume ein lebhaftes
Licht- und Schattenspiel im Innenraum entstehen lassen. Im Gegenzug erhaschen die Passanten durch
die Mauerzwischenräume immer
wieder kleine, punktuelle Ausblicke
auf die Stadt. Die Architekten selbst
sagen über ihre Intervention: „Wir
wollen unserer Mauer den Eindruck
von zusammengetragenem, aufgeschichtetem Material verleihen und
so den dauerhaften, historischen Charakter des alten Baudenkmals noch
stärker betonen.“
7
MENSCH
UND ARCHITEKTUR
Der Mensch als Mittelpunkt der Architektur:
Innenansichten einer wechselvollen Beziehung.
LICHT UND ORTE
Von Marietta Millet
Fotografie von Josef Hoflehner
Wohl nur das Medium Tageslicht kann uns sowohl
Raum- als auch Zeitgefühl vermitteln. Seit Generationen
versuchen Maler und Fotografen, das besondere Licht
unterschiedlicher Orte einzufangen. Auch Architekten
tun dies mit guten Gründen: Die Anpassung eines Gebäudes an spezifische Lichtverhältnisse bereichert nicht nur
unsere Sinne, sondern kann auch zu beträchtlicher
Energieeinsparung führen.
Links: Geheimnisvolles Licht, das
den Ort umschmeichelt und seinen
Geist zum Vorschein bringt. „Water
Walk“, Japan.
Wir alle kennen Licht und Dunkelheit. Die Erfahrung eines Die tiefen Wintersonnenstände in Finnland sind nicht nur ursächRaums und die räumliche Wahrnehmung beruhen auf den Phä- lich für die wenigen Stunden Tageslicht, sondern erzeugen auch
nomenen Licht und Schatten, ihren Rhythmen und Mustern. ein eigentümlich gelbes Licht als Vorbote des nahenden SonnenEs ist nur schwer vorstellbar, ohne Blick auf den Himmel aufzu- untergangs. Die niedrige Sonne verursacht lange Schatten von
wachsen, ob er nun sonnig, dunstig oder schneeverhangen ist – Menschen und Gebäuden. Im Sommer dagegen wird es fast nie
oder alles zugleich. Das Tageslicht spielt eine entscheidende Rolle dunkel, und dieser starke Kontrast zwischen Sommer und Winfür den Charakter eines Ortes: Schon dessen bloße Nennung – ter prägt das Leben der Menschen. Die wertvollen Lichtstunden
die Sahara, Miami Beach, der Schwarzwald oder die Schweizer im Sommer führen zur Verkürzung der Arbeitszeiten, die MittAlpen – ruft im Geiste die Vorstellung bestimmter Lichtverhält- sommernachtsfeiern sind legendär.
nisse hervor. Heute vermittelt uns die Bilderflut aus dem Internet
In den Tropen hingegen, wo die Sonne fast senkrecht steht,
einen Eindruck von fast jedem Ort der Erde. Doch bloße Bilder ist in der Monotonie der Tage hochgeschätzter Schatten nur selenthüllen nicht das vollständige Spektrum des Tageslichts an ten zu finden. Die hohe Luftfeuchtigkeit erzeugt einen diffusen
einem Ort, ein Spektrum, zu dem die Rhythmen von Licht und Lichtdunst und verschleiert den eigentlich blauen Himmel. In
Dunkelheit ebenso gehören wie die physikalischen Eigenschaf- den letzten Jahrzehnten haben wir diese natürlichen Gegebenten und Merkmale der Objekte, auf die das Licht fällt. Ein Bild heiten durch künstliche Schadstoffe so verstärkt, dass über vieallein kann nie all die Veränderungen einfangen, die das Licht len Großstädten eine Smogglocke hängt. Der Smog verändert
an einem bestimmten Ort einzigartig machen und die zum Bei- Farbe und Natur des Tageslichts, trübt den Fernblick und verspiel Monet in seinen Gemäldeserien ‚Heuschober‘ oder ‚Wasser- ringert den Tageslichteinfall in den Gebäuden.
lilien in Giverny‘ festgehalten hat. Der einzigartige Geist eines
,Tageslichtkulturen’ und Tageslichtarchitektur
Ortes lässt sich nur aus erster Hand erfahren.
Licht kann eine visuelle Botschaft übermitteln und die unanZeit, Ort und Licht:
genehmen Seiten des Klimas abschwächen. In vielen nördliEin Verhältnis in konstantem Wandel
chen Gegenden werden Schmuckformen in der Architektur
Auch wenn wir in Schweden und in Südfrankreich (sowie an vie- gerne mit Goldfarbe gestrichen, als Kontrast zu der ansonsten
len anderen Orten dieser Welt) denselben klaren blauen Himmel trüben Szenerie dunkler Himmel und Oberflächen. In warsehen, nehmen wir ihn zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten men und trockenen Klimaten hingegen ist das von senkrechwahr. An jedem Ort zeigt sich eine besondere Abfolge der Him- ten Flachflächen reflektierte Sonnenlicht oftmals zu intensiv
melsverhältnisse im Laufe eines Tages oder einer Jahreszeit. Neben und wird als störend empfunden. Strukturierte Ornamente
solchen regionalen Mustern existieren spezifische Merkmale an erzeugen hier ein Muster aus Licht und Schatten, sie erfreuen
bestimmten Orten einer Region. An jedem beliebigen Sonnen- das Auge und reduzieren die Blendwirkung.
tag erleben Talbewohner weniger Sonnenstunden als BergbewohDie Lichtsensitivität eines Ortes beeinflusst uns sowohl im
ner. Und neben den physikalischen Formen – Berge oder Täler, psychologischen als auch physiologischen Sinne. AusgangsWälder oder Felder – trägt die Qualität des Tageslichts entschei- punkt jeder Landschafts- oder Gebäudeplanung ist normalerweise die harmonische Einfügung des Entwurfs in seine
dend zum Charakter eines bestimmten Ortes bei.
Einige Orte sind bekannt für schnelle und dramatische Wet- Umgebung. Komfort und Behaglichkeit für die zukünftigen
terwechsel und den raschen Wandel von Qualität und Quanti- Bewohner unterliegen unserer eigenen Wahrnehmung des
tät des Tageslichts: „Wenn Ihnen das Wetter nicht gefällt, warten Ortes mit seiner Kultur und Sinnlichkeit.
Unsere Reaktion auf den Genius loci impliziert eine ReakSie eine Minute!“ Andere Orte zeichnen sich durch sehr subtile
Änderungen von Temperatur und Licht aus, das die Farbe von tion auf die Kultur, die rund um Klima und Licht entstand.
Laubblättern und Himmel sacht verändert und die Entdeckung Diese Reaktionen auf das Licht wurden von zahlreichen Schriftstellern geschildert. In seinem Essay Lob des Schattens aus dem
der Langsamkeit erahnen lässt.
9
Jahr 1934 beschreibt Junichiro Tanizaki die traditionelle japanische Reaktion auf Licht:
auf die Menschen im Gebäude. Der Wolkenhimmel wird
lebendig und belebt die Erfahrung des Ortes innen und außen.
„Und so hängt die Schönheit eines japanischen
Zimmers zwangsläufig von variierenden Schatten ab,
schwere Schatten gegen leichte Schatten – etwas anderes gibt es nicht. Die Menschen aus dem Westen sind
verblüfft von der Schlichtheit japanischer Zimmer, die
für sie aus aschfahlen und schmucklosen Wänden bestehen. Ihre Reaktion ist nachvollziehbar, zeugt aber von
mangelndem Verständnis für das Mysterium der Schatten. Draußen vor dem Wohnraum, in den die Sonnenstrahlen allenfalls spärlich einfallen, vergrößern wir die
Traufen oder bauen eine Veranda und distanzieren uns
so noch weiter von der Sonne. Das Licht aus dem Garten stiehlt sich trübe durch papierverkleidete Türen ins
Innere, und genau dieses indirekte Licht macht für uns
den Charme eines Zimmers aus.“
Licht und Wärme: Das Fenster als Schnittstelle
Tageslicht spielt auch eine praktische Rolle für das thermische
Verhalten von Gebäuden. Sonnenlicht, aber auch das Licht
eines wolkenverhangenen Himmels, transportiert Wärme, und
Glas, welches das Licht hindurchlässt, lässt auch Wärme herein oder hinaus.
Jedes Fenster birgt daher ein Problem, das Le Corbusier in
einer kurzen Schrift mit dem Titel ‚Die Probleme des Sonnenscheins‘ zusammengefasst hat: „Die Geschichte des Fensters ist
auch diejenige der Architektur, … zumindest eines der prägnantesten Aspekte der Architekturgeschichte.” 
Heute weicht das Fenster immer mehr der gläsernen Vorhangfassade. Bei Vollverglasung wird das gesamte Gebäude zum
Fenster. Und auch wenn neue Materialien und Fortschritte in der
Gebäudetechnik vollverglaste Gebäude auch in rauen Klimaten
möglich gemacht haben, reagieren die besten Gebäude doch stets
einfühlsam auf ihren Standort und dessen Lichtverhältnisse. Oft
wird innerhalb eines Gebäudes in jedem Raum eine andere Lichtqualität benötigt, bei der sich visueller Komfort und thermische
Aspekte die Waage halten müssen.
Licht zu entwerfen, bedeutet daher, ein Gleichgewicht herzustellen. Dieser heikle Prozess erfordert verschiedene Arten von
Beschattung, spezielle Materialien, bestimmte Verglasungen –
oder alles zugleich. Zudem muss alles mit dem Gebäudeentwurf
harmonieren – oder, besser noch, sich aus diesem ergeben. Ist das
Tageslicht im Gebäudeentwurf kein entscheidender Faktor, wird
es auch niemals für die Erfahrung eines Gebäudes von Belang
oder Bedeutung sein.
Tanizaki verdeutlicht, dass Entwurf und Konstruktion eines
Hauses sowie die verwendeten Materialien diese spezielle
Lichtqualität schaffen. Bedingt durch das Klima müssen die
papierverkleideten Türen durch breite Veranden vor heftigem Monsunregen geschützt werden. Spezielle Reaktionen
und Rituale wärmen die Bewohner im Winter, zum Beispiel
die wärmespendende Feuergrube und das gemeinsame heiße
Bad.
Der kanadische Architekt Arthur Erickson hat die Qualität
des Lichts im pazifischen Nordwesten und dessen Auswirkungen auf seine Entwürfe eloquent beschrieben. „Die Westküste
ist ein besonders schwieriges Gebiet mit ihrem wässrigen Licht
und dessen sanfter und subtiler Stimmung.“  Er bezeichnet
dies als Nordlicht, das „fern und über den Wolken versteckt
ist“.  In seinen Entwürfen, so stellt er fest, bemühe er sich stets
um „Transparenz im Haus oder Dachfenster, die die Wände in
ein sanftes, beschauliches Licht tauchen, oder Wasserreflexionen,
um die Helligkeit des Himmels auf die dunklen Erdoberflächen
zu transportieren”.  Wasserreflexionen legen uns den Himmel
zu Füßen. Im British-Columbia-Regierungskomplex (1973–
1979) in Vancouver sind Wasserbecken in das Gebäude integriert.
Das Wasser reflektiert das Sonnenlicht und seine Leuchtkraft
12
Eine Entwurfsfrage, keine Technikfrage
Technologie ist hier nicht mit Stil zu verwechseln. Auch Gebäude,
die mit Hilfe moderner Konstruktionstechniken und Materialien errichtet wurden, lassen sich gut an die Umgebung und
ihren Genius loci anpassen, wie das ‚Paul Klee Zentrum’ (Renzo
Piano Workshop, 2005) in Bern in der Schweiz. Piano thematisierte dies bereits in seinem ersten Bewerbungsschreiben um
den Auftrag: „… Ich spüre, dass der Geist dieses Ortes, dieser
Landschaft im sanften Gefälle des Hügels liegt … Eine Archi-
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
Vorherige Seite Mystische
Szenerie, die Weite und Einsamkeit suggeriert: „Biwako Sticks“,
Japan.
Links Licht, das die Magie des
Ortes einfängt. „Li River Study
4“, aufgenommen in China von
Josef Hoflehner.
tektur des Bodens bildet die Grundlage, auf der wir eine Architektur aus Stein und klarem Licht bauen können.“ 
Die Dreiteilung des Gebäudes nimmt die Form der umliegenden Hügel harmonisch auf und passt sich gleichzeitig der
vielbefahrenen Schnellstraße auf der Vorderseite an. Das gleichmäßig ins Gebäude strömende Tageslicht wird dort abhängig
von der Empfindlichkeit der einzelnen Kunstwerke reguliert
und gedämpft.  Das Licht dient nicht nur dem Sehen, sondern soll auch Stimmungen erzeugen: Geschäftigkeit in den
öffentlichen Bereichen, Ruhe hingegen im „Museum des Zwielichts“, in dem die Besucher in eine Welt fern des Alltags versetzt werden.
Ein gänzlich anderes Konzept verfolgte Piano bei der Erweiterung der Morgan Library in New York City (2006) – eine
interne Piazza inmitten der Stadt. Die schlichten Glasfassaden
sorgen für Transparenz und fügen die komplexe Anlage der
Bibliothek zu einem Großen, Ganzen. Die eindringenden Sonnenstrahlen, wenngleich abgeschwächt durch die umliegenden
Einzelbauten, erwecken den Innenhof zum Leben und schaffen eine Verbindung zwischen innen und außen.
In Australien hat Glenn Murcutt Wohnhäuser entworfen,
die ein tiefes Verständnis für die konkreten Gegebenheiten des
Ortes ebenso widerspiegeln wie für dessen geistige Atmosphäre.
Ein geneigtes Dach, das seinen Schatten auf eine horizontale
Plattform wirft, ist bei Murcutt Grundelement des Hausbaus.
Dazwischen werden leichte Trennwände eingefügt, die die
Innenräume voneinander und vom Außenraum abgrenzen.
Einige seiner isoliert stehenden Häuser sind vollständig selbstversorgend. Da sie zudem vor Buschfeuern geschützt werden
müssen, verhindert ihre Dachform die Ansammlung leicht entzündlichen Laubs. Auf diese Weise reagieren die Häuser nicht
nur auf die lebenserhaltenden, sondern auch die bedrohlichen
Aspekte des Genius loci.
Energie und Genius loci
Innovative Methoden wie die, die das Wesen eines Ortes sowohl
praktisch als auch empirisch aufgreifen, sind für die moderne
Architektur zukunftsweisend. Wir müssen aus weniger mehr
machen – dieses Prinzip stellt wohl niemand mehr in Frage.
Auch in Zukunft brauchen wir Licht, um zu sehen, doch das
Tageslicht ermöglicht uns, auch ohne künstliche Lichtquelle zu
arbeiten oder zu spielen. Richard Taylor schrieb 2007: „Laut
unserer Schätzung verbrauchen wir auf der Erde derzeit nahezu
40  mehr an elektrischer Energie für Beleuchtung, als nötig
wäre, wenn wir Tageslichtnutzung und präsenzabhängige Lichtsteuerung durchgängig und nicht nur bei Prestigeobjekten ausschöpfen würden.“  Hinzu kommt, dass uns das Tageslicht nicht
nur erlaubt, zu lesen, Kunstgegenstände zu betrachten oder
Maschinen zusammenzusetzen; vielmehr lässt uns die Sonne
viele Erlebnisse angenehmer erfahren.
Die Energiekosten eines Gebäudes lassen sich aber nur dann
durch Nutzung des Tageslichts reduzieren, wenn die Bauweise
des Hauses dem Klima und den örtlichen Gegebenheiten entspricht. Daher wird es immer wichtiger, dass der gesamte Gebäudeentwurf – angefangen von Standortmerkmalen bis hin zu
Konstruktionsdetails und durchdachter Beschattung – perfekt auf die Umgebung und die herrschenden Lichtverhältnisse abgestimmt ist.
Denn schließlich dient das Tageslicht nicht nur dem
Sehen.
„… Architektur liefert nicht nur den physischen
Rahmen für menschliche Tätigkeiten, sondern weist
den Menschen ihren Platz in Natur und Gesellschaft
zu.“ 9
Marietta Millet ist emeritierte Professorin an der Fakultät für Architektur der
Washington University, wo sie insbesondere in den Bereichen Licht und Farbe,
Tageslicht/Kunstlicht und Klimadesign lehrte. Sie war Teilhaberin des Büros
Loveland/Millet Lighting Consultants und ist Autorin des Buchs „Light Revealing Architecture“, publiziert 1996 von Van Nostrand Reinhold.
Fußnoten
1. Tanizaki, Junichiro. 1977. In Praise of
Shadows. (New Haven, Conn.: Leete’s
Island Books), S. 18.
2. Erickson, Arthur. 1975. The Architecture of Arthur Erickson. (Montreal,
Quebec: Tundra Books), S. 33.
3. ebd.
4. ebd.
5. Boesiger, Willy (Hrsg.) 1946. Le Corbusier: Oeuvre Complète, 1938-1946.
(Zürich: Les Editions d’Architecture),
S. 103. Übersetzung der Autorin.
6. www.paulkleezentrum.ch
7. Erster Entwurf des Museumsplans,
1999. www.paulkleezentrum.ch
8. Taylor, Richard. 2007, “The End of
an Era, or the Start of a New One?”
3lux:letters, 3-2007.
9. Harries, Karsten. 1984, “On Truth and
Lie in Architecture,” Via 7, The Building of Architecture. (Cambridge,
Mass.: The M.I.T. Press, S. 51)
13
TAGESLICHT
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Ein Geschenk der Natur: Tageslicht und wie
es in der Architektur genutzt wird.
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
Gebautes wird erst durch seinen konkreten Ortsbezug zu
Architektur, und Orte werden erst durch ihre Licht- und Klimaverhältnisse einzigartig. Architektur ist daher stets eine Antwort auf diese natürlichen Gegebenheiten. Gebäude an der
Küste sehen anders aus als jene im Landesinneren, Häuser in
den Flusstälern der Welt sind anders konstruiert als solche im
Hochgebirge, und die Bauten des Nordens unterscheiden sich
dramatisch von denen subtropischer Regionen.
Die folgenden 24 Seiten zeigen die Ergebnisse einer Entdeckungsreise an fünf Orte auf dem Globus. Wir baten fünf
Architekten, die an Hochschulen und Universitäten lehren und
beim International VELUX Award 2008 als Tutoren für teilnehmende Studenten fungierten, sich für uns auf die Suche nach
dem charakteristischen Tageslicht ihrer Umgebung zu begeben – in Hangzhou, Eskisehir, Lissabon, Oslo und Charleston.
Sie analysierten die spezifischen Eigenschaften des Tageslichts,
die an dem jeweiligen Ort zu beobachten sind, und gingen der
Frage nach, wie traditionelle Baumeister und moderne Architekten das vorhandene natürliche Licht für ihre Bauten nutz-
ten. Die Beiträge zeigen, dass es tageslichtsensible Architektur
zu allen Zeiten gegeben hat und bis heute gibt. Sie zeigen aber
auch, dass Tageslicht in der Architektur nie isoliert betrachtet
werden kann. Immer steht es in enger Wechselwirkung mit
dem Klima und der Topografie eines Orts, mit den Oberflächen
von Natur und Architektur, ja selbst mit der Lokalgeschichte
und den Alltagsgewohnheiten seiner Bewohner. Die Introvertiertheit chinesischer Wohnhäuser und die Offenheit der Bauten der amerikanischen Nachkriegsmoderne erzählen uns von
der Enge der Stadt und der Weite der Landschaft, von unterschiedlichen sozialen Strukturen, aber auch von unterschiedlichen Haltungen der Menschen gegenüber dem Tageslicht.
Auch die azulejo-Fassaden Lissabons entstanden ursprünglich als Reaktion auf das regenreiche Klima Portugals. Seither
jedoch haben sie Stadtbild und ‚Lichtatmosphäre’ der Stadt am
Tejo maßgeblich geprägt.
Doch genug der Vorrede. Welche Nuancen des Tageslichts
unsere Autoren auf ihren Reisen noch entdeckt haben, erfahren Sie auf den folgenden Seiten.
OSLO, NORWEGEN
LISSABON, PORTUGAL
MIDDLETON PLACE, USA
ESKISEHIR, TÜRKEI
HANGZHOU, CHINA
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OSLO, NORWEGEN
Betrachtungen über
das Licht in Oslo
VON ROLF GERSTLAUER
Licht ist, … und ist nicht gleich.
Ebenso wie der Umgang verschiedener Kulturen mit dem Licht
sich nicht verallgemeinern lässt, ist auch die Lichtqualität von
Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit verschieden. Um dem jahresund ortsspezifischen Licht wirklich auf die Spur zu kommen,
muss der Betrachter es deshalb für sich selbst entdecken.
Die hier gezeigte Entdeckungsreise durch Oslo vollzog sich
an sieben verschiedenen Tagen im Januar 2009. Ihre Schauplätze sind Orte der täglichen Routine sowie Räume und Orte,
mit denen ich mich zur gegebenen Zeit fachlich in meiner
Arbeit als Architekt auseinandersetzen musste. Die Betrachtung und Erforschung des Januar-Lichts hat bestätigt, was
ich über die Tageslichtqualität Oslos intuitiv bereits wusste.
Zugleich hat sie wieder einmal verdeutlicht, welch unerschöpfliches gestalterisches Medium das Licht für Architekten ist.
Licht erschöpft sich nicht, und Licht ist für den Architekten
das kreative Material, mit dem er Räume und Objekte erschafft
und somit das architektonische Werk dem Ort zuschreibt, ihm
so seine Einzigartigkeit verleiht.
brüche sind hier, anders als an der Westküste Norwegens, eine
Seltenheit. Der Reiz von Oslos Tageslicht liegt nicht im Spektakulären und Spekulativen, sondern erschließt sich erst in der
tieferen Auseinandersetzung mit ihm.
Diese Auseinandersetzung besitzt notwendigerweise einen
dialogischen Charakter. Um das Licht erfahren zu können,
genügt es meist nicht, sich nur als reiner Zuschauer zu ver- und
begnügen. Speziell (aber nicht nur) zur Winterzeit bedarf es einer
erheblichen Anstrengung, um das zurückhaltende und an Pathos
arme Licht wirklich zum Sprechen zu bringen. Das Januar-Licht
in Oslo scheint wenig und will darum gesehen werden.
Licht scheint, ... und scheint weniger.
Das Oslo eigene ‚nordische Licht’ hat einen langen Atem und
einen schwachen, fast nicht fühlbaren Puls. Im Gegensatz zu
meiner Heimat, den Graubündner Alpen, stützt sich die Dramaturgie des Lichtes hier nicht auf starke Kontraste, pulsierende
Rhythmen und variierende Intervalle – das Licht spricht hier
wenig oder nur leise, es ist ausgeglichen, monochrom und unaufdringlich, aber auch zuverlässig: ein demokratisches, transparentes Licht.
Der Tag wird, wie ihn der Morgen versprochen hat. Die Wolken stehen entweder hoch am Himmel und bleiben dort, oder
aber es gelingt ihnen den ganzen Tag nicht, in das Innerste des
Oslo-Fjords einzudringen. Gewitter und plötzliche Wetterein-
Licht ist, ... doch selten allein.
Brauchtum und Verhalten im Norden Europas sind zusätzliche
Faktoren, die den Zugang zum Licht stark beeinflussen. Der
Innenraum in seiner deutlichen Abgrenzung zum ungastlichen
Klima bedingte eine bis auf den Rauchauslass für die Feuerstelle
kompakte und vollständig geschlossene Hülle. Tag und Nacht
mit ihrem Wetter waren draußen, das flackernde, wärmende
und sammelnde Licht der Feuerstelle drinnen. Auch heute noch,
wenn mit modernen Mitteln im offenen Gelände gebaut wird,
scheint der Norweger Öffnungen in der Außenhülle hauptsächlich als Verlängerungen des Innenraumes zur Aussicht hin zu
betrachten. Die Aussicht als eingerahmte und oft spektakuläre,
ideell unberührte Natur wird dem Innenraum einverleibt. Das
zaghafte Tageslicht schafft es dagegen nicht in allen Fällen, auf
prägnante Weise in den Raum einzufallen.
Die Feuerstelle als zentraler und sammelnder Punkt ist immer
noch ein Leitbild und in übersetzter Weise bis heute bestimmend
für die Beleuchtung des Innenraums. Auf dem Kontinent versucht das weiße und kräftige, an der Decke des Raumes befestigte Kunstlicht nach Einbruch der Dämmerung den Tag zu
‚verlängern‘. In Norwegen geben dagegen auch tagsüber zahl-
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OSLO, NORWEGEN
reiche, meist mobile künstliche Lichtquellen (auch Kerzen) die
weiche, gedämpfte gelb-orange Lichtstimmung des lebenden
und wärmenden Feuers wieder. Niedrige Strompreise erlauben
es, die Beleuchtung in allen Räumen brennen zu lassen, und das
Fenster dient somit weniger dem Tageslichtdurchlass als der Aussicht auf ein gerahmtes Bild mit anderer, ‚abstrakter’ Lichtsituation. Um den Dialog mit dem Licht wirklich zu pflegen, muss
das Licht daher manchmal ausgeschaltet werden.
Licht ist, ... und bewegt uns.
Lebt man in dieser Stadt, ist man versucht zu denken, dass
es im Winter nie wirklich hell und im Sommer nie eigentlich dunkel wird. Der Sonnengang, so der Eindruck, schafft
im Laufe des Jahres zwei Welten, die das Leben in Oslo entweder aufblühen lassen oder zum Schweigen bringen. Die
Auseinandersetzung mit dem zeit- und ortsspezifischen Licht
jedoch lässt einen anderen Gedanken reifen: Gerade die zarten, subtilen und fast unwahrnehmbar langsamen Wechsel
sind für Oslo charakteristisch und tauchen die Stadt täglich
in ein neues Licht.
Das Subtile ist insistierend und intensiv. Die Dramaturgie
des Lichts liegt im Wesentlichen nicht in den Jahreszeiten, sondern in der plötzlichen und bewussten Erfahrung einer Farbe,
Form oder Reflektion – der Andeutung von etwas, das gestern
oder vor ein paar Stunden noch nicht hier war, nicht in dieser
Art und nicht in dieser Gestalt. Was eben noch flach und ohne
Perspektive war, ist nun räumlich und ausgeprägt grafisch.
Diese Erfahrung ist ebenso plötzlich, wie der Wechsel von
einer Gegebenheit zur anderen schwer wahrzunehmen ist. Die
See, die noch vor einigen Minuten wie seit Wochen grau und leblos dalag, ist nun tiefgrün, farbsatt und wird körperhaft. Der im
Januar ständig nass-dunkle und schwere Boden der Stadt wird
vom Streiflicht der Sonne berührt, und die Reflektionen und Bre-
chungen der Fenster zeichnen zusammen mit den endlos langen
Schlagschatten der Bäume eine Partitur von Licht und Schatten,
von heller und noch heller, von oben und unten, bis zuletzt die
Gesetze der Schwerkraft aufgehoben zu sein scheinen und der
Boden dem Himmel seinen Platz streitig machen will.
Die Entdeckungsreise in Sachen Tageslicht endete im von
Sverre Fehn entworfenen neuen Ausstellungs-Pavillon für das
Architekturmuseum in Oslo. Es ist ein Raum, der sich im
und mit dem Licht bewegt und sich fortlaufend neu zeichnet.
Ein Raum als eine Lichtmaschine, die weiß, wie sie sich dem
Licht öffnen will, um es sich mit all seinen subtilen Nuancen
einzuverleiben.
Rolf Gerstlauer ist Professor an der Oslo School of Architecture and Design.
Im eigenen Studio Gerstlauer Molne (seit 1992) befasst er sich neben der
Architektur auch ausführlich mit Fotografie und experimentellen Filmprojekten. Die Bauten und Filme von Gerstlauer Molne (Letztere unter Pseudonym)
wurden mehrfach publiziert und mit Preisen ausgezeichntet.
S 18: 5. Januar 2009
13.34 – 13.39; Stadtteil Hanshaugen,
Außenbild
Sonne: Aufgang 09.16 – Zenit 12.23
(Höhe 7.4°) – Untergang 15.30
Klima: wolkenfrei, Temp. –6.1°C,
rel. Luftfeuchtigkeit 84 %,
Oberfläche: Frostlag
S 20–21: 19. Januar 2009
15.57 – 16.09; Stadtteil Kvadraturen, Interieurbild
Sonne: Aufgang 08.57 – Zenit
12.28 (Höhe 9.6°) – Aufgang 15.59
Klima: bedeckt (Schneefall),
Temp. –0.2°C,
rel. Luftfeuchtigkeit 90 %,
Oberfläche: Neuschnee (32 cm)
S 19: 6. Januar 2009
09.35 – 09.39; Stadtteil Frogner,
Interieurbild
Sonne: Aufgang 09.15 – Zenit 12.23
(Höhe 7.5°) – Untergang 15.31
Klima: leicht bewölkt, Temp. –4.9°C,
rel. Luftfeuchtigkeit 80 %,
Oberfläche: bar
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OSLO, NORWEGEN
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OSLO, NORWEGEN
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OSLO, NORWEGEN
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HANGZHOU, CHINA
Implizite Kultur und
introvertiertes Tageslicht
Zwei Häuser in
Hangzhou, China
VON RUAN HAO AND ZHANG YUE
FOTOS: RUAN HAO
gegenstand unserer fotoserie ist der Vergleich eines alten
und eines neuen Hauses in der Stadt Hangzhou. Das alte Haus
aus dem Jahre 1872 ist eine private Villa, die renoviert und
zu Tourismuszwecken umgebaut wurde, während es sich bei
dem neuen Haus, nach 2004 gebaut, um ein Ausbildungszentrum der China Academy of Art handelt. Wir gehen von der
Annahme aus, dass das alte Gebäude als prototypisches Vorbild für das neue diente. Beide Gebäude illustrieren, wie das
Wesen von Raum und Licht in südchinesischen Häusern seit
Jahrhunderten überliefert und neu interpretiert wird.
Die Fotos wurden an einem normalen, leicht bewölkten Nachmittag in dem sanften Licht aufgenommen, das für
südchinesische Städte so typisch ist. Beide Gebäude wurden
durch und für diese Lichtatmosphäre geschaffen. Ihre weißen
Außenmauern vermitteln einen soliden und zugleich kühlen
Eindruck. Sie reflektieren das Licht und grenzen die Häuser
zu ihren Nachbarn hin ab. Im Gegensatz zu den fensterlosen Außenmauern sind die Innenhöfe von der Morgendämmerung bis zum Einbruch der Dunkelheit lichtdurchflutet.
Die warmen Holzfassaden, die sie an allen Seiten umgeben,
zeugen von der Behaglichkeit der Häuser und verwandeln
das Licht im Innenhof in ein lebendiges, fast dramatisches
Element, das im Hof eingeschlossen ist. Ein Teil des Lichts
wird indirekt durch die Korridore in die Räume geleitet und
erscheint so rein und erhaben, als sei es gleichsam von der
Holzfassade ‚getauft’.
Baustile mögen sich ändern, der innere kulturelle Wert
einer Region sowie der Menschen und Architektur dort aber
bleibt. Und so wohnt beiden Häusern, obgleich ihre Entstehungszeit 132 Jahre auseinanderliegt, der gleiche Gegensatz
inne: hier die äußere, verschlossene und indifferente Erscheinung und dort die lebendige, aber kontrollierbare und in
sich ruhende Innenwelt.
Ruan Hao ist MArch Student an der Fakultät für Architektur der TsinghuaUniversität in Peking. Er war Gasthörer an der Harvard Graduate School of
Design und gewann den zweiten Preis beim International Velux Award 2008.
Derzeit arbeitet er für die Preston Scott Cohen, Inc. am Taiyuan Museum of
Art in China.
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Dr.Zhang Yue ist außerordentlicher Professor an der Fakultät für Architektur
der Tsinghua-Universität in Peking. Er gewann den Holcim Award für Ostasien
in Gold, den Grand Prix der dritten DBEW International Housing Competition
und war Finalist bei der zweiten Living Steel Competition.
Rechts: Außenwand der alten Villa.
Die weiße Außenwand scheint das
Gebäude von der Außenwelt abzuschirmen. Obwohl das neue
Gebäude offener gestaltet ist,
herrscht auch hier Exklusivität.
Nächste Seite: Innenhof – alt und neu.
Die Form des Lichts ist nicht fassbar,
obwohl es durch klar definierte Grenzen
in die Räume gelassen wird. Das Licht
wird intensiv wahrgenommen, obwohl
die Sonne nicht direkt sichtbar ist.
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MIDDLETON PLACE, USA
Genius Loci und Maisgrütze
Inn in Middleton Place
bei Charleston, usa
VON MARK MORRIS
unvergessliche orte sind typischerweise verbunden mit
dem ersten Eindruck, bestimmten Menschen oder der Erinnerung an ein gutes Essen. Nur wenige für uns denkwürdige
Orte verdanken dies ihrer Gestaltung. Es wundert mich selbst,
warum ich das Inn in Middleton Place neben meinen Lieblingshotels in London und New York zu meinen Favoriten
zähle, doch steckt es voller Überraschungen. Architektonisch
ist es das Letzte, was man am Ende eines gewundenen Schotterwegs, gesäumt von kleinen Palmen und Dschungelmoos, in
der Nähe von Charleston in South Carolina zu finden erwartet. Der formale Gegensatz zu den Überresten der Middleton
Plantage ist krass. Das Hotel, wohl das gelungenste Gemeinschaftsprojekt von W. G. Clark und Charles Menefee, liegt
beschaulich auf einer kleinen Anhöhe über dem trüben Sumpfgewässer des Ashley River. Der Komplex, vor fünfundzwanzig Jahren auf Geheiß eines Nachfahren Middletons gebaut,
besteht aus einem Haupthaus in L-Form, das eine gepflegte
Rasenfläche einschließt, und einer Handvoll wie Satelliten in
der Gegend verstreuter Bauten.
Alle Gebäude sehen aus wie mehrgeschossige Glaswürfel
mit schwarzen Holzrahmen, Betonschornsteinen und Brandmauern. Das Ganze mutet an wie ein Kartäuserkloster: Hier
wird jeder zum kontemplativen Einsiedler. Enge gewölbeähnliche Treppen verbinden die oberen Zimmer mit dem Erdgeschoss. Die karge Materialpalette wird ausgeglichen durch die
üppige Landschaft und die angenehme Optik des Interieurs.
Die Gästezimmer sind spärlich eingerichtet, erstrahlen aber
im honigfarbenen Licht, das durch die für diese Gegend typischen wandhohen Innenjalousien dringt. Durch Öffnen und
Schließen einzelner Jalousien und je nach Stellung der vertikalen Lamellen variieren Licht und Stimmung in den Zimmern. Hinzu kommen zwei besondere Fensterarten: Zwischen
dem schwarzen Holz und dem Beton befinden sich schmale
verstellbare Flügelfenster, die an Lüftungsschlitze erinnern;
durch ihre Echowirkung intensivieren sie das Geräusch des
Regens. Leicht gebogene, sandgestrahlte Glasbausteinfenster
bilden die Hintergrundkulisse für trogförmige Badewannen
und harmonieren perfekt mit dem Fliesenmuster.
Das ‚L‘ mündet im Rezeptionsbereich, über dem eine Penthouse Suite liegt. Ein riesiger Kamin durchbohrt das Ganze
wie ein Spieß; die Feuerstellen im Erdgeschoss und im Wohnzimmer der Suite greifen die L-Form auf subtile Weise auf,
und der Kamin in der Lobby lodert und knistert wie die Esse
einer Schmiede. Ein luftiger Balkon auf Rasen- und Flussseite
umläuft die Suite. Die uralte architektonische Herausforderung,
die Ecke des ‚L‘ zu füllen, wird geschickt gelöst. Die Querachse
mündet in einer etwas unheimlichen Ruine, die sich gegen den
Himmel absetzt und schwere Schatten auf den Fahrradständer
darunter wirft. Die hier verwurzelte Kopoubohne bedeckt den
Großteil des Eingangsbereichs und verleiht dem Inn das Aussehen einer riesigen Hecke, erfüllt vom Summen der Stechfliegen und Zwitschern der Spatzen.
Das Hotel zieht Gäste unterschiedlichster Couleur an:
Einige kommen dorthin wegen der bewegten Geschichte
der Plantage nebenan, andere wandern durch die Gärten (die
ältesten architektonischen Gärten des Landes) und pflücken
Rhododendron, ein paar Sportler tummeln sich in Kanus auf
dem Fluss. Sie alle aber teilen die unbegründete Sorge über
die ‚Haltbarkeit‘ des Ortes in dem Wunsch, alles so zu belassen wie auf den alten Spoleto-Festival-Postern über den Betten,
und fragen sich laut, wer zum Teufel sonst noch den einzigartigen Charme dieses Ortes zu schätzen weiß. Welche breite
und gewinnträchtige Touristenschicht mit Interesse an Vorkriegs-Grandeur möchte schon in einem düsteren modernen
Kloster einquartiert werden, wenn man ein wenig weiter unten
an der Straße in Villen mit Säulengängen und spitzenbesetz-
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MIDDLETON PLACE, USA
ten Himmelbetten residieren kann? Wissen oder interessiert
es genügend Leute, dass das Hotel vom American Institute of
Architects höchste Anerkennung bekam (das AIA-Zitat hängt
in der Lobby neben den Mitgliedsurkunden der Green Hotel
Association, Audubon Society und National Wildlife Federation)? Viele wissen es. Und viele scheint es zu interessieren.
Für Alexander Pope „offenbart sich ein Genius loci in der
Landschaft, fängt offene Lichtungen ein, gesellt sich zu dichten
Wäldern und variiert Schatten um Schatten, bricht hier und
leitet dort die vorgegebenen Linien …“. Das Design von Clark
und Menefee, in die Landschaft eingebettet, nutzt und evoziert
diese Definition wortwörtlich. Die geistige Atmosphäre dieses
Ortes wird nicht nur optisch verstärkt. Der Geruch von Holzfeuern ist auch im Hochsommer in den Räumen wahrzunehmen. Die kühlen Fliesen im Bad wirken erfrischend nach einem
beschaulichen Spaziergang durch die Gärten oder einem Aufenthalt am Pool. Auch der Geschmackssinn spielt eine Rolle:
Das Hotelfrühstück wird stets mit Maisgrütze serviert, auf
deren Geschmack ich allerdings noch kommen muss. Egal, sie
gehört zu diesem Ort und seiner speziellen Atmosphäre dazu.
Viel mehr aber ist die nachhaltige Erinnerung an diesen Ort
dem überzeugenden Design und dessen geschickter Umsetzung
sowie der Genügsamkeit als Naturkulisse zu verdanken.
Mark Morris lehrt Entwurf und Theorie an der Cornell University in Ithaca/
USA und koordiniert dort den Aufbaustudiengang zum Master of Architecture
sowie zum PhD der Architekturgeschichte. Er studierte an der Ohio State University und erlangte seinen Doktortitel am London Consortium der University
of London. Morris ist Verfasser des Buchs Automatic Architecture and Models:
Architecture and the Miniature und Moderator der iTunes-Podcast-Serie „Architecture on Air“. Er lehrte an der Londoner Bartlett School, der Architectural
Association und der University of North Carolina in Charlotte, wo sein Freund
und Kollege Greg Snyder ihn mit der Arbeit der Architekten Clark und Menefee bekannt machte.
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MIDDLETON PLACE, USA
ESKISEHIR, TÜRKEI
Licht ist die Zeit
Kilicoglu-Ziegelei
in Eskisehir
VON RECEP ÜSTÜN
die fotografien wurden in den inzwischen leerstehenden
Kilicoglu-Ziegeleien in Eskisehir aufgenommen.
In den nun inmitten der Stadt verbliebenen Fabrikanlagen, die in Eskisehir seit 1928 in Betrieb waren, wurde noch
bis vor 5 Jahren produziert.
Recep Üstün schloss 1988 sein Architekturstudium an der Fakultät für Ingenieurswesen und Architektur der Anadolu-Universität in Eskisehir ab. Seit
1989 ist er als Dozent an der Fakultät für Ingenieurswesen und Architektur
der Anadolu-Universität sowie im Studiengang Architektur der OsmangaziUniversität tätig. Er nimmt an nationalen und internationalen ArchitekturWettbewerben teil.
Licht ist die Zeit ...
Licht lässt sich nicht eintrüben und ist deshalb auch unabhängig von Zeit.
Louis Kahn betrachtet Materie als Licht ohne Glanz. Ihm
zufolge ist Materie aus ‚Licht’ gegossen, ebenso wie Eisen in
eine Form gegossen wird. Deshalb hat Materie sichtbare
Zustände. Diese Zustandsvielfalt verhindert, dass wir die
Materie als ein einziges Objekt betrachten können.
Bei Bewegungslosigkeit des Materien-Lichts (Ewigkeit)
ruht die Arbeit.
Diese Fotos beabsichtigen, die Spannung zwischen Licht
und Materie und die Reflexion dieser Beziehung auf Orte aufzuzeichnen.
Die Vergänglichkeit von Zeit wandelt jedes Foto in einen
Abschied. Von allem, was fotografierbar ist, kann man sich
verabschieden.
Doch das Licht bleibt” ...
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ESKISEHIR, TÜRKEI
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LISSABON, PORTUGAL
Licht über Lissabon
VON CARLOS LAMPREIA
„Sage mir, meine Seele, arme, erkaltete Seele, was
dächtest du davon, in Lissabon zu wohnen? Es soll
dort warm sein, und du würdest wieder munter
werden wie eine Eidechse. Diese Stadt liegt am Rande
des Wassers, man sagt, dass sie aus Marmor gebaut
ist und die Menschen dort Pflanzen so sehr hassen,
dass sie jeden Baum der Erde entreißen. Das ist eine
Landschaft nach deinem Geschmack, eine Landschaft
aus Licht und Mineralien und dem Wasser, um sie zu
spiegeln.”
Charles Baudelaire, in Le spleen de Paris [Petits poèmes en prose]
das licht, abstrakt in seiner Essenz, diese leichte, unfassbare Substanz, macht in Kombination mit geografischen und
meteorologischen Phänomenen die Architektur mit all ihren
Strukturen und Zuständen erst sichtbar. Fast ist es eine lebendige, unvorhersehbare Materie, die – sobald sie sich verändert –
Einfluss auf unserer Verhalten und unseren bewohnten Raum
nimmt. Vor allem aber ist Licht Energie, welche den Raum erst
wahrnehmbar werden lässt und ihn und jede andere Materie
offenbart.
Die Abhängigkeit vom Licht ist fast so alt wie die Erde
selbst, und seit Menschengedenken wird sie in allen Kulturen dargestellt. Heute können wir dies im Werk von Künstlern wie James Turrell entdecken. Er fängt das Licht mit einer
Serie von sogenannten ‚Skyspaces‘ – kleinen, architektonischen
Strukturen, die zur Beobachtung des Himmels konzipiert sind
– ein und sucht es so zu verstehen. Auch Olafur Eliasson hat
mit seiner Installation ‚The weather project‘ von 2003 die physikalischen Phänomene der Natur künstlich erzeugt, dabei
die Tate Gallery in London mit einem intensiven Sonnenlicht
zum Leben erweckt und die Betrachter in Verzückung versetzt.
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In Lissabon, wo das Licht intensiv ist und vom Wasser noch
verstärkt wird, wird auch die Architektur zur Kunst. Sie nimmt
die Energie in lichtdurchfluteten Räumen auf und macht diese
dadurch bewohnbar. Ihren Ursprung nimmt diese Wechselwirkung in Lissabons geografischer Lage: Der Fluss Tejo erreicht
durch einen kleinen Kanal den Atlantischen Ozean und bildet
mit seinem ausgedehnten Flussdelta ein kleines Binnenmeer,
das Mar da Palha. Es markiert den Übergang vom ruhigen,
natürlichen Hafen in die Weiten der Meere. An diesem Angelpunkt, der Grenze zwischen Wasser und Land, entwickelte
sich Lissabon.
Im 17. Jahrhundert von einem Erdbeben fast vollständig
und systematisch zerstört, wurde die Stadt in einem Zug wiederaufgebaut, was ein großes Maß an Homogenität schuf, dem
sogenannten ‚Pombalino‘-Stil. Er lässt die Stadt so erscheinen,
als sei sie aus nur einem Material, dem Stein.
Die Konfrontation dieser beiden immensen Massen, der
steinernen Stadt einerseits und dem Fluss des Lichtes andererseits, hat das Bild der Stadt geprägt und intensive Spiele mit
dem Licht ermöglicht. Sie leitet es durch die Straßen und Gassen der Stadt, während wir auf die nächste Gelegenheit warten,
den Fluss wiederzusehen. Spürbar wird das Lichtspiel an den
Terraços de Bragança in der Rua do Alecrim von Álvaro Siza:
Die Gebäude kommunizieren mit ihrem im Pombalino-Stil
erbauten Nachbarn. Zwischen ihnen blieben Reste der alten
Stadtmauer erhalten. Die gefliesten Fassaden in subtilen Abstufungen von Weiß und Blau reflektieren das Licht, lenken es in
diese Zwischenräume, entmaterialisieren dadurch die Präsenz
der Gebäude und durchfluten das Stadtgefüge mit der intensiven Energie der Sonne.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde nahe dem Kanal in der
Mitte der Stadt, gleich neben dem Hafen, eine riesige steinerne
Plattform gebaut, wie eine immense, gradlinige Veranda. Sie
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LISSABON, PORTUGAL
überbrückt den Fluss und fungiert als eine Art Spiegel des hektischen Industrie- und Hafenlebens. Auf dieser Plattform steht
das ‚Museu do Oriente‘ von João Luís Carrilho da Graça, ein
ehemaliges Lagerhaus, dessen dynamisches Nebeneinander verschiedener Volumina immer neue, unvorhersehbare Dialoge
mit den Containerschiffen des Hafens entstehen lässt. Goldfarbene Pigmente an der Fassade des Dachgeschosses verleihen dem
Gebäude Glanz und weisen auf seine neue Nutzung hin.
In Lissabon findet ein ständiges Wachstum entlang der Ufer
in Richtung Meer oder von der Quelle bis zum Mar da Palha
statt. Dieses schon immer intensiv für Industrie und Hafenbetrieb genutzte Gebiet bildet seit der Weltausstellung 1998 eine
Erweiterung des Stadtgefüges. Hier ist die Stadt sehr exponiert, Topografie und Bebauung sind gleichermaßen flach, und
die ausgedehnten Wasserflächen besitzen eine enorme Weite.
Das intensive Licht blendet oft so stark, dass das andere Ufer
kaum zu erkennen ist. Einen zeichenhaften Sonnenschutz schuf
Álvaro Siza an dieser Stelle mit dem portugiesischen Pavillon
der EXPO98. Sein immenses Hängedach aus Beton erstreckt
sich entlang des Wassers und schafft so einen bedeckten und
angenehm kühlen Platz in Ufernähe.
Je mehr man sich dem Meer nähert, umso breiter wird der
Fluss und umso stärker die Veränderungen seiner Oberflächenstruktur. Je nach Lichtintensität erleben wir den Tejo auf ganz
unterschiedliche Weise. Die westlichen Randgebiete der Stadt
begleiten diese Variationen mit ihrer suburbanen Bebauungsstruktur, die versucht, die Intensität des Lichts einzufangen.
Beispielhaft hierfür ist das Centro de Coordenação BRISA in
Carcavelos von João Luís Carrilho da Graça. Das Gebäude
nahe der Autobahn nutzt das auf die Fassaden auftreffende
Sonnenlicht mittels großer Solarkollektoren. Im Atrium dagegen schaffen Wasserflächen und weiß verputzte Wände eine
Lichtqualität, wie wir sie vom Fluss her kennen.
Endlich erreicht das Meer Cascais, den Ort, an welchem sich die
Bebauung verdichtet und sich dem Ozean zuwendet. Unmittelbar an der Einfahrt zum Kanal von Lissabon stehen hier der
Leuchtturm und das Museum Santa Marta von Aires Mateus.
Die Architekten hüllten die bestehenden Gebäude in glänzende,
weiße Fliesen, abstrahierten so deren Form und verwandelten
den gesamten Komplex zugleich in eine leuchtende Einheit, die
sich über den schwarzen Felsen emporhebt.
Die Architektur von Aires Mateus nimmt die Bestandteile des genius loci auf, vom Fassbarsten, wie den bestehenden
Naturformen und Gebäuden, bis hin zum Abstraktesten, wie
dem Licht. Wenn wir verstehen, dass – wie José María Montaner es tut – das Mysterium des Universums ist, dass es vollständig aus Energie und deren Umwandlung besteht, dann
könnten wir wagen zu sagen, dass der Raum die Art und Weise
darstellt, wie wir das Licht einfangen.
Carlos Lampreia ist seit 1994 Dozent an der FAA-Universidade de Lisboa und
leitet sein eigenes Architekturbüro in Lissabon. Er studierte an der Architekturfakultät in Porto und der Technischen Universität Lissabon, erwarb danach
einen Mastertitel in Architekturtheorie und arbeitet an seiner Dissertation
über orts- und materialbezogene Strategien in Architektur und Kunst.
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LISSABON, PORTUGAL
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––°––’––’’ N
––°––’––’’ S
2005
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––°––’––’’ W
Landschaften kreiert von
Michael Reisch
www.michaelreisch.com
Vorherige Seite: Landschaft,
1/010 digital c-print/diasec
2005, 124 × 201 cm – courtesy
Gallery Rolf Hengesbach,
Köln, Deutschland
Gegenüber: Landschaft, 0/023
digital c-print/diasec 2003,
124 × 190 cm – courtesy Gallery
Rolf Hengesbach, Köln,
Deutschland
40
„In der Fotografie geht man, so die
Konvention, eigentlich immer von
etwas Realem, physikalisch Existenten, Abbildenswertem aus:
Erst gibt es die Realität, das Phänomen. Das Foto ist dann gemeinhin das Abbild dieses Phänomens.
In meinen Bildern habe ich diesen
Sachverhalt in gewisser Weise
umgekehrt, hier habe ich die Realität, das Phänomen, die tatsächlich
existente Landschaft, als Abbild,
als Entsprechung meiner Vorstellung benützt, wobei das Authentische des fotografierten Ortes
letztendlich im Bild keine Rolle
mehr spielt. Das Authentische
des Ortes wird ersetzt durch das
Authentische des Bildes. Mit anderen Worten: meine Bilder sagen
weniger über das Abgebildete als
vielmehr etwas über meine visuellen Entscheidungen aus. Der Ort,
der Genius loci, ist bei meinen Bildern nicht die reale Landschaft,
sondern befindet sich im Kopf des
Künstlers oder des Betrachters. An
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diesen subjektiven Vorstellungen
des Betrachters, die ja wiederum in
kollektiven Vorstellungen (Malerei,
Literatur, Film, Werbung, etc.) eingebettet sind, und aus denen sich
letztlich so etwas wie unsere zeitgenössische Auffassung von Landschaft und Natur zusammensetzt,
interessiert mich insbesondere der
Aspekt von Landschaft als Projektionsfläche einer kollektiven, unerfüllbaren Sehnsucht, Landschaft
als utopischer, paradiesischer Entwurf, als Traum von unberührter
Natur; und, demgegenüber, eine
gängige, pragmatische, funktionalistische, kalte Auffassung von
Natur als Roh- und Gebrauchsmaterial, als nützliche und verfügbare
Bio-Masse: Landschaft zwischen
Paradies und Gentechnikalbtraum.“
Michael Reisch
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REFLEKTIONEN
Neue Perspektiven:
Ideen abseits der Alltagsarchitektur.
GENIUS LUCIS
WAS WOHNLICHT
SEIN KÖNNTE
Von Gerhard Auer
Fotografie von Beatrice Minda
Es gibt kaum einen Ort auf der Erde, zu dem der
Mensch eine engere Beziehung pflegt als zu seiner
Wohnung. Bei welchem Licht Menschen sich ‚zu Hause‘
fühlen, variiert je nach kulturellem Hintergrund und
individueller Präferenz. Dennoch lassen sich bei
näherem Hinsehen Grundfunktionen des Wohnens
und ‚Genien‘ des Wohn-Lichts identifizieren, die über
alle Zeiten Bestand hatten.
Nur wer das Wohnen gleich mit Wohnung und diese gleich
mit dem Wohnbau verbindet, wird sich auch unter Licht gleich
die Belichtung und unter der Belichtung gleich Fenster und
Leuchtkörper vorstellen. Doch die Frage, was Wohnen überhaupt kennzeichnet und in welcher Beziehung es zum Licht
steht, zwingt zu verzweigteren Annäherungsversuchen an eine
Begriffspaarung ‚Wohnlicht‘, die bisher weder in den Diskursen zum Wohnungsbau noch zur Lichtgestaltung als Kapitelüberschrift zu finden ist. 1
Wohnen ist…
Angesichts der weltweiten Vielzahl von Wohnformen, hervorgegangen aus Kontrasten des Klimas, aus Unterschieden sozialer Konvention und aus Ungleichzeitigkeiten zivilisatorischer
Technik, scheint sich jeder Vergleich zu verbieten. Doch vor und
jenseits aller kulturellen Differenz – so lehrt uns die Anthropologie – musste sich homo habilis, weil ein Nestbauprogramm in
seiner genetischen Ausstattung fehlt, ein Habitat selbst ausdenken. Seither sind zwar nicht die Lösungen, aber die Probleme des
Wohnens die gleichen geblieben. Mit anderen Worten: Wohnbedürfnisse und Wohnträume sind die gemeinsamen Nenner,
die sich jeder Erdenbürger mit jedem anderen teilt – und für
die Rilke einen gemeinsamen Verursacher gefunden hat: „das
große Zuviel des Draußen“.
Im Folgenden skizziere ich also keine neue Typologie, sondern überprüfe konkrete Wünsche und Praktiken auf ihre
Deckungsgleichheit. Man lasse sich nicht vom Artenreichtum
der Erscheinungsformen täuschen: Einmal sortiert und auf
Wesentliches reduziert, bleiben nur wenige Kriterien, die sich
als Bedingungen „sine qua non“ benennen lassen zum globalen und interkulturellen Konsens, vom Windschirm des Patagoniers bis zu Bill Gates’ Cyber-Landschloss.
Leibwache
Man findet keine Wohntheorie oder Wohnpraxis, die nicht
Sicherungsaspekte in den Vordergrund stellen würden, also
die Abwehr gegen Gefährdungen vorrangig des schlafenden
Körpers, der im kritischen Zustand allnächtlicher Bewusstlosigkeit seine eigene Wachsamkeit aufgeben muss. Das
verlangt nach zuverlässiger Bewachung, in Gestalt sicherer Orte (erst Höhle und Baumkrone, später Bunker und
Links Lichtdurchflutet – die
„geborgene Schlafstätte“,
fotografiert von Beatrice Minda.
(Massy-Palaiseau, 2005.) Ihre
Serie „Innenansicht“ umfasst
Bilder rumänischer Wohnungen,
aufgenommen in Frankreich,
Deutschland und in Rumänien.
Turm), wachender Mitmenschen oder Haustiere (Nachtwächter, Wachhunde, Bodyguards).
Die geborgene Schlafstätte nimmt in einem vergleichenden Ranking unverzichtbarer Wohnmotive den ersten Platz ein.
Vom Strohsack bis zum Futon, von der Luft- bis zur Wassermatratze: wie phantasiereich wird sie montiert auf Hochebenen, in
Wandnischen und Alkoven, umhüllt von Moskitonetzen und
Gardinen, überdacht mit Baldachinen und Zelthimmeln; wie
originell lässt sie sich transportieren als Schiffskojen, Schlafwagenabteile und Wohnmobile (und wie aufwendig wird sie hergerichtet für längere Schlafzeiten in Särgen und Pyramiden)!
Egozentrum
Einen „Room of One’s Own“ bezeichnete Virginia Woolfe
in einem Essay zur weiblichen Kreativität 1928 als existenzielle Bedingung der Schaffenskraft. Der Wunsch nach dem
eigenen Zimmer proklamiert das Recht des Individuums auf
einen Raum persönlicher Verfügungen und Freiheiten: des
Verhaltens, der Ausstattung, des Öffnens und Schließens. Die
Schlüsselgewalt garantiert nicht nur Ungestörtheit, sondern
auch eine Wahl zwischen erwünschten und unerwünschten
Besuchern. Denn das Egozentrum ist nicht nur Rückzugs-,
sondern auch Empfangsraum. Da sich sein Besitzer dort mit
persönlichen Gegenständen umgibt, erlaubt er dem Gast Einblicke in seinen Charakter und seine Biografie.
Die Ethnologie weiß von Separierungsregeln aus jeder Kultur zu berichten: In unseren Kinderzimmern und Klosterzellen, im Séparée für Alte oder im Individualraum der WG, und
natürlich überdeutlich in den Apartments einer zukunftsträchtigen Single-Generation findet dieser Wohnwunsch seine Erfüllungen. Versionen des Sich-Einschließens und Sich-Ausstellens
sind auch jene Ateliers, Büros oder Werkstätten, die schon immer
von den Ich-AGs der Schriftsteller und Künstler, der selbstständigen Geistes- und Handwerker bewohnt wurden. Das Egozentrum kann bis zum Campingcar schrumpfen oder sich bis zur
Pferdefarm aufblähen, es ist jedoch immer unteilbar!
Kontaktzone
Ein Bereich der Begegnungen – dem Separierungsbedürfnis nicht entgegengerichtet – wird dann unerlässlich, wenn
mehrere Personen zusammen wohnen. Bekanntlich haben
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sich Modelle der Kohabitation, vom kinderlosen Paar bis zur wusste: „... so entsteht in der Welt etwas, was allen in die KindMehrgenerationen-Großfamilie, bewährt und werden als heit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“
gattungstypisch angesehen. Sie vereinen Arbeitsteilung und
Unsere spät im 19. Jahrhundert erst einsetzenden Wohngegenseitige Rückversicherungen: zur Kinderaufzucht und diskurse wurden von Stadtbürgern Mitteleuropas geführt, also
Altenpflege, bei Krankheiten oder anderen Notfällen ökono- von den sesshaften Erben einer Kulturgeschichte, die Festigmischer, physischer wie psychischer Art.
keit und Dauerhaftigkeit als primäre Bautugenden schon mit
Die räumlichen Manifestationen des Kommunizierens sind Vitruvs firmitas festgeschrieben hatte. Hätten jedoch Eskiso variationsreich wie die Natur oder Kultur der Wohnregionen: mos, Indianer und Kirgisen an diesem Diskurs teilgenomAls Höfe oder Hallen, Salons oder Gute Stuben, immer den men, wären Iglus, Zelte und Faltwerke sichtbar geworden als
Bedingungen des Klimas oder den Regeln der Diskretion unter- Ursprung und Idealkonstruktionen nomadischer Wohnweiworfen, können sie sich mehr oder weniger transparent zeigen. sen in transportablen Gehäusen.
Der frühe Mensch war über Millionen von Jahren ein vagaAllen gemeinsam ist aber ihre Funktion als Puffer zwischen Privatheit des Egozentrums und Öffentlichkeit der Straße. (Nur im bundierender Nestflüchter, bevor er, erst vor zehn JahrtausenSingle-Apartment fällt der Kommunikations- mit dem Indivi- den, zum sitzenden wurde. Kriege und ambulante Tätigkeiten
dualraum in eins.) Gleichzeitig Wegekreuzung und Berührungs- – und heute die unsicheren Arbeitsmärkte – haben seit je Emizone, entwickelt das Infranetz kontrastreiche Eigenschaften der granten und Wanderarbeiter zum mehr oder weniger freiwilliIntro- und Extroversion: Es ist Trainingsraum für Sozialisation gen Umziehen genötigt. Alle Betroffenen behelfen sich wenn
und Selbstkontrolle, Ort der Konflikte wie der Feste, und nicht nicht mit Leihwohnungen, dann mit Unterkünften, die entwezuletzt schafft es eine Schauseite zur Straße – sofern dort eitle der gleich auf Rädern stehen oder als leichte Container beweglich
sind. Es ist nicht zu übersehen, dass ein postindustrielles NomaZurschaustellungen als politisch korrekt akzeptiert werden.
dentum heute weltweit und klassenübergreifend anwächst – und
mit ihm eine Renaissance ortloser Wohnkulturen. Auch die
Schatzkiste
Nicht zuletzt gehört ein viertes Wohnbedürfnis zur Spitzen- hartnäckigste Werbung der Möbelindustrie fürs cocooning und
gruppe: die Sorge um den Besitz. Zuerst verlangte die Vorrats- homing kann dem nicht gegensteuern. Ob indessen als Haushaltung Speicher und Keller, dann hat das Einbunkern von besitzer oder als Mieter, jeder wird früher oder später zum WohSchmuck, Geld und wertvollen Sammlungen Schatzhäuser ent- nungswechsler. Und weil sich in der städtischen Mietwohnung
stehen lassen. In ihren Frühformen (noch erhalten in japani- die größte Schnittmenge gegenwärtiger „Einwohner“ zusamschen oder indonesischen Beispielen) erscheinen sie als fensterlose, menfindet, werden Wohn-Vagabunden zu den idealen Konsueisenbeschlagene, unbrennbare und diebstahlsichere Stein- oder menten der Einrichtungs-Industrie.
Lehmkuben, oft zentral positioniert und kostspieliger dekoriert
Den Publikationen von Interieurs ist anzusehen, ob Archials die übrigen Leichtbauten für das Alltagsleben.
tekten oder Designer ihre Urheber sind: Gewinnt der Erstere
Verlustängste plagen jedoch nur den Besitzenden; sie wer- immer noch aus Sonne und Fenster Licht- und Schattenspiele,
den dominant erst mit dem Zusammenleben, sei es in Familien verhängt der Letztere alle Wandöffnungen, um zwischen
oder anderen Kollektiven, insbesondere dort, wo mit Ackerbau Möbeln und Leuchten seine Bühnenbilder zu gestalten.
und Tierzucht eine Haushaltung und das befestigte Wohnhaus unerlässlich werden. In der marokkanischen Kasbah wird Fenstergeschichten
gleich im Schatzhaus gewohnt: Dort drängen sich solide ver- Suchen wir nach einer Schnittstelle, an der sich Licht und Wohriegelte Familienhöhlen entlang dunkler Gassen eng aneinan- nen begegnen, dann bietet sich naheliegend das Auge an, eine
der hinter den Festungsmauern der Siedlung: Deutlicher ist evolutionäre Gattungskonstante, die über Zeiten, Regionen
die Behausung als Angst- und Fluchtraum nicht darzustellen. und Kulturen hinweg uns im Sehvermögen verbindet – die
(Zu meiner Verblüffung zeigt das Modell von Masdar-City, die optischen Täuschungen inbegriffen. Die populäre Metapher
jüngste, aber konkrete Utopie einer „Energie-Stadt von morgen“, von den Fenstern als Augen des Hauses besitzt sprichwörtliche
dieselben Burg-in-Burg-Strukturen. Welche Furcht beherrscht Weisheit, indem sie die Doppelaufgabe Ausblick und Lichtempwohl Abu Dhabis Architekten?) Ob Vorgänger oder Nachfol- fang ebenso treffend beschreibt wie die zweideutige Funktion,
ger des Schatzhauses, haben sich Seekisten, Tresore oder Koffer ein Innen und Außen sowohl zu trennen wie zu verbinden.
reisetüchtig bewährt; sie begleiten den Fahrenden als Obdach- Das Windauge (window) sagt zudem, dass es nicht nur Licht,
losen noch, wenn er schon alle Schutzräume verlassen oder ver- sondern auch Wetteröffnung sein will – das heißt Grenzkontrolle über die Phänomene der Atmosphäre, die dem Wohnenloren hat, als Behälter letzter „Habseligkeiten“.
den abwechselnd feindlich oder freundlich begegnen.
Eine Belichtungstypologie – die noch nicht verfasst ist –
rent a home
Mit seinem – allzu oft zitierten – Diktum „Wohnen ist Blei- würde sich ohne Frage aus zwei Baugeschichten bedienen: der
ben“ idealisierte ein stadtskeptischer Martin Heidegger seinen zehntausendjährigen Anthropologie des Fensters und der erst
Rückblick auf schollengebundene Agrargesellschaften. Aber die 200- jährigen Geschichte fortgeschrittener Lichttechniken. Es
menschlichen Wohnwirklichkeiten waren seit je entgrenzter, und ist auffällig, dass Wohnbau-Architekten erst zu Beginn des
Heimatgefühle sind ortlose Imaginationen, wie Ernst Bloch es 20. Jahrhunderts dem Licht überhaupt Beachtung schenkten
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D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
Beatrice Minda inszeniert in
klaren, atmosphärischen Bildern
das einfallende Tageslicht als
elementaren Bestandteil jeder
Wohnung. Die von ihr fotografierten Räume strahlen eine große
Ruhe aus. Caracal, 2003.
45
Helles, überblendendes Tageslicht verleiht den von Beatrice
Minda fotografierten Räumen eine ganz eigene Poesie.
Sâmbăta, 2003.
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D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
und erst zu dessen Mitte dies auch in Werken und Schriften
ausdrückten. Keiner hat – soweit mein Wissen reicht – lichtbewusster reflektiert und entworfen als Louis Kahn. Hat er deswegen die bemerkenswertesten Fenster seiner Epoche erfunden
– aber dem Kunstlicht so wenig wie möglich zugemutet? Vergleichbar kunstlichtscheu benahmen sich seine bekanntesten
Vorgänger der Tageslicht-Baukunst: Frank Lloyd Wright und
Le Corbusier. Der Erstere hat die alte gelochte Wohnkiste mit
Sonne geflutet und zugleich ihre Bewohner um offene Feuerstellen versammelt, dem Letzteren ist jene oft zitierte Definition
der Architektur als ein „genaues, wissendes und großartiges
Spiel der Volumen unter dem Licht“ zu verdanken. Meist werden die drei Adjektive übersehen, obwohl ihnen wesentliche
Bedeutung zukommt, wie eine andere Bemerkung Corbusiers
belegt: Ein Fenster müsse in guter Architektur zu groß oder zu
klein in Erscheinung treten; dort, wo es nur praktisch und richtig dimensioniert sei, handle es sich um ordinäres Bauen!
Auch wenn für manche Baukünstler der Wohnbau eine
Marginalie ist, erfüllen auch seine Fenster mehr als puren Helligkeitsbedarf. Erst als Instrument der Mehrdeutigkeit richtig
verstanden, mutiert auch sein Belichtungsloch zum Übermittler vielsprachiger Lichtbotschaften.
Gucklöcher
Ein Kokon hat kein Fenster. Wenn der Schutz des Schlafs die
erste Wohnungspflicht ist, wäre gute Dunkelheit ihr Lichtbedürfnis. Lichtgestaltung als Bedunkelung zu begreifen, ist kein
absurder Gedanke angesichts der Belästigungen aus Stadtbeleuchtungen und einer hausgemachten light pollution, die aus
Kunstlichtern des eigenen Interieurs droht.
Genau genommen wünscht sich auch der Schlafende nicht
absolute Finsternis; aber keine gedimmte Leuchte kann es aufnehmen mit einem Himmelsfenster, das in die nuancierten Dunkelheiten des Nachthimmels gerichtet ist. Ein Guckloch nach
oben wäre das einzige Fenster, das der Leibwache gerecht würde.
(Seit man auch Dächer durchlöchert, bietet sich das flächenbündige Dachfenster als Alleskönner an, folglich wird es zum Fenster ohne Eigenschaften: Ist es Lichtfänger oder Ausguck? Richtet
es sich auf den Himmel oder auf die Straße? Belichtet es einen
Arbeitsplatz oder bedunkelt es ein Bett?)
Nicht jede Perforation einer Wand dient jedoch der Beleuchtung: Schon die erste war eine Schießscharte; und die zweite
eine Klappe in oder neben der Eingangsluke, die wie der heute
gebräuchliche Türspion zur Gesichtskontrolle des klopfenden
Fremden diente. Alles ebenerdige und straßennahe Wohnen ist
gefährdet, muss also seine Gucklöcher klein halten, vergittern
und des Nachts mit soliden Läden verschließen. Die Bewohner
niedriger Hofhäuser errichten sich deshalb den Mirador, der als
Periskop und Hochsitz die Wohnfestung überragt.
Erst in sicherer Höhe lässt sich das Guckloch vergrößern:
Dann liefert es tiefe und breite Aussichten und streckt sich zum
horizontalen Schlitz des Panoramafensters. Panoptische Schaulust, die nur dem abendländischen Wohncharakter bescheinigt
wird, lässt dessen ganzes Haus zum Cockpit werden und jedes
seiner Fenster zur Rahmung einer einverleibten Landschaft.
Lichtfänger
Erst Öffnungen über Augenhöhe werden zu effektiven Lichtfallen: Oberlichter und Glasdächer wenden sich dem hellsten
Zenitlicht zu und lenken es in tiefer gelegene Räume. Wohnbauten waren lange Zeit durch hochformatige Vertikalschlitze
geprägt, wohingegen Werkstätten und Ateliers ihren Lichtbedarf schon früh aus großflächigen Verglasungen deckten. Diese
mussten freilich meist durch Vorhänge, Jalousien oder transluzente Anstriche vor zu viel Sonne oder Einblicken geschützt
werden. Die Lichtfalle heißer Zonen, den Patio, nannte Jorge
Luis Borges einen „Brunnen, durch den der Himmel ins Haus
fällt“. Gruppiert sich die Wohngruppe um einen Hof, wird sie
reich beschenkt mit Stern- und Wolkenbildern, Wassergüssen
und einem Übermaß an Sonne, das dann unter Schirmen und
Arkaden auf Schattenstärke gedimmt werden muss. Hier richtet also der Gemeinschaftsraum ein Riesenauge zum offenen
Himmel, während sich Schlafplätze und Privaträume unter
die Arkaden zurückziehen und ihre Gucklöcher nicht mehr
nach draußen, sondern zur Mitte gerichtet sind.
Wie den Grundriss wollte die funktionalistische Moderne
auch einen Helligkeitsbedarf nach dem Gebrauch programmieren, mit dem Erfolg, dass unter Normierung und Multiplizierung
auch die Befensterung in Stereotypie verfiel. Ein Gegenmittel hierzu ist die Multifunktionalität nicht nur zeitgenössischer
Grundrisse, sondern auch der Fassaden, deren Entwerfer aus
Angst vor falschen Fensterformen immer häufiger auf ganzverglaste Wohnwände ausweichen. Was Wunder, dass alte Spielarten beweglicher Verschattung wiederentdeckt und technisch
perfektioniert werden: Indem der Bewohner Jalousien kippen
und Läden verschieben, Transparenzen und Farben moderieren, zwischen Hell und Dunkel frei wählen kann, wird er zum
selbstverantwortlichen Lichtgestalter seines Ambientes.
Dazu kann die japanische Wohntradition nützliche Erfahrungen beitragen: Weil sie schon immer nur Mehrzweckräume
kannte, hat sie die Lichtregie mithilfe raumhoher Schiebefenster und -türen schon lange Zeit erprobt, beherrscht den Wechsel zwischen transparenten, transluzenten und opaken Wänden,
nutzt die Auskragungen und Einbuchtungen der Terrassen im
Spiel mit der Sonne und nuanciert die Dunkelheit von tiefen
Räumen durch Spiegelungs- oder Absorptionseffekte. 2
Schaufenster
Schon der Begriff des ‚Windauges’ besagt, dass nicht alle Fenster
dem Lichteinfall dienen wollen. Viele bieten sich auch nur Blicken an nach draußen wie nach drinnen. Nicht bloß Kaufläden,
auch Wohnungen brauchen Schaufenster: ein kleines dort vielleicht, wo sich das Egozentrum als Museum oder als Atelier dem
Besucher öffnet; ein großes gewiss dort, wo sich das Wohnfoyer
nach draußen präsentiert: Während sich hinter niederländischvorhanglosen Scheiben nur eine dekorative Wohnstube zeigt, hat
der Villenbesitzer schon mehr auszustellen, und der urbane Single outet schon gern einmal seinen kompletten lifestyle durch die
Ganzglaswand. (Was Wunder, dass Palladios Villa Rotonda, die
auf ihren vier Schaubühnen nach allen Himmelsrichtungen Ausund Einblicke theatralisch verbindet, zur panoptischen Ikone
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wurde.) Das definitive Glashaus – als Extremprodukt selten rea- reiche Folgen: Denn nicht zuletzt haben die Wohnterrarien
lisiert, aber übermäßig publiziert – ist der Höhepunkt nicht des – eigentlich als Biotope für Pflanzen und Tiere eingerichtet –
Lichthungers, sondern der Exponierung. Seine scheinbaren Ent- dazu verholfen, biophysische Lichtwirkungen ernst zu nehmen,
grenzungen müssen durch Distanzierung (also ein größtmögli- die auch den menschlichen Organismus schon immer steuerches Grundstück) erkauft, die unvermeidlichen Schamgrenzen ten, aber erst neuerdings als unentbehrlich erkannt sind.
durch Verschleierungstechniken doch wieder errichtet werden.
Eine abschließende Bemerkung zum Thema ‚Fenster‘: BesOb also im exhibitionistischen Schaufenster des Terrariums oder ser als jede Vorlesung es könnte, illustriert Alfred Hitchcocks
als dekorative Verschleierungen eines orientalischen Harems: jede ‚Fenster zum Hof‘ unser Thema – ein veritabler Lehrfilm, der
Wohnfassade wird nolens volens zur Werbefläche. Wenn im Hof- über die Eventualitäten der Behausung und alle Eigenschaften
haus die Angst vor der Straße keine Vitrinen mehr erlaubt, wird der Befensterung erzählt, aber auch über die riskanten Abendie Ausstellung hinter die Türschwelle verlegt, wird der Hof zur teuer des Beobachtens und Beobachtetwerdens. Eine Reise
Repräsentationszone. Noch die Fenster der jemenitischen Woh- um die Welt des Wohnens, des Sehens und der Lichtwirkunnung, obwohl zurückgezogen ins oberste Geschoss eines Tur- gen in zwei Stunden!
mes, bleiben plakativ, diesmal mit farbigsten Glasornamenten
verschleiert, die zugleich sehr fernwirksam nach außen und bild- die genien des wohnlichts
kräftig nach innen strahlen.
Ohne ihn ignorieren zu können, muss eine kurze thematische
Skizze wie die vorliegende jenen 3000-jährigen Lichtdiskurs ausTerrarien
klammern, der von Philosophen und Physikern, von Psychologen
Die Heilsbotschaft der Wohnreformer „Mehr Licht, Luft und und Künstlern, neuerdings von Neurologen und Informatikern
Sonne“ zur Linderung der Wohnungsnot in der Hinterhöfen, geführt, eine gigantische Enzyklopädie des Spekulierens und
und überhaupt die vielstimmigen Appelle für „mehr Natur“ Wissens hervorgebracht hat. Ebenso unerwähnt bleiben an diefanden auch in den Wohnetagen der Vorderhausbesitzer ser Stelle Theorien der Lichtarchitektur mit ihren symbolischen,
Gehör: Diese lüfteten und lichteten ihre nippes-überladenen ästhetischen und anwendungstechnischen Kapiteln. 4 Sogar EinSalons, bereicherten ihre Straßenfassaden mit Fenstertüren, stein hat einst sein Nichtwissen bekannt: „Den Rest meines
Balkons, und Glasveranden, hinauf bis zu Dachgärten, die Lebens werde ich noch darüber nachdenken, was Licht ist.“ Aber
der Orangerie und dem Wintergarten des Adels nacheiferten. selbst der Ahnungsloseste kann mit- oder nachempfinden, was
Erkundeten Wandervögel und Badetouristen die „freie“ Natur, Licht bewirkt, zum Beispiel in seiner Wohnung:
dann holte sie der Hobbygärtner in Pflanztrögen, Aquarien
1. Von der ersten Höhle bis zu Frank Lloyd Wrights beispielund Volieren unter sein heimisches Glasdach.
Daran hat sich ein Jahrhundert lang nur verändert, dass gebenden Entwürfen hat sich Wohnen um Feuerstellen organach und nach auch die Mietwohnung Terrarien nachrüs- nisiert. Wenn die Beleuchtung dabei auch kein Hauptmotiv
tete und zuletzt sogar die Vorstadtvilla – eigentlich schon im war, dann doch eine Nebenerscheinung, die sich erst seit
Grünen gelegen – ihre Kontaktzone um einen Wintergarten der Elektrifizierung von der offenen Flamme verabschiedet
bereicherte: weniger des Gartens wegen – dem man ja schon hat. Seit mehr als einer Million Jahren soll der Mensch nun
auf der Wohnterrasse nahe war –, sondern um nicht zurück- schon am Feuer wohnen; das kalte Licht der Entladungslamzufallen hinter den zeitgemäßen Trend, der jetzt hieß: Wohn- pen bescheint ihn noch kein Jahrhundert. Als transportable Wärmequelle erlaubte das Feuer den frühen Emigranten,
ökologie durch Sonnenenergie.
Die Glaswand verspricht neuerdings vollends zum Strom- auch kältere Regionen zu besiedeln: ihr erstes controlled envkraftwerk zu werden und das Wohnen energetisch autark zu ironment war nicht nur regendicht, sondern auch beheizbar,
machen. Licht aus dieser Öffnung scheint nur noch ein Neben- und ein wohltuendes Nebenprodukt des Herdfeuers, das erste
produkt der Wärmegewinnung, hat aber ungewollt segens- Kunstlicht, beleuchtete ihre Unterkünfte, lange bevor diese
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D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
In Beatrice Mindas Fotografien
stehen Innenräume als Platzhalter für den Wunsch nach Rückzug, Intimität und Heimat. Links:
Tomnatic, 2004, rechts: MassyPalaiseau, 2005.
ein Fenster erhielten. Sonnen- und Feuererfahrungen haben
in unserer Wahrnehmung eine stabile Licht-Wärme-Kopplung
geschaffen, an der auch die spürbare Abkühlung in moderneren Leuchtmitteln nichts ändern wird, weil unser Körper
sie täglich wieder beglaubigt (und die noch in der Glühbirne
nachfühlbar bleibt). „Licht ist der Genius des Feuerprozesses;
Licht macht Feuer!“, folgert Novalis geheimnisvoll. Mit Feuerkontrolle beginnt die Genese menschlicher Techniken, und
mit neuen Lichteinsätzen auf elektronischen und nanotechnischen Terrains hat eine Zukunft schon begonnen, die eine
photonische zu werden verspricht. Dem ältesten Genius lucis
werden wir dann nur noch in Kerzenflammen und Kaminfeuern begegnen.
2. War unser Lichtbewusstsein lange Zeit besetzt und abgelenkt von den optischen Faszinationen des Sehens und Belichtens (und von den Techniken der Aufhellung), richtet es sich
nun mehr und mehr auf den invasiven Dialog des Mediums
mit unserem Körper, anders gesagt auf die Regieanweisungen der Sonne. Aufgeschreckt von neurologischen Befunden
zur menschlichen Willensschwäche, fühlen wir deutlicher den
altbekannten, aber neu benannten circadianen Lichtzwang,
der unserer Verhaltensfreiheit Zeitgrenzen setzt und den Profiteuren des 24-Stunden-Tags Sorgen bereitet. Mich befriedigen dagegen die taktgebenden Devisen, setzen sie doch dem
derzeit meistgenannten Übel der Menschheit, der Beschleunigung, eine stabilisierende Heliotherapie entgegen.
Aus jüngeren physiologischen Forschungsergebnissen
erfahren wir, welch immense Kontroll- und Steuerungsaufgaben über unser hormonelles und vegetatives Wohlergehen den Himmelslichtern obliegen. Eine neue somatische
Rolle des Lichts wird seiner optischen Bedeutung ebenbürtig. Zuerst unbeabsichtigt, ist mit dem Erfolg der Terrarien
nicht bloß ein Fenster zur äußeren Natur geöffnet worden,
sondern auch eines zum Inneren unseres Körpers: Wohnen
unter Tageslicht ist ein Mittel der Selbsterhaltung, seit wir wissen, dass wir nichts Besseres tun können, als diesem Genius
auch unsere lichthungrige Epidermis so oft und so lange wie
möglich auszusetzen. Glücklich der Eigenbrötler, der sein
privates Refugium als Biosolarium des Echtlichts einrichten
könnte. Rousseaus „Zurück zur Natur“ erhält ein weiteres
Mal neue Argumente (deren Weisheit letzter Schluss freilich
wäre, nur noch bei Tageslicht zu arbeiten).
3. Ein geografisch fixierter, also schon deshalb einzigartiger Ort
beherbergt ohne Frage jenen Genius loci, der von Erdgeschichte,
Klima oder Bautraditionen geprägt einen exklusiven Charakter besitzt. Sein blauer oder besternter Himmel, seine Sonnenauf- und -untergänge, seine Bewölkungen oder Gewitterblitze
kennzeichnen ihn nicht: Er teilt sie mit unzähligen Bauorten
bewohnbarer Erdstriche. Alles Bauen besteht in der Errichtung
von Grenzen: Belichtung und Durchleuchtung sind Grenzverletzungen; alles Bauen formt schwere und reglose Gebilde. Lichter
sind Mobilmacher und Verwandler, also gewiss Widerspruchsgeister des Bauens, aber damit keine Widersacher des Wohnens.
Sie gehören zur Klasse der medialen Erreger, die eine immobile
und stumme Baumasse mit Anmutungen aufladen: mit jenen
unwägbaren ‚atmosphärischen’ Licht-, Farb-, Temperatur-, Klangoder Geruchswirkungen, die zum behaglich gestimmten Raum
mehr beitragen als die Formsprachen der Geometrie und Proportion, der Materialien und Designs. Als ein Unruhestifter macht
der Genius lucis auch dem Erdverbundenen Mut zur Bewegungsfreiheit: Benötigt ein künstliches Habitat auch Grenzschutz, so
dürfen seine Wände doch nicht allzu schwer sein und müssen
versetzbar bleiben auf der Oberfläche unseres Heimatplaneten.
Immerhin begleiten uns dessen verlässliche Feuer- und Sonnenlichter nach überallhin, und dies als kostenlose Wohngüter, die
sich jeder Privatisierung und Privilegierung verweigern.
Gerhard Auer (1938) studierte Architektur an der Universität Stuttgart und ist seit
1967 als selbstständiger Architekt tätig. Von 1980 bis 2004 hatte er eine Professur für
Entwerfen an der TU Braunschweig inne. Seit den 80er-Jahren befasst er sich intensiv
mit der Theorie und Praxis des Lichts in der Architektur und im Stadtraum.
www.gerhardauer.de
Fußnoten
1. Eine Ausnahme: „LichtEinfall“ von Michelle Corrodi und Klaus Spechtenhauser
(Birkhäuser, 2008)
2. Siehe auch Junichiro Tanizaki „Lob des Schattens“ (Manesse, 1987
3. Beste interdisziplinäre Studie: Arthur Zajonc: „Die gemeinsame Geschichte von
Licht und Bewusstsein” (Rowohlt 1994)
4. Siehe hierzu u. a. die Publikationen unter www.gerhardauer.de
49
TAGESLICHT IM
DETAIL
Genauer hinsehen: Wie Tageslicht
in Gebäude gelangt.
FOTOGRAFIE VON BJÖRN KUSOFFSKY
INNENLICHT UND
AUSSENWELT
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D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
Von Nick Baker
Im Laufe der Jahrhunderte hat uns die Architektur
immer mehr von der Natur und ihren Licht- und
Temperaturschwankungen abgeschottet. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen jedoch, dass der
Mensch weitaus anpassungsfähiger ist, als in den
geltenden Normen und Regelwerken angenommen.
Diese Erkenntnis kann nicht nur zum Bau gesünderer
Häuser beitragen, sondern auch Energie sparen und
die CO2-Emissionen einschränken.
Links 95 Prozent seiner Zeit
verbringt der moderne Mensch
heute in geschlossenen Räumen
– die Elektrifizierung nimmt
einen hohen Anteil an fossiler
Energie in Anspruch. Dem
Tageslicht bleibt im menschlichen Alltag nur noch eine
Nebenrolle zugewiesen.
einleitung
Obwohl wir 95 Prozent unserer Zeit drinnen verbringen,
kommen wir eigentlich aus der Natur. Der Ursprung unserer heutigen Gene liegt in Wiesen, Wald und Bergen, nicht in
klimatisierten Schlafzimmern oder ergonomischen Arbeitsplätzen. Die außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit des Menschen an seine natürliche Umgebung ermöglichte ein Leben
von der Subarktis bis zum Äquator lange vor unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen.
Das Sehen spielte hierbei eine entscheidende Rolle. Jahrtausendelang konnten wir nur bei Tageslicht sehen, was unseren Tagesablauf von Arbeit, Erholung und Spiel bestimmte.
Die spektrale Sensitivität unseres Auges ist nahezu perfekt auf
das Solarspektrum abgestimmt; wir können millionenfache
Helligkeitsgrade zwischen Sonnen- und Sternenlicht unterscheiden. Man kann durchaus behaupten, dass das Tageslicht
uns fundamental und genetisch prägt. Im Folgenden werde
ich erläutern, wie wir auf unser modernes Wohnumfeld reagieren, das sich weitaus mehr von unseren primitiven Ursprüngen
unterscheidet als die heutigen Sozial- und Familienstrukturen.
Insbesondere beschäftigen wir uns mit der psychologischen und
physiologischen Reaktion auf Tageslicht, dem verminderten
Tageslicht in Gebäuden und mit Technologien, die angesichts
unseres mittlerweile besorgniserregenden Energieverbrauchs
wieder vermehrt auf das Tageslicht zurückgreifen.
Mit Erfindung der Leuchtstoffröhre setzte sich künstliches
Licht allmählich als mögliche Alternative zum Tageslicht
durch. Höhere Leuchtkraft und billigerer Strom kamen dem
neuen Ideal von größeren, dunkleren Flachbauten entgegen.
Mit mechanischer Belüftung und Neonlicht ließ sich dieser
Traum verwirklichen.
Andere technische Weiterentwicklungen in jener Zeit
führten zur recht preisgünstigen Massenherstellung großer
Glasscheiben mit entsprechenden Rahmenstrukturen. Gute
Neuigkeiten für das Tageslicht, sollte man denken, doch ironischerweise bewirkten solche Glasfassaden (siehe Abb. 1) häufig
eine schlechte Lichtverteilung in den Räumen aufgrund hoher
Unterschiede in der Beleuchtungsstärke. Sie bedurften daher
einer permanenten künstlichen Zusatzbeleuchtung, um dies
zu korrigieren. Zudem erwiesen sich die großen Glasflächen
sommers wie winters als nachteilig für den Wärmekomfort,
sodass viele Architekten kleine Fenster bevorzugten und sich
zu 100  auf künstliches Licht verließen. Das ‚dunkle Zeitalter des Neonlichts‘ brach an (Abb. 2).
Heute, fünfzig Jahre später, messen wir dem Energieverbrauch angesichts des hohen CO2-Ausstoßes und der
Erderwärmung wieder verstärkt Bedeutung bei. Trotz einschneidender Verbesserungen der Leuchtwirkung von Lichtquellen – ein zentrales Anliegen im letzten Jahrhundert – ist
und bleibt künstliches Licht wesentlicher Mitverursacher der
CO2-Emissionen. Bei genauerer Betrachtung erweist sich die
tageslicht in innenräumen
Nutzung künstlichen Lichts bei angemessenem Tageslicht
Historisch gesehen gab es bis weit ins 20. Jahrhundert kaum eine mindestens zu 50  als überflüssig. So groß die Fortschritte
Alternative zum Tageslicht. Künstliche Beleuchtung war teuer: In in der Entwicklung von Lichtsteuerungen auch sein mögen
1900 kostete jedes Lumen etwa 300-mal mehr als heute. Außer- – es ist an der Zeit, sich wieder auf den technischen Wert des
dem war künstliches Licht ungesund – Gas- und Öldämpfe Tageslichts zu besinnen.
wirkten sich verheerend auf die Luftqualität aus – und gefährlich
– vermutlich die größte Brandursache überhaupt. Daher betrach- tageslicht im haus
tete man künstliches Licht als notwendiges Übel in den Nacht- Der Lichtplanung wird vor allem in Geschäfts- und Bürogestunden, und niemand im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zog bäuden große Aufmerksamkeit geschenkt, erstens vermutlich,
künstliche Beleuchtung am Tage auch nur in Erwägung. Sogar weil diese überwiegend am Tag genutzt werden, und zweitens,
das elektrische Licht, 1870 erfunden, konnte sich erst nach etwa weil der Bauherr Wert legt auf ein komfortables und produkfünfzig Jahren durchsetzen, blieb aber teuer wegen der techni- tives Umfeld. Wohnhäuser hingegen werden sowohl nachts als
schen Grenzen der Glühlampe. Bis in die 50er-Jahre orientierte auch tagsüber genutzt und deutlich stärker von den Bewohman sich bei der Gebäude- und Stadtplanung maßgeblich am nern kontrolliert. Zudem lassen sich die meist kleineren Räume
relativ problemlos auf natürliche Weise beleuchten. Dennoch
Einfluss des Tageslichts.
51
Mit einer erhöhten Sensibilität
für ökologische und energiewirtschaftliche Zusammenhänge
sollte auch dem Tageslicht eine
größere Bedeutung beigemessen
werden. Licht und die Nähe zur
Natur haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf unsere
Gesundheit.
gibt es zum Beispiel in Großbritannien schon länger Empfeh- manische Fixierung auf Beleuchtungsgrade und andere technilungen bzw. verbindliche Vorschriften für den Tageslichtfak- sche Messgrößen erschwert es, die anerkannten Standards allein
tor: mindestens 2  für Küchen, 1,5  für Wohnzimmer und mit Tageslicht zu erfüllen. In Leistungsverzeichnissen dreht sich
alles um künstliches Licht, das Tageslicht wird bestenfalls als
1  für Schlafzimmer.
Aber nicht nur die Gestaltung von Raum und Fenster beein- ästhetische Option betrachtet. Bei stets verfügbarem künstliflusst das verfügbare Tageslicht. Die Städteplanung wirkt sich chem Licht wird die Frage, ob ein Gebäude von Sonnenlicht
auf das verfügbare Tageslicht an der Gebäudehülle aus. Nach- durchflutet ist, irrelevant. Wir haben dies in einigen modernen
dem man lange vorzugsweise Städte mit geringer Wohndichte Bibliotheken, die von der Presse wegen ihres guten Tageslichtbaute, plädieren viele heute aus Gründen der Energieeffizienz designs allseits gelobt worden waren (Abb. 4), konkret erlebt.
wieder für eine hohe Dichte. Bei einer Dichte von 50 bis 100 Als wir bei klaren Wetterverhältnissen den Bibliothekar fragWohneinheiten pro Hektar lässt sich das geforderte Tageslicht- ten, ob er das Licht ausschalten könne, wurde dies meistens aus
niveau jedoch nur schwierig erreichen. Abb. 3 illustriert eine Gründen der „Gesundheit und Sicherheit“ verneint!
Studie zu einem neuen Entwicklungsgebiet in Leicester (GB).
Dabei wurde in einem dreidimensionalen digitalen Modell der tageslicht, aussicht und natur
Sky View Factor (SVF) aufgezeichnet. Diese Größe misst die Die adaptive Komforttheorie besagt, dass die Menschen gegenSonnenexposition an einem bestimmten Punkt und ist somit über Veränderungen in der Umwelt eine weitaus größere ToleIndikator für das Tageslichtpotenzial dort und im angrenzenden ranz beweisen, als Labortests vermuten lassen. Dies wurde am
Raum. Interessanterweise variierte der SVF aufgrund der hete- Beispiel des Wärmekomforts umfassend demonstriert. Tatrogenen Gebäudeformen sehr stark; dies ließ sich aber größten- sächlich gibt es Belege dafür, dass der Mensch auf nicht-neuteils durch individuelle Designlösungen ausgleichen. Eine hohe trale Stimuli positiv reagiert, wenn deren Ursache als natürlich
Wohndichte erfordert zweifellos großen Einfallsreichtum von erkannt wird. Lisa Heschong hat dies 1979 in ihrem Buch
Architekten und Baustofffabrikanten. Fundierte Kenntnisse der ‚Thermal Delight in Architecture‘ beschrieben. Lässt sich diePhysik des Tageslichts sind hierfür unerlässlich.
ses Prinzip auch auf das Licht anwenden?
Unsere Lichtempfindlichkeit unterscheidet sich von unseumweltkomfort
rem Wärmeempfinden. Licht als solches ist selten lebensbedrohUnser moderner ‚Indoor-Lifestyle‘ verbraucht Unmengen an lich. Trotzdem kann es in seiner Rolle als Informationsträger
fossiler Energie, um uns von der Natur abzugrenzen, aus der durchaus lebensnotwendig sein. Natürliches Licht signalisiert
wir stammen. Am deutlichsten zeigt sich dies bei Heizung und den täglichen Zyklus von Ruhe- und Schaffensphase und ist
Kühlung unserer Gebäude: Temperaturschwankungen – so das sozusagen lebenserhaltende Maßnahme.
Aber lassen sich ähnliche Reaktionen auf das Licht wie
gängige Credo – sind um jeden Preis zu vermeiden. Das Ziel ist
eine optimale Umgebung‘ mit Komfortgarantie und Selbstregu- auf die Wärme feststellen? Parpairi kam in ihrer Studie in
lierung ohne Eingreifen des Bewohners. Diese Anforderungen, Cambridge zu einem unerwarteten Ergebnis. Sie untersuchte
die weitgehend auf Studien zum menschlichen Wohlbefinden in die Reaktionen der Benutzer diverser UniversitätsbibliotheKlimakammern beruhen, werden nun in Frage gestellt. Neueste ken auf unterschiedliche Tageslichtverhältnisse. Abb. 5 zeigt
Erkenntnisse besagen, dass die Menschen nicht-neutrale Bedin- zwei Fälle: Zum einen eine Arbeitskabine mit qualitativ hochgungen in realen Gebäuden viel besser tolerieren, dass es ohnehin wertiger technischer Beleuchtung (blendfreies diffuses Licht
keine optimale Umgebung gibt und dass die meisten Menschen ohne störende Kontraste), zum anderen einen Arbeitsplatz am
eine mögliche Regulierung zur Anpassung an nicht-neutrales Fenster, wo die Lichtbedingungen je nach WetterverhältnisEmpfinden (Adaptionsmöglichkeit) bevorzugen. Dieser neue, sen stark variieren, insbesondere bei Sonnenschein.
als adaptive Komforttheorie bezeichnete Ansatz geht davon aus,
Die Studie zeigt, dass die zweite Situation bevorzugt wurde.
dass Häuser auch mit weniger technischen Finessen akzeptiert Die Benutzer genossen die sonnige Aussicht auf den Fluss Cam;
werden, was wiederum zu beträchtlichen Energieeinsparungen wurde die Blendwirkung zu stark, konnten sie sich in den schatführt. Ähnliches gilt für die Beleuchtung von Gebäuden: Die tigen Teil des Raums zurückziehen. Das Gebäude bot adap-
52
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
53
FOTOGRAFIE VON BJÖRN KUSOFFSKY
tive Möglichkeiten, und trotz der starken Stimuli natürlichen
Ursprungs fühlten sich die Benutzer sehr wohl. Zwar weist dieser
Fall Parallelen zu verstärktem Wohlbefinden bei natürlich stimulierter Wärme auf, ist aber wegen der viel größeren Kapazität
des Lichts als Informationsträger deutlich komplexer. Man kann
nur mutmaßen, ob das Ergebnis dasselbe gewesen wäre, hätte
man die idyllische Flusslandschaft durch einen Parkplatz oder
eine Müllhalde ersetzt. Natürlich ist die übermittelte Information wichtig, auch wenn sie nichts mit der zentralen Aufgabe zu tun hat. Hier geht es um Atmosphären, und offenbar
wird eine natürliche Atmosphäre sehr geschätzt.
Ulrich untersuchte in einer bemerkenswerten und viel
zitierten Studie den Einfluss eines Naturausblicks auf Patienten nach einer Operation. Die Patienten mit Aussicht auf
eine Naturlandschaft mit Bäumen in einiger Ferne erholten
sich nachgewiesenermaßen rascher als diejenigen mit Blick
auf eine blanke Wand (Tabelle 1).
Eine auf offizielle Schulleistungstests gestützte Studie der
Heschong Mahone Group in den USA ergab, dass sich der jährliche Lernfortschritt in Mathematik und Englisch bei 8- bis 10-jährigen Schülern in Räumen mit natürlichem Lichteinfall von 6 
auf 26  steigerte. Dieser Effekt wurde bereits dort festgestellt,
wo das Tageslicht nur durch diffuse Lichtschächte einfiel; die
größten Fortschritte aber wurden erzielt, wenn das Tageslicht
auch durch Fenster hereinkam. Zuletzt ein Faktum, das wir
alle kennen. Wie oft sieht man, dass jemand in einem natürlich
beleuchteten Raum auch beim schwindenden Tageslicht gegen
Abend zu lesen fortfährt? Mit Hilfe protokollierter Messungen
der Lichtstärke im Raum bestimmten wir den Schwellenwert,
an dem künstliche Beleuchtung eingeschaltet wird. Das Ergebnis war verblüffend: Die typischen Werte bewegten sich um nur
70 Lux und waren somit 4- bis 5-mal niedriger als die Standardlichtstärke für künstliches Licht. Eine so geringe Lichtmenge
würden wir bei künstlichem Licht niemals tolerieren (höchstens in einem romantischen Restaurant). Dies bestätigt erneut
unsere Toleranz gegenüber den Veränderungen unserer Umgebung, sofern diese natürlichen Ursprungs sind.
Tageslicht transportierten Informationen allerdings auch von
psychologischer Bedeutung sein können.
Moderne Technik macht es möglich, künstliches Licht
zu erzeugen, dessen spektrale Eigenschaften sich nicht vom
Tageslicht unterscheiden und dessen Intensität variiert werden kann, um den natürlichen Verlauf des Sonnenlichts zu
imitieren. Würde dieses Licht aber durch eine konventionelle
Leuchte mitten im Raum geliefert, hätte es dann dieselbe
Wertigkeit wie Tageslicht? Gehen wir einen Schritt weiter:
Angenommen, bei dem Licht handelte es sich tatsächlich um
Tageslicht, das durch Spiegel und lichtleitende Elemente zugeführt wird, wäre es dann gleichwertig?
Stellen wir uns ein recht großes Fenster mit Ausblick auf
den Himmel, ein paar Bäume und die nähere Umgebung
vor. Das Tageslicht fällt auf die hellen Außenleibungen und
Fensterbänke und erleichtert dem Auge den Übergang von
der sanften Raumbeleuchtung zum hellen Himmel mit weißen Wolken. Nehmen wir weiterhin an, dass die Person im
Raum das Fenster öffnet, um eine Verbindung herzustellen
zur frischen Luft und zu den Gerüchen und Geräuschen der
Außenwelt. Keine Frage – der Wert des Lichts hängt von dessen Ursprung ebenso ab wie von seinen immanenten Eigenschaften. Das Gesamtpaket, das das Fenster zu bieten hat,
ist wertvoller als die Summe der einzelnen Teile. Die Funktion von Tageslicht und natürlicher Belüftung zu unterbinden, mag im Sinne technischer Kontrolle attraktiv sein, wird
aber niemals mit den Vorzügen eines simplen Fensters konkurrieren können (Abb. 6).
das fenster zur welt
Tageslicht hat viele wertvolle technische Eigenschaften – als
freie Quelle sichtbarer Strahlung mit einzigartigem Farbspektrum und wichtigen physiologischen Funktionen. Die zuvor
beschriebenen Fallstudien scheinen zu belegen, dass die vom
schlussfolgerungen
Unsere Gene sind ein Produkt der Außenwelt, doch mit der
Zeit haben wir unser Leben nach innen verlagert und versuchen, Innenräume vom ständigen Wechselspiel der Natur zu
isolieren. Für die meisten von uns, deren Leben sich überwiegend drinnen abspielt, ist das Fenster die letzte Verbindung
zur Natur. Kaum verwunderlich also, dass den Fenstern von
den Architekten in der Vergangenheit so viel Bedeutung beigemessen wurde. Nun aber laufen wir Gefahr, trotz all unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Mittel
den Wert des Fensters für Gesundheit und Wohlbefinden zu
vergessen. Absurderweise tragen wir durch den Bau von überwiegend künstlich beleuchteten Häusern auch noch zur Krise
der Erderwärmung bei.
54
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
2. Im Mittelalter der Lichtkultur –
der Kalamazoo-Firmensitz,
England, ein Beispiel für die
Abschaffung des Tageslichts in
den siebziger Jahren.
1.
3. Eine Sky View Factor (SVF)
Karte eines geplanten Wohngebiets mit dichter Bebauung
in Leicester (GB). (Die SVFs
auf Bodenhöhe an den Stellen
1–7 betrugen 0,32, 0,11, 0,39,
0,21, 0,42, 0,17 bzw. 0,09 und
sind Indikator für unterschiedlich starke Überschattung. Anmerkung: Der maximale SVF
einer senkrechten Fassade beträgt 0,5.)
2.
4. Die Bibliothek in Peckham,
England. Sogar in der Nähe der
Fenster bleibt das elektrische
Licht eingeschaltet – „aus
Gesundheits- und Sicherheitsgründen”.
5. Die Bibliotheken des Jesus
College (a) und des Darwin
College (b) in Cambridge zeigen ganz unterschiedliche
Tageslichtumgebungen.
3.
5a.
5b.
Tabelle 1:
Art des
Schmerzmittels
Dosisanzahl
Wandgruppe
Baumgruppe
Stark
2.48
0.96
Mittel
3.65
1.74
Schwach
2.57
5.39
Vergleich der erforderlichen Schmerzmittelmenge für Patienten mit Wandblick bzw. Aussicht auf Bäume; 46 Patienten zwischen 2 und 5 Tagen nach der
Operation (Quelle: R. S. Ulrich).
6. Das herkömmliche Fenster
bietet zugleich Tageslicht,
Lüftung und Aussicht.
4.
FOTO: ROBERT HARDING PICTURE LIBRARY
1. Eine vollverglaste Fassade aus
den Sechziger Jahren –
Universität Delft, Niederlande.
6.
Nick Baker studierte zunächst Physik, wechselte dann aber zur Architektur
und arbeitet in Bildung, Forschung und Beratung. Er veröffentlichte diverse
Studien zu den Themen Energieverbrauch in Gebäuden, Wärmekomfort und
Tageslicht und ist Co-Autor des Buchs ‚Daylighting Design of Buildings‘ (James
and James, London, 2002). Derzeit arbeitet er als Tutor und wissenschaftlicher
Mitarbeiter an der Architekturfakultät der Universität Cambridge.
Literaturhinweise
Heschong, L. Thermal Delight in Architecture, The MIT Press, 1979
Schiller, G.E., A comparison between measured and predicted
comfort in office buildings
Fußnoten
1. Laut Schätzungen verursacht die Beleuchtung in Großbritannien
11 % des CO2-Ausstoßes des gesamten Häuserbestands und erreicht sogar 30 % bei öffentlichen und Geschäftsgebäuden.
2. Der Tageslichtfaktor (DF) bezeichnet das Verhältnis des Beleuchtungsgrads an einem bestimmten Punkt im Haus zu demjenigen außerhalb des Gebäudes. Die typischen Werte liegen zwischen 1 und 10 %.
Parpairi, K. Daylighting in Architecture – Quality and User Preference.
PhD Thesis. Univ Cambridge, 1999
Ulrich, R S. View through a Window may influence Recovery
from Surgery. Science 224, 1984
Robson, E R., School Architecture, Leicester University Press (1972) 1874
Heschong Mahone Group., Daylighting in schools.
California Board of Energy Efficiency, 1999
55
VELUX EINBLICKE
Architektur für Menschen –
gebaut mit VELUX.
DISKRETER
NACHBAR
Wohnhaus in Randalstown
Von Jakob Schoof
Fotos: Alan Jones
Grün die Wiesen, grau die Städte und der Wolkenhimmel – dieser Farbklang hat die Landschaft Nordirlands seit jeher bestimmt und tut es bis heute. Alan
Jones‘ Wohnhaus in Randalstown fügt sich nahtlos in
dieses Bild: Mit seiner schwarzen Faserzementverkleidung könnte das Gebäude auch als Scheune oder
Gemeindehalle durchgehen. Seinen wohnlichen
Charakter entfaltet es – auf überraschende und
virtuose Art und Weise – erst im Inneren.
”Was heißt das, eine Architektur mit einer bestimmten Region
im Hinterkopf zu schaffen, bei der es sich in diesem Fall um
Ulster handelt? Welche Schlussfolgerungen und Fragen
ergeben sich daraus?
Wir legen großen Wert darauf, unsere Architektur so zu
interpretieren, da neue politische Wege einer soliden Basis
bedürfen, um erfolgreich zu sein – und nichts ist so permanent
und wahrhaftig fundiert wie ein Bauwerk.”
David Brett und Alan Jones in „Toward an Architecture”:
Ulster. Black Square Books 2007
Vorherige Seite Nebel verhüllt
den Friedhof der presbyterianischen Kirche von Randalstown.
Das Wohnhaus der Familie Jones
ist aus dieser Perspektive nur als
große, fensterlose Silhouette zu
erkennen.
Oben Erste Entwurfsskizzen,
die die Kubatur des Hauses klären. Primäre Frage während des
Entwurfs war für Alan Jones,
wie sich das Haus äußerlich in
seine Umgebung aus öffentlichen
Gebäuden einfügen würde und
gleichzeitig im Inneren der Familie Privatheit bieten könnte.
Rechts Während sich das Haus
der Familie Jones zur Straße hin
geschlossen und optisch ruhig
präsentiert, öffnet es sich auf der
Ostseite mit vier traufhohen,
schräg ausgestellten Erkern dem
von Süden einfallenden Tageslicht.
58
Wenn Wohnhäuser physische Größe zeigen, so ist dies meist eher dem Komfort- und
Repräsentationsbedürfnis ihrer Bewohner
geschuldet als der städtebaulichen Notwendigkeit. Mit anderen Worten: Häuser wirken
heutzutage in den allermeisten Fällen eher
zu groß als zu klein für ihr Umfeld. Von Alan
Jones‘ Haus im nordirischen Randalstown
lässt sich dies trotz seiner Grundfläche von
rund 20 x 7 Metern nicht behaupten: Es steht
als einziges Wohnhaus inmitten öffentlicher
Gebäude mit Solitärcharakter. Auf dem Nachbargrundstück erhebt sich die Kirche der Presbyterianer, ein ovaler, neo-georgianischer Bau
aus dem 18. Jahrhundert, daneben das dazugehörige Gemeindehaus und etwas weiter
entfernt ihr anglikanisches Gegenstück, die
Drummaul Parish Church, mit spitzem Turmhelm. An der Straße sind darüber hinaus die
Versammlungshallen der örtlichen Freimaurerloge und des Oranier-Ordens aufgereiht.
Ein weniger intimer Standort für ein Wohnhaus ließe sich in der 5000-Einwohner-Gemeinde schwerlich ausmachen, zumal das
Gartengrundstück der Jones‘ direkt an den
presbyterianischen Friedhof grenzt. Seiner
Lage entsprechend besitzt das Gebäude zwei
Eingänge entlang einer mit weißem Kalksteinkies bedeckten Zufahrt: einen vorderen, halböffentlichen, und einen hinteren, privaten, der
mit einer Holzterrasse auf der Südseite des
Hauses verbunden ist. Das Gebäudevolumen
lässt weder die innere Geschossteilung erahnen, noch macht es die Grundrisse ablesbar.
Alan Jones beschreibt die Straßenansicht
als „stumm, dunkel und optisch ruhig, mit
nur einem einzigen Giebelfenster, das nachts
erleuchtet ist“. Dafür öffnen sich vier traufhohe, schräg ausgestellte Erker auf der Ostseite des Hauses. Ihre Fenster weisen von der
Straße weg Richtung Süden. „Es war Zufall,
dass die Südseite von der öffentlichen Straße
abgewandt war, und der Kontrast zwischen
öffentlichem Norden und privatem Süden
wurde so von Anfang an zum Entwurfsthema“, sagt Alan Jones.
Auch im Inneren des Hauses wird dieser
Gegensatz spürbar, ohne dass er zu einer Trennung in einen öffentlichen Nord- und einen privaten Südteil geführt hätte. Im Gegenteil: Das
kombinierte Wohn-, Koch-, Ess- und Empfangszimmer im Erdgeschoss ist ein rund 20
Meter langer, nur durch Mobiliar und Glastrennwände unterteilter Raum, der sich über
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
59
Links Da die Räume im Obergeschoss weniger Platz beanspruchen als die im Erdgeschoss,
verzahnte Alan Jones die beiden
Geschosse miteinander. Zweigeschossige Lufträume bringen
das Licht der Dachwohnfenster
allenthalben bis hinunter ins
Erdgeschoss.
Unten Gold trifft grau: Raue, mit
OSB-Tafeln eingeschalte Sichtbetonwände bestimmen die
Lichtatmosphäre im Inneren.
Sie kontrastieren mit den weißen Decken und dem polierten
Betonfußboden.
Rechts Geheimnisvolles Äußeres
– mit seiner Faserzementverkleidung wirkt das Wohnhaus fast
wie ein Monolith. Das Gebäudevolumen lässt weder die innere
Geschossteilung erahnen, noch
macht es die Grundrisse ablesbar.
60
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
die gesamte Gebäudelänge erstreckt. Er vereint alle Funktionen von öffentlich bis privat
in sich: An der Straßenseite empfängt Alan
Jones seine Gäste und Besucher, dahinter folgen der Essbereich, die Küche und schließlich
der zum Garten orientierte Wohnraum. Jeder
dieser Abschnitte wird durch einen eigenen
Erker belichtet; die Räume im Obergeschoss
erhalten ihr Licht dagegen ausschließlich von
oben durch Dachwohnfenster. Vier Schlafzimmer und drei Bäder gibt es im Obergeschoss
– was viel ist für eine vierköpfige Familie und
doch weit weniger Platz beansprucht als die
Räume im Erdgeschoss. An den Giebelseiten
sind die Obergeschossräume daher teilweise
von den Außenwänden des Hauses zurückgesetzt. Der Wohnraum und der Empfangsbereich im Erdgeschoss erhalten so zusätzliches,
indirektes Licht durch hoch liegende Fenster
in den Giebelfassaden und Dachflächen. Die
Obergeschossräume scheinen als geschlossene Kuben über dem Erdgeschoss zu hängen,
ohne dass ihre Erschließung auf den ersten
Blick sichtbar wird.
Diese Verzahnung zwischen Erd- und
Obergeschoss ist jedoch nicht die einzige
Überraschung, die das Haus im Inneren bereit-
hält. Nahezu alle Innenwände sind mehr oder
weniger stark gegen den rechten Winkel verdreht; die Grundrisse wirken, als sei ein Wirbelsturm durch das Haus gefahren. Dabei ist ihre
Gliederung durchaus klassisch: im Osten die
Wohnräume und Schlafzimmer, im Westen
eine kleinteiligere und niedrigere Nebenraumspange mit Treppe, Bädern, WCs, Garderoben und Abstellräumen. Die schrägen Winkel,
stumpfen und spitzen Ecken sowie zweigeschossigen Lufträume verleihen den Innenräumen eine Dynamik und Spannung, die sich
erst nach und nach erschließt – und die Alan
Jones mit derjenigen der Kirche nebenan vergleicht: „Wie in der Kirche ist auch hier das
Gebäudeinnere nicht von außen ablesbar, und
in beiden Gebäuden wird man für das Eintreten belohnt.“
Die Belohnung schließt auch die Materialpalette im Innenraum mit ein: Alan Jones entschied sich für einen Massivbau aus Beton mit
vorgehängter Faserzementverkleidung. Die
Betonwände wurden mit groben OSB-Platten eingeschalt und haben deren Textur angenommen: eine natürliche, weiche, das Licht
streuende Oberfläche, mehrfarbig gefleckt
durch Abfärbungen der Schalplatten und
zahlreiche hellbraune Holzsplitter, die in der
Betonwand zurückgeblieben sind. Gemeinsam mit dem polierten Betonfußboden
ergeben sie einen eigentümlichen Höhlencharakter, dem auch das thermische Verhalten
des Gebäudes entspricht: Die unverkleideten
Betonmassen bilden einen vorzüglichen Wärmespeicher, der winters wie sommers Temperaturspitzen abfedert.
„Kann ein Wohnhaus eine wichtige Position in der Stadt einnehmen, in einer Reihe
öffentlicher Gebäude, und dort ruhen, in
friedlicher Koexistenz mit seinen bürgerlichen Nachbarn? Kann ein neues Wohnhaus
sich all jener optischen Hinweise entledigen,
die es als Haus identifizieren, sodass es mit
seiner Umgebung in Einklang steht und – wie
manche Bewohner des Orts sagen – ‚aussieht,
als hätte es immer dort stehen sollen‘?“, zählt
Alan Jones die Fragen auf, die ihn bei seinem
Entwurf geleitet haben. Mit seinem Haus in
Randalstown hat er sie selbst mit „Ja“ beantwortet. Er führt damit eine lange Tradition
von ‚Architekten-Wohnhäusern‘ fort, die eher
durch stille Größe, praktischen Nutzwert und
intelligente Details zu überzeugen wissen als
durch formale Extrovertiertheit.
61
Fakten
Gebäudetyp:
Bauherr:
Architekt:
Standort:
Einfamilienhaus
Laura and Alan
Jones, Randalstown, GB
Alan Jones, SPACE,
Queen’s University, Belfast, GB
Randalstown/Antrim, GB
Querschnitt
Grundriss Obergeschoss
Längsschnitt
Grundriss Erdgeschoss
Ansicht Süd
Ansicht Ost
Ansicht Nord
Ansicht West
62
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
Grundriss Kellergeschoss
Links Als einziges Wohnhaus
inmitten öffentlicher Gebäude
gelegen: Die Old Congregation
Presbyterian Church, das dazugehörige Gemeindehaus und Friedhof, die anglikanische Kirche
Drummaul Parish Church sowie
die Versammlungshallen der örtlichen Freimaurerloge und des
Oranier-Ordens umgeben das
Grundstück der Familie Jones.
Links unten Zweigeschossige
Lufträume erlauben diagonale
Querblicke in den Etagen und lassen von oben Tageslicht in die im
Erdgeschoss angesiedelte Küche
dringen.
Unter der schwarzen Dachhaut
öffnen sich tageslichthelle
Räume. Im Bad verstärkt ein
geschickt angebrachter Spiegel
den Eindruck der Weitläufigkeit.
63
64
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
PHOTO: SYBOLT VOETEN / MICHEL KIEVITS
VELUX IM DIALOG
Architekten im Dialog
mit VELUX.
„DIESES GEBÄUDE
STIMMT MICH
OPTIMISTISCH“
Interview mit Wessel de Jonge
65
Die Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam, eines der Meisterwerke der niederländischen klassischen Moderne,
wird Schauplatz des VELUX Daylight Symposiums im
Mai 2009 sein. Wessel de Jonge hat die Restaurierung
des Gebäudekomplexes nach einem langwierigen
Planungsprozess 2004 abgeschlossen. Daylight &
Architecture sprach mit ihm über seine Erfahrungen
mit der klassisch-modernen Architektur und über die
Rolle von Tageslicht und Innenklima in den Gebäuden.
Vorherige Seite Die „Van Nelle
Ontwerpfabriek“ gilt als Ikone
der Klassischen Moderne in den
Niederlanden. 2004 wurde das
Bauwerk von Brinkman & Van
der Vlugt nach seiner Sanierung
durch Wessel de Jonge Architects
und Hubert-Jan Henket wiedereröffnet.
D&A: Herr de Jonge, in den letzten Jahren
hat Ihr Architekturbüro diverse Gebäude
von Meistern der holländischen Moderne
wie Jan Duiker, Brinkman & Van der Vlugt
und Gerrit Rietveld restauriert. Worin liegen die Unterschiede zwischen diesen drei
Architekten?
Rechts In der 1931 fertig gestellten Van-Nelle-Fabrik wurden
einst auf industrielle Art und
Weise Tee und Kaffee produziert.
Nach der Renovierung durch
Wessel de Jonge beherbergt das
von der UNESCO ins Weltkulturerbe aufgenommene Gebäude
moderne Büros und Geschäftsbereiche.
WdJ: Die Unterschiede sind beträchtlich.
Rietveld benutzte ganz andere Entwurfswerkzeuge als Duiker und Brinkman & Van
der Vlugt, nämlich die eines Schreiners und
Künstlers. Duiker hingegen sah sich selbst
eher als Ingenieur denn als Architekt.
Diese unterschiedlichen Haltungen spiegeln die Suche der Architekten der 20erJahre nach neuen Strategien wider. Die
Architektur sah sich seinerzeit mit den Folgen der Industrialisierung konfrontiert, wie
der Massenmigration in die Städte, den Problemen der Arbeiterwohnviertel sowie neuen
Herausforderungen in Gesundheitswesen,
Hygiene und Bildung. Diese Belange waren
etwas völlig Neues und bewegten daher
auch die gesamte Architektur in eine neue
Richtung: Deren Schwerpunkt verlagerte
sich nun zunehmend von der künstlerischen
Arbeit hin zu wissenschaftlichen und technischen Ansätzen. Viele Architekten suchten
nach neuen industriellen Konstruktionsmethoden, die, wie sie behaupteten, zur Lösung
der mit der Industrialisierung einhergehenden Probleme unumgänglich seien.
Zunächst jedoch experimentierten auch
viele Architekten – wie die Künstler – mit
eher künstlerischen Lösungen wie etwa
66
den schlichten Formen und Primärfarben
der De-Stijl-Bewegung. Rietveld war in dieser Hinsicht äußerst engagiert. Duiker und
Brinkman & Van der Vlugt unterstützten
dagegen eine Bewegung, die das Wesen der
Architektur grundsätzlich in Frage stellte.
Sie favorisierten eine rationalere und technisch orientierte Problemlösung auf der
Basis gründlicher Analysen.
D&A: Verfolgten die drei Architekten auch
unterschiedliche Konzepte im Umgang mit
Tageslicht, oder überwiegen hier die Gemeinsamkeiten?
WdJ: In der Arbeit mit Tageslicht dominieren meines Erachtens eher Gemeinsamkeiten als Unterschiede. In der Moderne war die
Transparenz von Gebäuden gewissermaßen
Programm, ein allgemeines kulturelles Ideal
als Sinnbild einer Gesellschaft, die – so mutmaßten die Architekten – ebenso transparent
organisiert sei. Diese Vorstellung zeigt sich in
der extensiven Nutzung von Glas. Das Baukonzept der Van-Nelle-Fabrik beispielsweise
orientiert sich maßgeblich am Tageslicht.
Die Tiefe des Gebäudes wurde auf 19 Meter
beschränkt – ein Maß, das sich aus einer einfachen Berechnung ergab: Wenn man das
Gebäude an beiden Längsseiten dem Tageslicht öffnete, so mussten die Arbeiter auch in
der Raummitte noch ihr Tagwerk unter natürlichen Lichtbedingungen verrichten können.
Diese rationalen Anforderungen und Berechnungen sind ursächlich für die Form des
außergewöhnlich langen Flachbaus.
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
FOTO: FAS KEUZENKAMP
Im Sanatorium Zonnestraal sieht es ähnlich aus. Auch hier sind die Gebäude sehr
schmal, häufig beträgt ihre Tiefe nicht mehr
als 7,5 Meter. Die Besonderheit in Zonnestraal
war, dass die Patienten in separaten kleinen
Zimmern untergebracht wurden. In anderen
Sanatorien jener Zeit lagen meist 10 bis 12
Personen gemeinsam in einem größeren Saal.
In Zonnestraal hingegen waren die Zimmer
nur 3 Meter tief, sodass das Licht ungehindert
eindringen, die gesamte Raumtiefe beleuchten und Keime wirkungsvoll abtöten konnte.
Die Unterschiede zwischen den beiden Gebäuden bestehen im Wesentlichen
in den Baumaterialien wie Glas. In Zonnestraal sollten die Patienten vom Krankenbett ungehindert ins Grüne blicken können.
In der Van-Nelle-Fabrik waren Ausblicke
dagegen unwichtig bis unerwünscht, um
die Arbeiter nicht abzulenken. Folglich
benutzte man für das Sanatorium erstklassiges Fensterglas, für die Fabrik hingegen
eine geringere Glasqualität mit mehr Fehlern und Unebenheiten in der Oberfläche
sowie kleinere Glasscheiben. Dieses Glas
stammte ursprünglich aus der Gewächshausindustrie und wurde ausschließlich
in standardisierten Formaten hergestellt.
Brinkman & Van der Vlugt mussten sogar
die Gesamtproportion der Fassaden
ändern, um sie diesem billigen massenproduzierten Glas anzupassen.
D&A: Beschränkte sich die Nutzung des
Tageslichts im Modernismus auf visuellen
Komfort und Hygiene, oder berücksichtig-
ten die Architekten auch seinen psychologischen Wert?
WdJ: Der psychologische Wert des Tageslichts war natürlich enorm – ebenso wie seine
metaphorische Bedeutung. Duiker erwähnte
oft seine Abneigung gegen die Tendenz der
Menschen, alles zu kategorisieren. Als Ingenieur forderte er Unvoreingenommenheit
und die Fähigkeit, jede Lösung abzuwägen
und dann die beste zu wählen. Tageslicht war
immer Bestandteil seiner rationalen Denkweise. Duikers Absicht war, die Menschen
aus ihren dunklen Höhlen und Kellern hinaus
ins Freie, zur frischen Luft und ans Tageslicht
zu holen, ihre Gesundheit durch Sport zu fördern und größeren Wert auf Hygiene zu legen.
Interessanterweise lehnte Duiker noch eine
weitere ‚traditionelle‘ Beschränkung ab: den
Schutz historischer Gebäude. Dies birgt eine
gewisse Ironie, denn heute sind Duikers Häuser selbst Gegenstand des Denkmalschutzes.
D&A: Herman Hertzberger schrieb einmal:
„Dass man so ungehindert in holländische
Wohnzimmer blicken und nahezu am dortigen Leben teilnehmen kann, ist eine Tradition, die die Besucher dieses Landes immer
wieder verblüfft.” War diese Tradition einer
der Gründe, warum die klassische Moderne
mit ihrer Tendenz zu Offenheit und Transparenz in den Niederlanden so begeistert aufgenommen wurde?
WdJ: Das ist eine interessante Frage, die
ich nicht wirklich beantworten kann. Sicher-
lich sind die Niederländer, zumindest im
Westen des Landes, daran gewöhnt, ihren
Lebensraum – und auch die Gesellschaft
– ingenieursmäßig zu konstruieren. Mein
Wohnzimmer zum Beispiel liegt 4,5 Meter
unter dem Meeresspiegel. Wenn man unter
diesen Umständen nicht seine gesamte
Umwelt unter künstlicher Kontrolle hält,
ertrinkt man schlicht und einfach.
Wir sind also daran gewöhnt, die Umwelt
zu unserem Vorteil zu konstruieren und zu
modifizieren. Dies bedeutet, dass der Ansatz
der Architekten in den 20er-Jahren sehr gut
zu der holländischen Denkweise passte: Das
Problem analysieren, eine technische Lösung
finden und die Lösung in die Tat umsetzen.
D&A: Welche Planungswerkzeuge für
Tageslicht und Belüftung standen den Architekten der Moderne zur Verfügung, und wie
exakt waren sie?
WdJ: Einige Architekten jener Zeit – aber
längst nicht alle – wandten Methoden an,
die der modernen Bauphysik oder Konstruktionswissenschaft recht nahe stehen. Wie
schon gesagt, betrachtete Duiker sich eher als
Ingenieur denn als Architekt, und einige seiner Kollegen teilten diese Berufsauffassung.
Einer von ihnen war Johannes Bernardus van
Loghem, der zahlreiche Artikel über technische Themen wie Akustik, Kondensation,
Tageslicht, die Vorzüge passiver Solarenergie
und entsprechende Berechnungsmethoden
verfasste. 1932 veröffentlichte Van Loghem
ein Buch über Bauphysik und Bautechnolo-
67
FOTO: FAS KEUZENKAMP
Trotz der Gebäudetiefe von 19
Metern erhalten die 60 000 Quadratmeter Büroräume im Inneren
der Van-Nelle-Fabrik reichlich
Tageslicht. Die Fassaden sind so
transparent geblieben wie früher; lediglich die elektrische
Beleuchtung wurde den Erfordernissen der Bildschirmarbeit
angepasst.
gie, das wir vor Beginn unserer Arbeit an Van
Nelle und Zonnestraal gelesen haben. Dieses
Buch entspricht erstaunlicherweise ungefähr
dem Wissensstand, der mir 40 Jahre später
an der Universität vermittelt wurde. Im Vorwort begründet Van Loghem, warum er das
Buch schrieb: Viele zeitgenössische Architekten und Befürworter der Moderne wüssten
noch zu wenig über Bauphysik. Das gilt offensichtlich nicht nur für die 30er-Jahre, sondern
ist auch heute noch der Fall.
D&A: Aus heutiger Sicht waren der thermische Komfort und die sommerliche Überhitzung klare Schwachpunkte der meisten
klassisch-modernen Gebäude. Fehlten den
Architekten einfach die entsprechenden
Möglichkeiten?
WdJ: Keinesfalls! Sie hatten alle diesbezüglich eine klare Vorstellung. Aber unsere
Sichtweise hat sich seitdem verändert, und
wenn wir die damaligen Gebäude mit unserem modernen Verständnis betrachten, fällen wir natürlich ein negatives Urteil. Zum
Beispiel könnte das Sanatorium Zonnestraal
gemessen an modernen Standards wegen
seiner massiven Kondensationsprobleme
und sonstigen Mängel gar nicht ‚funktionieren‘. Man muss aber bedenken, wie das
Gebäude ursprünglich genutzt wurde: Während wir heute eine konstante Raumtemperatur von 21 Grad fordern, waren es damals
17 oder 18 Grad. Außerdem gehörte Frischluft zur Behandlungstherapie der Patienten,
weshalb Türen und Fenster auch im Winter
68
stets offen standen. Unter diesen Umständen ist Kondensation überhaupt kein Thema,
weil sie nicht auftritt!
Jan Duiker entwarf auch eine Freiluftschule in Amsterdam, in deren Klassenzimmern die Fenster während des Unterrichts
ständig offen standen. Er wusste natürlich, dass der thermische Komfort in diesem
Gebäude ein problematisches Thema sein
würde. Daher entwickelte er ein innovatives
Bodenheizungssystem nach dem Strahlungsprinzip, ganz ähnlich den heutigen Systemen zur Betonkernaktivierung. Obgleich
Duikers Erfindung letzten Endes nicht funktionierte, ist es bemerkenswert, dass er bereits
1942 ein derart zukunftsweisendes System
erdachte. Auch viele andere Architekten seiner Zeit waren sich ihrer Verpflichtung durchaus bewusst, eine angenehme und gesunde
Umgebung zu schaffen. Sie zeigten großes
Interesse an der Bauphysik, weil sie wussten,
dass sie ohne Kenntnisse der Klimatisierungstechnik nie offene Häuser und große Glasfassaden entwerfen könnten.
D&A: Was fanden Sie besonders schwierig
bei dem Versuch, die Gebäude der Moderne
nachzurüsten und den heutigen Klima- und
Lichtstandards anzupassen? Wo mussten
Sie Kompromisse eingehen?
WdJ: Da die Architekten der Moderne derart darauf bedacht waren, extrem leichte
Fassadenkonstruktionen zu entwerfen, ist
die Nachrüstung dieser Fassaden ein wichtiger Bestandteil jedes Sanierungskon-
zepts. Zugleich sind die Fassaden häufig
die schwierigsten Baukomponenten, da
man sie technisch verbessern muss, ohne
das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes
völlig zu verändern.
In unserem Büro haben wir uns daher
sehr intensiv mit Fassadenbau sowie Klimaund Lüftungstechnik beschäftigt, weil diese
Bereiche immer zusammengehören. So hängt
zum Beispiel der solare Energieeintrag in ein
Gebäude unmittelbar von der Glassorte ab
und ist seinerseits wiederum entscheidend
für die Kühllast des Systems. Nun kann ich
mich natürlich bei der Restaurierung eines
historischen Gebäudes dafür entscheiden,
die Fassade unangetastet zu lassen. In diesem Fall aber wäre der Klimatisierungsaufwand enorm, und am Ende führten dicke
Belüftungsrohre durch das ganze Haus –
mit katastrophalen Folgen für die architektonische Qualität. Sie sehen: Wir müssen bei
jedem Projekt ein Gleichgewicht finden zwischen innen und außen, indem wir einige Verbesserungen an Verglasung und Fassade und
einige an den Installationen vornehmen, bis
beide sich etwa in der Mitte treffen.
D&A: Sie sprachen einmal von der ‚veränderten Sicht’ der Architekten zur Erhaltung
modernistischer Gebäude. Wie hat sich dieser Standpunkt in den letzten 30-40 Jahren verändert?
WdJ: Vor dreißig Jahren betrachtete man
diese Gebäude noch nicht einmal als etwas
Besonderes. Sie waren einfach nicht alt
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
69
FOTO: FAS KEUZENKAMP
FOTO: CAPITAL PHOTOS
Am Amsterdamer Flughafen
Schiphol erinnert nur noch der
alte Tower an die Frühzeit des
Luftverkehrs. Wessel de Jonge
Architects bauten ihn 2001 zu
einem „Industry Club“ für die
Manager aus dem benachbarten
Business-Park um. Das oberste
Geschoss wird nun als „Sky Bar“
genutzt.
genug. Selbst die Architekten der Moderne
haben später zahlreiche Veränderungen an
ihren Häusern vorgenommen, ohne den Wert
ihrer eigenen, 30 Jahre zurückliegenden
Arbeit besonders hoch einzuschätzen. Nach
ihrer Überzeugung sollte Architektur funktional und unmittelbar mit dem Nutzungszweck
des Gebäudes verbunden sein. Änderte sich
die Nutzung, musste man auch das Gebäude
verändern – dieser Grundsatz entsprach der
funktionalistischen Logik jener Tage. Bis vor
drei Jahrzehnten galt daher der Grundsatz:
„Würden die Architekten selbst noch leben,
hätten sie das Gebäude ebenfalls verändert.
Warum es also nicht umbauen und einem
neuen Nutzungszweck zuführen?“
Vor 20 Jahren änderte sich diese Haltung. Einige Gebäude der Moderne wurden
als so besonders, innovativ und prototypisch
angesehen, dass man sie erhalten müsse.
Hierbei musste man allerdings selektiv vorgehen: Rund 80 Prozent unseres heutigen
Gebäudebestands stammen aus der Zeit
nach 1900. Beginnt man also erst einmal
mit der Erhaltung von Gebäuden aus dem
20. Jahrhundert, endet man rasch bei Millionen potenzieller ‚Kandidaten‘, aus denen
man eine begründete Auswahl treffen muss.
Zonnestraal zum Beispiel gehörte zu den
Gebäuden, die vor rund 20 Jahren unter
Denkmalschutz gestellt wurden.
Der dritte Wandel betraf die Frage, was
genau an den klassisch-modernen Bauwerken schützenswert sei. Noch vor zwanzig Jahren schätzte man die Gebäude eher
wegen ihrer Raumkonzepte und weniger
70
wegen ihrer Materialien. Im Gegensatz zu
älteren, handwerklich verarbeiteten Materialien betrachtete man die Industriewerkstoffe der 20er- und 30er-Jahre schlichtweg
als ‚ersetzbar‘ durch moderne Baustoffe,
selbst wenn sich das Aussehen eines Gebäudes hierdurch beträchtlich veränderte. Erst
in den vergangenen 10 Jahren hat sich diese
Haltung verändert. Häufig lassen nämlich
erst die Materialien das tatsächliche Alter
eines Gebäudes erkennen. Wenn Menschen,
die keine Architekten sind, die Van-Nelle-Fabrik aus gewisser Entfernung sehen und ich
sie frage: „Wie alt ist das Gebäude?“, antworten sie fast alle: „Vielleicht von 1960
oder 1965.“ Erst wenn man näher kommt
und das Haus betritt, zeigt sich an vielen
Details, dass es tatsächlich aus den späten
20er-Jahren stammt.
Jetzt, im dritten Stadium, erkennen wir,
wie wichtig es ist, die ursprünglichen Materialien, Oberflächen, Strukturen und Farben –
einschließlich Glas – zu erhalten. Als wir das
Projekt Zonnestraal in Angriff nahmen, plädierte ich als einziger im Team dafür, gezogenes Glas und kein Floatglas einzusetzen.
Schließlich besteht Zonnestraal fast nur aus
Glas – und wenn das nicht passt, was bleibt
dann übrig?
Sogar die Denkmalschutzbehörden verstanden damals den Unterschied nicht. Ich
aber hatte festgestellt, dass die Reflexionen
und die Sicht durch gezogenes Glas aufgrund
seiner Unregelmäßigkeit leicht verzerrt sind.
Das Material unterstreicht somit die Fragilität des Gebäudes. Würde man das Haus
mit einer Fassade aus Floatglas von außen
betrachten, sähe man eine perfekte Reflexion dessen, was hinter einem ist. Die Reflexion lenkt die Aufmerksamkeit ab, das Glas
erscheint weniger transparent und verliert
dadurch seinen Reiz.
D&A: Ursprünglich lag die geplante Lebensdauer Zonnestraals bei 30-40 Jahren. Handeln Sie mit der Sanierung des Gebäudes
dann nicht eigentlich gegen die Intention
des Architekten, und welche Konsequenzen
hat dies?
WdJ: Ja, wir arbeiten tatsächlich gegen
seine Intention, aber ich sehe darin kein Problem. Architekten wie Jan Duiker hegten die
Vorstellung, die ganze Welt werde irgendwann wie ihre Gebäude aussehen. Sie entwarfen Prototypen für die Zukunft. Aber
diese Prototypen fanden nie wirklich Beachtung: Zuerst kam die Wirtschaftskrise in den
Dreißigern, dann der 2. Weltkrieg, nach dessen Ende sich die Denkweise änderte und
sich der Einfluss der USA in der Bauindustrie bemerkbar machte. Deshalb gibt es heute
nicht mehr viele der Gebäude, wie sie Duiker und seine Zeitgenossen in den 20er- und
30er-Jahren bauten. Dies ist mit ein Grund,
warum wir sie schützen sollten.
Außerdem kann die Qualität eines Kunstwerks wertvoller sein als die Interessen des
Künstlers. Franz Kafka zum Beispiel verfügte
die Verbrennung all seiner Manuskripte nach
seinem Tod, doch man verbrannte sie nicht.
Kafkas Werke waren einfach wichtiger als
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
FOTO: SYBOLT VOETEN / MICHEL KIEVITS
Das Sanatorium Zonnestraal von
Jan Duiker war eigentlich nur für
eine Lebensdauer von 30 Jahren konzipiert worden. Umso
schwieriger gestaltete sich
seine Sanierung Anfang des 21.
Jahrhunderts. Unter anderem
wurde dabei gezogenes Fensterglas verwendet, das die gleichen
leichten Unebenheiten aufweist
wie das Original.
sein eigener Wunsch. Das Gleiche gilt für
ein Gebäude wie Zonnestraal: Was Duiker
dachte, ist vielleicht nicht so wichtig. Wir
treffen die Entscheidung, es zu erhalten, und
daher zählt unsere Philosophie und nicht
seine Sichtweise.
D&A: Sie schrieben einmal: „Die Pioniere
der modernistischen Bewegung sahen die
Daseinsberechtigung eines Gebäudes nicht
in seiner Geschichte, sondern in seinem Nutzen.“ Impliziert dies die Aufforderung an
heutige Investoren und Architekten, nach
passenden Möglichkeiten zur Wiederverwendung solcher Gebäude zu suchen?
WdJ: Das stimmt, die Pioniere der Moderne
hegten diese Ideen, die aber auch Teil ihrer
Polemik waren. Sie propagierten eine völlig
neue Architekturphilosophie, daher formulierten sie ihre Ansichten vermutlich radikaler,
als sie wirklich waren. Andererseits ist es auch
richtig, dass für sie die Schönheit eines Gebäudes in dessen Funktionalität wurzelte. Deshalb
sind wir stets bemüht, die neuen Nutzungen
der ursprünglichen Zweckbestimmung des
Gebäudes anzupassen. Das ist schon interessant, denn der Slogan in den Zwanzigern und
Dreißigern lautete ‚form follows function‘. Auf
der Grundlage einer festgelegten Nutzung
entwarfen die Architekten ein Gebäude. Wir
gehen genau den umgekehrten Weg: Um das
Erscheinungsbild des Gebäudes zu bewahren,
müssen wir eine seinem Charakter entsprechende Verwendung finden – mit anderen
Worten: ‚function follows form‘.
Beim Kauf eines klassisch-modernen Gebäudes hat der neue Eigentümer häufig keine
exakte Vorstellung von dessen neuen Nutzungsmöglichkeiten. Dann ist es unsere Aufgabe, das Gebäude zu analysieren. Derzeit
arbeiten wir an Projekten, für die wir ein
entsprechendes Nutzungsprogramm aus
vier oder fünf verschiedenen Optionen auswählen. Orientiert man sich dabei stark am
ursprünglichen Zweck des Gebäudes, so kann
ein großer Teil der bestehenden Bausubstanz
erhalten bleiben, was im Sinn des Denkmalschutzes äußerst wünschenswert ist. Aber
es ist meistens auch kostengünstiger, das
vorhandene Potenzial des Gebäudes auszuschöpfen und nicht zu missachten.
sem Gebäude anpassen, auch wenn das
gewisse Nachteile mit sich bringen mag. So
ist zum Beispiel die Akustik ein Problem, und
manchmal blendet das Licht bei der Arbeit
am Computer.
Dies aber machen die positiven Effekte dieses weitläufigen Gebäudes allemal wett: die
Atmosphäre, die wunderschönen Räume,
die hohen Decken, das Tageslicht … In Zonnestraal ist es ähnlich. Die Menschen dort
sind begeistert, sie spüren die Einzigartigkeit dieses Ortes. Die Wechselwirkung zwischen Architektur und Natur in Zonnestraal
ist einfach verblüffend!
D&A: Mit Ihrem Büro sind Sie mittlerweile in
die Van-Nelle-Fabrik umgezogen. Wie würden Sie die Atmosphäre dort beschreiben –
als absoluter Kenner dieses Gebäudes? Kann
man die alte Fabrik nach wie vor spüren?
Wessel de Jonge (1957) erhielt 1985 sein Architekturdiplom an der Technischen Universität
Delft in Holland. Als Mitbegründer der internationalen Vereinigung DOCOMOMO war er von 1990
bis 2002 internationaler Organisationsleiter und
Herausgeber des DOCOMOMO International Journal. Als Architekt zeichnete er unter anderem für
die Restauration des von Gerrit Rietveld im Jahr
1953 entworfenen Biennale-Pavillons in Venedig,
den Umbau des Sanatoriums ‚Zonnestraal’ im niederländischen Hilversum (in Zusammenarbeit mit
Henket Architects) und die Sanierung der Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam verantwortlich.
WdJ: Oh ja, jeder spürt sie, und das schon
beim ersten Besuch. Sobald man das Büro
betritt, öffnet sich der Blick nach draußen,
es stellt sich ein gewisses Wettergefühl ein,
man sieht das Wolkenspiel am Himmel. Dieses Gebäude stimmt mich optimistisch, weil
es so erhebend ist. Es schafft gute Laune
und öffnet die Sinne, es ist inspirierend und
dynamisch und bietet ein perfektes Arbeitsumfeld. Die meisten Leute, die hier arbeiten,
teilen diese Meinung – und wenn nicht, sind
sie hier fehl am Platze! Wie ich schon sagte:
‚function follows form‘, man muss sich die-
71
VELUX PANORAMA
Architektur mit VELUX
aus aller Welt.
Rechts Ein Raum wie aus einem
Guss: Wände und Decken in dem
fast sieben Meter hohen
Dachgeschoss sind ganz in Weiß
gehalten. Zwei Reihen Dachwohnfenster bringen Licht in den
außerordentlich tiefen Raum.
72
Das Städtchen Le Landeron liegt am
südlichen Fuß des Schweizer Jura,
zwischen Bieler und Neuenburger
See. Im dortigen Schwemmland des
Flusses Zihl gründeten die Grafen
von Neuenburg Mitte des 14. Jahrhunderts eine befestigte Ortschaft,
der schon bald darauf die Stadtrechte verliehen wurden. Bis heute
hat die Altstadt ihre mittelalterliche
Struktur bewahrt: Eine außergewöhnlich breite, baumbestandene
Hauptgasse durchzieht den Ortskern
von Süd nach Nord. Flankiert wird sie
von schmalen, tiefen Wohnhäusern
mit verputzten Fassaden und teils
weiten Dachüberständen.
Das Haus Nummer 27 steht an der
Ostseite der Gasse. Seine Straßenfassade ist wie die aller Häuser im Ortskern denkmalgeschützt. Lediglich ihr
frischer weißer Anstrich deutet darauf hin, dass das Haus in jüngster Zeit
Veränderungen erfahren hat. Ganz anders die Fassade im Osten, wo die Altstadt abrupt endet und in weitläufige
Gärten und Streuobstwiesen übergeht: Hier öffnet sich das Gebäude
mit einem breiten Panoramafenster
zur Landschaft und bildet damit den
größtmöglichen denkbaren Kontrast
zu den umliegenden Altbauten.
Der Umbau durch die Architekten frundgallina umfasste lediglich
das zweite Obergeschoss und den
Dachboden des Hauses, aber nicht
die Wohnungen in den unteren Geschossen. Eine Bestandsaufnahme
ergab, dass der Dachstuhl ersetzt
werden musste; die Holzbalkendecke
zwischen oberstem Wohngeschoss
und Dachboden blieb dagegen erhalten. Die Architekten schufen zwei
Raumfolgen, wie sie unterschiedlicher
kaum sein könnten: Im zweiten Ober-
geschoss entstand ein eher kleinteiliger Grundriss mit drei Schlafzimmern
und Bad, im Dachboden dagegen ein
offener Raum zum Wohnen, Kochen
und Essen, der bis hinauf unter den
First reicht und durch eine offene Galerie ergänzt wird. Doch es gibt auch
Gemeinsamkeiten: Beide Etagen erhielten einen dunklen Dielenboden
und weiß gespachtelte Wände, die
das Tageslicht tief in die Innenräume
reflektieren. Und in beiden Fällen wurden die Grundrisse vom rechten Winkel der Außenwände losgelöst. Der
Korridor im zweiten Obergeschoss
verläuft diagonal durchs Haus. Sind
die Zimmertüren geschlossen, ergibt
sich ein klar definierter Weg-Raum,
der geradewegs Richtung Treppe
ins Dachgeschoss führt. Öffnet man
dagegen die raumhohen Türen, verschwimmen die Raumgrenzen, und es
entstehen Durchblicke von Fassade
zu Fassade. Da die leichten Trennwände und Einbauschränke die gleichen weißen Oberflächen erhielten
wie die tragenden Außenwände, ergibt sich eine homogene, vielfach gewinkelte Raumhülle, die Bewegungen
und Blicke gleichermaßen lenkt.
Ein ähnliches Bild ergibt sich
im Dachgeschoss: Treppe, WC und
Stauraum wurden entlang der Längswände zu den Nachbarhäusern untergebracht. Die Möbelfronten und
Trennwände verengen den Raum zur
Mitte hin, wo ein Küchenblock den
Dreh- und Angelpunkt der Etage bildet. Lediglich seine unterschiedliche
Befensterung gibt dem Raum eine
Richtung: Während sich im Westen
nur ein schmales Fenster zur Straße
hin öffnet – die einstige Ladeluke des
Dachbodens, die mit einer Glasscheibe
verschlossen wurde –, genießen die
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
Hausbewohner von ihrem Essplatz im
Osten aus freien Blick durch das Panoramafenster. Maßgeblich zur Belichtung des fast sieben Meter tiefen
Raums tragen zwei Dreierreihen von
Dachwohnfenstern bei: In der Ostfassade sind sie hoch unter dem First angebracht und versorgen vor allem die
Galerie mit Tageslicht; im Westen liegen sie dagegen sehr viel tiefer, direkt
über dem ansonsten nur spärlich befensterten Wohnbereich.
Als „feinfühlig, aber engagiert“
bezeichnen die Architekten ihren
Eingriff in das Jahrhunderte alte
Stadthaus. Der Umbau setzt zugleich
ein deutliches Zeichen des architektonischen Aufbruchs in einem Ort,
der sich als ‚Stadt der Antiquitäten‘
einen Namen gemacht hat und jedes
Jahr den größten Trödelmarkt der
Schweiz beherbergt. Bei ihrer ‚Entrümpelung‘ des Altbaus kam frundgallina sicher die Tatsache entgegen,
dass sie auf keinerlei tragende Innenwände Rücksicht nehmen mussten. Sie haben die Freiheiten, die sich
ihnen boten, genutzt und dem altehrwürdigen Bauwerk ein avantgardistisches Innenleben mit unbestrittenen
Qualitäten einverleibt. Dass dabei, gerade auf der Gartenseite, ein Teil der
(Gebäude-)Hüllen fallen musste, illustriert, wie sich die Ansprüche an
Raum und Licht im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Es zeigt aber
auch die Grenzen bei der Erfüllung dieser Ansprüche: Ein Panoramafenster
wie bei Haus 27 wird inmitten seines
historischen Umfelds noch als wohltuend moderner Akzent wahrgenommen. Besitzen jedoch erst einmal auch
die Nachbarn einen solchen Grad der
Öffnung, hat man es bereits mit einem
völlig neuen Ortsbild zu tun.
FOTO: THOMAS JANTSCHER
FENSTER ZUM GARTEN
FOTO: THOMAS JANTSCHER
Von der Gartenseite aus wirkt
Haus Nr. 27 wie ein Neubau. Doch
lediglich die beiden obersten
Geschosse wurden umgebaut; die
unteren blieben unangetastet,
und auch die Straßenfassade
wurde kaum verändert.
FOTO: THOMAS JANTSCHER
Die Galerie unter dem
First ist ein Raum zum
ungestörten Arbeiten.
Doch auch von hier
aus hat man Ausblicke
in den Garten – und in
den Himmel über Le
Landeron.
FOTO: THOMAS JANTSCHER
Im Osten geht das
Stadtzentrum
relativ abrupt in eine
Landschaft aus
Obstgärten über.
Das geschosshohe
und gebäudebreite
Panoramafenster
holt die Natur ins
Haus.
76
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
1
Fakten
Gebäudetyp
Bauherr
Architekten
Umbau eines Wohnhauses
privat
frundgallina SA, Neuchâtel, CH
Standort
Ville 27, Le Landeron, CH
4
5
6
2
3
1. Lageplan
2. Die Stau- und Nebenräume sowie die
Treppe ins 2. Obergeschoss wurden
entlang der Trennwände zu den Nachbarhäusern untergebracht. So konnte die
Weite des Wohnraums erhalten bleiben.
3. Die Straßenfassade (hier vor dem Umbau)
wurde lediglich neu gestrichen und die
„Ladeluke“ des einstigen Dachbodens
(ganz oben) durch ein Fenster ersetzt.
4. Grundriss Dachgeschoss
FOTO: FRUNDGALLINA
FOTO: THOMAS JANTSCHER
5. Grundriss 2. Obergeschoss
6. Grundriss Galeriegeschoss
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BÜCHER
REZENSIONEN
Zum Weiterlesen:
Aktuelle Bücher,
vorgestellt von D&A.
DAS SCHRÄGE DACH
Herausgeber: Barbara Burren,
Martin Tschanz, Christa Vogt
Niggli Verlag
ISBN 978-3-7212-0663-0
Digitale Medien, Globalisierung, Ökologie und neue Materialien – dieses
Themenquartett hat (nebst der damit
verbundenen Theoriegebäude) die Architekturpublikationen der letzten
Jahre beherrscht. Doch inzwischen
ist eine Gegentendenz erkennbar:
Verlagshäuser und Autoren (vor allem
diejenigen, die an Universitäten lehren) besinnen sich wieder stärker
auf die Vermittlung von Grundlagenwissen. Die Studierenden unserer
Tage, so ihre Erkenntnis, benötigen
wieder konkrete Handreichungen
beim Entwerfen und der Baukonstruktion. Immer mehr Handbücher
zu Darstellungstechniken, Entwurfsstrategien und alltäglichen konstruktiven Fragen füllen daher die Regale
der Bücherläden.
Auch das neue Buch der Zürcher
Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Winterthur gehört
in die Kategorie ‚Grundlagenwissen’,
obgleich es eigentlich weder Konstruktions- noch Entwurfshandbuch ist.
78
Vielmehr wird hierin eines der vielseitigsten Bauelemente in der Architektur – das geneigte Dach – auf seine
geschichtliche Herkunft und gestalterischen Möglichkeiten hin untersucht.
Noch vor 15 Jahren wäre die Wahl
eines solchen Themas als politisches
Statement verstanden worden: Geneigte Dächer galten als konservativ
bis rückwärtsgewandt; und nur wer
sich des Flachdachs, jenes Symbolelements der Moderne, bemächtigte,
galt als fortschrittlicher Architekt.
Heute sind diese ideologischen
Gräben zugeschüttet. Die Avantgarde hat sich des geneigten Dachs
bemächtigt und es aus seiner Nostalgie-Nische befreit. An Bauten wie
dem Fährterminal in Yokohama von
Foreign Office Architects oder der
Casa da Música in Porto treten flache und geneigte Dachflächen in ein
unvorbelastetes, neues Wechselspiel
miteinander. Selbst in der Wohnarchitektur ist viel in Bewegung geraten.
Das Buch der Hochschule Winterthur stellt folgerichtig historische
und hochaktuelle Beispiele einander
gegenüber, sortiert nach Entwurfsthemen und nicht nach Jahreszahlen. Einen didaktischen Ansatz oder
gar den Wunsch nach Vollständigkeit hätten sie nicht verfolgt, schreiben die Herausgeber im Vorwort. Eher
bewegt sich ihr Buch in der Tradition
von Corbusiers ‚Vers une Architecture‘
und Rudofskys ‚Architecture Without
Architects‘: Subjektive, collagenhafte
Bildtafeln werden von kurzen Texten
begleitet, die auf Querbeziehungen
zwischen den jeweiligen Gebäuden
hinweisen. Gegliedert ist das Buch in
Kapitel wie ‚Dach und Kontext‘, ‚Dach
als Zeichen‘ oder ‚Dach und Licht‘,
deren jedes mit Bildern beginnt und
mit einem kurzen Essay endet. Letztere unterstreichen in ihrer Vielfalt
den Facettenreichtum des Themas:
Die Autoren untersuchen den ‚Dächerkrieg‘ der Moderne zwischen
den Verfechtern des Flachdachs und
des geneigten Dachs, die Tradition der
‚Zelträume‘ in historischen Palästen
und Wohnhäusern, den Symbolwert
offener Holzdachstühle und die Dachkonstruktionen des schwedischen Architekten Klas Anshelm. Lehrreich
ist das meiste hiervon, wenngleich
gelegentlich etwas weit von der
Alltagspraxis entfernt. Mit seinen
zahlreichen Illustrationen hält ‚Das
geneigte Dach’ dennoch einen reichen
Fundus an Inspirationen für die Entwurfsarbeit bereit – weit mehr übrigens, als dies bei den derzeit gängigen,
preisgünstigen und großformatigen,
aber oft wenig fokussierten ‚Architekturbilderbüchern‘ der Fall ist.
OVER
Herausgeber: Alex MacLean
Schirmer/Mosel, München
ISBN 978-3-8296-0383-6
Seit Jahrhunderten schon prägt der
Mensch die Welt nach seinem Willen. Nichts scheint dabei unmöglich
zu sein: Da werden ganze Städte wie
riesige Oasen mit manikürten Golfplätzen und palmengeschmückten
Vorortsiedlungen in die Wüste gebaut, künstlich mit Wasser am Leben
gehalten, das dort eigentlich Mangelware ist. Riesige Ferien-Hochburgen
erheben sich an erosions- und orkangefährdeten Meeresufern, um den
luxushungrigen Urlaubern ein kleines Paradies zu schaffen. Retortensiedlungen werden aus dem Boden
gestampft, die von Sackgassen und
immer gleich aussehenden Hausplus-Garten-Monokulturen geprägt
D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11
sind, die Anonymität fördern und das
Auto zu einem (über-)lebenswichtigen
Gebrauchsgegenstand machen. Gewaltige Kohle- und Kernkraftwerke
produzieren Unmengen an Elektrizität, die beinahe schneller verbraucht
als erzeugt werden. Grundstücksspekulanten pflügen ganze Wegenetze
in die Landschaft, die dort wie warnende Narben in der Erde prangen.
Indem er diese Szenerien mit der
Kamera aufzeichnet, hält der Fotograf und Pilot Alex MacLean der
Menschheit den Spiegel vor. Für sein
Buch ‚Over‘ ist er kreuz und quer über
die USA geflogen, hat Vorstadtsiedlungen und Industrieanlagen,
Kraft- und Klärwerke, aber auch gigantische Windparks und Solarfarmen fotografiert. Die Bilder öffnen
uns, gerade weil sie mit einigem Abstand aus ungewöhnlichem Blickwinkel aufgenommen wurden, aufs
Neue den Blick auf unseren Lebenswandel – auf Hoffnung und Hybris,
Bequemlichkeit und Gier, Machbarkeitswahn und die Vergänglichkeit
unseres Daseins. Und sie lassen die
Klimaveränderungen und exzessiven
Waldrodungen, die Zersiedlung der
Landschaft und vieles mehr, das wir
zwar als beklagenswert, aber im Alltag doch als merkwürdig fern empfinden, auf einmal sehr nah erscheinen.
MacLeans Aufnahmen dokumentieren dabei nicht nur den Ehrgeiz und
die Maßlosigkeit Amerikas, sondern
sind ein Fingerzeig auch für andere
Kontinente, findet doch das amerikanische Vorbild bereits begeisterte
Nachahmung in Asien.
Doch nicht nur MacLeans Fotografien, auch seine ausführlichen
Bildkommentare und kurzen Essays
zu Themen wie der Abhängigkeit vom
Auto, den bedrohten Wüsten oder der
Verschwendung von Wasser regen
zum Nachdenken an. Sie machen das
Buch zu einem „überaus wertvollen
Dokument, weil sie präzise jene Kräfte
benennen, die im Begriff sind, unseren
Planeten zu zerstören“, wie der Wissenschaftsjournalist Bill McKibben
in der Einleitung schreibt. Man sollte
sich daher davor hüten, ‚Over‘ lediglich
als Dokument des American Way of
Life zu lesen. Alex MacLean zeigt uns
in seinem Buch, scheinbar unschuldig,
seine Heimat – doch im Grunde meint
er uns alle damit, weltweit.
LIVING IN
DAYLIGHT
Autorin: Maria-Therese Hoppe
Gyldendal
ISBN 978-87-02-07610-3
Es gibt Erfindungen, die die Welt
verändern. Diese hier hat zumindest
die Dächer Europas verändert: 1941
entwickelte der dänische Ingenieur
Villum Kann Rasmussen für einen
befreundeten Architekten das erste
Dachfenster [roof window], das es in
punkto Wind- und Regendichtheit mit
Fassadenfenstern aufnehmen konnte.
Um es zu vermarkten, gründete er eine
Firma und benannte sie nach den
wichtigsten Qualitäten, die seine Erfindung ins Haus bringen sollte: VE für
‚ventilation’ (frische Luft) und LUX für
Licht. In der Wiederaufbauzeit nach
dem Zweiten Weltkrieg wurden VELUX-Dachwohnfenster [VELUX roof
windows] zu einer festen Größe in den
Stadtbildern Europas – in den Zentren
ebenso wie in den Neubaugebieten.
Rasmussen hatte schon früh erkannt,
wie er seine Fenster zu vermarkten
hatte: Gezielt sprach er den Wunsch
der Eigenheimbesitzer nach mehr
Wohnraum und Licht an, statt sein
eigenes Produkt in den Vordergrund
zu stellen. Zum 100. Geburtstag des
Firmengründers hat VELUX nun gemeinsam mit der dänischen Ethnologin und Autorin Maria-Therese Hoppe
ein Buch ganz im Geiste dieser Philosophie publiziert. ‚Living in Daylight’
stellt mehr als 50 Referenzprojekte
mit VELUX-Dachwohnfenstern dar –
doch nicht, indem es die technischen
oder gestalterischen Aspekte der jeweiligen Gebäude in den Vordergrund
stellt. Wichtig waren den Herausgebern und der Autorin die Geschichten,
die die Bewohner zu erzählen hatten.
Viele dieser Charaktere sind ebenso
einzigartig wie ihre Wohnungen: die
Aquarellkünstlerin in ihrem Atelier
über den Dächern von Paris, die deutsche Ärztin, die in die norwegische
Wildnis ausgewandert ist, oder der
junge estnische Außenminister, der
sich im Buch als Familienmensch und
Naturliebhaber offenbart.
‚Living in Daylight’ dokumentiert
jedoch auch, dass Dachwohnfenster
inzwischen zu einem Stück Kulturgeschichte geworden sind. Es gibt kaum
einen Ort, an dem sie nicht anzutreffen wären – das gilt für das Palais de
Justice mitten in Paris ebenso wie für
das portugiesische Parlamentsgebäude oder die Hippie-Stadt Christiania in Kopenhagen. Dachwohnfenster
findet man in türkischen Neubausiedlungen, an sanierten Stadthäusern in
Bukarest und umgebauten Scheunen
in der britischen ‚countryside’. Maria-Therese Hoppe hat all diese Orte
bereist und aufgezeichnet, wie die
Menschen in ihren Räumen leben und
arbeiten, was ihnen Tageslicht und
Aussicht durch die Dachwohnfenster bedeuten. Die durchweg erstklassigen Fotos zeigen die Gebäude und
ihre Bewohner auf einfühlsame Art
und Weise, oft aus ungewohnter Per-
spektive, aber ohne jene Tendenz zur
Überinszenierung, wie man sie gelegentlich in Architekturpublikationen
antrifft. Abgerundet wird das Buch
durch einen kurzen historischen Abriss nicht nur über VELUX und die
Geschichte des Dachwohnfensters,
sondern auch darüber, wie dieses im
Laufe der Zeit unsere Wohnvorstellungen verändert hat.
BEACHLIFE
Herausgeber: Frame Publishers
Die Gestalten Verlag
ISBN 978-3-89955-302-4
Die Strände und Küsten der Welt
haben seit jeher Kreativität und
Basteltrieb des Menschen herausgefordert – das kann jeder bezeugen, der einmal eine Sandburg
gebaut hat. Doch gerade an den
Küsten der Flüsse und Weltmeere
kollidieren auch widersprüchliche
Interessen: Erholung versus Verkehrserschließung, Klima- und GewässerschutzversusRenditestreben.
Das Buch ‚Beachlife‘ zeigt mehr als
115 Bauten und Projekte, Kunstwerke und Designobjekte, die in den
vergangenen fünf Jahren für Standorte im oder am Wasser entworfen
wurden. Diese schier überbordende,
auf 280 Seiten komprimierte Projektvielfalt belegt die mannigfaltigen Ansprüche an das ‚Beachlife‘
von heute: Schwimmende Megaprojekte vor den Küsten Dubais und
Abu Dhabis stehen neben KleinstArchitekturen wie Nils Holger Moormanns ‚Walden‘, Land Art in der
Tradition von Dani Karavan neben
künstlerischen Interventionen, die
Klimawandel und Flüchtlingsproblematik thematisieren. Gegliedert
haben die Herausgeber ihr Buch
in fünf Kapitel: Leisure, Hospitality, Art, Residential und Products.
Doch das ist lediglich eine Art Minimalkonsens, und man fragt sich, ob
nicht eine Sortierung nach Gebäudegrößen und -typologien in diesem
Fall sinnvoller gewesen wäre. So
wirkt die Abfolge bisweilen etwas
beliebig, und es bleibt nur, sich im
Buch von Projekt zu Projekt vorwärts zu hangeln. Das fällt – trotz
gelegentlich schwankender Entwurfsqualität – nicht allzu schwer,
denn das Buch ist ansprechend gestaltet, die Texte prägnant und mit
Witz geschrieben.
Zwei Erkenntnisse lassen sich abschließend aus dem Buch ziehen.
Erstens: Nur die wenigsten Gestalter bedienten sich tatsächlich des
Elements Wasser für ihre Arbeiten.
Die allermeisten begnügten sich mit
einem mehr oder minder freien ‚Blick
aufs Meer‘. Und, zweitens: Am besten scheint es noch den bildenden
Künstlern zu gelingen, der Ambivalenz heutiger Strände Ausdruck
zu verleihen. Fern von Repräsentationsbedürfnis und Funktionalitätszwängen konnten sie sich mit
Themen wie der Wegwerfgesellschaft, der Erderwärmung oder
dem globalen Terrorismus befassen. Eine Installation wie Gregor
Schneiders ‚21 Beach Cells‘, bei der
der deutsche Künstler 21 guantanamo-artige Maschendrahtzellen auf
dem Bondi Beach in Sydney errichtete, illustriert die Kehrseiten des
weltumspannenden Beach-Tourismus und seines Sicherheitsbedürfnisses. Und sie macht deutlich, dass
es auch ein ‚Beachlife‘ jenseits des
hier gezeigten gibt – auch wenn dieses bislang kein Thema für Architekten und Designer gewesen ist.
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DAYLIGHT & ARCHITECTURE
ARCHITEKTURMAGAZIN
VON VELUX
Frühjahr 2009 AUSGABE 11
Herausgeber
Michael K. Rasmussen
Website
www.velux.de/Architektur
VELUX-Redaktionsteam
Per Arnold Andersen
Christine Bjørnager
Lone Feifer
Lotte Kragelund
Torben Thyregod
E-mail
[email protected]
Auflage
40,000 Stück
ISSN 1901-0982
Redakteure
Gesellschaft für KnowhowTransfer
Jakob Schoof
Britta Rohlfing
Übersetzungen
Sprachendienst Dr. Herrlinger
Michael Robinson
Dr. Jeremy Gaines
Korrektorat
Tony Wedgwood
Bildredaktion
Torben Eskerod
Adam Mørk
Art Direction & Layout
Stockholm Design Lab ®
Per Carlsson
Nina Granath
Björn Kusoffsky
www.stockholmdesignlab.se
Fotos Cover
Michael Reisch
www.michaelreisch.com
Landschaft 0/010, 2004
124x187 cm, courtesy Gallery
Rolf Hengesbach, Köln,
Deutschland
www.rolf-hengesbach.com
Foto Umschlaginnenseite
Josef Hoflehner
Li River Study 8 – China
www.josefhoflehner.com
Foto Umschlaginnenseite hinten
Josef Hoflehner
Niagara Falls, Study 6 –
Ontario, Canada
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DAYLIGHT &
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FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 GENIUS LOCI 10 EURO
ARCHITEKTURMAGAZIN
VON VELUX
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