Neuroendokrine Neoplasien 1 Allgemeines 2 Terminologie und

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Neuroendokrine Neoplasien
Inhaltsverzeichnis
1 Allgemeines
2 Terminologie und Klassifikationen
3 Häufigkeit
4 Besondere Eigenschaften und Nachweis
5 Hormonaktive und hormoninaktive Tumoren
6 Laboruntersuchungen
7 Bildgebende Untersuchungen
8 Histologische Untersuchung
9 Chirurgische Entfernung
10 Medikamentöse Therapieformen
11 Lokale bzw. leberspezifische Verfahren
12 Therapieentscheidung
13 Seltene Lokalisationen
14 Zweittumor bei NEN-Patienten?
1 Allgemeines
Neuroendokrine Neoplasien (NEN) haben ihren Ursprung im diffusen neuroendokrinen Zellsystem. Diese
Neuroendokrinen Zellen finden sich
im gesamten Organismus. Es handelt sich um ortsständige Zellen in den inneren Organen. NEN können
demzufolge grundsätzlich in jedem Organ ihren Ursprung
haben. Besonders gehäuft treten sie im Verdauungstrakt und im Bronchialsystem auf.
Die neuroendokrinen Neoplasien umfassen ein sehr breites Spektrum von Tumorerkrankungen. Dieses
reicht von Tumoren mit sehr niedrigem
malignem Potential, die möglicherweise nach lokaler Entfernung geheilt sind, bis hin zu hoch aggressiven
Karzinomen. Aufgrund dieses sehr breiten biologischen
Spektrums erfordert die Diagnostik und Therapie ein hohes Maß an interdisziplinärer Zusammenarbeit. Da
es sich um relativ seltene - der breiten
Ärzteschaft z. T. nicht ausreichend bekannte - Tumorerkrankungen handelt, braucht es für die initiale
Diagnosestellung einen erfahrenen Pathologen und für die weiterführende
Diagnostik und insbesondere für die Auswahl der Therapie ein entsprechend geschultes und erfahrenes
Ärzteteam.
2 Terminologie und Klassifikationen
Die Bezeichnung "Neuroendokrine Neoplasien" (WHO 2010) umfasst die hoch differenzierten
„Neuroendokrinen Tumore" (NET) und die gering differenzierten
„Neuroendokrinen Karzinome" (NEC). Zur Untergruppe der „Neuroendokrinen Tumoren" zählt auch das
Karzinoid.
Gastroenteropankreatische (GEP)-NET/NEC, Lungen-NET/NEC oder Multiple endokrine Neoplasien Typ
1(MEN 1)
sind unter den Neuroendokrinen Neoplasien einzuordnen.
In der älteren Literatur und z. T. immer noch in anderen Ländern wird die Bezeichnung „Karzinoid"
demgegenüber meist synonym für gut differenzierte
gastrointestinale neuroendokrine Tumoren verwendet.
Der Begriff „Karzinoid" wurde vom Pathologen Oberndorfer aus München im Jahr 1907 geprägt, und zwar für
Tumoren des Darms mit sehr langsamem Wachstum, die sich weniger aggressiv als die gewöhnlichen
Karzinome verhalten. Nachdem „Karzinoide" nicht nur im
Dünndarm, sondern auch an anderen Stellen im Körper beschrieben wurden, wurden diese nach Lage und
embryonaler Entwicklung eingeteilt in NEN des „Vorderdarms"
= „foregut" (dazu zählen Lunge, Magen, Zwölffingerdarm [Duodenum], oberer Leerdarm [Jejunum],
Bauchspeicheldrüse), des „Mitteldarms" = „midgut"
(dazu zählen hinteres Jejunum, Krummdarm [Ileum], Blinddarm [Appendix], Anfangsteil des Dickdarms
[Zökum] und aufsteigender Dickdarm [Colon ascendens])
und NEN des „Hinterdarms" = „hintgut" (dazu zählen Grimmdarm [Kolon] und Enddarm [Rektum]). Diese
groborientierende Einteilung entsprechend der
Lokalisation erwies sich als zu ungenau, um der Vielfalt der NEN gerecht zu werden.
Wir wissen heute, dass NEN biologisch sehr heterogen sind und sich klinisch sehr unterschiedlich verhalten
je nach ihrem Ursprungsort (z.B. Lunge, Magen, Pankreas, Dünndarm, Dickdarm),
ihrer Differenzierung, ihrer proliferativen Aktivität, also ihrem Wachstumsverhalten, ihrer Fähigkeit, Hormone
in die Blutbahn auszuschütten und
ihrem hereditärem (= erblichen) Hintergrund. Damit verbunden ist eine sehr individuelle Prognose.
Durch die Vorarbeiten der European Neuroendocrine Tumor Society ENETS (2006 - 2012), die TNMKlassifikation nach UICC (2009) und die neue WHO-Klassifikation (2010)
wurde die Diagnostik der NEN erheblich standardisiert und vereinfacht. Sowohl tumorbiologischen als auch
prognostischen und therapeutischen Kriterien wird
nun Rechnung getragen. Die standardisierte Diagnostik einer NEN ist die Voraussetzung für die
interdisziplinäre Prognoseeinschätzung.
Grundsätzliche Kriterien für die Klassifikation einer NEN sind neben der funktionellen Aktivität und dem (in
seltenen Fällen) hereditären (= erblichen) Hintergrund:
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die Lokalisation des Ausgangstumors (Primärtumors)
die lokale Infiltrationstiefe des Primärtumors im jeweiligen Organ (T-Stadium)
lokoregionäre Lymphknotenmetastasen (N-Stadium)
Fernmetastasen (M-Stadium)
der histologische Differenzierungsgrad (hohe oder niedrige Differenzierung)
das proliferationsbasierte Grading (ermittelt als Mitoserate und/oder immunhistochemisch als
Ki67/MIB-1-Index)
Die Berücksichtigung dieser Basisparameter ermöglicht eine einheitliche und international verbindliche
Klassifikation in Form einer organspezifischen TNM-Einteilung, die von der UICC und der europäischen
Fachgesellschaft ENETS in nahezu deckungsgleicher Form publiziert und in die WHO-Klassifikation 2010
integriert wurde. Darüber hinaus prognostisch wie therapeutisch entscheidend ist das Tumorgrading. Dieses
basiert auf der proliferativen Aktivität einer NEN. Mehrere an umfangreichen Patientenkollektiven
durchgeführte Validierungsuntersuchungen zur proliferativen Aktivität von NEN haben die prognostische
Wertigkeit sowohl des Gradings als auch des TNM-Stagings eindrucksvoll belegen können.
3 Häufigkeit
Neuroendokrine Neoplasien sind seltene Tumoren. Sie können sich in jedem Organ manifestieren, am
häufigsten treten sie jedoch im Verdauungstrakt und in der Lunge auf. Pro Jahr beträgt die Zahl der
Neuerkrankungen 0,5-5,0 pro 100.000 Einwohner - bei deutlich steigender Inzidenz in den letzten 10 Jahren.
NEN weisen ein sehr breites Spektrum hinsichtlich ihres klinischen Verhaltens auf, das von niedrig
proliferativen (langsam wachsenden) bis zu hoch proliferativen (hoch malignen, schnell wachsenden)
Formen reicht.
4 Besondere Eigenschaften und Nachweis
Eine besondere Eigenschaft dieser Tumoren ist die Fähigkeit, Hormone zu speichern und auszuschütten. Je
nachdem, ob diese Hormone in wesentlichen Mengen abgegeben werden und im Körper
ihre Wirkung entfalten, können NEN mit unterschiedlichen endokrinologischen Syndromen (z. B.
Karzinoidsyndrom durch Serotonin; Zollinger-Ellison-Syndrom ZES
durch Gastrin; Cushing-Syndrom durch ACTH etc.) assoziiert sein.
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Grundlage für die Diagnostik von NEN ist allen etablierten Klassifikationen zufolge der histologische Befund
gemeinsam mit dem Nachweis von neurosekretorischen Vesikeln, in denen Hormone und/oder biogene
Amine gespeichert werden. Auf der Basis des histologischen Befundes und des Nachweises
neurosekretorischer Vesikelproteine wie Chromogranin A und
Synaptophysin wird daher die Diagnose NEN gestellt.
Im Tumorgewebe lassen sich immunhistochemisch verschiedene Hormone oder biogene Amine (wie z. B.
Serotonin) nachweisen. Jedoch sezernieren nicht alle NEN diese Botenstoffe in
klinisch wirksamen Mengen in die Blutbahn, so dass wir hormonaktive (= funktionell aktive, funktionelle)
NEN von nicht hormonaktiven (= nicht
funktionell aktive, nonfunktionelle) NEN unterscheiden. Wichtig für die Diagnose von hormonaktiven NEN ist,
dass die Ausschüttung eines speziellen
Botenstoffs zu einem bestimmten klinischen Beschwerdebild (Syndrom) führt.
Diese Syndrome können je nach Art des gebildeten Hormons sehr unterschiedlich sein. Nicht schon die
Bildung und Ausschüttung eines Hormons oder biogenen
Amins an sich, sondern ausschließlich das klinische manifeste Hormonhypersekretionssyndrom
(Funktionalität) klassifiziert einen NEN als funktionell aktiv. Ist - unabhängig von der hormonellen Sekretion kein klinisches Syndrom nachweisbar, so werden NEN als nonfunktionell bezeichnet. Mehr als die Hälfte
aller NEN treten nicht in Form eines endokrinologischen Syndroms in Erscheinung.
5 Hormonaktive und hormoninaktive Tumoren
Die Einteilung in hormonell bzw. funktionell aktive und inaktive Tumoren hat große Bedeutung, da diese
Tumoren
sich klinisch deutlich unterscheiden, d. h. andere Symptome und Beschwerden bedingen, und zum Teil
unterschiedliche Therapien erfordern.
- Funktionell inaktive Tumoren
Mehr als die Hälfte der NEN verhalten sich funktionell inaktiv. Sie fallen meist erst spät durch unspezifische
Beschwerden wie Bauchschmerzen, Gewichtsverlust oder Gelbsucht
auf oder werden zufällig bei einer bildgebenden oder endoskopischen Untersuchung entdeckt.
- Funktionell aktive Tumoren
Die funktionell aktiven Tumoren gehen mit charakteristischen Beschwerden einher. Je nachdem, ob sie in
der Bauchspeicheldrüse lokalisiert sind, im Darm
oder der Lunge, rufen sie unterschiedliche Krankheitsbilder hervor.
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== Klinische Diagnostik von Neuroendokrinen Neoplasien ==
Sowohl die Diagnostik als auch die Therapie von NEN erfordern ein hohes Maß an interdisziplinärer
Zusammenarbeit und ein spezielles Fachwissen.
Die Diagnostik umfasst die Bestimmung von Hormonen im Blut bzw. Urin, bildgebende Untersuchungen zur
Bestimmung der Tumorausdehnung und die
histologische (feingewebliche) Aufarbeitung des Tumors nach erfolgter Operation oder nach einer
Probenentnahme aus einer Lebermetastase bzw. aus dem
Primärtumor.
6 Laboruntersuchungen
Zur Labordiagnostik von funktionell aktiven Tumoren gehören die Bestimmung des spezifischen
Peptidhormons bei endokrin
aktiven Pankreastumoren, wie Insulin, Gastrin, Serotonin oder anderen, und die Bestimmung der 5Hydroxyindolessigsäure (5-HIES) im 24-Stunden-Urin beim
Karzinoid-Syndrom. Der bedeutendste allgemeine Tumormarker ist Chromogranin A, ein Glykoprotein, das
in neuroendokrinen Tumorzellen synthetisiert, in sekretorischen
Granula gespeichert und in die Blutbahn ausgeschüttet wird. Die Bestimmung von Chromogranin A hat
insbesondere bei Tumoren ohne funktionelle Aktivität
Bedeutung. Chromogranin A wird bei mehr als 80 % der NEN-Patienten im Plasma erhöht gemessen und
dient insbesondere auch der Verlaufsbeurteilung der
Tumorerkrankung. Die Höhe des Chromogranin-A-Spiegels variiert interindividuell stark, es besteht eine
Korrelation zur Tumormasse.
Wegen der Vergleichbarkeit der Messergebnisse ist es sinnvoll, Chromogranin A immer im selben Labor und
nach demselben
Messverfahren zu überprüfen. Erhöhte Chromogranin A-Werte können jedoch auch andere, z. B.
medikamentöse oder nahrungsabhängige Ursachen haben.
Sollte trotz einer bekannten NEN Chromogranin A nicht erhöht gemessen werden, so kann alternativ bei
Tumoren der Bauchspeicheldrüse Pankreatisches Polypeptid
(PP) oder Calcitonin und bei Tumoren des Bronchialsystems auch die Neuronenspezifische Enolase (NSE)
bestimmt werden. Die NSE dient vor allem als
Marker für die schlecht differenzierten NEN.
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7 Bildgebende Untersuchungen
Die Bildgebung von NEN ist vielfältig und beinhaltet neben der sonographischen Untersuchung (Ultraschall)
u. a. radiologisch-morphologisch
orientierte Verfahren (Computertomographie [CT] oder Magnetresonanztomographie [MRT]), die Endoskopie
(endoskopischer Ultraschall mit der Möglichkeit der
Probenentnahme) und nuklearmedizinische Verfahren (Szintigraphie, Single-Photonen-Emissions-ComputerTomographie (SPECT) sowie die Positronen-Emissions-Tomographie [PET]).
Die bildgebenden Verfahren der ersten Wahl zum Nachweis von Primärtumor und Metastasen sind neben
den morphologisch orientierten Verfahren die Somatostatin-Rezeptor-Bildgebung mittels 111In-OctreotidSzintigraphie oder die PET mit Somatostatin-Rezeptor-Liganden (z.B. 68Ga-DOTATOC)) oder - abhängig
von Tumorart und Differenzierungsgrad - die PET unter
Verwendung anderer radioaktiver Substanzen, die in der Tumorzelle verstoffwechselt werden (z.B. 11C-5Hydroxytryptophan (HTP) oder 18F-L-dopa
(FDOPA) als Vorläufer der biogenen Amine Serotonin und Dopamin oder die 18F-Fluordeoxyglukose (FDG),
ein radioaktiv markierter Zucker, der vor allem von schlecht
differenzierten, rasch wachsenden Tumoren aufgenommen wird). Die modernen PET-Scanner sind heute
meist mit einem Computertomographen kombiniert, so dass
in einem Untersuchungsgang sowohl Funktion (PET) als auch Morphe (CT) optimal fusioniert dargestellt
werden können (sog. PET/CT Geräte).
Im Rahmen der Somatostatin-Rezeptor-Bildgebung, die heute mit am häufigsten für die funktionelle
Bildgebung von NEN eingesetzt wird, können die in der Regel auf neuroendokrinen
Tumoren in hoher Dichte vorhandenen spezifischen Somatostatin-Rezeptoren (am häufigsten der
Somatosatin-Rezeptor-Subtyp 2) dargestellt werden. Diese Methode
besitzt eine hohe Nachweisquote von 80-90 %, da die meisten NEN diese Rezeptoren besitzen (Ausnahme:
Insulinom).
Die Untersuchung ermöglicht durch Ganzkörperdarstellung ein komplettes Staging (Ausbreitungsdiagnostik)
mit Nachweis von Tumorabsiedlungen in verschiedenen Organen (z. B. in Lymphknoten,
Leber, Knochen, Lunge) mit Konsequenzen für die therapeutische Strategie, so z. B. für die Beurteilung der
Möglichkeit einer kompletten Resektion des Tumors
und der damit beabsichtigten kurativen Therapie (Heilung durch Operation). Auch erlaubt die Methode,
Patienten für eine Therapie mit ‚kalten‘ (z.B. Octreotid,
Lanreotid) oder ‚heißen‘ (Peptid-Radiorezeptor-Therapie (PRRT)) Somatostatinanaloga zu selektionieren
bzw. den Verlauf unter Therapie zu
beurteilen.
Bei positivem Octreotid-Szintigramm bzw. positiver PET dienen CT und MRT der genaueren
morphologischen Erfassung der entdeckten Primärtumoren und Metastasen, welche dann im Verlauf ggf.
auch mit rein morpholgischer Bildgebung beurteilt werden können. Insbesondere bei steigendem
Tumormarker und stabilem Tumorbefund in der konventionellen Bildgebung oder
beim Auftreten von Beschwerden, die neue Tumorabsiedlungen wahrscheinlich machen, aber auch zur
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Verlaufskontrolle kann eine erneute Somatostatin-Rezeptor-Szintigraphie
oder PET-Untersuchung sinnvoll sein.
Die PET-Untersuchung mit 68Gallium-markierten Somatostatin-Rezeptor-Liganden (DOTATOC, DOTATATE
oder DOTANOC) zeigt im
direkten Vergleich mit der herkömmlichen 111Indium-Octreotid-Szintigraphie aufgrund des deutlich besseren
Auflösungsvermögens eine sehr viel höhere
Sensitivität bei ähnlicher Spezifität. Ein weiterer Vorteil ist die geringere Strahlenexposition für den Patienten
und die kürzere Untersuchungszeit. Allerdings
ist die PET-Untersuchung im Gegensatz zur Octreotid-Szintigraphie bislang keine Kassenleistung und kann
häufig nur im Rahmen eines prästationären oder
stationären Aufenthaltes durchgeführt werden. Die Octreotid-Szintigraphie ist zudem an deutlich mehr
Standorten verfügbar, während die PET-Diagnostik nur in
größeren Krankenhäusern vorgehalten wird.
Bei kleinen Tumoren der Bauchspeicheldrüse, z.B. Insulinomen und Pankreastumoren im Rahmen einer
Multiplen Endokrinen
Neoplasie Typ 1 (MEN 1), ist der endoskopische Ultraschall mit der Möglichkeit, ggf. gleichzeitig Gewebe für
eine histologische Aufarbeitung gewinnen zu
können, das Verfahren der ersten Wahl.
Für die präoperative Diagnostik von Insulinomen werden neben der PET mit FDOPA und HTP überdies für
die Zukunft hohe Erwartungen in die Weiterentwicklung der nuklearmedizinischen
Diagnostik per GLP-1-R-Imaging (= Glucagon-Like Peptide-1 Receptor Imaging) gesetzt, da die
Somatostatin-Rezeptor-Bildgebung aufgrund des häufig fehlenden
Somatostatin-Rezeptor-Besatzes beim Insulinom oft nicht ausreichend aussagekräftig ist. Die Sensitivität bei
kleinen, nicht metastasierten Insulinomen liegt nach
ersten Studien bei nahezu 100 % (gegenüber 36 % bei der CT und 38 % bei der MRT).
Zusammengefasst erfordert das breite Spektrum der NEN abhängig von Tumorart und Differenzierungsgrad
eine auf den Patienten individuell zugeschnittene Diagnostik. Neben den
wertvollen, rein morphologisch orientierten Verfahren der CT, MRT und Endoskopie bleibt die FDG-PET
schlecht differenzierten NEN vorbehalten. Während
in der Diagnostik von gut bis mittelgradig differenzierten NEN und zur Therapiestratifizierung bevorzugt die
Somatostatin-Rezeptor-Bildgebung
(Octreotid-Szintigraphie oder besser PET) eingesetzt wird, finden HTP und F-DOPA ihren Einsatz bei
Insulinomen und gut differenzierten, Somatostatin-Rezeptor- (SSTR)-negativen
und Serotonin-positiven NEN. Die Entwicklung dieser hochspezifischen Radiopharmazeutika und die
Einführung der Hybrid-Bildgebung mittels SPECT/CT oder PET/CT bedeutet
eine neue Qualität in der Diagnostik von NEN. Die fehlende anatomische Information, insbesondere bei
Verwendung der hochspezifischen Liganden, wird
durch die CT ergänzt. Die kombinierte Bildgebung zeigt so eine höhere Genauigkeit als beide Modalitäten
alleine und eröffnet breite Möglichkeiten in der Diagnostik von NEN.
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8 Histologische Untersuchung
Die Diagnose eines NEN wird primär histologisch (d. h. auf die Gewebe des Körpers bezogen) am
Operationspräparat oder durch Untersuchung von Biopsiegewebe gestellt. Ein erfahrener Pathologe kann
bereits lichtmikroskopisch anhand einer konventionellen Färbung der Gewebeprobe den Verdacht auf eine
NEN stellen. Die Diagnostik mittels Antikörper Chromogranin A und Synaptophysin sind obligater Bestandteil
der Untersuchung und führen zu einer definitiven Diagnose. Die proliferative Aktivität
(Wachstumsgeschwindigkeit) wird mittels Auszählen von Mitosen und/oder durch Einsatz von Antikörpern
gegen proliferations-assoziierte Antigene (Ki-67/MIB-1) festgelegt. Antikörper gegen spezifische
Peptidhormone und/oder biogene Amine geben wichtige Hinweise, um welchen Tumortyp es sich handelt
und welche funktionelle Aktivität möglicherweise zu erwarten ist. Die Expression des SomatostatinRezeptors 2A kann auch immunhistologisch am Tumorgewebe selbst bestimmt werden und gibt eine erste
orientierende Auskunft darüber, ob dieser für die nuklearmedizinische Diagnostik besonders wichtige
Rezeptor im Tumorgewebe nachweisbar ist.
9 Chirurgische Entfernung
Das Ziel der Therapie ist zunächst eine Heilung des Tumorleidens durch eine möglichst komplette
chirurgische Tumorentfernung. In vielen Fällen ist dies nicht möglich, da der Tumor sich bereits so weit in
andere Organe ausgebreitet hat, dass eine komplette Resektion aller Tumormanifestationen nicht mehr
möglich ist. Auch in diesen Fällen ist insbesondere bei funktionell aktiven Tumoren zu prüfen, ob ein Teil der
Tumormasse, z. B. durch Leberteilresektion, entfernt werden kann, um das Ansprechen auf eine
medikamentöse Behandlung zu verbessern.
10 Medikamentöse Therapieformen
Die medikamentöse Behandlung hat bei funktionell aktiven Tumoren das Ziel, die durch
Hormonausschüttung bedingten Beschwerden zu reduzieren, z. B.
Flush, Durchfälle und Asthmaanfälle beim Karzinoid- Syndrom, und möglichen Komplikationen vorzubeugen,
wie der Karzinoid-Krise und der Karzinoid-Herzerkrankung. Das
weitere Ziel der Behandlung ist die Hemmung des Tumorwachstums bei allen NEN. Dafür stehen
verschiedene Therapieansätze zur Verfügung.
Die längsten Erfahrungen bestehen zum Einsatz von Somatostatinanaloga (Octreotid, Lanreotid) und
Interferon-a beim Karzinoid-Syndrom.
In Abhängigkeit von der NEN-Primärlokalisation (insbesondere für die NEN der Bauchspeicheldrüse) stehen
seit Kurzem zudem neue Medikamente, die sog.
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Targeted Therapies, zur Verfügung. Das sind Medikamente, die bestimmte Signalketten in der Tumorzelle
unterbrechen und so deren Wachstum hemmen
sollen.
Die systemische Chemotherapie hat Bedeutung bei wachsenden Pankreastumoren und schlecht
differenzierten, schnell wachsenden NEN jeglicher Lokalisation.
11 Lokale bzw. leberspezifische Verfahren
Ergänzend werden lokale Therapieverfahren, wie (Chemo-)Embolisation, Radiofrequenzablation (RFA) oder
Laser-induzierte Thermotherapie (LITT) eingesetzt oder auch die nuklearmedizinisch basierte SIRT
(Selektive Interne Radiotherapie).
== Nuklearmedizinische Therapie ==
Das Spektrum der Therapie wird bei G1- und G2-NET erweitert durch die Anwendung der
Radiorezeptortherapie (auch Radionuklidtherapie, Radiopeptidtherapie,
Radioligandentherapie oder PRRT genannt). Dabei werden ähnlich der Somatostatin-Rezeptor-Bildgebung
Somatostatinanaloga verwendet, die dann nicht
mit einem diagnostischen, sondern einem therapeutisch wirksamen radioaktiven Strahler, z. B. 177Lutetium
oder 90Yttrium, gekoppelt
werden. Voraussetzung für diese Therapie ist ein hoher Besatz des Tumors mit Somatostatin-Rezeptoren.
Tumorrückbildungen werden in ca. 30 % der Fälle, eine
Wachstumsstabilisierung in ca. 40-50 % der Fälle erzielt. Die Therapie liegt in der Verantwortung der
einzelnen Zentren, die sie anbieten. Da es noch zu wenige
bzw. bislang keine vergleichenden Studien gibt, wird die PRRT gegenwärtig in den Leitlinien nicht als
Erstlinientherapie empfohlen.
12 Therapieentscheidung
Die Auswahl der Therapie ist individuell sehr unterschiedlich. In der Regel werden Patienten mit NEN im
Lauf ihrer Erkrankung verschiedenen Behandlungen zugeführt. Das Spektrum der Vorgehensweisen reicht
von der chirurgischen Tumorentfernung oder vom „Zuwarten ohne spezifische Therapie" bei funktionell
inaktiven Tumoren, die keine Wachstumstendenz zeigen, über den Einsatz der Biotherapie
(Somatostatinanaloga und/oder Interferon-?) sowie über die Radionuklidtherapie hin zu ergänzenden
lokalablativen oder leberspezifischen Verfahren (z. B. RAF, LITT, Embolisation, Chemoembolisation, SIRT)
oder zu neuen medikamentösen Targeted Therapies bis zum Einsatz der systemischen Chemotherapie
beim wachsenden Bauchspeicheldrüsentumoren oder bei aggressivem Wachstum schlecht differenzierter
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neuroendokriner Karzinome. Sollten diese Therapieverfahren ausgeschöpft sein, ergibt sich die Möglichkeit
des Einsatzes neuer Therapiestrategien, die im Rahmen von klinischen Studien erfolgen oder als
individueller Heilversuch unter Nutzung bereits für andere Tumoren zugelassener Therapien.
13 Seltene Lokalisationen
Neuroeondokrine Neoplasien gehen von neuroendokrinen Zellen aus, welche im gesamten Organismus
vorkommen. Deshalb können sie grundsätzlich in jedem Organ ihren Ursprung haben. Neuroendokrine
Neoplasien der Blase, der Gebärmutter, der Brust, der Haut usw. sind jedoch sehr selten. Ihre Behandlung
erfolgt entsprechend der Empfehlungen für neuroendokrine Neoplasien.
14 Zweittumor bei NEN-Patienten?
Bei Patienten mit NEN werden gehäuft Zweittumoren, vor allem im Bereich des Gastrointestinaltrakts (Magen
-Darm-Trakt), aber auch solche der Lunge oder der weiblichen Geschlechtsorgane,
gefunden. Deshalb sollte nach Diagnosestellung eines NEN immer gezielt nach solchen Zweittumoren
gesucht und auch in der Verlaufsbeobachtung daran gedacht
werden.
Ausschlaggebend für eine erfolgreiche Therapie ist die interdisziplinäre Betreuung der Patienten,
idealerweise unter dem Dach eines Tumorboards. Zu den hier wichtigen
Schlüsseldisziplinen gehören die Pathologie, Allgemeinchirurgie, Nuklearmedizin/Radiologie, meist unter der
Leitung durch einen auf diesem
Gebiet versierten Internisten, der dem Gebiet der Endokrinologie, Gastroenterologie oder Onkologie
angehören kann. Diese interdisziplinäre
Versorgung des Patienten ermöglicht eine optimierte individuelle Therapieplanung, die alle Facetten der
Erkrankung berücksichtigt.
Quelle
Quellenangabe Text
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