Diagnosenübergreifende Psychoedukation

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Maren Jensen, Grit Hoffmann,
Julia Spreitz, Michael Sadre Chirazi-Stark
Diagnosenübergreifende Psychoedukation
Ein Manual für Patienten- und Angehörigengruppen
Maren Jensen, Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin, Verhaltenstherapie,
systemische Therapie und Beratung, Supervision und Coaching, arbeitet in der Psychiatri-
schen Institutsambulanz des Asklepios Westklinikums Hamburg, Abteilung für Psychiatrie
und Psychotherapie. Sie ist Mitglied der Arbeitsgruppe »Psychoedukation« und
Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychoedukation. Außerdem ist
sie als Supervisorin und Dozentin für das Ausbildungszentrum der Deutschen
Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) Hamburg tätig.
Grit Hoffmann, Psychologische Psychotherapeutin, Mitglied der Deutschen
Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT), für die sie auch als Dozentin arbeitet.
Sie ist seit 2009 in eigener Psychotherapie-Praxis in Hamburg niedergelassen.
(www.psychotherapie-hoffmann.de).
Julia Spreitz, Dipl.-Psych., Dipl.-Päd., in fortgeschrittener Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin, arbeitet in einer der Psychosomatischen Tageskliniken
und in der Psychiatrischen Institutsambulanz des Asklepios Westklinikums Hamburg.
Sie ist ebenfalls als Dozentin für das Ausbildungszentrum der Deutschen Gesellschaft
für Verhaltenstherapie (DGVT) Hamburg tätig.
Michael Sadre Chirazi-Stark, Prof. Dr. med., Dipl.-Psych., leitete von 1999 bis 2013 als
Chefarzt die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Asklepios Westklinikums
Hamburg. Er ist Mitglied der Arbeitsgruppe »Psychoedukation« und Gründungsmitglied sowie Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychoedukation.
Derzeit baut er das Prof. Stark Institut für kognitive Verhaltenstherapie und innovative
Behandlungsformen auf und ist im Vorstand der Weltgesellschaft für Psychosoziale
Rehabilitation Leiter des internationalen Projektes »Psychische Gesundheit am
Arbeitsplatz«. (www.prof-stark.de).
Maren Jensen, Grit Hoffmann,
Julia Spreitz, Michael Sadre Chirazi-Stark
Diagnosenübergreifende
Psychoedukation
Ein Manual für Patienten- und
Angehörigengruppen
Arbeitshilfe 26
4
Maren Jensen, Grit Hoffmann, Julia Spreitz, Michael Sadre Chirazi-Stark
Diagnosenübergreifende Psychoedukation
Ein Manual für Patienten- und Angehörigengruppen
Psychosoziale Arbeitshilfe 26
2., überarbeitete und erweiterte Auflage
ISBN-Print: 978-3-88414-564-7
ISBN-PDF: 978-3-88414-844-0
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Weitere Arbeitshilfen unter www.psychiatrie-verlag.de
© Psychiatrie Verlag GmbH, Köln 2014
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf ohne Zustimmung
des Verlags vervielfältigt, digitalisiert oder verbreitet werden.
Lektorat: Anne Katrin Bläser, Bonn
Umschlaggestaltung: GRAFIKSCHMITZ, Köln
Umschlaglayout und Umschlagfoto, Typografie: Iga Bielejec, Nierstein
Satz: Psychiatrie Verlag GmbH, Köln
Druck und Bindung: Himmer AG, Augsburg
Das Verwenden sämtlicher Materialien ist nur für Patienten- und
Angehörigenschulungen erlaubt. Eine darüber hinausgehende Verwendung,
z. B. zu Fort- und Weiterbildungszwecken, ist nur mit schriftlicher Genehmigung
der Erstautorin und des Psychiatrie Verlages gestattet.
5
Danksagung
9
Geleitwort I
11
Geleitwort II
14
Einleitung
Ziele und Besonderheiten der diagnosenübergreifenden
Psychoedukation
25
Wissenschaftliche Erforschung
28
Zur Entstehung des Manuals
30
Zielgruppe
32
Setting
33
Das Manual im Überblick
39
Praktische Durchführung
Sitzung 1: Begrüßung und Einführung in das Thema
44
Sitzung 2: Erkrankungen: Somatische (körperliche),
psychosomatische, neurologische und psychische Erkrankungen,
deren Auswirkungen auf unser Erleben und wer helfen kann
53
Sitzung 3: Entstehung, Aufrechterhaltung und Bewältigung
psychischer Krisen und Erkrankungen
74
Sitzung 4: Diagnosen: Wie Diagnosen gestellt werden
und was sie bedeuten
85
Sitzung 5: Besprechen einzelner Störungsbilder
nach den Wünschen der Teilnehmenden
98
Sitzung 6: Besprechen einzelner Störungsbilder
nach den Wünschen der Teilnehmenden (Fortsetzung)
119
Sitzung 7: Frühwarnzeichen und Frühsymptome
147
Sitzung 8: Medikamenteninformation
157
Sitzung 9: Gesundheitsförderndes Verhalten
167
Sitzung 10: Entspannungsverfahren und
Anspannungsregulationstraining
180
6
Sitzung 11: Krisenbroschüre und Krisenpass
203
Sitzung 12: Informationen zu Psychotherapie, ambulanten
und teilstationären Behandlungsangeboten, Rehabilitation,
Beratungsstellen und Selbsthilfe
215
Zusatzmodule
Ernährung
238
Sitzung E 1: Bestandsaufnahme: Gewicht und
Ernährungsgewohnheiten
241
Sitzung E 2: Verbesserungsvorschläge für die eigene Ernährung
248
Sitzung E 3: Empfehlungen zur Nährstoffverteilung,
Reflexion und Ausblick
255
Stressbewältigung bei psychischen Erkrankungen
262
Sitzung St 1: Stresserkennungskompetenz
267
Sitzung St 2: Stressbewältigungskompetenz
277
Beteiligung von Angehörigen
286
Sitzung A 1: Patienten
289
Sitzung A 2: Angehörige
295
Sitzung A 3: Patienten und Angehörige
301
Entlassungsvorbereitung
307
Sitzung zur Entlassungsvorbereitung
309
Anhang
Literaturliste zur störungsspezifischen Psychoedukation
316
Empfehlungen zur Patientenlektüre
320
Literaturverzeichnis
324
7
Materialien zum Download
Alle benötigten Materialien für das Basismodul mit zwölf Sitzungen
und die vier Zusatzmodule – Ernährung, Stressbewältigung bei
psychischen Erkrankungen, Beteiligung von Angehörigen,
Entlassungsvorbereitung – stehen zum Download zur Verfügung unter:
www.psychiatrie-verlag.de/buecher/detail/book-detail/
diagnosenuebergreifende-psychoedukation-1.html
Zugangscode:
Seminarfolien (als Powerpoint-Präsentation und PDF-Datei)
Teilnehmerliste
Arbeitsblätter zu den einzelnen Sitzungen
Progressive Muskelentspannung nach Jacobson – eine Kurzanleitung.
Tonaufnahme und Textvorlage
Empfehlungen zur Patientenlektüre
Zwölf Informationsblätter:
»Psychose oder Neurose?«
»Schizophrene Psychosen«
»Affektive Störungen«
»Angststörungen«
»Zwangsstörungen«
»Persönlichkeitsstörungen«
»Schlafstörungen«
»Stressbewältigung bei psychischen Erkrankungen«
»Was Sie schon immer über Psychopharmaka wissen wollten«
»Psychotherapie und ergänzende Therapien«
»Ambulante und teilstationäre Behandlungsangebote,
komplementäre Einrichtungen und Selbsthilfe«
»Ernährungshinweise bei psychischen Erkrankungen«
8
Vorlagen zur Herstellung von fünf Broschüren:
»Tagesplaner«
»Ernährungsprotokollheft«
»Eine kleine Bewegungspause«
»Krisenbroschüre«
»Krisenpass«
Außerdem stehen folgende Arbeitsmaterialien zum Download bereit:
Seminarankündigungen (als Textvorlagen – veränderbar)
Anmeldeformular
Evaluationsbögen:
Eingangserhebungsbogen
Feedback-Fragebogen (Patienten und Angehörige)
9
Danksagung
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,
bei der Erstellung des Manuals haben uns viele geholfen.
Für die Ermutigung, es zu schreiben, bedanken wir uns bei der Arbeitsgruppe »Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen«,
die unermüdlich nach dem Stand der Dinge fragte und uns bei
fachlichen und gestalterischen Fragen zur Seite stand.
Ferner danken wir:
Frau Anne Katrin Bläser vom Lektorat des Psychiatrie Verlages
gilt unsere Bewunderung für ihre Geduld während der vielen Überarbeitungen und bei der Mitgestaltung dieses Manuals.
Frau Dipl.-Psych. Dr. phil. Gabi Pitschel-Walz schrieb uns ein Geleitwort und half uns, die Literaturliste zur störungsspezifischen
Psychoedukation zu erstellen.
Herrn Dr. med. Volker Manger – er schrieb uns ebenfalls ein Geleitwort – verdanken wir den Beginn der Entstehungsgeschichte
dieses Manuals. Er hat als Chefarzt der Psychosozialen Trainingsstation im Klinikum Nord/Ochsenzoll in den 1990er-Jahren die
Entwicklung unseres psychoedukativen Vorgehens in seinen Anfängen unterstützt und sich damit für eine verbesserte Aufklärung
der Patientinnen und Patienten eingesetzt.
Mit fachlicher Beratung stand uns Herr Ansgar Piel, Facharzt für
Psychiatrie, zur Seite.
Bei Frau Dr. med. Sibylle Keivany möchten wir uns für die Mitgestaltung der Informationsblätter zur pharmakologischen Behandlung psychischer Störungen bedanken.
Frau Dr. sportwiss. Susanne Gentzsch erstellte die Broschüre »Eine
kleine Bewegungspause«.
Frau Christin Hoche gestaltete für uns zahlreiche Grafiken zu den
Folien der Ernährungs-, Bewegungs- und Tag-Nacht-RhythmusEmpfehlungen, der Tagesgestaltung, sozialen Kontakte und Grafiken im Zusatzmodul zur Stressbewältigung bei psychischen Erkrankungen. Hierfür möchten wir ihr danken.
Frau Antje Jungvogel vom Referat Fachmedien/Sektionskoordination der Deutschen Gesellschaft für Ernährung danken wir für ihre
fachliche Unterstützung bei der Gestaltung des Zusatzmoduls zur
Ernährung.
10
Danksagung
Herrn Matze Döbele danken wir für die zahlreichen grafischen
Darstellungen unserer Modelle.
Frau Britta Maria Jensen half als Fotomodell bei der Gestaltung
der Broschüren »Eine kleine Bewegungspause« und »Ernährungsprotokollheft«.
Herrn Ingo Ulzhöfer danken wir für die Hilfe bei der Verbesserung
der Präsentationsfolien und für das Verfassen des Textes zur Integrierten Versorgung.
Herr Murat Öztas unterstützte uns bei allen technischen Fragen.
Unseren Patientinnen und Patienten danken wir für die zahlreichen
Anregungen und Rückmeldungen.
Und ganz besonderer Dank gilt unseren Partnern und unseren Kindern für ihre Geduld und ihre emotionale Unterstützung.
11
Geleitwort I
Mit Blick auf mehr als dreißig Jahre Entwicklung der psycho­
edukativen Arbeit bin ich froh, dass die Bedeutung dieser Ansätze
zunehmend erkannt wird und dass Patienten und Behandelnden
mit diesem Manual von Maren Jensen u. a. endlich ein praxisorientiertes Buch an die Hand gegeben wird.
Psychoedukative Verfahren, wenn auch nicht als solche bezeichnet, haben eine lange und erfolgreiche Geschichte. Einen meiner
ersten persönlichen Eindrücke psychiatrischer Arbeit hatte ich als
Kind kurz nach dem Krieg, zu Besuch in der Klinik meines Großvaters. Damals wurde es als selbstverständlich betrachtet, dass
Patienten im Haus mithalfen und darüber ihr Selbstwirksamkeitserleben stärkten. Den Aufbruch in die moderne Sozialpsychiatrie
mit der gemeindenahen Betreuung der Patienten und die Erfolge
der modernen Psychopharmakotherapie mit Klinikverkleinerung
sowie vielfältigen Wohn- und Lebensformen außerhalb der Klinik
habe ich als Assistenzarzt mitgestalten können. Diese Reformen
brachten eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität von Patientinnen und Patienten.
Dennoch: In meiner Zeit als Chefarzt habe ich nur zu oft erleben
müssen, dass psychotherapeutische Möglichkeiten und psycho­
edukative Arbeit zu wenig genutzt und oft sogar abgelehnt wurden. Die Förderung der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen
und der Ansätze psychoedukativer Verfahren war mir daher stets
ein persönliches Anliegen. Es ist mir eine große Freude zu erleben,
dass jetzt ein Manual für diese Arbeit – ich möchte es eher Therapiebuch nennen – entstanden ist.
Das Manual ist die Frucht von vielen Jahren praktischer Erfahrung
mit psychoedukativer Therapie von Patientinnen und Patienten.
Alle Anleitungen folgen aus der Praxis, sind vielfach erprobt und
haben sich bei verschiedenen Krankheitsbildern bewährt. Das vorrangige Ziel ist es, den Patienten über sein Krankheitsbild möglichst genau zu informieren und zu ermutigen, aktiv sein Schicksal
in die Hand zu nehmen. Anders als in tiefenpsychologischen Verfahren wird nicht gedeutet, sondern konkret informiert und das
Bemühen des Patienten mit lerntheoretisch fundierten Hilfen ver-
12
Geleitwort I
stärkt. Obwohl wissenschaftlich anspruchsvolle Inhalte vermittelt
werden, ist das Manual leicht lesbar.
Für ein praxisorientiertes Manual zeichnet sich das vorliegende
Werk durch seinen Umfang, die klaren, handlungsorientierten
Hinweise und die nuancierte Übersicht von spezifischen Ansätzen
in den Einzelkapiteln aus. Der Umgang mit Ängsten, schon lange
ein Thema der Verhaltenstherapie, ist entsprechend differenziert
dargestellt. Das Kapitel reflektiert die Erkenntnisse der jüngsten
Forschung und bietet viele praktische therapeutische Anregungen.
Therapeutische Herausforderungen wie der Umgang mit Zwängen, ein Krankheitsbild, an dem eine Mehrheit von Therapieverfahren immer noch scheitert, sind klar herausgehoben, und entsprechende Hinweise auch auf pharmakotherapeutische Ansätze
gegeben. Im Anschluss an die störungsspezifischen Kapitel werden
die ersten Anzeichen einer sich anbahnenden Krise in einer Sprache geschildert, die Patienten nachvollziehen können, die ihnen die
Angst nimmt und sie ermutigt, rechtzeitig Hilfe anzunehmen. Dies
gilt im Besonderen bei der Schizophrenie – einem Gebiet, auf dem
sich psychoedukative Verfahren besonders bewährt haben.
Die Möglichkeiten der Gruppe durch Austausch und gegenseitige
Hilfe werden einfühlsam genutzt.
Das Kapitel über moderne Entspannungsverfahren befasst sich
mit den Angst- und Spannungszuständen, die eine Vielzahl von
Patienten quälen. Besonders zu loben ist die Betonung von Spannungsregulation als wichtige Differenzierung zur Entspannung:
Unerfahrene Therapeuten und Patienten werden oft davon überrascht, dass Entspannungsverfahren bei schwer kranken Patienten
paradoxerweise auch Angst auslösen können. Dies gilt speziell bei
Psychosen und traumatisierten Patienten. Für diese Patientinnen
und Patienten ist gerade das Erlernen von Spannungsregulierung
wichtig. Anspannung hat nicht automatisch jene negative Seite,
wie sie bei diesen Patienten als Problem auftritt; sie ist vielmehr
auch notwendig und positiv für die Behauptung im Leben. Lampenfieber kann lähmen, aber auch zu höchsten Leistungen anspornen.
Hinzugestellt haben die Autoren eine Reihe von innovativen Themen. So bietet der Bereich »gesundheitsförderndes Verhalten«
wichtige Anregungen zu Fragen, wie z. B. der gesunden Ernährung, die für Patienten und Therapeuten gleichermaßen wichtig
sind. Auch hier ist der Ansatz edukativ und betrifft die gesamte
Lebensgestaltung. Eine der kreativsten Ideen – interessanterweis­e
Geleitwort I
von Patientinnen und Patienten selbst entwickelt – ist die des Notfallkoffers, der für jeden Betroffenen individuell gepackt wird mit
konkreten Hinweisen: Wen kann ich anrufen? Wo ist Hilfe zu finden? Im Zentrum steht hier wieder der informierte Patient, der so
weit als möglich sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.
Dieses Manual ist eine große Hilfe für Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter: kurzum für alle, die mit psychisch Kranken zu tun
haben und Patientinnen und Patienten bei ihrer aktiven Arbeit an
ihren Problemen unterstützen wollen. Ich hätte viel dafür gegeben,
in der Assistenzzeit für meine Arbeit ein solches Buch zu haben!
Volker Manger, im Sommer 2009
Ehemalig Chefarzt der IV. Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Nord/Ochsenzoll in Hamburg
13
14
Geleitwort II
In den letzten dreißig Jahren hat Psychoedukation im deutschsprachigen Raum an Bedeutung gewonnen. In der Psychiatrie entstanden vor allem im Bereich der Schizophreniebehandlung vielfältige
Gruppenkonzepte, die in Manualform publiziert und in Studien
erforscht wurden. Die wissenschaftlichen Studien konnten die
Wirksamkeit von Psychoedukation bei schizophren Erkrankten
unter Einbezug ihrer Angehörigen belegen, sodass in den Therapieleitlinien zur Schizophreniebehandlung Psychoedukation ausdrücklich empfohlen wird.
Dennoch ist Psychoedukation keine Selbstverständlichkeit an
psychiatrischen Kliniken. Wie eine Umfrage in Deutschland,
Österreic­h und der Schweiz zeigte, erhält nur jeder fünfte Patient mit Schizophrenie ein psychoedukatives Gruppenangebot und
höchstens 2 % der Angehörigen. Bei anderen Diagnosen ist die
Verbreitung der Psychoedukation noch wesentlich geringer. Eine
Chance, diese Zahlen zu erhöhen, ist mit der Implementierung von
diagnosenübergreifenden Gruppen verbunden.
Maren Jensen hat schon vor vielen Jahren aus der Not eine Tugend
gemacht und ein psychoedukatives Konzept entwickelt, das geeignet ist, Patienten mit unterschiedlichen Diagnosen in einer Gruppe
zusammenzufassen. Über längere Zeit hat sie im ambulanten, tagesklinischen und stationären Setting ausgetestet, welche Informationen die unterschiedlichen Patienten benötigen und wie dieses
Informationspaket didaktisch sinnvoll und hilfreich in einem vertretbaren zeitlichen Rahmen umgesetzt werden kann. Ihre praktischen Erfahrungen zeigen, dass das diagnosenübergreifende Konzept nicht nur eine »Notlösung« darstellt, sondern durchaus auch
Vorteile gegenüber den diagnosenspezifischen psychoedukativen
Ansätzen haben kann: Das Verständnis der Patienten mit unterschiedlichen Diagnosen füreinander wird gefördert und dadurch
das Miteinander im Stationsalltag erleichtert. Vor allem Patienten
mit schizophrenen Störungen werden besser integriert und erleben
eine deutliche Entstigmatisierung.
Michael Sadre Chirazi-Stark hat sich als Initiator der »Arbeitsgruppe Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen« und
Geleitwort II
als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psycho­
edukation e. V. (DGPE), Maren Jensen durch ihre kontinuierliche
aktive Mitarbeit in der Arbeitsgruppe und der DGPE um die wissenschaftliche Fundierung und praktische Verbreitung von Psychoedukation verdient gemacht. Dieses wunderbare Manual ist
auch ein Ergebnis ihrer jahrelangen Arbeit auf diesem Gebiet.
In dem Manual beschreibt Maren Jensen nun praxisnah Inhalte
und Durchführung der diagnosenübergreifenden psychoedukativen Gruppen und bietet umfangreiches Material zur Ausgabe an
Patienten und Angehörige.
Dieses Manual kommt vielen Praktikern entgegen, die im Klinik­
alltag Schwierigkeiten haben, diagnosenhomogene psychoedukative Gruppen von ausreichender Größe zusammenzustellen. Das
diagnosenübergreifende Konzept richtet sich sowohl an Patientinnen und Patienten mit schizophrenen Störungen als auch an solche mit affektiven, somatoformen, Zwangs-, Angst-, Belastungs-,
Anpassungs- oder auch Persönlichkeitsstörungen. Die Gruppentherapeuten können aus dem Manual flexibel das Material auswählen, das sie jeweils zur Durchführung ihrer Gruppe brauchen,
und es an die Notwendigkeiten ihrer Einrichtung bzw. die Bedürfnisse der Teilnehmenden anpassen.
Bei der Lektüre des Manuals wird deutlich, dass die interaktive
psychoedukative Gruppenarbeit mit Patienten unterschiedlicher
Diagnosen sehr anspruchsvoll ist und erfahrene Gruppentherapeuten verlangt, die über fundiertes Wissen zu den verschiedenen
psychischen Störungen und zum therapeutischen Umgang mit
Patienten der unterschiedlichen Diagnosegruppen verfügen. Das
Manual mit den hervorragend ausgearbeiteten Materialien macht
aber andererseits auch den Psychoedukationsfachleuten Mut, eine
diagnosenübergreifende psychoedukative Gruppe zu initiieren.
Ich wünsche mir, dass dieses Manual eine weite Verbreitung findet und dass dadurch noch mehr Patientinnen und Patienten in den
Genuss von Psychoedukation kommen. Damit verbindet sich die
Hoffnung, dass möglichst viele psychisch Kranke die Informationen
erhalten, die sie brauchen, um sich selbstbewusst an Therapieentscheidungen beteiligen zu können und ihren Weg zu mehr Gesundheit und einem höheren Maß an Lebensqualität zu finden.
Gabi Pitschel-Walz, im Sommer 2009
Leitung Klinische Psychologie und Psychotherapie, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München; stellvertretende
Vorsitzende der DGPE e. V.
15
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Einleitung
18
Einleitung
Psychoedukation ist heute ein zentraler Therapiebaustein in der
Behandlung psychisch Erkrankter. Psychoedukative Methoden
wurden diagnosenspezifisch bereits in den siebziger und achtziger
Jahren des 20. Jahrhunderts – zunächst in den USA – zur Behandlung von schizophren Erkrankten unter Einbeziehung von deren
Angehörigen entwickelt und erfolgreich eingesetzt (siehe hierzu
Anderson u. a. 1980). Betroffene und Angehörige erhielten umfassende Informationen über schizophrene Erkrankungen, um eigenverantwortlich den weiteren Verlauf mit beeinflussen zu können. Die Betroffenen sollten dazu befähigt werden, sich wirksamer
vor einem Rezidiv, also einer erneuten akuten Krankheitsphase,
schützen zu können. Neben der gezielten Aufklärung über die Erkrankung ging es um die Wirkungen und Nebenwirkungen von
Neuroleptika und anderen Medikamenten sowie um die Entwicklung von gesundheitsförderndem Verhalten. Nach und nach erweiterte sich das Indikationsspektrum und Psychoedukation wurde
zunehmend auch in der Behandlung anderer psychiatrischer Erkrankungen eingesetzt, beispielsweise bei affektiven Störungen,
bei Persönlichkeitsstörungen und bei Abhängigkeitserkrankungen
(Hornung und Feldmann 2000). Seit Anfang der achtziger Jahre
wurden psychoedukative Gruppen auch in Deutschland etabliert
(Buchkremer 1990; Stark 1992; Kieserg und Hornung 1994),
und Anfang der neunziger Jahre entstanden erste deutschsprachige
Manuale für die Behandlung schizophren Erkrankter. Die Gesamtfamilienarbeit und die einbeziehende psychoedukative Arbeit mit
Angehörigen rückten dabei aus unterschiedlichen Gründen in den
Hintergrund. Mittlerweile liegen für fast alle psychiatrischen Störungen auf die jeweiligen Diagnosen bezogene Manuale vor. Hierzu möchten wir auf das »Handbuch der Psychoedukation für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin« (Bäuml
u. a. in Vorbereitung) aufmerksam machen, in dem von der Deutschen Gesellschaft für Psychoedukation unter Mitwirkung zahlreicher Autorinnen und Autoren die wichtigsten psychoedukativen
Vorgehensweisen bei unterschiedlichen psychischen Erkrankungen
in Psychiatrie und Psychosomatik dargestellt werden. Wenn Sie
störungsspezifische Psychoedukationsmanuale suchen, möchten
Einleitung
wir Sie auf unsere Literaturliste zur störungsspezifischen Psycho­
edukation gegen Ende unseres Manuals hinweisen.
Es gibt mehrere gute Gründe, auch diagnosen- also störungsübergreifende Psychoedukationsgruppen anzubieten. So stehen psychisch Erkrankte, weitgehend unabhängig von ihrer Diagnose, vor
der gleichen Herausforderung, eine die gesamte Person betreffende
Erkrankung und damit einhergehende Einschränkungen und Veränderungen in ihrem Lebensalltag zunächst einmal akzeptieren
zu lernen. Sie müssen sich bei einer stationären Behandlung auf
fremde Menschen einstellen, in einer Situation, in der sie zuweilen schon mit sich selbst überfordert sind. Sie sollen medizinische
und medikamentöse Fachbezeichnungen und Psychiatrie-Begrifflichkeiten verstehen und sich in einer für sie meist ungewohnten
Umgebung einfinden. Das fällt Menschen mit einer Schizophrenie
ebenso wenig leicht wie Menschen mit einer Angststörung, Depression oder einer anderen psychischen Beeinträchtigung. Der
Verlust von Autonomie, das Meistern des stationären Alltags, die
Auseinandersetzung mit der Zeit danach, mit Zukunftsperspektiven, mit Arbeitgebern, Partnern und Angehörigen und vielen
anderen Fragestellungen mehr sind nicht ausschließlich auf die
jeweilige Störung und Symptomatik beschränkt. Diagnosenübergreifend zu arbeiten, empfiehlt sich auch deshalb, weil viele erkrankte Menschen (»komorbid«) an mindestens einer weiteren
psychischen Störung leiden. Zudem wird die Entstehung und Behandlung psychischer Störungen heute mehrdimensional erklärt,
statt monokausale Ursachen für Symptome zu suchen (siehe z. B.
das Vulnerabilitäts-Stress-Modell oder das Handlungsmodell in
Sitzung 3). Unser Ziel ist es, Betroffenen solche Hilfen anzubieten,
die ihnen ihre jeweils ganz persönlichen Einflussvariablen und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten verdeutlichen, die sie für
ihre Gesundung, Gesunderhaltung und präventiv zur Abwendung
erneuter Krisen selbst anzuwenden lernen (siehe dazu besonders
die Sitzungen 7 – 11).
Aber auch die in den letzten beiden Jahrzehnten vollzogenen
Veränderungen im stationären Versorgungsalltag haben zu der
inzwischen großen Verbreitung diagnosenübergreifender Psychoedukation beigetragen. Für einen Überblick möchten wir Ihnen
im Folgenden historische Fakten und konkrete Zahlen aus der
klinischen Versorgungssituation psychisch Erkrankter vorstellen –
von den Anfängen in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts
bis heute.
19
20
Einleitung
Ende der achtziger Jahre machte Luderer (1989) durch eine
Studie darauf aufmerksam, dass von den Patienten der Psychia­
trischen Klinik mit Poliklinik der Universität Erlangen nur
55,5 % in etwa ihre Diagnose kannten und noch weniger ihre
Medikation und deren Dosierung (49 %). Nur etwa 32 % der
Patienten hatten eine einigermaßen korrekte Vorstellung von den
erwünschten Medikamentenwirkungen und lediglich 46,5 % waren in der Lage, wenigstens einen Teil der Nebenwirkungen zu
benennen, obgleich schon damals eine Aufklärungspflicht über
die Behandlung und deren Risiken bestand (Möllhoff 1981,
zit. nach Luderer 1989).
Obwohl auch vor zehn Jahren schon bekannt war, dass Psycho­
edukation die Rehospitalisationsrate und somit die Kosten für
die Krankenhausbehandlungen im psychiatrischen Kontext reduzieren kann, waren laut einer Umfrage von Rummel-Kluge u. a.
(2006, 2008) in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich
und der Schweiz noch im Jahre 2003 nur 21 % der Patienten mit
Schizophrenie und lediglich 2 % der Angehörigen Teilnehmer einer Psychoedukationsgruppe. Und obwohl Psychoedukation auch
bei anderen Störungsbildern wie den Suchtstörungen, den affektiven Störungen, Zwangs-, Angst- und Persönlichkeitsstörungen
nachweislich einen wichtigen Teil einer qualitativ guten Versorgung darstellt (siehe hierzu Hornung und Feldmann 2000), kamen in diesen Bereichen noch weniger Betroffene in den Genuss
von Psychoedukation. Eine erneute Umfrage 2009 von RummelKluge und Kollegen erbrachte, dass 2009 signifikant mehr Psychoedukation in den psychiatrischen Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeboten wurde als noch in ihrer ersten
Untersuchung (Rummel-Kluge u. a. 2006, 2008, 2013), jedoch
weiterhin vor allem bei Schizophrenien und Depressionen. Die Kliniken, die keine Psychoedukation anboten, gaben dabei als Grund
in der Untersuchung an, dass ihnen das Personal (Manpower) und
das entsprechende Wissen fehle bzw. zu wenig Zeit vorhanden sei
(Rummel-Kluge u. a. 2013).
Als eine wesentliche weitere Ursache wurden die niedrigen Fallzahlen
der jeweiligen Störungsbilder angegeben, sodass keine störungsspezifischen Gruppen zusammengestellt werden konnten. Allerdings
gaben in den vorgelegten Untersuchungen von Rummel-Kluge und
Kollegen bereits 23 % bzw. 25 % der befragten Kliniken an, diagnosenübergreifende Psychoedukation anzubieten, obwohl zu diesen
Zeitpunkten noch keine entsprechenden Manuale etabliert waren.
Einleitung
In der Bundesrepublik Deutschland werden jährlich über 1,2 Millionen vollstationäre psychiatrische Behandlungsfälle (F00 – F99)
in allen Fachabteilungen insgesamt gezählt, wobei 2012 796.885
Behandlungen in den Fachabteilungen für Psychiatrie und Psychotherapie durchgeführt wurden (Angaben laut Sonderauswertung
des Statistischen Bundesamtes 2014). Die durchschnittliche Verweildauer in den Fachabteilungen für Psychiatrie und Psychotherapie ist seit Jahren stark rückläufig und betrug für das Jahr 2012
durchschnittlich 22,4 Tage. Insgesamt meldete das Statistische
Bundesamt 410 Fachabteilungen für Psychiatrie und Psychotherapie mit ca. 54.000 Betten (Statistisches Bundesamt 2013).
Laut einer Sonderauswertung des statistischen Bundesamtes (2014)
stellten Menschen mit Suchtmittelgebrauch (ICD-10: F10 – F19)
2012 mit 33,9 % der Behandlungsfälle den größten Anteil der in den
Fachabteilungen für Psychiatrie und Psychotherapie behandelten
Patienten dar. Innerhalb dieser Gruppe bildeten Störungen durch
Alkohol mit fast 73 % die größte Untergruppe. 27,2 % der gesamten Behandlungsfälle in den Fachabteilungen für Psychiatrie und
Psychotherapie stellten 2012 die Patienten mit affektiven Störungen
dar (ICD-10: F30 – F39), 16,2 % Patienten mit Schizophrenie, schizotypen und wahnhaften Störungen (ICD-10: F20 – F29).
8,9 % der behandelten Patienten waren an neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen erkrankt (ICD-10:
F40 – F48), worunter auch Angst- und Zwangserkrankungen sowie Anpassungsstörungen fallen.
4,1 % der Patienten erhielten die Diagnose einer Persönlichkeitsoder Verhaltensstörung (ICD-10: F60 – F69).
Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (ICD-10: F90 – F98) machten 0,2 % der Behandlungsfälle aus. Hierbei finden sich Störungen wie z. B. hyperkinetische Störungen und solche des Sozialverhaltens sowie der
Emotionen.
Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren (ICD-10: F50 – F59) wie Essstörungen, nichtorganische
Schlafstörungen oder sexuelle Funktionsstörungen, nicht verur­
sacht durch organische Störung oder Krankheit, stellten eine kleine Gruppe von 0,3 % dar.
Patienten mit Intelligenzminderung (ICD-10: F70 – F79) oder Entwicklungsstörungen (ICD-10: F80 – F89) waren mit zusammen weniger als 1 % der Behandlungsfälle in den vollstationären Fachabteilungen für Psychiatrie und Psychotherapie vertreten.
21
22
Einleitung
Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen (ICD-10: F00 – F09), worunter auch die demenziellen Erkrankungen gefasst werden, bildeten 8,4 % der Patientenklientel
in den Fachabteilungen für Psychiatrie und Psychotherapie.
Psychiatrische Großkrankenhäuser mit über 1.000 Betten gehören in Deutschland mittlerweile nahezu der Vergangenheit an, lediglich sechs Krankenhäuser mit ausschließlich psychiatrischem,
mit psychiatrischem und psychotherapeutischem oder mit psychotherapeutischem und neurologischem und/oder geriatrischem
Schwerpunkt, die über 500 und mehr Betten verfügten, wurden
2012 noch gezählt (Statistisches Bundesamt 2013). Psychiatrische
Krankenhäuser und Fachabteilungen haben heute in der Regel
nicht mehr als 200, die meisten sogar weniger als 100 Betten.
Manche Krankenhäuser und Abteilungen bieten Spezialstationen
für einzelne Störungsbilder an wie z. B. Suchtstationen, Stationen
für depressive oder Trauma-Patienten, Aufnahmestationen für
akut Erkrankte oder Stationen für Patienten mit psychotischen
Störungen. In den allgemeinen Versorgungskliniken werden jedoch – eben durch die geringe Bettenanzahl – in der Regel zum
gleichen Zeitpunkt auf einer Station Patienten behandelt, die an
unterschiedlichen Störungen leiden. Will man dann die eine oder
andere Patientengruppe weder vernachlässigen noch bevorzugen,
ist es bei außerdem zunehmendem Sparzwang durch die Kostenträger und damit einhergehender Personalknappheit wichtig, effiziente und störungsübergreifende Gruppenbehandlungskonzepte
anzubieten. Bis vor Kurzem gab es jedoch noch wenig Wissen,
wie Patientengruppen mit unterschiedlichen Diagnosen gleichzeitig behandelt werden können. Es gab zwar wie oben beschrieben
bereits eine Vielzahl störungsspezifischer Literatur zur Durchführung psychoedukativer Gruppen (siehe Literaturliste zur störungsspezifischen Psychoedukation), aber noch kaum Manuale
für störungsübergreifende Behandlungskonzepte. Aus diesem
Grund wurde seit 1994 an der hier vorgestellten diagnosenübergreifenden Behandlungsweise gearbeitet und unser Vorgehen –
innerhalb von klinischen Arbeitsgruppen und Schulungen – an
andere statio­när arbeitende Kolleginnen und Kollegen weitervermittelt. 2003 wurde unser Konzept erstmals öffentlich dargestellt in Bäuml und Pitschel-Walz (Hg.): Psychoedukation bei
schizophrenen Erkrankungen (1. Aufl., S. 137 – 150) und 2010
schließlich in der Erstauflage des vorliegenden Manuals veröffentlicht.
Einleitung
23
Literatur zur Vertiefung: Bäuml, J. und Pitschel-Walz, G.: Zur
Geschichte der Psychoedukation. In: Bäuml, J. und PitschelWalz, G. (Hg.) (2008): Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen. 2., erweiterte u. aktual. Aufl., Stuttgart, New York:
Schattauer, S. 37 – 41.
Siehe auch die Literaturliste zur störungsspezifischen Psychoedukation.
œ
Auch im ambulanten Bereich wird inzwischen zunehmend Psychoedukation angeboten. Durchsucht man das Internet nach psychoedukativen Angeboten, wird man häufig fündig bei Anbietern
von Rehabilitationsträgern. In verhaltenstherapeutischen Behandlungsplänen ist der Punkt »Psychoedukation« heute fast selbstverständlich, und die Inhalte werden oft auch über verschiedene Dia­
gnosen hinweg vermittelt. Psychoedukation ist somit inzwischen
ein etablierter Behandlungsbaustein einer Therapie, die auf Respekt, Ressourcenorientierung und Stärkung der Autonomie und
Eigenverantwortung der Betroffenen setzt.
Das Anbieten von Psychoedukationsgruppen hat im ambulanten
Bereich noch einen weiteren Vorteil: So geht aus einer Studie der
Bundespsychotherapeutenkammer (2011) hervor, dass Patientinnen und Patienten in Großstädten zwei bis drei Monate auf
ein Erstgespräch bei einem Psychologischen Psychotherapeuten
warten müssen, in ländlichen Regionen sogar noch länger – bis
zum Erstgespräch haben sich die Betroffenen oft schon mehrere
Ablehnungen von überlaufenen Psychotherapiepraxen eingeholt.
Und das heißt nicht, dass die Therapie dann auch beginnen kann,
fordert doch das Antragsprozedere auf Kostenübernahme bei den
Krankenkassen noch weiteres Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz. Von der Anfrage bis zum eigentlichen Behandlungsbeginn dauert es im Schnitt 17,4 Wochen, woraus sich auch die
letztlich niedrige Therapieaufnahmezahl von nur gut der Hälfte
der Hilfesuchenden, nämlich 51,6 %, erklärt. Bis zum Beginn einer
Psychotherapie – zur Überbrückung der Wartezeit und zur Vorbereitung auf die Einzeltherapie – kann also die Aufnahme in einer
offenen diagnosenübergreifenden oder auch störungsspezifischen
Psychoedukationsgruppe eine große Hilfe für die Betroffenen darstellen. Selbst wenn sich dann Teilnehmer an einer Psychoedukationsgruppe entscheiden, im Anschluss keine weitere psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, so haben sie
zumindest eine Erklärung für ihre Störung. Sie kennen geeignete
Behandlungsmöglichkeiten und haben erfahrungserprobte Anre-
24
Einleitung
gungen zu gesundheitsförderndem Denken und Handeln erhalten.
Auf eine eventuelle Verschlechterung ihrer Symptome sind sie mit
einem individuellen Krisenmanagement vorbereitet und sie haben
in jedem Fall andere Betroffene kennengelernt, soziale Unterstützung erfahren und möglicherweise sogar Bekanntschaften oder
Freundschaften geknüpft.
Aber auch außerhalb der psychotherapeutischen und psychia­
trischen Versorgung findet heute diagnosenübergreifende Psychoedukation erfolgreich statt. So liegen inzwischen Erfahrungen
im Bereich der Wohnungslosenhilfe vor (Niebauer 2011 bzw.
2012/2013).
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Ziele und Besonderheiten der
diagnosenübergreifenden
Psychoedukation
Die Wurzeln der Psychoedukation sind am ehesten in der Verhaltenstherapie zu finden. Das Vorgehen umfasst ein breites Spektrum psychotherapeutischer Interventionen und richtet sich an
Patienten und Angehörige in verschiedenen Lebenskontexten und
in unterschiedlichen Behandlungssettings wie stationären, teilstationären und ambulanten Kliniken und Einrichtungen, aber auch
Rehabilitations-, Wohn- und Betreuungsstätten sowie psychia­
trischen und psychotherapeutischen Praxen.
Ein übergeordnetes Ziel der diagnosenübergreifenden Psychoedukation ist es – genau wie beim störungsspezifischen Vorgehen –,
den Genesungsprozess des Patienten durch einen informierten
Umgang mit seiner psychischen Erkrankung und seine aktive Mitgestaltung des Behandlungs- und Genesungsprozesses zu fördern.
Dabei spielt das Einordnen in die eigene Lebensgeschichte und das
Akzeptieren der persönlichen Vulnerabilität eine bedeutende Rolle, um darauf aufbauend die individuellen psychischen und somatischen Ressourcen zu fördern und zu stärken und entsprechend
die Bewältigungsfertigkeiten zu verbessern. Um dies zu erreichen,
erscheint uns eine umfangreiche Informationsvermittlung notwendig, beispielsweise über
•Berufsbezeichnungen und -inhalte der in der Psychiatrie Tätigen,
wie Psychiater, Psychologe, Psychotherapeut, Ergotherapeut,
•Diagnosen und den Prozess der Diagnosenfindung,
•Ursachen psychischer Störungen anhand von Erklärungsmodellen,
•auslösende und aufrechterhaltende Faktoren psychischer Störungen,
•mögliche Krankheitsverläufe,
•Frühwarnzeichen und Frühsymptome,
•Behandlungsverfahren und deren Wirkungsweisen,
•medikamentöse Therapie,
•Psychotherapie,
•supportive Therapieverfahren wie Ergotherapie und Bewegungstherapie,
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Einleitung
•den verbesserten Umgang mit Belastungen und Stressmanagement,
•gesundheitsförderndes Verhalten,
•sozialpädagogische Unterstützung,
•weitergehende außerklinische Hilfsangebote.
Es ist uns ein Anliegen, dass Patientinnen und Patienten bereits
während des stationären Krankenhausaufenthalts und vertiefend
in der ambulanten Behandlung die Möglichkeit erhalten, vieles
von dem in der Gruppe Erfahrenen oder Angeregten im stationären oder häuslichen Umfeld zu erproben, damit sie einen Eindruck davon bekommen, was ihnen im Krisenfall helfen und sie
im Alltag stabil halten kann. Dazu gehört auch, dass sie ermutigt
werden, Behandlungen zu hinterfragen oder Auskunft einzufordern, zum Beispiel über Wirkungen und Nebenwirkungen der
Medikamente.
Bei der Wissensvermittlung und gemeinsamen Erarbeitung der
inhaltlichen Themen kommen vielfältige Methoden zum Einsatz;
insbesondere für die Darstellung komplexer Hintergründe sind didaktische Techniken gefragt, etwa bei der
•Erklärung der in der Psychiatrie gebräuchlichen Begriffe,
•Darstellung der verschiedenen Erkrankungsformen,
•Auseinandersetzung mit den komplexen Entstehungsbedingungen
psychischer Krisen und Erkrankungen,
•Informationsvermittlung über medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung,
•Aufklärung über ambulante (»extramurale«) Nachsorge.
Wie in der Verhaltenstherapie werden auch Selbstbeobachtungstechniken genutzt, so beim
•Erkennenlernen von Frühwarnzeichen und ersten spezifischeren
Krankheitszeichen (Frühsymptomen) psychischer Krisen;
•Erkennen von auslösenden Faktoren psychischer Krisen – dysfunktionalen Gedanken, Belastungen (äußeren/inneren Stressfaktoren),
eigener Überforderung;
•Erkennen von aufrechterhaltenden Faktoren, z.B. dem Verlust von
positiven Verstärkern durch Wegfall der Teilhabe am Arbeitsleben oder am Familiengeschehen, durch emotionale Belastungen
in Form von Familienkonflikten, somatischer Krankheit und/oder
Chronifizierung.
Kompetenzen/Bewältigungsfertigkeiten werden aufgebaut durch
•die Erhöhung eigener Krankheitsbewältigungs- und Problemlösefähigkeiten,
Ziele und Besonderheiten der diagnosenübergreifenden Psychoedukation
•die Vermittlung von Wissen bezüglich medikamentöser Behandlung,
•die Anwendung von Krisenplan, Notfallkoffer und Krisenpass,
•das Erlernen von gesundheitsförderndem Verhalten,
•das Wissen über und das Annehmen von geeigneten Beratungsund Hilfsangeboten.
Wurde früher häufig nur in der Großgruppe gearbeitet, so hat es
sich inzwischen bewährt, diese Arbeitsweise durch Einzel- und
Kleingruppenarbeit aufzulockern und es damit den Patientinnen
und Patienten zu ermöglichen, ihre persönlichen Ressourcen und
Möglichkeiten noch intensiver zu reflektieren.
Für den Anwender ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass
die Gruppenteilnehmenden oft unter starken Emotionen leiden,
sich wegen ihrer Beeinträchtigungen schämen, Angst vor Ablehnung und häufig wenig Selbstvertrauen haben, tatsächlich weniger
belastbar und schneller überfordert sind. Wie in humanistischen
Therapieformen sollte die Grundhaltung der Gruppenleitung daher besonders wohlwollend und durch »klientenzentrierte« Haltungen wie Freundlichkeit, Echtheit, Toleranz, Offenheit, Achtsamkeit und vor allem Geduld geprägt sein.
Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Nutzen und den Risiken von Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen fanden wir bei Frederike Schmidt (2012). Wir teilen ihre Auffassung
und Schlussfolgerungen in vielen Punkten. Auch aus unserer Sicht
sollten in der diagnosenübergreifenden Psychoedukation nicht lediglich Informationen vermittelt werden oder die »Medikamenten-Compliance« im Vordergrund stehen, sondern es sollte ein
positives, selbstwirksames Selbstkonzept und das Vertrauen in die
eigenen Fähigkeiten, Krisen aktiv zu erkennen und zu überwinden sowie optimistischer in die Zukunft zu blicken, unterstützt
werden. Wir sehen die Weiterentwicklung und die Haltung der
diagnosenübergreifenden Psychoedukation in der Beteiligung der
Teilnehmenden als Partner unter dem Motto »Von der PsychoEdukation zur Psycho-Edu-Aktion!«.
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Wissenschaftliche Erforschung
Das vorliegende diagnosenübergreifende psychoedukativ-thera­
peutische Vorgehen wurde aus der Versorgungspraxis heraus
entwickelt und findet auch hier seine Anwendung. Seine Effizienz
konnte durch eine erste Forschungsarbeit im Rahmen einer Diplomarbeit für Patienten mit Psychoseerkrankungen bestätigt werden. Hier wurde dargestellt, dass Patienten mit Psychosen etwa
im selben Maße von diagnosenübergreifender Psychoedukation
profitierten wie von psychosespezifischer Psychoedukation. Die
Untersuchung wurde an Patienten einer psychiatrischen Institutsambulanz durchgeführt und es wurden lediglich die Daten der
Patienten mit Psychoseerkrankungen in die Untersuchung aufgenommen. Obwohl nur eine kleine Anzahl von Patientinnen und
Patienten (15) untersucht wurde, ergeben sich daraus erste Hinweise auf die Wirksamkeit der diagnosenübergreifenden Behandlung (Vellguth 2008).
Niebauer (2011 bzw. 2012/2013) und Rabovsky u. a. (2012 a, b)
konnten ebenfalls erste erfolgversprechende Forschungsergebnisse
zum diagnosenübergreifenden Vorgehen vorlegen. Über die Wirksamkeit diagnosenübergreifenden psychoedukativen Vorgehens
ist ansonsten bislang noch wenig publiziert, was der Komplexität dieser Anwendung geschuldet ist und der daraus erwachsenden Schwierigkeit, die zu messenden Daten zu operationalisieren.
Erscheint es bereits schwierig, Erfolgskriterien für die positive
Wirkung störungsspezifischer Verfahren zu postulieren, etwa
Symptomrückgang, Rückgang der Wiedererkrankungsfrequenz,
keine erneute Aufnahme in ein psychiatrisches Krankenhaus, Sinken der Notwendigkeit einer medikamentösen Dauerbehandlung
oder Lebensqualitätsverbesserung, so gestaltet sich die detaillierte
Erfolgszuschreibung noch schwieriger für ein diagnosenübergreifendes Vorgehen, will man der Spezifität der einzelnen Störungen
gerecht werden und zum anderen die allgemeinen Kriterien für
Behandlungserfolge und zusätzlich deren Wirksamkeit in der Versorgungspraxis abbilden. Einigkeit besteht jedoch darüber, dass
Psychoedukation wirksam und effizient dazu beiträgt, Patienten,
die sich in einem negativen psychischen Zustand befinden, dazu zu
Wissenschaftliche Erforschung
befähigen, mehr Unabhängigkeit und individuelle Möglichkeiten
zu entwickeln, um eine Genesung zu erreichen oder zumindest ihr
Leid zu verringern.
Eine Evaluierung ist aus Gründen der Wissenschaftlichkeit, zum
Beleg der Effizienz und zur Qualitätssicherung grundsätzlich bei
allen Maßnahmen unerlässlich. Wir empfehlen daher bei jedem
Gruppenstart den Einsatz standardisierter Messverfahren, beispielsweise SCL-90-R (Symptom-Checkliste von L. R. Derogatis),
und je nachdem, ob Sie auch Verläufe bezüglich der spezifischen
Störungen erheben wollen, einen symptombezogenen Fragebogen,
etwa Beck-Depressions-Inventar (BDI-II) oder Eppendorfer Schizophrenie-Inventar (ESI).
Eine darüber hinausgehende systematische weitere Beforschung
und Darstellung ist für den Anwender wegen des Zeit- und Methodenaufwands zusätzlich zur täglichen Arbeit im Klinikalltag
zwar eine Herausforderung, jedoch unbedingt wünschenswert,
um damit zur weiteren Verbreitung dieses wirksamen Vorgehens
beizutragen.
Mit der Veröffentlichung dieses Manuals möchten wir zu standardisierten Untersuchungen mit Kontrollgruppen ermutigen. Wir
würden uns über das Mitwirken und weitere konkrete Rückmeldungen der Anwender und der in der Forschung tätigen Kolleginnen und Kollegen freuen.
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Zur Entstehung des Manuals
Bereits Ende der 1980er-Jahre wurde ein psychoedukatives Kurzprogramm für Patienten mit schizophrenen Erkrankungen in der
Psychiatrischen Tagesklinik des Universitätskrankenhauses Eppendorf von Michael Stark und seinen Mitarbeitern eingesetzt.
Auf dieser Basis und dem 1992 von Stark erschienenen Artikel,
in dem die Effizienz einer strukturierten Informationsvermittlung
und die Erhöhung der Belastungsfähigkeit schizophren Erkrankter wissenschaftlich dargestellt und zudem die Frage diskutiert
wurde, wie die positiven Effekte dieser Gruppenbehandlungsform
aufrechtzuerhalten seien (Stark 1992), entwickelte Maren Jensen
1994 eine diagnosenübergreifende Fassung für eine Psychosoziale
Trainingsstation im Klinikum Nord in Hamburg-Ochsenzoll, die
später an die Erfordernisse anderer psychiatrischer Behandlungseinheiten adaptiert und weiterentwickelt wurde.
Die Situation auf der Psychosozialen Trainingsstation spiegelte
eine psychiatrisch alltägliche Realität wider: Die Station hatte zwölf Behandlungsplätze für Patienten mit unterschiedlichen
Dia­gnosen, die aufgrund des Schweregrades und der Chronifizierung ihrer Erkrankung nicht mehr oder noch nicht im eigenen
Wohnraum oder in Übergangswohnheimen leben konnten und
eine intensive medizinische Versorgung benötigten. Es wurden
in einer Behandlungseinheit also Patientinnen und Patienten mit
schizophrenen Psychosen, affektiven Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Zwängen und Ängsten zeitgleich behandelt. Aufgabe des Teams war es, die Patienten in ihrem Gesundungsprozess
ärztlich, psychologisch, sozialpädagogisch und pflegerisch so zu
unterstützen, dass ein Wohnen im eigenen Wohnraum perspektivisch möglich wurde. Das beinhaltete für den einzelnen Patienten u.a. die Aufklärung über die Erkrankung, das rechtzeitige
Erkennen von erneuten Krisen, ein »maßgeschneidertes« Krisenmanagement, eine gesunde Lebensführung sowie die Befähigung,
sich im »Dschungel« der psychiatrischen Versorgungslandschaft
einer Großstadt zurechtzufinden.
Ausgehend von den damals für Patienten mit schizophrenen Erkrankungen vorhandenen psychoedukativen Methoden (Stark
Zur Entstehung des Manuals
1992; Kieserg und Hornung 1994) stellte sich dem Behandlungsteam nun die Aufgabe, ein eigenes Vorgehen für die gleichzeitige Behandlung von Patienten mit unterschiedlichen Diagnosen
zu entwickeln. Bei der Aufklärung über psychische Erkrankungen
im Allgemeinen und im Speziellen stellte sich zudem heraus, dass
die Patienten sich im Vokabular der Behandelnden verloren fühlten und es außerdem zunächst als ungewohnt empfanden, als
»Patienten« (lat.: »die Erduldenden«) eigenständig-tätig am Gesundungsprozess mitzuwirken. Dies hat sich bis heute kaum verändert. Deshalb enthält das heutige Vorgehen Elemente, die bei
den Patientinnen und Patienten ein Verständnis des unter Fachleuten gebräuchlichen Vokabulars bewirken sollen, um letztendlich eine »gemeinsame Sprache« zu finden. Denn nur wer versteht,
kann auch mitreden und mitentscheiden.
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Zielgruppe
Wie geschildert, wurde das diagnosenübergreifende psychoedukative Vorgehen für die gleichzeitige Behandlung von Patientinnen
und Patienten mit unterschiedlichen Diagnosen im stationären,
teilstationären und ambulanten psychiatrischen und psychotherapeutischen Setting konzipiert. Auch eignet es sich für extramurale
Einrichtungen wie Übergangswohnheime, Patiententreffs und Einrichtungen des Betreuten Wohnens sowie in der Wohnungslosenhilfe.
Das Manual dient in erster Linie als Leitfaden für das Durchführen
von Betroffenengruppen, kann jedoch gleichermaßen für Angehörigengruppen oder für Gruppen, an denen sowohl Angehörige als
auch Patienten teilnehmen, genutzt werden. Dies ist sogar ausdrücklich erwünscht: Lincoln u. a. schlussfolgern in ihrer MetaAnalyse zu Studien über die Effektivität von Psychoedukation bei
schizophrenen Erkrankungen (2007), dass die deutlichsten Verbesserungen im Hinblick auf Rückfälle, Symptome, Kenntnisse,
Funktion und Medikamenteneinnahme beim Einsatz von Psychoedukation mit Einbeziehung von Angehörigen erzielt wurden. Um
Ihnen als Nutzerin oder Nutzer des Manuals diesbezüglich mehr
Flexibilität zu ermöglichen, haben wir inzwischen zusätzliche Sitzungen zur Vertiefung einzelner wichtiger Themen konzipiert, die
Sie entsprechend Ihrer vorhandenen Rahmenbedingungen und
Bedürfnisse einsetzen können (Stressbewältigung bei psychischen
Erkrankungen, Ernährung bei psychischen Erkrankungen, Entlassungsvorbereitung, Beteiligung von Angehörigen). Damit können
Sie Gruppen flexibler gestalten, in denen Patienten und Angehörige getrennt oder gemeinsam teilnehmen.
Auf die Besonderheiten sowie Vor- und Nachteile von gemischten und getrennten Patienten- und Angehörigengruppen gehen wir
ausführlich im Abschnitt »Zusammensetzung der Gruppe« ein.
Wir freuen uns, wenn dieses Konzept auch über den Klinikrahmen
hinaus als Anregung für niedergelassene Psychiater und Psychotherapeuten sowie andere Versorgungseinrichtungen bei der Gestaltung von psychoedukativen Gruppen oder als Informationsgrundlage in Einzelgesprächen dient.
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