Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft

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Individuelle Machbarkeit
aktiver Vaterschaft
Eine Befragung von Vätern
über das erste Lebensjahr ihres Kindes
Wien 2004
ENDBERICHT
durchgeführt vom Österreichischen
Institut für Kinderrechte & Elternbildung
Autorin: Maga Sonja Brauner
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Impressum:
Österreichisches Institut für Kinderrechte & Elternbildung
Ballgasse 2
A-1010 Wien
Tel: 01/ 513 83 93
Im Auftrag der:
Oberösterreichischen Landesregierung
Abteilung Jugendwohlfahrt
Bahnhofsplatz 1
A - 4021 Linz
2
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Inhalt:
Einleitung.............................................................................................................S.
4
I.
Partnerschaft und Lebensentwürfe...........................................................S.
5
I.1.
Traditionell.................................................................................................S.
6
I.2.
Pragmatisch...............................................................................................S.
7
I.3.
Modern:Halbe/Halbe..................................................................................S.
9
II.
Beziehung zum Kind..................................................................................S. 11
II.1.
Die Geburt..................................................................................................S. 11
II.2.
Was Männer im ersten Monat alles tun..................................................... S. 13
II.3.
Veränderung der Beziehung zum Kind im ersten Jahr.............................. S. 15
III.
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft..............................................S. 16
III.1.
Erfahrungen in der eigenen Kindheit .........................................................S. 17
III.2.
Reflexion des Rollenverhaltens in der Jugend...........................................S. 20
III.3.
Das Alter der Väter.....................................................................................S. 21
III.4.
Einstellung zur Vaterschaft.........................................................................S. 22
IV.
Veränderung der Beziehung zur Partnerin................................................ S. 23
V.
Maßnahmen zur Förderung aktiver Vaterschaft.........................................S. 26
VI.
Resümee....................................................................................................S. 28
Kurzbeschreibung der befragten Väter.................................................................S. 30
Studiendesign ......................................................................................................S. 31
Literatur.................................................................................................................S. 32
3
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Einleitung
Ein Drittel aller Väter1 will gerne in Karenz gehen, aber nur etwas mehr als 2 Prozent
verwirklichen diesen Wunsch. Zwei Drittel der jungen Männer definieren sich primär
als Erzieher (Zulehner, 2003), sie bemühen sich um eine tiefe emotionale Beziehung
zu ihrem Kind und wollen es auch fürsorglich betreuen. Das reale Engagement der
Väter entspricht bei weitem nicht ihren in Studien artikulierten Bedürfnissen. Es gibt
quantitative Erhebungen zum Themenkreis Männlichkeit und Vaterschaft, aber keine
qualitative Ursachenforschung. Unsere mittels Tiefeninterviews angelegte Befragung
versuchte herauszufinden, wieso Wunsch und Wirklichkeit des väterlichen
Engagements so stark auseinander klaffen.
Es wurde bei der Befragung vor allem auf die individuelle Machbarkeit von aktiver
Vaterschaft fokussiert. Folgende Themenbereiche wurden erhoben: Die Beziehung
zum Kind, die Beziehung zur Frau, die Reflexion des eigenen Vater- und
Männlichkeitsbildes, sowie die Beziehung zur Herkunftsfamilie mit besonderer
Berücksichtigung des Vaters. Wir versuchten herauszufinden, auf welche
förderlichen und hemmenden Faktoren Väter im ersten Lebensjahr ihres Kindes in
Beruf, Partnerschaft, Gesellschaft und in ihrem Bewusstsein gestoßen sind.
Befragt wurden Väter mit einjährigen Kindern, um den Übergang zur Vaterschaft und
die damit verbundenen Einstellungs- und Verhaltensänderung herauszufiltern. In der
Familienforschung werden Übergangsphasen als Zeiten der Risiken und Chancen
betrachtet, denn diese beinhalten individuelle, familiäre und kontextuelle
Veränderungen zur Anpassung an die neue Situation. Die Väter erzählten in den
Interviews wie sie die Geburt, das erste Monat und die weitere Entwicklung ihres
Kindes erlebt haben und welche Auswirkung diese Erlebnisse auf ihre zukünftige
Lebensplanung haben.
Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse:
•
Väter verbringen viel mehr Zeit mit ihren Kindern als ihre Väter mit ihnen.
Sie sind bei der Geburt dabei und versorgen von Anfang an aktiv ihre Kinder und
lassen sich voll auf eine intensive Beziehung zum Kind ein.
•
Väter sind nach wie vor sehr erwerbsorientiert, aber sie sind bereit ihre Frauen zu
unterstützen, damit diese den Anschluss im Beruf nicht verlieren. Kinder werden
genau geplant und die Betreuung so gut es geht partnerschaftlich aufgeteilt.
•
Die Beziehung zwischen den Eltern verändert sich stark im ersten Lebensjahr.
Alles dreht sich um das Kind, es bleibt kaum Zeit für die Paarbeziehung und
kaum Zeit zum Rückzug zur eigenen Regeneration.
•
Aktive Vaterschaft basiert auf den Erfahrungen aus der eigenen Kindheit und der
Reflexion darüber. Unterstützende Faktoren sind eine gute Beziehung zum Vater,
Solidarität mit der Mutter, sowie Erfahrungen mit jüngeren Geschwistern.
1
Stampler 2004, Lehner 2003b
4
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
I. Partnerschaft und Lebensentwürfe
Die moderne Gesellschaft befindet sich in einem Umbruch. Vor allem der Bereich
Partnerschaft hat sich durch das gestiegene Erwerbsverhalten von Frauen stark
verändert. Dazu kommt ein radikaler Wandel am Arbeitsmarkt, in Richtung
vielfältigere und instabilere Erwerbsformen und Erwerbsverläufe. Diese
Veränderungen haben starke Auswirkungen auf die innerfamiliäre Verteilung der
bezahlten Erwerbsarbeit und unbezahlten Betreuungs- und Reproduktionsarbeit.
Innerhalb der Rollenaufteilung zwischen Männer und Frauen geht der Trend weg von
den traditionellen Ein-Rollen-Modellen2. In diesen wurde strikt zwischen
Erwerbstätigkeit und Betreuungstätigkeit getrennt und diese konnte nie gleichzeitig,
sondern stets nur in zeitlicher Abfolge hintereinander, ausgeübt werden. Diese
Modelle führen zur klassischen Aufteilung, zwischen dem Mann als Ernährer und der
Frau als Hausfrau und Mutter, die einige Jahre für die Kinderbetreuung ihre
Erwerbstätigkeit unterbricht. Die Zukunft liegt in den Zwei-Rollen-Modellen, die sich
durch eine Gleichzeitigkeit zwischen Berufs- und Familienorientierung auszeichnen.
Innerhalb dieser beiden Basismodelle gibt es zahlreiche Variationsmöglichkeiten, wie
sie auch in unseren Interviews zum Ausdruck kamen.
Ein Kind zu bekommen, ist heute ein Planungsprojekt. Die meisten Kinder waren
Wunschkinder und die Partnerschaften haben - mit drei Ausnahmen - schon sehr
lange bestanden. Einige haben Jahre lang diskutiert und verhandelt, und im Vorfeld
genau die zukünftige Arbeitsteilung abgeklärt. Neben der Einstellung zum Kind und
der Lebenssituation des Vaters hat das Verhalten der Mutter eine große Auswirkung
auf die Möglichkeiten des Vaters3. Die von uns befragten Väter hatten optimale
Voraussetzungen zum Vatersein, denn ihre Partnerinnen erwarteten schon vor der
Geburt des Kindes, dass sie aktive Väter werden.
In den Interviews kamen sehr verschiedene Lebensentwürfe zum Vorschein. Die
befragten Paare haben sehr kreative Lösungen gefunden, um die Kinderbetreuung
mit der Erwerbsarbeit vereinbaren zu können. Die innerfamiliäre Arbeitsteilung
zwischen Vater und Mutter reicht von ein bisschen Mithelfen bis hin zu Halbe/Halbe,
wo bezahlte Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und unbezahlte Hausarbeit zwischen
Vater und Mutter partnerschaftlich aufgeteilt werden. Wie auch die aktuelle
Männerstudie (Zulehner, 2003) zeigt, sind Väter eher bereit, ihre Arbeitszeit zu
reduzieren als voll aus dem Erwerbsleben auszusteigen.
Abb. 3: Die Einstellung der befragten Paare und ihre Arbeitsteilung
Traditionell: Vater
Traditionell: Mutter
Vater voll erwerbstätig
Mutter 1 bis 2 Jahre in Karenz
Pragmatisch: Vater
Pragmatisch: Mutter
Vater voll erwerbstätig, betreut das Kind
Mutter arbeitet Teilzeit, mit Hilfe externer
regelmäßig (z.B. 1 Tag pro Woche)
Kinderbetreuung oder Oma
Modern: Vater
Modern: Mutter
Vater nach der Mutter in Karenz
Mutter einige Monate in Karenz
Vater arbeitet tageweise
Mutter arbeitet tageweise
Vater arbeitet Teilzeit
Mutter arbeitet Teilzeit
Vormittag Kind / Nachmittag Job
Vormittag Job / Nachmittag Kind
2
4. Österreichischer Familienbericht, Band 2, 1999
Die Mutter steht zwischen Vater und Kind, sie kann ihm den Zugang zum Kind erschweren und
sogar verweigern. Die Rolle der Frau wird „Gatekeeping“ genannt. Fthenakis, 2001, S.84.
3
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Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Ihre Einstellung und die daraus resultierende Arbeitsteilung lässt sich in drei Gruppen
zusammenfassen: Traditionell, pragmatisch und modern.
I.1. Traditionell
Einige Paare (1, 6, 11, 12) der von uns befragten Familien haben sich für eine
traditionelle Arbeitsteilung entschieden: Er geht arbeiten, während sie ein paar Jahre
in Karenz geht. Zwei Männer (6, 12) haben mehr verdient, beim dritten Paar haben
beide gleich viel verdient (1) und ein Vater (11) war gerade beim Zivildienst. In
diesen vier Familien gab es keine Diskussion über Vaterkarenz, beide Eltern wollten,
dass die Frau die ersten Jahre beim Kind zu Hause bleibt. Die traditionell
eingestellten Väter sehen ihre Aufgabe in erster Linie als Ernährer. Ihre Frauen
waren in den Interviews mit ihnen als Väter zufrieden, obwohl die Hauptlast der
Kinderbetreuung und der Haushaltsführung auf ihnen lastet.
Diese Väter haben ein eher traditionelles Rollenverständnis, eine sehr hohe
Erwerbsorientierung, teilweise ein niedrigeres Bildungsniveau und identifizieren sich
sehr stark über den Beruf. Drei Väter (1, 6, 12) erhielten als Kinder eine
leistungsorientierte Erziehung und hatten sehr strenge Väter, die sehr viel gearbeitet
hatten. Sie bezeichnen sich persönlich als sehr ehrgeizig, der Beruf steht an erster
Stelle.
"Ich war früher übertrieben ehrgeizig, bevor ich verheiratet war. ... Ich habe damals alle Familienväter
belächelt und eigentlich negativ angeschaut. Da hat sich Gewaltiges verändert. Ich sehe heute
wirklich die Welt ganz anders. Gewisse Dinge muss der Mensch scheinbar wirklich erleben, um es zu
verstehen. Das kann einem kein Schulbuch und keine Videopräsentation beibringen.... Für mich gab
es früher nur den Job... Ich habe durch die Kinder erst kennen gelernt, was wirklich wichtig ist. Wichtig
ist das Leben, die Familie, ein Ausflug am Sonntag statt im Büro zu sitzen und einen Narren aus sich
selber zu machen. Wenn das Leben einmal zu Ende geht, dann kann man sagen, man hat es gelebt
oder außer Leben nur gearbeitet. Die Leute, die sagen, dass sie nur gearbeitet haben, die haben
einfach etwas verpasst." (Vater 12)
Vater (6) bezeichnete den Beruf mehr als Selbstverwirklichung, er will in er Arbeit
mehr leisten als die anderen.
"Er (sein Vater) hat in einem Vierschichtbetrieb in der VÖST gearbeitet...Aber wir hatten auch eine
kleine Landwirtschaft. Da ist er von der Arbeit nach Hause gekommen und hat zu Hause weiter
gearbeitet. Als Kinder haben wir natürlich auch mitgearbeitet. Wir waren auch stolz darauf, dass wir in
der Landwirtschaft arbeiten konnten. Wir haben schon viel mit ihm gemacht. Ausflüge und so,
halbwegs normal, was halt bei uns gegangen ist. Wie wir in der Volksschule waren, haben sie auch
noch das Haus ausgebaut. Sie haben viel arbeiten müssen...(Vater 6)
Ein Vater (6) kam vom Land, einer (12) aus einer Kleinstadt und zwei (1, 11) aus der
Stadt. Sie lieben ihre Kinder, idealisieren sie und kümmern sich in ihrer Freizeit um
ihre Kinder. Alle vier Väter versuchen so viel wie möglich zu Hause zu sein, durch
das Reduzieren von Überstunden, die Reduktion von Auslandsreisen und weniger
Fortgehen am Abend.
"Mein Vater ist Unternehmer. Er war immer ein Karrieremensch und hat mich mein ganzes Leben lang
unter Druck gesetzt. Mein Vater hatte eine eigene Firma und ich habe bei ihm gearbeitet, 12 Jahre
lang im Büro. Das ist keine Vater-Kind-Beziehung sondern eine Chef-Angestellten-Beziehung. Er ist
zwar mittlerweile in Pension aber ich glaube, wer einmal Chef war, der ist immer Chef und will die
Menschen immer kommandieren. Die Beziehung war eigentlich nicht so toll. ...
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Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Ich habe ihn vielleicht in geschäftlichen Bereichen als Vorbild. Aber die Vaterrolle will ich besser
machen. Er hat wenig Zeit für uns Kinder gehabt. Es ist ihm nicht anzukreiden, weil er eben das
Unternehmen hatte. Ich habe auch viel Arbeit in der Firma aber ich schau halt immer, dass ich
rechtzeitig zu Hause bin und nehme mir auch gerne Arbeit mit nach Hause. Wenn Luis schläft dann
packe ich meine Arbeit aus und mache sie fertig. " (Vater 1)
Vater (12) hat von seinen ersten beiden Kindern kaum etwas mitbekommen, da er
sehr viel gearbeitet hatte und die Kinder kaum gesehen hatte. Beim dritten Kind
meinte er, wäre ihm und seiner Frau schnell klar geworden, dass sie etwas in ihrer
Arbeitsteilung ändern müssen. Das Leben mit drei Kindern hat seine traditionelle
Einstellung stark verändert. Er hat gekündigt und sich selbständig gemacht und kann
jetzt viel mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Er übernimmt auch fixe
Betreuungszeiten in der Früh wenn seine Frau arbeiten geht.
"Sie hatte in der Schwangerschaft einige Probleme. Das waren schon die ersten Vorboten, dass der
Sprung vom zweiten auf das dritte Kind sehr markant ist. Da haben wir gemerkt, dass jetzt irgend
etwas anders wird. Zug um Zug wurde uns bewusst, dass es nicht mehr in diesem Stil funktioniert.
Wie das Kind dann da war, war es sowieso auch klar. Sie hat ihre Stunden reduziert. Wenn ich mich
nicht selbständig gemacht hätte, wäre das (die Arbeit) auch wieder ausgeufert. Dadurch, dass ich da
bin, kann ich den Kleinen ein bisschen nehmen und sie in der Früh entlasten, wenn sie in die Schule
muss." (Vater 12)
Die Eltern von Vater 11 haben sich scheiden lassen und er hatte kaum Kontakt zu
seinem Vater, der früh verstorben ist. Vater 11 hat ein sehr modernes
Rollenverständnis, lebt aber ein traditionelles Beziehungsmuster. Er bemüht sich
sehr um die Beziehung zu seiner kleinen Tochter, was ihm um so älter sie wird,
immer leichter fällt. Er meinte, er würde sich die Hausarbeit mit seiner Partnerin
teilen. Dies wurde von ihr beim Telefoninterview klar dementiert. Sie wollte, da sie
nach einem Jahr wieder zu arbeiten (Teilzeit) begonnen hat, dass er mehr im
Haushalt übernimmt. Aber das hat nicht funktioniert, ihm fehlt die Routine. Sie
meinte, er bemüht sich, aber die Verantwortung bliebe bei ihr, da er die Arbeit selbst
nicht sieht.
Die Frau von Vater 1 hat in der Karenz stundenweise gearbeitet, um ein bisschen
dazu zu verdienen und den Kontakt zur Firma aufrecht zu halten. Sie hat dann
während des Mittagsschlafes, oder wenn der Vater sich um den Sohn Luis
gekümmert hat, noch am Computer Artikel geschrieben. Sie freut sich schon auf den
Wiedereinstieg nach 1 1/2 Jahren Karenz und sie haben auch schon einen
Kindergartenplatz für Luis ausgewählt.
Abb. 4: Traditionell eingestellte Väter
Vater 1
Arbeitet von 7.00 früh bis ca. 17.00,
sieht das Kind am Abend und am Wochenende
Vater 6
Arbeitet von ca. 8.00 bis 17.00 Uhr, sieht seine
Kinder nur am Abend und am Wochenende
Vater 11
Derzeit im Zivildienst, sieht seine Tochter nur am
Abend und am Wochenende
Vater 12
Hat seine ersten zwei Kinder nur am Wochenende
gesehen, beim 3. Kind hat er Job gewechselt und
betreut es regelmäßig in der Früh
Die Mutter arbeitet unregelmäßig nebenbei,
nach 1 ½ Jahren will sie wieder 30 Stunden
arbeiten gehen
Mutter war beim ersten Kind 1 1/2 Jahre in
Karenz, danach wieder arbeiten, beim zweiten
Kind will sie 2 Jahre in Karenz gehen
Mutter war ein Jahr in Karenz,
danach fing sie mit 20 Stunden wieder an,
die Tochter ist in der Zwischenzeit bei der Oma
Mutter war bei den ersten zwei Kindern fünf Jahre
in Karenz, danach wieder arbeiten.
Beim dritten Kind einem Nachzügler geht sie 2
Jahre in Karenz, arbeitet daneben Teilzeit
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Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
I.2. Pragmatisch
Drei der befragten Paare (7, 9, 10) haben eine pragmatische Lösung für ihre
Arbeitsteilung gefunden. Die Männer sind erwerbsorientiert und akzeptieren, dass
ihre Frauen ebenso ihrer Erwerbsarbeit nachgehen wollen, um so den Anschluss im
Beruf nicht zu verlieren. Die pragmatischen Väter sind in ihrer Einstellung sehr
fortschrittlich, wenn es dann aber um die Umsetzung geht, konkret um die Frage, ob
sie in Karenz gehen, dann gibt es pragmatische Gründe dagegen. Zwei sehr
engagierte Väter (7, 10), sowohl im Beruf als auch in der Familie, haben sich 1/2
bzw. 1 ganzen Tag pro Woche fix für die Kinder freigehalten.
"Die Karin arbeitet an sich an drei Tagen in der Woche. An einem davon bin ich daheim und an den
anderen beiden Tagen springen die Großeltern ein... Bei den Zweien ist die Schwierigkeit, dass man
den Zeitablauf so hinbekommt, dass das mit dem Schlafen und dem Essen funktioniert. Man hat
immer den Blick auf die Uhr und überlegt, wie man jetzt was steuern kann. Man versucht, dazwischen
zu spielen. Der Tag ist eigentlich relativ kurz. Die Karin verlässt am frühen Vormittag das Haus, weil
sie am Nachmittag Unterricht hat. Am Ende holen wir sie ab. Dazwischen ist das Weggehen am
Vormittag, das Einkaufen oder in den Park gehen, dann das Mittagessen, das Schlafen legen für den
Florian, dann gibt es eine Jause und dann holen wir die Karin ab." (Vater 10)
Beide wären in Karenz gegangen, wenn sie nicht wesentlich mehr als ihre Frauen
verdienen würden. Dazu kam, dass ihre Frauen als Lehrerinnen arbeiten und
deshalb leichter ihre Arbeitszeit reduzieren konnten.
"Wir haben natürlich darüber diskutiert, wie wir uns eine etwaige Karenz teilen könnten. Wir hatten uns
aber entschieden, dass wir in eine Eigentumswohnung gehen. Sie hat quasi das Eigenkapital
eingebracht und ich habe den Kredit übernommen... Der zweite Punkt war, dass sie Lehrerin ist... Seit
einigen Monaten, geht sie wieder teilweise arbeiten. Für uns war das ökonomisch und auch
pragmatisch sinnvoller. Wenn es nach mir gegangen wäre und keine ökonomischen
Rahmenbedingungen gewesen wären und da meine Freundin sich leichter mit der Zeiteinteilung im
Job tut, dann wäre ich schon ganz gerne in Karenz gegangen." (Vater 7)
Die pragmatischen Väter kommen sehr gut mit den Kindern zurecht und sind der
Meinung, dass Männer Babys von Anfang an genauso gut betreuen können wie
Frauen. Vater (9) übernimmt jeden Tag in der Früh die Kinderbetreuung, so ist er
jeden Morgen ein paar Stunden exklusiv für seinen Sohn zuständig.
"Ich freue mich jeden Tag , auf das Aufstehen in der Früh. Er hat noch kein eigenes Zimmer. Er ist bei
uns im Schlafzimmer, hat aber ein eigenes Bett. Wenn er munter wird, kommt er noch zu mir ins Bett die Barbara geht früher aus dem Haus - und trinkt da sein Flascherl und wir schauen ein Buch an. Auf
das freue ich mich jeden Tag. Das ist so ein Ritual, das voll schön ist. Es ist super, wenn er von sich
selbst aus Körperkontakt sucht, das Ei-Ei und das Streicheln und die ersten Worte sagt." (Vater 9)
Abb. 5: Pragmatisch eingestellte Väter und ihre Arbeitsteilung
Mutter arbeitet Teilzeit schon während des ersten
Vater 7
Vater arbeitet ca. 50 Stunden pro Woche, betreut Lebensjahr des Kindes
seine Tochter ½ Tag fix pro Woche und am
Kind wird zusätzlich von vertrauen
Abend und am Wochenende
Bezugspersonen betreut
Die Mutter ging nach 8 Monaten Karenz wieder 35
Vater 9
Vater arbeitet Vollzeit, er betreut seinen Sohn in
Stunden arbeiten, das Kind wurde zuerst von der
der Früh und bringt ihn jeden Tag in den
Oma betreut und kam mit 1 1/2 Jahren in den
Kindergarten (am Abend und am Wochenende),
Kindergarten
beim 2. Kind wird er in Karenz gehen
Mutter arbeitet Teilzeit, ging schon nach dem
Vater 10
Vater arbeitet Vollzeit, betreut die beiden Kinder
ersten Kind bald wieder arbeiten und nach dem
fix 1 Tag pro Woche und am Abend und am
zweiten Kind gleich nach dem Mutterschutz, die
Wochenende
Omas betreuen die Kinder zusätzlich
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Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
I.3. Modern: Halbe/Halbe
Die größte Gruppe (2, 3, 4, 5, 8) entschied sich für eine partnerschaftliche Lösung, in
der sich das Paar die Kinderbetreuung sowie die Erwerbsarbeit im Sinne von
Halbe/Halbe teilt. Dabei zeigten die Interviewpartner eine Vielfalt an kreativen
Lösungen. Hochqualifizierte Frauen mit entsprechend hoher Entlohnung haben die
besten Argumente ihren Partner zu einer partnerschaftlichen Lösung zu motivieren.
Das Einkommen ist ein wichtiges Argument, aber noch stärker wird die Entscheidung
vom Rollenverständnis und den Erfahrungen mit der Herkunftsfamilie geprägt. Die
modernen Väter sehen sich als gleichberechtigte Erzieher und lassen sich von
Anfang an sehr stark auf das Baby ein. Bei dieser Gruppe wirkt sich das Vater
werden auch stark auf ihr Berufsleben aus und sie engagieren sich am stärksten bei
der Hausarbeit.
Die Partnerin von Vater (3) hatte vor der Geburt des Kindes ein höheres Einkommen,
aufgrund dessen haben sie gemeinsam beschlossen, dass zuerst sie ein Jahr und
dann er ein Jahr in Karenz geht. Sie hat dann die Karenzzeit noch um ein halbes
Jahr verlängert. Zum Befragungszeitpunkt freute er sich schon auf seine Karenzzeit,
wenn auch mit etwas Bauchweh. Er erzählte, dass er seit der Geburt des Kindes
wesentlich lieber arbeiten gehe als früher, da die Arbeit im Vergleich zum Alltag mit
dem Kind etwas Entspannendes hat. Ohne Druck von ihrer Seite und ihrem höheren
Einkommen, würde er seine Ängste, ob er die Betreuung des Kindes auch schafft,
sicher nicht überwinden und nicht in Karenz gehen.
"Ich strebe die Vollkarenz an. Vielleicht sogar 1 Monat mit ihr überlappend. Die zwei Jahre sind dann
aus. Das Kind wird in meiner Karenz 2 Jahre und da endet mein Kündigungsschutz. Das ist für uns
das große Problem. Ich würde darüber hinaus noch gerne länger in Karenz gehen.... Wenn der
finanzielle Druck weg wäre, das wäre einfach wunderschön. Das zweite ist der Kündigungsschutz. Ich
wäre auch bereit, kein Karenzgeld zu beziehen, aber dafür länger geschützt in Karenz gehen zu
können. " (Vater 3)
Das Paar (4) war noch sehr jung als sie überraschend das erste Kind bekamen. Er
war erst 22 Jahre alt und die Beziehung noch nicht sehr stabil. Am Anfang bekam er
eine kleine Krise wegen der Verantwortung, doch mit Hilfe staatlicher Förderungen
kamen sie gut zurecht. Drei Jahre später bekamen sie ein zweites Kind, ein richtiges
Wunschkind. Beide haben sich den Haushalt und die Kinderbetreuung aufgeteilt,
daneben das Studium abgeschlossen und durch Nebenjobs das Familieneinkommen
aufgebessert. Der Vater versucht sehr bewusst seinen Kindern ein gleichberechtigtes
Rollenbild von Frau und Mann zu vermitteln.
"Meine Aufgabe ist sicher, dass sie einfach nur sehen, dass ich putze, oder dass wir gemeinsam
kochen. Sie sollen sehen was es heißt, Mann und Frau zu sein und dass viele Bereiche die heute
getrennt sind, nicht getrennt sein können, sollen, dürfen. Kinder brauchen glaube ich auch oft
Reibeflächen und Grenzen und das ist auch etwas, was ich durchaus wahrnehme." (Vater 4)
Bei einem Paar (Vater 5) verdienen beide gleich viel und es war für sie von Anfang
an klar, dass sie sich die Karenz in Form von Teilzeit parallel teilen. In dieser Familie
ist vor allem die Frau sehr berufsorientiert, sie ist Abteilungsleiterin und für ihre Firma
nur schwer ersetzbar. Beide sind Akademiker und ihnen wurde von beiden Firmen
größtmögliches Verständnis entgegengebracht. Sie haben sich den geteilten Alltag
mit Kind leichter vorgestellt und den täglichen Kommunikationsaufwand bei der
Übergabe eines Kleinkindes völlig unterschätzt. Ein Baby passt sich nicht an die
Arbeitszeiten an, sondern sie mussten sich an den Rhythmus des Kindes anpassen.
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Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
"Wir hatten im Winter relativ viel Stress, weil wir meistens wenig Zeit hatten. Es war meistens so, dass
wir auseinander gegangen sind und ich sie dann am Handy angerufen habe um ihr Dinge mitzuteilen,
die ich vergessen hatte, zum Beispiel: Sie hat gerade eine frische Windel, sie hat noch nichts
gegessen usw. Wir haben dann versucht, einen Zettel aufzulegen und mitzuschreiben, damit es klarer
wird. Aber Luisa hat nun selbst einen Rhythmus entwickelt der gut funktioniert. Wenn sie in die Hose
groß macht, ist das fast jeden Tag völlig gleich. Sie bekommt immer dasselbe zum Frühstück und wird
unter Tags ernährt, je nachdem was anfällt. Es beschränkt sich wirklich darauf, dass ich sage, was ich
gekocht habe. Meistens kocht der, der am Vormittag zu Hause ist und isst dann zu Mittag mit Luisa.
Es wird nur mehr ausgetauscht, dass sie nicht viel gegessen hat." (Vater 5)
Nicht immer wird die Entscheidung freiwillig getroffen. Ein Vater (8) hatte Probleme
mit seinem Arbeitgeber, da er seine Arbeitszeit nicht reduzieren konnte, obwohl dies
vereinbart war. Er kam oft erst um 20.00 Uhr oder später nach Hause und seine
Tochter schlief da meistens schon. Er merkte sehr deutlich, wie das Vertrauen seiner
Tochter zu ihm unter der Woche abbaute und er es erst mühsam am Wochenende
wiederherstellen musste.
"Wenn man um 8.00 Uhr in der Früh arbeiten geht und, wenn man einen kurzen Tag hat, um 18.00
Uhr das Büro verlässt (meistens ist es 19.00 oder 20.00 Uhr und manchmal sogar noch länger) schläft
die Kleine entweder schon oder du sagst mehr oder weniger noch Gute Nacht zu ihr. Dann war es
schon so, dass ich sie mir übers Wochenende zu mir genommen habe. Am Sonntagabend hatte ich
dann das Gefühl, dass sie wieder bei mir ist. Du bist sicher kein Fremder aber es hat sich über die
Woche bis zum Wochenende hin wieder eine Entfernung ergeben." (Vater 8)
Die Paarbeziehung hat sich durch seine regelmäßigen Überstunden massiv
verschlechtert. Seine Frau war sehr verärgert, wenn er so spät nach Hause kam.
Aufgrund des Konfliktes mit dem Arbeitgeber und dem Druck, den seine Frau auf ihn
ausübte, wurde dem Vater stärker bewusst, dass er eigentlich gleich ganz in Karenz
gehen will. Da dies in der Firma nicht möglich war, ließ er sich kündigen.
"Es ist auch Michis erstes Kind. Du sitzt mit jedem Problem völlig alleine da, auch wenn man am Tag
5x miteinander telefoniert. Du freust dich und wartest, dass jemand kommt. Der versucht um 18.00
Uhr vom Büro wegzukommen. Wenn er dann erst um 21.00 Uhr wegkommt, dann schwappt die
Freude in Ärger um. Es ist an einem Tag eine Freude wenn man nach Hause kommt und am
nächsten Tag ist das erste der Ärger der gegenseitig ausgelassen wird." (Vater 8)
Die Zeit der Arbeitslosigkeit hat ihm geholfen, seine ganze Situation neu zu
überdenken. Er wird sich in der Karenz beruflich verändern und eine Ausbildung für
einen sozialen Pflegeberuf anfangen. Mit dieser Ausbildung erfüllt er sich einen alten
Jugendtraum. In diesem Fallbeispiel hat die Geburt des Kindes zum gänzlichen
Überdenken des bisherigen Lebens geführt. Dazu kam der Einfluss seiner Frau, die
Sozialarbeiterin ist und ihm sehr geholfen hat, seine bürgerliche Einstellung zum
Leben und zur Arbeit zu verändern. Er hatte zum Befragungszeitpunkt gerade seinen
ersten Karenztag und war noch etwas unsicher, wie es ihm den ganzen Tag alleine
mit seiner kleinen Tochter so ergehen wird.
Bei den Vätern die in Karenz gehen, ist meistens die Frau die treibende Kraft
dahinter. Ein Vater (2) erzählte, dass er vier Wochen vor seinem Karenzantritt einen
neuen Arbeitsbereich bekam, um den er sich schon sehr lange bemüht hatte.
„Meine Frau meinte: „Als Mutter immer zu Hause zu sein, das ist etwas was ich überhaupt nicht kann,
nicht will.“ Ich sagte, dass dann eben ich zu Hause bleiben werde. Letztendlich fiel die Entscheidung,
dass, wenn wir ein Kind haben, dann ich in Karenz gehen werde. Diese Entscheidung war irgendwann
gefallen und dann kam der Jonas... Sie hat schon sehr unmissverständlich klar gemacht, dass es den
10
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Jonas nur gibt, wenn ich meinen Beitrag dazu leiste. Und da habe ich gesagt, dass das gar kein
Problem ist und ich das machen werde. Das mit dem Jobwechsel ging nicht mehr, denn sie hatte ihre
Karenz angemeldet. Alles andere wäre derartig unfair gewesen und kam nicht in Frage.“ (Vater 2)
Er zog seine Entscheidung in Karenz zu gehen durch, auch wenn ihn die berufliche
Unsicherheit sehr belastet hat. Es ist nicht sicher, dass er nach 1 ½ Jahren Karenz
den gleichen Arbeitsplatz wiederbekommt. Jeder, der in Karenz geht, egal ob Vater
oder Mutter, riskiert eine Schlechterstellung am Arbeitsplatz. Aber im Gespräch kam
ganz deutlich heraus, wie sehr er die Karenzzeit mit seinem Sohn genießt. Beim
zweiten Kind aber meinte er, da muss seine Frau in länger Karenz gehen.
Abb. 6: Modern eingestellte Väter und ihre Arbeitsteilung
Die Mutter war 7 Monate in Karenz, der letzte
Vater 2
Der Vater ist seit dem 7. Monat in Karenz und
Monat war überlappend, danach ist sie wieder
bleibt dies bis zum 2. Geburtstag.
arbeiten gegangen, sie hilft im Haushalt.
Vater 3
Der Vater will nach 1 1/2 Jahren in Karenz gehen, Die Mutter geht 1 1/2 Jahre in Karenz, danach will
er freut sich darauf ist aber auch unsicher.
sie wieder arbeiten gehen.
Die Mutter war schon fast mit dem Studium fertig,
Vater 4
Der Vater hat noch studiert, hat sich viel um die
hat nebenbei fertig studiert. Auch sie hat nebenbei
Kinder gekümmert, hatte stundenweise Jobs.
kleine Jobs angenommen.
Die Mutter war nur 2 1/2 Monate zu Hause,
Vater 5
Der Vater hat seine Stunden stufenweise bis auf
danach hat sie mit 16 Stunden, dann auf 20, und
25 Stunden reduziert. Er arbeitet jeden
auf 25 Stunden erhöht.
Nachmittag, sie machen Halbe/Halbe
Die Mutter arbeitet am Vormittag
Vater 8
Der Vater hat gekündigt und ist jetzt arbeitslos.
Die Mutter war 1 Jahr in Karenz, danach ist sie
Er geht das 2. Jahr in Karenz.
wieder 35 Stunden arbeiten gegangen.
II. Beziehung zum Kind
Väter freuen sich auf ihr Kind, sie erleben die Geburt als intensives Erlebnis und
fühlen tiefe Zuneigung und spontane Begeisterung. Väter sind regelrecht verliebt in
ihr Baby4. Für eine Frau ist es selbstverständlich, dass sie nach dem Mutterschutz in
Karenz geht. Für einen Vater hingegen ist es eine bewusste Entscheidung, wie viel
Zeit er mit seinem Kind verbringen will und wie intensiv er sich auf die Beziehung mit
ihm einlässt. Durch eine aktive Vaterschaft können Männer sich persönlich
weiterentwickeln, sich selbst finden und den eigenen Handlungsspielraum erweitern.
Ihr Leben erhält eine zusätzliche Dimension, sie definieren sich nicht mehr
ausschließlich über ihren beruflichen Erfolg, was besonders in Zeiten wirtschaftlicher
Krisen sehr nützlich ist.
II.1. Die Geburt
Alle 12 Väter waren bei der Geburt ihrer Kinder dabei. Sie haben dieses Ereignis als
sehr wichtig und einschneidend geschildert. Frauen haben neun Monate Zeit sich auf
dieses Ereignis einzustellen, sie spüren langsam wie das Kind in ihnen wächst, aber
für Väter ist die Schwangerschaft zu abstrakt, sie spüren die körperlichen
Veränderungen nicht selbst.
4
Werneck 2004
11
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
"Schon alleine die Geburt war phänomenal. Das war wirklich großartig und es ist toll, dass man da
dabei sein kann und darf. Ich war 2 - 3 Tage nachher fertig. Ich glaube, ab dem Zeitpunkt der Geburt
geht’s los. Vorher, wenn die Frau schwanger ist, glaube ich, checkt das der Mann überhaupt nicht.
Das ist erst ab dem Zeitpunkt, wo man bei der Geburt dabei ist und das Baby herauskommt. Ich habe
es gleich nach der Geburt gehalten, weil meine Frau genäht wurde. Der Arzt ist nicht gleich
gekommen. Es hat einige Minuten gedauert und da hatte ich ihn bei mir und das war schön." (Vater 1)
Väter realisieren das neue Lebewesen erst, wenn es schon auf der Welt ist. Den
meisten wird erst so richtig bewusst, dass sie jetzt Vater sind, wenn sie zum ersten
Mal das Baby im Arm halten.
"Ja, ich habe ihn dann sofort bekommen. Also eigentlich noch vor ihr. Also ich durfte die Nabelschnur
später zerschneiden. Aber vorher habe ich ihn bekommen, gleich nachdem er raus geflutscht ist. Und
dann hat sie ihn auf den Bauch bekommen und dann habe ich die Nabelschnur durchgeschnitten...
Ich habe ihn dann mit der Hebamme gemeinsam ein bisschen gewaschen, angezogen und dann ihr
wieder auf den Bauch gelegt." (Vater 3)
Väter bereiten sich auf die Geburt und auf das Leben mit einem Kind viel weniger vor
als Mütter. Sie lesen kaum Bücher speziell über Vaterschaft, wenn dann lesen sie die
gleichen Bücher wie die Frau über Schwangerschaft, Geburt und über Babys und
können damit oft nichts anfangen. In den Geburtsvorbereitungskursen wird meist
wenig auf die Väter eingegangen, im Mittelpunkt steht die Mutter, die Veränderungen
in ihrem Körper und der Geburtsvorgang. Die intensiven Gefühle nach der Geburt,
die Umstellung auf ein Leben zu Dritt und was es heißt, Vater zu sein, kommt für
viele Väter völlig unerwartet (Preuß, 2002).
"Vor allem hat sich die Michi irrsinnig gut informiert. Ich bin da ein bisschen der Lesefaulere,
wahrscheinlich wie die meisten. Ich habe einmal ein Papabuch gelesen. Das war wahnsinnig wichtig,
weil wir sonst wahrscheinlich vom Anfang der Schwangerschaft an nur noch gestritten hätten. Im
Grunde klare Sachen waren auf einmal komplett anders und es war für mich total schwer zum
Verstehen. Die Veränderungen hätte ich nicht so grob eingeschätzt. ... Das war nur während der
Schwangerschaft. Das hat sich mit dem Kind wieder komplett gelegt. Aber die ersten 3 Schwangerschaftsmonate waren eine Katastrophe. Wir haben gewusst, worauf wir uns einlassen. Wieweit es
greift ist einer Frau wahrscheinlich 100%ig bewusst, einem Mann nicht unbedingt." (Vater 10)
Bis auf zwei traditionell eingestellte Väter (1,12) nahmen sich alle nach der Geburt
zusätzlich zu den ein bis zwei Tagen, die ihnen laut Kollektivvertrag zustehen, noch
zwischen 4 Tagen und 3 Wochen Urlaub. Alle betonten, wie wichtig für sie und die
Partnerschaft dieser Urlaub war. Sie wären gerne länger zu Hause geblieben, um die
Mutter zu unterstützen und mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen. Ein Vater (12),
ging nach der Geburt gleich wieder zu einer Besprechung.
„Ich war bei der Geburt selber dabei. Danach war ich nicht da, was mir meine Frau stark ankreidet. Ich
war zwar bei den Geburten immer dabei, hatte aber meistens gerade nachher zufällig irgendwelche
Besprechungen in der Firma. Damals war es bei dem dritten Kind auch so, dass ich mittags gleich
wieder ab gezischt bin, weil wir am Nachmittag eine Besprechung in der Firma hatten – eine
Krisensitzung. Bei solchen Dingen gibt es immer zwei Seiten. Ich hätte es doch nicht machen müssen,
nur – wer tut das schon? Bei solchen Gesprächen geht es ums Hemd und nicht um den Rock. Da
geht es um viel Geld und da muss man einfach dabei sein." (Vater 12)
Besonders die Familien mit zwei Kindern haben betont, dass der Vater wichtig ist,
um dem älteren Kind zu helfen mit der neuen Situation zu recht zu kommen, und
aufkeimende Eifersucht gleich zu Beginn abfangen zu können. Eine Mutter hatte
nach der Geburt des zweiten Kindes eine starke Depression und da wurde zusätzlich
noch eine Familienhelferin engagiert.
12
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
"Gerade dieser erste Monat ist schon eine wesentliche Zeit. Zum Glück sind wir beim Felix durch die
Hebammen draufgekommen, dass es da Familienhelferinnen gibt. Also ich wäre auch gerne einfach
einen Monat daheim geblieben... Ja, durch den knappen Abstand wäre es beim zweiten Kind wichtiger
gewesen." (Vater 10)
Nach einer ambulanten Geburt hat ein Vater Anspruch auf eine Woche Pflegeurlaub.
Der Vorteil dabei ist, dass die Hebamme nach Hause kommt und alles vor Ort erklärt,
so dass der Vater und die Mutter die Instruktionen gemeinsam erhalten. Männer
wollen sich nicht ständig von ihrer Partnerin belehren lassen.
"Dadurch, dass man bei der Geburt, also von Anbeginn an, dabei ist, habe ich außer dem Stillen
dasselbe gemacht wie die Frau. Der Vorteil der ambulanten Geburt war, dass die Hebamme alles zu
Hause so richtig am Kind erklärt hat. Damit konnte ich das auch gleich 1:1 mitbekommen, ohne dass
es mir erst meine Frau erklären hätte müssen." (Vater 10)
Der Vater muss die Frau und das neugeborene Kind rund um die Uhr versorgen, ihr
Essen machen,... je nach dem wie weit sie sich schon von der Geburt erholt hat.
"Ich war dann genau 2 Wochen zu Hause. Ich war zu Hause Krankenschwester und die ersten drei
Tage eigentlich fast für alles außer dem Stillen zuständig, weil die Michi nach wie vor noch ziemlich
schwach war und sich kaum auf den Füßen halten konnte. Aber es hat super funktioniert und ich kann
es nur jedem empfehlen. Es ist sehr, sehr schön." (Vater 8)
Immer wieder wurde betont, dass Vater werden mit nichts anderem vergleichbar ist.
Väter werden davon sehr berührt und emotional überwältigt. Um so mehr sich die
Väter auf dieses Gefühl einlassen, um so eher sind sie bereit für das Kind Abstriche
in ihrem Leben zu machen, die Arbeitszeit zu reduzieren oder in Karenz zu gehen.
"Für mich war das dann so, dass ich mit dem Baby im Wohnzimmer gesessen bin und geweint habe.
Du sitzt einfach da und packst es nicht, du musst einfach weinen, weil es so schön ist. Ich bin ein sehr
optimistischer Mensch und war mir sicher, dass das alles gut gehen wird. Meine Freundin hatte vorher
eine Fehlgeburt und für sie war es daher umso schöner, dass alles gut funktioniert hat...
Im Prinzip hab ich von Anfang an alles mit dem Kind gemacht. Was für mich im Nachhinein schon
sehr verwunderlich war ist, dass die ganze Angst und Scheu etwas falsch zu machen sofort weg ist.
Es ist plötzlich ganz selbstverständlich, auch das Kind richtig zu halten. Wenn man es lernt und es
einem gezeigt wird, so ist das komisch aber wenn das Kind dann da ist, dann ist es sehr
selbstverständlich. Ich habe es schon so erlebt, dass es etwas ganz besonderes ist. Es ist nicht
vergleichbar mit anderen Sachen, die man sonst in seinem Leben macht." (Vater 5)
II.2. Was Männer im ersten Monat alles tun
Bei den Aktivitäten im ersten Monat zeigt sich ein großer Unterschied zwischen den
traditionell eingestellten Vätern und den pragmatisch und modern eingestellten. Die
pragmatisch/modernen Väter haben betont, dass sie im ersten Monat bis aufs Stillen
alles tun konnten. Diese Väter haben sich von Anfang an bewusster auf die
Beziehung mit dem Kind eingelassen. Manche Väter erleben das Stillen als
Zurücksetzung, sie sind nicht so wichtig wie die Mutter.
Solange Kinder gestillt werden haben Väter das Gefühl, dass die Kleinen auf die
Mutter fixiert sind. Dafür betonen sie dann um so stolzer, was sie mit dem Kind alles
gemacht haben. Denn auch die aktiven Väter kommen unter Druck, sie wollen alles
richtig machen, ihnen fehlt dafür das Vorbild. Generell haben die Väter die erste Zeit
mit ihrem Kind zu Hause sehr genossen. Immer wieder wurde betont, dass sie außer
13
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Stillen alles konnten: Wickeln, Baden, Spazieren gehen, Herumtragen,... und vor
allem nächtliche Spaziergänge wenn die Babys eine Schreiattacke hatten.
"Da er gestillt worden ist, war eben das Füttern „null“. Er hat nie aus der Flasche getrunken, bis zum 5.
Monat. Ich habe ihm daher weder die Flasche gegeben, noch habe ich ihn sonst gefüttert. Was ich
schon gemacht habe, war das Spazieren gehen um 2.00 Uhr Früh. Im ersten Monat hatte er noch
keinen Rhythmus beim Schlafen. Er ist sehr oft gekommen und hat sehr lange geweint. Da bin ich
schon auch um 2.00 Uhr in der Nacht mit dem Kinderwagen um den Block gefahren. Auch tagsüber
natürlich, vor allem in diesen 2 Wochen, bin ich mit ihm spazieren gegangen, auch schon einkaufen.
Wir waren dann oft bis zu 2 Stunden weg und sie konnte zu Hause schlafen. Das ging aber nur in den
2 Wochen und am Wochenende halt." (Vater 3)
Wenn die Mütter aus medizinischen Gründen nicht stillen konnten, dann konnten die
Väter das Flascherl geben und fühlten sich fast gleichberechtigt. Zwei Männer (7, 9)
betonten ganz stolz, wie schnell sie mit dem Flascherl umgehen gelernt hatten und
wie geschickt sie waren.
"Die Kleine ist zu früh auf die Welt gekommen und hat dann sofort Gelbfieber bekommen und einen
hohen Hämatokritwert. ... Sie hat es nicht aus eigener Kraft geschafft, von der Brust zu trinken, auch
nicht mit diesem Hütchen. Daher sind wir relativ schnell sofort zum Flascherl übergegangen ...
Für mich war diese Situation ideal, weil ich mich selbst sofort um die Grundversorgung kümmern
konnte. Von dem her war es für mich sogar positiv, dass sie nicht gestillt hat, weil man dadurch als
Vater sofort an einer gewissen Art von Betreuungsintensität gar nicht vorbei kommt, wenn man das
selber möchte. Ich habe aber sofort das Wickeln gelernt und da haben wir uns auch relativ gut
abgewechselt, wie es sich gerade ergeben hat." (Vater 7)
Zwei Mütter (7, 10) hatten nach der Geburt Depressionen und da war die Betreuung
durch den Vater zur Überwindung der seelischen Krise besonders wichtig. Das gab
es umgekehrt natürlich auch. In einem Fall nach der Geburt eines ungeplanten
Kindes hatte der Vater (4) eine kurze Krise und Angst, der Verantwortung nicht
gewachsen zu sein.
"Beim Jakob hat es dann schon einmal eine kleine Krise gegeben. Ich dachte, es fällt alles
zusammen. Aber im Nachhinein betrachtet war es wirklich eine heilsame oder fruchtbare Krise. Es
bedarf halt auch dieser Zeiten. Ich habe das von Anfang an schon sehr ernst genommen und bin
wirklich mächtig stolz auf meine zwei Kids." (Vater 4)
Im ersten Monat zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen traditionell
eingestellten Vätern und den pragmatisch/modernen. Die traditionell eingestellten
Väter warten gerne ein bisschen ab, bis die Kinder größer sind. Sie fangen mit den
Babys, die viel schlafen und noch nicht viel können, noch nicht so viel an. Wenn es
Vätern nicht gelingt selbst einen engen Kontakt zum Kind herzustellen, dann können
sie auch mit Eifersucht auf die enge Mutter-Kind-Beziehung reagieren. (Preuß, 2002)
Die traditionellen lassen sich noch nicht so intensiv auf die Babys ein. Sie schilderten
die ersten Monate viel distanzierter, denn sie haben einfach weniger Zeit mit dem
Kind verbracht.
"Nicht viel. Man fühlt sich auch ein bisschen überflüssig, weil sich beim Kind alles um die Mutter dreht.
Es sind dann halt so Sachen wie, dass du ihn ab und zu nach dem Stillen nimmst zum Aufstoßen. Das
ist es dann schon wieder. Im ersten Monat schlafen sie auch extrem viel, unsere zumindest. Sie hat
gegessen, aufgestoßen, dann war sie eh schon wieder halbfertig dagelegen und dann hat man sie ein
bisschen wohin gelegt. Dass du wirklich etwas tun kannst als Vater? Ja, man geht auch wieder
arbeiten." (Vater 6)
Er (6) hat sich am Anfang wie die Kinder klein waren, manchmal zu Hause
überflüssig gefühlt, da sich alles um die Mutter dreht. Er kann jetzt mit den Kindern
14
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
schon mehr spielen, manchmal wird ihm aber die Familie zu viel. Er beobachtet
seine Kinder gerne und hält sich selbst im Hintergrund. Er ist sehr stolz auf seine
Kinder und zeigt sie gerne her. Seine Frau will, dass er sich als Vater aktiver
einbringt, er traut es sich aber nicht so ganz zu.
"Es ist auch oft so, dass ich nur am Rande sitze und zusehe, was sie tun. Das ist oft noch
interessanter, als aktiv mit ihnen zu sein...
Ich habe ein riesiges Glück mit meiner Frau, die mir viel Freiheit gibt. Es hört sich vielleicht blöd an
aber ich würde gerne noch mehr aktiv bei der Sache (den Kindern) sein. Es hängt viel von mir ab und
das bringe ich nicht so wirklich. " (Vater 6)
II.3. Veränderung der Beziehung zum Kind im ersten Jahr
Von den traditionellen Vätern (6,11,12) wurde betont, dass sie mit den Babys mehr
anfingen, als diese laufen, stehen, oder reden konnten. Sie wollen mit ihren Kindern
aktiv etwas tun können, für sie waren die Säuglinge noch zu wenig agil und zu
zerbrechlich.
"In den ersten Monaten habe ich ihn nur gesehen als etwas mit zwei Händen und zwei Füßen,
Windeln und einer Schreierei. Ich konnte mit dem Kind im Prinzip überhaupt nichts anfangen. Wie er
dann zum Aufsitzen gekommen ist habe ich mir gedacht, dass ich jetzt wenigstens ein bisschen mit
ihm spielen kann. Ab da konnte ich persönlich etwas mit ihm anfangen." (Vater 12)
Auch die Väter, die sich von Anfang an mit ihren Babys sehr wohl gefühlt haben,
genießen die Weiterentwicklung des Kindes. Aus allen Väterstudien5 geht hervor,
dass Väter vor allem mit Kindern gerne spielen und das geht von Monat zu Monat
besser.
"Das Baby herumzutragen war super. Das Problem war, dass sie halt immer eingeschlafen ist, sobald
man sie auf den Arm genommen hat und ein paar Schritte mit ihr gegangen ist... Ab dem ersten
Schritt – da war dann das Gehen lernen spannend und die Frage, wieweit sie es diesmal wohl
schaffen wird, dass sie jetzt dann Stufen gehen kann etc...
In den ersten paar Monaten, wo sie nur herumliegt, isst und schläft, da hab ich eigentlich nicht wirklich
was mit ihr anfangen können, weil ich in Wirklichkeit nur zuschauen konnte. Jetzt, wo sie eben aktiver
ist, geht das schon besser." (Vater 11)
Kinder brauchen die Differenzerfahrung mit einer zweiten Bezugsperson zur
Erweiterung ihres Handlungsspielraumes. Der Vater hat andere Fähigkeiten,
Vorlieben und Umgangsformen als die Mutter. Er greift auch das Kind anders an.
Einige Väter beklagten sich, dass zu Beginn nur die Mutter das Kind beruhigen
konnte, weil sie sofort den Unterschied spürten. Ein Karenzvater (2) erzählte, wie
schön es ist, die Entwicklung des Kindes zu verfolgen und dass von Tag zu Tag
mehr Reaktionen des Kindes gibt und damit der Handlungsspielraum des Kindes
enorm erweitert wird. wie
"Ja, es funktioniert. Wir verstehen uns und ich glaube er akzeptiert auch, dass ich jetzt da bin und
nicht die Mutter... Spaß macht mir der Kinderspielplatz. Jetzt fängt er an zu laufen und das ist schon
ganz nett. Mir haben am Anfang auch lange Spaziergänge Spaß gemacht, als er noch viel geschlafen
hatte. Das vermisse ich jetzt ein bisschen. Ansonsten machen mir auch seine Reaktionen Spaß. Die
sind jeden Tag ein bisschen mehr. Das ist auch aufregend...
Na ja, das ist sicher nicht anders als wie mit einer Mutter. Ich freue mich schon auf jeden Tag mit ihm.
Es macht Spaß zu sehen, wie er Dinge immer mehr und immer besser kann, wie er reagiert, zuhört
und versteht. Das finde ich so erstaunlich. Er kann ja noch nichts sagen, aber er versteht eigentlich
5
Zulehner, 2003; Procter&Gamble, 2001, Novy
15
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
alles was wir sagen. Mit ihm zu spielen, auch jetzt langsam kompliziertere Spiele, das ist schon ganz
nett und es macht auch Spaß." (Vater 2)
Für Väter, die nicht in Karenz gehen können, sind fixe Betreuungszeiten, die dem
Vater exklusiv gehören sehr wichtig (Werneck, 2004). Ein Vater (10) hat erzählt, dass
nach Dienstreisen sein Sohn einen halben Tag gebraucht hat, um sich wieder auf ihn
einzustellen. Er konnte ihn nicht mehr so gut beruhigen wie sonst. Eine gute
Beziehung zum Kind kann auch durch eine intensive Beschäftigung in kurzer Zeit
hergestellt werden. Vater (1), erzählte, dass er sich jeden Abend auf sein Kind freut.
Seine Augen strahlten dabei und er drückte sehr viel Herzlichkeit aus. Für Väter ist
es wichtig, dass sie als eigenständige Person vom Kind wahrgenommen werden.
"Ja – sicherlich ist meine Frau den ganzen Tag bei ihm. Aber wenn ich nach Hause gekommen bin,
dann habe ich ihm das Fläschchen gegeben, habe ihn gewickelt, habe mit ihm gespielt und ihn
schlafen gelegt. Dann geht das eigentlich, dann kann man das relativ gut wettmachen. Ich glaube es
kommt nicht darauf an, wie lange man beim Kind ist, sondern wie man die, wenn auch kurze, Zeit mit
ihm verbringt. Dass man sich mit dem Kind beschäftigt und nicht nur hinsetzt und fernsieht oder liest,
z.B. Bilderbücher ansehen oder sonstiges. Ich merke das jetzt, wo er in dem Alter ist, wo er zwischen
Papa und Mama unterscheiden kann und er mich schon identifizieren kann. Er freut sich richtig, wenn
ich nach Hause komme und strahlt über das ganze Gesicht. Ich habe also nicht das Gefühl, dass ich
hinten anstehe. (Vater 1)
Im ersten Lebensjahr wird über die Kinder viel geredet. Die Gespräche drehen sich
um Versorgung und Pflege (z.B. was es Essen, welche Kleidung es tragen oder
wann es schlafen gehen soll) und weniger um Erziehung. Nur zwei der traditionell
eingestellten Väter (6, 12) haben explizit gesagt, die Erziehung überlassen sie ihren
Frauen, da mischen sie sich nicht ein, denn ihre Frauen sind ausgebildete
Pädagoginnen und können das besser. Erziehung ist in den meisten Familien kein
großes Konfliktthema, man versucht sich abzusprechen. Ein Vater (5) berichtete über
Diskussionen, ob das Baby im Schlafzimmer der Eltern schlafen soll, oder Vater (6)
wie lange man ein Kind schreien lassen soll bis man hingeht. Die Kinder waren zum
Befragungszeitpunkt noch sehr klein, da zeigen sich Erziehungsprobleme noch nicht
so deutlich. Nur ein Vater (9) hat angeschnitten, dass sie manchmal darüber
diskutieren, wie sie mit den Wutanfällen ihres Sohnes umgehen sollen.
III. Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Ein besonderer Fokus wurde bei den Interviews auf die individuelle Machbarkeit
aktiver Vaterschaft gelegt. Woher nehmen Väter die Motivation und den Antrieb, ihre
Vaterrolle anders zu gestalten als es ihre Väter getan haben. Wir suchten nach den
Indikatoren, die Männern es erleichtern, sich aktiver bei der Betreuung der Kinder
einzubringen. Der Hauptmotor war immer die Frau. Weiters wurden von uns vier
prägende Faktoren festgestellt, die einen großen Einfluss auf die Ausgestaltung der
eigenen Vaterschaft haben:
1.)
2.)
3.)
4.)
Erfahrungen in der eigenen Kindheit
Reflexion des Rollenverhaltens in der Jugend
Das Alter der Väter
Einstellung zur Vaterschaft
16
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Männliche Freunde und deren Lebensform sowie das soziale Umfeld dürften einen
eher geringen Einfluss auf das Verhalten der Väter gehabt haben. Nur Vater (1)
nannte einen Freund als Vorbild für sein Vatersein. Sein Freund ist ein sehr
erfolgreicher Geschäftsmann und hat drei Kinder. Es imponiert ihm, wie dieser alles
schafft und dass seine Kinder so selbstbewusst sind. Vater (5) berichtete, dass sie
versucht haben aus den Erfahrungen ihrer Freunde mit schon älteren Kindern zu
lernen und danach ihre eigene Planung ausgerichtet haben. Nur zwei der befragten
Männer (8, 9) haben so richtige Männerfreundschaften. Gespräche von Vater zu
Vater werden kaum geführt. Mit anderen Vätern treffen sie sich am Sonntag bei
Familienausflügen, und da wird eher geblödelt als über ernsthafte Dinge geredet.
Fast alle nennen Arbeitskollegen, die gleichaltrige Kinder haben, als die einzigen
Männer, mit denen sie über ihr Vatersein oder ihre Kinder reden. Über Probleme wird
in erster Linie mit den PartnerInnen, den Geschwistern, den Eltern oder den
Schwiegereltern, aber nur selten mit Personen außerhalb der Familie geredet.
"Hauptsächlich mit den Großvätern. Am Institut haben wir zum Beispiel einen Vater, der eine noch
jüngere Tochter hat. Mit diesen Mitarbeitern gibt es dann eigentlich auch einen Austausch. Aber in
wirklichen Krisensituationen wende ich mich eigentlich mehr an die Eltern, sowohl väterlicher- als
auch mütterlicherseits. Es gibt auch wenige Probleme, wo es nur um das Vatersein geht, sondern es
geht generell eher um die Kinder, ob sie schreien oder nicht schreien." (Vater 10)
Ein Karenzvater (5) meinte, er kann mit Frauen sowieso viel besser reden. Ein
anderer (8) bevorzugt mit Freunden auf ein paar Gläser Bier zu gehen, um
Abschalten zu können und Distanz von zu Hause zu bekommen. Auffallend war,
dass die Gruppe der modernen Väter, die sich zu Hause besonders aktiv einbringen,
in ihrem sozialen Umfeld keine anderen Väter kennen, die genauso aktiv sind wie
sie. Ein Karenzvater (2) meinte, er hätte sich das leichter vorgestellt mit anderen
Vätern in Kontakt zu kommen. Er und seine Frau treffen sich zwar regelmäßig mit
befreundeten Paaren aus der Spielgruppe, aber er kennt keinen anderen Vater, der
tagsüber Zeit hat, für gemeinsame Aktivitäten oder zum Erfahrungsaustausch. Er
leidet unter seiner Isolation und betreibt als Ausgleich mit anderen Männern einmal
pro Woche am Abend Sport.
III.1. Erfahrungen in der eigenen Kindheit
Vor 30 bzw. 40 Jahren waren Väter zu Hause kaum präsent. Die meisten
Interviewpartner berichteten, dass sie ihre Väter fast nur am Abend und am
Wochenende gesehen haben. Die Männer früher hatten sehr viel gearbeitet und
überließen die Erziehungsarbeit fast ausschließlich der Mutter. Bis auf einen (4)
nannten alle die eigenen Väter nicht als Vorbild für ihr Vatersein, sondern betonten,
dass sie es anders machen wollten. Als Kind fanden sie es normal, dass ihre Väter
keine Zeit hatten, ihnen ist der Vater nicht abgegangen, erst Jahre später wurde
ihnen bewusst, dass ihnen der Vater gefehlt hatte. In Bezug auf die Mutter ist einigen
klar geworden, dass da etwas nicht stimmen kann. Besonders in Familien mit
mehreren Kindern, haben sich die Söhne mit den oftmals überforderten Müttern
solidarisiert.
Bei den Männern die sich für eine traditionelle Arbeitsteilung entschieden hatten,
waren die Vaterbeziehungen eher distanziert und nicht besonders herzlich. Ihre
Mütter waren alle zu Hause, teilweise mussten sie aber im eigenen Betrieb oder in
der Landwirtschaft mithelfen.
17
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Einer dieser Väter (1), hatte als Kind unter seinem Vater und dessen emotionaler
Kälte sehr gelitten. Sein Vater war Unternehmer, alles in seinem Leben drehte sich
um die Firma. Er verweigerte seinem Sohn jegliche Anerkennung und ebenso wenig
interessiert er sich heute für seinen Enkelsohn. Der Mann erhielt von seinem
erfolgreichen Vater keinen Spielraum, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Er
brauchte viele Jahre um die emotionale Zurücksetzung durch seinen Vater zu
verarbeiten, um so mehr bemüht er sich nun, seinem kleinen Sohn eine bessere
Zukunft zu ermöglichen.
Ein anderer Vater (6) erzählte, dass in seiner Familie wenig geredet wurde und
schon gar nicht über Gefühle. Erst durch seine Frau und seine Kinder hätte er dies
gelernt. Sich selbst beschreibt er als sehr ehrgeizig und leistungsbezogen in seiner
Firma. Da ist es kein Wunder, dass er seine Frau, eine gelernte Pädagogin, für die
Kinderbetreuung als geeigneter betrachtet. Seinen Vater beschrieb er als jemanden,
der immer nur gearbeitet hatte. Neben seinem Beruf hatte er noch eine kleine
Landwirtschaft und später baute er noch ein Haus.
Vater (11) hatte seinen Vater kaum gekannt, seine Eltern ließen sich scheiden als er
noch ein kleines Kind war. Er hatte kaum Kontakt zu seinem Vater der einige Jahre
später starb. Seine Mutter war alleinerziehend mit drei Söhnen, später bekam sie mit
seinem Stiefvater noch zwei Mädchen. Die drei älteren Kinder mussten früh zu
Hause mithelfen. Die drei Brüder waren viel alleine und standen sich sehr nahe.
Seinen Stiefvater hat er positiv erlebt, das Taschengeld wurde erhöht und er war ein
sehr ruhiger und ausgeglichener Mann, aber als sein Vorbild nannte er einen seiner
Brüder, den er sehr respektiert. Ihm fehlt ein positives väterliches Vorbild.
Der vierte Vater (12) dieser Gruppe hatte sehr strenge und leistungsbezogene Eltern,
wobei er vor allem seine Mutter als eine sehr herrschsüchtige Frau beschrieb. Sie
wurde erst durch eine schwere Krankheit im hohen Alter emotional zugänglicher.
Von den drei Männern die sich für eine pragmatische Lösung entschieden, wurde der
eigene Vater als Respektsperson beschrieben. Väter, die zwar zu Hause selten
präsent waren, aber wenn man sie brauchte, dann waren sie da.
"Er war wenig zu Hause, teilweise dienstlich begründet, teilweise, weil er einfach viel fort gegangen
ist. Trotzdem hatte ich ein lockeres Verhältnis zu ihm. Er tat es nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil
er es offensichtlich nicht besser gekonnt hat, sich um uns zu kümmern. Die Erziehung meiner
Schwester und mir war Sache meiner Mutter und zwar ziemlich ausschließlich. Er war halt immer da,
wenn es sozusagen ums Eingemachte gegangen ist. Da war er schon auf der Stelle und er war auf
jeden Fall eine Respektsperson, aber nicht negativ besetzt. Er ist jetzt nicht mit der Peitsche
aufgetreten, ganz im Gegenteil. Er war der Brötchenverdiener und der, der Autorität hatte Kraft seines
Wortes. Mit meinem Vater konnte man viele unterhaltsame Dinge machen. Nur, er war zeitlich wenig
da. Die Zeitkomponenten haben wir ihm laufend vorgeworfen. Aber er hat es nicht besser gekonnt."
(Vater 7)
Bei zwei Vätern (7, 10) waren die eigenen Mütter zu Hause, was aber von ihnen als
Söhne nicht positiv erlebt wurde. Sie hatten den Eindruck, ihre Mütter wären von
ihren Vätern zu wenig unterstützt worden. Aufgrund der negativen Erfahrungen ihrer
Mütter mit dem Hausfrauendasein unterstützen sie ihre Frauen, den Anschluss im
Beruf nicht zu verlieren.
"Von mir war das auch irrsinnig gewollt, dass sie wieder arbeiten geht, damit sie im Beruf bleibt. Das
habe ich zu Hause gelernt, dass sich meine Mutter immer darüber beschwert hat, dass sie eben „nur
noch“ daheim ist." (10)
18
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Vater (9) hatte zwei Brüder und seine Mutter musste aus ökonomischen Gründen
arbeiten gehen. Sein Vater war früh gestorben und seine Mutter heiratete wieder. Er
schilderte Probleme mit seinem strengen Stiefvater mit dem er sich erst als
Erwachsener ausgesöhnt hatte. Seine Beziehung zu seiner Mutter war gut, er
betrachtet sie als sein Vorbild, da sie ihm und seinen beiden Brüdern alles
Notwendige zum Leben beigebracht hatte.
Auffallend ist, dass die fünf Männer, die sich für eine moderne Arbeitsteilung mit ihrer
Partnerin entschieden haben, zu ihren Vätern eine sehr herzliche Beziehung hatten.
Fast alle hatten Väter, die viel arbeiteten und wenig zu Hause waren. Einer (4)
erzählte, dass sein Vater sich bewusst Zeit für seine Kinder nahm. Nur von einem
dieser Väter (2) war die Mutter berufstätig. Er meinte, die Zeiten waren damals
anders, und er hätte seine Kindheit auf der Straße mit anderen Kindern zusammen
verbracht und sehr genossen. Er ist schon mit 16 Jahren ausgezogen und war schon
sehr früh selbständig. Vater (3) nannte seine Mutter die Dominante, die sich um alles
zu Hause kümmerte. Sein Vater machte Karriere und war kaum zu Hause, aber er
war der zärtlichere.
Vater (8) erzählte, dass sein Vater zwar sehr viel brüllte, aber eigentlich der
herzlichere war. Er hatte zwar als Kind sehr viel Respekt vor seinem Vater, aber er
fühlt eine tiefe emotionale Beziehung zu ihm. Sein Vater war selbständig und ihm
war es nie gelungen, zwischen Arbeits- und Freizeit zu unterscheiden und alles in
der Familie drehte sich nur um den Familienbetrieb. Aber er fühlte sich von seinem
Vater sehr unterstützt.
„Ich erinnere mich sehr wenig an seine Schreiaktionen. Aber wenn es ums Zu-Bett-Gehen ging und
ich es zu lange hinausgereizt hatte, dann kam eine Schreiaktion. Ich wusste dann, dass es jetzt zu
Ende war und ich ging ins Bett. Ich wusste jedoch auch ganz genau, dass ich jetzt nicht einschlafen
darf, weil er irgendwann in der nächsten ¼ Stunde kommt und mir die Hand auflegt und sagt: „He
Pauli, sei mir nicht böse“, oder: „Das war nicht so gemeint.“ Auf das habe ich furchtbar gewartet und
dann konnte ich einschlafen. Das werde ich nie vergessen. Das waren Wärmeaktionen, wo der
Krümmerer wer anderer war. Die Mama hat mich dann genommen und ins Bett gebracht und gesagt,
dass ich mir nichts antun soll. Das war alles so unwichtig. Sie hatte einfach nicht soviel Sicherheit in
sich, dass ich sie von ihr aufnehmen hätte können. Vom Papa ist die Sicherheit immer gekommen.“
(Vater 8)
Ein Karenzvater (5) betonte, wie sehr sich seine Eltern für ihn und seine drei
Geschwister und deren Ausbildung aufgeopfert haben. Sein Vater hatte viel
gearbeitet und ist dann auch noch in die Politik gegangen. Aber ihm war wichtig,
dass seine Kinder studieren konnten, was ihm selbst verwehrt geblieben war. Sein
Vater musste aus finanziellen Gründen die HTL abbrechen, und der Sohn hat dann
die gleiche Schule besucht. Der Sohn hat den Kindheitstraum des Vaters erfüllt.
"Ich denke es kommt von meiner Mutter. Wie ich nach Wien gegangen bin und mit anderen Studenten
begann, das zu reflektieren habe ich gesehen, in welchen Verhältnissen die aufgewachsen waren. Ich
habe niemanden getroffen, der Eltern hatte, die sich so bedingungslos eingesetzt hätten für ihre
Kinder." (5)
Mehrmals wurde die Mutter als Vorbild oder als Anstoß für aktive Vaterschaft
genannt. Aus Solidarität und weil die Mütter sie erzogen haben bzw. ihnen alles
Wesentliche beigebracht haben oder einfach nur aus Wesensgleichheit.
"Wahrscheinlich eifere ich meiner Mutter nach, weil sie wesentlich unser Leben geprägt hat. Ich bin
auch, vermute ich zumindest, von der Wesensart eher meiner Mutter gleich als dem Vater. Meine
Schwester ist eher der Vater." (Vater 10)
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Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Viele Väter betonen, dass durch Erfahrungen mit jüngeren Geschwistern, um die sie
sich schon früh kümmern mussten, sie Verantwortung übernehmen lernten. Vor
allem in Familien mit mehreren Kindern, wo Eltern nur wenig Zeit für jedes einzelne
Kind aufbringen können, wurden die Söhne zu mehr Selbständigkeit erzogen. Die
Geschwister haben dann von einander gegenseitig gelernt und früh im Haushalt
mitgeholfen. Im bäuerlichen Umfeld mussten Kinder in den Ferien und am
Wochenende richtig mitarbeiten.
"Meine Frau hat gestillt. Nach drei Monaten ist die Milch versiegt und dann haben wir aufs Flascherl
umgestellt. Es war ganz wichtig, dass wir das gemeinsam gemacht haben, auch das Wickeln, Baden
und Anziehen... Ich war eigentlich von mir selber fasziniert, dass da gleich soviel hingehaut hat. ...
Frage: Hättest du dich eigentlich auch alleine um das Kind kümmern können? Ja, beim Stillen
ging es nicht, aber das Flascherl geben war dann kein Problem. Ich habe auch einen jüngeren Bruder.
Meine beiden Eltern gingen arbeiten. Wir, die beiden älteren Brüder waren zu Hause und wir haben
uns dann um den Kleinen gekümmert. Da habe ich schon einiges gelernt." (Vater 9)
III.2. Reflexion des Rollenverhaltens in der Jugend
Ein Mann (10) nannte die Pfadfinder, wo er auch seine Frau kennen gelernt hat, als
den Ort, wo er in seiner Jugend über das Rollenverhalten von Männern und Frauen
diskutiert hat. Er betonte mehrmals während des Interviews, wie wichtig die
Erfahrungen in der Jugendorganisation für sein aktives Vater sein war. In dieser Zeit
hat er sich kritisch mit dem Thema Erziehung auseinander gesetzt, praktische Dinge
des Lebens gelernt, und auch, was es heißt für andere Verantwortung zu tragen.
Drei Männer (2, 5, 7) erwähnten ihr Studium, als Zeit und Ort wo sie als junge
Menschen über das Rollenverhalten von Frauen und Männern diskutiert und die
eigenen Erfahrungen mit ihren Eltern kritisch hinterfragt haben.
"Es war ein Prozess durch Lesen und Studium...
Es war keine Wertung aber ich habe schon eine völlig andere Einstellung bekommen. Ich habe das
auch schon als Jugendlicher, wie ich noch zu Hause gewohnt habe, immer als negativ betrachtet,
dass mein Vater sich mehr oder minder von der Erziehung absentiert hat. Ich habe das nicht als
positiv gewertet und tue das auch heute nicht. Nur, ich trage es ihm nicht nach, dass er es nicht
anders gekonnt hat, weil es einfach andere Zeiten waren. Damals hat wirklich ein anderes Rollenbild
vorgeherrscht. Zweitens war das Arbeitsleben komplett anders organisiert wie heute." (7)
Vater (4) hat noch studiert. Er und seine Frau waren gerade in der Phase, wo man
über seine Kindheit und die Eltern kritisch reflektiert. Mit ihren Kindern konnten sie
gleich ein anderes Rollenverhalten experimentell ausprobieren.
Die meisten Väter hatten ihre Beziehung zu ihren Eltern im Laufe ihres
Erwachsenseins weiterentwickelt. Sie haben ihre Kindheit bewusst aufgearbeitet und
mit der Zeit Verständnis für die Situation ihrer Eltern und deren Unzulänglichkeiten
entwickelt. Aus der Reflexion der eigenen Familiengeschichte konnten sie ihr
eigenes Elternsein neu definieren und bewusst entwickeln. Die Beziehungen der
Väter zu ihren Eltern hatten sich durch das Kind meist positiv, in Richtung mehr
Kontakt verändert. Einer der Männer (5) war sehr verwundert, wie sehr sich sein
Vater in der Pension verändert hat. Da er plötzlich für seine Familie Zeit hat, wo er
vorher sein ganzes Leben nur Arbeit und Politik kannte und zu Hause nie anwesend
war. Er hat erst als erwachsener Mann seinen Vater so richtig kennen gelernt, so wie
er wirklich war, was er früher in der Familie nie gezeigt hatte.
20
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
III.3. Das Alter der Väter
Jüngere Väter gehen ihre Vaterschaft sehr lockerer an. Der jüngste (11) in unserer
Studie wurde mit 21 Jahren Vater, durch das Kind wurde er schneller erwachsen.
Durch die Verantwortung fürs Kind hat er sich sehr verändert, hat mehr Struktur und
Ordnung in sein Leben gebracht. Im ersten Jahr hat er sich weniger um das Kind
gekümmert, er ist erst langsam in seine Vaterrolle hinein gewachsen.
Der zweitjüngste (4) wurde mit 22 Jahren Vater, mittlerweile hat er zwei Kinder. Er
hat seine Situation als ziemlich ideal dargestellt, da er noch studierte und sich so
seine Zeit viel leichter einteilen konnte. Er freute sich sehr darüber, dass seine Eltern
ihn jetzt mehr respektieren, und es Gespräche von Eltern zu Eltern gibt. Die
Jüngeren nehmen das Leben noch lockerer und können sowohl mit den körperlichen
Belastungen, wie in der Nacht aufstehen, als auch mit den beruflichen Risiken durch
das Kind, besser zurecht kommen. Die Jungen, die noch nicht im Beruf verankert
sind, müssen weder um ihren Job zittern, noch müssen sie einen Einkommensverlust
verkraften.
Umgekehrt haben es Väter leichter, die schon etwas erreicht haben. Einige Väter
konnten sich die Arbeitszeit flexibel einteilen, weil sie eine sichere Position in ihrer
Firma erreicht hatten. Wenn Väter beruflich etabliert sind, können sie auch ein Mal
eine Pause einlegen, und ein halbes oder ganzes Jahr zurückstecken. Ab einem
gewissen Alter, wenn Männer beruflich schon ihre Ziele erreicht haben, bzw. an die
Grenzen ihrer Karrieremöglichkeiten gestoßen sind, kommt es zu einem Umdenken.
Diese Männer müssen beruflich nichts mehr erreichen und können sich bewusster
Zeit für ihr Kind nehmen. Der Druck im Beruf ist für Männer oft sehr belastend und
wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus. Der sichtbarste Nachteil des
konkurrenzorientierten Lebensstils von Männern zeigt sich in der niedrigeren
durchschnittlichen Lebenserwartung von Männern6.
Ein Karenzvater (5) mit 39 Jahren, reduzierte seine Arbeitszeit auf 25 Stunden. Er
betonte, dass er früher immer viel gearbeitet hatte, ohne die Überstunden bezahlt
bekommen zu haben. Erst durch das Kind bekam er ein Zeitbewusstsein und seine
Rückenschmerzen waren auf einmal weg. Er betrachtete die Karenz als eine Zeit der
Erholung und betonte, wie sehr sich seine Lebensqualität verbessert hat, da er mit
seinem Kind täglich Spazieren geht und viel gesünder lebt. Vater (12) hat erst beim
dritten Kind, als er schon über vierzig Jahre alt war, bemerkt, dass er von seinen
ersten beiden Kindern kaum etwas mitbekommen hat. Aufgrund einer beruflichen
Krise und der Geburt des dritten Kindes hat er dann sein Leben komplett verändert
und sich selbständig gemacht, um mehr Zeit für seine drei Kinder, aber auch mehr
Lebensqualität für sich selbst zu haben.
"Das Kind alleine war es nicht, aber meine Kinder haben das sicher erleichtert, dass ich selbst erkannt
habe, dass ich in den letzten 10 Jahren von meinen zwei größeren Kindern im Prinzip nicht viel
gesehen und auch nicht viel mit ihnen getan hatte. Ich habe mich gefragt, wie viel Zeit mir noch bleibt?
Mit 14/15/16 Jahren wollen sie dann eh nichts mehr von einem wissen, d.h. ich muss die nächsten
Jahre noch nutzen. Das ist mir dann bewusst geworden. Also die Unternehmenskrise und auch mein
ausgebrannt sein alleine waren nicht der Auslöser. Meine Krise war der Anlass und die familiäre
Situation war letztendlich der Auslöser für die Veränderung." (Vater 12)
6
(Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz, 2004; Lehner,
2003a).
21
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
III.4. Einstellung zur Vaterschaft
Durch die Geburt eines Kindes erhält ein Mann die Chance sein inneres Vaterbild zu
erneuern (Gebauer, 2003). Durch die väterliche Zuwendung zum eigenen Kind,
geben viele Männer das an ihre Kinder weiter, was sie sich selbst als Kind am
meisten ersehnt hatten.
"Ich sehe mich immer so als Partner von meinem Sohn, weil er so vorgibt was passiert. Ich sehe mich
nicht so sehr als Erzieher. Es ist einfach interessant mit so einem kleinen Kind mit zu leben, das von
einem kommt. Frage: Wie wollen Sie als Vater sein? Ich möchte zu ihm liebevoll sein. Ich möchte
von ihm Neues erfahren. Ich möchte durch ihn meine Säuglingsjahre nachholen und später immer für
ihn da sein, bis er ins Pensionsalter rutscht." (Vater 3)
Sie können der Vater sein, den sie sich immer gewünscht haben. Zum fürsorglichen
Umgang mit dem eigenen Kind gehört auch das sich selbst umsorgen (Pittmann,
1996). Damit ist gemeint, sich selbst anzunehmen, verwöhnen und die eigene
Person als eine liebenswerte akzeptieren, die nicht nur nach ihren Leistungen
beurteilt wird. Den Vater in sich selbst finden heißt, auf die Bedürfnisse von Körper,
Geist und Seele achten.
Die traditionellen Väter sehen ihre Aufgabe in der Familie als Troubleshooter in
Krisen. Sie bringen sich am Abend oder am Wochenende aktiv ein, und sehen ihre
Rolle als eine ergänzende, da die Mutter für Erziehung und Versorgung zuständig ist.
Die pragmatischen und die modernen Vätern sehen sich als gleichberechtigte
Erzieher mit ihren Partnerinnen. Sie sind der Meinung, dass sie eine genauso tiefe
Beziehung zu ihrem Kind haben wie die Mutter, selbst wenn sie weniger Zeit mit dem
Kind verbringen.
"Wenn ich mit meinem Kind spazieren gehe, so ist man nach einer halben Stunde nicht mehr Vater
und Kind sondern man bekommt so ein Kumpelgefühl, das wahnsinnig schön ist. Ich hoffe, dass das
jetzt noch viel mehr und generell ins Alltagsleben kommt. Alleine mit ihr zu sein, ohne, dass du dich
ständig mit jemanden anderen absprechen musst, das ist wahnsinnig schön. Wahnsinnig schön ist
auch, sie beim Einschlafen im Arm liegen zu haben und selber wegzuschlafen. Wahnsinnig schön ist,
wenn sie kommt und den Kopf zur Brust kuschelt oder, wenn ich auf den Knien mit ihr durch die
Wohnung krabble." (Vater 8)
Von den Vätern, die sich intensiv auf ihre Kinder eingelassen haben, wurde betont,
dass sich ihre soziale Kompetenz erweitert hat. Aber das geht scheinbar nicht so
nebenbei, dazu bedarf es eines längeren Zeitraumes, den man mit dem Kind alleine
verbringt. Sie lernten mehr Geduld, wurden weniger egoistisch und konnten mehr
ihre emotionale Seite entwickeln.
"Auch durch seine Lebendigkeit. Es war früher viel anstrengender für mich, ihn anzuziehen. Jetzt ist
es eigentlich genauso anstrengend, aber man wird wirklich geduldiger. Geduld ist sicher etwas, was
ich von ihm ganz stark dazu bekommen habe." (Vater 3)
Durch das Vater werden verändern sich die Lebens- und Zukunftsperspektiven von
Männern. Sie müssen nun mehr Verantwortung tragen, konnten beruflich nicht mehr
so viel riskieren. Für die traditionellen Väter kommt aufgrund ihrer Ernährerrolle dem
Beruf mehr Bedeutung zu, hingegen die Karenzväter meinten, die Karriere sei jetzt
nicht mehr so wichtig.
22
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
"Na ja, auf Konflikte gelassener reagieren, Zeitmanagement – so etwas würde ich mal sagen. Ich
hasse es heute noch, wenn ich mit dem Kleinen irgendwo einen Termin habe. Das mag ich nicht. So
etwas lernt man schon. Und man lernt natürlich ein bisschen zurückzustecken und sich ein bisschen
in die Anlagen des anderen hineinzuversetzen. Er ist ja noch so klein. Es stellen sich dann so Fragen,
wie: Was glaubt er, was könnte er meinen, wie könnte er sich fühlen, geht es ihm auch gut?" (Vater 2)
Ein Vater (5) ist durch sein Kind viel zufriedener geworden. Er lebt jetzt viel intensiver
und seine Rückenschmerzen sind weg. Ihm ist durch seine Tochter der
Lebenskreislauf bewusst geworden, dass sein Platz in der Generationenfolge
zwischen seinem alten Vater und seiner kleinen Tochter ist. Er ist sehr stolz auf
seine kleine Tochter, wenn sie Leute anlacht, ihre Lebensfreude gibt seinen Leben
eine neue Dimension. Früher hat er viel gearbeitet und zu wenig auf sich selbst
geachtet.
IV. Veränderung der Beziehung zur Partnerin
Die auffälligste Veränderung ist die Zeitqualität. Vor allem im ersten Lebensjahr
vereinnahmt das Kind die Eltern total und es bleibt kaum mehr exklusive Zeit für die
Paarbeziehung. Nur wenigen Paaren gelingt es, sich genügend Freiraum für ihre
Beziehung und auch für sich selbst als Person zu schaffen.
"Die Kinder gehen relativ bald ins Bett, so um 19.30 Uhr. Das ist etwas, das wir ihnen von klein auf
miteinander angewöhnt haben. Wir wollten einfach, dass sie zu ihrer Zeit ins Bett gehen. Dann hat
man noch 2 ½ Stunden wo man mit der Frau ein bisschen reden kann oder sonst irgend etwas tun
kann." (Vater 6)
Einige Paare berichteten, dass durch das Kind die Beziehung intensiver wurde, da
man durch das Kind mehr Zeit gemeinsam verbringt.
"Die Zeit zusammen genießen wir schon intensiver. Wir nehmen sie uns manchmal auch bewusst,
zum Beispiel dass er zu einer bestimmten Zeit täglich ins Bett geht ist nicht nur, damit er schläft,
sondern auch, damit wir an einem bestimmten Stichpunkt Zeit für uns haben." (Vater 2)
Für Paare (4, 9, 11), die noch nicht lange zusammen sind, bekommt die Beziehung
durch das Kind eine stärkere Stabilität, mit Kind trennt man sich nicht mehr so
leichtfertig. Ab der Geburt steht das Kind im Mittelpunkt der Beziehung und alles
dreht sich nur mehr um das Kind. Mutter wie Vater sind mit der eigenen Umstellung
und dem Hineinfinden in ihre neue Rolle voll ausgelastet, da bleibt kaum Verständnis
für die Situation des anderen.
"Während dieser Zeit geht es um beiderseitiges Verständnis, weil sich jeder irrsinnig belastet
vorkommt. Der, der von der Arbeit nach Hause kommt, kommt sich belastet vor, der, der zu Hause
sitzt ist natürlich unweigerlich irrsinnig belastet. Da kommt halt das typische Männerbild: Das bisschen
Haushalt und das kleine Kind… Das wird dir erst bewusst, wenn du überlegst, dass du es selber
machst und dich wirklich ein wenig mehr damit auseinandersetzt. ...
Bezüglich Aktivitäten machst du dir jede Minute Druck. Mir fehlte eher der Schritt raus, einmal alleine
sein zu können. Das war das Problem. Du hast nirgends eine Auszeit. Du hast zwei Probleme. Du
hast eine irrsinnig stressige Arbeit und dann kommst du nach Hause und hast das Kind. Das sind die
zwei lebensbeherrschenden Themen und du suchst immer irgendeinen Winkel und wenn es 5
Minuten am Balkon eine Zigarette rauchen ist...“ (Vater 8)
Insgesamt wird mehr geredet, die Themen drehen sich dabei hauptsächlich ums
Kind. Zwei Väter berichteten, dass sie mit ihrer Partnerin jetzt weniger Streiten, bei
den anderen haben die Konflikte zu genommen. Sie drehen sich fast alle um die
23
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
zeitliche Belastung, Verantwortung und Pünktlichkeit. Meistens ist der Anlass
unwichtig, es geht um nervliche Gereiztheit durch Stress und Schlafmangel.
Gestritten wird auch über mangelnde väterliche Präsenz bei der Hausarbeit und der
Kinderbetreuung. An manchen Tagen können die Mütter es gar nicht erwarten, dass
der Vater am Abend nach Hause kommt, und sie das Kind abgeben können.
"Ich fühle auch als Vater die Verantwortung und die Verpflichtung. Ich komme am Abend so um 18.00
Uhr nach Hause und bekomme das Kind an der Tür in die Hand gedrückt. Dann ist er meiner, bis er
meistens schlafen geht. Jetzt schläft er bei mir schon ein...
Er schläft um 21.00 Uhr spätestens ein." (Vater 3)
Die gegenseitige Abhängigkeit steigt durch ein Kind enorm. Zwei Väter (9, 11)
berichteten, dass sie aufgrund des Kindes jetzt zuverlässiger und pünktlicher
geworden sind. Ein Vater (3) meinte, dass er, wenn es eine schwierige Phase zu
Hause gibt, seine Frau in einer schlechten Verfassung ist, lieber länger im Büro
bleibt, obwohl das dann wieder zu neuen Konflikten führt.
Die traditionellen Väter, die sich in erster Linie als Ernährer sehen, loben
überschwänglich ihre Frauen, wie sie das alles schaffen. Ihnen ist voll bewusst, dass
die Frauen ihnen alle Sorgen bezüglich des Kindes abnehmen, da hört man
Wertschätzung und Dankbarkeit heraus. Man gewinnt den Eindruck, diese Paare
stehen weniger unter Druck, da sie eine klare Aufteilung der Kompetenzen haben
und sie nichts mehr ausdiskutieren müssen. Was nicht heißt, dass alle Frauen mit
dieser Lösung glücklich sind, aber sie haben sich mit der Situation arrangiert. In den
Telefoninterviews mit den Partnerinnen waren alle mit der Art, wie ihre Partner ihre
Vaterschaft leben, sehr zufrieden. Die Männer haben Frauen mit der gleichen
traditionellen Einstellung gefunden, die Paare sind zufrieden mit der von ihnen
gewählten Arbeitsteilung.
Die pragmatisch/modernen Paare, die sich die Kinderbetreuung aufteilen und
dennoch beide im Beruf verankert bleiben möchten, haben den höchsten
Kommunikationsaufwand. Sie müssen regelmäßig sehr viele Informationen
weitergeben, um eine kontinuierliche Betreuung gewährleisten zu können. Sie haben
oft nur Zeit, sich sachlich abzustimmen, wie z.B.: Was das Kind zu Mittag gegessen
hat, damit es am Abend nicht das gleiche bekommt. Eltern, die sowohl in der Arbeit
als auch in Beziehung zum Kind über 100 Prozent bringen wollen, klagen am
meisten über die enorme zeitliche Belastung. Bei Arbeitszeitreduktion besteht die
Gefahr, dass versucht wird, in der halben Zeit die gleiche Leistung zu erbringen.
Dazu kommt die Rollenunsicherheit, wenn beide, Vater und Mutter versuchen sich
um Kind und Beruf zu kümmern. Sie müssen permanent ihre Rolle und ihre
Arbeitsbereiche, wer, wann, was macht, miteinander abstimmen. Die Lösung, dass
einer in Karenz ist und der andere arbeiten geht, dürfte zu weniger Stress führen,
egal ob es die Mutter oder der Vater ist.
Nach wie vor liegt die Hauptlast der unbezahlten Hausarbeit bei den Frauen. Die
Väter engagieren sich wesentlich mehr bei der Kinderbetreuung als bei der
Hausarbeit. Um so mehr Mitarbeit die Frauen einfordern, um so mehr übernehmen
die Männer auch. Bis auf zwei Väter (6, 12), haben alle gesagt, dass sie sich an der
Hausarbeit beteiligen, die Verantwortung bleibt aber bei den Frauen.
„Manchmal ist es (Hausarbeit) schon ein Streitpunkt oder eher ein Diskussionspunkt. Es ist nicht so,
dass es dann die Barbara alleine macht. Sie sagt halt, dass es wieder einmal an der Zeit wäre, das
oder das zu machen.“ (Vater 9)
24
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Wenn Frauen aufgrund der Kinderbetreuung den ganzen Tag zu Hause sind, dann
wird von ihnen selbstverständlich erwartet, dass sie den Haushalt erledigen. Im
umgekehrten Fall, wenn der Mann in Karenz ist, dann wird der Haushalt gemeinsam
erledigt. Als neuralgischer Punkt kristallisierte sich der Zeitpunkt heraus, zu dem die
Mutter wieder zu arbeiten beginnt. Dann fordern sie von ihren Partnern mehr Mithilfe
ein.
Die meisten Paare haben versucht im ersten Lebensjahr die Kinderbetreuung selbst
zu organisieren. Wenn zusätzlich noch extra Kinderbetreuung notwendig war, wurde
in erster Linie auf Großmütter (9, 10, 11) oder vertraute Bezugspersonen (7)
zurückgegriffen. Externe Kinderbetreuung in Form von Kindergarten (1, 5, 6, 9)
wurde erst ab einem Alter von 1 1/2 Jahren in Betracht gezogen. Beim zweiten oder
dritten Kind wird externe Kinderbetreuung schon früher akzeptiert als bei den
Erstgeborenen (4, 12). Die Entscheidung, wann ein Kind reif für externe
Kinderbetreuung ist, wurde fast immer gemeinsam getroffen und auch die
Betreuungseinrichtung gemeinsam ausgewählt.
"Es tut zwar weh, ihn abzugeben, andererseits merkt man, dass er in das Kindergartenalter kommt
(1 1/2 Jahre). Ich glaube es wird ihm gut tun. Meine Frau ist jede Woche 1x in eine Spielgruppe mit
ihm gegangen. Insofern wird der Kindergarten dann nichts Neues für ihn sein. Das hat ihm immer gut
getan. Da haben wir auch gemeinsam entschieden, dass er jetzt in den Kindergarten kommt. Meine
Frau will auch arbeiten gehen und ich habe gesagt, dass das in Ordnung ist. Wir haben dann auch
wieder zwei Gehälter." (Vater 1)
Auffallend ist, dass Paare mit einem breiten sozialen Umfeld das Kind als weniger
belastend erleben. Es profitiert davon sowohl die Beziehung als Paar, als auch die
Beziehung zum Kind. Bei zwei Vätern (9, 11) wohnen die Großeltern ganz in der
Nähe, im selben Haus, bzw. in der Nebenstiege. Bei diesen Paaren merkte man
deutlich wie viel entspannter sie den Alltag mit dem Kind angehen können.
Einige Paare (1, 2, 4, 6) haben sich bewusst ein kinderfreundliches Umfeld
aufgebaut, um auch Mal schnell für ein paar Stunden weg gehen zu können und
einen Abstand vom Kind zu gewinnen und Zeit für sich als Paar zu haben. Weiters
werden gemeinsame Aktivitäten mit anderen Familien und Kindern als sehr
entspannend erlebt. Dazu kommt auch die Akzeptanz von Fremdbetreuung, ob man
Babysitter oder Kinderbetreuung zur Entlastung akzeptiert. Eltern fällt es manchmal
schwer Kinder mit 1 ½ Jahren in eine externe Kinderbetreuung zu bringen und freuen
sich dann, wenn es klappt.
"Das war am Anfang gar nicht so einfach für uns, weil wir uns schon Tränen von ihm erwartet hätten.
Er ist gleich rein gelaufen und war dort (im Gruppenraum im Kindergarten). Jetzt ist es so, dass er,
sobald wir dort sind, hinein läuft. Man kann ihn gerade noch umziehen und seine Patschen anziehen.
Dann steht er eh schon bei der Tür. Wenn man sie aufmacht ist er weg....
Am Anfang war er immer bis vor dem Mittagessen, so 2 – 3 Stunden zum Eingewöhnen. Jetzt ist er
bis ca. 15.00 Uhr dort. Er isst und schläft dort und um 15.00 Uhr holt ihn Oma, Barbara oder ich ab.
Wer halt gerade Zeit hat...." (Vater 9)
Familien die kein unterstützendes soziales Umfeld haben, leiden stärker unter
Stress, weil sie überhaupt keine Entlastung erhalten. In einer Familie (12) musste
zusätzlich neben zwei kleinen Kindern noch eine schwerkranke Großmutter versorgt
werden, was zu einer enormen Belastung für beide Eltern führte. Immer wieder
wurde betont, wie sehr ihnen aktive Großeltern fehlen, teilweise wohnen sie zu weit
weg, sind aufgrund des Alters nicht mehr belastbar oder zu jung und selbst beruflich
25
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
aktiv. Durch Freunde mit Kindern kann einiges ausgeglichen werden, aber die
emotionale Unterstützung von Großeltern können sie nicht ersetzen.
Besonders die Paare in denen beide voll in der Beziehung zum Kind und im Job
aufgehen, sprachen von Beziehungsproblemen. Manche vergessen bei der
Aufteilung, wer sich wann um Kind, Job und Haushalt kümmert, dass sie auch für
ihre Beziehung Zeit brauchen. Jeder Mensch braucht auch Rückzugsphasen, in
denen man alleine ist. Ein Vater (5) erzählte, dass seine Frau als das Kind ein halbes
Jahr alt war eine Krise bekam und ihm Vorwarf, der bessere Vater zu sein. Er
meinte, sie wäre stärker auf das Kind fixiert gewesen als er und könnte sich neben
dem Kind nicht so gut erholen. Sie kann sich nicht so gut abgrenzen und ist deshalb
viel gestresster, da sie sich ständig um das Kind sorgen macht. Durch Kontakte mit
anderen Müttern und dem Vergleich wie andere auf bestimmte kleine Krisen im
Alltag mit Kindern reagieren, hat sich die Situation wieder entspannt.
"Wenn ich zum Beispiel am Vormittag arbeite, dann komme ich nach Hause und bin müde. Dann lege
ich mich aufs Sofa und die Luisa macht irgend etwas. Entweder spielt sie alleine oder sie kommt und
ich schaue mit ihr Bücher an. Da kann ich mich gut relaxen und es so machen, dass ich wirklich eine
halbe Stunde da sitze und mich ausraste. Das schafft die Petra nicht und das ist sie mir extrem
neidig...
Sie ist einfach konzentrierter auf das Kind, fürsorglicher und besorgter..." (Vater 5)
Mütter bzw. Paare, die zu sehr im Kind aufgehen, denen es nicht gelingt einen
Abstand zum Kind zu bekommen, fühlen sich viel schneller ausgebrannt. Das
belastet dann die Lebensqualität und auch die Beziehungsqualität enorm. Einige
meinten sie sind durch den Beruf und das Kind so gefordert, dass sie am Abend gar
nicht mehr fortgehen wollen. Bei mehreren Kindern wird die zeitliche und die
nervliche Belastung noch stärker, diese Paare schaffen es nur unter großem
Aufwand sich kurze Pausen zu zweit oder alleine zu gönnen. Andererseits gibt es
mehr Sicherheit, wie Vater (4) berichtete, da beim zweiten Kind alles schon mehr
Routine ist.
"Die Zeit ist eindeutig zu kurz geworden. Die Kinder verbrauchen nach der Arbeit den Rest der Zeit...
Zwei Kinder erfüllen einem vollständig, eines vielleicht zu 80%... Wir bemühen uns, hin und wieder
einen Tag oder einen Abend gemeinsam zu verbringen. Sonst ist die Zeit, in der man Dinge
miteinander abspricht, irrsinnig kurz geworden." (Vater 10)
V. Maßnahmen zur Förderung aktiver Vaterschaft
Wir fragten, welche Maßnahmen von Seiten der Politik ihnen bei der Betreuung ihres
Kindes geholfen hätten, bzw. welche Unterstützungen ihnen die Entscheidung für ein
zweites oder drittes... Kind erleichtern würde. Bis auf drei Väter (4, 7, 12) wünschen
sich alle Väter ein zweites bzw. ein drittes Kind. Die Familie von Vater 4 hat schon
zwei Kinder. Er und seine Partnerin haben die letzten Jahre ihre Berufswünsche
zurückgestellt, jetzt wollen sie erst einmal beruflich durchstarten. Vater (12) hat
schon drei Kinder und meinte, aus medizinischen Gründen und aufgrund des Alters
seiner Frau (37) wollen sie kein viertes Kind mehr. Vater (7) meinte, dass er sich kein
weiteres Kind mehr leisten könne, da die neu gekaufte Eigentumswohnung für zwei
Kinder zu klein ist. Diese Aussage ist sehr interessant, denn dieser Vater verfügt
über das höchste Einkommen aller befragten Personen. Hier zeigt sich klar, dass die
Entscheidung für ein Kind auch heißt, wie sehr bin ich bereit, meinen
Lebensstandard zu reduzieren. Denn Kinder kosten Geld und gleichzeitig sinkt das
26
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Familieneinkommen. Immer wieder wurde auf die soziale Benachteiligung von
Familien hingewiesen, besonders die Väter mit mehreren Kindern haben das Thema
in Bezug auf kinderlose Paare und die Pensionsreform eingebracht.
Bezüglich der ersten Zeit nach der Geburt wurde mehr Urlaub gefordert, ein
Vaterschutzmonat hätte ihnen sehr geholfen. Dazu forderten sie, dass die vier
Wochen flexibel in Anspruch genommen werden können, mit Unterbrechungen
innerhalb der ersten Monate, da in manchen Branchen ein vierwöchiger Urlaub im
Stück nicht möglich ist. Besonders die traditionellen Väter, die nicht in Karenz gehen,
betonen wie wichtig es für sie gewesen wäre, wenigstens in den ersten Wochen
länger ihre Frau unterstützen zu können.
"Das (Vaterschutzmonat) ist etwas, das ich auf alle Fälle begrüße. Wenn die Frau nach der Geburt
nach Hause kommt, sollte der Mann die Möglichkeit haben, mindestens eine Woche danach zu Hause
zu sein. Nicht sosehr, um das Kind, sondern um die Partnerin zu unterstützen. Das würde ich sofort
begrüßen, befürworten, unterschreiben und sonstiges. Das fehlt total. Das ist das Um und Auf und das
ist wahrscheinlich auch genau der Frust, den die Frauen haben. Sie sagen dann: „Du warst zwar bei
der Geburt dabei, aber dann bist du gegangen.“ (Vater 12)
Entsprechend der Vielfalt der Lebensentwürfe drehen sich die Hauptforderungen der
Väter um Flexibilität: Flexible Arbeitszeiten, flexible Karenzzeiten und flexible
Kinderbetreuung. Bei vollem Lohnersatz und vollem Kündigungsschutz wären mehr
Väter bereit in Karenz zu gehen. Maßnahmen wie das Kinderbetreuungsgeld, die
einen Vollausstieg fördern, richten sich in erster Linie an Frauen.7 Maßnahmen, die
sich an Väter wenden, müssen einen Lohnersatz, und das Recht auf
Arbeitszeitverkürzung enthalten. Viele Väter wollen mit einem Fuß im Beruf verankert
bleiben und sind nicht bereit ganz aus dem Beruf auszusteigen.
"Das weiß man eigentlich erst, wenn man es hat. So etwas kann man nicht beschreiben. Man kann
nicht sagen, dass man so etwas machen muss. Wenn man einmal das eigene Kind lauthals lachen
hört, dann weiß man warum. Das ist schon Gold wert... Das eigene Kind strahlen sehen, das sollte
man auf jeden Fall einmal erlebt haben. Das entschädigt für vieles." (Vater 8)
Ein Vater (8) wurde von seinem Arbeitgeber gezwungen regelmäßig Überstunden zu
machen und als er dann auch noch in Karenz gehen wollte, kam es zum Konflikt und
er wurde gekündigt. Er hatte schon lange vorher angekündigt, dass er, wenn sein
Kind kommt, weniger arbeiten wird, aber der Chef wollte das nicht glauben. Er zog
die Konsequenzen und ist jetzt froh, da er sich während seiner Karenzzeit umschulen
lassen wird. Die Väter fordern einen bewussteren Umgang mit Zeit in der Arbeitswelt,
einige Väter berichteten, früher hatten sie einfach gearbeitet ohne darauf zu achten,
wie lange. Die Überstunden wurden meist nicht ausbezahlt, und erst durch ihre
Kinder hatten die Männer ein Zeitbewusstsein entwickelt.
Zwei Väter (3, 5) beklagten den kurzen Kündigungsschutz, den man bei der Karenz
hat. Vater (3) meinte, er würde sogar unentgeltlich in Karenz gehen, aber der
Kündigungsschutz müsste gewährleistet sein. Auch die Einkommensgrenze beim
Kindergeld bringt die Eltern, die sich mittels Arbeitszeitreduktion die Karenz teilen, in
Schwierigkeit. Wenn beide wie das Paar (5) um 50 % weniger arbeiten, aber die
Einkommensgrenze knapp überschreiten, dann fehlt ihnen ein ganzer Gehalt bzw.
7
Das Kinderbetreuungsgeld erschwert den Wiedereinstieg durch die Förderung der langen
Erwerbsunterbrechung und die mangelnde Anbindung an das Arbeitsrecht (Lücken im
Kündigungsschutz). (Lutz 2003); Die OECD kritisiert, dass dadurch die Integration von Frauen am
Arbeitsmarkt erschwert wird und dass zuwenig Kinderbetreuung vorhanden ist. (OECD, 2003).
27
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
50 Prozent des Familieneinkommens und sie haben keinen Anspruch auf Kindergeld.
Zwei Väter (7, 10) betreuen einen Tag pro Woche ihr Kind, in Schweden würden sie
dafür Karenzgeld erhalten8. In Österreich kann man nur im Block von mindestens 3
Monaten in Karenz gehen. Da wurde auch mehr Flexibilität gefordert.
Vater (10) ärgerte sich, dass wenn eine Frau ein zweites Kind innerhalb des
Kindergeldbezuges bekommt (2 1/2 Jahren), dann wird ihr während des
Mutterschutzes das Kindergeld gestrichen, da man das Kindergeld immer nur für das
jüngste Kind beziehen kann.
"Das Kinderbetreuungsgeld sollte im Mutterschutz nicht gestrichen werden. Da waren wir überrascht,
dass auf einmal im Mutterschutz das Kinderbetreuungsgeld gestrichen wurde. Plötzlich haben im
Monat € 450,-- gefehlt. Das ist eine Menge gewesen, das auf einmal wegfällt und dann wieder
kommt." (Vater 10)
Für die befragten Familien war Kinderbetreuung meistens noch kein wichtiges
Thema, da externe Betreuung für Kinder unter 1 ½ Jahren selten angestrebt wird.
Wenn, dann sind die Mütter meist nur tageweise arbeiten gegangen und da sind die
Großmütter eingesprungen. Gefordert wurden flexible Betreuungsangebote, die man
auch tageweise z. B nur für 2 oder 3 Tage pro Woche in Anspruch nehmen kann.
VI. Resümee
Für Mütter gehört die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bereits zum Alltag, egal ob
sie traditionell, pragmatisch oder modern eingestellt sind. Für viele Väter hingegen
bleibt eine ausgeglichene Work-Life-Balance zumeist ein unerfüllbarer Wunsch, den
nur die modern eingestellten Väter verwirklichen. Ein stärkeres Engagement von
Vätern im Bereich der Familie würde den Männern mehr Lebensqualität und den
Frauen mehr Gerechtigkeit bringen. Die von uns befragten Paaren fanden sehr
kreative Lösungen und entwickelten eine große Vielfalt für ihre Arbeitsteilung. Väter
unterscheiden sich sehr stark in ihrer Einstellung zum Vatersein und ihrer
Bereitschaft sich aktiv an der Kinderbetreuung zu beteiligen.
Die traditionellen Väter sehen sich nach wie vor als Ernährer, sind stark
leistungsorientiert und definieren sich in erster Linie über den Beruf. Sie lassen sich
zu Beginn noch nicht so stark auf die Beziehung zum Baby ein. Die Kinder werden
für sie attraktiver, wenn sie schon sitzen, laufen oder stehen können und man mit
ihnen schon mehr aktiv spielen kann.
Die pragmatischen und die modernen Väter unterscheiden sich in ihrem Vaterbild
nicht so stark, dafür umso stärker in der Umsetzung. Die pragmatischen Väter
wollen mehr als sie dann wirklich realisieren können. Sie versuchen sich voll zu
engagieren, sowohl in der Familie als auch im Beruf, doch das ist zeitlich sehr
belastend. Sie würden sich gerne stärker aktiv am Familienleben beteiligen, sehen
sich in erster Linie als Erzieher. Gleichzeitig können oder wollen sie im Beruf nicht
zurückstecken. Es stellt sich die Frage, ob sie ihr Einkommen oder ihren beruflichen
Erfolg brauchen. Diese Väter brauchen staatliche Anreize wie einen vollen
Lohnausgleich, um in Karenz gehen zu können.
8
Schwedisches Institut, 2003
28
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Sich als Vater gleichberechtigt um sein Kind zu kümmern, ist für die modernen
Väter selbstverständlich. Die Gruppe der Modernen sind in der Umsetzung der
individuellen Machbarkeit aktiver Vaterschaft am weitesten gekommen. Das sind die
neuen Väter von morgen, die ihre Zukunftsvisionen schon heute Leben. Bei dieser
Gruppe auffallend ist, dass es nicht auf das Vorbild des eigenen Vaters, sondern auf
die Beziehungsqualität ankommt. Alle modernen Väter berichteten von einer sehr
herzlichen Beziehung zum Vater, auch wenn diese wenig Zeit hatten.
Den eigenen Erfahrungen in der Kindheit, mit dem Vater, der Mutter und jüngeren
Geschwistern kommt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Väterlichkeit zu.
Männliche Freunde sowie das soziale Umfeld haben einen geringen Einfluss auf das
Verhalten von Vätern. Die pragmatisch/modernen Väter kannten kaum andere
Männer die sich ebenso aktiv um ihr Kind kümmern und sind eher isoliert.
Die Übergangsphase zur Vaterschaft beinhaltet Chancen für einen Neuanfang und
eine Veränderung der Vaterrolle. Vor allem die tiefe emotionale Ergriffenheit des
Vaters nach der Geburt des Kindes sollte genutzt werden. Die intensiven Gefühle,
die Väter in der ersten Zeit zu ihrem Kind entwickeln können, sind die Basis für eine
enge Vater-Kind-Beziehung. Diese intensive Beziehungsqualität ist später nur
schwer nach zuholen. Die pragmatisch/modernen Väter sind der Meinung, dass sie
Kleinkinder genauso gut versorgen können wie Frauen, bis aufs Stillen, trauen sie
sich alles zu. Sie engagieren sich von Anfang an aktiv und lassen sich auf eine tiefe
Beziehung zum Kind ein.
Die Paarbeziehung wird im ersten Lebensjahr durch ein Kind stark belastet. Nur
wenigen Paaren gelingt es, sich genügend Freiraum für ihre Beziehung und auch für
sich selbst als Person zu schaffen. Besonders Eltern ohne unterstützendem sozialen
Umfeld brauchen mehr Entlastung durch Kommunikations- und Beratungszentren.
Eine klare Arbeitsteilung, dass einer in Karenz ist und der andere arbeiten geht,
dürfte zu weniger Stress führen, egal ob es die Mutter oder der Vater ist. Die Paare,
die parallel versuchen Kinderbetreuung und Beruf zu organisieren, haben den
höchsten Kommunikationsaufwand. Sie klagen am meisten über die zeitliche
Belastung. Dazu kommt eine starke Rollenunsicherheit, sie müssen permanent ihre
Arbeitsteilung neu aus verhandeln und aufeinander abstimmen.
Väterförderung muss neben strukturellen Maßnahmen (flexiblere Arbeitszeiten,
flexibleres Kinderbetreuungsgeld, flexiblere Kinderbetreuungsangebote) auch
Beratung und Vätertraining beinhalten. Aktive Väter sind sehr isoliert, sie haben
kaum Kontakte zu anderen Vätern und wenig Möglichkeiten sich zu informieren. Das
beste Männer-Bewusstsein hilft nichts, wenn die Strukturen eine Veränderung nicht
zulassen, aber auch umgekehrt, die väterfreundlichsten Rahmenbedingungen greifen
nicht, wenn kein Bewusstsein vorhanden ist.
29
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Kurzbeschreibung der befragten Väter
Es wurden 12 Väter im Zeitraum von September bis November 2004 befragt, davon
leben 6 in Wien, 5 in Oberösterreich und einer in Niederösterreich. Die Väter wurden
mittels Inserate, Homepage und e-Mail Aufruf gesucht und meldeten sich freiwillig.
Es wurde eine selektive Vorauswahl getroffen, um eine möglichst breite Streuung
nach Alter/Bildung/Erwerbstatus/Region gewährleisten zu können. Viele unserer
Interviewpartner kamen ursprünglich vom Land (unter 2.000 Einwohner) und sind
aufgrund der Ausbildung, des Berufes, der Partnerin,... in die Stadt nach Wien oder
Linz gezogen. Es meldeten sich viele engagierte Karenzväter, so dass wir einigen
leider absagen mussten. Traditionell eingestellte Väter meldeten sich wesentlich
weniger. Die von uns befragten Väter waren zum Befragungszeitraum zwischen 22
bis 43 Jahre alt, die meisten waren um die 30 Jahre, was etwas unter dem
Durchschnittsalter liegt, in dem Männer zum ersten Mal Vater werden.
Abb. 1: Väter nach sozialen Eckdaten
Vater
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
Alter/
Jahre
38
35
33
26
39
28
30
36
29
33
22
43
Ausbildung
Handelschule
MBA
Bakkalaureat
Hochschule
Dipl-Ingenieur
Lehrabschluss
Hochschule
Lehrabschluss
Landwirt
Hochschule
Lehrabschluss
Ingenieur
BerufsErwerbstatus
bezeichung
Baukaufmann
Vollzeit
Kaufm. Angest.
Karenz
Angestellter
Vollzeit
Student
Nebenjobs
Informatiker
Teilzeit
Messtechniker
Vollzeit
PR-Berater
Vollzeit
Angestellter
Arbeitslos
Angestellter
Vollzeit
Uni Assistent
Vollzeit
Verkäufer
Zivildienst
Baumeister
Selbstständig
Herkunftsfamilie
Stadt
Kleinstadt
Land
Land
Land
Land
Land
Land
Kleinstadt
Stadt
Stadt
Kleinstadt
Heutiges
Wohnumfeld
Stadt
Stadt
Stadt
Stadt
Stadt
Land
Stadt
Kleinstadt
Land
Stadt
Stadt
Kleinstadt
Kind
1
1
1
2
1
2
1
1
1
2
1
3
Die 12 befragten Männer weisen ein etwas höheres Bildungsniveau im Vergleich zur
Gesamtbevölkerung auf, was auf die Art des Aufrufs und der freiwilligen Teilnahme
zurück zu führen ist. Bildungsferne Schichten sind weniger bereit an einer Befragung
teilzunehmen. Bei drei Vätern wurde der Kontakt über die Frau hergestellt, so als
hätte sie Interesse daran, ihren Partner als aktiven Vater zu präsentieren. In den
meisten Fällen ging die Initiative von den Männern aus, die gerne über ihr Vatersein
reden wollten.
Abb. 2: Vergleich soziale Eckdaten von Vater und Mutter
Sozialen Daten des Vaters
Einkommen
Alter
Ausbildung
1.700,38
Handelsschule
1.700,35
MBA
1.400,33
Bakkalaureat
1.200,26
Matura / Student
2.100,39
Dipl. Ingenieur
1.400,28
Lehrabschluss
2.300,30
Hochschule
1.000,36
Lehrabschluss
1.200,29
Landwirt
1.800,33
Hochschule
1.000,22
Lehrabschluss
1.700,43
Ing. / Baumeister
Sozialen Daten der Mutter
Einkommen
Alter
Ausbildung
1.700,32
Hochschule
1.700,34
Hochschule
1.700,28
Matura
1.000,30
Hochschule
2.100,35
Hochschule
1.200,28
Matura
1.500,37
Hochschule
1.200,28
Sozialakademie
1.400,28
Sozialakademie
1.200,33
Pädag. Akademie
1.000,24
Matura
1.200,37
Pädag. Akademie
30
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
Auffallend ist das hohe Bildungsniveau der von uns befragten Mütter, sie liegen weit
über dem durchschnittlichen Bildungsniveau von Frauen in Österreich. In drei Fällen
ist sie älter als ihr Partner und in vier Fällen ist der Bildungsabschluss von ihr
wesentlich höher als der des Mannes, bei den meisten Paaren ungefähr gleich.
Betrachtet man das Einkommen (ungefähres Nettoeinkommen), verdienen die
Männer etwas mehr als die Frauen, einige Paare verdienen in etwa gleich viel. In drei
Familien ist das Einkommen der Frau etwas höher: Ein Vater war zum
Befragungszeitraum arbeitslos und ein zweiter Vater machte gerade Zivildienst.
Studiendesign
Es wurden 12 Väter mit einjährigen Kindern nach unterschiedlichen sozialen
Indikatoren ausgewählt. Bei der Auswahl wurde auf eine breite Streuung nach Alter
des Vaters, Bildung, Berufstand und Region geachtet. Es sollte eine ausgewogene
Mischung von Vätern in unterschiedlichen Lebenssituationen sein. Die Väter wurden
über eine öffentliche Ausschreibung in verschiedenen Zeitungen und im Internet
sowie durch einen e-mail-Aufruf in Wien, NÖ und OÖ gesucht. Die Väter meldeten
sich bei uns freiwillig. Es musste eine selektive Vorauswahl getroffen werden, um
eine größere soziale Streuung zu gewährleisten.
Die Interviews wurden transkribiert und inhaltsanalytisch nach der Methode des
problemzentrierten Interviews (in Folge nur mehr PZI) ausgewertet9. Das PZI
orientiert sich an der Grounded Theory von Glaser & Strauss 1998 und ist ein
diskursiv-dialogisches Verfahren. Es besteht aus den vier Instrumenten, die alle in
dieser
Studie
angewendet
wurden:
Kurzfragebogen,
Interviewleitfaden,
Tonträgeraufzeichnungen und Postskripte (Protokoll des Gesprächs).
Mit den Vätern wurden zweistündige Tiefeninterviews mit Hilfe eines
Interviewleitfadens in ihrer Wohnung oder im Büro durchgeführt. Während der
Interviews wurde darauf fokussiert, Eindrücke und Auswirkungen der persönlichen
Lebensumstände der Väter während des ersten Lebensjahres ihres Kindes sichtbar
zu machen. Nach jedem Interview wurde ein Protokoll über die Atmosphäre des
Gesprächs angelegt. Die sozialen Eckdaten wurden entsprechend den PZI
Methoden mittels schriftlichem Fragebogen erhoben. Einige Tage später wurde
zusätzlich ein Telefoninterview mit den Partnerinnen durchgeführt um ein
abgerundetes Bild zu erhalten und einen Gesamteindruck über die Familiensituation
herzustellen. Dabei ging es vor allem um die Erwartungshaltung und Zufriedenheit
der Frauen mit ihren Partnern als Väter.
Die Interviews wurden im Anschluss zuerst einzeln in Form von Fallstudien
ausgewertet, dann systematisch verglichen und im Endeffekt nach fallübergreifender
Thematik ausgewertet. In die Gesamtauswertung wurden zur Untermauerung
Originalzitate aus den Interviews eingearbeitet. Zum Abschluss wurden die
Ergebnisse noch mit anderen Studien verglichen, theoriegeleitet ausgewertet und mit
weiterem empirischem Material deduktiv ergänzt.
Projektleitung:
Mag. Sonja Brauner([email protected])
mit Unterstützung von:
Mag. Winfried Moser ([email protected])
9
Witzel 2000
31
Individuelle Machbarkeit aktiver Vaterschaft
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32
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