AUGUSTINUS-VERLAG • WÜRZBURG

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43. Band
1994
AUGUSTINUS-VERLAG • WÜRZBURG
Patriarch Symeon II. von Jerusalem und der erste Kreuzzug
Eine quellenkritische Untersuchung
Von Peter Plank, Würzburg
"Die ersten Kreuzfahrer verließen Europa wohl ohne die feste Absicht, ein
lateinisches Patriarchat zu begründen. Sie erwarteten, im Rahmen einer von
Byzanz befehligten Streitmacht ins Hl. Land zu ziehen; dies hätte zur vollen Wiederherstellung der orthodoxen Hierarchie in Jerusalem geführt.
Tatsächlich hat der griechische Patriarch von Jerusalem, Symeon, die
Kreuzfahrer ein Stück des Weges begleitet ... Als die Kreuzfahrer Jerusalem
erobert hatten, erreichte sie schon bald die Nachricht vom Tode Symeons,
und sie wählten am 1. August 1099 einen Lateiner, um so die Lücke zu
schließen."
Mit diesen Sätzen, für das "Lexikon des Mittelalters" verfaßt von J. RileySmith 1 , ist die bis heute herrschende Meinung zu unserem Thema zutreffend zusammengefaßt - wenn es auch vereinzelte Stimmen gibt, denen
zufolge der Patriarch schon ein Jahr zuvor seinen Sitz verlassen hatte und
durch Ioannes VIII. ersetzt worden war. 2 Symeon unterhielt beste Beziehungen zu den Kreuzrittern, was sich vor allem an den beiden Briefen ablesen läßt, die er gemeinsam mit Bischof Ademar von Le Puy, dem päpstlichen Legaten im Lateiner-Heer, bzw. mit allen griechischen und lateinischen Bischöfen, die sich in Syrien befanden, ins Abendland schickte, um
säumige Kreuzfahrer zur Erfüllung ihres Gelübdes der bewaffneten Wallfahrt ins Heilige Land zu ermahnen 3 - oder sollte es sich dabei um Fälschungen handeln? 4 Wäre der Bischof Ademar, der große Autorität besaß,
nicht unglücklicherweise vorher gestorben, so hätte er das Heilige Land
J. Riley-Smith, Jerusalem. B: Königreich und Lateinisches Patriarchat, LexMA V,
1991, 356-359, dort: 358.
Diese Meinung vertritt V. Grumel, La Chronologie des patriarches de Jerusalem
sous le Comnenes, in: Izvestija na Bülgarskoto Istoricesko Druzestvo XVI-XVIII
( - Sbornik P. Nikov), Sofia 1940, 109-114, dort: 111. Ihm folgt B. Englezakis, Jean
le Chrysostomite, patriarche de Jerusalem au XII e siecle, Byzantion 43 (1973) 506508, dort: 507f.
Edition dieser Briefe: H. Hagenmeyer, Die Kreuzzugsbriefe aus den Jahren 10881100. Eine Quellensammlung zur Geschichte des ersten Kreuzzuges, Innsbruck
1901, 141f, 146-149; Kommentar dazu ebd. 59-61, 68-75; Erläuterungen: 242-247,
269-275.
Ph. Jaffe, Monumenta Bambergensia (= Bibliotheca Rerum Germanicarum Bd. V),
Berlin 1869, 181 Anm. 1; N. Iorga, La France de Terre Sainte. Considerations
synthetiques, Revue Historique du Sud-Est Europeen 11 (1934) 177-249, 297-337,
dort: 310.
276
Peter Plank
vielleicht zu einem Kirchenstaat und Patriarch Symeon zu seinem ersten
Herrscher gemacht5 - aber mit dieser These dürfte Steven Runciman heute
wohl nicht mehr allzu viele Anhänger finden. Patriarch Symeon war der
lateinischen Kirche immer schon gewogen gewesen, was die Kritik seines
Kollegen in der rhomäischen Reichshauptstadt, des Ökumenischen Patriarchen Nikolaos III. (1084-1111), herausforderte 6 - oder sollte das Schriftstück,
aus dem das gefolgert wird, ganz anders zuzuweisen sein?7 Wie verträgt sich
damit die Tatsache, daß Patriarch Symeon einen eigenen Traktat gegen den
lateinischen Gebrauch von ungesäuertem Brot (Azymen) bei der eucharistischen Feier verfaßt hat?8 Wollte er damit dem Ökumenischen Patriarchen
seinen guten Willen zeigen, oder stammt der Traktat am Ende gar nicht
vom ihm? 9
Symeon befand sich nicht in Jerusalem, als das Kreuzfahrerheer am 15.
Juli 1099 die Heilige Stadt einnahm, sondern starb zu ebendieser Zeit auf
der Insel Cypern, wohin er vor den Nachstellungen der Muslime geflohen
war, so daß die neuen lateinischen Herren nolens volens einen der Ihrigen,
Arnulf von Chocques, zum neuen Patriarchen wählen mußten 10 - es sei
denn, der orthodoxe Patriarch ist gewaltsam vertrieben worden, hat noch
jahrelang (bis 1106?) in Bethlehem 11 oder in Konstantinopel 12 gelebt und vergeblich - versucht, sein Amt auszuüben. 13 . Das wäre natürlich für ihn
besonders schmerzlich gewesen, wenn er jene, die ihn entthronten, selbst
6
7
8
9
10
11
12
13
S. Runciman, A History of the Crusades. Bd. I: The First Crusade and the Foundation of the Kingdom of Jerusalem, Cambridge 1951, 289.
V. Grumel, Jerusalem entre Rome et Byzance: Une lettre inconnue du patriarche de
Constantinople Nicolaus III a son College de Jerusalem (vers 1089), EO 38 (1939)
104-117; A. Michel, Die byzantinische und römische Werbung um Symeon II. von
Jerusalem (1085/86), Z K G 62 (1943/44) 164-177.
J. Darrouzes, Les documents byzantins du XII e siecle sur la primaute Romaine,
REB 23 (1965) 42-88, dort: 43-51.
M. Jugie, Le traite sur les azymes attribue a Symeon II de Jerusalem, EO 26 (1927)
421-425; A Michel, Amalfi und Jerusalem im griechischen Kirchenstreit (1054-1090).
Kardinal Humbert, Laycus von Amalfi, Niketas Stethatos, Symeon II. von Jerusalem und Bruno von Segni über die Azymen (OCA 121), Rom 1939.
So der Herausgeber des Traktats B. Leib, Deux inedits byzantins sur les azymes au
debut du XII e siecle, O C II/3, Rom 1924, 177-190.
So die gängige Meinung, zuletzt noch außer Riley-Smith (s. Anm. 1): B. Hamilton,
The Latin Church in the Crusader States. The Secular Church, London 1980, 12
und 179; J. Nasrallah, Histoire du mouvement litteraire dans l'Eglise melchite du
V e au X X e siecle. Bd. III/l (969-1250), Louvain/Paris 1983, 103f; R.-J. Lilie, Die lateinische Kirche in der Romania vor dem vierten Kreuzzug, ByzZ 82 (1989) 202220, dort: 216f.
A. Popov, Latinskaja Ierusalimskaja patriarchija epochi krestonoscev, Teil II, S.Peterburg 1903, 229f.
Jugie, Le traite sur les azymes (s. Anm. 8).
W. Hotzelt, Kirchengeschichte Palästinas im Zeitalter der Kreuzzüge 1099-1291,
Köln 1940, 25 und 39.
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
277
ins Heilige Land gerufen haben sollte, indem er Petrus dem Eremiten, als
dieser Jahre zuvor eine Wallfahrt ins Heilige Land unternahm, bitter sein
und seiner Kirche Leid klagte und ihn mit dringenden brieflichen Hilferufen an Papst Urban II. nach Rom schickte. Aber diese Geschichte hat
Heinrich Hagenmeyer schon im letzten Jahrhundert für eine Erfindung
gehalten14 - obwohl sie bei denselben Chronisten zu finden ist, denen wir
auch als einzigen eine so wichtige und bis heute fast allgemein akzeptierte
Nachricht wie die vom Tod des Patriarchen zur Zeit der Einnahme Jerusalems im Juli 1099 verdanken, nämlich Albert von Aachen und Wilhelm von
Tyrus. 15 Daß damit der Bericht der Schaffhausener Nonne Hedewic über
das Ringen des Patriarchen Symeon und des syrischen Bischofs Samuel mit
den Kreuzfahrern um den Besitz der Jerusalemer Kreuz-Reliquie 16 durchaus
zu vereinbaren sei, hat Hagenmeyer ebenfalls mitgeteilt 17 , sich allerdings
nicht darüber geäußert, wie man sich das vorzustellen habe.
So ist Patriarch Symeon eine rätselhafte und in fast allen Zügen umstrittene Gestalt geblieben. Schon die Quellen des 12. Jahrhunderts berichten
Widersprüchliches über ihn. Dies ist jedoch offenkundig nur eine von mehreren Ursachen dafür, daß die Geschichtswissenschaft bislang nicht in der
Lage zu sein schien, seine Persönlichkeit und seine Rolle in den Geschehnissen seiner Zeit halbwegs klar zu zeichnen. Vielmehr besitzt die Zugehörigkeit der verschiedenen Forscher zu dem einen oder dem andern wenn nicht
religiösen, so doch kulturellen Lager auch heute für die Wahl ihrer Blickrichtung eine so grundlegende Bedeutung, daß diese mit den persönlichen
und gesellschaftlichen Voraussetzungen, unter denen die Autoren des 12.
Jahrhunderts schrieben, nicht schlechthin unvergleichbar erscheint. Natürlich entbehrt auch der Verfasser dieser Zeilen nicht .einer bestimmten
Blickrichtung, die geistiger, aber auch physisch-geographischer Natur ist.
Sie ist wie selbstverständlich aus dem Versuch einer Gesamtbetrachtung der
Kirchengeschichte Jerusalems und des Heiligen Landes erwachsen. Wer sie
unternimmt, begibt sich nicht als eine Art Kriegsberichterstatter mit den
weltlichen und geistlichen Kreuzfahrern auf die Reise von Westeuropa nach
14
15
16
17
H. Hagenmeyer, Peter der Eremit. Ein kritischer Beitrag zur Geschichte des ersten
Kreuzzuges, Leipzig 1879, 53-86.
Albert von Aachen, Historia Hierosolymitana I, 2-5 bzw. VI, 39: R H C Hist. Occ.
IV, 272f bzw. 489; Wilhelm von Tyrus, Chronicon I, l l f bzw. VIII, 23: R.B.C.
Huygens (Hrsg.), Willelmi Tyrensis Archiepiscopi Chronicon (CCM LXIII)
Turnholt 1986, 124-127 bzw. 416.
Übertragung der Reliquien des hl. Kreuzes und Grabes aus Jerusalem, sowie der
Leiber der hl. Constans, Alexander und Leguntius aus Trier nach Allerheiligen, in:
F.L. Baumann (Hrsg.), Die ältesten Urkunden von Allerheiligen in Schaffhausen,
Rheingau und Muri (= Quellen zur Schweizerischen Geschichte III), Basel 1883,
146-157.
H. Hagenmeyer (Hrsg.), Gesta Francorum et aliorum Hierosolymitanorum, Heidelberg 1889, 481 Anm. 14.
278
Peter Plank
Palästina, sieht sie den Muslimen die Heiligen Stätten abringen und neben
eigener Staatlichkeit gewissermaßen "die Kirche" im Heiligen Land neubegründen, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit, und zieht schließlich mit
ihnen samt ihrer Kirche wieder ab, sondern er befindet sich schon lange bei
der einheimischen griechisch-arabischen Kirche, sieht die "Befreier" aus dem
Westen mit gemischten Gefühlen kommen, erlebt sie und ihr kirchlichkulturelles Sendungsbewußtsein als etwas Naives und Bedrohliches zugleich
und bleibt schließlich, als sie, von den Muslimen bezwungen, wieder abziehen, im Land zurück, die Kreuzfahrer-Hierarchie als vorübergehende Episode kirchlicher Fremdherrschaft in der zweitausendjährigen Geschichte
der Mutter aller Kirchen begreifend.
Selbstverständlich ist auch diese Perspektive nicht mit - menschenunmöglicher - "Objektivität" zu verwechseln, doch verhilft sie zu einem
anderen Umgang mit den gegebenen historischen Quellen. Sie führt zu
neuen Fragen, auf die diese dann neue Antworten geben. Ist die Gestalt des
Patriarchen Symeon bislang in der Historiographie, gängigen Fragestellungen und Forschungsrichtungen entsprechend, durchwegs eine Figur am
Rande geblieben, so muß sie bei solcher Sicht der Dinge ins Zentrum des
Interesses rücken. Verspricht doch eine Aufhellung des Schicksals dieses
Hierarchen entscheidende Aufschlüsse über die generelle Haltung der
Kreuzfahrer gegenüber den Menschen, zu deren Befreiung vom muslimischen Joch sie ausziehen sollten und wollten, nämlich gegenüber den östlich-orthodoxen Christen, ihrer Kirche, Geisteswelt und Gesellschaftsordnung. Zu diesem Ziel kann kein anderer Weg führen als eine möglichst
sachgemäße Sichtung und Wertung aller verfügbaren Quellen. Sollen dabei
alte und neuerliche Kurzschlüsse und Konfusionen vermieden werden, so
wird vor allem deren Qualität, Bedingtheit und Glaubwürdigkeit jeweils in
sich zu prüfen sein, bevor sie miteinander in Beziehung gesetzt werden.
I. Symeon in der Reihe der Jerusalemer Hierarchen
Symeon II. war in der Reihe der orthodoxen Patriarchen von Jerusalem der
Nachfolger Euthymios' I. und der Vorgänger Ioannes' VIII. Diese Feststellung ist keine solche Selbstverständlichkeit, wie es vielleicht zunächst
scheinen mag. Das zeigt ein Blick in ältere und neuere Verzeichnisse der
Jerusalemer Erzhirten, angefangen vom Oriens Christianus des Dominikaners Michel Le Quien (1661-1733)18 bis hin zu den Listen, die Venance
Grumel 19 und Joseph Nasrallah 20 bieten. Für Verwirrung hat in diesem
18
20
M. Le Quien, Oriens christianus in quatuor patriarchatus digestus, Bd. III, Paris
1740 (ND Graz 1958), 497-505.
Grumel, La Chronologie (s. Anm. 2).
Nasrallah (s. Anm. 10), 97.
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
279
Zusammenhang vor allem der Name eines gewissen Sabas gesorgt, den
manche meinten, zwischen Euthymios und Symeon einreihen zu sollen.
Doch ist Sabas, wie ich an anderer Stelle dargelegt habe 21 , sicher niemals
Patriarch von Jerusalem, vielmehr sehr wahrscheinlich Patriarch von
Alexandrien gewesen.
1. Zeugnisse liturgischer
Memoria
Mußte bislang die angenommene Notwendigkeit, im späten 11. oder im
frühen 12. Jahrhundert einen Amtsinhaber namens Sabas in der Liste der
Jerusalemer Patriarchen unterzubringen, das Vertrauen in die historische
Glaubwürdigkeit einschlägiger gottesdienstlicher Zeugnisse der Kirche von
Jerusalem einschränken, so liegt nunmehr ihre weitgehende Zuverlässigkeit
auf der Hand: 1891 publizierte Anastasios Papadopulos-Kerameus eine
Reihe von liturgischen Texten, die er in der Jerusalemer Patriarchats-Bibliothek aufgefunden hatte. Es handelt sich um eine Folge von sechs Stichera,
zwei Neun-Oden-Kanones und ein Gebet, in denen jeweils die gesamte
Reihe der Jerusalemer Erzhirten, angefangen vom Herrenbruder Jakobus
bis hin zu Patriarch Gregorios (f 1281/91), aufgezählt wird. 22 Sie sind in der
vorliegenden Form offensichtlich an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert entstanden und nennen Symeon jeweils zwischen Euthymios und Ioannes23 - mit Ausnahme freilich des zweiten Kanons, der Euthymios nicht
kennt, sondern von dessen Vorgänger Sophronios II. direkt zu Symeon
übergeht. 24 Daß es sich dabei nur um ein Versehen handeln kann, bestätigt
ein weiteres unabhängiges liturgisches Zeugnis, das als historische Quelle
bisher nicht herangezogen wurde, nämlich der Cod. Sinaiticus Graec. 1040
aus dem 14. Jahrhundert. Er enthält die Abschrift eines sinaitischen Diakonikons aus der Zeit zwischen 1162 und 1169.25 Unter den dort in den
Verstorbenen-Diptychen namentlich genannten in jüngerer Zeit verstorbe-
21
22
23
24
25
Sabas von Kaisareia. Ein Beitrag zur Geschichte der melkitischen orthodoxen
Patriarchate von Jerusalem und von Alexandrien zur Komnenen-Zeit, OstkSt 43
(1994) 23-40.
Ainxuxa tt)<; ev 'IepoooA.ü(xoiq EKK>.r|üia<;, in: A. Papadopulos-Kerameus, ' A v a XEKTOC 'IepoCToA.u|IIXIKF)<; ETaxuoXoytaq, Bd. I, Sanktpeterburg 1891 (ND Brüssel
1963) 231-307.
Ebd. 125, 132, 142.
Ebd. 139.
Dokumentation des Codex bei: A. Dmitrievskij, Opisanie liturgiceskich rukopisej
chranjascichsja v bibliotekach pravoslavnago vostoka, Bd. II: EüxoX.oyia, Kiev
1901 (ND Hildesheim 1965) 127-135. Zur Datierung: Plank, Sabas von Kaisareia (s.
26 Anm. 21) Anm. 22.
Peter Plank
280
nen Oberhirten der Heiligen Stadt wird Symeon ebenfalls zwischen
Euthymios und Ioannes genannt. 26
2. Das amtliche
Siegel
Spricht aus den genannten gottesdienstlichen Texten die geschichtliche
Memoria der orthodoxen Kirche von Jerusalem, so führt ein erhaltenes
Siegel27 unmittelbar zu Symeons Person. Es trägt die Inschrift: Eu(ied>v
s^ecp ö(eo)u 7i(ax)pidpx,(r|q) 'Iepo(a)oA.U|iGov. Auf der Rückseite ist die
Wiederaufrichtung Adams durch Christus zu sehen, also das nach dem Bilderstreit allgemein verbreitete Osterbild der Orthodoxie. 28 Es diente längere
Zeit als offizielles Siegelmotiv der Jerusalemer Patriarchen. Doch macht
Vitalien Laurent, dem die Sammlung und Auswertung byzantinischer Siegel
zum Lebenswerk geworden ist, darauf aufmerksam, daß das gesamte Arrangement wie die ikonographischen Details auf dem Siegel Symeons eine
auffallende Parallele in dem Amtssiegel eines weiteren Jerusalemer Patriarchen namens Ioannes haben. Ohne weitere Begründung weist er letzteres
Ioannes VII. (963-966) zu 29 , ein weiteres aber, das in seiner ganz aus dem
Rahmen des Üblichen fallenden Inschrift in Form von zwei byzantinischen
Zwölfsilbern ebenfalls einen Patriarchen Ioannes nennt, dem Nachfolger
Symeons, Ioannes VIII.30 Da nun aber letztgenanntes, wie ich bei anderer
Gelegenheit dargetan habe 31 , aller Wahrscheinlichkeit nach Ioannes IX.
Merkuropulos (1156/57 - vor 1166) im konstantinopolitanischen Exil führte, besteht keine Veranlassung mehr, nach plausiblen Gründen dafür zu suchen, woher es rühren könnte, daß zwei jerusalemische Patriarchensiegel,
die eineinhalb Jahrhunderte voneinander trennen, einander so sehr ähneln.
Vielmehr gehören sie allem Anschein nach Symeon II. und seinem Nachfolger Ioannes VIII. zu. Somit bestätigt also auch der stilistische Vergleich
erhaltener Jerusalemer Patriarchen-Siegel den Platz Symeons II. in der
historischen Aufeinanderfolge der jerusalemischen Hierarchen, wie sie die
einschlägigen liturgiegeschichtlichen Dokumente bezeugen.
26
27
28
29
30
31
Dmitrievskij 128; R.F. Taft, A History of the Liturgy of St. John Chrysostom. IV.
The Diptychs (OCA 238), Rom 1991, 63.
V. Laurent, Le corpus des sceaux de l'Empire Byzantin, Bd. V/2: L'Eglise, Paris
1965, 396f (Nr. 1564).
Dazu: A.D. Kartsonis, Anastasis. The Making of an Image, Princeton/N.J. 1986; P.
Plank, DieWiederaufrichtung des Adam und ihre Propheten. Eine neue Deutung
der Anastasis-Ikone, OstkSt 41 (1992) 34-49.
Laurent 393f (Nr. 1561).
Ebd. 397f (Nr. 1565).
Ioannes IX. von Jerusalem (1156/57-vor 1166), Patriarch im Exil, FS Friedrich
Heyer (im Druck).
Patriarch Symeon II. von Jerusalem
3. Kaiserliche
281
Synode
Ein weiteres Zeugnis für die kirchenamtliche Tätigkeit Patriarch Symeons
bieten die Akten einer konstantinopolitanischen Synode 32 zum Fall des
Metropoliten Leon von Chalkedon 33 , der dem Kaiser das Recht abgesprochen hatte, zur Finanzierung reichserhaltender Feldzüge kirchliche Schätze
einschließlich liturgischer Pretiosen, die mit heiligen Bildern geschmückt
waren, einzuziehen. War diese Versammlung zuvor meist ohne zwingende
Gründe im Jahr 1092 angesetzt worden, so gelang es Paul Gautier 34 aufgrund umfangreicher prosopographischer Studien anhand der von ihm neu
edierten35 etwa 100 Namen umfassenden Liste der Synodalen, ihre Zusammenkunft nachvollziehbar an die Jahreswende 1094/95 zu datieren. 36
Da Symeon von Jerusalem an dieser Synode teilnahm, besitzen wir
hiermit ein erstes zuverlässiges Datum aus seiner Amtszeit. Die Akten
zählen ihn, wie den Kaiserbruder und Sebastokrator Isaakios und Patriarch
Nikolaos III. von Konstantinopel (1084-1111), zu denCTOvs8pid<^ovT£<;37nach J. Darrouzes sind damit Persönlichkeiten mit richterlicher Funktion
im engeren Sinn gemeint 38 -, während alle übrigen geistlichen und weltlichen Würdenträger lediglich TiapiCTxd)i£voi (Anwesende) genannt werden.
Doch scheint diese herausragende Stellung in unserem Fall kaum anderer als
protokollarischer Natur gewesen zu sein. Jedenfalls führte den Akten zufolge fast nur Kaiser Alexios I. (1081-1118) das Wort, der auch den Vorsitz
führte. 39
4. Vorgänger und
Nachfolger
Von der umstrittenen Nachricht lateinischer Schriftsteller vom Tode Symeons im Juli 1099 einmal abgesehen40, ist die Bezeugung seiner Teilnahme
an der Reichssynode im Blachernenpalast zu Konstantinopel Ende
1094/Anfang 1095 das bislang einzige zur Verfügung stehende Datum aus
dem Leben und Wirken des Patriarchen. So bleibt nur ein mögliches Mittel,
32
33
34
35
36
37
38
39
40
Migne PG 127, 972-984.
Zu Leon von Chalkedon: H.-G. Beck, Geschichte der orthodoxen Kirche im byzantinischen Reich, Göttingen 1980, 169f (mit Lit!).
P. Gautier, Le synode des Blachernes (fin 1094). Etüde prosopographique, REB 29
(1971) 213-284.
Ebd. 216-220.
Ebd. bes. 280-284.
Ebd. 220.
J. Darrouzes, Recherches sur les OOOIKIA de l'Eglise Byzantine (= Archives de 1'
Orient Chretien 11), Paris 1970, 146f.
An einer Stelle heißt es, der Kaiser habe sich wiederum "an die heiligsten Patriarchen und an die anwesende hochgeheiligte Synode" gewandt: PG 127, 977.
S. oben Anm. 15.
282
Peter Plank
um seine Amtszeit irgendwie einzugrenzen, nämlich der Rückgriff auf gesicherte Daten, die seinen Vorgänger und seinen Nachfolger betreffen.
In Bezug auf den Letzteren sei der Übersichtlichkeit halber gleich vorweg gesagt: Zwar ist Ioannes VIII. durch Zeugnisse gottesdienstlichen Gedenkens41 und durch ein Siegel42 ebenso sicher bezeugt wie Symeon selber
und wird darüber hinaus durch seine erhaltenen Schriften auch als theologischer Denker greifbar 43 , doch ist bislang kein einziges Ereignis aus seiner
Amtszeit bekannt, das als chronologischer Anhaltspunkt dienen könnte.
Hatten Venance Grumel 44 und Jean Darrouzes 45 geglaubt, das von dem
byzantinischen Historiker Nikephoros Kallistos Xanthopulos (ca. 1256-ca.
1335) für das Jahr 1106/07 gemeldete Auftauchen eines namentlich nicht
genannten Patriarchen von Jerusalem, der zuvor Bischof von Tyros gewesen sei46, in Konstantinopel auf Ioannes VIII. deuten zu sollen, so ist nach
der Untersuchung des gesamten damit in Zusammenhang stehenden
Fragenkomplexes die Unhaltbarkeit dieser Annahme zu konstatieren. 47
Damit bleibt nur die ernüchternde Feststellung, daß das erste greifbare
Datum der jerusalemischen Patriarchengeschichte nach der Amtszeit
Symeons der 27. Februar 1122 ist. An diesem Tag vollendete um 9 Uhr
vormittags der melkitische Anagnost und Schreiber Basileios zu Jerusalem
die Abschrift einer ausführlichen Gottesdienstordnung für die Kar- und
Osterwoche, in der er Nikolaos, den zweiten Nachfolger Symeons, als den
in seinen Augen legitimen Patriarchen der Heiligen Stadt erwähnt. 48
Günstiger erweist sich die Quellenlage in Bezug auf Symeons Vorgänger
Euthymios I. Der nahm am 11. April 1082 in Konstantinopel am Synodalprozeß gegen Ioannes Italos teil 49 , schloß - vermutlich 1082/83 - zu Thessa-
41
42
43
44
45
46
47
4 8
49
S. oben Anm. 23 und 26.
S. oben Teil 1.2.
Vgl. L. Petit, Jean de Jerusalem, DThC VIII (1947), 766f; Darrouzes, Le memoire de
Constantin Silbes contre les Latins, REB 21 (1963) 50-100, dort: 54.
Grumel, La Chronologie (s. Anm. 2), 110-112; ders., Jean VIII, in: Catholicisme VI
(1967), 544.
J. Darrouzes, Le Traite des Transferts. Edition critique et commentaire, REB 42
(1984) 147-214, dort: 183 (Nr. 55); V. Grumel - J. Darrouzes, Les regestes des actes
du patriarcat de Constantinople I/II-III: Les regestes de 715 ä 1206, 2. Ed. Paris
1989, 443 (Nr. 981).
Historia Ecclesiastica XIV, 39: Migne PG 146, 1196.
Dazu mein Aufsatz: Sabas von Kaisareia (s. Anm. 21).
TU7IIKÖV
XF^q sv
'IEPOACÄÜNOK;
EKKXR|cna<;, in: A . Papadopulos-Kerameus,
A V & ^ E K T C X ' I E P O C R O A . t ^ I T I K F J Q E-uaxuo^oyiac; II, Sanktpeterburg 1894 (ND Brüssel
1963), 1-254. Erwähnung des Patriarchen im Fürbittgebet des Diakons zum Palmsonntag: ebd. 26; abschließende Datierung durch den Schreiber: 253.
J. Gouillard, Le proces officiel de Jean l'Italien. Les actes et leurs sous-entendus, in:
Travaux et Memoires (Paris) 9 (1985) 133-174, dort: 157 Zeile 412; Datierung: Zeile
410.
Patriarch Symeon II. von Jerusalem
283
lonike im Auftrag des Kaisers Frieden mit dem Normannen Bohemund 50
und bestätigte im Lauf des Jahres 1084 zu Petritzos/Backovo durch seine
Unterschrift 51 die griechische Version des Typikons eines GottesmutterKlosters, das der Großdomestikos des Westens, Gregorios Pakurianos, dort
im Jahr zuvor gestiftet hatte.
Die größte Aufmerksamkeit müssen in unserem Zusammenhang jedoch
zwei an Patriarch Euthymios gerichtete Briefe auf sich ziehen, die Nikon
vom Schwarzen Berg (f nach 1098) im Logos 35 seines Taktikon überliefert.52 Als Absender des einen 53 ist eine Versammlung von Bischöfen und
hervorragenden Klerikern des Patriarchates von Antiocheia genannt. Der
andere54 stammt von Archimandrit Petros, der sich als Abt des dortigen
berühmten Klosters des hl. Symeon des Wundertäters einführt. Anlaß der
beiden zum Teil ähnlich lautenden Schreiben ist die Entrüstung über die
Kunde von der schlechten Aufnahme, die sog. Tzatoi, von Antiocheia
kommend, als angebliche Häretiker im Heiligen Land gefunden hätten. Die
Antiochener versichern Euthymios, die Tzatoi seien als Armenier chalkedonischen Bekenntnisses vollkommen rechtgläubig. Manche von ihnen
hätten in antiochenischen Klöstern als Mönche gelebt und seien von den
Hierarchen wie den Klosteroberen ihres Patriarchats vorbehaltslos akzeptiert worden. Was nun die Briefe an Euthymios für uns so interessant
macht, sind vor allem jene Sätze in dem Schreiben der Bischöfe und Kleriker, in welchen sie einen Einblick in ihre eigene Lage geben.55 Sie sprechen
von einem einschneidenden Wandel der Verhältnisse, der bei ihnen eingetreten sei (rj yevo|aevr| xcov Hpay|idxov £vaA.A.ayr|), der auch deshalb
besonders schlimme Folgen zeitige, weil sie eines Hirten entbehrten, der sie
zusammenführen könnte, so daß sie zerstreut seien und wilden Tieren zur
leichten Beute würden (5iecT7tapy(ievout; övxaq Kai Orpaiv eüdXooxov
u7ir|py(j.evouq 0r)pa|ia). Diese Klage führender Vertreter der Kirche von
Antiocheia ist nur dann verständlich, wenn sie nach dem 4. Dezember des
Jahrs 108 4 56 angestimmt worden ist, jenem Tag, an dem die zweite byzantinische Ära der Stadt, die immerhin 115 Jahre lang gewährt hatte, durch
die selguqische Eroberung gewaltsam zu Ende gegangen war. In der Tat war
50
51
52
53
54
55
56
F. Dölger: Regesten der Kaiserurkunden des oströmischen Reiches von 565-1453, 2.
Teil: Regesten von 1025-1204, München/Berlin 1925, 30 (Nr. 1087).
P. Gautier, Le Typikon du Sebaste Gregoire Pakourianos, REB 42 (1984) 5-145,
dort: 131 und 133; Datierung der Unterschrift: 18f.
Edition dieses Logos: V.N. Benesevic, Opisanie greceskich rukopisej monastyrja
Svjatoj Ekateriny na Sinae, Bd. I, St. Peterburg 1911 (ND Hildesheim 1965), 584586.
Ebd. 584f.
Ebd. 585f.
Ebd. 584.
So - M . E . richtig - interpretiert von: Ch. Papadopulos, Iaxopia xrj<; EKKATICTICCC;
'Aviioxeiaq, Alexandreia 1951, 888f.
Peter Plank
284
die Stadt am Orontes damals ohne Patriarchen 57 und sollte es noch bleiben
bis zur Erhebung Ioannes' V. Oxeites (108 7/89).58 Sind aber die beiden
zusammengehörigen antiochenischen Briefe in der Angelegenheit der Tzatoi frühestens 1085 an Euthymios abgegangen, so kann auch sein Nachfolger Symeon frühestens in diesem Jahr den jerusalemischen Patriarchenthron
bestiegen haben.
Wir besitzen somit in den Jahreszahlen 1084 und 1095 verläßliche termini post bzw. ante quem für den Amtsantritt Symeons II. von Jerusalem,
während das Ende seiner Amtszeit zunächst nicht einmal eingrenzbar,
geschweige denn bestimmbar erscheint.
II. Symeon zwischen Rom und Konstantinopel?
Einer Formulierung von Anton Michel zufolge gab es eine intensive
"byzantinische und römische Werbung um Symeon II. von Jerusalem" - so
der Titel eines Aufsatzes aus seiner Feder59 -, die auf dem Hintergrund der
Kirchenspaltung von 1054 und des damit eng verbundenen Azymen-Streits
zu verstehen ist. Diese These, zuerst vertreten von Venance Grumel, stützt
sich auf zwei Schriftstücke theologischen Inhalts, aus denen aber auch
wichtige Schlüsse chronologischen Charakters gezogen wurden bzw. zu
ziehen sind. Es handelt sich dabei zum einen um einen Antwortbrief auf die
Inthronisations-Anzeige eines Patriarchen, die man Symeon II. zugeschrieben hat, und zum andern um seinen erhaltenen Traktat zur Azymen-Frage.
1. Reaktion auf eine
Inthronistika
In einem 1939 erschienenen Aufsatz 60 lenkte der französische Byzantinist
Venance Grumel die Aufmerksamkeit auf einen griechischen Brief ohne
Absender, Adressaten und Datierung, den Aleksej Stepanovic Pavlov 1878
in Sanktpeterburg publiziert hatte. 61 Pavlov hatte sich darauf beschränkt
anzumerken, es handle sich um den Brief eines Patriarchen von Konstantinopel an seinen Amtsbruder in Jerusalem über die mit der lateinischen
Kirche strittigen Themen des filioque, der Azymen und des römischen
57
58
59
60
61
V. Grumel, Le patriarcat et les patriarches d'Antioche sous la seconde domination
byzantine (969-1084), EO 33 (1934) 129-147, dort: 145.
P. Gautier, Jean V l'Oxite, patriarche d'Antioche. Notice biographique, REB 22
(1964) 128-157, dort: 129.
S. oben Anm. 6.
Jerusalem entre Rome et Byzance (s. oben Anm. 6).
A. Pavlov, Kriticeskie opyty po istorii drevnejsej greko-russkoj polemiki protiv latinjan, Sanktpeterburg 1878, 158-168.
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
285
Primats. 62 Nun stellte sich Grumel die Aufgabe, Absender und Empfänger
zu identifizieren und den Brief zu datieren.
Ohne große Schwierigkeiten war zu erkennen, daß es sich um die Antwort auf eine Inthronistika handelt, auf ein Schreiben also des Oberhauptes
einer autokephalen orthodoxen Kirche an seine Amtskollegen, mit dem er
altchristlichen Brauch gemäß seine Erhebung anzeigt, um Anerkennung
und Gemeinschaft bittet und gegebenenfalls auf aktuelle Geschehnisse und
Probleme eingeht. Dem Brief ist zu entnehmen, daß das Schreiben, auf das
er antworten sollte, aus Jerusalem gekommen war. Sein selbstbewußter und
autoritativer Ton läßt kaum an einen anderen Briefsteller denken als den
Patriarchen von Konstantinopel. 63
Aus der Erwähnung des Azymenstreits schließt Grumel, daß der Briefwechsel zwischen Jerusalem und Konstantinopel nicht vor die Zeit des
Ökumenischen Patriarchen Michael I. Kerullarios (1043-1058) zurückreichen kann, unter dem dieser Konflikt ausbrach.64 Zugleich schließt er
diesen als Autor des erhaltenen Briefes aus, da Kerullarios das ebenfalls
behandelte wesentlich ältere filioque-Problem dogmatisch anders eingeschätzt und abgehandelt habe, als hier geschehen.65 Weil aber der Jerusalemer einen an ihn gerichteten Papstbrief beigelegt hatte, aus dem der Konstantinopeler dann ausführlich zitierte, komme das 12. Jahrhundert als
Abfassungszeit der Patriarchen-Korrespondenz nicht in Frage, da die römischen Päpste seit Errichtung des lateinischen Patriarchats von Jerusalem
1099 die orthodoxen Erzhirten der Heiligen Stadt ignorierten und diese
Haltung noch bis ins 13. Jahrhundert hinein aufrechterhielten. Danach aber
könne kein Jerusalemer Patriarch mehr ein solches Schwanken in der
Azymen-Frage an den Tag gelegt haben, wie es die Antwort aus Konstantinopel voraussetze. 66 Nach alledem müßten die Briefe zu Ende des 11.
Jahrhunderts gewechselt worden sein. Dazu passe auch, daß der Ökumenische Patriarch den Abfall von Griechen von der Wahrheit beklage und
seinen Kollegen eindringlich davor warne, es ihnen aus Angst oder Opportunismus gleichzutun, womit kaum etwas anderes gemeint sein könne als
die zwangsweise Unterstellung von "Christen des griechischen Ritus und
byzantinischer Obödienz" unter die römische Autorität, die im Rahmen
des Bündnisses der Normannen mit dem Papsttum unter Urban II. (10881099) in Unteritalien erfolgt sei.67
62
63
64
65
66
67
Ebd. 45.
Grumel (s. Anm. 6) 109.
Ebd. 109.
Ebd. 113.
Ebd. 109f.
Ebd. 113f.
286
Peter Plank
Wäre demnach das untersuchte Schriftstück als Antwort des Ökumenischen Patriarchen Nikolaos III. (1084-1111) auf die Inthronistika seines
Jerusalemer Amtskollegen Symeon II. zu identifizieren, dessen Wahl Grumel ohne nachvollziehbare Begründung in zeitlichen Zusammenhang mit
der römischen Unions-Initiative von 1088/89 bringt 68 , so sieht er doch ein
gewisses Problem darin, einem in der Azymenfrage unsicheren Patriarchen
einen diesbezüglichen Traktat zuzutrauen, in dem orthodoxen Positionen
so klarer Ausdruck gegeben ist wie in dem Symeons II. Grumel meint, die
Unsicherheit des Hierarchen könne sich darauf beschränkt haben, wie
Orthodoxe sich den Lateinern gegenüber in dieser Frage konkret verhalten
sollten. Im übrigen zeige sein freundlicher Umgang mit ihnen, daß er selber
die Azymen-Problematik keinesfalls als einen wirklich kirchentrennenden
Unterschied betrachtet habe. 69
Trotz der Betrachtung von allen Seiten und umfassender Argumentation
war Grumel sich seiner eigenen Erklärung des von Pavlov edierten Brieffragments nicht ganz sicher, weswegen er in einer abschließenden Bemerkung seiner Hoffnung Ausdruck gab, daß weitere Beobachtungen noch
mehr Licht in die Sache bringen würden, und sich schon im voraus dazu
bereit erklärte, seine Schlüsse gegebenenfalls zu revidieren. 70 Dazu freilich
hatte er zeitlebens, wenigstens was seine Hauptthese betraf, keinen Anlaß.
Vielmehr kam Anton Michel 71 im Prinzip zum selben Ergebnis, wenn er
auch wichtige Details anders deutete: Als Absender der Inthronistika kämen
nur die Jerusalemer Patriarchen Euthymios I. und Symeon II. in Frage. Da
der Erstere wohl in Konstantinopel geweiht worden sei, habe er keinen
Anlaß gehabt, seine Erhebung dort anzuzeigen. 72 Doch ist Michel nicht
damit einverstanden, Symeons Erhebung und Inthronistika um 1088/89
anzusetzen: "Die feindselige byzantinische Antwort würde dann gerade in
die Zeit fallen, da der Ökumenische Patriarch mit Rom verhandelte ... Der
Patriarch von Jerusalem hätte nahezu gleichzeitig 2 Schreiben erhalten, das
eine vom Patriarchen, der den Papst mit Belial zusammenwirft, das andere
von der Synode, das die Aufnahme des Papstes in die Diptychen schon vor
Untersuchung der Kontroversen vorsah." Michel bestreitet deshalb einen
Zusammenhang von Unionsversuch und Patriarchen-Korrespondenz. Letztere müsse zuvor stattgefunden haben, weil in ihr ansonsten sicher auf den
Synodalbeschluß wäre Bezug genommen worden. "So ist für die Briefschaft
Symeons mit Abstand etwa das Jahr 1086 anzunehmen." 73
68
69
70
71
72
73
Ebd. 116.
Ebd. 116f.
Ebd. 117.
Die byzantinische und römische Werbung (s.oben Anm. 6).
Ebd. 170. Was Michel dazu veranlaßt, die Weihe des Patriarchen Euthymios in
Konstantinopel anzunehmen, sagt er nicht.
Ebd. 173.
Patriarch
Symeon
II. von
Jerusalem
287
Sind Michels Gründe gegen eine Datierung der jerusalemischen Inthronistika und ihre Beantwortung um 1088/89 oder später einsichtig, so entbehren seine weiteren Überlegungen jeder Stütze in den Quellen: Das römische Schreiben, das der jerusalemische Patriarch seiner Inthronistika nach
Konstantinopel beigefügt habe, sei in Wirklichkeit kein Papstbrief gewesen,
sondern habe von einem amalfitanischen Kleriker namens Laycus gestammt. 74 Auf diesen Laycus und seine Schrift zugunsten der Azymen, die
Patriarch Symeon nach Michels Ansicht mit seinem Traktat widerlegen
wollte, wird noch zurückzukommen sein. Wenn Michel aber den Kleriker
mit dem kuriosen Namen auch noch ohne sachliche Gründe mit dem hier
zur Debatte stehenden Patriarchen-Briefwechsel in Verbindung bringen
will, so läßt sich das wohl nur mit der fast ehrfürchtigen Zuneigung erklären, die der Freisinger Professor zu seiner Entdeckung gefaßt hatte: "Es
würde ja Wunder nehmen, wenn dieser rege Kopf nicht auch an die Hauptfrage, den römischen Primat, herangegangen wäre." 75
Mit dieser Bemerkung zeigt Michel nun aber zugleich, daß seine Bewunderung für Laycus ihm nicht den Blick für einen anderen wichtigen Umstand verstellte. Er sieht nämlich, im Gegensatz zu Grumel, sehr gut, daß
nicht das Azymen-Problem, sondern die Primats-Frage im Mittelpunkt des
theologischen Interesses des jerusalemisch-konstantinopolitanischen Briefaustausches steht, und daß sie auf viel breiterer argumentativer Basis aufgerollt wird, als dies ansonsten im 11. Jahrhundert zu beobachten ist. Doch
begreift Michel dieses auffallende Faktum kurzschlüssig als byzantinische
Reaktion auf angebliche bahnbrechende Primats-Theorien des Laycus. 76
Bei solcher, durch die verfügbaren Quellen in keiner Weise gedeckter,
Sicht der Dinge geraten nun sowohl Nikolaos III. von Konstantinopel als
auch Symeon II. von Jerusalem ins Zwielicht. Erscheint Symeon, von den
Lateinern durch Schreiben, die als Papstbriefe ausgegeben werden, umworben und zugleich von Konstantinopel eindringlich vor ihnen gewarnt, als
theologisch und kirchenpolitisch schwankende Figur, so wird Nikolaos
unvermeidlich zum zweifelhaften Charakter, der große Abneigung gegen
die Lateiner empfindet und diese im inner-orthodoxen Umgang auch kundtut, jedoch vor dem Druck des Kaisers zurückweicht und dessen Unionspolitik zähneknirschend unterstützt. 77
Schon Grumel hatte eine weitere Klärung der Sachlage vor allem aus einer Indentifizierung des im konstantinopolitanischen Brieffragment er-
74
75
76
77
Ebd.
Ebd.
Ebd.
Vgl.
150.
173f.
174.
175.
Michel 176f; ebenso Beck, Geschichte der orthodoxen Kirche (s. Anm. 33),
288
Peter Plank
wähnten und zitierten päpstlichen Schreiben erwartet. 78 Daß er mit diesem
Gedanken recht gelegen hatte, zeigte ein Vierteljahrhundert später sein
Kollege Jean Darrouzes. 79 Scharf wies der Michels These, es handle sich gar
nicht um einen Papstbrief, zurück, hielt hingegen Grumels Überlegung, das
Schreiben könne nicht aus dem 12. Jahrhundert stammen, für schlüssig.80
Noch weniger freilich hielt er ein Schreiben solchen Inhalts im 11. Jahrhundert für denkbar. Im Rahmen seiner Studien über die mittelalterliche
Entwicklung der Primats-Kontroverse konnte Darrouzes zeigen 81 , daß die
Byzantiner erst im Verlauf des 12. Jahrhunderts allmählich Kenntnis nahmen von der im Gefolge der gregorianischen Reform neu formulierten
römischen Konzeption des päpstlichen Primats, sie nach und nach als
Haupthindernis für eine kirchliche Einigung begriffen und entsprechende
Gegenargumente entwickelten.
Wieweit die Gedankengänge byzantinischer Theologie auf diesem Gebiet zu Ende des 11. Jahrhunderts gediehen waren, ist Autoren wie Ioannes
von Kiev und Theophylaktos von Achrida zu entnehmen. 82 Spielte die Primatsfrage damals überhaupt - etwa im Vergleich zum Azymenstreit - noch
eine untergeordnete Rolle, so änderte sich dies in der Folgezeit und vollends
nach der Eroberung Konstantinopels durch die Lateiner 1204 grundlegend.
Die breite Zurückweisung des römischen Primats in dem byzantinischen
Patriarchenbrief wie auch der äußerst verbitterte Ton, in dem er endet, weisen nach Darrouzes eindeutig in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. 83 In
diesem Zusammenhang nun macht er die Entdeckung, die seine Überlegungen bestätigt und sicher auch Grumel zur Revision seiner Datierung und
Zuweisung des zur Debatte stehenden Brieffragments bewogen hätte: "Die
umstrittenen Evangelientexte, die der Patriarch in dem anonymen Brief
nach dem Papstbrief zitiert, finden sich genauso in dem Brief Gregorius' IX.
an Germanos II. und zwar in derselben Reihenfolge." 84 Damit liegt der Gedanke nahe, daß auch das Papstschreiben, das ein jerusalemischer Patriarch
seiner Inthronistika an den Kollegen von Konstantinopel beilegte, aus der
Kanzlei Gregors IX. (1227-1241) stammte. Der Empfänger und Beantworter
jener Synodika aus Jerusalem aber wäre dann kein anderer als Germanos II.
(1222-1240), der gezwungen war, seines Amtes im Exil zu Nikaia zu walten.
Den Adressaten des erhaltenen Brieffragments vermutet Darrouzes in
78
79
80
81
82
83
84
Grumel 117.
Les documents byzantins (s. Anm. 7).
Ebd. 44.
Ebd. 47-49. Vgl. dazu die von Darrouzes angeregte Studie von J. Spiteris, La critica
bizantina del primato romano nel secolo XII (OCA 208), Rom 1979.
Kurz dargestellt bei Darrouzes 49.
Ebd. 50.
Ebd. 50. Der besagte Brief findet sich bei Mansi XXIII, 56.
Patriarch
Symeon
II. von
Jerusalem
289
Patriarch Athanasios II. von Jerusalem (1229-1235)85, dessen Kontakt mit
einem römischen Legaten nachgewiesen ist. 86
Die Darlegungen von Jean Darrouzes, denen vorbehaltlose Zustimmung
gebührt, eröffnen einen völlig neuen Zugang zu dem von A. Pavlov
edierten Schriftstück. Es gehört historisch und theologiegeschichtlich in die
Zeit nach 1204, als im Machtbereich des lateinischen Kaisertums von
Konstantinopel, seiner Vasallenstaaten in Hellas und der Agäis sowie auf
Cypern unter den Lusignans viele orthodoxe Bischöfe sich vor die Wahl
gestellt sahen, sich dem römischen Papst und seinen lateinischen Patriarchen bzw. Erzbischöfen zu unterwerfen oder ihre Sitze zu verlassen. 87
Germanos II., der in der Inthronistika des Patriarchen von Jerusalem eine
eindeutige Distanzierung von Theologie und Politik der Lateiner vermißt
zu haben scheint, befürchtete wohl eine Ausweitung solcher Verhältnisse
auf das erst wenige Jahrzehnte zuvor von den Kreuzfahrern größtenteils
wieder geräumte Palästina und erteilte seinem Kollegen in der Heiligen
Stadt in zum Teil scharfen und bitteren Worten eine entsprechende
Warnung und Lektion.
Wenn auch nicht ganz auszuschließen ist, daß die konkreten personellen
Zuordnungen, die Darrouzes mit guten Gründen vorgenommen hat, noch
korrigiert oder präzisiert werden müssen, so ist doch als sicher festzuhalten,
daß unser Brieffragment weder etwas mit Nikolaos III. von Konstantinopel
noch mit Symeon II. von Jerusalem zu tun hat. Daraus immer wieder gezogene Schlüsse auf theologisches Schwanken und Lateinerfreundlichkeit des
Letzteren sind ebenso zu streichen wie verschiedene Versuche, aufgrund
dieses Schriftstücks den Zeitpunkt seiner Thronbesteigung zu bestimmen
oder einzugrenzen.
2. Symeons
Azymen-Traktat
Dafür, daß Patriarch Symeon in der zu seiner Zeit virulentesten Frage der
Kontroverstheologie, nämlich der Azymen-Problematik, geschwankt hätte,
gibt es nach der klaren anderweitigen Zuweisung eines einschlägigen Briefwechsels zwischen den Oberhäuptern der Kirchen von Jerusalem und von
Konstantinopel nicht mehr den geringsten Anhaltspunkt. Vielmehr zeigt
ein eigener Traktat, den der Hierarch diesem Thema gewidmet hat, daß er
diesbezüglich in keiner Weise vom orthodoxen Standpunkt abwich, den er
in seiner Schrift ruhig, aber eindeutig und unmißverständlich vortrug.
85
86
87
Ebd. 50.
Ebd. 45.
Vgl. dazu etwa G. Stadtmüller, Michael Choniates, Metropolit von Athen (ca. 1138ca. 1222), O C Bd. XXXIII-2 (= Nr. 91), Rom 1934, 184-212.
290
Peter Plank
Hinweise auf einen Azymen-Traktat Symeons finden sich schon in der
älteren Literatur, etwa bei Dositheos II. von Jerusalem und Michel Le
Quien. 88 Doch wurde er erst 1924 von Bernard Leib nach drei Handschriften des 13.-16. Jahrhunderts ediert. 89 Nun meinte Leib aber, dem Patriarchen, der in allen drei Manuskripten in der Uberschrift ( T O U Ä Y T C O X A T O U
äpxi£7UCTK07i0U Eui^ecovoq 'Iep0CT0X6(iMV nepi Tcüv ct^ujicov) als Verfasser
genannt ist90, die Autorschaft absprechen zu müssen. 91 Die Schrift präsentiert sich nämlich als Entgegnung auf einen lateinischen Traktat zugunsten
der Azymen, der einem lateinischen Kleriker in Konstantinopel zugegangen
sei92, und Leib glaubte, dieser Traktat sei kein anderer als die AzymenSchrift des Bruno, Bischofs von Segni und Abtes von Monte Cassino, die
dieser an den Benediktiner-Abt Leo in Konstantinopel richtete. 93 Da aber
Bruno erst nach seinem Eintritt in Monte Cassino im Jahr 1102, wahrscheinlich sogar erst als Abt dieses Klosters (1107-1111) über die Azymen
geschrieben habe94, könne der bereits im Juli 1099 verstorbene Symeon
nicht auf Bruno reagiert haben.
In der Tat folgen beide Schriften in ihrer Kontroverse auf weiten Strekken demselben gedanklichen Duktus. Zwar fiel schon Leib auf, daß der
Grieche an einigen Stellen Argumente oder biblische Belege zu entkräften
sucht, die bei Bruno gar nicht begegnen. Doch glaubte er, daß solche Zusätze auf das Konto der Lateiner in Konstantinopel gingen, welche die Schrift
des Cassinenser Abtes dem griechischen Autor in angereicherter Form
übergeben hätten. 95 Eine Sache für sich schienen Leib die Erörterungen des
Griechen über das Datum des Letzten Abendmahles zu sein, des Themas
der Orthodoxen im Azymen-Streit schlechthin, auf das die Lateiner nie so
recht eingehen wollten. 96 Griechische Ausführungen zu diesem Punkt
konnten auch im vorliegenden Fall kaum als Entgegnungen auf eine
vorgängige lateinische These konzipiert sein.
Ein letztes wichtiges Problem, für das Leib eine Lösung suchen mußte,
war die Erwähnung eines nana(c;) XiÄßeCTxpoq durch den griechischen
Autor als Absender der ihm vorliegenden, aus Rom eingegangenen lateinischen Schrift. Er suchte diese Aufgabe durch folgende Auslassungen zu
88
89
90
91
92
93
94
95
96
Patriarch Dositheos II. von Jerusalem, 'Ioropioc Tiepi TCOV S V 'IepoaoX6(ioiq
roxTpiapxeuadvTCüv, Bukarest 1715, 188; M. Le Quien, Oriens christianus (s. oben
Anm. 18) III, 498f.
Leib, Deux inedits (s. oben Anm. 9) 217-239.
Ebd. 207-209 und 217.
Ebd. 177-190. Schon Le Quien hatte an der Verfasserschaft Symeons gezweifelt:
Oriens christianus (s. oben Anm. 18) III, 500.
Ebd. 217.
De sacrificio azymo ad Leonem monachum, Migne PL 165, 1085-1090.
Dazu: B. Gigalski, Bruno von Segni, Münster/Westf. 1898, 283-285.
Leib 182.
Leib 182f.
Patriarch
Symeon
II. von
Jerusalem
291
erledigen: "Der Name des Verfassers des von dem Griechen widerlegten
Briefes rtapd Tivoq nana SiA-ßsaxpou bedeutet wenig, wenn man die
Leichtfertigkeit bedenkt, mit der man im Mittelalter Namen zuwies. Außerdem ist darauf hinzuweisen, daß das Gutachten des Bruno den Namen
des Papstes Silvester ausdrücklich erwähnt. 97 Möglicherweise hatte der
orthodoxe Leser seine Schwierigkeiten, den schlecht geschriebenen Schluß
zu lesen, und glaubte, in dem Namen Silvester eine Angabe zu erkennen,
die den Redaktor betrifft." 98
Widerspruch erntete Leib mit seinen Thesen bei seinem Landsmann
Martin Jugie. In einem Beitrag, der kaum den Umfang einer Rezension
übersteigt99, äußerte dieser seine eigenen einigermaßen überraschenden
Ansichten über Symeon und das ihm von Leib abgesprochene theologische
Werk: Zwar könne Symeon nicht der Autor des edierten Traktats sein,
wenn dieser auf eine zwischen 1107 und 1111 von Bruno von Segni verfaßte
Schrift antworte, der Patriarch aber 1099 verstorben sei. Doch unterliege
ebendieses von Albert von Aachen überlieferte Sterbedatum starken Zweifeln. Der Aachener Kanoniker sei nicht Augenzeuge der von ihm berichteten Ereignisse gewesen, sondern gebe lediglich wieder, was er von anderen
erfahren habe. Glaubwürdig sei dagegen Michael der Syrer mit seiner
Nachricht, daß Symeon bei der Einnahme Jerusalems durch die Kreuzfahrer zugegen gewesen sei. Danach aber sei es ihm wohl ebenso ergangen wie
seinem Amtskollegen Ioannes von Antiocheia. Er habe sich mit den Lateinern überworfen und sei entweder über diesen Auseinandersetzungen gestorben oder wie Ioannes nach Konstantinopel geflüchtet. Daß Symeon die
Erstürmung Jerusalems 1099 miterlebt habe, sei jedenfalls sehr wahrscheinlich, "um nicht zu sagen sicher" 100 .Demzufolge sei die Autorschaft Symeons
am besagten Azymen-Traktat selbst dann möglich, wenn das Werk eine
Widerlegung der erst zwischen 1107 und 1111 entstandenen Schrift Brunos
sein sollte.
Doch erklärt sich Jugie auch in diesem Punkt mit Leib nicht einverstanden. Symeon antworte auf die Schrift "eines gewissen Papstes Silvester" an
einen lateinischen Kleriker in Konstantinopel, während Brunos Brief klar
seinen Verfasser und seinen Empfänger namens Leo nenne. Symeon antworte nach eigenem Bekunden auf ein in dem ihm vorliegenden
lateinischen Schriftstück auftauchendes Argument, wenn er sich mit der
Behauptung auseinandersetzt, Abraham und Lot hätten ihren drei
97
PL 165, 1089. Allerdings in einer Reihe mit den Namen Petrus, Clemens, Gregori-
us.
98
99
100
Leib 183.
Le traite sur les azymes (s. oben Anm. 8).
Ebd. 422.
292
Peter Plank
geheimnisvollen Gästen (Gen 18f.) ungesäuertes Brot vorgesetzt. 101 Eine
Passage dieses Inhalts sei aber bei Bruno von Segni nicht zu finden. Ebenso
antworte Symeon auf die ihm vorliegende Schrift, nicht aber auf Bruno,
wenn er auf das Argument entgegnet, der Besitzer des Saales, in dem der
Herr das Letzte Mahl mit seinen Jüngern gehalten habe, sei ein
gesetzestreuer Jude gewesen und habe deshalb unmöglich zu dieser Zeit
gesäuertes Brot in seinem Hause haben können. 102 Umgekehrt setze Bruno
den Griechen entgegen, der Herr habe am Abend des Auferstehungstages zu
Emmaus (Lk 24,11) mit Sicherheit ungesäuertes Brot gebrochen 103 , ohne
daß sich bei Symeon eine Replik auf diesen Gedanken finde. Angesichts
dieser Schwierigkeiten sei es schwerlich denkbar, daß der Traktat Symeons
eine Antwort auf Brunos Schrift darstelle. Jugie sieht sehr wohl, daß "de
curieuses coincidences" zwischen beiden Schriften bestehen. Doch glaubt
er, sie ließen sich "facilement par la nature du sujet" erklären. 104
Eine Wende nahm die Diskussion um den Azymen-Traktat des Patriarchen, als Anton Michel im Codex Brüx. 1360 fol. 116v-119 eine "Epistola
Layci clerici missa Sergio abbati ad defendendum se de azymis contra Graecos" auffand und sie 1939 edierte und kommentierte. 105 Michels Untersuchung ergab, daß Bruno von Segni bei der Abfassung seines Azymen-Traktats den neu entdeckten Brief des Laycus, den er um 1070 datiert 106 ,
regelrecht ausgeschrieben hat. 107 Nicht weniger bedeutsam ist Michels
Feststellung, daß die Azymen-Schrift des Patriarchen Symeon zu Laycus in
viel engerem Verhältnis steht als zu Bruno. 108 Die Einwände, die Jugie
gegen Brunos Schrift als unmittelbaren Widerpart für Symeon erhebt,
treffen zwar auf diese, nicht aber auf den Brief des Laycus zu. So findet sich
bei Laycus tatsächlich die bei Bruno vermißte Berufung auf Abraham und
Lot, ebenso der Hinweis auf den gesetzestreuen Besitzer des Abendmahlsaales: "Der griechische Text ist also, wie die viel engeren Beziehungen des
Inhaltes zeigen, eine Antwort auf den Brief des Laycus von ca. 1070 und
nicht auf die Epistel des Bruno von ca. 1110. Auch sprachlich steht er dem
Sondergut des Laycus näher als Bruno." 109
Da Leib dem Patriarchen den griechischen Traktat "nur aus dem Verhältnis zu Bruno heraus" 110 abgesprochen hatte, sieht Michel nach seiner
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
Symeons Azymen-Traktat § 9: Leib 222.
Ebd. § 14; Leib 225. '
PI 165, 1087.
Jugie 424.
Amalfi und Jerusalem (s. oben Anm. 8). Textedition ebd. 35-47.
Ebd. 17f.
Ebd. 7 und 24.
Ebd. 15.
Ebd. 28.
Ebd. 29.
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
293
Entdeckung des Laycus keinen Grund mehr, der gegen eine Autorschaft
Symeons sprechen könnte, dessen Tod im Jahr 1099 er im übrigen nach wie
vor für ein verläßliches Datum hält. 111 Adressat des Laycus-Briefes ist nach
Michel der Abt Sergius vom Benediktiner-Kloster St. Maria der Amalfitaner
in Konstantinopel 112 , weswegen er auch Laycus für einen Amalfitaner
hält. 113 Nichtsdestoweniger scheide Konstantinopel als "Ausgabeort" der
Schrift des Laycus an den Patriarchen aus, weil dieser ansonsten in seiner
Antwort deutlich gemacht hätte, daß er auch selber in der byzantinischen
Reichshauptstadt geschrieben habe. 114 Von Amalfi aus gesehen komme
vielmehr Jerusalem in Betracht 115 , wo sich ebenfalls ein Kloster mit Mönchen aus der italienischen Seerepublik befand.
Schließlich bleibt Michel auch ein Wort zum Silvester-Problem nicht erspart: "Daß aber der Brief unter dem Namen 'eines Papstes aus Rom' dem
Patriarchen eingehändigt wurde, geschah wohl, um ihm höheres Ansehen
zu sichern. Da Silvester I. der Liturge der abendländischen Kirche
schlechthin war und das Briefchen über die Azymen geht, da überdies Silvester I. gegen Ende der Epistel (...) sogar zitiert wird, lag es nahe, sie 'einem'
(xivoc;) Papst Silvester zuzuschreiben. An einen 'Weltpriester Silvester' ist
bei der Zusammenstellung nana (...) mit Rom ... nicht zu denken." 116
Mögen Michels folgernde Überlegungen im einzelnen auch diskussionsbedürftig erscheinen, einen echten Fortschritt auch hinsichtlich der rechten
Würdigung des Azymen-Traktats des Symeon bedeutete die Edition des
Laycus-Briefes allemal. Doch war dessen Entdeckung nicht der letzte Fund,
der wesentlichen Einfluß auf die richtige Einordnung und Interpretation
der theologischen Schriftstellerei des jerusalemischen Patriarchen gewinnen
sollte. 1974 macht Jean Darrouzes auf einen Azymen-Traktat des kleinasiatischen Bischofs Nikolaos von Andida aufmerksam 117 , der zuvor nur als
Verfasser eines Liturgie-Kommentars bekannt gewesen war. 118 Darrouzes
mochte sich zwar nicht auf eine Gesamtedition dieser Schrift einlassen, auf
die er im Cod. Bucar. Acad. graec. 318 gestoßen war, gab aber einige Passagen daraus wieder 119 , die aus historischen Gründen bedeutsam erschienen.
111
112
113
114
115
116
117
118
119
Ebd. 28.
Ebd. 18f.
Ebd. 20f. Dieser Schluß ist m.E. zu gewagt.
Ebd. 29f. Ein m.E. unnachvollziehbarer Gedanke.
Ebd. 30.
Ebd. 32.
J. Darrouzes, Nicolas d'Andida et les azymes, REB 32 (1974) 199-210.
Dazu R. Bornert, Les commentaires byzantins de la Divine Liturgie du VII e siecle
(= Archives de L'Orient Chretien 9), Paris 1966, 181-213. Die Entdeckung des
Azymentraktats hat auch Konsequenzen für die Datierung des Liturgiekommentars
des Nikolaos. Darrouzes setzt seine Abfassung nunmehr 1085-1095 an: Nicolas
d'Andida 199 und 203.
Darrouzes 207-210.
294
Peter Plank
Außerdem war ihm aufgefallen, daß der erste Teil des Azymen-Traktats des
Nikolaos so gut wie identisch ist mit den Paragraphen 15-31 des theologischen Werkes des Patriarchen Symeon zum selben Thema, dessen zweitem
Teil also, der auf die abschnittweise Auseinandersetzung mit der lateinischen Vorlage folgt und als eine Art Beiwerk breit die Frage des Zeitpunktes des Letztes Abendmahls des Herrn mit seinen Jüngern behandelt.
Die damit gegebene Frage, in welcher Richtung die Abhängigkeit verlaufe, klärte Darrouzes, indem er den Text des Symeon eindeutig als Plagiat
erwies. Darauf lasse schon die gesamte Anlage beider Werke schließen.
Während Nikolaos ganz natürlich seinem zu Anfang dargelegten Plan in
der Durchführung folge, wirke der Text Symeons unproportioniert, was
sich durch die Übernahme eines großen Teiles aus Nikolaos erkläre. Offenkundig aber werde das Plagiat im Paragraphen 31 bei Symeon: Er kündigt
dort ebenso wie Nikolaos an der entsprechenden Stelle die Darlegung eines
neuen Gedankens an, nämlich den Erweis der Reinheit des gesäuerten Brotes. Im Gegensatz zu Nikolaos, der dieses Argument dann tatsächlich auch
entwickelt, kommt aber Symeon darauf nicht mehr zurück, sondern beendet seine Ausführungen mit einem nochmaligen Rückgriff auf seinen lateinischen Widerpart. 120
Während also der Azymen-Traktat des Patriarchen Symeon in seiner
Gesamtanlage als eine Art literarischer Sandwich erscheint, erweist die Homogenität der Schrift des Nikolaos zugleich ihre Priorität. Dieser Umstand
nun gewinnt insofern höchste Bedeutung, als Nikolaos persönliche Erlebnisse berichtet, die chronologische Rückschlüsse auf sein eigenes Werk und
folglich auch auf das seines Plagiators Symeon zulassen.
Bischof Nikolaos berichtet nämlich von seiner Begegnung mit Lateinern
auf der Insel Rhodos. Venezianer hatte er dort angetroffen, welche mit
Erlaubnis des Kaisers sogar schon eigene Kirchen gebaut hatten, in denen
sie ihre Azymen darbrachten, von denen sie behaupteten, sie seien geeigneter für das eucharistische Opfer als gesäuertes Brot. Außerdem habe sich
dort noch "eine weitere Menge" lateinischer Mönche und Bischöfe aufgehalten, die unterwegs zum Grabe Christi gewesen seien. 121
Darrouzes gibt seiner Überraschung über diese Erlebnisse des Nikolaos
Ausdruck, zeigen sie doch Rhodos als etablierten Handelsplatz der Venezianer samt festen kirchlichen Einrichtungen und als Durchgangshafen für
Heilig-Land-Pilger und Kreuzfahrer. Angesichts dieses Bildes stellt Darrouzes die entscheidende Frage, "seit wann Rhodos zum regulären Anlegeplatz
der Kreuzfahrer auf dem Weg zum Heiligen Land geworden ist"122. Wenn
er trotz dieser von ihm selbst formulierten unausweichlichen Frage zu der 120
121
122
Ebd. 204f.
Griechischer Text: Darrouzes 208; franz. Übersetzung: ebd. 202.
Ebd. 202.
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
295
in sich unmöglichen - Auffassung gelangt, der Traktat des Nikolaos von
Andida müsse in der Zeit von 1095-1098 entstanden sein, so einzig deshalb,
weil für ihn der Tod des Patriarchen Symeon, der aus diesem Traktat so
reichlich geschöpft hat, im Jahr 1099, spätestens aber 1101, eine unumstößliche Tatsache ist. 123
Resümieren wir die historischen Fakten! Mit dem Jahr 1082, in dem Kaiser Alexios I. den Venezianern für ihre Unterstützung im Krieg gegen die
Normannen umfangreiche Handels- und Niederlassungsprivilegien einschließlich der Erlaubnis zum Erwerb oder zur Errichtung lateinischer Kirchen einräumte, beginnt die unaufhaltsame wirtschaftliche, militärische und
politische Expansion der Westeuropäer im rhomäischen Reich 124 , die nicht
weniger zu dessen Niedergang beitragen sollte als die türkische Invasion aus
dem Osten, die etwa zur selben Zeit einsetzt. Sollten sich schon in den 80er
Jahren des 11. Jahrhunderts Venezianer auf Rhodos niedergelassen haben,
so wurden sie mit Sicherheit noch einmal von £aka (Tzachas), dem selguqischen Emir von Smyrna, verdrängt, der seit 1089/90 die ägäischen Inseln vor der kleinasiatischen Küste der Reihe nach in seine Gewalt brachte,
bis sie ihm von dem rhomäischen Megas dux Ioannes Dukas im Frühjahr/Frühsommer des Jahres 1092 wieder entrissen wurden. 125 Hätte Nikolaos auf Rhodos nur Venezianer angetroffen, die damals übrigens formal als
Untertanen des byzantinischen Kaisers galten, so wäre über den Zeitpunkt
seines Aufenthaltes auf der Insel nur zu sagen, daß er vermutlich nach 1092
anzusetzen sei. Doch läßt seine Erwähnung einer weiteren Menge von Lateinern, die der Bischof genau von den Venezianern zu unterscheiden weiß,
viel genauere Rückschlüsse zu. Sie waren auf dem Weg zum Grabe Christi126, gehörten also zu den Kreuzfahrern oder waren Pilger in das bereits
eroberte Jerusalem. Der kleinasiatische Bischof kam also zu einer Zeit nach
Rhodos, als die Insel bereits zum wichtigen Flottenstützpunkt der Kreuzfahrer geworden war, der ihnen Versorgung und Nachschub sicherte. 127
Wenn also Nikolaos von Andida die Insel Rhodos frühestens im Jahr
1099128 besuchte, danach seinen Azymen-Traktat schrieb, dieser in die
Hände des Patriarchen Symeon gelangte und von ihm zur Abfassung seiner
eigenen Schrift zum Thema herangezogen wurde, so kann der Jerusalemer
Ebd. 204.
Vgl. dazu: Lilie, Die lateinische Kirche (s. oben Anm. 10) 202.
1 2 5 P. Gautier, Defectation et soumission de la Crete sous Alexis I e r Comnene, REB 35
(1977) 215-227, bs. 227; vgl. E. Malamut, Les lies de l'Empire Byzantin VIII e -XII e
siecle, Bd. I, Paris 1988, 91.
1 2 6 Darrouzes 208.
1 2 7 Malamut Bd. II, Paris 1988, 441 und 556.
128 Ygj Malamut Bd. I, 95. Wilhelm von Tyrus berichtet von genuesischen, venezianischen und griechischen Schiffen, die im Jahr 1099 die Kreuzfahrer von Cypern und
Rhodos aus versorgt hätten: Chronicon VII, 21: Huygens (s. oben Anm. 15) 371.
123
124
Peter Plank
296
Oberhirte nicht bereits zur Zeit der Einnahme der Heiligen Stadt durch das
Kreuzritterheer, also im Juli 1099, auf Cypern verstorben sein, wie bislang
von den allermeisten Forschern im Vertrauen auf Albert von Aachen und
den von ihm abhängigen Wilhelm von Tyrus angenommen worden ist.
Anders lautende Nachrichten dürfen keinesfalls mehr ignoriert oder von
vornherein als unglaubwürdig abgetan werden, wie geschehen.
Eine erste sehr wichtige Nachricht dieser Art enthält bei näherem Zusehen der Azymen-Traktat des Patriarchen selbst, und zwar in seinen einleitenden Sätzen:
"Wir haben zur Kenntnis genommen, ihr christusliebenden Lateiner, das
Streitschriftchen (xo CTUCTTCXTIKÖV ypaji|adxiov) für euer ungesäuertes
Opfer, das ihr uns habt zugehen lassen. Da war auch eine Art Brieflein, von
Rom aus geschrieben, wie es hieß, von einem Papst Silvester (Kai r|v
£7UCTToAi5iov ti ano Pö)fir|q ypacpev, rot; ecppa^s, raxpa xtvoq nana
üiAßECT-cpou) an einen lateinischen Kleriker, der in Konstantinopel lebt.
Wir haben daraus klar erkannt, daß ihr weder etwas Geziemendes noch
etwas Wahres noch etwas Erhärtendes besitzt, was den Dienst mit Azymen
empfehlen könnte, den ihr Christus unserem Gott darbringt." 129
Im Gegensatz zur gesamten bisherigen Forschung ist festzuhalten, daß
Symeon in diesem Vorspann zu seinen sakramententheologischen Ausführungen klar und deutlich von zwei verschiedenen Schriftstücken spricht,
die man ihm zusammen ausgehändigt hat, nämlich von einer kleinen Streitschrift (auaxaxtKÖv ypap|_iaxiov) zugunsten der Azymen und von einem
Begleitbrieflein (£7UCTTOA.I5IOV) eines Papstes Silvester. Dieser Begleitbrief
und sein Verfasser waren dem Patriarchen offenbar suspekt, was er durch
den Zusatz indefiniter Pronomina (£7UCTxoA.(8i6v XI ... napa xtvoq 7tarax)
kundgibt - im Gegensatz zur Streitschrift selbst, die er mit bestimmtem
Artikel (xö CTUCTXCXXIKÖV ypa|i|iaxiov) anführt und als solche durchaus
ernst nimmt.
Wer aber ist dieser Papst Silvester? Solange man davon ausging, daß das
Symeon übergebene ypap.|idxiov und E T U C T X O A A Ö I O V einunddasselbe Schriftstück sind, war darauf keine befriedigende Antwort zu finden. Nun trug das
an einen lateinischen Kleriker zu Konstantinopel gerichtete Begleitschreiben zum Azymen-Traktat, das Patriarch Symeon in Händen hielt, ohne
Zweifel als Absender den Namen eines römischen Papstes Silvester. Aber es
handelt sich dabei natürlich nicht um Silvester I. (314-335), der auch in der
orthodoxen Kirche von alters her als Heiliger verehrt wird und als angeblicher Täufer Kaiser Konstantins des Großen in hohem Ansehen steht. Soll
die Einhändigung des besagten Briefes an den Jerusalemer Patriarchen überhaupt irgendeinen Sinn gehabt haben, so muß er vielmehr einen inhaltli129
Leib 217.
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
297
chen Bezug zu dem gleichzeitig übergebenen Azymen-Traktat besessen
haben. Damit aber scheiden als Briefsteller auch die Päpste Silvester II. (9991003) und Silvester III. (1045-1046) aus, die beide noch vor Ausbruch des
Schismas von 1054 die römische Kirche regiert hatten. Es kommt somit als
Absender des E T C I C T X O X I S I O V nur der römische Erzpriester Maginulfus in
Frage, der seit dem 18. November 1105 bis ins Jahr 1111 als Silvester IV.
unter dem Schutz des Markgrafen Werner von Ancona Papst Paschalis II.
(1099-1118) Konkurrenz machte. 130
Somit erklärt sich auch die reservierte Haltung Patriarch Symeons gegenüber dem EmcTToAiSiov. Er wußte vermutlich sehr wohl, daß Silvester
nichts weiter als ein römischer Gegenpapst mit sehr beschränktem Anhang
war, der versuchte, auch außerhalb Italiens, etwa bei den Angehörigen der
lateinischen Kirche in Konstantinopel und über sie nach Möglichkeit in
orthodoxen kirchlichen Kreisen, Einfluß zu gewinnen. Daß seine Ansprüche mancherorts zumindest nicht schlechterdings verworfen wurden, zeigt
die Tatsache, daß es in Konstantinopel offenbar Lateiner gab, die sich nicht
scheuten, Briefe Silvesters zur Unterstreichung dogmatischer Positionen der
römischen Kirche an höchste Würdenträger der orthodoxen Kirche weiterzureichen.
Wenn aber Symeon seinen Azymen-Traktat erst nach der Lektüre eines
Briefes des Maginulfus-Silvester verfaßt hat, so beweist dies, daß der Patriarch zumindest im Jahr 1106 noch am Leben war. Daß er sowohl von
diesem Brief als auch von der Abhandlung gegen die Azymen des Nikolaos
von Andida Kenntnis nehmen konnte, die ja beide nicht an ihn gerichtet
bzw. für ihn verfaßt waren, läßt sich am ehesten dadurch erklären, daß
Symeon den letzten Abschnitt seines Lebens ebenso wie sein antiochenischer Amtsbruder Ioannes V. in Konstantinopel verbrachte und dort sein
Werk gegen die Azymen schrieb.
Nun ist der Gedanke an Maginulfus-Silvester als Absender des im Azymen-Traktat Symeons genannten römischen Briefes nicht ganz neu. Auch
Anton Michel ist er schon gekommen, doch hat er ihn sofort wieder verworfen: "Da Symeon spätestens 1106 gestorben ist, kommt der Gegenpapst
Silvester IV. Maginulfus (1105-1111) als angeblicher Absender des LaycusBriefes nicht in Frage." 131 Ganz abgesehen davon, daß Michels Argumentation selbst dann nicht stichhaltig wäre, wenn der Patriarch tatsächlich im
Jahr 1106 das Zeitliche gesegnet haben sollte, so ist klarzustellen, daß es für
eine solche chronologische Fixierung keinen Anhaltspunkt gibt. Zwar
130
131
Ph. Jaffe, Regesta Pontificum Romanorum ad a.p.Chr. n. MCXCVIII, 2. Aufl. Bd.
I, Leipzig 1851 (ND Graz 1956), 773f.;vgl. C. Servatius, Paschalis II. (1099-1118).
Studien zu Person und Politik (= Päpste und Papsttum Bd. 14), Stuttgart 1979, 43,
71f„ 251.
Die byzantinische und römische Werbung 174 Anm. 59.
298
Peter Plank
behaupten das orthodoxe Autoren wie Chrysostomos Papadopulos 132 und
Aleksandr Popov133 wie - von ihnen abhängig - Wilhelm Hotzelt 134 , die
tradieren, Symeon II. habe bis in dieses Jahr in Bethlehem gelebt und vergeblich versucht, sein Amt auszuüben und in der Jerusalemer Anastasis die
hl. Liturgie zu feiern, woran ihn die lateinischen Machthaber gewaltsam
gehindert hätten. Doch bringen sie für diese Darstellung keinerlei Quellenbeleg bei. Es scheint vielmehr so, als ob eine altererbte Verwechslung mit
Patriarch Leontios II. (1176-1185), einem Nachfolger Symeons II., vorliege,
von dem sein Zeitgenosse und Biograph Theodosios Gudelis ebendies berichtet. 135 Die damit verbundene Festlegung des Sterbejahres Patriarch
Symeons auf 1106 hingegen rührt möglicherweise aus jener bereits erwähnten Translationsnachricht bei Nikephoros Kallistos Xanthopulos 136 von der
Anerkennung eines ehemaligen Bischofs von Tyros als Patriarch von
Jerusalem, der sich im Jahr 6615 (= Sept. 1106/Aug. 1107) in Konstantinopel eingefunden habe. 137 Doch handelt es sich auch hierbei um eine
Verwechslung. 138
Gibt es also keinerlei Hinweis, der es nahelegte, den Tod Symeons II. gerade im Jahr 1106 anzunehmen, so entfällt erst recht ein von daher erhobener Einwand gegen Maginulfus-Silvester als Absender des von dem Patriarchen in seinem Azymen-Traktat erwähnten päpstlichen Briefes aus Rom.
Davon unberührt bleibt die Feststellung, daß Symeon seine Schrift gegen
die Azymen frühestens 1106 verfaßt haben kann, so daß wir im Jahr 1105
einen sicheren terminus post quem für das Ableben des Patriarchen besitzen. Zusammen mit dem als Terminus ante quem für seinen Amtsantritt ermittelten Jahr 1095 ist hiermit ein zeitlicher Rahmen gegeben, in dem er
samt der Kirche im Heiligen Lande, der er vorstand, mit den Kreuzfahrern
und ihrer Kirche konfrontiert wurde. Bevor wir uns der Aufgabe zuwenden, Licht in die diesbezüglichen Ereignisse zu bringen, sei festgehalten, daß
die Auswertung von Quellen, aufgrund derer die ältere Forschung ein
Schwanken Symeons II. zwischen Rom und Konstantinopel behauptete,
132
133
134
135
136
137
138
'Icrpopia rFj<; 'EKK>.r|cncx<; 'IepoaoXüncov, 2. Ausg. Athen 1970, 417f.
Latinskaja Ierusalimskaja patriarchija (s. Anm. 11) 229. Popov "beweist" seine
Behauptung mit dem Hinweis, daß darüber bis heute sogar die orthodoxen Schulkinder in Jerusalem Bescheid wüßten.
Kirchengeschichte Palästinas (s. Anm. 13) 25. Vgl. auch J. Prawer, The Latin
Kingdom of Jerusalem. European Colonialism in the Middle Ages, London 1972,
221. Da auch er annimmt, Symeon sei schließlich ins Heilige Land zurückgekehrt,
scheint seine Verlegung des Todes des Patriarchen ins Jahr 1116 ein einfaches Versehen zu sein.
D. Tsougarakis, The Life of Leontios, Patriarch of Jerusalem. Text, Translation,
Commentary, Leiden u.a. 1993, 138.
S. oben Anm. 46.
Darrouzes, Le Traite des Transferts (s. oben Anm. 45) 183.
S. dazu oben Anm. 21.
Patriarch Symeon II. von Jerusalem
299
keinerlei Anhaltspunkte für die Berechtigung einer solchen These erbracht
hat.
III. Symeon und die Kreuzfahrer
Bekanntlich wählten sich die Kreuzfahrer aus ihren eigenen Reihen schon
wenige Tage, nachdem sie Jerusalem eingenommen hatten, eine eigene
weltliche und geistliche Obrigkeit. Am 22. Juli 1099 wurde Gottfried von
Bouillon unter dem von ihm selbst bevorzugten Titel eines Ecclesiae S.
Sepulcri Advocatus zum Herrscher über Jerusalem und die übrigen eroberten Gebiete im Heiligen Land erhoben, am 1. August Arnulf von Chocques
zum Patriarchen der Heiligen Stadt erklärt. 139 Während aber die Wahl
Gottfrieds als notwendige Folge der Beseitigung der muslimischen Herrschaft erscheint, stellt sich im Falle der Bestellung Arnulfs, auch wenn sie
von vornherein nur als Provisorium gedacht gewesen sein sollte, unausweichlich die Frage nach ihren faktischen Voraussetzungen und ihrer rechtlichen und moralischen Legitimation. Denn die Heilige Stadt besaß von jeher einen orthodoxen Patriarchen, der an der Spitze des palästinischen Episkopats stand und eine eigenständige Kirche regierte, die mit den anderen
chalkedonisch-orthodoxen Patriarchaten von Konstantinopel, Alexandrien
und Antiochien sowie den autokephalen Erzbistümern von Bulgarien und
Cypern in kanonischer Gemeinschaft stand und auch mit der lateinischen
Kirche der nunmehrigen Eroberer samt ihrem römischen Haupt, solche allerdings schon lange brüchig gewordene - Gemeinschaft gepflogen hatte,
bis diese wenige Jahrzehnte zuvor im Gefolge der Ereignisse von 1054
beendet worden war, ohne daß man diesen Bruch damals etwa schon für
dauerhaft oder gar endgültig gehalten hätte. Die Frage, ob es den Kreuzfahrern anstand und zustand, einen der Ihren zum Patriarchen von Jerusalem
und damit zum Haupt der palästinischen Kirche zu erheben, hätte sich auch
dann gestellt, wenn der bischöfliche Thron der Heiligen Stadt damals tatsächlich vakant gewesen wäre, wie Albert von Aachen behauptet. Angesichts der Tatsache aber, daß sein legitimer Inhaber, Symeon II., noch
wenigstens bis ins Jahr 1106 am Leben war, erhebt sich der Verdacht, daß
die Errichtung des lateinischen Patriarchats von Jerusalem im Jahr 1099 von
Maßnahmen begleitet war, die den Charakter von Unrecht und Gewalt
trugen. Eine kritische Sichtung und Wertung aller verfügbaren Quellen soll
darüber Klarheit verschaffen.
139
Älteste Quelle darüber sind die noch im Jahr 1099 von einem anonymen Autor aus
Süditalien abgeschlossenen Gesta Francorum et aliorum Hierosolymitanorum
XXXIX, 3-4: Hagenmeyer (s. oben Anm. 17) 477-481.
Peter Plank
300
1. Armenische
Geschichtsschreibung
Schon Martin Jugie hat ernsthafte Zweifel an der Darstellung Alberts von
Aachen gehegt. Für ihn stand nahezu fest, daß Patriarch Symeon die Einnahme der Heiligen Stadt an Ort und Stelle miterlebt hat. Er verwies dabei
auf eine Passage im Geschichtswerk des jakobitischen Patriarchen Michael
des Syrers (1166-1199) mit folgendem Wortlaut:
"Die fränkischen Truppen setzten ihren Zug fort, bemächtigten sich aller Gebiete bis hin
nach Joppe und langten vor Jerusalem an. Diese Stadt war voll von Arabern, die vor kurzem aus Ägypten gekommen waren und die Türken vertrieben hatten. Die Kreuzfahrer
stürzten sich auf sie mit dem Schwert in der Hand und tilgten sie aus. Die Anführer der
Ungläubigen, die sich im Tempel zusammengedrängt hatten, wurden herausgerissen und
dem Tode überantwortet.
Der Patriarch folgte einer Straße, metzelte die Ungläubigen auf seinem Weg nieder,
und als er an der Kirche der Heiligen Auferstehung anlangte, klebten seine Hände vom
Blut am Knauf seines Schwertes. Er wusch sie und sang den Psalm: Der Gerechte wird
sich freuen im Herrn, wenn er schaut die Vergeltung, deren Diener er ist. Er wird waschen seine Hände, die gefärbt sind vom Blut des Sünders (Ps 58[57], 11). Sodann feierte
er die Liturgie, indem er sagte, er habe sein Leben lang noch kein Opfer dargebracht, das
Gott wohlgefälliger gewesen sei.
Gottfried herrschte zu Jerusalem zwei Jahre, nach deren Ablauf Balduin sein Nachfolger wurde, der den Thron 15 Jahre innehatte." 140
Ein größerer Gegensatz zum Bild eines fern vom Kampfgeschehen heiligmäßig sterbenden Greises, das Albert von Aachen zeichnet, als dieses blutrünstige und abstoßende Szenario ist kaum vorstellbar. Nun haben aber
alle, die diese Stelle bislang heranzogen, wenn sie über Symeon handelten,
ohne sich dessen bewußt zu sein oder es für bedenklich zu halten, aus der
armenischen Bearbeitung des Geschichtswerkes Michael des Syrers zitiert.
Noch im 19. Jahrhundert war dies auch gar nicht anders möglich, weil man
das syrische Original damals nicht kannte. Doch wurde dieses im Jahr 1888
von dem syrisch-unierten Patriarchen I.-E. Rahmani zu Edessa aufgefunden
und 1899-1910 von J.-B. Chabot in vier Bänden ediert. 141 Felix Haase
unterzog sich in einem 1915 erschienenen Beitrag 142 der Mühe, den
ursprünglichen syrischen Text des Patriarchen Michael mit der vormals
allein greifbaren armenischen Bearbeitung aus der Feder des Priesters Ishök
(Isaak) zu vergleichen, die dieser im Jahr 1248 in der kleinarmenischen
Patriarchenresidenz zu Romgla verfaßte. Dabei stellte sich heraus, daß der
140
RHC Hist. Arm. I, 311-409, dort: 329.
Chabot, Chronique de Michel le Syrien, 4 Bde., Paris 1899/1901/1905/1910
(ND Brüssel 1963).
F. Haase, Die armenische Rezension der syrischen Chronik Michaels des Großen,
OrChr N.S. 5 (1915) 60-82, 271-284.
1 4 1 J.-B.
142
Patriarch Symeon II. von Jerusalem
301
Armenier manches aus seiner Vorlage wegließ, dafür anderes hinzufügte,
wofür er offenbar andere Quellen besaß. Nun hat diese Beobachtung nicht
nur für die Aufzeichnungen über die Zeit vor dem Auftreten Mohammeds
Gültigkeit, auf die Haase seine Untersuchung beschränkte. Sie bestätigt sich
gerade auch hinsichtlich des oben zitierten Abschnitts. Er entspricht dem
Kapitel VII im Buch XV des syrischen Originals. 143 Dort aber folgt unmittelbar auf die Nachricht vom Massaker der Kreuzfahrer unter den Muslimen nach der Erstürmung der Stadt die Notiz über ihre beiden ersten
fränkischen Herrscher. 144 Die phantastischen Behauptungen über den
Patriarchen 145 entpuppen sich also eindeutig als Sondergut des Armeniers.
Angesichts dessen, daß Ishök bereits eineinhalb Jahrhunderte vom Geschehen entfernt ist und nicht einmal den Namen des betreffenden Patriarchen
weiß, wird man seine Einlassungen nicht auf Symeon II. applizieren dürfen,
wenn sie überhaupt irgendeinen Quellen wert haben.
Symeon mit Namen nennt hingegen ein weiterer armenischer Geschichtsschreiber, der dem berichteten Geschehen zeitlich wesentlich näher
steht, nämlich Matthäus von Edessa, dessen Chronik die Jahre 952-1136
umfaßt. Für das Jahr 550 armenischer Zeitrechnung (= 24. Februar 110123. Februar 1102 A.D.) berichtet er 146 , das Lichtwunder, das sich alljährlich
zum Osterfest zu Jerusalem im Heiligen Grab ereignet 147 , sei diesmal zunächst ausgeblieben, dann aber verspätet doch noch eingetreten. 148 Den
Bericht von diesem die Menschen stark erregenden Ereignis, von dem auch
der lateinische Priester Fulcher von Chartres Kunde gibt 149 , nimmt Matthäus zum Anlaß, eine Reihe von nichtchalkedonischen und chalkedonisch-
143
144
145
146
147
148
149
Chabot III, 182-187.
Ebd. 185.
Auch Gautier mochte sie nicht glauben: Le synode des Blachernes (s. oben Anm.
34) 229 Anm. 78.
Ich zitiere nach dem Extrakt in RHC Hist. Arm. I, 4-150, dort: 55. Zu Matthäus
von Edessa und seiner Chronik: V. Inglisian, Die armenische Literatur, in: Handbuch der Orientalistik I/VII: Armenische und kaukasische Sprachen, Leiden/Köln
1963, 156-250, dort; 191f; J. Muyldermans, L'historiographie armenienne, in: Le
Museon 76 (1963) 109-144 pass.
Zu diesem bis heute sich alljährlich ereignenden Geschehen: B. Schmidt, Die Feier
des heiligen Feuers in der Grabeskirche, Palästinajahrbuch 11 (1915) 85-118; R.
Hartmann, Arabische Berichte über das Wunder des heiligen Feuers, Palästinajahrbuch 12 (1916) 76-94; K. Schmaltz, Das heilige Feuer in der Grabeskirche im Zusammenhang mit der kirchlichen Liturgie und den antiken Lichtriten,
Palästinajahrbuch 13 (1917) 53-99.
Solche Verzögerungen traten immer wieder einmal ein und riefen beim Volk jedesmal starke Verwirrung und Unruhe hervor: Schmidt 91.
Historia Hierosolymitana lib. II cap. VIII, 2: H. Hagenmeyer, Fulcheri Carnotensis
Historia Hierosolymitana (1095-1127), Heidelberg 1913, 395f. Ebd. Anm. 5 weitere
Belege.
Peter Plank
302
orthodoxen Ersthierarchen aufzuzählen, die zu diesem Zeitpunkt ihres
Amtes walteten, unter ihnen auch Symeon von Jerusalem. 150
Matthäus von Edessa lagen also Nachrichten vor, denen zufolge Symeon
II. noch zu Ostern 1101 Oberhirte der Heiligen Stadt war. Damit ist freilich
nicht gesagt, daß er sich zu dieser Zeit noch in Jerusalem aufgehalten hätte.
Schließlich befand sich auch Ioannes V., den Matthäus ebenfalls anführt,
damals nicht mehr in seiner Residenzstadt Antiocheia. Uberhaupt lehrt der
Parallel-Fall des Ioannes, daß es falsch wäre, aus der Erwähnung Symeons
durch den Armenier an dieser Stelle allzu präzise chronologische Daten
herauszulesen, hatte doch der antiochenische Patriarch schon im Oktober
1100151, bald nach seinem von den neuen lateinischen Herren erzwungenen
Rückzug nach Konstantinopel, dort sein Amt offiziell niedergelegt. Bedeutsam bleibt aber, daß Matthäus von Edessa nichts davon wußte, daß der
Patriarchat des Symeon mit der Einnahme Jerusalems durch die Kreuzfahrer geendet hätte, noch davon, daß er gerade zu diesem Zeitpunkt, wo auch
immer, verstorben wäre. Auch bei solcher Interpretation, welche bewußt
eine Überdehnung ihrer Aussagekraft vermeidet, bleibt die besagte Stelle bei
dem armenischen Chronisten eine bestätigende Stütze bereits gewonnener
Erkenntnisse zur Vita des Patriarchen.
2. Briefe an säumige
Kreuzfahrer
Im 1539 zu Paris erschienenen vierten Buch De rebus gestis Francorum des
Paulus Emilius Veronensis findet sich ein Brief Patriarch Symeons II. an
Papst Urban II. und die abendländischen Fürsten, in dem der Jerusalemer
Oberhirte bewegte Klage führt über die ständigen Bedrängnisse und Leiden,
die den Christen im Heiligen Land von den Türken zugefügt würden, viel
schlimmer noch als zuvor von den Sarazenen. Die Abendländer sollten sich
dessen bewußt sein, daß die Türken auch ihnen selbst noch gefährlich werden könnten, wenn sie ihnen nicht Einhalt geböten, solange noch Zeit dazu
sei. Als Lohn für ihre Hilfe verspricht der Patriarch ihnen irdische Königreiche im Vaterland des Erlösers und die ewige Glückseligkeit mit dazu. 152
150
151
152
Es handelt sich um Gregor II. Vahram von Kleinarmenien (1065/66-1105), Basilios
von Großarmenien (1081/82-1113/14), Nikolaos III. von Konstantinopel (10841111), Ioannes V. Oxeites von Antiocheia (1087/89-1100), Symeon II. von Jerusalem
und den jakobitischen Syrer Athanasios VII. (1090-1129).
Gautier, Jean V l'Oxite (s. oben Anm. 58) 132. Griechischer Text und französische
Ubersetzung der Rückstrittserklärung: Ebd. 136-141.
Das lateinische Original stand mir nicht zur Verfügung. Darum zitiere ich nach der
französischen Übersetzung bei: J.-E. Darras, Histoire generale de l'Eglise depuis la
creation jusqu'a nos jours, Bd. XXIII, Paris 1875, 229f.
Patriarch Symeon II. von Jerusalem
303
Dieses Schriftstück soll jenes Schreiben sein, das der Patriarch nach Albert von Aachen 153 dem französischen Eremiten Peter zusteckte, als der
einige Jahre vor dem ersten Kreuzzug eine Wallfahrt nach Jerusalem unternommen habe. Doch gehört es zu deutlich dem zeitgeschichtlich-geistigen
Umkreis der ersten Belagerung Wiens durch die Türken im Jahr 1529 an,
als daß es seit Ende des 19. Jahrhunderts noch jemand allen Ernstes hätte für
echt halten können 154 , zumal Heinrich Hagenmeyer gute Gründe für die
Annahme vorgetragen hatte, daß Peters Reise selbst überhaupt nicht zum
Ziel geführt hat. 155
Nichtsdestoweniger hat derselbe Hagenmeyer zwei andere Schreiben in
seine 1901 erschienene kritische Edition der "Kreuzzugsbriefe aus den
Jahren 1088-1100" aufgenommen, die er selbst für echte Schreiben Symeons
II. hielt. 156 Als solche werden sie denn auch bis heute fast allgemein akzeptiert und gelten als Belege besten Einvernehmens zwischen dem Patriarchen
und den Kreuzfahrern im Vorfeld der Einnahme Jerusalems. Philipp Jaffe
(1819-1870) freilich hatte seinerzeit das eine von ihnen mit dem Absender
Ierosolymitanus patriarcha et episcopi tarn graeci quam latini universaque
militia Domini et ecclesiae kurzerhand für eine Erfindung ("commentitiam
esse hanc epistolam") erklärt und es für ganz unnötig gehalten, das zu
begründen, weil es "minime difficile intellectu" sei. 157 Den anderen Brief
aber, den Patriarch Symeon und Bischof Ademar von Le Puy, päpstlicher
Legat im Kreuzfahrerheer, gemeinsam abgesandt haben sollen, hielt der
rumänische Historiker und Politiker Nicolae Iorga (1871-1940) für eine
Fälschung, vor allem deshalb, weil ihm eine solche Einmütigkeit zwischen
Lateinern und Orthodoxen, wie der Brief sie demonstriert, an der Wende
vom 11. zum 12. Jahrhundert nicht glaubhaft schien. 158
Da unsere Untersuchungen die anderen bislang beigebrachten Hinweise
auf die allgemeine Lateiner-Freundlichkeit des Patriarchen Symeon, zu
denen die beiden besagten Briefe sich gut zu gesellen schienen, als nicht
tragfähig erwiesen haben, wird der Eindruck Iorgas wie das intuitiv-apodiktische Urteil Jaffes zum Anlaß, eine genauere quellenkritische Untersuchung beider Briefe anzustellen.
Die Rezeptions- und Uberlieferungsgeschichte der beiden Schreiben ist
denkbar unterschiedliche Wege gegangen. Das eine, als dessen Absender der
Patriarch und der Bischof von Le Puy fungieren, hat sich nur in einer einzi153
154
155
156
157
158
Historia Hierosolymitana I, 4f.: RHC Hist. Occ. IV, 273.
Ausführliche Auseinandersetzung mit diesem Schriftstück bei: P. Riant, Inventaire
critique des lettres historiques des croisades, in: Archives de 1'Orient Latin I, Paris
1881, 1-224, dort: 92-100.
Hagenmeyer, Peter der Eremit (s. oben Anm. 14) 53-86.
S. oben Anm. 3.
S. oben Anm. 4.
S. oben Anm. 4.
304
Peter Plank
gen Handschrift, dem Cod. 1405 (früher K 785) der Stadtbibliothek von
Reims, erhalten. 159 Er stammt aus der Abtei St. Thierry bei Reims, ist
hauptsächlich hagiographischen Inhalts und wurde seinem Grundbestand
nach im 10. Jahrhundert geschrieben. Zwei freigebliebene Stellen des Codex
auf fol. 64 v und am Ende auf fol. 209 v wurden später, angeblich noch im
11. Jahrhundert, dazu genutzt, Schriftstücke, die mit dem ersten Kreuzzug
in Zusammenhang stehen, niederzuschreiben, nämlich einen Brief der
Kreuzzugsführer Bohemund, Raimund von St. Gilles und Gottfried von
Bouillon (fol.
64 v)i60
sowie das hier interessierende Schreiben des Patriarchen und des Bischofs (fol. 209^, beide ganz allgemein an die abendländische Christenheit gerichtet. Während nun das Schreiben der weltlichen
Kreuzzugsführer immerhin noch zwei andere Handschriften enthalten 161 ,
ist bis heute für das des Patriarchen und des Bischofs nur dieses eine Zeugnis
bekannt, das offenkundig seinerseits nie der Weiterverbreitung dieses
Schriftstücks gedient hat, sondern von Anfang an zu internen, rein archivalischen Zwecken an schwer auffindbarer Stelle angefertigt wurde. So ist es
denn auch zu erklären, daß erst Wilhelm Arndt während einer Bibliotheksreise im Jahr 1868 von ihm flüchtige Notiz nahm und ein Jahrzehnt
später gab 162 , und, dadurch aufmerksam geworden, Comte Paul Riant es
1881 erstmals edierte. 163
Der französische Graf erkannte auch sofort den engen formalen und inhaltlichen Zusammenhang dieses Schriftstücks mit jenem anderen Kreuzzugsbrief, der als Aufruf des Patriarchen von Jerusalem samt dem griechischen und lateinischen Episkopat im Abendland schon zu Beginn des 12.
Jahrhunderts weite Verbreitung gefunden hatte und der Geschichtswissenschaft folglich altbekannt war. Seine breite Rezeption verdankte dieser Brief
der Aufnahme in den berühmten Codex des Udalricus von Bamberg 164 , der
allem Anschein nach als Lehr- und Musterbuch für Kanzlei-Notare konzipiert ist 165 , und noch mehr seiner Hinzufügung als Vorspann oder als An159
160
161
162
163
164
165
H. Loriquet, Cataloge generale des manuscrits des bibliotheques publiques de
France. Departements Bd. XXXIX: Reims Bd. II, Paris 1904, 595-600, dort: 599.
Ediert von Hagenmeyer, Die Kreuzzugsbriefe (s. oben Anm. 3) 153-155. Hagenmeyer hält diesen Brief für das Machwerk eines fahnenflüchtigen Kreuzfahrers, der
es in die Form eines von den Kreuzzugsführern stammenden excitatoriums kleidete,
um seine eigene vorzeitige Rückkehr zu legitimieren.
Ebd.
W. Arndt, Reisebericht, in: Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche
Geschichtskunde 2 (1877) 233-299 dort: 270.
Inventaire critique 221; Kommentar dazu: ebd. 152-155.
T. Reuter, Codex Udalrici, LexMA II (1983) 2209f.
W. Wattenbach - R. Holtzmann, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter.
Die Zeit der Sachsen und Salier, 2. Teil: Das Zeitalter des Investiturstreits (10501125), 1940/43 (ND Darmstadt 1967) 439-442. Über die Stellung der insgesamt drei
Kreuzfahrerbriefe im Codex Udalrici: K. Pivec, Studien und Forschungen zur Aus-
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
305
hang an zahlreiche Exemplare der vielgelesenen Historia Hierosolymitana
des Robertus, der wahrscheinlich Mönch im Kloster St. Remi zu Reims
war. 166
Nun überliefern seine beiden Haupt-Vehikel das Schreiben in ganz verschiedenem Umfang. Während es die Handschriften des Codex Udalrici wie
auch einige andere von diesem abhängige 167 und unabhängige Zeugnisse in
der längeren Variante bieten, schließt es als Zufügung zur Historia des
Robertus nach dem ersten Drittel. 168 Die Frage nach dem ursprünglichen
Textbestand - sie ist von Riant und von Hagenmeyer konträr beantwortet
worden 169 - ist von der Uberlieferungsgeschichte her nicht zu entscheiden,
weil beide Varianten bis ins beginnende 12. Jahrhundert zurückzuverfolgen
sind: Die kürzere ist der um 1120 geschriebenen Historia Hiersolymitana
nach Ausweis der ältesten Handschriften von Robertus selbst oder einem
zeitgenössischen Abschreiber beigefügt, die längere gehört zum ursprünglichen Bestand des um 1125 durch Udalrich von Bamberg redigierten und
dem Würzburger Bischof Gebhard gewidmeten Kanzlei- und Schulbuches.
Die Uberlieferungsgeschichte beider Kreuzzugsbriefe, welche einen Patriarchen von Jerusalem an der Spitze eines Absender-Kollektivs nennen,
schließt demnach eine späte Fiktion nach Art des bei Paulus Emilius Veronensis begegnenden Schriftstücks aus, läßt vielmehr ihre Herkunft aus dem
Heerlager der abendländischen Ritter vor der Erstürmung der Heiligen
Stadt als immerhin möglich erscheinen. Ob sie tatsächlich von dort stammen, wird, wenn überhaupt, nur durch genaue Analysen von Sprache und
Inhalt zu erweisen sein, die m.E. allen Schriftstücken gemeinsam gelten
müßte, die, nachweislich um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert verfaßt, vorgeben, von den geistlichen und weltlichen Anführern der Kreuzfahrer zu stammen, und an keine konkreten Adressaten gerichtet sind,
sondern allgemein zum Aufbruch weiterer dazu verpflichteter oder geeigneter Männer aus dem Abendland in den Orient zur Unterstützung der sich
bereits dort befindenden Ritter und Kämpfer aufrufen. 170 Diese Aufgabe ist
166
167
168
169
170
gäbe des Codex Udalrici. II. Teil: Der Codex Udalrici und die Kanzlei Heinrichs
V., in: Mitteilungen des Osterreichischen Instituts für Geschichtsforschung 46
(1932) 257-342, dort: 322f.
Zur Historia Hierosolymitana und ihrem Verfasser: M. Manitius, Geschichte der
lateinischen Literatur des Mittelalters, Bd. III, München 1931, 424f. Zu den Manuskripten der Historia, die den besagten Kreuzzugsbrief enthalten: Riant, Inventaire
critique 156f.
Etwa die 1148 redigierten Annalen von Corvey, cod. 28: Ph. Jaffe, Monumenta
Corbeiensia (= Bibliotheca Rerum Germanicarum Bd. I), Berlin 1864, 65.
Riant 156f.; vgl. auch Hagenmeyer, Kreuzzugsbriefe 72-75.
Riant 156f.; Hagenmeyer 68f.
Dazu gehört auch ein Brief mit dem Initium "Patriarcha et Balduinus I rex Hierosolymitanus omnes Christianos opem rogant", der große Ähnlichkeit mit dem an-
306
Peter Plank
hier nicht zu lösen. Ihrem Gang und Ziel entsprechend soll sich die vorliegende Untersuchung vielmehr darauf beschränken, die beiden zur Debatte
stehenden Schreiben auf ihre mögliche Beziehung zu Patriarch Symeon II.
hin zu befragen, ein Unterfangen, das ihre Uberlieferungsgeschichte als
sinnvoll erscheinen läßt.
Da eine solche Untersuchung vor allem aufgrund inhaltlicher Kriterien
erfolgen muß, seien beide Stücke ganz in Ubersetzung geboten.
"S (oder D), Patriarch von Jerusalem, und H, Bischof von St. Marien in Puy, letzterer vor
allem, dem von Papst Urban die Sorge für das christliche Heer übertragen worden ist:
Gnade euch, Friede und ewiges Heil von unserem Gott und Herrn Jesus Christus!
Auf gemeinsamen Ratschluß hin senden wir zu euch, wir, die Kleriker mit den Bischöfen und die Mönche wie auch die Herzöge, Grafen und übrigen guten Laien, unter
beständigem Gebet für euer Seelenheil, damit ihr alle, die ihr in den nördlichen Ländern
wohnt, ohne Zögern zu uns kommt. Alle ermahnen wir so. Doch sollen von allen nur
jene kommen, die um ihres Heiles willen kommen wollen, die körperlich gesund sind
oder das nötige Reisegeld besitzen. Ihr könnt freilich mit Wenigem zu uns aufbrechen.
Alsdann aber wird der allmächtige Gott dafür sorgen, daß ihr von eurer Heimat aus
hergelangt.
In der Romania, liebste Brüder, befinden wir Christen uns. Über die große Stadt Nikäa
haben wir die Oberhand erlangt, wenn auch unter großen Schwierigkeiten, und haben
sie unserer Herrschaft unterworfen. Drei Schlachten haben wir geschlagen. Von Nikäa
aus hat sich unser Heer in Richtung Antiochien in Bewegung gesetzt. Mehrere andere
Städte und Stützpunkte der Türken haben wir erobert. Wir haben 100 000 Reiter und
Gepanzerte. Aber was ist das schon? Wenige sind wir im Vergleich zu den Heiden.
Wirklich und wahrhaftig kämpft Gott für uns.
Dazu nun hört, Brüder, von dem Wunder, das ebenjener hochheilige Patriarch allen
Christen kundgibt, wie ihm der Herr selbst in einem Gesicht erschienen ist und denen,
die sich bei dieser Unternehmung mühen, versprochen hat, daß ein jeder von ihnen vor
ihm am schrecklichen Tage des Jüngsten Gerichtes sieggekrönt hervorgehen wird.
Ihr wißt aber sehr wohl, daß jene wahrlich exkommuniziert sind, die sich mit dem
heiligen Kreuz haben bezeichnen lassen, dann aber abtrünnig geworden und zu Hause
geblieben sind. So mahnen und beschwören wir euch bei ebenjenem heiligen Kreuz und
dem Grab des Herrn, daß ihr all jene mit dem Schwert des Bannes schlagt, wenn sie nicht
folgen und sich beeilen, damit auch sie am kommenden Osterfest dort in der Romania
sind, wo wir uns befinden. Gehabt euch wohl und gedenket unser, die wir uns Tag und
Nacht mühen! Betet für uns!"
geblichen Brief Bohemunds, Raimunds etc. aufweist und von Hagenmeyer
(Kreuzzugsbriefe 83 und 306f.) ebenso für unecht angesehen wird wie von Jaffe
(Monumenta Bambergensia 317). Natürlich ist hier unter dem patriarcha bereits der
Lateiner zu verstehen.
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
307
In der Abschrift, die er für Paul Riants Publikation von diesem Brief aus
dem damals mit dem Sigel K 785 bezeichneten Kodex anfertigte 171 , gab der
Reimser Archivar Demaison die Initiale, mit der das Schreiben einsetzt, als
D wieder. In einem Brief vom 17. März 1897 an Heinrich Hagenmeyer 172
berichtigt er dann mit Entschiedenheit, es handle sich nicht um ein D,
sondern um ein S. Doch welcher der beiden Buchstaben nun immer in der
Handschrift geschrieben stehen mag, "patriarcha Hierosolymitanus" kann,
als das Heer des ersten Kreuzzuges sich unter der geistlichen Leitung des
päpstlichen Legaten H(ademar), Bischofs von Le Puy, "in Romania", d.h. in
Kleinasien auf dem Weg von Nikäa nach Antiochien, befand, nur Symeon
II. gewesen sein. Wiewohl aber seine Person, seines Ranges wegen oder aus
welchem Grund auch immer, im Absender an erster Stelle steht, ist das
Schreiben als solches freimütig vor allem (praecipue) als eines des provenzalischen Bischofs gekennzeichnet. In der Tat bezieht sich das "nos" des
Briefes durchwegs auf die geistlichen und weltlichen Kreuzfahrer aus dem
Abendland und niemanden sonst. Sie sind es, welche die Stadt Nikäa erobert, drei Schlachten geschlagen und unterwegs nach Antiochien weitere
Städte und Stützpunkte eingenommen haben. Ein Heer von 100 000 Reitern und Gepanzerten sind sie, und Ademar ist nicht nur ihr oberster spiritus rector, sondern, ungeachtet seines geistlichen Amtes, auch einer ihrer
militärischen Führer.
Das vor allem ist es, was ihn von Symeon scharf unterscheidet. Auch der
Patriarch war eine führende Persönlichkeit, doch nicht der Kreuzfahrer,
sondern der Melkiten, d.h. jener kirchlichen Gemeinschaft im muslimischen Machtbereich, die mit dem Kaiser in der rhomäischen Reichshauptstadt in Glaubensgemeinschaft stand und ihm als ihrem Protektor und
potentiellen Befreier vom muslimischen Joch auch von jeher selbstverständliche politische Loyalität entgegenbrachte. Melkite zu sein hieß, im byzantinischen Kaiser den eigentlichen rechtmäßigen Herrscher über die eigene,
von Fremdstämmigen und Andersgläubigen beherrschte Heimat zu sehen
und zu ihm in einer ideellen und nach Möglichkeit auch tatsächlichen
Verbindung zu stehen, die ständige Hoffnung und Gefährdung in einem
bedeutete. Als führender Melkit hätte Symeon sich niemals mit abendländischen Rittern einverstanden erklären können, die behaupteten, sie hätten
die alte byzantinische Stadt Nikäa nicht nur den muslimischen Selguqen
entrissen, sondern sie auch ihrer eigenen Herrschaft unterworfen (nostrae
dicioni subegimus), was im übrigen nicht der Wahrheit entsprach, weil sie
nicht nur vertragsgemäß gebunden waren, sie dem Kaiser - wie alle anderen
Eroberungen auf ehemaligem Reichsgebiet - zu übergeben, sondern der
Arm des Kaisers in diesem Fall auch noch lang und stark genug gewesen
171
172
Riant 152.
Hagenmeyer, Kreuzzugsbriefe 59.
308
Peter Plank
war, sein Recht einzufordern und durchzusetzen. 173 Doch verrät die zitierte
Formulierung die wahre Einstellung der Kreuzfahrer, die sie dann auch
alsbald, weit genug von Konstantinopel entfernt, zu Edessa, Antiocheia und
schließlich in Jerusalem in die Tat umsetzten. Den melkitischen (zu
deutsch: kaiserlichen) Patriarchen zu Jerusalem in dieser Sache für ihren
erklärten Gesinnungsgenossen zu halten, würde eine völlige Verkennung
der Anschauungen und der Mentalität chalkedonisch-orthodoxer Christen
im Nahen Orient, vor allem ihrer Hierarchie und gar noch deren griechischer Mitglieder und Häupter, in dieser Zeit bedeuten.
Nicht weniger bedenklich mutet es an, einem orthodoxen Patriarchen
zu unterstellen, er habe es als seine Sache betrachtet, Christen, die weit vom
kanonisch definierten Gebiet seiner Kirche entfernt lebten und mithin ganz
und gar nicht seiner Jurisdiktion unterstanden, wegen der tatsächlichen
oder angeblichen Nichteinhaltung eines Gelübdes mit der Exkommunikation zu bedrohen, und das im Alleingang, ohne Absprache mit den anderen
Patriarchen, mit denen er in kirchlich-hierarchischer Gemeinschaft stand,
vielmehr zusammen mit einem Bischof einer Kirche, mit der diese Gemeinschaft damals unterbrochen war, wenn auch noch kaum jemand wissen
konnte, daß sie auf Dauer zerbrochen war. Hinzu kommt, daß das Zustandekommen eines solchen Agreements zwischen dem melkitischen Patriarchen und dem lateinischen Bischof auf einem Territorium zu denken wäre,
das - zumindest in der Sicht Symeons - weder im kirchlichen Hoheitsbereich des einen noch in dem des anderen, sondern in dem des melkitischen
Patriarchen von Antiocheia, Ioannes' V. Oxeites, lag, von dem bei alledem
mit keinem Wort die Rede ist, der aber im Jahr 1097 ohne Zweifel in
Antiocheia lebte.
Wenn nun Patriarch Symeon nicht nur keinen Anteil an der Abfassung
des Briefes hatte, was daraus hervorgeht, daß von ihm im Text in der dritten Person die Rede ist, sondern davon auszugehen ist, daß er entweder von
wesentlichen Inhalten des Schreibens keine Kenntnis hatte oder aber gar
nicht wußte, daß der Brief auch und gar zuerst, in seinem Namen geschrieben wurde, so bleibt von der durch den Brief suggerierten Zusammenarbeit
zwischen den Kreuzfahrern und Symeon nur mehr jene wunderbare Erscheinung übrig, in welcher der Herr selbst dem Patriarchen den strahlenden Ausgang des Jüngsten Gerichts für alle Kreuzritter (quisque procedet
coronatus) geoffenbart haben soll.
Die Frage nach der Glaubwürdigkeit auch dieser Nachricht ist nur dann
richtig zu beantworten, wenn nicht vergessen wird, daß Symeon II. ein melkitischer Hierarch war, was seine geistige und geistliche Formung durch die
byzantinisch-orthodoxe theologische Tradition miteinschließt. Zu dieser
173
Dazu: S. Runciman, The First Crusade: Constantinople to Antioch, in: K.M. Setton
(Hrsg.), A History of the Crusades Bd. I, Philadelphia/Penn. 1955, 280-304.
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
309
Überlieferung aber gehört auch eine andere theologisch-ethische Haltung
gegenüber dem Kriegshandwerk als die den abendländischen Kreuzfahrern
gewohnte. Mit dieser aus der Väterzeit überkommenen Haltung war auf
spektakuläre Weise der rhomäische Kaiser Nikephoros II. Phokas (963-969)
konfrontiert worden, als er auf den Gedanken kam, seine im Kampf gegen
die Muslime gefallenen Soldaten als Heilige und Märtyrer verehren zu lassen. Der Ökumenische Patriarch Polyeuktos (956-970) und seine Synode
lehnten ein solches Ansinnen strikt ab unter Hinweis auf den 13. Kanon des
hl. Basileios, der für solche, die ihre Hände im Krieg mit Blut befleckt haben, und sei es auch für Sitte und Glaube, einen Ausschluß von der eucharistischen Gemeinschaft auf drei Jahre vorsieht. 174 In vollem Bewußtsein
der Problematik, die dieser Väter-Kanon in einem christlichen Staatswesen
hervorrufen muß, setzten sich berühmte byzantinische Historiker und Kanonisten mit dieser ererbten Norm und ihrer erneuten Adaptierung auf ein
zeitgenössisches Problem durch die Kirche ihrer Epoche auseinander, unter
ihnen Ioannes Skylitzes (1040-nach 1100)175, ein Zeitgenosse des Patriarchen
Symeon, ebenso wie Ioannes Zonaras 176 und Theodoros Balsamon 177 als
herausragende Gestirne des geistigen Lebens im 12. Jahrhundert.
Die Frage nach der theologisch-ethischen Einschätzung des kriegerischen
Kampfes gegen die Muslime, also ebenjenen Werkes, dem die Kreuzfahrer
sich erklärtermaßen widmen wollten und widmeten, gehörte somit gerade
in der byzantinischen Welt zu den virulenten Problemen der Zeit, deren
Lösung man unter Zuhilfenahme altkirchlicher Normen unternommen
hatte. Es ist völlig undenkbar, daß Patriarch Symeon II. von Jerusalem,
dessen lebendige Teilnahme an den theologischen Auseinandersetzungen
der Zeit durch seinen Azymen-Traktat zur Genüge erwiesen ist, das konstantinopolitanische Synodalurteil unter Patriarch Polyeuktos, das auch und
gerade seine eigene und nachfolgende Generationen byzantinischer Intellektueller der bleibenden Aktualität der Thematik wegen anhaltend beschäftigte, nicht gekannt haben und die Aktivitäten der Kreuzfahrer statt dessen
von deren eigener geistiger Warte aus beurteilt haben sollte.
Zwar spricht der Bericht von der Vision, die ihm zuteil geworden sein
soll, nicht direkt von der Kanonisierung der abendländischen Heilig-LandBefreier, doch ist die Rede von ihrer ausnahmslosen coronatio beim Jüngsten Gericht auch nicht allzu weit davon entfernt. Berücksichtigt man
174
175
176
177
Grumel - Darrouzes, Regestes (s. oben Anm. 45) 302 (Nr. 790). Text des 13. Kanon
des Basileios von Kaisareia in seinem Brief Nr. 188, der an Amphilochios von Ikonion gerichtet ist: Migne PG 32, 681.
I. Thurn (Hrsg.), Ioannis Scylitzae Synopsis Historiarum (Fontes Historiae Byzantinae), Berlin 1973, 274f.
Ioannes Zonaras, Annales lib. XVI: Migne PG 135, 121.
Ioannes Zonaras und Theodoros Balsamon in ihren Kommentaren zum 13. Kanon
des hl. Basileios: Migne PG 138, 636-640.
310
Peter Plank
darüber hinaus, daß zum Synodalurteil unter Polyeuktos wie zu seiner Rezeption in der nachfolgenden kanonistischen und historischen Literatur
nicht nur die Zurückweisung der Martyrerverehrung der im Kampf gegen
die Muslime Gefallenen, sondern auch der Rückgriff auf die von Basileios
empfohlene kirchliche Strafe für kriegerisches Blutvergießen ganz allgemein
gehört, so ist der Verweis in dem lateinischen Brief des Ademar von Le Puy
auf eine Patriarch Symeon II. zuteilgewordene Vision über den glänzenden
Ausgang des Jüngsten Gerichts für alle Kreuzfahrer als nicht glaubwürdig,
weil mit der Geisteswelt eines melkitischen Patriarchen dieser Zeit unvereinbar, zurückzuweisen.
Kann also der Brief, den der Reimser Codex 1405 auf seinem letzten
Blatt bietet, in keiner Weise als Beleg für aktives Einvernehmen zwischen
dem Jerusalemer Oberhirten und den Kreuzfahrern schon vor der Eroberung Antiocheias in Anspruch genommen werden, so ist nunmehr das
weitverbreitete andere lateinische Schreiben, das den Patriarchen in ähnlicher Weise mit dem abendländischen Ritterheer in Verbindung bringt,
einer nicht weniger kritischen Betrachtung zu unterziehen:
"Der Patriarch von Jerusalem und die Bischöfe, griechische wie lateinische, samt dem
ganzen Heer des Herrn und der Kirche (wünschen) der Kirche des Westens die Gemeinschaft am himmlischen Jerusalem und die Teilhabe am Lohn für ihre Mühe.
Weil uns durchaus nicht unbekannt ist, daß ihr euch freut über das Wachstum der
Kirche, und wir glauben, daß ihr gespannt darauf seid, sowohl Widriges als auch Günstiges zu hören, tun wir euch den gedeihlichen Fortschritt folgendermaßen kund: Es sei
denn eurer Liebe bekanntgemacht, daß Gott seine Kirche über 40 größere Städte und
über 200 Niederlassungen hat triumphieren lassen sowohl in der Romania als auch in
Syrien, und daß wir bislang außer dem gemeinen Volk an die 100 000 Gepanzerte
besitzen, obwohl wir viele in den ersten Schlachten verloren haben. Aber was ist das
schon? Was ist einer gegen Tausend? Wo wir einen Grafen haben, da haben die Feinde 40
Könige, wo wir eine Abteilung, da die Feinde eine Legion, wo wir einen Krieger, da jene
einen Herzog, wo wir einen Fußsoldaten, da jene einen Grafen, wo wir ein Feldlager, da
jene ein Königreich. Wir aber haben nicht auf die Menge vertraut, weder auf
Truppenstärke noch irgendeine Vermessenheit, sondern durch den Schild Christi und die
Gerechtigkeit geschützt
a) haben wir Georgius, Theodorus, Demetrius und dem seligen Blasius, den Streitern
Christi, wahrlich uns anvertraut.
b) und von Georgius, Theodorus, Demetrius und dem seligen Blasius, den Streitern
Christi, wahrlich begleitet, haben wir die Schlachtordnungen der Feinde sicher durchbrochen und durchbrechen sie weiter, und in fünf großen Feldschlachten haben wir, weil
Gott den Sieg errang, die Oberhand behalten.
Doch was weiter? Von Seiten Gottes wie von uns aus bitten ich, der apostolische
Patriarch, die Bischöfe und der ganze Stand des Herrn aufs inständigste, und ruft die Kirche, unsere geistliche Mutter: Kommt, meine geliebten Söhne, kommt zu mir und
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
311
empfangt von den Söhnen des Götzendienstes her, die sich gegen mich erheben, die
Krone, die euch von Anbeginn der Welt vorherbestimmt ist (vgl. Mt 25,34). Kommt also,
so bitten wir, um Kriegsdienst zu leisten im Heere des Herrn, an ebenjenem Ort, an dem
der Herr gekämpft hat, an welchem Christus für uns gelitten und euch ein Beispiel
hinterlassen hat, damit ihr seinen Spuren folgt (1 Petr 2,21). Ist denn nicht Gott schuldlos
für uns gestorben? Also wollen auch wir, wenn es nötig ist, sterben, nicht für ihn,
sondern für uns, damit wir, der Welt gestorben, leben für Gott.
Doch ist es für uns weder zweckdienlich zu sterben noch viel zu kämpfen. Denn wir
müssen, was schwieriger ist, standhalten, weil wir die Festungen und Städte besetzt
halten müssen, was das Heer sehr beeinträchtigt.
Kommt also, eilet den doppelten Preis in Empfang zu nehmen, das Land der Lebenden
(Ps 114 [116],9) nämlich und das Land, das von Milch und Honig fließt und von Lebensmitteln aller Art überquillt. Seht, ihr Leute, durch die Vergießung unseres Blutes stehen
allenthalben die Wege offen. Nehmt nichts außer dem, was ihr bis hierher benötigt. Nur
die Männer sollen kommen, die Frauen noch wegbleiben.
Aus einem Haus, in dem sich zwei befinden, soll einer, von Verpflichtungen frei, sich
zum Kampf begeben, zuvorderst freilich jene, die das Gelübde getan haben. Wenn sie
nicht kommen und ihr Gelübde erfüllen, so exkommunizieren wir sie, ich, der apostolische Patriarch, und die Bischöfe und der gesamte Stand der Orthodoxen, und stoßen sie
aus ganz und gar aus der Gemeinschaft der Kirche. Ihr aber sollt dasselbe tun, damit sie
nicht etwa ein Grab unter Christen erhalten, es sei denn, daß sie aus einem angemessenen
Grund zu Hause bleiben. Kommt und empfangt mit uns die doppelte Herrlichkeit! Das
schreibt auch ihr!"
Ihre Anfügung an die Historia Hierosolymitana des Robertus hat der kürzeren Fassung dieses Textes zu weitaus größerer Verbreitung verholfen, als
dies der längeren beschieden war. Doch ist mit Hagenmeyer 178 dafür zu
halten, daß der längere Text der ältere ist. Hätte das Schreiben tatsächlich
ursprünglich mit dem Hinweis auf die vier angeführten Heiligen als Helfer
im Kampf geendet, so wüßte man nicht zu sagen, zu welchem Zweck es
eigentlich verfaßt worden ist. Auch trifft Riants Bemerkung, die Passagen,
die sich nur in der längeren Version finden, seien ausschließlich homiletischer Art und ohne historischen Belang 179 , zumindest für deren erste Zeilen
nicht zu, die von fünf großen Feldschlachten berichten.
Sodann läßt die inhaltlich und sprachlich abrupte Art, in der die kürzere
Variante zu Ende geht, auf ihren sekundären Charakter schließen. Während
der absolute Ablativ militibus Christi nos vere comitantibus der längeren
Fassung sich organisch deren Sinn- und Satzstruktur einfügt, indem er die
Heiligen als begleitende Erscheinungen des entscheidenden Schutzes durch
Christus im Kampf vorstellt, zieht die Ersetzung des Partizips comitantibus
in der kürzeren Version durch das diese abschließende Wort committimus,
178
179
Hagenmeyer, Kreuzzugsbriefe 68.
Inventaire critique 156f.
312
Peter Plank
also ein zwar phonetisch ähnliches, aber etwas ganz anderes bedeutendes
Verbum in indikativer Form, die grammatische Funktionsänderung der
Wendung militibus Christi zu einem Dativ und die sachlich schiefe Aufwertung der damit gemeinten Heiligen zu Hauptträgern der Hilfe von oben
nach sich. Demgegenüber ist der umgekehrte Vorgang, nämlich die Rettung
einer sprachlich und theologisch verkorksten Konstruktion durch den
bloßen, dann schon genial zu nennenden, Austausch eines einzigen, nämlich des letzten, Wortes des ursprünglichen Schreibens samt der dadurch
zugleich ermöglichten Fortsetzung des Textes auf sachlich und stilistisch
bruch- und problemlose Weise, so gut wie undenkbar.
Ist also aufgrund innerer Kriterien von dem weitaus längeren als dem ursprünglichen Text des Schreibens auszugehen, so zeigt sich im Aufbau, in
der Wortwahl und in der Gedankenführung sofort seine unverkennbare
Ähnlichkeit mit dem oben bereits besprochenen Schriftstück. Beide bestehen aus Absender samt Grußformel, Lagebericht, der Aufforderung an
Säumige, aus der Heimat nachzukommen, der Verheißung göttlichen Lohnes bei Befolgung und schließlich der Drohung mit der Exkommunikation
bei Mißachtung des Aufrufs.
Bis in Einzelheiten hinein reichen Ubereinstimmungen und Ähnlichkeiten. So mündet der Lagebericht, in dem von jeweils 100 000 (Reitern und)
Gepanzerten (loricati) die Rede ist, beide Male in die rhetorische Frage:
Aber was ist das schon (sed quid hoc)? - im Vergleich nämlich zur militärischen Ubermacht der Gegner, die aber jenen nichts anhaben kann, auf
deren Seite Gott samt allen himmlischen Mächten kämpft. Der Vision des
Patriarchen von der Krönung der Kreuzfahrer beim Jüngsten Gericht in
dem einen Brief entspricht die Verheißung dieser Krone, "die euch von
Anfang der Welt an vorherbestimmt ist", ohne eigene Vision, aber unter
Anspielung auf dasselbe Gericht (Mt 25,34).
Die Schreiben enden mit der Exkommunikations-Drohung für jene, die
dem Aufruf nicht folgen wollen, wobei zu beachten ist, daß beide Male
dazu befugte Autoritäten im Empfangsgebiet - wohl der dortige Episkopat aufgefordert werden, sich der Exkommunikations-Sentenz anzuschließen
und sie gegebenenfalls durchzusetzen ("vos igitur ... eos omnes anathematis
gladio percutiatis" bzw. "et vos idem facite"). Uberhaupt scheinen die Autoren beider Schreiben die höhere Geistlichkeit in der Heimat als Erstempfänger und Multiplikator ("hoc itaque et vos scribite") im Auge gehabt
zu haben. Tatsächlich ist dem schon erwähnten, ähnliche Ziele verfolgenden Schreiben weltlicher Kreuzzugsführer, wie es sich im Reimser Codex
1405 fol. 64 v erhalten hat, ein befürwortendes Postscriptum des Bischofs
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
313
Hugo von Grenoble (1053-1132) zugesetzt180, der als eifriger Förderer des
Kreuzzugsgedankens bekannt ist.
Was nun hat der melkitisch-orthodoxe Patriarch Symeon II. mit alledem
und in Sonderheit mit dem Schreiben zu tun, dessen Präskript den Ierosolymitanus patriarcha und episcopi tam graeci quam latini, also eine Art
gemischter Bischofssynode unter seinem Vorsitz, als Absender einführt?
Vorweg sei gesagt, daß eine solche "Synode" aus Bischöfen, deren Kirchengemeinschaft untereinander damals zumindest gestört war, unter dem
Vorsitz eines Patriarchen, den man sich doch wohl immer noch als außerhalb seines eigenen Jurisdiktionsbereichs weilend denken müßte, schwer
vorstellbar ist, und daß sich die Melkiten unter ihnen als Angehörige der
chalkedonisch-orthodoxen Patriarchate von Antiocheia und von Jerusalem
schwerlich selber als "graeci" bezeichnet hätten, was in jedem Fall ihrem
Kirchenbegriff und zum Teil auch ihrer tatsächlichen nationalen und
sprachlichen Zugehörigkeit widersprochen hätte. Es hätte auch nicht in ihre
Vorstellungswelt gepaßt, daß die Kirche als solche ein Heer unterhielte. Am
allerwenigsten aber hätten sie sich die Aussage zu eigen gemacht, daß die
Kirche durch die militärischen Erfolge der Kreuzfahrer ein - offenkundig
territorial verstandenes - Wachstum (incrementum) erfahren habe, waren sie
doch selbst die legitimen Hirten jener Kirche, welche seit apostolischen
Zeiten "tam in Romania quam in Syria", wo die Kreuzfahrer ihre Kämpfe
ausgefochten hatten, bestand. Diese militärischen Erfolge konnten in ihren
Augen auch nicht einfach Triumphe "der Kirche", geschweige denn ihrer
eigenen Kirche sein.
Wie im oben analysierten Brief sprechen auch in diesem schon nach
wenigen Zeilen ausschließlich die Kreuzfahrer selbst von ihren militärischen Erfolgen und Mißerfolgen, und das in einer Weise, die nie und nimmer Bischöfen der einheimischen melkitischen Patriarchate in den Mund
gelegt werden kann. Da hilft auch die Aufbietung typisch östlicher KriegerHeiliger 181 nichts mehr, zumal einer aus ihrer traditionellen Vierzahl,
nämlich Prokopios, hier mit dem hl. Bischof Blasios von Sebaste vertauscht
ist, der seinerseits niemals mit der Welt der Soldaten in Verbindung gebracht worden ist. 182
180
181
182
Hagenmeyer, Kreuzzugsbriefe 83.
Sie wurden und werden im übrigen in der orthodoxen Kirche nicht etwa als Patrone der Krieger verehrt, sondern als Märtyrer um des Glaubens willen, die dem
Soldatenstand angehörten.
Vgl. dazu:H. Delehaye, Les legendes grecques des saintes militaires, Paris 1909 (ND
New York 1975). Auch in den Gesta Francorum XXIX, 5 (Hagenmeyer [s. oben
Anm. 139] 375) und in der wohl um 1130 verfaßten Historia Belli Sacri cap. 27
(RHC Hist. Occ. III, 183) werden östliche Krieger-Heilige als himmlische Helfer
der Kreuzritter erwähnt, dort Georgius, Mercurius und Demetrius, hier Georgius,
Demetrius und Theodorus.
314
Peter Plank
So muß denn erneut und ausdrücklich das aus dem Ruder gelaufene
Wort mittels der Wendung "Aber was weiter" (sed quid plura) an den Patriarchen zurückgegeben werden, was freilich mißlingt, weil er sich jetzt
selber einen Titel beilegt, der bei orthodoxen Patriarchen im Gegensatz
zum römischen Papst, der im Mittelalter häufig domnus apostolicus genannt wurde, nie üblich war. 183 Die Rede nun, die der Patriarch samt Episkopat und Klerus in eigener Verantwortlichkeit wie auch im Namen Gottes und der Kirche an die künftigen Kreuzritter richtet, sprengt alles, was
man einem halbwegs klar denkenden orthodoxen Theologen und melkitischen Hierarchen je zutrauen könnte.
Er verspricht den herbeizitierten Nachzüglern - wie schon in der angeblichen Vision - wiederum eine Krone. Da sie ihnen "ab initio mundi praedestinata" ist, muß diese Krone etwas mit dem Reich zu tun haben, das der
König beim Jüngsten Gericht laut Matthäus den Gesegneten seines Vaters
zu Besitz gibt (Mt 25,34). Andererseits muß diese Krone zu diesem Zweck
erst den Söhnen des Götzendienstes (idolatriae filiis) entrissen werden,
welche der Kirche - wohl der Kirche von Jerusalem - so schlimm zugesetzt
haben. Hier fließen offenbar irdisches und himmlisches Jerusalem in wirrer
Weise ineinander und werden auf einmal in Aussicht gestellt. Patriarch
Symeon hätte also seinem Versprechen der ewigen Seligkeit an die Kreuzritter noch die Einladung hinzugefügt, die Muslime aus dem Heiligen Land
hinauszuwerfen, um dort ihre eigene Herrschaft zu errichten.
Sodann wird der Erlöser-Tod des Herrn als Vorbild für den - nicht auszuschließenden - tödlichen Ausgang der bewaffneten Wallfahrt der Ritter
bemüht. Doch als habe sich der Schreiber damit zu weit aus dem Fenster
gelehnt, sucht er nun, die möglichen Folgen solchen Großmuts wieder in
den Bereich des Erträglichen zurückzuschrauben. Zwar würde solches Sterben zum Leben bei Gott führen, doch sei solches eigentlich kaum mehr zu
fürchten, weil es jetzt nicht mehr so sehr ums Sterben oder auch nur ums
Kämpfen gehe, vielmehr "wir die Festungen und Städte besetzt halten
müssen" - womit dem Patriarchen und seiner gemischten Synode schon
wieder die Militärs und Logistiker ins Wort gefallen sind.
Nochmals versprechen die kirchlichen Synodalen den doppelten Preis,
nämlich das jenseitige Land der Lebenden samt dem diesseitigen Land, das
von Milch und Honig samt allen anderen Lebensmitteln fließt, und das - so
merken wiederum die Ritter an -, obwohl sie den Weg dorthin ja schon in
blutigen Schlachten freigekämpft hätten. Das Schlußwort immerhin hat
dann doch der apostolicus patriarcha samt seinen Bischöfen und dem ganzen ordo orthodoxorum, wer immer das auch sein mag: Exkommunikation
183
Hingegen war die Bezeichnung des Jerusalemer Bischofsstuhles als änooxoXiKbc^
Gpövoq durchaus gebräuchlich: G.W.H. Lampe, A Patristic Greek Lexicon, Oxford
5. Aufl. 1978, 210f.
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
315
oder doppelte Herrlichkeit! So lautet die Alternative für jene, die immer
noch zu Hause sitzen, obwohl sie so dringend in der Etappe gebraucht
würden.
Patriarch Symeon II. hat mit diesem Brief und mit jenem andern einzig
und allein insofern etwas zu tun, als jemand, der mit der Propagierung der
Kreuzfahrer-Sache befaßt war, auf den Gedanken kam, die Autorität seines
Amtes zu vereinnahmen, um den vermutlich schleppenden personellen
Nachschub der Kreuzritter in größeren Schwung zu bringen. Ob diese Idee
bei denen, die sie ansprechen sollte, zündete, wird kaum mehr nachzuprüfen sein. Bei den Historiographen hat sie jedenfalls, trotz ihrer plumpen
Ausführung, von Anfang an größten Erfolg gehabt. So erweisen sich die
beiden analysierten Schriftstücke als erste Glieder einer ganzen Kette von
Lügen und Legenden um den Patriarchen. Es wird noch danach zu fragen
sein, zu welchem Zweck sie geschmiedet wurde.
3. Das Ringen um die
Kreuzesreliquie
Wo, wann und von wem auch immer die beiden Kreuzzugsbriefe geschrieben worden sein mögen, in deren Absendergruppe der Patriarch von Jerusalem als erster aufgeführt wird, fest steht, daß sein Name in einem von ihnen
gar nicht genannt ist, in dem andern aber - und auch das nur, wenn der
Reimser Archivar Demaison bei seiner zweiten Autopsie der betreffenden
Handschrift ein schärferes Auge besaß als bei der ersten - allein dessen
Initiale steht. So erweist sich die Abhandlung eines anonymen Mönches des
Allerheiligen-Klosters zu Schaffhausen am Oberrhein über die Herkunft
wichtiger Reliquien in seiner Abtei als älteste lateinische Quelle, in der von
Symeon II. ausdrücklich mit Namen die Rede geht. Sie ist nicht mehr im
Autograph vorhanden, das um 1130 entstanden sein muß, sondern nur in
einer einzigen Abschrift, deren Alter bislang nicht genau festgestellt werden
konnte, nämlich auf fol. l v a - 6 v ^ der Handschrift Nr. 10 der Ministerialenbibliothek zu Schaffhausen. 184 Diese Narratio de reliquiis in monasterium
Scafhusense translatis 185 gibt in ihrem ersten Teil ausführlich Auskunft
darüber, wie die für das Kloster hochwichtigen Reliquien-Partikel vom
heiligen Kreuz und vom Grabe Christi aus Jerusalem nach Schaffhausen
gelangt seien:
Zur Zeit König Heinrichs IV. und Papst Urbans II. habe die Kirche,
besonders jene des Heiligen Landes, schwer zu leiden gehabt. Der Papst
184
185
B.M. von Scarpatetti - R. Gamper - M. Stähli, Katalog der datierten Handschriften
in der Schweiz in lateinischer Schrift vom Anfang des Mittelalters bis 1550, Bd. III:
Die Handschriften der Bibliotheken St. Gallen-Zürich in alphabetischer Reihenfolge, Dietikon-Zürich 1991, 275.
Übertragung der Reliquien des hl. Kreuzes und Grabes (s. oben Anm. 16) 146-150.
316
Peter Plank
habe deshalb einen Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems von der Herrschaft
der Muslime gepredigt, der auch zustande gekommen sei und zum Erfolg
geführt habe.
"Zu dieser Zeit stand der Kirche von Jerusalem ein Patriarch namens Symeon vor, ein
Mann von herausragender Heiligkeit. So sehr er sich nun auch freute, als ihn die Kunde
von diesem Heereszug erreichte, und hoffte, daß das Erbarmen Gottes nun da sei, so
erfüllte ihn doch größte Furcht, die Zeichen des Leidens Christi, das allerkostbarste
Kreuzesholz nämlich und das Grab des Herrn, würden von dem frommen Heer, wenn es
eintreffe, aus religiöser Habsucht (religiosa aviditate) vollständig oder zum größten Teil
weggerafft. Damit nun die Kennzeichen Christi an dem Ort bewahrt blieben, an dem er
gelitten hat, beriet sich der vorgenannte Patriarch mit einem gewissen Samuel, Bischof
der Syrer (Syrorum episcopo), einem gottesfürchtigen und heiligen Mann, und nachdem
der Stein aus dem inneren Grabmal herausgewälzt war, der als Behältnis des Leibes
Christi gedient hatte, gruben sie ihn samt seinem Kreuz in der Erde ein und versteckten
ihn so, nachdem sie sich davon noch einige Stücke genommen hatten. Als nun die
Streiter Christi nach Eroberung und Säuberung der Stadt vom Unrat der Heiden
vernahmen, daß der himmlische Schatz, auf den sie ihre höchste Hoffnung gesetzt
hatten, von den vorgenannten Männern verborgen worden sei, und sie deren Sinn nicht
leicht zu seiner Preisgabe bewegen könnten, da bekräftigten sie mit einem Eid, sie
würden ihn mit nicht geringerer Sorgfalt bewahren, als er zuvor von ihnen behütet
worden sei. Weil nun aber die frommen Männer nicht etwa aus Bosheit oder Neid diesen
Schatz verborgen hatten, sondern einzig und allein deshalb, um ihn zu bewahren,
nahmen sie den Schwur der Sieger an und brachten ihn zur Ehre Christi wieder zum
Vorschein, wobei sie die Teile, die sie davon schon genommen hatten, unter sich teilten."
Nachdem also Jerusalem befreit und die Wege dorthin wieder gangbar
gewesen seien, habe ein großer Pilgerstrom von Leuten beiderlei Geschlechts und unterschiedlichen Alters und Standes ins Heilige Land
eingesetzt. Unter ihnen sei auch der Schaffhausener Abt Gerhardus mit
einigen seiner Brüder gewesen, der die Absicht hatte, auf Dauer dort zu
bleiben. Auch eine Schaffhausener Nonne namens Hedewic habe sich mit
Zustimmung des Abtes Adalbert, der Gerhard im Amt nachgefolgt war, auf
den Weg nach Jerusalem gemacht. Dort habe es sich ergeben, daß Hedewic
in nähere Bekanntschaft (assidua familiaritate) mit dem damals schon
hochbetagten und tieffrommen (longevum et sanctitate plenum) Bischof
Samuel und einer Reklusen namens Emihilt getreten sei. Nach mehrjährigem Aufenthalt habe Hedewic daran gedacht, wieder nach Hause zurückzukehren - freilich nicht mit leeren Händen. Sie habe sich in den Kopf gesetzt, Reliquien vom Kreuzesholz und vom Herrengrab mit nach Schaffhausen zu nehmen. Mit Unterstützung Emihilts und anderer habe sie Bischof Samuel solange zugesetzt, bis er ihr schließlich "besiegt durch ihre
inständigen Bitten" Partikel von seinem Anteil am Kreuz und Grab des
Herrn überlassen habe. Hedewic sei am 28. Dezember 1125 in Schaffhausen
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
317
eingetroffen. Um sich der Echtheit der von Hedewic mitgebrachten Reliquien zu versichern, hätten sich einige Mönche nach Jerusalem auf den Weg
gemacht. Dort hätten sie Bischof Samuel, die Rekluse Emihilt und andere
Leute angetroffen, die das von Hedewic Berichtete bestätigt hätten.
Die Aufzeichnungen des Anonymus von Schaffhausen klingen glaubwürdig und weisen keinerlei Unstimmigkeiten auf. Doch stehen sie in dem,
was sie über Patriarch Symeon berichten, in solch eklatantem Widerstreit
zur herrschenden Meinung, die sich auf die oben analysierten Briefe und
vor allem auf Albert von Aachen stützt, daß eine kritische Betrachtung
gerade dieser Quelle unerläßlich ist.
Hedewic dürfte Nonne im Kloster St. Agnes gewesen sein, das, zwischen
1080 und 1092 am Ostrand der Stadt Schaffhausen gestiftet, der Leitung des
Abtes von Allerheiligen unterstand. 186 Abt Gerhard, dessen Ubersiedlung
ins Heilige Land der Anonymus erwähnt, hatte der Abtei nur kurze Zeit
(1096-1098) vorgestanden und ihre Leitung großer interner Schwierigkeiten
wegen, die er nicht beilegen konnte, niedergelegt. 187 Ihm folgte Adalbert
von Metzingen (1099-1131) im Amte nach, von dem Hedewic die Erlaubnis
zu ihrer Wallfahrt ins Heilige Land erhielt. Ihm wurde nachgesagt, er sei am
Sturz seines Vorgängers nicht unbeteiligt gewesen.188 Möglicherweise hat
Hedewic, um nicht zwischen die Fronten zu geraten, den näheren Kontakt
zu Gerhard gemieden, obwohl dieser schon seit dem Jahr 1100 als prior
Sancti Sepulcri eines der angesehensten geistlichen Ämter im Königreich
Jerusalem bekleidete und somit allernächsten Zugang zu den insignia des
Todes und der Auferstehung Christi hatte, nach denen der Schaffhausener
Nonne der Sinn stand. 189 Gerhard, der das Heilige Kreuz schon in der
Schlacht von Ramleh gegen die fatimidischen Truppen getragen hatte, hielt
es denn auch durchaus für sein Recht, sich selbst mit Partikeln davon zu
versorgen. Doch gelangten diese nach seinem Tode um das Jahr 1130 nicht
etwa in seine ehemalige Abtei am Rheinfall, sondern in das Württembergische Kloster Zwiefalten. 190 Sein offenbar auf Dauer gespanntes Verhältnis
zu Schaffhausen mag erklären, warum Hedewic nicht über ihn, sondern
durch den Syrer-Bischof Samuel zu ihren heiß ersehnten Reliquien kam.
Was nun das rechte Verständnis der Nachrichten der Schaffhausener
Relatio de reliquiis über Patriarch Symeon anbelangt, so erweist sich dieser
Bischof Samuel als Schlüsselfigur, weil Hedewic das, was sie über die
186
187
188
189
190
Zu den beiden Schaffhausener Klöstern: E. Schudel, Allerheiligen in Schaffhausen,
in: Helvetia Sacra Abt. III, Bd. 1/3, Bern 1986, 1490-1535; sowie: R. Frauenfelder,
St. Agnes in Schaffhausen, ebd. 1941-1951.
Schudel 1513f.
Ebd. 1514f.
Baumann, Die ältesten Urkunden (s. oben Anm. 16) 165f.
A. Frolow, La relique de la Vraie Croix. Recherches sur le developpement d'un
culte (= Archives de 1' Orient Chretien 7), Paris 1961, 324.
318
Peter Plank
Schicksale der Kreuzes- und Grabesreliquien zur Zeit der Einnahme Jerusalems wie über die Rolle, die das Oberhaupt der melkitischen Kirche im
Heiligen Land dabei spielte, nach ihrer Rückkehr zu berichten wußte,
kaum von jemand anderem als dem episcopus Syrorum selbst erfahren
haben kann, der all das nicht nur unmittelbar miterlebt, sondern sogar
aktiven Anteil daran genommen hatte. Da der lateinische Sprachgebrauch
der gesamten Kreuzfahrerzeit unter Syri, Suriani, auch Assyri ausschließlich
chalkedonisch-orthodoxe Christen arabischer Zunge, also Melkiten semitischen Volkstums versteht 191 , ist auch klar, was man sich unter einem episcopus Syrorum vorzustellen hat. Samuel war ein melkitischer Bischof syrisch-arabischer Herkunft, der zum Episkopat des griechischen Patriarchen
Symeon gehörte192 und diesem allem Anschein nach als eine Art Hilfsbischof bei der seelsorgerischen Betreuung der arabisch-sprachigen Melkiten
in der Stadt Jerusalem zur Seite stand. So ist auch leicht erklärlich, wieso
gerade er dem Patriarchen angesichts des herannahenden KreuzfahrerHeeres dabei half, die Kreuzes- und Grabesreliquie zu verstecken.
Die Nonne Hedewic hat mit Samuel in den Jahren vor 1125, als dieser
bereits in vorgerücktem Alter war, in vertrautem Umgang gestanden, und
Schaffhausener Mönche haben ihn noch danach lebend in Jerusalem angetroffen. Er muß es verstanden haben, sich mit der neuen weltlichen und
geistlichen Obrigkeit in einer Weise zu arrangieren, die seinen Verbleib im
Heiligen Land und sogar in der Heiligen Stadt ermöglichte. Dabei mag
ausschlaggebend gewesen sein, daß er schon vor der Ankunft der Kreuzfahrer keinem eigenen bischöflichen Sprengel vorgestanden und folglich auch
unter ihnen keinerlei jurisdiktionelle Eigenständigkeit beansprucht hatte, so
daß er sogar geeignet erscheinen konnte, seine bisherige Tätigkeit unter
seinen Volksgenossen unter der Autorität des lateinischen Patriarchen mehr
oder weniger unauffällig fortzusetzen.
191
192
A.-D. v. den Brincken, Die "Nationes Christianorum Orientalium" im Verständnis
der lateinischen Historiographie von der Mitte des 12. bis in die zweite Hälfte des
14. Jahrhunderts (Kölner Historische Abhandlungen Bd. 22), Köln/Wien 1973, 76103; J. Nasrallah, Syriens et Suriens, in: Symposium Syriacum 1972, celebre dans les
jours 26-31 octobre 1972 ä l'Institut Pontifical Oriental de Rome. Rapports et Communications (OCA 197), Rom 1974, 487-503, bs. 490-494. Der Angelsachse Saewulf,
der 1102/1103 eine Wallfahrt ins Heilige Land unternahm, nennt die semitischen
Melkiten assiri. Ausgabe seines nur in einer einzigen Handschrift erhaltenen Pilgerberichts: S. de Sandoli, Itinera Hierosolymitana crucesignatorum (saec. XII-XIII),
Bd. II: Tempore regum Francorum (1100-1187) (= Studium Biblicum Franciscanum,
Collectio Maior N. 24), Jerusalem 1980, 6-30.
Verfehlt ist also die Einreihung Samuels unter den nicht-chalkedonischen
(jakobitischen) Episkopat bei G. Fedalto, Hierarchia Ecclesiastica Orientalis. Series
episcoporum ecclesiarum christianarum orientalium. II.: Patriarchatus Alexandrinus, Antiochenus, Hierosolymitanus, Padua 1988, 1006.
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
319
Jedenfalls scheint es so, als ob sich im Bericht der Schaffhausener Nonne
Hedewic über die Herkunft der von ihr aus Jerusalem mitgebrachten Reliquien vom Kreuz und vom Grab Christi ein Zeugnis aus höchst berufenem
Mund, dem seines Hilfsbischofs Samuel nämlich, über das tatsächliche
Geschick und Verhalten des melkitischen Patriarchen Symeon im Sommer
des Jahres 1099 erhalten habe.
Wir müßten es bei dieser Wahrscheinlichkeit belassen, fänden sich nicht
Stellen bei lateinischen Kreuzzugs-Chronisten, welche die Aussagen Hedewics bzw. ihres Gewährsmannes Samuel stützen, die aber auch ihrerseits,
mit ihnen konfrontiert, ihren eigenen tatsächlichen Hintergrund erst offenbaren.
Das älteste Werk, das von der Suche der Kreuzfahrer nach dem versteckten hl. Kreuz und seiner Auffindung berichtet, ist die Historia Francorum
qui coeperunt Jerusalem des Raimund von Aguilers, Kanonikers in Le
Puy. 193 Er begleitete den Grafen Raimund von Toulouse als dessen Kaplan
auf dem Kreuzzug und begann schon unterwegs mit seinen Aufzeichnungen, die mit der Schlacht von Askalon am 12. August 1099 enden. Mit
größter Mißbilligung berichtet er von der Erhebung Arnulfs von Chocques
zum Patriarchen und fährt dann fort:
"Nachdem nun Arnulf diese Machtstellung erlangt hatte, begann er bei den Einwohnern
der Stadt nachzuforschen, wo sich das Kreuz befinde, das die Pilger vor der Einnahme Jerusalems zu verehren pflegten. Jene weigerten sich aber und wollten durch Eid und
andere Aufweise glaubhaft machen, sie wüßten es nicht, bis sie schließlich doch dazu gezwungen wurden (tandem coacti sunt) und folgendermaßen sagten: 'Es ist offenkundig,
daß Gott euch erwählt und aus allen Triibsalen befreit hat, daß er euch diese Stadt und
viele andere geschenkt hat, nicht durch die Kraft eurer Tüchtigkeit, sondern indem er die
Gottlosen in ihrer eigenen Raserei verblendete und euch überaus stark befestigte Städte
öffnete, ja daß er selbst als eurer Anführer und Herr furchtbare Schlachten für euch
schlug. Da wir nun sehen, wie beständig Gott mit euch ist, sollten wir da seine Wohltaten vor euch verbergen?' Dann führten sie sie zu einem Kirchen-Atrium. Dort gruben sie
(die Reliquien) aus und übergaben sie ihnen."
In Grundzügen bestätigt also Raimund die Darstellung des Anonymus von
Schaffhausen: Als die Kreuzfahrer Jerusalem eroberten, lagen das heilige
Kreuz sowie Reliquien vom Grabe Christi in einem Versteck, das die Vertreter der melkitischen einheimischen Kirche nur sehr ungern preisgaben.
Das panegyrische Lob auf die Abendländer, das ihnen Raimund in den
Mund legt, kann nicht davon ablenken, daß er die unerfreulichen Umstände dieser Herausgabe im Grunde noch ungeschminkter schildert, als sie in
der Schaffhausener Uberlieferung zutage treten. Die christlichen incoli
wollten demnach den Aufbewahrungsort der Reliquien auf jeden Fall ge193
Zu Raimund: Hagenmeyer, Fulcheri Carnotensis Historia (s. oben Anm. 149) 66f.
Historia Francorum qui coeperunt Jerusalem XXI: RHC Hist. Occ. III, 302.
320
Peter Plank
heimhalten und behaupteten deshalb sogar allen Ernstes, ihn selber nicht zu
kennen. Was schließlich ihren entschlossenen Widerstand brach, spricht der
Chronist offen aus: coacti sunt. Dabei fällt auf, daß Raimund nichts Näheres darüber sagen kann oder will, um wen es sich bei diesen coacti handelte.
Sehr viel genauere Auskunft gibt gerade in diesem Punkt die Historia
Hierosolymitana des Fulcher von Chartres (1059-1127/28), obwohl er zur
Zeit der Geschehnisse, um die es hier geht, Jerusalem noch nicht gesehen
hatte. Fulcher kam erstmals im Gefolge Balduins, des Grafen von Edessa,
Ende 1099 in die Heilige Stadt und ließ sich endgültig dort nieder, als dieser
seinem Bruder Gottfried im Jahr darauf in der Herrschaft nachfolgte. 195 Er
mußte sich also auf die Aussagen anderer stützen, wenn er schreibt:
Placuit tunc Deo, quod inventa est particula una crusis dominicae in loco secreto, iam ab
antiquo tempore a viris religiosis occultata, nunc autem a quodam homine Syro, Deo
volente, revelata, quam cum patre suo inde conscio diligenter ibi et absconderat et
conservarat. 196
Sprachlich und sachlich erscheint diese Stelle aus Fulchers zwischen 1101
und 1105 geschriebenem Bericht 197 einigermaßen verworren, so daß eine
Ubersetzung ohne überkleisternde Glättung kaum gelingen kann. Uber die
Verbergung der Kreuzesreliquie scheinen ihm zwei verschiedene Versionen
vorgelegen zu haben 198 , die er ohne Geschick miteinander zu verbinden
suchte. Die eine behauptete, das heilige Kreuz sei schon vor alters von nicht
näher bekannten frommen Leuten versteckt worden, was in etwa an Raimunds Darlegung erinnert und darauf aufmerksam macht, daß dessen Formulierung, das Kreuz sei ante captam Jerosolimam verborgen worden, bei
einiger Phantasie so gedeutet werden konnte, als sei damit eine der vielen
früheren Einnahmen Jerusalems, wenn nicht gar die durch den Kalifen
Omar im Jahr 638 gemeint. Die andere hingegen vermeldete, einundderselbe Mann habe die hochkostbare Reliquie zusammen mit seinem Vater weggeschafft, der sie dann auch wieder hervorgeholt habe. Die Schaffhausener
Relatio de reliquiis nun öffnet die Augen für die Identität dieses homo Syrus
wie auch für die seines "Vaters", mit dem zusammen er die Kreuzes-Particula "sorgfältig versteckt und aufbewahrt hatte".
Hatte Raimund nichts über die Rolle des Syrers und seines Vaters in dem
Ringen zwischen Melkiten und Lateinern um die Kreuzesreliquie im Sommer des Jahres 1099 gewußt oder verlauten lassen, so hielt Fulcher, der
195
196
197
198
Hagenmeyer, Fulcheri Carnotensis Historia 6-9.
Historia Hierosolymitana lib. I cap. X X X , 4: Hagenmeyer (s. oben Anm. 149) 309f.
Der ursprüngliche Umfang des von Fulcher später fortgesetzten Werkes reichte bis
lib. II cap. XXXIII und wurde 1105 abgeschlossen: Hagenmeyer 45.
Der Harmonisierungsversuch Hagenmeyers (a.a.O. 310 Anm. 12), in der Annahme
bestehend, der noch lebende Syrer sei "einer der letzten" gewesen, die damit betraut
waren, die Partikel vor den Nichtchristen verborgen zu halten, kann nicht
überzeugen.
Patriarch
Symeon
II. von
Jerusalem
321
Raimunds Schrift nachweislich gekannt und benutzt hat 199 , es offenbar
nicht für tunlich, den Umstand weiter zu tradieren, sie seien dabei coacti
gewesen - was Lateinern gegenüber besonders hervorzuheben übrigens auch
Bischof Samuel in seiner Lage nicht mehr geraten erschienen sein mag. In
Zusammenschau aber bieten Raimund von Aguilers und Fulcher von Chartres nichtsdestoweniger eine deutliche Bestätigung für die Glaubwürdigkeit
dessen, was der Anonymus von Schaffhausen berichtet.
Was indes beide Kreuzzugs-Chronisten hinderte, Namen und kirchlichen Rang derer mitzuteilen, die die so sehr begehrten Heiltümer im Besitz
der melkitischen Kirche halten wollten und es doch nicht vermochten,
kann nur eine undurchdringliche Mauer des Schweigens sein, mit der die
neuen Herren über Jerusalem das tatsächliche Geschick der melkitischen
Hierarchie und besonders ihres Hauptes, des Patriarchen Symeon, umgaben, sei es, daß sie als offiziöse Historiographen diese Mauer selbst mitaufgerichtet haben, sei es, daß es auch ihnen nicht gelang, sie zu durchbrechen.
Albert von Aachen schließlich bietet ein Beispiel für jene geglättete, von
Irritationen völlig freie Sicht der Dinge, die fern von Ort und Zeit des
Geschehens sich bilden konnte, wenn nicht mußte: Nachdem Gottfried
zum Herrscher über Jerusalem erhoben worden war, habe ein einheimischer Christ, fromm und im Gesetz Christi bestens unterwiesen, sich gemeldet und kundgetan, er habe die jerusalemische Kreuzesreliquie seinerzeit
verborgen, damit die Sarazenen sie nicht verunehren könnten, und wolle
nun anzeigen, wo sie liege. 200
Über die tatsächlichen konkreten Umstände des Ubergangs der zentralen Heiltümer der Kirche von Jerusalem in die Hände der Lateiner wußten
unter diesen Bedingungen wohl schon bald nur mehr führende Kreise der
Melkiten in Jerusalem Bescheid. Deren Sicht der Dinge ist - wenigstens
umrißhaft - in dem Bericht der Nonne Hedewic erhalten geblieben. Auffallende, ansonsten kaum zu deutende Details im frühesten chronistischen
Schrifttum der Kreuzfahrer bestätigen und ergänzen das, was Hedewic von
Bischof Samuel darüber persönlich erfahren hat.
Somit kann als erwiesen gelten, daß Patriarch Symeon II. sich in Jerusalem befand, als die Kreuzfahrer die Stadt eroberten. Seine Befürchtungen
hinsichtlich ihrer "religiosa aviditas" dürften durch das, was dann geschah,
weit übertroffen worden sein. Die Hab- und Herrschsucht der Lateiner beschränkte sich nämlich keineswegs auf die insignia des Sterbens und Auferstehens Christi. Wenn Raimund von Aguilers berichtet, Peter von Narbonne, mit dessen Erhebung zum Bischof von Albara, im Patriarchatsgebiet
von Antiocheia gelegen, die Errichtung einer lateinischen Hierarchie im
199
200
Hagenmeyer a.a.O. 66f.
Historia Hierosolymitana lib. VI cap. XXXVIII: R H C Hist. Occ. IV 488f.
322
Peter Plank
Orient begonnen hatte 201 , habe sich nach der Eroberung Jerusalems die domus patriarchalis zur Bleibe erkoren, und er habe mit eigenen Augen gesehen, wie der Bischof eine Menge Waffen in das Haus habe hineinschaffen
lassen202, so fragt man sich, wo der bisherige Hausherr geblieben sein mag.
Diese Frage bleibt unbeantwortet, ebenso jene, wie im Zuge der Wahl
Arnulfs von Chocques zum Patriarchen mit dem bisherigen Amtsinhaber
umgegangen worden ist. Immerhin sah sich Raimund in der Lage, mitzuteilen, was mit dem Klerus Symeons geschah, der an der Grabeskirche diente:
Er habe seine Ämter und die damit verbundenen Einkünfte verloren. 203
Angewidert von solchem Vorgehen teilt der provenzalische Kanoniker auch
den Namen dessen mit, der seiner Wahrnehmung und Ansicht nach als
Drahtzieher hinter all diesen Machenschaften stand: Arnulf, normannischer
Bischof von Martorano in Unteritalien 204 , der seine eigene Hand, ohne
jemanden zu fragen, auf die Geburtskirche in Bethlehem legte, doch wenig
später Sarazenen in die Hände fiel und nie mehr auftauchte. 205
Doch zeigte auch der neugekürte Vogt des Heiligen Grabes aus Lothringen Interesse an Kirchengut und Herrschaftsrechten des melkitischen Patriarchats. Gottfried von Bouillon hat anscheinend das gesamte Stadtviertel,
das unter den Muslimen der Verwaltung und Aufsicht des Patriarchen unterstanden hatte 206 , seinem eigenen unmittelbaren Herrschaftsbereich zugeschlagen. Davon berichtet Daimbert von Pisa, der zu Ende des Jahres 1099
mit Zustimmung des Papstes an die Stelle Arnulfs von Chocques getreten
war. In einem Brief an Bohemund von Antiochien, den Wilhelm von Tyrus
in seinem Geschichtswerk überliefert hat, zeigt er sich entrüstet darüber,
daß Herzog Gottfried nur mit allergrößter Mühe dazu zu bewegen war, den
Kirchenbesitz herauszugeben, "den zur Zeit der Türken jener besessen
hatte, der damals Patriarch war" 207 .
Als ob er ihn nicht wüßte, meidet es Daimbert von Pisa in betont distanzierter Ausdrucksweise, den Namen des melkitischen Patriarchen zu
nennen, für dessen Nachfolger er sich hielt und dessen Stellung und Befugnisse er ungeschmälert für sich beanspruchte. Hier wie in den anderen angeführten einschlägigen Zeugnissen zeichnet sich gegenüber Symeons Person
eine Haltung ab, die an eine damnatio memoriae erinnert. Sie schloß, wie es
scheint, die maßgeblichen Magnaten des Königreichs Jerusalem und ihre
201
202
203
204
205
206
207
Gesta Francorum XXXI, 1: Hagenmeyer (s. oben Anm. 17), 392f.
Historia Francorum XX: RHC Hist. Occ. III, 301.
Historia Francorum XXI: RHC Hist. Occ. III, 302; bestätigt von Matthäus von
Edessa: RHC Hist. Arm. I, 54f.
Historia Francorum XXI: RHC Hist. Occ. III, 302.
Historia Francorum XX: RHC Hist. Occ. III, 301.
Vgl. dazu Wilhelm von Tyrus, Chronicon IX, 16-18: Huygens (s. oben Anm. 15)
441-445.
Ebd. X, 4: Huygens 456.
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
323
Ratgeber in dessen ersten Jahrzehnten zu einer geschlossenen Front zusammen. Erst auf diesem düsteren Hintergrund offenbart sich der historische Wert des Pilgerberichts der Schaffhausener Nonne Hedewic, der mit
einem Schuß Naivität ein Stück einer ansonsten streng und erfolgreich
verschwiegenen Wahrheit preisgibt.
4. Eine Kette von Lügen und
Legenden
Am meisten erstaunt zunächst, daß auch jener Autor den Namen des Patriarchen Symeon nicht nennt, der sich an einigen Stellen seines Werkes in
fast epischer Breite über ihn ergeht und sich ehrfürchtig vor ihm verneigt,
nämlich Albert von Aachen. Mag Alberts Stil sein eigener sein, so kann er,
der das Heilige Land nie mit eigenen Augen gesehen hat, doch nur wiedergeben, was er, vielleicht in einer ihm vorliegenden verlorenen Chronik
lothringischer Herkunft, gelesen oder von andern gehört hat. 208 Das Gelesene oder Gehörte nun zeigte den namenlosen Patriarchen von Jerusalem in
zwei Rollen, nämlich zum einen als Gesprächspartner des Kreuzzugsagitators Peter von Amiens im Vorfeld der großen Unternehmung 209 und zum
andern als von seinem Sitz vertriebenen Helfer der Kreuzritter in ihrem
Kampf um die Heilige Stadt, der just in dem Augenblick stirbt, als er wieder
hätte dorthin zurückkehren können und sollen. 210
Wie wenig dies alles mit den tatsächlichen Ereignissen zu tun hat, zeigen
Hagenmeyers Forschungen über Peter von Amiens 211 wie die Ergebnisse
der vorliegenden Untersuchung. Doch wäre es kurzsichtig, die Akte mit
dieser Feststellung zu schließen. Denn in dem, was Albert von Aachen über
Symeon zu sagen weiß, wird deutlicher als irgendwo sonst, wie sehr die
reale Person des Patriarchen den Gründern des lateinischen Königreichs
Jerusalem im Wege stand und wieweit sie bereit waren zu gehen in dem
Bemühen, statt seiner eine imaginäre Figur zu erfinden, deren Wollen,
Handeln und Schicksal sich ganz nach ihren eigenen Wünschen richtete.
Nichts kann dies klarer machen als der zusammenhängende Wortlaut beider Passagen in Alberts Werk, der hier in der trefflichen Übersetzung von
H. Hefele aus dem Jahr 1923 geboten sei:
"Dieser Priester (sc. Peter von Amiens) nämlich war einige Jahre vor Beginn dieses Zuges
nach Jerusalem gewallfahrt, um dort zu beten. Da mußte er in der Kirche des Heiligen
Grabes, ach, Dinge sehen, so sündhaft und böse, daß sein Herz voll Trauer aufseufzte,
und er Gott zur Rache für das geschaute Greuel aufrief. Und schließlich, tief bewegt
durch dieses üble Treiben, ging er zum Patriarchen der heiligen Kirche von Jerusalem
208
209
210
211
R. Hiestand, Albert von Aachen, LThK 3 I, 1993, 329.
Historia Hierosolymitana I, II-V: RHC Hist. Occ. IV, 272-273.
Historia Hierosolymitana VI, XXXIX: RHC Hist. Occ. IV, 489.
S. oben Anm. 14.
324
Peter Plank
und fragte ihn, warum es den Heiden und Ungläubigen erlaubt sei, die heiligen Stätten
zu beschmutzen, aus ihnen die Gaben der Gläubigen wegzuschleppen, als Ställe die Kirchen zu benutzen, die Christen zu schlagen und die frommen Pilger durch Auferlegung
ungerechter Abgaben auszuplündern und mit tausenderlei Bedrückungen zu quälen.
Der Patriarch aber und ehrwürdige Priester vom Heiligen Grabe gab ihm darauf die
fromme und wehmütige Antwort: 'O du getreuester der Christen, was ängstigst und
quälst du mit dieser Frage mein väterliches Herz? Ist doch meine Kraft und Macht nicht
mehr als eine klein winzige Ameise gegenüber dem Ubermut dieser Heiden. Ich muß ja
selbst mit Gaben ohne Ende mir mein Leben erkaufen, wenn ich es von Marter und Tod
erretten will. Aber ärger nur von Tag zu Tag, so fürchte ich, wird unsere Lage werden,
wenn nicht die Christen endlich Hilfe bringen. Dich sende ich, sie darum zu bitten.'
Da gab Peter zur Antwort: 'Ehrwürdiger Vater, ich habe genug selbst erfahren. Jetzt
sehe und merke ich wohl, wie schwach die Macht der Christen ist, die hier mit dir wohnen, und wie ihr zu leiden habt unter den Bedrückungen der Heiden. Darum will ich
jetzt mit Gottes Gnade und in Gottes Geleit heimwärts reisen, eurer Befreiung und der
heiligen Orte Erlösung zuliebe, und wenn ich glücklich heimgelangt bin, will ich zuerst
den apostolischen Herrn (domnum apostolicum) aufsuchen und dann alle Großen der
Christenheit, Könige, Herzöge, Grafen und wer sonst wohl eine Herrschaft führt, und
will ihnen allen das Elend eurer Knechtschaft und eure unerträglich böse Lage schildern.
Denn wohl ist es Zeit, daß dies alles, eines wie das andere, dort berichtet werde.'
Indes aber, da ringsum Finsternis den Himmel deckte, ging Peter wieder zu beten an
das Heilige Grab und dort, durch Gebet und Wachen ermüdet, ward er vom Schlaf übermannt. Da erschien ihm die Herrlichkeit des Herrn Jesus im Traum und redete in Gnade
ihn, den Sterblichen und Schwachen, also an: 'Peter, du liebstes meiner Christenkinder,
steh auf und gehe hin zu meinem Patriarchen und verlange von ihm den Brief meiner
Sendung mit dem Siegel des Heiligen Kreuzes. Und dann eile so rasch du kannst heimwärts in das Land deiner Sippe und erzähle dort, was mein Volk und die heiligen Stätten
hier an Schmach und Elend zu ertragen haben, und entflamme die Herzen der Gläubigen, Jerusalem und die heiligen Orte zu säubern und den Dienst der Heiligtümer wiederherzustellen. denn jetzt werden, durch Gefahren und mannigfache Versuchungen hindurch, die Pforten des Paradieses den Berufenen und den Auserwählten geöffnet werden.'
Mit dieser wunderbaren und gotteswürdigen Offenbarung verschwand das Gesicht und
Peter erwachte vom Schlafe. Und beim ersten Tagesgrauen verließ er die Schwelle der
Kirche, suchte den Patriarchen auf und erzählte ihm der Ordnung gemäß das ganze
Gesicht und erbat sich von ihm den Brief seiner göttlichen Sendung, versehen mit dem
Siegel des Heiligen Kreuzes. Der Patriarch verweigerte den nicht; ja mit vielen Dankesworten übergab er ihm den Brief. Da nahm Peter Urlaub und seiner Sendung getreu
kehrte er zu seinen heimischen Gestaden zurück. In Angst und Sorge fuhr er zu Schiff
übers Meer, kam nach der Stadt Bari, stieg dort wieder ans Land und eilte unverweilt
nach Rom. Dort suchte er den apostolischen Herrn auf und überbrachte ihm die
Botschaft, die Gott und der Patriarch ihm aufgetragen...
Patriarch Symeon II. von
Jerusalem
325
Da nun die ganze Heidenschaft und die götzendienerische Religion aus der Heiligen
Stadt ausgetrieben und Herzog Gottfried zum Schutze der Stadt und ihrer Einwohner
auf den Thron von Jerusalem erhoben war, da schien es der ganzen Gemeinschaft der
Gläubigen gut und nützlich und Gott wohlgefällig, daß auch ein Hirte und Patriarch
wieder eingesetzt werde, der der Herde der Gläubigen und der heiligen Kirche Vorstand
sei. Denn verwitwet war diese Kirche, da ihr Hirte, der Patriarch, ein überaus heiligmäßiger Mann, zur Zeit der Belagerung der Stadt Jerusalem auf der Insel Cypern aus dem
Lichte des Lebens geschieden war. Es war nämlich dieser Patriarch von Jerusalem und
dem Grabe des Herrn fortgezogen, da er von der Ankunft der Christen und ihrer
Belagerung der Mauern von Antiochien hörte, und war nach der Insel Cypern gereist,
der Drohungen der Türken und der Ungunst der Sarazenen wegen. Er war ein hochbetagter Mann und ein treuer Knecht Christi gewesen und hatte von der genannten Insel
aus zu Beginn der Belagerung von Jerusalem dem Herzog Gottfried und den anderen
Fürsten sehr viele Liebesgaben geschickt, bisweilen von jener Frucht, die man Granatapfel nennt, bisweilen auch kostbare Früchte von den Zedern des Libanon oder auch
gemästete Pfauen und trefflichen Wein und was er eben sonst noch nach Vermögen an
guten und teuren Dingen hatte auftreiben können; in der Hoffnung, nach Wiederherstellung seiner Kirche auch unter diesen Fürsten friedlich und sicher am Grabe unseres
Herrn Jesus Christus, des Sohnes des lebendigen Gottes, dienen und seine Herde leiten
zu können. Da aber die Stadt Jerusalem von den Gläubigen erobert und die heilige
Kirche wiederhergestellt war, da schied dieser allerchristlichste Patriarch aus dem Leben,
und so blieb seine Kirche verwitwet und verwaist zurück. Und da nun die christlichen
Fürsten, wie ich eben gesagt habe, oftmals Rat hielten und überlegten, wer einem so
guten Manne Nachfolger sein dürfe, fanden sie niemanden, der solcher Ehre und des
göttlichen Regimentes würdig gewesen wäre. Und so verschob man die Sache, bis man
einen fände, der für dieses bischöfliche Amt geeignet wäre. Doch ernannten sie Arnulf
von Zokes, einen Kleriker von ganz wunderbarer Klugheit und Beredsamkeit, zum
Kanzler der heiligen Kirche von Jerusalem, zum Wächter der heiligen Reliquien und
Verwalter der Almosen der Gläubigen." 212
Peter von Amiens hat Jerusalem vor dem ersten Kreuzzug nicht erreicht. 213
Doch hätte er wirklich zu dieser Zeit ein Gespräch mit dem Patriarchen
geführt, so hätten ihm allein die Mühen der Reise durch muslimisch beherrschtes Gebiet genügend Einsicht in die bestehenden Verhältnisse beschert, daß er eine so törichte Frage wie die, "warum es den Heiden und
Ungläubigen erlaubt sei", so zu handeln, wie sie es taten, nicht gestellt hätte.
Symeon hätte ihm vielleicht sein Leid geklagt, aber sicher nicht einen
unerfahrenen fremden Mönch aus dem Abendland allen Ernstes damit
betraut, militärische Hilfe von außen herbeizuführen, und dies mit einem
Brief, der, wäre er abgefangen worden, dem Absender als Hochverräter den
212
213
H. Hefele, Albert von Aachen: Geschichte des ersten Kreuzzugs, 1. Teil, Jena 1923,
2-4 und 313f.
Hagenmeyer, Peter der Eremit (s. Anm. 14).
326
Peter
Plank
Tod und seiner Kirche größte Schwierigkeiten gebracht hätte, abgesehen
davon, daß das Siegelmotiv der Jerusalemer Patriarchen in dieser Zeit nicht
das Kreuz, sondern das Anastasis-Motiv war. 214
Wer aber Einwänden dieser Art mit dem Hinweis auf eine stilistische
Dramatisierung begegnen wollte, hinter der sich ein historischer Kern
verbergen könne, müßte auch eine Antwort zur Hand haben auf die Frage,
wie ein melkitischer Patriarch zu Ende des 11. Jahrhunderts auf die Idee
kommen konnte, Hilfe aus dem fernen Abendland anstatt aus Konstantinopel zu erwarten. Wilhelm von Tyrus (1130-1184), bereits als Lateiner im
Orient geboren und ausgezeichneter Kenner seiner inneren Verhältnisse,
war sich dieses Problems bewußt und suchte es in seiner Bearbeitung der
Szene im Rahmen seines Chronicon zu lösen, indem er Symeon die Worte
in den Mund legte: "Denn vom Reiche der Griechen, die an sich von der
Verwandtschaft und örtlich gesehen uns näher stehen und über größeren
Reichtum verfügen, haben wir überhaupt keine Hoffnung und keinerlei
Trost." 215
Auch Wilhelm war also zu seiner Zeit durchaus dazu bereit, noch weiter
an dem Faden zu spinnen, dessen Anfang bis in die Zeit vor der Eroberung
Jerusalems im Juli 1099 zurückzureichen scheint. Ebenso wie die beiden
fingierten Briefe, von denen ausführlich die Rede war, dient auch das erfundene Gespräch mit Peter von Amiens, das Wilhelm noch weiter zweckdienlich ausgestaltet hat, einzig dazu, den Kreuzzug der Abendländer ins
Heilige Land samt der Begründung eigener weltlicher und geistlicher Herrschaft dort als selbstlose Tat der Nächstenliebe an bedrängten Glaubensgenossen hinzustellen. Der Patriarch von Jerusalem und durch ihn die gesamte orientalische Christenheit habe in höchster Not mündlich und schriftlich
flehentlich um Hilfe und Befreiung gebeten - weil, so setzt Wilhelm von
Tyrus erklärend hinzu, die Griechen, deren Sache das eigentlich gewesen
wäre, kläglich versagt hätten, eine Marginalie, für die Albert von Aachen
bzw. seinen Gewährsleuten der geistige Horizont gefehlt hätte.
Hatte nun aber der in unwirklich-mythischer Ferne und Heiligkeit verbleibende namenlose Patriarch von Jerusalem seine ihm zugedachten exzitatorischen und legitimierenden Dienste geleistet und seinen Part in dem
erbaulichen Epos somit zu Ende gespielt, so blieb noch die Aufgabe zu
erklären, warum er exakt an dem Punkt im Ablauf der Handlung verschwindet, wo zu erwarten wäre, daß er den ersehnten und siegreichen Befreiern als Oberhirte der Mutter aller Kirchen entgegentritt und sie voll
Dankbarkeit willkommen heißt, um sodann seinen kirchlichen Dienst ohne
alle Einschränkung und Bedrückung fortzusetzen. Die wenigen historisch
festzumachenden Daten aus dem Leben des Patriarchen lassen die Behaup214
215
Laurent (s. Anm. 27) 393-400 (Nrr. 1561-1568).
Chronicon I, 11: Huygens (s. Anm. 15) 125.
Patriarch
Symeon
II. von
Jerusalem
327
tung seines unvorhergesehenen friedlichen Todes fern der bisherigen und
vor allem der künftigen Ereignisse auf der Insel Cypern gerade zu diesem
Zeitpunkt als dramaturgischen Einfall von abgeschmackter Qualität erscheinen, der einzig darauf abzielte, sich einer nunmehr im Handlungsgeschehen überflüssigen imaginären Figur zu entledigen, bevor diese sich notwendigerweise in eine konkrete und eigenständig agierende Persönlichkeit
gewandelt hätte, die der weiteren gewünschten Entwicklung der Dinge
höchst hinderlich hätte werden müssen. Die Nachricht aber, der geflohene
Hierarch habe noch vor seinem Tod mit der Ubersendung von Granatäpfeln und gemästeten Pfauen an die Krieger seinen Beitrag zur Eroberung
seiner Bischofsstadt leisten wollen, läßt vermuten, daß unter den Urhebern
der ansonsten hochpolitischen Patriarchen-Fabeln auch jemand gewesen
sein muß, der Sinn für das Groteske besaß.
In einer anderen Einzelheit freilich des Albert'schen Heldenepos könnte
sich vielleicht doch eine historische Nachricht erhalten haben, nämlich in
der Angabe, der Patriarch habe sich auf die Insel Cypern zurückgezogen.
Freilich dürfte sie sich am ehesten auf die Zeit nach der Eroberung Jerusalems beziehen, nachdem er von den neuen Herren von seiner Kathedra gestoßen und aus einer Stadt wie aus seinem Patriarchats-Sprengel verjagt worden war. Denn noch stand Cypern unter byzantinischer Herrschaft, und es
sollte noch ein Jahrhundert dauern, bis auch die dortige chalkedonisch-byzantinische Kirche unter die Herrschaft eines lateinischen Episkopats gezwungen wurde. 216 Außerdem wäre es möglich, daß die Kirche von Jerusalem bereits zu Symeons Zeiten über eigene Besitzungen auf Cypern verfügte. 217 Seinen Azymen-Traktat freilich hat der Patriarch doch wohl eher in
der rhomäischen Reichshauptstadt verfaßt. Wo immer er ihn aber geschrieben hat, die Bezeichnung seiner Kontrahenten als "christusliebende Lateiner" 218 wird nicht als Hinweis auf die Lateiner-Freundlichkeit des jerusalemischen Oberhirten zu deuten sein, vielmehr als Ausdruck bitterer Ironie.
216
217
218
Hamilton (s. oben Anm. 10) 317-319.
Tsougarakis (s. oben Anm. 135) 198-200.
Leib (s. oben Anm. 9) 217.
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