Heilsame Erfahrung

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Gesellschaft | Wochenbett
Die Frauen
sind zufrieden:
Fabio
nimmt zu!
Heilsame
Erfahrung
Frauen gehen nach der Geburt immer früher nach
Hause. Damit verkürzt sich die Pflege im Wochenbett.
Studien zeigen, dass das Risiko einer postpartalen
Depression sinkt, wenn Wöchnerinnen zu Hause
professionell betreut werden.
Text Veronica Bonilla Gurzeler Fotos Gaëtan Bally
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Gesellschaft | Wochenbett
«Die Psyche braucht im Wochenbett besondere Aufmerksamkeit.»
I
n der linken Hand trägt sie ein
Köfferchen, in der rechten eine Babywaage
– mehr braucht Regula Scherler nicht für
den Wochenbettbesuch bei Familie Germann. Zum vierten Mal ist sie hier und wird
mit Küsschen links und rechts begrüsst wie
eine alte Bekannte. Die Tage nach der Geburt sind eine intime Zeit voller Höhen und
Tiefen. Fühlt sich eine Frau verstanden und
ernst genommen mit ihren häufig zwiespältigen Gefühlen, ihren Ängsten, Sorgen,
Freuden und ihrer Verletzlichkeit, stellt sich
schnell Nähe ein. Regula Scherler sieht auf
ihren Besuchen oft Tränen fliessen. «Die
Psyche braucht im Wochenbett besondere
Aufmerksamkeit», sagt die diplomierte
Pflege­fachfrau. Auch bei Karin Germann.
Nichts wie weg
Es war Sonntagmorgen fünf Uhr früh, als
die junge Mutter vom Spitalbett aus ihren
Mann anrief und sagte: «Chrigi, ich will
heim! Bitte hol mich ab!» Knapp drei Tage
vorher hatte sie per Kaiserschnitt Fabio geboren, ihr zweites Kind. Sie hatte versucht,
zu stillen, doch wie schon bei der Tochter
wollte es auch dieses Mal nicht klappen. «So
sehr ich es mir gewünscht habe», seufzt die
35-Jährige.
Die Trauer darüber war gross. Karin Germann wollte nur noch eins: zu ihrem Mann,
zu ihrer Tochter. Sie sehnte sich nach der
tröstlichen Umgebung des eigenen Zuhause.
«Ich merkte, im Spital werde ich depro.» Ihr
Zustand war allerdings noch nicht stabil.
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Die Kaiserschnittnarbe benötigte Überwachung, die gestaute Milch verursachte
Schmerzen in den Brüsten. Doch zum Glück
hatte Karin Germann vorgesorgt und eine
Wochenbettbetreuung organisiert. Das
Kantonsspital Baden hätte sie sonst nicht
nach Hause entlassen.
Beim Gynäkologen war ihr ein paar Wochen vor der Geburt ein Flyer der InternetPlattform wochenbettbetreuung.ch in die
Hände gekommen – ein Angebot, das es erst
seit etwas mehr als einem Jahr gibt. Gründerin ist Regula Scherler (32), Pflegefachfrau mit 30-Prozent-Pensum in der Wochen­
bettabteilung des Kantonsspitals Baden und
Mutter von drei Kindern im Alter zwischen
vier und acht Jahren. Die Idee für das An-
Hilfe für die
ersten Tage
50 bis 80 Prozent aller Frauen fallen
nach der Geburt in ein Stimmungstief,
aus welchem sich eine postpartale
Depres­sion entwickeln kann. Verschiedene Studien zeigen, dass eine
umfassende Wochenbettbetreuung, bei
welcher die Frauen medizinisch
versorgt werden, aber auch über ihre
Gefühle sprechen können, das Risiko
für eine postpartale Depression senkt.
Das steht Ihnen zu:
♦ Bis zum 10. Tag nach der Geburt
täglich ein Besuch einer Hebamme oder
einer Pflegefachfrau. Die Krankenkasse
übernimmt sämtliche Kosten.
♦ Ab dem 11. Tag nach der Geburt ist
für weitere Wochenbettbesuche eine
ärztliche Verordnung nötig. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten abzüglich
Franchise und Selbstbehalt.
♦ 3 Stillberatungen. Die Krankenkasse
übernimmt die vollen Kosten.
➺ www.wochenbettbetreuung.ch
➺ www.hebamme.ch
gebot tauchte im Frühsommer 2010 auf:
«Ich suchte für eine Frau, die bei uns geboren hatte, eine freiberufliche Hebamme für
das Wochenbett und konnte niemanden finden, der verfügbar war», erzählt Regula
Scherler. Von einer Hebamme erfuhr sie,
dass sich auch Pflegefachfrauen selbstständig machen und Wöchnerinnen betreuen
können. Dieser Gedanke liess Regula Scherler nicht mehr los.
Das Spital ist kein Hotel
Schon damals war klar, dass mit der Fallpauschale, die im Januar 2012 eingeführt
wurde, die Frauen nach der Geburt tendenziell früher entlassen würden. Das Spital sei
kein Hotel, so der Tenor der Finanzkontrolleure. «Gegen eine baldige Rückkehr nach
Hause spricht nichts, wenn die Mutter gesund ist und es sich zutraut», sagt auch ­Doris
Güttinger, Geschäftsleiterin des Schweizerischen Hebammenverbands. Ihre einzige
­Bedingung: «Die Nachsorge muss gewährleistet sein.» Die Befürchtung, dass es hier
vermehrt zu Engpässen komme, war in letzter Zeit insbesondere von Hebammen immer wieder zu hören. In diese Lücke können nun die Pflegefachfrauen springen.
An Fachwissen und Erfahrung fehlt es
ihnen nämlich nicht: 80 Prozent der Betreue­
rinnen in den Wochenbettabteilungen der
Spitäler sind nicht Hebammen, sondern
Pflegefachfrauen. Was letzteren bis anhin
fehlte, war eine einfache und praktische
Website, auf welcher Angebot auf Nachfrage
trifft. Das sollte sich ändern. Voller Elan
packte Regula Scherler die Entwicklung
einer solchen Plattform an. Mit wenigen
Klicks sollten Wöchnerinnen Wochenbett­
betreuerinnen in ihrer Nähe finden können.
Technische Unterstützung, aber auch viele
praktische Tipps erhielt die Macherin von
ihrem Schwager. Drei Monate später war
wochenbettbetreuung.ch online.
So funktionierts: Die Anbieterin erstellt
ein Profil mit Foto, Angebot und Verfügbarkeit, welches sie jederzeit anpassen kann,
beispielsweise wenn sie ausgelastet ist und
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Zentrale Fragen für Pflegefachfrau Regula Scherler (vorne): Ist Fabio noch gelb? Trinkt er genug? Fühlt sich Karin Germann besser?
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Gesellschaft | Wochenbett
«Ich arbeite gerne vernetzt, wenn es dem Wohl der Frauen dient.»
Alles dabei: der
WochenbettArbeitskoffer.
kurzfristig keine Kundinnen annehmen
kann. Einzig unter Qualifikationen kann
sie nichts ändern. «Ich verlange Diplome
oder Arbeitszeugnisse. Aufgeschaltet
wird zudem nur, wer zwei Jahre auf einer Wochenbettabteilung gearbeitet hat
und mir ein Zeugnis zuschickt», sagt
­Regula Scherler. Die Nachfragerin wählt
die gewünschte Dienstleistung, Verfügbarkeit sowie die Region aus, kann das
Profil einer passenden Anbieterin anschauen und diese dann kontaktieren.
Tag und Nacht erreichbar
Das hat auch Karin Germann gemacht –
und weil Regula Scherler fast um die
Ecke wohnt, schaute diese einen Tag
nach der Spitalentlassung zum ersten
Mal bei Familie Germann vorbei. Sie versorgte die Kaiserschnittnarbe und Fabios
Nabel. Überwachte die Gebärmutterrückbildung, die Brustentzündung, die
latente Neugeborenengelbsucht. Und versicherte Karin Germann, dass sie ihrem Sohn
auch eine gute Mutter sein könne, wenn sie
ihn nicht stille. Kein einfaches Thema. Eine
Woche nach der Geburt, in der Nacht, verschlechterte sich Karin Germanns Zustand.
Wallungen wechselten sich ab mit Schüttelfrost, sie weinte und weinte. Auch die
Brustentzündung wurde nicht besser. ­Regula
Scherler war klar, dass sie die Mutter bald
zum Arzt würde schicken müssen.
Am nächsten Tag sind die Tränen versiegt. «Ich ging um acht Uhr abends schlafen und als ich drei Stunden später aufwachte, fühlte ich ich mich völlig gesund»,
erzählt Karin Germann strahlend. Ihr Mann
habe sich derweil um Fabio gekümmert.
«Danach hielt uns der Kleine bis um halb
fünf auf Trab.» Ein Glück, dass Christoph
zwei Wochen Ferien habe.
Regula Scherler hatte geahnt, dass es aufwärts geht bei Familie Germann, da sie nach
dem gestrigen Besuch nichts mehr gehört
hatte. Für ihre Frauen ist sie in Notfällen
rund um die Uhr telefonisch erreichbar.
Etwa einen halben Tag pro Woche arbeitet Regula Scherler momentan als selbstständige Wochenbettbetreuerin, daneben ist
sie weiterhin als Pflegefachfrau angestellt im
Spital Baden. Viel Zeit investiert sie in ihr
Gut betreut?
Wie haben Sie die Unterstützung nach
der Geburt Ihres Kindes durch Hebammen, Ärztinnen und Ärzte, Mütterberaterinnen und Pflegefachpersonen erlebt?
Eine Umfrage der Hochschule
Luzern macht die Qualität der
Betreuung zum Thema. Voraussetzung
für die Teilnahme: Geburt des Kindes
nach dem 1.1.2011. Zeitaufwand
für den Fragebogen: 15—20 Minuten.
➺ Info: [email protected]
«viertes Kind», wie sie ihre Website gerne
nennt. «Wenn andere abends auf Facebook
ihre Freundschaften pflegen, arbeite ich an
der Plattform», sagt sie – ohne das geringste
Bedauern in der Stimme. Einen Dämpfer
erhielt sie allerdings von Hebammenseite.
«Nach der Aufschaltung der Website bekam
ich mehrere böse Mails von Hebammen, die
mir und meinen Kolleginnen die Berech­
tigung für eine professionelle Wochenbettbetreuung absprechen wollten», erzählt sie.
Einen kurzen Moment lang habe sie sich
überlegt, die Plattform wieder zu löschen.
Enttäuscht hat sie auch, dass der Hebammenverband seine Internetseite nicht mit
der ihren verlinken will. Von Verbandsseite
gibt man zu verstehen, dass manche Hebammen die Pflegefachfrauen als Konkurrenz empfinden würden. Regula Scherler
findet das schade, sie sagt: «Ich arbeite
gerne vernetzt, wenn es dem Wohl der
Frauen dient.»
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