Poststrukturalistische Soziologien

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Urs Stäheli
Poststrukturalistische Soziologien
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CIP-Einheitsaufnahme
Stäheli, Urs:
Poststrukturalistische
Soziologien / Urs Stäheli. –
Bielefeld : transcript Verl., 2000
(Einsichten)
ISBN 3-933127-11-4
© 2000 transcript Verlag, Bielefeld
Gestaltung: orange|rot, Bielefeld
Satz: digitron GmbH, Bielefeld
Druck: Majuskel Medienproduktion GmbH, Wetzlar
ISBN 3-933127-11-4
Inhalt
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Einleitung: Spurensuche
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Die Einheit der Struktur und ihre Dezentrierung
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De Saussures zeichentheoretisches Modell
Der anthropologische Strukturalismus von
Lévi-Strauss: Strukturen und Nullwert
Die Dekonstruktion der Struktur
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Die Soziologie und ihre Gegenstände:
»Das Ende des Sozialen« und »Die Unmöglichkeit
der Gesellschaft«
Das Ende des Sozialen (Baudrillard)
Die Unmöglichkeit der Gesellschaft (Laclau / Mouffe)
Geschichte und Modernität:
Das Ende der Meta-Narrative und Genealogie
Inkommensurable Sprachspiele
Genealogie der Machtverhältnisse
Sozialtheoretische Weiterführungen
Die Dekonstruktion des Subjekts
Subjektpositionen (Foucault)
Das Insistieren des Unbewussten (Žižek)
Der Dualismus von Struktur / Handlung nach
der Dekonstruktion des Subjekts
Poststrukturalistische Analysen von Identitäten
Singularitäten und Differenzen
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Konturen einer ›spektralen Soziologie‹
73
Anmerkungen
79
Literatur
Einleitung: Spurensuche
In David Lynchs Film Blue Velvet (1986) findet der Protagonist auf seinem Heimweg in einer US-amerikanischen Vorstadtsiedlung plötzlich ein abgeschnittenes Ohr, das in starker Vergrößerung gezeigt wird; die Szene ist zudem mit einem aufdringlichen Soundtrack unterlegt. Der Effekt dieses
deplatzierten und von Ameisen belebten Ohrs ist im buchstäblichen Sinn un-heimlich (vgl. Žižek 1993: 169): Das Ohr
hat seinen angestammten Platz verlassen, und es legt sich
scheinbar motivationslos und verquer in die Filmerzählung;
mehr noch, es unterbricht die Kontinuität des Films, indem
es als Fremdkörper eine undefinierbare Position einnimmt.
Die Schwierigkeit, mit der uns diese Szene konfrontiert, ergibt sich aus dem Aufbrechen eines Sinnhorizontes, aus dem
Insistieren eines Fleckens, über den man nicht hinwegsehen
kann. Das deplatzierte Ohr konfrontiert die ZuschauerInnen
mit einer Bedeutungsleere, von der sie sich gleichzeitig angezogen wie auch abgestoßen fühlen: Einerseits verunsichert
dieses auf dem hyperrealen Rasen liegende Ohr, da wir es
nicht einordnen, aber auch nicht einfach ignorieren können,
andererseits fasziniert gerade die Erfahrung, dass Sinnprozesse entgleiten und scheitern können.
Es ist dieses Insistieren auf ein Moment des Sinnbruchs,
das viele jener Theorien charakterisiert, die man häufig auf
irreführende Weise unter dem Stichwort ›Poststrukturalismus‹ zusammenfasst. Dies heißt keineswegs, dass alle poststrukturalistischen Theorien sich ausschließlich für Sinnprozesse interessieren. Vielmehr wird das Versagen einer hermeneutischen Perspektive, die den eigentlichen Sinn (sei
dieser z. B. die alles bestimmende Ökonomie oder eine Form
von kultureller Authentizität) zu sichern sucht, im Poststrukturalismus ernst genommen. Dadurch eröffnen sich zwei
Wege für poststrukturalistisches Denken: einerseits das erwähnte Interesse am Scheitern von Sinnprozessen, indem
das unendliche Gleiten des Sinns zum Ausgangspunkt genommen wird (vgl. z. B. Derrida und Lacan); andererseits eine Skepsis gegenüber Sinntheorien und die Suche nach Begrifflichkeiten, die es erlauben, das sinntheoretische Vokabular zu ersetzen (vgl. z. B. Foucault oder Deleuze / Guattari).
Diese beiden Perspektiven müssen sich nicht ausschließen,
verweisen aber doch auf unterschiedliche Umgangsweisen
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mit Sinn nach dem Versagen hermeneutischer Sinnmodelle.
Im Folgenden werden beide Perspektiven vorgestellt, aber
das Interesse an einer Soziologie der Sinnbrüche und -dislokationen soll hierbei im Vordergrund stehen.
›Poststrukturalismus‹ steht denn auch nicht für eine einheitliche Theorie oder wissenschaftliche Methode, um derartige dunkle und manchmal kaum wahrnehmbare Flecken im
Sinnhaften aufzuzeigen.1 Die unter diesem Namen entwickelten Theorien sind zu unterschiedlich und zwischen
ihnen herrscht häufig eine alles andere als freundnachbarschaftliche Beziehung. Viele TheoretikerInnen wehren sich
denn auch deutlich gegen das Etikett. Statt von einer eigenen Theorieschule zu sprechen, nehmen die ›poststrukturalistischen Soziologien‹ die Position eines Parasiten ein (vgl.
Serres 1981): den Status eines Gastes, der von den etablierten Unterscheidungen der Soziologie lebt (wie z. B. Handlung / Struktur) und sie unterminiert. Diese Einführung
vertritt, um die Vielfalt von Interventionen zu unterstreichen, ein weites Verständnis von Poststrukturalismen, ohne
es als label einer einheitlichen Theorieschule verwenden
zu wollen. Zu jenen TheoretikerInnen, die als PoststrukturalistInnen bezeichnet werden, gehören etwa Gilles Deleuze
(1925–1995) / Felix Guattari (1930–1992) und ihre SchizoAnalyse, Jacques Lacans (1901–1981) Psychoanalyse, Michel
Foucaults (1926–1984) Macht / Wissens-Analysen, Jean-François Lyotards (1924–1998) Analyse des postmodernen Wissens und von différends, Jean Baudrillards Simulationstheorie, die mit Jacques Derrida identifizierte Dekonstruktion, die
von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe entwickelte dekonstruktive Theorie des Politischen wie auch der diskurstheoretische Feminismus von Judith Butler.
Poststrukturalistische Konzepte werden für soziologische
Theorien nicht zuletzt deshalb relevant, weil durch diese
Konzepte die basalen Kategorien der Soziologie (wie z. B.
Handlung, Subjekt, Struktur, Gesellschaft, Sozialstruktur /
Semantik) in Frage gestellt werden. Alvin Gouldner (1974)
hatte bereits Mitte der siebziger Jahre eine Krise der Soziologie festgestellt, da sie ihre einheitsverbürgenden Theorien
aufgeben musste. Sowohl der Marxismus wie auch der Parsons’sche Funktionalismus wurden als gescheiterte Versuche betrachtet, der Soziologie eine fachuniversale Theorie
anzubieten. Diese problematische Lage der Soziologie wird
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durch poststrukturalistische Perspektiven zugespitzt, da nun
gut etablierte Kategorien, welche die Krise der siebziger Jahre noch unbeschadet überstanden hatten, ihre unangefochtene Stellung verlieren. Als weitsichtige Parasiten entziehen
die poststrukturalistischen Interventionen ihrem Gastgeber
aber nicht die Lebensgrundlage – denn dies würde die eigene Aktivität gefährden. Dennoch ist die zuweilen gespenstische Gegenwart dieses Parasiten nicht folgenlos für die Soziologie. An die Stelle eines stabilen, geschlossenen Gegenstandes wie Gesellschaft tritt nun eine Untersuchung des
Scheiterns der Gegenstandskonstitution – ein Scheitern, das
immer auch die Eröffnung neuer (Denk-)Möglichkeiten beinhaltet.
Vielleicht könnte man also am ehesten von einer wahlverwandten theoretischen Geste der verschiedenen poststrukturalistischen Positionierungen sprechen; präziser, es
geht um eine Doppel-Geste, die auf einen Sinnbruch verweist, ohne diesen Riss wieder in Sinn aufgehen zu lassen.
Denn das Problem, das theoretisch und analytisch zu erfassen wäre und das – wie das abgeschnittene Ohr – keinen
Sinn macht, besteht nicht zuletzt darin, etwas von dieser Irritation zu bewahren. Nur so kann es gelingen, Brüche und
Risse nicht wieder in eine abgerundete, totalisierende theoretische Erzählung einzufügen. Diese Selbstreflexivität und
das Wissen um das eigene Scheitern – muss doch jeder
Theoretisierungsversuch gleichzeitig auch totalisierend vorgehen – macht poststrukturalistische Texte häufig so schwer
lesbar, scheinen sie doch mit jeder ihrer Aussagen sich sogleich wieder das eigene Fundament zu entziehen. Es ginge
also nicht einfach darum, eine soziologische Erzählung zu
entwickeln, die erklärt, warum das abgeschnittene Ohr letztlich doch sinnvoll ist – indem z. B. eine Hintergrundgeschichte über einen Tathergang erzählt wird. Stattdessen versucht
eine poststrukturalistische Strategie zwei Dinge zur gleichen
Zeit: eine sinnvolle Geschichte zu erzählen, die gleichzeitig
eine Irritation zurücklässt.
Ein derartiges Interesse an zusammenbrechenden Sinnstrukturen und am Un-Heimlichen erinnert an avantgardistische literarische und künstlerische Praktiken. Viele der
poststrukturalistischen DenkerInnen sind denn auch maßgeblich durch künstlerische Avantgarden beeinflusst: Man
denke etwa an die Bedeutung des Dadaismus für Jacques La-
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can, an Paul Valéry für Jacques Derrida oder an Lautréamont für Julia Kristeva. Es ist deshalb sicherlich kein Zufall,
dass die verschiedenen Poststrukturalismen vornehmlich in
literaturwissenschaftlichen Instituten rezipiert worden sind.
Sie haben im anglo-amerikanischen Raum sogar zum neuen
Genre der theory geführt (vgl. Culler 1988; Derrida 1997a).
Theory ist nicht mehr disziplinär begrenzte Literaturtheorie,
sondern sprengt die Grenzen der Literatur gerade durch ihr
Interesse an grundlegenden Fragen des Scheiterns von
Sinnprozessen und der Materialität von Sinn.2 Die Herausforderung der Poststrukturalismen an die Soziologie besteht
darin, Mittel zu finden, um den Zusammenbruch von Sinn
nicht als ausschließlich ästhetisches Phänomen oder philosophisches Problem zu konzipieren, sondern diese Figuren
in einem soziologischen Kontext zu zitieren. Eine notwendige Voraussetzung für diese Verschiebung ist freilich, dass
das Soziale ebenfalls als diskursives Verhältnis gedacht wird.
Damit ist die konstitutive Rolle von Sinnprozessen für die
Konstitution des Sozialen gemeint. Breite Strömungen der
Soziologie, insbesondere die phänomenologische Soziologie,
haben versucht, Gesellschaft als sinnhafte Konstruktion zu
analysieren. Im Poststrukturalismus wird einerseits implizit
an diese Traditionen angeschlossen, indem Gesellschaft als
diskursives Phänomen analysiert wird. Andererseits werden
aber gerade die Unmöglichkeit vollständigen Sinns, das
Scheitern und Verzögern von Sinnprozessen wie auch vielfältige Dislokationen betont. Aus dieser Perspektive gibt es
nicht die Gesellschaft als objektiven Gegenstand, sondern
verschiedene prekäre Diskursivierungsweisen von Gesellschaft. Diskurstheorie erweist sich hier als eine konstruktivistische Theorie, die sich insbesondere für die umkämpfte
Natur von diskursiven Konstruktionen interessiert.
Mit der Feststellung, dass Gesellschaft immer diskursiv
konstituiert ist, wird keineswegs behauptet, dass sie ein rein
sprachliches Phänomen sei. Die Diskurstheorie benutzt die
Analogie von Sprache, um aufzuzeigen, dass Gesellschaft wie
sprachliche Diskurse über Differenzen strukturiert ist.3 Ich
werde im zweiten Kapitel durch eine Auseinandersetzung
mit Ferdinand de Saussure und Claude Lévi-Strauss den Differenzbegriff genauer bestimmen. Dennoch sei hier bereits
auf die hervorragende Bedeutung des Differenzbegriffs für
eine poststrukturalistische Soziologie hingewiesen. Gesell-
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