Skript Werkstoffe_im_Bauwesen_FS10

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MINERALISCHE BINDEMITTEL
1
BETON
2
MAUERWERK
3
STAHL
4
HOLZ
5
KUNSTSTOFFE
6
Inhaltsverzeichnis
1
MINERALISCHE BINDEMITTEL
1.1
Einleitung
1.2
Lehm
1.2.1
1.2.2
1.2.3
1.2.4
Zusammensetzung
Herstellung
Verwendung
Eigenschaften
Plastizität
Kapillarkondensation
Erhärtung
1.3
1.3.1
1.3.2
Gips
Zusammensetzung
Herstellung
Halbhydrat
Calciumsulfathalbhydrat
Anhydrit III
Anhydrit II
Anhydrit II + CaO
1.3.3
Gipssorten
Stuckgips (Halbhydratgips)
Putzgips (Mehrphasengips)
Estrichgips (Hochbrandgips)
Anhydritbinder
1.3.4
1.3.5
1.4
1.4.1
Erhärtung
Eigenschaften und Verwendung
Kalk
Luftkalk
Zusammensetzung
Kalkbrennen (Kalzinieren)
Kalklöschen
Erhärten des Luftkalks
Eigenschaften und Anwendung des Luftkalks
1.4.2
Hydraulischer Kalk
Zusammensetzung
Erhärtung
Puzzolane Reaktion
Porenbeton
1.5
1.5.1
Zement
Zusammensetzung und Herstellung
Aufbereitung
Brennen des Zementes
Zementzusätze
Mineralische Zusammensetzung
1.5.2
Hydratation des Zementes
Hydratation von C3S
Hydratation von C2S
Hydratation von C3A
Hydratation von C4AF
1.5.3
Eigenschaften des Zements
9
10
10
10
10
10
10
10
11
12
12
12
12
12
13
13
13
13
13
13
13
13
14
14
16
16
16
16
16
16
17
18
18
18
18
19
19
19
19
20
20
22
22
22
24
24
25
25
3
Erstarren
Festigkeitsentwicklung
Hydratationswärme
Chemisches Schwinden (Schrumpfung)
Quellen und Schwinden
Carbonatisierung
1.5.4
Zementsorten
Weisszement
Tonerdeschmelzzement (TSZ)
Hochofenzement (HOZ)
2
BETON
2.1 Definition
35
2.2 Rohstoffe zur Betonherstellung
35
2.2.1
2.2.2
2.2.3
35
35
35
36
37
38
38
38
38
39
39
39
Zement
Anmachwasser
Zuschläge
Korngrössenverteilung
2.2.4
2.2.5
2.2.6
Betonzusatzmittel
Betonzusatzstoffe
Betonrezept
Wasserzementwert
Grösstkorn und Sieblinie
Körnungsziffer
Wasseranspruch einer Kornzusammensetzung
Stoffraumgleichung
2.3 Eigenschaften des Betons
41
2.3.1
41
43
43
43
43
43
45
46
46
46
47
Eigenschaften von Frischbeton
Verhinderung von thermischen Rissen
Nachbehandlungen
2.3.2
Eigenschaften von Festbeton
Porosität
Wasserdichtigkeit und Frostbeständigkeit
Festigkeit
2.3.3
Zeitabhängige Eigenschaften
Kriechen
Schwinden
Dauerhaftigkeit von Beton
3
4
25
26
27
28
28
29
30
31
31
32
MAUERWERK
3.1 Einleitung
49
3.2 Mauermörtel
49
3.2.1
49
Definition, Zusammensetzung
Inhaltsverzeichnis
3.2.2
Bestandteile
Sand
Bindemittel
Wasser
Zusatzmittel
3.2.3
Einteilung und Eigenschaften
Kalkmörtel
Zementmörtel
Mörtel für Schornsteine
3.3
Mauersteine
3.3.1
Steinarten und Sortiment
Kalksandsteine
Hüttensteine (D)
Betonsteine
Porenbetonsteine
Backsteine (D: Mauerziegel)
Steinformate
Qualitäten der Steine
3.3.2
Eigenschaften und Kontrollen
Druckfestigkeit
Querzugfestigkeit
Spezifische Saugfähigkeit
Rohdichte
3.4
Mauerwerk
3.4.1
3.4.2
3.4.3
Aufgaben
Mauerwerksarten
Eigenschaften
Druckfestigkeit
Zugfestigkeit
Verformungsverhalten (E-Modul)
3.4.4
Schäden
Folgen von Formänderungen
Schäden an Flachdecken
Schäden an Fenstern
Schäden durch Schwinden
Schäden wegen der Durchbiegung der Geschossdecke
Schäden an unbelasteten Decken
Schäden an belasteten Decken
Schäden bei Verbundbauweise
Massnahmen zur Verhinderung von Rissen
4
50
50
50
50
50
50
51
51
51
52
52
52
52
52
52
52
52
53
53
53
54
54
54
55
55
55
55
55
56
56
57
57
57
58
58
58
58
58
59
60
STAHL
4.1
Allgemeine Eigenschaften
63
4.2
Herstellung
63
4.2.1
4.2.2
Eisenerze
Roheisengewinnung
Aufbereitung
Hochofenprozess
4.2.3
Hochofenschlacke
63
63
63
63
64
5
4.2.4
4.2.5
Gusseisen
Stahlgewinnung
4.3 Kristallographie und Gefüge des Stahls
65
4.4 Mechanische Eigenschaften
67
4.4.1
4.4.2
67
68
68
68
68
68
69
Spannungs-Dehnungsdiagramm
Verändern der mechanischen Eigenschaften durch Vorbehandlung
Verändern des Kohlenstoffgehaltes
Legierungen
Thermomechanisches Behandeln
Kaltverformen
Wärmebehandlung (Glühen, Abschrecken, Anlassen)
4.5 Stahlsorten
70
4.5.1
4.5.2
70
70
5
Baustähle
Betonstahl
HOLZ
5.1 Einleitung
73
5.2 Chemischer Aufbau
73
5.2.1
5.2.2
5.2.3
5.2.4
73
73
73
74
Zellulose
Hemizellulosen
Lignin
Harze und Fette
5.3 Biologisch-physikalischer Aufbau
74
5.3.1
5.3.2
75
75
Nadelholzgefüge
Laubholzgefüge
5.4 Eigenschaften
76
5.4.1
5.4.2
5.4.3
5.4.4
5.4.5
Dichte
Holzfeuchtigkeit
Formänderungen durch Feuchtigkeitsänderungen
Thermische Eigenschaften
Festigkeiten
5.4.6
5.4.7
Formänderungen bei Belastung
Brucherscheinungen im Holz bei Belastung
77
77
77
79
80
83
83
83
83
84
84
84
Vergleich Holz-Beton
Schubbruch
Spaltungen
Keilbruch
5.4.8
Zusammenfassung
5.5 Verwendung
Holzdecken mit Beton- oder Mauerwerkswänden, Kondensationsgefälle
6
65
65
85
85
Inhaltsverzeichnis
5.6
Holzwerkstoffe
Volltränken
Spanen
Sägen und Verleimen
85
85
85
85
6 KUNSTSTOFFE
6.1
Einleitung
89
6.2
Chemischer Aufbau
89
6.2.1
6.2.2
6.2.3
6.2.4
6.3
6.3.1
6.3.2
6.3.3
6.3.4
6.3.5
Einteilung
Polymerisate
Polykondensate
Polyaddukte
Einteilung der Kunststoffe
Einleitung
Thermoplaste
Elastomere
Duromere
Struktur
Vulkanisierung
6.4
6.4.1
6.4.2
6.4.3
6.4.4
6.4.5
6.4.6
6.5
6.5.1
6.5.2
6.5.3
6.5.4
6.5.5
Eigenschaften der Kunststoffe
Dichte
Schrumpfen
Mechanische Eigenschaften
Thermische Eigenschaften
Chemisches Verhalten
Alterung
Kunststoffe im Bauwesen
Vorteile, Nachteile und Anwendungen
Glasfaserverstärkte Kunststoffe (GFK)
Schaumkunststoffe
Polymerbetone und Polymermörtel
Reparaturmörtel
89
89
89
90
90
90
91
91
91
92
92
92
92
93
93
93
96
96
96
96
97
97
98
98
7
Einleitung
1
1.1
MINERALISCHE BINDEMITTEL
1
EINLEITUNG
• lufterhärtende Bindemittel:
Mineralische Bindemittel
Bindemittel sind Stoffe, welche die Aufgabe haben, Gemenge von mineralischen Stoffen
im plastischen Zustand zu einem Verbundwerkstoff zu verkitten. Dabei unterscheidet
man zwischen den organischen und den mineralischen Bindemitteln. Organische Bindemittel sind beispielsweise Bitumen, Kunststoffe oder Asphalt. Die wichtigsten mineralischen Bindemittel wie Zement, Kalk oder Gips sind pulverförmige Stoffe, die durch die Zugabe von Anmachwasser zu einem festen Stoff erhärten.
Die mineralischen Bindemittel werden in zwei Hauptgruppen unterteilt:
Lufterhärtende (nichthydraulische) Bindemittel
erhärten nur an der Luft und müssen deswegen
partiell austrocknen. Sie sind im erhärteten Zustand wasserlöslich.
• hydraulische Bindemittel:
Hydraulische Bindemittel erhärten an der Luft
und unter Wasser. Sie sind im erhärteten Zustand wasserbeständig.
Durch die Wasserzugabe entsteht aus den Bindemitteln Bindemittelleim, der sich durch
chemische Umsetzungen und physikalische Oberflächenkräfte zu einem festen Stein verfestigt. Um einen Verbundwerkstoff zu erhalten, wird dem Bindemittelleim Zuschlag zugegeben. Je nach Zuschlag erhält man unterschiedliche Werkstoffe:
•Bindemittelleim + Sand (max. Korndurchmesser ≤ 8 mm)→Mörtel
•Bindemittelleim + Sand/Kies (max. Korndurchmesser > 8 mm)→Beton
Bindemittel
mineralische
lufterhärtende
• Lehm
• Gips
• Kalk
hydraulische 1)
• Zement + Zusatzstoffe 2)
organische
Bitumen
Harze
• Asphalt
• Epoxyde
• Polyester
PCC
Polymer Cement Concrete
1) erhärtet unter Wasser und das entstehende Produkt ist wasserbeständig
2) Gesteinsmehl, Flugasche, Hochofenschlacke
Abbildung 1.1: Einteilung der Bindemittel
9
Lehm
1.2
LEHM
1.2.1
Zusammensetzung
Lehm gehört zu den lufterhärtenden mineralischen Bindemittel. Er besteht aus Wasser
und kleinen Tonplättchen mit einem Teilchendurchmesser von ungefähr 1 µm. Diese Plättchen sind im wesentlichen wasserhaltige Aluminiumsilicate, welche durch die Verwitterung des Minerals Feldspat entstehen.
1.2.2
Herstellung
Lehm ist der weltweit am meisten verwendete Baustoff und benötigt keine Energie zur
Herstellung. Damit der Lehm verarbeitbar wird, muss zunächst Wasser hinzugegeben
werden, so kann aus dem festen ein bildsamer Lehm entstehen. Unter Wasserlagerung
entsteht eine Suspension.
1.2.3
Tonleim
Lehm + H2O + Sand
=
Lehmmörtel
Lehm + H2O + Sand + Kies
=
Lehmbeton
Al2O3 · 2SiO2 · 2H2O + nH2O
⇔ Al2O3 · 2SiO2 · (H2O)n+2









=







Lehm + H2O
Lehm
Tonleim
Verwendung
Der Lehm ist das Ausgangsprodukt der traditionellen Keramikprodukte. Im Bauwesen
kann der Lehm beim Staudammbau eingesetzt werden, wo der Lehm keine tragende sondern eine abdichtende Funktion hat. Er wird vor allem in Entwicklungsländern im Hochbau (Häuser, gebrannte Backsteine) und im Strassenbau eingesetzt. Da der Lehm nicht
feuchtebeständig ist, sollte er in trockener Umgebung verwendet werden.
1.2.4
Eigenschaften
Plastizität
Durch die besondere Struktur der Lehmteilchen (Plättchen mit einer geringen Dicke) hat
der Lehm ein ausgesprochen plastisches Verhalten. Als Plastizität bezeichnet man die
Möglichkeit eines Werkstoffes grosse Schubverformungen ohne Bruch auszuhalten. Dieses plastische Verhalten ist beim Lehm stark vom Feuchtigkeitsgehalt abhängig.
Kapillarkondensation
Die Kohäsion des getrockneten Lehms ist durch Kapillarkräfte gegeben. Diese Kapillarkräfte entstehen durch Menisken in Werkstoffen mit Kapillarporen.
r
d
F
Wasser
F
r
Abbildung 1.2: Kapillarkondensation bei genügend feinen Sandteilchen
10
Lehm
2σ
∆p = -----r
(1.1)
∆p = Unterdruck [N/mm2]
σ = Oberflächenspannung von Wasser = 0.0729·10-3 [N/mm]
r = Radius des Meniskus [mm]
1
Mineralische Bindemittel
Die Kapillarkräfte werden grösser, falls die Radien der Menisken kleiner werden. Sie werden auch grösser, wenn die Oberflächen, auf welche sich der Unterdruck ∆p ausübt, grösser sind. Wird der Wasseranteil zwischen den beiden Körnern grösser, so werden die Radien der Menisken grösser und der kapillare Unterdruck strebt gegen Null. Wird jetzt das
Wasser dem System wieder entzogen, so werden die Radien kleiner und die aus dem kapillaren Unterdruck resultierende Kraft steigt.
Erhärtung
Der Lehm erhärtet durch Austrocknung. Beim Erhärtungsvorgang beginnt der kapillare
Unterdruck zu wirken und die Festigkeit nimmt zu. Aufgrund der Lehmteilchengrösse
kann die Festigkeit bis zu 10 N/mm2 ansteigen. Festigkeit und Verformbarkeit sind aber
stark feuchteabhängig (Abbildung 1.3). Mit sindendem Wassergehalt steigt die Festigkeit. Kurz vor Erreichen der maximalen Festigkeit von Regelton (fc ≈ 10 N/mm2)bildet sich
ein Plateau aus. Weitere Wasserreduktion führt bei grobem Ton zu inneren Schwachstellen, bei sehr feinem Ton bewirken die vielen physikalischen Kontaktflächen dann noch
eine Festigkeitssteigerung (van der Waals-Kräfte). Das Austrocknen des Lehms wird von
einer Volumenreduktion begleitet (Schwinden). Falls das Austrocknen sehr schnell stattfindet, schwinden die äusseren Schichten schneller als die inneren, was zu einer oberflächlichen Rissbildung führen kann. Um dies zu verringern, gibt man dem Lehm Sand
(und oft auch Kies) als Zuschlag bei.
fc [N/mm2]
feiner Ton
10
grober Ton
∆W
Abbildung 1.3: Abhängigkeit der Tondruckfestigkeit vom Wassergehalt
11
Gips
1.3
GIPS
1.3.1
Zusammensetzung
Hauptrohstoff ist der in der Natur vorkommende Gipsstein: CaSO4 · 2H2O (Calciumsulfat-Dihydrat)
Diese kristallwasserhaltige Verbindung bildet einen harten, dauerhaften und beinahe porenlosen Stein. Er wurde bei der Eintrocknung prähistorischer Seen ausgeschieden.
1.3.2
Herstellung
Das Bindemittel Gips wird aus der in der Natur vorliegenden Form CaSO4·2H2O durch Entzug des Kristallwassers hergestellt: dies wird durch eine Erhitzung erzielt und als Brennen
bezeichnet. Mit zunehmender Brenntemperatur steigt der Grad der Entwässerung.
Umwandlung des Gipssteins beim Erhitzen
Temp. in ˚C
<65
Moleküle Kristallwasser
2.0
1.5
65 - 180
180 - 240
240 - 600
Anhydrit III
Anhydrit II
>600
65˚C
Dihydrat
Halbhydrat
Anhydrit I
+ CaO
1.0
0.5
110˚C
180˚C
0
240˚C
600˚C
Abbildung 1.4: Die unterschiedlichen Stadien des Gipsbrennens
Halbhydrat
Entsteht bei Brenntemperaturen von 65 - 180 °C.
CaSO 4 ⋅ 2H 2 O → CaSO 4 ⋅ 1--2- H 2 O + 3--2- H 2 O
Calciumsulfathalbhydrat
Je nach Entwässerungsbedingungen können zwei Modifikationen von Halbhydrat entstehen: α- und β-Halbhydrat.
• α-Halbhydrat:entsteht, wenn man den Gips nicht im Kocher (offener Topf) sondern in geschlossenen Autoklaven (Dampfkochtopf) entwässert.
Dabei wird der freiwerdende Wasserdampf zum Teil zurückgehalten. Dieser löst das durch Wasseraustritt porig gewordene Kristallskelett um und bildet das kristalline α-Halbhydrat. Dieses ist
nicht porös, sondern dicht, und hat daher ein kleineres Volumen.
Ausserdem ist es feinkristallin und deshalb seidig glänzend.
• β-Halbhydrat:entsteht bei rascher Erhitzung in unten beheizten, oben offenen Anlagen. Dabei entweicht das Wasser fast plötzlich, erkennbar an
einem Strudeln. Das äussere Kristallgerüst bleibt dabei bestehen;
das ausgetriebene Wasser hinterlässt Hohlräume. Daher das
stumpfe, kreidige Aussehen.
In ihren Eigenschaften sind α- und β-Halbhydrat sehr unterschiedlich. Wegen fehlender
innerer Hohlräume sind die Dichte und das Schüttgewicht beim α-Halbhydrat grösser und
der Wasserbedarf geringer. Daraus ergeben sich grosse Festigkeitsunterschiede; das
α-Halbhydrat ergibt im Durchschnitt die dreifache Druck- und Zugfestigkeit des β-Halbhydrates. Auf die Ursache dieser Unterschiede wird im Abschnitt 1.3.4 noch näher eingegangen.
12
Gips
Anhydrit III
Im Temperaturbereich von 180 - 240 °C wird weiteres Kristallwasser bis auf einen Gehalt
von ca. 1% ausgetrieben.
CaSO 4 ⋅ 1--2- H 2 O → CaSO 4 ⋅ xH 2 O + ( 1--2- – x )H 2 O
1
Anhydrit II
CaSO 4 ⋅ xH 2 O → CaSO 4
Mineralische Bindemittel
Die letzten Anteile des Kristallwassers werden bei Temperaturen von 240 - 600 °C ausgetrieben und es entsteht Anhydrit II. Dieser reagiert nicht mehr von selbst mit Wasser
(Abschnitt 1.3.4) und wird deshalb auch totgebrannter Gips genannt.
Anhydrit II + CaO
Dies entsteht bei Temperaturen > 600 °C. Insbesondere im Temperaturbereich von 900 1100 °C erfolgt eine teilweise Zersetzung des Anhydrit II.
CaSO 4 → CaO + SO 3
Es entsteht CaO (gebrannter Kalk), welcher als Anreger für den an sich totgebrannten
Gips wirkt, weshalb dieser mit Wasser wieder erhärtet (Abschnitt 1.3.4).
1.3.3
Gipssorten
Die in der Praxis verwendeten Gipssorten sind Kombinationen mit unterschiedlichen
Mengenverhältnisse von den in Abschnitt 1.3.2 dargestellten Brennprodukten.
Tabelle 1.1: Zusammenstellung der unterschiedlichen Gipssorten
Brennprodukte mit dem jeweiligen Mengenanteil [%]
Gipssorte
Dihydrat
Halbhydrat
Anhydrit III
Anhydrit II
CaO
Zusätze
-5
--
80
30
--
20
15
--
-50
97
--3
----
Stuckgips
Putzgips
Estrichgips
AnhydritBinder
--
--
--
98
--
2
Verarbeitungszeit
[min]
Festigkeit
[N/mm2]
10 - 15
15 - 20
>6
>6
> 240
> 12
Stuckgips (Halbhydratgips)
Stuckgips wird bei Temperaturen zwischen 65 und 180 °C hergestellt und besteht zu ca.
80% aus Halbhydrat und ca. 20% Anhydrit III. Er muss bei der Verwendung fein gemahlen
sein.
Putzgips (Mehrphasengips)
Im Putzgips stehen Halbhydrat, Anhydrit III und Anhydrit II in einem bestimmten Verhältnis. Dies kann durch Verfahren erreicht werden, bei denen das Ausgangsprodukt
Gipsstein lokal unterschiedlich erhitzt wird.
Estrichgips (Hochbrandgips)
Estrichgips wird bei 900 bis 1000 °C gebrannt und besteht deshalb fast ganz aus Anhydrit
II und einem geringen Anteil CaO. Er erhärtet langsam und wird dicht und hart.
Anhydritbinder
Anhydrit II, der früher wegen fehlender Erhärtungseigenschaften als unbrauchbar galt,
wird heute zunehmend eingesetzt, nachdem er mit Zusatz von chemischen Anregern (z.B.
CaO oder Ca(OH)2) und einer sehr hohen Mahlfeinheit reaktionsfähiger gemacht wird.
13
Gips
1.3.4
Erhärtung
Die Erhärtung des Gipses ist die Umkehrung des Brennprozesses. Der Gips wird zweckmässigerweise in das Anmachwasser eingerührt. Das beim Brennen ausgetriebene Wasser
wird wieder in die Kristalle eingelagert. Dabei wird gerade soviel Wasser aufgenommen,
dass das Calciumsulfat-Dihydrat erneut gebildet wird. Dieser Prozess führt zu einem Versteifen und schliesslich zum Erstarren.
Beispiel: Erhärtung des Halbhydrates
CaSO 4 ⋅ 1--2- H 2 O + nH 2 O → CaSO 4 ⋅ 2H 2 O + ( n – 3--2- )H 2 O
Der Gips ist ein typisches Beispiel für einen rein kristallinen Erhärtungsvorgang. Durch
Verwachsen und mechanisches Verfilzen der entstehenden Gipskriställchen bildet sich ein
Kristallgefüge, das nach vollständigem Verdampfen des Porenwassers seine grösste Festigkeit zeigt. Da das Volumen der Mischungskomponenten Halbhydrat + Wasser grösser
ist als das des entstehenden Gipses, findet zunächst eine Kontraktion von 7 bis 9 Vol.-%
statt. Diese tritt kurz nach dem Anmachen im nicht erhärteten Zustand in Erscheinung
und wird dann durch die Expansion überlagert, welche durch die sich nach allen Seiten
ausbreitenden Kristalle verursacht wird und eine Ausdehnung der erhärtenden Masse zur
Folge hat. Diese Ausdehnung ist um so grösser, je grösser das Verhältnis Gips zu Wasser
ist und je kleiner dadurch der freie Wachstumsraum für die Gipskristalle ist.
Die Festigkeit der erhärteten Masse ist ebenfalls von dem Verhältnis Gips zu Wasser abhängig. Diesen Vorgang soll Abbildung 1.5 veranschaulichen. Ausgegangen wird von vier
modellmässigen Gipsteilchen, links mit viel Anmachwasser, rechts mit wenig. Aus den Gipsteilchen wachsen jeweils Kristalle derselben Grösse und Länge heraus. Bei hohem Wassergehalt (und damit grossem Teilchenabstand) sind die Bereiche der Kristalldurchdringung und Verfilzung klein; im Fall geringen Wassergehaltes hingegen gross. Da die Bereiche der Kristalldurchdringung die Zentren der Festigkeit sind, ergibt sich daraus, dass
wasserarme Mischungen Gipse von höherer Festigkeit ergeben als wasserreiche.
viel Anmachwasser
wenig Anmachwasser
Gips
Wasser
Wasser
Gips
Bereiche der Kristalldurchdringung
Abbildung 1.5: Gipserhärtung durch Kristallisation
1.3.5
Eigenschaften und Verwendung
Da man mit Gips (α-Halbhydrat und Anhydrit) dem Zementstein nahekommende Festigkeiten erreichen kann und der erhärtete Gips im Vergleich zum Zement chemisch sehr beständig ist, erscheint es unverständlich, warum der Gips als Baustoff für tragende Bauteile
keine Bedeutung hat. Der Grund liegt darin, dass Gips nicht wasserbeständig ist; er löst
sich im Wasser bis zu einem Gehalt von 2.5 g/l. Das hat zur Folge, dass die an sich gute Festigkeit des trockenen Gipses entscheidend verringert wird; schon 1% Feuchtigkeit im
Gips setzen die Festigkeit um ca. 60% herab.
14
AAAAAAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAAAAAA
Gips
Festigkeit in % der Trockenfestigkeit
100
Zementm
örtel
80
60
1
40
Gips
20
12
16
20
Mineralische Bindemittel
8
4
Feuchtigkeitsgehal in %
Abbildung 1.6: Abhängigkeit der Gipsfestigkeit vom Feuchtigkeitsgehalt
Obwohl Gips wasserlöslich ist, wird er häufig als Verputz verwendet. Dafür ist ein minimales Wasser zu Gips Verhältnis nötig. Dadurch wird eine geringe Porosität erreicht, und
die Poren sind nicht mehr saugend. Eine andere Möglichkeit besteht in einer Oberflächenbehandlung des Gipses.
Alle Gipsbaustoffe sind für den Brandschutz geeignet wegen des Kristallwassers, das im
Brandfall verdampft und dadurch kühlend wirkt. Dabei wird der Gips wieder gebrannt
und verbraucht somit viel Energie, was sich günstig auf die Tragfähigkeit eines Tragwerkes auswirkt: die Temperatur bleibt bei 150 °C konstant bis das ganze Wasser aus dem
Gips ausgeschieden ist, so dass wärmeempfindliche Bauteile (z.B. Armierungseisen) länger vor höheren Temperaturen geschützt bleiben.
T [˚C]
150
∆t
t1
t2
t
Abbildung 1.7: Konstante Temperatur des Gips von t1 bis t2 bei ~150 °C
Gips kann auch mit Zuschlagstoffen verwendet werden:
•Gipsstein + Sand (d ≤ 8 mm)→ Gipsmörtel
•Gipsstein + Zuschläge (d > 8 mm)→Gipsbeton
Der Gipsbeton erreicht eine genügende Festigkeit, die aber kleiner ist als diejenige des
Betons mit Zement als Bindemittel.
15
Kalk
1.4
KALK
1.4.1
Luftkalk
Zusammensetzung
Rohstoff für den Kalk ist der natürlich vorkommende Kalkstein in unterschiedlichen mineralischen Variationen. Zur Luftkalkherstellung wird möglichst reiner Kalkstein mit mindestens 95% CaCO3, meist jedoch 97% und höher verwendet. Ton-, sand- und eisenoxidhaltige Kalksteine sind für die Luftkalkherstellung ungeeignet. Sie kommen jedoch bei
der Herstellung von hydraulischem Kalk zum Einsatz.
Kalkbrennen (Kalzinieren)
Zur Luftkalkherstellung werden rohe, vom Steinbruch kommende Kalksteine auf Temperaturen von 950 °C erhitzt. Hierbei entweicht CO2 und es entsteht Calciumoxid CaO (gebrannter Kalk):
CaCO 3 → CaO + CO 2
Die Einhaltung der richtigen Brenntemperatur ist von grossem Einfluss auf die Güte des
gebrannten Kalks; wenn er zu schwach oder zu kurz gebrannt wird, enthält er noch ungebranntes CaCO3, wenn er zu hoch erhitzt, d.h. überbrannt wird, entsteht kristallines
Calciumoxid. Dieses reagiert nur sehr langsam mit Wasser, was in Verbindung mit der
gleichzeitig auftretenden Porenverengung zur Folge haben kann, dass der anschliessende
Löschprozess behindert bzw. verhindert wird (totgebrannter Kalk). Die überbrannten Anteile löschen nicht sofort ab, sondern erst nach langer Zeit und verursachen dann Abplatzungen und Treiben im Putz und Mörtel.
Kalklöschen
Zur Herstellung von Kalkbindemitteln wird der gebrannte Kalk gelöscht. Man versteht
darunter die Umsetzung des Calciumoxids mit Wasser zu Calciumhydroxid:
CaO + H 2 O → Ca(OH ) 2 + ∆Q + ∆V
Diese Reaktion ist stark exotherm, und erreicht ihre grösste Geschwindigkeit bei 115 °C.
Je nach zugegebener Wassermenge unterscheidet man
•Nasslöschen:
Das Wasser wird überstöchiometrisch dosiert. Beim Löschen
dringt das Wasser auch in die Poren des gebrannten Kalks ein,
und setzt sich mit diesem im Korninnern um. Dabei quellen die
harten Branntkalkstücke unter Dampfentwicklung zum doppelten Volumen auf und zerfallen zu einem feinen, weissen Pulver
von gelöschtem Kalk, dass mit überschüssigem Wasser eine weiche Paste, den sogenannten Kalkbrei (Sumpfkalk) bildet.
•Trockenlöschen: Da die Herstellung, der Transport und die Lagerung des Kalkbreis
umständlich sind, ist man weitgehend zum Trockenlöschen übergegangen. Dabei werden Branntkalkstücke mit Wasser behandelt; sie saugen es auf und der Löschprozess findet statt. Wenn
die Wasserzugabe stöchiometrisch dosiert wird, entsteht pulverförmiges Calciumhydroxid.
Erhärten des Luftkalks
Man unterscheidet vier Phasen
•Lösen:
Das Bindemittel Ca(OH)2 wird im Wasser gelöst, und erreicht dabei sehr schnell die Sättigung (Löslichkeit ≈ 2.2 g/l pH = 12.8).
•Trocknen:
Die Kapillarkräfte werden aktiviert, dabei wirkt das Wasser als
Bindemittel (analog zur Erhärtung des Lehms Seite 11).
•Kristallisation:
Die Wasserverdunstung ermöglicht die Kristallisation von
Ca(OH)2. Somit entstehen Brücken zwischen den einzelnen Körnern. Das verbessert zwar etwas die Festigkeit, bringt aber nur
eine mässige Festigkeitanteil.
Ca
16
2+
-
+ 2OH → Ca(OH) 2
Kalk
•Carbonatisierung:
Das CO2 aus der Luft reagiert mit den gelösten und sonst vorhandenen Ca(OH)2-Teilchen und steigert somit die Festigkeit.
(Abbildung 1.8 und Carbonatisierung p. 29)
Ca(OH) 2 + CO 2 → CaCO 3 + H 2 O
Die Carbonatisierung ist ein sehr langsamer Prozess, der durch den Einsatz von Koksöfen
beschleunigt werden kann. Dabei wird in dem entsprechenden Raum Koks verbrannt und
so der CO2-Anteil in der Luft erhöht und die Carbonatisierung beschleunigt.
1
Mineralische Bindemittel
Gesamterhärtung
Druckfestigkeit
Erhärtung durch Carbonatisierung
Erhärtung durch Trocknung
Zeit
Abbildung 1.8: Erhärtung von Kalkmörtel durch a) Wasserverdunstung, b) CO2-Aufnahme
AAAAAA
AAAAAAA
AAA
AAAAA
AAAAAAA
AAAAAA
AAAAA
AAAAAAA
AAAAA
AAA
AAAAA AAAAAAA
AAAAA
AAA
AAAAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA AAAAAAA
AAAAA
AAAAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAA
AAAAA
AAAA
AAA
AAAAA
AAAA
AAA
AAAA AAAAA
AAAAA
CO2
1. Brennen
CaCO3 —> CaO + CO2
900 - 1000˚ C
CaCO3
Kalkstein
Kalkmörtel
H 2O
CaCO3
Luft
Mühle
CaO
Stückkalk
gemahlener
Branntkalk
AAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA
AAAAA
H 2O
wenig
viel
Kalkhydrat
Kalkbrei
CA(OH)2
CO2
3. Carbonatisieren
2. Löschen
Ca(OH)2 + CO2 —> CaCO3 + H2O
CaO + H2O —> Ca(OH)2
Abbildung 1.9: Der Kreislauf des Kalks
Eigenschaften und Anwendung des Luftkalks
Der Luftkalk war über viele Jahrhunderte das wichtigste Mörtelbindemittel. Heute ist er
weitgehend durch schnellerhärtende, hydraulische Bindemittel ersetzt, spielt aber infolge seiner besonderen Eigenschaften nach wie vor eine bedeutende Rolle. Hervorzuheben sind seine Plastizität (verursacht durch die fast kolloidale Feinteiligkeit) welche die
leichte Verarbeitbarkeit bedingt; weiter die gute Elastizität des Kalkmörtels, welche geringe Setzungen ohne Rissbildungen ausgleicht. Auch Aussen- und Innenputze mit
Kalkmörtel bleiben bei richtiger Verarbeitung rissefrei, selbst bei starken Temperaturschwankungen, infolge der ähnlichen Wärmedehnzahl von Ziegel und Kalksandstein.
Hervorzuheben ist auch die gute Frost- und Wetterbeständigkeit von Kalkputzen (wegen
der geringen Wasserlöslichkeit von CaCO3) und insbesondere die durch ihre Porosität bedingte Atmungsfähigkeit.
17
Kalk
1.4.2
Hydraulischer Kalk
Zusammensetzung
Ausgangsmaterial für den hydraulischen Kalk ist das in der Natur in grossen Mengen vorhandene Mischgestein aus Kalkstein (CaCO3) und Ton (Al2O3SiO2H2O), der sogenannte
Mergel, der bei Temperaturen von 1200 °C gebrannt wird.
CaCO 3 + Ton → 2CaO · SiO 2 + CaO
Es entsteht eine Verbindung zwischen dem Kalkoxid (CaO) und dem Siliziumdioxid (SiO2),
das Dicalciumsilikat (2CaO · SiO2); es handelt sich hierbei um ein hydraulisches Bindemittel, da es unter Wasser erhärtet und wasserbeständig ist.
Bezeichnungen der Komponenten in der Bindemittelchemie:
C = CaO; S = SiO2; A = Al2O3; F = Fe2O3; H = H2O; s = SO4
Erhärtung
Bei Zugabe von Wasser verwandelt sich das Dicalciumsilikat unter Einbau von Kristallwasser zu Calciumsilikathydrat. Diese Hydrate erhärten ohne Luft mit Wasser und in Wasser
und werden deshalb hydraulische Komponenten genannt.
+
H2 O →







C2 S
+ H 2 O → 3CaO · 2SiO 2 · H 2 O
C-S-H









2CaO · SiO 2
Der nichtgebundene Anteil CaO reagiert wie der Luftkalk, d.h. beim Mischen mit Wasser
löscht er und erhärtet später durch Aufnahme von Kohlendioxid.
CaO + H2O → Ca(OH)2
•Löschen:
•Carbonatisieren:
Ca(OH)2 + CO2 → CaCO3 + H2O
Der Anteil an hydraulischen Komponenten ist entscheidend für die erzielbare Festigkeit;
je grösser derselbe, desto höher die Festigkeit.
18
10
8
6
Hochhydraulischer Kalk
12
Wasserkalk
Hydraulischer Kalk
14
Luftkalk
Druckfestigkeit in N/mm2
16
4
2
hydr. Anteil
0
100
20
80
40
60
60
40
80
20
100
0 % Ca(OH)2
Abbildung 1.10: Hydraulische Kalke; Hydraulischer Anteil und Druckfestigkeit
Puzzolane Reaktion
Wenn man dem Bindemittel Luftkalk Ca(OH)2 eine gewisse Menge SiO2 hinzufügt, bekommt man eine unter Wasser erhärtende Substanz, die nach der Erhärtung wasserbeständig ist. Diese wird oft Unterwasserbeton genannt.
3Ca(OH)2 +2SiO2 (amporph) → 3CaO · 2SiO2 · 3H2O
Die Kieselsäure SiO2 wurde ursprünglich in Form einer bei dem Ort Putuoli vorkommende
Erde zugesetzt. Bei dieser Erde, heute Puzzolanerde genannt, sowie bei den ebenfalls verwendbaren Stoffe Santorinerde und Trass handelt es sich um vulkanische Auswurfmassen,
daher ihr Vorkommen in der Nähe von noch tätigen oder erloschenen Vulkanen. Heute
gibt es neben den natürlichen auch industrielle Puzzolane: Elektrofilter Asche (EFA),
Steinkohle Flugasche (SKF) und Condensed Silicium Fumes (CSF).
18
Zement
1
Mineralische Bindemittel
Im Quarzsand, Quarzkies und quarzitischen Gesteinen liegt die Kieselsäure SiO2 in kristalliner Form vor. Die einzelnen SiO2-Moleküle sind dabei in einer Nahordnung fest miteinander verbunden. Nur bei hoher Temperatur und hohem Druck (Autoklavhärtung) kann
diese Kristallordnung durch gelöschten Kalk aufgebrochen werden. Die in den Puzzolanen enthaltene Kieselsäure ist jedoch vorwiegend amorph (gestaltlos, nicht kristallisiert).
Die einzelnen SiO2-Moleküle liegen ungeordnet nebeneinander und sind damit in der
Lage zu reagieren.
Calciumsilikathydrat CSH (Abkürzung für xCaO·ySiO2 ·zH2O) hat folgende Eigenschaften:
• sehr hart
• hohe Dichte (Fassaden, Lärmschutzwände)
• gute Isolation
• geringe Porosität
• unlöslich
• wasserbeständig
• erhärtet unter Wasser (hydraulische Reaktion)
Weil aber die CSH-bildende Reaktion zu langsam abläuft, braucht es einige Massnahmen
um sie zu beschleunigen:
• Bei der Verwendung von feinverteilten SiO2 wird dessen Oberfläche grösser und
die Reaktion kann somit an mehr Stellen gleichzeitig ablaufen.
• Durch Erwärmung und Steigerung des Drucks mit Autoklavbehandlung wird die
Reaktion wesentlich schneller.
Porenbeton
Für Anwendungen, bei denen ein geringes Gewicht wichtig oder von Vorteil ist, eignet
sich Porenbeton aufgrund seiner kleinen spezifischen Dichte und seiner hohen Porosität
(hohe Wärmedämmung) besonders. Im Gegensatz zum Normal- und zum Leichtbeton mit
vorwiegend geschlossenen Luftporen besteht bei Porenbeton eine erhöhte Korrosionsgefahr der Bewehrung infolge der grossen zusammenhängenden Poren, welche eine grosse
Menge an Wasser und Sauerstoff penetrieren lassen. Diese ist hauptsächlich im Hochbau
zu finden, wie bei Mauern, die nur eine raumabschliessende Funktion haben müssen.
Wenn man den Reagenten der Puzzolanen Reaktion Aluminium hinzufügt, erhält man
den sogenannten Porenbeton (oder Gasbeton). Aluminium hat die Funktion des Porenbildners. Meistens wird ein feinverteiltes Aluminiumoxid (Al2O3) in Pulverform verwendet. Das Aluminiumpulver reagiert in der Ca(OH)2-Umgebung und bildet dabei Aluminiumhydroxid und gasförmigen Wasserstoff (H2). Um jedes Aluminium-Körnchen bildet sich
eine mit H2 gefüllte Gasblase. Die Lösung schäumt auf und das Volumen wird beinahe verdoppelt. Dieser Vorgang dauert rund ein bis zwei Stunden. Dadurch wird eine Porosität
von 80 - 90% erreicht. Da aber dieser mineralische Schaum jetzt noch praktisch keine Festigkeit besitzt, wird er in einem Dampfkessel (Autoklav) behandelt. Bei einer Temperatur
von 170 °C entsteht somit CSH, das eine gute Festigkeit hat.
1.5
ZEMENT
Zement ist ein hydraulisches Bindemittel, d.h. ein Stoff, der nach dem Anmachen mit Wasser sowohl an der Luft als auch unter Wasser erhärtet und hart bleibt. Der sich dabei bildende Zementstein ist wasserbeständig und weist eine hohe Festigkeit auf.
1.5.1
Zusammensetzung und Herstellung
Aufbereitung
Rohstoffe für die Zementherstellung sind Kalkstein (CaCO3) und Ton
(Al2O3SiO2Fe2O3H2O), insbesondere ihr natürliches Gemisch, der Mergel. Die Gewinnung
geschieht im Steinbruch. Nach dem Sprengen wird das Material zu Schotter zerkleinert
und anschliessend gemahlen und getrocknet. Das Rohgestein muss nach Möglichkeit so
abgebaut werden, dass die vier wichtigsten Komponenten Kalk, Silizium, Aluminium und
19
Zement
Eisen möglichst im richtigen Mengenverhältnis von etwa 9:3:1:0.5 anfallen. Um das für
die Zementherstellung notwendige, genau abgestimmte Verhältnis von Kalkstein und
Ton zu erzielen, werden die Rohmehle entsprechend gemischt und fehlende Bestandteile
zugemischt.
Brennen des Zementes
CaCO3 + Ton → C3S + C2S + C3A + C4AF
(Zementchemische Bezeichnungen)
Das Brennen geschieht heute vorwiegend als kontinuierlicher Prozess in Drehrohröfen
bei Temperaturen bis 1450 °C.
2
H
CO
2 O
Bis zu einer Temperatur von 1200 °C entspricht das Reaktionsprodukt im wesentlichen einem hydraulischen Kalk, bei dem das Calciumsilikat hauptsächlich als Dicalciumsilikat
(2CaOSiO2) vorliegt. Bei dem ab ca. 1200 °C beginnenden und bis 1450 °C ansteigenden
Garbrand wird weiteres Calciumoxid CaO gebunden, wobei sich aus dem Dicalciumsilikat
das Tricalciumsilikat bildet (2CaOSiO2 + CaO → 3CaOSiO2). Dieses ist die für den Zement
charakteristische Verbindung und Ursache seiner im Vergleich zum hydraulischen Kalk
überlegenen Eigenschaften. Abbildung 1.12 zeigt den Standort des Zementes im Bereich
der Kalkbindemittel. Er unterscheidet sich von ihnen durch eine um ca. 500 °C höhere
Brenntemperatur und durch das optimale Verhältnis von Kalkstein und Ton. Die durch das
Brennen entstandene harte Masse wird Klinker genannt.
CaO + entwässerter Ton
Wärmequelle
Rohmehl
abschrecken
200 ˚C
Entwässerung
850 ˚C
Kalzinierung
1450 ˚C
Klinkerzone, Sinterzone
Endprodukt: KLINKER
Wärmequelle
Abbildung 1.11: Drehofen zur Zementherstellung
PortlandZement
Brenntemperatur in °C
1500
1000
Hydraul.
Kalk
RomanZement
Luft
kalk
500
50
50
75
25
100 Anteil CaCO3 [%]
- Anteil Ton [%]
Abbildung 1.12: Rohstoffe und Brenntemperatur der Kalke und Zemente
Zementzusätze
Zur Entfaltung seiner Bindemitteleigenschaften muss der schnell abgekühlte Zementklinker zu hoher Feinheit gemahlen werden.
Einige wichtige Bestandteile werden (je nach Zementtyp) hinzugefügt, vor allem um
Mischzemente zu erhalten.
20
Zement
1
Mineralische Bindemittel
Abbildung 1.13: Zusammensetzung unterschiedlicher Bindemittel
•Calciumsulfat:
Wenn man feingemahlenen Zementklinker mit Wasser anmacht, so erstarrt das Gemisch in der Regel sofort. Ursache
ist die schnelle Reaktion des C3A mit Wasser, bei der sich
zwischen den Teilchen ein Gerüst aus bestimmten Kristallen bildet. Ein Zusatz von wenigen Prozent (2 ÷ 3%) Calciumsulfat, meistens in Form von Gips, verzögert das
Erstarren, weil sich dabei auf den C3A-Teilchen eine dünne
Schicht bildet (Ettringit), welche die Reaktion verzögert.
•Hochofenschlacke:
Granulierte Hochofenschlacken (Hüttensand) wirken stark
verzögernd auf die Festigkeitsentwicklung, doch erreichen
die damit behandelten Zemente dieselbe Endfestigkeit wie
Portlandzement (siehe Zementsorten).
•Trass (Puzzolane):
Die feinen Trassteilchen bilden bei der Reaktion mit dem
Ca(OH)2 kleine Massen, welche sich in den Kapillarporen
des Zementsteins ablagern und dadurch dichtend wirken.
Diese Wirkung des Trass wurde schon frühzeitig erkannt
und deshalb wird für Wasserbauten vielfach Zement mit
Trasszusatz verwendet. Auf die Erhärtungsgeschwindigkeit
wirkt der Trass etwas verzögernd. Er entwickelt praktisch
keine Hydratationswärme und setzt deshalb die des Zementes im Verhältnis seines Anteils herab.
•Kalkstein:
Chemisch beinahe inert, ist er dennoch als Zementzusatz
von Bedeutung, weil er die Korngrössenverteilung und dadurch den Wasseranspruch des Zementes und somit die
Verarbeitungseigenschaften des Betons günstig beeinflusst.
•Flugasche:
Kann ihrer Natur nach sowohl puzzolanische als auch hydraulische Eigenschaften haben.
•Puzzolane
•Gebrannter Schiefer
•Silikastaub
21
Zement
Mineralische Zusammensetzung
Der Klinker hat vier Mineralien als Hauptbestandteile
C3S (3CaOSiO2)
C2S (2CaOSiO2)
C3A (3CaOAl2O3)
C4AF (4CaOAl2O3Fe2O3)
Tricalciumsilikat
Dicalciumsilikat
A-lit
B-lit
Tetracalciumaluminatferrit
Ferrit
Tricalciumaluminat
kantig
rund
Aluminat
AAAAAAA
AAAAAAA
AAAAAAA
AAAAAAA
AAAAAAA
} C-lit Matrix
A-lit
B-lit
C-lit
Abbildung 1.14: Gefügebild des Klinkers
Die unterschiedlichen Eigenschaften sind in Tabelle 1.2 ersichtlich. Vom Zusammenwirken
dieser Bestandteile hängt die Vielfalt der Zementeigenschaften ab.
Tabelle 1.2: Mengenanteile und Eigenschaften der Klinkermineralien
1.5.2
Zementchemische Bezeichnung
Bezeichnung
in der Praxis
typischer
Anteil [%]
C3S
A-lit
50 - 70
C2S
B-lit
10 - 30
C3A
Aluminat
5 - 10
C4AF
Ferrit
5 - 10
Beeinflussung der Zementeigenschaften
rasche Hydratation, hohe Hydratationswärme, hohe
Frühfestigkeit, generell festigkeitsfördernd
langsame Hydratation, geringe Hydratationswärme,
hohe Spätfestigkeit, geringe Frühfestigkeit
rasche Hydratation, hohe Hydratationswärme, Beitrag zu Frühfestigkeit, erhöht Schwinden, Sulfatanfälligkeit
dunkle Farbe, langsame Hydratation, geringer Beitrag zur Festigkeit
Hydratation des Zementes
Die Erhärtung des Zementes nach Zugabe von Wasser kommt dadurch zustande, dass das
flüssige Medium Wasser in den Feststoff unter Bildung des Zementsteins aufgenommen
wird. Dieser Vorgang des Einbaus von Wasser wird deshalb Hydratation genannt.
Hydratation von C3S
Die kalkübersättigten Verbindungen (C3S) zerfallen bei Wasserzugabe unter Bildung von
kalkärmeren Silikaten und Calciumhydroxid:
2 ( 3CaO ⋅ SiO 2 ) + 6H 2 O → 3CaO ⋅ 2SiO 2 ⋅ 3H 2 O + 3Ca ( OH ) 2
Das dabei entstehende CaO·SiO2·H2O (CSH-Gel) ist für die Festigkeit zuständig, während
das Ca(OH)2 (Kalciumhydroxid) für die Dauerhaftigkeit (Passivierung des Armierungsstahls) wichtig ist. Infolge der grossen Affinität des CaO zum Wasser entsteht wie beim
Kalklöschen bei der Umsetzung gemäss CaO + H2O → Ca(OH)2 Reaktionswärme, die als
Hydratationswärme in Erscheinung tritt. Wegen der grösseren freiwerdenden
Ca(OH)2-Menge ist diese beim C3S mehr als doppelt so gross als beim C2S. Da die Passivierung der Bewehrung (Schutz vor Rost) auf das bei der Hydratation freiwerdende Ca(OH)2
zurückzuführen ist (siehe Carbonatisierung p. 29), ist diese bei hohem C3S-Gehalt in besonderem Masse gewährleistet.
Die Hydratation des C3S ist eine relativ schnelle Reaktion, im Vergleich zum anderen Silikat (C2S).
22
Zement
unbehinderte Ausdehnung
1
Mineralische Bindemittel
Die Zahl der an der Oberfläche freiwerdenden CaO-Teilchen ist beim C3S um ein Mehrfaches grösser und die schnell einsetzende Reaktion mit Wasser daher stärker als beim C2S.
Die Umsetzung der im Innern freiwerdenden CaO-Moleküle erfolgt nicht sofort, sondern
über einen längeren Zeitraum, weil der Kalk in den äusserst harten Klinkerteilchen fest
eingeschlossen ist. Die Reaktion schreitet deshalb mit dem allmählich eindringenden Wasser von aussen nach innen fort. Beim C3S erfolgt dies schneller als beim C2S, weil bei letzterem die geringere Zahl der freiwerdenden CaO-Teilchen dichter umhüllt und demWasser schwerer zugänglich ist, als beim C3S mit der dreifachen Menge freiwerdender
CaO-Teilchen.
Die schnellere Reaktion des C3S wirkt sich in der rascheren Erhärtung des C3S aus, und ist
somit der Grund für die Frühhochfestigkeit des Zementes. Die Aufnahme von Wasser der
C3S-Teilchen zur Bildung von C3S2H3 (CSH-Phase, CSH-Gel) ist von zweierlei Art: Hydratation und Adsorption.
Die erste Art von Wasseraufnahme des entstehenden C3S2 ist eine chemische, indem, wie
aus der Reaktionsgleichung hervorgeht, 3 Moleküle Kristallwasser aufgenommen werden. Die genaue Bezeichnung für diese Verbindung ist Tricalciumdisilikattrihydrat
(3CaO2SiO23H2O). Wegen ihrer dem natürlichen Mineral Tobermorit ähnlichen Zusammensetzung spricht man auch von der Tobermoritphase. Da das Molverhältnis CaO:SiO2
nicht exakt 3:2 ist, sondern zwischen 1:1 und 3:1 schwankt, ist exakterweise von Calciumsilikathydrat, abgekürzt CSH, zu sprechen. Diese CSH-Phase ist die Kernsubstanz des hydratisierten Zementes und die Hauptursache seiner Festigkeitseigenschaften.
Die neugebildeten CSH-Teilchen nehmen jedoch Wasser nicht nur als Bestandteil der Verbindung, sogenanntes Hydratwasser auf, sondern binden an ihrer Oberfläche weiteres
Wasser durch Adsorption. Oberflächen üben eine Anziehungskraft auf benachbarte bewegliche Moleküle wie z.B. Wasser aus, die festgehalten werden, wodurch das Volumen
des ursprünglichen CSH-Teilchens stark zunimmt. Diese adsorptive Wasserbindung ist von
der Grösse der Oberfläche abhängig und da diese beim CSH ausserordentlich gross ist,
werden von ihm auch grosse Mengen Wasser gebunden. Derartige Systeme aus kleinsten
festen Teilchen mit grosser Oberfläche und einer Flüssigkeit, z.B. Wasser, werden Gele genannt. Sie können 90% und mehr Wasser enthalten und sind, da das Wasser adsorbiert
ist, trotzdem steife Massen mit allerdings geringer Festigkeit.
Die Festigkeit von CSH-Gelmassen ist von deren Wassergehalt abhängig: bei hohem Wassergehalt ist sie gering, bei niedrigem Wassergehalt kann sie jedoch sehr hoch sein, was
sich auf die gute Endfestigkeit von Zementen auswirkt.
Bei der Einwirkung von Wasser auf Zement bilden sich zunächst an der Berührungsfläche
zwischen Wasser und Zement, d.h. an der Oberfläche der Zementteilchen solche wasserreichen Gelteilchen, die eine zusammenhängende Schicht bilden. Durch das nach innen
vordringende Wasser schreitet die Reaktion fort, wodurch die Gelhülle dicker und das
nichthydratisierte Zementkorn kleiner wird, so lange, bis das Zementteilchen ganz bzw.
weitgehend aufgelöst ist und daraus ein viel grösserer Komplex von Gelteilchen entstanden ist (Abbildung 1.15).
behinderte Ausdehnung
1
2
3
Abbildung 1.15: Hydratation im Raum bei unbehinderter und behinderter Ausdehnung
23
Zement
Dieses Modell gilt für den Fall der unbehinderten Ausdehnung. Beim erhärtenden Zement ist die Ausdehnung der Gelmasse jedoch behindert, weil als freier Raum für die Ausdehnung des Zementgels nur das Volumen des Anmachwassers zur Verfügung steht, das
etwa dem gleichen bis doppelten Volumen des Zementes entspricht. Jedem Zementgelteilchen ist also der Raum zugeteilt, in den es sich bei der Hydratation ausdehnen kann.
Die in diesem Fall sich ergebenden Verhältnisse sind aus der Abbildung 1.15 (rechte Seite)
ersichtlich. Zunächst wächst die Gelhydratmasse unbehindert in den freien Raum, bis sie
auf die von den anderen Seiten andrängenden Gelmassen stösst und am räumlichen
Wachstum behindert wird. Die Hydratationsreaktion geht jedoch weiter. Das dafür notwendige Wasser wird dem umhüllenden wasserreichen Gel entzogen, das dadurch feststoffreicher wird. Dieser Prozess, auch innere Absaugung genannt, geht so lange weiter,
bis das Zementteilchen ganz bzw. weitgehend hydratisiert ist und der Raum mit wasserarmer, feststoffreicher Gelhydratmasse ausgefüllt ist.
Hydratation von C2S
2(2CaO·SiO2) + 4H2O → 3CaO·2SiO2·3H2O + Ca(OH)2
Der Prozess verläuft völlig analog wie bei der C3S-Hydratation.
Hydratation von C3A
Im Vergleich zu den Silikaten (C3S und C2S) spielen die Aluminate (C3A) und Aluminatferrite (C4AF) wegen ihres geringen Anteils und dem geringen Festigkeitsbeitrag nur eine
untergeordnete Rolle. Physikalisch betrachtet verläuft auch hier die Reaktion unter Bildung kolloidaler Teilchen mit grosser Oberfläche und damit zusammenhängender Festigkeitsentwicklung.
3CaO·Al2O3 + Ca(OH)2 + 12H2O → 3CaO·Al2O3 ·6H2O
Das C3A setzt sich also unter Einbau von Ca(OH)2 aus der C3S- und C2S-Hydratation zu Tricalciumaluminathydrat um.
Diese Reaktion findet jedoch so schnell statt, dass der Beton bereits nach ca. 20 Minuten
erhärtet wäre. Deshalb muss ihm noch ein sogenannter Verzögerer hinzugefügt werden.
Die obige Reaktion kann beispielweise durch Zugabe von 3 - 4 Gewichts-% Gips (siehe Zementzusätze) gebremst werden.
3CaO·Al2O3 + 3CaSO4 + 32H2O → 3CaO·Al2O3 ·3CaSO4 ·32H2O
Das erhaltene Trisulfat, Ettringit (nach Ettringen in der Eifel) genannt, lagert sich um das
C3A an, und erschwert somit die Reaktion.
Ettringit
H 2O
C 3A
H2O
H2O
Abbildung 1.16: Bildung von Ettringit
Nach 4 ÷ 5 Stunden bildet sich aus Ettringit ein Monosulfat:
(3CaO·Al2O3 ·CaSO4 ·12H2O)
Der „Ring“ wird aufgesprengt und die schnelle Reaktion kann einsetzen.
Ettringit besteht aus länglichen Kristallen. Falls sich solche Kristalle im bereits erhärteten
Beton bilden können, erfolgt ein Reissen des Betons, weil Ettringit viel Wasser anlagert,
was eine Volumenzunahme zur Folge hat. Das passiert z.B. beim Gipstreiben: CaSO4
dringt sehr langsam mit Hilfe der Poren in den Beton ein, und da hier auch nach der Er-
24
Zement
härtung noch genügend C3A vorhanden ist, bewirkt das Ettringit einen Kristallisationsdruck der den Beton völlig zerstören kann. In Böden mit einem hohen Gipsanteil kann
man hochsulfatbeständigen Zement (d.h. C3A < 3%) benützen oder den Beton mit einer
wasserdichten Schicht anstreichen.
Die Sprengwirkung des Ettringits wird andererseits ausgenützt, um die nach der Entfernung der Schalung eintretende Volumenabnahme des Betons (Betonschwinden) auszugleichen (schwindkompensierte Zemente) und damit Rissbildungen zu verhindern; der
Gipsgehalt muss dabei sorgfältig kontrolliert werden.
Hydratation von C4AF
Mineralische Bindemittel
4CaO·Al2O3 ·Fe2O3 + 4Ca(OH)2 + xH2O → 2(4CaO·Al2O3 ·Fe2O3 ·xH2O)
1
Das nötige Ca(OH)2 stammt aus der Hydratation der Silikate.
1.5.3
Eigenschaften des Zements
Erstarren
Der Erstarrungsbeginn und das Erstarrungsende des Zementes wird mit dem VICAT-Gerät
gemessen (Abbildung 1.17). Dabei wird Zementpaste in einen Behälter gegeben und in
regelmässigen Zeitabständen das Eindringen einer Nadel gemessen. Der Erstarrungsbeginn t1 ist so definiert, dass die Nadel mit einer aufgebrachten Last F nur noch bis 2mm
über die Glasplatte eindringt. Das Erstarrungsende ist dann erreicht, wenn die Nadel nur
noch 2mm in die Zementpaste eindringt (t2).
F
xt
H
Nadel
H
Zementpaste
2mm
Eindringtiefe x t
2mm
2mm
Glasplatte
t1
t2
t
Abbildung 1.17: VICAT-Gerät zur Ermittlung des Erstarrungsbeginns
Abbildung 1.18: Definition von Ansteifen, Erstarren und Erhärten von Zement
25
Zement
Abbildung 1.19: Erstarrung als Funktion des W/Z-Wertes
Festigkeitsentwicklung
Die Zementsteinfestigkeit ist ein Richtwert für die Qualität des Zementes. Sie hängt prinzipiell von den einzelnen Phasenanteilen ab, deswegen werden die Phasen getrennt analysiert.
fc [N/mm2 ]
C3 S
75
C2 S
60
45
30
15
C3 A
C4 AF
28
360 t [Tage]
Abbildung 1.20: Festigkeitsentwicklung der einzelnen Klinkermineralien
•C3S:
schnelles Erreichen der höchstmöglichen Festigkeit; hohe Endfestigkeit
•C2S:
langsames Erreichen seiner hohen Festigkeit
•C3A:
schlechte Festigkeit, die aber rasch erreicht wird
•C4AF: sehr geringe Festigkeit
Die Mechanismen der Gefügeentwicklung sind in Abschnitt 1.5.2 erläutert. Zusammenfassend kann man erwähnen, dass die Hydratation der Silikate ein Zementkorn in eine
Masse von Zementgel (CSH-Phase) verwandelt, was die Festigkeitsentwicklung des Bindemittels weitgehend bestimmt.
Die zeitlichen Etappen der Gefügeentwicklung sind in der Abbildung 1.22 ersichtlich.
26
b) Zementkorn kurz nach
Wasserzugabe; um das
gesamte
Zementkorn
hat sich eine Schicht
aus Zementgel gebildet.
Zement
1
c) Ende der
Hydratation
Mineralische Bindemittel
a) Zementkorn vor
Wasserzugabe
AAAAAAAAA
AAAAAAAAA
AAAAAAAAA
AAAAAAAAA
AAAAAAAAA
AAAAAAAAA
AAAAAAAAA
AAAAAAAAA
AAAAAAAAA
Abbildung 1.21: schematische Darstellung der Hydratation eines Zementkorns
Porenraum
Mengenanteil
CSH-Gel (kurzfaserig)
Ca(OH)2
CSH-Gel (langfaserig)
C4(A,F)H13
Monosulphat
Ettringit
5
Minuten
Abbildung 1.22:
30
1
2
6
1
2
Stunden
7
28
90
Tage
Gefügeentwicklung und Hydratation von Portlandzement als qualitative Funktion
der Zeit
Hydratationswärme
Hydratationswärme der einzelnen Klinkermineralien:
•C3S:
380
[J/g]
•C2S:
105
[J/g]
•C3A:
1'340 [J/g]
•C4AF: 400 [J/g]
Bei der angegebenen Hydratationswärme handelt es sich um die Gesamtwärme, die innerhalb von 28 Tagen abgegeben wird. Für die Praxis noch wichtiger ist die in den ersten
Tagen freiwerdende Hauptmenge der Hydratationswärme, weil sie die Ursache für die
Temperaturerhöhung des jungen Betons und den damit zusammenhängenden Folgen ist.
Die Hydratationswärme der verschiedenen Zemente ist sehr unterschiedlich, je nach Zementzusammensetzung: für massige Bauteile empfiehlt es sich, möglichst wenig C3S und
C2S zu verwenden, da ansonsten die Rissbildung stark erhöht wird. Für diese Bauteile wird
annähernd der adiabatische Fall ∆Q = 0 angenommen, da die Wärmeverluste gering sind
(siehe 2.3.1 Eigenschaften von Frischbeton).
27
Zement
1380
Hydratationswärme in [J/g]
1250
1000
1050
750
500
500
420
250
355
290
250
210
145
60
C3 S
C2 S
C3 A
C4AF
7 Tage
HO-Schl.
1 Jahr
Abbildung 1.23: Hydratationswärme der einzelnen Klinkermineralien
CEM I 42.5
adiabatisch
40
6m
30
3m
1m
2m
Temperaturanstieg
[¡C]
20
10
CEM III 42.5
adiabatisch
30
6m
20
1
3m
2m
m
10
0
2
4
6
8
10
12
14
Alter des Betons in Tagen
Abbildung 1.24: Temperaturentwicklung in Funktion der Dicke eines Bauteils
Chemisches Schwinden (Schrumpfung)
Wie schon gesehen, erfolgt die Hydratation des Zementes exotherm. Dieser Prozess verursacht aber auch eine Volumenabnahme um ca. 7 ÷ 8%.
∆V:
100 cm3 PC + 125 cm3 H2O → 209 cm3 Hydratationsprodukt
Dieses ∆V wird durch Porosität ausgeglichen. Dabei wird Luft oder Wasser angezogen, je
nachdem was gerade den Zement umhüllt.
Bei massigen Bauteilen entsteht im Innern ein Bereich wo sich weder Luft- noch Wasserporen bilden können. Dies bewirkt einen Unterdruck, der zu Spannungen und somit Rissen führen kann (z.B. Staumauern).
Quellen und Schwinden
Das Schrumpfen, d.h. das chemische Schwinden ist ein sich hauptsächlich im Innern des
Zementsteins abspielender Vorgang, wobei durch den Volumenverlust des eingebauten
Hydratwassers im Innern des Zementsteins Poren entstehen; daher inneres Schrumpfen
genannt.
28
Zement
Quellen
Schwinden in mm/m
1
Mineralische Bindemittel
Das sogenannte Schwinden des Zementsteins (Volumenkontraktion durch Austrocknung)
ist im Unterschied dazu eine Verkürzung der äusseren Abmessungen des Bauteils, was
häufig Schwindrisse verursacht.
Das Schwinden des Zementsteins hängt in erster Linie mit seinem Wassergehalt zusammen, der in gesättigtem Zustand je nach W/Z-Wert bis zu 20 Vol-% betragen kann. Wassergelagerter und damit wassergesättigter Zementstein schwindet nicht; im Gegenteil, er
quillt geringfügig aus. Wird er bei 100% relativer Luftfeuchtigkeit gelagert, dann schwindet der Zementstein geringfügig. Ist die umgebende Luft jedoch nicht wassergesättigt,
dann verdunstet Wasser aus dem Zementstein und dieser schwindet, und zwar um so
mehr, je geringer die relative Luftfeuchtigkeit ist und damit je schneller das Wasser von
der Luft aufgenommen wird. Das Schwinden des Zementsteins kann dabei Werte bis zu
2 mm/m erreichen.
0.5
Wasser
0
100 % relative Feuchte
-0.5
80 %
-1.0
60 %
-1.5
0-4
0%
-2.0
3
7
28
90
180
Lagerungszeit in Tagen
Abbildung 1.25:
Schwinden von Zementstein in Abhängigkeit der Lagerungsdauer und Luftfeuchtigkeit
Andere Einflussgrössen auf das Quellen und Schwinden von Zementstein:
• Lagerungsbedingungen
• Mineralische Zusammensetzung
• Mahlfeinheit
• Anteil an hydraulischen Zusätzen
Carbonatisierung
Ca(OH)2 + CO2 → CaCO3 + H2O
Das bei der Hydratation der Silikate (C3S, C2S) freiwerdende Ca(OH)2 spielt beim Korrosionsschutz der Bewehrung von Stahlbeton eine wichtige Rolle. Dieser Korrosionsschutz
ist im bewehrten Beton dadurch gewährleistet, dass der Zementstein infolge Sättigung
mit Ca(OH)2, das einen pH-Wert von 12.5 hat, vor Korrosion geschützt ist (passiviert). Dies
gilt für pH-Werte von über 9.5. Bei pH-Werten unter 9.5 findet Stahlkorrosion statt und
zwar um so stärker, je niedriger der pH-Wert ist, wobei die Zunahme nicht linear erfolgt.
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
AAAAAAAAAAAAA
Korrosionsgeschwindigkeit
starke Korrosion
mässige Korrosion
pH-Wert Ca(OH)2
pH 12.6
Abfall
CaCO3
pH 8
pH
1
2
3
4
5
6
7
8
keine Korrosion
9
10
11
12
13
14
Abbildung 1.26: Stahlkorrosion bei Veränderung des pH-Wertes durch Carbonatisierung
29
Zement
Die Voraussetzung für einen zuverlässigen Bewehrungsschutz ist also ein pH-Wert des
umhüllenden Zementsteins von mindestens 10. Wird aber das Ca(OH)2 durch Carbonatisierung in CaCO3 umgewandelt, dann sinkt der pH-Wert auf ca. 8, wodurch der Korrosionsschutz der Bewehrung nicht mehr gewährleistet ist. Es ist deshalb von grosser Wichtigkeit, dass die Carbonatisierungsfront nicht bis zum Stahl vordringt, um Stahlkorrosion
zu verhindern. Da die Korrosionsprodukte der Bewehrung ein mehrfaches Volumen gegenüber dem unkorrodierten Stahl einnehmen, üben diese einen Druck auf die Überdekkung aus, wodurch es zu Betonabplatzungen kommen kann.
dc
CO2
Ca(OH)2
CO2
CaCO3
Abbildung 1.27: Schematische Darstellung der carbonatisierten Zone eines Betonbauteils
In einer ersten Abschätzung kann die Carbonatisierungstiefe mit Gleichung (1.2) bestimmt werden. Der Carbonatisierungskoeffizient C ist von unterschiedlichen Materialund Umgebungsfaktoren abhängig:
• Art und mengenmässiger Anteil der Bindemittel und der Zusatzstoffe
• Porenraum
• Güte und Dauer der Nachbehandlung
• klimatische Einflüsse
dc = C ⋅ t
(1.2)
dc = Carbonatisierungstiefe
C = Carbonatisierungskoeffizient
t = Zeit
Da das Ca(OH)2, im Gegensatz zum CaCO3, praktisch nicht zur Festigkeit beiträgt, wird
durch die Carbonatisierung eine Festigkeitssteigerung (~20%) bewirkt. Diese Festigkeitssteigerung ist wahrscheinlich auf die Volumenvergrösserung (~10%) beim Übergang von
Ca(OH)2 in CaCO3 zurückzuführen.
1.5.4
Zementsorten
Die heute in der Schweiz gültige Zementklassifikation ist von der Norm SIA 215.002 (Ausgabe 1993) geregelt und basiert auf der europäische Vornorm EVN 197. Die Zementsorten
werden nach Zusammensetzung und Festigkeit aufgeteilt.
Die in der Tabelle 1.3 angegebenen Werte beziehen sich auf die aufgeführten Haupt- und
Nebenbestandteile des Zementes ohne Calciumsulfat (Gips).
Die Zemente werden in den Festigkeitsklassen 32.5; 42.5 und 52.5 hergestellt. Diese drei
Festigkeitsklassen werden nach der Zementanfangsfestigkeit nochmals unterteilt in normale (ohne Kennbuchstaben) und hohe Anfangsfestigkeit, wobei der Kennbuchstabe R
Rapid bedeutet. (Tabelle 1.4)
30
Zement
Tabelle 1.3: Zusammensetzung der Zemente gemäss SIA 215.002
Zementart
Bezeichnung
CEM
I
Portlandzement
II
Portlandkompositzement
IV
V
Klinkeranteil
Zusatzstoffe
Zusatzstoffarten
95 - 100
0
-
65 - 94
6 - 35
5 - 64
36 - 95
45 - 89
20 - 64
Nebenbestandteile
Kalkstein (L) oder Hüttensand (S)
oder Silicatstaub (D, max.10%) oder
Puzzolan (P, Q) oder Flugasche (V,
W) oder gebrannter Schiefer (T)
0-5
Hüttensand
0-5
11 - 55
Flugasche (V, W) Puzzolan (P, Q)
0-5
36 - 80
Hüttensand u. Puzzolan
1
Mineralische Bindemittel
Hochofenzement
Puzzolanzement
Kompositzement
III
Zusammensetzung in Massen-%
Tabelle 1.4: Zementfestigkeiten gemäss SIA 215.002
Festigkeitsklasse
1
2
32.5
32.5 R
42.5
42.5 R
52.5
52.5 R
Druckfestigkeit1 [N/mm2]
Anfangsfestigkeit
2 Tage
-10
10
20
20
20
7 Tage
16
------
28 Tage
Normfestigkeit
32.5
< 52.5
42.5
< 62.5
52.5
--
Kennfarbe der Normbezeichnung
gem. Anhang A4 zur Norm SIA
215.0022
CEM I
blau
CEM I
schwarz
CEM II/A-L
braun
CEM I
rot
Prüfung nach Methode EN 196-1 gemäss Norm SIA 215.001.
Für alle übrigen Aufdrucke und andere Zementarten bestehen keine Farbvorschriften.
Tabelle 1.5: Beispiele zur Interpretation der Bezeichnungen
Zement
gemäss Norm
SIA 215.002
CEM
CEM
Zementart
I
Portlandzement
II
Portlandkompositzement
Art des Zusatzstoffs
Zusatzstoff
Festigkeitsklasse
42.5
/
A
enthält 6 - 20%
Zusatzstoff
-
L
Zusatzstoff ist
Kalkstein
32.5
Weisszement
Weisszemente sind C4AF-frei. Sie werden für Sichtbeton-Fassaden verwendet. Da Weisszemente absolut eisenfrei sein sollten, müssen sie in speziellen Mühlen gemahlen werden, denn schon der Abrieb an den Eisenwänden der Klinkerzertrümmerer genügen, um
den Weisszement grau zu färben.
Tonerdeschmelzzement (TSZ)
Ton, der hydraulische Faktor des Portlandzements, besteht zu 65% aus SiO2, der Rest ist
Al2O3 und Fe2O3. Die Tonerde (TE, auch Bauxit genannt) besteht dagegen aus 65% Al2O3
(Rest: SiO2 und Fe2O3). Der Schwerpunkt des Tons liegt also beim SiO2, der der Tonerde
beim Al2O3. Der aus TSZ hergestellte Zement unterscheidet sich vom normalen Portlandzement. Eigenschaften von Tonerdezement:
• Die Endfestigkeit wird schon fast nach einem Tag erreicht (Reaktion ist abgeschlossen).
• Die Endfestigkeit nach 28 Tagen ist etwas höher als bei Portlandzement.
31
Zement
• Sehr teuer
• Er ist in einer feuchten Umgebung nicht stabil, da er sich in eine wasserärmere
Phase verwandelt, was einen Festigkeitsabfall zur Folge hat.
• kein Korrosionsschutz, da kein Ca(OH)2-Gehalt
Hochofenzement (HOZ)
Im Hochofenzement finden bis 80% Schlacke (ähnliche Zusammensetzung wie PC) Verwendung. Bei Gebrauch von Hochofenschlacken als Puzzolane ist die Menge von Ca(OH)2
im erhärteten Zementstein geringer als bei Verwendung von reinen Portlandzement. Zusammen mit einem dichteren Gefüge, erhält man bessere Dauerhaftigkeit und tiefere
Hydratationswärme.
NOTIZEN
32
Definition
2
BETON
2.1
DEFINITION
Der Begriff Beton kennzeichnet ein Konglomerat von Zuschlägen, die
durch ein Bindemittel verkittet sind.
2
Beton
2.2
ROHSTOFFE
ZUR
BETONHERSTELLUNG
Beton wird aus Wasser, Zement (weniger verbreitet sind andere Bindemittel wie Kalk, Bitumen, Asphalt, Epoxidharze …), Zuschlagstoffen und evtl. Betonzusatzmitteln und -stoffen hergestellt.
2.2.1
Zement
In diesem Kapitel wird auf den Zement nicht näher eingegangen (siehe 1.5 Zement p. 19).
2.2.2
Anmachwasser
Unter Anmachwasser versteht man die gesamte im Frischbeton enthaltene Wassermenge,
die bei der Ermittlung des W/Z-Wertes zu berücksichtigen ist. Das Anmachwasser setzt
sich zusammen aus
• Zugabewasser
• Oberflächenfeuchte der Zuschläge
• Wasseranteil der Betonzusatzmittel und -stoffe
Das Anmachwasser hat zwei betontechnologische Aufgaben. Es wird einerseits für die
Hydratation des Zementes, andererseits für die Herstellung eines plastischen, gut verdichtungsfähigen Betons benötigt.
Als Zugabewasser ist das in der Natur vorkommende Wasser geeignet, sofern es nicht erhebliche Mengen an Stoffen enthält, die
• das Erhärten des Betons verzögern oder verhindern
• unkontrolliert Luftporen einführen und dadurch die Betonfestigkeit mindern
• zur Korrosion der Bewehrung führen (z.B. Chloride)
2.2.3
Zuschläge
Unter Zuschlägen versteht man in der Regel ein Gemisch aus Sand und Kies unterschiedlicher Korngrösse. Das Gemisch aus Einzelkomponenten bildet das Gerüst des Betons und
sollte möglichst hohlraumarm aufgebaut sein. Der Zuschlag beeinflusst die meisten Eigenschaften des Betons, allerdings im allgemeinen nicht so stark, wie nach seinem Volumenanteil angenommen werden könnte. Ein qualitativ guter Zuschlag hat gegenüber
dem umgebenden, kittenden Zementstein verschiedene Vorteile:
• Kleinere Verformbarkeit: Der Beton sollte einen möglichst hohen E-Modul haben, damit die Verformungen klein sind. Dieser hohe E-Modul kann dadurch erreicht werden, dass viel Zuschlag (hoher E-Modul) und wenig Zement (tiefer
E-Modul) verwendet wird.
35
Rohstoffe zur
Betonherstellung
• Keine Volumenänderung infolge Feuchtigkeit: Das Schwinden des reinen Zementes (2%, sehr hoch) wird damit reduziert, so dass die Risse eher klein sind
und schon durch einfache konstruktive Massnahmen praktisch verhindert werden können.
• Bessere Beständigkeit
• Aufnahme von Hydratationswärme und damit dämpfende Wirkung auf den Abbindeprozess
Die Zuschläge sollten folgende Eigenschaften aufweisen:
• mech. Eigenschaften: E-Modul > 45000 N/mm2]; Festigkeit bei Hochleistungsbeton > 100 N/mm2]
• Porosität:
Vermindert die Festigkeit, der Anteil an porösem Zuschlag,
sollte deshalb gering sein.
• Isotropie:
Der Beton sollte in alle Richtungen die gleichen Eigenschaften haben. Glimmer ist z.B. ein gerichtetes Schichtmaterial, dass in der Ebene eine grosse Festigkeit aufweist,
senkrecht dazu aber keine Zugfestigkeit hat.
• Sauberkeit:
Verunreinigte Zuschläge vermindern die Betonqualität;
beispielsweise Störung des Abbindeverhaltens, Schwächung der Kontaktzone Zuschlag-Zementstein.
Korngrössenverteilung
Die Korngrössenverteilung ist zusammen mit der Oberflächenbeschaffenheit, der spezifischen Oberfläche und der Kornform der Einzelkörner massgebend für den Wasserbedarf
und deshalb eine der wichtigsten Zuschlagseigenschaften. Der Kornaufbau muss ein hohlraumarmes Korngemisch (hohe Packungsdichte) und eine optimale Verdichtbarkeit gewährleisten.
Der Kornaufbau eines Zuschlaggemisches wird durch das Mengenverhältnis der einzelnen Kornfraktionen bestimmt. Durch Aussieben des Gemisches und Aufsummieren der
verschiedenen Massen-% wird eine kumulative Darstellung gewonnen, wobei die erhaltene Kurve in dem in Abbildung 2.1 dargestellten Bereich liegen muss (gemäss SIA 162).
22.5
100
Durchgang [Massen-%]
90
76
80
60
45
55
61
30
40
30
40
20
11
20
8
3
0.125
6
0.50
2.0
8.0
31.5
125
Sieböffnung [mm]
Abbildung 2.1: Korngrössenverteilung nach SIA 162
Weitere Kriterien für die Wahl einer Korngrössenverteilung stellen die Gleichung (2.1)
und (2.2) dar.
36
d
P = 100 ⋅ ---D
FULLER-Kurve:
(2.1)
d
d
P = 50 ⋅  ---- + ----
D
D
EMPA-Kurve:
Rohstoffe zur
Betonherstellung
(2.2)
P = Siebdurchgang zwischen den Korndurchmessern 0 und d [M-%]
D = max. Korndurchmesser (Grösstkorn) [mm]
d = Korndurchmesser [mm]
100
100
2
Fuller
90
EMPA
80
Beton
71
Siebdurchgang [M-%]
70
60
60
50
50
40
35
30
38
25
24
18
20
13
10
6
0 3
0.13
16
9
10
5
7
0.25
0.5
1
2
4
8
16
32
Sieböffnung [mm]
Abbildung 2.2: Siebline für ein Grösstkorn von 32 mm
In der Praxis haben sich
bürgert:
≤ 0.125 mm
≤ 0.25 mm
≤ 1.0 mm
1 - 4 mm
4 - 32 mm
> 32 mm
folgende Bezeichnungen für die Korngrössen (ø in mm) eingeMehlkorn (Zement)
Feinstsand
Feinsand
Grobsand
Kies
Grobkies, Schotter
Die Lieferkörnungen sind in der Regel 0/4, 4/8, 8/16, 16/32 [mm]. Bei der Überprüfung der
tatsächlichen Kornverteilung stellt man fest, dass die Lieferkörnungen Über- und Unterkorn aufweisen. Dies bedeutet, dass sich kleineres und grösseres Korn als das Angegebene in der Kornfraktion befindet. Bei der Beurteilung der Kornzusammensetzung eines Zuschlaggemisches, insbesondere dem Wasseranspruch, wird die Körnungsziffer k (siehe
Körnungsziffer p. 39) herangezogen. Für jedes Sieb kann der Siebrückstand Ri berechnet
werden:
Ri [%] = 100 - Siebdurchgang [%]
(2.3)
Je kleiner die Körnungsziffer ist, um so sandreicher ist das Zuschlagsgemisch, je grösser ist
der Wasseranspruch und um so höher wird die notwendige Zementleimmenge.
2.2.4
Betonzusatzmittel
Betonzusatzmittel sind in Wasser gelöste oder aufgeschlämmte Stoffe, die dem Beton
beigemischt werden, um durch chemische und/oder physikalische Wirkung die Eigenschaften des Frisch- oder Festbetons zu verändern.
37
Rohstoffe zur
Betonherstellung
Man unterscheidet:
2.2.5
• Betonverflüssiger:
Er hat drei Wirkungen: Reduktion der Oberflächenspannung des Wassers, Erhöhung der gegenseitigen Abstossung der Zementteilchen und Bildung eines nicht
schubsteifen Teilchengerüstes und sorgen so für eine bessere Verarbeitbarkeit. Der Bedarf an Anmachwasser ist
niedriger, was zu einer höheren Druckfestigkeit führt.
• Luftporenbildner:
Erzeugen Mikro-Luftporen im Beton und verbessern so die
Frostbeständigkeit.
• Verzögerer:
Verlangsamen das Erstarren des Zementleims, wodurch
der Frischbeton länger verarbeitbar ist.
• Beschleuniger:
Sorgen für ein schnelleres Erstarren des Betons.
• Frostschutzmittel:
wasserlösliche Stoffe, die den Gefrierpunkt der wässrigen
Lösung erniedrigen.
Betonzusatzstoffe
Betonzusatzstoffe sind sehr feinkörnige Zusätze, die bestimmte Eigenschaften des Betons
beeinflussen. Dies sind vorrangig die Verarbeitbarkeit des Frisch- sowie die Festigkeit und
Dichtigkeit des Festbetons.
In der Schweiz gebräuchliche Zusatzstoffarten sind:
• inerte Zusatzstoffe:
Reagieren nicht mit Zement und Wasser und greifen somit nicht in die Hydratation ein. Sie dienen
aufgrund ihrer Korngrösse, -zusammensetzung und
-form der Verbesserung des Kornaufbaus und der
Verarbeitbarkeit.
• puzzolanische Zusatzstoffe: Lassen sich in natürliche Puzzolane, wie Trass, und
künstliche Puzzolane, wie Silicastaub, einteilen. Sie
tragen zur Festigkeitsbildung und auch zu höherer
Dichtigkeit des Zementsteins bei.
2.2.6
Betonrezept
Wasserzementwert
Der Wasserzementwert ist definiert als das Verhältnis des Wassergewichtes (Zugabewasser sowie Eigenfeuchtigkeit der Zuschläge) zum Zementgewicht. Er hat einen grossen Einfluss sowohl auf die Frisch- als auch die Festbetoneigenschaften. Rund 25% des Zementgewichtes werden an Wasser bei der Hydratation des Zementes chemisch gebunden. Weitere 15% werden physikalisch angelagert, so dass bei einem W/Z-Wert von 0.4 rein theoretisch genügend Wasser für eine vollständige Hydratation vorhanden wäre. Es wäre
dann erst oberhalb eines Wasserzementwertes von W/Z = 0.4 Überschusswasser (freies Kapillarwasser) vorhanden. In Wirklichkeit kann aber nie eine vollständige Hydratation erreicht werden und es verbleibt immer ein Anteil unhydratisierter Zement im Beton
(Abbildung 2.3).
Durch das Überschusswasser wird die Verarbeitbarkeit des Frischbetons besser, wobei die
Festigkeit abgemindert und das Schwinden des Festbetons erhöht wird. Die Ursache dafür
ist das Verdampfen des Überschusswassers, wodurch im Festbeton ein Kapillarporensystem entsteht, welches den Beton röhrenförmig durchzieht. Die Wahl des Wasserzementwertes ist also ein Kompromiss zwischen einer guten Verarbeitbarkeit des Frischbetons
und einer guten Festbetongüte (siehe 2.3.2 Eigenschaften von Festbeton p. 43).
Grösstkorn und Sieblinie
Das Grösstkorn der Korngrössenverteilung muss kleiner als die kleinste Abmessung des
Bauteils sein. Durch das Festlegen des Grösstkornes kann die geeignete Siebline ausgewählt werden. In der Abbildung 2.2 ist die Sieblinie für ein Grösstkorn von 32 mm aufgezeichnet.
38
Rohstoffe zur
Betonherstellung
100
Luftporen
80
Gelw
asse
r
freies
Kapillarwasser
Volumen-%
unhydratisierter
Zement
60
Zementgel
2
40
Beton
20
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1.0
W/Z-Wert
Abbildung 2.3: Volumenanteile der einzelnen Komponenten des Zementsteines in Abhängigkeit
vom W/Z-Wert (Darstellung abgängig vom Hydratationsgrad)
Körnungsziffer
Die Feinheit eines Zuschlagsgemisches wird durch die sogenannte Körnungsziffer beschrieben. Die Körnungsziffer k erhält man durch addieren der Prozentzahlen der Rückstände auf den einzelnen Prüfsieben des Siebsatzes Ri und Division der Summe durch 100.


 ∑ R i
i = 1 
k = -------------------100
n
(2.4)
Als Beispiel für die Berechnung der Körnungsziffer ist in Tabelle 2.1 und Abbildung 2.4
die Sieblinie A32 der ENV 206 dargestellt:
Tabelle 2.1: Durchgang und Rückstand der Sieblinie A32
Sieböffnung [mm]
0.25
0.5
1
Rückstand Ri [M-%]
98
95
92
Durchgang D [M-%]
2
5
8
2
14
86
4
23
77
8
16
31.5
62
38
0
38
62
100
Summe = 548
Körnungsziffer k = 548:100 = 5.48
Wasseranspruch einer Kornzusammensetzung
Da die einzelnen Kornfraktionen unterschiedliche spezifische Oberflächen haben, ist der
Wasseranspruch der einzelnen Kornfraktionen unterschiedlich. Mit Hilfe der Sieblinie
kann die Körnungsziffer k und somit der Wasseranspruch der Kornzusammensetzung der
Betonmischung bestimmt werden. Um eine gute Verarbeitbarkeit zu erreichen wird die
Konsistenz des Betons über das Verdichtungsmass nach Walz vorgegeben. In der
Abbildung 2.5 ist der Wasseranspruch der Kornzusammensetzung als Funktion des Verdichtungsmasses nach Walz dargestellt.
Stoffraumgleichung
Die Konsistenz des Frischbetons und die Körnungsziffer k der Kornzusammensetzung ergeben den Wassergehalt [kg Wasser/m3 Frischbeton] der Betonmischung. Durch die Wahl
eines Wasserzementwertes W/Z wird die benötigte Zementmenge [kg Zement/m3 Frisch-
39
Rohstoffe zur
Betonherstellung
0
100
ENV 206
10
20
80
70
30
D: 62
R: 38
40
60
50
50
D: 38
R: 62
40
30
60
70
D: 23
R: 77
D: 14
R: 86
20
10
D: 2
R: 98
D: 5
R: 95
Siebrückstand R in Gewichts-%
Siebdurchgang D in Gewichts-%
90
D: 100
R: 0
A32
80
D: 8
R: 92
90
100
0
0.25
0.5
1
2
4
8
16
32
Sieböffnung in mm
Abbildung 2.4: Sieblinie A32
250
Wasseranspruch (kg/m3 )
230
210
k = 2.5
190
k = 3.0
170
k = 3.5
k = 4.0
k = 4.5
k = 5.0
k = 5.5
k = 6.0
150
130
110
1
1.1
1.2
1.3
1.4
VM - Verdichtungsmass
≤ 1.1
weich
1.11 bis 1.25
plastisch
≥ 1.26
steif
Abbildung 2.5: Wasseranspruch der Kornzusammensetzung als Funktion des Verdichtungsmasses nach Walz
beton] errechnet. Die noch fehlende Zuschlagsmenge G wird über die Stoffraumgleichung bestimmt:
40
Z
W G
V f = ------ + ------- + ----- + p
ρZ ρW ρg
=
=
=
=
=
ρZ, ρW, ρg =
Vf
Z
W
G
p
Eigenschaften
des Betons
(2.5)
Frischbetonvolumen in m3
Zementgehalt in kg
Wassergehalt in kg
Zuschlagmenge in kg
Porengehalt in m3
Rohdichte von Zement, Wasser und Zuschlag [kg/m3]
Der Porengehalt p der Mischung ist von der Verarbeitbarkeit der Mischung abhängig. Bei
einer guten Verdichtung beträgt der Luftporengehalt 1 ÷ 2 Vol.-%.
2
Beton
2.3
EIGENSCHAFTEN
2.3.1
Eigenschaften von Frischbeton
DES
BETONS
Die Erhärtung des Betons ist ein sehr wichtiger Prozess, der von verschiedenen Bedingungen beeinflusst werden kann. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Temperatur: je höher
diese ist, um so schneller läuft die Hydratation ab. Dies bedingt natürlich ein höheres Arbeitstempo, da sonst der Beton bereits vor dem Vibrieren (Verdichten) erstarrt. Der Nachteil ist, dass bei einer schnellen Erhärtung des Betons viel Wärme innerhalb kürzester Zeit
freigesetzt wird. Dadurch entsteht ein Wärmestau und somit ein hoher Wärmegradient,
der nicht so schnell abgebaut werden kann. Die Folge davon ist die Entstehung von Rissen.
Die infolge der Hydratisierung entstehenden Temperaturdifferenzen lassen sich folgendermassen berechnen:
∆Q' ⋅ m Z
∆Q
∆T = ----------------------- = ----------------------------------------------------------------c ⋅ m Beton
( m Z + m G ) ⋅ c ZG + m W ⋅ c W
(2.6)
∆Q = Wärmedifferenz (> 0, da Reaktion exotherm) [J]
∆Q' = spezifische Wärme [J/g]
c = Wärmekapazität [J/(K·g)]
=
=
=
=
=
mBeton =
cZG
cW
mZ
mG
mW
Wärmekapazität Zement, Zuschläge = 0.88 [J/(K·g)] = 1.0 [cal/kg]
Wärmekapazität von Wasser = 4.18 [J/(K·g)]
Masse Zement [g]
Masse Zuschläge [g]
Masse Wasser [g]
mZ + mG + mW [g]
∆Q' hängt sehr stark von der Zementzusammensetzung ab. Die Tabelle 2.2 stellt die verschiedenen Hydratationswärmen je nach Zementtyp dar.
Die Hydratationswärme bewirkt im Inneren des Betons eine Erwärmung von 20 ÷ 40 °C,
was ausreichen kann um thermisch bedingte Risse zu verursachen.
Experiment:
Messstelle 3 in der Abbildung 2.6 liegt im bereits erhärteten Beton, was bedeutet, dass
die Temperatur langsam ansteigt. Messstelle 2 liegt am Rand des Betons, also wird hier
eine schnelle Abkühlung gemessen; der Beton zieht sich demzufolge zusammen, und es
entstehen Spannungen.
41
Eigenschaften
des Betons
Tabelle 2.2: Vergleich der Hydratationswärme von verschiedenen Zementen (nach DIN 1164 Teil 8)
Hydratationswärme verschiedener Zemente [J/g]
Alter
Alter:
Zemente mit hoher
Hydratationswärme
übliche Zemente
Zemente mit niedriger Hydratationswärme1
1d
3d
7d
28 d
210…270
290…350
340…380
370…420
60…170
120…250
140…290
210…380
120…210
210…340
270…380
bei vollständiger
Hydratation
290…420
bis 525
bis 490
bis 460
Grenzwerte für Zemente mit niedriger Hydratationswärme [J/g]
Zementbezeichnung
NW
low heat
PC
Typ II; IIA
Typ IV
Zementnorm
DIN 1164
Britische Norm BS
1370-79
US-Norm
ASTM C 150-78
--
--
--
270
--
---
--
250
---
--
290
290
250
--
-290
---
1Vorzugsweise Hüttenzemente mit hohem Hüttensandgehalt und Portlandzemente mit wenig oder keinem C A
3
1m
∆T [°C]
Schalenriss
adiabatisch
40
1
1
2
Spannungen +
-
3
2
3
Spaltriss
s
7
[Tage]
Fundament
Abbildung 2.6: Betonbauteil auf einem Fundament und Temperaturdifferenz ∆T in Abhängigkeit der
Zeit und der Messstelle
ε = α th ⋅ ∆T
σ th = E ⋅ α th ⋅ ∆T
(2.7)
(2.8)
Diese am Betonrand vorkommenden Spannungen sind häufig grösser als die Zugfestigkeit des noch jungen Betons, und somit enstehen sogenannte Schalenrisse. Sobald der
Kern abgekühlt ist (∆T = 0) schliessen sich diese Risse wieder. Trotzdem werden sie immer
eine Schwachstelle des Betons bilden.
Das Bauteil zieht sich sowohl vertikal als auch horizontal zusammen. Da das Fundament
die horizontalen Bewegungen verhindert, entstehen sogenannte Spaltrisse ƒ (z.B. bei
Pfeilern). Es gilt:
• Schalenrisse ‚:
• Spaltrisse ƒ:
Entstehen nur an der Schale, schliessen sich wieder, sind
aber ständige Schwachstellen.
Schliessen sich nicht mehr.
Bei Bauteilen mit Abmessungen bis ca. 30 cm kann die Hydratationswärme vernachlässigt
werden, bei grösseren Abmessungen muss sie jedoch berücksichtigt werden.
42
Verhinderung von thermischen Rissen
Um Risse zu vermeiden, soll der Temperaturgradient so tief wie möglich gehalten werden.
• Zement:
Einsatz von Zement mit niedriger Hydratationswärme
oder geringer Dosierung
• Kühlen:
Dem Frischbeton wird laufend Eis (Eischips) hinzugefügt.
Es wird nur soviel Eis beigemischt, dass es bis zum Einbringen des Betons ganz geschmolzen ist, wobei die Schmelzwärme des Eises den Beton abkühlt (auf den W/Z-Wert
achten!).
• Sandkastenmethode: Durch Isolation der Aussenwände wird ein kleiner
Wärmegradient verursacht. Wichtig ist bei dieser Methode
die Ausschalungszeit; oft erfolgt die Ausschalung zu früh,
so dass eine schlagartige Änderung der Temperatur stattfindet.
Eigenschaften
des Betons
2
Beton
Nachbehandlungen
Unter Nachbehandlung versteht man alle Massnahmen, die dazu geeignet sind, den
frisch verarbeiteten und jungen Beton bis zur Erreichung einer ausreichender Festigkeit
zu schützen.
Die Nachbehandlung hat den Zweck, den jungen Beton speziell vor Wasserverlust und
schädlichen Einwirkungen zu schützen. Druckfestigkeit allein garantiert keine Dauerhaftigkeit, denn der Beton muss auch dicht sein. Speziell im oberflächennahen Bereich ist ein
Zementstein mit hoher Dichtigkeit und einer möglichst geringen Porosität sehr wichtig.
Dies ergibt einen erhöhten Widerstand gegen die Carbonatisierung und weitere
Einflüsse.
Die Nachbehandlung soll schützen vor:
• Vorzeitigem Austrocknen durch Wind, Sonne und trockene Kälte, was Risse, geringe Festigkeit, geringe Dichtigkeit und Dauerhaftigkeit zur Folge haben könnte. Belassen der Schalung, Abdecken mit Folien oder Aufbringen flüssiger
Nachbehandlungsmittel sind mögliche Schutzmassnahmen.
• extremen Temperaturen und raschen Temperaturwechseln
• Niederschlägen
• Schwingungen, Erschütterungen und anderen mechanischen Beanspruchungen
(z.B. Verkehr)
• vorzeitigen Einwirkungen durch Fremdstoffe
2.3.2
Eigenschaften von Festbeton
Porosität
Die Porosität beeinflusst weitgehend die mechanischen Eigenschaften und die Dauerhaftigkeit des Betons.
Die Haupteinflüsse auf die Porosität sind der W/Z-Wert, je mehr Wasser desto höher wird
die Porosität und das Schwinden (siehe 1.5.3 Eigenschaften des Zements).
Wasserdichtigkeit und Frostbeständigkeit
Beim üblichen Beton spielen sich diese Vorgänge im wesentlichen im Zementstein ab, da
im allgemeinen Zuschläge mit sehr geringer Porosität verwendet werden.
Für die Wasserdichtigkeit sind Volumen, Art und Verteilung der Poren, besonders der Kapillar- (Grob-) poren, von grösstem Einfluss. Da der Zement bei der Hydratation insgesamt
rund 40 Massen-% Wasser chemisch und in den nur wenige Wassermoleküle grossen Gelporen physikalisch bindet, ist Zementstein und damit auch Beton mit W/Z ≤ 0.4 wasserdicht, während bei grösseren W/Z-Werten ein Kapillarporensystem entsteht, dass aber
erst ab W/Z = 0.6 zusammenhängend ist und eine ausgeprägte Wasserdurchlässigkeit ergibt.
Zunächst sei festgestellt, dass nicht alle Poren wasserdurchlässig sind. Die Gelporen, wie
sie durch Austrocknung von Gelen entstehen, haben einen Durchmesser von ca. 2 nm. Das
darin vorhandene Wasser mit einer extrem dünnen Schichtdicke wird von der Oberfläche
43
Eigenschaften
des Betons
der Gelporen festgehalten, so dass die Gelporen keine Wasserdurchströmung zulassen
(pseudofestes Wasser).
Die durch Überschusswasser entstehenden Kapillarporen sind im Vergleich zu den Gelporen viel grösser; ihr Durchmesser kann mehrere mm erreichen und ist also rund 1000 mal
grösser als jener der Gelporen. Das darin befindliche Wasser (siehe Abbildung 2.7) ist deshalb beweglich, wodurch es möglich ist, dass Kapillarporen von Wasser durchströmt werden und somit der Grund für die Wasserdurchlässigkeit von Beton sind.
20 µm
Abbildung 2.7:
a)
b)
c)
d)
mit Wasser gefüllte Kapillarporen
CSH-Gel
unhydratisierter PC
Calciumhydroxid Ca(OH)2
Erhärtungsphasen:
a) unmittelbar nach dem Mischen
b) nach 7 Tagen, Zementteilchen werden kleiner
c) nach 28 Tagen, Wasseranteil immer geringer, immer mehr CSH
d) nach 90 Tagen
Wenn man sich vergegenwärtigt, dass auch erhärteter Beton je nach W/Z-Wert mehr oder
weniger grosse Mengen Wasser enthält, dann müsste dieser bei Einwirkung von Frost und
damit verbundener Ausdehnung des entstehenden Eises stark frostgefährdet sein. Dass
dies in der Praxis nur in seltenen Fällen zutrifft, ergibt sich als Folge einiger günstiger Umstände:
• Der Beton gibt durch Austrocknung den grössten Teil des überschüssigen Wassers ab, wodurch Porenräume entstehen, in welche sich das restliche Wasser
beim Gefrieren ausdehnen kann. Frostschäden an erhärtetem Beton treten deshalb vorwiegend bei wassergesättigtem Beton auf, wozu im allgemeinen auch
der Strassenbeton gehört.
• Das in den Hydraten (CSH) chemisch gebundene Wasser ist, da im Kristallgitter
eingebaut, nicht gefrierbar.
• Das in den Gelporen (feinen Poren) und Kapillarporen (groben Poren) befindliche Wasser zeigt unterschiedliches Verhalten, da der Gefrierpunkt des Wassers
wegen der in den Poren wirksamen Oberflächenkräfte herabgesetzt wird, und
zwar um so mehr, je feiner die Poren sind. Der Durchmesser der Gelporen ist so
gering, dass das darin enthaltene Wasser praktisch nicht gefriert. Nur das in den
Kapillarporen enthaltene Wasser ist gefrierbar, wobei sein Gefrierpunkt ebenfalls von dem sehr verschiedenen Durchmesser der Kapillarporen abhängt. Deshalb gibt es keine bestimmte Gefriertemperatur des Wassers im Beton, sondern
es gefriert stufenweise über einen Temperaturbereich von 0 bis -20 °C.
Beim Wiedererwärmen von gefrorenem Beton geht die Ausdehnung wieder zurück, jedoch nicht ganz, sondern nur bis auf etwa 1/3. Diese verbleibende Dehnung kann man als
irreversible Dehnung bezeichnen. Sie wird verursacht durch eine geringe Gefügelocke-
44
rung. Bei wiederholtem Gefrieren tritt erneut Ausdehnung ein, die als Summe von verbleibender und neuer Ausdehnung grösser ist und nach Erwärmung eine vergrösserte irreversible Dehnung ergibt.
Hierin liegt die Erklärung für die Tatsache, dass einmaliges bzw. seltenes Gefrieren von
feuchtem Beton meist unschädlich ist, dass häufiger Frost-Tau-Wechsel jedoch starke bis
völlige Gefügezerstörung des Betons bewirken kann. Diese Gefahr ist um so grösser, je
höher der Volumenanteil an Kapillarporen ist. Der Grund dafür liegt darin, dass, je grösser
der Kapillarporengehalt, desto grösser die Menge gefrierbaren Wassers und damit auch
die Frostdehnung ist, so dass in letzterem Fall weniger Frostwechsel genügen, um den Beton zu schädigen.
Da bei wassergesättigtem Beton der Kapillarporengehalt identisch mit dem nicht gebundenen gefrierbaren Überschusswasser ist, ist der Volumenanteil an Kapillarporen um so
grösser, je höher der W/Z-Wert ist. Vereinfacht kann man deshalb sagen, dass ein Beton
um so frostbeständiger ist, je niedriger sein W/Z-Wert ist.
2
Beton
Festigkeit
Eine Erhöhung des W/Z-Wertes führt zu einer Steigerung der Porosität und einer entsprechenden Erniedrigung des E-Moduls und der Festigkeit. Schon eine kleine Zunahme des
Porenvolumens vermindert die Festigkeit beträchtlich.
Eigenschaften
des Betons
70
1
Betondruckfestigkeit fcw,28 [N/mm2]
60
2
50
1 Beton mit CEM I 52.5
3
2 Beton mit CEM I 42.5
40
3 Beton mit CEM I 32.5
30
20
10
0.3
0.4
0.5
0.6
0.7
0.8
0.9
1.0
W/Z [-]
Abbildung 2.8: Einfluss der Zementart und des W/Z-Wertes auf die Festigkeit
Je geringer der W/Z-Wert ist, um so schneller wird eine hohe Festigkeit erreicht. Die zeitliche Entwicklung der Festigkeit kann mit der Formel (Abschnitt 2.9) auch empirisch ermittelt werden.
45
Eigenschaften
des Betons
f c = f c ⋅ (1 – e
∞
a⋅R
fc = Druckfestigkeit [N/mm2]
)
(2.9)
f c∞ = Druckfestigkeit nach unendlich langer Zeit [N/mm2]
a = f (Material), Beton: a = -0.002
R = Reifegrad
R = ( T + 10 ) ⋅ t
oder allgemein
R =
n
∑ ( T i + 10 ) ⋅ ∆t i
i=1
(2.10)
60
50
40
30
28 Tage
Betondruckfestigkeit fcw,28 [N/mm2]
T = Temperatur [°C]
t = Hydratationsdauer [Tage]
Standartwert = R(T = 20 °C; t = 28 Tage) = 840
20
10
10
20
30
40
50
60 70 80 90 100 110 120 130 140
Betonalter [d]
Abbildung 2.9: Entwicklung der Festigkeit für fc ∞= 60 N/mm2, a = -0.002, T = 20 °C
2.3.3
Zeitabhängige Eigenschaften
Kriechen
Unter Kriechen versteht man die unter Dauerlast erfolgende Verformung. Das Ausmass
des Kriechens hängt mit dem Wassergehalt des Betons zusammen, wobei die Kriechzahl
mit abnehmender Feuchtigkeit zunimmt. Die Kriechneigung ist auch abhängig von der
Art des verwendeten Zementes; im allgemeinen ist das Kriechen um so grösser, je geringer die bei Belastungsbeginn erreichte Festigkeit ist. Die Verformung des Betons unter
der Einwirkung äusserer Kräfte ist nicht völlig reversibel, sondern es findet auch eine bleibende Formänderung statt.
Schwinden
Da das Schwinden des Betons durch das Schwinden des Zementsteins (siehe 1.5.3 Eigenschaften des Zements p. 25) entsteht, hängt das Schwindmass massgeblich vom Zementsteingehalt ab.
Normalzuschlag schwindet im allgemeinen nicht und behindert dadurch das Schwinden
des Zementsteins.
Durch den unterschiedlichen E-Modul von Zuschlagkorn und Zementstein treten dabei innere Schwindzugspannungen auf, die von der Dicke der Zementsteinschicht und auch von
der Korngrösse abhängen, und bei schlechter Haftscherfestigkeit zu Mikrorissen in der
Grenzfläche Zuschlagkorn-Zementstein und bei hoher Rissneigung des Zementes auch zu
Rissen im Zementstein führen können. Diese Risse verringern mit zunehmendem Alter des
Betons die Druck- und Zugfestigkeit.
46
Eigenschaften
des Betons
1.4
W/Z = 0.7 0.6
0.5
Schwindmass εS [‰]
1.2
0.4
1.0
0.8
Baustellenbereich
0.6
0.3
0.4
2
0.2
0
200
300
400
500
600
3
Beton
Zementgehalt [kg/m ]
Abbildung 2.10: Schwinden von Beton in Abhängigkeit des Zementgehaltes und des W/Z-Wertes
Dauerhaftigkeit von Beton
Die Dauerhaftigkeit von Beton wird (neben dem Eindringen von Wasser, (siehe 2.3.2 Eigenschaften von Festbeton p. 43)) vor allem von drei Korrosionsprozessen beeinflusst:
• Carbonatisierung:
(siehe 1.5.3 Eigenschaften des Zements p. 25)
• Sulfattreiben:
Bildung von Ettringit, (siehe 1.5.2 Hydratation des Zementes p. 22)
• Chlorid-Angriff:
Chloridionen sind z.B. in Tausalzen (NaCl, MgCl2 oder
CaCl2) oder im Meerwasser enthalten. Sie kommen vor allem mit dem Sockelbereich von Gebäuden in Kontakt.
Die Geschwindigkeit des Eindringens von Chloridionen hängt ausser von der Konzentration der anstehenden Lösung auch von der Dichtigkeit des Betons ab.
Chloridionen heben unabhängig von der Carbonatisierung die Passivierung des Bewehrungsstahls auf. Ein Verdacht auf Anwesenheit von Chloridionen besteht immer dann,
wenn trotz geringer Carbonatisierungstiefe Korrosionsschäden an der Bewehrung auftreten.
NOTIZEN
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