DAYLIGHT & ARCHITECTURE FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 GENIUS LOCI 10 EURO ARCHITEKTURMAGAZIN VON VELUX DAYLIGHT & ARCHITECTURE ARCHITEKTURMAGAZIN VON VELUX VELUX EDITORIAL FOTOGRAFIE VON JOSEF HOFLEHNER. DAS TAGESLICHT UND DIE SPEZIFIK DES ORTES Nach altem römischen Glauben besitzt jedes Lebewesen – ob Mensch oder Tier – einen „Genius“ oder Schutzgeist, der es am Leben hält. Der „Genius loci“ ist der Geist eines Ortes, die Summe seines sichtbaren und unsichtbaren Wesens. Schon im Altertum ließen sich Architekten in ihrem Streben nach Harmonie vom Geist eines Ortes inspirieren, und bis heute ist der Genius loci für die Architektur von großer Bedeutung: Er bestimmt die Form eines Gebäudes, die Auswahl des Materials, dessen Verträglichkeit mit den natürlichen Gegebenheiten und klimatischen Bedingungen sowie den Umgang mit Tageslicht und Belüftung. Wie aber beeinflusst die natürliche Lichtsituation an einem bestimmten Ort das Leben der dort ansässigen Menschen, und wie wirken sich diese lokalen Tageslichtverhältnisse auf die jeweilige Architektur aus? Gehört doch das Tageslicht zu den ureigenen Merkmalen, die einen Ort charakterisieren. Landschaften lassen sich einebnen und Grünflächen zubetonieren, Baumaterialien sind heute nahezu grenzenlos verfügbar, und historische Ereignisse geraten in Vergessenheit. Doch das Tageslicht lässt sich weder exportieren noch standardisieren; die skandinavische Mittsommernacht oder die Mittagssonne in den Anden, die alle Schatten verschwinden lässt, bleiben stets an ihren Ort gebunden. Wir baten fünf Architekten, die an Universitäten lehren und beim International VELUX Award 2008 als Tutoren für teilnehmende Studenten fungierten, sich für uns auf die Suche nach dem charakteristischen Tageslicht ihrer Umgebung zu begeben – in Hangzhou, Eskisehir, Lissabon, Oslo und Charleston. Sie analysierten die spezifischen Eigenschaften des Tageslichts, die an dem jeweiligen Ort zu beobachten sind, und gingen der Frage nach, wie traditionelle Baumeister und moderne Architekten das vorhandene natürliche Licht für ihre Bauten nutzten. Aus den Blickwinkeln des Architekturtheoretikers und des Physikers betrachten Gerhard Auer und Nick Baker unser Thema in ihren Beiträgen. Im Mittelpunkt von Gerhard Auers Überlegungen steht jener Ort, der jedem Menschen wohl am vertrautesten ist – die eigene Wohnung. Nick Baker dagegen beginnt seine Argumentation zunächst ganz ohne Gebäude: Unsere Gene sind die eines Lebewesens aus der freien Natur, und daher sollten uns Gebäude auch so wenig wie möglich von dieser trennen. Beide Autoren weisen darauf hin, wie wichtig Ausblicke ins Freie für das Wohlbefinden des Menschen sind. Dies wiederum unterstreicht, dass Architektur bei allen Diskussionen über Klimadaten und Energieverbräuche doch nach wie vor zuallererst der sinnlichen Wahrnehmung eines Ortes und der direkten Interaktion zwischen Mensch und Umwelt dienen sollte. Mit dem Sanatorium Zonnestraal und der Van-Nelle-Fabrik begegnen uns zwei interessante Beispiele für die Wechselbeziehung zwischen Architektur, Lokalität, Tageslicht und Innenklima – großzügig geschnittene und schöne Räume vermitteln hier gerade durch den Einfluss des Tageslichts den Bewohnern die Einzigartigkeit des Ortes. Ein Interview mit dem Architekten Wessel de Jonge, der die beiden Gebäude restaurierte, komplettiert diese Ausgabe. Die Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam wird im Mai 2009 Schauplatz des 3. VELUX Daylight Symposiums sein, an dem u. a. Nick Baker und Wessel de Jonge mit Vorträgen teilnehmen werden. Viel Vergnügen bei der Lektüre! 1 JETZT FRÜHLING 2009 AUSGABE 11 INHALT VELUX Editorial Inhalt Jetzt Mensch und Architektur Licht und Orte 14 Tageslicht Lichter der Welt 38 Licht 42 Reflektionen Genius Lucis 50 Tageslicht im Detail Innenlicht und Außenwelt 56 VELUX Einblicke Diskreter Nachbar 64 VELUX im Dialog „Dieses Gebäude stimmt mich optimistisch” 72 VELUX Panorama 78 Bücher Rezensionen 80 Vorschau 1 2 4 8 Neue Projekte rund um das Thema Tageslicht: I. M. Pei hat einen kristallinen Baukörper unter der Wüstensonne Abu Dhabis errichtet, Jean Nouvel eine „Grotte in Weiß“ in den Docklands von Le Havre gebaut. Die neue Festungsmauer von Granada gleicht einem Lichtfilter, während die ‚GreenPix’Medienfassade in Peking mithilfe der Energie des Tageslichts Videokunst ins Straßenbild bringt. VELUX EINBLICKE DISKRETER NACHBAR Groß, düster und fensterlos wirkt das Wohnhaus von Alan Jones in Randalstown von der Straße aus. Seine schwarze Faserzementhülle erinnert an die traditionellen Schieferfassaden Nordirlands, seine Größe und Form an die Kirchen und Versammlungshäuser der Nachbarschaft. Das Gebäudeinnere jedoch überrascht durch Offenheit, Ausblicke und ein Entwurfskonzept, das Raum für Tageslicht lässt. 8 Licht ist … anders. Immer wieder. Jeder Ort, jede Tages- und Jahreszeit bringt eine eigene Lichtstimmung hervor – das ist wohl die wichtigste Lehre, die Architekten aus Jahrtausenden der Beschäftigung mit Tageslicht gezogen haben. Wie sie dabei vorgingen und welche Antworten sie auf die feinen Lichtunterschiede fanden, beschreibt Marietta Millet in ihrem Beitrag. 2 56 FOTOGRAFIE VON JOSEF HOFLEHNER. NIAGARA FALLS, STUDY 4 – ONTARIO, CANADA MENSCH UND ARCHITEKTUR LICHT UND ORTE 4 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 REFLEKTIONEN GENIUS LUCIS 42 Niemand kennt die Bauten der niederländischen Moderne besser als Wessel de Jonge. Der niederländische Architekt hat in den vergangenen Jahren unter anderem Bauten von Jan Duiker, Gerrit Rietveld und Brinkman & Van der Vlugt restauriert. In Daylight&Architecture berichtet er über Tageslicht und Komfort in der klassisch-modernen Architektur und über die Herausforderung, zeitgemäße Nutzungen für die Gebäude der 20er-Jahre zu finden. VELUX PANORAMA FENSTER ZUM GARTEN 72 Die Architekten frundgallina haben sich eines Bürgerhauses in der Schweizer Kleinstadt Le Landeron angenommen. Sie schufen eine lichte, offene Wohnlandschaft in Weiß und dunklem Holz, deren Geometrie sich von den Außenmauern des Hauses löst. Da diese überdies nur wenige Öffnungen besaßen, lenken nun zwei Reihen Dachwohnfenster das Tageslicht tief in das Dachgeschoss. FOTOGRAFIE VON BEATRICE MINDA, MASSY-PALAISEAU, 2005 Mit welchem Licht wollen wir wohnen? „Das kommt darauf an“, möchte man antworten. Doch jenseits aller individuellen und kulturellen Unterschiede gibt es weltweite, zeitlose Konstanten bei der Gestaltung von Wohn-Licht. Gerhard Auer hat sich auf die Suche nach ihnen gemacht. 64 VELUX IM DIALOG „DIESES GEBÄUDE STIMMT MICH OPTIMISTISCH” TAGESLICHT LICHTER DER WELT 14 Wir baten fünf Architekten, die an Hochschulen und Universitäten lehren und beim International VELUX Award 2008 als Tutoren für teilnehmende Studenten fungierten, sich für uns auf die Suche nach dem charakteristischen Tageslicht ihrer Umgebung zu begeben – in Hangzhou, Eskisehir, Lissabon, Oslo und Charleston. Sie analysierten die spezifischen Eigenschaften des Tageslichts, die an dem jeweiligen Ort zu beobachten sind, und gingen der Frage nach, wie traditionelle Baumeister und moderne Architekten das vorhandene natürliche Licht für ihre Bauten nutzten. 3 FOTO: COURTESY OF THE MUSEUM OF ISLAMIC ART JETZT Was die Architektur bewegt: Projekte, Veranstaltungen und ausgewählte Neuentwicklungen aus der Welt des Tageslichts. „Architektonischer Edelstein“ in I. M. Peis Neubau Museum für Islamische Kunst in Doha. Tageslicht tritt durch einen kleinen Okulus von oben in das Gebäude ein und wird von einer facettierten Kuppel aus Edelstahl reflektiert. Die Kunst der Edelsteinschleiferei besteht darin, einen Rohling durch Bearbeitung seiner Oberflächen in ein funkelndes Kunstwerk zu verwandeln. Je komplexer die dabei verwendete Geometrie, je zahlreicher die Facetten des Steins, desto eindrucksvoller das Endergebnis. Auch I. M. Peis Neubau des Museums für Islamische Kunst in Doha ist ein solcher, architektonischer Edelstein, obwohl er mit undurchsichtigem französischem Kalkstein verkleidet ist. Seine scharfkantige, regelmäßige und komplexe Form ist wie geschaffen dazu, in der gleißenden arabischen Wüstensonne Geometrien aus Licht und Schatten zu erzeugen. Im Inneren des fast 50 Meter hohen Atriums setzt sich das Spiel fort: Tageslicht tritt durch einen vergleichsweise kleinen Okulus oben im Gebäude ein und wird von einer facettierten Kuppel aus Edelstahl reflektiert. Das Museum ist in vielerlei Hinsicht ein ‚typischer’ Pei – monumental, monolithisch und bis auf eine fast gebäudehohe Öffnung auf der Nordseite fensterlos. Dennoch mühte sich der 1917 geborene Architekturveteran, sein Formenvokabular an die Traditionen der islamischen Welt anzupassen: „Es schien mir, dass ich die Essenz der islamischen Architek- 6 FOTO: CLEMENT GUILLAUME FOTOO: COURTESY OF THE MUSEUM OF ISLAMIC ART EDELSTEIN IN DER WÜSTENSONNE GROTTE IN WEISS tur finden müsste. Die Schwierigkeit dabei war, dass die islamische Kultur so vielgestaltig ist.“ Wichtige Inspirationsquellen waren für ihn die Festungsbauten Nordafrikas und ein Brunnen im Innenhof der Ibn-Tulun-Moschee in Kairo. Wie bei dem Brunnen sollte auch in I. M. Peis Museum die pure, ornamentlose Form für sich stehen. Während der Außenbau diesen Anspruch einlöst, wurde das Atrium mit seinen Beton-Kassettendecken und vielfarbigen Steinfußböden deutlich stärker an den Geschmack der Auftraggeber angepasst. Das Gebäude steht auf einer eigens aufgeschütteten Insel 60 Meter vor der Küste am Südende der Bucht von Doha. Lediglich eine 45 Meter hohe Curtain-Wall aus Glas an der Nordseite des Atriums stellt die visuelle Verbindung zwischen dem Museumsinneren und der Skyline Dohas her. In die auf fünf Geschossen rings um das Atrium verteilten Ausstellungsräume dringt dagegen kein Lichtstrahl vor: Sie wurden nach Entwürfen des französischen Architekten Jean-Michel Wilmotte mit Porphyr, brasilianischem Edelholz und Edelstahlgewebe ausgekleidet und werden genau mit der Menge elektrischen Lichts beleuchtet, die den Kunstwerken zuträglich ist. Le Havre, die zweitgrößte Hafenstadt Frankreichs, wächst wie viele Seehäfen stetig dem Meer entgegen: Draußen an der Seine-Mündung entstehen gegenwärtig neue Kaianlagen für Supertanker und Containerschiffe. Die weiter stadteinwärts gelegenen Docks dagegen stehen großenteils leer und warten auf neue Nutzungen. Wie zum Beispiel die ‚Bains des Docks‘ von Jean Nouvel: Äußerlich fügt sich der massige Block aus schwarzglänzend lasierten Betonfertigteilen mit seinen maßstabslosen Aluminiumfenstern ebenso nahtlos ins Hafengebiet ein, wie er später in ein hier noch zu schaffendes Büro- oder Gewerbegebiet passen würde. Innen jedoch weicht die Geschlossenheit einer faszinierenden und bisweilen irritierenden Vielfalt der Räume und Korridore, Becken, Sitz- und Liegeflächen. Das einzig ordnende Element ist – neben der kubischen Gesamtform des Bauwerks – das große 50-Meter-Becken, das zwar im Inneren des Gebäudes, aber unter freiem Himmel liegt. Die weiß gestrichenen Fassaden ringsum deuten mit ihren Nischen und unregelmäßig verteilten Fenstern bereits an, welche Idee Nouvel bei seinem Entwurf leitete: die einer kleinteilig gegliederten Großskulptur, in deren D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 Ecken und Winkeln der Besucher auch ausreichend Rückzugsräume findet. Während viele seiner Kollegen den rechten Winkel und die nackte weiße Wand derzeit am liebsten abschaffen möchten, rehabilitiert der französische Pritzker-Preisträger beide mit Nachdruck. Eines seiner Vorbilder war Eduardo Chillidas Skulpturenzyklus ‚Elogio de la luz‘. Wie der baskische Bildhauer lässt Nouvel das Tageslicht durch tiefe Einschnitte in der Gebäudehülle in die Innenräume fallen. Dort wird es von weißen Mosaikfliesen, mit denen Böden, Becken und Sitzgelegenheiten verkleidet sind, reflektiert und in alle Richtungen gestreut. Neben dem Sportbecken umfassen die ‚Bains des Docks‘ ein Spaßbecken mit Innen- und Außenbereich, zwei Kinderbecken und einen Bereich für die Balneotherapie. Die Gestaltung der ineinander geschachtelten Beckenlandschaft orientiert sich nicht zuletzt an natürlichen Vorbildern wie den Sinterterrassen von Pamukkale in der Türkei. Wie dort bilden auch in Jean Nouvels Bad das strahlende Weiß der Raumoberflächen und das Türkis des Wassers die zurückhaltende Farbpalette, vor der sich das bunte Treiben der Badenden abspielt. Noch immer genießen Medienfassaden unter Architekten keinen besonders guten Ruf. Denn sie gelten als unarchitektonischer Eingriff in das ureigene Metier der Architektur; Motto: „Wir unterbrechen das Stadtbild für eine Werbepause.“ Außerdem verbrauchen sie eine nicht unbeträchtliche Menge Elektrizität und tragen zur viel beklagten Lichtverschmutzung am Nachthimmel bei. Bei GreenPix, die 2200 Quadratmeter große Medienfassade des Xicui Entertainment Complex in Peking, liegen die Dinge etwas anders. Zwar schmückt auch dieses Kunstwerk einen an sich unscheinbaren Gebäudekomplex nahe des olympischen Basketball- und des Baseballstadions, doch das Bildprogramm, das darauf abgespielt wird, umfasst vor allem Videoinstallationen junger Künstler. Koordiniert wird es von einem vielköpfigen Team um die Kuratorin und Produzentin Luisa Gui. Noch wesentlicher ist bei diesem Projekt jedoch der energetische Aspekt: Die gesamte Fassade operiert unabhängig vom Stromnetz. Sie wird durch in das Glas einlaminierte Solarzellen gespeist, deren Elektrizität tagsüber in Batterien zwischengespeichert und nachts zur Versorgung der 2292 farbverän- FOTO: VICENTE DEL AMO FOTO: SIMONE GIOSTRA/ARUP/ROGU KULTURFERNSEHEN MIT SOLARENERGIE PORÖSE FESTUNGSMAUER derlichen LED-Lichtpunkte verwendet wird. Die Photovoltaikelemente sind nicht gleichmäßig über die Fassade verteilt, sondern in einem unregelmäßigen Muster angeordnet, das ein wenig an einen Wolkenhimmel erinnert. „Mit der Medienfassade erhält die Stadt Peking ihren ersten Ausstellungsort für digitale Medienkunst und zugleich das bisher radikalste Beispiel für gebäudeintegrierte Photovoltaik“, sagt der New Yorker Architekt Simone Giostra, der die Fassade gemeinsam mit den Ingenieuren von Arup konzipiert hat. Der gebürtige Italiener sammelte während 12 Jahren als Projektarchitekt in den Büros von Richard Meier, Steven Holl, Raimund Abraham und Rafael Viñoly Erfahrungen in der Konstruktion von Glasfassaden, bevor er sich auf die Integration neuer Medien in die Architektur spezialisierte. Um der Medienfassade, die rund zwei Meter vor der eigentlichen Außenwand des Gebäudes installiert wurde, auch bei Tag Struktur und Tiefe zu verleihen, sind einige der quadratischen, punktgehaltenen Glasscheiben um bis zu fünf Grad aus der Fassadenebene geneigt, was auf den ersten Blick den Anschein erweckt, als handele es sich um zahlreiche leicht geöffnete Fenster. Mit der Alhambra und dem Generalife zählt Granada zwei der wichtigsten maurischen Bauwerke in Spanien zu seinen Sehenswürdigkeiten. Die Wurzeln der Stadt liegen indessen woanders: Schon die Iberer und Römer errichteten auf dem der Alhambra gegenüberliegenden Cerro de San Miguel eine Festung. Heute ist dieser Ort in Anlehnung an seinen späteren maurischen Namen als ‚Alto Albaicín‘ bekannt. Unter der Herrschaft der Nasriden wurde das Viertel ab Mitte des 14. Jahrhunderts mit einer Mauer umgeben. Heute trennt diese das einstige Maurenviertel von den innenstadtnahen Vororten Granadas. Doch das nähere Umfeld war lange Zeit alles andere als einladend: Schon im 19. Jahrhundert wurde die Mauer teilweise durch ein Erdbeben zerstört; auf den Grundstücken ringsum sammelte sich der Schutt der Jahrhunderte an. Der Wiederaufbau der Mauer durch Antonio Jimenez Torrecillas ist Teil einer groß angelegten Instandsetzung des gesamten Gebiets. 112 Tonnen Granit ließen die Architekten aufschichten, bis ihre Konstruktion in Breite und Höhe der alten Mauer entsprach. Aus der Ferne wirkt sie nun tatsächlich wie deren Fortsetzung; im Detail wird jedoch ihre Eigenständigkeit sichtbar: Sie steht nicht unmittelbar in der Flucht der Nasridenmauer, sondern daneben auf einem eigenen Fundament und kann daher (theoretisch) wieder abgerissen werden, ohne das Baudenkmal zu beschädigen. Ihre äußerst flachen Steinschichten werden von lediglich einen Millimeter breiten Mörtelfugen zusammengehalten, was dem Ganzen das Aussehen eines Trockenmauerwerks verleiht. Außerdem ist die Mauer innen hohl: Zwischen den beiden Mauerschalen verläuft ein gedeckter Gang, in dem im Sommer eine angenehme Kühle herrscht. Spürund sichtbar ist die Außenwelt dennoch auch von hier: Die Granitplatten sind ‚auf Abstand‘ vermauert, sodass die Zwischenräume ein lebhaftes Licht- und Schattenspiel im Innenraum entstehen lassen. Im Gegenzug erhaschen die Passanten durch die Mauerzwischenräume immer wieder kleine, punktuelle Ausblicke auf die Stadt. Die Architekten selbst sagen über ihre Intervention: „Wir wollen unserer Mauer den Eindruck von zusammengetragenem, aufgeschichtetem Material verleihen und so den dauerhaften, historischen Charakter des alten Baudenkmals noch stärker betonen.“ 7 MENSCH UND ARCHITEKTUR Der Mensch als Mittelpunkt der Architektur: Innenansichten einer wechselvollen Beziehung. LICHT UND ORTE Von Marietta Millet Fotografie von Josef Hoflehner Wohl nur das Medium Tageslicht kann uns sowohl Raum- als auch Zeitgefühl vermitteln. Seit Generationen versuchen Maler und Fotografen, das besondere Licht unterschiedlicher Orte einzufangen. Auch Architekten tun dies mit guten Gründen: Die Anpassung eines Gebäudes an spezifische Lichtverhältnisse bereichert nicht nur unsere Sinne, sondern kann auch zu beträchtlicher Energieeinsparung führen. Links: Geheimnisvolles Licht, das den Ort umschmeichelt und seinen Geist zum Vorschein bringt. „Water Walk“, Japan. Wir alle kennen Licht und Dunkelheit. Die Erfahrung eines Die tiefen Wintersonnenstände in Finnland sind nicht nur ursächRaums und die räumliche Wahrnehmung beruhen auf den Phä- lich für die wenigen Stunden Tageslicht, sondern erzeugen auch nomenen Licht und Schatten, ihren Rhythmen und Mustern. ein eigentümlich gelbes Licht als Vorbote des nahenden SonnenEs ist nur schwer vorstellbar, ohne Blick auf den Himmel aufzu- untergangs. Die niedrige Sonne verursacht lange Schatten von wachsen, ob er nun sonnig, dunstig oder schneeverhangen ist – Menschen und Gebäuden. Im Sommer dagegen wird es fast nie oder alles zugleich. Das Tageslicht spielt eine entscheidende Rolle dunkel, und dieser starke Kontrast zwischen Sommer und Winfür den Charakter eines Ortes: Schon dessen bloße Nennung – ter prägt das Leben der Menschen. Die wertvollen Lichtstunden die Sahara, Miami Beach, der Schwarzwald oder die Schweizer im Sommer führen zur Verkürzung der Arbeitszeiten, die MittAlpen – ruft im Geiste die Vorstellung bestimmter Lichtverhält- sommernachtsfeiern sind legendär. nisse hervor. Heute vermittelt uns die Bilderflut aus dem Internet In den Tropen hingegen, wo die Sonne fast senkrecht steht, einen Eindruck von fast jedem Ort der Erde. Doch bloße Bilder ist in der Monotonie der Tage hochgeschätzter Schatten nur selenthüllen nicht das vollständige Spektrum des Tageslichts an ten zu finden. Die hohe Luftfeuchtigkeit erzeugt einen diffusen einem Ort, ein Spektrum, zu dem die Rhythmen von Licht und Lichtdunst und verschleiert den eigentlich blauen Himmel. In Dunkelheit ebenso gehören wie die physikalischen Eigenschaf- den letzten Jahrzehnten haben wir diese natürlichen Gegebenten und Merkmale der Objekte, auf die das Licht fällt. Ein Bild heiten durch künstliche Schadstoffe so verstärkt, dass über vieallein kann nie all die Veränderungen einfangen, die das Licht len Großstädten eine Smogglocke hängt. Der Smog verändert an einem bestimmten Ort einzigartig machen und die zum Bei- Farbe und Natur des Tageslichts, trübt den Fernblick und verspiel Monet in seinen Gemäldeserien ‚Heuschober‘ oder ‚Wasser- ringert den Tageslichteinfall in den Gebäuden. lilien in Giverny‘ festgehalten hat. Der einzigartige Geist eines ,Tageslichtkulturen’ und Tageslichtarchitektur Ortes lässt sich nur aus erster Hand erfahren. Licht kann eine visuelle Botschaft übermitteln und die unanZeit, Ort und Licht: genehmen Seiten des Klimas abschwächen. In vielen nördliEin Verhältnis in konstantem Wandel chen Gegenden werden Schmuckformen in der Architektur Auch wenn wir in Schweden und in Südfrankreich (sowie an vie- gerne mit Goldfarbe gestrichen, als Kontrast zu der ansonsten len anderen Orten dieser Welt) denselben klaren blauen Himmel trüben Szenerie dunkler Himmel und Oberflächen. In warsehen, nehmen wir ihn zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten men und trockenen Klimaten hingegen ist das von senkrechwahr. An jedem Ort zeigt sich eine besondere Abfolge der Him- ten Flachflächen reflektierte Sonnenlicht oftmals zu intensiv melsverhältnisse im Laufe eines Tages oder einer Jahreszeit. Neben und wird als störend empfunden. Strukturierte Ornamente solchen regionalen Mustern existieren spezifische Merkmale an erzeugen hier ein Muster aus Licht und Schatten, sie erfreuen bestimmten Orten einer Region. An jedem beliebigen Sonnen- das Auge und reduzieren die Blendwirkung. tag erleben Talbewohner weniger Sonnenstunden als BergbewohDie Lichtsensitivität eines Ortes beeinflusst uns sowohl im ner. Und neben den physikalischen Formen – Berge oder Täler, psychologischen als auch physiologischen Sinne. AusgangsWälder oder Felder – trägt die Qualität des Tageslichts entschei- punkt jeder Landschafts- oder Gebäudeplanung ist normalerweise die harmonische Einfügung des Entwurfs in seine dend zum Charakter eines bestimmten Ortes bei. Einige Orte sind bekannt für schnelle und dramatische Wet- Umgebung. Komfort und Behaglichkeit für die zukünftigen terwechsel und den raschen Wandel von Qualität und Quanti- Bewohner unterliegen unserer eigenen Wahrnehmung des tät des Tageslichts: „Wenn Ihnen das Wetter nicht gefällt, warten Ortes mit seiner Kultur und Sinnlichkeit. Unsere Reaktion auf den Genius loci impliziert eine ReakSie eine Minute!“ Andere Orte zeichnen sich durch sehr subtile Änderungen von Temperatur und Licht aus, das die Farbe von tion auf die Kultur, die rund um Klima und Licht entstand. Laubblättern und Himmel sacht verändert und die Entdeckung Diese Reaktionen auf das Licht wurden von zahlreichen Schriftstellern geschildert. In seinem Essay Lob des Schattens aus dem der Langsamkeit erahnen lässt. 9 Jahr 1934 beschreibt Junichiro Tanizaki die traditionelle japanische Reaktion auf Licht: auf die Menschen im Gebäude. Der Wolkenhimmel wird lebendig und belebt die Erfahrung des Ortes innen und außen. „Und so hängt die Schönheit eines japanischen Zimmers zwangsläufig von variierenden Schatten ab, schwere Schatten gegen leichte Schatten – etwas anderes gibt es nicht. Die Menschen aus dem Westen sind verblüfft von der Schlichtheit japanischer Zimmer, die für sie aus aschfahlen und schmucklosen Wänden bestehen. Ihre Reaktion ist nachvollziehbar, zeugt aber von mangelndem Verständnis für das Mysterium der Schatten. Draußen vor dem Wohnraum, in den die Sonnenstrahlen allenfalls spärlich einfallen, vergrößern wir die Traufen oder bauen eine Veranda und distanzieren uns so noch weiter von der Sonne. Das Licht aus dem Garten stiehlt sich trübe durch papierverkleidete Türen ins Innere, und genau dieses indirekte Licht macht für uns den Charme eines Zimmers aus.“ Licht und Wärme: Das Fenster als Schnittstelle Tageslicht spielt auch eine praktische Rolle für das thermische Verhalten von Gebäuden. Sonnenlicht, aber auch das Licht eines wolkenverhangenen Himmels, transportiert Wärme, und Glas, welches das Licht hindurchlässt, lässt auch Wärme herein oder hinaus. Jedes Fenster birgt daher ein Problem, das Le Corbusier in einer kurzen Schrift mit dem Titel ‚Die Probleme des Sonnenscheins‘ zusammengefasst hat: „Die Geschichte des Fensters ist auch diejenige der Architektur, … zumindest eines der prägnantesten Aspekte der Architekturgeschichte.” Heute weicht das Fenster immer mehr der gläsernen Vorhangfassade. Bei Vollverglasung wird das gesamte Gebäude zum Fenster. Und auch wenn neue Materialien und Fortschritte in der Gebäudetechnik vollverglaste Gebäude auch in rauen Klimaten möglich gemacht haben, reagieren die besten Gebäude doch stets einfühlsam auf ihren Standort und dessen Lichtverhältnisse. Oft wird innerhalb eines Gebäudes in jedem Raum eine andere Lichtqualität benötigt, bei der sich visueller Komfort und thermische Aspekte die Waage halten müssen. Licht zu entwerfen, bedeutet daher, ein Gleichgewicht herzustellen. Dieser heikle Prozess erfordert verschiedene Arten von Beschattung, spezielle Materialien, bestimmte Verglasungen – oder alles zugleich. Zudem muss alles mit dem Gebäudeentwurf harmonieren – oder, besser noch, sich aus diesem ergeben. Ist das Tageslicht im Gebäudeentwurf kein entscheidender Faktor, wird es auch niemals für die Erfahrung eines Gebäudes von Belang oder Bedeutung sein. Tanizaki verdeutlicht, dass Entwurf und Konstruktion eines Hauses sowie die verwendeten Materialien diese spezielle Lichtqualität schaffen. Bedingt durch das Klima müssen die papierverkleideten Türen durch breite Veranden vor heftigem Monsunregen geschützt werden. Spezielle Reaktionen und Rituale wärmen die Bewohner im Winter, zum Beispiel die wärmespendende Feuergrube und das gemeinsame heiße Bad. Der kanadische Architekt Arthur Erickson hat die Qualität des Lichts im pazifischen Nordwesten und dessen Auswirkungen auf seine Entwürfe eloquent beschrieben. „Die Westküste ist ein besonders schwieriges Gebiet mit ihrem wässrigen Licht und dessen sanfter und subtiler Stimmung.“ Er bezeichnet dies als Nordlicht, das „fern und über den Wolken versteckt ist“. In seinen Entwürfen, so stellt er fest, bemühe er sich stets um „Transparenz im Haus oder Dachfenster, die die Wände in ein sanftes, beschauliches Licht tauchen, oder Wasserreflexionen, um die Helligkeit des Himmels auf die dunklen Erdoberflächen zu transportieren”. Wasserreflexionen legen uns den Himmel zu Füßen. Im British-Columbia-Regierungskomplex (1973– 1979) in Vancouver sind Wasserbecken in das Gebäude integriert. Das Wasser reflektiert das Sonnenlicht und seine Leuchtkraft 12 Eine Entwurfsfrage, keine Technikfrage Technologie ist hier nicht mit Stil zu verwechseln. Auch Gebäude, die mit Hilfe moderner Konstruktionstechniken und Materialien errichtet wurden, lassen sich gut an die Umgebung und ihren Genius loci anpassen, wie das ‚Paul Klee Zentrum’ (Renzo Piano Workshop, 2005) in Bern in der Schweiz. Piano thematisierte dies bereits in seinem ersten Bewerbungsschreiben um den Auftrag: „… Ich spüre, dass der Geist dieses Ortes, dieser Landschaft im sanften Gefälle des Hügels liegt … Eine Archi- D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 Vorherige Seite Mystische Szenerie, die Weite und Einsamkeit suggeriert: „Biwako Sticks“, Japan. Links Licht, das die Magie des Ortes einfängt. „Li River Study 4“, aufgenommen in China von Josef Hoflehner. tektur des Bodens bildet die Grundlage, auf der wir eine Architektur aus Stein und klarem Licht bauen können.“ Die Dreiteilung des Gebäudes nimmt die Form der umliegenden Hügel harmonisch auf und passt sich gleichzeitig der vielbefahrenen Schnellstraße auf der Vorderseite an. Das gleichmäßig ins Gebäude strömende Tageslicht wird dort abhängig von der Empfindlichkeit der einzelnen Kunstwerke reguliert und gedämpft. Das Licht dient nicht nur dem Sehen, sondern soll auch Stimmungen erzeugen: Geschäftigkeit in den öffentlichen Bereichen, Ruhe hingegen im „Museum des Zwielichts“, in dem die Besucher in eine Welt fern des Alltags versetzt werden. Ein gänzlich anderes Konzept verfolgte Piano bei der Erweiterung der Morgan Library in New York City (2006) – eine interne Piazza inmitten der Stadt. Die schlichten Glasfassaden sorgen für Transparenz und fügen die komplexe Anlage der Bibliothek zu einem Großen, Ganzen. Die eindringenden Sonnenstrahlen, wenngleich abgeschwächt durch die umliegenden Einzelbauten, erwecken den Innenhof zum Leben und schaffen eine Verbindung zwischen innen und außen. In Australien hat Glenn Murcutt Wohnhäuser entworfen, die ein tiefes Verständnis für die konkreten Gegebenheiten des Ortes ebenso widerspiegeln wie für dessen geistige Atmosphäre. Ein geneigtes Dach, das seinen Schatten auf eine horizontale Plattform wirft, ist bei Murcutt Grundelement des Hausbaus. Dazwischen werden leichte Trennwände eingefügt, die die Innenräume voneinander und vom Außenraum abgrenzen. Einige seiner isoliert stehenden Häuser sind vollständig selbstversorgend. Da sie zudem vor Buschfeuern geschützt werden müssen, verhindert ihre Dachform die Ansammlung leicht entzündlichen Laubs. Auf diese Weise reagieren die Häuser nicht nur auf die lebenserhaltenden, sondern auch die bedrohlichen Aspekte des Genius loci. Energie und Genius loci Innovative Methoden wie die, die das Wesen eines Ortes sowohl praktisch als auch empirisch aufgreifen, sind für die moderne Architektur zukunftsweisend. Wir müssen aus weniger mehr machen – dieses Prinzip stellt wohl niemand mehr in Frage. Auch in Zukunft brauchen wir Licht, um zu sehen, doch das Tageslicht ermöglicht uns, auch ohne künstliche Lichtquelle zu arbeiten oder zu spielen. Richard Taylor schrieb 2007: „Laut unserer Schätzung verbrauchen wir auf der Erde derzeit nahezu 40 mehr an elektrischer Energie für Beleuchtung, als nötig wäre, wenn wir Tageslichtnutzung und präsenzabhängige Lichtsteuerung durchgängig und nicht nur bei Prestigeobjekten ausschöpfen würden.“ Hinzu kommt, dass uns das Tageslicht nicht nur erlaubt, zu lesen, Kunstgegenstände zu betrachten oder Maschinen zusammenzusetzen; vielmehr lässt uns die Sonne viele Erlebnisse angenehmer erfahren. Die Energiekosten eines Gebäudes lassen sich aber nur dann durch Nutzung des Tageslichts reduzieren, wenn die Bauweise des Hauses dem Klima und den örtlichen Gegebenheiten entspricht. Daher wird es immer wichtiger, dass der gesamte Gebäudeentwurf – angefangen von Standortmerkmalen bis hin zu Konstruktionsdetails und durchdachter Beschattung – perfekt auf die Umgebung und die herrschenden Lichtverhältnisse abgestimmt ist. Denn schließlich dient das Tageslicht nicht nur dem Sehen. „… Architektur liefert nicht nur den physischen Rahmen für menschliche Tätigkeiten, sondern weist den Menschen ihren Platz in Natur und Gesellschaft zu.“ 9 Marietta Millet ist emeritierte Professorin an der Fakultät für Architektur der Washington University, wo sie insbesondere in den Bereichen Licht und Farbe, Tageslicht/Kunstlicht und Klimadesign lehrte. Sie war Teilhaberin des Büros Loveland/Millet Lighting Consultants und ist Autorin des Buchs „Light Revealing Architecture“, publiziert 1996 von Van Nostrand Reinhold. Fußnoten 1. Tanizaki, Junichiro. 1977. In Praise of Shadows. (New Haven, Conn.: Leete’s Island Books), S. 18. 2. Erickson, Arthur. 1975. The Architecture of Arthur Erickson. (Montreal, Quebec: Tundra Books), S. 33. 3. ebd. 4. ebd. 5. Boesiger, Willy (Hrsg.) 1946. Le Corbusier: Oeuvre Complète, 1938-1946. (Zürich: Les Editions d’Architecture), S. 103. Übersetzung der Autorin. 6. www.paulkleezentrum.ch 7. Erster Entwurf des Museumsplans, 1999. www.paulkleezentrum.ch 8. Taylor, Richard. 2007, “The End of an Era, or the Start of a New One?” 3lux:letters, 3-2007. 9. Harries, Karsten. 1984, “On Truth and Lie in Architecture,” Via 7, The Building of Architecture. (Cambridge, Mass.: The M.I.T. Press, S. 51) 13 TAGESLICHT 14 Ein Geschenk der Natur: Tageslicht und wie es in der Architektur genutzt wird. D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 Gebautes wird erst durch seinen konkreten Ortsbezug zu Architektur, und Orte werden erst durch ihre Licht- und Klimaverhältnisse einzigartig. Architektur ist daher stets eine Antwort auf diese natürlichen Gegebenheiten. Gebäude an der Küste sehen anders aus als jene im Landesinneren, Häuser in den Flusstälern der Welt sind anders konstruiert als solche im Hochgebirge, und die Bauten des Nordens unterscheiden sich dramatisch von denen subtropischer Regionen. Die folgenden 24 Seiten zeigen die Ergebnisse einer Entdeckungsreise an fünf Orte auf dem Globus. Wir baten fünf Architekten, die an Hochschulen und Universitäten lehren und beim International VELUX Award 2008 als Tutoren für teilnehmende Studenten fungierten, sich für uns auf die Suche nach dem charakteristischen Tageslicht ihrer Umgebung zu begeben – in Hangzhou, Eskisehir, Lissabon, Oslo und Charleston. Sie analysierten die spezifischen Eigenschaften des Tageslichts, die an dem jeweiligen Ort zu beobachten sind, und gingen der Frage nach, wie traditionelle Baumeister und moderne Architekten das vorhandene natürliche Licht für ihre Bauten nutz- ten. Die Beiträge zeigen, dass es tageslichtsensible Architektur zu allen Zeiten gegeben hat und bis heute gibt. Sie zeigen aber auch, dass Tageslicht in der Architektur nie isoliert betrachtet werden kann. Immer steht es in enger Wechselwirkung mit dem Klima und der Topografie eines Orts, mit den Oberflächen von Natur und Architektur, ja selbst mit der Lokalgeschichte und den Alltagsgewohnheiten seiner Bewohner. Die Introvertiertheit chinesischer Wohnhäuser und die Offenheit der Bauten der amerikanischen Nachkriegsmoderne erzählen uns von der Enge der Stadt und der Weite der Landschaft, von unterschiedlichen sozialen Strukturen, aber auch von unterschiedlichen Haltungen der Menschen gegenüber dem Tageslicht. Auch die azulejo-Fassaden Lissabons entstanden ursprünglich als Reaktion auf das regenreiche Klima Portugals. Seither jedoch haben sie Stadtbild und ‚Lichtatmosphäre’ der Stadt am Tejo maßgeblich geprägt. Doch genug der Vorrede. Welche Nuancen des Tageslichts unsere Autoren auf ihren Reisen noch entdeckt haben, erfahren Sie auf den folgenden Seiten. OSLO, NORWEGEN LISSABON, PORTUGAL MIDDLETON PLACE, USA ESKISEHIR, TÜRKEI HANGZHOU, CHINA 15 OSLO, NORWEGEN Betrachtungen über das Licht in Oslo VON ROLF GERSTLAUER Licht ist, … und ist nicht gleich. Ebenso wie der Umgang verschiedener Kulturen mit dem Licht sich nicht verallgemeinern lässt, ist auch die Lichtqualität von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit verschieden. Um dem jahresund ortsspezifischen Licht wirklich auf die Spur zu kommen, muss der Betrachter es deshalb für sich selbst entdecken. Die hier gezeigte Entdeckungsreise durch Oslo vollzog sich an sieben verschiedenen Tagen im Januar 2009. Ihre Schauplätze sind Orte der täglichen Routine sowie Räume und Orte, mit denen ich mich zur gegebenen Zeit fachlich in meiner Arbeit als Architekt auseinandersetzen musste. Die Betrachtung und Erforschung des Januar-Lichts hat bestätigt, was ich über die Tageslichtqualität Oslos intuitiv bereits wusste. Zugleich hat sie wieder einmal verdeutlicht, welch unerschöpfliches gestalterisches Medium das Licht für Architekten ist. Licht erschöpft sich nicht, und Licht ist für den Architekten das kreative Material, mit dem er Räume und Objekte erschafft und somit das architektonische Werk dem Ort zuschreibt, ihm so seine Einzigartigkeit verleiht. brüche sind hier, anders als an der Westküste Norwegens, eine Seltenheit. Der Reiz von Oslos Tageslicht liegt nicht im Spektakulären und Spekulativen, sondern erschließt sich erst in der tieferen Auseinandersetzung mit ihm. Diese Auseinandersetzung besitzt notwendigerweise einen dialogischen Charakter. Um das Licht erfahren zu können, genügt es meist nicht, sich nur als reiner Zuschauer zu ver- und begnügen. Speziell (aber nicht nur) zur Winterzeit bedarf es einer erheblichen Anstrengung, um das zurückhaltende und an Pathos arme Licht wirklich zum Sprechen zu bringen. Das Januar-Licht in Oslo scheint wenig und will darum gesehen werden. Licht scheint, ... und scheint weniger. Das Oslo eigene ‚nordische Licht’ hat einen langen Atem und einen schwachen, fast nicht fühlbaren Puls. Im Gegensatz zu meiner Heimat, den Graubündner Alpen, stützt sich die Dramaturgie des Lichtes hier nicht auf starke Kontraste, pulsierende Rhythmen und variierende Intervalle – das Licht spricht hier wenig oder nur leise, es ist ausgeglichen, monochrom und unaufdringlich, aber auch zuverlässig: ein demokratisches, transparentes Licht. Der Tag wird, wie ihn der Morgen versprochen hat. Die Wolken stehen entweder hoch am Himmel und bleiben dort, oder aber es gelingt ihnen den ganzen Tag nicht, in das Innerste des Oslo-Fjords einzudringen. Gewitter und plötzliche Wetterein- Licht ist, ... doch selten allein. Brauchtum und Verhalten im Norden Europas sind zusätzliche Faktoren, die den Zugang zum Licht stark beeinflussen. Der Innenraum in seiner deutlichen Abgrenzung zum ungastlichen Klima bedingte eine bis auf den Rauchauslass für die Feuerstelle kompakte und vollständig geschlossene Hülle. Tag und Nacht mit ihrem Wetter waren draußen, das flackernde, wärmende und sammelnde Licht der Feuerstelle drinnen. Auch heute noch, wenn mit modernen Mitteln im offenen Gelände gebaut wird, scheint der Norweger Öffnungen in der Außenhülle hauptsächlich als Verlängerungen des Innenraumes zur Aussicht hin zu betrachten. Die Aussicht als eingerahmte und oft spektakuläre, ideell unberührte Natur wird dem Innenraum einverleibt. Das zaghafte Tageslicht schafft es dagegen nicht in allen Fällen, auf prägnante Weise in den Raum einzufallen. Die Feuerstelle als zentraler und sammelnder Punkt ist immer noch ein Leitbild und in übersetzter Weise bis heute bestimmend für die Beleuchtung des Innenraums. Auf dem Kontinent versucht das weiße und kräftige, an der Decke des Raumes befestigte Kunstlicht nach Einbruch der Dämmerung den Tag zu ‚verlängern‘. In Norwegen geben dagegen auch tagsüber zahl- 16 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 OSLO, NORWEGEN reiche, meist mobile künstliche Lichtquellen (auch Kerzen) die weiche, gedämpfte gelb-orange Lichtstimmung des lebenden und wärmenden Feuers wieder. Niedrige Strompreise erlauben es, die Beleuchtung in allen Räumen brennen zu lassen, und das Fenster dient somit weniger dem Tageslichtdurchlass als der Aussicht auf ein gerahmtes Bild mit anderer, ‚abstrakter’ Lichtsituation. Um den Dialog mit dem Licht wirklich zu pflegen, muss das Licht daher manchmal ausgeschaltet werden. Licht ist, ... und bewegt uns. Lebt man in dieser Stadt, ist man versucht zu denken, dass es im Winter nie wirklich hell und im Sommer nie eigentlich dunkel wird. Der Sonnengang, so der Eindruck, schafft im Laufe des Jahres zwei Welten, die das Leben in Oslo entweder aufblühen lassen oder zum Schweigen bringen. Die Auseinandersetzung mit dem zeit- und ortsspezifischen Licht jedoch lässt einen anderen Gedanken reifen: Gerade die zarten, subtilen und fast unwahrnehmbar langsamen Wechsel sind für Oslo charakteristisch und tauchen die Stadt täglich in ein neues Licht. Das Subtile ist insistierend und intensiv. Die Dramaturgie des Lichts liegt im Wesentlichen nicht in den Jahreszeiten, sondern in der plötzlichen und bewussten Erfahrung einer Farbe, Form oder Reflektion – der Andeutung von etwas, das gestern oder vor ein paar Stunden noch nicht hier war, nicht in dieser Art und nicht in dieser Gestalt. Was eben noch flach und ohne Perspektive war, ist nun räumlich und ausgeprägt grafisch. Diese Erfahrung ist ebenso plötzlich, wie der Wechsel von einer Gegebenheit zur anderen schwer wahrzunehmen ist. Die See, die noch vor einigen Minuten wie seit Wochen grau und leblos dalag, ist nun tiefgrün, farbsatt und wird körperhaft. Der im Januar ständig nass-dunkle und schwere Boden der Stadt wird vom Streiflicht der Sonne berührt, und die Reflektionen und Bre- chungen der Fenster zeichnen zusammen mit den endlos langen Schlagschatten der Bäume eine Partitur von Licht und Schatten, von heller und noch heller, von oben und unten, bis zuletzt die Gesetze der Schwerkraft aufgehoben zu sein scheinen und der Boden dem Himmel seinen Platz streitig machen will. Die Entdeckungsreise in Sachen Tageslicht endete im von Sverre Fehn entworfenen neuen Ausstellungs-Pavillon für das Architekturmuseum in Oslo. Es ist ein Raum, der sich im und mit dem Licht bewegt und sich fortlaufend neu zeichnet. Ein Raum als eine Lichtmaschine, die weiß, wie sie sich dem Licht öffnen will, um es sich mit all seinen subtilen Nuancen einzuverleiben. Rolf Gerstlauer ist Professor an der Oslo School of Architecture and Design. Im eigenen Studio Gerstlauer Molne (seit 1992) befasst er sich neben der Architektur auch ausführlich mit Fotografie und experimentellen Filmprojekten. Die Bauten und Filme von Gerstlauer Molne (Letztere unter Pseudonym) wurden mehrfach publiziert und mit Preisen ausgezeichntet. S 18: 5. Januar 2009 13.34 – 13.39; Stadtteil Hanshaugen, Außenbild Sonne: Aufgang 09.16 – Zenit 12.23 (Höhe 7.4°) – Untergang 15.30 Klima: wolkenfrei, Temp. –6.1°C, rel. Luftfeuchtigkeit 84 %, Oberfläche: Frostlag S 20–21: 19. Januar 2009 15.57 – 16.09; Stadtteil Kvadraturen, Interieurbild Sonne: Aufgang 08.57 – Zenit 12.28 (Höhe 9.6°) – Aufgang 15.59 Klima: bedeckt (Schneefall), Temp. –0.2°C, rel. Luftfeuchtigkeit 90 %, Oberfläche: Neuschnee (32 cm) S 19: 6. Januar 2009 09.35 – 09.39; Stadtteil Frogner, Interieurbild Sonne: Aufgang 09.15 – Zenit 12.23 (Höhe 7.5°) – Untergang 15.31 Klima: leicht bewölkt, Temp. –4.9°C, rel. Luftfeuchtigkeit 80 %, Oberfläche: bar 17 OSLO, NORWEGEN 18 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 OSLO, NORWEGEN 19 3. JAN JANUAR 2009, 12:22 OSLO, NORWEGEN 3. JANUAR 2009, 12:22 HANGZHOU, CHINA Implizite Kultur und introvertiertes Tageslicht Zwei Häuser in Hangzhou, China VON RUAN HAO AND ZHANG YUE FOTOS: RUAN HAO gegenstand unserer fotoserie ist der Vergleich eines alten und eines neuen Hauses in der Stadt Hangzhou. Das alte Haus aus dem Jahre 1872 ist eine private Villa, die renoviert und zu Tourismuszwecken umgebaut wurde, während es sich bei dem neuen Haus, nach 2004 gebaut, um ein Ausbildungszentrum der China Academy of Art handelt. Wir gehen von der Annahme aus, dass das alte Gebäude als prototypisches Vorbild für das neue diente. Beide Gebäude illustrieren, wie das Wesen von Raum und Licht in südchinesischen Häusern seit Jahrhunderten überliefert und neu interpretiert wird. Die Fotos wurden an einem normalen, leicht bewölkten Nachmittag in dem sanften Licht aufgenommen, das für südchinesische Städte so typisch ist. Beide Gebäude wurden durch und für diese Lichtatmosphäre geschaffen. Ihre weißen Außenmauern vermitteln einen soliden und zugleich kühlen Eindruck. Sie reflektieren das Licht und grenzen die Häuser zu ihren Nachbarn hin ab. Im Gegensatz zu den fensterlosen Außenmauern sind die Innenhöfe von der Morgendämmerung bis zum Einbruch der Dunkelheit lichtdurchflutet. Die warmen Holzfassaden, die sie an allen Seiten umgeben, zeugen von der Behaglichkeit der Häuser und verwandeln das Licht im Innenhof in ein lebendiges, fast dramatisches Element, das im Hof eingeschlossen ist. Ein Teil des Lichts wird indirekt durch die Korridore in die Räume geleitet und erscheint so rein und erhaben, als sei es gleichsam von der Holzfassade ‚getauft’. Baustile mögen sich ändern, der innere kulturelle Wert einer Region sowie der Menschen und Architektur dort aber bleibt. Und so wohnt beiden Häusern, obgleich ihre Entstehungszeit 132 Jahre auseinanderliegt, der gleiche Gegensatz inne: hier die äußere, verschlossene und indifferente Erscheinung und dort die lebendige, aber kontrollierbare und in sich ruhende Innenwelt. Ruan Hao ist MArch Student an der Fakultät für Architektur der TsinghuaUniversität in Peking. Er war Gasthörer an der Harvard Graduate School of Design und gewann den zweiten Preis beim International Velux Award 2008. Derzeit arbeitet er für die Preston Scott Cohen, Inc. am Taiyuan Museum of Art in China. 22 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 Dr.Zhang Yue ist außerordentlicher Professor an der Fakultät für Architektur der Tsinghua-Universität in Peking. Er gewann den Holcim Award für Ostasien in Gold, den Grand Prix der dritten DBEW International Housing Competition und war Finalist bei der zweiten Living Steel Competition. Rechts: Außenwand der alten Villa. Die weiße Außenwand scheint das Gebäude von der Außenwelt abzuschirmen. Obwohl das neue Gebäude offener gestaltet ist, herrscht auch hier Exklusivität. Nächste Seite: Innenhof – alt und neu. Die Form des Lichts ist nicht fassbar, obwohl es durch klar definierte Grenzen in die Räume gelassen wird. Das Licht wird intensiv wahrgenommen, obwohl die Sonne nicht direkt sichtbar ist. HANGZHOU, CHINA 23 HANGZHOU, CHINA 24 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 HANGZHOU, CHINA 25 3. JANUAR 2009, 12:22 MIDDLETON PLACE, USA Genius Loci und Maisgrütze Inn in Middleton Place bei Charleston, usa VON MARK MORRIS unvergessliche orte sind typischerweise verbunden mit dem ersten Eindruck, bestimmten Menschen oder der Erinnerung an ein gutes Essen. Nur wenige für uns denkwürdige Orte verdanken dies ihrer Gestaltung. Es wundert mich selbst, warum ich das Inn in Middleton Place neben meinen Lieblingshotels in London und New York zu meinen Favoriten zähle, doch steckt es voller Überraschungen. Architektonisch ist es das Letzte, was man am Ende eines gewundenen Schotterwegs, gesäumt von kleinen Palmen und Dschungelmoos, in der Nähe von Charleston in South Carolina zu finden erwartet. Der formale Gegensatz zu den Überresten der Middleton Plantage ist krass. Das Hotel, wohl das gelungenste Gemeinschaftsprojekt von W. G. Clark und Charles Menefee, liegt beschaulich auf einer kleinen Anhöhe über dem trüben Sumpfgewässer des Ashley River. Der Komplex, vor fünfundzwanzig Jahren auf Geheiß eines Nachfahren Middletons gebaut, besteht aus einem Haupthaus in L-Form, das eine gepflegte Rasenfläche einschließt, und einer Handvoll wie Satelliten in der Gegend verstreuter Bauten. Alle Gebäude sehen aus wie mehrgeschossige Glaswürfel mit schwarzen Holzrahmen, Betonschornsteinen und Brandmauern. Das Ganze mutet an wie ein Kartäuserkloster: Hier wird jeder zum kontemplativen Einsiedler. Enge gewölbeähnliche Treppen verbinden die oberen Zimmer mit dem Erdgeschoss. Die karge Materialpalette wird ausgeglichen durch die üppige Landschaft und die angenehme Optik des Interieurs. Die Gästezimmer sind spärlich eingerichtet, erstrahlen aber im honigfarbenen Licht, das durch die für diese Gegend typischen wandhohen Innenjalousien dringt. Durch Öffnen und Schließen einzelner Jalousien und je nach Stellung der vertikalen Lamellen variieren Licht und Stimmung in den Zimmern. Hinzu kommen zwei besondere Fensterarten: Zwischen dem schwarzen Holz und dem Beton befinden sich schmale verstellbare Flügelfenster, die an Lüftungsschlitze erinnern; durch ihre Echowirkung intensivieren sie das Geräusch des Regens. Leicht gebogene, sandgestrahlte Glasbausteinfenster bilden die Hintergrundkulisse für trogförmige Badewannen und harmonieren perfekt mit dem Fliesenmuster. Das ‚L‘ mündet im Rezeptionsbereich, über dem eine Penthouse Suite liegt. Ein riesiger Kamin durchbohrt das Ganze wie ein Spieß; die Feuerstellen im Erdgeschoss und im Wohnzimmer der Suite greifen die L-Form auf subtile Weise auf, und der Kamin in der Lobby lodert und knistert wie die Esse einer Schmiede. Ein luftiger Balkon auf Rasen- und Flussseite umläuft die Suite. Die uralte architektonische Herausforderung, die Ecke des ‚L‘ zu füllen, wird geschickt gelöst. Die Querachse mündet in einer etwas unheimlichen Ruine, die sich gegen den Himmel absetzt und schwere Schatten auf den Fahrradständer darunter wirft. Die hier verwurzelte Kopoubohne bedeckt den Großteil des Eingangsbereichs und verleiht dem Inn das Aussehen einer riesigen Hecke, erfüllt vom Summen der Stechfliegen und Zwitschern der Spatzen. Das Hotel zieht Gäste unterschiedlichster Couleur an: Einige kommen dorthin wegen der bewegten Geschichte der Plantage nebenan, andere wandern durch die Gärten (die ältesten architektonischen Gärten des Landes) und pflücken Rhododendron, ein paar Sportler tummeln sich in Kanus auf dem Fluss. Sie alle aber teilen die unbegründete Sorge über die ‚Haltbarkeit‘ des Ortes in dem Wunsch, alles so zu belassen wie auf den alten Spoleto-Festival-Postern über den Betten, und fragen sich laut, wer zum Teufel sonst noch den einzigartigen Charme dieses Ortes zu schätzen weiß. Welche breite und gewinnträchtige Touristenschicht mit Interesse an Vorkriegs-Grandeur möchte schon in einem düsteren modernen Kloster einquartiert werden, wenn man ein wenig weiter unten an der Straße in Villen mit Säulengängen und spitzenbesetz- 26 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 MIDDLETON PLACE, USA ten Himmelbetten residieren kann? Wissen oder interessiert es genügend Leute, dass das Hotel vom American Institute of Architects höchste Anerkennung bekam (das AIA-Zitat hängt in der Lobby neben den Mitgliedsurkunden der Green Hotel Association, Audubon Society und National Wildlife Federation)? Viele wissen es. Und viele scheint es zu interessieren. Für Alexander Pope „offenbart sich ein Genius loci in der Landschaft, fängt offene Lichtungen ein, gesellt sich zu dichten Wäldern und variiert Schatten um Schatten, bricht hier und leitet dort die vorgegebenen Linien …“. Das Design von Clark und Menefee, in die Landschaft eingebettet, nutzt und evoziert diese Definition wortwörtlich. Die geistige Atmosphäre dieses Ortes wird nicht nur optisch verstärkt. Der Geruch von Holzfeuern ist auch im Hochsommer in den Räumen wahrzunehmen. Die kühlen Fliesen im Bad wirken erfrischend nach einem beschaulichen Spaziergang durch die Gärten oder einem Aufenthalt am Pool. Auch der Geschmackssinn spielt eine Rolle: Das Hotelfrühstück wird stets mit Maisgrütze serviert, auf deren Geschmack ich allerdings noch kommen muss. Egal, sie gehört zu diesem Ort und seiner speziellen Atmosphäre dazu. Viel mehr aber ist die nachhaltige Erinnerung an diesen Ort dem überzeugenden Design und dessen geschickter Umsetzung sowie der Genügsamkeit als Naturkulisse zu verdanken. Mark Morris lehrt Entwurf und Theorie an der Cornell University in Ithaca/ USA und koordiniert dort den Aufbaustudiengang zum Master of Architecture sowie zum PhD der Architekturgeschichte. Er studierte an der Ohio State University und erlangte seinen Doktortitel am London Consortium der University of London. Morris ist Verfasser des Buchs Automatic Architecture and Models: Architecture and the Miniature und Moderator der iTunes-Podcast-Serie „Architecture on Air“. Er lehrte an der Londoner Bartlett School, der Architectural Association und der University of North Carolina in Charlotte, wo sein Freund und Kollege Greg Snyder ihn mit der Arbeit der Architekten Clark und Menefee bekannt machte. 27 MIDDLETON PLACE, USA ESKISEHIR, TÜRKEI Licht ist die Zeit Kilicoglu-Ziegelei in Eskisehir VON RECEP ÜSTÜN die fotografien wurden in den inzwischen leerstehenden Kilicoglu-Ziegeleien in Eskisehir aufgenommen. In den nun inmitten der Stadt verbliebenen Fabrikanlagen, die in Eskisehir seit 1928 in Betrieb waren, wurde noch bis vor 5 Jahren produziert. Recep Üstün schloss 1988 sein Architekturstudium an der Fakultät für Ingenieurswesen und Architektur der Anadolu-Universität in Eskisehir ab. Seit 1989 ist er als Dozent an der Fakultät für Ingenieurswesen und Architektur der Anadolu-Universität sowie im Studiengang Architektur der OsmangaziUniversität tätig. Er nimmt an nationalen und internationalen ArchitekturWettbewerben teil. Licht ist die Zeit ... Licht lässt sich nicht eintrüben und ist deshalb auch unabhängig von Zeit. Louis Kahn betrachtet Materie als Licht ohne Glanz. Ihm zufolge ist Materie aus ‚Licht’ gegossen, ebenso wie Eisen in eine Form gegossen wird. Deshalb hat Materie sichtbare Zustände. Diese Zustandsvielfalt verhindert, dass wir die Materie als ein einziges Objekt betrachten können. Bei Bewegungslosigkeit des Materien-Lichts (Ewigkeit) ruht die Arbeit. Diese Fotos beabsichtigen, die Spannung zwischen Licht und Materie und die Reflexion dieser Beziehung auf Orte aufzuzeichnen. Die Vergänglichkeit von Zeit wandelt jedes Foto in einen Abschied. Von allem, was fotografierbar ist, kann man sich verabschieden. Doch das Licht bleibt” ... 30 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 ESKISEHIR, TÜRKEI 31 LISSABON, PORTUGAL Licht über Lissabon VON CARLOS LAMPREIA „Sage mir, meine Seele, arme, erkaltete Seele, was dächtest du davon, in Lissabon zu wohnen? Es soll dort warm sein, und du würdest wieder munter werden wie eine Eidechse. Diese Stadt liegt am Rande des Wassers, man sagt, dass sie aus Marmor gebaut ist und die Menschen dort Pflanzen so sehr hassen, dass sie jeden Baum der Erde entreißen. Das ist eine Landschaft nach deinem Geschmack, eine Landschaft aus Licht und Mineralien und dem Wasser, um sie zu spiegeln.” Charles Baudelaire, in Le spleen de Paris [Petits poèmes en prose] das licht, abstrakt in seiner Essenz, diese leichte, unfassbare Substanz, macht in Kombination mit geografischen und meteorologischen Phänomenen die Architektur mit all ihren Strukturen und Zuständen erst sichtbar. Fast ist es eine lebendige, unvorhersehbare Materie, die – sobald sie sich verändert – Einfluss auf unserer Verhalten und unseren bewohnten Raum nimmt. Vor allem aber ist Licht Energie, welche den Raum erst wahrnehmbar werden lässt und ihn und jede andere Materie offenbart. Die Abhängigkeit vom Licht ist fast so alt wie die Erde selbst, und seit Menschengedenken wird sie in allen Kulturen dargestellt. Heute können wir dies im Werk von Künstlern wie James Turrell entdecken. Er fängt das Licht mit einer Serie von sogenannten ‚Skyspaces‘ – kleinen, architektonischen Strukturen, die zur Beobachtung des Himmels konzipiert sind – ein und sucht es so zu verstehen. Auch Olafur Eliasson hat mit seiner Installation ‚The weather project‘ von 2003 die physikalischen Phänomene der Natur künstlich erzeugt, dabei die Tate Gallery in London mit einem intensiven Sonnenlicht zum Leben erweckt und die Betrachter in Verzückung versetzt. 32 In Lissabon, wo das Licht intensiv ist und vom Wasser noch verstärkt wird, wird auch die Architektur zur Kunst. Sie nimmt die Energie in lichtdurchfluteten Räumen auf und macht diese dadurch bewohnbar. Ihren Ursprung nimmt diese Wechselwirkung in Lissabons geografischer Lage: Der Fluss Tejo erreicht durch einen kleinen Kanal den Atlantischen Ozean und bildet mit seinem ausgedehnten Flussdelta ein kleines Binnenmeer, das Mar da Palha. Es markiert den Übergang vom ruhigen, natürlichen Hafen in die Weiten der Meere. An diesem Angelpunkt, der Grenze zwischen Wasser und Land, entwickelte sich Lissabon. Im 17. Jahrhundert von einem Erdbeben fast vollständig und systematisch zerstört, wurde die Stadt in einem Zug wiederaufgebaut, was ein großes Maß an Homogenität schuf, dem sogenannten ‚Pombalino‘-Stil. Er lässt die Stadt so erscheinen, als sei sie aus nur einem Material, dem Stein. Die Konfrontation dieser beiden immensen Massen, der steinernen Stadt einerseits und dem Fluss des Lichtes andererseits, hat das Bild der Stadt geprägt und intensive Spiele mit dem Licht ermöglicht. Sie leitet es durch die Straßen und Gassen der Stadt, während wir auf die nächste Gelegenheit warten, den Fluss wiederzusehen. Spürbar wird das Lichtspiel an den Terraços de Bragança in der Rua do Alecrim von Álvaro Siza: Die Gebäude kommunizieren mit ihrem im Pombalino-Stil erbauten Nachbarn. Zwischen ihnen blieben Reste der alten Stadtmauer erhalten. Die gefliesten Fassaden in subtilen Abstufungen von Weiß und Blau reflektieren das Licht, lenken es in diese Zwischenräume, entmaterialisieren dadurch die Präsenz der Gebäude und durchfluten das Stadtgefüge mit der intensiven Energie der Sonne. Ende des 19. Jahrhunderts wurde nahe dem Kanal in der Mitte der Stadt, gleich neben dem Hafen, eine riesige steinerne Plattform gebaut, wie eine immense, gradlinige Veranda. Sie D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 LISSABON, PORTUGAL überbrückt den Fluss und fungiert als eine Art Spiegel des hektischen Industrie- und Hafenlebens. Auf dieser Plattform steht das ‚Museu do Oriente‘ von João Luís Carrilho da Graça, ein ehemaliges Lagerhaus, dessen dynamisches Nebeneinander verschiedener Volumina immer neue, unvorhersehbare Dialoge mit den Containerschiffen des Hafens entstehen lässt. Goldfarbene Pigmente an der Fassade des Dachgeschosses verleihen dem Gebäude Glanz und weisen auf seine neue Nutzung hin. In Lissabon findet ein ständiges Wachstum entlang der Ufer in Richtung Meer oder von der Quelle bis zum Mar da Palha statt. Dieses schon immer intensiv für Industrie und Hafenbetrieb genutzte Gebiet bildet seit der Weltausstellung 1998 eine Erweiterung des Stadtgefüges. Hier ist die Stadt sehr exponiert, Topografie und Bebauung sind gleichermaßen flach, und die ausgedehnten Wasserflächen besitzen eine enorme Weite. Das intensive Licht blendet oft so stark, dass das andere Ufer kaum zu erkennen ist. Einen zeichenhaften Sonnenschutz schuf Álvaro Siza an dieser Stelle mit dem portugiesischen Pavillon der EXPO98. Sein immenses Hängedach aus Beton erstreckt sich entlang des Wassers und schafft so einen bedeckten und angenehm kühlen Platz in Ufernähe. Je mehr man sich dem Meer nähert, umso breiter wird der Fluss und umso stärker die Veränderungen seiner Oberflächenstruktur. Je nach Lichtintensität erleben wir den Tejo auf ganz unterschiedliche Weise. Die westlichen Randgebiete der Stadt begleiten diese Variationen mit ihrer suburbanen Bebauungsstruktur, die versucht, die Intensität des Lichts einzufangen. Beispielhaft hierfür ist das Centro de Coordenação BRISA in Carcavelos von João Luís Carrilho da Graça. Das Gebäude nahe der Autobahn nutzt das auf die Fassaden auftreffende Sonnenlicht mittels großer Solarkollektoren. Im Atrium dagegen schaffen Wasserflächen und weiß verputzte Wände eine Lichtqualität, wie wir sie vom Fluss her kennen. Endlich erreicht das Meer Cascais, den Ort, an welchem sich die Bebauung verdichtet und sich dem Ozean zuwendet. Unmittelbar an der Einfahrt zum Kanal von Lissabon stehen hier der Leuchtturm und das Museum Santa Marta von Aires Mateus. Die Architekten hüllten die bestehenden Gebäude in glänzende, weiße Fliesen, abstrahierten so deren Form und verwandelten den gesamten Komplex zugleich in eine leuchtende Einheit, die sich über den schwarzen Felsen emporhebt. Die Architektur von Aires Mateus nimmt die Bestandteile des genius loci auf, vom Fassbarsten, wie den bestehenden Naturformen und Gebäuden, bis hin zum Abstraktesten, wie dem Licht. Wenn wir verstehen, dass – wie José María Montaner es tut – das Mysterium des Universums ist, dass es vollständig aus Energie und deren Umwandlung besteht, dann könnten wir wagen zu sagen, dass der Raum die Art und Weise darstellt, wie wir das Licht einfangen. Carlos Lampreia ist seit 1994 Dozent an der FAA-Universidade de Lisboa und leitet sein eigenes Architekturbüro in Lissabon. Er studierte an der Architekturfakultät in Porto und der Technischen Universität Lissabon, erwarb danach einen Mastertitel in Architekturtheorie und arbeitet an seiner Dissertation über orts- und materialbezogene Strategien in Architektur und Kunst. 33 LISSABON, PORTUGAL 34 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 LISSABON, PORTUGAL 35 LISSABON, PORTUGAL 36 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 LISSABON, PORTUGAL 37 ––°––’––’’ N ––°––’––’’ S 2005 ––°––’––’’ E ––°––’––’’ W Landschaften kreiert von Michael Reisch www.michaelreisch.com Vorherige Seite: Landschaft, 1/010 digital c-print/diasec 2005, 124 × 201 cm – courtesy Gallery Rolf Hengesbach, Köln, Deutschland Gegenüber: Landschaft, 0/023 digital c-print/diasec 2003, 124 × 190 cm – courtesy Gallery Rolf Hengesbach, Köln, Deutschland 40 „In der Fotografie geht man, so die Konvention, eigentlich immer von etwas Realem, physikalisch Existenten, Abbildenswertem aus: Erst gibt es die Realität, das Phänomen. Das Foto ist dann gemeinhin das Abbild dieses Phänomens. In meinen Bildern habe ich diesen Sachverhalt in gewisser Weise umgekehrt, hier habe ich die Realität, das Phänomen, die tatsächlich existente Landschaft, als Abbild, als Entsprechung meiner Vorstellung benützt, wobei das Authentische des fotografierten Ortes letztendlich im Bild keine Rolle mehr spielt. Das Authentische des Ortes wird ersetzt durch das Authentische des Bildes. Mit anderen Worten: meine Bilder sagen weniger über das Abgebildete als vielmehr etwas über meine visuellen Entscheidungen aus. Der Ort, der Genius loci, ist bei meinen Bildern nicht die reale Landschaft, sondern befindet sich im Kopf des Künstlers oder des Betrachters. An D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 diesen subjektiven Vorstellungen des Betrachters, die ja wiederum in kollektiven Vorstellungen (Malerei, Literatur, Film, Werbung, etc.) eingebettet sind, und aus denen sich letztlich so etwas wie unsere zeitgenössische Auffassung von Landschaft und Natur zusammensetzt, interessiert mich insbesondere der Aspekt von Landschaft als Projektionsfläche einer kollektiven, unerfüllbaren Sehnsucht, Landschaft als utopischer, paradiesischer Entwurf, als Traum von unberührter Natur; und, demgegenüber, eine gängige, pragmatische, funktionalistische, kalte Auffassung von Natur als Roh- und Gebrauchsmaterial, als nützliche und verfügbare Bio-Masse: Landschaft zwischen Paradies und Gentechnikalbtraum.“ Michael Reisch 41 REFLEKTIONEN Neue Perspektiven: Ideen abseits der Alltagsarchitektur. GENIUS LUCIS WAS WOHNLICHT SEIN KÖNNTE Von Gerhard Auer Fotografie von Beatrice Minda Es gibt kaum einen Ort auf der Erde, zu dem der Mensch eine engere Beziehung pflegt als zu seiner Wohnung. Bei welchem Licht Menschen sich ‚zu Hause‘ fühlen, variiert je nach kulturellem Hintergrund und individueller Präferenz. Dennoch lassen sich bei näherem Hinsehen Grundfunktionen des Wohnens und ‚Genien‘ des Wohn-Lichts identifizieren, die über alle Zeiten Bestand hatten. Nur wer das Wohnen gleich mit Wohnung und diese gleich mit dem Wohnbau verbindet, wird sich auch unter Licht gleich die Belichtung und unter der Belichtung gleich Fenster und Leuchtkörper vorstellen. Doch die Frage, was Wohnen überhaupt kennzeichnet und in welcher Beziehung es zum Licht steht, zwingt zu verzweigteren Annäherungsversuchen an eine Begriffspaarung ‚Wohnlicht‘, die bisher weder in den Diskursen zum Wohnungsbau noch zur Lichtgestaltung als Kapitelüberschrift zu finden ist. 1 Wohnen ist… Angesichts der weltweiten Vielzahl von Wohnformen, hervorgegangen aus Kontrasten des Klimas, aus Unterschieden sozialer Konvention und aus Ungleichzeitigkeiten zivilisatorischer Technik, scheint sich jeder Vergleich zu verbieten. Doch vor und jenseits aller kulturellen Differenz – so lehrt uns die Anthropologie – musste sich homo habilis, weil ein Nestbauprogramm in seiner genetischen Ausstattung fehlt, ein Habitat selbst ausdenken. Seither sind zwar nicht die Lösungen, aber die Probleme des Wohnens die gleichen geblieben. Mit anderen Worten: Wohnbedürfnisse und Wohnträume sind die gemeinsamen Nenner, die sich jeder Erdenbürger mit jedem anderen teilt – und für die Rilke einen gemeinsamen Verursacher gefunden hat: „das große Zuviel des Draußen“. Im Folgenden skizziere ich also keine neue Typologie, sondern überprüfe konkrete Wünsche und Praktiken auf ihre Deckungsgleichheit. Man lasse sich nicht vom Artenreichtum der Erscheinungsformen täuschen: Einmal sortiert und auf Wesentliches reduziert, bleiben nur wenige Kriterien, die sich als Bedingungen „sine qua non“ benennen lassen zum globalen und interkulturellen Konsens, vom Windschirm des Patagoniers bis zu Bill Gates’ Cyber-Landschloss. Leibwache Man findet keine Wohntheorie oder Wohnpraxis, die nicht Sicherungsaspekte in den Vordergrund stellen würden, also die Abwehr gegen Gefährdungen vorrangig des schlafenden Körpers, der im kritischen Zustand allnächtlicher Bewusstlosigkeit seine eigene Wachsamkeit aufgeben muss. Das verlangt nach zuverlässiger Bewachung, in Gestalt sicherer Orte (erst Höhle und Baumkrone, später Bunker und Links Lichtdurchflutet – die „geborgene Schlafstätte“, fotografiert von Beatrice Minda. (Massy-Palaiseau, 2005.) Ihre Serie „Innenansicht“ umfasst Bilder rumänischer Wohnungen, aufgenommen in Frankreich, Deutschland und in Rumänien. Turm), wachender Mitmenschen oder Haustiere (Nachtwächter, Wachhunde, Bodyguards). Die geborgene Schlafstätte nimmt in einem vergleichenden Ranking unverzichtbarer Wohnmotive den ersten Platz ein. Vom Strohsack bis zum Futon, von der Luft- bis zur Wassermatratze: wie phantasiereich wird sie montiert auf Hochebenen, in Wandnischen und Alkoven, umhüllt von Moskitonetzen und Gardinen, überdacht mit Baldachinen und Zelthimmeln; wie originell lässt sie sich transportieren als Schiffskojen, Schlafwagenabteile und Wohnmobile (und wie aufwendig wird sie hergerichtet für längere Schlafzeiten in Särgen und Pyramiden)! Egozentrum Einen „Room of One’s Own“ bezeichnete Virginia Woolfe in einem Essay zur weiblichen Kreativität 1928 als existenzielle Bedingung der Schaffenskraft. Der Wunsch nach dem eigenen Zimmer proklamiert das Recht des Individuums auf einen Raum persönlicher Verfügungen und Freiheiten: des Verhaltens, der Ausstattung, des Öffnens und Schließens. Die Schlüsselgewalt garantiert nicht nur Ungestörtheit, sondern auch eine Wahl zwischen erwünschten und unerwünschten Besuchern. Denn das Egozentrum ist nicht nur Rückzugs-, sondern auch Empfangsraum. Da sich sein Besitzer dort mit persönlichen Gegenständen umgibt, erlaubt er dem Gast Einblicke in seinen Charakter und seine Biografie. Die Ethnologie weiß von Separierungsregeln aus jeder Kultur zu berichten: In unseren Kinderzimmern und Klosterzellen, im Séparée für Alte oder im Individualraum der WG, und natürlich überdeutlich in den Apartments einer zukunftsträchtigen Single-Generation findet dieser Wohnwunsch seine Erfüllungen. Versionen des Sich-Einschließens und Sich-Ausstellens sind auch jene Ateliers, Büros oder Werkstätten, die schon immer von den Ich-AGs der Schriftsteller und Künstler, der selbstständigen Geistes- und Handwerker bewohnt wurden. Das Egozentrum kann bis zum Campingcar schrumpfen oder sich bis zur Pferdefarm aufblähen, es ist jedoch immer unteilbar! Kontaktzone Ein Bereich der Begegnungen – dem Separierungsbedürfnis nicht entgegengerichtet – wird dann unerlässlich, wenn mehrere Personen zusammen wohnen. Bekanntlich haben 43 sich Modelle der Kohabitation, vom kinderlosen Paar bis zur wusste: „... so entsteht in der Welt etwas, was allen in die KindMehrgenerationen-Großfamilie, bewährt und werden als heit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ gattungstypisch angesehen. Sie vereinen Arbeitsteilung und Unsere spät im 19. Jahrhundert erst einsetzenden Wohngegenseitige Rückversicherungen: zur Kinderaufzucht und diskurse wurden von Stadtbürgern Mitteleuropas geführt, also Altenpflege, bei Krankheiten oder anderen Notfällen ökono- von den sesshaften Erben einer Kulturgeschichte, die Festigmischer, physischer wie psychischer Art. keit und Dauerhaftigkeit als primäre Bautugenden schon mit Die räumlichen Manifestationen des Kommunizierens sind Vitruvs firmitas festgeschrieben hatte. Hätten jedoch Eskiso variationsreich wie die Natur oder Kultur der Wohnregionen: mos, Indianer und Kirgisen an diesem Diskurs teilgenomAls Höfe oder Hallen, Salons oder Gute Stuben, immer den men, wären Iglus, Zelte und Faltwerke sichtbar geworden als Bedingungen des Klimas oder den Regeln der Diskretion unter- Ursprung und Idealkonstruktionen nomadischer Wohnweiworfen, können sie sich mehr oder weniger transparent zeigen. sen in transportablen Gehäusen. Der frühe Mensch war über Millionen von Jahren ein vagaAllen gemeinsam ist aber ihre Funktion als Puffer zwischen Privatheit des Egozentrums und Öffentlichkeit der Straße. (Nur im bundierender Nestflüchter, bevor er, erst vor zehn JahrtausenSingle-Apartment fällt der Kommunikations- mit dem Indivi- den, zum sitzenden wurde. Kriege und ambulante Tätigkeiten dualraum in eins.) Gleichzeitig Wegekreuzung und Berührungs- – und heute die unsicheren Arbeitsmärkte – haben seit je Emizone, entwickelt das Infranetz kontrastreiche Eigenschaften der granten und Wanderarbeiter zum mehr oder weniger freiwilliIntro- und Extroversion: Es ist Trainingsraum für Sozialisation gen Umziehen genötigt. Alle Betroffenen behelfen sich wenn und Selbstkontrolle, Ort der Konflikte wie der Feste, und nicht nicht mit Leihwohnungen, dann mit Unterkünften, die entwezuletzt schafft es eine Schauseite zur Straße – sofern dort eitle der gleich auf Rädern stehen oder als leichte Container beweglich sind. Es ist nicht zu übersehen, dass ein postindustrielles NomaZurschaustellungen als politisch korrekt akzeptiert werden. dentum heute weltweit und klassenübergreifend anwächst – und mit ihm eine Renaissance ortloser Wohnkulturen. Auch die Schatzkiste Nicht zuletzt gehört ein viertes Wohnbedürfnis zur Spitzen- hartnäckigste Werbung der Möbelindustrie fürs cocooning und gruppe: die Sorge um den Besitz. Zuerst verlangte die Vorrats- homing kann dem nicht gegensteuern. Ob indessen als Haushaltung Speicher und Keller, dann hat das Einbunkern von besitzer oder als Mieter, jeder wird früher oder später zum WohSchmuck, Geld und wertvollen Sammlungen Schatzhäuser ent- nungswechsler. Und weil sich in der städtischen Mietwohnung stehen lassen. In ihren Frühformen (noch erhalten in japani- die größte Schnittmenge gegenwärtiger „Einwohner“ zusamschen oder indonesischen Beispielen) erscheinen sie als fensterlose, menfindet, werden Wohn-Vagabunden zu den idealen Konsueisenbeschlagene, unbrennbare und diebstahlsichere Stein- oder menten der Einrichtungs-Industrie. Lehmkuben, oft zentral positioniert und kostspieliger dekoriert Den Publikationen von Interieurs ist anzusehen, ob Archials die übrigen Leichtbauten für das Alltagsleben. tekten oder Designer ihre Urheber sind: Gewinnt der Erstere Verlustängste plagen jedoch nur den Besitzenden; sie wer- immer noch aus Sonne und Fenster Licht- und Schattenspiele, den dominant erst mit dem Zusammenleben, sei es in Familien verhängt der Letztere alle Wandöffnungen, um zwischen oder anderen Kollektiven, insbesondere dort, wo mit Ackerbau Möbeln und Leuchten seine Bühnenbilder zu gestalten. und Tierzucht eine Haushaltung und das befestigte Wohnhaus unerlässlich werden. In der marokkanischen Kasbah wird Fenstergeschichten gleich im Schatzhaus gewohnt: Dort drängen sich solide ver- Suchen wir nach einer Schnittstelle, an der sich Licht und Wohriegelte Familienhöhlen entlang dunkler Gassen eng aneinan- nen begegnen, dann bietet sich naheliegend das Auge an, eine der hinter den Festungsmauern der Siedlung: Deutlicher ist evolutionäre Gattungskonstante, die über Zeiten, Regionen die Behausung als Angst- und Fluchtraum nicht darzustellen. und Kulturen hinweg uns im Sehvermögen verbindet – die (Zu meiner Verblüffung zeigt das Modell von Masdar-City, die optischen Täuschungen inbegriffen. Die populäre Metapher jüngste, aber konkrete Utopie einer „Energie-Stadt von morgen“, von den Fenstern als Augen des Hauses besitzt sprichwörtliche dieselben Burg-in-Burg-Strukturen. Welche Furcht beherrscht Weisheit, indem sie die Doppelaufgabe Ausblick und Lichtempwohl Abu Dhabis Architekten?) Ob Vorgänger oder Nachfol- fang ebenso treffend beschreibt wie die zweideutige Funktion, ger des Schatzhauses, haben sich Seekisten, Tresore oder Koffer ein Innen und Außen sowohl zu trennen wie zu verbinden. reisetüchtig bewährt; sie begleiten den Fahrenden als Obdach- Das Windauge (window) sagt zudem, dass es nicht nur Licht, losen noch, wenn er schon alle Schutzräume verlassen oder ver- sondern auch Wetteröffnung sein will – das heißt Grenzkontrolle über die Phänomene der Atmosphäre, die dem Wohnenloren hat, als Behälter letzter „Habseligkeiten“. den abwechselnd feindlich oder freundlich begegnen. Eine Belichtungstypologie – die noch nicht verfasst ist – rent a home Mit seinem – allzu oft zitierten – Diktum „Wohnen ist Blei- würde sich ohne Frage aus zwei Baugeschichten bedienen: der ben“ idealisierte ein stadtskeptischer Martin Heidegger seinen zehntausendjährigen Anthropologie des Fensters und der erst Rückblick auf schollengebundene Agrargesellschaften. Aber die 200- jährigen Geschichte fortgeschrittener Lichttechniken. Es menschlichen Wohnwirklichkeiten waren seit je entgrenzter, und ist auffällig, dass Wohnbau-Architekten erst zu Beginn des Heimatgefühle sind ortlose Imaginationen, wie Ernst Bloch es 20. Jahrhunderts dem Licht überhaupt Beachtung schenkten 44 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 Beatrice Minda inszeniert in klaren, atmosphärischen Bildern das einfallende Tageslicht als elementaren Bestandteil jeder Wohnung. Die von ihr fotografierten Räume strahlen eine große Ruhe aus. Caracal, 2003. 45 Helles, überblendendes Tageslicht verleiht den von Beatrice Minda fotografierten Räumen eine ganz eigene Poesie. Sâmbăta, 2003. 46 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 und erst zu dessen Mitte dies auch in Werken und Schriften ausdrückten. Keiner hat – soweit mein Wissen reicht – lichtbewusster reflektiert und entworfen als Louis Kahn. Hat er deswegen die bemerkenswertesten Fenster seiner Epoche erfunden – aber dem Kunstlicht so wenig wie möglich zugemutet? Vergleichbar kunstlichtscheu benahmen sich seine bekanntesten Vorgänger der Tageslicht-Baukunst: Frank Lloyd Wright und Le Corbusier. Der Erstere hat die alte gelochte Wohnkiste mit Sonne geflutet und zugleich ihre Bewohner um offene Feuerstellen versammelt, dem Letzteren ist jene oft zitierte Definition der Architektur als ein „genaues, wissendes und großartiges Spiel der Volumen unter dem Licht“ zu verdanken. Meist werden die drei Adjektive übersehen, obwohl ihnen wesentliche Bedeutung zukommt, wie eine andere Bemerkung Corbusiers belegt: Ein Fenster müsse in guter Architektur zu groß oder zu klein in Erscheinung treten; dort, wo es nur praktisch und richtig dimensioniert sei, handle es sich um ordinäres Bauen! Auch wenn für manche Baukünstler der Wohnbau eine Marginalie ist, erfüllen auch seine Fenster mehr als puren Helligkeitsbedarf. Erst als Instrument der Mehrdeutigkeit richtig verstanden, mutiert auch sein Belichtungsloch zum Übermittler vielsprachiger Lichtbotschaften. Gucklöcher Ein Kokon hat kein Fenster. Wenn der Schutz des Schlafs die erste Wohnungspflicht ist, wäre gute Dunkelheit ihr Lichtbedürfnis. Lichtgestaltung als Bedunkelung zu begreifen, ist kein absurder Gedanke angesichts der Belästigungen aus Stadtbeleuchtungen und einer hausgemachten light pollution, die aus Kunstlichtern des eigenen Interieurs droht. Genau genommen wünscht sich auch der Schlafende nicht absolute Finsternis; aber keine gedimmte Leuchte kann es aufnehmen mit einem Himmelsfenster, das in die nuancierten Dunkelheiten des Nachthimmels gerichtet ist. Ein Guckloch nach oben wäre das einzige Fenster, das der Leibwache gerecht würde. (Seit man auch Dächer durchlöchert, bietet sich das flächenbündige Dachfenster als Alleskönner an, folglich wird es zum Fenster ohne Eigenschaften: Ist es Lichtfänger oder Ausguck? Richtet es sich auf den Himmel oder auf die Straße? Belichtet es einen Arbeitsplatz oder bedunkelt es ein Bett?) Nicht jede Perforation einer Wand dient jedoch der Beleuchtung: Schon die erste war eine Schießscharte; und die zweite eine Klappe in oder neben der Eingangsluke, die wie der heute gebräuchliche Türspion zur Gesichtskontrolle des klopfenden Fremden diente. Alles ebenerdige und straßennahe Wohnen ist gefährdet, muss also seine Gucklöcher klein halten, vergittern und des Nachts mit soliden Läden verschließen. Die Bewohner niedriger Hofhäuser errichten sich deshalb den Mirador, der als Periskop und Hochsitz die Wohnfestung überragt. Erst in sicherer Höhe lässt sich das Guckloch vergrößern: Dann liefert es tiefe und breite Aussichten und streckt sich zum horizontalen Schlitz des Panoramafensters. Panoptische Schaulust, die nur dem abendländischen Wohncharakter bescheinigt wird, lässt dessen ganzes Haus zum Cockpit werden und jedes seiner Fenster zur Rahmung einer einverleibten Landschaft. Lichtfänger Erst Öffnungen über Augenhöhe werden zu effektiven Lichtfallen: Oberlichter und Glasdächer wenden sich dem hellsten Zenitlicht zu und lenken es in tiefer gelegene Räume. Wohnbauten waren lange Zeit durch hochformatige Vertikalschlitze geprägt, wohingegen Werkstätten und Ateliers ihren Lichtbedarf schon früh aus großflächigen Verglasungen deckten. Diese mussten freilich meist durch Vorhänge, Jalousien oder transluzente Anstriche vor zu viel Sonne oder Einblicken geschützt werden. Die Lichtfalle heißer Zonen, den Patio, nannte Jorge Luis Borges einen „Brunnen, durch den der Himmel ins Haus fällt“. Gruppiert sich die Wohngruppe um einen Hof, wird sie reich beschenkt mit Stern- und Wolkenbildern, Wassergüssen und einem Übermaß an Sonne, das dann unter Schirmen und Arkaden auf Schattenstärke gedimmt werden muss. Hier richtet also der Gemeinschaftsraum ein Riesenauge zum offenen Himmel, während sich Schlafplätze und Privaträume unter die Arkaden zurückziehen und ihre Gucklöcher nicht mehr nach draußen, sondern zur Mitte gerichtet sind. Wie den Grundriss wollte die funktionalistische Moderne auch einen Helligkeitsbedarf nach dem Gebrauch programmieren, mit dem Erfolg, dass unter Normierung und Multiplizierung auch die Befensterung in Stereotypie verfiel. Ein Gegenmittel hierzu ist die Multifunktionalität nicht nur zeitgenössischer Grundrisse, sondern auch der Fassaden, deren Entwerfer aus Angst vor falschen Fensterformen immer häufiger auf ganzverglaste Wohnwände ausweichen. Was Wunder, dass alte Spielarten beweglicher Verschattung wiederentdeckt und technisch perfektioniert werden: Indem der Bewohner Jalousien kippen und Läden verschieben, Transparenzen und Farben moderieren, zwischen Hell und Dunkel frei wählen kann, wird er zum selbstverantwortlichen Lichtgestalter seines Ambientes. Dazu kann die japanische Wohntradition nützliche Erfahrungen beitragen: Weil sie schon immer nur Mehrzweckräume kannte, hat sie die Lichtregie mithilfe raumhoher Schiebefenster und -türen schon lange Zeit erprobt, beherrscht den Wechsel zwischen transparenten, transluzenten und opaken Wänden, nutzt die Auskragungen und Einbuchtungen der Terrassen im Spiel mit der Sonne und nuanciert die Dunkelheit von tiefen Räumen durch Spiegelungs- oder Absorptionseffekte. 2 Schaufenster Schon der Begriff des ‚Windauges’ besagt, dass nicht alle Fenster dem Lichteinfall dienen wollen. Viele bieten sich auch nur Blicken an nach draußen wie nach drinnen. Nicht bloß Kaufläden, auch Wohnungen brauchen Schaufenster: ein kleines dort vielleicht, wo sich das Egozentrum als Museum oder als Atelier dem Besucher öffnet; ein großes gewiss dort, wo sich das Wohnfoyer nach draußen präsentiert: Während sich hinter niederländischvorhanglosen Scheiben nur eine dekorative Wohnstube zeigt, hat der Villenbesitzer schon mehr auszustellen, und der urbane Single outet schon gern einmal seinen kompletten lifestyle durch die Ganzglaswand. (Was Wunder, dass Palladios Villa Rotonda, die auf ihren vier Schaubühnen nach allen Himmelsrichtungen Ausund Einblicke theatralisch verbindet, zur panoptischen Ikone 47 wurde.) Das definitive Glashaus – als Extremprodukt selten rea- reiche Folgen: Denn nicht zuletzt haben die Wohnterrarien lisiert, aber übermäßig publiziert – ist der Höhepunkt nicht des – eigentlich als Biotope für Pflanzen und Tiere eingerichtet – Lichthungers, sondern der Exponierung. Seine scheinbaren Ent- dazu verholfen, biophysische Lichtwirkungen ernst zu nehmen, grenzungen müssen durch Distanzierung (also ein größtmögli- die auch den menschlichen Organismus schon immer steuerches Grundstück) erkauft, die unvermeidlichen Schamgrenzen ten, aber erst neuerdings als unentbehrlich erkannt sind. durch Verschleierungstechniken doch wieder errichtet werden. Eine abschließende Bemerkung zum Thema ‚Fenster‘: BesOb also im exhibitionistischen Schaufenster des Terrariums oder ser als jede Vorlesung es könnte, illustriert Alfred Hitchcocks als dekorative Verschleierungen eines orientalischen Harems: jede ‚Fenster zum Hof‘ unser Thema – ein veritabler Lehrfilm, der Wohnfassade wird nolens volens zur Werbefläche. Wenn im Hof- über die Eventualitäten der Behausung und alle Eigenschaften haus die Angst vor der Straße keine Vitrinen mehr erlaubt, wird der Befensterung erzählt, aber auch über die riskanten Abendie Ausstellung hinter die Türschwelle verlegt, wird der Hof zur teuer des Beobachtens und Beobachtetwerdens. Eine Reise Repräsentationszone. Noch die Fenster der jemenitischen Woh- um die Welt des Wohnens, des Sehens und der Lichtwirkunnung, obwohl zurückgezogen ins oberste Geschoss eines Tur- gen in zwei Stunden! mes, bleiben plakativ, diesmal mit farbigsten Glasornamenten verschleiert, die zugleich sehr fernwirksam nach außen und bild- die genien des wohnlichts kräftig nach innen strahlen. Ohne ihn ignorieren zu können, muss eine kurze thematische Skizze wie die vorliegende jenen 3000-jährigen Lichtdiskurs ausTerrarien klammern, der von Philosophen und Physikern, von Psychologen Die Heilsbotschaft der Wohnreformer „Mehr Licht, Luft und und Künstlern, neuerdings von Neurologen und Informatikern Sonne“ zur Linderung der Wohnungsnot in der Hinterhöfen, geführt, eine gigantische Enzyklopädie des Spekulierens und und überhaupt die vielstimmigen Appelle für „mehr Natur“ Wissens hervorgebracht hat. Ebenso unerwähnt bleiben an diefanden auch in den Wohnetagen der Vorderhausbesitzer ser Stelle Theorien der Lichtarchitektur mit ihren symbolischen, Gehör: Diese lüfteten und lichteten ihre nippes-überladenen ästhetischen und anwendungstechnischen Kapiteln. 4 Sogar EinSalons, bereicherten ihre Straßenfassaden mit Fenstertüren, stein hat einst sein Nichtwissen bekannt: „Den Rest meines Balkons, und Glasveranden, hinauf bis zu Dachgärten, die Lebens werde ich noch darüber nachdenken, was Licht ist.“ Aber der Orangerie und dem Wintergarten des Adels nacheiferten. selbst der Ahnungsloseste kann mit- oder nachempfinden, was Erkundeten Wandervögel und Badetouristen die „freie“ Natur, Licht bewirkt, zum Beispiel in seiner Wohnung: dann holte sie der Hobbygärtner in Pflanztrögen, Aquarien 1. Von der ersten Höhle bis zu Frank Lloyd Wrights beispielund Volieren unter sein heimisches Glasdach. Daran hat sich ein Jahrhundert lang nur verändert, dass gebenden Entwürfen hat sich Wohnen um Feuerstellen organach und nach auch die Mietwohnung Terrarien nachrüs- nisiert. Wenn die Beleuchtung dabei auch kein Hauptmotiv tete und zuletzt sogar die Vorstadtvilla – eigentlich schon im war, dann doch eine Nebenerscheinung, die sich erst seit Grünen gelegen – ihre Kontaktzone um einen Wintergarten der Elektrifizierung von der offenen Flamme verabschiedet bereicherte: weniger des Gartens wegen – dem man ja schon hat. Seit mehr als einer Million Jahren soll der Mensch nun auf der Wohnterrasse nahe war –, sondern um nicht zurück- schon am Feuer wohnen; das kalte Licht der Entladungslamzufallen hinter den zeitgemäßen Trend, der jetzt hieß: Wohn- pen bescheint ihn noch kein Jahrhundert. Als transportable Wärmequelle erlaubte das Feuer den frühen Emigranten, ökologie durch Sonnenenergie. Die Glaswand verspricht neuerdings vollends zum Strom- auch kältere Regionen zu besiedeln: ihr erstes controlled envkraftwerk zu werden und das Wohnen energetisch autark zu ironment war nicht nur regendicht, sondern auch beheizbar, machen. Licht aus dieser Öffnung scheint nur noch ein Neben- und ein wohltuendes Nebenprodukt des Herdfeuers, das erste produkt der Wärmegewinnung, hat aber ungewollt segens- Kunstlicht, beleuchtete ihre Unterkünfte, lange bevor diese 48 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 In Beatrice Mindas Fotografien stehen Innenräume als Platzhalter für den Wunsch nach Rückzug, Intimität und Heimat. Links: Tomnatic, 2004, rechts: MassyPalaiseau, 2005. ein Fenster erhielten. Sonnen- und Feuererfahrungen haben in unserer Wahrnehmung eine stabile Licht-Wärme-Kopplung geschaffen, an der auch die spürbare Abkühlung in moderneren Leuchtmitteln nichts ändern wird, weil unser Körper sie täglich wieder beglaubigt (und die noch in der Glühbirne nachfühlbar bleibt). „Licht ist der Genius des Feuerprozesses; Licht macht Feuer!“, folgert Novalis geheimnisvoll. Mit Feuerkontrolle beginnt die Genese menschlicher Techniken, und mit neuen Lichteinsätzen auf elektronischen und nanotechnischen Terrains hat eine Zukunft schon begonnen, die eine photonische zu werden verspricht. Dem ältesten Genius lucis werden wir dann nur noch in Kerzenflammen und Kaminfeuern begegnen. 2. War unser Lichtbewusstsein lange Zeit besetzt und abgelenkt von den optischen Faszinationen des Sehens und Belichtens (und von den Techniken der Aufhellung), richtet es sich nun mehr und mehr auf den invasiven Dialog des Mediums mit unserem Körper, anders gesagt auf die Regieanweisungen der Sonne. Aufgeschreckt von neurologischen Befunden zur menschlichen Willensschwäche, fühlen wir deutlicher den altbekannten, aber neu benannten circadianen Lichtzwang, der unserer Verhaltensfreiheit Zeitgrenzen setzt und den Profiteuren des 24-Stunden-Tags Sorgen bereitet. Mich befriedigen dagegen die taktgebenden Devisen, setzen sie doch dem derzeit meistgenannten Übel der Menschheit, der Beschleunigung, eine stabilisierende Heliotherapie entgegen. Aus jüngeren physiologischen Forschungsergebnissen erfahren wir, welch immense Kontroll- und Steuerungsaufgaben über unser hormonelles und vegetatives Wohlergehen den Himmelslichtern obliegen. Eine neue somatische Rolle des Lichts wird seiner optischen Bedeutung ebenbürtig. Zuerst unbeabsichtigt, ist mit dem Erfolg der Terrarien nicht bloß ein Fenster zur äußeren Natur geöffnet worden, sondern auch eines zum Inneren unseres Körpers: Wohnen unter Tageslicht ist ein Mittel der Selbsterhaltung, seit wir wissen, dass wir nichts Besseres tun können, als diesem Genius auch unsere lichthungrige Epidermis so oft und so lange wie möglich auszusetzen. Glücklich der Eigenbrötler, der sein privates Refugium als Biosolarium des Echtlichts einrichten könnte. Rousseaus „Zurück zur Natur“ erhält ein weiteres Mal neue Argumente (deren Weisheit letzter Schluss freilich wäre, nur noch bei Tageslicht zu arbeiten). 3. Ein geografisch fixierter, also schon deshalb einzigartiger Ort beherbergt ohne Frage jenen Genius loci, der von Erdgeschichte, Klima oder Bautraditionen geprägt einen exklusiven Charakter besitzt. Sein blauer oder besternter Himmel, seine Sonnenauf- und -untergänge, seine Bewölkungen oder Gewitterblitze kennzeichnen ihn nicht: Er teilt sie mit unzähligen Bauorten bewohnbarer Erdstriche. Alles Bauen besteht in der Errichtung von Grenzen: Belichtung und Durchleuchtung sind Grenzverletzungen; alles Bauen formt schwere und reglose Gebilde. Lichter sind Mobilmacher und Verwandler, also gewiss Widerspruchsgeister des Bauens, aber damit keine Widersacher des Wohnens. Sie gehören zur Klasse der medialen Erreger, die eine immobile und stumme Baumasse mit Anmutungen aufladen: mit jenen unwägbaren ‚atmosphärischen’ Licht-, Farb-, Temperatur-, Klangoder Geruchswirkungen, die zum behaglich gestimmten Raum mehr beitragen als die Formsprachen der Geometrie und Proportion, der Materialien und Designs. Als ein Unruhestifter macht der Genius lucis auch dem Erdverbundenen Mut zur Bewegungsfreiheit: Benötigt ein künstliches Habitat auch Grenzschutz, so dürfen seine Wände doch nicht allzu schwer sein und müssen versetzbar bleiben auf der Oberfläche unseres Heimatplaneten. Immerhin begleiten uns dessen verlässliche Feuer- und Sonnenlichter nach überallhin, und dies als kostenlose Wohngüter, die sich jeder Privatisierung und Privilegierung verweigern. Gerhard Auer (1938) studierte Architektur an der Universität Stuttgart und ist seit 1967 als selbstständiger Architekt tätig. Von 1980 bis 2004 hatte er eine Professur für Entwerfen an der TU Braunschweig inne. Seit den 80er-Jahren befasst er sich intensiv mit der Theorie und Praxis des Lichts in der Architektur und im Stadtraum. www.gerhardauer.de Fußnoten 1. Eine Ausnahme: „LichtEinfall“ von Michelle Corrodi und Klaus Spechtenhauser (Birkhäuser, 2008) 2. Siehe auch Junichiro Tanizaki „Lob des Schattens“ (Manesse, 1987 3. Beste interdisziplinäre Studie: Arthur Zajonc: „Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewusstsein” (Rowohlt 1994) 4. Siehe hierzu u. a. die Publikationen unter www.gerhardauer.de 49 TAGESLICHT IM DETAIL Genauer hinsehen: Wie Tageslicht in Gebäude gelangt. FOTOGRAFIE VON BJÖRN KUSOFFSKY INNENLICHT UND AUSSENWELT 50 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 Von Nick Baker Im Laufe der Jahrhunderte hat uns die Architektur immer mehr von der Natur und ihren Licht- und Temperaturschwankungen abgeschottet. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen jedoch, dass der Mensch weitaus anpassungsfähiger ist, als in den geltenden Normen und Regelwerken angenommen. Diese Erkenntnis kann nicht nur zum Bau gesünderer Häuser beitragen, sondern auch Energie sparen und die CO2-Emissionen einschränken. Links 95 Prozent seiner Zeit verbringt der moderne Mensch heute in geschlossenen Räumen – die Elektrifizierung nimmt einen hohen Anteil an fossiler Energie in Anspruch. Dem Tageslicht bleibt im menschlichen Alltag nur noch eine Nebenrolle zugewiesen. einleitung Obwohl wir 95 Prozent unserer Zeit drinnen verbringen, kommen wir eigentlich aus der Natur. Der Ursprung unserer heutigen Gene liegt in Wiesen, Wald und Bergen, nicht in klimatisierten Schlafzimmern oder ergonomischen Arbeitsplätzen. Die außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit des Menschen an seine natürliche Umgebung ermöglichte ein Leben von der Subarktis bis zum Äquator lange vor unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Das Sehen spielte hierbei eine entscheidende Rolle. Jahrtausendelang konnten wir nur bei Tageslicht sehen, was unseren Tagesablauf von Arbeit, Erholung und Spiel bestimmte. Die spektrale Sensitivität unseres Auges ist nahezu perfekt auf das Solarspektrum abgestimmt; wir können millionenfache Helligkeitsgrade zwischen Sonnen- und Sternenlicht unterscheiden. Man kann durchaus behaupten, dass das Tageslicht uns fundamental und genetisch prägt. Im Folgenden werde ich erläutern, wie wir auf unser modernes Wohnumfeld reagieren, das sich weitaus mehr von unseren primitiven Ursprüngen unterscheidet als die heutigen Sozial- und Familienstrukturen. Insbesondere beschäftigen wir uns mit der psychologischen und physiologischen Reaktion auf Tageslicht, dem verminderten Tageslicht in Gebäuden und mit Technologien, die angesichts unseres mittlerweile besorgniserregenden Energieverbrauchs wieder vermehrt auf das Tageslicht zurückgreifen. Mit Erfindung der Leuchtstoffröhre setzte sich künstliches Licht allmählich als mögliche Alternative zum Tageslicht durch. Höhere Leuchtkraft und billigerer Strom kamen dem neuen Ideal von größeren, dunkleren Flachbauten entgegen. Mit mechanischer Belüftung und Neonlicht ließ sich dieser Traum verwirklichen. Andere technische Weiterentwicklungen in jener Zeit führten zur recht preisgünstigen Massenherstellung großer Glasscheiben mit entsprechenden Rahmenstrukturen. Gute Neuigkeiten für das Tageslicht, sollte man denken, doch ironischerweise bewirkten solche Glasfassaden (siehe Abb. 1) häufig eine schlechte Lichtverteilung in den Räumen aufgrund hoher Unterschiede in der Beleuchtungsstärke. Sie bedurften daher einer permanenten künstlichen Zusatzbeleuchtung, um dies zu korrigieren. Zudem erwiesen sich die großen Glasflächen sommers wie winters als nachteilig für den Wärmekomfort, sodass viele Architekten kleine Fenster bevorzugten und sich zu 100 auf künstliches Licht verließen. Das ‚dunkle Zeitalter des Neonlichts‘ brach an (Abb. 2). Heute, fünfzig Jahre später, messen wir dem Energieverbrauch angesichts des hohen CO2-Ausstoßes und der Erderwärmung wieder verstärkt Bedeutung bei. Trotz einschneidender Verbesserungen der Leuchtwirkung von Lichtquellen – ein zentrales Anliegen im letzten Jahrhundert – ist und bleibt künstliches Licht wesentlicher Mitverursacher der CO2-Emissionen. Bei genauerer Betrachtung erweist sich die tageslicht in innenräumen Nutzung künstlichen Lichts bei angemessenem Tageslicht Historisch gesehen gab es bis weit ins 20. Jahrhundert kaum eine mindestens zu 50 als überflüssig. So groß die Fortschritte Alternative zum Tageslicht. Künstliche Beleuchtung war teuer: In in der Entwicklung von Lichtsteuerungen auch sein mögen 1900 kostete jedes Lumen etwa 300-mal mehr als heute. Außer- – es ist an der Zeit, sich wieder auf den technischen Wert des dem war künstliches Licht ungesund – Gas- und Öldämpfe Tageslichts zu besinnen. wirkten sich verheerend auf die Luftqualität aus – und gefährlich – vermutlich die größte Brandursache überhaupt. Daher betrach- tageslicht im haus tete man künstliches Licht als notwendiges Übel in den Nacht- Der Lichtplanung wird vor allem in Geschäfts- und Bürogestunden, und niemand im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zog bäuden große Aufmerksamkeit geschenkt, erstens vermutlich, künstliche Beleuchtung am Tage auch nur in Erwägung. Sogar weil diese überwiegend am Tag genutzt werden, und zweitens, das elektrische Licht, 1870 erfunden, konnte sich erst nach etwa weil der Bauherr Wert legt auf ein komfortables und produkfünfzig Jahren durchsetzen, blieb aber teuer wegen der techni- tives Umfeld. Wohnhäuser hingegen werden sowohl nachts als schen Grenzen der Glühlampe. Bis in die 50er-Jahre orientierte auch tagsüber genutzt und deutlich stärker von den Bewohman sich bei der Gebäude- und Stadtplanung maßgeblich am nern kontrolliert. Zudem lassen sich die meist kleineren Räume relativ problemlos auf natürliche Weise beleuchten. Dennoch Einfluss des Tageslichts. 51 Mit einer erhöhten Sensibilität für ökologische und energiewirtschaftliche Zusammenhänge sollte auch dem Tageslicht eine größere Bedeutung beigemessen werden. Licht und die Nähe zur Natur haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf unsere Gesundheit. gibt es zum Beispiel in Großbritannien schon länger Empfeh- manische Fixierung auf Beleuchtungsgrade und andere technilungen bzw. verbindliche Vorschriften für den Tageslichtfak- sche Messgrößen erschwert es, die anerkannten Standards allein tor: mindestens 2 für Küchen, 1,5 für Wohnzimmer und mit Tageslicht zu erfüllen. In Leistungsverzeichnissen dreht sich alles um künstliches Licht, das Tageslicht wird bestenfalls als 1 für Schlafzimmer. Aber nicht nur die Gestaltung von Raum und Fenster beein- ästhetische Option betrachtet. Bei stets verfügbarem künstliflusst das verfügbare Tageslicht. Die Städteplanung wirkt sich chem Licht wird die Frage, ob ein Gebäude von Sonnenlicht auf das verfügbare Tageslicht an der Gebäudehülle aus. Nach- durchflutet ist, irrelevant. Wir haben dies in einigen modernen dem man lange vorzugsweise Städte mit geringer Wohndichte Bibliotheken, die von der Presse wegen ihres guten Tageslichtbaute, plädieren viele heute aus Gründen der Energieeffizienz designs allseits gelobt worden waren (Abb. 4), konkret erlebt. wieder für eine hohe Dichte. Bei einer Dichte von 50 bis 100 Als wir bei klaren Wetterverhältnissen den Bibliothekar fragWohneinheiten pro Hektar lässt sich das geforderte Tageslicht- ten, ob er das Licht ausschalten könne, wurde dies meistens aus niveau jedoch nur schwierig erreichen. Abb. 3 illustriert eine Gründen der „Gesundheit und Sicherheit“ verneint! Studie zu einem neuen Entwicklungsgebiet in Leicester (GB). Dabei wurde in einem dreidimensionalen digitalen Modell der tageslicht, aussicht und natur Sky View Factor (SVF) aufgezeichnet. Diese Größe misst die Die adaptive Komforttheorie besagt, dass die Menschen gegenSonnenexposition an einem bestimmten Punkt und ist somit über Veränderungen in der Umwelt eine weitaus größere ToleIndikator für das Tageslichtpotenzial dort und im angrenzenden ranz beweisen, als Labortests vermuten lassen. Dies wurde am Raum. Interessanterweise variierte der SVF aufgrund der hete- Beispiel des Wärmekomforts umfassend demonstriert. Tatrogenen Gebäudeformen sehr stark; dies ließ sich aber größten- sächlich gibt es Belege dafür, dass der Mensch auf nicht-neuteils durch individuelle Designlösungen ausgleichen. Eine hohe trale Stimuli positiv reagiert, wenn deren Ursache als natürlich Wohndichte erfordert zweifellos großen Einfallsreichtum von erkannt wird. Lisa Heschong hat dies 1979 in ihrem Buch Architekten und Baustofffabrikanten. Fundierte Kenntnisse der ‚Thermal Delight in Architecture‘ beschrieben. Lässt sich diePhysik des Tageslichts sind hierfür unerlässlich. ses Prinzip auch auf das Licht anwenden? Unsere Lichtempfindlichkeit unterscheidet sich von unseumweltkomfort rem Wärmeempfinden. Licht als solches ist selten lebensbedrohUnser moderner ‚Indoor-Lifestyle‘ verbraucht Unmengen an lich. Trotzdem kann es in seiner Rolle als Informationsträger fossiler Energie, um uns von der Natur abzugrenzen, aus der durchaus lebensnotwendig sein. Natürliches Licht signalisiert wir stammen. Am deutlichsten zeigt sich dies bei Heizung und den täglichen Zyklus von Ruhe- und Schaffensphase und ist Kühlung unserer Gebäude: Temperaturschwankungen – so das sozusagen lebenserhaltende Maßnahme. Aber lassen sich ähnliche Reaktionen auf das Licht wie gängige Credo – sind um jeden Preis zu vermeiden. Das Ziel ist eine optimale Umgebung‘ mit Komfortgarantie und Selbstregu- auf die Wärme feststellen? Parpairi kam in ihrer Studie in lierung ohne Eingreifen des Bewohners. Diese Anforderungen, Cambridge zu einem unerwarteten Ergebnis. Sie untersuchte die weitgehend auf Studien zum menschlichen Wohlbefinden in die Reaktionen der Benutzer diverser UniversitätsbibliotheKlimakammern beruhen, werden nun in Frage gestellt. Neueste ken auf unterschiedliche Tageslichtverhältnisse. Abb. 5 zeigt Erkenntnisse besagen, dass die Menschen nicht-neutrale Bedin- zwei Fälle: Zum einen eine Arbeitskabine mit qualitativ hochgungen in realen Gebäuden viel besser tolerieren, dass es ohnehin wertiger technischer Beleuchtung (blendfreies diffuses Licht keine optimale Umgebung gibt und dass die meisten Menschen ohne störende Kontraste), zum anderen einen Arbeitsplatz am eine mögliche Regulierung zur Anpassung an nicht-neutrales Fenster, wo die Lichtbedingungen je nach WetterverhältnisEmpfinden (Adaptionsmöglichkeit) bevorzugen. Dieser neue, sen stark variieren, insbesondere bei Sonnenschein. als adaptive Komforttheorie bezeichnete Ansatz geht davon aus, Die Studie zeigt, dass die zweite Situation bevorzugt wurde. dass Häuser auch mit weniger technischen Finessen akzeptiert Die Benutzer genossen die sonnige Aussicht auf den Fluss Cam; werden, was wiederum zu beträchtlichen Energieeinsparungen wurde die Blendwirkung zu stark, konnten sie sich in den schatführt. Ähnliches gilt für die Beleuchtung von Gebäuden: Die tigen Teil des Raums zurückziehen. Das Gebäude bot adap- 52 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 53 FOTOGRAFIE VON BJÖRN KUSOFFSKY tive Möglichkeiten, und trotz der starken Stimuli natürlichen Ursprungs fühlten sich die Benutzer sehr wohl. Zwar weist dieser Fall Parallelen zu verstärktem Wohlbefinden bei natürlich stimulierter Wärme auf, ist aber wegen der viel größeren Kapazität des Lichts als Informationsträger deutlich komplexer. Man kann nur mutmaßen, ob das Ergebnis dasselbe gewesen wäre, hätte man die idyllische Flusslandschaft durch einen Parkplatz oder eine Müllhalde ersetzt. Natürlich ist die übermittelte Information wichtig, auch wenn sie nichts mit der zentralen Aufgabe zu tun hat. Hier geht es um Atmosphären, und offenbar wird eine natürliche Atmosphäre sehr geschätzt. Ulrich untersuchte in einer bemerkenswerten und viel zitierten Studie den Einfluss eines Naturausblicks auf Patienten nach einer Operation. Die Patienten mit Aussicht auf eine Naturlandschaft mit Bäumen in einiger Ferne erholten sich nachgewiesenermaßen rascher als diejenigen mit Blick auf eine blanke Wand (Tabelle 1). Eine auf offizielle Schulleistungstests gestützte Studie der Heschong Mahone Group in den USA ergab, dass sich der jährliche Lernfortschritt in Mathematik und Englisch bei 8- bis 10-jährigen Schülern in Räumen mit natürlichem Lichteinfall von 6 auf 26 steigerte. Dieser Effekt wurde bereits dort festgestellt, wo das Tageslicht nur durch diffuse Lichtschächte einfiel; die größten Fortschritte aber wurden erzielt, wenn das Tageslicht auch durch Fenster hereinkam. Zuletzt ein Faktum, das wir alle kennen. Wie oft sieht man, dass jemand in einem natürlich beleuchteten Raum auch beim schwindenden Tageslicht gegen Abend zu lesen fortfährt? Mit Hilfe protokollierter Messungen der Lichtstärke im Raum bestimmten wir den Schwellenwert, an dem künstliche Beleuchtung eingeschaltet wird. Das Ergebnis war verblüffend: Die typischen Werte bewegten sich um nur 70 Lux und waren somit 4- bis 5-mal niedriger als die Standardlichtstärke für künstliches Licht. Eine so geringe Lichtmenge würden wir bei künstlichem Licht niemals tolerieren (höchstens in einem romantischen Restaurant). Dies bestätigt erneut unsere Toleranz gegenüber den Veränderungen unserer Umgebung, sofern diese natürlichen Ursprungs sind. Tageslicht transportierten Informationen allerdings auch von psychologischer Bedeutung sein können. Moderne Technik macht es möglich, künstliches Licht zu erzeugen, dessen spektrale Eigenschaften sich nicht vom Tageslicht unterscheiden und dessen Intensität variiert werden kann, um den natürlichen Verlauf des Sonnenlichts zu imitieren. Würde dieses Licht aber durch eine konventionelle Leuchte mitten im Raum geliefert, hätte es dann dieselbe Wertigkeit wie Tageslicht? Gehen wir einen Schritt weiter: Angenommen, bei dem Licht handelte es sich tatsächlich um Tageslicht, das durch Spiegel und lichtleitende Elemente zugeführt wird, wäre es dann gleichwertig? Stellen wir uns ein recht großes Fenster mit Ausblick auf den Himmel, ein paar Bäume und die nähere Umgebung vor. Das Tageslicht fällt auf die hellen Außenleibungen und Fensterbänke und erleichtert dem Auge den Übergang von der sanften Raumbeleuchtung zum hellen Himmel mit weißen Wolken. Nehmen wir weiterhin an, dass die Person im Raum das Fenster öffnet, um eine Verbindung herzustellen zur frischen Luft und zu den Gerüchen und Geräuschen der Außenwelt. Keine Frage – der Wert des Lichts hängt von dessen Ursprung ebenso ab wie von seinen immanenten Eigenschaften. Das Gesamtpaket, das das Fenster zu bieten hat, ist wertvoller als die Summe der einzelnen Teile. Die Funktion von Tageslicht und natürlicher Belüftung zu unterbinden, mag im Sinne technischer Kontrolle attraktiv sein, wird aber niemals mit den Vorzügen eines simplen Fensters konkurrieren können (Abb. 6). das fenster zur welt Tageslicht hat viele wertvolle technische Eigenschaften – als freie Quelle sichtbarer Strahlung mit einzigartigem Farbspektrum und wichtigen physiologischen Funktionen. Die zuvor beschriebenen Fallstudien scheinen zu belegen, dass die vom schlussfolgerungen Unsere Gene sind ein Produkt der Außenwelt, doch mit der Zeit haben wir unser Leben nach innen verlagert und versuchen, Innenräume vom ständigen Wechselspiel der Natur zu isolieren. Für die meisten von uns, deren Leben sich überwiegend drinnen abspielt, ist das Fenster die letzte Verbindung zur Natur. Kaum verwunderlich also, dass den Fenstern von den Architekten in der Vergangenheit so viel Bedeutung beigemessen wurde. Nun aber laufen wir Gefahr, trotz all unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Mittel den Wert des Fensters für Gesundheit und Wohlbefinden zu vergessen. Absurderweise tragen wir durch den Bau von überwiegend künstlich beleuchteten Häusern auch noch zur Krise der Erderwärmung bei. 54 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 2. Im Mittelalter der Lichtkultur – der Kalamazoo-Firmensitz, England, ein Beispiel für die Abschaffung des Tageslichts in den siebziger Jahren. 1. 3. Eine Sky View Factor (SVF) Karte eines geplanten Wohngebiets mit dichter Bebauung in Leicester (GB). (Die SVFs auf Bodenhöhe an den Stellen 1–7 betrugen 0,32, 0,11, 0,39, 0,21, 0,42, 0,17 bzw. 0,09 und sind Indikator für unterschiedlich starke Überschattung. Anmerkung: Der maximale SVF einer senkrechten Fassade beträgt 0,5.) 2. 4. Die Bibliothek in Peckham, England. Sogar in der Nähe der Fenster bleibt das elektrische Licht eingeschaltet – „aus Gesundheits- und Sicherheitsgründen”. 5. Die Bibliotheken des Jesus College (a) und des Darwin College (b) in Cambridge zeigen ganz unterschiedliche Tageslichtumgebungen. 3. 5a. 5b. Tabelle 1: Art des Schmerzmittels Dosisanzahl Wandgruppe Baumgruppe Stark 2.48 0.96 Mittel 3.65 1.74 Schwach 2.57 5.39 Vergleich der erforderlichen Schmerzmittelmenge für Patienten mit Wandblick bzw. Aussicht auf Bäume; 46 Patienten zwischen 2 und 5 Tagen nach der Operation (Quelle: R. S. Ulrich). 6. Das herkömmliche Fenster bietet zugleich Tageslicht, Lüftung und Aussicht. 4. FOTO: ROBERT HARDING PICTURE LIBRARY 1. Eine vollverglaste Fassade aus den Sechziger Jahren – Universität Delft, Niederlande. 6. Nick Baker studierte zunächst Physik, wechselte dann aber zur Architektur und arbeitet in Bildung, Forschung und Beratung. Er veröffentlichte diverse Studien zu den Themen Energieverbrauch in Gebäuden, Wärmekomfort und Tageslicht und ist Co-Autor des Buchs ‚Daylighting Design of Buildings‘ (James and James, London, 2002). Derzeit arbeitet er als Tutor und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Architekturfakultät der Universität Cambridge. Literaturhinweise Heschong, L. Thermal Delight in Architecture, The MIT Press, 1979 Schiller, G.E., A comparison between measured and predicted comfort in office buildings Fußnoten 1. Laut Schätzungen verursacht die Beleuchtung in Großbritannien 11 % des CO2-Ausstoßes des gesamten Häuserbestands und erreicht sogar 30 % bei öffentlichen und Geschäftsgebäuden. 2. Der Tageslichtfaktor (DF) bezeichnet das Verhältnis des Beleuchtungsgrads an einem bestimmten Punkt im Haus zu demjenigen außerhalb des Gebäudes. Die typischen Werte liegen zwischen 1 und 10 %. Parpairi, K. Daylighting in Architecture – Quality and User Preference. PhD Thesis. Univ Cambridge, 1999 Ulrich, R S. View through a Window may influence Recovery from Surgery. Science 224, 1984 Robson, E R., School Architecture, Leicester University Press (1972) 1874 Heschong Mahone Group., Daylighting in schools. California Board of Energy Efficiency, 1999 55 VELUX EINBLICKE Architektur für Menschen – gebaut mit VELUX. DISKRETER NACHBAR Wohnhaus in Randalstown Von Jakob Schoof Fotos: Alan Jones Grün die Wiesen, grau die Städte und der Wolkenhimmel – dieser Farbklang hat die Landschaft Nordirlands seit jeher bestimmt und tut es bis heute. Alan Jones‘ Wohnhaus in Randalstown fügt sich nahtlos in dieses Bild: Mit seiner schwarzen Faserzementverkleidung könnte das Gebäude auch als Scheune oder Gemeindehalle durchgehen. Seinen wohnlichen Charakter entfaltet es – auf überraschende und virtuose Art und Weise – erst im Inneren. ”Was heißt das, eine Architektur mit einer bestimmten Region im Hinterkopf zu schaffen, bei der es sich in diesem Fall um Ulster handelt? Welche Schlussfolgerungen und Fragen ergeben sich daraus? Wir legen großen Wert darauf, unsere Architektur so zu interpretieren, da neue politische Wege einer soliden Basis bedürfen, um erfolgreich zu sein – und nichts ist so permanent und wahrhaftig fundiert wie ein Bauwerk.” David Brett und Alan Jones in „Toward an Architecture”: Ulster. Black Square Books 2007 Vorherige Seite Nebel verhüllt den Friedhof der presbyterianischen Kirche von Randalstown. Das Wohnhaus der Familie Jones ist aus dieser Perspektive nur als große, fensterlose Silhouette zu erkennen. Oben Erste Entwurfsskizzen, die die Kubatur des Hauses klären. Primäre Frage während des Entwurfs war für Alan Jones, wie sich das Haus äußerlich in seine Umgebung aus öffentlichen Gebäuden einfügen würde und gleichzeitig im Inneren der Familie Privatheit bieten könnte. Rechts Während sich das Haus der Familie Jones zur Straße hin geschlossen und optisch ruhig präsentiert, öffnet es sich auf der Ostseite mit vier traufhohen, schräg ausgestellten Erkern dem von Süden einfallenden Tageslicht. 58 Wenn Wohnhäuser physische Größe zeigen, so ist dies meist eher dem Komfort- und Repräsentationsbedürfnis ihrer Bewohner geschuldet als der städtebaulichen Notwendigkeit. Mit anderen Worten: Häuser wirken heutzutage in den allermeisten Fällen eher zu groß als zu klein für ihr Umfeld. Von Alan Jones‘ Haus im nordirischen Randalstown lässt sich dies trotz seiner Grundfläche von rund 20 x 7 Metern nicht behaupten: Es steht als einziges Wohnhaus inmitten öffentlicher Gebäude mit Solitärcharakter. Auf dem Nachbargrundstück erhebt sich die Kirche der Presbyterianer, ein ovaler, neo-georgianischer Bau aus dem 18. Jahrhundert, daneben das dazugehörige Gemeindehaus und etwas weiter entfernt ihr anglikanisches Gegenstück, die Drummaul Parish Church, mit spitzem Turmhelm. An der Straße sind darüber hinaus die Versammlungshallen der örtlichen Freimaurerloge und des Oranier-Ordens aufgereiht. Ein weniger intimer Standort für ein Wohnhaus ließe sich in der 5000-Einwohner-Gemeinde schwerlich ausmachen, zumal das Gartengrundstück der Jones‘ direkt an den presbyterianischen Friedhof grenzt. Seiner Lage entsprechend besitzt das Gebäude zwei Eingänge entlang einer mit weißem Kalksteinkies bedeckten Zufahrt: einen vorderen, halböffentlichen, und einen hinteren, privaten, der mit einer Holzterrasse auf der Südseite des Hauses verbunden ist. Das Gebäudevolumen lässt weder die innere Geschossteilung erahnen, noch macht es die Grundrisse ablesbar. Alan Jones beschreibt die Straßenansicht als „stumm, dunkel und optisch ruhig, mit nur einem einzigen Giebelfenster, das nachts erleuchtet ist“. Dafür öffnen sich vier traufhohe, schräg ausgestellte Erker auf der Ostseite des Hauses. Ihre Fenster weisen von der Straße weg Richtung Süden. „Es war Zufall, dass die Südseite von der öffentlichen Straße abgewandt war, und der Kontrast zwischen öffentlichem Norden und privatem Süden wurde so von Anfang an zum Entwurfsthema“, sagt Alan Jones. Auch im Inneren des Hauses wird dieser Gegensatz spürbar, ohne dass er zu einer Trennung in einen öffentlichen Nord- und einen privaten Südteil geführt hätte. Im Gegenteil: Das kombinierte Wohn-, Koch-, Ess- und Empfangszimmer im Erdgeschoss ist ein rund 20 Meter langer, nur durch Mobiliar und Glastrennwände unterteilter Raum, der sich über D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 59 Links Da die Räume im Obergeschoss weniger Platz beanspruchen als die im Erdgeschoss, verzahnte Alan Jones die beiden Geschosse miteinander. Zweigeschossige Lufträume bringen das Licht der Dachwohnfenster allenthalben bis hinunter ins Erdgeschoss. Unten Gold trifft grau: Raue, mit OSB-Tafeln eingeschalte Sichtbetonwände bestimmen die Lichtatmosphäre im Inneren. Sie kontrastieren mit den weißen Decken und dem polierten Betonfußboden. Rechts Geheimnisvolles Äußeres – mit seiner Faserzementverkleidung wirkt das Wohnhaus fast wie ein Monolith. Das Gebäudevolumen lässt weder die innere Geschossteilung erahnen, noch macht es die Grundrisse ablesbar. 60 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 die gesamte Gebäudelänge erstreckt. Er vereint alle Funktionen von öffentlich bis privat in sich: An der Straßenseite empfängt Alan Jones seine Gäste und Besucher, dahinter folgen der Essbereich, die Küche und schließlich der zum Garten orientierte Wohnraum. Jeder dieser Abschnitte wird durch einen eigenen Erker belichtet; die Räume im Obergeschoss erhalten ihr Licht dagegen ausschließlich von oben durch Dachwohnfenster. Vier Schlafzimmer und drei Bäder gibt es im Obergeschoss – was viel ist für eine vierköpfige Familie und doch weit weniger Platz beansprucht als die Räume im Erdgeschoss. An den Giebelseiten sind die Obergeschossräume daher teilweise von den Außenwänden des Hauses zurückgesetzt. Der Wohnraum und der Empfangsbereich im Erdgeschoss erhalten so zusätzliches, indirektes Licht durch hoch liegende Fenster in den Giebelfassaden und Dachflächen. Die Obergeschossräume scheinen als geschlossene Kuben über dem Erdgeschoss zu hängen, ohne dass ihre Erschließung auf den ersten Blick sichtbar wird. Diese Verzahnung zwischen Erd- und Obergeschoss ist jedoch nicht die einzige Überraschung, die das Haus im Inneren bereit- hält. Nahezu alle Innenwände sind mehr oder weniger stark gegen den rechten Winkel verdreht; die Grundrisse wirken, als sei ein Wirbelsturm durch das Haus gefahren. Dabei ist ihre Gliederung durchaus klassisch: im Osten die Wohnräume und Schlafzimmer, im Westen eine kleinteiligere und niedrigere Nebenraumspange mit Treppe, Bädern, WCs, Garderoben und Abstellräumen. Die schrägen Winkel, stumpfen und spitzen Ecken sowie zweigeschossigen Lufträume verleihen den Innenräumen eine Dynamik und Spannung, die sich erst nach und nach erschließt – und die Alan Jones mit derjenigen der Kirche nebenan vergleicht: „Wie in der Kirche ist auch hier das Gebäudeinnere nicht von außen ablesbar, und in beiden Gebäuden wird man für das Eintreten belohnt.“ Die Belohnung schließt auch die Materialpalette im Innenraum mit ein: Alan Jones entschied sich für einen Massivbau aus Beton mit vorgehängter Faserzementverkleidung. Die Betonwände wurden mit groben OSB-Platten eingeschalt und haben deren Textur angenommen: eine natürliche, weiche, das Licht streuende Oberfläche, mehrfarbig gefleckt durch Abfärbungen der Schalplatten und zahlreiche hellbraune Holzsplitter, die in der Betonwand zurückgeblieben sind. Gemeinsam mit dem polierten Betonfußboden ergeben sie einen eigentümlichen Höhlencharakter, dem auch das thermische Verhalten des Gebäudes entspricht: Die unverkleideten Betonmassen bilden einen vorzüglichen Wärmespeicher, der winters wie sommers Temperaturspitzen abfedert. „Kann ein Wohnhaus eine wichtige Position in der Stadt einnehmen, in einer Reihe öffentlicher Gebäude, und dort ruhen, in friedlicher Koexistenz mit seinen bürgerlichen Nachbarn? Kann ein neues Wohnhaus sich all jener optischen Hinweise entledigen, die es als Haus identifizieren, sodass es mit seiner Umgebung in Einklang steht und – wie manche Bewohner des Orts sagen – ‚aussieht, als hätte es immer dort stehen sollen‘?“, zählt Alan Jones die Fragen auf, die ihn bei seinem Entwurf geleitet haben. Mit seinem Haus in Randalstown hat er sie selbst mit „Ja“ beantwortet. Er führt damit eine lange Tradition von ‚Architekten-Wohnhäusern‘ fort, die eher durch stille Größe, praktischen Nutzwert und intelligente Details zu überzeugen wissen als durch formale Extrovertiertheit. 61 Fakten Gebäudetyp: Bauherr: Architekt: Standort: Einfamilienhaus Laura and Alan Jones, Randalstown, GB Alan Jones, SPACE, Queen’s University, Belfast, GB Randalstown/Antrim, GB Querschnitt Grundriss Obergeschoss Längsschnitt Grundriss Erdgeschoss Ansicht Süd Ansicht Ost Ansicht Nord Ansicht West 62 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 Grundriss Kellergeschoss Links Als einziges Wohnhaus inmitten öffentlicher Gebäude gelegen: Die Old Congregation Presbyterian Church, das dazugehörige Gemeindehaus und Friedhof, die anglikanische Kirche Drummaul Parish Church sowie die Versammlungshallen der örtlichen Freimaurerloge und des Oranier-Ordens umgeben das Grundstück der Familie Jones. Links unten Zweigeschossige Lufträume erlauben diagonale Querblicke in den Etagen und lassen von oben Tageslicht in die im Erdgeschoss angesiedelte Küche dringen. Unter der schwarzen Dachhaut öffnen sich tageslichthelle Räume. Im Bad verstärkt ein geschickt angebrachter Spiegel den Eindruck der Weitläufigkeit. 63 64 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 PHOTO: SYBOLT VOETEN / MICHEL KIEVITS VELUX IM DIALOG Architekten im Dialog mit VELUX. „DIESES GEBÄUDE STIMMT MICH OPTIMISTISCH“ Interview mit Wessel de Jonge 65 Die Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam, eines der Meisterwerke der niederländischen klassischen Moderne, wird Schauplatz des VELUX Daylight Symposiums im Mai 2009 sein. Wessel de Jonge hat die Restaurierung des Gebäudekomplexes nach einem langwierigen Planungsprozess 2004 abgeschlossen. Daylight & Architecture sprach mit ihm über seine Erfahrungen mit der klassisch-modernen Architektur und über die Rolle von Tageslicht und Innenklima in den Gebäuden. Vorherige Seite Die „Van Nelle Ontwerpfabriek“ gilt als Ikone der Klassischen Moderne in den Niederlanden. 2004 wurde das Bauwerk von Brinkman & Van der Vlugt nach seiner Sanierung durch Wessel de Jonge Architects und Hubert-Jan Henket wiedereröffnet. D&A: Herr de Jonge, in den letzten Jahren hat Ihr Architekturbüro diverse Gebäude von Meistern der holländischen Moderne wie Jan Duiker, Brinkman & Van der Vlugt und Gerrit Rietveld restauriert. Worin liegen die Unterschiede zwischen diesen drei Architekten? Rechts In der 1931 fertig gestellten Van-Nelle-Fabrik wurden einst auf industrielle Art und Weise Tee und Kaffee produziert. Nach der Renovierung durch Wessel de Jonge beherbergt das von der UNESCO ins Weltkulturerbe aufgenommene Gebäude moderne Büros und Geschäftsbereiche. WdJ: Die Unterschiede sind beträchtlich. Rietveld benutzte ganz andere Entwurfswerkzeuge als Duiker und Brinkman & Van der Vlugt, nämlich die eines Schreiners und Künstlers. Duiker hingegen sah sich selbst eher als Ingenieur denn als Architekt. Diese unterschiedlichen Haltungen spiegeln die Suche der Architekten der 20erJahre nach neuen Strategien wider. Die Architektur sah sich seinerzeit mit den Folgen der Industrialisierung konfrontiert, wie der Massenmigration in die Städte, den Problemen der Arbeiterwohnviertel sowie neuen Herausforderungen in Gesundheitswesen, Hygiene und Bildung. Diese Belange waren etwas völlig Neues und bewegten daher auch die gesamte Architektur in eine neue Richtung: Deren Schwerpunkt verlagerte sich nun zunehmend von der künstlerischen Arbeit hin zu wissenschaftlichen und technischen Ansätzen. Viele Architekten suchten nach neuen industriellen Konstruktionsmethoden, die, wie sie behaupteten, zur Lösung der mit der Industrialisierung einhergehenden Probleme unumgänglich seien. Zunächst jedoch experimentierten auch viele Architekten – wie die Künstler – mit eher künstlerischen Lösungen wie etwa 66 den schlichten Formen und Primärfarben der De-Stijl-Bewegung. Rietveld war in dieser Hinsicht äußerst engagiert. Duiker und Brinkman & Van der Vlugt unterstützten dagegen eine Bewegung, die das Wesen der Architektur grundsätzlich in Frage stellte. Sie favorisierten eine rationalere und technisch orientierte Problemlösung auf der Basis gründlicher Analysen. D&A: Verfolgten die drei Architekten auch unterschiedliche Konzepte im Umgang mit Tageslicht, oder überwiegen hier die Gemeinsamkeiten? WdJ: In der Arbeit mit Tageslicht dominieren meines Erachtens eher Gemeinsamkeiten als Unterschiede. In der Moderne war die Transparenz von Gebäuden gewissermaßen Programm, ein allgemeines kulturelles Ideal als Sinnbild einer Gesellschaft, die – so mutmaßten die Architekten – ebenso transparent organisiert sei. Diese Vorstellung zeigt sich in der extensiven Nutzung von Glas. Das Baukonzept der Van-Nelle-Fabrik beispielsweise orientiert sich maßgeblich am Tageslicht. Die Tiefe des Gebäudes wurde auf 19 Meter beschränkt – ein Maß, das sich aus einer einfachen Berechnung ergab: Wenn man das Gebäude an beiden Längsseiten dem Tageslicht öffnete, so mussten die Arbeiter auch in der Raummitte noch ihr Tagwerk unter natürlichen Lichtbedingungen verrichten können. Diese rationalen Anforderungen und Berechnungen sind ursächlich für die Form des außergewöhnlich langen Flachbaus. D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 FOTO: FAS KEUZENKAMP Im Sanatorium Zonnestraal sieht es ähnlich aus. Auch hier sind die Gebäude sehr schmal, häufig beträgt ihre Tiefe nicht mehr als 7,5 Meter. Die Besonderheit in Zonnestraal war, dass die Patienten in separaten kleinen Zimmern untergebracht wurden. In anderen Sanatorien jener Zeit lagen meist 10 bis 12 Personen gemeinsam in einem größeren Saal. In Zonnestraal hingegen waren die Zimmer nur 3 Meter tief, sodass das Licht ungehindert eindringen, die gesamte Raumtiefe beleuchten und Keime wirkungsvoll abtöten konnte. Die Unterschiede zwischen den beiden Gebäuden bestehen im Wesentlichen in den Baumaterialien wie Glas. In Zonnestraal sollten die Patienten vom Krankenbett ungehindert ins Grüne blicken können. In der Van-Nelle-Fabrik waren Ausblicke dagegen unwichtig bis unerwünscht, um die Arbeiter nicht abzulenken. Folglich benutzte man für das Sanatorium erstklassiges Fensterglas, für die Fabrik hingegen eine geringere Glasqualität mit mehr Fehlern und Unebenheiten in der Oberfläche sowie kleinere Glasscheiben. Dieses Glas stammte ursprünglich aus der Gewächshausindustrie und wurde ausschließlich in standardisierten Formaten hergestellt. Brinkman & Van der Vlugt mussten sogar die Gesamtproportion der Fassaden ändern, um sie diesem billigen massenproduzierten Glas anzupassen. D&A: Beschränkte sich die Nutzung des Tageslichts im Modernismus auf visuellen Komfort und Hygiene, oder berücksichtig- ten die Architekten auch seinen psychologischen Wert? WdJ: Der psychologische Wert des Tageslichts war natürlich enorm – ebenso wie seine metaphorische Bedeutung. Duiker erwähnte oft seine Abneigung gegen die Tendenz der Menschen, alles zu kategorisieren. Als Ingenieur forderte er Unvoreingenommenheit und die Fähigkeit, jede Lösung abzuwägen und dann die beste zu wählen. Tageslicht war immer Bestandteil seiner rationalen Denkweise. Duikers Absicht war, die Menschen aus ihren dunklen Höhlen und Kellern hinaus ins Freie, zur frischen Luft und ans Tageslicht zu holen, ihre Gesundheit durch Sport zu fördern und größeren Wert auf Hygiene zu legen. Interessanterweise lehnte Duiker noch eine weitere ‚traditionelle‘ Beschränkung ab: den Schutz historischer Gebäude. Dies birgt eine gewisse Ironie, denn heute sind Duikers Häuser selbst Gegenstand des Denkmalschutzes. D&A: Herman Hertzberger schrieb einmal: „Dass man so ungehindert in holländische Wohnzimmer blicken und nahezu am dortigen Leben teilnehmen kann, ist eine Tradition, die die Besucher dieses Landes immer wieder verblüfft.” War diese Tradition einer der Gründe, warum die klassische Moderne mit ihrer Tendenz zu Offenheit und Transparenz in den Niederlanden so begeistert aufgenommen wurde? WdJ: Das ist eine interessante Frage, die ich nicht wirklich beantworten kann. Sicher- lich sind die Niederländer, zumindest im Westen des Landes, daran gewöhnt, ihren Lebensraum – und auch die Gesellschaft – ingenieursmäßig zu konstruieren. Mein Wohnzimmer zum Beispiel liegt 4,5 Meter unter dem Meeresspiegel. Wenn man unter diesen Umständen nicht seine gesamte Umwelt unter künstlicher Kontrolle hält, ertrinkt man schlicht und einfach. Wir sind also daran gewöhnt, die Umwelt zu unserem Vorteil zu konstruieren und zu modifizieren. Dies bedeutet, dass der Ansatz der Architekten in den 20er-Jahren sehr gut zu der holländischen Denkweise passte: Das Problem analysieren, eine technische Lösung finden und die Lösung in die Tat umsetzen. D&A: Welche Planungswerkzeuge für Tageslicht und Belüftung standen den Architekten der Moderne zur Verfügung, und wie exakt waren sie? WdJ: Einige Architekten jener Zeit – aber längst nicht alle – wandten Methoden an, die der modernen Bauphysik oder Konstruktionswissenschaft recht nahe stehen. Wie schon gesagt, betrachtete Duiker sich eher als Ingenieur denn als Architekt, und einige seiner Kollegen teilten diese Berufsauffassung. Einer von ihnen war Johannes Bernardus van Loghem, der zahlreiche Artikel über technische Themen wie Akustik, Kondensation, Tageslicht, die Vorzüge passiver Solarenergie und entsprechende Berechnungsmethoden verfasste. 1932 veröffentlichte Van Loghem ein Buch über Bauphysik und Bautechnolo- 67 FOTO: FAS KEUZENKAMP Trotz der Gebäudetiefe von 19 Metern erhalten die 60 000 Quadratmeter Büroräume im Inneren der Van-Nelle-Fabrik reichlich Tageslicht. Die Fassaden sind so transparent geblieben wie früher; lediglich die elektrische Beleuchtung wurde den Erfordernissen der Bildschirmarbeit angepasst. gie, das wir vor Beginn unserer Arbeit an Van Nelle und Zonnestraal gelesen haben. Dieses Buch entspricht erstaunlicherweise ungefähr dem Wissensstand, der mir 40 Jahre später an der Universität vermittelt wurde. Im Vorwort begründet Van Loghem, warum er das Buch schrieb: Viele zeitgenössische Architekten und Befürworter der Moderne wüssten noch zu wenig über Bauphysik. Das gilt offensichtlich nicht nur für die 30er-Jahre, sondern ist auch heute noch der Fall. D&A: Aus heutiger Sicht waren der thermische Komfort und die sommerliche Überhitzung klare Schwachpunkte der meisten klassisch-modernen Gebäude. Fehlten den Architekten einfach die entsprechenden Möglichkeiten? WdJ: Keinesfalls! Sie hatten alle diesbezüglich eine klare Vorstellung. Aber unsere Sichtweise hat sich seitdem verändert, und wenn wir die damaligen Gebäude mit unserem modernen Verständnis betrachten, fällen wir natürlich ein negatives Urteil. Zum Beispiel könnte das Sanatorium Zonnestraal gemessen an modernen Standards wegen seiner massiven Kondensationsprobleme und sonstigen Mängel gar nicht ‚funktionieren‘. Man muss aber bedenken, wie das Gebäude ursprünglich genutzt wurde: Während wir heute eine konstante Raumtemperatur von 21 Grad fordern, waren es damals 17 oder 18 Grad. Außerdem gehörte Frischluft zur Behandlungstherapie der Patienten, weshalb Türen und Fenster auch im Winter 68 stets offen standen. Unter diesen Umständen ist Kondensation überhaupt kein Thema, weil sie nicht auftritt! Jan Duiker entwarf auch eine Freiluftschule in Amsterdam, in deren Klassenzimmern die Fenster während des Unterrichts ständig offen standen. Er wusste natürlich, dass der thermische Komfort in diesem Gebäude ein problematisches Thema sein würde. Daher entwickelte er ein innovatives Bodenheizungssystem nach dem Strahlungsprinzip, ganz ähnlich den heutigen Systemen zur Betonkernaktivierung. Obgleich Duikers Erfindung letzten Endes nicht funktionierte, ist es bemerkenswert, dass er bereits 1942 ein derart zukunftsweisendes System erdachte. Auch viele andere Architekten seiner Zeit waren sich ihrer Verpflichtung durchaus bewusst, eine angenehme und gesunde Umgebung zu schaffen. Sie zeigten großes Interesse an der Bauphysik, weil sie wussten, dass sie ohne Kenntnisse der Klimatisierungstechnik nie offene Häuser und große Glasfassaden entwerfen könnten. D&A: Was fanden Sie besonders schwierig bei dem Versuch, die Gebäude der Moderne nachzurüsten und den heutigen Klima- und Lichtstandards anzupassen? Wo mussten Sie Kompromisse eingehen? WdJ: Da die Architekten der Moderne derart darauf bedacht waren, extrem leichte Fassadenkonstruktionen zu entwerfen, ist die Nachrüstung dieser Fassaden ein wichtiger Bestandteil jedes Sanierungskon- zepts. Zugleich sind die Fassaden häufig die schwierigsten Baukomponenten, da man sie technisch verbessern muss, ohne das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes völlig zu verändern. In unserem Büro haben wir uns daher sehr intensiv mit Fassadenbau sowie Klimaund Lüftungstechnik beschäftigt, weil diese Bereiche immer zusammengehören. So hängt zum Beispiel der solare Energieeintrag in ein Gebäude unmittelbar von der Glassorte ab und ist seinerseits wiederum entscheidend für die Kühllast des Systems. Nun kann ich mich natürlich bei der Restaurierung eines historischen Gebäudes dafür entscheiden, die Fassade unangetastet zu lassen. In diesem Fall aber wäre der Klimatisierungsaufwand enorm, und am Ende führten dicke Belüftungsrohre durch das ganze Haus – mit katastrophalen Folgen für die architektonische Qualität. Sie sehen: Wir müssen bei jedem Projekt ein Gleichgewicht finden zwischen innen und außen, indem wir einige Verbesserungen an Verglasung und Fassade und einige an den Installationen vornehmen, bis beide sich etwa in der Mitte treffen. D&A: Sie sprachen einmal von der ‚veränderten Sicht’ der Architekten zur Erhaltung modernistischer Gebäude. Wie hat sich dieser Standpunkt in den letzten 30-40 Jahren verändert? WdJ: Vor dreißig Jahren betrachtete man diese Gebäude noch nicht einmal als etwas Besonderes. Sie waren einfach nicht alt D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 69 FOTO: FAS KEUZENKAMP FOTO: CAPITAL PHOTOS Am Amsterdamer Flughafen Schiphol erinnert nur noch der alte Tower an die Frühzeit des Luftverkehrs. Wessel de Jonge Architects bauten ihn 2001 zu einem „Industry Club“ für die Manager aus dem benachbarten Business-Park um. Das oberste Geschoss wird nun als „Sky Bar“ genutzt. genug. Selbst die Architekten der Moderne haben später zahlreiche Veränderungen an ihren Häusern vorgenommen, ohne den Wert ihrer eigenen, 30 Jahre zurückliegenden Arbeit besonders hoch einzuschätzen. Nach ihrer Überzeugung sollte Architektur funktional und unmittelbar mit dem Nutzungszweck des Gebäudes verbunden sein. Änderte sich die Nutzung, musste man auch das Gebäude verändern – dieser Grundsatz entsprach der funktionalistischen Logik jener Tage. Bis vor drei Jahrzehnten galt daher der Grundsatz: „Würden die Architekten selbst noch leben, hätten sie das Gebäude ebenfalls verändert. Warum es also nicht umbauen und einem neuen Nutzungszweck zuführen?“ Vor 20 Jahren änderte sich diese Haltung. Einige Gebäude der Moderne wurden als so besonders, innovativ und prototypisch angesehen, dass man sie erhalten müsse. Hierbei musste man allerdings selektiv vorgehen: Rund 80 Prozent unseres heutigen Gebäudebestands stammen aus der Zeit nach 1900. Beginnt man also erst einmal mit der Erhaltung von Gebäuden aus dem 20. Jahrhundert, endet man rasch bei Millionen potenzieller ‚Kandidaten‘, aus denen man eine begründete Auswahl treffen muss. Zonnestraal zum Beispiel gehörte zu den Gebäuden, die vor rund 20 Jahren unter Denkmalschutz gestellt wurden. Der dritte Wandel betraf die Frage, was genau an den klassisch-modernen Bauwerken schützenswert sei. Noch vor zwanzig Jahren schätzte man die Gebäude eher wegen ihrer Raumkonzepte und weniger 70 wegen ihrer Materialien. Im Gegensatz zu älteren, handwerklich verarbeiteten Materialien betrachtete man die Industriewerkstoffe der 20er- und 30er-Jahre schlichtweg als ‚ersetzbar‘ durch moderne Baustoffe, selbst wenn sich das Aussehen eines Gebäudes hierdurch beträchtlich veränderte. Erst in den vergangenen 10 Jahren hat sich diese Haltung verändert. Häufig lassen nämlich erst die Materialien das tatsächliche Alter eines Gebäudes erkennen. Wenn Menschen, die keine Architekten sind, die Van-Nelle-Fabrik aus gewisser Entfernung sehen und ich sie frage: „Wie alt ist das Gebäude?“, antworten sie fast alle: „Vielleicht von 1960 oder 1965.“ Erst wenn man näher kommt und das Haus betritt, zeigt sich an vielen Details, dass es tatsächlich aus den späten 20er-Jahren stammt. Jetzt, im dritten Stadium, erkennen wir, wie wichtig es ist, die ursprünglichen Materialien, Oberflächen, Strukturen und Farben – einschließlich Glas – zu erhalten. Als wir das Projekt Zonnestraal in Angriff nahmen, plädierte ich als einziger im Team dafür, gezogenes Glas und kein Floatglas einzusetzen. Schließlich besteht Zonnestraal fast nur aus Glas – und wenn das nicht passt, was bleibt dann übrig? Sogar die Denkmalschutzbehörden verstanden damals den Unterschied nicht. Ich aber hatte festgestellt, dass die Reflexionen und die Sicht durch gezogenes Glas aufgrund seiner Unregelmäßigkeit leicht verzerrt sind. Das Material unterstreicht somit die Fragilität des Gebäudes. Würde man das Haus mit einer Fassade aus Floatglas von außen betrachten, sähe man eine perfekte Reflexion dessen, was hinter einem ist. Die Reflexion lenkt die Aufmerksamkeit ab, das Glas erscheint weniger transparent und verliert dadurch seinen Reiz. D&A: Ursprünglich lag die geplante Lebensdauer Zonnestraals bei 30-40 Jahren. Handeln Sie mit der Sanierung des Gebäudes dann nicht eigentlich gegen die Intention des Architekten, und welche Konsequenzen hat dies? WdJ: Ja, wir arbeiten tatsächlich gegen seine Intention, aber ich sehe darin kein Problem. Architekten wie Jan Duiker hegten die Vorstellung, die ganze Welt werde irgendwann wie ihre Gebäude aussehen. Sie entwarfen Prototypen für die Zukunft. Aber diese Prototypen fanden nie wirklich Beachtung: Zuerst kam die Wirtschaftskrise in den Dreißigern, dann der 2. Weltkrieg, nach dessen Ende sich die Denkweise änderte und sich der Einfluss der USA in der Bauindustrie bemerkbar machte. Deshalb gibt es heute nicht mehr viele der Gebäude, wie sie Duiker und seine Zeitgenossen in den 20er- und 30er-Jahren bauten. Dies ist mit ein Grund, warum wir sie schützen sollten. Außerdem kann die Qualität eines Kunstwerks wertvoller sein als die Interessen des Künstlers. Franz Kafka zum Beispiel verfügte die Verbrennung all seiner Manuskripte nach seinem Tod, doch man verbrannte sie nicht. Kafkas Werke waren einfach wichtiger als D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 FOTO: SYBOLT VOETEN / MICHEL KIEVITS Das Sanatorium Zonnestraal von Jan Duiker war eigentlich nur für eine Lebensdauer von 30 Jahren konzipiert worden. Umso schwieriger gestaltete sich seine Sanierung Anfang des 21. Jahrhunderts. Unter anderem wurde dabei gezogenes Fensterglas verwendet, das die gleichen leichten Unebenheiten aufweist wie das Original. sein eigener Wunsch. Das Gleiche gilt für ein Gebäude wie Zonnestraal: Was Duiker dachte, ist vielleicht nicht so wichtig. Wir treffen die Entscheidung, es zu erhalten, und daher zählt unsere Philosophie und nicht seine Sichtweise. D&A: Sie schrieben einmal: „Die Pioniere der modernistischen Bewegung sahen die Daseinsberechtigung eines Gebäudes nicht in seiner Geschichte, sondern in seinem Nutzen.“ Impliziert dies die Aufforderung an heutige Investoren und Architekten, nach passenden Möglichkeiten zur Wiederverwendung solcher Gebäude zu suchen? WdJ: Das stimmt, die Pioniere der Moderne hegten diese Ideen, die aber auch Teil ihrer Polemik waren. Sie propagierten eine völlig neue Architekturphilosophie, daher formulierten sie ihre Ansichten vermutlich radikaler, als sie wirklich waren. Andererseits ist es auch richtig, dass für sie die Schönheit eines Gebäudes in dessen Funktionalität wurzelte. Deshalb sind wir stets bemüht, die neuen Nutzungen der ursprünglichen Zweckbestimmung des Gebäudes anzupassen. Das ist schon interessant, denn der Slogan in den Zwanzigern und Dreißigern lautete ‚form follows function‘. Auf der Grundlage einer festgelegten Nutzung entwarfen die Architekten ein Gebäude. Wir gehen genau den umgekehrten Weg: Um das Erscheinungsbild des Gebäudes zu bewahren, müssen wir eine seinem Charakter entsprechende Verwendung finden – mit anderen Worten: ‚function follows form‘. Beim Kauf eines klassisch-modernen Gebäudes hat der neue Eigentümer häufig keine exakte Vorstellung von dessen neuen Nutzungsmöglichkeiten. Dann ist es unsere Aufgabe, das Gebäude zu analysieren. Derzeit arbeiten wir an Projekten, für die wir ein entsprechendes Nutzungsprogramm aus vier oder fünf verschiedenen Optionen auswählen. Orientiert man sich dabei stark am ursprünglichen Zweck des Gebäudes, so kann ein großer Teil der bestehenden Bausubstanz erhalten bleiben, was im Sinn des Denkmalschutzes äußerst wünschenswert ist. Aber es ist meistens auch kostengünstiger, das vorhandene Potenzial des Gebäudes auszuschöpfen und nicht zu missachten. sem Gebäude anpassen, auch wenn das gewisse Nachteile mit sich bringen mag. So ist zum Beispiel die Akustik ein Problem, und manchmal blendet das Licht bei der Arbeit am Computer. Dies aber machen die positiven Effekte dieses weitläufigen Gebäudes allemal wett: die Atmosphäre, die wunderschönen Räume, die hohen Decken, das Tageslicht … In Zonnestraal ist es ähnlich. Die Menschen dort sind begeistert, sie spüren die Einzigartigkeit dieses Ortes. Die Wechselwirkung zwischen Architektur und Natur in Zonnestraal ist einfach verblüffend! D&A: Mit Ihrem Büro sind Sie mittlerweile in die Van-Nelle-Fabrik umgezogen. Wie würden Sie die Atmosphäre dort beschreiben – als absoluter Kenner dieses Gebäudes? Kann man die alte Fabrik nach wie vor spüren? Wessel de Jonge (1957) erhielt 1985 sein Architekturdiplom an der Technischen Universität Delft in Holland. Als Mitbegründer der internationalen Vereinigung DOCOMOMO war er von 1990 bis 2002 internationaler Organisationsleiter und Herausgeber des DOCOMOMO International Journal. Als Architekt zeichnete er unter anderem für die Restauration des von Gerrit Rietveld im Jahr 1953 entworfenen Biennale-Pavillons in Venedig, den Umbau des Sanatoriums ‚Zonnestraal’ im niederländischen Hilversum (in Zusammenarbeit mit Henket Architects) und die Sanierung der Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam verantwortlich. WdJ: Oh ja, jeder spürt sie, und das schon beim ersten Besuch. Sobald man das Büro betritt, öffnet sich der Blick nach draußen, es stellt sich ein gewisses Wettergefühl ein, man sieht das Wolkenspiel am Himmel. Dieses Gebäude stimmt mich optimistisch, weil es so erhebend ist. Es schafft gute Laune und öffnet die Sinne, es ist inspirierend und dynamisch und bietet ein perfektes Arbeitsumfeld. Die meisten Leute, die hier arbeiten, teilen diese Meinung – und wenn nicht, sind sie hier fehl am Platze! Wie ich schon sagte: ‚function follows form‘, man muss sich die- 71 VELUX PANORAMA Architektur mit VELUX aus aller Welt. Rechts Ein Raum wie aus einem Guss: Wände und Decken in dem fast sieben Meter hohen Dachgeschoss sind ganz in Weiß gehalten. Zwei Reihen Dachwohnfenster bringen Licht in den außerordentlich tiefen Raum. 72 Das Städtchen Le Landeron liegt am südlichen Fuß des Schweizer Jura, zwischen Bieler und Neuenburger See. Im dortigen Schwemmland des Flusses Zihl gründeten die Grafen von Neuenburg Mitte des 14. Jahrhunderts eine befestigte Ortschaft, der schon bald darauf die Stadtrechte verliehen wurden. Bis heute hat die Altstadt ihre mittelalterliche Struktur bewahrt: Eine außergewöhnlich breite, baumbestandene Hauptgasse durchzieht den Ortskern von Süd nach Nord. Flankiert wird sie von schmalen, tiefen Wohnhäusern mit verputzten Fassaden und teils weiten Dachüberständen. Das Haus Nummer 27 steht an der Ostseite der Gasse. Seine Straßenfassade ist wie die aller Häuser im Ortskern denkmalgeschützt. Lediglich ihr frischer weißer Anstrich deutet darauf hin, dass das Haus in jüngster Zeit Veränderungen erfahren hat. Ganz anders die Fassade im Osten, wo die Altstadt abrupt endet und in weitläufige Gärten und Streuobstwiesen übergeht: Hier öffnet sich das Gebäude mit einem breiten Panoramafenster zur Landschaft und bildet damit den größtmöglichen denkbaren Kontrast zu den umliegenden Altbauten. Der Umbau durch die Architekten frundgallina umfasste lediglich das zweite Obergeschoss und den Dachboden des Hauses, aber nicht die Wohnungen in den unteren Geschossen. Eine Bestandsaufnahme ergab, dass der Dachstuhl ersetzt werden musste; die Holzbalkendecke zwischen oberstem Wohngeschoss und Dachboden blieb dagegen erhalten. Die Architekten schufen zwei Raumfolgen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Im zweiten Ober- geschoss entstand ein eher kleinteiliger Grundriss mit drei Schlafzimmern und Bad, im Dachboden dagegen ein offener Raum zum Wohnen, Kochen und Essen, der bis hinauf unter den First reicht und durch eine offene Galerie ergänzt wird. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten: Beide Etagen erhielten einen dunklen Dielenboden und weiß gespachtelte Wände, die das Tageslicht tief in die Innenräume reflektieren. Und in beiden Fällen wurden die Grundrisse vom rechten Winkel der Außenwände losgelöst. Der Korridor im zweiten Obergeschoss verläuft diagonal durchs Haus. Sind die Zimmertüren geschlossen, ergibt sich ein klar definierter Weg-Raum, der geradewegs Richtung Treppe ins Dachgeschoss führt. Öffnet man dagegen die raumhohen Türen, verschwimmen die Raumgrenzen, und es entstehen Durchblicke von Fassade zu Fassade. Da die leichten Trennwände und Einbauschränke die gleichen weißen Oberflächen erhielten wie die tragenden Außenwände, ergibt sich eine homogene, vielfach gewinkelte Raumhülle, die Bewegungen und Blicke gleichermaßen lenkt. Ein ähnliches Bild ergibt sich im Dachgeschoss: Treppe, WC und Stauraum wurden entlang der Längswände zu den Nachbarhäusern untergebracht. Die Möbelfronten und Trennwände verengen den Raum zur Mitte hin, wo ein Küchenblock den Dreh- und Angelpunkt der Etage bildet. Lediglich seine unterschiedliche Befensterung gibt dem Raum eine Richtung: Während sich im Westen nur ein schmales Fenster zur Straße hin öffnet – die einstige Ladeluke des Dachbodens, die mit einer Glasscheibe verschlossen wurde –, genießen die D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 Hausbewohner von ihrem Essplatz im Osten aus freien Blick durch das Panoramafenster. Maßgeblich zur Belichtung des fast sieben Meter tiefen Raums tragen zwei Dreierreihen von Dachwohnfenstern bei: In der Ostfassade sind sie hoch unter dem First angebracht und versorgen vor allem die Galerie mit Tageslicht; im Westen liegen sie dagegen sehr viel tiefer, direkt über dem ansonsten nur spärlich befensterten Wohnbereich. Als „feinfühlig, aber engagiert“ bezeichnen die Architekten ihren Eingriff in das Jahrhunderte alte Stadthaus. Der Umbau setzt zugleich ein deutliches Zeichen des architektonischen Aufbruchs in einem Ort, der sich als ‚Stadt der Antiquitäten‘ einen Namen gemacht hat und jedes Jahr den größten Trödelmarkt der Schweiz beherbergt. Bei ihrer ‚Entrümpelung‘ des Altbaus kam frundgallina sicher die Tatsache entgegen, dass sie auf keinerlei tragende Innenwände Rücksicht nehmen mussten. Sie haben die Freiheiten, die sich ihnen boten, genutzt und dem altehrwürdigen Bauwerk ein avantgardistisches Innenleben mit unbestrittenen Qualitäten einverleibt. Dass dabei, gerade auf der Gartenseite, ein Teil der (Gebäude-)Hüllen fallen musste, illustriert, wie sich die Ansprüche an Raum und Licht im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Es zeigt aber auch die Grenzen bei der Erfüllung dieser Ansprüche: Ein Panoramafenster wie bei Haus 27 wird inmitten seines historischen Umfelds noch als wohltuend moderner Akzent wahrgenommen. Besitzen jedoch erst einmal auch die Nachbarn einen solchen Grad der Öffnung, hat man es bereits mit einem völlig neuen Ortsbild zu tun. FOTO: THOMAS JANTSCHER FENSTER ZUM GARTEN FOTO: THOMAS JANTSCHER Von der Gartenseite aus wirkt Haus Nr. 27 wie ein Neubau. Doch lediglich die beiden obersten Geschosse wurden umgebaut; die unteren blieben unangetastet, und auch die Straßenfassade wurde kaum verändert. FOTO: THOMAS JANTSCHER Die Galerie unter dem First ist ein Raum zum ungestörten Arbeiten. Doch auch von hier aus hat man Ausblicke in den Garten – und in den Himmel über Le Landeron. FOTO: THOMAS JANTSCHER Im Osten geht das Stadtzentrum relativ abrupt in eine Landschaft aus Obstgärten über. Das geschosshohe und gebäudebreite Panoramafenster holt die Natur ins Haus. 76 D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 1 Fakten Gebäudetyp Bauherr Architekten Umbau eines Wohnhauses privat frundgallina SA, Neuchâtel, CH Standort Ville 27, Le Landeron, CH 4 5 6 2 3 1. Lageplan 2. Die Stau- und Nebenräume sowie die Treppe ins 2. Obergeschoss wurden entlang der Trennwände zu den Nachbarhäusern untergebracht. So konnte die Weite des Wohnraums erhalten bleiben. 3. Die Straßenfassade (hier vor dem Umbau) wurde lediglich neu gestrichen und die „Ladeluke“ des einstigen Dachbodens (ganz oben) durch ein Fenster ersetzt. 4. Grundriss Dachgeschoss FOTO: FRUNDGALLINA FOTO: THOMAS JANTSCHER 5. Grundriss 2. Obergeschoss 6. Grundriss Galeriegeschoss 77 BÜCHER REZENSIONEN Zum Weiterlesen: Aktuelle Bücher, vorgestellt von D&A. DAS SCHRÄGE DACH Herausgeber: Barbara Burren, Martin Tschanz, Christa Vogt Niggli Verlag ISBN 978-3-7212-0663-0 Digitale Medien, Globalisierung, Ökologie und neue Materialien – dieses Themenquartett hat (nebst der damit verbundenen Theoriegebäude) die Architekturpublikationen der letzten Jahre beherrscht. Doch inzwischen ist eine Gegentendenz erkennbar: Verlagshäuser und Autoren (vor allem diejenigen, die an Universitäten lehren) besinnen sich wieder stärker auf die Vermittlung von Grundlagenwissen. Die Studierenden unserer Tage, so ihre Erkenntnis, benötigen wieder konkrete Handreichungen beim Entwerfen und der Baukonstruktion. Immer mehr Handbücher zu Darstellungstechniken, Entwurfsstrategien und alltäglichen konstruktiven Fragen füllen daher die Regale der Bücherläden. Auch das neue Buch der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Winterthur gehört in die Kategorie ‚Grundlagenwissen’, obgleich es eigentlich weder Konstruktions- noch Entwurfshandbuch ist. 78 Vielmehr wird hierin eines der vielseitigsten Bauelemente in der Architektur – das geneigte Dach – auf seine geschichtliche Herkunft und gestalterischen Möglichkeiten hin untersucht. Noch vor 15 Jahren wäre die Wahl eines solchen Themas als politisches Statement verstanden worden: Geneigte Dächer galten als konservativ bis rückwärtsgewandt; und nur wer sich des Flachdachs, jenes Symbolelements der Moderne, bemächtigte, galt als fortschrittlicher Architekt. Heute sind diese ideologischen Gräben zugeschüttet. Die Avantgarde hat sich des geneigten Dachs bemächtigt und es aus seiner Nostalgie-Nische befreit. An Bauten wie dem Fährterminal in Yokohama von Foreign Office Architects oder der Casa da Música in Porto treten flache und geneigte Dachflächen in ein unvorbelastetes, neues Wechselspiel miteinander. Selbst in der Wohnarchitektur ist viel in Bewegung geraten. Das Buch der Hochschule Winterthur stellt folgerichtig historische und hochaktuelle Beispiele einander gegenüber, sortiert nach Entwurfsthemen und nicht nach Jahreszahlen. Einen didaktischen Ansatz oder gar den Wunsch nach Vollständigkeit hätten sie nicht verfolgt, schreiben die Herausgeber im Vorwort. Eher bewegt sich ihr Buch in der Tradition von Corbusiers ‚Vers une Architecture‘ und Rudofskys ‚Architecture Without Architects‘: Subjektive, collagenhafte Bildtafeln werden von kurzen Texten begleitet, die auf Querbeziehungen zwischen den jeweiligen Gebäuden hinweisen. Gegliedert ist das Buch in Kapitel wie ‚Dach und Kontext‘, ‚Dach als Zeichen‘ oder ‚Dach und Licht‘, deren jedes mit Bildern beginnt und mit einem kurzen Essay endet. Letztere unterstreichen in ihrer Vielfalt den Facettenreichtum des Themas: Die Autoren untersuchen den ‚Dächerkrieg‘ der Moderne zwischen den Verfechtern des Flachdachs und des geneigten Dachs, die Tradition der ‚Zelträume‘ in historischen Palästen und Wohnhäusern, den Symbolwert offener Holzdachstühle und die Dachkonstruktionen des schwedischen Architekten Klas Anshelm. Lehrreich ist das meiste hiervon, wenngleich gelegentlich etwas weit von der Alltagspraxis entfernt. Mit seinen zahlreichen Illustrationen hält ‚Das geneigte Dach’ dennoch einen reichen Fundus an Inspirationen für die Entwurfsarbeit bereit – weit mehr übrigens, als dies bei den derzeit gängigen, preisgünstigen und großformatigen, aber oft wenig fokussierten ‚Architekturbilderbüchern‘ der Fall ist. OVER Herausgeber: Alex MacLean Schirmer/Mosel, München ISBN 978-3-8296-0383-6 Seit Jahrhunderten schon prägt der Mensch die Welt nach seinem Willen. Nichts scheint dabei unmöglich zu sein: Da werden ganze Städte wie riesige Oasen mit manikürten Golfplätzen und palmengeschmückten Vorortsiedlungen in die Wüste gebaut, künstlich mit Wasser am Leben gehalten, das dort eigentlich Mangelware ist. Riesige Ferien-Hochburgen erheben sich an erosions- und orkangefährdeten Meeresufern, um den luxushungrigen Urlaubern ein kleines Paradies zu schaffen. Retortensiedlungen werden aus dem Boden gestampft, die von Sackgassen und immer gleich aussehenden Hausplus-Garten-Monokulturen geprägt D&A FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 sind, die Anonymität fördern und das Auto zu einem (über-)lebenswichtigen Gebrauchsgegenstand machen. Gewaltige Kohle- und Kernkraftwerke produzieren Unmengen an Elektrizität, die beinahe schneller verbraucht als erzeugt werden. Grundstücksspekulanten pflügen ganze Wegenetze in die Landschaft, die dort wie warnende Narben in der Erde prangen. Indem er diese Szenerien mit der Kamera aufzeichnet, hält der Fotograf und Pilot Alex MacLean der Menschheit den Spiegel vor. Für sein Buch ‚Over‘ ist er kreuz und quer über die USA geflogen, hat Vorstadtsiedlungen und Industrieanlagen, Kraft- und Klärwerke, aber auch gigantische Windparks und Solarfarmen fotografiert. Die Bilder öffnen uns, gerade weil sie mit einigem Abstand aus ungewöhnlichem Blickwinkel aufgenommen wurden, aufs Neue den Blick auf unseren Lebenswandel – auf Hoffnung und Hybris, Bequemlichkeit und Gier, Machbarkeitswahn und die Vergänglichkeit unseres Daseins. Und sie lassen die Klimaveränderungen und exzessiven Waldrodungen, die Zersiedlung der Landschaft und vieles mehr, das wir zwar als beklagenswert, aber im Alltag doch als merkwürdig fern empfinden, auf einmal sehr nah erscheinen. MacLeans Aufnahmen dokumentieren dabei nicht nur den Ehrgeiz und die Maßlosigkeit Amerikas, sondern sind ein Fingerzeig auch für andere Kontinente, findet doch das amerikanische Vorbild bereits begeisterte Nachahmung in Asien. Doch nicht nur MacLeans Fotografien, auch seine ausführlichen Bildkommentare und kurzen Essays zu Themen wie der Abhängigkeit vom Auto, den bedrohten Wüsten oder der Verschwendung von Wasser regen zum Nachdenken an. Sie machen das Buch zu einem „überaus wertvollen Dokument, weil sie präzise jene Kräfte benennen, die im Begriff sind, unseren Planeten zu zerstören“, wie der Wissenschaftsjournalist Bill McKibben in der Einleitung schreibt. Man sollte sich daher davor hüten, ‚Over‘ lediglich als Dokument des American Way of Life zu lesen. Alex MacLean zeigt uns in seinem Buch, scheinbar unschuldig, seine Heimat – doch im Grunde meint er uns alle damit, weltweit. LIVING IN DAYLIGHT Autorin: Maria-Therese Hoppe Gyldendal ISBN 978-87-02-07610-3 Es gibt Erfindungen, die die Welt verändern. Diese hier hat zumindest die Dächer Europas verändert: 1941 entwickelte der dänische Ingenieur Villum Kann Rasmussen für einen befreundeten Architekten das erste Dachfenster [roof window], das es in punkto Wind- und Regendichtheit mit Fassadenfenstern aufnehmen konnte. Um es zu vermarkten, gründete er eine Firma und benannte sie nach den wichtigsten Qualitäten, die seine Erfindung ins Haus bringen sollte: VE für ‚ventilation’ (frische Luft) und LUX für Licht. In der Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden VELUX-Dachwohnfenster [VELUX roof windows] zu einer festen Größe in den Stadtbildern Europas – in den Zentren ebenso wie in den Neubaugebieten. Rasmussen hatte schon früh erkannt, wie er seine Fenster zu vermarkten hatte: Gezielt sprach er den Wunsch der Eigenheimbesitzer nach mehr Wohnraum und Licht an, statt sein eigenes Produkt in den Vordergrund zu stellen. Zum 100. Geburtstag des Firmengründers hat VELUX nun gemeinsam mit der dänischen Ethnologin und Autorin Maria-Therese Hoppe ein Buch ganz im Geiste dieser Philosophie publiziert. ‚Living in Daylight’ stellt mehr als 50 Referenzprojekte mit VELUX-Dachwohnfenstern dar – doch nicht, indem es die technischen oder gestalterischen Aspekte der jeweiligen Gebäude in den Vordergrund stellt. Wichtig waren den Herausgebern und der Autorin die Geschichten, die die Bewohner zu erzählen hatten. Viele dieser Charaktere sind ebenso einzigartig wie ihre Wohnungen: die Aquarellkünstlerin in ihrem Atelier über den Dächern von Paris, die deutsche Ärztin, die in die norwegische Wildnis ausgewandert ist, oder der junge estnische Außenminister, der sich im Buch als Familienmensch und Naturliebhaber offenbart. ‚Living in Daylight’ dokumentiert jedoch auch, dass Dachwohnfenster inzwischen zu einem Stück Kulturgeschichte geworden sind. Es gibt kaum einen Ort, an dem sie nicht anzutreffen wären – das gilt für das Palais de Justice mitten in Paris ebenso wie für das portugiesische Parlamentsgebäude oder die Hippie-Stadt Christiania in Kopenhagen. Dachwohnfenster findet man in türkischen Neubausiedlungen, an sanierten Stadthäusern in Bukarest und umgebauten Scheunen in der britischen ‚countryside’. Maria-Therese Hoppe hat all diese Orte bereist und aufgezeichnet, wie die Menschen in ihren Räumen leben und arbeiten, was ihnen Tageslicht und Aussicht durch die Dachwohnfenster bedeuten. Die durchweg erstklassigen Fotos zeigen die Gebäude und ihre Bewohner auf einfühlsame Art und Weise, oft aus ungewohnter Per- spektive, aber ohne jene Tendenz zur Überinszenierung, wie man sie gelegentlich in Architekturpublikationen antrifft. Abgerundet wird das Buch durch einen kurzen historischen Abriss nicht nur über VELUX und die Geschichte des Dachwohnfensters, sondern auch darüber, wie dieses im Laufe der Zeit unsere Wohnvorstellungen verändert hat. BEACHLIFE Herausgeber: Frame Publishers Die Gestalten Verlag ISBN 978-3-89955-302-4 Die Strände und Küsten der Welt haben seit jeher Kreativität und Basteltrieb des Menschen herausgefordert – das kann jeder bezeugen, der einmal eine Sandburg gebaut hat. Doch gerade an den Küsten der Flüsse und Weltmeere kollidieren auch widersprüchliche Interessen: Erholung versus Verkehrserschließung, Klima- und GewässerschutzversusRenditestreben. Das Buch ‚Beachlife‘ zeigt mehr als 115 Bauten und Projekte, Kunstwerke und Designobjekte, die in den vergangenen fünf Jahren für Standorte im oder am Wasser entworfen wurden. Diese schier überbordende, auf 280 Seiten komprimierte Projektvielfalt belegt die mannigfaltigen Ansprüche an das ‚Beachlife‘ von heute: Schwimmende Megaprojekte vor den Küsten Dubais und Abu Dhabis stehen neben KleinstArchitekturen wie Nils Holger Moormanns ‚Walden‘, Land Art in der Tradition von Dani Karavan neben künstlerischen Interventionen, die Klimawandel und Flüchtlingsproblematik thematisieren. Gegliedert haben die Herausgeber ihr Buch in fünf Kapitel: Leisure, Hospitality, Art, Residential und Products. Doch das ist lediglich eine Art Minimalkonsens, und man fragt sich, ob nicht eine Sortierung nach Gebäudegrößen und -typologien in diesem Fall sinnvoller gewesen wäre. So wirkt die Abfolge bisweilen etwas beliebig, und es bleibt nur, sich im Buch von Projekt zu Projekt vorwärts zu hangeln. Das fällt – trotz gelegentlich schwankender Entwurfsqualität – nicht allzu schwer, denn das Buch ist ansprechend gestaltet, die Texte prägnant und mit Witz geschrieben. Zwei Erkenntnisse lassen sich abschließend aus dem Buch ziehen. Erstens: Nur die wenigsten Gestalter bedienten sich tatsächlich des Elements Wasser für ihre Arbeiten. Die allermeisten begnügten sich mit einem mehr oder minder freien ‚Blick aufs Meer‘. Und, zweitens: Am besten scheint es noch den bildenden Künstlern zu gelingen, der Ambivalenz heutiger Strände Ausdruck zu verleihen. Fern von Repräsentationsbedürfnis und Funktionalitätszwängen konnten sie sich mit Themen wie der Wegwerfgesellschaft, der Erderwärmung oder dem globalen Terrorismus befassen. Eine Installation wie Gregor Schneiders ‚21 Beach Cells‘, bei der der deutsche Künstler 21 guantanamo-artige Maschendrahtzellen auf dem Bondi Beach in Sydney errichtete, illustriert die Kehrseiten des weltumspannenden Beach-Tourismus und seines Sicherheitsbedürfnisses. Und sie macht deutlich, dass es auch ein ‚Beachlife‘ jenseits des hier gezeigten gibt – auch wenn dieses bislang kein Thema für Architekten und Designer gewesen ist. 79 DAYLIGHT & ARCHITECTURE ARCHITEKTURMAGAZIN VON VELUX Frühjahr 2009 AUSGABE 11 Herausgeber Michael K. Rasmussen Website www.velux.de/Architektur VELUX-Redaktionsteam Per Arnold Andersen Christine Bjørnager Lone Feifer Lotte Kragelund Torben Thyregod E-mail [email protected] Auflage 40,000 Stück ISSN 1901-0982 Redakteure Gesellschaft für KnowhowTransfer Jakob Schoof Britta Rohlfing Übersetzungen Sprachendienst Dr. Herrlinger Michael Robinson Dr. Jeremy Gaines Korrektorat Tony Wedgwood Bildredaktion Torben Eskerod Adam Mørk Art Direction & Layout Stockholm Design Lab ® Per Carlsson Nina Granath Björn Kusoffsky www.stockholmdesignlab.se Fotos Cover Michael Reisch www.michaelreisch.com Landschaft 0/010, 2004 124x187 cm, courtesy Gallery Rolf Hengesbach, Köln, Deutschland www.rolf-hengesbach.com Foto Umschlaginnenseite Josef Hoflehner Li River Study 8 – China www.josefhoflehner.com Foto Umschlaginnenseite hinten Josef Hoflehner Niagara Falls, Study 6 – Ontario, Canada Dieses Werk und seine Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Jede Wiedergabe, auch auszugsweise, bedraf der Zustimmung der VELUX Gruppe. Die Beiträge in Daylight & Architecture geben die Meinung der Autoren wieder. Sie entsprechen nicht notwendigerweise den Ansichten von VELUX. © 2009 VELUX Group. ® VELUX und das VELUX Logo sind eingetragene Warenzeichen mit Lizenz der VELUX Gruppe. DAYLIGHT & ARCHITECTURE FRÜHJAHR 2009 AUSGABE 11 GENIUS LOCI 10 EURO ARCHITEKTURMAGAZIN VON VELUX DAYLIGHT & ARCHITECTURE ARCHITEKTURMAGAZIN VON VELUX