Geburt daheim

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zusammen leben.
30. April 2016
M6
WA S N UN ?
Verliebte
Jungs
Johannes (60) hat eine Affäre mit einer jungen Kollegin. Soll er beichten und
seine Ehe dafür aufgeben?
E
Mit Vertrauen gelingt eine Geburt am besten, sind Hausgeburtshebammen überzeugt. Deshalb sehen sie Schwangere durchschnittlich acht Mal, bevor die Geburt beginnt.
Foto: © Monkey Business - fotolia.com
Geburt daheim
Am 5. Mai ist Tag der Hebammen. Ihnen wird ihr Beruf schwer
gemacht, etwa wegen hoher Versicherungsbeiträge. Julia Globisch
ist Hausgeburtshebamme – ein Beruf, der ausstirbt.
Z
u Hause gebären: Wer
macht denn so was?
Hausgeburtshebamme
Julia Globisch (37) kennt
die Antwort: „Frauen, die
sich mehr Gedanken um die Geburt
machen als andere.“ Unter den
Frauen, deren Geburt sie begleitet
hat, waren Lehrerinnen, Gärtnerinnen, Biologinnen – vor allem Hebammen und Krankenschwestern.
Eine von ihnen ist Anna Settele
aus Ulm. Bevor die Kinderkrankenschwester schwanger war, lautete
ihre Überzeugung: Ich bekomme
mein Kind in der Klinik mit angeschlossener Kinderklinik. Um gegen alles abgesichert zu sein. Hausgeburt ist nur was für Hippies,
dachte sie damals. Dann lernte
Anna Settele, bereits schwanger,
eine Frau kennen, die ihr Kind daheim bekommen hatte und von Julia Globisch erzählte. Bei einem ersten Gespräch mit ihr sei schnell Vertrauen da gewesen. Die Hebamme
versicherte ihr, jederzeit die Geburt
zu Hause abbrechen zu können und
in eine Klinik zu gehen. „Wer in Ulm
wohnt, ist ja schnell dort.“
Was sie letztlich überzeugt hat:
Mit der Hausgeburtshebamme hat
sie eine, die nur für sie da ist. So
eine Betreuung ist in Kliniken praktisch nie möglich. Und: Statistische
Zahlen, notiert von der Gesellschaft
für Qualität in der außerklinischen
Geburtshilfe, gaben ihr Sicherheit,
dass die Risiken bei einer außerklinischen Geburt nicht höher sind als
bei einer Hausgeburt. Für Anna Settele war es die richtige Entscheidung: Die Geburt ihrer Tochter vor
einem Jahr daheim war „beeindruckend, kraftvoll“, auch für den
Papa, wie sie sagt, und letztendlich
„ein schöner Start für uns alle drei“.
Das Wichtigste für sie während der
Geburt: „Jemanden zu haben, der
an die Kraft der Frauen glaubt.“ Das
war Julia Globisch.
Sie ist überzeugt davon, dass bei
einer Betreuung durch eine Hebamme für eine Gebärende die Geburt „am sichersten“ vor sich gehen
kann. Nachweislich hätten die
Frauen weniger Stress, sie bräuchten weniger Schmerzmittel oder
eine OP. Das Vertrauensverhältnis
von Hebamme zu werdender Mutter mache es möglich, schließlich
„habe ich die Frauen durchschnittlich zwischen acht und zehn Mal gesehen, bevor wir in die Geburt starten“. Globisch ist seit 13 Jahren im
Beruf. Zwischen 20 und 30 Frauen
betreut sie pro Jahr. Mittlerweile hat
sie über 180 Kindern auf die Welt geholfen. „Würde ich die alle wiedersehen, wäre das eine große Runde.“
Beruflich angefangen hat sie in
Stuttgart. Nach dem Abitur führte
sie ein Krankenpflegepraktikum in
einen Kreißsaal – und ihr Beruf
stand fest: Hebamme. Nicht, weil
Babys so süß sind, sondern um
Frauen beizustehen. „Eine Geburt
zu begleiten ist etwas Besonderes.
Das braucht Achtsamkeit und
Raum. Fast einen heiligen Raum.“
Sie will nicht Hebamme in einer
Klinik sein, wo sie für Gebärende im
Kreißsaal zunächst eine Fremde
wäre, oder für mehrere Gebärende
gleichzeitig zuständig sein – das ist
Klinikalltag –, sondern sie will
Frauen so begleiten können, wie sie
es sich vorstellt. „Gebären ist ein privater Prozess, der mit Vertrauen am
besten gelingt. So kann die Frau in
Verband: Frauen sind mit Hebammen unterversorgt
Arbeitsbedingungen
Der Hebammenverband Baden-Württemberg fordert
bessere Arbeitsbedingungen für Hebammen, für festangestellte wie für freiberufliche. Mit wenig Erfolg.
Mittlerweile ist es um den
Berufsstand schlecht bestellt, sagt Jutta Eiche-
nauer, erste Vorsitzende
des Hebammenverbands:
„Mehr und mehr Kolleginnen schmälern ihr Leistungsangebot, um unter
der 450-Euro-Grenze zu
bleiben, hören auf, sind
schwer erkrankt.“ Laut Eichenauer sind „wir mitten
drin in der Misere“: Viele
KURZ & KRASS
RETTUNG FÜR ANGSTHASEN
Frauen sind mit Hebammen
unterversorgt. Um die Zukunft der Hebamme ist ihr
bang. Zumal geflüchtete
Frauen Hebammen noch zusätzlich vor Herausforderungen stellen. Eichenauer:
„Keinen scheint es wirklich
zu interessieren, wie es mit
ate
uns weitergeht.“
die Kraft kommen. Das braucht sie,
um hinterher gut in ihre Mutterrolle
zu starten.“
Globisch hat gut zu tun. Seit Jahren habe sie keine Visitenkarte
mehr, hat keine Internetseite, und
trotzdem könnte sie mehr Frauen
betreuen, als sie es zeitlich schafft.
Denn: Immer mehr Hebammen geben ihren Beruf auf, Globisch ist in
Ulm mittlerweile die einzige, die
ganzjährig als Hebamme für Hausgeburten versichert ist. Sie betreut
Frauen bis aus Heidenheim, Günzburg, Biberach. Nur: „Ich habe
keine Vertretung.“ Deswegen hat
sie nie freie Wochenenden, eine
60-Stunden-Woche ist die Regel,
der Verdienst eher bescheiden.
Was es bedeutet, Hebamme zu
sein beschreibt diese Situation.
Zwei Babys sind bereits über dem errechneten Geburtstermin, Globisch
ist auf Abruf bereit. Das heißt: „Ich
kann keinen langen Wald- oder Donauspaziergang machen, ich muss
spätestens in einer Viertelstunde
bei meinem Auto sein können, damit ich zu den Frauen fahren kann.“
Den Hebammen wird der Beruf
schwer gemacht. Das sieht auch Ursula Jahn-Zöhrens so, seit knapp 30
Jahren freiberufliche Hebamme im
Kreis Calw, Buchautorin und Vorsitzende der Hebammengemeinschaftshilfe. Die Gründe, dass viele
Hebammen ihren Beruf aufgeben,
fasst sie so zusammen: Da ist für
Hausgeburtshebammen die Berufshaftpflichtversicherung, ohne die
die Geburtshelferinnen nicht arbeiten dürfen. Die Beitragssätze steigen seit Jahren, bis die Versicherung
auf einen Schlag um fast 56 Prozent
teurer wurde. Für Hebammen heißt
das, dass sie rund 6200 Euro im Jahr
nur für Versicherungen zahlen.
Zudem habe sich die finanzielle
Situation für Hebammen nicht verbessert. „Kein Beruf wird so mangelhaft bezahlt wie unserer“, sagt
Jahn-Zöhrens. Hebammen würden
in einem „Dileamma“ stecken, weil
sie selbst nichts daran ändern könnten. Das führt dazu, dass Frauen
den Beruf erst gar nicht wählen.
Laut Jahn-Zöhrens haben „Kliniken
massive Probleme, Arbeitskräfte zu
gewinnen“. Macht sie sich Sorgen
um ihren Berufsstand? „Ich will mir
keine Sorgen machen müssen.“
Julia Globisch will trotzdem als
Hebamme für Hausgeburten weiterarbeiten. Dennoch merkt sie, dass
sie eine berufliche Pause braucht.
Die reicht bestenfalls dazu, zwei Monate lang nicht auf Abruf bereit zu
sein. Und sie hat die Hochzeit ihrer
Cousine im Blick. Die ist im September. Für die Zeit sucht sie eine Vertretung, die wahrscheinlich aus
dem Allgäu anreisen wird.
Anna Settele erinnert sich gern
an die Geburt ihrer Tochter daheim.
So ein Geburtserlebnis könne sie
Frauen nur wünschen – oder wenigstens weiterhin „das Recht auf
die freie Wahl des Geburtsortes“.
Das ist möglich, weil es Hausgeburtshebammen gibt. BEATE ROSE
WAS MEINEN SIE DAZU?
Z
ugegeben – das Gerät hat Grenzen. Ausgewachsene Vogelspinnen
etwa sind tabu. Dazu ist es nicht gemacht. Aber Spinnen und andere
Insekten, wie sie in unseren Breitengraden vorkommen, kann man damit hervorragend einfangen. Das Beste daran: Das Tier überlebt unbeschadet
und selbst ist man auch vor diesen „gefährlichen“ Lebewesen geschützt.
Denn ein 65 Zentimeter langer Greifarm sorgt für den gebührenden Abstand.
Das Insekt wird mit den biegsamen Nylonborsten bedeckt und durch Schließen der Borsten per Knopfdruck verletzungsfrei darin bewahrt. Dann heißt es
nur noch, einen guten Platz zum Auswildern zu finden. In Ländern wie Australien rettet ein Spinnenfänger schon mal Leben.
Hierzulande ist er eher der verlängerte Arm tierliebender, aber ängstlicher Zeitgenossen.
Sehr geschickt: Man bekommt eine
Übungsspinne mit geliefert und kann so
schon mal Greifen üben. Der Spinnenfänger
ist also nicht nur freundlich zur Natur, er verhindert ohrenbetäubendes Gekreische und panische Fluchtreaktionen. Funktion und Design des Spinnenfängers wurden vielfach prämiert und ausgezeichnet. Zu finden unter
anderem bei radbag.de. Kosus
tet rund 14 Euro.
Foto: Radbag.de
Handys im Schullandheim – Lehrer halten meist wenig davon. Eltern hingegen wollen den Kontakt zu ihren Kindern oft nur ungern einstellen. Ist ein
Verbot sinnvoll? Diskutieren Sie unter www.swp.de/zusammenleben
PRO Wie haben wir Älteren das früher
bloß überlebt? Es ist noch nicht so
lange her, da hatten Kinder kein eigenes Telefon, schon gar keines zum Mitnehmen, und waren deshalb auch
nicht immer erreichbar. Und wenn es
auf Klassenfahrt oder im Schullandheim tatsächlich einen Krankheitsfall
gegeben haben sollte, wurden die Eltern vom begleitenden Lehrer informiert. Klassisch, via Festnetz. Das hat
tatsächlich funktioniert! Und Schülerinnen und Schüler haben die Zeit
ohne Mama und Papa überstanden,
auch wenn sie nicht ständig berichten
mussten, ob das Essen geschmeckt
hat und wie denn nun das Wetter ist.
Handys – zumal Smartphones! – haben auf Klassenfahrt nichts verloren,
weil sie vom Sinn solcher Veranstaltungen ablenken. Kinder müssen lernen,
dass es ein Leben ohne solche Geräte
lt
gibt. Und Eltern auch.
CONTRA Warum wohl bekommen
Söhne und Töchter ein Handy von ihren Eltern? Damit sie es benutzen können! Damit ist natürlich nicht gemeint, dass der Nachwuchs pausenlos
Mitteilungen verschickt, telefoniert
oder Nachrichten empfängt. Der sinnvolle Umgang mit den Mobilfunkgeräten sollte durchaus gelernt – und von
den Eltern vorgelebt – werden. Es ab
und zu auszuschalten gehört selbstverständlich dazu. Das ist im Alltag daheim nicht anders als im Schullandheim oder im Urlaub. Da dürfen die Regeln sogar mal strenger sein. Trotzdem
ist nicht einzusehen, warum dem
Handy dort gar kein Platz eingeräumt
wird. Es ist wie beim Fasten: Wer beschließt, nichts Süßes zu essen, denkt
nur noch an Kuchen und Schokolade.
Allein das Wissen, dass das Handy dabei ist, beruhigt – die Kinder in der
mh
Ferne und die Eltern daheim.
hebruch, der böse Feind, das
schlimme Wort, die große
Frage: beichten oder nicht?
Die stellt sich auch Johannes. Zugegeben: In seinem Zustand – von einer Jüngeren begehrt, mit Komplimenten überhäuft und dazu ihre
Blicke! – das kann die Gedanken
von Männern durchaus trüben. Verliebte Jungs eben. Aber im Alter von
60 Jahren sollte es Johannes gelingen, das Herzklopfen für ein paar
Stunden auf Normalmaß herunterzufahren und sich die Situation im
Ruhepuls anzuschauen.
Geheimhalten oder auspacken:
Was gefährdet die Ehe mehr? Eine
Liebschaft für eine Nacht, darüber
dürfte Einigkeit herrschen, würde
man eher nicht vor dem Partner ausbreiten. Aber eine Regel ist das
nicht. Ein Kriterium bei der Entscheidung ist die Bedeutung der Affäre für den Beteiligten. Bei einem
unbedeutenden Ausrutscher geht
Schweigen eher in Ordnung. Denn
in diesem Fall könnte die Wahrheit
Schlimmeres anrichten als das Verschweigen.
Johannes ist das mit der jüngeren
Kollegin aber wichtig, immerhin
dauert die Affäre schon länger. Aber
auch seine Ehe bedeutet ihm etwas,
sonst hätte er keine Angst, sie zu verspielen, wenn er auspackt. Vorsicht,
Denkfehler! Nora Nägele, Beziehungs-Expertin aus Stuttgart: Die
Ehe ist eher in Gefahr, wenn er
nichts sagt.
Denn genau da, wo das größte
Risiko liegt, verbirgt sich sogar eine
Chance. Denn er hat sich auch deshalb für die Affäre entschieden, weil
Die Ehe ist eher
in Gefahr, wenn
er nichts sagt
ein unerfülltes Sehnen in seiner Ehe
ihn dazu trieb. Was nicht heißen
muss, dass er eine schlechte Ehe
führt. Es gibt eben Dinge, die nicht
im Angebotsspektrum des Partners
enthalten sind. Ein Geständnis
wäre also auch die Möglichkeit für
das Paar, sich gemeinsam füreinander zu ändern.
Dafür – und hier liegt das Risiko –
muss seine Frau aushalten, was er
ihr angetan hat. Alles wird davon abhängen, wie die beiden jetzt miteinander umgehen, ob sie an der
Ehe festhalten wollen, ob sie beide
auch dahin schauen können, wo es
weh tut und wo sie beide nicht ideal
füreinander sind. Und wo sie sich
ändern müssen. Dadurch könnte etwas Wertvolles für die Jahre entstehen, die sie vor sich haben. Noch
können beide handeln und Weichen stellen.
Dazu muss Johannes sehr nüchtern und sehr realistisch überlegen,
wie er sich sein Leben in 20 Jahren
vorstellt: wenn er 80 und seine jetzige Freundin noch immer eine jüngere Frau ist. Will er alles aufgeben
und von vorne anfangen? Das soll
nicht heißen, dass dies alles nicht
möglich ist und gut gehen kann.
Aber Johannes muss sich darüber
klar werden.
Die Entscheidung nimmt ihm keiner ab. Ehrlich gesagt, ist er nicht zu
beneiden – zu bemitleiden aber
auch nicht. Johannes, denk nach,
triff eine Entscheidung, handle danach, steh dazu und trage die Konsequenzen. Sei ein Mann und kein verliebter Junge.
Unser Autor Otto Lapp ist 49 Jahre alt
und hat einen Sohn. Er hat Philosophie
studiert und geht an dieser Stelle Beziehungsfragen auf den Grund. Im Hauptberuf ist Lapp Chefreporter der Tageszeitung „Nordbayrischer Kurier“.
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