BERN, JUNKERNGASSE 63 RENOVATION UND UMBAU 2008 / 2009

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BERN, JUNKERNGASSE 63
RENOVATION UND UMBAU
2008 / 2009
André Born
Architekt Bern
BERN, JUNKERNGASSE 63
RENOVATION UND UMBAU
2008 / 2009
INHALT
Bereits erschienen:
BERN, JUNKERNGASSE 63
WIEDEREINBAU UND RENOVATION
DER KACHELÖFEN UND CHEMINÉES
Vorwort
5
„...hier in neuer Form aufgebaut“
7
Baugeschichte
11
Bern, Junkerngasse 63
Wiedereinbau und Renovation
der Kachelöfen und Cheminées
2010, André Born, Architekt, Bern
Allgemeines
12
Bauphasen
14
Befundpläne
24
Renovation und Umbau
ISBN 978-3-033-02490-8
André Born
Architekt Bern
27
Grundsätze
29
Gassenfront
30
Aareseite
32
Innenhof
36
Treppenhaus
42
Erdgeschoss Hinterhaus
46
1. Obergeschoss Vorderhaus
52
1. Obergeschoss Hinterhaus
56
2. Obergeschoss Hinterhaus
62
3. Obergeschoss Vorderhaus
64
Fenster
66
Böden und Decken
68
Ressource Baukultur
71
Pläne
77
Informationen
93
VORWORT
Für uns Architekten war die Junkerngasse 63 wie eine Wundertüte.
Wir konnten zwar vermuten, dass hinter all den Verkleidungen und
Einbauten, die im Verlauf der Jahrhunderte getätigt worden waren,
einiges verborgen sein könnte. Aber wir konnten nicht wissen, dass
in diesem Haus soviel wertvolle historische Substanz zum Vorschein
kommen würde. Sie zu bergen, sie auf- und nachzuspüren, sie nachzuvollziehen und zu erneuern – das war eine schöne, wenn auch
höchst anspruchsvolle Aufgabe. Es galt nämlich, sich immer wieder
auf neue Gegebenheiten und Überraschungen einzustellen und mit
den stets neuen Erkenntnissen flexibel und angemessen umzugehen.
Viel Freude bereitete uns die Aufgabe, das Gebäude weiterzubauen,
durch Neues zu ergänzen. Denn ein historisch wertvolles Gebäude
kann nur dann weiterleben, wenn es den heutigen Nutzungsbedürfnissen angepasst und konzeptionell weitergedacht wird.
Ich glaube, dass wir ohne falschen Stolz sagen können, die Junkerngasse 63 erstrahle im wahrsten Sinn des Wortes in neuem Glanz. Die
Liegenschaft erzählt nun wieder von guten alten, aber auch von guten
neuen Zeiten.
Die Bauherrschaft hat durch ihr Verständnis und ihre Begeisterung für
die Junkerngasse 63 Entscheidendes zum Resultat beigetragen. Ohne
ihre Grosszügigkeit und ihre stetige Ermunterung wäre unsere Arbeit
nicht möglich gewesen. Zu danken haben wir dem stadtbernischen
Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross, der für unsere Fragen stets ein
offenes Ohr hatte und unsere Ideen tatkräftig unterstützte. Wichtig für
unsere Entscheidungen waren die Sondierungen und Recherchen des
Bauforschers Urs Bertschinger. Die Sondierungsarbeiten konnten nur
dank Sonderbeiträgen der kantonalen und städtischen Denkmalpflege
in diesem aussergewöhnlichen Umfang durchgeführt werden.
Zu danken haben wir schliesslich all jenen, die unsere Vorschläge und
Vorstellungen mit dem grössten handwerklichen Können umgesetzt
haben: den Steinhauern und Maurern, den Zimmerleuten und Schreinern, dem Fensterbauer, dem Kunstschmied, den Restauratoren und
Malern, den Gipsern und Stukkateuren, den Parkettlegern, dem Hafner und der Ofenkachel-Restauratorin und vielen weiteren.
Mit der vorliegenden Broschüre dokumentieren wir einerseits die Entstehungs- und Baugeschichte des Hauses, die umfassenden Arbeiten
der Gesamtsanierung und der Restaurationen, andererseits möchten
wir andere, die vor einer ähnlichen Bauaufgabe stehen, dazu ermuntern, das historische Erbe erneuernd weiterzubauen.
André Born, Architekt, Bern
5
„ ... HIER IN NEUER FORM AUFGEBAUT“
Die Junkerngasse 63 als Denkbild
Konrad Tobler, Bern
7
„ ... HIER IN NEUER FORM AUFGEBAUT“
Die Junkerngasse 63 als Denkbild
Es gibt ein Detail im renovierten Haus an der Junkerngasse 63, das
nach sich zieht. Dies wiederum bedeutet, dass die Liegenschaft nicht
man leicht übersehen könnte. Es befindet sich an der Rückseite je-
ein Objekt ist, sondern mit seiner Geschichte und Eigenart geradezu
nes Kachelofens, der im grossen Raum im aareseitigen Erdgeschoss
Rechte und Anrechte hat. Oder anders: Der Bauherr sieht sich hier
aufgebaut wurde. Der Ofen stammt aus dem Jahr 1758 und stand
nicht als Herr des Baus. Er ist eher Diener des Baus.
ursprünglich im Pfarrhaus von Siselen. Um ihn an den Raum anzu-
Nun tritt der Architekt auf den Plan. Er ist es, der in Zusammenar-
passen griff man auf eine alte Usanz zurück: Man baute den Ofen
beit mit den entsprechenden Fachleuten Geschichte und Eigenart des
um und ergänzte das Bestehende dort, wo das notwendig war. Eine
Hauses Schicht für Schicht entdeckt und aufdeckt. Das waren im Fall
dieser Ergänzungen ist die Rückseite des Ofenturms, der in Siselen
der Junkerngasse 63 wahre Entdeckungsreisen. Aber bei der Archäo-
direkt an der Wand war und nun neu entwickelt werden musste. So
logie des Hauses blieb es nicht. Um das Haus zu bewahren, wurde es
auch der Turmkranz. Und eben dort ist jenes Detail. Auf zwei Bekrö-
nämlich weitergedacht und weitergebaut, immer im Hinblick darauf,
nungskacheln steht knapp die Geschichte des Ofens und wer für die
wie das Haus sein könnte auf der Grundlage dessen, was es einmal
Wiederherstellung des Hauses zuständig war: „Der Kachelofen aus
war. Vieles muss in derart komplexen Vorgängen Vermutung bleiben,
dem Pfarrhaus Siselen hier in neuer Form aufgebaut im Jahr 2008.“
nicht alles lässt sich an Spuren ablesen. Aber die Spuren führen zu
Und: „Bauherr Severin Coninx Bern / Architekt André Born Bern /
Interpretationen – das Haus als Partitur.
Ofenbauer Thomas Jost Wynau / Restauration Maria Fluri Bellach
Die Handwerker taten mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung das Ihri-
2008.“ Mehr nicht.
ge, damit das Resultat gelingen konnte. Dabei entwickelten sie eine
Weshalb ist das bemerkenswert? Weil die Sprache schlicht ist. Weil
Fertigkeit, die – bis ins Detail, etwa eines Ornaments – Echtheit schuf,
die Schlichtheit von Bescheidenheit spricht – und zugleich, indem für
die aus der Souveränität des Metiers resultiert. Entscheidend am Gan-
spätere Generationen alles Notwendige festgehalten ist, von einem
zen war immer die Paarung von Sorgfalt und dem Mut, auch Neues
gewissen Selbstbewusstsein. Sieht man das Resultat der Anstrengun-
zu wagen. Gutes Beispiel dafür ist der Liftturm, der die Typologie
gen, die für die Junkerngasse 63 erbracht wurden, sieht man all die
ursprünglicher Hofeinbauten aufnimmt und sich formal und materiell
Details, sieht man die Einheit des Gebäudes, der Massnahmen und
in die Situation einpasst. Hier kommt zum Ausdruck, was man die
der Interventionen, sieht man die Einheit von Haus und Garten – dann
Dialektik dieser grossen Arbeit nennen könnte: Bewahrung wurde hier
ist dieses Selbstbewusstsein berechtigt.
nicht verstanden als Stillstand, nostalgische Reparatur oder Versteine-
Es bleiben jene Schlichtheit und Bescheidenheit, die in der Kachelin-
rung, sondern als in die Zukunft gerichtet. Das Neue ist sichtbar aus
schrift ihren Niederschlag finden. Sie sind es, die den Geist prägen,
einem neuen Geist entwickelt, so dass sich Bewahrung und Erneue-
der seinerseits das Haus prägt. Nicht dass das Haus ein bescheidenes
rung verbinden. Genau davon spricht ja auch die Ofenkachel: „...hier
wäre, nicht dass es auch von Reichtum spräche, nein, die Beschei-
in neuer Form aufgebaut“.
denheit meint den Umgang mit dem Haus. Bescheidenheit meint Zu-
Eine Bemerkung sei noch gestattet. Die Junkerngasse 63 ist ein Mo-
rückhaltung und Sorgfalt. Und meint Freude an dem, was man hat,
dell für eine aktuelle denkmalpflegerisch Haltung, die zeigt, dass ein
was man getan hat. All das, was man in Gang gesetzt hat, um dem
denkmalpflegerischer Umgang mit dem Erbe Zukunft hat. Eben das
Haus sein Gesicht wieder zu geben, hat im Kern seinen Ursprung in
aber scheint zur Zeit vergessen zu werden, zumindest, was die Hal-
einer Haltung, die über den konkreten Ort hinausweist. Es ist der Um-
tung des Bundes betrifft. Seit zehn Jahren nämlich werden die Mittel
gang mit dem kulturellen Erbe und damit zugleich mit der Zukunft.
für den Denkmalschutz kontinuierlich gekürzt, von einst 40 Millionen
Da ist der Bauherr: Zwar ist er der Eigentümer der Liegenschaft,
Franken im Jahr 2001 auf mittlerweile rund 30 Millionen pro Jahr
was für ihn jedoch augenscheinlich nicht bedeutet, dass er über
– wobei die bundesrätliche Botschaft die Mittel sogar auf 21 Milli-
die Liegenschaft verfügen könnte, schalten und walten, wie ihm das
onen Franken reduzieren wollte. Das ist eine gefährliche Botschaft,
behagt. (Es gibt, weiter unten, an der Junkerngasse 9/11 ein kras-
die umso unverständlicher wird, sieht man sich Denkmäler wie die
ses Beispiel für diese vermeintliche Verfügungsgewalt und damit
Junkerngasse 63 an.
für die Zerstörung des Erbes). Vielmehr kommt an der Junkerngasse 63 zum Ausdruck, dass Eigentum verpflichtet und Verantwortung
Linke Seite Aarezimmer im Erdgeschoss (Aufnahme 2008): Wiedereingebauter Kachelofen
aus dem Pfarrhaus Siselen, datiert 1756 / 58.
9
BAUGESCHICHTE
Urs Bertschinger, Bauforscher, Biel
Allgemeines
Bauphasen I - X
Befundpläne
11
BAUGESCHICHTE
Allgemeines
13
6
7
8
9
Das Gebäude Junkerngasse 63 (Nr. 8 und 11 auf dem Plan links) ist
Häuser stattfand. Im Vorderhaus blieben der Kern des Ursprungsbaus
Teil der südlichen Gassenbebauung. Der oberste, südseitige Gassen-
des 13. / 15. Jahrhunderts, aber auch grosse Teile der nachfolgenden
bereich liegt hinter dem Chor des Münsters. Ursprünglich wies die
Erweiterungen erhalten. Das südliche Hinterhaus wurde tiefgreifender
Häuserzeile gegen Westen eine bebaute Parzellenreihe mehr auf, die
verändert und mehrfach ausgekernt, wobei sich die Geschossniveaus
heutigen Eckhäuser Münstergasse 1 und 3 (Nr. 7 u. 10) waren als
verschoben und die Fassaden neu gestaltet wurden. In einer letzten
Vorder- und Hinterhaus damals noch Teil der durchlaufenden Gassen-
grossen Änderungsphase um 1710 / 20 erhielt das Hinterhaus hohe
bebauung. Das dicht hinter dem Chor der alten Leutkirche (Nr. 2) und
und repräsentative, jedoch nicht zum permanenten Wohnen genutzte
direkt neben dem Durchgang zur Friedhofplattform gelegene südliche
Räume. Sie sind einschliesslich ihrer reichhaltigen Ausstattung bis
alte Eckgebäude (Nr. 4) diente von Mitte des 14. Jahrhunderts bis
heute erhalten geblieben.
gegen 1414 als zweites Rathaus der Stadt. Nach Fertigstellung des
Ab 1913 war der Kanton Bern Eigentümer des gesamten Häuserge-
neuen dritten Rathauses zog die Stadtschule in das leere Gebäude
vierts Münstergasse 1 und 3 und Junkerngasse 63. Die Wohnnutzung
ein. Das nördliche Eckgebäude (Nr. 6) befand sich in jener Zeit in
der Häuser wurde aufgehoben, um Teile der kantonalen Verwaltung
Privatbesitz. Um 1430 war der Bau des neuen Münsters (Nr. 3) in
einzuquartieren. Dank der meistens sehr sparsamen und zurückhal-
vollem Gange, das Chorhaupt der neuen Kirche ragte dabei zirka acht
tend durchgeführten Interventionen, die der Kanton im Laufe der Zeit
Meter weiter gegen Osten und verengte den Durchgang zur Münster-
erstellte, blieben grosse Teile der historischen Struktur und Ausstat-
plattform. 1448 wurde das nördliche, 1468 das südliche Eckhaus
tungen erhalten.
abgebrochen. Die beiden östlich nachfolgenden Gebäude waren somit
die neuen Eckhäuser, heute Münstergasse 1 und 3.
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts bestand das Haus Junkerngasse
1
2
3
63 aus einem nördlichen Vorderhaus (Nr. 8) mit Gassenlauben, einem
kleinen Zwischenhof (mit Treppenturm und hölzernen Hoflauben) und
einem südlichen Hinterhaus (Nr. 11) mit einer terrassierten, gegen
das Mattequartier hin abfallenden Nutzgartenanlage. Der Innenhof
4
10
11
12
scheint bis um 1554 durch einen grossen offenen Erdgeschossbereich von der Junkerngasse und von Westen her durch den Hof der
westlichen Eckliegenschaften erschlossen worden zu sein. Das gassenseitige Gebäude bestand ursprünglich aus zwei Parzellen, wobei
die schmalere östliche in einer ersten Phase noch unüberbaut blieb
und erst zirka in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bebaut und
mit dem bestehenden westlichen Gebäude zusammengeschlossen
5
14
wurde. Die Grösse des Innenhofes variierte im Laufe der Jahrhunderte
durch diverse Fassadenverschiebungen. Die Geschosserschliessung
des Vorderhauses befand sich ursprünglich innerhalb des Grundrisses, erst um 1554 wurde der grosse halbrunde Treppenturm mit
anschliessenden Lauben im Innenhof gebaut. Das südliche Hinterhaus bestand höchstwahrscheinlich immer nur aus einer Parzelle,
eine erste Bebauung fand in der gleichen Zeitspanne statt wie die
des westlichen Teils des Vorderhauses. Im Laufe der Jahrhunderte
1: I. Leutkirche 2: II. Leutkirche, Chorhaupt um 1277-1290, Fundament freigelegt 1897 3: Münster, Chorhaupt 1430, Sakristei 1468 - 1473 4: II. Rathaus, um 1414 verlassen. Später
Schulhaus, 1468 abgebrochen 5: II. Rathaus, Auskragung des Obergeschosses 6: Ehem. Eckhaus Junkerngasse 1389: Anton Gugla. Vor 1448 abgebrochen 7: Heute Münstergasse 1 8/11:
Heute Junkerngasse 63. 1389 Petermann v. Krauchtal, 1425 Kartause Thorberg 9/12: Heute Junkerngasse 61 10: Hinterhaus zu Nr. 7 13: Heutiger Ehgrabenverlauf 14: Mattentreppe, bis 1468
Zugang durch das offene Erdgeschoss des II. Rathauses
12
(Abbildung aus Buchreihe ”Die Kunstdenkmäler der Schweiz“, Stadt Bern Band IV, Birkhäuser Verlag Basel, 1960)
erfolgten bei Vorder- und Hinterhaus mehrmals Umbauten, Erweiterungen und Vergrösserungen. Die Baubefunde zeigen jedoch, dass nie
eine gleichzeitige gemeinsame Planung und Veränderung der beiden
13
BAUGESCHICHTE
Bauphasen
Phase I (13. - 15. Jahrhundert)
Phase II (Ende 15. / Anfang 16. Jahrhundert)
Ab 1389 im Eigentum von Petermann von Krauchthal, Herr zu Konol-
Ab 1529 im Eigentum von Hans Jakob von Wattenwyl, Herr zu Colom-
fingen, 1407 bis 1418 Schultheiss von Bern.
bier, 1533 bis 1540 Schultheiss von Bern.
Er starb 1425 und vermachte die Liegenschaft der Kartause Thorberg.
Den Osterbüchern zufolge hat Hans Jakob von Wattenwyl das Haus
Bis zu ihrem Tod 1464 blieb aber Petermanns Frau Barbara Besitzerin
jedoch nicht selbst bewohnt.
des Hauses. Ab 1464 nutzten die Thorberger Mönche das Haus.
Vorderhaus
Vorderhaus
Von den ursprünglich zwei Parzellen wurde zunächst nur die breitere
Im Kern bleibt der Bau aus der Phase I bestehen. Die bis jetzt un-
westliche überbaut. Die schmale, nur 3.0 Meter breite östliche diente
überbaute, schmale östliche Parzelle wird nun in die Überbauung in-
als offener Zugang zum 14.5 Meter langen Innenhof und zum Hinter-
tegriert, wobei das Erdgeschoss aber weiterhin als Hofdurchgang offen
haus. Das 9.0 Meter tiefe und 5.5 Meter breite westliche Gebäude
bleibt. Die Gassenfassade wird gesamthaft mit einem regelmässigen,
bestand aus einem flachgedeckten Keller mit drei darüberliegenden
lagig gemauerten Sandsteinquadermauerwerk mit einer Reihenbe-
Geschossen. An den beiden Brandmauern sind diverse, nicht näher
fensterung im ersten Obergeschoss und den heute noch vorhandenen
definierte einfache Grisaille- und Rotdekorationsmalereien gefunden
Gassenlauben neu gestaltet. Das bestehende westliche Dach zieht
worden.
man über den neuen östlichen Teil in der gleichen Art weiter. Die
Ausstattung der Räume besteht aus zum Teil mehrfarbigen einfachen
Hinterhaus
Ob es sich um eine einzige Parzelle gehandelt hat, oder – wie im
Vorderhaus – ursprünglich um zwei, ist nicht klar. Die ersten Befunde
betreffen jedoch ein die ganze Parzellenbreite einnehmendes Haus.
dekorativen Malereien. Der bestehende Keller unter dem westlichen
Kernbau wird neu eingewölbt, die östliche Gebäudevergrösserung
bleibt noch kellerlos. Ob die Geschosserschliessung innerhalb des Gebäudes oder durch Hoflauben erfolgte, ist nicht bekannt.
Das Erdgeschossniveau scheint im Bezug zum Vorderhaus 1.2 Meter
tiefer gelegen zu haben. Gegen Süden drei- und gegen den Hof zwei-
Hinterhaus
geschossig, war das Gebäude mit einem asymmetrischen Satteldach
Unverändert.
eingedeckt. Im Vergleich zu heute lag die Hoffassade ungefähr 2.0
Meter weiter nördlich. An den beiden Brandmauern fand man diverse
Grisaillesockelbemalungen sowie einige schwarze Bollenfriesdekorationen. Aufgrund der Geschosshöhen und der Dachform könnte die
Südfassade durchaus der Darstellung von Gregorius Sickinger aus
dem Jahr 1583 entsprochen haben (Abb. links). Verbindungen und
bauliche Gemeinsamkeiten zum Vorderhaus waren nicht vorhanden.
Baukubatur im 15. Jahrhundert.
Baukubatur um 1500: neuerstellte Gewölbekeller und Gassenlaube.
Linke Seite Stadtansicht von Gregorius Sickinger (1583), Kopie von Eduard von Rodt
(1915): Ausschnitt Junkerngasse 63. Hinterhaus im Zustand des 15. Jahrhunderts.
15
BAUGESCHICHTE
Bauphasen
Phase III (um 1544)
Pahse IV (um 1554)
Im Eigentum von Hans Jakob von Wattenwyl.
Im Eigentum von Hans Jakob von Wattenwyl.
1539 bis 1550 von Christoffel von Mülinen bewohnt, später von des-
1552 bis 1573 bewohnt von Petermann von Erlach.
sen Kindern.
1
Vorderhaus
Vorderhaus
Der westliche Kernbau aus der Phase I wird gegen den Innenhof um
Grosser Gesamtumbau. Der östliche schmale Gebäudeteil wird hof-
6.5 Meter verlängert und unterkellert, die Hoffassadenflucht des östli-
seitig nun auch auf die weiter innen liegende Fassadenflucht des
chen Teils bleibt aber weiterhin am alten Ort, der offene Erdgeschoss-
westlichen Teils hin verlängert und gesamthaft unterkellert, der bis zu
durchlass in den Innenhof bleibt bestehen. Die Gebäudeerschliessung
diesem Zeitpunkt zum Hof hin offene Erdgeschossbereich geschlos-
geschieht nun durch eine einläufige Treppenanlage innerhalb des
sen und dem Gebäudegrundriss zugeschlagen. Der Innenhof ist nur
westlichen Gebäudeteils. Bedingt durch die Gebäudeerweiterung wird
noch durch einen neuen schmalen Treppenhauskorridor von der Gasse
über dem westlichen Teil ein neuer, grösserer Dachstuhl erstellt, der
aus erschlossen. Im Innenhof wird an die westliche Brandmauer ein
östliche alte bleibt aber weiterhin bestehen. Das in der Phase II durch
halbrunder Treppenturm mit einer sandsteinernen Wendeltreppe an-
die Fassade vereinheitlichte Gesamtgebäude ist dadurch optisch im
gebaut, von dem aus die Gassengeschosse und eine Abortlaube im
Dachbereich wieder getrennt.
Hof erschlossen sind; eine Laubenverbindung zum Hinterhaus besteht
jedoch noch nicht. Auskernung des Gebäudes in den oberen Geschos-
Hinterhaus
2
Unverändert.
sen, Geschossstruktur und Grundrissteilung werden neu erstellt. Neue
Fassung der Wände mit Grisaillevoluten- und Bollenfriesdekorationen.
Die Küche mit offener Feuerstelle befindet sich im Erdgeschoss. Die
noch aus der Phase III bestehende, uneinheitliche Dachlinie mit den
Treppenhaus zwischen Erdgeschoss und 1. Obergeschoss (Aufnahme 2008): Treppenuntersicht mit Bollenfriesbemalung. Über der ersten Fassung von 1554 (Nr. 1) befindet sich eine zweite
zwei verschiedenen Dachstühlen erfährt durch die Angleichung des
Putzschicht mit einer leicht verschobenen Fassung (Nr. 2), welche wohl nur wenige Jahre später aufgetragen wurde.
östlichen an den höheren westlichen Teil wieder eine Vereinheitlichung.
Hinterhaus
Unverändert.
Vorplatz im 1. Obergeschoss des Vorderhauses (Aufnahme 2008); Bretterbohlen, Fälldatum gemäss Dendroanalyse um
Grosses Gassenzimmer im 1. Obergeschoss (Aufnahme 2008):
1538. Herkunft und Bedeutung der verschiedenen Kerbungen unbekannt, vielleicht als Kennzeichen des Handwerkers
wiederverwendetes profiliertes Sandsteintürgewände mit poly-
oder des Bauteils.
chromer dekorativer Fassung, um 1550, Herkunft unbekannt.
16
Baukubatur um 1544: zum Innenhof erweitertes Vorderhaus.
Baukubatur um 1554: im Innenhof neuer Wendelstein mit Spindeltreppe.
17
Aufn
in B
BAUGESCHICHTE
Bauphasen
Phase V (um 1611)
Phase VI (um 1650)
Ab 1578 bis 1606 im Eigentum von Hans Rudolf von Bonstetten.
Ab 1645 im Eigentum von Gabriel von Diesbach.
Die folgenden Eigentumsverhältnisse bis 1645 sind unbekannt.
Ab 1661 im Eigentum von Burkart von Erlach, Herr zu Kiesen.
Vorderhaus
Vorderhaus
Hofseitig wird die Fassade um ein Geschoss erhöht, dazu wird der
Im ersten Obergeschoss baut man hofseitig nach dem Abbruch der
südliche Dachschild gehoben. Es entstehen zwei grössere repräsenta-
internen alten Brandmauer und durch die Zusammenlegung zweier
tive Stuben im neuen dritten Obergeschoss. Erschlossen ist der neue
Räume eine neue grosse Küche mit offener Feuerstelle. Die kleine
Wohnbereich durch die Verlängerung der hofseitigen Wendeltreppe.
alte Küche im Erdgeschoss bleibt aber erhalten. An der Ostbrand-
Einfache Grisaillemalereien oder mehrfarbige Bemalungen mit Mau-
mauer Bau einer zweigeschossigen geschlossenen Hoflaube, die von
resken und Voluten dekorieren die Wohnräume im gesamten Haus.
der Küche aus erschlossen ist. Die Innenräume des Gebäudes werden
in Abständen mit diversen dekorativen und zum Teil mehrfarbigen Ma-
Hinterhaus
lereien ausgestattet.
Unverändert.
Hinterhaus
Es scheint, dass die Veränderung im Hinterhaus kurze Zeit nach
derjenigen des Vorderhauses stattgefunden hat. Dabei werden die
Geschossdecken über dem Erdgeschoss und dem 1. Obergeschoss
gehoben, und es entsteht ein grosser, fast 4.0 Meter hoher Saal im
1. Obergeschoss mit einem abgetrennten schmalen und leicht höheren
Nordbereich, in dem sich wahrscheinlich die Geschosserschliessung
befand. Beide Bereiche weisen Spuren einer Grisaille- und Bollenfriesdekoration auf. Das zweite Obergeschoss erhält ein zusätzliches
Mittelfenster. Gegen Süden wird die Fassade um ein Geschoss erhöht
Grosses Gassenzimmer im 1. Obergeschoss (Aufnahme 2008): Deckenkonsolen (um 1554), beim Einbau des Täfers um 1700 zurückgehauen. Mehrfarbige dekorative Bemalung mit Mauresken
und Voluten (1. Hälfte des 17. Jahrhunderts).
und das Gebäude mit einem höherliegenden und weiterhin asymmetrischen neuen Dach eingedeckt.
Grosses Gassenzimmer im 1. Obergeschoss (Aufnahme 2008): Maureske mit Ranken und
Grosses Gassenzimmer im 1. Obergeschoss (Aufnahme 2008): Malerei mit Voluten als
Quaste (1. Hälfte des 17. Jahrhunderts).
Einfassung einer Wandnische (1. Hälfte des 17. Jahrhunderts).
18
Baukubatur um 1611: Treppenturm und Hoffassade des Vorderhauses erhöht.
Baukubatur um 1650: Das Hinterhaus ist komplett umgebaut, Bau einer neuen Hofgalerie
an der Ostbrandmauer.
19
BAUGESCHICHTE
Bauphasen
Phase VII (um 1683)
Phase VIII (um 1700 / 20)
Bis 1686 im Eigentum von Burkhart von Erlach, Herr zu Kiesen.
Ab 1691 im Eigentum von Bernhard von Muralt.
Vorderhaus
Vorderhaus
Unverändert.
Um 1700 / 1710 wird die Gassenfassade umgestaltet: Einbau der
heute noch vorhandenen dreiachsigen Befensterung in das bestehen-
Hinterhaus
Kompletter Neubau des Gebäudes, gemeinsame Erschliessung des
Vorder- und Hinterhauses. Das alte Gebäude wird abgebrochen, einzig
die untersten 3.0 Meter der Südfassade bleiben als neues Sockelmauerwerk bestehen. Darauf baut man ein neues viergeschossiges
de Sandsteinquadermauerwerk, ergänzt durch drei kleine, liegende
Rechteckfenster im leicht gehobenen Dachfussbereich. In den Wohnräumen werden zum Teil Wände und Decken mit einem einfachen Füllungstäfer verkleidet. Der Treppenturm erhält zur besseren Belichtung
weitere Fenster.
Gebäude. Das Haus ist gegen den Hof um 2.0 Meter kürzer als der
Vorgängerbau, das Erdgeschossniveau liegt wie beim Vorgängerbau
Hinterhaus
immer noch 1.2 Meter tiefer als jenes des Vorderhauses. Die Südfas-
Kurze Zeit nach dem Umbau des Vorderhauses, um 1710 / 20, wird
sade besteht aus einer dreiachsigen Befensterung mit hohlgekehlten
das Hinterhaus erneut grundlegend umgebaut, indem man das Ge-
Sandsteingewänden. Entlang der neuen Hoffassade wird eine Laube
bäude innerhalb der bestehenden Fassadenmauern auskernt. Mit
erstellt, von der aus man im ersten Obergeschoss über eine kleine
zum Teil wiederverwendeten Deckenbalken werden die neuen, heute
Treppe zur bestehenden und leicht tieferliegenden Hoflaube des Vor-
noch vorhandenen Geschosse eingebaut. Der alte Erdgeschossboden
derhauses in den sandsteinernen Treppenturm gelangt. Im 2. Ober-
wird um 1.80 Meter abgetieft, und so entsteht das heutige, gegen
geschoss entsteht ein grosser hoher Saal mit einer profilierten Holz-
Süden belichtete Kellerwohngeschoss. Das Erdgeschossniveau liegt
balkendecke. Die Wände sind mit einer Grisaille-Architekturmalerei
nun erstmals auf der gleichen Höhe wie jenes des Vorderhauses und
gefasst.
des Innenhofes. Erhalten bleibt die Hoflaube mit dem Zugang zum
hofseitigen Treppenturm des Vorderhauses. Im Erdgeschoss und im
ersten Obergeschoss entstehen je zwei grosse Aarezimmer mit einem kleineren Hofkabinett, dazu werden die Wände und Decken mit
einem Füllungstäfer mit Wulstprofil ausgekleidet, im Erdgeschoss
zusätzlich mit Brettpilastern und Rundbogenfüllungen. Die Südfas-
Ausschnitt aus der Stadtansicht von Johann Grimm (1742): Münsterplattform und Aarefront der oberen Junkerngasse, 2. v. l. Junkerngasse 63, jetzt viergeschossig mit drei Fensterachsen.
sade erhält die heute noch vorhandene dreiachsige Einzelbefensterung, zum Teil mit wiederverwendeten, hohlgekehlten Gewänden des
Vorgängerbaus. In ähnlicher Lage wie das alte Dach wird ein neues,
wiederum leicht asymmetrisches Satteldach mit Lukarnen erstellt.
Bodenniveau um 1683
Aarezimmer im Hinterhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2008): Profilierte Balkendecke des
Aarezimmer im Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2008): Täfer mit Wulstprofil, um
Baukubatur um 1683: komplett neu aufgebautes Hinterhaus. Neue Hofgalerien auf der
vormaligen Festsaals, um 1683. Um 1710 / 20 um ein Geschoss nach unten versetzt.
1710 / 20. Dahinter erhaltene Grisaille-Malerei, um 1683; Verschiedene Befunde belegen,
West- und Südseite des Hofes.
Baukubatur um 1700: Erhöhte Gassenfassade und neugestaltetes Hinterhaus.
dass die Geschosshöhen mehrmals änderten und diese Malerei damals den Sockel eines
hohen Festsaals dekorierte.
20
21
BAUGESCHICHTE
Bauphasen
Phase IX (um 1780 / 90)
Phase X (Anfang 19. Jahrhundert bis 2006)
Im Eigentum der Familie von Muralt.
Bis 1913 im Eigentum der Familie von Muralt.
Ab 1913 bis 2006 im Eigentum des Staates Bern.
Vorderhaus
Vorderhaus
Mit der Erhöhung und dem Ausbau der oberen, liegenden Rechteck-
Der hofseitige Treppenturm erhält Anfang des 19. Jahrhundert ein
luken zu Vollfenstern erhält die Gassenfassade ihr heutiges Aussehen.
höherliegendes Pultdach, das als Aufschiebling in das Hauptdach
Das dritte Geschoss wird nun durchgängig zum vollen Wohngeschoss
hineinläuft. Um 1883 südlich des Treppenturms im Hof Einbau ei-
ausgebaut. In beiden Gassenstuben des zweiten Obergeschosses
nes dreigeschossigen Abortturmes; dabei werden die ursprünglichen
leichte Erhöhung der Decken.
Treppenhausfenster zugemauert. Die im 18. Jahrhundert erstellten,
nördlichen Fensteröffnungen bleiben bestehen.
Hinterhaus
Ob die Änderung der Ausstattung gleichzeitig mit jener des Vorder-
Hinterhaus
hauses stattfand, ist nicht klar, höchstwahrscheinlich erfolgte sie
Anfang des 19. Jahrhunderts wird das Kellergeschoss leicht abgetieft
jedoch kurz danach. Das wahrscheinlich in der Phase VIII nicht ab-
und erhält eine neue historisierende Balkendecke. Im hinteren Teil
schliessend ausgebaute zweite Obergeschoss wird nun fertig erstellt.
wird eine Küche mit einer offenen Feuerstelle eingebaut, dazu – in
Dazu wird die bestehende westliche Hoflaube des Vorderhauses auf-
das Hofterrain hinein – ein kleiner, von der neuen Küche aus erschlos-
gestockt, so dass nun auch zu diesem Geschoss ein direkter Zugang
sener Gewölbekeller.
vom Treppenturm aus besteht. In den beiden unteren Saalgeschossen
trennt man jeweils einen kleinen, geschlossenen Eingangsbereich von
den zwei Hinterzimmern ab.
Seit dem 19. Jahrhundert bleiben Raumstruktur und Ausstattung
weitgehend unverändert. Den neuen Bedürfnissen entsprechend erfolgen einige Einbauten, die aber die Substanz nur wenig tangieren. Der
grösste Eingriff besteht darin, dass man die historischen Kachelöfen
entfernt und eine Zentralheizung einbaut.
Vorplatz Hinterhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2006): Zustand nach dem Auszug der kan-
Abortturm um 1880 (Aufnahme 2007): im Zug des Umbaus 2008 durch Liftturm ersetzt.
tonalen Steuerverwaltung. Sandsteinboden und Cheminéeeinfassung aus dem frühen 18.
Jahrhundert, Tapete aus dem mittleren 19. Jahrhundert.
Aarezimmer Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2006): Täferausstattung des frühen
Grosses Gassenzimmer im Vorderhaus, 3. Obergeschoss (Aufnahme 2006): Türen, Schrän-
Baukubatur um 1780 / 90: geringfügig veränderte Geschosstruktur im Vorderhaus. Aufge-
Baukubatur Anfang 19. Jh.: Erweiterter Keller im Hinterhaus. Neu eingedachter Treppen-
18. Jahrhunderts, Türe und Ofennische um 1800, Kachelofen um 1930.
ke, Sockeltäfer und Kachelofen um 1780 / 90.
stockte westliche Hofgalerie zum Hinterhaus
turm.
22
23
BAUGESCHICHTE
Befundplan (Beispiel Längsschnitt)
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25
RENOVATION UND UMBAU
André Born, Architekt, Bern
Grundsätze
Gassenfront
Aareseite
Innenhof
Treppenhaus
Erdgeschoss Hinterhaus
1. Obergeschoss Vorderhaus
1. Obergeschoss Hinterhaus
2. Obergeschoss Hinterhaus
3. Obergeschoss Vorderhaus
Fenster
Böden und Decken
27
RENOVATION UND UMBAU
Grundsätze
Die zuletzt als Verwaltungsgebäude genutzte Liegenschaft hat wieder
Wohnzwecken zu dienen.
Die historisch bedeutende Bausubstanz mit den wertvollen Innenausstattungen ist unbedingt original zu erhalten.
Schäden, Fehler und Unstimmigkeiten aus früheren Umbauten sind
nach Möglichkeit zu beheben.
Der Innenhof ist von nachträglichen Bebauungen zu befreien.
Notwendige technische Installationen sind so anzulegen, dass dabei
möglichst wenig historische Substanz beschädigt wird.
Die Geschossdecken sind unter Beibehaltung der historischen Tragstruktur neu aufzubauen und an die heutigen Brand- und Schallschutzanforderungen anzupassen. Die originalen Bodenbeläge und
Deckenverkleidungen sind zu restaurieren und wieder einzubauen.
Neue Bebauungen im Innenhof und Einbauten wie Küchen, Bäder,
Brandschutztüren und Verbindungstreppen sollen als Elemente aus
unserer Zeit erkennbar sein, sich jedoch harmonisch in den historischen Bestand einfügen.
Die beiden oberen Gartenterrassen sind wieder dem Haus zuzuschlagen und in Anlehnung an historische Gartenkonzepte neu zugestalten.
Die unteren Terrassen sollen wieder als Nutzgärten betrieben werden.
Westseite Innenhof (Aufnahme 2007): Zustand vor dem Umbau.
Westseite Innenhof (Aufnahme 2009): Zustand nach dem Umbau.
29
RENOVATION UND UMBAU
Gassenfront
Die mittelalterliche Sandsteinquader-Fassade mit der barocken Fensteranordnung ist in der Grundanlage erhalten geblieben. Die beiden
verschieden breiten Laubenbögen und die Anordnung der Fensterachsen lassen die ursprüngliche Zweiteilung des Grundstücks bis heute
erkennen. An der Fügung der Sandsteinquader sind frühere Fensterformen sowie Fassaden- und Geschosshöhen ablesbar.
Um die ursprüngliche Wirkung der Gassenfront wiederherzustellen,
galt bei der Sanierung ein besonderes Augenmerk der Herstellung
passender Fensterdetails. Die Fenster des 18. Jahrhunderts wurden
nach dem Vorbild von hofseitig noch vorhandenen Originalfenstern
sowie von Referenzobjekten aus dem Depot der kantonalen Denkmalpflege nachgebaut, durch Einfügen von Isolierverglasungen und Dichtungen jedoch an heutige Technikstandards angepasst.
Um die Dachräume besser zu belichten, erfolgte eine neue Anordnung
der Dachlukarnen. Die beiden alten, frei in der Dachfläche sitzenden
Lukarnen sind durch drei neue ersetzt, deren Gruppierung sich auf die
Gliederung der Gassenfront bezieht.
Die restaurierten Fenstergitter und die in die Fensterleibungen eingebauten Stoffmarkisen ergänzen das Fassadenbild. Die Haustüre,
die Ladenfront und die Fensterläden im Erdgeschoss sind restauriert
und mit einer neuen Farbgebung versehen. Beschädigte Partien an
Gesimsen und Fensterbänken sind mit Kalktrass-Mörtel reprofiliert,
die Sandsteinoberfläche mit einer reinen Mineralfarblasur versehen.
Fassadenschema mit Bauetappen, Urs Bertschinger (2007).
Sandsteinquader-Mauerwerk Ende 15. / Anfang 16. Jahrhundert
Fenster und Gesimse um 1554
Um 1700 / 10 eingefügte Sandsteinquader
Um 1780 / 90 eingefügte Sandsteinquader
Linke Seite Südseitige Gassenfront der oberen Junkerngasse (Aufnahme 2009): links Junkerngasse 63, rechts Eckhaus Münstergasse 1.
31
RENOVATION UND UMBAU
Aareseite
Blick von der Münsterplattform (Aufnahme 2009): Aarefront der westlichen Junkerngass-Häuser.
Südfassade und Gartenterrassen
Die prominent zur Aare hin orientierte Südfassade aus dem späten 17.
einer Stützmauer verläuft. Die neu erschlossenen und gestal-
Jahrhundert wurde mit Rücksicht auf die bauzeitliche Profilierung,
teten Terrassen erweitern den Privatraum in den Aussenbe-
Materialisierung und Farbgebung erneuert. Die originalen Fenster-
reich; die historische Gartenanlage lebt wieder auf.
läden und Brüstungsgitter liessen sich restaurieren und detailgetreu
ergänzen. Die stilistisch passenden Fenster verstärken die Gesamtwirkung der Fassade; sie wurden nach dem Vorbild der hofseitig
erhaltenen Originale nachgebaut und durch den Einsatz von Isoliergläsern an heutige Energienormen angepasst. Durch die wiederhergestellte barocke Fenstersprossung fügt sich die Fassade
harmonisch in das Gesamtbild der südlichen Stadtfront ein.
Der fehlende Direktzugang vom Haus zur terrassierten Gartenanlage
ist durch eine Verbindungstreppe wiederhergestellt, die hinter
Linke Seite Südfassade mit Gartenterrassen (Aufnahme 2009): Blick von der Münsterplattform. Deutlich erkennbar sind die Wassersammelbecken des wiederhergestellten
Entwässerungssystems.
33
RENOVATION UND UMBAU
Aareseite
Aufnahme 2010; Perspektive von der Münsterplattform; zweitoberste Gartenterrasse mit neuem Rasenparkett, Kräuterbeeten sowie Rosen- und Obstspalieren
Blick von der Münsterplattform auf die neugestaltete zweite Gartenterrasse (Aufnahme 2009): geometrisch eingeteilte Pflanzflächen mit traditionellen Gewächsen und steinernen Brunnenbe-
Zweite Gartenterrasse (Aufnahme 2009): Ein Band aus Flachstahl begrenzt das Rasenparkett gegen die Kiesfläche, Kräuter- und Blumenbeete mit Rankgerüsten begleiten den Wegverlauf.
cken nehmen Bezug auf barocke Gartenanlagen.
Gartengestaltung
Die neu erschlossenen Terrassen wurden in Anlehnung an traditio-
sen sich instandstellen und können heute wieder zur Bewässerung
nelle Gartenkonzepte neugestaltet. So nehmen einzelne Elemente
der Gärten benutzt werden. Das neue Wassersammelbecken auf
wie das von Kies umgebene Rasenparkett, der Kastanienbaum, die
der zweiten Terrasse ist als Teil des Gestaltungskonzeptes in die
Rosen- und Blumenbeete sowie die Eibenhecke Bezug zu barocken
Struktur der Beete eingefügt und an die Frischwasserzufuhr an-
Gartenanlagen. Die Spaliere an der östlichen Begrenzungsmauer, die
geschlossen. Im Depot der kantonalen Denkmalpflege in Hofwil
auf einer historischen Darstellung von 1808 deutlich erkennbar sind
fand sich ein passendes eisernes Brüstungsgitter, das nun auf der
(Abb. ganz links unten), stellte man wieder her. Sie dienen den Rosen
Terrassenkante als Abschluss des oberen Gartenabschnitts dient.
und Aprikosen als Kletterhilfe. Die hohe winkelförmige Eibenhecke
und der geschnittene Kastanienbaum begrenzen die obere Gartenterrasse gegen Westen und schützen gegen Einblicke von der benachbarten Münsterplattform. Die alten Entwässerungsanlagen, die das
Regenwasser vom Dach bis auf die untersten Terrassen leiten, liesLavierte Federzeichnung von Georg Rieter d. J. (1808): Blick von der Münsterplattform gegen Osten auf die Ter-
Zweite Gartenterrasse (Aufnahme 2009): neues Regenwassersammel-
rassenbauten des 18. Jahrhunderts. Im Vordergrund die westliche Terrassenstützmauer von Junkerngasse 61, auf
becken aus Granit als Ergänzung des alten Entwässerungssystems.
Seite Junkerngasse 63 mit Spalieren und Klettergewächsen.
34
35
RENOVATION UND UMBAU
Innenhof
Vielerlei störende Umbauten verstellten vor dem Umbau den Hof. Klar
erkennbar waren nur der runde Wendelstein mit Spindeltreppe, die
Südfassade des Vorderhauses und die vor das Hinterhaus gestellte
hölzerne Laubenkonstruktion. Der um 1880 angebaute Abortturm beeinträchtigte den Treppenturm auf störende Weise. An der Ostbrandmauer bestand ein in mehreren Etappen veränderter, immer wieder
umgebauter Galerietrakt, der teilweise aus dem 17. Jahrhundert
stammte, seine letzte Form wohl aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhalten hatte; er befand sich in einem schlechten Zustand. Mit
seinen mehrfach verspringenden Geschossniveaus und der kleinteiligen Raumstruktur war dieser Verbindungsbau kaum befriedigend mit
dem vorgesehenen Nutzungskonzept vereinbar. Nach langem Abwägen entschied man sich, die noch erhaltene Baustruktur abzubrechen
und an gleicher Stelle einen kleineren Ersatzbau zu errichten. Wie
der Vorgängerbau verbindet die neue Galerie Vorder- und Hinterhaus
im 1. Obergeschoss. Das Fassadenmotiv mit den übereckgestellten
Vierkantstäben leitet sich aus der Architektur traditioneller Ökonomiebauten des 18. Jahrhunderts ab, findet hier aber eine zeitgemässe
Interpretation. Der Innenraum dient als Verbindungsgang und Küche,
seine Hohlbodenkonstruktion als Führungskanal für haustechnische
Zuleitungen ins Hinterhaus.
Der Abortturm wurde abgebrochen und durch einen Liftturm ersetzt,
Blick aus der neuen Verbindungsgalerie in den Innenhof (Aufnahme 2009).
der vom Wendelstein abgesetzt ist. Durch eine Anpassung der Aufzugskonstruktion gelang es, die hofseitige Front des neuen Turms so
abzuwinkeln, dass ihre Flucht auf die Spindel des alten Treppenturms
zuläuft. Dadurch tritt der neue Turm hinter die Leibungen der ursprünglichen Treppenhausfenster zurück – und diese konnten wieder
geöffnet werden; im Gegenzug schloss man die um 1700 weiter nördlich ausgebrochenen Fenster. Der neue Liftturm nähert sich durch
die Metallschindelverkleidung dem Bild traditioneller Hofeinbauten
an, wegen seiner Geometrie bleibt er aber klar als moderner Eingriff
erkennbar.
Weitere störende Hofeinbauten und Verkleidungen wurden entfernt
und die Fassaden einschliesslich der Farbgebung in ihren Originalzustand zurückgebracht.
Linke Seite Ostseite des Innenhofs (Aufnahme 2009): neue Verbindungsgalerie an der Ost-
Osteseite des Innenhofs (Aufnahme 2007): alte Verbindungsgalerie, um 1650 erstellt, im
brandmauer; neuer Kalksteinbrunnen.
18. und 19. Jahrhundert mehrfach umgebaut, 2008 ersetzt.
37
Blick aus der südlichen Hoflaube in den Innenhof (Aufnahme 2009): Hoffront des Vorderhauses um 1544, Treppenturm um 1554. Neuer Lift im Westen und neue Verbindungsgalerie im Osten.
Stützenfuss der neuen Verbindungsgalerie (Aufnahme 2010).
Rechte Seite Westseite Innenhof (Aufnahme 2009): Wendelstein und Verbindungsgalerie um
1554. Neuer Liftturm anstelle des Abortturms.
Seite 40 / 41 Hoflaube unter der westlichen Verbindungsalerie (Aufnahme 2009): Balkendecke und Treppenhaustüre restauriert, Sandsteinboden und Pflästerung erneuert. Säule aus
38
Sandstein rekonstruiert.
RENOVATION UND UMBAU
Treppenhaus
Der hofseitige Wendelstein mit Spindeltreppe und den paarweise
zusammengefassten Geschosseingängen ist typisch für die Berner
Stadtarchitektur des 15. und 16. Jahrhunderts. Die Grundstruktur des
Treppenhauses ist vollständig erhalten, während von den ursprünglichen Kalkputzen, den Wandmalereien und den Stufenprofilen nur
Fragmente sichergestellt werden konnten. Beim Entfernen der alten
Putzschichten kamen die Leibungen der ursprünglichen Fenster zum
Vorschein, die im 19. Jahrhundert beim Bau des Abortturms zugemauert worden waren. Die Sandsteinleibungen liessen sich freilegen
und restaurieren. Die sich nach Aussen öffnenden Fensterflügel wurden anhand von Referenzobjekten nachgebaut, die Treppenstufen und
die Sockelpartie vom Zementüberzug der 1940er-Jahre befreit, die
Sandsteintritte mit Kalktrass in der ehemaligen Profilierung ergänzt
und die Wände von späteren Putzschichten befreit. Die darunter befindlichen Fragmente der Wandmalerei konnten restauriert und gemäss Befund ergänzt werden.
Gleichzeitig galt es, in diesem Bereich die Bestimmungen des Brandschutzes zu erfüllen, ohne aber die historischen Haus- und Wohnungseingänge zu verunstalten. Statt die historischen Eingangstüren
durch neue Aufdoppelungen zu beeinträchtigen, beliess man diese
in ihrem Originalzustand und restaurierte sie; die geforderten Brandund Sicherheitsabschlüsse sind als eigenständige Elemente in die
Sandsteinleibungen eingesetzt und vollflächig in Glas ausgeführt.
Treppenhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): aufmodellierte Stufen, restaurierte Sandsteinoberflächen, Geschosseingangstüren und Malereien, neue Brandschutztüre.
Linke Seite Treppenhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2009): aufmodellierte Stufen, restaurierte
Treppenhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): nachgebautes Podestgatter aus Holz, auf-
Sandsteinoberflächen und Malereien, neue Brandschutztüre.
modellierte Stufen, ergänzte Malerei (um 1554).
43
RENOVATION UND UMBAU
Treppenhaus
Treppenhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2009): restaurierte und ergänzte Wandmalerei (um 1554).
Treppenhaus, 2. Obergeschoss (Aufnahme 2008): freigelegte Fragmente der Wandmalerei
Treppenhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2008): freigelegte Fragmente der Wandmalerei mit
um 1554. Bollenfries mit eckverzierenden Pfauenaugen.
Bollenfriesen und Arabeske (um 1554).
Linke Seite Treppenhaus, 2. Obergeschoss (Aufnahme 2009): restaurierte und ergänzte
Wandmalerei (um 1554), restaurierte Türgewände und Türen, aufmodellierte Treppenstufen.
45
RENOVATION UND UMBAU
Erdgeschoss Hinterhaus
Nordseite des Aarezimmers im Hinterhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2009): wiederhergestellte und neu gefasste Pilastertäfer und Kassettendecke, Türen mit restaurierten und ergänzten
Beschlägen, restaurierter Holzriemenboden.
Die repräsentative Ausstattung – Pilastertäfer, Kassettendecke und
Form und Proportion des Ofens mit dem Pilastertäfer in Einklang zu
Holzriemenböden aus der Zeit um 1700 – konnte bis hin zu den be-
bringen. Der Oberbau, der ursprünglich an die Rückwand anschloss,
malten Säulen wiederhergestellt werden. Fehlende oder beschädig-
wurde dabei zum freistehenden Turm umgestaltet; die rückseitigen
te Tafeln, Pilastersäulen oder Türbeschläge liessen sich detailgetreu
Kacheln und Bekrönungen sind ebenso nachgebildet worden wie
ergänzen. Ein zentrales Element dieser rückführenden Massnahmen
einzelne Kacheln für den Ofentritt sowie die Sandsteinplatten und
war der Wiedereinbau eines passenden Kachelofens an historischer
-füsse. Im Osten des Raums entdeckte man in Deckentäfer und Holz-
Stelle. Im Depot der kantonalen Denkmalpflege fand sich ein gros-
boden Ausschnitte eines früheren Wandschranks; dieser wurde unter
ser, ursprünglich im Pfarrhaus Siselen eingebauter Aufsatzofen, der in
Berücksichtigung der bestehenden Täfereinteilung rekonstruiert.
Farbe und Detail mit der historischen Ausstattung übereinstimmte. In
seiner Gestalt wurde er jedoch der Wucht des Raumes nicht gerecht.
Durch das Neuzusammenstellen der vorhandenen Kacheln gelang es,
Linke Seite Ostseite des Aarezimmers im Hinterhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2009):
Seiten 46 und 47 Westseite des Aarezimmers im Hinterhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2009):
wiederhergestelltes und neu gefasstes Pilastertäfer (um 1700, Cheminée um 1820).
rekonstruierter Wandschrank und wiedereingebauter Kachelofen (datiert 1756 / 58).
47
Hofzimmer im Hinterhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2009): neu als Küche genutzt.
Hofzimmer im Hinterhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2007): Rückseite eines
Aarezimmer im Hinterhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2009): Restauriertes und neubemaltes Pilastertäfer,
Säulenkapitells mit nahezu unbeschädigter Originalbemalung. Zur Bauzeit
Detail des Säulenkapitells.
wohl zuerst auf der falschen Seite bemalt.
Rechte Seite Vorplatz im Hinterhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2009): Régence-Cheminéeeinfassung, Sandstein marmoriert (um 1720). Dient als Einfeueröffnung des Kachelofens im Aarezimmer.
50
RENOVATION UND UMBAU
1. Obergeschoss Vorderhaus
Grosses Gassenzimmer im Vorderhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): Täfer und Bernerparkett aus dem frühen 18. Jahrhundert. Wiedereingebauter Kachelofen (um 1710 / 20).
Auf der Gassenseite befindet sich im grossen Zimmer eine integral
und der Ofen – jedoch dem Raum entsprechend in gespiegelter Form
erhaltene Täferausstattung aus dem frühen 18. Jahrhundert. Täfer
– in die bestehende Wandnische eingebaut. Im Alkoven des schma-
und Bernerparkett wurden komplett entfernt, restauriert und detail-
len Gassenzimmers entstand neu eine Nasszelle mit Badewanne,
getreu wiedereingebaut. Die Farbgebung liess sich aufgrund der Be-
Dusche und WC. In den vorderen Bereich des Zimmers wurde ein
funde an den ursprünglichen Zustand annähern. An der bestehenden
freistehendes Waschtischmöbel gestellt. Das Intérieur im treppenh-
Ofenstelle war anhand einer Aussparung im Parkett die Disposition
ausseitigen Vorplatz – mit der Treppenhaustür aus dem 17. und dem
des ursprünglichen Kachelofens erkennbar. Im Depot des historischen
Fenster aus dem 18. Jahrhundert – konnte restauriert und ergänzt
Museums Bern fand sich ein blauglasierter Kachelofen, der stilistisch
werden. Beim Ersatz des ausgetretenen Sandsteinbodens folgte man
und formal in die bestehende Ausstattung passt. Die in Kisten ein-
der ursprünglichen Verlegestruktur.
gelagerten Kacheln ergaben einen halbrunden Ofenschaft, der sich
mit Hilfe einer historischen Fotografie (um 1900 vor dem Rückbau
am ursprünglichen Standort aufgenommen) rekonstruieren liess. Die
fehlenden Kacheln, Sandsteinplatten und -füsse wurden nachgebildet
Linke Seite Grosses Gassenzimmer im Vorderhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009):
wiedereingebauter Kachelofen mit Sitztreppe (um 1710 / 20).
53
RENOVATION UND UMBAU
1. Obergeschoss Vorderhaus
Vorplatz im Vorderhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): originale Treppenhaustüre aus dem frühen 17. Jahrhundert. An der Brandmauer verputzte Sandsteinkonsolen mit Streifbalken (um
1554, im frühen 18. Jahrhundert zurückgehauen und mit Gips verkleidet).
Schmales Gassenzimmer im Vorderhaus, 1. Obergeschoss
Schmales Gassenzimmer im Vorderhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): neu als
(Aufnahme 2009): neu als Badezimmer genutzt.
Badezimmer genutzt.
Linke Seite: Vorplatz im Vorderhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): Treppenhaustüre
und Fenster mit Originalbeschlägen (frühes 17. Jahrhundert).
55
RENOVATION UND UMBAU
1. Obergeschoss Hinterhaus
Aarezimmer im Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): in bestehende Ofennische wiedereingebauter Kachelofen (um 1840).
Das Wulsttäfer in Aarezimmer und Hofkabinett stammt aus dem frü-
sen sich bis hin zu den passenden Beschlägen restaurieren und ergän-
hen 18. Jahrhundert. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erweiterten die
zen. Die beiden im frühen 19. Jahrhundert eingesetzten Eichentüren
damaligen Eigentümer das ursprüngliche Intérieur um ein Cheminée,
wurden entfernt. Anhand eines erhaltenen Originals im Hofkabinett
ein Bernerparkett und einen Kachelofen, der jedoch in den 1930er-
baute man beiden die ursprünglichen Türen einschliesslich der Be-
Jahren entfernt wurde. Täferung, Parkett und Cheminée konnten
schläge nach.
2008 restauriert und wo nötig ergänzt werden. Die ursprüngliche
Disposition des Kachelofens erschloss sich über die Aussparung im
historischen Parkett, die auf einen turmartigen Ofen hindeutete. Im
Denkmalpflegedepot Hofwil fand sich ein passender klassizistischer
Turmofen, der sich restaurieren und in die bestehende Ofennische
einbauen liess. Die fehlenden Sandsteinplatten und Ofenfüsse sind
unter Verwendung zeittypischer Profilierungen rekonstruiert. Die stark
beeinträchtigten Wandschränke an der westlichen Zimmerwand lies-
Linke Seite Vorplatz im Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): Régence-Cheminée-
Seite 58 / 59 Aarezimmer im Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): freigelegtes
einfassung (um 1720), dient als Einfeueröffnung. Restaurierte Sandsteinplatten und
und restauriertes Chemineé (um 1820), nachgebaute Fenster mit Isolierverglasung.
Stuckdecke.
57
RENOVATION UND UMBAU
1. Obergeschoss Hinterhaus
Hofkabinett im Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): Restauriertes Wulsttäfer, gemäss Befund wieder mit Goldfilet gefasst. Restaurierter Holzriemenboden und wiedereingebautes
Aarezimmer im Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): restauriertes Cheminée und Spiegel (um
Cheminée (gesamte Innenausstattung um 1710 / 20).
1820). Blick ins Hofkabinett.
Aarezimmer im Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009):
Hofkabinett im Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): rekonstruierte Türe zum Aarezimmer.
Wandschrank und Beschläge rekonstruiert.
60
61
RENOVATION UND UMBAU
2. Obergeschoss Hinterhaus
Aarezimmer im Hinterhaus, 2. Obergeschoss (Aufnahme 2009): wiedereingebauter Kachelofen (um 1730 / 40).
Das weitgehend erhaltene Knietäfer und das Bernerparkett des Aare-
cher Stelle befindet sich jetzt ein im Nachbarhaus ausgebautes, zum
zimmers stammen aus dem frühen 18. Jahrhundert; Anfang des 19.
Wandtäfer passendes Cheminée, das an den Kamin angeschlossen ist.
Jahrhunderts ergänzte man sie durch ein zeitgenössisches Wandtä-
Die Holzverkleidung derselben Wand war irgendwann entfernt worden;
fer, eine Schrankfront und eine profilierte Stuckdecke. Passend zur
sie liess sich analog zu den erhaltenen Täferfronten nachfertigen. Hof-
vorgefundenen Parkettaussparung an der historischen Ofenstelle fand
seitig ist die zerstörte Raumstruktur wiederhergestellt. Im Bereich der
sich im Inventar des historischen Museums Bern ein reich bemalter
neuen Trennwand verläuft die neue Verbindungstreppe ins Dachge-
Stockofen, der rekonstruiert und in die bestehende Nische eingebaut
schoss, auf der Zimmerseite fand ein moderner Kücheneinbau Platz.
wurde. Der Kachelofen, der ursprünglich vermutlich aus einer Bieler Hafnerwerkstatt stammt, zeichnet sich durch detailreiche Landschafts- und Tierdarstellungen aus und entspricht zeitlich der Profilierung des barocken Knietäfers.
An der östlichen Zimmerwand kamen beim Umbau ein separater
Kaminzug und Überreste eines Cheminées zum Vorschein. An glei-
Linke Seite: Aarezimmer im Hinterhaus, 2. Obergeschoss (Aufnahme 2009): wiedereingebautes Cheminée (um 1820). Rekonstruierte Kaminverkleidung und Täferfront.
63
RENOVATION UND UMBAU
3. Obergeschoss Vorderhaus
Hofzimmer im Vorderhaus, 3. Obergeschoss (Aufnahme 2009): freigelegte und restaurierte Balkendecke (um 1611). Die Kreuzstockfenster sind nachgebaut, Mauern und Verputze erneuert.
Rekonstruierter Tannenriemenboden mit Eichenfries. Das schmale Hofzimmer dient jetzt als Küche und wird über die neue Öffnung erschlossen.
Auf der Hofseite erstellte man im Rahmen der Fassadenerhöhung
Die Riegwand zum Korridor befreite man von späteren Putzschich-
von 1611 zwei grosszügige Repräsentationsräume. Die aus jener Zeit
ten und stellte auf der freigelegten Riegkonstruktion Fragmente einer
stammende, aber unter späteren Stuckdecken verborgene Balkende-
Farbfassung sicher, die sich unter Verwendung der originalen Farb-
cke konnte ebenso freigelegt und restauriert werden wie – gemäss
töne erneuern liess.
Befunden – fehlende oder beschädigte Balken und Profilleisten. Die
ursprüngliche Farbgebung der Decke ist wiederhergestellt. Die Fensterleibungen sind von störenden Einbauten befreit und mit nachgebauten Kreuzstockfenstern versehen. Der unter diversen neueren
Belägen vorgefundene Holzriemenboden aus der Bauzeit war durch
Wurmbefall und Feuchtigkeit stark in Mitleidenschaft gezogen; unter
Verwendung von altem Holz ist er originalgetreu ersetzt.
Linke Seite Korridor im Vorderhaus, 3. Obergeschoss (Aufnahme 2009): restaurierte Riegwand mit wiederhergestellter Farbfassung (um 1611).
65
RENOVATION UND UMBAU
Fenster
Gassenfront 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): nachgebautes Kreuzstockfenster mit
Südfassade 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): nachgebautes Fenster mit barocker
barocker Profilierung. Restauriertes Brüstungsgitter.
Versprossung. Kämpfer und Schlagleiste profiliert. Fensterläden und Brüstungsgitter
Aarezimmer im Hinterhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2009): nachgebaute Fenster mit originalen Espagnolettenverschlüssen.
restauriert.
Bei der Gebäuderenovation im Jahr 1985 entfernte man an den Aussenfassaden die originalen, einfach verglasten Fenster und Vorfenster
aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Anhand von erhaltenen Originalen
an der Junkerngasse 63 und historischen Vorbildern aus dem Depot der
kantonalen Denkmalpflege liessen sie sich nachbauen. Jedes Fenster
ist massgefertigt; Detailierung, Profilierung und Sprossenteilung sind
auf die historische Ausstattung der jeweiligen Räume abgestimmt.
Erhaltene Fensterbeschläge wurden restauriert und wiedereingesetzt,
fehlende Beschläge durch passende Originale aus dem Depot der kantonalen Denkmalpflege ersetzt. Indem konsequent historische Fensterdetails Verwendung fanden, ist auch der Gesamtausdruck der Fassaden
wiederhergestellt. Die wenigen noch erhaltenen Originalfenster sind
restauriert und wo nötig ergänzt. Die neuen Fenster entsprechen weitgehend den heutigen Energieanforderungen.
Fensterdetail (2008): Schnitt Fensterbank.
66
Fensterdetail (2008): Schnitt Kämpfer.
67
RENOVATION UND UMBAU
Böden und Decken
Mit wenigen Ausnahmen haben sich in sämtlichen Zimmern des Hau-
chig verklebten Tischlerplatten aufgedoppelt und ausgesteift. Den von
ses Parkette aus dem 18. oder 19. Jahrhundert erhalten, die aber
den heutigen Brandschutzvorschriften geforderten Brandwiderstand
meist durch Abnützung, Feuchtigkeit oder Wurmbefall beeinträchtigt
des Tragwerks erreichte man durch lokale Verstärkungen und integrier-
waren. Sie wurden ausgebaut und restauriert. Im Vorderhaus wiesen
te Brandisolationen, die nötige Schalldämmung durch einen neuen,
die Deckenkonstruktionen aus Bohlenbrettern, im Hinterhaus die
mehrschichtigen Aufbau aus Schüttungen und Dämmplatten. Nach
Balkendecken erhebliche Sicherheitsmängel auf, die auf frühere,
der Sanierung des Deckenaufbaus erfolgte, entsprechend der histo-
unsachgemässe Eingriffe zurückzuführen sind. Wo das möglich war,
rischen Verlegestruktur, der Wiedereinbau der restaurierten Parkette.
wurden diese Konstruktionen mit traditionellen Handwerksmethoden
saniert. An einigen Stellen waren die Decken durch den Einbau neuer
Kaminanlagen aber empfindlich geschwächt. Um die Tragsicherheit
langfristig zu gewährleisten, mussten die zurückgeschnittenen Tragelemente auf die ursprüngliche Länge ergänzt werden. Dies geschah
durch Anwendung einer speziellen Verbundtechnik: Die in das Holz
eingelassenen und in Kunstharz eingegossenen Armierungseisen verbinden die neuen Tragwerkteile kraftschlüssig mit der bestehenden
Konstruktion. Dank dieser Verbundtechnik ist die statische Sicherheit
ohne sichtbare oder zusätzliche Konstruktionsteile wiederhergestellt.
Die gleiche Technik fand auch bei den Bohlendecken im Vorderhaus
Anwendung, die durch frühere bauliche Massnahmen beeinträchtigt
und durch die jahrhundertelange Belastung stark verformt waren: Die
Bohlendecken wurden mit einer zusätzlichen Tragschicht aus vollfläAarezimmer im Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): restauriertes und wieder-
Aarezimmer im Hinterhaus, Erdgeschoss (Aufnahme 2009): restaurierter und wiedereinge-
eingebautes Bernerparkett, um 1820.
bauter Parkettboden mit Tannenriemen und Eichenkreuz, um 1700.
1
2
3
4
5
6
1:
Bestehendes Parkett, restauriert
2:
Spanplatte, zur Befestigung des Parketts
30 mm
3:
Mineralfaserplatte
30 mm
4:
Ausgleichsschüttung
5:
Dämmschüttung, stabilisiert durch Kartonwaben
6:
Trennfolie luftdicht
7:
Tischlerplatten auf Bohlen geklebt, zur Aussteifung
8:
Renoantik®-Klebemasse aus Epoxyd-Harz
11
9:
Bestehende Bretterbohlen, lokal verstärkt
ca.
80 mm
12
10:
Stahlarmierung BSt 500
ø
26 mm
11:
Bestehende Unterkonstruktion
12:
Bestehende Schilfgipsdecke, restauriert
ca.
30 mm
7
8
9
10
Schmales Hofzimmer im Vorderhaus, 2. Obergeschoss (Aufnahme 2008): Deckenkonstruk-
Hofzimmer im Vorderhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2008): Blick von unten auf die
tion von 1554 mit Bretterbohlen, die im 18. Jahrhundert zurückgeschnitten wurden. Ergän-
sanierte Deckenkonstruktion von 1554. Kraftschlüssig ergänzte Bohlenbretter, ergänzter
zung der Bohlen mit neuen Holzteilen, vor dem Einlegen der Armierung in die vorbereiteten
Streifbalken auf wiedereingebauten Sandsteinkonsolen.
10
10
10
ca.
25 mm
60 mm
50 mm
Hofzimmer im Vorderhaus, 3. Obergeschoss: neuer Bodenaufbau (2009).
Kerben.
68
69
RESSOURCE BAUKULTUR
Dr. Jean-Daniel Gross, Denkmalpfleger der Stadt Bern
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In jüngerer Zeit sieht sich der Denkmalpfleger immer wieder mit
ändert: Decken wurden versetzt, Gebäudeteile aufgestockt und die
einem Begriff konfrontiert, der ihm in seinem Berufsfeld bisher un-
Ausstattung dem verfeinerten Geschmack der Zeit angepasst. Wie die
bekannt war. Es ist der Begriff der „Lebensdauer“. Damit ist nicht
meisten Häuser der Altstadt kennt das Gebäude eine bewegte Bauge-
etwa das begrenzte Dasein unserer menschlichen Existenz gemeint.
schichte, dennoch folgt es der klassischen Typologie der Berner Alt-
Tatsächlich geht es um Gebäude. Mit grosser Selbstverständlichkeit
stadtbebauung. Eingebunden in die beiden parallelen Häuserzeilen
scheinen immer mehr Menschen, die sich in der einen oder anderen
zwischen Junkerngasse und Aarehang, verfügt die Liegenschaft über
Weise mit Häusern beschäftigen, davon auszugehen, dass auch Ge-
ein Vorder- und ein Hinterhaus. Diese werden durch einen Hof einer-
bäude einer begrenzten Lebensdauer unterlägen und folglich sterben
seits strukturell getrennt, andererseits durch zwei an den Brandwän-
müssten. Was wohl – so fragt man sich besorgt – passiert denn, wenn
den der benachbarten Liegenschaften entlanglaufende Hofgalerien
die Lebensdauer abgelaufen ist? Fallen die Häuser plötzlich in sich
aber funktional wieder verbunden. Ein Wendelstein mit Spindeltrep-
zusammen, kollabieren sie gleichsam? Oder sterben sie eines langsa-
pe übernimmt die Vertikalerschliessung. Im Jahr 1913 gelangte das
men Todes, werden zu Schatten ihrer selbst und verschwinden eines
Haus zusammen mit den stadtaufwärts anschliessenden Bauten in
Tages ganz?
den Besitz des Kantons Bern, der hier Büros für die Zentralverwaltung
einrichtete. Später wurden die Von-Muralt-Häuser Sitz der kantonalen
Anthropozentrische Vergleiche berühren das menschliche Unterbe-
Steuerverwaltung. In diese Zeit fällt die Zusammenlegung der bisher
wusstsein. Sie behindern aber oft auch weiterführende Reflexionen.
getrennten Liegenschaften. Das Baukonglomerat mit seinen unzählige
Das ist schade, denn gerade die Übertragung des Begriffs der Lebens-
Brandmauerdurchbrüche und unterschiedliche Bodenniveaus eignete
dauer von lebendigen Organismen auf Gebäude basiert nicht etwa auf
sich jedoch nur bedingt für eine rationelle Büronutzung. Dies bewog
einer wachsenden Empathie für unsere gebaute Umwelt, sondern auf
die Kantonsregierung, dem Volk 1970 den Umbau der Gebäude zur
einem knallharten Renditedenken und ist Ausdruck der Ökonomisie-
Abstimmung vorzulegen. Eine vollständige Auskernung unter Miss-
rung aller unserer Lebensbereiche. Hinter der zitierten Lebensdau-
achtung der Brandmauern sollte die Häuser in einen gesichts- und
er steckt in der Regel nämlich nicht die Erkenntnis der physischen
geschichtslosen Verwaltungsbau verwandeln. Normbüros und mit dem
Begrenztheit von Bauten, sondern deren vollständige buchhalterische
Lineal gezogene Korridore bedingten freilich auch eine Anpassung der
Abschreibung. Das amortisierte Haus hat seinen Dienst getan, das
Fassaden, so dass von der Originalsubstanz wohl nur noch Spuren
Haus kann gehen. In den Vereinigten Staaten, so hört man, werden
übrig geblieben wären. Doch glücklicherweise erteilte das Stimm-
Geschäftshäuser heute auf fünfundzwanzig Jahre abgeschrieben. Da-
volk dem Projekt eine Absage. Im Jahr 2006 verkaufte der Kanton
nach wird abgerissen, nicht saniert. In einer Zeit der vermeintlich un-
schliesslich die Liegenschaften. So kam auch das Haus Junkerngasse
begrenzten Ressourcen, der billigen Rohstoffe, der günstigen Energie
63 wieder in private Hände.
und des volatilen Kapitals macht dies durchaus Sinn, denn so können Investitionen in Bauten innerhalb kurzer Zeiträume rentabilisiert
Für das Gebäude begann damit eine neue Zeitrechnung – in Analo-
werden. Ein kurzer Blick über den Tellerrand macht jedoch schnell
gie zu den eingangs gemachten Überlegungen dürfen wir wohl sagen:
deutlich: Eine Marktlogik, die Häuser zu Verbrauchsgütern degradiert,
ein neues Leben! Die lange Nutzung durch die kantonale Verwaltung
ist kurzsichtig. Dass es auch ganz anders geht, zeigt das hier vorge-
hatte dem Haus einiges abverlangt. Muffig und abgewirtschaftet wirk-
stellte Haus.
ten die Räume, in deren Unterhalt nach der verlorenen Abstimmung
nur noch das Notwendigste investiert worden war. Im Laufe der Zeit
Die älteste Bausubstanz an der Junkerngasse 63 dürfte auf das Mit-
verschwanden alle Kachelöfen, die nicht nur aufwändig zu befeuern
telalter zurückgehen, genau datieren lässt sie sich aufgrund dend-
waren, sondern auch viel Raum beanspruchten. Täfer verschwanden
rochronologischer Untersuchungen freilich nur bis Anfang des 16.
hinter billigem Pavatex, Schränke wurden ausgebaut, die ausgetrete-
Jahrhunderts. Tief greifende Umgestaltungen im 17. und vor allem
ne Sandsteintreppe mit einem Zementüberzug versehen und Schich-
im 18. Jahrhundert führten nicht nur zu einer weitgehenden Neu-
ten von Farbe über alle Oberflächen gezogen. Doch wie so oft ist der
konzeption der Fassaden, auch das Innere wurde grundlegend ver-
über viele Jahrzehnte kaum ausreichend getätigte Unterhalt einer Lie-
Linke Seite Westseite des Aarezimmers im Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009):
instandgestelltes Cheminée (um 1820). Das Täfer (um 1710 / 20) und das Bernerparkett
(um 1820) sind restauriert und wiedereingebaut.
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genschaft für den Erhalt wertvoller Bausubstanz und Ausstattungen jedoch ein Glücksfall. Was schäbig wirkte, barg den Keim einer
ungeahnten Wiedererstehung.
Dass die neue Eigentümerschaft das Gebäude wieder einer Wohnnutzung zuführte und damit für jene Zwecke bereitstellte, für die es
einst gebaut wurde, gebietet auch die städtische Bauordnung. Dass
sie dies mit so viel Engagement und Geduld an die Hand nahm, dass
sie keine Mittel scheute und – last but not least – sich von qualifizierten Fachleuten beraten liess, ist ihr hoch anzurechnen. Sie erkannte
die – teils verborgenen – Qualitäten ihrer Liegenschaft und teilte stets
die Begeisterung ihres Architekten und der Denkmalpflege. Rund zwei
Jahre lang öffnete sich an der Junkerngasse eine Baustelle, deren
Betreuung für den Denkmalpfleger eine konstante Freude darstellte.
Stets war nach der besten Lösung für das Haus und seine wertvolle
Substanz zu suchen, stets konnte auf die bestgeeigneten Handwerker
und Unternehmungen zurückgegriffen werden, und alle Diskussionen
bewegten sich auf hohem fachlichem Niveau. Selten wurde der Denkmalpfleger so konsequent verschont von prosaischen Ansprüchen, die
Baunormen oder fixe Ideen von Planenden oder Bauherrschaften an
ein Gebäude zuweilen stellen können.
Umbau und Wiederherstellung des Hauses Junkerngasse 63 sind aus
Aarezimmer im Hinterhaus, 1. Obergeschoss (Aufnahme 2009): neugefertigte Fenster mit
Ostseite Innenhof (Aufnahme 2009): neue Verbindungsgalerie, daran anschliessend die südliche Hofgalerie (um 1700) mit der neu verglasten Erdgeschosslaube.
Originalbeschlägen. Täfer und Parkett restauriert und wiedereingebaut.
denkmalpflegerischer Perspektive denn auch beispielhaft. Dem Architekten und seinem Team gebühren Achtung nicht nur vor dem auf
Erfahrung basierenden Sachverstand, sondern auch vor der Beharrlichkeit der Recherche und der Unnachgiebigkeit in der Suche nach
der optimalen Lösung selbst für Detailfragen. Dabei steht der zeitgenössische Entwurf keineswegs hinter der Kenntnis historischen Bauens zurück. Neue Elemente und Bauteile von hoher gestalterischer
und konzeptueller Qualität fügen sich mit Fingerspitzengefühl in den
kunft. Wir wissen nicht genau, wer alles am Haus Junkerngasse 63
bäuden schont sämtliche Ressourcen und vermeidet die Entstehung
einer möglichst nachhaltigen Entwicklung der wertvollen Bausubstanz
wertvollen Bestand. Der Umbau der Junkerngasse 63 setzt Massstä-
gebaut und umgebaut hat. Was wir aber mit Sicherheit sagen kön-
von grauer Energie, die gerade in unseren Bauwerken in besonders
zu steuern ist die Aufgabe der Denkmalpflege. Bei den Arbeiten am
be, an denen Sanierungen wertvoller Altstadthäuser zu messen sind.
nen, ist, dass frühere Generation nach bestem Wissen und Gewissen
hohem Masse gebunden ist. Doch nicht nur Energie und Rohstoffe,
Haus Junkerngasse 63 fand sie in der Bauherrschaft wie im Architek-
einen möglichst nachhaltigen Beitrag zum Weiterbestand des Gebäu-
sondern auch unsere gebaute Geschichte ist eine Ressource, eine kul-
ten die idealen Partner.
Wenn uns der abgeschlossene Umbau und die gelungene Sanierung
des leisten wollten. Ganz in dieser Tradition, die ein historisches Haus
turelle Ressource. Ein historisches Gebäude bindet nicht nur Materie,
der Junkerngasse 63 eines unmissverständlich vor Augen führen,
weniger als Besitz versteht, über den nach Belieben verfügt werden
es bindet vor allem Wissen, Information und Know-how. Auf Fragen
dann ist es die Erkenntnis, dass Häuser eben keiner Beschränkung
kann, sondern vielmehr als Leihgabe anerkennt, die es zu pflegen
der handwerklichen oder kunsthandwerklichen Fertigung weiss das
ihrer Lebensdauer unterliegen und nicht einfach sterben. Gute Häuser
und zu bewahren gilt, steht unsere Bauherrschaft mit ihrem Beitrag
historische Haus zu antworten, es belehrt uns aber auch über die
lassen sich sanieren und sorgfältig den sich vielleicht wandelnden
zum Weiterbestand dieses wertvollen Berner Altstadthauses. Wie zu-
architektonischen oder künstlerischen Gegebenheiten einer Zeit und
Ansprüchen wechselnder Nutzerschaften anpassen. Wertvolle Bauten
kunftsgerichtet diese Haltung ist, müsste in unserer für Umweltfragen
kann uns – so wir denn die richtigen Fragen stellen – den kulturellen
sind keine reinen Investitionsobjekte, und wenn sie es einst waren,
sensibilisierten Gesellschaft eigentlich unbestritten sein und allen
Kontext einer Epoche vor Augen führen. Die Bewahrung dieser Res-
dann im Sinne einer Investition in eine möglichst unbegrenzte Zu-
Zeitgenossen sofort einleuchten. Ein nachhaltiger Umgang mit Ge-
source kann Anpassungen erfordern. Diese zu begleiten und im Sinne
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PLÄNE
Grundriss Situation 1:250
Schnitt Blickrichtung Osten 1:250
Grundriss Untergeschoss
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Grundriss 3. Obergeschoss
Grundriss 4. Obergeschoss
Grundriss 5. Obergeschoss
Dachaufsicht
Schnitt Blickrichtung Westen
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INFORMATIONEN
Bern, Junkerngasse 63 – Renovation und Umbau 2008 / 2009
Bauherrschaft
Dr. Severin Coninx, Christine Gautschi, Bern
Architekt
André Born, Bern, www.andre-born.ch
Mitarbeiter
Simon Vögeli, David Winzeler, Jonas Ziegler, Bern
Bauingenieur
Heinz Studer, Marchand & Partner AG, Bern
Denkmalpfleger der Stadt Bern
Dr. Jean-Daniel Gross, Bern
Bauforscher
Urs Bertschinger, Biel
Bildnachweis
Urs Bertschinger, Biel
Seiten 15 bis 21, 23, 24 / 25, 31, 50 unten links
André Born, Bern
Seiten 30, 33, 34 oben und unten links, 35, 37, 38, 44, 45
unten rechts, 51, 60 unten, 66 links oben, 68 unten links und
unten rechts, 69, 75, 79 bis 91
Dominique Uldry, Bern
Titelseite, Umschlag innen, Seiten 8, 22 oben links und unten
links, 29, 32, 36, 39, 40 / 41, 42, 43, 45 oben und unten links,
46, 47, 48 / 49, 50 oben links und unten rechts, 52 bis 59,
60 oben, 61 bis 65, 66 oben rechts, 67, 68 oben links
und oben rechts, 72, 74
Denkmalpflege der Stadt Bern
Seite 22 oben rechts und unten rechts
Erich Liechti, Amsoldingen
Seite 66 unten
Auszeichnung
Die Gesamtsanierung Junkerngasse 63 wurde 2010 mit dem Dr. Jost
Hartmann-Preis ausgezeichnet.
Impressum
Gestaltung und Layout
André Born, Simon Vögeli, Bern
Texte
André Born, Jean-Daniel Gross, Konrad Tobler,
Simon Vögeli, Bern; Urs Bertschinger, Biel
staurative Grundhaltung hinaus ein herausragendes Beispiel dafür,
Textbearbeitung
Konrad Tobler, Bern
wie sich neuzeitliche Bauteile von hoher gestalterischer Qualität in
Druck
Länggass Druck AG, Bern
wertvollen historischen Bestand einfügen lassen.“ Der Preis wurde an
Auflage
850 Stück
folgende Personen verliehen:
ISBN
978-3-033-02810-4
Aus dem Jurybericht: „Der Umbau ist über die bemerkenswerte re-
Dr. Severin Coninx und Christine Gautschi, Bauherrschaft, Bern
Architekturbüro André Born, Bern
© 2011 André Born, Bern / alle Rechte vorbehalten
Thomas Jost, Hafner, Wynau
Erich Liechti, Schreiner, Amsoldingen
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Die Bernische Denkmalpflege-Stiftung unterstützte diese Publikation mit einem finanziellen Beitrag.
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