# 2010/09 dschungel
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Das Buch »Eva Braun. Leben mit Hitler« von Heike Görtemakers
Schtonk in Blond
Von Birgit Schmidt
Die Lebensgeschichte der Eva Braun ist angeblich neu geschrieben worden.
Birgit Schmidt hat sich Heike Görtemakers Buch über die Geliebte Hitlers
genauer angesehen.
Dass auch Frauen, sofern sie nicht berechtigterweise für unzurechnungsfähig erklärt
wurden, ganz genau wissen, was sie tun, ist eine Erkenntnis, die niemanden mehr
sonderlich überraschen dürfte. Dennoch schlägt das deutsche Feuilleton derzeit die
Hände über dem Kopf zusammen: Da hat die Ber­liner Historikerin Heike Görtemaker
doch tatsächlich versucht, dies auch für Eva Braun zu reklamieren. Braun, so behauptet
die Historikerin in ihrer kürzlich vorgelegten Biografie, sei kein verwirrtes Hascherl
gewesen, das keine Ahnung hatte, was es tat, sondern eine Frau, die sich ganz bewusst
für Adolf Hitler als Freund, Lebensgefährten und Ehemann entschied habe und die an
seiner Seite auch ­sterben wolle.
Das ist sicher richtig. Aber muss man ein ganzes Buch darüber schreiben? Ist es nicht
vollkommen irrelevant, ob Eva Braun Adolf Hitler eher emotional nahe stand oder ob sie
sich erhoffte, durch ihn einen Platz in der Weltgeschichte zu ergattern? Muss und möchte
man wirklich wissen, ob sie ihre beiden Selbstmordversuche verübte, um Hitler an sich zu
binden, oder ob sie ganz grundsätzlich eine Tendenz zur Selbstzerstörung hatte?
Natürlich teilte Eva Braun die Weltanschauung ihres Gefährten, zumindest hatte sie – wie
von einem Mitglied der Hitler-Entourage auch nicht anders zu erwarten – nicht allzu viel
dagegen einzuwenden. Sie war stolz darauf, die Geliebte des Führers zu sein, und bereit,
ihm in den Tod zu folgen wie Millionen andere deutsche Volksgenossen auch. Warum
macht Görtemaker eine Biografie daraus?
Diese Frage ist umso drängender, da nicht einmal neu auszuwertendes Material zur
Verfügung stand. Erhalten sind von Braun verfasste Briefe und ein Tagebuchfragment,
dessen Authentizität aber nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte. Dokumente, die
Aufschluss darüber geben könnten, wie Hitler über Braun gedacht hat, gibt es keine, er
hielt die Frau an seiner Seite nicht für erwähnenswert.
Aber will oder muss man wirklich wissen, wann, wo und wie oft die beiden einander sahen
und ob sie jemals Sex miteinander hatten? Mit der Erörterung solch intimer Details lässt
sich noch kein Buch bestreiten. Um auf knapp 300 Druckseiten zu kommen, muss die
Autorin dann noch Ausflüge in die nähere Umgebung Hitlers unternehmen und andere
hochrangige Nationalsozialisten und deren Ehefrauen porträtieren (Magda Goebbels, Ilse
Hess u.a.).
Ihr Buch fördert also nichts zutage, was dazu angetan wäre, das Wesen des
Nationalsozialismus begreiflicher zu machen, aber es bedient die Nachfrage des
Publikums nach Schilderungen »deutscher« Schicksale. Man ist der Anklagen der Opfer
des Nationalsozialismus offenbar überdrüssig geworden und hört um­so aufmerksamer
den Tätern, Mitläufern und Nutznießern des Systems zu. Und natürlich den Täterinnen,
Mitläuferinnen und Nutznießerinnen.
Ende der neunziger Jahre begann die Österreicherin Anna Sigmund damit, ihre Reihe »Die
Frauen der Nazis« auf den Markt zu werfen. 2002 ließen André Heller und Othmar
Schmiderer Hitlers Sekretärin Traudl Junge in einem Dokumentarfilm erzählen und
suggerierten mit dem Filmtitel »Im toten Winkel«, dass Frau Junge im Vorzimmer der
Macht nicht mitbekommen habe, welche Verbrechen im Nebenraum geplant wurden. Und
seitdem geht es Schlag auf Schlag: 2004 legte Regisseur Oliver Hirschbiegel mit »Der
Untergang« nach, einem Film, der sich an den Erinnerungen Traudl Junges orientiert und
den bis Januar 2005 4,5 Millionen Deutsche gesehen hatten. Bernhard Schlinks Roman
»Der Vorleser« von 1995 wurde 2008 aufwendig verfilmt. In dem Buch, das bislang 29
Auflagen erfuhr, geht es um eine ehemalige Aufseherin des Vernichtungslagers
Auschwitz, die sich einzig für ihren Analphabetismus schämt. Florian Gallenbergers Film
»John Rabe« von 2009, der von einem guten NS-Mann handelt, gewann vier deutsche
Filmpreise, und bald geisterte Familie Krupp durchs deutsche Abendprogramm.
Dass der Boom noch nicht vorbei ist, zeigt die Tatsache, dass Heike Görtemakers
nichtssagende Eva-Braun-Biografie in allen Feuilletons besprochen wird und viel
Aufmerksamkeit erregt. »Hitler sells«, stellte Johannes Tuchel trocken fest, als die »Braut
des Bösen« (Morgenpost) es sogar auf das Titelbild des Stern schaffte.
Heike Görtemaker hat es also geschafft. Mit ihrem zweiten Streich. Bereits 2005
veröffentlichte sie eine Biografie der Journalistin Margret Boveri, die sich 1933 der
nationalsozialistischen Presse zur Verfügung gestellt hatte und 1944 aus Portugal nach
Berlin zurückkehrte, um Deutschland in seiner Schicksalsstunde nicht alleine zu lassen.
Ein Jahr zuvor war Boveris Buch »Tage des Überlebens. Berlin 1945« neu aufgelegt
worden: Aus der Perspektive einer Frau, die kein kritisches Wort über ihre Rolle in der
deutschen Presselandschaft verliert und sich auch nicht mit den Verbrechen der
Deutschen beschäftigt, schildert sie den Bombenkrieg und den Hunger. Ausführlich
beschwert sie sich über bürokratische Schikanen durch die US-amerikanischen Besatzer,
die sie in ihrem Deutschtum beleidigen. Sie reagiert, indem sie 1946 ihre »Amerikafibel
für erwachsene Deutsche« vorlegt. Selbstverständlich wurde auch die »Amerikafibel«
inzwischen wieder aufgelegt, und Heike Görtemaker erklärt im Vorwort zur Neuauflage:
»Ihr ging es nicht um die Deutschen und deren Verbrechen während der NS-Diktatur,
sondern um das Verhalten der amerikanischen Besatzungsmacht.«
Sachlich ist das richtig, aber Boveri muss genauso wenig zur Kenntnis genommen werden
wie Braun. Warum kapriziert sich die Historikerin Görtemaker auf diese Biografien? Geht
es da letztlich nicht doch um eine Neubewertung der Geschichte? Viele Aussagen, die sie
trifft, sind ein wenig merkwürdig, sie liegen immer einen Tick neben dem, was richtig
wäre. So, wenn sie in ihrer Eva-Braun-Biografie über Hitler schreibt: »Weltweit verbindet
man mit ihm Gewalt, Unmenschlichkeit, Rassismus, pervertierten Nationalismus,
Völkermord und Krieg.« Und den Antisemitismus vergisst.
Ein anderes Beispiel: Die völkische Bewegung der Nationalsozialisten, die in Bayern ihren
Ursprung hatte, erscheint im Buch allein als Reaktion auf die Münchner Räterepublik. Das
ist eine These, die zu diskutieren wäre. Im Buch aber wird sie wie im Vorbeigehen in den
Hintergrund gerückt.
Wer wirklich durchhält bis zum Schluss, liest als abschließendes ­Resümee über Eva
Braun: »Gefangen zwischen Macht und Ohnmacht, aber letztlich entschieden handelnd,
eitel und keineswegs ein Opfer, sicherte sich Eva Braun dennoch ­einen, wenn auch
zweifelhaften, Platz in der Geschichte.« Als ob wirklich ein Zweifel bestünde, welchen
Platz sie innehatte.
Heike Görtemaker: Eva Braun. Leben mit Hitler. C.H.Beck, München 2010, 366 Seiten,
24,95 Euro
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