Martin Müller: Vernichtungsgedanke und

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Martin Müller: Vernichtungsgedanke und Koalitionskriegsführung.
Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn in der Offensive
1917/18. Eine Clausewitz-Studie, Graz: Leopold-Stocker Verlag
2003, 446 S., ISBN 3-7020-1034-3, EUR 39,80
Rezensiert von:
Erika Stubenhöfer
Stadtarchiv Erkrath
Die militärphilosophische Schrift des preußischen Generals Carl von
Clausewitz (1780-1831) Vom Kriege, die 1832 erstmals veröffentlicht
wurde, entfaltet ihre Wirkung bis in die Gegenwart. Sie wurde in
unzählige Sprachen übersetzt, und die darin enthaltenen Theorien wurden
ausführlich studiert. Vom Kriege gilt heute als eines der am weitesten
verbreiteten Bücher der Erde, und seine strategische Theorie wird
inzwischen auch auf andere Anwendungsbereiche übertragen und
insbesondere in der Unternehmensführung und im Marketing beachtet.
Folglich wird nicht nur an den meisten Militärschulen, sondern auch in
vielen Managementschulen, so in Harvard, Clausewitz als grundlegende
Theorie gelehrt.
Die vorliegende Arbeit stellt den in Clausewitz' Werk definierten
Vernichtungsgedanken als Aspekt der Kriegsführung in den Mittelpunkt.
Das Vernichtungsprinzip ist dabei nicht im Sinne von Rechtfertigung oder
gar Forderung nach Inhumanität zu verstehen, sondern als allgemeines
Ziel der kriegerischen Handlung im Sinne von Wehrlosmachen
beziehungsweise als Niederwerfung des Feindes bei gleichzeitiger
weitgehender Erhaltung der eigenen Streitkraft. Müller wendet das Prinzip
des Vernichtungsgedankens auf den Ersten Weltkrieg an, der ebenso als
Koalitions- beziehungsweise Bündniskrieg geführt wurde, wie die meisten
Kriege der vorangegangenen 200 Jahre. Im Mittelpunkt seiner Analyse
stehen die Offensiven der Mittelmächte zwischen Herbst 1917 und
Sommer 1918 und deren Scheitern, wobei er besonderes Gewicht auf die
Michael-Offensive vom Frühjahr 1918 legt.
Müllers Buch ist die überarbeitete und erweiterte Fassung seiner
Dissertation. Seine Diplomarbeit über "Die österreichische Kriegführung
an der Südwestfront 1915-1918 aus der Sicht der deutschen Obersten
Heeresleitung" wurde, erheblich vertieft und ausgebaut, teilweise
übernommen. Außerdem lieferte das Studium von jahrzehntelang
unzugänglichen Quellen in Archiven der ehemaligen DDR bisher
unbekannte Gesichtspunkte, die eine neue Analyse des militärischen
Geschehens ermöglichten. Die Ausarbeitung beginnt mit einer
ausführlichen Einleitung, die detailliert auf die Themenbereiche
Vernichtungsgedanke und Koalitionskriegführung eingeht und den
jeweiligen Forschungsstand sowie Literatur zum Thema vorstellt. Sie wird
abgeschlossen durch ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis,
ergänzt um ein Abkürzungsverzeichnis und Karten zur Erläuterung der
militärischen Lage. Leider fehlt ein Index, der zur tieferen Erschließung
des Textes sicher von Nutzen gewesen wäre.
Den Hauptteil der Arbeit gliedert Müller in acht Abschnitte. Er schildert
zunächst die ersten Überlegungen auf dem Weg zu einer
kriegsentscheidenden Offensive und zu einer Zusammenarbeit der
Heeresleitungen des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns, die mit
der Isonzo-Offensive einen Erfolg der gemeinsamen Kriegführung
erzielten. Darauf erfolgte der Entschluss zur Westoffensive, die in allen
ihren Phasen detailliert geschildert wird. Ein weiterer Teil ist der
Bündniskrise gewidmet, die infolge der Verhandlungen von Brest-Litovsk
entstand und die Koalition beim Ringen um eine Entsendung
österreichischer Truppen an die Westfront vor eine wichtige Entscheidung
stellte. Schließlich werden die konkreten Vorbereitungen zur MichaelOffensive sowie deren Verlauf Ende März 1918 geschildert. Müller endet
mit einem Kapitel über den Kulminationspunkt der Bündniskriegführung:
das Scheitern der Piave-Offensive im Juni 1918, das das endgültige Aus
der Koalitionskriegführung Ludendorffs bedeutete.
Von der Michael-Offensive erhofften sich die Verantwortlichen, aber auch
die Soldaten an der Front und die Deutschen in der Heimat, eine
Entscheidung zu Gunsten des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten.
Und tatsächlich marschierten auf 75 Kilometer Frontbreite deutsche
Truppen auf und eröffneten am 21. März die Offensive mit dem
Decknamen "Michael". Der Feind war völlig überrascht, und die deutschen
Truppen kamen zu Anfang gut voran und machten zahlreiche Gefangene.
Da jedoch die in der Mitte vorgehende 18. Armee gegenüber den
Franzosen zügiger vorankam als die im Bereich der englischen Truppen
eingesetzten Kräfte, änderte Ludendorff ungeduldig seinen ursprünglichen
Plan, die Engländer ans Meer abzudrängen. Er gab einer anderen Taktik
den Vorzug, nämlich der Trennung der französischen und englischen
Armee. "Wir hauen ein Loch hinein. Das Weitere findet sich." (271).
Die Anfangserfolge konnten nicht entscheidend genutzt werden, da alle
Reserven verbraucht und die Truppen physisch erschöpft waren.
Außerdem machten sich die mangelnde Motorisierung sowie
Nachschubprobleme der Artillerie und bei der Versorgung der Truppen
bemerkbar. Die Kriegswende war da, wenn auch anders als die Deutschen
erhofft hatten. Am 26. März 1918 vereinbarten Vertreter der englischen
und französischen Regierung sowie die Armeechefs dieser Nationen in der
französischen Stadt Doullens, ihre jeweiligen Truppen unter das
Oberkommando des französischen Generals Foch zu stellen. Gegen diese
Bündelung der Kräfte und gegen die Unterstützung der Ententemächte
durch die zunehmende Zahl amerikanischer Divisionen hatten die
Mittelmächte nichts mehr aufzubieten. Die Deutschen hatten nicht nur
das eigentliche Ziel nicht erreicht, sondern die gegen sie stehende alliierte
Koalition noch gefestigt.
Entgegen dem allgemein anerkannten Forschungsstand räumt Müller der
Frühjahrsoffensive durchaus Erfolgschancen ein. Sie hätte einen Sieg der
Mittelmächte bewirken können, unter der Voraussetzung, dass Ludendorff
alle verfügbaren Kräfte der Mittelmächte konzentriert an der Westfront
eingesetzt hätte. Außerdem hätte er die ursprüngliche Absicht, die
Engländer entscheidend zu schwächen und sie ans Meer abzudrängen,
beibehalten müssen. Sie seien bereits so geschwächt gewesen, dass sie
kurz davor gestanden hätten, sich in heilloser Flucht über die Kanalhäfen
nach England zurückzuziehen. Danach hätte das Deutsche Reich
wahrscheinlich einen günstigeren Verständigungsfrieden erzielen können.
Ludendorff habe, so Müller, im Verlauf der Offensive das Clausewitz'sche
Prinzip der Vernichtungsschlacht, das die Konzentration aller Kräfte auf
einen einzigen Gegner - in diesem Fall den Frontabschnitt der Engländer verlangt, aufgegeben und sich stattdessen einer Zermürbungsstrategie
zugewandt. Anstatt dem bereits angeschlagenen Feind den "Todesstoß"
zu versetzen, ließ die deutsche Oberste Heeresleitung durch ihre
wechselnden Entschlüsse zu viel Zeit verstreichen.
Mit seinem Buch legt Martin Müller nach längerer Zeit wieder einmal eine
operationsgeschichtliche Arbeit zum Ersten Weltkrieg vor. Er beweist in
seiner Arbeit profunde und umfassende Kenntnisse der Quellen sowie der
deutschen und österreichischen Literatur zum Thema. Auch liefert er dem
interessierten Leser umfangreiches Zahlenmaterial durch Aufzählung von
Truppenstärken, Materialressourcen, Verlusten et cetera. Andererseits
hätte er angesichts seiner weitreichenden Schlussfolgerungen auch auf
einschlägige britische Literatur und britische Archivquellen zurückgreifen
müssen. Auch die neueste internationale Forschung hat er nicht in
ausreichendem Maße rezipiert. Immerhin behauptet er, die deutschen
Truppen hätten ohne die Änderungen ihrer Taktik gegen die Engländer
derartige Erfolge erzielen können, dass die Alliierten zu einem
Verständigungsfrieden bereit gewesen wären.
Müller benutzt kontrafaktische Fragestellungen, die sich ohne
Konsultation der Quellen aus dem Lager der Entente nicht ernsthaft
diskutieren oder gar beantworten lassen. Außerdem lässt er die Rolle der
USA völlig unberücksichtigt, deren Präsident mit seinem Vierzehn-PunkteProgramm vom 8. Januar 1918 klare Rahmenbedingungen für einen
möglichen Frieden aufgestellt hatte. Gleichzeitig griffen US-Truppen mehr
und mehr in die Kämpfe in Frankreich ein und ließen die Alliierten auf
künftige Erfolge hoffen. Auch wenn man sich Müllers Thesen mangels
überzeugender Begründung kaum wird anschließen können, ist sein Buch
ein wichtiges Werk, das Experten und Laien mit Vorkenntnissen
zahlreiche Details über die Endphase des Ersten Weltkriegs aus der Sicht
der Mittelmächte liefert.
Redaktionelle Betreuung: Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Erika Stubenhöfer: Rezension von: Martin Müller: Vernichtungsgedanke und
Koalitionskriegsführung. Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn in der Offensive
1917/18. Eine Clausewitz-Studie, Graz: Leopold-Stocker Verlag 2003, in:
sehepunkte 5 (2005), Nr. 5 [15.05.2005], URL: <http://www.sehepunkte.
historicum.net/2005/05/6816.html>
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