Alfred Kerschberger, Markus Binder Transparente Wärmedämmung

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Architekten und Ingenieure
Alfred Kerschberger, Markus Binder
Transparente Wärmedämmung im Vergleich
Wirtschaftlichkeit von Maßnahmen
zur Energieeinsparung und CO2-Emissionsminderung
in der aktuellen Situation
- Kurzfassung -
Januar 2006
FVTWD
RK-Stuttgart
Fachartikel TWD - Kurzfassung
Architekten und Ingenieure
Dr.-Ing. Alfred Kerschberger, Dipl.-Ing. Markus Binder
Transparente Wärmedämmung im Vergleich – Wirtschaftlichkeit von Maßnahmen zur
Energieeinsparung und CO2-Emissionsminderung in der aktuellen Situation
1. Aktuelle Gründe für Energiesparinvestitionen
Obwohl das Thema Energieeinsparung auch schon in der Vergangenheit aktuell war, hat
sich das Klima in jüngster Zeit noch einmal deutlich zugunsten energiesparender Investitionen verbessert. Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen:
Energieeinsparung als öffentliches Interesse (EnEV, dena, KfW)
Durch das politische Engagement des Bundes und der Länder ist die Energieeinsparung in
Gebäuden in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Die Gründung der deutschen Energieagentur DENA im Jahr 2000, die Einführung der Energieeinsparverordnung
2002 und die Massen- und Pilotförderprogramme der KfW ergaben in den letzten Jahren
eine immense Anschubwirkung für das energiesparende Bauen und Sanieren. Diese Entwicklung wird auch von der neuen Bundesregierung weiter gestützt: Im Rahmen des ausgeweiteten CO2-Gebäudesanierungsprogramms sollen in den kommenden vier Jahren 5,6 Milliarden Euro an Fördergeldern ausgeschüttet werden.
Bewusstsein bei Bauherrn und Planern verstärkt
Die staatlich geförderten Energieberatungen und die mit der EU-Richtlinie 2006 eingeführte
Ausstellung von Energiepässen etc. haben dazu geführt, dass sich mittlerweile viele Planungsbüros auf dem Gebiet des energiesparenden Bauens engagieren.
Das Baugeschehen verlagert sich zunehmend vom Neubau in den Bestand, mehr als 50 %
aller Bauleistungen finden heute bereits im Altbau statt, dabei besteht eine Hauptaufgabe in
der energetischen Verbesserung.
Energiepreissituation und weitere Entwicklung
Die Preise für Heizöl und Gas sind in den letzten 10 Jahren um 170 % gestiegen, allein in
den letzten zwei Jahren betrug der Anstieg rund 70 %. Kaum jemand glaubt, dass die Steigerungsraten nun in diesem extremen Maße bestehen bleiben, aber schon mehren sich
Stimmen, die behaupten, daß der Zenit der Ölförderung erreicht oder überschritten ist (2).
Auf inflationsbereinigte Energiepreissteigerungen von 3 bis 6 %, oder auch mehr, werden wir
uns langfristig wohl einstellen müssen. Denn Energie wird nicht erst teuer, wenn sie kurz vor
dem Aus steht, sie wird schon teuer, wenn sie sich verknappt, ja sogar dann schon, wenn
Angst vor der Verknappung aufkommt.
CO2-Emissionen und Klimaschutz
Wie stark die CO2-Emissionen sich auf das Weltklima auswirken, ist immer noch Gegenstand der Fachdiskussionen. Die Gefährlichkeit scheint aber nicht wie bei anderen „Modegefahren“, abzunehmen, wenn Wissenschaft und Medien ihren berufsspezifischen Nutzen daraus gezogen haben. Vielmehr häufen sich gerade in letzter Zeit Alarmmeldungen, nachdem
der zu erwartende Klimawandel und seine Folgen bisher weit unterschätzt worden sind (1).
Im Protokoll von Kyoto hat die Bundesregierung sich verpflichtet, die CO2 Emissionen von
1990 bis zum Jahr 2012 um 21 % zurückzufahren. 13 % sind davon erreicht (Stand Ende
2004 (3)), rund die Hälfte jedoch nicht durch Einsparbemühungen, sondern durch den ZuSeite 1
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sammenbruch der ostdeutschen Industrie nach der Wiedervereinigung. 8 % oder 88 Megatonnen CO2 Äquivalente pro Jahr fehlen noch. Würde der gesamte Gebäudebestand der
Bundesrepublik auf Neubaustandard gebracht, könnten über 90 Megatonnen CO2 eingespart werden.
Relevanz des Heizenergieverbrauchs
Auch die Tatsache, dass rund 40 % des Primärenergieverbrauchs in Deutschland für die
Gebäudeheizung aufgewendet wird, macht deutlich, welch großes Einsparpotential in der
Reduzierung des Heizenergieverbrauchs liegt. Geeignete Maßnahmen dafür sind die Verbesserung der Wärmedämmung; die Anwendung von Wärmerückgewinnungstechniken sowie die Nutzung von Solarenergie und anderen regenerativen Energien. Besonders interessant sind Maßnahmen zur passiven Nutzung von Solarenergie, da sie einerseits die Gebäudehülle von einer Wärmeverlust- in eine Wärmegewinnfläche verwandeln, und andererseits
mit einem Minimum an Wartungs- oder Betriebskosten bei hoher Lebensdauer funktionieren.
2. Transparente Wärmedämmung (TWD)
Ein hocheffizientes passives Solarsystem im obigen Sinne ist die transparente Wärmedämmung. TWD-Systeme zur Wärmeschutzverbesserung und Solarenergienutzung von Gebäuden wurden erstmals Anfang der achtziger Jahre realisiert und sind seitdem in über
100000 m2 Außenwandfläche eingesetzt worden. Als transparente Wärmedämmung (TWD)
wird ein Bauteil bezeichnet, das als Wärmedämmung den Wärmeverlust nach außen verringert und gleichzeitig Sonnenlicht nach innen durchtreten lässt, wo es als Wärme oder Tageslicht genutzt wird. Als eigentliches TWD-Material finden meist absorbersenkrechte Wabenoder Kapillarstrukturen aus PMMA oder Polycarbonat Verwendung, die nach außen mit einer
transparenten Schutzschicht aus Glas oder Kunststoff abgedeckt sind. Im Lauf der Entwicklung haben sich mehrere Funktionstypen herausgebildet:
TWD als solare Wandheizung
Das Sonnenlicht trifft durch die TWD-Fassade auf eine dunkle Massivwand, wo es als Wärme gespeichert und mit Zeitverzögerung an den dahinterliegenden Raum abgegeben wird.
Im Gegensatz zu konventioneller Dämmung reduziert die TWD nicht nur die Wärmeverluste,
sondern wirkt in der Heizperiode als solare Wandheizung. Vorteile dieser Systeme sind ihr
einfacher Aufbau und die phasenverschobene Raumerwärmung (Solargewinne über die
Fenster und die Wand ergänzen sich zeitlich). Um sommerliche Überwärmungen zu vermeiden, wird entweder eine außenliegende Verschattung vorgesehen, oder das System wird so
dimensioniert, dass sommerlichen Gewinne unkritisch sind. Hilfreich sind hierbei die Südorientierung der Fassade, da die sommerliche Sonnenlaufbahn eine Selbstverschattung bewirkt, sowie eine Massivwand mit hohem Wärmespeichervermögen zur Pufferung von Temperaturspitzen.
TWD als solar erwärmte Wärmedämmung
Eine Abwandlung der solaren Wandheizung lässt das Sonnenlicht ebenfalls durch eine Außenverglasung treten, absorbiert es dann aber im Dämmmaterial z.B. aus Mineralfaserdämmung oder Kartonwaben. Durch die Erwärmung des Dämmmaterials wird der Temperaturunterschied zwischen innen und außen aufgehoben. Eine Speicherwand ist nicht nötig, das
System lässt sich auch gut mit Leichtfassaden kombinieren.
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TWD als Tageslichtsystem
Genau wie eine Verglasung wird ein transparent gedämmtes, meist beidseitig verglastes
Paneel als lichtdurchlässiges Hüllelement eingesetzt. Im Unterschied zur Verglasung ist keine klare Durchsicht möglich, dafür streuen TWD-Tageslichtsysteme das Licht gleichmäßiger
in den Innenraum. Sie sind deshalb für Spezialanwendungen geeignet wie z.B. Oberlichtverglasungen oder bei gewünschten speziellen Lichteffekten. Bei Wohngebäuden hat die Anwendung von TWD-Tageslichtsystemen kaum Bedeutung obwohl sie für einige Situationen
wie z.B. Treppenhausverglasungen durchaus eine gute Lösung darstellen kann. Dagegen
sind bei Industriehallenverglasungen schon Projekte mit mehreren tausend Quadratmetern
TWD realisiert worden.
Bild 1: Links TWD als Tageslichtsystem, Mitte TWD als solar erwärmte Wärmedämmung,
rechts TWD als solare Wandheizung
Die Produkte der diversen Hersteller sind unterschiedlich in Erscheinung und Konstruktionsart. Es gibt Modulkonstruktionen, Pfosten-Riegelkonstruktionen, Profilglas mit eingelegten
TWD-Strukturen, TWD-Stegplatten, transparente Wärmedämmverbundsysteme und schließlich absorbierende, farbige Dämmstoffe hinter transparenten Glasscheiben. Die Erscheinungsform reicht von putzartigem Charakter bis hin zur reinen Glasfassade.
OKAPANE Kapillarfüllung
außen
innen
Bild 2: Links Systemaufbau Linit-Profilglas-TWD, rechts Anwendung von Profilglas-TWD bei
der Sanierung einer Industriehalle in Salzgitter (Quelle: FVTWD)
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Bild 3 links: Schematischer Aufbau eines transparenten Wärmedämmverbundsystems,
rechts: Integration von Sto Therm Solar-Platten in ein konventionelles WDVS (Quelle:
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Unterkonstruktion
Innenputz
Massivwand
Pfosten (vertikal)
TWD-Element
Dichtlippe
Abdeckprofil
Bild 4 links: Schematischer Aufbau eines Stegpatten-Modulsystems, rechts Integration eines
Modulsystems in ein konventionelles WDVS (Quelle: FVTWD)
Produktname
System
Hersteller
Produktdicke
(mm)
Kapilux TWD
TWD-Paneel
Okalux
49
Kapillarsystemglas TWD-Paneel
LES
112
LINIT-TWD
Profilglas-TWD
Lamberts
74
TWD-Basic
Stegplatten-TWD
Bayer Sheet 100
Europe
Stotherm
Transp. WDVS
Sto AG
105
Solarfassade
Kartonwabenpaneel Gap solar
105
Tab. 1: Beispielhafte Kenndaten von TWD–Systemen
MaterialDicke
(mm)
30
100
40
100
WärmeWiderstand
R (m²K/W)
1,08
1,08
0,42
1,14
49 %
64 %
59 %
40 %
100
80
0,97
0,83
41 %
13 %
Diffuser
g-Wert
Die Kosten von TWD-Systemen liegen bei 400 bis 650 €/m² für Holzmodulfassaden, 450 bis
750 €/m² für Aluminiumfassaden und 200 – 400 €/m² für Einfachsysteme. Wird eine zusätzliche Verschattung benötigt, steigen sie um weitere 100 bis 250 €/m². Eher zurückhaltende
Teilflächenbelegung und vorhandene feste Verschattungselemente wie Balkone etc. erlauben es in Verbindung mit einer Südausrichtung der Fassade meist, auf eine Verschattung zu
verzichten. Da TWD-Systeme bei der Sanierung in aller Regel in ein umgebendes, opakes
Dämmsystem eingebettet werden, dieses also in den entsprechenden Flächen ersetzen,
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sollten für Wirtschaftlichkeitsvergleiche stets die Investitions-Mehrkosten und die MehrEinsparungen gegenüber der opaken Dämmung herangezogen werden.
Transparente Dämmsysteme machen bei verschattungsfreier Südorientierung eine Gebäudehüllfläche zur Wärmegewinnfläche. Gegenüber üblichen Dämmsystemen sind Energieeinsparungen von 50 - 100 kWh pro m² TWD-Fläche und Jahr erreichbar. Will man eine hohe
Effizienz der TWD-Systeme erreichen, sollte man die TWD-Flächen auf die Südorientierung
mit Maximalabweichungen bis zu 20 Grad beschränken. Ebenso sind sehr große Flächenanteile zu vermeiden, da die nutzbaren flächenspezifischen Wärmegewinne mit steigender
TWD-Fläche zurückgehen. Als weiteres, wichtiges Planungskriterium gilt ein gutes Zusammenspiel von Solargewinnen über Fenster und TWD-Systeme. Sofort wirksame Gewinne
über direkte Einstrahlung und zeitlich versetzte Gewinne über Solarwandsysteme sollten sich
möglichst über den Tagesverlauf ergänzen.
Transparente Dämmungen wirken am besten vor schweren Massivwänden (mindestens
1400 kg/m3), welche die solare Wärme gut speichern und nach innen weiterleiten. An Niedrigenergiegebäuden bringen TWD-Systeme geringere Einsparungen als an konventionell
gedämmten Gebäuden, denn bei höherem Wärmebedarf kann das Solarangebot in den Übergangszeiten besser ausgenutzt werden. Effiziente TWD-Gebäude öffnen sich nach Süden und schließen sich nach Norden. Weiterhin begünstigen folgende Gebäudeeigenschaften die TWD-Anwendung (6):
- Größere Räume oder offene Raumsituationen hinter der TWD-Wand zur besseren Ausnutzbarkeit der Gewinne
- Feststehende, horizontale Verschattungselemente vorhanden (Balkon, Dachüberstand)
- Lage des Gebäudes in kaltem, strahlungsreichen Winterklima (z.B. Bergland)
3. Alternative Maßnahmen zur Energieeinsparung und CO2-Verminderung
Ein Bauherr, der die Anwendung von transparenter Wärmedämmung in Betracht zieht, hat
natürlich auch andere Möglichkeiten, in umweltfreundliche Maßnahmen zu investieren. TWD
tritt somit in Konkurrenz mit anderen Technologien, die einen ähnlichen Umweltnutzen erbringen. Im Vergleich solcher konkurrierenden Maßnahmen zählt letztlich wiederum die monetäre Wirtschaftlichkeit: Es wird in diejenige Umweltmaßnahme investiert, die das beste
Kosten-Nutzen-Verhältnis erbringt. Im Folgenden soll deshalb die Wirtschaftlichkeit einer
transparenten Wärmedämmung mit einigen anderen aktuellen Energiespar- und Umweltmaßnahmen verglichen werden. Betrachtet werden:
Stark verbesserte Wärmedämmung
Hat man früher die wirtschaftlichsten Dämmstärken bei 10 – 12 cm gesehen, so wird heute
von Seiten der Niedrigenergieplaner eine optimale Wärmedämmung im Bereich von 25 – 35
cm favorisiert. Auch erste Sanierungsprojekte mit 30 cm Wärmedämmung werden schon
umgesetzt (5). Die Wirtschaftlichkeit einer Erhöhung der Außenwand-Dämmstärke auf 30 cm
soll deshalb untersucht werden.
Kollektoren zur solaren Heizungsunterstützung
Eine Kollektoranlage ist dann besonders wirtschaftlich, wenn ihre Erträge das ganze Jahr
über genutzt werden können. Deshalb sind Kollektorsysteme zur Warmwasserbereitung
grundsätzlich sinnvoller als Anlagen zur Heizungsunterstützung, welche nur das niedrige
Solarangebot in der Heizperiode verwerten oder Kombianlagen, die für die WarmwasserbeSeite 5
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reitung überdimensioniert sind. Dennoch hat sich auch deren Wirtschaftlichkeit aufgrund gesunkener Kollektorkosten und Standardisierung der Anlagen in den letzten Jahren verbessert, so dass eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung Sinn macht.
Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung
Um einen extrem niedrigen Heizenergieverbrauch zu realisieren, sind Lüftungsanlagen mit
Wärmerückgewinnung unverzichtbar. Im Niedrigenergie- und Passivhaus sind sie deshalb
mittlerweile Standard. Ihr Einbau ist im Neubau stets einfacher als in der Sanierung, da Kanalführungen und Platzbedarf für Lüftungskomponenten planerisch berücksichtigt werden
können. Hohe Investitions- und Wartungskosten stellen zusammen mit nicht angepasstem
Nutzerverhalten (Fensteröffnen im Winter) die Wirtschaftlichkeit häufig in Frage.
Holzpellet-Heizung
Eine Holzpellet-Heizung spart gegenüber einer guten Öl- oder Gasheizung keine Endenergie. Im Gegenteil, aufgrund ihres schlechteren Wirkungsgrades verbraucht sie etwas mehr.
Dennoch spart die Holzpelletanlage Heizkosten, da der Pelletpreis nur 40 – 60 % des Ölbzw. Gaspreises beträgt. Weiterhin wird Holz gerne als regenerativer Energieträger betrachtet, der beim Verbrennen nur die Menge an CO2 freisetzt, die er beim Wachstum gebunden
hat. Dementsprechend wird der Primärenergiefaktor in der EnEV auf 0,1 gesetzt, obwohl er
physikalisch bei 1,0 bis 1,2 liegt. Bei aller Euphorie für diesen neu entdeckten, alten Brennstoff darf nicht vergessen werden, dass auch bei maximaler Nutzung der natürlichen Ressourcen nur etwa 4,5 % unserer Heizwärme mit Holz gedeckt werden können (7).
Wärmepumpe mit Erdsonden als Wärmequelle
Mit Unterstützung der Elektrizitätswirtschaft wird seit einiger Zeit die Kombination von Erdwärmenutzung mit elektrischen Wärmepumpen propagiert. Während man früher mit einem
horizontalen Rohrregister flächig in einer Tiefe von 1,5 bis 3 m dem Erdreich Wärme entnahm, werden im aktuellen System 50 – 100 m tiefe Erdsonden gebohrt. Die Bohrlöcher
werden ausbetoniert, nachdem eine Leitung mit wärmeübertagender Sole in ihnen verlegt
worden ist. Vorteile gegenüber der Erdregister-Lösung: Erdarbeiten werden in nur geringem
Umfang nötig und aufgrund der größeren Tiefe erhält man etwas wärmere und gleichmäßigere Temperaturen. Idealerweise wird das System eingesetzt, wenn sowieso eine Bohrpfahlgründung erfolgen muß. Wärmepumpen arbeiten dann besonders effektiv, wenn sie
einen geringen Temperaturhub bewerkstelligen müssen. Ein Wärmepumpen-Erdwärmesondensystem wird in der Regel auf 35 Grad Vorlauftemperatur ausgelegt. Als Wärmeabgabesystem kommt damit nur eine Flächenheizung in Frage. Dies wiederum begrenzt die sinnvolle Anwendung in aller Regel auf Neubauten. Im Bestand wird man nur äußerst selten
nachträglich eine Fußbodenheizung einbauen.
4. Methodik der Wirtschaftlichkeitsrechnung
Als "wirtschaftlich" bezeichnen wir eine Maßnahme üblicherweise dann, wenn der Nutzen
den Aufwand überwiegt. Eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung ist stets ein Vergleich. Entweder vergleicht man eine Energiesparmaßnahme mit dem Istzustand oder mit einer üblichen Standardmaßnahme. Als Aufwand werden in der Regel die Investitions(mehr)kosten,
als Nutzen die Heizkosten(mehr)einsparungen definiert. Die hier angewandte Methodik der
Wirtschaftlichkeit folgt dem in (4) entwickelten Verfahren. Für den Zeitraum ihrer jeweiligen
Lebensdauer wird für jede Maßnahme und für jedes Jahr der Barwert = Gegenwartswert
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berechnet. Längerfristige Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen, über mehrere Investitionsperioden, z.B. über 50 oder 80 Jahre sind äußerst unsicher, da sich heutige, leicht überproportionale Entwicklungen in mehreren Jahrzehnten (zumindest rechnerisch) exponentiell verstärkt
haben. Damit bringen sie sehr starke Veränderungen der Wirtschaftlichkeit für Zeiträume,
deren Randbedingungen wir eigentlich nicht vorhersehen können.
In dem Jahr, wo der Barwert vom Negativen ins Positive wechselt, findet die Amortisation
des Systems statt. Allerdings kann dieser Wert keine sichere Wirtschaftlichkeitsaussage ergeben. Wenn z.B. zwei Verbesserungsmaßnahmen die gleiche Amortisationszeit von 8 Jahren haben, aber eine Maßnahme hat eine Nutzungsdauer von 10 Jahren, die andere von 50
Jahren, so ist die Wirtschaftlichkeit der längerlebenden Maßnahme sehr viel besser. Sinnvoller ist es deshalb, die Wirtschaftlichkeit über die Lebensdauer einer Maßnahme zu betrachten und einen äquivalenten Energiepreis EPE anzugeben. Der EPE bedeutet anschaulich,
daß die Verbesserungsmaßnahme über ihre Lebensdauer einer Energielieferung mit dem
genannten Energiepreis gleichkommt. Dieser Energiepreis ist der heutige Preis. EPE entsteht aus dem Barwert aller Zahlungsströme über die Lebensdauer der Maßnahme, dividiert
durch ihre Energieeinsparung bzw. Energiegewinnung, unter Berücksichtigung der Energiepreissteigerung und Kapitalverzinsung. Dabei werden in den nachfolgenden Angaben zur
Wirtschaftlichkeit zusätzliche Stromeinsparungen oder Strommehrverbräuche mit Faktor 3 in
Wärme „umgerechnet“.
5. Modellgebäude für die Wirtschaftlichkeitsrechnungen
Was im Neubau sinnvoll ist, muss nicht auch optimal für die Gebäudesanierung sein – und
umgekehrt. Aus diesem Grund betrachten wir zwei sehr unterschiedliche Beispielgebäude.
Ein 1,5-geschossiges Einfamilienhaus mit Satteldach steht beispielhaft für den Bereich Neubau. Mit seiner Energiebezugsfläche von 139 m² und Konstruktionen wie einem vollgedämmten Sparrendach und Wänden mit Wärmedämmverbundsystem entspricht es in Größe und
Bauart dem heute üblichen Neubaustandard. Ein Gas-Brennwertkessel sorgt für die Gebäudebeheizung.
Als Repräsentant für die Sanierung eines bestehenden Gebäudes wird ein viergeschossiges
Mehrfamilienhaus betrachtet. Es handelt sich um ein typisches, in den 1960er Jahren in Plattenbauweise errichtetes Gebäude mit 32 Wohneinheiten. Die beheizte Gebäudenutzfläche
beträgt 1936 m². Durch eine Reihe von Sanierungsmaßnahmen wie z.B. das Dämmen aller
Außenwände mit einem Wärmedämmverbundsystem, den Einbau von neuen Fenstern mit
Wärmeschutzverglasung und die Einrichtung eines Niedertemperatur-Ölkessels wird das
Gebäude auf den EnEV-Standard für Bestandsgebäude gebracht.
Untersucht wurde für die Modellgebäude die Wirtschaftlichkeit folgender Maßnahmen (1 – 8):
- 30 cm WDVS gegenüber 10 cm WDVS (Bezeichnung E1 bzw. M1)
- Holzpelletkessel gegenüber Gasbrennwertkessel (Neubau EFH, Bezeichnung E2) bzw.
gegenüber Niedertemperatur-Ölkessel (Sanierung MFH, Bezeichnung M2)
- Kollektoranlage zur Heizungsunterstützung gegenüber „keine Maßnahme“ (Bezeichnung
E3 bzw. M3)
- Zu- und Abluftanlage mit Wärmerückgewinnung gegenüber „keine Maßnahme“ d.h. Fensterlüftung (Bezeichnung E4 bzw. M4)
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- Wärmepumpe mit Erdsonden als Wärmequelle gegenüber Gasbrennwertkessel (Neubau
EFH, Bezeichnung E5). Eine Wärmepumpenheizung mit Erdsonden wurde für den Sanierungsfall aus oben genannten Gründen nicht betrachtet.
- TWD-Fassade in unterschiedlichen Qualitäten an 25 % der Südfassade gegenüber 10 cm
WDVS (Bezeichnung E6, E7, E8 bzw. M6, M7, M8)
6. Einflußfaktoren für die Wirtschaftlichkeitsvergleiche
Folgende allgemeinen Randbedingungen fließen in die Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen
ein:
Investitionskosten unter Berücksichtigung aktueller Förderbedingungen
Jeweils zwei der untersuchten Varianten profitieren von dem Marktanreizprogramm, mit dem
das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) die Verwendung erneuerbarer
Energien fördert: die Solarkollektoranlage zur Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung (Varianten E3, M3) sowie der Holzpelletskessel (E2, M2) als Anlage zur Verfeuerung
fester Biomasse.
Die Förderhöhe richtet sich hierbei jeweils nach der Anlagengröße. Die Kollektoranlagen
werden mit 135,- € je m² Bruttokollektorfläche bezuschusst. Bei den Pelletsheizkesseln ist
die Nennwärmeleistung der Anlage maßgeblich. Für jedes kW an Wärmeleistung erhält der
Bauherr eine Unterstützung in Höhe von 60,- €. Das Einfamilienhaus fällt hierbei unter die
Kleinanlagenregelung und wird mit der festgelegten Mindestsumme von 1700,- € gefördert.
Im Bereich der Sanierung bringt das CO2-Gebäudesanierungsprogramm günstige Zinssätze.
Einen zusätzlichen Teilschulderlass von 15 % gibt es nur dann, wenn der niedrige EnEVGrenzwert für den Neubau eingehalten wird. Wir gehen von einer Basis-Sanierung auf EnEV-Grenzwert Altbau (= 140 % Neubau) aus, wie in der Regel ausgeführt. Insofern kommen aus dem CO2-Gebäudesanierungsprogramm der KfW nur die günstigeren Zinssätze
zum Zuge.
Wartungs- und Instandhaltungskosten
Wartungs- und Instandhaltungskosten wurden über eigene Projekte oder Recherchen fallspezifisch detailliert ermittelt:
Lebensdauer-Annahmen
Als Lebensdauer der Maßnahmen werden angenommen: Wärmeschutz 40 Jahre, Lüftungssysteme, Solaranlage 30 Jahre mit Austausch von Teilkomponenten nach 15 Jahren, Heizkessel, Wärmepumpe 20 Jahre. Erdsonden für Wärmepumpe 40 Jahre. Dies sind zum Teil
längere Zeiträume, als üblicherweise angenommen. Doch in der Praxis halten Baukomponenten oft länger als ihre rechnerische Lebensdauer, vor allem bei regelmäßiger Wartung.
Energiepreise
Die Energiepreise einschl. 16 % Umsatzsteuer werden als Durchschnittswerte Ende 2005
angesetzt:
Heizöl: 5,9 Ct / kWh , Holzpellets: 3,6 Ct / kWh, Gas: 6,1 Ct/kWh, Strom: 18 Ct/kWh
Beim Gaspreis und Strompreis als leitungsgebundene Energieträger wurde der Grundpreis
mit auf den Arbeitspreis umgerechnet.
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Kapitalverzinsung und Preisteigerungsraten für Energie, Wartung, Ersatz
Verzinsung und Preissteigerungsraten sind jeweils inflationsbereinigt. Liegt z.B. eine Inflationsrate von 4 % vor, so bedeutet eine reale, steuerbereinigte Kapitalverzinsung von 2 %
eine steuerbereinigte Nominalverzinsung von (1,04 * 1,02 =1,0608) = 6,1 %. Es wird jeweils
ein optimistischer, mittlerer und pessimistischer Pfad angegeben. Dementsprechend erbringt
jeder Berechnungslauf drei Amortisationszeitangaben, eine pessimistische, eine mittlere (realistische) und eine optimistische Angabe.
Pessimistischer Pfad Mittlerer Pfad Optimistischer Pfad
Reale Energiepreissteigerung 3,0 %
4,5 %
6,0 %
Reale Kapitalverzinsung
3,0 %
2,0 %
1,0 %
Reale Baupreissteigerung
2,0 %
1,0 %
0,0 %
Reale Ersatzkostensteigerung 1,0 %
0,5 %
0,0 %
Tab. 2:
Randbedingungen der den Wirtschaftlichkeitsabschätzungen zugrundeliegenden
Entwicklungspfade
Hinweise zur Wirtschaftlichkeitsrechnung
Für den Sanierungsfall muß man festhalten, dass der Wirtschaftlichkeitsvergleich gegenüber
einer Referenzvariante natürlich schlechtere Ergebnisse liefert als ein Vergleich gegenüber
dem Gebäudezustand vor Sanierung. Nur stellt sich die Frage: Würde jener Vergleich interessieren ? Ein Bauherr muss ja sowieso das tun, was die aktuellen Vorschriften erfordern,
also z.B. einen Wärmeschutz gemäß EnEV aufbringen. Die Frage muss deshalb lauten:
Lohnt sich der Mehraufwand für einen weitergehenden Wärmeschutz, lohnt sich der Mehraufwand für TWD, für Solaranlage oder Wärmepumpe ?
Weiterhin: Bei der Berechnung der Wirtschaftlichkeit geht es nicht um die absolute Höhe der
Energieeinsparung, sondern um das Aufwand – zu – Nutzen – Verhältnis. Wenn Maßnahme
A beispielsweise 10 % der Energieeinsparung von Maßnahme B erbringt, aber nur 5 % von
Maßnahme B kostet, ist Maßnahme A wirtschaftlicher, auch wenn sie sich nur sehr viel geringer auf die Energiebilanz des Gebäudes auswirkt.
7. Auswertung und Interpretation
Die Wirtschaftlichkeitsrangfolge der Maßnahmen wurde anhand ihres äquivalenten Energiepreises festgelegt. Dieser geht jeweils vom mittleren Energiepreis-Entwicklungsszenario aus.
Zusätzlich wurden Amortisationszeit und Lebensdauer angegeben, um generell zu überprüfen, ob sich eine Maßnahme in ihrer Lebensdauer überhaupt „rentiert“ und um die Pelletheizung einzuordnen, bei der ein äquivalenter Energiepreis aufgrund des Endenergie-Mehrverbrauchs einen unsinnigen negativen Wert annimmt.
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Neubau Einfamilienhaus
Rang
Ökomaßnahme
1
E6
2
E7
3
E1
4
E8
5
E5
6
E4
7
E3
8
E2
TWD an Fassade
Einfachsystem
TWD an Fassade
Mittlerer Aufwand
WDVS auf 30 cm erhöhen
TWD an Fassade
hocheffektiv
Wärmepumpe mit Erdsonden
als Wärmequelle
Lüftungsanlage mit WRG
Kollektoren zur Heizungsunterstützung
Holzpellet-Heizung
Altbau MFH-Sanierung
Rang
Ökomaßnahme
1
M2
2
M6
3
M7
4
M1
5
M8
6
M3
7
M4
Holzpellet-Kessel für besteh.
Zentralheizung,
TWD an Fassade
Einfachsystem
TWD an Fassade
Mittlerer Aufwand
WDVS auf 30 cm erhöhen
TWD an Fassade
hocheffektiv
Kollektoren zur Heizungsunterstützung
Lüftungsanlage mit WRG
Amortisationszeit
(Jahre)
20...24...32
Lebensdauer
(Jahre)
40
Äquivalenter
Energiepreis
(Eurocent / kWh)
2,9 Ct/kWh
22…27...37
40
3,3 Ct/kWh
23 ...28...40
40
3,6 Ct/kWh
25…31…kA
40
4,1 Ct/kWh
29 ...39...kA
15...23...28*
25 ...kA...kA
20/40
6,2 Ct/kWh
30
6,5 Ct/kWh
29...kA...kA
30
8,6 Ct/kWh
kA...kA...kA
20
Nicht sinnvoll, da
Energiemehrverbr.
Amortisationszeit
(Jahre)
5.....5.....5
Lebensdauer
(Jahre)
20
19...24...32
40
Äquivalenter
Energiepreis
(Eurocent / kWh)
Nicht sinnvoll, da
Energiemehrverbr.
2,8 Ct/kWh
23...28...39
40
3,4 Ct/kWh
23...28...39
40
3,4 Ct/kWh
24...30...kA
40
3,8 Ct/kWh
22...27...kA
30
5,0 Ct/kWh
22...28...kA
30
5,2 Ct/kWh
Amortisationszeitangaben für optimistische, mittlere und pessimistische Entwicklung
kA = Keine Amortisation innerhalb der Lebensdauer
Angabe äquivalente Energiepreise für mittlere Entwicklung
*E5: Unter Ansatz eines Bruttostromtarifs für Wärmepumpe und Heizstab von 0,13 Ct/kWh
Tab. 3: Wirtschaftlichkeitsrechnung: Rangfolge der Maßnahmen nach Wirtschaftlichkeit
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Architekten und Ingenieure
Betrachten wir zunächst die Ergebnisse für das Einfamilienhaus (Tab. 3):
Unter den gewählten Randbedingungen (Gebäude erfüllt EnEV-Grenzwert Neubau) weisen
die TWD-Systeme äquivalente Energiepreise von 3 – 4 Ct/kWh auf. Dies verdanken sie ihrer
langen Lebensdauer und niedrigen Wartungskosten, die auf dem Niveau des Referenzsystems WDVS liegen. Auch eine Erhöhung der konventionellen Wärmedämmung von 10 auf
30 cm schneidet mit 3,6 Ct/kWh sehr gut ab. Mit 6,2 bzw. 6,5 Ct/kWh liegen Wärmepumpen
mit Erdsonden und Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung bereits deutlich schlechter. In
der mittleren Energiepreisentwicklung amortisieren sie sich knapp vor Ende ihrer Lebensdauer von 30 Jahren. Legt man bei der Wärmepumpe einen erniedrigten Bruttostromtarif für
den Betrieb des Systems (einschl. Zusatzheizstab) von 0,13 Ct/kWh statt 0,18 Ct/kWh
zugrunde, so verringert sich die Amortisationszeit auf 23 Jahre, wiederum mittlere Energiepreissteigerungen vorausgesetzt. Der äquivalente Energiepreis bleibt gleich, da in diesen die
Stromtarife nicht eingehen. Solare Heizungsunterstützung ist noch immer zu aufwendig, um
ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis zu erreichen. Kollektoren zur Heizungsunterstützung
liegen mit 8,6 Ct/kWh weit abgeschlagen, genauso wie die Pelletsheizung, die sich auch im
optimistischen Szenario nicht innerhalb ihrer Lebensdauer amortisiert. Über die Hälfte der
Heizkosteneinsparungen des Pelletkessels werden durch höhere Wartungskosten aufgezehrt. Die verbleibende jährliche Kosteneinsparung von 120 €/a reicht nicht aus, um die
Mehrkosten der Pelletsheizung von 7800 € während der Lebensdauer des Wärmeerzeugers
auszugleichen.
Kommen wir zur Sanierung des Mehrfamilienhauses (Tab. 3):
Auf den ersten Blick überraschend liegt hier der Holzpelletkessel ganz vorn (Referenzvariante neuer Öl-Niedertemperaturkessel). Und dies, obwohl sich die Pelletheizung beim Einfamilienhaus an letzter Stelle befand. Doch bei genauerem Hinsehen ist das Ergebnis leicht
erklärbar: Die Systemmehrkosten und Wartungsmehrkosten betragen im MFH rund das 2,5fache der Anlage im EFH, die Heizkosteneinsparungen sind jedoch aufgrund der Gebäudegröße mit 32 Wohnungen und des entsprechenden Energieverbrauchs um das 17-fache höher. Mit niedrigen äquivalenten Energiepreisen zwischen 3 und 4 Ct/kWh glänzen auch hier
die TWD-Systeme und die Erhöhung der konventionellen Wärnmedämmung von 10 auf 30
cm. Etwas abgeschlagen, aber immer noch in einem Bereich, wo die Investition wirtschaftlich
sinnvoll wäre, liegen die Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung und die Kollektoranlage
zur Heizungsunterstützung mit je ca. 5 Ct/kWh.
Zusammengefasst liegen die TWD-Systeme sowohl im Neubaubereich als auch in der Sanierung in der Spitzengruppe der Wirtschaftlichkeit. In diesem Zusammenhang muß jedoch
nochmals darauf hingewiesen werden, dass die TWD-Gewinne jeweils für ein Gebäude auf
EnEV-Standard berechnet wurden. Bringen wir den EFH-Neubau z.B. durch besseren Wärmeschutz auf Niedrigenergiestandard (70 kWh/m2 temperierter Nutzfläche) so sinken die
TWD-Einsparungen beim mittleren TWD-System von 1100 kWh/a auf 770 kWh/a. Setzen wir
zusätzlich ein Lüftungssystem mit Wärmerückgewinnung ein, dann sinkt der Endenergieverbrauch Heizung der Referenzvariante auf 43 kWh/m2a und die TWD-Einsparungen gehen auf 560 kWh/a zurück. Daraus resultieren für das mittlere Preisentwicklungsszenario
folgende äquivalenten Energiepreise:
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Datum: 06.03.2006
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RK-Stuttgart
Fachartikel TWD - Kurzfassung
Architekten und Ingenieure
Äquivalenter
Energiepreis einer
TWD-Anwendung
(TWD mittel)
EFH Neubau auf EnEV-Standard
2,3 Ct/kWh
EFH Neubau hohe Wärmedämmung, 7 Liter Haus
4,7 Ct/kWh
EFH Neubau hohe Wärmedämmung und Lüftung mit WRG, 4 Liter Haus
6,5 Ct/kWh
Tab. 4: Äquivalente Energiepreise der TWD-mittel-Anwendung für Niedrigenergiehäuser
Im Ergebnis können TWD-Anwendungen auch bei Gebäuden mit niedrigem Wärmebedarf
sinnvoll angewendet werden. Bei äquivalenten Energiepreisen um 5 bis 7 Ct/kWh halten sie
mit einer konventionellen Wärmeversorgung mit. Allerdings leidet ihre Wirtschaftlichkeit im
Vergleich zum EnEV-Standard-Gebäude. Positiv für den Wirtschaftlichkeitsrang der TWD
wirkt sich aus, dass die Wirtschaftlichkeit der anderen alternativen Wärmeversorgungssysteme (Holzpelletkessel, solare Heizungsunterstützung, Wärmepumpe mit Erdsonden) bei
geringerem Wärmebedarf des Gebäudes ebenfalls schlechter wird, da von einer niedrigeren
Heizkostenbasis der Referenzvariante auszugehen ist und deshalb auch die Einsparungen
geringer ausfallen. Insgesamt betrachtet, eignet sich die transparente Wärmedämmung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten für alle Gebäudestandards bis herunter zum 3-LiterHaus. Besonders sinnvoll ist die TWD bei Gebäuden, die nicht gravierend besser als EnEVStandard gebaut werden und wo ein kostengünstiges System zur solaren Heizungsunterstützung gesucht wird. Auch bei Sanierungen, wo sehr niedrige Energiestandards wesentlich
schwieriger als im Neubau zu erreichen sind, ist TWD eine wirtschaftlich vorteilhafte Alternative zu anderen, über das Übliche hinausgehenden Energiesparmaßnahmen.
Und was ist mit der Photovoltaik ?
Der hier dargestellte Wirtschaflichkeitsvergleich bewegte sich nur im Bereich Heizwärmeversorgung und –einsparung. Schaut man in die Praxis, so ist die PV zur solaren Stromerzeugung der große Renner der letzten Jahre. Ihre gute Wirtschaftlichkeit erreicht die PV allerdings nur wegen der hohen Einspeisevergütung, die den Markt drastisch verzerrt. Ohne Förderung wäre die PV deutlich unwirtschaftlicher als passive oder aktive Solarthermie. Die solare Stromerzeugung wird – aus welchen Gründen auch immer – von der Politik einseitig
bevorzugt. Eine gegebene Fördersumme, verlagert von der PV in die solare Wärmeerzeugung, würde eine spürbar größere volkswirtschaftliche Primärenergieeinsparung erbringen.
Maßnahmen zur solaren Wärmeerzeugung sollten deshalb ebenfalls mindestens soweit gefördert werden, dass sie gegenüber der Photovoltaik konkurrenzfähig werden. Mit anderen
Worten: Wir brauchen ein solares Wärmegesetz, wenn wir auf die Anforderungen de Zukunft
optimal antworten wollen.
9. Fazit
Nach Jahren der Euphorie in den 80er und 90er Jahren wird die transparente Wärmedämmung heute insgesamt deutlich unter Wert gehandelt. Für massive Gebäude, welche Wärmeschutz und Haustechnik nicht bis aufs Letzte ausreizen (was in der Sanierung oft auch
gar nicht möglich ist) kann die TWD als wirtschaftlich sinnvolle und kostengünstige Maßnahme zur solaren Heizungsunterstützung gelten. Ein großer Pluspunkt sind darüber hinaus
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die lange Lebensdauer und die Freiheit von Wartungs- und Instandhaltungskosten. Und
schließlich kann ein Bauherr seiner Mit- und Umwelt auch ein weithin sichtbares Zeichen
geben, dass sein Gebäude die Sonne „anzapft“. Zum Kosteneinsparnutzen kommt der
Imagenutzen für den Bauherrn hinzu. Eine Wärmepumpe mit Erdsonde ist dagegen nur ein
Stück energiesparender Technik, das im Keller Strom verbraucht.....
10. Literaturquellen
(1) Max-Planck-Institut für Metereologie: Workshop:Climate Scenarios for the Future and
their Use for Impact Studies, Hamburg, 29. –30. Sept, 2005
(2) Vera von Keller, Karl-Heinz Remmers: Öl vor dem Aus ? Sonnenenergie, Heft Nov.
2005
(3) Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit: Energiedaten 9.2005
(4) Kerschberger: Wirtschaftlichkeit von TWD, Uni Stuttgart, Dissertation, 1997
(5) GAG Ludwigshafen: Passivhaus im Mietwohnungsbestand, Expose, Hoheloogstr. 1
und 3, Ludwigshafen am Rhein, 2005
(6) Kerschberger, Platzer, Weidlich: Transparente Wärmedämmung, Wiesbaden, Bauverlag, 1998
(7) W. Feist (Hrsg.): Einsatz von Passivhaustechnologien bei der Altbau-Modernisierung.
Arbeitskreis Kostengünstige Passivhäuser – Protokollband Nr. 24. Darmstadt, Passivahaus Institut, 2003
Dank an Firma Müller + Krummel, Stuttgart für die fachmännische Unterstützung bei der Kalkulation der haustechnischen Verbesserungen.Dank an Wagner Solartechnik und Lignasol
für Kalkulationshilfen.
Über die Autoren:
Dr.-Ing. Alfred Kerschberger, freier Architekt, Jg. 1958, Geschäftsführer RK-Stuttgart Architekten und Ingenieure (www.rk-stuttgart.de). Seit 1986 zahlreiche Pilotprojekte, Studien und
Fachbücher in den Bereichen Ökologisches und Solares Bauen, energetische Sanierung und
Bauökonomie
Dipl.-Ing. Architekt Markus Binder, Jg. 1970. Freier Mitarbeiter bei verschiedenen Architektur- und Planungsbüros mit den Schwerpunkten integrale Planung und innovative bauphysikalische Gebäudekonzepte
Eine ausführliche Langfassung dieser Untersuchung ist beim Fachverband TWD erhältlich.
www.fvtwd.de
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