ein Blick in die kosmischen hexenkessel

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Welt der Wissenschaft: Gammaastronomie
GLAST-Mission
Die
Ein Blick in die kosmischen Hexenkessel
Einer der letzten astronomisch noch nicht ausreichend erforschten Spektralbereiche ist
derjenige der Gammastrahlen. Das neue Weltraumteleskop GLAST, dessen Start für den
16. Mai vorgesehen ist, wird diese Lücke schließen. Jenseits der Erdatmosphäre wird es
die hochenergetischen Photonen registrieren, die Einblicke in die heftigsten Vorgänge
des Universums erlauben.
Von Giselher Lichti und Andreas von Kienlin
W
ieviel anders sähe unsere
nen massereicher Sterne, der Einsturz von
kung treten, werden sie auch Gamma­
Welt aus, wenn unsere
Materie in alles verschlingende Schwarze
quanten genannt; ihre Energie wird, wie in
Augen nicht für sichtbares
Löcher, Kollisionen von Neutronensternen
der Teilchenphysik üblich, in Elektronvolt
Licht, sondern für hoch­
sowie Stoßwellen, die entstehen, wenn fast
(eV) angegeben (siehe Glossar auf S. 44).
ener­getische Gammastrahlung empfindlich
lichtschnelle Materieströme auf interstella­
wären. Statt der romantisch funkelnden
res Gas prallen.
Wegen des Teilchencharakters der Gam­
maquanten versagt das gewohnte Instru­
Sterne am nachtschwarzen Himmel würden
Gammastrahlen gehören wie Photonen
mentarium der Astronomie. Gammastrah­
wir ein Feuerwerk aus hellen Blitzen und ein
des sichtbaren Lichts zum elektromagne­
len können nämlich nicht wie sichtbares
geheimnisvolles Leuchten wahrnehmen,
tischen Spektrum. Ihre Energie ist jedoch
Licht mit Spiegeln und Linsen eingesam­
das uns zu Zeugen der wuchtigsten und
millionen- bis milliardenfach größer, ihre
melt und auf kleine Detektoren fokussiert
energiereichsten Prozesse werden ließe,
Wellenlänge entsprechend kleiner. Da sie
werden. Stattdessen sind Instrumente mit
die das Universum zu bieten hat: Explosio­
wie Teilchen mit Materie in Wechselwir­
großen Zählerflächen erforderlich, um
die geringen Flüsse der kosmischen Gam­
maquanten nachzuweisen. Erst durch die
Didaktisches Material zu diesem Beitrag
Fortschritte in der Detektorentwicklung
steht Ihnen kostenlos auf der Website
für die Kern- und Hochenergiephysik
www.wissenschaft-schulen.de zur Verfü-
gelang es, geeignete Instrumente für den
gung. Nachweis und Eigenschaften von
Einsatz in der Astrophysik zu bauen.
Gamma-»Strahlung« sind Standardthe-
Die Beobachtung des Sternhimmels im
men im Oberstufenunterricht, aber sie werden oft nur in eingeschränktem Sinn im
Gammabereich wird zusätzlich durch den
Zusammenhang mit Radioaktivität behandelt. Die Materialien zur astronomischen
Umstand erschwert, dass Gammaquanten
Bedeutung der Gammastrahlen ermöglichen nun, anhand der aktuellen Forschung
bereits in großer Höhe bei Wechselwir­
in die Thematik einzuführen. Unser Projekt »Wissenschaft in die Schulen!« führen wir
kungen mit den Luftmolekülen absorbiert
in Zusammenarbeit mit der Landesakademie für Lehrer­fortbildung in Bad Wildbad
werden. Dies macht technisch aufwändige
durch. Es wird von der Klaus Tschira Stiftung gGmbH großzügig gefördert.
Ballon- oder Satellitenmissionen nötig.
Erst bei sehr hohen Energien oberhalb von
40
Mai 2008
Sterne und Weltraum
100 Gigaelektronvolt (1 GeV = 109 eV) las­
sen sich Gammastrahlen vom Boden aus
indirekt nachweisen, und zwar über das
Tscherenkow-Licht von Teilchenschauern,
die bei der Umwandlung der Energie ein­
zelner hochenergetischer Gammaquanten
in der oberen Atmosphäre entstehen (sie­
he SuW 8/2006, S. 36, sowie SuW 8/2007,
S. 26).
Die Gammaastronomie wurde 1967 mit
einem speziellen Experiment an Bord des
NASA-Satelliten OSO-3 eröffnet. Als wei­
tere wissenschaftliche Missionen folgten
1972 SAS-2 (NASA) und drei Jahre später
COS-B (ESA); beide lieferten Karten der
Gammastrahlung unseres Milchstraßen­
systems. Mit dem Compton Gamma-Ray
Observatory (CGRO) der NASA, das von
1991 bis 2000 in Betrieb war, etablierte
sich die Gammaastronomie endgültig
als eigenständiger Forschungszweig. Als
einzige noch laufende Mission untersucht
das Gammaobservatorium Integral der
ESA seit 2002 den Himmel im Bereich der
harten Röntgen- und weichen Gamma­
strahlung (20 keV bis 10 MeV).
Die Instrumente an Bord dieser Satelliten
führten zu zahlreichen neuen Entdeckun­
NASA
Neuer Pionier
der Gammaastronomie
gen und Erkenntnissen. Allerdings reichte
ihre Empfindlichkeit nicht aus, um alle
Das Gamma-Ray Large Area Space Telescope (GLAST) wird als eines der großen Welt-
Entdeckungen zu erklären. Diese Aufgabe
raumteleskope die astronomische Forschung der nächsten Jahre dominieren. Etwa
soll nun das Gamma-Ray Large Area Space
zwei Monate nach dem Start, der am 16. Mai erfolgen soll, wird die NASA das Teleskop
Telescope (GLAST) übernehmen, das im
umbenennen.
Bereich der hochenergetischen Gamma­
strahlung wesentlich empfindlicher ist als
LAT-Sensoren
und Elektronik
alle seine Vorgänger.
Large Area Telescope (LAT)
GLAST ist eine internationale Mission,
die den Himmel im Energiebereich von
20 MeV bis mehr als 300 GeV erforschen
soll. Das Hauptinstrument, das Large-Area
Telescope (LAT), ist im Wesentlichen ein
Nachfolgeinstrument des Gammastrah­
LAT C
ollabo
ration
lenteleskops EGRET, das an Bord von CGRO
Datenverarbeitung
hochenergetische Gammastrahlung mit
Hilfe einer Funkenkammer gemessen hat.
Allerdings wird das LAT zum Nachweis der
Gammaquanten
großflächige
Radiatoren (2 Stück)
GLAST Burst Monitor
(GBM)
Natriumiodid-Detektoren
(12 Stück)
Silizium­
streifendetektoren verwenden und damit
eine um den Faktor 30 höhere Empfind­
lichkeit, ein größeres Gesichtsfeld und eine
BGO-Detektoren
(2 Stück)
Stromversorgung
bessere Winkelauflösung erreichen. Dank
seiner schnellen Reaktionszeit wird es auch
GLAST enthält zwei wissenschaftliche Experimente: das Large Area Telescope (LAT) und
variable Ereignisse am Himmel mit hoher
den GLAST Burst Monitor (GBM). Die zwölf Natriumiodid-Detektoren und zwei BGO-
Zeitauflösung untersuchen können.
Detektoren des GBM sind zusammen mit der zum Instrument gehörenden Stromversor-
Dadurch wird es mit dem LAT auch
gungsbox und dem Bordrechner außen am Satellitenbus angebracht.
möglich sein, die rätselhaften kurzen, aber
www.astronomie-heute.de
Mai 2008
41
sehr intensiven Gammablitze (gamma-ray
Wie GLAST kosmische Gammastrahlen registriert
bursts, GRBs) zu untersuchen. Unterstützt
wird diese Aufgabe durch ein zweites Ins­
trument, den GLAST Burst Monitor (GBM),
der hauptsächlich Gammablitze im Be­
F
ür den Nachweis der Gammastrahlung oberhalb von 20 MeV nutzt
Da in der erdnahen Umlaufbahn zahlreiche geladene Teilchen vorhanden sind,
das Hauptinstrument von GLAST, das
die Störsignale im Streifendetektor und
ter Röntgenstrahlung (10 keV bis 30 MeV)
Large-Area Telescope (LAT), den Effekt der
im Kalorimeter erzeugen, ist das LAT von
vermessen soll. Die Funktionsweise beider
Paarbildung: Ein Gammaquant kann sich
einem Antikoinzidenzschild umgeben, der
Instrumente ist im nebenstehenden Kas­
im elektrischen Feld eines Atomkerns in
diese unerwünschten Ereignisse aus dem
ten beschrieben.
zwei Teilchen umwandeln, nämlich in ein
Datenstrom herausfiltert: Nur Ereignisse,
Elektron (e–) und ein Positron (e+). Die
die zwei Spuren in den Streifenzählern,
Spuren dieser beiden elektrisch geladenen
ein Signal im Kalorimeter und kein zeit-
An der Entwicklung und dem Bau der
Teilchen werden in einem Siliziumstrei-
gleiches Signal im Antikoinzidenzdetektor
Messinstrumente beteiligte sich in den
fendetektor sichtbar gemacht. Aus der
erzeugt haben, werden als Gammaquan-
letzten Jahren eine Vielzahl von Wissen­
Rekonstruktion der Spuren lässt sich die
ten betrachtet und registriert.
schaftlern aus Deutschland, Frankreich,
Richtung des einfallenden Gammaquants
Italien, Japan, Schweden und den USA. Die
bestimmen.
reich niedriger Gammaenergien und har­
Das GLAST-Projekt
Die Energie des Gammaquants ergibt
beiden Autoren dieses Artikels waren am
Das LAT ist modular aus 16 identischen
Detektortürmen aufgebaut. Jeder besteht
aus einem Teilchenspurdetektor, einem
Max-Planck-Institut für extraterrestrische
sich aus der in einem Kalorimeter gemes-
Kalorimeter und einer Datenaufnahme-
Physik in Garching für den Bau der Detek­
senen kinetischen Energie des Elektrons
einheit. Der Teilchenspurdetektor setzt
toren und der Stromversorgung für den
und des Positrons. Beide Teilchen werden
sich aus 18 übereinander geschichteten
GLAST Burst Monitor verantwortlich, der
dabei fast vollständig abgestoppt. Dies
Siliziumstreifenzählern zusammen.
von den Firmen Jena-Optronik GmbH in
geschieht durch Wechselwirkung mit
Zwischen diesen befinden sich dünne
Jena und EADS Astrium AG in Friedrichs­
dem elektrischen Feld von Atomkernen:
Konverterfolien aus Wolfram, in denen der
hafen ausgeführt wurde. Die finanziellen
Die positive Ladung der Kerne lenkt die
Paarbildungsprozess stattfindet.
Mittel dafür stellte das Deutsche Zentrum
Elektronen und Positronen aus ihrer Bahn
für Luft- und Raumfahrt (DLR) bereit. Für
ab, wodurch diese elektromagnetische
Teilchenspurdetektors angebracht ist,
die Projektleitung auf Ebene der NASA
Strahlung, Bremsstrahlung genannt,
enthält acht Lagen mit jeweils zwölf
und die Entwicklung der zentralen Pro­
aussenden. Diese Strahlungsquanten
Cäsiumiodid-Szintillatorstäben, die von
zessiereinheit des GBM sind Kollegen
zerfallen nun in weitere Elektron-Posi­tron-
Photodioden ausgelesen werden. Diese
vom Marshall Space Flight Center und der
Paare. Durch die sukzessive Wiederholung
Anordnung erlaubt es, das räumliche Profil
University of Alabama in Huntsville ver­
dieses Prozesses bildet sich eine elektro-
von Teilchenschauern zu messen und
antwortlich.
magnetische Kaskade aus.
daraus die Energieverluste zu bestimmen.
Das Kalorimeter, das unterhalb des
Nach ihrer Auslieferung in die USA
Teilchenspurdetektor
wurden die Komponenten der wissen­
schaftlichen Flughardware dort zu den
Antikoinzidenzschild
kompletten Instrumenten zusammenge­
setzt und für ein Jahr vielfach getestet und
wurden schließlich beide Instrumente an
den Satellitenbauer General Dynamics, C4
Systems, in Phoenix, Arizona, übergeben
und dort auf den Satelliten integriert (Foto
LAT-Collaboration
anschließend kalibriert. Im Sommer 2006
Isolationsfolie
S. 44).
Von Mai 2007 bis Februar 2008 wurde
Trägerrost
der gesamte Satellit auf seine Tauglichkeit
Datenaufnahmeeinheit
für Weltraumbedingungen geprüft – dazu
Kalorimeter
gehörten Vibrationstests, Überprüfungen
in der Vakuum- und Kältekammer sowie
Tests für elektromagnetische Verträglich­
keit. Im März traf der etwa 4,5 Tonnen
schwere Satellit bei der Firma Astrotech
nahe dem Kennedy Space Center in Flori­
da ein. Dort wurden die letzten Tests zur
Das LAT ist modular aus 16 gleichen Detektoreinheiten mit den Abmessungen 40 3 40
Startvorbereitung durchgeführt. Am 16.
3 87,5 cm aufgebaut (Foto oben links). Die Grafik zeigt schematisch den Aufbau einer
Mai soll nun GLAST von der benachbart
Detektoreinheit und die übrigen Komponenten des LAT. Das LAT-Kalorimeter besteht
gelegenen Cape Canaveral Air Force Sta­
aus acht Lagen mit jeweils zwölf Cäsiumiodid-Szintillatorstäben, die von Photodioden
tion mit einer schweren Delta II-Rakete in
ausgelesen werden (rechts unten).
eine 565 Kilometer hohe Erdumlaufbahn
42
Mai 2008
Sterne und Weltraum
Mit ihr lässt sich auch die hadronische
Zwölf solcher Natriumiodid-Detektoren
Ausleseelektronik
Komponente der kosmischen Hintergrund-
des GLAST Burst Monitor (GBM) weisen
strahlung unterdrücken, wodurch die
Strahlung von 10 keV bis 1 MeV nach.
Energieauflösung erhöht wird. (Hadronen
sind Teilchen wie Protonen und Neutronen,
die der starken Wechselwirkung unterwor-
Eintrittsfenster aus Beryllium,
dahinter scheibenförmiger
Natriumiodid-Kristall
Der das LAT umgebende, segmentiert
aufgebaute Antikoinzidenzschild besteht
MPE
fen sind.)
aus Plastikszintillatoren, die mit Hilfe von
Lichtleitern, die an kleine Photomultiplier
Photomultiplier
gekoppelt sind, ausgelesen werden. Mit
diesem Antikoinzidenzdetektor wird der
jeder Detektor eine andere Intensität. Aus
um einen Faktor 1000 höhere Teilchenhin-
den Intensitätsverhältnissen ergibt sich
tergrund signifikant reduziert: Im Detektor
dann grob die Richtung des Bursts.
Die Grafik rechts zeigt das Gesichtsfeld
de statt, von denen nur etwa 30 als gute
des GBM. In einem großen Raumwinkel-
Ereignisse zum Boden übertragen werden.
bereich von ungefähr 9 Steradian können
Zum GLAST Burst Monitor (GBM)
Gammablitze bereits an Bord mit einer
gehören zwölf Natriumiodid-Szintillations-
Genauigkeit von weniger als 15 Grad lokali-
detektoren, die harte Röntgen- und nieder­
siert werden, die dann am Boden auf bis zu
energetische Gammastrahlung im Bereich
3 Grad verbessert wird. Man erwartet, dass
von 10 keV bis 1 MeV nachweisen können.
der GBM etwa 200 Gammablitze pro Jahr
Einfallende Gammastrahlung lässt den
entdecken wird.
Kristall kurz aufleuchten. Dieses Szintilla-
Bahn des
GLASTSatelliten
GBM Collaboration / SuW-Grafik
finden einige tausend Ereignisse pro Sekun-
Gesichtsfeld des
LAT-Instruments
Gesichtsfeld
des GMB-Instruments
Um die Energielücke zwischen den Na-
tionslicht wird durch einen angekoppelten
triumiodid-Detektoren und dem LAT (von
Die Gesichtsfelder des Large-Area
Photomultiplier in elektrische Ladungs-
1 MeV bis etwa 20 MeV) zu schließen, ist
Telescope (LAT, grau) und des GLAST
pakete umgewandelt, die dann weiter
der GLAST Burst Monitor noch mit zwei so
Burst Monitor (GBM, rot) sind unter-
verstärkt und an die zentrale Prozessierein-
genannten BGO-Detektoren ausgestattet,
schiedlich groß.
heit weitergeleitet werden (Foto oben).
die Gammastrahlung von 150 keV bis 30
Die Natriumiodid-Kristalle haben einen
MeV messen sollen. Sie bestehen aus zwei
Durchmesser von 12,7 Zentimetern und
zylindrischen, 12,7 cm 3 12,7 cm großen
sind 1,27 Zentimeter dick. Diese flache
Wismutgermanatkristallen (Bi4Ge3O12),
Scheibenform verleiht den Detektoren eine
deren Szintillationslicht mit zwei Photo-
richtungsabhängige Empfindlichkeit. Je
multipliern gemessen und in ein elektro-
nach Winkel relativ zur Detektornormalen
nisches Signal umgewandelt wird (Foto
ändert sich die Größe der Fläche, mit der
rechts). Die beiden BGO-Detektoren sind
die einfallende Gammastrahlung gemes-
auf zwei gegenüberliegenden Seiten des
sen wird. Frontal einfallende Strahlung
GLAST-Satelliten montiert, so dass jeder
sieht die volle kreisförmige Kristallquer-
Detektor Strahlung von einer Hälfte des
schnittsfläche; seitlich, unter 90 Grad,
Himmels registriert. Im Gegensatz zu den
einfallende Strahlung hingegen sieht nur
Natriumiodid-Detektoren sind sie nicht
Der BGO-Detektor des Glast Burst Monitor
die schmale rechteckige Seitenfläche der
richtungsempfindlich.
(GBM)
Kristalle.
Zylindrischer BGO-Kristall mit Umhüllung
MPE
Photomultiplier
Ausleseelektronik
Die Suche nach Gammastrahlungsausbrüchen geschieht in der zentralen
innerhalb weniger Hundertstelsekunden
am Satelliten GLAST angebracht, dass
Prozessiereinheit des GBM. Dort untersu-
alarmiert. Nach spätestens zwei Sekun-
jeder Detektor in eine andere Richtung
chen verschiedene Trigger-Algorithmen die
den wird die im GBM-Rechner bestimmte
schaut (siehe Grafik S. 41 unten). Durch
Zählraten der Natriumiodid-Detektoren
Posi­tion des Bursts zusammen mit der
diese spezielle Anordnung wird erreicht,
auf rasche Anstiege. Steigt die Zählrate in
Angabe über die Stärke und dem Anteil an
dass Gammablitze unabhängig von der
mindestens zwei Detektoren signifikant
hochenergetischen Gammaquanten eben-
Richtung, aus der sie aufleuchten, stets
an, so wird der GBM in den Burstmodus
falls dem LAT übermittelt. Der Bordrechner
von mindestens drei der zwölf Detektoren
geschaltet; für einige hundert Sekunden
entscheidet dann, ob der gesamte Satellit
registriert werden. Durch die unterschied-
werden dann die einzelnen Ereignisse
umorientiert werden soll, um nach hoch-
liche Winkelanordnung der Detektoren
mit Zeit- und Energieinformationen zur
energetischer verzögerter Gammaemis­
relativ zur einfallenden Strahlung misst
Erde gesendet. Paral­lel dazu wird das LAT
sion des Bursts zu suchen.
Die zwölf GBM-Detektoren sind so
www.astronomie-heute.de
Mai 2008
43
Die erste Inbetriebnahme des kompletten
GBM-Instruments erfolgte am National
Space Science and Technology Center in
Huntsville, Alabama (ganz links). Gemeinsam mit dem LAT wurde es anschließend im
Reinraum der »Factory of the Future« bei
General Dynamics, C4 Systems, in Phoenix,
Arizona, in den Satelliten GLAST integriert
NSSTC; General Dynamics
(links).
geschossen werden (Foto S. 45 oben). Von
zwei Kilometer). Beide sind Endprodukte
nomischen Einheiten erreichen (was etwa
dort soll er für mindestens fünf Jahre das
der Stern­entwicklung und entstehen bei
dem Durchmesser der Jupiterbahn ent­
Universum im Licht der Gammastrahlung
Supernova-Explosionen. Schwarze Löcher
spricht).
erforschen. Nach erfolgreicher Inbetrieb­
sind dabei Regionen der Raumzeit, an
Schwarze Löcher saugen Materie aus
nahme – etwa neun Wochen nach dem
denen die Materie so stark konzentriert
ihrer Umgebung an. Da deren Drehimpuls
Start – soll GLAST neu benannt werden.
ist, dass ihre Gravitationskraft selbst Licht
erhalten bleibt, bildet sich um das zentra­
Entsprechende Namensvorschläge konnte
nicht mehr entweichen lässt, wenn es eine
le Schwarze Loch eine Akkretionsscheibe
jedermann bis Ende März einreichen; aus­
theoretische Grenze, den Ereignishorizont,
aus, in der sich die Materie spiralförmig
gewählt wird entweder der Name einer be­
unterschritten hat.
auf den Ereignishorizont zu bewegt, be­
rühmten Persönlichkeit oder ein sonstiger
einprägsamer Begriff.
Wissenschaftliche Zielsetzung
Mit ihrer enormen Energie können Gam­
Neben den stellaren Schwarzen Löchern
vor sie schließlich dahinter verschwindet.
gibt es zudem die »extrem massereichen«
Dabei werden enorme Energiemengen
Schwarzen Löcher in den Zentren aktiver
freigesetzt. Aufgrund von Prozessen, die
Galaxien. Deren Ereignishorizont kann
man noch nicht völlig versteht, schießen
eine Ausdehnung von rund zehn Astro­
senkrecht zur Akkretionsscheibe Strah­
mastrahlen den Weltraum nahezu un­
gehindert durchdringen. Im Gegensatz
zu Licht und Röntgenstrahlung werden
Glossar
sie weder von Staub noch von Gaswolken
merklich absorbiert und können uns so­
Elektronvolt: Einheit der Energie in der Teilchenphysik. 1 Elektronvolt (eV) ist die
mit noch aus den größten Entfernungen
kinetische Energie, die ein Elektron beim Durchlaufen einer elektrischen Spannung
ungeschwächt und unabgelenkt errei­
von einem Volt im Vakuum gewinnt. Die Umrechnung in SI-Einheiten geschieht über
chen.
die experimentell bestimmte Beziehung 1 eV = 1,60217733 3 10-19 Joule. Ein Photon
Somit wird GLAST Gammaquellen am
mit einer Energie von 1 eV hat eine Frequenz von 2,4 3 1014 Hertz und eine Wellen-
Rande unseres Universums untersuchen
länge von 1,2 Mikrometern. Photonen des sichtbaren Lichts haben eine Energie von
und uns einen Blick in dessen Anfangs­
etwa 2 eV.
phase erlauben. Da wir die physikalischen
Flare: Eruptionen in der Chromosphäre der Sonne, die heißes, ionisiertes Gas bogen-
Prozesse kennen, bei denen Gammaquan­
förmig nach oben schleudern und mit der Emission von hochenergetischer Strahlung
ten erzeugt werden, und diese Prozesse in
verknüpft sind.
der Nähe von äußerst exotischen Gebilden
Gammastrahlen: Elektromagnetische Strahlung mit Energien von mehr als etwa 200
stattfinden, wird man mit GLAST diese Ob­
Kiloelektronvolt (keV) und Wellenlängen kleiner als etwa 6 3 10-12 Meter.
jekte studieren können.
Tscherenkow-Licht: Elektromagnetische Strahlung, die entsteht, wenn Teilchen sich
Dabei handelt es sich um sehr kom­
in einem Medium mit einer Geschwindigkeit bewegen, die kleiner als die Licht-
pakte Himmelskörper wie Neutronenster­
geschwindigkeit im Vakuum, aber größer als die Lichtgeschwindigkeit in diesem
ne und Schwarze Löcher (ihr Durchmesser
Medium ist.
beträgt nur etwa zehn beziehungsweise
44
Mai 2008
Sterne und Weltraum
man sich also regelrecht in das Innere
Kosmos. Die Astronomen hoffen, aus ihrer
eines solchen gewaltigen Mahlstroms
Beobachtung Hinweise auf die Entstehung
hineinzoomen, und so hoffentlich die dort
der ersten Sterne und Schwarzen Löcher
ablaufenden Prozesse besser verstehen.
zu gewinnen. Nach heutigem Verständnis
Denn es ist bis heute noch nicht ganz
haben diese Schwarzen Löcher die Struk­
klar, wie die Gammaquanten die kleinen
turbildung im Universum stark beeinflusst
Emissionsgebiete verlassen können, ohne
und sind für die Entstehung von Galaxien
sich durch Selbstabsorption (die Umwand­
mit verantwortlich.
lung jeweils zweier Gammaquanten in ein
EGRET hat 271 kosmische Quellen
Elektron-Positron-Paar) gegenseitig zu ver­
entdeckt, von denen 170 noch nicht mit
nichten. Vermutlich ist des Rätsels Lösung
bekannten Objekten identifiziert werden
in Einsteins Relativitätstheorie zu suchen.
konnten. Da sie im Gammalicht intensiv
Offenbar bewegen sich die Teilchen im
leuchten, könnte nun mit GLAST, dessen
Jet fast mit Lichtgeschwindigkeit, so dass
Instrumente eine hohe Empfindlichkeit
durch die Zeit- und Raumdehnung die
und ein hohes Auflösungsvermögen besit­
Vorgänge der Selbstabsorption vermieden
zen, ihre Identifizierung gelingen. Damit
werden können.
könnte entschieden werden, ob diese Ob­
jekte eine neue Art von Blazaren, Pulsaren,
Wissenschaftler neue Erkenntnisse über
Doppelsystemen oder gar eine völlig neue
physikalische Gesetzmäßigkeiten. Denn
Klasse von Objekten sind. LATs Fähigkeit,
Startplatz der Delta II auf der Cape
die Kollisionsenergien in den Jets sind
mehr Quellen zu messen, sie besser zu
Canaveral Air Force Station
wesentlich größer als diejenigen, die in
lokalisieren, ihr Energiespektrum über ei­
irdischen Beschleunigern jemals erreicht
nen größeren Bereich zu bestimmen und
werden können. Vielleicht gelingt es mit
ihre veränderliche Helligkeit zu verfolgen,
len aus fast lichtschnell beschleunigten
dem Universum als Labor, die Natur der
wird also helfen, die Natur dieser Quellen
Teilchen heraus (siehe Grafik unten).
subatomaren Kräfte zu enträtseln?
zu entschlüsseln.
NASA
Vor allem vom LAT erhoffen sich die
Diese emittieren dabei Gammaquanten,
Wegen ihrer extremen Leuchtkraft
Dies ist auch in anderem Zusammen­
die hauptsächlich in die gleiche Richtung
lassen sich Blazare noch in riesigen Entfer­
hang von großer Bedeutung. So wurde von
abgestrahlt werden, in der die Materiejets
nungen beobachten – und somit in Zeiten,
den Instrumenten SAS-2 und EGRET ein
davonschießen.
die in der Anfangsphase des Universums
isotroper extragalaktischer diffuser Gam­
Ist der Jet, der von einem extrem mas­
liegen. Ihre Gammastrahlen sind also ge­
mastrahlenfluss oberhalb von etwa 30
sereichen Schwarzen Loch im Zentrum
wissermaßen Boten aus der Frühzeit des
MeV gemessen, dessen Ursprung bis heute
einer aktiven Galaxie ausgeht, auf den ir­
dischen Beobachter gerichtet, so sprechen
die Astronomen von einem Blazar. Ein
solches Objekt erscheint besonders hell
im Gammalicht, in dem ein großer Teil der
gesamten Leuchtkraft abgestrahlt wird.
Die Helligkeit im Gammabereich kann
allerdings stark variieren; während ak­
tiver Phasen kann sie diejenige in anderen
Wellenlängenbereichen um mehr als das
Zehnfache übersteigen.
Unter den mit dem EGRET-Teleskop
entdeckten Quellen sind schätzungswei­
se 70 Blazare. Mit dem empfindlicheren
LAT-Instrument auf GLAST hoffen die
beteiligten Forscher, mehrere tausend
dieser extremen Objekte zu finden und zu
erforschen.
Eine besonders interessante Entde­
ckung von EGRET war, dass die Helligkeit
von Blazaren auf Zeitskalen von weniger
als einem Tag stark variieren kann. Das
NASA
ist nur möglich, wenn die emittierende
Region kleiner ist als ein Lichttag – also
kleiner als die Strecke, die Licht in einem
Tag zurücklegt (was 170 Astronomischen
Das Zentrum einer aktiven Galaxie. Vom zentralen Schwarzen Loch werden senkrecht zur
Einheiten entspricht). Mit GLAST wird
Akkretionsscheibe zwei Jets abgestrahlt.
www.astronomie-heute.de
Mai 2008
45
aktive Galaxienkerne
Pulsar
solarer Flare
+90°
+180°
–180°
nicht identifizierte EGRET-Quellen
–90°
Große Magellansche
Wolke
unverstanden ist. Die einfachste Erklärung
LAT für bestimmte Parameter des entspre­
und wo die Teilchen beschleunigt werden,
wäre, dass es sich um die Strahlung vieler
chenden theoretischen Modells eine solche
welche die Gammastrahlung erzeugen.
unaufgelöster Punktquellen handelt. Aber
Linie messen. Das haben jedenfalls die Er­
Und wie sieht die Geometrie des Teilchen­
auch exotischere Möglichkeiten kämen in
gebnisse von Simulationsrechnungen ge­
strahls aus? Diese Frage ist wichtig, denn
Frage. Beispielsweise könnte es sich um
zeigt, die eine starke Gammalinie bei etwa
sie bestimmt, welcher Teil des Himmels
den Überrest einer Strahlung handeln,
47 GeV vorhersagen (siehe Grafik unten).
vom Emissionskegel überstrichen wird:
die im jungen Universum bei noch unbe­
GLAST könnte also nicht nur die Frage nach
Erst wenn man das weiß, lässt sich die An­
kannten hochenergetischen Prozessen ent­
dem Ursprung der diffusen Hintergrund­
zahl der Pulsare in unserer Galaxis verläss­
stand und sich noch heute als schwaches
strahlung beantworten, sondern auch das
lich abschätzen.
Glimmen bemerkbar macht.
Rätsel der Dunklen Materie lösen.
Die fundamentale Frage nach dem Ur­
Zu all diesen Fragen wird GLAST wich­
tige Erkenntnisse beisteuern. Denn der Sa­
sprung dieser Strahlung lässt sich womög­
Pulsare
lich mit GLAST beantworten. Denn das LAT
Pulsare, schnell rotierende Neutronenster­
indem er mit seiner hohen Zeitauflösung
kann mit seiner höheren Empfindlichkeit
ne, waren die ersten bei Gammaenergien
phasenabhängige hochaufgelöste Ener­
und einer gleichmäßigen Überdeckung des
entdeckten Quellen und werden seit 30
giespektren misst. Das erlaubt dann einen
Himmels den Beitrag von Punktquellen
Jahren gründlich untersucht. Dennoch
Vergleich mit den Vorhersagen der theo­
zur diffusen Hintergrundstrahlung von
gibt es bei ihnen noch viele offene Fragen.
retischen Modelle. So sollte zum Beispiel
einer möglichen kosmologischen Kompo­
Beispielsweise ist noch immer unklar, wie
unterschieden werden können, ob die
nente trennen. Würde eine solche kosmo­
logische Komponente nachgewiesen, so
tellit testet die Physik der Pulsaremission,
100
wäre das gewiss eine der herausragenden
Entdeckungen von GLAST. Denn eine echte
diffuse Komponente könnte vom Zerfall
80
exotischer Teilchen im jungen Universum
herrühren. Ein solcher Kandidat ist das
Neutralino – das leichteste supersymmet­
Elementarteilchenphysik. Es ist zugleich
der aussichtsreichste Kandidat für die
Dunkle Materie, die etwa zwanzig Prozent
60
Zählrate
rische Teilchen des Standardmodells der
40
LAT Collaboration/SuW-Grafik
aller Materie im Universum ausmacht.
Die Dunkle Materie wurde postuliert,
um das Rotationsverhalten von Galaxien
und die Stabilität von Galaxienhaufen zu
20
erklären. Sollte das Neutralino die Dunkle
Materie ausmachen, so müsste seine Dich­
te, wie Modellrechnungen zeigen, zum ga­
laktischen Zentrum hin zunehmen. Da die
Neutralinos auf Grund ihrer nichtrelativis­
0
30
40
50
60
70
Energie in Gigaelektronvolt
tischen Geschwindigkeiten zerstrahlen und
dabei Gammalinien mit Energien im GeV-
Sollte die Dunkle Materie aus exotischen Teilchen bestehen, könnte GLAST Hinweise darauf
Bereich emittieren würden, müsste das
finden. Ein Neutralino beispielsweise sollte sich durch eine Emissionslinie (blau) verraten.
46
Mai 2008
Sterne und Weltraum
Die bisher umfassendste Karte von hochenergetischen Gammaquellen am Himmel
EGRET Collaboration (links, Mitte)/LAT Collaboration (rechts)
erstellte das Teleskop EGRET an Bord des
Satelliten CGRO (ganz links). Ein Auge, das
diese Gammaquellen sehen könnte, würde
den Himmel etwa wie im mittleren Bild
gezeigt wahrnehmen. Das rechte Bild, eine
Computersimulation, verdeutlicht, wie
GLAST mit seiner besseren Energie- und
Ortsauflösung den hochenergetischen
Gammahimmel beobachten wird.
+90°
Gammastrahlung bevorzugt in der Magne­
tosphäre oder in der Nähe der Polkappen
des Neutronensterns erzeugt wird, denn
die Spektren der beiden Fälle sollten sich
bei Energien von mehr als 10 GeV deutlich
unterscheiden.
Solare Flares
+180°
–180°
NASA, MSFC/SuW-Grafik
Auch die Strahlung der Sonne gehört zu
den Forschungsobjekten von GLAST. Seit
Anfang der 1970er Jahre ist bekannt, dass
solare Flares Gammastrahlung im MeVBereich emittieren. Die Strahlung stammt
–90°
von Teilchen, die bei einer solchen Erup­
tion beschleunigt werden und dann mit
den Atomkernen der Sonnenatmosphäre
10-18
10-17
10-16
Bestrahlung, 50–300 keV
10-15
[J m–2]
in Wechselwirkung treten. Die angeregten
Atomkerne emittieren beim Übergang zu­
Diese Himmelskarte in galaktischen Koordinaten enthält die Positionen der 2704 Gam-
rück in den Grundzustand diskrete Gam­
mastrahlenausbrüche, die das Burst and Transient Source Experiment (BATSE) an Bord des
maquanten.
Compton Gamma Ray Observatory (CGRO) während seiner neunjährigen Missionsdauer
Doch Bremsstrahlung und der Zerfall
von Pi-Mesonen erzeugen auch ein konti­
beobachtete. Ihre gleichmäßige Verteilung am Himmel zeigt, dass die Bursts kosmischen
Ursprungs sind und nicht in unserem Milchstraßensystem entstehen.
nuierliches Spektrum, das sich bis in den
GeV-Energiebereich erstreckt. EGRET hat
und der große dynamische Bereich des
fast das Maximum erreichen. Man darf
1991 noch mehrere Stunden nach Aus­
LAT ermöglicht zudem ein deutlich besse­
also erwarten, dass GLAST die Flarephysik
bruch eines sehr intensiven Flares dessen
res Studium der Flarespektren und ihrer
einen großen Schritt weiter nach vorn
Gammastrahlung bis zu 2 GeV registriert.
zeitlichen Entwicklung. Die genaue Mes­
bringen wird.
Bis heute ist unklar, wie es zu dieser lang
sung der spektralen Form wird ergeben, ob
anhaltenden Emission kommen konnte.
die Gammastrahlung durch beschleunigte
Gammastrahlenbursts
Werden die Teilchen in der impulsiven
Elektronen oder Protonen erzeugt wird.
Gammastrahlenausbrüche
(auch
Gam­
Phase beschleunigt und dann in »magne­
Für die Vermessung solarer Flares eig­
mablitze oder nach dem englischen
tischen Flaschen« gespeichert, oder wer­
net sich auch der GBM mit seinem großen
gamma-ray bursts kurz GRBs genannt)
den sie kontinuierlich über den gesamten
Gesichtsfeld. Er wird wesentlich mehr
sind kurzzeitige, einige millisekunden-
Zeitraum beschleunigt? Das sind die Fra­
Flares als das LAT beobachten und gerade
bis minutenlange Strahlungsausbrüche
gen, die uns Astrophysiker interessieren.
den Energiebereich von 10 keV bis 30 MeV
von Quellen, die – wie wir heute wissen
GLAST wird auf verschiedene Weise zur
abdecken, in dem die Emissionslinien
– in Entfernungen von einigen Milliarden
Beantwortung dieser Fragen beitragen.
der angeregten Atomkerne auftreten. Da
Lichtjahren stehen. Seit mehr als 30 Jahren
Das LAT kann die Emissionsregion eines
GLAST während des Minimums des elfjäh­
gehören sie zu einem der großen Rätsel der
starken Flares mit hoher Auflösung ab­
rigen solaren Aktivitätszyklus startet, wird
Astrophysik (siehe SuW 12/2007, S. 42 ff.,
bilden. Damit lässt sich feststellen, ob die
die Zahl der beobachtbaren Flares von Jahr
und den Beitrag auf S. 30 in diesem Heft).
Beschleunigung punktförmig oder ausge­
zu Jahr zunehmen und nach fünf Jahren
Im Zeitraum ihrer Ausbrüche gehören
dehnt erfolgt. Die hohe Empfindlichkeit
(der geplanten Lebensdauer von GLAST)
die GRBs zu den hellsten Gammaquellen
www.astronomie-heute.de
Mai 2008
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maenergien, im GeV-Bereich, können sie
hochkatapultiert. Die Beobachtungen der
bis zu zehntausendmal heller sein als die
zeitlichen Entwicklung der spektralen Ener­
hellsten aktiven Galaxienkerne. Die Posi­
gieverteilung über den Energiebereich, der
tionen der Gammablitze am Himmel sind
mit GLAST gemessen werden kann, wird
gleichmäßig verteilt, was einen Ursprung
eine Entscheidung zwischen den verschie­
innerhalb unseres Milchstraßensystems
denen Emissionsmechanismen erlauben.
100
GBM
LAT
1
0,01
10-4
?
0,01
1
100
104
ausschließt (siehe Grafik auf S. 47 unten).
Die kurze Totzeit des LAT wird erst­
Ein GRB wiederholt sich nicht, wie es bei
mals das Studium des Zeitverhaltens von
anderen veränderlichen Erscheinungen
Gammablitzen bei diesen hohen Energien
der Fall sein kann. Daher werden Gam­
ermöglichen. Die Beobachtungen der spek­
Die Instrumente LAT und GBM überdecken
mablitze häufiger durch Instrumente mit
tralen Entwicklung und der Energieab­
zusammen etwa sieben Größenordnungen
großem Gesichtsfeld, wie dem LAT und
hängigkeit der GRB-Pulsstrukturen haben
in der Energie der Gammaquanten. Damit
dem GBM, beobachtet. So erwarten wir mit
gezeigt, wie äußerst wichtig diese sind, um
lassen sich die Spektren von Gammastrah-
dem GBM die Entdeckung von etwa 200
zwischen internen und externen Stoßmo­
lenausbrüchen in einem weiten Bereich
Gammablitzen pro Jahr.
dellen unterscheiden zu können. Stöße
erfassen.
Photonenenergie [MeV]
Der GBM wird zu jedem mit dem LAT
sind eine effiziente Methode, um Teilchen
entdeckten Gammablitz die spektrale In­
auf hohe Energien zu beschleunigen. Dabei
formation in einem breiten Energieband
erzeugen die internen Stöße – schnellere
Giselher Lichti ist
mit hoher Zeitauflösung liefern. Zusam­
Teilchen innerhalb der explodierenden
Wissenschaftler am Max-
men mit dem LAT werden sogar sieben
Quelle laufen auf langsamere auf – die
Planck-Institut für extrater-
Energiedekaden abgedeckt (siehe Grafik
Gammaquanten der prompten Emission,
restrische Physik in Garching
oben rechts).
womit sich auch die irregulären Lichtkur­
und arbeitet seit mehr als
Mit Hilfe der vom GBM gemessenen
ven von GRBs erklären lassen. Die externen
30 Jahren in der Gamma-
Spektren wird es erstmals möglich sein,
Stöße, wo die Teilchen mit dem Medium
astronomie. Er war bei den
einen
der
der Umgebung in Wechselwirkung tre­
großen Satellitenmissionen COS-B, CGRO und
hoch­ener­getischen und der niederenerge­
ten, erzeugen sehr wahrscheinlich das
Integral beteiligt und ist Co-Principal Investi-
tischen Gammaemission herzustellen – ein
Nachleuchten bei größeren Wellenlängen
gator des GBM.
entscheidender Fortschritt im Hinblick auf
(im Röntgenbereich und im Optischen).
Andreas von Kienlin
die Entscheidung zwischen verschiedenen
Die Messungen von GRB-Lichtkurven bei
ist Wissenschaftler in der
theoretischen Modellen.
verschiedenen Energien, wie sie GLAST
Gammaastronomie-Gruppe
durchführen kann, werden Licht auf diese
am Max-Planck-Institut für
Beschleunigungsprozesse werfen.
extraterrestrische Physik in
Zusammenhang
Hochenergetische
zwischen
Gammaemission
hatte EGRET in nur wenigen Fällen beob­
achtet. Speziell im Fall von GRB 940217 war
Garching. Er ist Co-Investi-
erstaunlich, dass dieses hochenergetische
Instrumentelle Lücke geschlossen
Nachleuchten anderthalb Stunden anhielt.
Es konnte hier nur ein exemplarischer
nitors (GBM) und des Spektrometers SPI der
Es ist bis heute ein Rätsel, wie es zu einer
Überblick über die Wissenschaft gegeben
Gammaastronomie-Mission Integral der ESA.
solch langen Emission kommen kann.
werden, die man sich von den Beobach­
Unklar ist auch, wie diese Gammaquanten
tungen mit GLAST erhofft. Einen wichtigen
produziert werden und vor allem, wie sie
Aspekt wollen wir aber noch erwähnen:
ihrem Entstehungsgebiet entkommen kön­
GLAST wird eines der großen Teleskope des
nen, ohne vorher absorbiert zu werden. Nur
nächsten Jahrzehnts sein, und es wird als
jene Gammaquanten können entweichen,
einziges die Lücke schließen, die zwischen
die sich parallel zu den Röntgenphotonen
den Energiebereichen klafft, die mit den
bewegen, wie es für ein sich mit relativis­
bodengebundenen Tscherenkow-Telesko­
tischer Geschwindigkeit bewegendes Emis­
pen auf der einen Seite und den weltraum­
sionsgebiet der Fall ist. Die Beobachtungen
gestützten Röntgenteleskopen auf der
mit EGRET zeigen, dass dafür extrem hohe
anderen Seite erforscht werden können.
gator des GLAST Burst Mo-
Literaturhinweise
Atwood, W. B. et al.: Ein Fenster zum
heißen Universum. In: Spektrum der
Wissenschaft 4/2008, S. 34–41.
De Angelis, A. und Peruzzo, L.: Das Gammastrahlen-Teleskop MAGIC. In: Sterne
und Weltraum 8/2007, S. 26–36.
Kann, D. A. et al: Kosmische Gammastrahlenausbrüche. Neue Erkenntnisse
Geschwindigkeiten erforderlich sind, die
Damit wird es erstmals seit CGRO wie­
höchstens um wenige tausendstel Prozent
der möglich sein, Energiespektren von
von der Lichtgeschwindigkeit abweichen.
Quellen über das gesamte elektromagne­
Weltraum 12/2007, S. 42–50.
Für die Erzeugung von Gammastrah­
tische Spektrum mit hoher Genauigkeit
Morrison, P.: On gamma-ray astronomy.
lung durch Elektronen und Protonen
zu vermessen. Wissenschaftler des GLAST-
In: Il Nuovo Cimento, 7, 859–864 (1958).
kommen mehrere Prozesse in Frage, zum
Teams bereiten schon seit einiger Zeit die
Völk, H. J.: Neue Ergebnisse der Gamma-
Beispiel die direkte Erzeugung über die
Koordination solcher Beobachtungen vor.
astronomie. In: Sterne und Weltraum
Ablenkung der geladenen Teilchen in
Man darf hoffen, dass mit diesen gemein­
einem starken Magnetfeld oder aber über
samen Anstrengungen unsere Kenntnisse
8/2006, S. 36–45.
Weblinks zum Thema siehe unter www.
astronomie-heute.de/artikel/948901
inverse Comptonstreuung, wo ein relati­
über das extreme Universum enorm er­
vistisches Teilchen mit einem Photon zu­
weitert werden.
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Mai 2008
und neue Rätsel in der Ära des
Gammasatelliten Swift. In: Sterne und
Sterne und Weltraum
GBM Collaboration/SuW-Grafik
sammenstößt und es zu Gammaenergien
relativer Strahlungsfluss
am Himmel, und speziell bei hohen Gam­
www.astronomie-heute.de
Mai 2008
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