Abschlussarbeit von Birgit Landwehr

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Praktische Salutogenese in der Hebammenarbeit
Kurs 2009-2010 mit Verena Schmid
Abschlussarbeit von Birgit Landwehr
Fallbesprechung einer kontinuierlichen Betreuung von
Eva 24j. Ip
Leben ist Veränderung
„Ich, Mutter ??
Mutter-Ich?“
1
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ................................................................................................................................... 3
„Oh Gott, ich bin schwanger!“........................................................................................... 4
Die Anamnese ............................................................................................................................ 5
Informationen zu den Säulen der Gesundheit aus dem ersten Kontakt mit Eva .................... 6
Zirkuläre Bewertung anhand der Anamnese und des ersten Gespräches............................... 7
Reaktive Systeme ................................................................................................................... 8
1. Trimenon: Phase der Anpassung......................................................................................... 10
„Diskussionen mit mir selbst“.......................................................................................... 10
Bewertung nach den Säulen der Gesundheit........................................................................ 11
2. Trimenon: Eigentlich Phase des Wohlbefindens, hier Phase der Belastung........................ 12
„Mit einem Ungeborenen Hundefutter machen“ ............................................................. 13
25. Schwangerschaftswoche: Eine Grenzsituation............................................................... 13
„Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“............................................................ 13
Die Grenzsituation geht weiter, die Frage nach der Plazentainsuffizienz............................ 15
3. Trimenon: Eigentlich Phase der Belastung- hier Phase des Wohlbefindens ....................... 17
Bewertung nach den Säulen der Gesundheit........................................................................ 17
„Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“ .................................................................... 18
„Endspurt“........................................................................................................................ 18
Die Geburt ................................................................................................................................ 20
„Zeit des Rückzugs“......................................................................................................... 20
„Ups...jetzt kannst du Birgit anrufen“ .............................................................................. 20
Ressourcen während der Geburt .......................................................................................... 22
Das Wochenbett ....................................................................................................................... 23
Zeichen der Veränderung, weiterer Verlauf......................................................................... 23
„Gedanken zum Schluss“ ................................................................................................. 24
Mein Fazit ................................................................................................................................ 25
Literaturverzeichnis.................................................................................................................. 27
2
Einleitung
Seit 1994 bin ich Hebamme und betreue seit Mitte 2000 außerklinische Geburten. Zuerst in
einem Geburtshaus und seit 2006 ausschließlich Hausgeburten. Bei dem Lehrgang
„Salutogenese in der Hebammenarbeit“ mit Verena Schmid wurde mir bewusst, dass ich noch
zu den (inzwischen anscheinend relativ wenigen) Hebammen gehöre, denen es vergönnt ist,
Frauen und Familien vom Beginn der Schwangerschaft bis weit ins erste Lebensjahr
(Exogestation) hinein zu begleiten. Durch diese kontinuierliche Begleitung kann eine
therapeutische Beziehung entstehen, die zu einer Ressource für die werdende Mutter mit
ihrem Partner werden kann. Für mich als Hebamme ermöglicht die therapeutische Beziehung
mehr Sicherheit durch eine ganzheitliche, zirkuläre1 Bewertung. Außerdem erfüllt mich diese
beziehungsorientierte Begleitung mit sehr viel Zufriedenheit.
Anhand von Eva2 möchte ich eine salutogenetische3 Begleitung beschreiben. Aufgrund ihrer
Vorgeschichte wäre auch ich bis vor kurzem sicher Gefahr gelaufen, sie zu pathologisieren.
Wie gewinnbringend es aber für Mutter und Kind ist, die Gesundheitszeichen zu sehen und
ihre Ressourcen zu stärken, zeigt diese Geschichte.
Eva und Frank waren mir vom ersten Augenblick an sehr sympathisch. Da sich die
kontinuierliche Begleitung über mehrere Monate erstreckt glaube ich, dass es wichtig ist, dass
beide Seiten „gut miteinander können“. Je besser ich einen Raum zwischen mir und der Frau/
dem Paar schaffen kann, indem ich Platz schaffe für ihre Geschichte, umso leichter wird die
kontinuierliche Begleitung für mich. Das Miteinander-in-Beziehung gehen ist ein wichtiger
Eckpunkt in dieser Art Arbeit. Dieser so genannte Wertfreie Raum hilft nicht nur zum Aufbau
der therapeutischen Beziehung, sondern fördert auch die Aktivierung der Eigenständigkeit der
Frau.
Die Sympathie ist zwar für mich nicht das ausschlaggebende Kriterium, da ich in der
professionellen Begleitung auch Frauen/Paaren einen Raum geben kann, die ich nicht als
beste Freunde in Betracht ziehen würde, aber sie hilft sehr.
Doch nun zu Eva
Eva hat mir einen ausführlichen Bericht nach der Geburt geschrieben, deshalb möchte ich sie
immer wieder selbst zu Wort kommen lassen.
Lesen wir gleich von ihr selbst wie ihre Reise „Mutter-Werden“ begann:
Ein Kind zu bekommen – dies war der letzte Gedanke, den ich im Frühsommer 2009 haben
konnte! Als Geschäftsführerin eines Hundezentrums, gerade erst seit 4 Monaten in einer
neuen Beziehung, den ganzen Tag lang Stress im Geschäft und am Wochenende Partys mit
viel Alkohol –das war mein Leben. Einen Kinderwunsch hegte ich bis dato nicht, wie um alles
in der Welt sollte ein Kind denn in dieses Leben passen?
Ich war ein Mensch, der nach allem und jedem schaute, nur nicht nach sich selbst. Meine
eigenen Bedürfnisse und mein eigenes Wohlergehen hatte ich ganz hinten angestellt. Damals
war ich mir sicher, dass dies die optimale Lebensart sei –so ließe sich mehr Leistung erzielen
und das Geschäft würde besser und besser laufen.
1
Zirkuläre Bewertung: Miteinander in Beziehung setzen von Ressourcen und Aufmerksamkeitspunkten aus
den verschiedenen Säulen der Gesundheit.
2
Die Namen der betreuten Familie wurden geändert
3
Salutogenese beschäftigt sich mit der Entstehung, Erhaltung oder Wiedergewinnung von Gesundheit
3
„Oh Gott, ich bin schwanger!“
Es war Juni, als ich eines Morgens im Drogeriemarkt einen Schwangerschaftstest kaufte.
Meine Periode war längst überfällig und ich fühlte mich seltsam. Meine Brust spannte und
mir war schwindelig und übel am Morgen. Irgendwie glaubte ich nicht wirklich an eine
Schwangerschaft, ich kaufte den Test einfach nur, um mir selbst zu beweisen, dass alles in
Ordnung sei. Und dann kam der Schock: Zwei blaue Streifen auf dem Stäbchen – schwanger!
Das konnte doch nicht sein! Ich fuhr in die Apotheke und kaufte 3 weitere Tests, von
unterschiedlichen Marken. Das mag verrückt klingen, aber es schien mir am plausibelsten,
dass der Test falsch gemessen hatte. Nach drei weiteren, positiven Tests realisierte ich es
schließlich nach und nach: ich bin schwanger!
Was nun? Abtreiben? Soll ich es meinem Freund überhaupt sagen? Wie wird er reagieren?
Was soll ich nur tun? Nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte, rief ich meinen Freund
auf dem Handy an. Er war gerade auf Montage unterwegs. Ich weinte ihm die traurige
Gewissheit ins Telefon. Zu meinem Erstaunen: er freute sich!
Es folgten Wochen der Zerrissenheit. Mein Freund Frank hatte sich von der ersten Minute an
für das Kind entschieden, die Gespräche mit ihm taten mir sehr gut. Der erste Termin beim
Frauenarzt war schlimm für mich: ich schaffte es nicht einmal, auf den Bildschirm des
Ultraschallgerätes zu schauen.
Ich begann mich nun intensiv mit dem Thema zu befassen –weglaufen half nichts, schließlich
war ich bereits schwanger. Im Internet bestellte ich mir verschiedene Bücher aus
verschiedenen Richtungen –naturheilkundliche Bücher, schulmedizinische Bücher, am besten
alles ohne Bilder (irgendwie ängstigten mich Fotos und Zeichnungen zu dem Thema erst
recht). Ich las und lernte zunächst einmal alles Mögliche zum Thema Schwangerschaft und
Geburt. Schnell war klar: WENN ich das Kind annehme, dann gehe ich den natürlichen Weg.
D.h., ich vertraue der Natur und werde alles weitestgehend ohne Besuche in Arztpraxen und
Krankenhäusern durchlaufen. So kam dann auch das Interesse an einer Hausgeburt. Ich hatte
mir das Buch „Hebammensprechstunde“ von Ingeborg Stadelmann gekauft und kam über
genau dieses Buch schließlich zu einem Adressenverzeichnis für Hausgeburtshebammen. Ich
vereinbarte bei gleich 3 Hebammen jeweils einen Termin zum Kennen lernen. Nachdem ich
im August Birgit besucht hatte war klar: hier stimmt einfach alles – sie war mir und auch
Frank von Anfang an sehr sympathisch. Der erste Termin bei Birgit war sicherlich nicht
geprägt von Vorfreude meinerseits. Ich saß neben Frank bei ihr auf dem Sofa und weinte,
erzählte, dass ich mich gar nicht darauf freue, dass ich nicht weiß, wie ich das schaffen soll
usw. Birgit ging ganz toll mit der Situation um, es folgten weitere Gespräche, die mir sehr gut
taten und ich schließlich sagen konnte: ich habe mich für das Kind entschieden! Ich hatte
große Angst, es standen viele innere Konflikte im Raum –aber ich war entschlossen, es zu
schaffen.
Meine Sicht:
Eine unglückliche Schwangere
Ich traf Eva das erste Mal in der 14. SSW. Sie hatte mir am Telefon kurz von sich erzählt:
dass sie eine Ärzte- und Krankenhausphobie habe und sich deshalb schon frühzeitig nach
einer Hausgeburtshebamme umschauen wollte.
Ich freue mich immer, wenn Schwangere sich schon früh bei mir melden. Das gibt mir die
Chance sie über einen längeren Zeitraum, als kongruente Fortsetzung ihres bisherigen
Lebensweges, zu begleiten und zu beobachten. So kann ich ihre Rhythmen und Reaktivität
wahrnehmen und auch tiefer gehende Lebenseinstellungen wie Sinn und Spiritualität, den
4
Umgang mit besonderen Situationen (umfassend bezeichnet als Kohärenzsinn4 und Coping
Strategien5) besser kennen lernen und habe so mehr Möglichkeiten, sie auf einer globalen
Ebene – und nicht nur medizinisch-symptomal – zu unterstützen.
Es ergab sich, dass Frank beim ersten Termin frei hatte und gleich mitkommen konnte.
Im Gespräch mit den Beiden ankerte ich mich selbst bewusst und schuf innerlich einen Raum
zwischen uns, in den sie alles hineinbringen konnten, was gerade für sie wichtig war. Ich
nahm all ihre Informationen ohne Wertung an. Dieser wertfreie Raum ist ein wichtiges
Instrument für mich, um eine therapeutische Beziehung herzustellen. So kann ich einerseits
ganz bei mir bleiben und andererseits eine Beziehung von Herz zu Herz anbieten.
Aus dieser Position heraus konnte ich Eva positive Aspekte, die ich sah, spiegeln:
Obwohl sie zerrissen und unglücklich war, gab es Gesundheitszeichen, die ich nutzen konnte,
um ihr zu zeigen: du bist auf dem Weg, eine gute Mutter zu werden, auch wenn du im
Moment nicht deinem Bild von einer strahlenden glücklichen Schwangeren entsprichst.
Auch ihre Offenheit war eine Ressource für mich: Der Weg wird nicht ganz leicht, aber sie
möchte ihn mit ihrem Kind gehen und ich kann sie dabei unterstützen, weil sie sich auf die
Beziehung auch mit mir einlassen möchte.
Die Anamnese
In einer Beziehung kann Vertrauen entstehen. Dieses Vertrauen macht es möglich, dass die
Schwangere mir nach und nach immer mehr persönliche Dinge aus ihrem Leben erzählen
kann.
Eine ausführliche Anamnese ist essentiell für das Verstehen, wie diese spezielle Frau „tickt“.
Wichtig dabei für mich ist, damit zu beginnen wie sie in ihr eigenes Leben gestartet ist. In der
Zeit der Schwangerschaft, der Geburt und bis etwa zum 9. Lebensmonat bildet sich das
primäre Anpassungssystem aus, das sich aus dem Immunsystem, dem neurovegetativlymbische-instinktiven System und dem Hormonsystem zusammensetzt. Das primäre
Anpassungssystem bildet die Grundlage der Gesundheit und legt die persönliche
Stresstoleranzgrenze festlegt. Die Stresstoleranzgrenze bestimmt wie das Kampf-FluchtSystem arbeitet, d.h. wie viel Stress noch als anregend empfunden wird, ab wann Stress als
Distress empfunden wird und die Qualität ihrer Strategien, die sie entwickelt hat, um wieder
in die Homöostase zurück zu kehren. Außerdem werden in der Anamnese häufig schon
spezifische Ressourcen sichtbar, die bei Bedarf aktiviert werden können.
Ich merkte schnell, dass es viel aus ihrem Leben zu erzählen gab und so teilten wir die
Anamnese auf drei Treffen auf.
Familienanamnese:
Oma mütterlicherseits psychisch krank. Vater Alkoholiker. Sonst nichts bekannt
Eigenanamnese:
Primärzeit: selbst ungeplantes, aber dann doch freudig erwartetes 1. Kind, Mutter hatte
physisch problemlose Schwangerschaft, heiratete den Vater ihres Kindes noch in der
Schwangerschaft obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon unter seiner Alkoholsucht litt.
4
Kohärenzsinn: Verstehbarkeit: Wissen, was geschieht; Handhabbarkeit: Instrumente für den Umgang haben;
Sinnhaftigkeit: dem Geschehen einen Sinn geben können.
5
Transformative Copingstrategien: u. a. die Fähigkeit aktiv und positiv mit Entscheidungen und Problemen
umzugehen. Regressive Copingstrategien: u. a. Vermeidung von Entscheidungen, Rückzug, Verneinung von
Problemen
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Relativ Schnelle „normale“ Krankenhausgeburt mit Kristellerhilfe und Schlüsselbeinbruch bei
ET+6. Trennung für ca. vier Tage sofort nach der Geburt von der Mutter wegen
Infektionsverdacht bei nachgewiesenen Streptokokken B bei der Mutter, der sich nicht
bestätigte. 5 Monate gestillt.
Eine 3 Jahre jüngere Schwester.
Keine Allergien bekannt. Keine chronischen Erkrankungen.
4 Operationen an Weisheitszähnen mit 14 Jahren. Jedes mal danach hohes Fieber.
Krankheitsverläufe eher kurz und heftig.
Eva erzählt, dass sie aufgrund ihrer früheren Erfahrungen eine Ärzte- und Krankenhausphobie
entwickelt hat.
Soziale Anamnese:
Eltern ließen sich scheiden, als Eva etwa 6 Jahre alt war. Ihre Mutter lebte dann mit einem
Familientherapeuten zusammen, mit dem die beiden Kinder überhaupt nicht klar kamen. Eva
war ein besonderes Kind (Indigo Kind?) und wurde zu vielen Therapeuten gebracht, was sie
eher als nervig und störend erlebte. Evas Beziehung zu ihrer Mutter war durch viele Krisen
belastet. Die beiden standen in Kontakt, den Eva allerdings häufig als anstrengend erlebte.
Eva wurde als Kleinkind von der Oma sexuell belästigt. Außerdem erlebte zwei sexuelle
Übergriffe mit 9 und 12 Jahren von jeweils Fremden.
Abbruch eines privaten Gymnasiums mit 15. Sie zog von zu Hause aus, machte verschiedene
Jobs, schlussendlich wurde Eva Hundtrainerin, konnte mit Anfang 20 die Bank überzeugen,
ihr einen Kredit für ein eigenes Hundehotel zu geben.
Gynäkologische Anamnese:
Blasenentzündung mit 2 Jahren, Menarche mit ca. 11 Jahren. Zu Beginn sehr starke
Blutungen, woraus immer wieder eine Anämie resultierte. Deshalb Verschreibung der Pille
mit 14 Jahren. Sie nahm die Pille für etwa 6 Jahre und verhütete danach mit der YamsKnolle. Zyklus relativ regelmäßig, 28-32 Tage. Mittelstarke Blutung für ca. 5 Tage.
Beschwerden bei der Mens: Oberschenkel- und Rückenschmerzen, Migräne und
Kreislaufbeschwerden.
Mit 13 Mastitis an der linken Brust, wurde punktiert und verschwand nach Meridian- und
homöopathischer Therapie und vielen Quarkwickeln.
Mit 16 wurde eine faustgroße Zyste am rechten Eierstock entdeckt. Sie verschwand nach
Einnahme eines homöopathischen Mittels.
Ab und zu Scheidenpilz nach Freibad oder öffentlichem WC- mit Antimykotikum behandelt.
Informationen zu den Säulen der Gesundheit aus dem ersten
Kontakt mit Eva
Die vier Säulen der Gesundheit – das hormonelle System, das neurovegetative System, das
feto-plazentare System und das soziale System Frau-Umwelt- halfen mir die verschiedensten
Informationen einzuordnen und miteinander in Beziehung zu setzten.
Ihr hormonelles System:
Vor mir saß eine junge Frau, die mehr verzweifelt über die weder geplante noch (ihrerseits)
gewünschte Schwangerschaft war, als dass sie sich freuen konnte.
Sie durchlebte sehr intensiv das hormonelle Chaos des 1. Trimenons. Ihre Gefühle waren ein
Ausdruck der physiologischen emotionalen Depression am Anfang. Bei ihr kam noch die
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Entgiftung hinzu, da sie vor der Schwangerschaft immer wieder Alkohol und gelegentlich
Kokain konsumiert hatte.
Allerdings fiel es ihr schwer, sich in die vom Körper vorgegebene Verlangsamung hinein zu
geben. Dies, zusammen mit sehr wenig Appetit lässt auf einen niedrigen Progesteronanteil
schließen.
Eva hat einen schönen fraulich-runden Körper, obwohl sie in den ersten Wochen einige Kilo
abgenommen hatte. Ihre Gebärmutter wuchs zeitgerecht, was für die ausdehnende Wirkung
des Östrogens sprach. Auch dass sie viel träumte ist auf das Östrogen zurück zu führen,
ebenso die Spannung in den Brüsten.
Dass Evas hormonelles System auch in ihrem ganzen Stress relativ gut funktioniert hat zeigt
die regelmäßige Menstruation (meistens an Vollmond).
Ihr feto-plazentares System:
Sie erzählte mir von Blutungen in der ca. 8. SSW und einem damit verbundenen
Krankenhausaufenthalt. Im feto-plazentaren System können die Blutungen Zeichen für den
Einnistungsprozeß sein. In Evas Fall könnte es aber auch ein Zeichen ihres Kampf-FluchtSystems sein, das zunächst noch die Flucht favorisierte.
Ihr neurovegetatives System:
Zeichen für den Parasympaticus waren ihre offene aufnehmende Haltung mir gegenüber und
ihre Bindung zu Frank. Zeichen des Sympaticus: ihr gestörter Ess-Schlaf und
Arbeitsrhythmus.
Ihr soziales/ Umwelt System:
Sie war in ihrem Beruf voll gefordert, konnte sich beispielsweise als Selbstständige nicht
einfach mal krankschreiben lassen. Sie ist eine Person, die weiß, was sie will und kann diese
Ziele auch mit viel Energie verfolgen. Eva hatte relativ wenig Kontakt zu ihrer Familie.
Freundeskontakte waren wohl vorhanden, wurden aber eher wenig gepflegt, weil sie so viel
arbeitete. In der Familie ihres Freundes fühlte sie sich dafür sehr wohl. Besonders ihr Freund
selbst gab ihr sehr viel Halt und Unterstützung. Ganz im Gegensatz zu ihr, freute sich Frank
einfach für beide und strahlte liebevolle Annahme aus. Dies ist eine sehr wichtige Säule in
ihrem sozialen Ökosystem6 der Geburt.
Zirkuläre Bewertung anhand der Anamnese und des ersten
Gespräches
Interessant sind die Befunde auf der körperlichen Ebene, weil sie Auskunft geben über
Ressourcen und eventuelle geburtshilfliche Risiken.
Auf der Verhaltensebene bekomme ich Informationen über das soziale Ökosystem, die
Qualität der Unterstützung, den Lebensstil, die soziale Anpassung der Frau und die eventuelle
Risiken.
Mit Befunden auf der emotionalen- und Beziehungsebene können die emotionale Anpassung
und die inneren Ressourcen eingeschätzt werden.7
6
Das soziale Ökosystem beschreibt die wechselseitigen Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt. Es stellt
Mutter und Kind ins Zentrum und verdeutlicht die Wichtigkeit Vater, Familie, Großfamilie, Gesellschaft und
Umwelt in Bezug auf Mutter und Kind.
7
Schmid, Verena 2010
7
Die körperliche Ebene
Eva wusste zwar nicht den Tag, wann sie schwanger geworden war, aber sie merkte sehr bald,
dass etwas anders war, weil sie ihre Tests schon in der ca.5. SSW machte. Sie spürte die
physiologischen hormonellen Veränderungen in ihrem Körper: das Östrogen ließ ihre Brüste
spannen, durch Stresshormone war ihr schwindelig und übel. Da sie vorher einen
regelmäßigen Zyklus von 28 Tagen hatte konnten wir den ET, bestätigt durch den
Frühultraschall, gut eingrenzen.
Aufgrund ihres exzessiven, ungesunden Lebensstiles, sowie ihrer Trennung von der Mutter
nach der Geburt wie auch den sexuellen Übergriffen durch die Oma hatte ich im Hinterkopf,
dass Evas mütterliches Terrain möglicherweise nicht gut ausgebildet sein könnte, was
eventuell. zu Versorgungsschwierigkeiten des Kindes durch die Plazenta führen könnte.
Ansonsten war Eva eine gesunde Frau, mit einem reaktiven Immunsystem. Deswegen sah ich
zunächst kein grundsätzliches Problem für die Geburt.
Die Verhaltensebene
Auf der Verhaltensebene waren die größten Aufmerksamkeitspunkte bei Eva zu finden. Ihr
Lebensrhythmus war aus dem Gleichgewicht geraten – die Entspannung kam zu kurz, ihr
Sympaticus war häufig dominant. Hier lag ihr größtes Spannungsverhältnis: Zwischen ihrer
Arbeits- und ihrer privaten Situation. Sie lief fast immer auf Hochtouren, weil sie (noch)
alleine lebte, es auch schon aus ihrer Kindheit und Jugend gewohnt war ihr eigenes Ding
durchzuziehen, notfalls auch gegen Widerstand. Sie war sehr selbständig und wusste, was sie
wollte. Eva hatte kein großes soziales Netz, dafür hatte Frank eine hohe Qualität als
ökologischer Potenz, weil er sehr willig war, mit Eva die kommenden Herausforderungen zu
meistern und ihr zur Seite zu stehen. Eva tat sich schwer mit der sozialen Anpassung an die
Mutterrolle. Es würde sich zeigen müssen, wie sie den kulturellen Konflikt zwischen
Selbstverwirklichung in der Arbeit und/ oder der Familie würde lösen können.
Die emotionale Beziehungsebene
Auf der emotionalen Beziehungsebene tat sie sich am Anfang schwer mit dem Kontakt mit
ihrem Baby. Hier übernahm zunächst Frank die Kontaktaufnahme. Das Selbstbewusstsein,
das sie in ihrem Job an den Tag legt fehlte ihr zu Anfang beim Mutter-Werden. Auch wenn
sie sich noch nicht über ihr in sich heranwachsendes Baby freuen konnte und manchmal sogar
wütend auf das Baby war konnte sie die Freude und Annahme von Frank gut annehmen. Als
ihr bei den Blutungen in der 8. SSW gesagt wurde, dass ihr Baby geblieben war, war sie
erleichtert gewesen. Auch hatte sie sofort, nachdem sie wusste, dass sie schwanger war auf
alle Drogen verzichtet. Mit ihrem Herzen hatte sie ihr Kind schon angenommen, aber ihr
Kopf wusste das noch nicht.
Als Ressourcen sah ich Evas Kreativität und ihre Arbeit mit ihren Hunden, weil sie dort das
Sich-einfühlen praktizierte.
Reaktive Systeme
Ihr Kampf-Flucht-System
Um Evas physische und psychische Reaktionen in der Schwangerschaft verstehen zu können,
versuchte ich mir ein Bild von ihrem Kampf-Flucht-System und ihrer Stresstoleranzgrenze zu
machen.
Eva war eher wütend auf ihr Kind, das sie zu einer Änderung ihrer Verhaltensweisen
„zwang“. Dies sah ich als sehr lebhaften Ausdruck der physiologischen Verunsicherung wie
die Situation mit Kind wohl werden könnte. Es zeigte deutlich, dass sie in einem kulturellen
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Konflikt stand zwischen ihrer mütterlichen und sozialen Identität. Dem Kampf (sich öffnen
für das Kind) stand immer wieder die Flucht (sich dem Kind verschließen) gegenüber.
Auswertung der Stresstoleranzschwelle
Im primären Adaptationssystem sah ich die folgenden Ressourcen: Eine unkomplizierte
eigene Schwangerschaft; sie durfte auch den Tag, an dem sie auf die Welt kommen wollte,
selber aussuchen. Dies bedeutet, dass sie hormonell und neurovegetativ physiologisch reifen
durfte. Ihre Mutter hatte sich auf sie gefreut und sie auch nach der Trennung nach der Geburt
gestillt. Ihre Krankheiten verliefen eher kurz und heftig, was auf ein gutes, reaktives
Immunsystem schließen lässt. Eine große Ressource war, dass sie willig und bereit war, sich
mit Veränderungen auseinander zu setzten, sich eine eigene Meinung zu bilden und gerade
bei schwierigen Dingen großen Ehrgeiz an den Tag legen konnte. Manchmal übertrieb sie es
aufgrund ihres Ehrgeizes auch und trieb ihren Körper zu fast übermenschlichen Leistungen
an. Hier gab es ein „zuviel“, das sie später zu kurzfristiger Bewegungsunfähigkeit zwang.
Dieses ignorieren der eigenen Gefühle und Bedürfnisse entspricht regressivem Coping.
Im sozialen System stellte auch für ihre Stresstoleranzschwelle ihr Freund Frank mit seiner
bedingungslosen Freude über die Schwangerschaft eine bedeutende Ressource dar. Leider war
er unter der Woche auf Montage und nur am Wochenende zu Hause. Evas früher Auszug und
ihre Selbständigkeit im Beruf zeigten, dass sie schon viele Herausforderungen sehr gut
gemeistert hatte. Sie war bereit, für sich selbst zu denken und Verantwortung zu übernehmen,
dieses sind transformative Copingstrategien.
An der Geschichte ihrer gynäkologischen Erkrankungen sah ich, dass ihr Körper sich immer
wieder gemeldet hatte, was ich als Verarbeitungen ihrer teils schwierigen Erlebnisse. Ihr
Körper zeigte eine gute Reaktivität. Dass sie dabei schon – gute – Erfahrungen mit
alternativen Heilmethoden gemacht hatte, spricht dafür, dass sie bereit ist, sich auseinander zu
setzen: dies zeigt ebenfalls transformatives Coping.
Als Aufmerksamkeitspunkt vermerkte ich die Trennung von der Mutter sofort nach der
Geburt für vier Tage; eine durchaus schwierige Beziehung zur Mutter, die wohl sehr viel mit
sich und ihrem alkoholkranken Mann beschäftig war und deshalb die sexuelle Belästigung
ihrer Tochter durch die Oma nicht wahrnahm. Aus diesen Erfahrungen und den zwei
sexuellen Übergriffen resultierte ein sehr gespaltene Beziehung zu ihrem Körper und eine
mangelhafte Körperwahrnehmung von Eva. Es existiert z.B. kein Bild von ihr aus der
Schwangerschaft, weil sie sich schwer tat, sich mit ihren körperlichen Veränderungen
anzunehmen. Ihr Lebensrhythmus war vor der Schwangerschaft aus dem Gleis geraten, sie
hatte nicht mal einen Esstisch in ihrer Wohnung. Sie arbeitete von früh bis spät, glaubte alles
selbst machen zu müssen, aß am Schreibtisch und zur Not auch mal im Bett. Sie stellte sich
selbst und ihre Bedürfnisse ganz hinten an, weil sie glaubte, so den Erfolg ihres Geschäftes
optimieren zu können. Hier war ihre Reaktivität, immer wieder in die Homöostase zu
kommen, aus dem Gleichgewicht geraten und es bedurfte vieler kleiner Schritte, um wieder in
einen physiologischen Rhythmus zu kommen.
Im Ganzen erlebe ich Eva eher als einen sehr interessanten Menschen mit großen Dynamiken.
Sie machte viele Dinge lieber anders als „man“ sie macht. Sie ist tätowiert und kann selbst
tätowieren, hat ein Herz für (traumatisierte) Kampfhunde (sie hat selbst 5 große Hunde), kann
Didgeridoo spielen und hat eine bodenständig-spirituelle Sicht auf das Leben. Ihr Lebensweg
bisher hat gezeigt, dass die Bewegungen in ihren Systemen immer wieder einen weiten
Ausschlag um die Homöostase herum haben. In der 25. Schwangerschaftswoche schaffte es
ihr Körper vorüber gehend nicht, das Gleichgewicht zu halten. Daraus entstand eine Situation,
die verschiedene Entscheidungen erforderte. Wie sich diese Entscheidungsfindung gestaltete
ist Teil dieses Berichtes.
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Organisatorisches
Wir vereinbarten zunächst engmaschigere (wöchentliche) Treffen, um uns besser kennen zu
lernen. Tatsächlich haben wir uns die ganze Schwangerschaft über alle 10 bis 14 Tage (mit
einer etwas längeren Pause von drei Wochen) getroffen. Dazwischen gab es Telefonate und
email Kontakt. Zu Beginn kam Eva zu mir, weil sie 40km entfernt wohnte. Erst im 3.
Trimenon fuhr ich zu ihr.
Für Eva war das Gespräch eine wichtige Möglichkeit ihren Kohärenzsinn zu stärken, indem
sie verstand, was passierte; wusste, wie sie damit umgehen und dem Ganzen einen Sinn geben
konnte. Für mich war das Problem Solving, bei dem das aktive Zuhören und offene Fragen
stellen die Hauptinstrumente sind, eine große Hilfe. Körperliche Zuwendung in Form von
Massagen hat sie zwar nicht direkt abgelehnt, aber auch nicht gesucht. Sie bekam von mir
einmal die metamorphische Fussmassage. Ansonsten hat sie das Gespräch bevorzugt. Die
Berührungen bei den Vorsorgeuntersuchungen konnte sie, nach vorangegangener Erklärung,
gut tolerieren.
1. Trimenon:
Phase der Anpassung
Vom Chaos zur Ordnung.
Eva
„Diskussionen mit mir selbst“
Aus irgendeinem Grund war es wichtig, dass passiert war, was eben passiert war. Nichts
begegnet einem im Leben umsonst. Ich vertrete die Einstellung, dass alles, was einem im
Leben begegnet eine Prüfung ist. Eine Chance, daraus zu lernen und daran zu reifen. So war
es nun meine Aufgabe, mich mit dem kleinen Leben, was nun in mir heranwuchs,
anzufreunden. Das ist gar nicht so leicht, wenn man doch bisher nicht einmal Freund mit sich
selbst war. So lernte ich zunächst, meine eigenen Bedürfnisse zu spüren und ihnen
nachzugehen. Ja, selbst Hunger und Durst, bzw. Zeit zum Essen, Trinken und Schlafen musste
ich mir nun bewusst nehmen. Was läge da näher, als für alles und jedes einen „Termin“ zu
machen. So, wie ich den ganzen Tag über Termine machte, erhielten diese essentiellen Dinge
10
eben auch Termine. Nein, einfach war es nicht. Immer wieder kam Wut auf, ja sogar Wut auf
das Baby, was mich in eine Lage zwingt, die ich so schwer annehmen kann.
Nicht mehr schwer heben, weniger Stress.......all diese „Regeln“ waren für mich unglaublich
schwer umzusetzen. Bloß keine Schwäche zeigen! Jede Minute, die ich „effektiv“ in Arbeit
investiere ist kostbar. Von diesen Gedanken musste ich lernen, wegzukommen. Aber ich
schaffte es nach und nach immer besser.
Eine andere wichtige Lektion war es, Hilfe von anderen Menschen annehmen zu können. Das
war anfangs fast undenkbar. Frank war zu dieser Zeit noch unter der Woche auf Montage.
Wir sahen uns praktisch nur am Wochenende. Unter der Woche telefonierten wir regelmäßig,
was mir sehr gut tat.
Bewertung nach den Säulen der Gesundheit
Eva erlebte einen turbulenten 1. Trimenon. Alle Systeme arbeiteten offensichtlich mit
Hochdruck an der Anpassung an die neuen Gegebenheiten.
Davon zeugten im hormonellen System häufige Träumen vom Sterben, Verbluten, das Kind
verlieren. Diese Gefühle und Träume sind das Sichtbarwerden u.a. der Hormone Östrogen
und Cortisol, und zeigen von den intensiven Auseinandersetzungen des Kampf-FluchtSystems.
Im neurovegativen System war eine Gewichtsabnahme von ca. 8 kg wegen mangelndem
Appetit und Übelkeit, Migräne, Ischiasschmerzen zu verzeichnen.
Innerlich war Eva sehr hin und her gerissen, ob sie das Kind will und ob sie es schaffen wird,
ihr Kind und ihren Beruf unter einen Hut zu bringen.
Meine Hauptaufgabe bestand darin, ihr zu bestätigen, dass Chaos am Beginn der
Schwangerschaft normal ist, und dass sie mit der Erleichterung, dass ihr Kind nicht durch die
Blutungen abgegangen ist sich im Grunde ja schon für ihr Kind entschieden hat. Ihr KampfFlucht System ging manchmal zu gerade den berühmten 51% in den Kampf, d.h. in die
Öffnung zum Kind hin, meistens war es mehr. Obwohl sie mental so im Widerstreit war, gab
ihr Körper schon dem neuen Bewohner nach- die Gebärmutter wuchs, d.h. Evas Östrogene
arbeiteten sehr gut.
Im feto-plazentaren System zeigten sich keine weiteren Blutungen, die Gebärmutter war
zeitgerecht entwickelt.
Für die Beziehung zu ihrem Körper war es ein Erfolg, als ihr Freund zu Beginn des zweiten
Trimenons die Hand auf Evas Bauch legen durfte, zuerst aber nur unter der Bettdecke. Auch
war er es, der sie überredete, Schwangerschaftshosen zu kaufen. Sie hatte sich vorher immer
wieder geärgert, dass ihre Hosen nicht mehr passten und lieber mit dem wachsenden Bauch
gekämpft, anstatt die Veränderung einfach anzunehmen. Als sie dann aber Hosen hatte, die
nicht mehr zu eng waren, merkte sie schnell, wie gut ihr das tat. Frank nahm seinen Platz im
sozialen Ökosystem rund um die Geburt unterstützend und liebevoll ein. Dadurch wurde in
Evas neurovegetativem Nervensystem der Parasympaticus angeregt. Bei unserem nächsten
Treffen war sie deutlich entspannter.
In dieser Zeit waren die häufigen Treffen eine echte Hilfe: Zum einen wurde Eva durch die
kontinuierliche Begleitung immer wieder bestärkt, dass das was, sie erlebte zu einem
normalen Prozess gehörte. Zum anderen lernte ich sie gut kennen und wir fanden zusammen
immer wieder heraus, was für sie und ihr Kind gerade am Wichtigsten war.
Ein großes Thema im Frau-Umwelt-System war die Menge ihrer Arbeit. Sie spürte und ich
bestätigte ihr, dass es wichtig war, dass sie jetzt gut auf sich und ihr Kind achtete. Der erste
Schritt dazu war, dass sie sich selbst wieder einen Rhythmus gab. Auch fing sie an, abends
wirklich Feierabend zu machen. Einmal konnte ich sie bei uns zum Essen einladen, weil
Essen in Gesellschaft schöner ist und das Beziehungs- und Bindungshormon Oxytocin
aktiviert.
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2. Trimenon:
Eigentlich Phase des Wohlbefindens, hier Phase der
Belastung
Mit etwas Geschick kann
man sich aus den Steinen,
die einem in den Weg gelegt
werden, eine Treppe bauen.
Robert Lembke
Gegen Ende des ersten Trimenons wurden Evas Alpträume weniger, aber ihre Beschwerden
mit dem Ischias blieben trotz homöopathischer und Schüsslersalz-Behandlung. Auch unsere
Arbeit an der Menge ihrer Pflichten reichte noch nicht aus. Sie war mit ihren Hunden viel an
der frischen Luft und hatte viel Bewegung, was sie auch genoss und ihr gut tat. Aber es fiel
ihr immer noch sehr schwer, die richtige Grenze abzuschätzen: ihre Gebärmutter reagierte mit
Kontraktionen, wenn ihr die Aktivitäten zu viel wurden.
In der 20. SSW besichtige ich ihre Wohnung, die (entgegen meiner Befürchtungen) sehr
wohnlich war. Eva hatte mir vorher erzählt, dass sie überhaupt keinen Wert auf ein
gemütliches zu Hause lege. So unterschiedlich kann die Eigen- und Fremdwahrnehmung sein.
Eva hatte sogar schon einige Kindersachen gekauft – ihr Nestbautrieb (das Prolaktin)
funktionierte gut.
Eva war trotz ihrer Phobie auch in ärztlicher Vorsorge. Zum Glück fand sie eine sehr nette,
einfühlsame Gynäkologin. Für mich war die Zusammenarbeit mit der Gynäkologin
entlastend, da wir zum Glück – was leider sehr selten vorkommt – in einer sehr ähnlichen Art
und Weise dachten. Der erste Ultraschall zu Beginn der Schwangerschaft hatte Eva
überfordert- sie wollte nicht auf den Monitor sehen, aber nun beruhigte es sie, auch von
ärztlicher Seite zu hören, dass ihr Baby regelgerecht wuchs. Ende der 21. SSW war bei der
Gynäkologin alles OK. Eva hatte auch keine Panikattacke.
Meine Beobachtungen des feto-plazentaren Systems zu Beginn des zweiten Trimenons
ergaben ebenfalls, dass das Uteruswachstum normal war, der Symphysen-Fundus Abstand
entsprach immer in etwa der Schwangerschaftswoche (war eher 1-2cm kleiner), das Kind
bewegte sich regelmäßig, der Herzschlag war reaktiv. Ihre Brust bereitete sich auf das Stillen
vor, es trat schon Milch aus. Wie schon so oft reagierte sie auch hier sehr deutlich. Ihr Körper
antwortete auf die das Stillen vorbereitenden Hormone mit viel Milchaustritt. Sie wendete
Quarkwickel an und konnte damit ihre Brust wieder beruhigen.
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Eva
„Mit einem Ungeborenen Hundefutter machen“
Bald hatte ich gelernt, dass es nichts Besseres gibt, als einen intensiven Kontakt zum
ungeborenen Kind aufrecht zu erhalten. Mir gelang dieses in ruhigen Momenten einfach
mental, also durch Gedankenkraft. Doch auch im Beruf und im Alltag erwies es sich als
durchaus positiv. So hatte ich zugleich auch ein besseres Gefühl dazu, was ich brauche und
vor allem ein besseres Maß für die Leistungen, die ich über den Tag erbrachte. Kurz gesagt:
durch einen intensiveren Kontakt, ein stetig aufrechtes Bewusstsein mit und bei dem Baby
ersparte ich es meinem Körper mir zu signalisieren, wann es genug ist (z.B. durch
Erschöpfung, Schmerzen etc.). Also fand ich in jeder Lebenslage eine eigene Form der
Kommunikation. In Momenten, in denen meditative Zustände für mich nicht erreichbar
waren, begann ich einfach laut mit dem Baby zu sprechen, erzählte ihm, was wir nun machen
und wie wir es machen. Täglich stand ich mehrmals in der Futterküche meines Hundehotels
und bereitete mit dem Baby für die Hotelgäste das Hundefutter zu.
Unternehmungen, die anstrengend aber unvermeidbar waren, bestritten wir auf genau diese
Weise gemeinsam: lange Autofahrten waren für das Baby bisher Anlass gewesen, mich
unentwegt heftig in die Rippen zu treten – ein ruhiges Zwiegespräch im Vorfeld milderte dies
oder vermied es gänzlich.
25. Schwangerschaftswoche: Eine Grenzsituation
„Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“
Nein und auch mir gelang es nicht ganz, mit dem Tempo der voranschreitenden
Schwangerschaft mitzuhalten. Und so kam es, dass mein Körper für eine kurze Zeit das Steuer
in die Hand nahm und mir eine Lektion erteilte: es war irgendwann im November, als ich
urplötzlich ein Flimmern auf dem rechten Auge sah. Binnen Minuten wurde es immer dunkler
und ich war schließlich auf dem rechten Auge komplett blind. Mein Gesicht, meine Zunge und
auf mein Arm wurden nach und nach taub. Es war fast schon etwas leichtsinnig, dies als
Stresssymptom zu deuten, jedoch legte ich mich noch abends ins Bett und versuchte zu
schlafen. Als am nächsten Morgen keine Besserung eintrat, fuhr mich Frank in die Klinik.
Dort wurde ich total auf den Kopf gestellt. Zunächst ein CT, einen Schlaganfall konnte man
ausschließen. Dann folgten unzählige Untersuchungen der Augen, Nerven usw.
Seltsamerweise war ich noch immer ganz ruhig, ich war mir sicher, dass der Ursprung des
Ganzen irgendwo in meinem Rücken zu finden war. Also verließ ich die Klinik auf eigene
Verantwortung und kümmerte mich um meinen Rücken. Ich besuchte zunächst eine
Osteopathin, die mir Birgit empfohlen hatte. Nach wenigen Tagen trat auch eine Besserung
ein. Schließlich besuchte ich eine Therapeutin, die einen „Regenerationsimpuls“ nach der
traditionellen, chinesischen Medizin einsetzte und mein Leiden verschwand. Zu langes Stehen,
Laufen und zu wenig Ruhepausen hatten einfach den ganzen Körper – insbesondere den
Rücken – überfordert.
Meine Sicht
Ich hatte so eine Situation noch nie erlebt und fühlte mich leicht überfordert. Ich hörte einfach
genau hin, was Eva sagte. Ich erfragte nicht nur ihre Beschwerden, sondern auch ihre vitalen
Systeme, wie ihren Kreislauf, ihren Appetit und die Bewegungen ihres Kindes. Dies sind
wichtige Informationen aus dem neurovegetativen und feto-plazentaren System. Hier gab es
keine Auffälligkeiten. Daraufhin bestärkte ich sie in ihrem unaufgeregten Umgang mit der
13
Situation. Da aber solche Lähmungserscheinungen sehr ungewöhnlich sind und um keine
Interventionsmöglichkeiten zu verpassen, überlegten wir gemeinsam, wer die richtigen
Diagnosemöglichkeiten habe. Da es Nacht war, entschieden wir uns für das Krankenhaus.
Deshalb brachte Frank sie dorthin, nachdem die Beschwerden nach einigen Stunden nicht
besser wurden. Im Krankenhaus wurden ihr keine Therapiemaßnahmen angeboten, daher ging
Eva auf eigene Verantwortung wieder nach Hause. Weil Eva schon vorher immer wieder über
Ischias- und Rückenschmerzen geklagt hatte, konnte ich mir vorstellen, dass ihre
Ausfallserscheinungen mit muskulären Verspannungen in Verbindung standen. Da ich mich
auf diesem Gebiet aber nicht als Expertin sah, nutzte ich mein Netzwerk und empfahl ihr eine
Osteopathin. Der angewandte Ohrimpuls der TCM war mir neu.
Soziales System:
Eva plante die Hochzeit mit ihrem Freund, der ein Jahr Elternzeit nehmen wollte.
In der 23. SSW ging sein Kampf-Flucht-System kurzfristig mit Frank durch. Er landete
betrunken bei einer anderen Frau im Bett. Eva war sehr klar und setzte ihn kurzfristig vor die
Tür. Sie war aber auch nicht nachtragend und die Situation war kurz darauf wieder bereinigt.
Aber sie sagte bereits geplante Hochzeit ab.
Auch wenn es keinen ganz direkten Zusammenhang gab, konnte ich mich des Eindrucks nicht
erwehren, dass der kurzfristige Verlust von Frank als Evas ökologischer Potenz eine
Erhöhung des Stresslevels bedeutete, die sie nicht mehr kompensieren konnte. Ihre
Entspannungsmöglichkeiten reichten nicht mehr aus, um sie wieder ins Gleichgewicht zu
bringen. Der Sympaticus war zu dominant und ihr Körper reagierte mit Lähmung. Aus der
extremen Bewegung war Starre geworden. Nun war es die Aufgabe, ihren Körper langsam
wieder in die Entspannung und damit Beweglichkeit zu bekommen. Die mentale Flexibilität
der Beiden, die die schnelle Aussöhnung möglich machte, war ein Teil des
Heilungsprozesses. In dieser Situation stand ich Eva einfach mit aktivem Zuhören zur Seite.
Dadurch bestätigte ich sie in der von ihr gewählten Lösung und ihrem Umgang mit der
Situation. Dieses „die Frau in den Mittelpunkt stellen“ und „in der wertfreien Beziehung
bleiben“ regte ihren Parasympaticus und ihr Endorphin-Oxytocinsystem an. Auf der
Beziehungsebene nutzte Frank durch seine Fürsorge für Eva die Chance, seinen Platz als
ökologische Potenz wieder einzunehmen.
Eva gab der Beziehungskrise eine weitaus geringere Bedeutung, als ich. Ich ließ das so stehen
und folgte ihr in ihrer Wahrnehmung, dass ihre Lähmungserscheinungen Folge von
Überarbeitung waren. Diese Erkenntnis ermöglichte Eva nach Ressourcen zu suchen, wie sie
fürsorglich mit sich und ihrem Baby umgehen konnte.
Konkret folgten daraus die Fragen: „Wie viel Ruhe braucht dein Kind?“ und: „Wie kannst du
zu dieser Ruhe kommen?“ Ich stellte ihr zur Auswahl, ob sie eine Traumreise, kreative Arbeit
oder eine Massage dazu nutzen wollte. Weil Eva sehr kreativ ist und eine echte künstlerische
Begabung hat, malte sie nach einer kurzen meditativen Einstimmung ein Bild über ihre
Situation. Dabei wurde ihr klar, dass sie nach wie vor glaubte, immer alles alleine schaffen zu
müssen und dann häufig über ihre Grenzen ging. Es brachte ihr die Erkenntnis, dass es immer
wichtiger wurde, verschiedene Aufgaben zu abzugeben. Auch dass sie viel mit ihrem Kind in
Kontakt war und mit ihm sprach tat Eva augenscheinlich sehr gut.
Da sich viel Laufen und Stehen bei ihrer Arbeit nicht vermeiden ließen, überlegen wir
zusammen, wie sie ihren Bauch stützen konnte, der gerade bei zuviel Arbeit immer wieder
mit Wehen reagierte. Ich lieh Eva einen Schwangerschaftsgurt (Cellacare Materna) aus, der
ihr beim vielen Laufen half, den wachsenden Bauch zu tragen.
14
Die Grenzsituation geht weiter, die Frage nach der
Plazentainsuffizienz
Nachdem die Taubheit auf der rechten Seite besser wurde bewegte sich das Kind für ca. 2
Wochen kaum. Der Uterus wuchs zeitgerecht, auch Fruchtwasser war gut tastbar, aber auch
bei einer metamorphischen Massage bewegte sich das Kind nicht. Obwohl Eva eigentlich ein
gutes Gefühl von ihrem Baby hatte und das feto-plazentare System in Ordnung schien, waren
die kaum vorhandenen Kindsbewegungen für mich ein so großes Fragenzeichen, dass ich
ganz sicher gehen wollte, nichts übersehen zu haben. In Evas Fall sah ich drei besondere
Aufmerksamkeitspunkte: Zum einen die Folgen ihres Lebensstils vor der Schwangerschaft für
die Plazentabildung, darüber hinaus der hohe Stresslevel, der zu einer reduzierten
Plazentarfunktion geführt haben konnte. Zuletzt hatte ich auch Zweifel an der Qualität ihres
mütterlichen Terrains. Dies möchte ich im Folgenden verdeutlichen:
• Aufmerksamkeitspunkt Lebensstil vor der Schwangerschaft:
Wie schon erwähnt konnte die Kräfte zehrende Lebensweise vor der Schwangerschaft zu
einer Einschränkung des mütterlichen Bodens in der Gebärmutter führen. Andererseits zeigte
Eva eine hohe Belastungsfähigkeit.
• Aufmerksamkeitspunkt Stress in der Schwangerschaft:
Evas hohe Belastungsfähigkeit hatte sie immer wieder bis an ihre Grenzen arbeiten lassen. Ich
war mir nicht sicher, welche Auswirkungen diese chronische Belastung in der ersten
Schwangerschaftshälfte auf die Entwicklung und die Versorgungsmöglichkeiten des Kindes
gehabt hatten.
• Aufmerksamkeitspunkt Mutterbild und Mutterrolle:
Eva hatte bisher wenig gute Erfahrungen mit mütterlichen Bezugspersonen in ihrem Leben
gemacht. Die Beziehung zu ihrer Mutter war bisher durch Reibung und Abgrenzung geprägt.
Dadurch stand sie in einem starken Rollenkonflikt. Im ersten Trimenon wurde dieser Konflikt
daran sichtbar, dass sie Schwierigkeiten hatte, die Herausforderung Mutter zu werden,
überhaupt anzunehmen. Es gab eindeutige Parallelen zwischen ihr und ihrer Mutter. Beide
waren jung schwanger geworden, kannten ihre Männer noch nicht lange.
Ihre Mutter jedoch durchlebte lange Krisen mit ihrem Mann. Eva war sich sehr bewusst
darüber, dass sie diesen Weg nicht einschlagen wollte. Dies wurde in der Beziehungskrise zu
einer Ressource, weil sie sehr klar formulieren konnte, was ihr wichtig war und so gut für sich
selbst zu sorgen.
Eva hatte sich inzwischen für das Mutterwerden entscheiden können, was ihr noch fehlte war
ein eigenständiges positives Mutterbild. Unsere Gespräche gaben ihr einen Raum und die
Erlaubnis, nach und nach ihr individuelles Bild zu entwickeln.
Schon seit Beginn meiner Begleitung von Eva war mir bewusst, dass ich aus oben genannten
Gründen, auf die Versorgung des Kindes aufmerksam sein würde. Ich hatte versucht, dem
durch eine beziehungsorientierte Begleitung vorzubeugen, indem ihr Rhythmus und
Entspannungsfähigkeit Thema waren (Anregen des Parasympaticus und der Hormone). Das
Entscheidungsschema8 war mir eine Hilfe für den Umgang mit dieser Situation. Ich kam zu
dem Resultat, dass ich in diesem Fall die Kooperation mit der Gynäkologin brauchte. Dies
geschah in Absprache mit Eva, nachdem wir auch die Erkenntnisse der evidenzbasierten
8
Entscheidungsschema siehe Anhang
15
Medizin hinzugezogen hatten. Mir ist es wichtig, auch als Hebamme zu den eigenen Grenzen
zu stehen und im Zweifelsfall noch eine andere Meinung einzuholen. Eva stimmte einer
Ultraschalluntersuchung zu. Auch im Ultraschall bewegte sich das Kind sehr wenig, die
Ärztin schlug eine zusätzliche Doppleruntersuchung vor. Eva entschied sich, aufgrund ihres
eigenen guten Gefühls erst fünf Tage später zu einer befreundeten Ärztin zum Doppler zu
gehen. Für mich war es hilfreich, dass auch Evas Gynäkologin mit einbezogen war und auch
sie Evas Wunsch, auf den Termin der Kollegin zu warten, unterstützte. Ich vertraute Evas
Intuition an dieser Stelle.
Die Doppleruntersuchung war dann soweit gut, es wurden allerdings Notches gefunden, d.h.
die Verbindung von der mütterlichen Seite zur Plazenta war nicht optimal und Eva wurde von
der Ärztin als Präeklampsierisikofrau eingestuft, was uns aber aufgrund meiner Einschätzung
der Gesamtsituation nicht weiter beunruhigte.
Wir waren uns mit Evas Gynäkologin einig, dass das Hauptthema war, dass Evas Baby Platz
in ihrem Leben bekommt. Die Ärztin empfahl ihr antroposophische Heilmittel zur
Verbesserung der Plazentafunktion, die sie auch eine Weile einnahm.
Meine Idee war, dass der Platz für Evas Kind durch mehr Ruheraum von selbst wachsen
würde. Bei unseren nächsten Treffen arbeiteten wir daher im Gespräch heraus, dass Eva eine
Hängematte helfen könnte, immer wieder Ruhe für sich und das Baby zu finden. Diese
Ruhezeiten in der Hängematte nutzte sie zum Zeichnen, Schreiben und Tätowieren. Dabei
konnte sie ihren Geist befriedigen und stellte fest, dass das auch ihrem Baby gefiel. Diese
kreativen Tätigkeiten halfen ihr, ihren Kohärenzsinn zu stärken, und ihre Identität als
Schwangere und zukünftige Mutter zu formen. Sie konnte den Auszeiten durch ruhige
Beschäftigungen einen Sinn zu geben und dadurch den ruhigeren Rhythmus mit ihrem Baby
üben. Außerdem erstellte sie einen genaueren Zeitplan, um sich nicht wieder zu überfordern.
16
3. Trimenon:
Eigentlich Phase der Belastung- hier Phase des
Wohlbefindens
„Dann kam der Tag, an dem
es mir größere Schmerzen
bereitete, eine verschlossene
Knospe zu bleiben als mich
zur Blüte zu öffnen.“
Anaïs Nin
Bewertung nach den Säulen der Gesundheit
Hormonelles System:
Eva war müde und blass, hatte ab und zu Flimmern vor den Augen, die inneren Augenlieder
waren hellrot. Die Gynäkologin diagnostizierte eine Anämie, die Eva mit Kräuterblutsaft
behandelte. Ich hielt das für sinnvoll, da ihre Symptome sagten, dass es über das normale
Absinken des Hb hinauszugehen schien.
Feto-plazentares System:
Das Kind bewegte inzwischen wieder deutlich mehr und übte Geburtsbewegungen, indem es
sich von rechts nach links mit dem Rücken drehte und immer wieder mit den Füßen abstieß.
Dies war für mich ein Zeichen, dass das Kind neurologisch reift und sich auf die Geburt
vorbereitet.
Eva hatte immer wieder schmerzhafte Wehen, die nun ihr Zeichen waren, dass sie sich Ruhe
gönnen sollte.
Soziales Frau-Umwelt System:
Frank wurde gekündigt, weil er ein Jahr Elternzeit nehmen wollte. Was zunächst ein Schock
für die beiden war, stellte sich als großer Glücksfall heraus, weil Frank Eva in ihrem
Hundbetrieb sehr gut entlasten konnte. An ihrem ersten Jahrestag heirateten die beiden nun
doch noch vor der Geburt ihres Kindes im Kreise der Familie.
Wir sprachen über die verschiedenen Geburtsmöglichkeiten und unter welchen Umständen
welcher Geburtsort optimal wäre.
Eva war nur einen Abend im Geburtsvorbereitungskurs (an einem Partnerabend mit Frank),
an den anderen Abenden war es wichtiger für sie, daheim Ruhe zu haben und nicht noch
durch die Gegend zu fahren. Ich hatte das Gefühl, dass Eva sich lieber alleine bzw. mit Frank
um sich kümmerte, als viel von anderen Frauen zu hören.
17
Eva
„Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“
Wie sicherlich jede Schwangere, die ihr erstes Kind erwartet, bekam ich unentwegt
Ratschläge von anderen Müttern. Das konnten Verwandte und Freunde sein, ja selbst Kunden
sprachen mich an. Das Thema „Hausgeburt“ scheint in der heutigen Zeit, in der Kinder
standardmäßig in Krankenhäusern geboren werden, einfach immer Anlass zu sein, über
dramatische Geburten und überhaupt alle nur denkbaren Komplikationen zu sprechen. Dass
sich unser Zuhause mit uns auch noch 5 eigene Hunde teilten, setzte dem Ganzen noch die
Krone auf. Man hätte meinen können, in den Augen der anderen warteten unsere Hunde nur
darauf, bis das Kind geboren ist, um es dann auffressen zu können 
Da lag es nahe, das Thema irgendwann einfach nicht mehr zur Sprache zu bringen. Für mich
kam kein besserer Ort für eine Entbindung in Frage als mein eigenes zu hause. Hier fühle ich
mich am wohlsten. Zudem habe ich eine regelrechte Krankenhaus-Phobie durch viel
schlechte Vorerfahrung in anderen Dingen entwickelt.
Ich vermied es schließlich überhaupt, über das Thema Schwangerschaft zu sprechen. Gerade
wenn es um die angeblich „typischen“ Wehwehchen ging, wollte ich einfach nur weghören.
Und zum Glück kann ich sagen, dass ich gerade von diesen Wehwehchen fast gänzlich
verschont geblieben bin: Keine Wassereinlagerungen, keine Schwangerschaftsstreifen etc..
Das mag Veranlagung sein, an der Lebensweise liegen(viel Bewegung draußen) oder einfach
nur Glück sein. Zumindest habe ich keine Zeit mehr in Sorgen und irgendwelche
Vorsorgemaßnahmen investiert, die solche Gespräche nur zu gerne auslösen.
Hier taten mir die Gespräche mit Birgit auch sehr gut. Sie hatte stets tolle Tipps und
Anregungen aus der Naturheilkunde, wenn doch mal irgendwo „der Schuh drückte“.
Gerade auch bei dem Lernprozess, den ich mit mir selbst zu durchlaufen hatte, fand ich
immer wieder Rat und aufbauende Gespräche bei ihr.
„Endspurt“
Die letzten Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin kam Birgit zu uns nach Hause.
Dort machten wir auch die Vorsorgeuntersuchungen und bereiteten alles auf die Hausgeburt
vor. Frank arbeitete auch nicht mehr, so kann er mich besser im Gewerbe unterstützen. Als
Frau in der Selbstständigkeit hat man leider weder Anspruch auf Mutterschutz noch auf
sonstige Unterstützung. So blieb praktisch nichts anderes übrig, als bis zum letzten Tag weiter
zu arbeiten –eine Aushilfe konnten wir uns nicht leisten.
Im letzten Schwangerschaftsdrittel plagte mich ein doofer Hautausschlag. Es fing an Bauch
und Brüsten an und breitete sich über den ganzen Körper aus. Das juckte wie verrückt!
Tubenweise Solesalbe und Bäder in Salzwasser verschafften Linderung, aber ich kam erst
sehr spät dahinter, an was es letzten Endes lag: ich reagierte auf säurehaltiges Essen. Rohes
Obst und Gemüse, Fruchtsäfte und auch Süßigkeiten konnte ich irgendwie nicht mehr
vertragen. So stieg ich auf eine weitestgehend basische Ernährung um und es wurde besser.
Nächtliche Wadenkrämpfe in der letzten Woche bekam ich mit dem Schüssler-Salz Nr.
7(„magnesium phosphoricum“) in den Griff –auch wieder ein toller Tipp von Birgit!
Meine Sicht:
In der 30. SSW sah ich mir Evas Michael´sche Raute an. Sie bewegte sich kaum, wenn sie in
die Hocke ging. Ich zeigte ihr ein paar Übungen mit dem Becken und wir machten
Atemübungen zusammen. Auch massierte ich ihren Bauch und zeigte ihr, wie sie
Verklebungen unter dem Rippenbogen lösen konnte.
Bei ihrem Hautausschlag half ich ihr hauptsächlich durch aktives Zuhören, sie kam von
alleine auf die Lösung, auf saure Lebensmittel zu verzichten.
18
Eva hatte immer wieder Kontraktionen, zum Teil als Reaktion auf ihre körperlichen
Aktivitäten, z.T. aber sicher auch, weil sie gerne Yogi Tee trank. Darauf kamen wir aber erst
kurz vor ihrem Termin. Darauf hin ließ sie ihn weg.
Die letzten Wochen vor der Geburt waren dadurch geprägt, dass Eva sich immer mehr mit
dem konkreten Werden ihres Babies auseinander setzte. Wir besprachen praktische Aspekte
der Säuglingspflege. Ihr Baby hatte immer wieder Schluckauf, trainierte also seine
Atemmuskulatur. Kurz vor ihrem Termin plagten sie Wadenkrämpfe und
Kreislaufbeschwerden. Ich fragte mich, ob sich auch ihr vegetatives Nervensystem mit der
herannahenden Geburt beschäftigte und die unbewusste Sorge davor ausdrückte. Eva kannte
sich mit ein wenig mit Homöopathie aus. Wir überlegten zusammen, dass ihr 1x Ignatia C200
gut tun könnte.
In der 35. SSW ging sie noch einmal ihrer Gynäkologin zur Kontrolle. Dieses Mal kam ihre
Arztphobie wieder voll durch und sie hatte eine Kreislaufschwäche in der Praxis. Die
Gynäkologin fand das Baby zu klein, sie schätzte es auf unter 2000gr, die Plazenta wiese
wieder Verkalkungen auf. Eva sollte wieder ein antroposophisches Mittel nehmen, das sie
sich allerdings subkutan spritzen musste. Eva war davon gar nicht begeistert, und da alle
meine messbaren Parameter im grünen Bereich waren, fand ich diese Maßnahme nicht
notwendig. Die Gynäkologin wollte CTG schreiben, Eva war unschlüssig ob des Nutzens und
anhand von Erkenntnissen aus der evidenzbasierten Medizin kamen wir überein, dass wir zu
diesem Zeitpunkt darauf verzichten wollten. Viel wichtiger als ein CTG war für mich, dass
Eva inzwischen ihr Kind gut spürte und einen guten Kontakt zu ihm hatte.
Ihre Michael´sche Raute dehnte sich inzwischen beim In-die-Hocke-gehen, ihr Baby bewegte
sich sehr gut und Eva sah der Geburt gelassen entgegen..
19
Die Geburt
Dieses Seidenbild hat Eva
nach der Geburt gemalt.
Der „Engel“ in der Mitte des
Bildes ist ihre Tochter,
die in der Vollmondnacht auf
ziemlich direktem Weg auf
die Erde kam.
Entgegen aller Vermutungen, dass dieses Kind sicher früher kommen würde, ließ sich die
kleine Susi Zeit. Sie wartete bis der Vollmond fünf Tage über dem errechneten Termin am
Himmel stand.
„Zeit des Rückzugs“
Als der errechnete Termin verstrichen war und die Geburt noch auf sich warten ließ, wurden
die Menschen in meinem Umfeld für mich immer unerträglicher: Mehrfach täglich klingelte
das Telefon, es wurde ständig und überall voller Sorge nach der Geburt gefragt. Jetzt war für
einige Familienmitglieder auch das Thema Hausgeburt wieder Grund zur Ansprache, da das
Kind ja nicht „pünktlich“ da ist. Ich war nur noch genervt und zog mich absolut zurück. Die
letzten 4 Tage wollte ich nicht mehr ans Telefon gehen, beantwortete keine SMS mehr, ließ
keinen Besuch mehr kommen und besuchte auch niemandem im Familien/Freundeskreis.
Ich war ganz ruhig. Dass der Entbindungstermin überschritten war, beunruhigte mich nicht
im Geringsten. Irgendwie ist Schwangerschaft ein Zustand, in dem man sich auf seine
Urinstinkte verlassen kann. Am darauf folgenden Sonntag sollte Vollmond sein. Schon vor
meiner Schwangerschaft hatte ich fast immer pünktlich zu Vollmond meine Periode
bekommen. Mein Gefühl sagte mir, dass es auch mit der Entbindung an Vollmond soweit sein
konnte.
„Ups...jetzt kannst du Birgit anrufen“
Den Sonntag vor der Vollmondnacht verbrachte ich wie gewohnt mit leichteren Erledigungen
und Arbeiten im Gewerbe. Als der Abend näher rückte, bekam ich leichte Wehen. Zu dem
Zeitpunkt stand ich noch in unserem Laden und beriet eine Kundin. Etwas später machten wir
Feierabend und gingen rauf in die Wohnung. Die Wehen kamen noch immer, aber noch in
viel zu großen Abständen. Frank war schon total nervös. Er frage ständig, ob er denn jetzt
Birgit anrufen sollte. Ab etwa 20:00 Uhr wurden die Wehen stärker und die Abstände
verkürzten sich plötzlich. Aus 10 Minuten wurden 7 und schließlich 5 Minuten. Ich hatte es
mir gerade auf dem Sofa bequem gemacht, als der Blasensprung kam. „Ups...jetzt kannst du
Birgit anrufen“. Während Frank telefonierte, war es meine größte Sorge, dass das
Fruchtwasser Flecken auf dem hellgrauen Sofa hinterlassen konnte und ich begann auch
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noch zu putzen. Es schien mir in dieser Situation sowieso am wichtigsten, etwas Sinnvolles zu
tun.
Die Wehen wurden aber rasch stärker. So stark, dass ich mich bei jeder Wehe einzig und
allein auf mich und meine Atmung konzentrierte. Putzen war jetzt egal!
Bis Birgit bei uns war, hatte Frank das Sofa zu einem Bett umgebaut und mit Moltontüchern
und Spannbettlaken präpariert. Die folgenden Stunden erlebte ich in einem regelrechten
Trance-Zustand. Ich hatte mich auf das Sofa gelegt, hin und wieder trank ich einen Schluck
Wasser, veratmete Wehe für Wehe. Birgit half mir, einen gleichmäßigen Atemrhythmus zu
finden und eine bequeme Position zu haben. Irgendwann setzten die Presswehen ein.
Irgendwie taten die überhaupt nicht mehr so weh, wie jede vorhergehende Wehe. Ich war
hochkonzentriert. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, hätte nicht mehr sagen können, wie
lange das Ganze gedauert hat. Irgendwann war das Köpfchen ganz unten. Birgit erklärte
Frank noch, dass nun zunächst der Kopf, dann die Schultern und dann der ganze Rest
geboren werden würde, als es plötzlich ganz schnell ging und unsere kleine „Susi“ um 2:39
Uhr auf einmal herausflutschte. Ich konnte es erst gar nicht glauben, dass ich es schon
geschafft hatte. Ich durfte Susi zu mir nehmen und bereits nach 10 Minuten begann sie zu
trinken. Wir ließen die Nabelschnur noch eine ganze Weile dran, bis schließlich auch die
Plazenta geboren war und die Nabelschnur nicht mehr pulsierte. Als wir die Plazenta
gemeinsam begutachtet hatten, durfte Frank die Nabelschnur durchtrennen.
So hatte ich –hatten wir- es schließlich geschafft. Susi wog 3090g und war 50cm groß. Es
war ein schmerzhaftes, aber doch schönes Erlebnis. Und das Beste ist: alles hat so
stattfinden können, wie ich es mir vorgestellt hatte. Den Rest der Nacht konnte ich gar nicht
schlafen. Ich war so überwältigt, dass ich stundenlang wach lag und die Kleine anschaute.
Die erste Zeit nach der Entbindung kam Birgit täglich zu uns und betreute uns und die Kleine
ganz toll.
Meine Sicht:
In einer stürmischen Vollmondnacht kam um 22.45 Uhr der Anruf von Frank: Eva hatte seit
einer Stunde alle fünf Minuten Wehen und gerade war auch die Fruchtblase gesprungen. Es
liefe viel klares Fruchtwasser. Ich machte mich also auf den Weg und war 50 Minuten später
bei den Beiden.
Eva saß angespannt auf einem Stuhl und veratmete tapfer ihre Wehen, die inzwischen schon
alle zwei bis drei Minuten kamen. Sie war noch verstärkt sympaticoton. Ich fragte sie, ob ich
sie untersuchen dürfte, sie bejahte und ich fand eine verstrichene Portio, der Muttermund 3
cm geöffnet, zentriert, der Kopf schwer abschiebbar von Beckeneingang, Pfeilnaht schräg.
Die Herztöne waren gut bei 135 spm. Das feto-plazentare System arbeitete gut.
Eva ging noch mal zur Toilette und ich machte ihr den Vorschlag, sich noch etwas
hinzulegen, damit sie zwischen den Wehen einfach alles loslassen könnte. Ich stellte mich
vorsorglich auf eine lange Nacht ein. So legten wir uns zusammen auf ihr großes Sofa und
Evas Atem wurde deutlich ruhiger, so dass ich innerlich schon eine Wehenschwäche
befürchtete. Aber nun konnte der Parasympaticus zusammen mit dem Oxytocin und den
Endorphinen die Geburtsarbeit übernehmen. Um ein Uhr machte mich Frank auf eine relativ
starke Zeichenblutung aufmerksam nachdem er Eva zur Toilette begleitet hatte und Eva
begann Druck nach unten zu spüren. Um sicher zu gehen, dass ich mich nicht irrte,
untersuchte ich sie nochmals: MM 7cm, Kopf fast in BM. Sie war in eine Art Trancezustand
abgetaucht und ging ganz selbstverständlich mit dem Wehenrhythmus mit. Um zwei Uhr
schob sie immer wieder nach eigenem Gefühlt aktiv mit, ihr Anus war belastet. Um 2.39 Uhr
sprang die kleine Susi regelrecht in einer Wehe aus Eva heraus. Sie hatte die Nabelschnur
einmal locker um den Hals und noch relativ viel Käseschmiere am Körper. Sie schaute uns
gleich mit großen Augen an und war ganz wach und aufmerksam. Dies war ein Zeichen für
21
das fetale Adrenalin, das die Beziehungsaufnahme erleichterte und Susi sicher durch die
Anpassungsprozesse der Geburt brachte. Eva nahm sie kurz nach der Geburt zu sich, es war
Liebe auf den ersten Blick. Der Grundstein für eine sichere, starke Bindung wurde gelegt. Ich
ließ Susi auch beim Wiegen und Messen nach 1 ½ h ganz nah bei ihrer Mama.
Später sah ich mir Evas Damm an. Bis auf kleine Schürfungen an Labien und Scheide war
nichts gerissen, ich brauchte nichts zu nähen. Susi trank sehr gut an beiden Brüsten. Ich gab
ihr einen Apgar von 10/10/12.9
Besonders beeindruckt hat mich Frank, der kurz nach der Geburt strahlend im Sessel saß und
sagte: „Das hat mir gerade noch gefehlt in meinem Leben. Jetzt ist es komplett!“
Bevor ich drei Stunden nach der Geburt nach hause fuhr konnte Eva schon unter die Dusche
gehen. Ihrem Kreislauf ging es gut, sie konnte Spontanurin lassen, Susi trank noch einmal.
Dann verließ ich die frisch gebackene junge Familie.
Ressourcen während der Geburt
Für Eva stellte sich ihre Belastbarkeit in anstrengenden Situationen als hilfreiche Ressource
dar. Zusätzlich hatten wir in der Schwangerschaft immer wieder an Evas Fähigkeit zur
Entspannung gearbeitet. Das geschützte Setting der Hausgeburt ermöglichte es ihr
schlussendlich dem Parasympaticus die Führung zu überlassen. Dadurch konnte ein
konstruktiver Wehenrhythmus entstehen, dessen Hormone sie in die Trance führte. Mein
Beitrag war meine entspannte Haltung begründet durch die sorgfältige Abklärung der
Situation. Dies gab dem Geburtsgeschehen einen sicheren Rahmen, auf den sich alle
Beteiligten vertrauensvoll einlassen konnten. In dieser Atmosphäre war es für Eva möglich,
die rhythmischen Katecholamine als Kraft spendende Quelle zu nutzen, sich der Liebe und
Öffnung des Oxytocins hinzugeben. Auch in Frank bewirkte die Geburt zu Hause eine
physiologische Ausschüttung von Oxytocin und Endorphinen, was ihm half, die Bindung zu
seiner Frau und seiner Tochter zu festigen. Das ausgeschüttete Prolaktin weckte seinen
Beschützerinstinkt für sein Kind. Dadurch, dass wir zu Hause waren, konnte er seine
Anspannung abladen, indem er seiner Frau half. Er begleitete Eva ins Bad und umsorgte sie
aufmerksam. Das gemeinsame Geburtserlebnis wurde damit zu einer Kraftquelle für ihr
weiteres Leben in ihrer neuen Familie.
Für die kleine Susi war eine starke Ressource ihre in der Schwangerschaft gewachsene
intensive Beziehung zu ihrer Mutter und ihrem Vater. Durch die kreativen Ruhephasen in der
Schwangerschaft hatte Eva die Gehirnentwicklung von Susi gefördert, was sich z.B. in den
aktiven Geburtsbewegungen gezeigt hat. Es bewies, dass Evas Anstrengungen fruchtbar
gewesen waren und ihrer Tochter eine gesunde Reifung und eine sichere Reise durch die
Geburt ermöglicht hatten.
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Die zusätzlichen 2 APGAR Punkte beim zehn Minutenwert werden für das das Trinken an der Brust als
Zeichen für ein gelungenes Bonding vergeben. (Nach Verena Schmid)
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Das Wochenbett
In den ersten acht Tagen fuhr ich sechs Mal zu Eva. Jedes mal war es eine Freude, zu sehen,
wie sicher und natürlich Eva mit der kleinen Susi umging.
Das hormonelle System:
Die Gebärmutter bildete sich gut zurück.
Am dritten Tag hatte Eva eine leichte emotionale Krise, da Susi bis dahin vor Hunger sehr
unruhig war. Die Situation entspannte sich, als die Milch an diesem Tag kam.
Das Kind-Brust-System, äquivalent zum feto-planzentaren System:
Susi hatte am fünften Tag schon wieder ihr Geburtsgewicht erreicht, sie wurde nur ganz leicht
gelb und an ihren Beinchen zeigten sich ein paar Pickelchen, die nach knapp einer Woche
wieder verschwunden waren.
Das Frau-Umwelt-System:
Eva fühlte sich gut aufgehoben bei Frank, der sich wunderbar sowohl um Eva und Susi als
auch um all ihre Hunde kümmerte.
Auch ihre Mutter kam nach der Geburt zu Besuch. Ihr Verhältnis hatte sich deutlich
entspannt. Beide genossen die neu gewonnene Nähe. Da die Geburt von Eva für ihre Mutter
traumatisch gewesen war, freute sie sich sehr für ihre Tochter. Durch das indirekte Erleben
der Hausgeburt ihrer Enkelin wurde auch bei ihr ein Heilungsprozess in Gang gesetzt.
Evas Verhältnis zu ihrem Körper entspannte sich immer mehr. Sie genoss die regelmäßigen
Bauchmassagen bei meinen Wochenbettsbesuchen.
Das neurovegetative System:
Nur Evas Darmtätigkeit wollte nicht so recht in Schwung kommen. Nach einer Woche machte
sie sich selbst einen Einlauf. Sie hatte ihren trägen Darm als normal empfunden. Wir
überlegten zusammen, was ihr helfen könnte. Sie wollte es mit Homöopathie versuchen: Eine
Gabe Opium C30 löst das ganze einfach und langfristig.
Zeichen der Veränderung, weiterer Verlauf
Eva hatte schon vor der Geburt ihren Hundehotelbetrieb gut koordiniert und vorbereitet. Sie
hatte langsam gelernt, Aufgaben abzugeben. Frank erwies sich auch hier als große Hilfe, weil
er Evas Arbeiten übernehmen konnte. Eva schaffte es tatsächlich, sich eine Woche ganz viel
Ruhe auf dem Sofa zu gönnen. Auch danach begann sie ganz langsam ihre Tätigkeiten
draußen wieder aufzunehmen. Was sie selbst zu Beginn nie für möglich gehalten hatte, war
Tatsache geworden: Sie schaffte es, sich und ihrer Tochter im Wochenbett viel Raum und
Ruhe zu gönnen. Als sie langsam wieder begann ihren Radius nach draußen zu erweitern,
hatte sie eine so gute Bindung zu ihrem Kind, dass sie es selbst mit Super-ReichweitenBabyphon nicht schaffte, ihr Kind alleine im Haus zu lassen. Sie setzte fort, was sie in der
Schwangerschaft begonnen hatte, nämlich alle anfallenden Arbeiten mit ihrem Kind zu tun.
Und siehe da: Ihre Tochter wurde anstatt der befürchteten Geschäfts- und damit
Umsatzbremse eine große Bereicherung in Evas Hundehotel. Evas Hormonsystem, ihr
neurovegetatives System und ihr Brust-Baby liefen so physiologisch und im Einklang
miteinander, dass sie sechs Wochen nach der Geburt begann, ihre Tochter ohne Windeln zu
pflegen. Darüber hatte sie einen Artikel gelesen, den sie von ihrer Mutter bekommen hatte.
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Susi wurde ein sehr aufgewecktes, ausgeglichenes Kind, das in einer außerordentlich guten
Kommunikation mit ihren Eltern steht.
Ich habe Eva noch viermal bis zur vierten Lebenswoche von Susi besucht. Danach standen
wir noch über email in Kontakt. Die Familie war zu einem guten Team geworden. Es war
beeindruckend zu sehen, wie aus der anfänglich verzweifelten jungen Frau eine souveräne,
glückliche Mutter geworden ist.
Ausgang der Betreuung für die Frau / Familie:
Eva und Frank haben sich auf den Prozess des Familie-Werdens einlassen können. In der
kontinuierliche Begleitung hatten immer wieder nicht nur medizinischen Themen Platz,
sondern auch häufig und intensiv globale und soziale Themen wie beispielsweise: auf sich
hören, Arbeiten delegieren, Beziehungen zu Mutter, Familie und Partner, eigenes Frausein,
Sinnfindung. Auch dadurch konnten Eva und Frank ein stabiles Fundament für ihre
Elternrollen und ihre Beziehung legen.
Für Evas Mutter war die Entwicklung ihrer Tochter erstaunlich. Sie hatte noch zu Beginn der
Schwangerschaft den Eindruck, ihre Tochter würde ihr Kind eventuell zur Adoption frei
geben und war positiv überrascht, dass Eva sich zu so einer liebevollen Mutter entwickelt
hatte.
Eva
„Gedanken zum Schluss“
Nein, ich erzähle dies nicht, um eine Hausgeburt „empfehlen“ zu können. Ich möchte einfach
meine Erfahrungen weitergeben. Nicht als „Empfehlung“, nicht als „Geschichte, die
glücklicherweise eine Happy End hat“...ich möchte erzählen, dass es sich lohnt, sich und
seinem Körper zuzutrauen, ein Kind zu bekommen. Es ist etwas ganz Natürliches und die
Natur hat dafür gesorgt, dass Kinder auch auf natürliche Weise geborgen werden. Ich
wünsche allen Frauen dieses Urvertrauen wieder zu finden und sich in Begleitung einer so
tollen Hebamme wie Birgit diesem Abenteuer hingeben zu können.
Grüße, Eva
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Mein Fazit
Für mich war die Begleitung von Eva interessant, spannend und bereichernd.
Mir stellt sich die Frage, wie Evas Schwangerschaft und Geburt gelaufen wäre, wenn sie nur
auf die – leider häufig übliche – pathologiesierende und damit schlussendlich Angst
machende Art und Weise betreut worden wäre. Mir war es schon immer wichtig, die Frauen
in ihrer Ganzheit zu sehen. Mein schulmedizinischen Hintergrund lehrte mich jedoch
verstärkt die Problemsuche. Das führte auch bei mir häufiger zu Ängsten und Befürchtungen
als zu Vertrauen. Eva unter dem Blickwinkel der Salutogenese zu betreuen hat mir geholfen,
meine Ängste in einen realistischeren Rahmen zu setzen.
Ich war mir während der Schwangerschaft nicht immer sicher, ob wir wirklich eine
Hausgeburt zusammen erleben werden. Jedoch wusste ich, dass wir mit der Strategie der
kleinen Schritte den bestmöglichen Weg gehen. Dies bedeutet, immer soweit zu gehen, wie es
jetzt gerade möglich ist und zu fühlen, was jetzt gerade wichtig ist. Auf diese Art wird der
Kohärenzsinn gestärkt, der die Möglichkeit der transformativen Copingstrategien erweitert.
Ich erinnere mich gut an einen Gedanken, den ich während der Geburt hatte: Als Eva schon
nach kurzer Zeit zeichnete und Druck nach unten spürte, dachte ich: „Das ist also die Geburt,
um die ich mir so viele Gedanken gemacht hatte.“ Ich wusste, dass sie jetzt einfach gut laufen
würde und ich nichts anderes zu tun hatte, als da zu sein und mit den Eltern ihr Baby in
Empfang zu nehmen.
Ich bin mir sicher, dass diese schlussendlich unkomplizierte Geburt und das harmonische
Wochenbett das Resultat der intensiven Begleitung während der Schwangerschaft in
Verbindung mit der ressourcenorientierten salutogenetischen Herangehensweise war. All das
zusammen ermöglicht, dass Frauen wie Eva an dem Prozess des Mutter-Werdens wachsen
können und durch dieses Abenteuer eine Erweiterung ihrer Kompetenzen erfahren. Ich bin
immer zutiefst dankbar, wenn ich beobachten darf, wie die 18 Monate um eine Geburt für
eine Frau wieder zu dem werden, was sie sein sollen: Eine Zeit der Veränderung, die sie
reicher, schöner und kraftvoller macht. Dies schafft die Grundlage für die physische und die
psychische Reaktivität des Kindes, und damit für den guten Start in das Leben.
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Einerseits ist diese Geschichte etwas Besonderes. Andererseits erleben viele Frauen, die
Mutter werden die gleichen Herausforderungen dabei, die neue Identität als Mutter mit ihrem
bisherigen Selbstbild zu verbinden, wie Eva.
Mein Wunsch ist es mit Evas Geschichte zu zeigen, dass sich eine kontinuierliche,
salutogenetische Begleitung für alle Beteiligten lohnt.
Meine Hoffnung ist, dass mehr Hebammen durch die Salutogenese Kompetenzen entwickeln,
Frauen und Paaren mit Mut und Freude noch besser zur Seite zu stehen.
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Literaturverzeichnis
Schmid, Verena: Schwangerschaft, Geburt, Mutterwerden.
Grundlagen für ein salutogenetisches Betreuungsmodel, 2010 Staude Verlag
Weiter führende Literatur:
Lorenz, Rüdiger: Salutogenese, 2005 Hilarion G. Verlag
Rosenberg, Marshall: Gewaltfreie Kommunikation, 2007 Jungfermannsche
Verlagsbuchhandlung
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