JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI

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J UBILÄUM 10 J AHRE R OSSINI -­‐V OKALENSEMBLE Konzerte im Juni und Juli 2017: Donnerstag, 29. Juni, 20.00 Uhr Stadtkirche Biel Freitag, 30. Juni, 20.00 Uhr Nydeggkirche Bern Samstag, 1. Juli, 20.00 Uhr, Christkatholische Kirche* Grenchen Sonntag, 2. Juli, 17.00 h, Collège St-­‐Michel** Freiburg : Abgesagt (*Kirche St. Peter und Paul, Bielstrasse 46 / Lindenstrasse 33, Grenchen) Leitung: Daniel Beriger Alexander-­‐Moserstrasse 28 2503 Biel Telefon: 032 365 80 10 Mobile: 079 680 38 94 E-­‐Mail: [email protected] Website: www.rossini-­‐vokalensemble.jimdo.com Unser zehnjähriges Jubiläum nehmen wir zum Anlass, auf unser Repertoire zurückzuschauen und es mit diesem Konzert zu verfeinern. Wir schauen aber nicht nur zurück: Wir führen auch ein neues Werk der Komponistin Sally Jo Rüedi auf, ein Werk, das noch im Entstehen ist. Das Programm enthält Werke aus der Renaissance, dem Barock, der Romantik, der Moderne und der Zeitgenössischen Musik mit Werken von Ludwig Senfl, Francesco Gasparini, Giovanni Pierluigi da Palestrina, Willy Burkhard, J. S. Bach, Felix Mendelssohn, Paul Hägler, Caroline Charrière, Sally Jo Rüedi und – last but not least – Gioachino Rossini, der uns seinen Namen gegeben hat. JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 1 / 15 P ROGRAMM UND K OMMENTARE V O N D A N I E L B E R I G E R , W O N I C H T A N D E R S V E R M E R K T
L U D W IG S E N F L (1486 – 1543) Lieder aus J. Otts Liederbuch: Zwischen Berg und tiefem Tal, Die Brünnlein die da fliessen Paul Sacher, der grosse Förderer der Modernen Musik, bezeichnete Ludwig Senfl als den grössten Schweizer Komponisten. In der Tat war der in Zürich oder Basel geborene und in Deutschland wirkende Komponist zu Lebzeiten in ganz Europa bekannt. Er galt als wichtigster Vertreter des deutschen Lieds in der Reformationszeit. Der grosse Meister der Polyphonie hatte die Gabe, mit einigen wenigen Noten neue Klangwelten zu erschaffen. Er schuf über dreihundert Lieder, die z.T. schon zu seinen Lebzeiten gedruckt wurden. Warum sind heute nur einige wenige von Ludwig Senfls Liedern bekannt? Ein Grund mag in den Texten liegen, von denen viele moralisierend sind. Die eheliche Treue spielt eine zuweilen etwas zu dominante Rolle. Wir haben für unser Programm Lieder gewählt, die ein heutiges Publikum ansprechen können. Sie dürfen, wie viele der Madrigale aus England und Italien, mit einem Augenzwinkern verstanden werden. Zu den Liedern: Die meisten Lieder basieren auf bekannten Melodien, die von den anderen Stimmen umspielt werden. Diese «cantus firmi» (vergleichbar mit den Standards im Jazz) liegen, wie vom Mittelalter bis zur Renaissance üblich, in Tenor. Häufig imitiert der Bass die Tenorstimme, während die hohen Stimmen die am kunstvollsten ausgeführten sind. Zwischen Berg und tiefem Tal Zwischen Berg und tiefem Tal, Da liegt ein freie Strass; Wer seinen Buhlen nit halten mag, Der muss ihn fahren lassen. Fahr hin, fahr hin, du hast die Wahl, Du kannst mich wohl verlassen. Im Jahr sind noch viel langer Tag, Glück ist in allen Gassen. Die wunderschönen Oberstimmen zeichnen die Konturen der Landschaft. Die tieferen Stimmen imitieren sich anmutig in einem freien Kanon, der ein Gefühl des Fortschreitens erzeugt. Aus heutiger Sicht scheint der Text die Freiheit und das Loslassen zu thematisieren. JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 2 / 15 Die Brünnlein, die da fliessen Die Brünnlein, die da fliessen, die soll man trinken und der ein‘n stäten Buehlen hat, der soll ihm winken, ja winken mit den Augen und treten auf den Fuess. Es ist ein herter Orden, der seinen Buelen meiden muess. Dieses Volkslied ist bei uns mit einer anderen Melodie bekannt. Hier wird «winken mit den Augen» gefeiert, und während die Altos am Schluss noch ihr hartes Los besingen, geben sich die anderen Stimmen offenbar schon den Vergnügungen hin. F R A N C E S C O G A S P A R IN I (1668 – 1727) Kyrie aus «Missa Canonica» Für uns war es ein Glücksfall, dass eines unserer Chormitglieder in Leipzig von diesem Werk noch vor dessen Veröffentlichung erfuhr. Der Leipziger Bach-­‐Forscher PD Dr. Peter Wollny stellte uns die von ihm entdeckte und edierte Bach-­‐Handschrift freundlicherweise zur Verfügung. Das Rossini-­‐Vokalensemble führte sie 2015 in drei Konzerten auf. Von Peter Wollny: Francesco Gasparini wirkte als Komponist und Pädagoge in Rom, Bologna und Venedig und schuf zahlreiche von seinen Zeitgenossen hoch geschätzte Opern, Kammerkantaten und Kirchenstücke. Als eines seiner berühmtesten Werke gilt die 1705 in Venedig entstandene «Missa canonica» für vierstimmigen Chor und Basso continuo. Sämtliche Sätze der Messe enthalten kunstvolle Kanons und bezeugen die überragende satztechnische Meisterschaft des Komponisten. Pressemitteilung des Bach-­‐Archivs Leipzig vom 6. Juni 2013: Unbekannte Handschrift Johann Sebastian Bachs entdeckt Der Leipziger Bach-­‐Forscher PD Dr. Peter Wollny hat im Schütz-­‐
Haus Weißenfels eine bisher unbekannte Handschrift von Johann Sebastian Bach (1685–1750) entdeckt. JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 3 / 15 Die um 1740 entstandene Abschrift einer Messe des italienischen Komponisten Francesco Gasparini (1661–1727) bietet wesentliche Einblicke in Bachs Beschäftigung mit dem sogenannten stile antico und hilft, die stilistische Neuorientierung seines Schaffens in seinem letzten Lebensjahrzehnt zu verstehen. Die Quelle enthält eindeutige Indizien dafür, dass Bach Gasparinis Werk ausgiebig studiert und wiederholt in den beiden Leipziger Hauptkirchen St. Thomas und St. Nikolai aufgeführt hat. Von diesem Werk ist nun in Weißenfels eine Abschrift von der Hand Johann Sebastian Bachs aufgetaucht. Bach verwendete für seine Abschrift das gleiche Papier wie für den zweiten Teil des Wohltemperierten Klaviers. Dieser Befund sowie spezifische schriftkundliche Merkmale erlauben eine Datierung auf die Zeit um 1740. Die Bedeutung des Quellenfundes ist kaum zu überschätzen. Um 1740 – zu Beginn seines letzten Lebensjahrzehnts – entwickelte Bach einen neuen Kompositionsstil, der sich durch die verstärkte Verwendung der polyphonen Satztechnik, durch eine Vorliebe für die intrikate Setzkunst des Kanons und schließlich durch einen ausgesprochenen Pluralismus der Stile auszeichnet. In dieser Phase der Neuorientierung setzte Bach sich intensiv mit Werken anderer Meister auseinander, in denen die genannten Tendenzen besonders deutlich zutage traten. Die Missa canonica von Francesco Gasparini erscheint somit als ein aufschlussreiches Vorbild für die Kanonkunst und strenge Polyphonie in Bachs Spätwerk, wie sie uns etwa im Musikalischen Opfer, in der Kunst der Fuge und in der h-­‐Moll-­‐
Messe begegnet. (...) JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 4 / 15 G IO V A N N I P IE R L U IG I D A P A L E S T R IN A ( C A . 1525 – 1594) Missa o sacerdos magnus: Sanctus (Seht, das ist der Hohepriester, der in seinen Tagen Gott gefiel und gerecht gefunden wurde) Palestrina (ca. 1525 – 1594) gilt als überragender Komponist des 16. Jahrhunderts. Seine Vokalmusik hat trotz – oder gerade wegen? – der Beschränkung der Mittel eine überwältigende, gewissermassen von innen heraus entstehende, stark religiöse Ausstrahlung. Sie ruft bei vielen Menschen ein Gefühl der Ewigkeit hervor. Lange musikalische Linien, Sanftheit, Vertrauen, Andacht führen den Zuhörer dorthin. Das «Sanctus» ist eine Ausnahme. Hier erklingt Palestrina kraftvoll, «bachisch», lebensfreudig. Von den verschiedenen inhaltlichen Bedeutungen des «Sanctus» (heilig) scheint mir Lob und Dank für das Dasein im Vordergrund zu stehen. In der lutherischen Messe ist der Wortlaut: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth. Sanctus, Sanctus, Sanctus Dominus Deus Sabaoth. Ein möglicher biblischer Kontext könnte hier die Offenbarung der Johannes sein: «Und ihm folgte nach das Heer im Himmel (auf weissen Pferden, angetan mit weisser und reiner Leinwand.)» (Offenbarung des Johannes 19:14, Lutherbibel 1912) W IL L Y B U R K H A R D (1900 – 1955) Aus Kleiner Psalter «Wie lieblich sind deine Wohnungen» op. 82, 1950 Um den legendären Schweizer Komponisten ist es seit den Achtzigerjahren stiller geworden. Sehr zu Unrecht, wie mir scheint! Seine Musik hat in dieser Zeit nichts von ihrer Frische verloren. Ich habe mir selbst versprochen, in unseren nächsten Programmen ein Burkhard – Revival zu entfachen. Als ersten bescheidenen Schritt dazu hören Sie in unserem Jubiläumsprogramm das feinsinnig schöpferische «Wie lieblich sind deine Wohnungen». Von Fritz Schoch, mit bestem Dank: Willy Burkhard hat für seinen Kleinen Psalter drei sehr bekannte, auch von andern Komponisten (H. Schütz, J. S. Bach, F. Mendelssohn) vertonte Psalmen (die Nummern 1, 3, 6) und drei eher unbekannte Psalmen (die Nummern 2, 4 und 5), die ihm aber persönlich offenbar viel bedeutet haben, ausgewählt. JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 5 / 15 Welche Idee Burkhard bei der Auswahl und Zusammenstellung der Psalmen geleitet hat, lässt sich nicht in Erfahrung bringen. Auch bei der Durchsicht der Schriften und Briefe seines Nachlasses in der Paul Sacher Stiftung Basel sind wir nicht auf direkte Hinweise gestossen. Wir können also nur mutmassen. Dass Burkhard die sechs Psalmen einfach zufällig und beziehungslos nebeneinandergestellt hat, ist nicht anzunehmen. Im Gespräch mit Pfarrer Christian Riniker (Murten) hat sich folgende Deutung herauskristallisiert: Die sechs Psalmen bilden einen Bogen. Sie erzählen die Geschichte vom Glaubensweg eines Menschen. Am Anfang des Kleinen Psalters steht die erfüllte Sehnsucht des Psalmbeters/der Psalmbeterin nach der Gegenwart Gottes («Wie lieblich sind deine Wohnungen»). In poetischen Bildern und in einem strahlenden Lobgesang wird ausgedrückt: im Tempel des Herrn ist der Mensch geborgen, hat er Anteil an der Fülle des Lebens. (Fritz Schoch) Willy Burkhard wurde in Leubringen bei Biel geboren. Zuerst am Seminar Muristalden (Bern) Ausbildung als Lehrer, anschliessend musikalische Studien bei E. Graf in Bern, bei S. Karg-­‐Elert und R. Teichmüller in Leipzig, bei W. Courvoisier in München sowie bei M. d’Ollone in Paris. 1928 Berufung als Theorielehrer ans Berner Konservatorium. Daneben Leitung mehrerer Chöre und kleiner Orchester in Bern. Nach 1933 infolge eines Lungenleidens Aufenthalte in Montana und Davos bis zur endgültigen Übersiedelung nach Zürich. Hier von 1942 an Wirken als Lehrer für Theorie und Komposition am Konservatorium. Willy Burkhard gehört zweifellos zu den wesentlichen und wegweisenden Komponistenpersönlichkeiten der schweizerischen Musik des 20. Jahrhunderts. Sowohl durch sein Werk, insbesondere als Erneuerer auf dem Gebiet der Kirchenmusik, als auch durch seine Lehrtätigkeit hat er nachhaltig auf die Zukunft eingewirkt. Zu seinen Schülern zählen u. a. Giuseppe G. Englert, Klaus Huber, Rudolf Kelterborn, Ernst Pfiffner, Armin Schibler und Ernst Widmer. (Quelle: www.willyburkhard.ch) Aus der Biographie von Ernst Moor Mit den im Jahr 1950 komponierten sechs Motetten unter dem Titel "Kleiner Psalter" hat Burkhard kirchliche Gebrauchsmusik bester Art geschaffen. Sie zeigen eine gewisse Zurückhaltung und Vorsicht in der Anwendung der Dissonanzen. Es entspricht dies genau Burkhards Ansicht, der Komponist müsse seine eigenen Stilmittel so auswählen, dass er dem Sänger nicht wesentlich mehr Schwierigkeiten zumute als zu seiner Zeit ein Heinrich Schütz. JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 6 / 15 J. S. B A C H : (1685 – 1750) Schlusschor aus der Markuspassion Der Schlusschor der Markuspassion gehört für mich zu den schönsten Werken Bachs. Noch einmal spendet die Musik der Passionsgeschichte in ergreifenden Melodien und Sequenzen Trost und Zuversicht. Gemäss Carl Philipp Emanuel Bach soll Johann Sebastian Bach fünf Passionen komponiert haben. In ihrer ursprünglichen Form sind zwei davon erhalten geblieben: die Matthäus-­‐ und die Johannes-­‐Passion. Die letzte Kopie der Markus-­‐Passion verbrannte 1945 während der Luftangriffe auf Dresden. Es ist bekannt, dass Bach die Markus-­‐Passion am 23. März 1731 und am Karfreitag 1744 (in einer überarbeiteten Fassung) aufgeführt hat. Dies zum grossen Teil als «Parodie»: Die Musik eines bereits komponierten Werkes wurde für einen neuen Text bearbeitet – bei Bach eine gängige Praxis, die es ihm auch erlaubte, seine Kompositionen weiterzuentwickeln. Dieser Arbeitsmethode Bachs verdanken wir, dass die Markus-­‐Passion wenigstens zum Teil rekonstruiert werden konnte. Ich kann mir vorstellen, dass Bach bei der kurz vorher komponierten Trauerode für die sächsische Kurfürstin Christiane Eberhardine die Verwendung der Musik für die Markus-­‐
Passion plante. F E L IX M E N D E L S S O H N -­‐B A R T H O L D Y (1809 – 1847) «Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren» Felix Mendelssohns Musik berührt immer. Das Rossini-­‐Vokalensemble hat schon viele seiner kleineren Werke aufgeführt, zusammen mit den gewichtigen drei Gesängen op. 69 seines letzten Lebensjahres. Neben der virtuosen Leichtigkeit der Kompositionskunst bestechen die Werke gerade dadurch, dass Mendelssohn sie immer wieder überarbeitet und vertieft hat, was wir in unserem Ensemble – in bescheidenerem Masse – ebenfalls anstreben. Seine Begegnung mit dem «stile antico» (einer Kompositionsweise, die stark von der musikalischen Vorgeschichte inspiriert ist), verdankte Mendelssohn unter anderem Gesprächen mit seinem Förderer J. W. Goethe und durch seinem Unterricht bei Carl Friedrich Zelter. Nicht historisierende Gründe, sondern die Achtung für die Konstanz und Fülle der musikgeschichtlichen Entwicklung standen für Mendelssohn im Vordergrund. JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 7 / 15 Unser Opus 69 nimmt eine besondere Stellung ein, denn es handelt sich hier um seine letzten Werke. Komponiert waren sie für die englische Sprache. Die drei Motetten op. 69 haben ihren Ursprung in Mendelssohns zweiter Reise nach England (1832). Der Verleger Vincent Novello bat Mendelssohn, Musik für den «Morning and Evening Service» zu komponieren. Mendelssohn befand diese Werke aber noch als «not worth being published». Es folgten verschiedene Überarbeitungen, die unvollendet blieben. Mendelssohns Schwester Fanni starb am 18. Mai 1832. Dies löste bei Felix eine schwere Depression aus, und er konnte in dieser Zeit nur beim Malen von Aquarellen Trost finden. Im Juni bearbeitete er dann nochmals die Motetten «Mein Herz» und «Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren». Dann wandte es sich der dritten, «Jauchzet, frohlocket», zu. Am 7. Juli sandte er alle drei Werke an seinem Verleger Buxton, allerdings auch hier wieder mit der Bitte, die Druckfahnen vor der Veröffentlichung noch einmal durchsehen zu können. Felix Mendelssohn starb am 4. November 1847 im Alter vom 38 Jahren. P A U L H Ä G L E R (1897 – 1976) Messe a-­‐Moll (1970): Benedictus Das «Benedictus» (Gesegnet seist du) ist ein wunderschön verhaltener Teil der Hägler-­‐Messe. Nach dem Bass-­‐Einstieg mit Orgel erfolgt ein dreistimmiger Frauenchor, durchwegs im pianissimo, der bei der Reprise ebenfalls pianissimo, aber diesmal vierstimmig erklingt. Ein kräftiges, bewegtes Hosanna beschliesst diesen Messeteil, der hier repräsentativ für Häglers Stil steht. «Missa in a-­‐Moll» des Bieler Komponisten Paul Hägler für Chor, Soli und Orgel. Die Missa wurde 1976 in der Kirche Christ-­‐König in Biel unter der Leitung von Peter Garst uraufgeführt. 2009 wurde sie im Auftrag römisch-­‐katholischen Kirchgemeinde Biel und Umgebung vom Musikverlag Müller & Schade AG nach dem Manuskript digitalisiert und aufgelegt und von Daniel Beriger lektoriert. In den Jahren 2009 und 2010 führte das Rossini-­‐Vokalensemble die «Missa» in Biel (in der Kirche Marien, wo auch die Uraufführung stattfand) in der Eglise du Pasquart, in Bern und in Bettlach auf. Paul Hägler wurde 1897 in Münchenstein bei Basel geboren. Im Jahr 1923 erkor der Gemeinderat von Balsthal Paul Hägler als Gesangspädagogen für den Schulgesang und die Vereine: Männerchor, Frauenchor und Musikgesellschaft. In dieser Funktion als junger Musikdirektor wirkte sich Paul Häglers Tätigkeit im Musikleben Balsthals in jeder Hinsicht befruchtend aus. JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 8 / 15 Der aufstrebende Musiker suchte aber nach dreizehnjähriger Tätigkeit ein grösseres Wirkungsfeld und wurde 1934 vom Männerchor «Harmonie» Biel aus 22 Bewerbern des In-­‐ und Auslandes zum Direktor gewählt. Kurz darauf erfolgte die Wahl zum Direktor des Frauenchors «Cäcilia» Biel. Als Paul Hägler das Bieler Kammerorchester gründete, waren die Voraussetzungen zur Aufführung grösserer Werke (Kantaten, Messen, Oratorien) gegeben. Sein Wirken als Musikpädagoge am Konservatorium Biel (Gesang und Klavier) fand verdiente Würdigung. Bei vielen Ehemaligen gehören die Musikstunden bei Paul Hägler zu den schönsten und bleibenden Erinnerungen der Schulzeit, weil sie von der ausgestrahlten Begeisterung des Musiklehrers erfasst wurden. Bezeichnend ist sein letztes Werk, das er als Komponist und als Krönung einer sehr beachtlichen Zahl musikalischer Werke vor noch nicht langer Zeit, im Sinne eines Auftrages von oben, schöpfen durfte: Die Messe in a-­‐Moll, welche ihre Uraufführung in der Christ-­‐König-­‐Kirche zu Biel erlebte und in der Ausstrahlung durch Radio Bern als reifes Werk bestätigt wurde. Paul Hägler wusste als christgläubiger und ehrlicher Komponist, dass es beim Schöpfen musikalischer Werke, seien sie vokaler oder instrumentaler Natur, um ein Aufgerufensein von innen heraus, um ein Schöpfen aus hoher Inspirationsquelle geht, und nicht um die menschlich eitle Tatsache, sich selbst gedruckt zu sehen und aufgeführt zu wissen. (Aus dem Nachruf von Ernst Gränicher) In Würdigung seiner grossen Verdienste als Musikpädagoge, Komponist und Chorleiter wurde Paul Hägler im Jahr 1958 der Kunstpreis der Stadt Biel zuerkannt. Kleine Randnotiz: Auch Daniel Beriger dirigierte in den Jahren 1999-­‐2003 das noch heute bestehende Bieler Kammerorchester. C A R O L IN E C H A R R IÈ R E (*1960) Flowers Ich hatte das Glück, zusammen mit Caroline Charrière in Lausanne zu studieren, und lernte so auch ihre Kompositionen kennen. Weiter verbindet uns die Liebe zur Dichterin Emily Dickinson, der ich – zusammen mit der Sängerin Brigitte Kuhn-­‐Indermühle – auch Konzerte mit Vertonungen ihrer Gedichte gewidmet habe. Die Kompositionen von Caroline Charrière sprechen mich wegen ihrer nachdenklichen, tiefgründigen und eigenständigen Musik an. JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 9 / 15 Caroline Charrière wurde im Jahre 1960 in Fribourg geboren. Nach der Matura nahm sie am Konservatorium Lausanne in der Berufsklasse von Pierre Wavre das Studium der Querflöte auf, welches sie 1982 mit dem Lehrdiplom abschloss. Zwei Jahre später folgte das Solistendiplom. Während ihres Studiums besuchte sie gleichzeitig Kurse in Orchestrieren und Komposition bei Jean Balissat. Nach Studien bei Aurèle Nicolet verbrachte Caroline Charrière ein Jahr in Grossbritannien am Royal Northern College of Music in Manchester. Nach der Rückkehr in die Schweiz erweiterte sie ihre Ausbildung bei Robert Dick und durch Orchesterkurse in Biel/Bienne. Die Ausbildung zur Orchesterdirigentin am Konservatorium Lausanne in der Klasse von Hervé Klopfenstein schloss sie 1994 mit Auszeichnung ab. Im Jahre 1993 wurde Vox Aeterna, eine Auftragskomposition der Bibliothèque Cantonale et Universitaire de Lausanne, uraufgeführt. Seither widmete Caroline Charrière einen Teil ihrer freien Zeit der Komposition. Im Jahre 2000 entschied sich die Musikerin, der Komposition in ihrer Tätigkeit den wichtigsten Platz einzuräumen. Sie leitet den Freiburger Frauenchor «Chœur de Jade». Hier einige aus den mehr als 140 Werken von Caroline Charrière: − Trauerfarben pour orchestre de chambre − Jeune morte qui revit, musique sur des poèmes de Georges Haldas pour saxophone et piano − Credo pour chœur mixte − Le Livre de Job, Commande de Pro Helvetia, oratorio pour chœur mixte, récitante, solistes et orchestre − Marilley,Naissances, pour orchestre symphonique, − Anima mea, pour 8 voix et orgue − Le Livre de Job, Commande de Pro Helvetia, oratorio pour chœur mixte, récitante, solistes et orchestre − Thérèse Raquin, quintette à cordes, musique de scène pour la pièce de théâtre d’Emile Zola − Quatuor Ophelia, quatuor à cordes, commande du quatuor Amar − Constellations, pour mezzo, voix de femmes, violon, alto, harpe et percussion − Naissances, pour orchestre symphonique JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 10 / 15 G IO A C H IN O R O S S IN I (1792 – 1868) Aus der Petite Messe Solennelle: Christe eleison Das «Christe eleison» (Christus, erbarme dich) birgt eine Überraschung: Nach dem leisen Beginn der Messe folgt das Christe eleison als noch leiseres, intimes Stück, a cappella (ohne Instrumente). Die leisen Töne sind ein Merkmal Rossinis, sie gehen bis ins vierfache Pianissimo. Er verlangt ausdrücklich in drei Angaben: Andantino moderato, tutto sotto voce, e legato. Rossinis Liebe zu Bach und zum stile antico kommt hier zum Ausdruck. Die Petite Messe ist ein hochdifferenziert ausgearbeitetes und notiertes kammermusikalisches Spätwerk Rossinis, das eine sehr sorgfältige und engagierte Interpretation reichlich belohnt. Dies ist übrigens auch – neben Rossinis Humor – der Grund für den Namen unseres Vokalensembles. Er hat mit seiner Oper «Guillaume Tell» (nach Schiller) unserem Land ein sehr willkommenes Denkmal gesetzt. Und hat sich dabei – neben der politischen Botschaft – auch intensiv mit der Volksmusik der Schweiz befasst. Rossini belässt es im «Willhelm Tell» in Bezug auf die «Swissness» nicht bei einigen Klischees. Vielmehr verwendet er 10 (!) Motive aus dem Alpenland, die der Oper mit Elementen der «Ranz des vaches» (Kuhreihen) eine ganz besondere Couleur verleihen. Und was die Nuanciertheit Rossinis – eben auch in der Oper – angeht, höre man sich nur wieder einmal dessen phantastische Ouvertüre an. Die Petite Messe solennelle ist, nach dem 22 Jahren vorher komponierten Stabat Mater, das zweite grosse kirchenmusikalische Werk Rossinis. Es wurde 1863 uraufgeführt, ist also ein Alterswerk des grossen Opernkomponisten. Vom Komponisten als «leider letzte Alterssünde» bezeichnet, ist die Petite Messe (1863) sein zweites grosses kirchenmusikalisches Werk. Mit ihrer Spieldauer von 85 Minuten und Ihrem schlanken Begleitinstrumentarium ist die Petite Messe «weder klein noch feierlich», wie ein englischer Rezensent liebevoll tadelt. Die Begleitung von Harmonium und Klavier war damals durchaus üblich, wohl deshalb, weil Messen auch privat, z.B. in kleinen Kapellen, aufgeführt wurden. Das Werk trägt die Handschrift des Opernkomponisten, zeigt aber auch die starke Beschäftigung Rossinis mit der Satzkunst J.S. Bachs: «Ich bin auf die große Gesamtausgabe seiner [Bachs] Werke subskribiert. Hier, Sie sehen gerade auf meinem Tisch den letzten erschienenen Band. Soll ich ihnen bekennen, dass der Tag, an dem ein neuer Band ankommt, selbst für mich noch ein Tag unvergleichbarer Freude ist?» (Rossini) JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 11 / 15 Diese Stilbereicherung führt zu einer aussergewöhnlichen Vertonung des Messetextes. Der Zeitgenosse Filippo Filippi (in «La Perseveranza») war des Lobes voll: «Diesmal hat sich Rossini selbst übertroffen, denn niemand kann sagen, ob die Messe Können ist oder Inspiration. Die Fuge ist punkto Gelehrtheit eines J.S. Bach würdig.» Eja Mater aus dem «Stabat Mater» 1842 Beim Eja Mater denke ich unwillkürlich an ein anonymes Gedicht aus meinem amerikanischen Repertoire, der Klage eines Irischen Mönches aus dem Mittelalter: Ah, sore was the suffering borne By the body of Mary's Son, But sorer still to Him was the grief Which for His sake Came upon His Mother. Schwer war das Leid Getragen von Marias Sohn, Und schwerer noch das Leid Das durch Ihn kam -­‐ auf seine Mutter. (Aus den "Hermit Songs" von Samuel Barber) Eja Mater: Eja Mater, fons amoris O Mutter, Quell der Liebe, me sentire vim doloris lass mich fühlen die Kraft des Schmerzes, fac, ut tecum lugeam. damit ich mit dir traure. Dieses schlichte Intermezzo beginnt a capella mit einem Bass–Solo und erreicht dann mit dem Chor ein erstes Fortissimo Fac, ut ardeat cor meum Mach, dass brenne mein Herz in amando Christum Deum, in der Liebe zu Christus, dem Gott, ut sibi conplaceam. damit ich ihm gefalle. Es folgt das Allegretto sotto voce, das trotzdem im Sechsachteltakt die Trauer noch pointiert. Das folgende Andante mosso beginnt sotto voce (mit leiser Stimme) bis zum plötzlichen Fortissimo im unisono. Nach der Reprise endet das Stück im Adagio sotto voce, zuerst ein-­‐, dann fünfstimmig. JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 12 / 15 Aus der Oper Aureliano in Palmira: L'Asia in faville è volta Freiheit, Wälder, Frieden: mit sanften Tönen werden die Annehmlichkeiten des Landlebens besungen, und es soll kein Feind noch Zwist mehr sein. L’asia in favilla è volta Combattono I possenti, Sol tra pastori e armenti Discordia entrar non sa. O care selve, o care stanze di libertà, Non fia che ferro ostile brillar fra noi si veda, Che non alletta a preda la nostra povertà. Tranquilli il sol ci lascia allor che si ritira, Tranquilli il sol ci mira si quando ritorno fa. Il Carnevale «Carnevale» ist 1821 in Rom entstanden. Rossini, der Geigenvirtuose Niccolò Paganini, der Schriftsteller D’Azeglio und die Sängerin Caterina Lipparini, die den Text erfunden hatten, zogen als Bettler verkleidet durch Venedig. Gerne wäre man dabei gewesen! JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 13 / 15 A USFÜHRENDE D A N IE L B E R IG E R (L E IT U N G ) Er erhielt seine musikalische Ausbildung (Klavier, Chorleitung, Orchesterleitung, Stimmbildung) am Royal College of Music in London (Ian Lake, Phyllis Sellick, Sir David Willcocks, Norman Del Mar) sowie an den Konservatorien Bern (Solistendiplom Klavier bei Karl Engel) und Lausanne (Dirigierstudium bei Hervé Klopfenstein). Es folgten Meisterkurse bei Jehudi Menuhin und Maurice Gendron, Weiterbildung bei Hamish Milne (London) und Jörg Ewald Dähler sowie Stimmbildung bei Dora Luginbühl und Brigitte Scholl. Schwerpunkte seiner musikalischen Tätigkeit waren bisher die Liedbegleitung und Kammermusik, ein Lehr-­‐ und Dirigierauftrag in Mexiko und die Leitung des Ensembles La Notte mit Uraufführungen zeitgenössischer Kompositionen. Heute steht die Chorleitung ganz im Vordergrund. Aufnahmen für Radio DRS in Duos mit Claudia Dora (Violine), Chu Y–Gong (Cello), Kurt Weber (Klarinette) und den Sängern Victor Pulver, Hans Peter Scheidegger und Brigitte Kuhn, CDs mit romantischer Musik für Klavier und Violine mit Laurence Speglitz, mit Uraufführungen des Komponisten Charles Uzor für grosses Ensemble bei col legno und mit dem Rossini-­‐
Vokalensemble. CD mit der Missa in a-­‐Moll des Bieler Komponisten Paul Hägler. Geplante Projekte: − Mitwirkung des Rossini-­‐Vokalensembles bei der Vesper im Berner Münster vom Samstag, 26. August 2017, 17.30 Uhr − Aufführungen von zeitgenössischen Werken von Charles Uzor 2017 mit dem Ensemble La Notte R O S S IN I -­‐V O K A L E N S E M B L E Es wurde im Jahr 2006 von Daniel Beriger gegründet. Als Initiator und musikalische Leiter hat er ein zweisprachiges Vokalensemble aus stimmlich geschulten Chorsängerinnen und -­‐sängern geformt, das Kompositionen von der alten Musik bis zur Gegenwart auf hohem Niveau interpretieren kann. Es besteht aus 15 Mitgliedern; vier davon sind Berufsmusiker, und zwei singen (als Laien) in den Opernchören der Stadttheater Bern und Biel. Dauerziele unseres Ensembles sind: − eine sehr differenzierte Arbeit an der Interpretation, inspiriert von den hochdetaillierten Bezeichnungen unseres Namensgebers Gioachino Rossini − die Förderung unseres zweisprachigen Ensembles − die Aufführung zeitgenössischer (Koch, Hägler, Burkhard) und wenig bekannter (Senfl) und – last but not least – Schweizerischer Komponisten, hier vertreten durch die Komponistinnen Caroline Charrière und Sally Jo Rüedi JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 14 / 15 Bisherige Projekte: November 2016 Leid und Trost Mozart, Mendelssohn, Fauré, Caroline Charrière März 2015 Konzertprojekt „Bach und der stile antico“ Bach, Palestrina, Mendelssohn, Francesco Gasparini. Karfreitag 2014 Bach–Choräle in der Stadtkirche Biel November 2011 A cappella: Ludwig Senfl – G. Rossini – Willy Burkhard September 2010 CD–Aufnahme mit der „Missa in a-­‐Moll“ von Paul Hägler März 2010 J.S. Bach: Kantaten „Gottes Zeit“ und „Himmelskönig“ BWV 106/1051 April 2009 J. S. Bach / J. H. E. Koch: Markuspassion (1731/1978) Januar 2009 Paul Hägler: Messe a-­‐Moll (1970) Februar 2008 Antonin Dvorák: Messe G-­‐Dur Februar 2007 Gioachino Rossini: Petite Messe Solennelle JUBILÄUM 10 JAHRE ROSSINI-­‐VOKALENSEMBLE 2017 – DANIEL BERIGER SEITE 15 / 15 
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