Heft 06 - Spiegel

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KULTUR
Theater
Die ewige Kindermörderin
H. PÖLKOW
FOTOS: B. UHLIG
SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über Medea und Edith Clevers Berliner „Medeia“
Berliner Schaubühnen-Medeia Clever: „Welche Ströme der Qual hast du den Menschen gesandt!“
aß eine Frau ihre beiden Kinder eigenhändig umbringt, als furchtbarsten Vorwurf gegen den Mann und
Vater, der sich von ihnen abwenden wollte: das ist ein Verbrechen, das keine Erklärung braucht. Es versteht sich. Als es
sich das letzte Mal hierzulande ereignete,
vor drei Wochen in dem pfälzischen Ort
Waldmohr, wurde es von der Frankfurter
Allgemeinen auf knapp 50 Zeilen abgetan, in Bild auf gut 30: Kein geheucheltes
Mitgefühl, keine geheuchelte Emp örung, auch in der Süddeutschen nur 20
Zeilen mit dem AP-Fazit, „nach vorläufiger Einschätzung eines Psychiaters komme verminderte Schuldfähigkeit oder gar
Schuldunfähigkeit in Frage“. Das versteht sich.
Für jeden Theaterliebhaber, für jeden,
der sich einen Rest klassischer Bildung
durchs Leben gerettet hat, heißt die Frau,
die ihre beiden Kinder tötet, um den treulosen Mann zu strafen, ein für allemal
Medea, auch Medeia. Sie mag nicht die
erste gewesen sein, doch sie ist die berühmteste.
Medea war, in der Männerwelt der antiken Heldensagen, in manchem Sinn die
einzige Heldin überhaupt. Eine Abenteurerin, die im unsteten Lauf ihres Lebens weit herumkam; eine Landesverräterin; eine Zauberin, Wunderheilerin,
Giftmischerin, Hexe: Weil sie von den
Gestaden des Schwarzen Meeres kam,
wollte man sie nicht überall als rechte
Griechin anerkennen.
Ohne Medea wäre der größte Raubzug
der klassischen Antike, die Erbeutung
D
des Goldenen Vlieses durch die Argonauten, schmählich gescheitert; sie hat,
damit es gelang, ihren eigenen Bruder
in Stücke geschnetzelt. Die Einnahme
der feindlichen Stadt Iolkos, die sich alle Argo-Helden zusammen nicht zutrauten, brachte Medea im Alleingang
zustande. Medea trat mutig noch in reiferen Jahren gegen die Nymphe Thetis
zu einer Schönheitskonkurrenz an; und
sie war, was ihr nicht vergessen sei, die
einzige Erdenfrau, die sich den sexuellen Belästigungen durch Gottvater
Zeus resolut widersetzte.
Nun also Edith Clever. Die Berliner
Schaubühne hat schon seit einer Weile
für sich die Antike zum ProgrammSchwerpunkt erklärt: Sich abwenden
von den Miseren der Gegenwart heißt
das wohl und Erbauung suchen bei vermeintlichen Ewigkeitswerten. Dem
„Orestes“ von Euripides, den Andrea
Breth vor einem Jahr herausbrachte,
ließ man eine szenische Fassung von
Platons „Symposion“ folgen, und letzte
Woche nun war, als Regisseurin und
Star, Edith Clever dran mit der euripideischen „Medeia“.
Eine lange ersehnte Heimkehr! Seit
Mitte der achtziger Jahre hatte die Clever sich durch den Mythen-Trümpel
Hans-Jürgen Syberberg von der Schaubühne weg zu eigenbrötlerisch-langwierig-elitären Deklamationsséancen entführen lassen – und als Heimkehr-Ereignis, wertfrei, wurde nun ihre Premiere gefeiert. Wie das so Berliner Art
ist.
Ach, die Erinnerung an viele unvergleichliche Clever-Momente in der großen Schaubühnen-Zeit, an Gorki- und
Tschechow- und Strauß-Rollen, besonders aber an ihr Wehe-Geheul als Königinmutter Agaue, die den eigenen Sohn
in Stücke gerissen hat, in den „Bakchen“ von Euripides und an ihren
schmetternden Zorn als Gattenmörderin Klytämnestra in der „Orestie“ von
Aischylos. Wer könnte eine Medea sein,
wenn nicht Edith Clever?
Sie ist es, in der Tat, unbestreitbar, in
aller orgelnden Großartigkeit, aber sie
ist es, obwohl die Regisseurin Edith Clever der Schauspielerin Edith Clever einen engen, starren, sie ins Virtuosenhafte hochtreibenden Spielstil vorgibt. Es
herrscht da durch und durch eine Kunstfrömmigkeit, die nicht will, daß diese
Medeia auch nur das Geringste gemein
habe mit der Unglücklichen aus Waldmohr/Westpfalz. Die Clever gefällt sich
als Edelseele, die es kaum über die Lippen bringt, ihren Gatten auch einmal
ein Schwein zu nennen.
Ein Frauenprojekt. Susanne Raschig
hat dafür einen abstrakt schwarzweißen
Bühnenraum und archaisch schwere Kostüme entworfen; Robyn Schulkowsky
hat spröd elegisch die Chorlieder komponiert und setzt selbst am Schlagzeug
scharfe Akzente. Die Regisseurin jedoch läßt den Chor, ein Quintett junger
Sängerinnen, nicht agieren, sondern
baut ihn statuarisch in einer Versenkung
vor der Bühne auf; und die Hauptdarstellerin gibt sich damit zufrieden, daß
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ihre Gegenspieler in gebührendem Abstand Stellung beziehen und ihr aus voller Brust entgegentönen.
All das nähert die Aufführung einer
schwerfälligen, oratorischen Zelebration an; und dabei werden nicht nur die
theaterhaften äußeren Effekte minimiert, es verflüchtigt sich auch die innere Dramatik. Nicht mehr der Schmerz
will hier empfunden sein, nur noch die
Kunstform des Schmerzes.
Medea war keine Täterin, bei der verminderte Schuldfähigkeit oder Schuldunfähigkeit in Frage kam. Sie hat, als ihr
Mann Jason sie verstieß, um sich in Korinth einer königlichen neuen Braut zuzuwenden, dieser ein vergiftetes Kleid
geschenkt, das sie samt ihrem Vater in
einer Feuerlohe umkommen ließ. Durch
nichts aber ist ihr schaurig-tragischer
Nachruhm so geprägt wie durch den
anschließenden Kindermord. Dabei,
merkwürdig, haben die alten Griechen
sich durch Jahrhunderte die Medea-Geschichte erzählt und weitererzählt und in
Tragödien abgehandelt, ohne daß es zu
diesem schrecklichen Höhepunkt kam.
Erst spät hat der Dramatiker Euripides,
um dem alten Stoff einen neuen, schär-
Das eheliche Doppelbett
als Kriegsschauplatz
im Dramen-Mittelpunkt
feren Kick zu geben, den Kindermord
hinzuerfunden.
Euripides brachte dem Mythischen
nie viel Verehrung entgegen; er manipulierte die überkommenen Sagen oft so,
daß sogar die Götter darin eine miese
Figur machten, und geriet deshalb in
Verdacht, überhaupt ein gottloser Freigeist zu sein. Seine „Medeia“ gilt als die
„modernste“ unter allen antiken Tragödien, weil hier nicht ein obskures Götterkomplott oder das Wohl eines Königreichs auf dem Spiel steht, sondern zum
erstenmal das eheliche Doppelbett als
Kriegsschauplatz zum Dramen-Mittelpunkt wird – der Ehekrach, die Scheidungsschlacht, der Horror der Monogamie, der das Ende des letzten Chorlieds
das Fazit singt: „O du Quelle der Qual,/
Welche Ströme der Qual/ Hast du den
Menschen gesandt!“
Medea ist nie irgendwo für eine ihrer
Taten vor Gericht gestellt worden. Als
über den Kindermord-Skandal in Korinth ein wenig Gras gewachsen war, hat
sie den König von Athen geheiratet, einen Mann namens Aigeus, und ihm einen Thronfolger geboren.
Das Athener „Medeia“-Uraufführungspublikum anno 431 v. Chr. muß
ziemlich verblüfft gewesen sein, diesen
Aigeus ganz unerwartet als Wandersmann auf den Bühnenschauplatz Korinth stiefeln zu sehen, natürlich genau
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KULTUR
Regisseure
Duelle im Schwitzkasten
Die Theater-Entdeckung Stephan Kimmig inszeniert Musils „Schwärmer“
uch mit falschen Genies läßt sich
mitunter echter Rummel machen.
Weit hinter den hohen Bergen jedenfalls, in der steirischen Landeshauptstadt Graz, hält sich Marc Günther,
Schauspieldirektor der örtlichen Provinzbühne, allerhand auf seinen Spürsinn zugute: „Wir lassen die jungen Leute ran“, sagt der allezeit gutgelaunte
Mann, „im Glücksfall kommt die halbe
deutschsprachige Theaterwelt angereist
– und wenn es schiefgeht, dann merkt es
hier ja eh’ fast keiner.“
Regisseure wie Leander Haußmann,
Christoph Schlingensief und Martin Kusej haben der engen Grazer Theaterwelt
in den vergangenen Jahren jede Menge
Radau und ein wenig Glamour beschert;
Günthers neuestes Nachwuchs-Fundstück heißt Stephan Kimmig und ist immerhin schon 36 Jahre alt.
Kimmig ist in Stuttgart aufgewachsen
und hat in München ein bißchen Schauspielerei gelernt, er war kurz mal Assistent am Berliner Schiller-Theater und
hat dann jahrelang im holländischen
A
Schriftsteller Musil
„Entsetzliche Sinnlichkeit“
W. M. WEBER
an dem Tag, als sich dort alles Unheil zusammenbraut. Medeia verwickelt ihn
elegant in ein Gespräch und listet ihm den
Eid ab, sie als Gast, wenn sie je nach
Athen käme, stets in Ehren zu halten: So
sichert sie sich schon vor der Mordtat, die
sie eben plant, ein Asylland mit Nichtauslieferungsgarantie. Und indem sie sich
dann mitfühlig bei Aigeus einschmeichelt, den die kränkelnde Gattin und deren Kinderlosigkeit bekümmern, wirft
sie mit atemraubender Dreistigkeit schon
den Köder nach einem neuen Ehemann
aus.
Freilich, freilich: Edith Clever in der
Schaubühne tut das alles nicht. Bei ihr ist
nur atemraubend, wie sie sogar in dieser
Werbungsszene hinter ernster, geschmerzter Getragenheit die ganze tiefere Infamie oder Ironie des Euripides zum
Verschwinden bringt. In ihrem Spiel
schwingt stets das Bewußtsein mit, auf
der Höhe einer der großen Tragödien des
Abendlandes zu stehen; ihre Medeia gibt
sich so erhaben über jeden unschönen
Verdacht, als wäre damit ein Hosenbandorden der Schauspielkunst zu gewinnen.
Natürlich triumphiert das herrliche
Metallische der Cleverschen Deklamationskunst in ihren Verzweiflungs- und
Haß- und Trauerkoloraturen. Sie röhrt
und schmettert, trompetet und tremoliert; und doch bleibt alles ein manierierter Hochkunst-Alleingang, oft auf der
Kippe von großer Geb ärde zu bloßer Pose.
Medea hat keine Sterbeszene. Sie ist
von den Göttern – wer weiß, warum – in
den Stand der Unsterblichen erhoben
worden, die immerdar auf den Elysischen
Gefilden lustwandeln, und hat dort den
schönsten aller Helden geheiratet, Achilleus.
Natürlich geschah das, bevor ihr Euripides den Kindermord anhängte. Er gab
damit der ganzen zweiten Hälfte seines
Dramas einen auch nach gut 2400 Jahren
noch mächtigen (wenn auch in der Schaubühne sehr abgemilderten) Furor. Und
doch bleiben Fragen. Wäre der ungetreue Jason mit dem gräßlichen Tod seiner neuen Frau nicht vernichtend genug
gestraft gewesen? Und hätte Medeia, die
am Ende des Stücks mit den Leichen der
Söhne entflieht, die beiden nicht auch lebend mit sich in Sicherheit bringen können?
In früheren Zeiten ging die Sage ja so,
daß gar nicht Medea die Kinder tötete,
vielmehr wurden im Zorn auf die Mutter
die unschuldigen Kleinen von den Bürgern Korinths gesteinigt. Dieser Frevel
lastete lang und schwer auf dem Ruf der
Stadt, und so sagt eine sinnige SagenFußnote: Die Korinther haben dem Euripides die Summe von 15 Talenten in Silber bezahlt, damit er den Mythos umdichtete und ihre Stadt freisprach von aller Schuld. Auch das versteht sich, und es
gelang.
„Schwärmer“-Star Poisel (r.) in Graz
Schwebebalken-Kunststücke im Salon
Eindhoven gelebt und gearbeitet. Derzeit inszeniert er regelmäßig in Stuttgart
und neuerdings auch in Heidelberg.
Im vergangenen Oktober aber landete er beim alljährlichen „steirischen
herbst“-Festival seinen ersten Grazer
Coup: Nach allen Regeln der Bebilderungskunst zerlegte er einen ziemlich
schauderhaften Text, den die FestivalMacher wohl in schierem Irrwitz zur Uraufführung angenommen hatten. Der
Verleger des Autors drohte mit einem
Prozeß (was immer gut ist fürs Geschäft), die Kritiker dagegen staunten –
auch die Originalvorlage sei Schrott, dafür aber könne man hier einen höchst
begabten Regisseur entdecken.
Dem Theatermacher Kimmig, der ein
leiser und bedächtiger Mensch ist,
scheint derlei Lob ein bißchen peinlich
zu sein. Er habe keine Lust, den bildertrunkenen Wüterich zu spielen. „Statt
die Zuschauer mit Effekten zuzuknallen, will ich auf der Bühne mit möglichst
wenig auskommen“, sagt er und streicht
sich dabei eine Strähne seines schwarzen
Zottelhaars hinter den Bügel der Hornbrille, „am besten mit nichts“.
Kimmigs jüngster Streich, der am vergangenen Samstag im Grazer Schauspielhaus Premiere hatte, kommt diesem Ideal ziemlich nahe. Mehr als drei
Stunden lang geistern da eine Handvoll
Menschen über eine nahezu leere, von
riesigen schwarzen Vorhängen begrenzte Bühne – mal zwischen unbenutzten
Garderobenständern, mal um vier im
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