solares forschUnGshaUs in Berlin

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report
* Astrid Schneider
Photovoltaikhülle als primäre Energiequelle für Strom, Wärme und Mobilität
Solares Forschungshaus
in Berlin
1
Eckig, kantig und futuristisch steht ein
neues Solarhaus mitten im alten Westberliner Stadtzentrum, einen Steinwurf
entfernt vom berühmten Bahnhof
Zoologischer Garten und dem Kurfürstendamm. Der Bauplatz für den temporären Forschungsbau ist ein freies
Eckchen zwischen einer grosszügigen
50iger-Jahre-Bebauung, einem 80igerJahre-Bankgebäude und der traditionsreichen Universität der Künste.
* Astrid Schneider
Solar Architecture
Pestalozzistrasse 12
D-10625 Berlin
fassade
faÇade
3/2013
Mitten in diesen Showroom der Architektur der
letzten 150 Jahre wurde nun ein Solarhaus neuster Generation gestellt. Auf allen Seiten spiegeln
die glatten Glasfassaden und schwarzen Solarmodule die umliegende architektonische Zeitgeschichte – als Spiegelbild der Herausforderung
des Wandels.
Das Deutsche Bundesministerium für Verkehr, Bau
und Stadtentwicklung (BMVBS) ist Bauherr dieses durchaus spektakulären Bauwerks, welches
in der Praxis zeigen soll, wie wir unsere Städte zu
sich selbst versorgenden Gebäuden und regenerativen Systemen umbauen können. So wurde für
das «Effizienz­haus Plus mit Elektromobilität» das
Motto geboren: «Mein Haus meine Tankstelle».
Ziel ist es, mit dem Forschungshaus die Synergien
zwischen solarem Gebäudeenergiesystem und
Elektromobilität zu erforschen und Ideen für eine
optimale Steuerung zu erproben, bezogen auf
das gesamte von fluktuierenden regenerativen
Quellen dominierte Energiesystem.
Aus einem 2010 ausgelobten Wettbewerb gin-
gen die Universität Stuttgart und das Planungsbüro des dort als Professor lehrenden Werner
Sobek als erste Preisträger hervor. Bereits im Dezember 2011 wurde das Gebäude eröffnet. Nach
einer kurzen Öffentlichkeitsphase wurde es vom
März 2012 bis Mai 2013 von einer vierköpfigen
Testfamilie bewohnt, um das Gebäude im Alltag
zu erforschen. Die Messergebnisse liegen seit
kurzem vor. Bis Ende des Jahres 2013 ist das
Haus erneut täglich für Besucher geöffnet und
wird als Informationszentrum für solares Bauen
mit Abendvorträgen genutzt. Im Jahr 2014 soll
sich eine zweite Messperiode mit einer weiteren
Testfamilie anschliessen.
Architektur
Der Architekt und Ingenieur Werner Sobek steht
für klare, schlichte Hightech-Entwürfe – so entstand ein schlichter, lichtdurchfluteter, eleganter
Effizienzhaus-Kubus. Garten- und Strassenfassade sind ganz als Glasfassaden ausgebildet,
report
umgeben von einer opaken Hülle – ebenfalls allseitig mit Glas verkleidet. Seine an den Ideen der
Moderne orientierte «rationale» und einer Konstruktionslogik folgende Formensprache favorisiert
die Materialien Stahl und Glas. Auch die «Dekonstruktion» des Hauses wurde mitbedacht:
alle Konstruktionen und Bauteil-Verbindungen
sind so ausgeführt, dass das Gebäude sortenrein
zerlegt und wieder recycelt werden kann.
Alle opaken Hüllflächen, wie die Fassaden, der
Boden und das Dach, sind als Leichtbau-Holztragwerke in Holztafelbauweise ausgeführt.
Zwischen mit OSB-Platten beplankten Holzstegträgern ist eine rund 400 mm starke Zellulosedämmung eingeblasen. Die Zwischendecke ist
aus Schallschutzgründen und zur besseren Wärmespeicherung mit einer Hanfdämmung gefüllt.
Die Bodenbeläge sind aus natürlichem geöltem
Holz. Insgesamt wurde auf giftige Kunststoffe –
auch für die Installationsrohre – verzichtet.
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Deckenaufbau
OG
15 mm
Holzbelag schwimmend verlegt
3 mm
Ausgleichsschicht (Kork)
2 x 12,5 mm Trocken-Estrich
30 mmHolzfaserelemente m. Alukaschierung
zur Verlegung der Fussbodenheizung
EG
25 mm
Wabenelement mit Schüttung
25 mm
OSB Platte
300 mm
Hanfdämmung
15 mm
OSB Platte
45 mm
Feder Abhangung
12,5 mmGipskarton-Beplankung auf MetallUnterkonstruktion
2
innen
Aufbau Aussenwand
12,5 mmGK-Beplankung, gestrichen
60 mm
Installationsebene mit Hanfdämmung
Dampfbremse
20 mm OSB Platte
Gebäudekonzept
360 mm Zellulosedämmung
Einem kompakten minimierten Innenraum steht
eine grosszügige Hülle für die Solarenergiegewinnung und Aussenwirkung gegenüber. So ist
nur etwas mehr als die Hälfte des «Kubus» mit
«Innenraum» gefüllt, die Hülle des Würfels öffnet
sich zur Strasse hin als repräsentativer überdachter Vorraum. Hier sind auch induktive Bodenfelder installiert, über denen die Elektroautos und
Elektrobikes induktiv – also berührungslos – geladen werden können. Eines der Hausfeatures,
die bei den Testbewohnern am besten ankam:
Auto abstellen und die Sonne lädt es automatisch, ohne Stecker. Dieser wird nur für die
Schnellladung benötigt. Durch die Glasfassade
können Besucher einen Blick auf den als «Showroom» ausgebildeten Technikraum werfen, in
welchem sich Wärmepumpe, Wechselrichter
und das ganze Lüftungssystem mit Luftwärmetauscher befinden. Ein Monitor informiert auch
Besucher über das Energiesystem.
Die zweite Schicht bildet der «Energiekern», die
klassische «Installationszone» des Hauses mit
Treppen und Bädern und Hausnebenräumen. Die
dritte Schicht bilden die eigentlichen zur Gartenseite orientierten Wohnräume, welche in einem
über das ganze Gebäude offenen Raumgefüge
verbunden sind. Türen haben nur die drei Schlafräume im Obergeschoss und die Bäder.
Die Eingangs- und Gartenfassade sind als g­ rosse
einheitliche Glasfassaden ausgebildet. Zur Verwendung kam eine Dreifachverglasung. Tragende Stahlstützen wurden hinter die Fassade
frei in den Raum gestellt. Der Sonnenschutz wird
auf der Gartenseite durch Aluminiumjalousien
Feuchtigkeitssperre
20 mm
OSB Platte
30 mm
Vertikallattung
30 mm
Agraffenprofil (Alu)
30 mmDünnschicht PV Module als vor­
gehängtes Fassadenelement
aussen
3
Konzept Isometrie
①
① Photovoltaik-Module, in die
Fassade integriert und auf dem
Dach
② Energie- und Technikzentrale
③Batterie
④ Informationsdisplay und
­konduktives Ladesystem
⑤ Feststehende Lamellen
⑥Treppe
⑦ Induktives Ladesystem
②
⑤
③
④
⑥
privat
Energiekern
⑦
öffentlich
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1 Blick von Südwesten auf
Photovoltaikfassade und
Gartenseite.
2 Aufbau Decke zwischen
EG und OG.
3 Isometrie Aufbau
­Photovoltaikfassade.
4 Isometrie
­Gebäudekonzept.
5 PV-System Dach in OstWest-Ausrichtung / Nordfassade mit s­chwarzem
Glas.
6 Ostansicht mit
­öffentlichem Vorhof.
7 E-Mobil auf induktiver
Ladeplatte und PVFassade.
8 Schnitt durch
­Photovoltaikfassade.
5
9 Schnitt durch
­Glasfassade.
10 Gebäudeschnitt.
11 Photovoltaikfassade.
Bildnachweise:
Bild 1, 5, 7:
Bundesministerium für
Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin (BMVBS)
Bild 2–4 und 8–10:
Werner Sobeck Stuttgart,
WSGreenTechnologies und
ILEK (Universität Stuttgart)
Bild 6:
Schwarz Architekturfotografie für das BMVBS
fassade
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6
Bild 11:
Jens Gebhardt,
ZEBAU Gmbh
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Ein Artikel von
Astrid Schneider,
Solar Architecture,
Berlin
Die Autorin ist selbst
freischaffende Architektin
und spezialisiert auf die
Photovoltaikgebäudeintegration und solare Gebäudekonzepte. Zudem ist sie
energiepolitisch engagiert
für ein 100% erneuerbares
Energiesystem.
www.astrid-schneider.de
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gewährleistet, im Osten durch den grossen Dachüberstand.
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Schnitt opake Fassade Wohnen
Dachaufbau
Photovoltaik-Fassadensystem
An der geschlossenen Südfassade sind rahmenlose Dünnschichtsolarmodule als hinterlüftete
Fassadenbekleidung vorgehängt. Die rahmenlosen Glas-Glas-CIS-Dünnschichtmodule von
Würth wurden in ein speziell entwickeltes Tragesystem der Firma Sto integriert. Dieses Fassadensystem besteht aus neuartigen 12 mm starken
Trägerplatten aus Blähglasgranulat, welches mit
Epoxidharz gebunden wurde.
Diese Glasgranulatplatten werden werkseitig
auf so genannte Agraffenprofile aus Aluminium
geschraubt. Danach werden beim Produzenten
die Dünnschichtsolarmodule mit einem speziell
zugelassenen Klebstoff auf die Glasgranulatplatten geklebt. Mit den rückseitig befestigten
Agraffenprofilen werden die Fassadenplatten
in die Unterkonstruktion eingehängt. Auf diese
Weise entsteht eine elegante mit schlanken offenen Lichtfugen ausgestattete rahmenlose Fassadenkonstruktion. Während die Klebung von
ESG-Glasscheiben auf die Unterkonstruktion mit
den Glasgranulatplatten bereits bauaufsichtlich
zugelassen ist, benötigte die Verwendung der Solarmodule eine Zustimmung im Einzelfall. Grund
ist, dass die Dünnschichtsolarmodule selbst bereits ein «Verbundglas» sind und die äussere
Schicht dementsprechend nicht von der Unterkonstruktion selbst, sondern ausschliesslich von
der inneren Scheibe des Solarverbundes getragen wird. Bisher werden solche Konstruktionen
vom Deutschen Institut für Bautechnik nur mit
mechanischer Lastabtragung und mechanischer
Sicherung gegen Wind auch der äusseren Glasscheibe zugelassen, da man sich in der Regel
auf die langanhaltende statische Zuverlässigkeit
geklebter (oder laminierter) Verbindungen nicht
verlassen will. Man darf also auf die vom Hersteller beantragte Bauzulassung der Photo­voltaik­
fassade als Gesamtsystem sehr gespannt sein.
Optisch und konstruktiv sowie energetisch ist das
neue System sehr vielversprechend: Die Montage
ist denkbar einfach. Durch die klassische Konstruktion mit Konterlattung ist eine optimale
Hinterlüftung möglich. Für die ebenfalls opake
Nordfassade wurde das gleiche Wandsystem
genutzt, nur dass statt Solarmodulen schwarze
Glaspaneele zum Einsatz kamen. Somit ist auch
ein im Erscheinungsbild recht bruchloser Wechsel
zwischen Photovoltaik-Modulen und «normaler» Fassade möglich. Ein wahrer Preisvergleich
zwischen den «Zusatzkosten» für Solarstromerzeugung könnte hier auch angemessen gezogen
Bautenschutzmatte
 Kunstoffabdichtung, mechanisch befestigt
 OSB Platte 20 mm
Zellulosedämmung
 Brettschichtholzträger bzw.
Holzstegträger
 OSB Platte 25 mm
 Feuchteadaptive Dampfbremse
 Hanfmatten 50 mm
Gipskarton-Beplankung
12,5 mm
Bodenaufbau
OG
 Holzbelag schwimmend
verlegt 15 mm
 Ausgleichsschicht (Kork)
3 mm
 Trocken-Estrich 2x12,5 mm
 Holzfaser Elemente mit
Alukaschierung zur Verlegung der Fussbodenheizung
30 mm
 Wabenelement mit Schüttung 25 mm
 OSB Platte 25 mm
 Zellulosedämmung 400 mm
 Feuchteresistente Spanplatte 15 mm
Unterlüftungszwischenraum
Streifenfundament
Wandaufbau
Aussen
EG
 Dünnschicht PV Module
Agraffenprofile
 Vertikallattung und Hinterlüftung
Feuchtigkeitssperre
 OSB-Platte 20 mm
Zellulosedämmung
 OSB-Platte 20 mm
Dampfbremse
 Installationsebene mit
Hanfmatte 60 mm
Gipskarton-Beplankung
12,5 mm
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werden, da sich beim Fassadenaufbau nur die
Paneelschicht unterscheidet.
Schnitt transparente Fassade Wohnen
Transparente Fassade
Photovoltaik-Dachsystem
 Brettschichtholz 100 x 400
 Blende Alu schwarz
Um eine optimale Flächenausnutzung zu erzielen,
kam ein flach aufgeständertes, durchdringungsfreies Flachdachmontagesystem von K2-Systems
zum Einsatz, welches die Standardsolarmodule
mit einer Neigung von 10 Grad nach Osten und
Westen orientiert. Das System aus Aluminiumprofilen wurde statisch berechnet und im Windkanal getestet. Genau wie das Fassadensystem
ist es jedoch weder normgerecht noch besitzt
es eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung.
Auch das Dach konnte so nur mit Zustimmung im
Einzelfall genehmigt werden. Deutlich wird hier,
welch grosse Herausforderungen noch bestehen,
um den ganzen Solarbereich in den Bausektor
zu integrieren. Dabei sollte diskutiert werden,
ob sich die Solarsystem zwangsweise den traditionellen deutschen Baunormen oder ob sich
die Baunormen den innovativen Solarsystemen
anpassen sollten.
 Blende Alu grau
 Sonnenschutz (Lamellen)
 Blende Alu weiß
 Absturzsicherung VSG 10
mm
Dreifachverglasung
 Blende Alu grau
 Kreuzstütze Stahl
Zwischendeckeaufbau
 Holzbelag 15 mm
OG
 Ausgleichsmatte 3 mm
 Trocken-Estrich 2 x 12,5
mm
 Holzfaser FB-Heizung 30
mm
 Papier Wabenelement mit
Schüttung
Hanfdämmung
 federabgehängte Unterkonstruktion 45 mm
Gipskarton-Beplankung
12,5 mm
Energiesystem
Sonstiges
Streifenfundament
 Terrasse Eichendielen
Aussen
EG
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Das Energiesystem des Gebäudes basiert vollständig auf der Kraft der Sonne. Ziel ist es, dass
die Solarsysteme in der Jahresbilanz mehr Strom
herstellen, als das gesamte Gebäude sowie die
Elektromobilität an Strom verbrauchen. Das «Effizienzhaus Plus-Niveau» ist erreicht, wenn sowohl
ein negativer Jahresprimärenergiebedarf als auch
ein negativer Jahresendenergiebedarf vorliegen.
Für die Gebäudeheizung wird eine strombetriebene Luft-Wasser-Wärmepumpe eingesetzt. Wegen des temporären Charakters des Experimentalhauses wurde auf die Verlegung eines Erdregisters oder die Einbringung von Bohrlöchern zur
Nutzung der flachen Geothermie verzichtet. Zur
Nachheizung des Warmwassers ist ein elektrischer Heizstab eingebaut, um die Legionellenbildung sicher zu verhindern. Die Gebäudeheizung
erfolgt über eine Fussbodenheizung und eine Zuluftvorwärmung mit Wärmerückgewinnung aus
der Abluft. Eine Litium-Ionen-Batterie soll den
direkten Eigenverbrauchsanteil des Solarstromes
erhöhen.
Ein Touchpanel und eine auch über das Smartphone abrufbare Visualisierung und Fernbedienung des Hauses ermöglicht den Bewohnern
ihren Energieverbrauch zu reflektieren und zu optimieren. So können zum Beispiel die avisierten
Fahrtstrecken mit den E-Mobilen in der Vorschau
eingegeben werden, damit das Hausenergiesystem bei Bedarf Energie aus den Elektroautobat-
report
terien abruft – oder aber dafür sorgt, dass diese
randvoll geladen sind.
Ergebnisse des ersten Messjahres und
der Bewohnerbefragung
Insgesamt wurde erreicht, dass das Gebäude
über seine Hülle in der Jahresbilanz so viel Strom
bereit stellt, wie für Heizung, Warmwasser und
Strombedarf für Beleuchtung, Haushaltsgeräte
und Anlagentechnik benötigt wurde, also für
den gesamtem Gebäudebetrieb. Das Ziel, auch
noch die Elektromobilität voll mit abzudecken,
scheiterte daran, dass im Testzeitraum sehr
deutlich viel weniger Sonne schien als in den
bei der Simulation zugrunde gelegten zehn Vorjahren. Ein aussergewöhnlich trüber Winter mit
rund 40% weniger Sonnenstunden erbrachte
rund 20% weniger Strom. So konnte nur ein
Viertel der für die Elektromobilität benötigten
Strommenge selbst erzeugt werden.
Insgesamt ergibt sich ein stark abweichendes
Bild gegenüber der Vorausberechnung.
Verbräuche im ersten Messjahr:
– Wärmepumpe: 5865 kWh (Messung) anstelle 2217 kWh (Planung)
– Hilfsenergien: 3099 kWh (Messung) anstelle 2275 kWh (Planung)
– Beleuchtung: 526 kWh (Messung) anstelle
375 kWh (Planung)
– Haushalt: 2910 kWh (Messung) anstelle
2125 kWh (Planung)
Dies führt in der Jahressumme zu einem etwa
75% erhöhten tatsächlichen Energieverbrauch
von 12 400 kWh anstelle der geplanten 6992
kWh. Gleichzeitig zeigt der Vergleich der gemesSchnitt opake Fassade Wohnen
senen Stromerträge aus den Photovoltaikanlagen mit den vorherberechneten Ertragswerten
witterungsbedingte Mindererträge (13 306 kWh
anstelle der prognostizierten 16 625 kWh) von
etwa 20%.
Die beiden gegenläufigen Effekte führen
dazu, dass in der Messperiode nur 906 kWh
Energieüberschüsse anstelle der prognostizierten 9633 kWh erzielt werden konnten.
Bei normaler Witterung könnte jedoch die EMobilität komplett mit abgedeckt werden.
Genau 3984 kWh wurden zusätzlich aufgewandt
für die Infomonitore, Visualisierung sowie für die
experimentelle Batterie aus recycelten Autobatterien. Diese Grössen werden jedoch ausser Betracht gelassen, da sie nur durch den «Show- und
Experimentalcharakter» bedingt sind.
Die Elektromobile haben mit 3974 kWh im
Mess­jahr weniger Energie verbraucht als die angenommenen 6000 kWh, allerdings fehlt hier
der Bezug zur zurückgelegten Fahrtstrecke, da
die Fahrt- und Ladedaten der E-Mobile derzeit
noch wissenschaftlich ausgewertet werden.
Immerhin konnte unter anderem durch die Batterie und die Elektromobilität ein durchgängiger
Eigennutzungsanteil des erzeugten Solarstroms
von über 40% erzielt werden. Der Rest des erzeugten Stroms wird zu anderen Zeiten als den
Bedarfszeiten erzeugt und mit dem öffentlichen Stromnetz über Einspeisung und Bezug
ausgetauscht. Im Sommer produziert das Haus
Energieüberschüsse und im Winter benötigt es
«Zuschüsse». Dieses Problem lässt sich auch mit
der Batterie nicht lösen, da diese nur Tagesbedarfe speichert und ausgleicht. Insofern bleibt
das Effizienzhaus Plus zu einem hohen Anteil
seines Strombedarfes vom Strombezug aus dem
öffentlich
Energiekern
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öffentlichen Stromnetz und den damit verbundenen unberechenbaren zukünftigen Strombezugspreisen abhängig, während auch ungewiss sein
kann, welche Vergütung für eingespeisten Solarstrom langfristig gezahlt wird, da möglicherweise
immer dann Stromüberschuss in Deutschland
herrscht, wenn die Sonne scheint – mit den damit verbundenen niedrigen Marktpreisen.
Energieverbräuche für Lüftungs- und
Heizungskonzept
Besonders markant ist die Abweichung der Energieverbräuche in den Bereichen Wärmepumpe
und Hilfsenergien für die Ventilation. Das wärmeseitige Energiekonzept steht hier zur Disposition, zumal es nicht exorbitant viel kälter war als
erwartet im Messzeitraum.
Auffällig ist, dass zwar ein künstliches Belüftungskonzept erdacht wurde – aber der Glaube
an technische Systeme zu einer Gebäudeplanung
geführt hat, welche die natürliche Lüftung nicht
optimiert. So wurde von den Test-Bewohnern zu
Recht bemängelt, dass es keine reguläre Möglichkeit zur Querlüftung des gesamten Gebäudes
gibt. Einzig und alleine die Öffnung der Haustür
ermöglicht eine Querlüftung im Erdgeschoss. Allerdings möchte man die Haustür ungerne offen
stehen lassen. Im Obergeschoss gibt es allerdings
gar keine Öffnungsmöglichkeit in der strassenseitigen Fassade. Durch die offene Grundrissgestaltung steigt jedoch alle warme Luft aus dem
im Erdgeschoss gelegenen Wohnbereich in das
Obergeschoss mit den Schlafräumen – und die
warme Luft ist hier schwer wegzulüften.
So positiv das transparente und offene Erscheinungsbild der Innenräume mit den grossen Glasprivat
Rampe
Schaufenster
Haustechnik
Küche
OG
Essen
Terrasse
 Informationsdisplay und
Bildschirm
 Konduktives Ladesystem
 Induktives Ladesystem
EG
Photovoltaik
Stahlbeton-Streifen­
fundamente
 Unterlüfteter Raum
unter Bodenplatte
Bad/WC
 Kind 1
Querschnitt A-A
Flur
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fassaden ist, so ist es doch problematisch, dass es
keine klassischen «Fenster» im Haus gibt, sondern
«nur» wenige bodenhohe Fenstertüren. Der hohe
Glasfassadenanteil führt zu einer sehr schweren
Dreifachverglasung, um die Energiekennwerte zu
halten. Die Fenstertüren sind jedoch nicht mit Beschlägen zum Ankippen ausgestattet, sondern lassen sich nur entweder öffnen oder schliessen. So
muss das mechanische Lüftungssystem insbesondere sommerliche Wärmelasten weg ventilieren.
Daher sind die benötigten Ventilationsenergien
in den Sommermonaten Juni, Juli und August am
höchsten. Zudem führt die mechanische Belüftung
auch nicht zwangsweise zum erwünschten Ergebnis. So lässt sich die Temperatur der Zuluft nicht
raumbezogen variieren. Dabei waren es die Testbewohner gewöhnt, das Schlafzimmer gar nicht
zu heizen, konnten hier aber weder die Vorerwär-
mung der Zuluft abstellen, noch nachts die Fenster
schräg anstellen.
Ein zu erwartendes Ergebnis ist auch, dass die
vorgewärmte Zuluft zu einer unbehaglich trockenen Luft im Winter führt, wie die Messergebnisse
deutlich zeigen. Wie es sein kann, dass die Innenraumtemperatur im Sommer durchschnittlich rund
fünf Grad über der Aussentemperatur liegt, ist
sicherlich ebenfalls erforschenswert. Ist es eventuell möglich, dass die Hinterlüftung der schwarzen
Photovoltaikfassade mit 3 cm zu gering ausgeführt ist und es so zu einer ungewollten sommerlichen Erwärmung der Südwand kommt?
Die Wärmepumpenanlage inklusive internem
Pufferspeicher und Heizstab kommt nur auf
eine Gesamtperformance von rund 2,2. Das
ist sowohl der direkten elektrischen Nachheizung für das Trink-Warmwasser geschuldet,
als dem Verzicht auf Geothermie.
Interessant wäre, das Forschungshaus nun
zu optimieren, beispielsweise durch eine wesentlich bessere natürliche Lüftung und eine
individuellere Steuerung der Temperatur und
Raumzonierung. In einem zweiten Schritt wäre
es wünschenswert, noch weitere Haustechnikund Konstruktionsvarianten auszuprobieren.
Der Ansatz, ein komplettes Haus zu bauen und
zu monitoren, ist ein ebenso mutiger wie richtiger Ansatz. Schön wäre es, die Erfolge des ersten Hauses angemessen zu würdigen und aus
den Fehlern zu lernen – und ohne zu verzagen
Energiemessung im ersten Messjahr von März 2012 bis Februar 2013
Erzeugung PV-Anlage:
– PV-Dach:
– PV-Fassade:
– Summe PV:
11 578 kWh/a
5 047 kWh/a
13 306 kWh/a
Simulation PV-Erzeugung:
16 625 kWh/a – Mindererträge von rund
20% durch rund 40% geringere Anzahl Sonnenscheinstunden im Messzeitraum
Stromverbrauch für den Hausbetrieb:
– 4224 kWh für die Heizwärmebereitstellung mit der Wärmepumpe
– 1641 kWh für die Trinkwarmwasserbereitung mit der Wärmepumpe
– 3099 kWh für die Hilfsenergie (Antriebe
etc.) der Anlagentechnik
– 526 kWh für die Beleuchtung
– 2910 kWh für Haushaltsgeräte und Haushaltsprozesse
Der Stromverbrauch für den Hausbetrieb beträgt in der Summe 12 400 kWh/a.
fassade
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Für den Betrieb der Elektromobile wurden
3974 kWh verbraucht.
Damit wurden tägliche Stadtfahrten der Familie durch ganz Berlin abgedeckt.
Für den Betrieb des Hauses als «Showcase»,
so z.B. für einen ständig betriebenen InfoMonitor, eine nächtliche Beleuchtung der
Strassenfassade und des Technikraumes, sowie anderer durch den temporären Charakter
bedingter Verbräuche wie der Beheizung des
Abwasserrohres beträgt der Verbrauch 3984
kWh und sollte bei den Ergebnissen ausser
Betracht bleiben.
Energie-Bilanz:
– Vollständige Deckung des Strombedarfes
für den Stromverbrauch im Gebäude selbst.
– In einem meteorologischen Standard-Jahr
kann die Elektromobilität im bisherigen
Umfang mit abgedeckt werden.
– Die Show-Case-Funktionen sind nicht abdeckbar über die PV-Anlagen.
gleich weiter und noch energischer zu forschen.
Schliesslich zeigte sich der Unterschied zwischen
Planung, Simulation und Praxisergebnissen doch
sehr deutlich. Wünschenswert wäre es, die Reihe
nun gegebenenfalls auch gleich parallel mit weiteren Prototypen-Bauten mit ganz unterschiedlichen solaren Energiekonzepten fortzusetzen.
Vielleicht kann man sogar die «Forschungskiste»
selbst in den Folgejahren noch umbauen und
technisch variieren. Jetzt wirklich experimentelles
Bauen im noch grösseren Stil zu praktizieren – das
wäre Forschergeist und sicherlich gut angelegtes
Bundesgeld. Den Bewohnern hat es insgesamt
viel Spass gemacht – und sicherlich würden sich
etliche weitere begeisterte Test­familien finden.
Gebäudedaten
Bruttogrundfläche
187 m2
Beheizte Nettogrundfläche
149 m2
Gebäudevolumen
643 m3
Hüllflächenfaktor A/V0,75-1
U-Werte Gebäudehülle in (W/m2K)
Aussenwand, Dach, Boden
0,11
Fenster0,70
Durchschnitt Gebäudehülle
0,33
Anlagentechnik
– Luft-Wasser-Wärmepumpe mit Puffer­
speicher 5,8 kW
– WW-Boiler mit elektrischem Heizstab
(Legionellenschaltung)
– Warmwasserspeicher (288 Liter)
– Kontrollierte Be- und Entlüftung mit
Wärme­rückgewinnung
– Fussbodenheizung
Photovoltaiksystem
– Dach: 60 monokristalline StandardSolarmodule mit je 240 Wp in Ost-WestAusrichtung mit einer Neigung von 10°
Fläche APV=98,2 m2, Leistung 14,1 kWp
– Südfassade: CIS-Dünnschichtmodule
Fläche APV=73 m2; Leistung 8 kWp
– Batterie: 40 kWh Lithium-Ionen-Batterie
zur Zwischenspeicherung
Bautafel
Architekten:
ILEK an der Universität Stuttgart + Werner
Sobek Stuttgart + WSGreenTechnologies
Wissenschaftliche Begleitung – Messung
Energiedaten:
Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP
Gebäudestandort:
Fasanenstrasse 87 in 10623 Berlin
Öffnungszeiten in 2013, Mi–So 13–18 h
Kontakt: [email protected]
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