Alice Bailey - 8000lichter

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Esoterische Philosophie
Alice Bailey
Band 19
DAS BEWUSSTSEIN DES ATOMS
DAS BEWUSSTSEIN DES ATOMS
von ALICE A. BAILEY
Verlag: Association Lucis Trust, Genf
1, rue de Varembé
1211 Genf 20
Titel der englischen Originalausgabe:
THE CONSCIOUSNESS OF THE ATOM
Übersetzt von Erika Classen
und Carola Holenia
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 1975
2. Auflage 1990
ISBN 2-88289-032X
(o Copyright by Association Lucis Trust, Genf 1990
Inhalt
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Vorwort
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Das Feld der Evolution
•
Die Evolution der Substanz
•
Die Evolution der Form oder Gruppenevolution
•
Die Evolution des Menschen, des Denkers
•
Die Evolution des Bewusstseins
•
Das Ziel der Evolution
•
Kosmische Evolution
•
VORWORT
Die hier wiedergegebenen Vorträge wurden während des Winters 1921 in New York mit
der Absicht gehalten, die Zuhörer mit den Beweisen der Wissenschaft für die Beziehung
zwischen Materie und Bewusstsein bekanntzumachen. Sie sollten in die Lage versetzt
werden zu erkennen, dass die Manifestation dieser Beziehungen sowie bestimmte
Grundgesetze in aufeinanderfolgenden höheren Seinsstufen identisch sind und sollten sie
zur Erkenntnis der Universalität des Evolutionsprozesses und seiner Tatsächlichkeit
führen. Schliesslich sollte etwas vom Wesen der erweiterten Bewusstseinszustände und
jenes umfassenderen Lebens anklingen, auf das die Menschheit sich zubewegt. Sie waren
als Einführungsvorträge zu einem eingehenderen Studium und der Anwendung jener
Gesetze des Lebens und der menschlichen Entwicklung gedacht, die gewöhnlich in dem
Begriff «Okkultismus» zusammengefasst sind.
Man wird in dieser Vortragsreihe häufigen Wiederholungen begegnen, weil jeder
Vortrag kurz auf die Themen eingeht, die in den vorhergehenden behandelt wurden. Da
ausserdem jedesmal neue Zuhörer hinzukamen, schien es notwendig, jeweils einen
Überblick über den behandelten Stoff und eine Begründung für den bezogenen
Standpunkt zu bieten. Ein weiterer Vorteil wurde darin gesehen, gewisse Grundkonzepte,
die vielen neu waren, dem Gedächtnis der Hörer besser einprägen zu können, um
dadurch die fortschreitende Ausweitung des Themas sofort zu begreifen und
anzunehmen. Bei Drucklegung des Buches erschien es dann ratsam, den vollständigen
Wortlaut der gesprochenen Texte beizubehalten. Wer bereits
Schüler der esoterischen Weisheit ist, wird der Argumentationslinie ohne Schwierigkeit
folgen können. Denjenigen, die sich zum erstenmal mit der Betrachtung der hier
besprochenen Materie befassen, möge die gelegentliche Wiederholung der
grundsätzlichen Aussagen zu rascherem Verständnis verhelfen, und es ist dieser
Leserkreis, den das Buch vor allem ansprechen will.
September 1922 #Alice A. Bailey
•
ERSTER VORTRAG - DAS FELD DER EVOLUTION
Wahrscheinlich [11] hat es in der Geschichte des Denkens noch nie eine Periode gegeben,
die der gegenwärtigen völlig ähnlich gewesen wäre. Die Denker überall sind sich zweier
Dinge bewusst: erstens, dass die Region des Geheimnisvollen noch nie vorher so klar
definiert worden ist und zweitens, dass diese Region leichter betreten werden kann, als es
bisher der Fall war; sie wird sich deshalb vielleicht auch bereitfinden, einige ihrer
Geheimnisse preiszugeben, wenn die Forscher aller Richtungen entschlossen und
unbeirrbar weiterarbeiten. Die Probleme, die sich uns beim Studium der bekannten
Fakten des Lebens und der Existenz bieten, sind einer klaren Definition viel zugänglicher
geworden, und obwohl wir die Antworten auf unsere Fragen bis jetzt noch nicht kennen,
obwohl wir auch die Lösungen für unsere Probleme noch nicht gefunden haben und kein
Allheilmittel greifbar ist, das die Krankheiten der Welt heilen könnte, so sind allein schon
die Tatsachen, dass wir diese Probleme definieren können, dass wir die Richtung
angeben können, in der das Geheimnis liegt und das Licht, das Wissenschaft, Religion
und Philosophie über ausgedehnte Gebiete verbreitet haben, die früher als
undurchdringlich galten, eine Garantie für zukünftigen Erfolg. Wir wissen so viel mehr
als dies vor 500 Jahren, ausser in den wenigen Zirkeln weiser Männer und Mystiker, der
Fall war, wir haben so viele Naturgesetze entdeckt, selbst wenn wir sie bis jetzt noch
nicht anwenden können, und das Wissen «Von den Dingen, wie sie sind» (ich wähle
dieses Wort bewusst) hat immense Fortschritte gemacht.
Dennoch, [12] das geheimnisvolle Land muss erst erschlossen werden und unsere
Probleme sind zahlreich. Das fängt mit dem Problem unseres eigenen Lebens, was immer
das sein mag, an; da ist das Problem dessen, was im weitesten Sinne als das «NichtSelbst» bezeichnet wird und unseren physischen Körper ebenso betrifft wie unsere
Umgebung, unsere Lebensumstände und Lebensbedingungen. Falls wir mehr
introspektiv geartet sind, bilden unsere individuellen Emotionen, Gedanken, Wünsche
und Instinkte, durch die wir gewöhnt sind unser Handeln zu regeln, das Problem.
Vielfältig sind auch die Probleme der Gruppen; warum sollte es Leiden, Hunger und
Schmerz geben müssen? Warum sollte die Menschheit als Ganzes gesehen in so
furchtbarer Armut, Krankheit und Beschwernis leben müssen? Welcher Zweck liegt all
dem zugrunde, was wir rings um uns sehen und was wird einmal das Resultat der
Weltereignisse als Ganzes sein? Was ist die Bestimmung der Menschenrasse, was ist ihr
Ursprung und was erklärt ihre gegenwärtige Lage? Gibt es mehr als nur dies eine Leben
und kann das einzig Interessante darin zu finden sein, was sichtbar und materiell ist?
Immer wieder gehen uns solche Fragen durch den Kopf, genauso, wie sie die Denker bis
zurück in die fernsten Zeiten bewegt haben. [13] Versuche, diese Fragen zu beantworten
hat es genug gegeben, und wenn wir sie studieren, entdecken wir, dass die Antworten in
drei Hauptgruppen zerfallen und drei prinzipielle Lösungen sich zur Betrachtung
anbieten, nämlich:
Erstens der Realismus. Eine andere Bezeichnung für diese Denkweise ist Materialismus.
Er lehrt, dass «das, was unserem Bewusstsein von der Aussenwelt durch die Sinne
dargeboten wird, wahr ist», dass die Dinge sind, wie sie zu sein scheinen; dass Materie
und Kraft, wie wir sie kennen, die einzige Wirklichkeit sind und dass es dem Menschen
nicht möglich ist, hinter das Berührbare zu schauen. Er sollte sich mit den Tatsachen
begnügen, wie sie sind oder wie die Wissenschaft sie ihm erklärt. Das ist zweifellos eine
durchaus legitime Methode zur Lösung der Fragen, nur finden einige von uns, dass sie
nicht weit genug geht. Sie lehnt es ab, sich mit irgend etwas zu befassen, was jenseits
dessen liegt, was bewiesen und anschaulich gemacht werden kann und hört genau an
dem Punkt auf, wo der Frager sagt: «Also, das ist so aber warum?» Sie lässt vieles
ausserhalb ihrer Berechnung, was beim Durchschnitt der Menschen schon als bekannt
und wahr gilt, auch wenn man sich nicht erklären kann, warum man weiss, dass es wahr
ist. Überall anerkennen die Menschen die Tatsachengenauigkeit der realistischen
Denkrichtungen und der materialistischen Wissenschaft, spüren aber gleichzeitig aus
sich heraus, dass irgend eine lebendige Kraft vorhanden sein muss, die dieser bewiesenen
Manifestation zugrundeliegt, irgend ein planvoller Zusammenhang, der mit
Materiebegriffen allein nicht erklärbar ist.
Zweitens gibt [14] es den Standpunkt, der vielleicht am bezeichnendsten
Supranaturalismus genannt werden kann. Dem Menschen wird bewusst, dass die Dinge,
nach allem was man weiss, vielleicht doch nicht ganz das sind, was sie zu sein scheinen
und noch viel Unerklärbares übrigbleibt. Er erwacht zu der Erkenntnis, dass er selbst
nicht lediglich eine Anhäufung physischer Atome, ein materielles Irgendwas und ein
berührbarer Körper ist, sondern dass es latent in ihm ein Bewusstsein, eine Kraft gibt,
die ihn mit allen anderen Mitgliedern der menschlichen Familie verbindet und
gleichzeitig mit einer Macht ausserhalb seiner selbst, die er notgedrungen erklären muss.
Das ist es, was zum Beispiel zur Bildung der christlichen und jüdischen Anschauung
geführt hat, die einen Gott ausserhalb des Sonnensystems ansiedelt, der es zwar
geschaffen hat, selbst aber ausserhalb blieb. Diese Glaubenssysteme lehren, dass die Welt
durch eine Macht oder Wesenheit entstanden ist, welche die Welt zurecht regiert, unser
kleines Menschenleben in der hohlen Hand hält und alle Dinge «liebevoll in Ordnung
hält», entsprechend einer verborgenen Absicht, von der wir mit unserem endlichen
Verstand keinen Schimmer haben, und die wir noch viel weniger begreifen können. Das
ist der religiöse und «supranatürliche» Standpunkt. Er basiert auf dem wachsenden
Selbst-Bewusstsein des Individuums und auf einem Erkennen seiner eigenen Göttlichkeit.
Ebenso, wie der Standpunkt der realistischen Denkweise, stellt er lediglich eine
Teilwahrheit dar und muss vervollständigt werden.
Die [15] dritte Denkrichtung können wir die Idealistische nennen. Sie postuliert einen
Evolutionsprozess innerhalb jeglicher Manifestation und identifiziert «Leben» mit dem
kosmischen Prozess. Sie bildet den exakten Gegensatz zum Materialismus und stellt die
«supranatürliche» Gottheit des religiösen Postulats in die Position einer grossen
Wesenheit oder eines Lebens, das durch oder vermittels des Universums evolviert,
ebenso, wie der Mensch durch das Mittel eines physischen Körpers evolvierendes
Bewusstsein ist.
In diesen drei Standpunkten, dem eindeutig materialistischen, dem rein
supranatürlichen und dem idealistischen, haben wir die Hauptdenkrichtungen, mit
denen man den kosmischen Prozess zu erklären versuchte. Alle drei sind Teilwahrheiten
und keine ist ohne die anderen vollständig, denn folgt man nur einer, führt jede auf
Nebengeleise und in Dunkelheit und lässt das zentrale Geheimnis noch ungelöst. Werden
sie zu einer Synthese gebracht, verschmolzen und vereint, verkörpern sie möglicherweise
(ich lege dies nur nahe) gerade so viel von der evolutionären Wahrheit, als der
menschliche Verstand auf der gegenwärtigen Evolutionsstufe erfassen kann.
Wir behandeln hier [16] grosse Probleme, mischen uns vielleicht gelegentlich in hohe und
erhabene Dinge und überschreiten Grenzen, welche die anerkannte Domäne des
Metaphysikers sind; und ausserdem unternehmen wir den Versuch, in ein paar kurzen
Gesprächen zusammenzufassen, was alle Bibliotheken der Welt enthalten. Mit anderen
Worten, wir versuchen das Unmögliche. Wir können also nichts weiter tun, als zuerst den
einen und dann einen weiteren Aspekt der Wahrheit kurz und oberflächlich zu
betrachten. Was uns dabei möglicherweise gelingen wird, kann lediglich ein Umriss der
Grundrichtlinien der Evolution sein, eine Studie ihrer Bezogenheit aufeinander und auf
uns selbst als bewusste Wesen; und schliesslich zu versuchen, das Wenige was wir wissen
können zu verschmelzen und zu einer Synthese zu führen, bis eine generelle Idee von
diesem ganzen Prozess klarer wird. Im Zusammenhang mit jeder Darstellung der
Wahrheit dürfen wir nicht vergessen, dass jede von einem bestimmten Standpunkt
ausgeht oder gemacht ist. Bevor wir nicht unsere mentalen Prozesse weiterentwickelt
haben und ehe wir nicht fähig sind, sowohl in abstrakten als auch in konkreten Begriffen
zu denken, wird es weder möglich sein, die Frage «Was ist Wahrheit?» vollständig zu
beantworten, noch irgendeinen Aspekt dieser Wahrheit ganz vorurteilsfrei und
unvoreingenommen zum Ausdruck zu bringen. Einige haben einen weiteren Horizont als
andere und einige können die den verschiedenen Aspekten zugrundeliegende Einheit
erkennen. Dagegen sind andere geneigt, ihre Ansicht und Interpretation
für die [17] einzige zu halten. Ich hoffe, dass es mir in diesen Gesprächen gelingt, Ihren
Blickwinkel um ein weniges zu erweitern. Denn ich hoffe, dass wir zur Erkenntnis
gelangen, dass ein Mensch, der nur am wissenschaftlichen Aspekt interessiert ist und sich
auf das Studium derjenigen Manifestationen beschränkt, die rein materiell sind, ebenso
mit dem Studium des Göttlichen beschäftigt ist wie sein religiöser Bruder, den nur die
spirituelle Seite interessiere; und dass der Philosoph ja letzten Endes den sehr
notwendigen Aspekt der Intelligenz hervorhebt, die den Materieaspekt mit dem
spirituellen verbindet, so dass beide in ein zusammenhängendes Ganzes übergehen. Es
könnte sogar sein, dass wir durch Zusammenfügen dieser drei Linien, Wissenschaft,
Religion und Philosophie, zu einer brauchbaren Kenntnis der Wahrheit gelangen, wie sie
ist, wenn wir gleichzeitig nicht vergessen, dass die «Wahrheit in uns selber liegt».
Niemals umfasst die Wahrheit, die ein einzelner zum Ausdruck bringt, sämtliche
Ausdrucksmöglichkeiten dieser Wahrheit; und der einzige Zweck unseres
Denkvermögens ist der, uns zu befähigen, konstruktiv für uns selbst in mentaler Materie
zu gestalten und mit ihr zu wirken.
Heute möchte ich nur den Plan umreissen, der den Unterbau für unsere künftigen
Gespräche bilden und die wichtigsten Grundlinien der Evolution berühren soll. Am
augenscheinlichsten ist natürlich die Linie, die mit der Evolution der Substanz zu tun hat,
mit dem Studium des Atoms und dem Wesen der atomaren Materie. Nächste Woche
werden wir darauf zu sprechen kommen. Die Wissenschaft hat uns viel über die
Evolution des Atoms zu sagen und [18] hat seit dem Standpunkt von vor fünfzig Jahren
eine grosse Wegstrecke bewältigt. Damals wurde das Atom als eine unteilbare
Substanzeinheit angesehen; jetzt wird es als Energiezentrum und elektrische Kraft
erkannt. Die Evolution der Substanz führt uns ganz natürlich zur Evolution der Formen
oder der Anhäufung von Atomen und dadurch eröffnet sich die interessante Betrachtung
von solchen Formen, die sich von rein materiellen unterscheiden - von Formen, die in
reinerer Substanz existieren, wie etwa Gedankenformen, den rassischen Formen und den
Formen von Organisationen. Bei diesem zweifachen Studium wird jeweils die Betonung
auf einem der Aspekte der Gottheit liegen - falls Sie dafür den Begriff «Gottheit» nehmen
wollen, oder, wenn Ihnen ein weniger konfessioneller Ausdruck lieber ist, eine der
Manifestationen der Natur.
Das führt uns zu Überlegungen über die Evolution der Intelligenz oder des Faktors
Denkvermögen, der sich als methodische Absicht in allem auswirkt, was wir ringsum
sehen. Das wird uns eine Welt offenbaren, die nicht blind ihren Weg verfolgt, sondern
hinter der sich eine Art Planung, ein bestimmtes einheitliches Schema oder organisiertes
Konzept verbirgt, das sich mit Hilfe materieller Formen auswirkt. Einer der Gründe,
warum sich die Dinge so schwer verständlich machen, ist auch in der Tatsache zu suchen,
dass wir uns mitten in einer Übergangsperiode befinden und der Plan bisher noch nicht
vollkommen ist; wir sind dem Mechanismus zu nahe, weil wir selbst ein integraler Teil
des Ganzen sind. Wir sehen [19] davon ein kleines Teilchen hier und ein anderes Teilchen
dort, aber die ganze Grossartigkeit der Idee ist uns noch nicht sichtbar geworden. Wohl
haben wir einmal eine Vision, einen hohen Moment der Offenbarung, aber wenn wir mit
den Realitäten jeder Seite in Berührung kommen, erscheint uns fraglich, ob sich das Ideal
verwirklichen lässt, denn die intelligente Beziehung zwischen der Form und dem, was sie
benützt, scheint von einer Angleichung noch weit entfernt.
Die Erkenntnis des Faktors Intelligenz bringt uns unvermeidlich zur Kontemplation über
die Evolution des Bewusstseins in seinen vielen Formen, angefangen von den
Bewusstseinstypen, die wir als untermenschlich ansehen, über die menschlichen, bis hin
zu dem, was logisch als übermenschliches Bewusstsein (auch wenn das nicht
demonstrierbar sein mag) postuliert werden kann. So wird die als nächstes auftauchende
Frage lauten: Was ist hinter all dem verborgen? Gibt es hinter der objektiven Form und
der sie belebenden Intelligenz eine Evolution, die der «Ich»- Fähigkeit, dem Ego im
Menschen entspricht? Gibt es in der Natur und dem was wir rings um uns sehen etwas
wie die Auswirkung der Absicht einer individualisierten, ihrer selbst bewussten
Wesenheit? Wenn es solch ein Wesen, eine solche fundamentale Existenz gibt, dann
müssten wir etwas von dessen intelligenter Aktivität sehen und beobachten können, wie
sich seine Pläne erfolgreich entwickeln. Selbst wenn wir nicht beweisen können, dass Gott
ist und dass die Gottheit existiert, ist es immerhin möglich zu sagen, dass die Hypothese
von seiner Existenz ein vernünftiger, rationaler Vorschlag und eine mögliche Erklärung
der vielen uns umgebenden Geheimnisse ist. Dazu muss aber erst einmal demonstriert
werden, dass eine intelligente Absicht vermittels Formen aller Art, durch Rassen und
Völker wirkt und durch alles, was wir in der modernen Zivilisation sich manifestieren
sehen; die Schritte, die von dieser «Absicht» unternommen worden sind und die
allmähliche Entwicklung des Plans müssen wir aufzeigen, und erst dann lässt sich
möglicherweise erkennen, was uns in den künftigen Stadien bevorsteht.
Lassen Sie [20] uns einen Augenblick überlegen, was mit den Worten «evolutiver
Prozess» gemeint ist. Wir gebrauchen dauernd diese Worte und im allgemeinen weiss
man, dass «Evolution» ein Entfalten von innen nach aussen bedeutet, also das, was sich
aus einem inneren Zentrum her entrollt. Aber es ist wichtig, die Idee klarer zu definieren,
um eine deutlichere Vorstellung zu bekommen. Eine der treffendsten Definitionen, die
mir untergekommen sind, besagt, dass «Evolution die Entfaltung einer stetig
zunehmenden Reaktionsfähigkeit ist». Hier haben wir eine sehr einleuchtende
Begriffsbestimmung bei der Betrachtung der Manifestation des Materieaspektes. Sie
beinhaltet das Konzept der Schwingung und der Reaktion auf Schwingung, und selbst
wenn wir mit der Zeit den Begriff «Materie» aufgeben und stattdessen vielleicht
«Kraftzentrum» sagen wollen, bleibt das Konzept doch gültig und die Reaktion des
Zentrums auf Stimulierung wird sogar noch genauer [21] erkennbar. Bei Betrachtung
des menschlichen Bewusstseins ist genau diese Definition sogar wirklich wertvoll. Sie
enthält die Idee einer allmählich zunehmenden Verwirklichung, nämlich der sich
entwickelnden Antwort des subjektiven Lebens auf seine Umwelt; und sie kann uns
schliesslich weiter und bis hinauf zum Ideal einer geeinten Existenz führen, welche die
Synthese aller Evolutionswege ist, und zum Begreifen eines zentralen Lebens oder einer
Kraft, die alle evolvierenden Einheiten verbindet und zusammenhält, ob es
Materieeinheiten wie das Atom des Physikers und Chemikers, oder
Bewusstseinseinheiten wie menschliche Wesen sind. Das ist Evolution, nämlich der
Vorgang, der das Leben in allen Einheiten zur Entfaltung bringt, der Drang zur
Entwicklung, der schliesslich zur Verschmelzung aller Einheiten und Gruppen führt, bis
wir die Gesamtsumme der Manifestation haben, die Natur oder Gott genannt werden
kann und die das Aggregat aller Bewusstseinszustände ist. Das ist der «Gott», auf den
sich der Christ bezieht, wenn er sagt, «in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir»;
das ist die Kraft oder Energie, die der Wissenschaftler anerkennt; und es ist das
universale Denken oder die Überseele des Philosophen. Das ist auch der intelligente
Wille, der lenkt, formuliert, bindet, erbaut und entwickelt und alles letztlich zur
Vollkommenheit bringt. Das ist die der Materie selbst innewohnende Vollkommenheit
und die Tendenz, die im Atom, im Menschen und in allem was ist, latent vorhanden [22]
ist. Diese Interpretation sieht den Evolutionsprozess nicht als das Wirken einer
ausserhalb befindlichen Gottheit, die ihre Energie und Weisheit auf eine erwartungsvolle
Welt ausgiesst, sondern vielmehr als etwas, das selbst in dieser Welt latent vorhanden
ist, denn es liegt verborgen im Kern des Atoms, im Herzen des Menschen selbst, im
Planeten und im Sonnensystem. Es ist jenes Etwas, das alles seinem Ziel entgegentreibt
und die Kraft, die allmählich aus dem Chaos Ordnung schafft; letzte Vollkommenheit aus
der zeitweiligen Unvollkommenheit; Gutes aus scheinbar Bösem; und aus dem Dunkel
und Unheil das, was wir eines Tages als schön, wahr und recht erkennen werden. Es ist
alles das, was wir in unseren höchsten und besten Augenblicken visionär erschaut und
erkannt haben.
Evolution wurde auch schon als «zyklische Entwicklung» definiert und diese Definition
bringt mich auf einen Gedanken, von dem ich dringend wünsche, wir könnten ihn voll
erfassen. Die Natur wiederholt sich ohne Unterlass, so lange, bis ein definitives Ende
irgend einer Art erreicht ist, bestimmte konkrete Ergebnisse zustandegebracht und
bestimmte Reaktionen auf Schwingungen zustandegekommen sind. Durch Erkenntnis
dieser zustandegekommenen Ergebnisse ist die intelligente Absicht der innewohnenden
Existenz demonstrierbar. Die hierbei anzuwendende Methode ist Unterscheidung oder
intelligente Auswahl. In den Textbüchern der verschiedenen Denkschulen werden häufig
Worte gebraucht, welche die gleiche generelle Idee vermitteln sollen, wie zum Beispiel
«natürliche Selektion» oder «Anziehung und Abstossung». Wenn möglich möchte ich
solche Fachausdrücke vermeiden, denn sie bedeuten in der einen Denkrichtung etwas
ganz anderes als in einer anderen. Wenn wir ein Wort finden können, welches das
gleiche sagen will, aber nicht auf eine spezielle Denkrichtung festgelegt ist, können wir
unser Problem [23] in neuem Licht erkennen. Im Sonnensystem sind Anziehung und
Abstossung nichts weiter als die Unterscheidungsfähigkeit des Atoms oder des Menschen,
die sich in den Planeten und der Sonne demonstriert. Diese Fähigkeit findet sich in
Atomen aller Art und wir können sie «Anpassung» nennen, wenn wir wollen oder die
Kraft, zu wachsen und durch Zurückweisen bestimmter Faktoren und Annehmen
anderer, die jeweilige Lebenseinheit ihrer Umgebung anzupassen. Im Menschen äussert
sich die Unterscheidungsfähigkeit als freier Wille oder als die Fähigkeit, eine Wahl zu
treffen; im geistigen Menschen ist sie als die Tendenz zu Opferbereitschaft erkennbar,
denn dann wählt er eine bestimmte Handlungsweise im Hinblick auf das Wohl der
Gruppe, der er angehört und lehnt ab, was rein selbstsüchtiger Natur ist.
Und schliesslich könnten wir Evolution auch als «geordnete Veränderung» und
konstante Mutation definieren. Sie äussert sich als unaufhörliche Aktivität der
Lebenseinheit, des Atoms, in der Wechselwirkung zwischen Gruppen und dem endlosen
Einwirken von einer Kraft oder Energieart auf eine andere.
Wir sehen also, dass Evolution, ob die der Materie, der Intelligenz, des Bewusstseins oder
des Geistes, in einer sich ständig steigernden Fähigkeit besteht, auf Schwingung zu
reagieren; dass sie durch unaufhörlichen Wandel fortschreitet und zwar durch
Anwendung eines selektiven Verfahrens, das wir Unterscheidungsfähigkeit nennen und
durch die Methode zyklischer Entwicklung oder Wiederholung.
Die Stadien, [24] die den evolutiven Vorgang kennzeichnen, können grob in drei Stufen
übersichtlich gemacht werden, die den Stadien im menschlichen Leben entsprechen:
Kindheit, Jugend und Reife. Beim Menschen lassen sich diese Stadien im Individuum
oder in der Rasse verfolgen, und je weiter die Zivilisationen fortschreiten und je mehr
Zivilisationen wir hinter uns bringen, desto eher wird es möglich werden, diese dreifache
Idee in der Menschenfamilie als Ganzes zu erkennen und so die göttliche Absicht durch
das Studium seines Abbilds, seines Spiegelbildes, des MENSCHEN, zu ermitteln. Wir
können diese drei Stadien auch in wissenschaftlicheren Begriffen ausdrücken und mit
den drei beschriebenen Denkrichtungen in Verbindung bringen, und studieren sie dann
als
a. die Stufe der Atomenergie,
b. die Stufe der Gruppenkohärenz,
c. die Stufe der geeinten oder zur Synthese gebrachten Existenz.
Lassen Sie mich versuchen, zu erklären, was ich meine. Die Stufe der Atomenergie betrifft
grösstenteils die materielle Seite des Lebens und entspricht der Kindheitsperiode eines
Menschen oder einer Rasse. Es ist die Periode der Realitätsbezogenheit, der lebhaften
Aktivität, vor allem der Entwicklung durch Handeln, oder der reinen Selbstbezogenheit
und des Eigeninteresses. Sie bringt die materialistische Anschauung hervor und führt
unweigerlich [25] zu Egozentrik. Denn sie beinhaltet die Erkenntnis des Atoms als ein in
sich Abgeschlossenes und erkennt ebenso die menschliche Einheit als ein separates, von
allen anderen Einheiten abgetrenntes Leben ohne Beziehung zu den anderen
Lebenseinheiten. Ein solches Stadium ist bei den wenig entwickelten Rassen der Welt,
aber auch bei kleinen Kindern und Unterentwickelten zu beobachten. Sie sind normal auf
sich selbst konzentriert, ihre Energien kreisen um das eigene Leben, und sie beschäftigen
sich nur mit objektiven und berührbaren Dingen; ihr Charakteristikum ist eine
notwendige Selbstsucht, die sie schützt. Es ist dies ein für die Entwicklung und Fortdauer
der Rasse sehr wichtiges Stadium.
Aus dieser selbstbezogenen, atomischen Periode entwickelt sich die nächste, die der
Gruppenkohärenz. In ihr bilden sich die Formen und Arten, bis endlich etwas kohärentes
und in sich individualisiertes Ganzes entstanden ist, das jedoch aus vielen niedrigeren
Individualitäten und Formen zusammengesetzt ist. Beim menschlichen Wesen entspricht
das dem erwachenden Verständnis für Verantwortlichkeit und dem Erkennen des
eigenen Platzes in der Gruppe. Es bedingt die Fähigkeit, seinerseits zu erkennen, dass es
ein grösseres Leben gibt als das eigene, ob dieses Leben «Gott» genannt oder einfach als
das Leben der Gruppe, zu der ein Mensch als Einheit gehört, aufgefasst wird, nämlich
jene grosse Identität, von der jeder von uns ein Teil ist. Das entspricht der Denkrichtung
die wir die «supranatürliche» genannt haben und die im Lauf der Zeit von einer
zutreffenderen, breiteren Konzeption abgelöst werden muss. Wie wir bereits gesehen
haben, entwickelte sich das erste (Atom) Stadium durch das Mittel der Selbstsucht oder
das selbstzentrierte Leben des Atoms (ob des Substanzatoms oder des menschlichen
Atoms). Das [26] zweite Stadium kommt zur Vollendung durch das Opfer der einzelnen
Einheit für das Wohl der Vielen und des Atoms für die Gruppe von Atomen, in der es
seinen Platz hat. Über dieses Stadium wissen wir bis jetzt praktisch noch wenig und es ist
das, was wir uns oft visionär vorstellen und erhoffen.
Das dritte Stadium liegt noch in weiter Ferne und mag vielleicht als wesenloses
Hirngespinst gelten. Aber für einige von uns ist es eine Vision, die gegenwärtig zwar
noch unerreichbar, aber dennoch logisch möglich ist, wenn unsere Prämissen korrekt
sind und unsere Begründung richtig definiert ist. Es ist das Stadium der «geeinten
Existenz». In dieser Vereinigung wird es nicht nur die getrennten Bewusstseinseinheiten
geben, nicht nur die differenzierten Atome innerhalb der Form, nicht nur die aus einer
Vielfalt von Identitäten zusammengesetzte Gruppe, sondern wir werden das Aggregat
aller Formen, aller Gruppen und Bewusstseinszustände verschmolzen, vereint und in
einem vollkommenen Ganzen zur Synthese gebracht erleben. Dieses Ganze mag man das
Sonnensystem nennen, oder die Natur, oder man nennt es Gott. Namen tun nichts zur
Sache. Dieses Stadium entspricht dem Erwachsensein im Menschen, es findet seine
Analogie zur Periode der Reife und zu der Stufe, in der ein Mensch sich ein definitives Ziel
und einen Lebenszweck geschaffen haben sollte, mit einem festumrissenen Plan vor
Augen, den er mit Hilfe seiner Intelligenz zu verwirklichen [27] sucht. Wenn es mir
gelingt, möchte ich zeigen, dass im Sonnensystem, im Planeten, in der menschlichen
Familie und im Atom etwas derartiges vor sich geht. Ich bin sicher, wir werden beweisen
können, dass es eine Intelligenz gibt, die allem zugrundeliegt; und dass aus Sondersein
Einheit kommen wird, die durch Verbindung und Verschmelzung zu Gruppen
hervorgerufen wird; und dass schliesslich aus den vielen Gruppen das eine vollkommene,
voll bewusste Ganze hervorkommen wird, das aus Myriaden getrennter Identitäten
zusammengesetzt ist, beseelt von einer Absicht und einem Willen. Wenn das so ist, was ist
dann der nächste praktische Schritt für diejenigen, die zu dieser Erkenntnis gekommen
sind? Wie können wir dieses Ideal praktisch auf unser Leben anwenden und unsere
unmittelbare Pflicht mit Gewissheit erkennen, damit wir an diesem Plan teilnehmen und
ihn bewusst fördern können? In diesem kosmischen Prozess hat jeder von uns zweifellos
seinen winzigen Anteil und darum sollte jeder tätig verbrachte Tag uns die uns
zugedachte Rolle mit intelligentem Verständnis spielen sehen.
Unser erstes Ziel ist ganz eindeutig die Verwirklichung unserer selbst durch die Praxis
der Unterscheidungsfähigkeit. Wir müssen lernen, klar und selbständig zu denken,
unsere eigenen Gedanken zu formulieren und unsere eigenen mentalen Vorgänge zu
handhaben; wir müssen lernen, zu wissen was wir denken und warum wir es denken,
wir müssen das Gesetz des Opfers studieren, um den Sinn des Gruppenbewusstseins
herauszufinden. Wir müssen uns nicht nur durch das primäre Kindheitsstadium des
Egoismus hindurchfinden (das gewiss schon hinter uns liegen sollte) und nicht nur
lernen, das Wirkliche vom Unwirklichen zu unterscheiden, sondern wir müssen danach
trachten, zu etwas noch weit Besseren weiterzustreben. Unser [28] unmittelbares Ziel
müsste es sein, die Gruppe zu finden, zu der wir gehören. Wir gehören nicht zu allen
Gruppen und können auch nicht bewusst unseren Standort in dem einen grossen Körper
finden. Aber wir können eine Gruppe finden, in der wir wirklich unseren Platz haben,
eine Gemeinschaft von Menschen, mit denen wir gemeinsam denken und
zusammenarbeiten, Brüder oder Schwestern, denen wir auf vielerlei Weise beistehen
oder helfen können. Das bezieht sich eigentlich auf die bewusste Kontaktaufnahme mit
dem Ideal der Brüderlichkeit - bis wir uns zu dem Stadium entwickelt haben werden, in
dem dann unsere Erkenntnis universal ist. Das bedeutet, den ganz bestimmten Kreis von
Brüdern zu finden, die wir lieben und denen wir durch das Gesetz des Opfers und durch
Umwandlung von Selbstsucht in liebenden Dienst helfen können. So gelangen wir zur
Kooperation mit der generellen Absicht und zur Teilnahme am Lebenszweck der Gruppe.
ZWEITER VORTRAG
DIE EVOLUTION DER SUBSTANZ
Es ist offensichtlich, dass [31] es in einer Vortragsreihe wie dieser unmöglich sein würde,
ein so ungeheures Thema nur annähernd angemessen zu behandeln, auch wenn ich die
ausreichende Vorbildung besässe, über eine derart fundamentale wissenschaftliche
Materie zu sprechen. Und selbst wenn die Schlussfolgerungen der Wissenschaft über die
Evolution der Materie endgültig wären, würde das Thema eine zu weitläufige
Behandlung erfordern - aber sie sind es nicht; wodurch der Gegenstand sich noch weiter
kompliziert. Deshalb möchte ich heute meinen Ausführungen vorausschicken, dass es
mein Ziel ist, besonders zu solchen zu sprechen, die keinerlei wissenschaftliche
Voraussetzungen mitbringen und ihnen einen Begriff von den allgemein akzeptierten
Ideen zu vermitteln suchen. Ich bemühe mich deshalb, einige Anstösse zu geben, die uns
vielleicht hilfreich sein können, unser Denkvermögen diesem grossen Problem Materie
anzunähern. Bei Betrachtung des Substanzaspekts der Manifestation wurde dieser
gewöhnlich als «Sache für sich» angesehen; und erst seit kurzem fängt so etwas wie «die
Psychologie der Materie» an, durch die Forschungen und Schlussfolgerungen
weitherzigerer Wissenschaftler dem Publikum vor Augen gebracht zu werden.
Sie werden [32] sich erinnern, dass ich letzthin allgemein und ausführlich versuchte,
Ihnen deutlich zu machen, dass es drei Richtungen gibt, um dem Studium des materiellen
Universums näherzukommen. Da ist zunächst die Linie, die lediglich den Materieaspekt
betrachtet und sich nur damit beschäftigt, was gesehen, berührt und bewiesen werden
kann. Eine zweite - etwa als «Supranaturalismus» zu bezeichnen - berücksichtigt
weniger die materielle Seite der Dinge als das, was das Göttliche genannt wird; ihr
Gebiet ist der Lebens und der Geistaspekt, und Leben sieht sie als eine Kraft an, die
ausserhalb des Sonnensystems und des Menschen existiert die sie aber als grosses
schöpferisches Agens einstuft, welches das objektive Universum erschafft und leitet,
trotzdem es selbst ausserhalb ist. Diese beiden Gedankenrichtungen sehen wir von den
rein materialistischen Wissenschaftlern, den orthodoxen Christen und den Deisten jeden
Glaubens vertreten.
Als nächstes wies ich auf den dritten Zugang zum Problem hin, wir nannten es die
«idealistische» Anschauung. Diese berücksichtigt die materielle Form, aber ebenso auch
das Leben in ihr und postuliert ein Bewusstsein oder eine Intelligenz, die sich mit Hilfe
dieser äussern Form entwickelt. Sie werden gemerkt haben, dass dies die Richtung ist,
auf die ich bei diesen Vorträgen besonderen Nachdruck legen werde. Kein Redner ist ja
imstande, sich völlig von seinem eigenen Standpunkt abzusetzen; und ich habe mir hier
selber die Aufgabe gestellt, diesem Weg zu folgen, denn für mich bedeutet er die Synthese
der anderen zwei, fügt ihnen aber noch bestimmte Konzepte hinzu, die in Vereinigung
mit den anderen ein zusammenhängendes Ganzes entstehen lassen. An Ihnen ist es, zu
entscheiden, ob dieser dritte Standpunkt logisch, vernünftig und klar ist.
Die allergewöhnlichste Tatsache [33] in unser aller Leben ist die der materiellen Welt,
der Welt, die wir sehen, mit der wir mittels der fünf Sinne in Berührung kommen können,
und die von den metaphysischen Denkern das «Nicht-Selbst» genannt wird oder das,
was für jeden von uns «Objekt» ist. Wie wir wissen, besteht die Arbeit des Chemikers
darin, alle bekannten Substanzen auf ihre allereinfachsten Elemente zurückzuführen,
und noch vor kurzem glaubte man dies befriedigend erreicht zu haben. Gegen Ende des
vorigen Jahrhunderts bezifferte man die Anzahl der bekannten Elemente auf 70 - 80.
Nun wurde aber im Jahre 1898 ein neues Element, das Radium, entdeckt, eine
Entdeckung, die das Denken der Welt über Materie und Substanz vollständig
revolutionierte. Blättert man die alten Schriften oder Wörterbücher aus dem vorigen
Jahrhundert durch, um die Definition des Atoms zu finden, findet man gewöhnlich
Newton zitiert: «das Atom ist ein hartes, unteilbares, letztes Partikel», also etwas, das
fernere Unterteilung nicht erlaubt. Es wurde als endgültig letztes Atom im Universum
anerkannt und von den Gelehrten der Viktorianischen Aera als «Grundstein des
Universums» bezeichnet. Man nahm an, so weit wie möglich gegangen zu sein und
gefunden zu haben, was aller Manifestation und dem Objektiven überhaupt
zugrundeliegt. Aber als das Radium und die anderen radioaktiven Stoffe erkannt worden
waren, sah man sich einem völlig neuen Aspekt gegenüber; denn es war klar geworden,
dass das als letzte Einheit angenommene Partikel [34] dies keineswegs war. Die
Definition des Atoms (nach dem «Standard Dictionary») heisst nun:
«Ein Atom ist ein Kraftzentrum, eine Phase elektrischer Phänomene, ein Energiezentrum,
aktiviert durch seine eigene innere Struktur, das Hitze oder Strahlung abgibt.»
Ein Atom sei deshalb (wie Lord Kelvin 1867 annahm) ein «Wirbel-Ring» oder
Kraftzentrum und nicht ein Partikel dessen, was wir als berührbare Substanz verstehen.
Dieses allerletzte Partikel der Materie ist jetzt erwiesen worden als aus einem positiven
Energiekern zusammengesetzt, der wie die Sonne von den Planeten von vielen
Elektronen oder negativen Korpuskeln umgeben ist und dadurch das Atom der früheren
Wissenschaft in zahllose kleine Körper unterteilt. Die Elemente differieren entsprechend
der Zahl und Anordnung dieser negativen Elektronen um ihren positiven Nucleus, und
sie rotieren oder bewegen sich um diese zentrale elektrische Ladung, wie unser
planetarisches System um die Sonne kreist. Professor Soddy führte in einer seiner letzten
Arbeiten aus, dass im Atom ein ganzes solares System zu sehen sei - man erkennt die
zentrale Sonne und die Planeten, die ihre Bahnen um diese herum verfolgen.
Es müsste jedem [35] von uns einleuchten, dass ein vollständig neuer Substanzbegriff
sich eröffnet, sobald diese Definition des Atoms gründlich durchdacht und studiert wird.
Dogmatische Behauptungen sind jedenfalls nicht mehr am Platze, denn inzwischen ist
realisiert worden, dass vielleicht die nächste Entdeckung die Tatsache enthüllen könnte,
dass die Elektronen selber Welten innerhalb von Welten sind. Eine interessante
Spekulation in dieser Richtung findet sich im Buche eines englischen Physikers, in
welchem er eröffnet, es würde möglich sein oder werden, das Elektron selbst weiter
aufzulösen und zu unterteilen in, was er «Psychonen» nennt. Dies würde in Regionen
führen, die dann nicht mehr dem Physischen zugerechnet werden könnten. Das mag
heute noch ein Traum sein. Aber die Sache, mit der ich versuchen möchte, mein Denken
und das Ihre zu beeindrucken, ist, dass wir kaum wissen, wo wir im wissenschaftlichen
Denken stehen, ebenso wenig wie im religiösen und ökonomischen Bereich. Alles macht
eine Periode des Übergangs durch; die frühere Sicht, durch die schier alles gesehen
wurde, hat sich als falsch oder unzureichend erwiesen und das alte Denken kann sich
nicht mehr angemessen artikulieren. Alles, was der Weise heute tun kann, ist, mit seiner
Meinung zurückzuhalten, sich aber selbst dessen zu vergewissern, was ihn als Wahrheit
anrührt, und sich dann zu bemühen, diesen speziellen Aspekt der Wahrheit zur Synthese
zu bringen mit dem, was seine Brüder angenommen haben.
Vom Atom lässt [36] sich demnach sagen, dass es sich in Elektronen auflöst und in Kraft
und Energiebegriffen ausgedrückt werden kann. Wenn man also ein Zentrum von
Energie oder Aktivität vor sich hat, sieht man sich einem doppelseitigen Konzept
gegenüber: einmal ist es das, was Bewegung oder Energie verursacht und dann, was
diese mit Energie durchdringt oder aktuiert. Das aber bringt uns unmittelbar in das
Gebiet der Psychologie, weil Energie oder Kraft immer als eine Qualität anzusehen ist;
und wo es sich um Qualität handelt, betritt man ja den Bereich psychischer Phänomene.
Immer wieder tauchen bei Charakterisierung von Substanz gewisse Begriffe auf, über die
grösste Definitionsunterschiede bestehen. Beim Durchlesen eines wissenschaftlichen
Buches fand ich neulich die entmutigende Behauptung des Autors, das chemische, das
physikalische und das Atom des Mathematikers und Metaphysikers seien vier total
verschiedene Dinge! Auch aus diesem Grunde ist es unmöglich, bei diesen Fragen
dogmatisch vorzugehen. Trotzdem - richtig oder falsch - ich kann eine sehr bestimmte
Hypothese vor Sie hinstellen. Mit dem Gespräch über Radium wagen wir uns aller
Wahrscheinlichkeit nach in das Gebiet ätherischer Substanz, die Region des Äthers oder
des Protyle. «Protyle» ist ein von Sir Walter Crookes geprägter Name, der von ihm wie
folgt definiert wird:
«Protyle, analog [37] dem Wort Protoplasma, will die Idee der ursprünglichen
Urmaterie ausdrücken, also die vor der Bildung der chemischen Elemente. Das Wort, das
ich zu diesem Zweck zu gebrauchen gewagt habe, ist zusammengesetzt aus dem
griechischen Wort «früher als» und «der Stoff», aus welchem die Dinge gemacht sind.»
Wir wollen deshalb den Begriff Materie dahin zurückgeben, wo ihn die östlichen Schulen
immer gebraucht haben, nämlich als «uranfänglicher Äther»; wenn wir auch stets
bedenken müssen, dass der Äther der Wissenschaft in weitem, weitem Abstand vom
uranfänglichen Äther des orientalischen Okkultisten steht. Hier werden wir
zurückverwiesen auf jenes unberührbare Etwas, das die Basis der berührbaren Dinge ist,
welche Sie und ich sehen, anfassen und benützen können. Das Wort «Substanz» selber
meint das, was «unten steht» oder, was hinter den Dingen liegt. Daher ist alles, was wir
bisher in Zusammenhang mit dem Raumäther aussagen können, dass er das Medium ist,
in dem Energie oder Kraft wirkt oder sich wahrnehmen lässt. Wenn wir in diesen
Lektionen von Energie und Kraft, Materie und Substanz sprechen, können wir sie in
unserem Denken folgendermassen auseinanderhalten: Sprechen wir über Energie und
Substanz, dann betrachten wir das, was jetzt noch ungreifbar ist; und wir gebrauchen
Kraft im Zusammenhang mit Materie, wenn wir jenen Aspekt des Objektiven behandeln
den unsere Wissenschaftler ausschliesslich studieren. Substanz ist der Äther in einem
seiner vielen Grade und auch das, was hinter der Materie selber liegt.
Wenn wir [38] von Energie sprechen, muss es auch das geben, was Energie spendet, das,
was die Quelle der Energie und der Ursprung jener Kraft ist, die sich in der Materie
kundtut. Hierauf möchte ich den stärksten Nachdruck legen. Woher kommt diese Energie
und was ist sie?
Die Wissenschaft erkennt immer klarer, dass Atome Eigenschaften besitzen. Es würde
aber interessant sein, wenn sich einmal jemand die Mühe machte und die verschiedenen
wissenschaftlichen Bücher, die sich mit dem Thema atomare Materie befassen, daraufhin
durchstudieren und notieren würde, welche der vielen verschiedenen auf sie bezogenen
Begriffe auch auf ein menschliches Wesen anzuwenden wären. In bescheidenem Umfang
habe ich das versucht und fand es äusserst aufschlussreich.
Wir wissen, dass vom Atom vor allem ausgesagt wird, dass es Energie besitzt und die
Kraft hat, von einer Art von Aktivität zu einer andern überzuwechseln. Ein recht
angesehener Autor schreibt: «Durch jedes Atom in der Welt vibriert absolute
Intelligenz». In diesem Zusammenhang möchte ich von einem Interview mit Edison
berichten, das in «Harper's Magazin for Februar 1890» und später in «The Scientific
American for October 1920» veröffentlicht worden ist, und zwar in vollem Wortlaut; in
der früheren Veröffentlichung wird er folgendermassen zitiert:
«Ich glaube nicht, dass Materie träge ist und durch eine von aussen kommende Kraft
bewegt werden kann. Mir scheint, dass jedes Atom von einer gewissen Menge primitiver
Intelligenz beherrscht (possessed) [39] wird. Man betrachte nur die Tausende von
Variationen, in denen Wasserstoffatome sich mit denen anderer Elemente verbinden und
dabei die verschiedensten Substanzen formen. Können Sie behaupten, dass sie dies ohne
Intelligenz tun? Atome gestalten sich zu harmonischer und nützlicher Verbindung, zu
schönen oder interessanten Formen und Farben oder geben einen angenehmen Duft von
sich, als ob sie ihre Genugtuung ausdrücken wollten... In gewissen Formen
zusammengefügt, bauen die Atome Tiere der niederen Ordnung. Schliesslich vereinigen
sie sich im Menschen, der die Gesamtintelligenz aller dieser Atome darstellt.»
«Aber wo kommt diese Intelligenz ursprünglich her?» fragte der Interviewer.
«Von einer Macht, die grösser ist als wir», antwortete Edison.
«Dann glauben Sie also an einen intelligenten Schöpfer, einen persönlichen Gott?»
«Gewiss. Die Existenz eines solchen Gottes kann meiner Meinung nach bereits aus der
Chemie erwiesen werden.»
In dem langen Interview im «Scientific American» nannte Edison eine Reihe äusserst
interessanter Vermutungen, von denen ich die folgenden herausgesucht habe:
1. «Leben, wie Materie, ist unzerstörbar.
2. Unsere Körper sind aus Myriaden unendlich kleiner Einheiten zusammengesetzt, von
denen jede in sich eine Lebenseinheit ist; ebenso, wie das Atom aus zahllosen Elektronen
besteht.
3. Der Mensch handelt mehr wie eine Montage (assemblage) denn eine Einheit; Körper
und Geist drücken das Votum oder die Stimme der Lebenseinheiten aus.
4. Die Lebenseinheiten [40] bauen gemäss einem Plan. Wenn ein Teil des lebenden
Organismus' verstümmelt wird, bauen sie genau wie vorher wieder auf.
5. Die Wissenschaft gibt zu, dass es schwierig ist, die Trennlinie zwischen Belebtem und
Unbelebtem zu ziehen; vielleicht dehnen diese Einheiten ihre Aktivitäten sogar auf
Kristalle und Chemikalien aus ...
6. Die Lebenseinheiten leben ewig (live for ever); so dass, mindestens bis hierher, das
ewige Leben, das viele von uns erhoffen. eine Realität ist.»
In einem Vortrag, den Sir Clifford Allbut, der Präsident der britischen Medical
Association, hielt, sprach er, wie der «Literary Digest» vom 26. Februar 1921 berichtete,
über die Fähigkeit der Mikrobe, zu wählen oder zu verwerfen und sagte dazu:
«Wenn die Mikrobe sich im Körper ihres Wirtes befindet, kann sie sich entweder ganz in
Disharmonie oder ganz in Harmonie mit bestimmten oder allen Zellen befinden, denen
sie sich nähert, in keinem dieser Fälle würde wahrscheinlich etwas krankheitstiftendes
geschehen... Krankhaftes könnte zwischen dieser Mikrobe und Körperzellen entstehen,
die sich zwar in ihrer Reichweite, aber nicht mit ihr in Harmonie befinden. Nun besteht
Grund zu der Annahme, dass eine Mikrobe bei ihrer Annäherung an eine Körperzelle, die
nur geringfügig von ihr entfernt ist, alles mögliche versuchen wird, um sich an ihr
festzusetzen. Wenn das geschieht, würde die zuerst unschädliche Mikrobe schädlich
werden. So können andererseits Körperzellen sich selbst dazu erziehen, mit einer vorher
dissonanten Mikrobe in Harmonie zu leben; oder es kann zu gegenseitigem Austausch
und Anpassung kommen ...
Wenn das so ist, dann sehen wir uns mit einer wunderbaren und weitreichenden
Fähigkeit konfrontiert, nämlich mit der Fähigkeit zur Wahl; und dies in aufsteigender
Linie vom tiefsten Grund der Biologie bis hinauf zum Gipfel - eine formative Fähigkeit,
eine - «Auto-Determination» oder, wenn Sie so wollen, «Denkfähigkeit».
Im Jahre 1895 hielt Sir. W. Crookes, einer [41] unserer grössten Gelehrten, eine
interessante Vorlesung vor einem Chemikergremium in Grossbritannien, in der er sich
mit der Fähigkeit des Atoms auseinandersetzte, sich den eigenen Weg zu wählen, zu
verwerfen oder anzunehmen; und er wies nach, dass natürliche Selektion in allen
Lebensformen verfolgt werden kann, vom damals letzten Atom ausgehend durch alle
Seinsformen.
In einem anderen Artikel wird das Atom, noch weitergehend, als zur Empfindung fähig
angesehen:
«Der kürzlich entstandene Streit, die Natur des Atoms betreffend - das wir in dieser oder
anderer Form als letzten Faktor in allen physischen oder chemischen Prozessen ansehen
müssen - scheint sich auf höchst einfache Weise lösen zu lassen, nämlich durch die
Annahme, dass diese unendlich winzigen Massen - als Zentren von Kraft - eine bleibende
Seele besitzen, und dass jedes Atom Empfindung und Bewegungskraft hat.»
Auch Tyndall führte in ähnlicher Weise aus, dass die eigentlichen Atome selbst «mit dem
Wunsch zum Leben ausgestattet» zu sein scheinen.
Nimmt man diese unterschiedlichen Qualitäten des Atoms - Energie, Intelligenz,
Fähigkeit zu wählen und abzuweisen, anzuziehen und zurückzustossen, Empfindung,
Bewegung und Wunsch - zur Kenntnis, dann hat man etwas, was der Psychologie eines
Menschenwesens auffallend ähnlich sieht, freilich in begrenztem Umfang und [42] in
sehr definiertem Grad. Sind wir nicht inzwischen auf das zurückgekommen, was wir als
die «Psyche des Atoms» bezeichneten? Wir haben gefunden, dass das Atom eine lebende
Einheit, eine kleine vibrierende Welt ist, und dass innerhalb seiner Sphäre oder seines
Einflusses andere kleine Leben zu finden sind. Und dies durchaus in dem Sinne, in dem
jeder von uns eine Entität oder ein positiver Nucleus voll Kraft und Leben ist, der andere,
geringere Leben in seiner Einflusssphäre hält - die Zellen unseres Körpers. Was von uns
gesagt werden kann, kann, im Gradunterschied, auch vom Atom gesagt werden.
Lassen Sie uns diese Idee ein bisschen weiterspannen und damit an das rühren, was die
fundamentale Ursache der Weltprobleme sein und möglicherweise ihre Lösung enthalten
kann. Diese Idee vom Atom als einer positiven Energiedemonstration, das in seiner
aktiven Reichweite sein polares Gegenstück hält, kann nicht nur auf jede Art von Atom,
sondern auch auf ein menschliches Wesen angewandt werden. Wir können jede Einheit
der menschlichen Familie als menschliches Atom betrachten, denn im Menschen ist das
Atom lediglich grösser. Er ist ein Zentrum positiver Kraft, das die Zellen seines Körpers
innerhalb der Peripherie seiner Einflusssphäre hält; er besitzt Unterscheidungskraft,
Intelligenz und Energie. Es ist einzig ein Gradunterschied. Er besitzt ein ausgedehnteres
Bewusstsein und vibriert in stärkerem Mass als das kleine Atom des Chemikers.
Die Idee lässt [43] sich noch weiterverfolgen und einen Planeten als Atom betrachten.
Vielleicht gibt es ein Leben innerhalb des Planeten, welches die Substanz der Sphäre und
alle auf ihm befindlichen Lebensformen als zusammenhängendes Ganzes festhält und das
eine spezifische Einflussausdehnung hat. Das mag wie wilde Spekulation klingen, doch
von der Analogie her könnte es auch innerhalb der planetarischen Sphäre eine Wesenheit
geben, deren Bewusstheit so weit über der des Menschen liegt wie das
Menschenbewusstsein über dem des chemischen Atoms.
Und trägt man den Gedanken noch weiter, so weit, dass er das Atom des Sonnensystems
einschliesst, dann haben wir dort, im Herzen des Sonnensystems - der Sonne - das
positive Zentrum der Energie, das die Planeten in seiner Einflusssphäre hält. Haben wir
nun aber im Atom Intelligenz, im menschlichen Wesen Intelligenz, und haben wir im
Planeten eine Intelligenz, welche alle seine Funktionen kontrolliert, sollte es dann nicht
logisch sein, noch weiterzugehen und eine grössere Intelligenz hinter jenem noch
grösseren Atom, dem Sonnensystem, zu vermuten?
Dies führt uns letztlich zu dem Standpunkt, den die religiöse Welt von jeher vertreten hat,
dass ein Gott oder göttliches Wesen existiert. Wo der orthodoxe Christ ehrfürchtig Gott
sagen würde, würde der Wissenschaftler mit gleicher Ehrfurcht Ur-Energie sagen, und
doch würden beide das gleiche meinen. Wo der idealistische Lehrer vom «immanenten
Gott» in der menschlichen Form sprechen würde, würden andere mit gleicher
Genauigkeit von der «Energie erzeugenden Fähigkeit» des Menschen reden, die ihn zu
physischer, emotionaler und mentaler Aktivität drängt. Überall sind Kraftzentren
vorhanden, und die Idee könnte von einem Kraftzentrum, wie dem chemischen Atom,
durch die vielen verschiedenen Abstufungen und Gruppen solcher Energiezentren
weiterverfolgt und erweitert werden bis hinauf zum Menschen und von da zu einem
Leben, das sich durch das System manifestiert.
Somit wäre [44] dann ein wunderbares, synthetisch gefügtes Ganzes anschaulich
gemacht. Der heilige Paulus mag an etwas ähnliches gedacht haben, als er von dem
Himmlischen Menschen sprach. Mit dem «Körper Christi» meint er sicherlich alle jene
Lebenseinheiten der Menschheitsfamilie, die in seinem Einflussbereich gehalten werden
und im Begriff sind, seinen Körper zu bilden, genauso, wie das Aggregat der physischen
Zellen den menschlichen Körper bildet. Was in unseren Tagen religiöser Umwälzungen
nottut, ist die Darlegung dieser fundamentalen Wahrheiten des Christentums als
wissenschaftlich erwiesene Wahrheit. Wir müssen die Religion verwissenschaftlichen.
Es gibt eine bemerkenswerte, viele tausend Jahre alte Sanskritaufzeichnung, die ich hier
anzuführen wage. Sie lautet:
«Jegliche Form auf Erden und jedes Fleckchen im Raum (Atom) strebt mit allen Kräften
nach Selbstformung gemäss dem Vorbild, das mit dem Himmlischen Menschen
vorgegeben ist. Die Involution und die Evolution ... haben ein und dasselbe Ziel: den
Menschen.»
Merken Sie, welch [45] ungeheure Hoffnung dieses Konzept vor uns eröffnet? Nicht ein
einziges Atom der Materie, das latent Intelligenz, Unterscheidungsvermögen und
selektive Kraft besitzt, das nicht im Verlauf von Äonen jenes fortgeschrittene Bewusstsein
erreichen wird, das wir das menschliche nennen. Gewiss kann dann vom menschlichen
Atom gleichermassen angenommen werden, dass es zu einer noch weit ausgedehnteren
Bewusstheit gelangen und schliesslich das Entwicklungsstadium jener grossen
Wesenheiten erreichen wird, deren Körper planetarische Atome sind; und dasselbe gilt
auch für sie. Aber was kommt dann? Das Erreichen jenes allumfassenden
Bewusstseinszustandes, den wir Gott oder den Sonnenlogos nennen. Ganz sicher ist diese
Lehre logisch und brauchbar. Die alten okkulten Weisungen, die dem Menschen sagten,
«Erkenne dich selbst, denn in dir ist alles zu finden, was gewusst werden kann», sind für
den mit Weisheit Lernenden noch immer die Regel. Würde jeder von uns sich selbst im
wissenschaftlichen Sinne als Kraftzentrum betrachten, da wir ja die Materie unseres
Körpers tatsächlich innerhalb unseres Kontrollbereichs halten und dadurch mit und in
ihm wirken, hätten wir eine Hypothese, mittels derer das ganze kosmische Planschema
interpretierbar wäre. Wenn, wie Einstein andeutet, unser ganzes Sonnensystem nur eine
Sphäre ist, gibt das der Schlussfolgerung, es könnte seinerseits auch nur ein kosmisches
Atom sein, einen interessanten Anstrich; auf diese Weise hätten wir einen Platz innerhalb
eines noch grösseren Systems und ein Zentrum, um das unser System kreist und in dem
es das Elektron zum Atom darstellte. Die Astronomen sagen uns, unser ganzes System
kreise wahrscheinlich um einen zentralen Punkt im Universum.
So kann also [46] der Grundgedanke, den ich herauszuarbeiten suchte, überall
nachgewiesen werden, den ganzen Weg vom Atom des Chemikers und Physikers, über
den Menschen, über das energiespendende Leben eines Planeten, bis hinauf zum Logos,
der Gottheit unseres Sonnensystems, der Intelligenz oder dem Leben, das aller
Manifestation, oder der Natur, zugrundeliegt und weiter bis zu einem noch grösseren
Planschema, in dem selbst unser Gott seine Rolle zu spielen und seinen Platz zu finden
hätte. Es ist ein wunderbares Bild, wenn es stimmt.
Ich kann mich heute Abend nicht mit den verschiedenen Entwicklungen dieser alle Atome
beseelenden Intelligenz beschäftigen, möchte aber gern einen Augenblick darauf
verwenden, was wohl die «Methode» ihrer Evolution sein mag, und zwar vom
menschlichen Standpunkt aus (der uns ja am intimsten angeht) immer dabei bedenkend,
dass das, was für jedes einzelne Atom gilt, in grösserem oder kleinerem Mass für alle
gelten müsste.
Bei genereller Betrachtung der Atome des Sonnensystems, einschliesslich seiner selbst,
machen sich zwei Dinge bemerkbar: einmal die intensive Lebendigkeit und Aktivität des
Atoms selbst und seine innere atomare Energie; und zweitens sein Wechselwirken mit
andern Atomen, das Abstossen einiger und Anziehen anderer. Vielleicht könnten wir
daraus schliessen, dass die evolutive Entwicklungsmethode für jedes Atom auf zwei
Ursachen zurückzuführen ist: das innere Leben des Atoms selbst und seine
Wechselwirkung oder seinen Interkurs mit anderen Atomen. Diese beiden Stadien [47]
sind in der Evolution des menschlichen Atoms augenscheinlich. Das erste wurde von
Christus deutlich hervorgehoben, als er sagte «Das Reich Gottes ist in euch», womit er
alle menschlichen Atome auf das ihnen selbst innewohnende Zentrum von Leben und
Energie verwies und sie lehrte, dass sie von diesem Zentrum aus und durch dieses
Zentrum sich ausdehnen und wachsen müssten. Jeder von uns ist sich bewusst, dass er in
sich selbst sein Mittelpunkt ist; er sieht alles vom eigenen Standpunkt aus, und die
äusseren Ereignisse sind zumeist nur soweit interessant, als sie ihn selbst angehen. Wir
befassen uns mit den Dingen, wenn sie uns persönlich betreffen und alles was anderen
zustösst ist uns, in einem bestimmten Stadium unserer Evolution, nur insoweit wichtig,
als es uns selbst angeht. Das ist die gegenwärtige Stufe Vieler und charakteristisch für
die Mehrheit; es ist die Periode eines intensiven Individualismus und diejenige, in der das
«Ich»- Konzept an erster Stelle steht. Es beinhaltet viel innere Aktivität.
Der zweite Weg, auf dem das menschliche Atom wachsen kann ist sein Wechselwirken
mit allen anderen Atomen. Dieser Weg beginnt jetzt der menschlichen Intelligenz zu
dämmern und die ihm zukommende Bedeutung zu gewinnen. Wir fangen gerade an, die
relative Bedeutung von Wettbewerb und Kooperation zu realisieren, sind im Begriff zu
erkennen, dass wir nicht egoistisch und abgesondert von der Gruppe, zu der wir gehören,
leben können; und zu lernen, wenn unser Bruder behindert wird und in irgendeiner
Weise nicht vorwärtskommen kann, und wenn daher die anderen menschlichen Atome
nicht so vibrieren, wie sie es sollten, dass dann jedes Atom in der «Korporative» davon
betroffen wird. So wird auch keiner von uns vollendet werden, bis nicht alle anderen
Einheiten ihre volle, höchste Vollendung erreicht haben.
Ich werde mich [48] nächste Woche etwas ausführlicher hierüber verbreiten, wenn ich
die Frage der Formbildung aufgreife. Um diese Lektion heute zum Abschluss zu bringen,
will ich nur noch versuchen, Ihnen ein Verständnis für den Platz zum Bewusstsein zu
bringen, den wir im grossen Planschema einnehmen, damit Sie verstehen, wie unerhört
wichtig das Wechselwirken zwischen allen Atomen ist. Ich möchte die Notwendigkeit
unterstreichen, dass jeder von uns seinen eigenen Platz in derjenigen Gruppe finden
muss, zu der er von Natur aus gehört (in der wir die Elektronen für die positive Ladung
sind), um dann ruhig mit unserer Arbeit innerhalb jenes grösseren Atoms, der Gruppe,
fortzufahren.
Das macht die gesamte Hypothese nicht bloss zu einem verrückten Traum, sondern zu
einem praktischen, nützlichen Ideal. Wenn es wahr ist, dass beispielsweise alle Zellen
unseres Körpers die Elektronen sind, die wir kohärent zusammenhalten, und wenn wir
der energiespendende Faktor in der materiellen Form sind, dann ist es von erstrangiger
Bedeutung, dass wir diese Tatsache anerkennen und mit diesen Formen und ihren
Atomen richtig und wissenschaftlich bewusst umgehen. Das beinhaltet die praktische
Pflege des physischen Körpers und weise Anpassung all unserer Energie an die zu
leistende Arbeit und das Ziel, das wir verfolgen; es erfordert die einsichtsvolle Nutzung
jenes Aggregats von Zellen, das für uns Instrument oder Werkzeug und
Manifestationssphäre ist. Von all dem wissen wir bis jetzt noch wenig. Wenn aber einmal
der Gedanke weiterentwickelt und das menschliche Wesen als ein Kraftzentrum erkannt
ist, wird sich das Verhältnis der Menschen zu ihrer Arbeit und ihrer ganzen Lebensweise
von Grund auf ändern. Die Ansichten der Medizin werden sich zum Beispiel verändern
und man wird die richtigen Methoden zur Anwendung der Energie studieren. Krankheit
aus Unwissenheit wird es nicht mehr geben und die Methoden der Übertragung von
Kraft werden studiert und befolgt werden. Wir werden dann wahrhaft intelligente Atome
sein - etwas, das wir bis jetzt - nicht sind.
Ausserdem werden [49] wir nicht nur unseren materiellen Körper sachgemässer
behandeln, weil wir seine Konstitution besser verstehen werden, sondern auch bewusst
unseren Platz innerhalb der Gruppe finden und unsere Energie zum Wohl der Gruppe
einsetzen und nicht, wie bisher, zur Förderung unserer persönlichen Zwecke. Viele Atome
haben nicht nur ein eigenes inneres Leben, sondern sie strahlen auch, und je mehr die
Radioaktivität allmählich verstanden wird, wird man auch beginnen, den Menschen als
ein Zentrum aktiver Strahlung zu studieren. Wir stehen am Vorabend wunderbarer
Entdeckungen: wir nähern uns einer beispiellosen Synthese des Weltdenkens, denn wir
gehen auf die Epoche zu, wo Wissenschaft und Religion sich gegenseitig unterstützen
werden und die Philosophie hierzu ihren Beitrag zum Wahrheitsverständnis leisten wird.
Der Gebrauch [50] der Imagination wird eine herrliche Vision erschliessen; und wenn
sich diese Imagination auf Wesentliches gründet und von einer logischen Hypothese
ausgeht, wird sie uns vielleicht zur Lösung der Geheimnisse und Probleme führen, welche
die Welt heute noch ängstigen. Wenn Dinge uns noch mysteriös und unerklärlich
scheinen, könnte das nicht wegen jener grossen Wesenheit so sein, die sich durch unseren
Planeten manifestiert und eine ganz bestimmte Absicht und einen Plan verfolgt, genauso,
wie Sie und ich dies in unserem Leben tun? Wie oft bringen wir unser körperliches
Vehikel in Situationen und Schwierigkeiten, die sowohl schmerzhaft als auch betrüblich
sind. Vorausgesetzt unsere Arbeitshypothese stimmt, kann man logischerweise
unterstellen, dass die grosse Intelligenz unseres Planeten in ähnlicher Weise ihren
grossen Manifestationskörper (der die Menschenfamilie umfasst) in Situationen bringen
könnte, die für die Atome recht betrüblich wären. Ganz gewiss aber ist es logisch, zu
vermuten, dass das Geheimnis all dessen, was wir um uns sehen, im Willen und in der
intelligenten Absicht jenes grossen Lebens verborgen ist, das durch unseren Planeten
wirkt, genau wie der Mensch durch das Medium seines physischen Körpers, und wäre
dennoch selbst nur ein Atom innerhalb einer viel grösseren Sphäre, welche dem
Sonnenlogos innewohnt, jener Intelligenz, welche die Gesamtsumme aller geringeren
Leben ist.
DRITTER VORTRAG
DIE EVOLUTION DER FORM ODER GRUPPENEVOLUTION
Heute möchte [53] ich die Grundidee der Einheit des Bewusstseins oder der Intelligenz
behandeln, wie sie im letzten Vortrag vergangene Woche entwickelt wurde und das
Konzept weiter ausführen. Wie es heisst, geschieht alle Evolution aus dem Homogenen,
und durch das Heterogene wieder zurück zum Homogenen, und es wurde folgender
Hinweis dazu gegeben:
«Evolution ist eine sich ständig beschleunigende Vorwärtsbewegung aller Teilchen im
Universum, welche diese gleichzeitig auf einem von Zerstörung begleiteten Weg, doch
ununterbrochen und pausenlos, vom materiellen Atom bis zum universalen Bewusstsein
führt in welchem Allmacht und Allwissen verwirklicht werden: mit einem Wort, zur
vollkommenen Verwirklichung des Absoluten Gottes.»
Dies vollzieht sich, ausgehend von jenen winzigen Mannigfaltigkeiten, die wir Moleküle
und Atome nennen, bis hin zu ihrer Häufung im Aggregat, wenn sie zu Formen gefügt
sind, und setzt sich fort durch Einfügen dieser Formen in grössere Formen, bis wir ein
Sonnensystem in seiner Gesamtheit vor uns haben. Alles geschieht nach strenger
Gesetzmässigkeit, denn das gleiche fundamentale Prinzip beherrscht die Evolution des
Atoms wie die eines Sonnensystems. Der Makrokosmos wiederholt sich im Menschen,
dem Mikrokosmos, und der Mikrokosmos reflektiert sich in allen geringeren Atomen.
Diese Vorbemerkungen, ebenso [54] wie der vorherige Vortrag, betreffen in erster Linie
die materielle Manifestation eines Sonnensystems, während ich in unseren zukünftigen
Gesprächen hauptsächlich das betonen möchte, was die psychische Evolution oder die
stufenweise Demonstration und evolutive Entfaltung der subjektiven Intelligenz oder des
Bewusstseins, den Hintergrund der objektiven Erscheinung, angeht.
Wir wollen auch diesen Vortrag wieder in vier Abschnitte aufgliedern: Zuerst betrachten
wir das Thema des evolutiven Prozesses, der in diesem Fall die Evolution der Form oder
der Gruppe ist; dann den Prozess der Gruppenentwicklung; als nächstes die während des
evolutionären Zyklus aufeinanderfolgenden Stufen und werden schliesslich versuchen,
ins Praktische zu gehen und aus unseren Schlussfolgerungen eine Lektion abzuleiten, die
im täglichen Leben anwendbar ist.
Zunächst ist es notwendig, der Frage nachzugehen, was eine Form wirklich ist. Im
Lexikon können wir folgende Definition finden: «Eine Form ist die äussere Gestalt oder
Konfiguration eines Körpers.» In dieser Definition liegt die Betonung auf ihrem
Äusserlich sein, ihrer Berührbarkeit und exoterischen Manifestation. Dieser Gedanke
kommt uns auch beim Studium des Wortes «Manifestation» entgegen: Es stammt [55]
aus zwei lateinischen Wörtern, die soviel heissen, wie «handhaben, mit der Hand
anrühren» (manus, die Hand; fendere, berühren), wodurch der dreifache Gedanke
suggeriert wird, dass das Manifestierte das ist, was gespürt, kontaktiert und als
berührbar erkannt werden kann. Und doch wird in diesen beiden Interpretationen der
wichtigste Teil übersehen und wir müssen nach einer richtigeren Definition Ausschau
halten. Für mein Gefühl vermittelt Plutarch die Idee der Manifestation des Subjektiven
durch das Mittel der objektiven Form viel einleuchtender als das Lexikon, wenn er sagt:
«Eine Idee ist ein unkörperliches Wesen, das an sich keine Substanz besitzt, das aber
gestaltloser Materie Gestalt und Form verleiht und zur Ursache von Manifestation
wird.»
Hier haben Sie eine hochinteressante Aussage von wahrhaft okkulter Bedeutung.
Sorgfältiges Studium und Betrachtung dieses Satzes wird sich lohnen, denn er stellt ein
Konzept dar, das sich nicht nur auf jene kleinen Manifestationen, die Atome des
Chemikers und Physikers bezieht, sondern diejenige aller Formen enthält welche das
Atom zum eigenen Aufbau benutzt haben, einschliesslich der eines menschlichen Wesens
und der Gottheit eines Sonnensystems, jenes allumfassenden Denkens und vibrierenden
Energiezentrums, wie auch jener grossen, umfassenden Bewusstheit, die wir Gott oder
Kraft oder den Logos nennen - das Seiende, welches sich selbst durch das Mittel des
Sonnensystems zum Ausdruck bringt.
In der christlichen Bibel [56] wird der gleiche Gedanke von Paulus in einem Brief an die
Kirche in Ephesos ausgesprochen. Im 2. Kapitel der Epistel an die Epheser sagt er: «Wir
sind sein Kunstwerk.» Wörtlich ist die Übersetzung aus dem Griechischen «Wir sind sein
"poema" oder Idee», und der Gedanke des Apostels ist dabei, dass durch das Mittel jedes
Menschenlebens, oder in dem Aggregat der Leben, die ein Sonnensystem ausmachen,
Gott durch die Form, wie immer diese beschaffen sein mag, eine Idee, ein spezifisches
Konzept oder detailliertes Kunstwerk zum Vorschein bringt. Ein Mensch ist ein
verkörperter Gedanke und dieses Konzept ist ja auch in der Definition des Plutarch latent
enthalten. Wir bekommen darin zunächst die Vorstellung einer selbstbewussten Entität,
müssen dann den Gedanken oder Zweck erkennen, den diese Entität auszudrücken sucht
und schliesslich haben wir den Körper oder die Form als folgerichtiges Ergebnis.
Der Terminus «Logos» übersetzt als «das Wort», wird im Neuen Testament meist
gebraucht, wenn von der Gottheit die Rede ist. Die hervorstechendste Stelle ist das erste
Kapitel des Johannes-Evangeliums, das so beginnt: «Am Anfang war das Wort und das
[57] Wort war bei Gott und das Wort war Gott.» Wir wollen einen Augenblick versuchen,
dem Sinn des Ausdrucks Logos nachzugehen. Die wörtliche Übersetzung, «das Wort», ist
definiert worden als «einem verborgenen Gedanken objektiven Ausdruck zu geben».
Nimmt man ein beliebiges Substantiv oder ähnliches Wort und studiert dessen objektive
Sinndeutung, so wird man finden, dass dem Denkbereich immer ein bestimmter Gedanke
übermittelt wird, der den Zweck, das Vorhaben oder vielleicht ein abstraktes Konzept
beinhaltet. Werden die gleichen methodischen Überlegungen einschliesslich der Idee der
Gottheit oder des Logos weitergeführt, kann viel Licht über diese abstruse Frage der
Manifestation Gottes, der zentralen Intelligenz, gewonnen werden und zwar mithilfe der
materiellen Form, ob wir Ihn durch die winzige Form eines chemischen Atoms
manifestiert sehen oder durch Seinen gigantischen physischen Körper, dem wir den
Namen Sonnensystem gegeben haben.
Wir fanden in unserem Vortrag letzte Woche heraus, dass es etwas gibt, das allen
Atomen zugesprochen werden kann und dem immer mehr Wissenschaftler dieses eine,
unterscheidende Charakteristikum zuerkennen. Es wurde deutlich gemacht, dass die
Atome Anzeichen von einer Seele aufweisen und eine rudimentäre Form von Intelligenz
besitzen. Die Atome demonstrieren die Fähigkeit zur Unterscheidung, haben selektive
Kraft und die Fähigkeit anzuziehen und abzustossen. Es mag kurios erscheinen, das Wort
Intelligenz zum Beispiel in Verbindung mit einem Atom der Chemie zu gebrauchen;
trotzdem verkörpert die Wurzelbedeutung dieses Wortes genau diesen Gedanken, denn es
stammt aus den beiden lateinischen Worten «inter», zwischen [58] und «legere», wählen.
Intelligenz ist also die Fähigkeit zu denken oder zu wählen, auszusondern und zu
unterscheiden. Sie ist in Wirklichkeit dieses Abstrakte, Unerklärliche, dieses Etwas, das
dem grossen Gesetz der Anziehung und Abstossung, einem der Grundgesetze aller
Erscheinung, zugrundeliegt. Diese fundamentale Intelligenzfähigkeit ist ein
Charakteristikum aller atomaren Materie, wie sie auch den Aufbau von Formen oder die
Anhäufung von Atomen beherrscht.
Wir haben uns schon früher mit dem Atom als solchem beschäftigt, aber noch nicht
damit, wie es zur Formbildung kommt oder zu jener Totalität von Formen, die wir ein
Naturreich nennen. Wir haben über die essentielle Natur des Atoms und seine
ursprünglich vorhandene charakteristische Eigenschaft der Intelligenz etwas
nachgedacht und haben vor allem das betont, woraus all die verschiedenen Formen, so,
wie wir sie kennen, erbaut sind - also alle Formen im Mineralreich, im Pflanzenreich, im
Tierreich und im Menschenreich. In der Gesamtsumme aller Formen haben wir also die
Totalität der «Natur», wie sie allgemein verstanden wird.
Lassen Sie uns jetzt diesen Gedanken von den individuellen Formen, die beim Aufbau
jedes dieser vier Naturreiche mitwirken, weiter ausdehnen und sie als Erbauer jener
noch grösseren Form, des Naturreichs selbst, sehen und so dieses Reich der Natur als
bewusste Einheit erkennen, die ein homogenes Ganzes bildet. Auf diese Weise kann jedes
Naturreich als eine Form angesehen werden, durch die sich ein Bewusstsein irgend einer
Stufe oder eines Grades manifestieren kann. So bringt etwa das Aggregat der
animalischen Formen jene grössere Form hervor, die wir als das Tierreich selbst
bezeichnen und dieses hat wiederum seinen Platz innerhalb eines noch grösseren
Körpers. Vielleicht sucht sich durch dieses Reich ein bewusstes Leben zum Ausdruck zu
bringen, und durch die Summe der Naturreiche könnte ein noch grösseres subjektives
Leben nach Manifestation streben.
In all [59] diesen Naturreichen - dem mineralischen, pflanzlichen, animalischen und
menschlichen - sind, vorausgesetzt, dass die Grundlage unserer Gedankengänge richtig
ist, wiederum drei Faktoren gegenwärtig: erstens, dass das ursprüngliche Atom selbst
ein Lebewesen ist; zweitens, dass alle Formen aus einer Vielheit von Leben aufgebaut
sind und dadurch ein kohärentes Ganzes verfügbar wird, durch das eine subjektive
Wesenheit eine Absicht auswirkt; und drittens, dass das zentrale Leben innerhalb der
Form ihr richtunggebender Impuls, die Quelle ihrer Energie, der Ursprung ihrer
Aktivität und das ist, was die Form als Einheit zusammenhält.
Dieser Gedanke kann durchaus zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Menschen
durchdacht werden. Zum Zweck unseres Vortrags kann der Mensch als diese zentrale
Energie, das Leben oder die Intelligenz definiert werden, welche sich durch eine
materielle Manifestation oder Form auswirkt, die ihrerseits aus Myriaden [60]
geringerer Leben aufgebaut ist. In diesem Zusammenhang ist ein merkwürdiges
Phänomen während des Sterbevorgangs häufig beobachtet worden. Vor einigen Jahren
wurde mir von einer der tüchtigsten Operationsschwestern in Indien folgendes erzählt.
Sie war lange Zeit Atheistin gewesen, doch waren ihr Zweifel an ihrem Unglauben
gekommen, nachdem sie mehrmals Zeugin dieses Phänomens geworden war. Sie
berichtete, sie habe im Augenblick des Todes in mehreren Fällen aus dem Kopf des
Sterbenden einen Lichtblitz hervorkommen sehen; und, in einem besonderen Fall (dem
eines Mädchens von offenbar sehr fortgeschrittener spiritueller Entwicklung und grosser
Reinheit, ja Heiligkeit im Leben) sei es gewesen, als sei der ganze Raum einen Augenblick
elektrisch erleuchtet. Es wurden ferner unlängst führende Mitglieder eines
Ärztegremiums einer grösseren Stadt im Mittelwesten von einem interessierten Forscher
brieflich darum gebeten, ob sie gewillt wären, darüber Auskunft zu geben, ob sie im
Augenblick des Todes ein spezifisches Phänomen wahrgenommen hätten. Einige
antworteten, sie hätten gesehen, wie ein bläuliches Licht vom Schädeldach ausgegangen
sei und ein oder zwei fügten noch hinzu, sie hätten auch noch eine Art von
Schnappgeräusch in der Kopfregion gehört. Für das Letztere finden wir eine Erhärtung
im «Prediger Salomonis», wo die Loslösung der «Silberschnur» oder das Zerbrechen des
magnetischen Verbindungsgliedes erwähnt wird, das die innewohnende Wesenheit oder
den Denker mit seinem Ausdrucksträger verbindet. In beider Art Fällen kann ein
sichtbarer Beweis für das Zurückziehen des zentralen Lebenslichtes gesehen werden, die
darauf erfolgende Desintegration der Form und der Zerstreuung der Myriaden
geringerer Leben.
Es erscheint [61] daher manchen von uns als logisch fundierte Hypothese, dass, genau
wie das Atom der Chemie eine winzige Sphäre oder Form mit positivem Kern ist, der um
sich die negativen Elektronen in ständigem Umlauf hält, alle Formen in allen
Naturreichen von ähnlicher Struktur sind und sich nur durch Grade des Bewusstseins
oder der Intelligenz unterscheiden. Wir können deshalb die Naturreiche selbst als
physischen Ausdruck irgendeines grossen subjektiven Wesens betrachten und bei
logischem Weiterverfolgen zur Erkenntnis kommen, dass jede Einheit in der
menschlichen Familie ein Atom im Körper jener grösseren Wesenheit ist, die in einigen
Schriften als der «Himmlische Mensch» bezeichnet wurde. So gelangen wir schliesslich
zu dem Konzept, dass auch das Sonnensystem nur die Summe aller Naturreiche und aller
Formen ist und der Körper eines Wesens, das sich durch ihn zum Ausdruck bringt und
das System dazu benutzt, um eine bestimmte Absicht und zentrale Idee zur Auswirkung
zu bringen. In allen Erweiterungen unserer entscheidenden Hypothese lässt sich die
gleiche Triplizität erkennen, ein zentrales informierendes Leben oder Wesen, das sich
durch eine Form oder eine Vielzahl von Formen manifestiert und unterscheidungsfähige
Intelligenz demonstriert.
Es ist nicht möglich, die Methode zu behandeln, durch welche die Formen gestaltet
werden oder sich über den evolutionären Prozess zu verbreiten, mit dessen Hilfe Atome
zu Formen zusammengefügt werden, noch die Methode, wie die Formen selbst sich in
jener grösseren Einheit sammeln, die wir ein Naturreich nennen. Dies kann lediglich in
drei Begriffe zusammengefasst werden:
Involution, oder die Verstrickung des subjektiven Lebens in die Materie, nämlich die
Methode, durch welche die innewohnende Einheit ihren Ausdrucksträger an sich zieht;
Evolution, das Benutzen der Form durch das subjektive Leben, dessen allmähliche
Vervollkommnung und die endgültige Befreiung des eingeschlossenen Lebens; und das
Gesetz von Anziehung und Abstossung, wodurch Materie und Geist koordiniert werden,
das zentrale Leben Erfahrung sammelt, sein Bewusstsein erweitert und durch die
Verwendung dieser spezifischen Form zu Selbst-Bewusstsein und Selbst-Beherrschung
gelangt. Alles kommt unter diesem fundamentalen [62] Gesetz zustande. In jeglicher
Form haben wir ein zentrales Leben oder eine Idee, die sich manifestiert, sich immer
mehr in die Substanz verliert und sich je nach ihren Bedürfnissen in eine Form und
Gestalt kleidet, dabei die Form als Ausdrucksmittel benützt und dann - nach einem
angemessenen Zeitraum - sich selbst von der umgebenden Form befreit, um eine ihren
Bedürfnissen angemessenere anzunehmen. So schreitet durch alle Formstufen hindurch
der Geist oder das Leben weiter voran, bis der Pfad der Rückkehr durchschritten und der
Ursprungspunkt erreicht ist. Das ist der Sinn der Evolution und hierin liegt das
Geheimnis der kosmischen Inkarnation. Am Ende löst sich der Geist von der Form,
erlangt Befreiung und hat dazu psychische Qualität und stufenweise Erweiterungen des
Bewusstseins entwickelt. Diese [63] bestimmten Stadien können wir uns einmal kurz
ansehen und flüchtig überlegen. Da ist zuerst der Vorgang der Involution. Das ist die
Periode, in der die Begrenzung des Lebens innerhalb der Form oder Hülle vor sich geht.
Es ist ein langer, langsamer Prozess, der Millionen und Abermillionen von Jahren
dauert. An diesem riesigen Zyklus ist jede Kategorie Leben beteiligt. Er betrifft das Leben
des sich durch ein Sonnensystem manifestierenden Sonnenlogos. Er ist ein Teil des
Lebenszyklus des planetarischen Geistes, der sich durch eine Sphäre wie unseren
Planeten Erde manifestiert; er schliesst das Leben ein, das wir das menschliche nennen
und fegt das winzige Leben, das durch ein Atom der Chemie funktioniert, in seine
Energiebahn. Es ist der gewaltige Prozess des Werdens und das, was Existenz und das
Dasein selbst möglich macht. Diese Periode der Begrenzung eines allmählich immer
stärkeren Eingekerkertseins und immer tieferen Hinabsteigens in die Materie wird von
einer Periode der Adaption oder Anpassung abgelöst, in der Leben und Form in engste
Wechselbeziehung zueinander treten, gefolgt von einer Phase, in der diese innere
Beziehung vollkommen wird. Die Form ist dann den Bedürfnissen des Lebens angepasst
und kann benützt werden. Während dann das innere Leben wächst und sich ausdehnt,
läuft parallel dazu die Kristallisation der Form, weil sie als Ausdrucksmittel nicht mehr
genügt. Nach dieser Kristallisation folgt die Periode der Auflösung. Begrenzung,
Anpassung, Benützung, Kristallisation und Auflösung - das sind die Stufen, die das Leben
einer Entität oder verkörperten Idee höherer oder geringerer Ordnung ausmachen. die
sich durch Materie auszudrücken sucht.
Lassen Sie [64] uns diesen Gedanken auf ein menschliches Wesen übertragen. Dort kann
der Prozess der Begrenzung im Annehmen einer physischen Form gesehen werden und in
den jungen, rebellischen Tagen, wenn er von Wünschen, Streben, Sehnsüchten und
Idealen erfüllt ist, die er anscheinend nicht ausdrücken noch befriedigen kann. Es folgt
die Periode der Anpassung an die Umstände der Mensch beginnt sich damit einzurichten,
was er hat und er versucht, sich so gut wie möglich durch das Mittel jener Myriaden
geringerer Leben und Intelligenzen auszudrücken, welche seinen physischen,
emotionalen und mentalen Körper ausmachen. Er erfüllt diese dreifältige Form mit
Energie, zwingt sie, seine Wünsche und Absichten auszuführen und damit seinen
Lebensplan zum Guten oder Schlechten durchzusetzen. Als nächstes folgt die Stufe, in der
er die Form benützt, so gut er kann, und er erreicht das, was wir Reife nennen.
Schliesslich, in den späteren Lebensstadien haben wir die Kristallisation der Form, und
der Mensch merkt, dass sie nicht mehr genügt. Dann folgt die glückliche Befreiung, die
wir den Tod nennen, jener grosse Augenblick, in dem der «Geist im Kerker» den ihn
einschliessenden Mauern seiner körperlichen Form entschlüpft. Unsere Vorstellungen
über den Tod sind irrig gewesen; wir haben ihn als das grosse, letzte Schrecknis
angesehen, während er in Wirklichkeit das grosse Entrinnen ist, der Eintritt in ein
volleres Mass der Aktivität, und die Freisetzung des Lebens aus dem kristallisierten
Ausdrucksträger und einer unzureichenden Form.
Ähnliche Gedanken [65] lassen sich auf alle Formen anwenden und nicht nur auf solche,
die mit dem Körper eines menschlichen Wesens zusammenhängen; sie können auch auf
Regierungsformen, Religionsformen und auf wissenschaftliche und philosophische
Gedankenformen angewandt werden. In besonders interessanter Weise lässt sich
beobachten, wie sie sich in dem Zyklus auswirken in dem wir leben. Alles ist in Fluss
geraten; die alte Ordnung wandelt sich und es hat eine Zeit des Übergangs begonnen auf jedem Gebiet des menschlichen Denkens lösen sich die alten Formen auf, aber nur
damit das Leben, das sie einmal ins Dasein rief, daraus entrinnen kann, um sich selbst
das aufzubauen, was befriedigender und angemessener sein wird. Nehmen wir zum
Beispiel die alten religiösen Formen des christlichen Glaubens. Hier möchte ich Sie aber
warnen, mich nicht misszuverstehen. Ich will nicht versuchen, zu beweisen, dass der
Geist des Christentums unangemessen und seine wohlbegründeten und erprobten
Wahrheiten irrig seien. Ich will nur darauf hinweisen, dass die Form, durch die sich
dieser Geist auszudrücken bestrebt ist, irgendwie ihre Aufgabe er 66 füllt hat und sich als
Begrenzung erweist. Die gleichen alten Wahrheiten und dieselben Grundideen brauchen,
um wirksam zu sein, einen angemesseneren Ausdrucksträger. Christliche Denker müssen
in dieser Zeit sehr sorgfältig zwischen den lebendigen Wahrheiten des Christentums und
der kristallisierten Form der Theologie unterscheiden. Der lebendige Impuls wurde durch
Christus gegeben. Er verkündete diese grossen, ewigen Wahrheiten und sandte sie
hinaus, damit sie Form annähmen und einer leidenden Welt Hilfe brächten. Sie wurden
durch die Form begrenzt, und dann folgte ein langer Zeitraum, in dem diese Form (die
religiösen Dogmen und Doktrinen) wuchs und allmählich Gestalt annahm. Jahrhunderte
lang schienen Form und Leben einander angepasst zu sein und die christlichen Ideale
konnten sich durch das Mittel dieser Form zum Ausdruck bringen. Nun hat die Periode
der Kristallisation eingesetzt und das sich erweiternde christliche Bewusstsein empfindet
die Begrenzung durch die Theologen als unangemessen und hemmend. Das dichte
Gewebe der Dogmen und Doktrinen, das die Kirchenväter und Theologen der
Jahrhunderte knüpften, muss sich unweigerlich auflösen, aber nur, damit das innere
Leben entrinnen und sich selber ein besseres und befriedigenderes Ausdrucksmittel
aufbauen und mit diesem der Mission gerecht werden kann, zu der es ausgesandt wurde.
In den Schulen der verschiedenen Denkrichtungen kann man überall das gleiche
beobachten. Jede drückt mithilfe einer speziellen Form oder einer Reihe von Formen
irgend eine Idee aus, und es ist sehr notwendig, dabei zu bedenken, dass das dreifache
Leben, das sich hinter allen Formen verbirgt, trotzdem nur das eine Leben ist, obwohl die
Ausdrucksträger unterschiedlich sind und sich im Lauf der Zeit immer als unzureichend
erweisen.
Worin liegt [67] dann aber der Zweck hinter diesem endlosen Prozess des Formbildens
und Zusammenfügens der geringeren Formen? Was ist der Grund für all das und was
wird sich schliesslich als das Ziel herausstellen? Mit Sicherheit ist es die Entwicklung von
Qualität, die Ausweitung des Bewusstseins, die Entwicklung einer Erkenntnisfähigkeit,
das Hervorbringen der Kräfte der Psyche oder der Seele, die Evolution von Intelligenz.
Sicher ist es die allmähliche Demonstration der Grundidee oder der Absicht, die jene
grosse Wesenheit, die wir den Logos oder Gott nennen, durch das Sonnensystem zur
Auswirkung bringt. Es ist die Demonstration seiner psychischen Qualität, denn Gott ist
intelligente Liebe; und die Demonstration seiner festgesetzten Absicht, denn Gott ist
intelligenter, liebender Wille.
Auch für alle unterschiedlichen Stufen und Typen von Atomen gibt es ein Ziel und einen
Zweck. So hat das Atom der Chemie ein Ziel; für das menschliche Atom gibt es einen
Punkt der Vollendung, den Menschen; das planetarische Atom wird auch eines Tages
seinen eigentlichen Zweck offenbaren und die grosse, dem Sonnensystem
zugrundeliegende Idee wird einmal enthüllt werden. Könnten wir uns da einbilden, in ein
paar flüchtigen Betrachtungen ein vernünftiges Konzept dafür zu finden, was diese
Absicht sein mag? Allenfalls können wir eine gewisse allgemeine Vorstellung bekommen,
wenn wir uns dem Gegenstand mit genügender Ehrfurcht und sensitiver
Anschauungsweise nähern und uns dabei klar bewusst bleiben, dass nur die
Unwissenden dogmatisieren und nur die Unweisen in Einzelheiten gehen, wenn über so
ungeheure Themen gesprochen wird.
Wir haben [68] gesehen, dass beispielsweise das Atom der Chemie die Qualität
Intelligenz demonstriert, denn es zeigt Symptome unterscheidungsfähigen Denkens und
rudimentäre selektive Befähigung. Damit demonstriert dieses winzige Leben innerhalb
der atomaren Form psychische Qualität. Sodann wird das Atom in unterschiedlichen
Zeiten und Stadien in all die verschiedenen Formen eingebaut und jedesmal gewinnt es
etwas dazu, gemäss der Kraft und dem Leben derjenigen Entität, welche diese Form
beseelt, und bewahrt dabei seine Homogenität. Nehmen wir einmal das Atom, das zum
Aufbau einer Form im Mineralreich gehört: es zeigt nicht nur unterscheidungsfähiges
Denken, sondern auch Elastizität. Dann erscheinen im Pflanzenreich diese beiden
Eigenschaften wieder, doch kommt eine dritte hinzu, die wir als Empfindung
rudimentärer Art einstufen könnten. Die ursprüngliche Intelligenz des Atoms hat
während des Übergangs von Form zu Form und von Naturreich zu Naturreich etwas
dazugewonnen. Seine Reaktionsfähigkeit auf Kontakt und überhaupt seine
Wahrnehmung haben sich erhöht.
Wenn [69] wir später die Evolution des Bewusstseins studieren, können wir mehr im
Detail hierauf eingehen; heute will ich nur zeigen, dass im Pflanzenreich aus Atomen
erbaute Formen nicht nur unterscheidungsfähige Intelligenz und Elastizität besitzen,
sondern auch Empfindungsfähigkeit, also etwas, das im Pflanzenreich der Emotion oder
dem Gefühl entspricht - der Emotion, die ja nichts weiter ist als rudimentäre Liebe. Dann
folgt das Tierreich, in dem die animalischen Formen nicht nur alle eben genannten
Eigenschaften besitzen, sondern in dem noch der Instinkt hinzukommt oder das, was
eines Tages als Mentalität aufblühen wird. Das führt uns schliesslich zum menschlichen
Wesen, dem alle diese Qualitäten in weit stärkerem Mass eigen sind, denn das vierte
Naturreich ist nichts anderes als der Makrokosmos für die drei niederen Reiche. Der
Mensch demonstriert intelligente Aktivität, er ist zu Emotion oder Liebe fähig und hat
dem noch einen weiteren Faktor hinzugefügt, den des intelligenten Willens. Er ist die
Gottheit seines eigenen kleinen Systems; er ist nicht nur bewusst, sondern ist sich sogar
seiner selbst bewusst. Er baut seinen eigenen Manifestationskörper, genau wie es der
Logos tut, nur in winzigem Massstab; er beherrscht sein kleines System durch das grosse
Gesetz der Anziehung und Abstossung, wie es auch der Logos tut, erfüllt es mit Energie
und synthetisiert seine dreifache Natur zu einer kohärenten Einheit. Er ist die Drei in
Einem und der Eine in den Dreien, ebenso, wie der Logos.
Für jedes Atom gibt es im Sonnensystem eine Zukunft. Vor dem letzten Atom liegt ein
gewaltiges Ziel und während die Äonen vorbeiziehen, wird das Leben, das dieses Atom
beseelt, durch alle verschiedenen Naturreiche hindurchgegangen sein, bis es sein Ziel im
Reich des Menschen findet.
Der Gedanke [70] könnte nun noch etwas erweitert werden, indem wir ihn auf jene
grosse Wesenheit ausdehnen, die das informierende Leben des Planeten ist und alle
unterschiedlichen Reiche der Natur in ihrem Bewusstsein hält. Könnte es nicht sein, dass
diese Intelligenz, da sie doch die Totalität aller Gruppen und Naturreiche informiert, das
Ziel für den Menschen, für das menschliche Atom wäre? Und dass vielleicht, während die
Zeit fortschreitet, das Ausmass der gegenwärtigen Erkenntnis dieser Wesenheit auch zur
unseren würde und für diese, wie für alle jene grossen Leben, welche die Planeten des
Sonnensystems beseelen, die Erreichung jener ungeheuren Bewusstseinsreichweite
bevorsteht, die das gewaltige Wesen charakterisiert, welches das informierende Leben
des Sonnenlogos ist. Könnte es nicht zutreffen, dass es zwischen den verschiedenen
Bewusstseinsgraden, die sich zum Beispiel vom Atom des Chemikers und Physikers bis
hinauf zum Logos des Sonnensystems erstrecken, gar keine Lücken gibt und keine
abrupten Übergänge, sondern dass immer nur eine allmähliche Ausdehnung und
gradweise Evolution von einer Form intelligenter Manifestation zur nächsten stattfindet,
und immer das Leben innerhalb der Form dabei an Qualität zunimmt, und zwar
vermittels der Erfahrung.
Wenn wir diese Idee in unser Bewusstsein aufgenommen haben und uns klar geworden
ist, dass allem eine Absicht und richtungweisende Führung zugrundeliegt, wenn wir
erkennen, dass auch nicht das Geringste geschieht, das nicht dem bewussten Willen
irgendeiner Entität entspringt, und schliesslich alles Geschehen einem bestimmten Ziel
und Zweck dient, dann haben wir den Schlüssel zu uns selbst und zu allem gefunden, was
rings um uns in der Welt vor sich geht. Wenn wir zum Beispiel erkennen, dass wir
Aufbau und Pflege unserer physischen Körper selbst in der Hand haben, dass wir die
Kontrolle über unsere Gefühlsnatur und die Verantwortung für die Entwicklung unserer
Mentalität selbst tragen, [71] wenn wir weiter erkennen, dass wir selbst die
energiespendenden Faktoren innerhalb unserer Körper sind und dass diese sich auflösen
und zerfallen, wenn wir uns daraus zurückziehen, dann haben wir hier vielleicht den
Schlüssel zu dem, was das unseren Planeten beseelende Leben tun mag, wenn es durch
Formen jeglicher Art (Kontinente, Zivilisationen, Religionen und Organisationen) auf
dieser Erde wirkt; was auf dem Mond vorgegangen sein kann, der nun eine in Auflösung
begriffene Form ist, oder was im Sonnensystem geschehen wird, wenn sich der Logos aus
dem zurückzieht, was für ihn nur eine temporäre Manifestation ist.
Lassen Sie uns jetzt diese Gedanken praktisch auswerten. Wir leben zurzeit in einer
Periode, in der alle Gedankenformen zu zerbrechen scheinen, wo das religiöse Leben der
Völker nicht mehr das ist, was es war und jede Art Dogma und Doktrin der Kritik
ausgesetzt ist. Ebenso fallen viele alte Formen des wissenschaftlichen Denkens
auseinander und die Grundmauern der alten Philosophien scheinen ins Wanken geraten.
Unser Schicksal hat uns in eine der schwierigsten Perioden der Weltgeschichte gestellt, in
eine Epoche des Zusammenbruchs von Nationen, der Zertrümmerung alter Beziehungen
und Bindungen
und der offensichtlich bevorstehenden Auflösung [72] der Zivilisation. Wir müssen uns
jetzt durch die Erkenntnis ermutigen, dass das alles nur deshalb geschieht, weil das
Leben innerhalb dieser Formen so stark wird, dass es sie als Kerker und Begrenzung
empfindet; und wir müssen uns ins Gedächtnis rufen, dass diese Übergangsperiode die
Zeit der grössten Verheissung ist, welche die Welt je gesehen hat. Darum gibt es keinen
Anlass für Pessimismus und Verzagtheit, sondern nur für weitreichendsten Optimismus.
Viele sind heute verstört und beunruhigt, weil die Fundamente zu wanken scheinen und
die sorgfältig gehüteten, zärtlich geliebten Gebäude des religiösen Denkens und Glaubens
und der philosophischen Erkenntnisse einzustürzen drohen. Aber unsere Ängste kommen
nur daher, weil wir zu sehr von der Form eingenommen sind und zu sehr mit unserem
«Kerker» beschäftigt waren; und wenn der Zerfall jetzt einsetzt, dann nur, damit das
Leben sich selbst neue Formen errichten und sich dadurch entwickeln kann. Das Werk
des Zerstörers ist ebenso das Werk Gottes wie das des Erbauers; und der grosse
Zerstörergott muss die Formen zuerst zerschmettern und niederreissen, damit das Werk
des Erbauers möglich wird und der Geist sich angemessener zum Ausdruck bringen
kann.
Vielen [73] von Ihnen mögen diese Ideen neuartig, phantastisch und unhaltbar
erscheinen. Doch selbst wenn sie nur Hypothesen sind, werden sie sich als interessant
genug erweisen und uns einen möglichen Schlüssel zum Mysterium in die Hand geben.
Wir sehen, wie Zivilisationen sich auflösen, wie die religiösen Gebäude brüchig werden,
wir sehen, wie Philosophien erfolgreich angegriffen und die Fundamente der
materialistischen Wissenschaft erschüttert werden. Doch, genau besehen, was sind
Zivilisationen? Was sind die Religionen? Was sind die grossen Rassen? Einfach Formen,
vermittels derer das grosse, dreifältige zentrale Leben, das unseren Planeten beseelt, sich
auszudrücken sucht. Ebenso, wie wir uns durch das Mittel einer physischen, emotionalen
und mentalen Natur ausdrücken, drückt er sich durch die Totalität der Naturreiche aus
und durch die Völker, Rassen, Religionen, Wissenschaften und Philosophien, die zurzeit
bestehen. Während sein Leben durch jede Region seines Seins pulsiert, folgen wir als
Zellen und Atome innerhalb dieser grösseren Manifestation jedem Übergang und werden
von einer Stufe zur nächsten mitgerissen. Während die Zeit fortschreitet und unser
Bewusstsein sich ausdehnt, werden wir immer mehr in ein Wissen um seinen Plan, wie er
ihn zur Auswirkung bringt, hineinwachsen und schliesslich werden wir imstande sein,
gemäss seiner essentiellen Absicht mit ihm zusammenzuarbeiten.
Um [74] den zentralen Gedanken dieses Vortrags zusammenzufassen: Wir wollen
versuchen uns darüber klar zu werden, dass es so etwas wie anorganische Materie gar
nicht gibt, sondern dass jedes Atom ein Lebewesen ist. Wir wollen erkennen, dass alle
Formen lebende Formen sind und dass jede nur der Ausdrucksträger irgendeiner
innewohnenden Wesenheit ist. Wir wollen versuchen zu verstehen. dass dies
gleicherweise auf die Aggregate aller Formen zutrifft. Damit haben wir den Schlüssel zu
uns selbst und vielleicht den Schlüssel zum Mysterium des Sonnensystems.
VIERTER VORTRAG
DIE EVOLUTION DES MENSCHEN, DES DENKERS
Das ist [77] der vierte einer Reihe von Vorträgen während des vergangenen Monats,
durch die es vielleicht gelungen ist, uns eine Vorstellung über eines der fundamentalsten
Prinzipien zu vermitteln, die der Evolution zugrundeliegen und deren Auswirkung im
Sonnensystem erkennbar ist.
Lassen Sie uns zunächst kurz rekapitulieren, damit wir uns dem heutigen Gegenstand
mit bestimmten, klar formulierten Ideen annähern können. Wir erkannten, dass unsere
Interpretation der Naturabläufe ein dreifaches Konzept nötig macht, das sich mit dem
Lebensaspekt, mit dem Substanzaspekt und mit deren enger Wechselbeziehung durch die
Fähigkeit der Intelligenz beschäftigt, die sich als Bewusstsein der einen oder anderen Art
manifestiert. Diese Wechselbeziehung wird am Ende (durch das Mittel Materie) den
vollendeten Ausdruck der bewussten Absicht einer innewohnenden Entität
hervorbringen. Ich möchte die Tatsache hervorheben, dass ich mir zum Ziel gesetzt habe,
Ihnen eine Hypothese und eine Anregung zu unterbreiten, die in sich den Keim einer
möglichen Wahrheit enthalten, die einigen von uns als der verständlichste Weg erscheint,
das Geheimnis des Universums zu erklären
Wir sahen [78] die drei Teile des einen grossen Ganzen, nämlich Geist oder Leben, das
sich durch einen zweiten Faktor manifestiert, den wir Substanz oder Materie nennen und
das einen dritten Faktor benützt, der von uns Intelligenz genannt wird. In der graduellen
Synthese dieser drei die Gottheit ausmachenden Aspekte kann die Evolution des
Bewusstseins erkannt werden.
Wir kamen dann zu einer mehr technischen Diskussion des Gegenstands Substanz selbst,
beschäftigten uns jedoch nicht mit den differenzierten Substanzen oder Elementen, dafür
aber mit dem Gedanken einer anfänglichen oder Ur-Substanz und versuchten soweit wie
möglich zu dem vorzustossen, was von Sir William Crookes als «Protyle» bezeichnet wird
oder zu dem, was hinter dem Berührbaren oder Objektiven liegt. Bei Betrachtung des
Atoms ergab sich, dass dessen neueste Definition besagt, es sei in Wirklichkeit eine Kraft
oder Energieeinheit, bestehend aus einer positiven elektrischen Ladung, die eine Anzahl
negativer Teilchen mit Energie versorgt. Es wurde uns klar, dass das winzige Atom des
Chemikers und Physikers in sich selbst ein Sonnensystem ist, mit der gleichen generellen
Anordnung wie das grössere System, das eine ähnliche Aktivität aufweist und von
analogen Gesetzen geleitet wird. Wir sahen, dass in ihm eine zentrale Sonne ist und dass
um diese zentrale Sonne die Elektronen erblickt werden können, wie sie ihre
vorgeschriebenen Runden ziehen. Wir haben auch die Tatsache festgestellt, dass die
Elemente nur hinsichtlich Zahl und Anordnung ihrer Elektronen um die zentrale positive
Ladung [79] voneinander abweichen. Von da gingen wir über zur Betrachtung der Seele
oder Psyche des Atoms und hörten, dass Wissenschaftler die Wahrheit anerkennen, dass
Atome selbst Qualität besitzen, Denk oder Intelligenzsymptome aufweisen und
unterscheiden, aussondern und auswählen können.
Wir haben dann etwas ausgesponnen, was wie ein Märchen klingt. Wir schilderten den
Menschen als ein Atom und spürten seiner Ähnlichkeit mit einem Atom nach; dabei ergab
sich, dass er durch seine Anziehungskraft die Materie seiner verschiedenen Körper, des
mentalen, emotionalen und physischen, in genau der gleichen Weise in seiner
Einflusssphäre hält, wie die Elektronen um ihren zentralen Mittelpunkt in Umlauf
gehalten werden. Diese Idee liess sich noch erweitern, und wir wandten unsere
Aufmerksamkeit dem Planeten zu, den wir seiner Natur nach als dem menschlichen Atom
ähnlich schilderten, und auch dem letzten Atom der Substanz, das nichts ist als die
Lebensäusserung eines sich in sphäroidischer Form manifestierenden Lebewesens, das
einen intelligenten Zweck auswirkt. Dann erreichten wir den Höhepunkt unserer
Überlegungen mit der Betrachtung des Sonnensystems als eines kosmischen Atoms,
beseelt durch das Leben des Logos.
Damit haben wir vier Arten von Atomen in unsere Betrachtung einbezogen:
Erstens, das Atom des Chemikers und Physikers.
Zweitens, das menschliche Atom oder den Menschen.
Drittens, [80] das planetarische Atom, beseelt durch einen planetarischen Logos oder
den Himmlischen Menschen.
Viertens, das solare Atom, dem der Sonnenlogos oder die Gottheit innewohnt.
Wenn wir mit unserem Grundkonzept recht haben, wenn unsere Hypothese ein Körnchen
Realität enthält und wenn es in unserer Idee vom Atom, aus dem die Elemente gebaut
sind, eine Wahrheitsgrundlage gibt, dann muss das Atom als ein Leben anerkannt
werden, das auf intelligente Weise durch das Mittel einer Form wirkt. Dann kann
vielleicht auch bewiesen werden, dass der Mensch in gleicher Weise ein Leben oder
Energiezentrum ist, das sich durch seine Körper manifestiert und es kann
möglicherweise demonstriert werden, dass ein Planet ebenfalls das Ausdrucksmittel für
ein noch grösseres Energiezentrum ist, und dass weiter, nach dem Gesetz der Analogie,
vielleicht in ferner Zeit bewiesen werden kann, dass es hinter der materiellen Natur einen
Gott oder ein zentrales Leben und eine Entität gibt, die bewusst durch das Sonnensystem
wirksam ist.
In unserem letzten Vortrag griffen wir noch eine weitere Manifestationsphase auf. Wir
studierten das Atom selbst und überlegten, wie es in Beziehung zu anderen Atomen tritt
und durch deren wechselseitige Kohärenz Gruppen oder Anhäufungen von Atomen
bildet. Mit anderen Worten, wir gingen dem Atom nach, wie es in die verschiedenen
Formen innerhalb der einzelnen Naturreiche eingebaut wird und fanden, dass im
Evolutionsprozess die Atome selbst zu anderen und grösseren Zentralpunkten
hingezogen und ihrerseits zu Elektronen werden. Jede Form ist somit nur ein Aggregat
kleinerer Leben.
Sehr [81] kurz berührten wir dann die verschiedenen Naturreiche und verfolgten die
Entwicklung der Seele oder Psyche in ihnen allen. Dem Atom hatten wir bereits
Intelligenz oder Unterscheidungsvermögen zugesprochen und fanden, dass beim
Formenaufbau im Mineral, Pflanzen und Tierreich das aufzuscheinen beginnt, was wir
unter Empfindungsvermögen verstehen, und damit erkannten wir die Rudimente von
Emotion oder Gefühl in embryonalem Zustand - die Widerspiegelung der Liebe auf der
physischen Ebene. Hiermit haben wir den einen Aspekt der dreifachen Natur Gottes, der
Intelligenz, die sich durch das Atom demonstriert; und vermittels der Form sehen wir die
Liebe oder Qualität der Anziehung sich manifestieren. Dasselbe kann in der Erkenntnis
ausgedrückt werden, dass in diesen beiden Aspekten des zentralen göttlichen Lebens die
dritte Person der logoischen Trinität mit der zweiten zusammenwirkt; nämlich, dass die
intelligente Aktivität der Gottheit, oder der «Heilige-Geist-Aspekt» in Verbindung mit
dem zweiten, oder «dem Sohn» wirkt, welcher der Erbauer der Formen ist. Dies ist in
sehr interessanter Weise in den Sprüchen Salomonis VIII ausgedrückt, wo die Weisheit
laut ausruft (Weisheit repräsentiert im Alten Testament den Christus-Aspekt) und
erklärt, er (der Sohn) sei bei Gott gewesen, noch ehe die Schöpfung war, und dann
fortfährt, «als Er die Grundfesten der Erde bestimmte, war Ich bei [82] Ihm als Sein
Werkmeister oder Erbauer». Für Studierende wäre es nützlich, dieses Kapitel einmal in
Verbindung mit den hier formulierten Gedanken zu lesen, wobei zu raten ist, auf
möglichst genaue Übersetzung zu achten.
Wir kommen nun zu unserem heutigen Thema, zur Evolution des Menschen, des Denkers.
Es wird sich erweisen, dass im Menschen ein weiterer Aspekt der Göttlichkeit hinzutritt.
Robert Browning greift im «Paracelsus» auf, was wir eben erwogen haben und fasst es
in den fesselnden Worten zusammen:
»So wohnt er (Gott) in Allem. Vom ersten,
leisesten Beginn des Lebens
bis hin zum Menschen, als
der Vorerfüllung seines Plans,
ergänzend diese Lebenssphäre:
Denn über alle Welt hin waren
verstreut noch alle Elemente drum baten sie, unfertige Fragmente,
doch einmal Eins zu sein,
verwebt zu werden einem wunderhaften Ganzen.
Und Ahnung war in ihnen, dass einmal
doch eine Kreatur sein könnte,
die endlich jenen Zielpunkt würde schaffen,
wo all die heimatlosen Strahlen
sich würden treffen können um aufzugeh'n im hohen Rang des Menschen.»
Nachdem wir also zwei Aspekte des Göttlichen im Atom und in der Form entdeckt haben,
werden wir die Dreiheit im Menschen vervollständigt finden. Es heisst, der Mensch sei
nach dem Bilde Gottes gemacht und deshalb können wir auch erwarten, dass er [83]
diese dreifache Natur des Logos widerspiegelt. Er muss Intelligenz demonstrieren, Liebe
erkennen lassen und Willen bekunden. Sehen wir uns einige der Definitionen des
«Menschen» aus dem Lexikon und ähnlichen Quellen an. Im «Standard Dictionary»
findet sich eine höchst belanglose, sie lautet: «Der Mensch ist ein Individuum der
menschlichen Rasse» und darauf folgt eine lange Liste von Ableitungen des Wortes
«Mensch» durch alle bekannten Sprachen hindurch, die mit der Feststellung schliesst,
viele dieser Ableitungen seien unglaubwürdig. Meiner Auffassung nach ist am
befriedigendsten die aus der Wurzel des Sanskritwortes «man» hergeleitete: «Der Eine,
der denkt». Annie Besant gibt in einem ihrer Bücher folgende ausserordentlich klare
Definition: «Der Mensch ist das Wesen, in welchem die höchste Geistigkeit und die
niederste Materie durch Intelligenz verbunden sind.» Hier wird der Mensch als
Treffpunkt aller drei Evolutionslinien, Geist, Materie und verbindender Intellekt,
geschildert; er wird als derjenige dargestellt, der das Selbst, das Nicht-Selbst und die
Verbindung zwischen Beiden vereint und wird gesehen als der Wissende, das Gewusste
und das Wissen selbst. Was ist der Zweck des Intellekts und des Wissens? Bestimmt dient
er zur Anpassung der materiellen Form an die Notwendigkeiten und Bedürfnisse des
innewohnenden Geistes; mit Sicherheit soll er den Denker im Körper befähigen, diesen
intelligent und zu einem bestimmten Zweck zu benutzen; und sicherlich ist er deshalb
existent, damit die zentrale, energiespendende Einheit ihren negativen [84] Aspekt
konstruktiv steuern kann.
Wir alle sind Entitäten, die eine Form beseelen und versuchen, mittels der Intelligenz
diese Form in einer bestimmten Absicht zu benützen, die im bewussten Willen des wahren
Selbst vorhanden ist.
In einem sehr alten okkulten Buch - so alt, dass das Ursprungsdatum gar nicht mehr
ermittelt werden kann - ist eine Definition des Menschen zu finden, die sehr einleuchtend
ist und ganz auf der Linie des Gedankengangs, den wir zu entwickeln suchen. Der
Mensch wird dort definiert als «Das Leben und die Leben». Wir wissen, dass das Atom
ein Leben ist, das sich mittels der kleinen Sphäre offenbart, deren Mittelpunkt es ist. Wir
haben gesehen, dass alle Formen ein Aggregat von in das Mineralreich, Pflanzenreich
und Tierreich eingebauten Leben sind. Wir können nun auf die nächste Stufe dieser
grossen Evolutionsleiter weitergehen und werden finden, dass das menschliche Leben die
logische Folge ist, die aus allen früheren Entwicklungen erwächst. Zuerst der Urstoff,
essentiell intelligente Energie; als nächstes atomare Materie, die in all ihren
unterschiedlichen Aktivitäten die Ur-Kombination schafft; dann die Form, das Aggregat
dieser Atome, bis hinauf zum Bewohner innerhalb der Form, der nicht nur aktive
Intelligenz, nicht nur inhärente Anziehung und Liebe ist, sondern auch absichtsvoller
Wille. Dieser «Bewohner im Inneren» ergriff Besitz von seiner Form, als diese ein
bestimmtes Stadium des Vorbereitetseins und welche diese Form ausmachenden Leben
[85] eine bestimmte Vibrationsfähigkeit erreicht hatten; jetzt benützt er sie und
wiederholt innerhalb seiner eigenen Einflusssphäre die Arbeit des Materieatoms; er
demonstriert sich dennoch nicht auf eine oder auf zwei, sondern auf drei Arten. Im
Menschen haben Sie daher in der Tat und in Wahrheit das, was der Christ als «das
Ebenbild Gottes» bezeichnen würde. Es müsste eigentlich allen Denkenden einleuchten,
dass die einzige Art, Gott zu erkennen, durch das Studium seiner wesenhaften Natur oder
psychischen Qualität möglich ist. Wir wissen, dass Gott Intelligenz ist, wir wissen, dass
er Liebe ist oder die grosse anziehende Kraft des Sonnensystems, und wir wissen, dass er
der grosse Wille oder die Absicht hinter aller Manifestation ist. In allen Schriften der
Welt wird die Gottheit stets unter diesen drei Aspekten geschildert und in der dreifachen
Weise, wie sie durch die Natur offenbar wird.
Die Evolution der Substanz ist eine Angelegenheit des stufenweisen Wachstums; sie wird
im Lauf der Zeit ergänzt durch allmähliches Herausarbeiten der inneren, subjektiven
Qualität des Lebens Gottes, wodurch Sein essentielles Wesen erkennbar wird. Zuerst
erscheint der eine Aspekt, dann scheint langsam ein weiterer auf bis schliesslich der
dritte zu erkennen ist und wir damit die erstaunliche Kombination und Vollendung der
Substanz vor uns haben, den Menschen. Dieser verbindet die drei Aspekte und bringt sie
zu einer Synthese, indem [86] er sie in sich selber vereint. Er ist die Totalität der
göttlichen Attribute, auch wenn sie zunächst noch weitgehend embryonal sind, und muss
in seinem Evolutionszyklus genau die gleichen Prozesse wiederholen, die das Atom selbst
durchzumachen hatte. Wie dieses seine eigene innere Laufbahn verfolgt und wie es
später mit anderen Atomen zusammen in die Formation einer Gruppe hineingezogen,
mit ihr verbunden und verschmolzen werden muss, so hat auch das Menschenatom
seinen Platz innerhalb einer grösseren Form zu finden.
Lassen Sie uns deshalb kurz durchdenken, worin die Methode des evolutiven Prozesses
für einen Menschen besteht. Wir haben gesehen, wie in ihm die drei Linien konvergieren,
er also ein Punkt der Synthese ist, mit einem vorläufig noch vorherrschenden Aspekt,
nämlich dem der Intelligenz, mit einem zweiten Aspekt der Liebe-Weisheit, der gerade
dabei ist, seine Gegenwart bemerkbar zu machen und mit dem höchsten, dem geistigen
Willen, der bis jetzt noch rein embryonal ist.
Wir sind sicher fast alle in dem Glauben an «den Fall des Menschen» erzogen, wie die
Beschreibung lautet. Es gibt heute nur noch wenige, die an die Geschichte des «Falles» in
der Form glauben, wie sie im 1. Kapitel der Genesis erzählt wird und die meisten von uns
billigen ihr eine allegorische Deutung zu. Aber was ist die okkulte Wahrheit, welche
dieser merkwürdigen Geschichte zugrundeliegt? Dass einfach die Wahrheit über den
Sturz des Geistes in die Materie der kindhaften Denkweise des Menschen vermittels eines
Bildes mitgeteilt wurde. Der Vorgang des Konvergierens dieser Linien ist ein zweifacher.
Einmal der Abstieg der Entität, des zentralen Lebens in die Materie, die Inkarnation des
Geistes, und dann später das sich wieder nach oben, aus der Materie Herausbegeben des
Lebens oder Geistfunkens, plus all dem, was durch [87] die Verwendung der Form
dazugewonnen wurde. Durch Experimentieren mit Materie, durch das Bewohnen einer
Form, durch Beseelen der Substanz, durch das Verlassen des Gartens Eden (des Ortes,
wo es keinen Spielraum für notwendige Entwicklung gibt), durch die Wanderung des
«verlorenen Sohnes» ins ferne Land, werden die verschiedenen Stadien in der
christlichen Bibel geschildert, in denen der Mensch die Entdeckung macht, dass er nicht
die Form ist, sondern derjenige, der sie benützt. Er ist Intelligenz und deshalb ist er nach
dem Abbild der Dritten Person der Trinität gemacht; er ist Liebe und durch ihn wird sich
der Liebe-Aspekt der Gottheit eines Tages vollkommen manifestieren, und dann wird er,
als Antwort auf die Frage, «Herr, zeige uns den Vater», mit seinem älteren Bruder, dem
Christus, sagen können: «Der Mich gesehen hat, hat den Vater gesehen», denn Gott ist
Liebe; und schliesslich wird durch ihn der höchste Aspekt, der Wille Gottes sich
manifestieren und er wird vollkommen sein, wie sein Vater im Himmel vollkommen ist.
Ebenso, wie in der Evolution der Substanz drei Stadien erkannt werden konnten - das
der atomaren Energie, der Gruppenkohärenz und schliesslich der Synthese - wird sich in
der Evolution des Menschen das gleiche erkennen lassen. In den frühen Stadien der
menschlichen Evolution, die man das Atom-Stadium nennen könnte, kommt der Mensch
allmählich zur Erkenntnis, dass er eine seiner selbst bewusste Einheit mit einer ihm allein
eigenen Individualität ist. Wer Kinder grossgezogen hat, kennt [88] dieses Stadium
genau. Man kann es in dem ständigen «mein, mein, mein» sehen, der Stufe des
Aneignens für sich selbst ohne irgend einen Gedanken an ein anderes Selbst. Kinder sind
ganz natürlich, mit Vorbedacht und sehr weise selbstsüchtig. Es ist die Periode des
allmählichen Erkennens eines gesonderten Daseins und des immer stärkeren Gebrauchs
der eigenen, inneren atomaren Kraft durch das menschliche Atom. Der kindliche Mensch
lehnt sich gegen die Bevormundung seitens der ihn beschützen Wollenden auf und hält
sich selbst für hinreichend tauglich. Das kann im Individuum ebenso beobachtet werden
wie in der Rasse.
Dann, wenn das Leben weitergeht, nach Durchlaufen des Atom-Stadiums, geht der
Mensch zu einem höheren und besseren weiter sobald er seine Gruppenbeziehungen
erkennt; wenn er erkennt, dass er Gruppenverantwortlichkeiten, das heisst, gemeinsam
mit anderen, gesonderten Atomen, Aufgaben zu erfüllen hat. Das Gruppenbewusstsein
beginnt sich bemerkbar zu machen. So findet das menschliche Atom seinen Platz
innerhalb der Gruppe, jener grösseren Einheit, zu der es gehört, und der Liebe-Aspekt
beginnt sich zu zeigen. Der Mensch ist vom Atom-Stadium in das der Gruppenkohärenz
übergegangen.
Auf einer späteren Stufe wird ihm dann klar, dass er nicht nur Verpflichtungen
gegenüber der Gruppe hat, sondern dass es da noch [89] etwas Grösseres geben muss. Er
erkennt, Teil eines grossen universalen Lebens zu sein, das allen Gruppen zugrundeliegt,
und nicht nur ein universelles Atom und nicht nur Teil einer Gruppe; sondern dass,
nachdem er seine Identität mit der Gruppe verschmolzen hat - obwohl er sie nie verliert die Gruppe ihrerseits mit dem Bewusstsein jener grossen Identität verschmolzen werden
muss, welche die Synthese Aller ist. So erreicht er die Endstufe intelligenten
Verständnisses für die göttliche Einheit.
Diese grosse dreifältige Idee findet sich in der Bibel in einem ausserordentlich
bedeutsamen Satz zusammengefasst. Jehova sagt zu Moses, der repräsentativ für den
Menschen steht: «Ich bin, das Ich bin.» Zerlegen wir diesen Satz in seine drei Teile, dann
steht vor uns das, was ich heute herauszuarbeiten versuchte: Zuerst das AtomBewusstsein - ICH BIN; dann die Gruppe - ICH BIN DAS, nämlich das Bewusstsein, nicht
nur ein gesondertes Individuum, nicht nur eine selbstzentrierte Einheit, nicht nur eine
ihrer selbst bewusste Entität, sondern etwas noch viel Grösseres zu sein. Jetzt erreicht
der Mensch die Erkenntnis, die ihn dazu führt, seine Identität im Dienst der Gruppe zu
opfern und sein Bewusstsein in dem der Gruppe aufgehen zu lassen. Von einer solchen
bewussten Vereinigung wissen wir praktisch noch nichts. Hierauf folgt die noch höhere
Stufe, wenn ICH BIN, DAS ICH BIN für uns kein unmögliches Ideal oder kein visionäres
Konzept mehr ist, sondern eine fundamentale Wirklichkeit, wenn der Mensch im
Aggregat sich selbst als Ausdruck des universalen Lebens erkennt und wenn selbst das
Gruppenbewusstsein im Aggregat aller Gruppen aufgegangen sein wird.
Wir nehmen [90] an und hoffen, das Atom-Stadium rasch hinter uns gebracht zu haben,
und dass unsere Einfluss und Interessensphäre nicht mehr durch unsere atomare Mauer
begrenzt wird, sondern (um einen vertrauten Begriff zu gebrauchen), dass wir
«radioaktiv» (strahlungsaktiv) werden. Wenn das der Fall ist, werden wir nicht mehr
durch unsere eigene Hülle und den engen Horizont unseres eigenen individuellen Lebens
begrenzt und eingeengt sein, sondern wir werden beginnen zu strahlen und mit anderen
Atomen in Kontakt zu kommen und erreichen damit das zweite Stadium das der
Anziehung.
Was also ist das Ziel für jeden von uns? Was ist das Ziel für diese verschiedenen Atome,
mit denen wir uns hier beschäftigen? In alten östlichen Schriften wird uns gesagt, das
Ziel für das Substanzatom sei Selbst-Bewusstsein. Was ist dann das Ziel für das
menschliche Atom, das ja schon selbstbewusst, schon individualisiert ist und vom eigenen
Willen geleitet wird? Was hat der Mensch zu erwarten? Einfach die Ausdehnung seines
Bewusstseins, bis es das Bewusstsein des grossen Lebens oder jener Wesenheit, in deren
Körper er selbst eine Zelle ist, einschliesst. Unser physischer Körper besteht zum Beispiel
aus zahllosen geringeren Lebewesen oder Atomen, von denen jedes von seinem Nachbarn
getrennt und durch seine eigene innere Aktivität unterschieden ist, und von denen jedes
einzelne wiederum eine Sphäre bildet, die andere, geringere Sphären oder Elektronen
innerhalb seiner Peripherie hält.
Wir haben [91] gesehen, dass der Mensch die positive Ladung ist, welche die Vielheit
seiner Atome oder geringeren, beseelten, in kohärenten Formen verbundenen Leben
zusammenhält. Im Tode, wenn der Geistaspekt sich zurückzieht, zerfällt die Form, wird
aufgelöst, und diese kleinen bewussten Leben, die ihre Funktion erfüllt haben, zerstreuen
sich. Das Bewusstsein des Atoms in seinem Körper ist für den Menschen etwas völlig
anderes als sein eigenes Bewusstsein, was wir schon mit geringem Denkaufwand
erkennen können. Wenn wir unterstellen, dass der Mensch eine Zelle in einer grösseren
Sphäre ist, könnte es da nicht möglich sein, dass es ein Bewusstsein gibt, das für den
Menschen dasselbe bedeutet, was sein Bewusstsein für die Zelle in seinem Körper ist?
Könnte es nicht sein, dass wir die Vervollkommnung des Bewusstseins im selben Sinne zu
erwarten hätten, wie das Atom der Substanz eines Tages das Bewusstsein eines
Menschen erreichen wird? Könnte es nicht sein, dass es das war, was Browning im Sinn
hatte, als er schrieb: «Menschheit, bestehend aus all den einzelnen Menschen; in solcher
Synthese endet die Geschichte.» Hier hält er uns das Konzept eines grösseren Menschen
vor Augen, der die Synthese oder Gesamtsumme aller geringeren Einheiten ist. Vielleicht
könnte Synthese das grosse Leben, die planetarische Wesenheit sein, die der Hintergrund
unserer planetarischen Manifestation ist und gleichzeitig die Gesamtsumme des [92]
Gruppenbewusstseins. Ich möchte meinen, dass ebenso, wie Selbst-Bewusstheit Zweck
und Ziel aller untermenschlichen Lebensformen ist und wie Gruppenbewusstsein, oder
das Bewusstsein des Himmlischen Menschen, das Ziel für die Menschen ist, dass auch vor
jenem ein Ziel stehen mag, das für ihn das Erreichen des Gottbewusstseins sein kann. So
stünde ihm das Bemühen bevor, die Erkenntnis zu entwickeln, die dem Sonnenlogos eigen
ist.
Es lässt sich auf diese Weise die Einheit des Bewusstseins vom winzigsten Atom bis zur
Gottheit selbst nachvollziehen. Und so öffnet sich vor uns ein wundervolles Bild und ein
Ausblick voller Möglichkeiten. So kann das Leben Gottes in seiner essentiellen dreifachen
Manifestation gesehen werden, wie es sich in einem ewig sich ausdehnenden Bewusstsein
auswirkt; wie es sich im Substanzatom demonstriert, durch das Mittel der Form
erweitert, bis es einen Kulminationspunkt im Menschen findet und dann auf seiner Bahn
weitergeht, bis es sich als das planetarische Bewusstsein, die Gesamtsumme aller
Bewusstseinszustände auf unserem Planeten Erde offenbart, bis wir schliesslich bei dem
fundamentalen Ur-Leben angelangt sind, welches alle planetarischen Evolutionen in der
Synthese seiner umfassenderen Sphäre hält, dem Sonnensystem. In der Zusammenschau
können wir demnach vier Zustände intelligenter Aktivität unterscheiden, die wir als
Bewusstsein, Selbst-Bewusstsein, Gruppen-Bewusstsein und Gott-Bewusstsein
bezeichnen können. Diese Bewusstseinszustände geben sich durch vier Atomtypen kund:
Erstens, das chemische Atom und sämtliche atomaren Formen; zweitens, das
menschliche Atom; dann das planetarische Atom [93] und schliesslich das allumfassende
solare Atom. Als der beseelende Faktor dieser atomaren Formen erweisen sich alle
untermenschlichen Arten des Lebens, vom Leben des Substanzatoms bis zum beseelenden
Leben der höheren Tiere und bis zu jenem Leben, das wir das menschliche nennen, den
Menschen, den Denker; als nächstes zum Himmlischen Menschen und endlich zu dem
grossen Leben des Sonnensystems, das die Christen Gott nennen oder den Logos.
Browning drückt diesen Gedanken der stufenweisen Erweiterung des Bewusstseins eines
Menschen in etwas Grösseres und Gewaltigeres mit folgenden Worten aus:
«Wenn alle Kreatur einst makellos wird sein
als wie der Mensch es ist: zum Menschen ausgerichtet
und durch ihn erwirkt - hat alles erst einmal ein Ende.
Doch im vollkomm'nen Menschen wächst erneut
ein Streben hin zu Gott. Die Seher wussten's längst:
Der Mensch ist auf dem Weg.
Schon keimt in seinem Selbst erhabnes Vorgefühl,
voll von Symbolen, Bildern noch verhang'nen Glanzes,
Visionen, eh noch in jenen ew'gen Kreislauf alles mündet.
Schon fangen Menschen an zu überschreiten
die Grenzen der Natur. Sie finden neues Hoffen und Verlangen, das mächtig überwächst
der eig'nen Wünsche Kümmernis' und Freude.
Sie wuchsen allzu hoch für enge Glaubenszwänge
von recht und falsch, denn die verblassen
vor dem unendlichen Verlangen, einmal ganz
das Gute zu umfassen: und wissen schon,
dass unterdes in ihnen keimt und wächst der Friede.
Schon wandeln solche [94] Menschen auf der Erde,
mit heit'rer Stirn, inmitten halbgeformter Kreaturen,
die doch gerettet werden sollen,
gerettet werden und vereint mit ihnen.
FÜNFTER VORTRAG
DIE EVOLUTION DES BEWUSSTSEINS
In [97] der letzten Woche studierten wir, wenn auch nur flüchtig, die Evolution des
Menschen, des Denkers, des Bewohners der Körper, also desjenigen, der sie während des
Evolutionszyklus benutzt. Wir sahen, dass er die Summierung aller Evolutionen ist, die
ihm vorausgingen. Die beiden früheren Vorträge führten uns an das Studium dieses
Evolutionsstadiums heran, indem wir zuerst die Substanz oder atomare Materie vor
deren Einbau in eine Form betrachtet haben, also das winzige Atom, bevor es in einen
irgendwie gearteten Träger eingekörpert war. Dann studierten wir die Bildung der
Formen mittels des grossen Gesetzes der Anziehung, welche die Atome um sich
versammelt und sie veranlasst, zusammenzuhalten und im Einklang miteinander zu
schwingen, wodurch dann eine Form oder Anhäufung von Atomen zustandekommt. Wir
kamen zu der Erkenntnis, dass wir in der atomaren Substanz einen Aspekt der Gottheit
oder Göttlichkeit und der zentralen Kraft oder Energie des Sonnensystems vor uns
haben, das sich unter dem Aspekt der Intelligenz manifestiert, und wir sahen, dass sich
im Formaspekt der Natur eine weitere Qualität der Gottheit offenbart, die der Liebe oder
Anziehung, jener Bindekraft, welche die Form zusammenhält. Dann studierten wir den
Menschen und stellten fest, wie in ihm alle drei göttlichen Aspekte zusammentreffen und
mussten den Menschen als den zentralen Willen erkennen, der sich durch eine aus
Atomen zusammengesetzte Form darstellt und die drei göttlichen Qualitäten, Intelligenz,
Liebe-Weisheit und Wille oder Kraft demonstriert.
Heute verlassen [98] wir den Materieaspekt der Manifestation, mit dem wir es in den
anderen Vorträgen zu tun hatten und gehen zur Betrachtung des Bewusstseins in der
Form über. Wir haben gesehen, dass das Atom dabei als das zentrale Leben angesehen
werden kann, das sich durch eine sphäroide Form manifestiert und eine Art Denkqualität
zeigt; aber das menschliche Atom kann ebenfalls als ein zentrales, positives Leben
betrachtet werden, das eine Form benutzt und die verschiedenen, von uns aufgezählten
Eigenschaften demonstriert; und dann sagten wir, wenn unsere Hypothese über das
Atom stimmt und wenn es richtig ist, den Menschen als ein Atom anzusehen, dann
könnten wir diese Grundvoraussetzung auch auf den Planeten ausdehnen und
behaupten, im Inneren des planetarischen Atoms gibt es ein sich durch eine Form
manifestierendes grosses Leben, das besondere Qualitäten aufweist und ein spezifisches
Ziel ausarbeitet; dann wandten wir das gleiche Konzept noch auf die grössere Sphäre des
Sonnensystems und die ihm innewohnende Gottheit an.
Lassen Sie uns jetzt die Frage nach dem Bewusstsein selbst aufgreifen, das Problem
etwas genauer studieren und uns mit der Reaktion [99] des Lebens innerhalb der Form
beschäftigen. Wenn es mir dadurch gelingt, einige Grundgedanken zu übermitteln, die
mit dem vorher Gesagten zu vereinbaren sind, werde ich dem Gebäude, das ich
aufzubauen versuche, einen weiteren Stein einfügen können.
as englische Wort «consciousness» (Bewusstsein) stammt aus zwei lateinischen Wörtern,
nämlich «con», mit und «scire», wissen und wörtlich bedeutet das «das, womit wir
wissen». Im Lexikon findet sich folgende Erklärung für Bewusstsein: «Der Zustand des
Gewahrseins» oder die Bedingung für Wahrnehmung, die Fähigkeit auf Stimuli zu
reagieren, die Gabe, Kontakte zu erkennen und die Kraft, Schwingung zu
synchronisieren. Jeder dieser Begriffe könnte für alle Definitionen des Bewusstseins
gelten, aber die eine, die ich heute betonen möchte, ist diejenige aus dem «Standard
Dictionary», die ich schon früher zitiert habe. Der durchschnittliche Denker, der die
meisten Textbücher in die Hand nimmt, die sich mit diesem Gegenstand befassen, wird
sie wahrscheinlich sehr verwirrend finden, denn sie unterteilen Bewusstsein und
Gewahrseinszustand in zahlreiche Unterabteilungen, bis die Verwirrung vollkommen ist.
Wir wollen heute nur drei Bewusstseinsarten behandeln, die wie folgt aufgezählt werden
könnten: Absolutes Bewusstsein, universales Bewusstsein und individuelles Bewusstsein;
und von diesen dreien lassen sich in Wirklichkeit nur zwei einigermassen klar definieren.
Für absolutes Bewusstsein [100] ist einem normalen Denker praktisch keinerlei
Erkennen möglich. In einem Buch wurde es einmal beschrieben als «Das Bewusstsein,
welches alles enthält, sowohl das Mögliche als auch das Tatsächliche», und es betrifft
alles, was möglicherweise als etwas bereits Geschehenes erkannt werden kann, als auch
etwas, das gerade geschieht oder geschehen wird. Möglicherweise ist dies das absolute
Bewusstsein und vom Standpunkt des Menschen gesehen das Bewusstsein Gottes, der in
Sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft enthält. Was ist aber dann universales
Bewusstsein? Es könnte als Raum-Zeitdenkens Bewusstsein definiert werden, das also
die Idee von Ort und Abfolge in sich enthält oder in Wirklichkeit Gruppenbewusstsein,
wobei die Gruppe selbst entweder eine grössere oder kleinere Einheit bildet. Und das
individuelle Bewusstsein kann schliesslich definiert werden als gerade so viel vom
universalen Bewusstsein enthaltend, als eine abgetrennte Einheit für sich selbst
kontaktieren und begreifen kann.
Um nun diese vagen Ausdrücke - absolutes, universales, individuelles Bewusstsein verständlich zu machen, sollte ich versuchen, sie etwas zu veranschaulichen. Etwa so: In
früheren Vorträgen erkannten wir, dass wir das Atom im menschlichen Körper als
Entität, als winziges, intelligentes Leben und eine mikroskopische, aktive Sphäre
verstehen müssen. Nehmen wir diese kleine Zelle als Ausgangspunkt, dann können wir
mit ihrer Hilfe eine gewisse Vorstellung davon bekommen, was diese drei
Bewusstseinsarten sind, wenn wir sie vom Standpunkt des Atoms und des Menschen
[101] her betrachten. Individuelles Bewusstsein wäre für das winzige Atom in eines
Menschen Körper sein eigenes, vibrierendes Leben, seine eigene innere Aktivität und alles
was es spezifisch selbst betrifft. Universales Bewusstsein wäre für die kleine Zelle das
Bewusstsein des gesamten physischen Körpers, weil sie es als die Einheit sieht, in die das
Atom eingekörpert ist. Absolutes Bewusstsein könnte für das Atom das Bewusstsein des
denkenden Menschen sein, der den Körper mit Energie versorgt. Das wäre für das Atom
freilich etwas so unendlich weit von seinem eigenen inneren und internsten Leben
Entferntes, dass es ihm praktisch unerfassbar und unbekannt bliebe; und doch wird die
Form und das Atom in der Form und alles, was diese betrifft, von ihm in die Richtung
seines Willens gerissen. Diese Vorstellung braucht nur auf den Menschen als Atom oder
Zelle im Körper einer grossen Entität erweitert zu werden, dann kann man auf derselben
Gedankenlinie diese Vorstellung eines dreifältigen Bewusstseins ausarbeiten. Es wäre an
dieser Stelle ratsam, wieder herunterzusteigen und uns mit praktischen Dingen zu
befassen, anstatt mit dem absoluten Bewusstsein.
Die westliche Wissenschaft kommt allmählich zur Schlussfolgerung der esoterischen
Philosophie des Ostens, dass Bewusstsein nicht nur dem Tier und dem Menschen
zugestanden, sondern auch erkannt werden muss, dass es sich durch das Pflanzenreich
bis in das Mineralreich erstreckt und dass Selbst-Bewusstsein als die vollzogene
Vollendung des evolutiven Wachstums des Bewusstseins in [102] den drei niederen
Naturreichen zu sehen ist. Es ist nicht möglich, in der mir zur Verfügung stehenden
kurzen Zeit tiefer in das ungeheuer faszinierende Studium der Bewusstseinsentwicklung
im Tier und Pflanzenreich sowie auf sein Aufscheinen im Mineralreich einzugehen. Wir
würden dann nämlich entdecken, dass sogar Mineralien Symptome von Wahrnehmung,
von Reaktion auf Stimuli zeigen; dass sie Zeichen von Ermüdung erkennen lassen, und
dass es möglich ist, ein Mineral zu vergiften und regelrecht zu ermorden, wie man auch
einen Menschen ermorden kann. Die Tatsache, dass Blumen Bewusstsein haben, wird
bereitwilliger aufgenommen, und es gibt äusserst interessante Veröffentlichungen über
die Bewusstheit der Pflanzen, die enorme Gedankenweiten eröffnen. Wir haben gesehen,
was sich über die atomare Materie als Einziges sicher behaupten lässt, ist, dass sie
Intelligenz zeigt, die Kraft zur Auswahl und zur Unterscheidung besitzt. Das ist auch der
vorherrschende Faktor, der sich im Bewusstsein des Mineralreichs manifestiert. Im
Pflanzenreich erscheint eine weitere Qualität, die der Empfindung oder einer
rudimentären Form des Fühlens. Es ist auf andere Weise reaktionsfähig als das
Mineralreich. Im Tierreich tritt dann eine dritte Reaktion in Erscheinung; das Tier zeigt
nicht nur Anzeichen von Empfindung weit stärkeren Grades als sie im Pflanzenreich
aufscheint, sondern hier zeigen sich Anzeichen von Intellekt oder eines embryonalen
Denkvermögens. Instinkt ist eine allgemein anerkannte Fähigkeit aller animalischen
Einheiten und das Wort stammt bezeichnenderweise aus derselben Wurzel wie das
lateinische «instigere» antreiben. Wenn sich in einer Tierform eine Antriebskraft zu
regen beginnt, ist [103] es das Zeichen, dass sich eine Embryo-Mentalität manifestieren
will. In allen Naturreichen sind die verschiedensten Grade und Arten von Bewusstsein
anzutreffen, während sich im Menschen die ersten Symptome von Selbst-Bewusstsein
zeigen oder die Fähigkeit, durch die er gewahr wird, dass er nicht nur eine gesonderte
Identität ist, sondern auch der dem Körper innewohnende Impuls und der eine, der
vermittels dieser Körper Gewahrsein zu entwickeln sucht. Im Osten hat man das längst
gelehrt und «esoterische Philosophie lehrt, dass alles lebt und bewusst ist, aber dass nicht
alles Leben und Bewusstsein dem des Menschen gleicht», und weiter wird die Tatsache
betont, dass «zwischen dem Bewusstsein des Atoms und dem einer Blume, zwischen dem
einer Blume und dem eines Menschen, zwischen dem eines Menschen und dem eines
Gottes enorme Intervalle bestehen.» Wie Browning gesagt hat: «Im Menschen beginnt
ein neues Streben hin zu Gott.» Er ist noch nicht göttlich, sondern seine Göttlichkeit ist
erst im Entstehen, er ist dabei, das Ebenbild Gottes auszuarbeiten und wird es eines
Tages vollkommen hervorbringen. Er ist der einzige, der das subjektive, göttliche,
dreifältige Leben durch das Medium des Objektiven zu demonstrieren sucht.
Die evolutive Entwicklungsmethode des Bewusstseins in einem Menschen ist nichts
anderes als die Wiederholung der beiden Stufen, die wir bei der Evolution des Atoms
feststellten, die der atomaren Energie und der Gruppenkohärenz, auf einer höheren
Windung der Spirale. In der gegenwärtigen Welt ist deutlich zu erkennen, dass sich die
Menschenfamilie auf ihrer atomaren Manifestationsstufe befindet, die zu einem noch
nicht erreichten Ziel führt, dem Gruppenstadium.
Wenn [104] es etwas gibt, das sich uns allen aufdrängt, sofern wir nur irgend an der
Fähigkeit der Wahrnehmung interessiert und gewohnt sind, unsere Umgebung wirklich
wahrzunehmen, dann sind es die verschiedenen Mentalitätsabstufungen und
Bewusstseinstypen der Menschen, die einem überall begegnen. Wir begegnen Leuten, die
aufmerksam und lebhaft alles bemerken, was geschieht, die äusserst bewusst leben, auf
die unterschiedlichsten Gedankenströmungen reagieren und sich aller Arten von
Kontakten bewusst sind. Dann treffen wir wieder andere, die zu schlafen scheinen; da
gibt es kaum etwas, das ihnen Interesse abnötigt, Kontakte nehmen sie nicht wahr; sie
befinden sich noch in einem Zustand der Indifferenz und sind nicht fähig, auf
Stimulierung von aussen zu reagieren; sie sind mental nicht lebendig. Das lässt sich auch
bei Kindern beobachten; einige reagieren rasch und lebhaft, während wir andere als
dumm bezeichnen. Dabei ist aber nicht wirklich das eine wesentlich dümmer als das
andere, sondern das hängt einfach vom inneren Evolutionsstadium des Kindes ab, von
seinen häufigeren Inkarnationen und der längeren Zeitdauer, während der es mit dem
Gewahrwerden beschäftigt war.
Lassen Sie uns jetzt die beiden Stufen, das atomare und das Form-Stadium nehmen und
sehen, wie sich das menschliche Bewusstsein entwickelt, wobei man immer im Auge
behalten muss, dass sich im menschlichen Atom alles das speichert, was in den früheren
Stadien der drei niederen Naturreiche gewonnen wurde.
Denn [105] der Mensch ist in diesem ungeheuren evolutiven Prozess, der hinter ihm liegt,
der Gewinner und trägt bei seinem Start alles Gewonnene latent in sich. Er ist sich seiner
selbst bewusst und es liegt ein bestimmtes Ziel vor ihm, das Erreichen von
Gruppenbewusstsein. Für das Substanzatom war Selbst-Bewusstsein das Ziel gewesen;
vor dem Menschen liegt als Ziel ein umfassenderes Bewusstsein und ein um vieles
weiterer Gewahrseinsbereich.
Das atomare Stadium, das wir jetzt betrachten wollen, ist für uns so besonders
interessant, weil es das Stadium ist, in dem sich der Grossteil der Menschheitsfamilie
befindet. In ihm durchlaufen wir die (ausserordentlich notwendige) Periode der SelbstZentriertheit, jenen Zyklus, in dem der Mensch vorwiegend um seine eigenen
Angelegenheiten besorgt ist und auf das, was ihn vordringlich interessiert, und so lebt er
sein intensives innerliches, vibrierendes Leben. Während sehr langer, hinter uns
liegender Zeit waren wir ausserordentlich selbstsüchtig, und vielleicht sind es die meisten
von uns (denn ich glaube nicht, dass viele beleidigt wären, wenn man sie als noch nicht
vollkommen betrachten und sagen würde, sie hätten das Ziel noch nicht erreicht) gewiss
auch heute noch. Wir sind nur verstandesmässig an den Dingen interessiert, die in der
Welt vorgehen, wenn überhaupt, und nur weil unser Herz angerührt wird und wir uns
nicht gern unbehaglich fühlen, oder wir zeigen nur deshalb Interesse, weil es gerade
Mode ist. Und doch ist trotz dieser mentalen Einstellung unsere ganze Aufmerksamkeit
im Grunde auf Dinge konzentriert, die unser eigenes individuelles [106] Leben betreffen.
Wir sind im «atomaren» Stadium und leben intensiv in aktivem Zusammenhang mit
unseren persönlichen Problemen. Beobachten Sie das Gedränge in den Strassen irgend
einer Grossstadt und Sie werden überall die Menschen im Atom-Stadium sehen, wie sie
ganz auf sich konzentriert, nur mit ihren eigenen Belangen beschäftigt und auf ihr
eigenes Vergnügen aus sind, sich hauptsächlich amüsieren wollen und nur gelegentlich
einmal mit Dingen beschäftigen, welche die Gruppe betreffen. Es ist dies aber ein
notwendiger, schutzbringender Zustand und für jede Einheit der Menschenfamilie von
wesentlichem Nutzen. Die Erkenntnis dieser Tatsache wird daher sicher dazu beitragen,
dass wir mit unseren Brüdern und Schwestern Geduld haben, die uns oft so ärgerlich
machen können.
Durch welche zwei Faktoren entwickeln wir uns in das Atomstadium hinein und wieder
aus ihm heraus? Im Osten ist jahrhundertelang die Evolutionsmethode als eine zweifache
angesehen worden. Der Mensch wurde gelehrt, dass er sich zuerst durch seine fünf Sinne
entwickelt und gewahr wird, und später durch eine mit Leidenschaftslosigkeit gepaarte
wachsende Unterscheidungsfähigkeit. Hier im Westen haben wir immer vor allem die
fünf Sinne betont, aber nicht jene Unterscheidungsfähigkeit gelehrt, die so wesentlich ist.
Beobachten Sie die Entwicklung eines Kleinkindes, dann werden Sie zum Beispiel
bemerken, dass es seine fünf Sinne gewöhnlich [107] in geordneter Reihenfolge
entwickelt. Zuerst entwickelt sich das Gehör, das Kind bewegt oder wendet bei
Geräuschen den Kopf. Das nächste ist der Tastsinn, es beginnt mit den Händchen
herumzufühlen. Als drittes scheint der Gesichtssinn zu erwachen. Das soll nicht heissen,
dass ein Kind nicht sehen könnte oder blind wie ein Kätzchen geboren wird, aber es
dauert oft mehrere Wochen, bis das Baby bewusst sieht und erkennend «schaut». Die
Sehfähigkeit war schon immer da, nur gab es noch kein Erkennen. So ist es auch mit der
gestuften Erweiterung des Bewusstseins und den Erkenntnissen die der Mensch heute
noch vor sich hat. In diesen drei wichtigsten oder Hauptsinnen, Gehör, Gefühl, Gesicht,
besteht eine sehr interessante Analogie und Beziehung zur dreifältigen Manifestation der
Gottheit, dem Selbst, dem Nicht-Selbst und der Beziehung dazwischen. Das Selbst hört
und antwortet okkult auf Schwingung, es erkennt und verwirklicht dadurch sich selbst.
Es wird des Nicht-Selbst und dessen Berührbarkeit durch «berühren» (begreifen)
gewahr; aber erst, wenn Sehen oder bewusstes Erkennen aufleuchtet, kommt die
Beziehung zwischen den beiden zustande. Es werden noch zwei weitere Sinne vom Selbst
für seine Kontakte benutzt, die des Geschmacks und des Geruchs, aber zur Entfaltung
intelligenten Gewahrseins sind sie nicht so wichtig wie die anderen drei. Durch diese fünf
Sinne stellen wir jeglichen Kontakt her, der auf der physischen Ebene möglich ist, durch
sie lernen und wachsen wir, werden wir gewahr und entwickeln uns; durch sie werden
auch alle grossen Instinkte herausgebildet; sie sind die grossen schützenden Sinne, denn
sie ermöglichen nicht nur den Kontakt zu unserer Umgebung, sondern schützen uns auch
vor ihr.
Nachdem [108] wir durch unsere fünf Sinne gelernt haben, zu intelligenten Einheiten zu
werden und durch sie unser Bewusstsein erweitert haben, kommt es zu einer bestimmten
Krise und es tritt ein neuer Faktor hinzu, die intelligente Unterscheidungskraft. Hier
meine ich das Unterscheidungsvermögen, das eine ihrer selbst bewusste Einheit
demonstriert. Ich meine die bewusste Wahl, die Sie und ich beweisen und anzuwenden
gezwungen werden, wenn die Macht der Evolution uns zu dem Punkt treibt, wo wir
lernen, zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst zu unterscheiden, zwischen dem
Wirklichen und dem Unwirklichen, dem Leben in der Form und der Form, die es benutzt
und zwischen dem Wissenden und dem, was gewusst wird. Hier haben wir das ganze Ziel
der Evolution, das Erreichen des Bewusstseins des wirklichen Selbst durch das Medium
des Nicht-Selbst.
Wir durchlaufen eine lange Periode oder einen Zyklus vieler Leben, in denen wir uns mit
der Form identifizieren und so sehr eins mit dem Nicht-Selbst sind, dass wir gar keinen
Unterschied erkennen, weil wir ganz mit den Dingen der Vergänglichkeit und
Unbeständigkeit erfüllt sind. Diese Identifizierung mit dem Nicht-Selbst ist es, die zu all
dem Leid, der Unzufriedenheit und Mühsal in der Welt führt, und doch dürfen wir nicht
vergessen, dass wir durch diese Reaktion des Selbst auf das Nicht-Selbst unvermeidlich
lernen und [109] uns schliesslich aus dem Unbeständigen und Unwirklichen losreissen.
Dieser Zyklus der Identifikation mit dem Unwirklichen läuft parallel mit dem Stadium
des individuellen Bewusstseins. Genau wie das Substanzatom den Weg in irgendeine
Form finden und seinen Anteil an Vitalität dem einer grösseren Einheit hinzufügen muss,
so muss auch die Evolution des Bewusstseins des Menschenatoms einen Punkt erreichen,
wo es seinen Standpunkt in einem grösseren Ganzen erkennt und seine
Verantwortlichkeit in der Gruppenaktivität auf sich nimmt. Das ist nun das Stadium,
dem sich heute ein grosser Teil der menschlichen Familie nähert. Die Menschen erkennen
wie nie zuvor den Unterschied zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen,
zwischen Bleibendem und Vergänglichem; durch schmerzliche und leidvolle Erfahrung
erwachen sie zur Erkenntnis, dass das Nicht-Selbst nicht genügt, und so suchen sie nach
aussen und im Inneren nach dem, was ihren Bedürfnissen angemessener entsprechen
kann. Die Menschen suchen sich selber zu verstehen und in sich selbst das Reich Gottes zu
finden; und durch mentale Wissenschaft, Neues Denken und Studium der Psychologie
werden sie zu bestimmten Erkenntnissen gelangen, die sich für das Menschengeschlecht
von unschätzbarem Wert erweisen werden. Das sind Anzeichen dafür, dass das FormStadium sich rasch nähert und dass die Menschen aus der Atom-Periode zu etwas
unendlich viel besserem und grösseren weitergehen. Schon beginnt der Mensch die
Schwingung jenes grösseren Lebens zu spüren, in dessen Körper er nur wie ein Atom ist
und fängt an im Kleinen eine bewusste Antwort auf diesen grossen Ruf zu geben und
Kanäle zu finden, durch die er dieses grössere Leben, das er fühlt, aber bis jetzt noch
nicht kennt, verstehen kann. Wenn er beharrlich so weitergeht, wird er die Gruppe
finden, zu der er gehört und wird dann seinen Mittelpunkt verlagern. Er wird nicht mehr
durch seine eigenen kleinen Atomwände begrenzt, wird sie hinter sich lassen und
seinerseits ein bewusster, aktiver, intelligenter Teil des grösseren Ganzen werden.
Und wie wird dieser Wandel zustandegebracht? Das Atomstadium wurde mittels der
fünf Sinne und durch Anwendung der Unterscheidungsfähigkeit entwickelt. Das
Stadium, in dem der Mensch zur Gruppenerkenntnis erwacht und bewusster Teilnehmer
an den Aufgaben der Gruppe wird, kommt auf zweierlei Weise zustande: durch
Meditation und durch eine Reihe von Einweihungen. Wenn [110] ich das Wort
«Meditation» gebrauche, meine ich nicht, was vielleicht allgemein darunter verstanden
wird, also eine negative, rezeptive Haltung oder einen Trancezustand. Es bestehen heute
viele Missverständnisse darüber, was Meditation wirklich ist und es gibt eine Menge
sogenannter Meditation, die mir vor kurzem tatsächlich so beschrieben wurde: «Ich
schliesse die Augen und öffne den Mund, und dann warte ich, dass etwas geschieht.»
Wahre Meditation erfordert intensivste Anwendung des Denkapparates, strengste
Gedankenkontrolle und eine Einstellung, die weder negativ noch positiv, sondern das
genaue Gleichgewicht zwischen beiden [111] ist. In den östlichen Schriften wird ein
Mensch, der sich zu meditieren bemüht und dabei Ergebnisse erreicht, wie folgt
beschrieben, und aus einer sorgfältigen Überlegung dieser Worte kann uns viel Hilfe und
Erleuchtung zukommen: «Im Maha Yogi, dem grossen Asketen, in dem die höchste
Vollkommenheit strengster Busse und abstrakter Meditation sich konzentrieren, durch
welche die grenzenlosesten Kräfte erlangt, Wunder bewirkt, höchstes geistiges Wissen
und schliesslich die Vereinigung mit dem grossen Geist des Universums erreicht wird.»
Hier wird also diese Vereinigung mit dem Gruppenleben als Ergebnis der Meditation
angesehen und es gibt in der Tat keine andere Methode, das Ziel zu erreichen.
Wahre Meditation (deren einleitende Stufen Konzentration auf eine bestimmte
Gedankenrichtung und ihre Durchführung sind), wird immer für verschiedene Völker
und Menschentypen verschieden sein. Der Religiöse, der Mystiker, wird seine
Aufmerksamkeit auf das Leben in der Form richten, auf Gott, auf Christus, auf das, was
ihm das Höchste bedeutet. Der Geschäftsmann oder jeder Fachmann, der sich den
ganzen Tag eindeutig auf das konzentriert, was er zu tun hat und seine Aufmerksamkeit
auf die Lösung bestimmter Probleme richtet, lernt bereits zu meditieren. Wenn er später
zum mehr geistigen Aspekt der Meditation gelangt, wird er merken, dass er den
schwierigsten Teil des Weges schon bewältigt hat. Ein Mensch, der ein schweres Buch
liest und sich mit aller Kraft und Konzentrationsfähigkeit seines Gehirns bemüht, das
durch das geschriebene Wort Gemeinte zu begreifen, meditiert sicher genau in dem Mass,
in dem er zu diesem Zeitpunkt meditieren kann. Ich [112] sage Ihnen das zur
Ermutigung, denn wir leben in einer Zeit, in der zahlreiche Bücher über Meditation
geschrieben werden und es viele Meditationsschulen gibt. Alle verkörpern irgend einen
Aspekt der Wahrheit und können auch viel Gutes bewirken, mögen aber trotzdem nicht
das vermitteln, was für irgend einen Einzelnen das beste ist. Wir müssen unsere eigene
Konzentrationsweise finden, unsere eigene Annäherungsmethode an das, was in uns ist,
feststellen und die ganze Frage der Meditation für uns selber klären.
Hier möchte ich ein warnendes Wort aussprechen. Vermeiden Sie solche Schulen und
Methoden, die Atemübungen mit Meditation koppeln, die verschiedene Körperhaltungen
lehren und ihren Schülern beibringen, ihre Aufmerksamkeit auf physische Organe oder
Zentren zu richten. Wer solche Methoden befolgt, begibt sich in Gefahr, denn abgesehen
von den damit verbundenen körperlichen Schädigungen und dem Risiko von Irrsinn und
Nervenzerrüttung, beschäftigen sie sich mit der Form, die Begrenzung bedeutet und nicht
mit dem Geist, der Leben ist. Das Ziel wird auf diese Weise nicht erreicht. Für die meisten
von uns muss intellektuelle Konzentration, die zu Gedankenbeherrschung führt und die
Fähigkeit, klar zu denken und nur das zu denken, was wir denken wollen, der echten
Meditation vorausgehen; das ist etwas, worüber die wenigsten genügend wissen. Diese
Meditation, über die ich hier unmöglich ausführlicher werden kann, wird eine definitive
Veränderung der Polarisierung bewirken; sie wird dem Menschen Erfahrungsbereiche
öffnen, von denen er bisher nicht einmal träumt, wird ihm Kontakte offenbaren, die er
bisher noch gar nicht erkennt und wird ihn befähigen, seinen Platz innerhalb der Gruppe
zu finden. Er wird nicht mehr von den Wänden seines persönlichen Lebens eingeengt
sein, sondern anfangen, dieses Leben in das grössere Ganze zu verschmelzen. Er wird
sich nicht mehr mit den Belangen seiner selbstsüchtigen Interessen abgeben, sondern
seine Aufmerksamkeit den Problemen der Gruppe zuwenden Er wird seine Zeit nicht
mehr der Kultivierung seiner kleinen Identität widmen, sondern versuchen, jene grosse
Identität zu verstehen, von [113] der er ein Teil ist. Das ist es in Wirklichkeit, was alle
fortgeschrittenen Menschen mehr oder weniger schon tun. So wenig der Durchschnitt
das auch bemerken mag, kommen grosse Denker wie Edison und andere über Meditation
zu den Lösungen ihrer Probleme. Durch brütende Konzentration, durch ständige
Rückerinnerung, durch unentwegtes Verfolgen der spezifischen Gedankenlinie, die ihr
Interesse fesselt, erreichen sie die Resultate zapfen ihr inneres Reservoir der Inspiration
und Kraft an und bringen von den höheren Stufen der Mentalebene Ideen herab, [114] die
der Gruppe zugute kommen. Wenn wir selbst ein bestimmtes Ausmass an Arbeit entlang
der Meditationslinie geleistet haben, wenn wir dazu die Interessen der Gruppe im Sinne
behalten und nicht die persönlichen, wenn wir physisch entwickelte Körper besitzen, die
stark und rein, und Emotionalkörper, die unter Kontrolle sind und nicht von Wünschen
beunruhigt, wenn unsere Mentalkörper unser Instrument geworden sind und nicht mehr
unser Meister, dann werden wir die wahre Bedeutung der Meditation kennen.
Hat ein Mensch durch Meditation seinen Kontakt mit der Gruppe gefunden, welche die
seine ist und dadurch ständig immer gruppenbewusster wird, dann ist er auch bereit für
das, was «eine Reihe von Initiationen» genannt wird. Diese Initiationen - oder
Einweihungen - sind nichts weiter als Erweiterungen des Bewusstseins. Sie kommen
unter Beihilfe jener zustande, die bereits das Ziel erreicht, sich also mit der Gruppe
identifiziert haben und zu einem bewussten Teil des Körpers des Himmlischen Menschen
geworden sind. Mit ihrem Beistand und durch ihre Hilfe wird dann ein Mensch
allmählich zu der Erkenntnisstufe gelangen, welche die ihre ist.
Überall besteht jetzt ein ungewöhnliches Interesse an diesem Thema der Einweihungen,
wobei aber der Zeremonienaspekt übermässig betont worden ist. Wir dürfen nicht
vergessen, dass jede grosse Bewusstseinsentwicklung eine Einweihung ist. Jeder Schritt
vorwärts auf dem Weg des Gewahrwerdens ist eine Einweihung.
Als [115] ein Substanzatom in die Form eingebaut wurde, war das für das Atom eine
Einweihung. Es wurde sich einer neuen Art von Kraft gewahr und sein Kontaktbereich
wurde erweitert. Als das Bewusstsein des Pflanzen und des Tierreiches einander
durchdrangen und das Leben vom niedereren Naturreich in das höhere überging, war
das eine Einweihung. Als das Bewusstsein des Tieres sich in das des Menschen ausdehnte,
fand wiederum eine grosse Einweihung statt. Der Übergang in alle vier Naturreiche fand
jedesmal durch eine Einweihung statt und durch eine Erweiterung des Bewusstseins. Der
menschlichen Familie steht nun der Übergang in das fünfte Naturreich oder das Reich
des Geistes bevor, und dieser Übergang vollzieht sich ebenfalls durch eine bestimmte
Einweihung wie das erkannt werden kann, wenn man sein Neues Testament intelligent
zu lesen versteht; und in allen Fällen wurden diese Einweihungen durch die Hilfe jener
herbeigeführt, die bereits «wissen». So kommt es, dass wir im Evolutionsschema keine
grossen Lücken zwischen dem einen Naturreich und einem anderen und zwischen dem
einen Gewahrseinszustand und dem nächsten haben, sondern eine allmähliche
Entwicklung eines Bewusstseins, an dem wir, jeder einzelne von uns, teilgehabt haben
und teilhaben werden. Wenn wir uns diese Universalität der Einweihung
vergegenwärtigen, wird unsere diesbezügliche Vorstellung richtigere Proportionen
gewinnen. Jedesmal, wenn wir uns unserer Umgebung mehr gewahr werden und unser
mentales Fassungsvermögen zunimmt, bedeutet das in einem winzigen Massstab eine
Einweihung. Und jedesmal, wenn unser Horizont sich erweitert, wir umfassender denken
und sehen gelernt haben, ist das eine Einweihung, und hierin liegt für uns der Wert des
Daseins überhaupt und die Grösse der uns gebotenen Gelegenheit.
Eines möchte [116] ich noch ausdrücklich betonen: Jede Einweihung muss von uns
selbstinitiiert werden. Das Endstadium, wenn entscheidende Hilfe uns aus anderen
Quellen zufliesst, wird nicht deshalb erreicht, weil es «grosse Wesen» gibt, die begierig
darauf warten, uns zu helfen, uns aufzusuchen und emporzuheben. Diese Hilfe kommt
uns zu, weil wir die notwendige Arbeit geleistet haben und nichts kann das Ereignis
aufhalten. Es ist unser Recht. Die das Ziel schon erreicht haben, wollen und können uns
helfend beistehen und tun es auch; aber ihre Hände sind gebunden, solange wir nicht
unseren Teil zu dem Unternehmen beigetragen haben. Nichts aber, was wir je tun, um
unsere Brauchbarkeit in der Welt zu steigern, kein Schritt zur Herausbildung besserer
Körper, keine Anstrengung zur Erreichung von Selbstkontrolle und zur besseren
Ausrüstung unseres Mentalkörpers ist je verloren. Das alles fügen wir der Gesamtheit
hinzu, die wir anhäufen und die uns eines Tages zu einer grossen Offenbarung führen
wird, und jede tägliche und stündliche Bemühung lässt die Energieflut anschwellen die
uns zum Tor der Einweihung tragen wird. Das Wort «Initiation» bedeutet hineingehen.
Das heisst einfach, dass ein Initiant einer ist, der die ersten Schritte in das Reich des
Geistes getan und die ersten aus einer Reihe geistiger Offenbarungen erlebt hat, von
denen jede der Schlüssel zu einer noch grösseren Erkenntnis ist.
SECHSTER VORTRAG
DAS ZIEL DER EVOLUTION
Ich fühle [119] mich sehr wenig wohl dabei, wenn ich eine Überschrift wie diese, «Das
Ziel der Evolution» so einfach ausspreche; denn es ist mir klar, dass ich weiter nichts tun
kann, als bestimmte Mutmassungen und Ergebnisse meiner Vorstellung vor Ihnen
auszubreiten. Natürlich ist es dem endlich begrenzten Denken nicht möglich, den Plan
der Gottheit genau zu beurteilen. Wir können einzig die Geschichte der Vergangenheit
studieren, gegenwärtige Zustände untersuchen, die rassischen und naturgegebenen
Tendenzen einigermassen bestimmen und auf diese Weise so folgerichtig wie möglich den
verschiedenen, bisher zurückgelegten Schritten und Stufen nachgehen. Es ist uns lediglich
gestattet, von der soliden Basis vorhandener Tatsachen und Wissensergebnisse
auszugehen, sie dann alle zusammenzufügen und uns schliesslich aus dem Aggregat eine
Hypothese von dem, was das mögliche Ziel sein könnte, zu bilden. Darüber hinaus
können wir nicht gehen.
Bei unseren Gesprächen über Evolution, wie ich im ersten Vortrag erwähnte, handelt es
sich bis zum gewissen Grad um mutmassliche Voraussetzungen und daraus ableitbare
Möglichkeiten. Bestimmte Dinge wissen wir und bestimmte Wahrheiten wurden [120]
festgestellt; aber sogar die Tatsachen der Wissenschaft, zum Beispiel, über die noch vor
vierzig Jahren so viel geredet wurde und die mit allem Nachdruck verfochten wurden,
werden nicht mehr als Tatsachen anerkannt und heute weder angewandt noch so
drastisch und leidenschaftlich verkündet, wie damals. Die Wissenschaft selbst erkennt
Jahr für Jahr mehr, dass ihr Wissen äusserst relativ ist. Je mehr ein Mensch begreift und
weiss, desto weiter wird der Horizont, der sich ihm eröffnet. Wissenschaftler wagen sich
bereits in die subtileren Ebenen der Materie vor und damit in die Bereiche des
Unbewiesenen, deren Existenz, was wir nicht vergessen sollten, sich die Wissenschaft
noch vor kurzem geweigert hat, zuzugeben. Wir überschreiten die uns als «feste Materie»
bekannte Sphäre und betreten die Bereiche, die gemeint sind, wenn wir von
«Energiezentren», «negativer und positiver Kraft» und «elektrischen Phänomenen»
sprechen; damit verlagert sich aber der Akzent mehr und mehr auf Qualität als auf das,
was mit Substanz bezeichnet wurde. Je weiter wir in die Zukunft schauen, je
ausgedehnter unsere Spekulationen werden und je mehr wir versuchen telepathische,
psychische oder andere Erscheinungen zu erklären desto tiefer werden wir in das Gebiet
vordringen, das für uns jetzt das Subjektive und Unterbewusste ist und desto mehr
werden wir gezwungen sein, uns in Begriffen von Qualität oder Energie auszudrücken.
Falls es uns überhaupt gelingt, das Ungewöhnliche oder das bisher noch Unerklärliche zu
erklären und die Realität des Okkulten nachzuweisen, dann werden wir einen Zustand
schaffen, der fast paradox zu nennen wäre. Denn dann werden wir Schritt für Schritt das
Subjektive zum Objektiven machen.
Das Thema, mit [121] dem ich mich jetzt beschäftigen werde, geht uns sehr nahe an:
nämlich das Erreichen jenes Gruppenbewusstseins durch den Menschen, das sein Ziel ist,
und die Erweiterung seines kleinen Bewusstseins, bis es dem Grossen Bewusstsein
entspricht von dem es umschlossen ist. Sie werden sich erinnern, dass ich meinen
Versuch, den Unterschied zwischen Selbst-Bewusstsein, Gruppen-Bewusstsein und GottBewusstsein zu erklären, durch den Hinweis beleuchtet habe, dass im kleinen Atom der
Substanz im physischen Körper, in diesem winzigen zentralen Leben, das zur
Konstitution der menschlichen Form gehört, wir eine Entsprechung zum SelbstBewusstsein des Menschen vor uns haben; dass das Leben unseres physischen Körpers,
wenn man ihn in jeder einzelnen seiner Abteilungen als Ganzes betrachtet, für die kleine
in sich abgeschlossene Zelle dasselbe ist, wie für uns das Gruppen-Bewusstsein; dass
ferner das Bewusstsein des wirklichen Menschen, nämlich die beseelende Wesenheit im
Körper, für dieses Atom das ist, was «Gott-Bewusstsein» für uns wäre, und ebenso
unerklärlich und fern. Und wenn wir dieses Konzept des Atoms in unserem Körper und
seine Beziehung zum Menschen (den wir das menschliche Atom genannt haben),
ausdehnen können, indem wir ihn als eine Einheit in einem noch grösseren Körper
betrachten, dann können wir für die Grundverschiedenheit zwischen diesen drei
Bewusstseinsstrahlen einiges Verständnis gewinnen. Es gibt [122] eine hochinteressante
Analogie zwischen der Evolution des Atoms und der des Menschen (und ich nehme daher
an, dass sie auch für die planetarische Gottheit und den Sonnenlogos gilt) in den beiden
Entwicklungsmethoden, die sie verfolgen. Wir haben gesehen, dass das Atom sein eigenes
atomares Leben besitzt, und dass jedes Substanzatom im Sonnensystem gleichermassen
in sich selbst ein kleines System ist, denn es besitzt ein positives Zentrum oder eine
zentrale Sonne, mit den Elektronen oder dem negativen Aspekt, die in ihren Bahnen um
sie rotieren. Solcherart ist das innere Leben des Atoms mit seinem selbstzentrierten
Aspekt. Wir bemerkten auch, dass das Atom heute auf einer anderen, neueren Linie
studiert wird, nämlich jener der Radioaktivität, und es sich in vielen Fällen zeigt, dass
aktive Strahlung stattfindet. Es ist nicht möglich vorauszusagen, wohin diese
Entwicklung genau führen wird, denn die Erforschung radioaktiver Substanzen steckt
noch in den Kinderschuhen und man weiss faktisch noch wenig. Viele der früheren
Lehren der Physik sind durch die Entdeckung des Radiums revolutioniert worden und je
mehr die Wissenschaftler entdecken, desto deutlicher zeigt sich (wie sie selbst erkennen),
dass wir an der Schwelle gewaltiger Entdeckungen und im Vorfeld tiefgreifender
Erkenntnisse stehen.
Im Menschen können, je mehr er sich fortentwickelt, diese zwei Stadien ebenfalls erkannt
werden. Zunächst das frühe oder atomische Stadium, wo das Interesse des Menschen in
ihm selbst, innerhalb seiner eigenen Sphäre zentriert und diese Selbst-Zentriertheit das
Daseinsgesetz ist, ein [123] notwendiges, schutzbietendes Evolutionsstadium. Er ist
eindeutig egozentrisch und hauptsächlich mit seinen eigenen Angelegenheiten
beschäftigt. Hierauf folgt später eine Stufe, in der das Bewusstsein des Menschen sich zu
erweitern beginnt, seine Interessen sich zum Teil schon ausserhalb seiner eigenen,
begrenzten Sphäre verlagern und die Periode einsetzt, in der er ein Gefühl für die Gruppe
bekommt, zu der er gehört. Diese Stufe könnte als die Entsprechung zum Stadium der
Radioaktivität angesehen werden. Er ist jetzt nicht nur ein selbstzentriertes Leben,
sondern fängt schon an, einen deutlichen Einfluss auf seine Umgebung auszuüben. Er
wendet seine Aufmerksamkeit vom eigenen, persönlichen, selbstsüchtigen Leben ab und
sucht nach seinem grösseren Zentrum. Er ist nun nicht mehr nur ein Atom, sondern wird
seinerseits zu einem Elektron und kommt damit unter den Einfluss des grossen zentralen
Lebens, das ihn innerhalb seiner Einflusssphäre hält.
Wenn es sich so verhält, können wir innerhalb des Lebens der planetarischen Gottheit
analoge Stadien erwarten und das wäre vielleicht die Erklärung für so manche
Veränderungen und Geschehnisse auf dem Planeten. Häufig halten wir Ereignisse auf
der Welt für die Auswirkungen menschlicher Aktivität. So wird der Weltkrieg zum
Beispiel zumeist als eine Folge menschlicher Fehler und Schwächen angesehen. Vielleicht
trifft das zu, denn zweifellos haben wirtschaftliche Zustände und menschliche Ambitionen
weitgehend an seinem Zustandekommen mitgewirkt; aber er könnte vielleicht ebensogut
teilweise auf die Auswirkungen des grossen zentralen Lebens zurückzuführen sein,
dessen Bewusstsein dem unseren noch nicht zugänglich ist und das seine eigenen Pläne,
Absichten und Ideale hat und, möglicherweise, seine Experimente [124] mit dem Leben
macht. In einem viel gewaltigeren Massstab und auf seiner eigenen hohen Ebene lernt
auch dieser planetarische Geist zu leben, lernt neue Kontakte und ist ebenso, wie wir
dabei, sein Bewusstsein zu erweitern. Er durchläuft also ebenso, wie Sie und ich, einen
Lernprozess. Ebenso kann es sich mit dem Sonnensystem verhalten und mit
Geschehnissen so ungeheuren Ausmasses, dass sie unserem Gesichtskreis gänzlich
entschwinden. Vielleicht gibt es innerhalb des Sonnensystems Vorgänge, die auf die
Durchführung der Pläne der Gottheit oder des Logos zurückzuführen sind, jenes
zentralen Lebens, das die Energiequelle innerhalb des Sonnensystems ist. Ich weiss es
nicht, aber sich darüber Gedanken zu machen, ist interessant genug und es kann nicht
schaden, wenn das Ergebnis einer solchen Spekulation sich für uns in umfassenderer
Vision, weitreichenderer Toleranz und in mehr und weiserem Optimismus auswirkt.
Nachdem wir gesehen haben, dass die beiden Stadien der atomaren und der
Radioaktivität für die Evolution aller Atome im Sonnensystem charakteristisch sind,
wollen wir nun untersuchen, wie die verschiedenen Entwicklungen aussehen, die zu
erwarten sind, während sich das Bewusstsein im menschlichen Atom fortentwickelt. Auf
diesen menschlichen Typ des Bewusstseins möchte ich unsere Aufmerksamkeit
konzentrieren, weil es die zentrale [125] Evolution im Sonnensystem ist. Wenn die drei
Aspekte des göttlichen Lebens zusammengebracht werden - das innewohnende Leben
oder der Geist, die materielle Form oder der Substanzträger sowie der Faktor der
intelligenten Aktivität - werden sich einige spezifische Resultate ereignen: Es wird
allmählich ein Bewusstsein besonderer Art hervorkommen; es wird sich psychische
Qualität entwickeln; die Wirkung des subjektiven Lebens auf die materielle Form wird
deutlich; die Form wird für gewisse, spezifische Zwecke verwendet werden und die
innewohnende Wesenheit wird bestimmte Qualitäten erreichen. Die wahre Natur des
zentralen Lebens, sei es Gott oder der Mensch, wird während eines Lebenszyklus
manifestiert werden, ob es sich um ein solares oder menschliches Leben handelt. Das gilt
für Sie ebenso, wie für mich; und es gilt wahrscheinlich für den planetarischen Logos
und, wenn es auf ihn zutrifft, dann auch auf einen Sonnenlogos.
Lassen Sie uns, soweit möglich, versuchen, einigen der verschiedenen Entwicklungen im
Zusammenhang mit unseren vier Atomtypen zu folgen - dem Substanzatom, dem
menschlichen, dem planetarischen und dem kosmischen Atom. Eine der ersten und
wichtigsten Entwicklungen wird die bewusste Reaktion auf jegliche Schwingung und
jeden Kontakt sein, das heisst, die Reaktionsfähigkeit auf das Nicht-Selbst auf jeder
Ebene. Ich will das deutlich machen. Ich könnte hier in dieser Stadt in einen
Versammlungsraum gehen und eine Zuhörerschaft um mich versammeln, die aus
ungelernten Arbeitern und Analphabeten bestünde, könnte zu ihnen sprechen und vor
ihnen wiederholen, was ich zum Beispiel heute Abend gesagt habe, und würde keinerlei
Widerhall finden. Aber [126] ich könnte auch hingehen und ihnen einen Vortrag halten,
wie ich ihn etwa vor zehn Jahren gehalten hätte, auf streng religiöser oder biblischer
Basis, und bekäme sehr rasch eine Reaktion. Hier geht es nicht um die Frage, richtig oder
falsch, sondern einfach um die Unterschiedlichkeit der verschieden abgestuften
Fähigkeiten und Menschentypen, in ihren jeweils verschiedenen Evolutionsstadien, auf
Kontakt und Schwingung zu reagieren. Das heisst ganz einfach, dass bestimmte
Menschen auf einer Stufe stehen, wo sie durch einen emotionalen Appell erreicht und auf
der Linie ihres eigenen, persönlichen Seelenheils angesprochen werden können, da sie
sich noch im früheren, dem «atomaren» Stadium befinden. Es gibt ein weiteres Stadium,
das dieses einschliesst, uns aber befähigt, auch auf einen intellektuellen Appell
anzusprechen, der ein gewisses Interesse und eine gewisse Befriedigung an solchen
Diskussionen weckt, wie wir sie verfolgt haben und das bedeutet, dass Themen
untersucht werden, die bereits die Gruppe betreffen, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber
beide Stufen sind gleichermassen gerechtfertigt.
Dieser Gedanke lässt sich auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Es ist
durchaus möglich, dass grosse Menschen unseren Weg kreuzen, dass wir wunderbaren
Männern und Frauen begegnen, von ihnen aber gar nicht beeindruckt sind; wir gehen an
ihnen vorüber, ohne sie zu erkennen und lassen uns entgehen, was sie uns hätten geben
können. Das geschah in Palästina in Verbindung mit dem Christus vor 2000 Jahren.
Warum? Weil wir selbst noch nicht gross genug sind, um auf ihre Grösse reagieren zu
können. Irgendetwas fehlt noch in uns, so dass wir unfähig sind, ihre besondere [127]
Schwingungsqualität zu registrieren oder zu fühlen. Ich hörte einmal sagen, und ich
glaube, das ist sehr wahr: Wenn der Christus wieder sichtbar auf die Erde käme und
mitten unter uns Menschen, wie er es damals tat, Tag für Tag leben würde, dass wir gar
nichts Besonderes bemerken könnten, das Ihn von anderen, guten, selbstlosen Leuten
unterschiede, die wir kennen. Wir haben ja auch in uns selbst noch nicht die Gabe
kultiviert, auf das Göttliche in unserem Bruder zu reagieren. Im allgemeinen sehen wir
nur, was schlecht und gewöhnlich ist und werden uns bei unserem Bruder prinzipiell nur
seiner Fehler bewusst. Es fehlt uns noch immer die Sensitivität für hohe menschliche
Qualität.
Eine weitere Entwicklung wird die Fähigkeit sein, bewusst auf allen Daseinsebenen zu
wirken. Zurzeit funktionieren wir bewusst auf der physischen Ebene und es gibt einige
Wenige, die fähig sind, ebenso bewusst auf der nächstsubtileren Ebene zu wirken nämlich
auf der Ebene, welche die astrale genannt wird (eine Bezeichnung, die ich ablehne, weil
sie unserem Denken keinerlei Sinn übermittelt), oder die Ebene der Emotionalnatur, auf
jener der Mensch aktiv wird, sobald er den physischen Körper verlässt, während der
Stunden des Schlafes oder unmittelbar nach dem Tode. Sehr wenige Menschen können in
voll erwachtem Bewusstsein auf der Mentalebene funktionieren und noch weniger auf
der geistigen Ebene. Das Ziel der Evolution ist aber, dass wir in voller Kontinuität der
Wahrnehmung auf der physischen, emotionalen und mentalen Ebene bewusst tätig sein
können. Das ist [128] die grosse Errungenschaft, die wir eines Tages erreicht haben
werden. Wir werden uns dann in jeder Stunde des Tages bewusst sein, was wir tun und
nicht bloss während ungefähr vierzehn von vierundzwanzig Stunden. Gegenwärtig
bleiben wir uns nicht bewusst, wo sich unsere eigentliche denkende Entität während der
Stunden des Schlafes befindet. Wir wissen nichts über ihre Aktivitäten oder über den
Zustand ihrer Umwelt. Eines Tages werden wir jede Minute jeder Stunde des Tages uns
nutzbar machen und sie verwenden.
Ein anderer Zweck der Evolution ist ein dreifacher, nämlich dass es uns gelingt, Absicht
oder Willen, Liebe und Energie zu koordinieren. Das ist bisher noch nicht geschehen. Es
wird zwar jetzt ständig viel intelligente Energie entfaltet, aber man begegnet tatsächlich
höchst selten einem Menschen, dessen ganzes Leben von einer zentralen Absicht beseelt
ist, die unverrückbar verfolgt, von Liebe belebt und angetrieben wird und sich durch
intelligente Aktivität auswirkt. Es wird aber die Zeit kommen, dass wir unser
Bewusstsein so weit ausgedehnt haben und so aktiv in unserem Innern sind, dass wir
«radioaktiv» werden. Wir werden dann eine definitive Absicht verfolgen, die das
Ergebnis von Liebe ist und unser Ziel durch das Mittel der Intelligenz erreichen. Etwas
anderes tut ja auch Gott nicht, nicht wahr? In unserem gegenwärtigen
Entwicklungszustand sind wir gewiss intelligent, aber bis jetzt gibt es [129] noch sehr
wenig Anzeichen von Liebe. Natürlich bringen wir den Menschen, mit denen wir in
Berührung kommen, einige Zuneigung entgegen und unserer Familie und den
unmittelbaren Freunden auch mehr Liebe, aber von Gruppenliebe wissen wir so gut wie
nichts. Sobald die grossen Idealisten des Menschengeschlechts für uns stellvertretend von
Gruppen-Liebe sprechen, ist es trotzdem wahr, dass wir die Stufe erreicht haben, wo wir
schon auf sie reagieren können und fühlen, dass das etwas ist, was wir gerne
verwirklicht sähen. Es ist gut, sich zu vergegenwärtigen, dass wir, je mehr wir auf der
Linie dieser altruistischen Einstellung denken, nach und nach etwas unschätzbar
Wertvolles in uns aufbauen und mit langsamen, mühevollen Schritten die Rudimente
eines echten Gruppenbewusstseins entwickeln, das für die meisten von uns noch in weiter
Zukunft liegt.
Wir könnten uns noch mit einigen anderen Entwicklungen während des
Evolutionsprozesses beschäftigen, doch lägen sie uns heute noch so fern, dass sie
praktisch unbegreifbar wären, bevor wir nicht jenen besonderen Typ von Gehirn
entwickelt haben, das schon einigermassen abstrakt denken kann. So gibt es das
Stadium, in dem wir Zeit und Raum transzendieren können, wenn das Bewusstsein der
Gruppe in allen Teilen des Planeten beispielsweise unser Bewusstsein geworden ist und
es ebenso leicht für uns sein wird, wie das hier der Fall ist, mit dem Bewusstsein eines
Freundes in Indien, Afrika oder sonstwo in Verbindung zu kommen; Entfernung und
Trennung sind dann keine Verständigungshindernisse mehr. Symptome dafür können in
der Fähigkeit mancher Menschen gesehen werden, sich telepathisch oder durch
Psychometrie mitzuteilen.
Es ist zwar sehr schön, einige Zeit darauf zu verwenden, sich dieses entfernte Ziel
vorzustellen und sich die Vervollkommnung [130] des Logos in Milliarden Jahren
auszumalen, aber für uns lebenswichtig ist eigentlich nur, eine Idee über die unmittelbar
vor uns liegende Stufe zu bekommen und zu verstehen, was wir im Verlauf der nächsten
paar tausend Jahre in Zusammenhang mit dem Evolutionsprozess zu erwarten haben.
Lassen Sie uns diese Idee einmal kurz durchdenken. Es gibt, wie wir wissen, drei
hauptsächliche Denkrichtungen in der Welt: die wissenschaftliche, die religiöse und die
philosophische. Und was vermitteln uns diese drei? In der wissenschaftlichen Richtung
finden wir all das verkörpert, was die Materie, den Substanzaspekt der Manifestation
betrifft; sie befasst sich mit Objektivität und dem, was materiell und berührbar ist und
was gesehen werden kann, was also buchstäblich beweisbar ist. In der religiösen
Denkrichtung haben wir das, was mit dem Leben in der Form zusammenhängt, was die
Rückkehr des Geistes zu seinem Ursprung betrifft und dazu alles, was durch den
Gebrauch der Form gewonnen wurde; es bezieht sich auf die subjektive Seite der Natur.
Und im philosophischen Denken finden wir, was ich die durch das innewohnende Leben
angewandte Intelligenz nennen möchte, um dadurch die Form seinen Bedürfnissen
entsprechend anzupassen. Lassen Sie uns in diesem Zusammenhang gewisse
Entwicklungen durchdenken, die in unmittelbarer Zukunft zu erwarten sind, wobei aber
nicht zu vergessen ist, dass alles von mir Gesagte nur als Anregung zu werten ist und
dass ich keinesfalls in dogmatischem Sinne spreche.
Den meisten Denkern [131] ist klar, dass die Wissenschaft jetzt mit dem Studium der
Radioaktivität vor der Entdeckung des Wesens der Kraft im Atom selbst steht.
Höchstwahrscheinlich wird in gar nicht langer Zeit die Energie der Atomkraft für jeden
denkbaren Zweck nutzbar gemacht werden, für Heizung, Beleuchtung und dafür, was ich
die «Motivation», den Antrieb für schlechthin alles nennen möchte, was in dieser Welt
durchgeführt wird. Diese Kraft, wie viele von uns sich noch erinnern, wurde vor fünfzig
Jahren in den USA von einem Mann namens Keely beinahe schon entdeckt; doch es
wurde ihm wegen der damit verbundenen Gefahr für die Welt untersagt, damit an die
Öffentlichkeit zu treten. Die Menschen sind bis jetzt noch viel zu selbstsüchtig, als dass
man ihnen die freie Anwendung von Atomenergie anvertrauen könnte. Diese Entdeckung
wird wahrscheinlich mit der Entwicklung von Gruppenbewusstsein parallellaufen. Erst
wenn der Mensch radioaktiv wird und in Gruppenbegriffen wirken und denken kann,
wird es für ihn gefahrlos oder weise sein, die im Atom latent vorhandene Kraft zu
benützen. Alles in der Natur ist aufs beste koordiniert, und nichts kann vor dem richtigen
Zeitpunkt entdeckt oder nutzbar gemacht werden. Erst wenn der Mensch allmählich
Selbstlosigkeit entwickelt, kann diese schreckliche Macht seinen Händen überantwortet
werden. Trotzdem ist zu erwarten, dass die Wissenschaft enorme Fortschritte zum
richtigen Verständnis der Atomenergie machen wird.
Wiederum parallellaufend mit der menschlichen Evolution steht die Beherrschung der
Luft bevor. Es gibt eine grosse Schwingungssphäre oder Vibrationsebene im
Sonnensystem, die in okkulten Büchern die Intuitionsebene genannt wird; in der
östlichen Literatur heisst sie Buddhi-Ebene und ihr Symbol ist die Luft. Ebenso, wie der
Mensch heute [132] anfängt, sich durch die Entwicklung der Intuition einen Weg in diese
Ebene zu bahnen, beginnt die Wissenschaft, die Beherrschung der Luft zu entdecken; und
je mehr sich im Menschen die Intuition entwickelt und wächst, wird sich auch die
Beherrschung des Luftraumes entwickeln und wachsen. Noch etwas steht uns bevor ( und
wird schon mehr oder weniger anerkannt), nämlich die Entwicklung der Fähigkeit, in
subtilerer, feinstofflicher Materie zu sehen. Überall kommen Kinder zur Welt, die mehr
sehen können als Sie und ich. Ich beziehe mich hier auf etwas, das rein auf Materiellem
beruht und das physische Auge betrifft. Ich beziehe mich auf das ätherische
Sehvermögen, das in feinstofflicher Materie auf der physischen Ebene oder dem, was als
«die Äther» bezeichnet wird, sehen kann. Viel aufschlussreiche Arbeit ist auf diesem
Sektor von kalifornischen Studenten und Wissenschaftlern geleistet worden. Dr.
Frederick F. Strong hat auf dieser Linie viel Wertvolles getan und lehrt, dass das
körperliche Auge fähig ist, ätherisch zu sehen und dass ätherisches Sehen die normale
Funktion des Auges sei. Was wird die Entwicklung dieser Anlage bedeuten? Sie bedeutet,
dass die Wissenschaft ihren Standpunkt gegenüber den subtileren Bereichen definitiv
wird ändern müssen. Wenn innerhalb der nächsten hundert Jahre gewisse Aspekte und
Lebensformen, die bisher als reine Imagination gewertet wurden, in den Sehbereich des
normalen Menschen gelangen werden, dann haben wir ein für allemal diesen krassen
Materialismus durchbrochen, der uns so lange gekennzeichnet hat. Und wenn das, was
jetzt noch unsichtbar ist, auf irgend einer bestimmten Linie anerkannt sein wird, wer
könnte sagen, wie weit es uns im Lauf der Zeit noch möglich sein wird, zu gehen? Ich
wiederhole noch einmal: der ganze Trend der Evolution geht in Richtung Synthese.
Sobald wir in die Materie hinabsteigen und sich der Zug zur Materialisation bemerkbar
macht, finden wir Verschiedenartigkeit vor, also das Heterogene; und während wir uns
zum Geist zurückbegeben, werden wir zu Einheit tendieren: damit ist auch in der
religiösen Welt der Trend nach Einheit zu erwarten. Sogar heute schon macht sich der
Geist der Toleranz wesentlich stärker bemerkbar als noch vor fünfzig Jahren. Die Zeit
nähert sich rasch, dass die den verschiedenen Religionen zugrundeliegende grosse,
fundamentale Einheit und die Tatsache, dass jede Glaubensrichtung ein notwendiger Teil
eines grossen Ganzen ist, überall in der Welt anerkannt werden wird, und durch diese
Erkenntnis wird sich die Vereinfachung der Religion [133] ergeben. Dann werden die
grossen, zentralen Fakten betont und angewandt, während die unwichtigen und
kleinlichen Unterschiede in den Organisations- und Auslegungsfragen beiseitegelassen
werden.
Im Zusammenhang mit der menschlichen Familie können wir uns auf ein sehr
interessantes Geschehen gefasst machen, sobald Gruppenbewusstsein auf breiter Ebene
zum bewussten Ziel des [134] Menschen geworden ist. Was wird dann geschehen? Damit
betritt der Mensch, was in der religiösen Welt «der Pfad» genannt wird. Er wird sich
dann entschlossen und endgültig selbst in die Hand nehmen, wird sich bemühen, ein
Leben im Geiste zu leben und es ablehnen, weiterhin ein selbstzentriertes «Atomleben» zu
führen; er wird nach seinem Platz im grösseren Ganzen suchen und ihn durch definitive,
selbstinitiierte Bemühung in der Einswerdung mit der Gruppe, zu der er gehört, finden.
Das alles ist eigentlich mit den Lehren vom Pfad der protestantischen, katholischen oder
buddhistischen Kirchen gemeint. Sie alle lehren das Beschreiten dieses Pfades, geben ihm
verschiedene Namen, wie der Weg, der noble achtfache Pfad, der Pfad der Erleuchtung
oder der Pfad der Heiligkeit. Immer ist es der Eine Weg, der mehr und mehr leuchtend
bis hin zum vollkommenen Tag führt.
Ausserdem können wir in nicht allzu ferner Zeit die Entwicklung des abstrakten
Denkvermögens und das Erwachen der Intuition erwarten. Während die grossen Rassen
einander nach und nach auf unserem Planeten abgelöst haben, hat stets eine geordnete,
gesetzmässig gelenkte Entfaltung der Kräfte der Seele und eine ausdrücklich geplante
Abfolge der Ereignisse stattgefunden. In der dritten Wurzelrasse, der «lemurischen»,
hatte der physische Aspekt des Menschen bereits eine hohe Vervollkommnung erreicht.
Später wurde dann in jener der unserer vorausgehenden Rasse, der «atlantischen», die
von der Flut zerstört wurde, die emotionale Natur des Menschen entwickelt. In der
«arischen» oder fünften Rasse, zu der [135] wir gehören, ist die Entwicklung des
konkreten oder niederen Denkens das Ziel und dieses Denken entwickeln wir Jahrzehnt
für Jahrzehnt stärker. Einige beginnen schon das Vermögen zu entwickeln, in abstrakten
Begriffen zu denken.
Wenn diese Entwicklung so weitergeht, werden wir mehr von jener eigentümlichen,
interessanten Begabung erleben, die einige schon erkennen lassen, die wir die Fähigkeit
zu Inspiration nennen. Ich spreche hier nicht von medialen Fähigkeiten oder Praktiken.
Es gibt kaum etwas Gefährlicheres als das, was mit dem Begriff «Medium» gewöhnlich
gemeint ist. Das Durchschnittsmedium ist ein Mensch mit negativer oder rezeptiver
Veranlagung und meist so lose und unkoordiniert in seiner dreifachen Natur, dass eine
von aussen wirkende Kraft oder Wesenheit sein Gehirn, seine Hand oder seinen ganzen
Körper benützen kann. Das ist ein ganz alltägliches Phänomen. Automatisches Schreiben,
Gläschenrücken und spiritistische Séancen niederer Ordnung schiessen wie Pilze aus dem
Boden und treiben Tausende zum Wahnsinn oder zumindest in einen zerrütteten
Nervenzustand. Aber es gibt etwas, wovon diese medialen Fähigkeiten nur das Zerrbild
sind, und das ist Inspiration. Inspiriert werden zu können heisst, dass ein Mensch eine
Stufe seiner Evolution erreicht hat, auf der er bewusst und positiv unter der Kontrolle
seines eigenen höheren Selbst, des lebendigen Gottes in ihm steht. Dieser innere
Herrscher, das wahre Selbst, kann durch definitiven Kontakt sein physisches Gehirn
lenken und dem Menschen ermöglichen, Entscheidungen zu fällen und die Wirklichkeit zu
verstehen, und zwar ganz unabhängig vom rationalen Denken. Dieser innere Gott kann
den Menschen befähigen, ohne Anwendung des niederen Denkens zu sprechen, zu
schreiben und die Wahrheit weiterzuvermitteln. Die Wahrheit liegt in uns selbst. Wenn
wir mit unserem eigenen inneren Gott in Verbindung kommen können, wird alle
Wahrheit uns enthüllt werden. Wir werden Wissende sein. Aber das ist etwas Positives
und nichts Negatives, und es bedeutet, dass man sich selbst in direkte, bewusste
Angleichung an sein Ego oder höheres Selbst bringt, und nicht die eigene Persönlichkeit
irgendeiner herumlungernden Wesenheit oder einem Spuk öffnet.
So etwas kann man heute gelegentlich beobachten; aber es kommt nicht häufig vor, dass
der Durchschnittsmensch mit seinem höheren Selbst in Berührung kommt. Nur in
unseren Momenten höchsten Strebens, nur in den grossen Lebenskrisen und auch das nur
als Resultat langer Disziplin und ausdauernder Meditation, [136] geschieht es dann. Aber
eines Tages werden wir alle unser Leben regieren, nicht vom persönlichen, selbstischen
Standpunkt aus, sondern von dem des lebendigen Gottes in uns, der eine unmittelbare
Offenbarung des Geistes auf der höchsten Ebene ist.
Was ich heute Abend noch als Letztes deutlich machen möchte, ist, dass für jeden von uns
das Ziel die Entwicklung der Kräfte der Seele oder der Psyche ist. Das heisst, dass Sie und
ich auf dem Wege sind, «psychisch» zu werden. Aber ich gebrauche das Wort
«psychisch» nicht in dem Sinne, wie es gewöhnlich verstanden wird und auch nicht in
seiner alltäglichen Bedeutung. Die Psyche ist, im buchstäblichen Sinne, die Seele in uns,
das höhere Selbst, und sie tritt aus dem dreifachen niederen Selbst hervor, wie der
Schmetterling aus seiner Puppe. Es ist diese wunderbare Wirklichkeit, die wir [137] als
Ergebnis unseres Lebens oder unserer Leben hier unten hervorbringen werden. Die
echten psychischen Kräfte sind solche, die uns mit der Gruppe in Kontakt bringen. Die
Kräfte des physischen Körpers, wie wir sie jeden Tag gebrauchen, bringen uns mit
einzelnen in Verbindung; wenn wir aber die Kräfte der Seele entwickeln und ihre
Möglichkeiten entfaltet haben, werden wir wahre «Psychisten» sein. Welches sind nun
diese Kräfte? Einige von den vielen kann ich heute nur noch aufzählen.
Eine dieser Kräfte ist bewusste Kontrolle der Materie. Die meisten von uns beherrschen
ihren physischen Körper bewusst, damit er unsere Befehle auf der physischen Ebene
ausführt. Manche beherrschen bewusst ihre Emotionen, aber nur wenige können ihr
Denken beherrschen. Die meisten werden von ihren Wünschen und Gedanken beherrscht.
Aber es kommt die Zeit, wenn wir bewusst unsere dreifache niedere Natur steuern
werden. Dann wird für uns keine Zeit mehr existieren. Wir besitzen dann die Kontinuität
des Bewusstseins auf den drei Daseinsebenen, der physischen, emotionalen und
mentalen, und diese wird uns befähigen, so zu leben, wie der Logos lebt, in jener sehr
metaphysischen Abstraktion, dem Ewigen Jetzt.
Eine weitere Kraft der Seele ist Psychometrie. Was ist das? Sie könnte etwa als die
Fähigkeit beschrieben werden, irgend etwas Berührbares, das vielleicht einem anderen
gehört, zu nehmen und sich mithilfe dieses Gegenstandes mit diesem anderen Individuum
oder mit einer Gruppe von Individuen «in Rapport» zu setzen. Psychometrie [138] ist das
Gesetz der Ideenassoziation, angewandt auf die Schwingungsqualität von Kraft, zu dem
Zweck, Information zu erhalten.
Ferner wird die menschliche Rasse hellhörend und hellsichtig werden, was eine Fähigkeit
bedeutet, auf den subtileren Ebenen ebenso deutlich und scharf zu hören und zu sehen,
wie im physischen Materiebereich. Das wird die Fähigkeit einschliessen, alles
wahrzunehmen, was die Gruppe betrifft, das heisst, in der vierten und fünften Dimension
zu hören und zu sehen. Ich bin nicht genügend mathematisch geschult, um diese
Dimensionen erklären zu können und gerate leicht in Verwirrung, wenn ich darüber
nachdenke. Aber durch die Erläuterung, die mir einmal ein junger schwedischer Denker
gab, wird das Ganze vielleicht etwas klarer. Er hat es mir folgendermassen erklärt:
«Die vierte Dimension ist die Gabe, durch einen Gegenstand hindurch und um ihn herum
zu sehen. Die fünfte Dimension ist zum Beispiel die Fähigkeit, sich mithilfe eines
bestimmten Auges mit allen anderen Augen im Sonnensystem in Rapport zu setzen. In
[139] der sechsten Dimension könnte Sehen etwa definiert werden als die Kraft, einen
Kieselstein vom Strand aufzuheben und sich mit seiner Hilfe mit dem ganzen Planeten in
Einklang zu bringen. So waren Sie also in der fünften Dimension, wo Sie das Auge
benützten, noch auf eine bestimmte Manifestationslinie begrenzt, während Sie im Fall
der sechsten, wo Sie den Kieselstein benützten mit dem ganzen Planeten in Berührung
gebracht wurden.» Natürlich liegt so etwas für uns noch in weiter Ferne, aber es ist ein
interessantes Gesprächsthema und enthält für jeden von uns eine Verheissung.
Es steht mir keine Zeit mehr zur Verfügung, mich mit den anderen Kräften zu
beschäftigen oder aufzuzählen, welche das sein könnten. Heilen durch Berührung
befindet sich darunter. Die Manipulation der magnetischen fluiden Kräfte, bewusste
Schöpfung mittels Farbe und Ton sind andere. Was für uns aber derzeit einzig wichtig
ist: dass wir uns selber bewusst in die Hand nehmen, immer mehr danach trachten, uns
der Lenkung des inneren Herrschers zu unterstellen und uns bemühen, «radioaktiv» zu
werden und Gruppen-Bewusstsein zu entwickeln.
SIEBENTER VORTRAG
KOSMISCHE EVOLUTION
Ohne Zweifel [143] kann man der Meinung sein, es sei lächerlich, wenn jemand es
unternimmt, einen Vortrag über kosmische Evolution zu halten, weil das natürlich ein
Gegenstand ist, über den weder ich noch ein anderer Sterblicher irgendetwas weiss, und
dass deshalb absolut nichts darüber ausgesagt werden kann. Trotzdem lassen sich nach
dem Gesetz der Analogie gewisse Rückschlüsse ziehen, die uns in sehr interessante
Denkbereiche führen können. Mehrere Wochen lang haben wir nun die Entwicklung des
Atoms von Stufe zu Stufe verfolgt, bis wir schliesslich das ganze Sonnensystem in den
Begriff «Atom» mit einbezogen haben. Zuerst studierten wir unter allgemeinen
Gesichtspunkten das Atom der Substanz, dann das menschliche Atom und wandten unser
Wissen über diese beiden Atome auf die noch grössere Sphäre, oder das grössere Atom,
einen Planeten an, den wir ein planetarisches Atom nannten. Die gleiche Idee führten wir
weiter zum Atom des Sonnensystems, dem wir eine Stellung in einem noch grösseren
Ganzen zugeschrieben haben.
In Zusammenhang mit diesem Gegenstand studierten [144] wir drei Evolutions oder
Entwicklungsmethoden. Wir betrachteten die Aspekte, die mittels dieser Atome
herausentwickelt wurden, deren Qualitäten oder psychische Natur und sahen, dass man
im Atom der Substanz als einzige psychische Qualität die der Intelligenz postulieren
kann. Wir gingen dann zu atomaren, untermenschlichen Formen weiter und stellten fest,
dass die Formen in den beiden Naturreichen, dem der Pflanzen und der Tiere, eine
weitere Eigenschaft der Gottheit demonstrieren, nämlich die des Fühlens, der
Empfindungsfähigkeit oder embryonaler Liebe und Emotion; wir erkannten, dass sich
im Tierreich eine dritte Qualität, die des rudimentären Denkens zu zeigen begann, und
als wir zum menschlichen Atom kamen, sich drei Aspekte demonstrierten, Intelligenz,
Liebe und ein zentraler Wille. Dieses Konzept dehnten wir auf den Planeten und das
Sonnensystem aus und fanden, dass es da eine grosse Intelligenz, ein Denkvermögen
geben muss, das sich vermittels der Form des Sonnensystems auswirkt; dass der Zweck,
dessentwegen diese Intelligenz eine Form benützt, die Demonstration einer weiteren
Qualität, nämlich der Liebe oder Weisheit sei, wobei das Ganze von einem grossen
zentralen Willen gesteuert wird. Wir schlossen daraus, dass dieser zentrale Wille die
Manifestation einer Entität sein könne, die das ganze System beseelt, vom
allerniedrigsten Substanzatom bis zu dem grossen Leben, welches das planetarische
System mit Energie versorgt. Nachdem wir diese grundlegenden Aussagen gemacht
hatten, gingen wir zur Betrachtung der Evolution des bewussten Lebens in der atomaren
Form über und fanden, dass durch jedes Atom ein [145] höherer Bewusstseinstyp
folgerichtig entwickelt wird; dass sich das «Mensch-Atom» von allen anderen niederen
Formen dadurch unterscheidet, dass es seiner selbst bewusst ist; dass der Mensch ein
intelligenter Wille ist, der jede seiner Handlungen bewusst ausführt, sich seiner
Umgebung gewahr wird und auf ein klares Ziel ausgerichtet in seiner Aktivität eine
bestimmte Linie verfolgt. Dieses Selbst-Bewusstsein des Menschen führt zu etwas noch
Umfassenderen, nämlich zum Bewusstsein des grossen planetarischen Geistes, was am
besten mit dem Begriff «Gruppen-Bewusstsein» verständlich gemacht wird. Während die
Evolution fortschreitet, wird der Mensch von der Stufe des Selbst-Bewusstseins, in der Sie
und ich heute leben, zur Erkenntnis kommen, was mit Gruppenbewusstsein gemeint ist;
das ist heute noch etwas praktisch Unbekanntes, und höchstens ein schönes Ideal oder ein
Traum, der sich einmal in ferner Zeit realisieren könnte. Gruppenbewusstsein wird
folgerichtig zu dem weiterführen, was wir mangels eines angemesseneren Begriffs GottBewusstsein nennen könnten, obwohl ich persönlich nach Möglichkeit das Wort «Gott»
wegen der vielen Streitereien gern vermeide, die es immer wieder unter den
verschiedenen Denkern der Menschheitsfamilie auf der ganzen Welt ausgelöst hat. Diese
Differenzen beruhen grösstenteils auf den unterschiedlichen Ausdrucksweisen und
Terminologien, die auf fundamentale Ideen angewandt werden, und auf den
verschiedenerlei Organisationssystemen. Wenn der Wissenschaftler beispielsweise von
Kraft oder Energie spricht, der Christ von Gott und der Hindu in analogen Begriffen vom
«Ich bin das ich bin», oder dem Selbst, dann sprechen sie alle von dem einen grossen
Leben, haben aber bei dem Versuch, zu beweisen, dass der andere Unrecht hat, und für
die Demonstration der Richtigkeit der eigenen Interpretation viel Zeit verloren.
Als nächstes [146] sahen wir, dass die Evolution der Atome, grob gesprochen in zwei
Teile oder Stadien zerfällt, von denen wir eines das atomare und das andere in
Ermangelung eines besseren Begriffs, das radioaktive Stadium nannten. Im atomaren
Stadium verfolgt das Atom sein eigenes selbstzentriertes Leben, ist nur auf die eigene
Fortentwicklung bedacht und auf die Wirkung der von ihm zustandegebrachten
Kontakte. Bei fortschreitender Evolution zeigt sich, dass das Atom auf ein umfassenderes
Leben ausserhalb des eigenen zu reagieren beginnt und in dieser Periode haben wir die
Parallele zum formbildenden Stadium, in dem diese Substanzatome von einer stärkeren
Energieladung oder positiven elektrischen Kraft (wenn man es so nennen will)
angezogen werden, die sie zu sich heranzieht und aus ihnen eine Form bildet; diese
Substanzatome werden dann ihrerseits zu Elektronen. Wir erkannten dann, wie sich in
Ihrem wie in meinem Fall und jeder selbstbewussten Einheit die gleiche Prozedur
vollzieht, und dass ein zentrales Leben vorhanden ist, das in seiner Einflusssphäre
diejenigen Atome zusammenhält, welche die verschiedenen Körper, den mentalen,
emotionalen und physischen, konstituieren; dass wir uns manifestieren, uns bewegen,
unseren Lebensweg und unsere Absichten verfolgen, indem wir die unseren Bedürfnissen
entsprechenden Substanzatome an uns anziehen, die es uns ermöglichen, die
notwendigen Kontakte herzustellen. Für uns, das zentrale Leben, sind diese Atome, was
die Elektronen für die zentrale positive Ladung im Atom der Substanz sind. Wenn das
wahr ist, überlegten wir weiter, nämlich, dass es ein selbstzentriertes Stadium oder eine
rein atomare Periode für das Atom und für das menschliche Atom gibt, dann könnten wir
logischerweise auch für das Planet-Atom, dem sein zentrales geistiges Leben innewohnt,
eine ähnliche Sachlage behaupten. Das führte uns in das Gebiet der Spekulation. Dann
dachten wir darüber nach, ob all das, was sich auf unserem Planeten abspielt, nicht auf
den selbstzentrierten Zustand jener Wesenheit zurückzuführen sei, die ihre Absichten
mittels dieses Planeten zur Auswirkung bringt. Endlich führten wir den gleichen
Gedankengang in Verbindung mit dem Sonnensystem weiter.
Schliesslich [147] gingen wir zur Betrachtung des zweiten, des radioaktiven Stadiums
über, das die Wissenschaft bezüglich des Atoms des Chemikers und Physikers schon seit
zwanzig Jahren studiert. Wir sahen, dass es einen zur Evolution des menschlichen Atoms
analogen Zustand gibt, dem aber eine dem atomaren Stadium entsprechende Periode
vorhergeht, in der ein Mensch rein selbstsüchtig, ganz in sich selbst zentriert ist und in
der er das Wohl der Gruppe, von der er doch ein Teil ist, überhaupt nicht zur Kenntnis
nimmt. Dieses vorhergehende Stadium ist in der Welt heute sehr deutlich sichtbar. Ein
grosser Prozentsatz der menschlichen Familie befindet sich im «atomaren» Stadium,
aber wir müssen immer bedenken, dass es ein schutzbietendes, notwendiges Stadium ist.
Jede menschliche Einheit muss diesen Prozess durchmachen, um dadurch ihren Platz in
der Gruppe zu finden und fähig zu werden, etwas zu entwickeln, was für diese Gruppe
von Wert ist, wenn das zweite Stadium betreten wird.
Heute gibt [148] es schon menschliche Einheiten, die in dieses zweite Stadium übergehen.
Sie werden radioaktiv und magnetisch, beeinflussen andere Formen und werden
allmählich gruppenbewusst; sie verlassen das «Ich bin» Stadium und kommen zur «Ich
bin Das» Erkenntnis; das Leben und die Absicht der grossen Wesenheit, von deren
Körper sie ein Teil sind, wird ihnen erkennbar; sie werden der Absicht gewahr, die dem
Leben des planetarischen Geistes zugrundeliegt, welche der subjektive Impuls hinter der
objektiven Erscheinung auf unserer Erde ist. Sie fangen an, mit seinen Plänen
zusammenzuarbeiten und wirken zur Förderung ihrer Gruppe. Der Unterschied
zwischen ihnen und anderen Atomen der menschlichen Familie liegt darin, dass sie nun
gruppenbewusst sind, einen weiteren Horizont, Gruppenerkenntnis und ein
umfassenderes Ziel haben. Gleichzeitig geht ihnen aber weder ihr Selbst-Bewusstsein
verloren, noch die eigene, individuelle Identität; ihr eigenes, sphärisches Leben bleibt
bestehen, aber sie setzen die ganze sie durchströmende Kraft und Energie nicht mehr für
eigene Vorhaben ein, sondern für intelligente Kooperation mit dem grossen Leben,
dessen Teil sie sind. Es gibt nur sehr selten und nur wenige solche Menschen. Wenn es
[149] aber einmal mehr sein werden, können wir uns auf einen Wandel der Weltzustände
und auf jene künftige Zeit gefasst machen, von welcher der Apostel Paulus spricht, wenn
er sagt: «Es sollte keine Spaltung im Leibe (der Gemeinde) sein, sondern dass die Glieder
für einander gleich sorgen. Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit und wird ein
Glied geehrt, so freuen sich alle mit ihm ... es ist derselbe Gott, der alles in Allem bewirkt.
Wir sind verschieden begabt, aber gleichen Geistes; es gibt verschiedene Ämter (Dienste),
aber den gleichen Herrn.» Wenn wir alle gruppenbewusst sein werden, wenn wir alle
den Zweck erkannt haben, dem alle Manifestation auf unserem Planeten dient, wenn wir
bewusst handeln und alle Energie für die Erfüllung der Gruppenplanungen einsetzen,
dann werden wir endlich haben, was der Christ «Das Millennium» nennt.
Wenn wir nun in der Evolution des Substanzatoms und in der des menschlichen Atoms
diese beiden Stadien vorfinden, und wenn sie die Basis aller zukünftigen Entwicklung
sind, dann gibt es auch im planetarischen Atom dieselben beiden Stadien, nämlich
dasjenige, in dem das planetarische Leben seine eigenen Pläne auswirkt und ein späteres,
in dem dieses in die umfassenderen Pläne jenes noch grösseren Lebens einschwingt,
welches das Sonnensystem [150] beseelt. Nachdem ich mich noch nicht für ein Interview
mit dem planetarischen Geist befähigt fühle, ist es mir auch nicht möglich zu sagen, ob er
bereits mit den Absichten des Sonnenlogos kooperiert; aber durch ein Studium der
Rassenevolution und der Entwicklung der grossen internationalen Planungen innerhalb
des Planeten könnten wir eine Idee von den generellen Zielen gewinnen. Nun dürfen wir
aber, auch wenn wir Menschen uns für die höchste und wichtigste Manifestation auf dem
Planeten halten, doch nicht vergessen, dass es noch andere Evolutionen geben kann,
durch die das zentrale Leben wirkt und wovon wir vorläufig sehr wenig wissen. Wir
müssen nämlich ausser dem Menschen noch die Engel-Evolution berücksichtigen, oder
die «Deva»-Evolution, wie sie der Hindu nennt. Das eröffnet uns ein immenses Feld für
Studien und Spekulation.
Wieder dürfen wir annehmen, innerhalb des Sonnensystems analoge Stadien
vorzufinden. So könnten wir vermutlich entdecken, dass das grosse Leben, welches das
ganze Sonnensystem beseelt, jene grosse Wesenheit, die es zur Ausführung eines
definitiven Zweckes benützt, dieses System mithilfe jener grossen Kraftzentren mit
Energie versorgt, die wir «planetarische Atome» nennen; dass ferner diese Kraftzentren
ihrerseits mittels geringerer Zentren oder Gruppen wirken, indem sie ihre Energie durch
Gruppen menschlicher Atome den verschiedenen Naturreichen zuleiten, und so weiter bis
zu dem winzigen Substanzatom, das in sich wieder [151] das gesamte Sonnensystem
reflektiert. Diese Frage des atomaren Lebens zu Ende zu denken ist ungeheuer
interessant und führt in vielen Richtungen zu weiteren Vermutungen. Einer der
interessantesten und wichtigsten Punkte, die sich uns eröffnen, ist die intime Korrelation
und enge Wechselwirkung zwischen Atomen jeglicher Art und die alles durchdringende
Einheit, die letzten Endes erkannt werden muss. Wenn wir nun gesehen haben, dass in
der Evolution aller wie immer gearteten Atome ein Stadium eintritt, in dem sie nach
ihrem Platz innerhalb der Gruppe tasten und suchen, und sie anstatt positiv zu sein, in
bezug auf ein grösseres Leben negativ werden, wenn es ferner tatsächlich in allen
Bewusstseinsmanifestationen eine selbstbewusste und eine gruppenbewusste Stufe gibt,
wäre es dann nicht logisch und möglich, dass am Ende vielleicht unser Sonnensystem
auch nur ein Atom innerhalb eines grösseren Ganzen ist? Könnte nicht für unser solares
System und unseren Sonnenlogos ein wiederum grösseres zentrales Leben existieren, von
dem der beseelende Geist des Sonnensystems allmählich angezogen wird und nach
dessen Bewusstheit unsere Gottheit strebt? Gibt es irgendwo Hinweise auf eine solche
anziehende Kraft oder so ein Ziel? Gibt es grössere Sphären solaren Lebens ausserhalb
unseres Systems, die darauf eine bestimmte Wirkung ausüben? Dies mag zwar nur eine
Spekulation sein, aber sie enthält doch gewisse interessante Fragen. Wenn wir
astronomische Bücher studieren und nach Bestätigungen der Astronomen suchen, ob sich
das so verhält oder nicht, werden wir allerdings auf einen Berg sich widersprechender
Meinungen stossen; manche sagen, es gebe in den Plejaden einen zentralen Punkt, um
den unser Sonnensystem kreist, andere behaupten, der Punkt magnetischer Anziehung
für unser Sonnensystem liege in der Konstellation Hercules. Andererseits wird [152] dem
glatt widersprochen. Einige Astronomen sprechen von «Sterntriften» und dass die Trift
oder der Trend gewisser Sterne in einer spezifischen Richtung verlaufe; wieder andere
argumentieren, die Entfernungen seien so ungeheuer gross, dass unmöglich bestimmbar
sei, ob bestimmte Systeme eine festgesetzte Bahn verfolgen oder nicht.
Befragen wir dennoch einmal einige der alten Bücher, nämlich diejenigen, die wir die
mythologischen nennen (und ein Mythos könnte als etwas definiert werden, das eine
grosse Wahrheit so lange verborgen hält, bis wir sie erkennen) und studieren wir diese
alten Bücher des Ostens, dann stellt sich heraus, dass in allen übereinstimmend zwei oder
drei Konstellationen genannt werden, denen eine seltsam intime Beziehung zu unserem
Sonnensystem zugeschrieben wird. Diesen Aussagen gegenüber behalten moderne
Astronomen noch immer eine agnostische Haltung bei und vom Standpunkt
materialistischer Wissenschaft mit Recht. Was ich hier hervorheben möchte, ist dies:
wenn ein Gegenstand, bei welchem Wissenschaftler und Astronomen geteilter Meinung
sind, trotzdem ein Thema bleibt, um das weiter gestritten wird, und wenn über dieses
Thema die Bücher des Ostens einen klaren Ton anschlagen, muss eine Tatsachenbasis
vorhanden sein und es steckt in der Behauptung wahrscheinlich [153] ein Aspekt der
Wahrheit. Ich persönlich vermute hier, dass dieser Aspekt der Wahrheit nicht auf der
Linie physikalischer Interpretation, sondern auf der Linie des Bewusstseins gefunden
werden kann; denn es handelt sich hier um die psychische Evolution, die in allen Atomen
vor sich geht (wobei «psychisch» im Sinne des subjektiven Bewusstseins gemeint ist),
worauf sich diese Bücher beziehen, und die Betonung liegt darauf, dass wir eine okkulte
Beziehung zu anderen Sonnensystemen haben. Hier kann die Wahrheit vielleicht
gefunden werden. Einheitlich kann das subjektive Leben sein und einheitlich auch die
zwischen ihnen fluktuierende Energie, aber in der physischen Form ist Verschiedenheit.
Wahrscheinlich gibt es in der Evolution der Intelligenz, in der Manifestation der Liebe
oder des Gruppenbewusstseins und in der Entwicklung des Willens oder der Absicht diese
Einheit, dieses Einssein des subjektiven Lebens; und wir kommen zu der Erkenntnis, dass
es in der Form und nur in der Form Getrenntheit und Differenzierung gibt.
Die alten Bücher des Ostens weisen bei Behandlung dieses Gegenstandes darauf hin, dass
die sieben Sterne des Grossen Bären, die sieben Sterne der Plejaden und die Sonne Sirius
eine ausserordentlich enge Verbindung zu unserem Sonnensystem haben, und dass eine
intime psychisch-magnetische Beziehung zwischen unserem Sonnenlogos und ihnen
besteht.
Wir sahen, dass [154] für das Atom der Substanz Selbst-Bewusstsein das Ziel ist; und
dass für die Wesenheit, deren Evolution durch einen Planeten stattfindet, GottBewusstsein das Ziel sein könnte. Obwohl uns natürlich für Überlegungen, die den
Sonnenlogos betreffen, die Worte fehlen, muss es trotzdem auch für ihn ein Ziel geben. Sie
können es das absolute Bewusstsein nennen, wenn Sie wollen. Lassen Sie uns das wieder
deutlich machen. Unser Körper ist, wie uns gesagt wurde, aus einer Unzahl kleiner Leben
oder Zellen oder Atome zusammengesetzt, von denen jedes sein eigenes individuelles
Bewusstsein besitzt. Das entspricht seinem Selbst-Bewusstsein. Als Ganzes gesehen
könnte man dann das Bewusstsein des physischen Körpers, vom Standpunkt des Atoms
aus, als sein Gruppen-Bewusstsein betrachten. Ferner haben wir das Bewusstsein des
Menschen, des Denkers. Er ist derjenige, der den Körper beseelt und ihn nach seinem
Willen handhabt, - das bedeutet analog für das Atom in seinem Körper dasselbe, was wir
Gott-Bewusstsein nennen könnten. Unsere selbstbewusste Erkenntnis ist ebensoweit von
der des Atoms entfernt, wie das Bewusstsein des Sonnenlogos von dem unseren. Könnte
nun nicht für das Atom in unserem Körper das Bewusstsein des Sonnenlogos ein
absolutes Bewusstsein genannt werden? Dieser Gedanke kann auf das Menschenatom
wie auf das planetarische Atom ausgedehnt werden und man könnte ferner aussagen,
dass der Sonnenlogos einem Bewusstsein entgegenstrebt, das jenseits seines eigenen
liegt, analog zu dem, was sich zwischen dem Atom in Ihrem Körper und dem
Sonnenlogos ausdehnt Hier öffnet sich vor Ihnen ein unglaublicher Ausblick. Und doch ist
das als solches ermutigend; denn wenn wir die Zelle in einem physischen Körper
studieren und uns ihren langen Weg vergegenwärtigen, den sie von ihrem eigenen
Bewusstsein bis zu dem hat verfolgen müssen, was ein Mensch jetzt als sein eigenes
Bewusstsein kennt, dann ist das eine Verheissung und unsere Hoffnung auf zukünftige
Vollendung, und gleichzeitig ein Ansporn, in unserem Streben auszuharren.
Die [155] alten Bücher des Ostens haben während ganzer Zeitalter die Wahrheit über
vieles geheimgehalten, was jetzt erst anfängt, in das Bewusstseinsfeld der westlichen
Menschen zu dringen. Sie lehrten bereits vor Tausenden von Jahren die radioaktive
Beschaffenheit der Materie, also könnten doch auch ihre Lehren über die
Sternkonstellationen letzten Endes einen gleichen Anteil an Wahrheit enthalten. Vielleicht
liegt in den Sternen, die wir im fernen Himmelsraum sehen und dem Leben, das in ihnen
seine Evolution erlebt, das Ziel unseres Sonnenlogos; und aus ihnen könnten auch die
ihm zuströmenden und ihn anziehenden Einflüsse kommen, die ihn nach entsprechendem
Zeitablauf radioaktiv machen werden. In den östlichen Büchern heisst es, in der Sonne
Sirius liege die Quelle der Weisheit, und der Einfluss der Energie der Liebe ströme von
dort aus. Dann heisst es auch, es gebe eine Konstellation, die noch viel enger mit unserem
solaren Logos verbunden sei und zwar deshalb, weil er bis jetzt noch nicht weit genug auf
seinem Evolutionsweg fortgeschritten ist, um in vollem Ausmass auf Sirius reagieren zu
können; dass er jedoch auf den Einfluss der «sieben Schwestern» [156] der Plejaden
ansprechen kann. Diese Sterngruppe ist besonders interessant. Wenn Sie im Wörterbuch
das Wort «Elektrizität» nachschlagen, werden Sie finden, dass es möglicherweise auf den
Stern Electra zurückgeht, eine der «sieben Schwestern» die von einigen als die «kleine
verlorene Plejade» angesehen wird. Weiter behaupten die östlichen Lehrer, dass im
Mysterium der Elektrizität alles Wissen verborgen sei, und wenn wir dieses ergründet
hätten, wüssten wir alles, was gewusst werden kann. Es ist uns nicht möglich zu sagen,
welcher Art die Beziehung der Plejaden zu unserem Sonnensystem sein mag; aber sogar
die christliche Bibel erwähnt sie und Hiob spricht von «dem süssen Einfluss der
Plejaden», während östliche Schriften bestätigen, die Verbindung sei in Ton und
Schwingung zu suchen. Vielleicht sind die Plejaden die Quelle des atomaren Lebens
unseres Logos, der Aspekt aktiver Intelligenz, der eine, der zuerst entwickelt wurde und
den wir elektrische Materie nennen könnten.
Dann ist da noch der Grosse Bär. Auch über die Beziehung des Grossen Bären zu den
Plejaden gibt es in den östlichen Schriften viele interessante Aussagen. Von den «sieben
Schwestern» heisst es, sie seien die sieben Frauen der sieben Sterne des Grossen Bären.
Was könnte nun die Wahrheit sein, die sich hinter dieser Legende verbirgt? Wenn die
Plejaden die Quelle der elektrischen Manifestation, der aktive Intelligenzaspekt des
Sonnensystems sind und ihre Energie das ist, was alle Materie beseelt, dann könnten sie
vielleicht den negativen Aspekt repräsentieren, dessen polarer Gegensatz, oder der
positive Aspekt, das Sternbild ihrer sieben Gatten [157] wäre, die sieben Sterne im
Grossen Bären. Vielleicht ist die Vereinigung dieser beiden das, was unser Sonnensystem
hervorbringt. Vielleicht auch, dass diese beiden Energietypen, eine von den Plejaden, die
andere vom Grossen Bären, zusammenkommen und in ihrer Konjunktion das gewaltige
Leuchten hervorbrächten, das wir unser Sonnensystem nennen.
Die Beziehung zwischen diesen beiden Konstellationen, vielmehr ihre subjektive
Beziehung, muss sicher auf möglichen Tatsachen beruhen, sonst würde in den
verschiedenen Mythologien nicht immer wieder darauf hingewiesen. Es muss etwas
geben, das sie, aus all den Myriaden von Konstellationen, mit unserem Sonnensystem
verbindet. Wenn wir jedoch versuchen, eine rein physikalische Anwendbarkeit zu finden,
gehen wir in die Irre. Verfolgen wir jedoch die Linie des subjektiven Lebens und bringen
es mit Energie, Qualität oder Kraft in Verbindung, dann kann es geschehen, dass wir
unerwartet über die Wahrheit stolpern und etwas von der Wirklichkeit entdecken, die der
Hintergrund einer zunächst sinnlos erscheinenden Fabel ist. Alles, was unseren Horizont
erweitert, was uns zu einer umfassenderen Vision und klarerer Erkenntnis von dem
befähigt, was sich in Wirklichkeit im Evolutionsprozess vollzieht, ist für uns von Wert;
aber nicht, weil die Anhäufung festgestellter Fakten wertvoll wäre, sondern wegen der
Dinge, die wir in uns selbst zustandebringen können. Unsere Fähigkeit, in weiteren und
umfassenderen Begriffen zu denken, steigert sich, so dass wir lernen, über unseren
selbstzentrierten Gesichtswinkel hinauszuschauen und in unser Bewusstsein andere und
andersartige Aspekte als die eigenen einzubeziehen. Dabei entwickeln wir
Gruppenbewusstsein und werden schliesslich erleben, dass die scheinbar so gewaltigen
Ideen, für die wir äonenlang kämpften und starben und die wir als die ganze Wahrheit
priesen, im Grunde nur Fragmente eines Planes waren und unendlich winzige Anteile
[158] einer gigantischen Gesamtsumme. Vielleicht wird uns daher, wenn wir einmal auf
diese Erde zurückkehren sollten und auf das zurückblicken, was uns jetzt so interessant
und wichtig erscheint, aufgehen, wie fehlerhaft und irrig die Tatsachen von uns erfasst
worden sind. Auf Fakten kommt es letzten Endes nicht an; die Fakten des vergangenen
Jahrhunderts sind heute schon keine mehr, und im nächsten Jahrhundert werden die
Wissenschaftler womöglich über unsere dogmatischen Behauptungen lachen und sich
wundern, wie es möglich war, Materie so zu betrachten, wie wir es taten. In Wirklichkeit
geht es einzig um die Entwicklung des Lebens und die Beziehung des Lebens zu allem was
uns umgibt; und vor allem anderen um die Wirkung, die wir auf die Menschen ausüben,
mit denen wir in Verbindung kommen und um die Arbeit, die wir leisten, die ja, sei es im
Guten oder Schlechten, die Gruppe beeinflusst, in der wir uns befinden. Um diese
Vortragsreihe zu beenden, weiss ich nichts besseres als wieder den Apostel Paulus zu
zitieren: «Ich bin der Ansicht, die Leiden dieser Zeit sind nicht zu vergleichen mit der
künftigen Herrlichkeit, die [159] an uns offenbart werden soll ... denn wir werden
gerettet durch die Hoffnung ... Ich bin überzeugt: weder Tod noch Leben, weder Engel
noch Herrschaften, noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder
Hohes noch Niederes noch sonst etwas Erschaffenes, vermag uns von der Liebe Gottes zu
scheiden.»
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