Rubrik: Impressionen Ausgabe 9

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PDF erzeugt am 22. 08. 2017
Rubrik: Impressionen
Ausgabe 9 - 2016
Mein Monat in Kaliningrad
Unser Praktikant Fabio Sand aus München war im Juli zum ersten Mal im Kaliningrader Gebiet. Seine
Impressionen möchte er nun mit Ihnen, unseren Lesern, teilen.
Beim Verlassen des Flughafenterminals in der weißrussischen Hauptstadt denke ich mir noch: In einem Monat bin ich wieder hier.
Was sich in den Wochen dazwischen wohl so ereignen wird...
Es ist ein Gefühl, welches sich am ehesten mit einer Mischung aus Vorfreude und gleichzeitig auch sehr viel Respekt vor dem
bevorstehenden Praktikum in der Zeitung „Königsberger Express“ ausdrücken lässt. Zwar habe ich mich im Vorfeld meiner Reise so
gut es ging darüber informiert, was sich in Kaliningrad so alles unternehmen lässt, welche Persönlichkeiten aus dieser Stadt stammen
und was sich in den letzten Jahren in der Stadt so alles getan hat, aber letztlich – so denke ich – ist dies nur schnöde Theorie und
sagt nichts darüber aus, wie ich die kommenden Wochen verbringen werde.
In der Stadt angekommen, sehe ich hier und da ein altes Haus, das noch aus der Vorkriegszeit zu stammen scheint. Dazwischen
stehen – wie man den Jahreszahlen an den Fassaden entnehmen kann – viele Mehrfamilienhäuser aus den 1950er Jahren sowie
eine Reihe eleganter moderner Hochhäuser. Von Anfang an gefällt mir dieser architektonische Eklektizismus, welcher das Gesicht
der Stadt prägt.
Der erste Ort, den ich besichtige und der mir gleichzeitig besonders gut gefällt, ist der Kaliningrader Zoo. Hier im ehemaligen
„Königsberger Tiergarten“ gibt es eine Menge einheimischer und exotischer Tiere und man merkt schnell, dass die Stadtverwaltung
durch den Neubau einiger Gebäude sehr daran interessiert ist, diesen grünen Flecken innerhalb der Stadt zu erhalten. Zwar könnte
das eine oder andere Gehege etwas größer sein, aber insgesamt gesehen ist der Zoo einer der schönsten, die ich je gesehen habe.
An dieser Stelle muss gesagt werden, dass sich Kaliningrad generell durch sehr viele Grünflächen auszeichnet und es daher
mannigfaltige Möglichkeiten gibt, hier und da eine kleine Pause einzulegen und auf einer Parkbank im Schatten unter Bäumen zu
verweilen.
Der Hauptplatz der Stadt, der Ploschad Pobedy (ehem. Hansaplatz), gefällt mir dagegen nicht besonders, da er auf mich wie eine
Mischung aus Einkaufszentrum und Verkehrsknotenpunkt wirkt. Auch der Neubau der Christ-Erlöser-Kathedrale und die
monumentale Siegessäule in der Mitte des Platzes ändern nichts an diesem Eindruck. Viel besser dagegen gefällt mir ein Gebäude,
welches von vielen Kaliningradern zu Unrecht als „Monster“ bezeichnet wird: Das leerstehende Haus der Räte. Dieses futuristisch
anmutende Gebäude wurde in den 1970er Jahren gebaut und steht heute aufgrund ungeklärter Eigentumsverhältnisse leer. Auch
behaupten mehrere Stellen, der Grund habe wegen des immensen Gewichtes des Gebäudes nachgegeben, was sich jedoch
zumindest optisch nicht bestätigen lässt: Keine Neigung des Gebäudes und keine Risse im Beton sind zu sehen. Und dennoch:
Dieses Gebäude gehört zum Stadtbild Kaliningrads dazu und hat vielleicht gerade aufgrund der Tatsache, dass es nicht genutzt wird,
so etwas wie einen speziellen Kultstatus erhalten.
Neben diesem ungewöhnlichen Bauwerk gibt es aber auch viele ältere Gebäude, die vielleicht weniger durch ihre Besonderheit, als
mehr durch ihre „klassische“ Schönheit auffallen. Zu nennen sind hier der Königsberger Dom, die erhaltenen Stadttore sowie der
ehemalige Stadtteil Amalienau unweit der heutigen Kutusowstraße mit seinen zahlreichen Villen.
Neben meinen Erkundungszügen durch die Stadt habe ich auch einige Ausflüge in die Ortschaften der näheren Umgebung
unternommen. Besonders gut gefallen hat mir das am Meer gelegene Selenogradsk (ehem. Cranz) mit seiner langen Uferpromenade
und den weitläufigen Sandstränden, welche gleichzeitig den Anfang der Kurischen Nehrung bilden. Auch Swetlogorsk (ehem.
Rauschen) beeindruckt durch seinen alten Baubestand, den erhaltenen Kurortflair und eine Vielzahl kleiner Cafes welche direkt am
Meer liegen und vom Bahnhof aus mit einer kleinen Seilbahn zu erreichen sind.
Ich habe auch einen Ausflug auf die Kurische Nehrung unternommen. Man kann dort eine Vogelwarte besichtigen und einen
Spaziergang durch den „tanzenden Wald“ unternehmen – einen Kiefernwald, welcher sich durch ein sehr ungewöhnliches
verschlungenes Wachstum der Baumstämme auszeichnet. Auch sehr sehenswert war die Große Düne, welche sich über mehrere
hundert Meter erstreckt und durch ihre Kargheit und gleichzeitige Schönheit ein wenig an eine Mondlandschaft erinnert.
Neben allem, was ich im Gebiet an interessanten Eindrücken hinsichtlich der Städte und der Natur gewonnen habe, gibt es jedoch
eine Sache, welche mich mehr beindruckt hat, als alles andere: Die Herzlichkeit und die Aufgeschlossenheit der Menschen, denen
ich hier in den vier Wochen meines Praktikums begegnet bin. Besonders hat mir gefallen, dass die Leute sich durch zahlreiche Bauund Renovierungsprojekte sehr darum bemühen, Kaliningrad zu einer der schönsten Städte Russlands werden zu lassen und
gleichzeitig das deutsche Erbe der Stadt nicht negieren, sondern sogar positiv bewerten und fördern. Abschließend kann ich daher
jedem nur wärmstens empfehlen, eine Reise in diesen Teil Europas zu unternehmen und sich selbst ein Bild von dem zu machen,
was ich in diesem Artikel zu beschreiben versucht habe. Und noch mehr als das kann ich empfehlen, ein journalistisches Praktikum in
einer der eigenartigsten Zeitungsredaktionen Russlands zu absolvieren: Danke, Königsberger Express, für diese tolle Erfahrung!
Fabio Sand,
angehender Slawist und Politikwissenschaftler,
absolvierte sein Praktikum beim KE im Juli 2016
© Königsberger Express
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