9.5 Zahnextraktion 9.5.1 Spezielles

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9 Zahnärztliche Chirurgie
쐌 Schleimhautschnitte sollten immer ca. 5 mm von der fixierten Gingiva entfernt in
Cave
UK-Fraktur nach ausgedehnter Osteotomie bei operativer Weisheitszahnentfernung
쐌 Sog. tunnellierende Defekte (palatinal-vestibulär) im Bereich des Alveolarfortsatzes
sind wegen des hohen Risikos einer Wundheilungsstörung möglichst zu vermeiden.
쐌 Kommt es intraoperativ zu einer stärkeren Blutung, die eine Fortsetzung des Ein-
griffs aufgrund mangelnder Übersicht nicht zulässt, so muss die Operation abgebrochen und zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt werden, ggf. muss die Überweisung in die Fachklinik erfolgen.
쐌 Die Schädigung gesunder Nachbarstrukturen (N.alveolaris inferior, N. lingualis,
Nachbarzähne, Zahnkeime etc.) ist zu vermeiden. Tritt intraoperativ eine derartige
Komplikation auf, muss der Patient umgehend hierüber aufgeklärt werden und ggf.
die Überweisung in eine Fachklinik zur Weiterbehandlung unverzüglich in die Wege
geleitet werden.
9.5
Zahnextraktion
9.5.1 Spezielles Instrumentarium (Zangen / Hebel)
Die Zahnentfernung ist mit Zange, Hebel oder durch kombinierte Anwendung beider Instrumente möglich.
Zangen sind den anatomischen Gegebenheiten der einzelnen Zahngruppen angepasst,
sodass für die Extraktion von Oberkiefer- und Unterkieferzähnen unterschiedliche konfigurierte Instrumente benötigt werden (Abb. 9.10 u. 9.11)
Oberkieferzangen sind über die Fläche, Unterkieferzangen über die Kante gebogen
(Ausnahme: Zange für untere Weisheitszähne).
Für Oberkiefermolaren steht für jeden Quadranten ein unterschiedliches Modell zur
Verfügung („Zacke zur Backe“).
Während sich die Branchen bei den bislang genannten Zangen nicht vollständig
schließen lassen, ist dies bei Wurzelzangen stets der Fall.
Hebelinstrumente eigenen sich sowohl zur Entfernung von Zahnwurzeln wie auch von
vollständigen Zähnen. Es werden paarige Hebel (Barry, Bajonett) von beidseitig verwendbaren Instrumenten (Hohlmeißel nach Bein) unterschieden, die mit unterschiedlichen
Größen des Arbeitsendes angeboten werden.
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der beweglichen Schleimhaut gelegt werden, nur so ist anschließend ein sicherer
Wundverschluss möglich, Nähte im Bereich der fixierten Gingiva reißen meist bereits beim Knoten aus.
쐌 Wundränder bedürfen einer sorgfältigen Behandlung und müssen mit Wundhaken
von rotierenden Instrumenten ferngehalten werden, ausgefranstes oder gequetschtes Gewebe ist für die primäre Wundheilung nicht geeignet.
쐌 Bei Osteotomien ist auf sparsames Abtragen des Knochens zu achten
9.5 Zahnextraktion
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a
b
c
d
Abb. 9.11 Zangen für die Schneidezähne,
Eckzähne und Prämolaren (a) sowie für Molaren (b) des Unterkiefers (nach Schwenzer u.
Grimm 1990).
a
b
9.5.2 Indikation / Kontraindikation
Die Indikation zur Zahnentfernung wird in Anbetracht der Fortschritte der konservierenden und prothetischen Zahnheilkunde heute wesentlich enger gesehen, der Entscheidungsprozess zur Extraktion ist häufig schwieriger als deren eigentliche Durchführung.
Absolute Indikationen zur Zahnentfernung
쐌 Caries profunda ohne Möglichkeit zum Erhalt des Zahns
쐌 Chronisch apikale Parodontitis unter Mitbeteiligung des Knochens, der Kieferhöh-
lenschleimhaut oder der Weichteile
쐌 Herdverdacht
쐌 Vor geplanter Organtransplantation oder Strahlentherapie
쐌 Fortgeschrittene Parodontopathien
쐌 Posttraumatisch bei ausgedehnten Resorptionen
쐌 Tumoren des Alveolarfortsatzes (als Blockresektion mit dem befallenen Knochen)
쐌 Rezidivierende Epulitiden
쐌 Zähne im Bruchspalt, wenn diese mit der Mundhöhle in Kontakt stehen
쐌 Retinierte Zähne mit follikulärer Zyste oder bei Gefährdung des Nachbarzahns
쐌 Angeborene Zähne
쐌 Kieferorthopädisch andersweitig nicht lösbarer Platzmangel
쐌 Zähne außerhalb der Zahnreihe ohne Möglichkeit der kieferorthopädischen Einstel-
lung
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Abb. 9.10 Zangen für
die Zähne des Oberkiefers (nach Schwenzer u.
Grimm 1990):
a Zange für obere
Frontzähne,
b Zange für obere
Prämolaren,
c u. d Zangenpaar für
obere Molaren.
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9 Zahnärztliche Chirurgie
Kontraindikationen zur Zahnextraktion
Kontraindikationen zur Zahnextraktion sind vorwiegend bei Alllgemeinerkrankungen
gegeben und können häufig durch entsprechende Vorbehandlungen ausgeräumt werden.
Hiervon abzugrenzen ist die Zahnextraktion mit erhöhter Komplikationsrate aufgrund:
쐌 Hämorrhagischer Diathesen und Behandlung mit Antikoagulanzien
쐌 Akuter dentogener Entzündungen und Abszedierungen (Extraktion des „schuldigen“ Zahns)
쐌 Vorschädigung des Knochens durch ionisierende Strahlen (Gefahr der Osteoradionekrose)
9.5.3 Extraktionstechniken –
besondere Tricks, Erfahrungen
Der Erfolg jeder Zahnextraktion hängt von der Beherrschung der Technik und vom sinnvollen Einsatz des Instrumentariums ab, die Kenntnis der Anatomie stellt die wesentliche
Grundvoraussetzung hierfür dar.
Für die einzelnen Zahngruppen im Ober- und Unterkiefer sind die beschriebenen
Techniken (Extraktionsbewegung, Zangentyp, Abstützung etc.) hauptsächlich durch die
Zahn- und Wurzelform sowie die Beschaffenheit des Zahnfachs vorgegeben (Abb. 9.12 u.
a
b
c
Abb. 9.12 Zahnextraktion im Oberkiefer (nach Schwenzer u. Grimm 1990):
a Technik der Extraktion eines Schneidezahns,
b Technik der Extraktion eines Prämolaren,
c Technik der Extraktion eines Molaren.
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Beispiele:
쐌 Akute Leukosen und andere myeloproliferative Erkrankungen
쐌 Echte Hämophilien
9.5 Zahnextraktion
341
a
b
c
9.13). Dennoch muss der Behandler jederzeit in der Lage sein, von diesen standardisierten Techniken abzuweichen, wenn dies erforderlich wird.
Die angegebenen Extraktionsbewegungen sind nur als Grundgerüst für die geeignete Technik zu sehen, bei deren Beachtung meist eine sichere Zahnentfernung gelingt
(Tabelle 9.2).
Der erfahrene Behandler erkennt bereits nach ersten vorsichtigen Luxations- oder
Rotationsbewegungen, in welcher Richtung eine schonende und sichere Extraktion rasch
gelingt und wird in Einzelfällen auch andere Luxationsbewegungen ausführen.
Die Anwendung des Hebels zur Zahnextraktion ist in vielfältiger Weise möglich. Sowohl die Überdehnung des Parodonts durch Einführen des Arbeitsendes des Hohlmeißelhebels in den Parodontalspalt als auch die Entfernung von Wurzelresten und bei geschlossener Zahnreihe die Extraktion von Molaren gelingt mit diesen Instrumenten
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Abb. 9.13: Zahnextraktion im Unterkiefer
(nach Schwenzer u. Grimm 1990):
a Extraktionstechnik Schneidezähne,
b Extraktionstechnik linker Prämolar,
Behandler steht vor dem Patienten,
c Extraktionstechnik rechter Prämolar,
Behandler steht hinter dem Patienten.
Tabelle 9.2
9 Zahnärztliche Chirurgie
Extraktionsbewegungen bei der Zahnentfernung
OK
UK
Frontzahn
Rotation, Luxation nach vestibulär
Rotation, Luxation nach vestibulär
Eckzahn
Rotation, Luxation nach vestibulär
Rotation, Luxation nach vestibulär
1. Prämolar
Luxation nach vestibulär
Rotation, Luxation nach vestibulär
2. Prämolar
Luxation nach vestibulär
Rotation, Luxation nach vestibulär
1. und 2. Molar
Luxation nach vestibulär
Luxation nach lingual
Abb. 9.14 a Hohlmeißelhebel nach Bein,
b u. c Anwendung zur
Wurzelentfernung
(nach Schwenzer u.
Grimm 1990).
a
b
c
(Abb. 9.14). Eine wesentliche Voraussetzung für die Hebelextraktion ist die Schaffung
eines Ansatzpunkts, von dem aus der Hebel die ausgeführte Drehbewegung auf den zu
luxierenden Zahn oder Wurzelrest übertragen kann.
9.5.4 Komplikationen
Komplikationen während oder nach der Zahnentfernung können entweder durch anatomische Besonderheiten oder durch mangelhafte Technik bedingt sein. Jeder zahnärztlich-chirurgisch Tätige muss in der Lage sein, den Zwischenfall zu erkennen, und die notwendigen Behandlungsschritte beherrschen.
Wichtige Komplikationen sind:
쐌 Verletzung von Nachbarzähnen (hauptsächlich bei Hebelextraktionen)
쐌 Weichteilverletzungen (Quetsch-Riss-Wunden der Schleimhaut, Mundbodenverletzung)
쐌 Verletzungen des Knochens:
Abriss von Teilen des Alveolarknochens, diese müssen entfernt werden; beim Tuberabriss Replantation und Schienung des Segments
쐌 Eröffnung der Kieferhöhle:
– bei gesunder Kieferhöhlenschleimhaut sofortige plastische Deckung (max. 24
Stunden nach dem Ereignis) indiziert
– bei vorbestehender Sinusitis Vorbehandlung (Antibiose, abschwellende Nasentropfen, Spülbehandlung) bis zum Abklingen der Entzündung.
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– plastische Deckung des Defekts mit Zahnfleisch-Periost-Lappen aus der Wange
oder bei großer Perforation mittels arteriell gestieltem Palatinalappen; postoperativ Eingliedern einer Verbandplatte (Abb. 9.15 u. 9.16).
Wurzelverlagerung in die Kieferhöhle:
möglichst sofortige Lokalisationsdiagnostik und Entfernung des dislozierten Wurzelfragments aus der Kieferhöhle
Verlagerung von Wurzelresten in den Mandibularkanal:
rasche Entfernung des Fragments über die Alveole oder über einen vestibulär angelegten Knochendeckel; sonst Gefahr der Druckschädigung des N. alveolaris inferior
Aspiration und Verschlucken von Zahnteilen:
sofortige weiterführende Diagnostik (Endoskopie, Röntgen) und endoskopische Entfernung
Blutung und Nachblutung:
Wundinspektion, Aufbisstupfer, falls nach 20 min keine Blutstillung erreicht wird,
muss die Alveole mit Matratzennähten versorgt werden
Wundheilungsstörung (infizierte Alveole oder Dolor post extractionem)
meist 3 – 4 Tage nach Extraktion, Revision der Alveole in Lokalanästhesie, Spülung
mit 3%igem Wasserstoffperoxid, Drainage mit Salbenstreifen
a
b
c
Abb. 9.15 Plastische Deckung einer Mund-Antrum-Verbindung durch einen vestibulär gestielten
Zahnfleisch-Periost-Lappen aus der Wange (nach Schwenzer u. Grimm 1990):
a trapezförmiger Schnitt,
b Periostschlitzung zur Verlängerung,
c spannungsfreie Naht.
Abb. 9.16 Deckung einer Mund-AntrumVerbindung mittels arteriengestieltem Palatinalappen (nach Schwenzer u. Grimm 1990):
a Bildung des Lappens,
b eingelagerter Lappen; Entnahmestelle wird
tamponiert und heilt sekundär.
a
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