beck-shop.de Druckerei C. H . Beck Geiß/Greiner: Arzthaftpflichtrecht (Aktuelles Recht für die Praxis) ..................................... Erstversand, 20.01.2014 I. Behandlungsfehler 139 gegenüber dem Patienten ebenso wie eine Berufspflicht des Arztes gesichert (vgl. § 73 Abs. 1 b Satz 2 SGB V), – BGH, Urt. v. 5.10.1993 – VI ZR 237/92 – NJW 1994, 797 = VersR 1994, 102 – BGH, Urt. v. 14.7.1992 – VI ZR 214/91 – NJW 1992, 2962 = VersR 1992, 1263 – OLG Saarbrücken OLGR 2005, 5 = ZfL 2005, 20 – OLG Hamm MedR 2005, 471 – OLG Stuttgart NJW-RR 2001, 960 = VersR 2002, 98 – OLG Köln NJW-RR 1994, 861 – OLG Oldenburg NJW 1993, 2997 = VersR 1993, 1357 deren Erfüllung die Schweigepflicht nicht verletzt. – OLG München NJW 1993, 797 = VersR 1993, 1537 Damit erschöpfen sich die Pflichten des hinzugezogenen Arztes nicht, doch sind sie – je nach Art der Zusammenarbeit (zu den verschiedenen Möglichkeiten einer auf Überweisung erfolgenden Zusammenarbeit vgl. § 24 Abs. 3 BMV-Ä) – unterschiedlich ausgestaltet. (b1) Der Konsiliararzt muss nicht notwendig in vertraglichen Bezie- 124 hungen zum Patienten stehen. Er wird häufig (insbesondere in Krankenhäusern) ohne Befragung des Patienten vom behandelnden Arzt hinzugezogen. Stellt der hinzugezogene niedergelassene Arzt sein Honorar dem ihn einschaltenden Belegarzt oder Krankenhaus in Rechnung, sollen keine unmittelbaren Vertragsbeziehungen zum Patienten zustande kommen. – OLG Oldenburg NJW 1996, 1601 = VersR 1996, 1111 In Abgrenzung zum Praxis- oder Turnusvertreter ist der Konsiliararzt letztlich unabhängig von dem hinzuziehenden Arzt. – OLG Stuttgart MedR 2001, 311 In der Regel liquidiert der Konsiliararzt jedoch aus einem eigenen Vertrag mit dem Patienten oder der Krankenversicherung, wenn nur er die Gebietszulassung für die erbrachten Leistungen besitzt. Er ist dann nicht Erfüllungsgehilfe (§ 278 BGB) des behandelnden Arztes, dem insoweit rechtlich keine Pflicht zu eigener Untersuchung obliegt (vgl. BMV-Ä 1995 § 15 Abs. 1). – BGH, Urt. v. 14.1.2010 – III ZR 188/09 – BGHZ 184, 61, 66 f. = NJW 2010, 1200 = VersR 2010, 816 (Hausarzt – Humangenetiker) – BGH, Urt. v. 29.6.1999 – VI ZR 24/98 – BGHZ 142, 126, 130 = NJW 1999, 2731 = VersR 1999, 1241 (Pathologe für Histologie eines gynäkologischen Abradats) Wird der zugezogene Arzt lediglich konsiliarisch (beratend) tätig, obliegt nicht ihm die Verantwortung für die Behandlung des Patienten und er haftet grundsätzlich nur für sein eigenes Handeln. In diesem Rahmen hat er kraft eigener Fachkompetenz sämtliche nötigen Befunderhebungen zu veranlassen, mindestens vorzuschlagen. Versäumt er dies, begründet das seine Haftung. Medien mit Zukunft beck-shop.de Druckerei C. H . Beck Geiß/Greiner: Arzthaftpflichtrecht (Aktuelles Recht für die Praxis) ..................................... Erstversand, 20.01.2014 140 B. Haftung aus Behandlungsfehler – OLG Jena VersR 2008, 401 = GesR 2008, 49 – NZB-BGH – (Gynäkologe – keine histologische Befundung bei schnell wachsendem Tumor) – OLG Köln NJW-RR 2003, 1031 (Neurologe für unterlassenes CCT nach Gehirntumor) Der Konsiliararzt darf darauf vertrauen, von dem überweisenden Arzt vollständig unterrichtet zu werden. Zur eigenen Erhebung fremdanamnestischer Befunde ist er deshalb nicht ohne weiteres verpflichtet. – OLG Köln VersR 2011, 1452 (Lungenembolie – Radiologe – Vertrauen auf pflichtgemäßes internist. Handeln) – OLG Celle VersR 1997, 365 – NA-BGH – (Selbstmordversuch – Konsiliararzt Psychiater) 125 Die Behandlungsverantwortung mit der Pflicht zu vollständiger therapeutischer Aufklärung verbleibt bei dem die Behandlung führenden (überweisenden) Arzt. Eine Kontrolle des überweisenden Arztes, insbesondere eine Überprüfung der medizinischen Indikationsstellung, wird vom hinzugezogenen Arzt regelmäßig nicht geschuldet. – BGH, Urt. v. 14.1.2010 – III ZR 188/09 – BGHZ 184, 61, 72 = NJW 2010, 1200 = VersR 2010, 816 Anderes gilt, wenn der konsiliarisch tätige Arzt erkennt oder erkennen muss, dass der überweisende Arzt drohende Gefahren verkannt und sie in seine Überweisung deshalb nicht einbezogen hat. Dann muss auch ein lediglich konsiliarisch hinzugezogener Arzt auf die medizinische Notwendigkeit weiterer diagnostischer Maßnahmen hinweisen. – BGH, Urt. v. 5.10.1993 – VI ZR 237/92 – NJW 1994, 797 = VersR 1994, 102 – OLG Hamm MedR 2005, 471 – OLG Hamm VersR 2002, 98 – NA-BGH – (je Gynäkologe – Konsiliararzt Radiologe – Mammographie – Empfehlung weiterer Kontrollen) – OLG Stuttgart OLGR 2002, 116 – NA-BGH – (Sinusvenenthrombose – Konsiliararzt Neurologe – Kernspinempfehlung – weiteres Vorgehen nicht sichergestellt – Angiographie und Wiedervorstellung unterblieben) – OLG Stuttgart NJW-RR 2001, 960 = VersR 2002, 98 (Nativ-CT statt Kontrastmittelaufnahme – Radiologe darf sich ohne gegenteilige Anhaltspunkte auf die Anforderungen durch Hausarzt beschränken) 126 Auch bei Dringlichkeit wird er den Patienten unmittelbar beraten müssen (therapeutische Aufklärung), wenn das seine Pflicht, den Patienten vor den aus der Behandlung folgenden Gefahren zu schützen, erfordert. Er ist jedoch - auch bei unklarem, nicht bei hinreichend wahrscheinlich malignem Befund - nicht zur Kontrolle einer Wiedervorstellung des Patienten verpflichtet, wenn die Behandlung abgeschlossen und eine ausreichende Belehrung erfolgt ist – OLG Koblenz GesR 2010, 546 (für abgeschlossene Behandlung bei unklarem Mamma-Befund nach schriftlichem und mündlichem Hinweis) Medien mit Zukunft beck-shop.de Druckerei C. H . Beck Geiß/Greiner: Arzthaftpflichtrecht (Aktuelles Recht für die Praxis) ..................................... Erstversand, 20.01.2014 I. Behandlungsfehler 141 Der hinzugezogene Arzt ist regelmäßig an den Auftrag gebunden, wenn 127 er konsiliarisch tätig wird. Die Bindung des Konsiliararztes an den Überweisungsauftrag bedeutet indessen nicht, dass seine Tätigkeit lediglich auf die technische Ausführung des Auftrags begrenzt, die Funktion des hinzugezogenen Arztes also lediglich in der eines Werkzeugs ohne eigene Verantwortung zu sehen wäre. Er übernimmt vielmehr im Rahmen des Überweisungsauftrags auch eigenständige Pflichten. So bestimmt er in eigener Verantwortung nicht nur die Art und Weise der Leistungserbringung (z. B. Festlegung der Strahlendosis durch den Radiologen). Er muss auch prüfen, ob die von ihm erbetene Leistung den Regeln der ärztlichen Kunst entspricht und nicht etwa kontraindiziert ist. Ebenso muss er prüfen, ob seine Leistung ärztlich sinnvoll ist, ob also der Auftrag von dem überweisenden Arzt richtig gestellt ist und dem Krankheitsbild entspricht. – – – – OLG Düsseldorf GesR 2012, 306 OLG Naumburg OLGR 2008, 649 OLG Naumburg NJW-RR 2009, 28 = GesR 2008, 209 OLG Stuttgart NJW-RR 2001, 960 = VersR 2002, 98 Empfiehlt er eine Operation, haftet er aber nicht schon deshalb auch für fehlende Aufklärung. – OLG Bamberg VersR 2009, 259 – OLG Oldenburg NJW 1996, 1601 = VersR 1996, 1111 Im Allgemeinen gilt freilich – wie stets für die Zusammenarbeit von Ärz- 128 ten – der Vertrauensgrundsatz. Der hinzugezogene Arzt kann sich deshalb im Regelfall darauf verlassen, dass der überweisende Arzt den Patienten in seinem Verantwortungsbereich sorgfältig und ordnungsgemäß untersucht und behandelt hat und dass die Indikation zu der erbetenen Leistung zutreffend gestellt ist. Ein Laborarzt ist daher grundsätzlich nicht verpflichtet, die Indikationsstellung durch den behandelnden Arzt zu überprüfen, solange keine offensichtlichen Fehlleistungen erkennbar werden. – BGH, Urt. v. 14.1.2010 – III ZR 188/09 – BGHZ 184, 61, 72 = NJW 2010, 1200 = VersR 2010, 816 – OLG Düsseldorf NJW-RR 2004, 22 (Mikrokarzinom – Diagnose des Pathologen – Chirurg darf vertrauen) – OLG Oldenburg NJWE-VHR 1998, 188 = VersR 99, 452 (Arbeitsteilung – Vertrauen auf Ausheilung einer der Gewebeentnahme entgegenstehenden Salmonellose) – OLG Stuttgart VersR 91, 1060 (Phlebographie – Vertrauen des Radiologen auf Indikationsstellung durch Internisten) – OLG Stuttgart AHRS 0920/32 – NA-BGH –, insoweit nicht in VersR 1992, 55) (Kinderklinik – Neugeborenenbetreuung – niedergelassene Augenärztin – RLF) – OLG Oldenburg VersR 1989, 1300 (gynäkologische Klinik – niedergelassener Kinderarzt – Neugeborenenbetreuung) – OLG Stuttgart VersR 88, 832 – NA-BGH – (chirurgische Klinik – Radiologe – Aortenaneurysma – Angiographie) – OLG Düsseldorf VersR 1989, 191 (Fehldiagnose – Sigmoideotomie – Haftung des für eine Kontrastmitteldarstellung zugezogenen Röntgenologen, nicht des Operateurs) Medien mit Zukunft beck-shop.de Druckerei C. H . Beck Geiß/Greiner: Arzthaftpflichtrecht (Aktuelles Recht für die Praxis) ..................................... Erstversand, 20.01.2014 142 B. Haftung aus Behandlungsfehler – OLG Düsseldorf NJW 1984, 2636 = VersR 84, 643 – NA-BGH – (Angiographie – Indikationsstellung durch Neurologen – Vertrauen des zugezogenen Radiologen) 129 Oberstes Ziel bleibt stets, den Patienten vor den ihm aus seiner Krankheit drohenden Gefahren – soweit möglich – zu schützen. Hat der hinzugezogene Arzt aufgrund bestimmter Anhaltspunkte Zweifel an der Richtigkeit der ihm übermittelten Diagnose, muss er diesen Zweifeln nachgehen und darf sie nicht auf sich beruhen lassen. Das gilt insbesondere dann, wenn sich der überweisende Arzt an einen Spezialisten oder an eine Klinik wegen einer Leistung wendet, die er selbst nicht erbringen kann. – BGH, Urt. v. 14.7.1992 – VI ZR 214/91 – NJW 1992, 2962 = VersR 1992, 1263 (Gynäkologe/Kinderärztin [U 2-Basisuntersuchung] – Hyperbilirubinämie verkannt – Gynäkologe/Klinikärzte fehlerhaft) – OLG Köln NJW-RR 2009, 960 = VersR 2009, 1670 (Testovar als Indikation – trotz Fehlen Adnektomie ohne Abklärung – fehlerhaft) – OLG Naumburg NJWE-VHR 1998, 184 = VersR 1998, 983 (fortschreitende Lähmungen – keine Computertomographie – Tumor – fehlerhaft) – OLG Oldenburg NJWE-VHR 1998, 188 = VersR 99, 452 (bei Arbeitsteilung Vertrauen auf Ausheilung einer der Gewebeentnahme entgegenstehenden Salmonellose) 130 Der hinzugezogene Arzt darf aber eigenmächtig keine über den Auftrag hinausgehenden Untersuchungs- oder Behandlungsmaßnahmen durchführen. Damit würde er in die Behandlung des überweisenden Arztes eingreifen, der von dem Patienten gewählt worden ist und der mit dem Überweisungsauftrag nur bestimmte ärztliche Leistungen einem anderen Arzt übertragen hat. Hält er solche für erforderlich, ist der hinzugezogene Arzt verpflichtet, die Einwilligung auch des primär behandelnden Arztes einzuholen. – OLG Jena GesR 2004, 180 (Überweisung zur Auftragsleistung – § 24 Abs. 3 BMV-Ä – keine Anamnese) Diese Grundsätze dürften auch bei Einschaltung von nichtärztlichen (selbständigen) Hilfspersonen anzuwenden sein. – OLG Jena GesR 2005, 556 – NZB-BGH – (Physiotherapeut – Mobilisation der HWS – A. vertebralis Dissektion – keine Aufklärung – keine Haftung des Physiotherapeuten) 131 Der hinzugezogene Arzt kann sich andererseits nicht darauf berufen, dass er für zusätzliche, jedoch von dem Auftrag nicht gedeckte Leistungen für einen Kassenpatienten keine Gebühren erhält, und aus diesem Grund von einer angezeigten Maßnahme absehen. Die ärztlichen Pflichten hängen nicht von den jeweiligen Gebührenregelungen ab, sondern ergeben sich aus dem ärztlichen Selbstverständnis und den Schutzinteressen des Patienten in dem oben beschriebenen Sinn. – BGH, Urt. v. 5.10.1993 – VI ZR 237/92 – NJW 1994, 797 = VersR 1994, 102 (niedergelassener Augenarzt – Klinik – kindliches Glaukom) Medien mit Zukunft beck-shop.de Druckerei C. H . Beck Geiß/Greiner: Arzthaftpflichtrecht (Aktuelles Recht für die Praxis) ..................................... Erstversand, 20.01.2014 I. Behandlungsfehler 143 Will der hinzugezogene (Konsiliar-)Arzt die Behandlung (derzeit oder überhaupt) nicht übernehmen, muss er die zum Schutz des Patienten unaufschiebbaren erforderlichen Maßnahmen ergreifen. So muss ausnahmsweise er dem Patienten eine erforderliche therapeutische Aufklärung erteilen (s. o. Rn. B 126). Nach Ende der Beratung oder Behandlung und „Rücküberweisung“ an den behandelnden Hausarzt kann und muss sich der hinzugezogene Arzt im Regelfall darauf verlassen, dass der Hausarzt seinen (zeitnah in einem Arztbrief ausgesprochenen) Empfehlungen folgt und die erforderlichen Maßnahmen veranlasst, zumal wenn dieser und nicht der hinzugezogene Arzt fachkundig ist. Einer Rückfrage bedarf es dann in der Regel nicht; das Unterlassen einer Rückfrage ist im allgemeinen kein grober Fehler. – OLG Saarbrücken OLGR 2005, 5 = ZfL 2005, 20 – OLG Celle VersR 1998, 1419 – NA-BGH – (Urologe – Nierenkonsil – pathologischer Kreatininwert nicht erkannt) (b2) Wird der hinzugezogene Arzt um Übernahme der Behandlung des 132 Patienten (vgl. § 24 Abs. 3 Ziff. 3, 4 BMV-Ä) gebeten, kommt mit der Übernahme der Behandlung ein Behandlungsvertrag zwischen dem Patienten und dem „nachbehandelnden“ Arzt zustande. Im allgemeinen endet damit die Behandlungsverantwortung des „überweisenden“ Arztes für die Folgebehandlung, doch kann er für Fehler des nachbehandelnden Arztes dann haften, wenn die Nachbehandlung durch einen Fehler des erstbehandelnden Arztes veranlasst worden ist. Dem „nachbehandelnden“ hinzugezogenen Arzt obliegen die Pflichten des 133 behandelnden Arztes. Er hat die Diagnose selbständig zu stellen und zu überprüfen und die Therapie eigenverantwortlich zu wählen. Eine Übernahme der von dem vorbehandelnden Arzt erhobenen Befunde kann sich zwar im Einzelfall anbieten, wenn diese zuverlässig übermittelt werden (bildgebende Verfahren, histologische Befunde) oder die Diagnostik den Patienten belasten würde. Im Regelfall wird eine nicht belastende Diagnostik (etwa Labor) zumeist wiederholt werden, weil die aktuellen Befunde zu erheben und vom nachbehandelnden Arzt selbständig auszuwerten sind. Der nachbehandelnde Arzt darf den diagnostischen und therapeutischen 134 Wertungen und Empfehlungen des vorbehandelnden Arztes, auch wenn dieser ein Spezialist ist, nicht ohne eigene Prüfung folgen. Auch gegenüber dem Spezialarzt gilt das Prinzip der Plausibilitätsprüfung dahin, dass der nachbehandelnde Arzt leicht erkennbaren Zweifeln und Bedenken gegen die Richtigkeit des dortigen Vorgehens nachgehen muss. – BGH, Urt. v. 28.5.2002 – VI ZR 42/01 – NJW 2002, 2944 = VersR 2002, 1026 (kein Vertrauensgrundsatz, wenn nachbehandelnder Hausarzt erkennen muss, dass Krankenhaus fehlerhaft behandelt hat) – OLG Koblenz VersR 1992, 752 – NA-BGH – (Antiepileptikumsverordnung – Medikamentenempfehlung der Fachklinik – Nebenwirkungen und Verschlechterungssymptome) – OLG Hamm VersR 1989, 706 – NA-BGH – (Dupuytren’sche Kontraktur – postoperative Nachsorge erforderlich – kein Arztbrief) Medien mit Zukunft beck-shop.de Druckerei C. H . Beck Geiß/Greiner: Arzthaftpflichtrecht (Aktuelles Recht für die Praxis) ..................................... Erstversand, 20.01.2014 144 B. Haftung aus Behandlungsfehler (c) Einzelfälle. Insgesamt stellt die Rechtsprechung an die Pflicht zum ärztlich verantwortlichen Umgang mit dem Risiko der konkreten Gesamtbehandlung durch sachgerechte Koordinierung nicht unerhebliche Anforderungen 136 – Mangelnde Koordinierung im Zusammenwirken der Ärzte der horizontalen Ebene. Bei (zeitgleicher) Kooperation mehrerer Ärzte ist sicherzustellen, dass der Patient nicht durch unklare Kompetenzverteilung beeinträchtigt wird. 135 – BGH, Urt. v. 26.1.1999 – VI ZR 376/97 – BGHZ 140, 309 = NJW 1999, 1779 = VersR 1999, 579 (Anästhesist – operativ tätiger Ophthalmologe – Schieloperation – Thermokauter bei Ketanest-Narkose mit reinem Sauerstoff – erhebliche Verbrennungen) – BGH, Urt. v. 9.1.1996 – VI ZR 70/95 – NJW 1996, 1597 = VersR 1996, 647 (Klinik hat erst einen Tag später ein Bett frei – überweisender Arzt muss Einweisung in andere Klinik veranlassen) – BGH, Urt. v. 5.10.1993 – VI ZR 237/92 – NJW 1994, 797 = VersR 1994, 102 (Augenarzt – Tränenwegspülung – kindliches Glaukom – Hinweis auf Messung des Augeninnendrucks, versäumt – fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 14.7.1992 – VI ZR 214/91 – NJW 1992, 2962 = VersR 1992, 1263 (Gynäkologe/Belegarzt – frei praktizierende Kinderärztin [U 2-Basisuntersuchung] – Hyperbilirubinämie verkannt – Gynäkologe/Klinikärzte fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 26.2.1991 – VI ZR 344/89 – NJW 1991, 1539 = VersR 1991, 694 (Morbus Addison – HNO-Operation – keine Substitution fehlender NNR-Hormone durch Cortisol – verantwortlich: Anästhesist für prae-, intra- und postoperative Substitution, fehlerhaft – Chirurg: nicht prae- und intraoperativ, postoperativ fraglich – fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 3.10.1989 – VI ZR 319/88 – NJW 1990, 759 = VersR 1989, 1296, 1297 (Magenoperation – postoperativ Anästhesist verantwortlich bis Narkosewirkungen abgeklungen/keine Übergabe an Station – fehlerhaft – Operateur nicht fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 20.6.1989 – VI ZR 320/88 – NJW 1989, 2943 = VersR 1989, 1051 (Gynäkologe/Blutentnahme – Laborarzt/Rhesusfaktorbestimmung – Blutprobe verwechselt – fraglich wo – nicht fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 8.11.1988 – VI ZR 320/87 – NJW 1989, 1536 = VersR 1989, 186 (Gynäkologe – Klinikärzte – verspätete Amniozentesen – Gynäkologe/Klinikärzte fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 19.5.1987 – VI ZR 167/86 – NJW 1987, 2293 = VersR 1987, 1092 (Schnittentbindung/operative Wundrevision – Sepsis – Chirurg verantwortlich für postoperative Nachsorge auf Station – fehlerhaft – Anästhesist nicht fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 10.1.1984 – VI ZR 158/82 – BGHZ 89, 263, 267 = NJW 1984, 1400 = VersR 1984, 355 (Entkoppelung eines Subclaviavenen-Zentralkatheters – Anästhesist verantwortlich bis postnarkotische Phase beendet, nicht fehlerhaft – Chirurg/ Stationsärzte: verantwortlich für die postoperative Phase nach Übergabe auf Station – fehlerhaft) Medien mit Zukunft beck-shop.de Druckerei C. H . Beck Geiß/Greiner: Arzthaftpflichtrecht (Aktuelles Recht für die Praxis) ..................................... Erstversand, 20.01.2014 I. Behandlungsfehler 145 – OLG Jena MedR 2008, 520 – NZB-BGH – (Gynäkologe – onkologischer Gynäkologe – histologische Abklärung unterlassen – Haftung als Gesamtschuldner) – OLG Düsseldorf VersR 2002, 1151 (operativer Gynäkologe – Anästhesist: postoperative Überwachung nach ambulanter Laparoskopie – Herzstillstand nach Gefäßverletzung) – OLG Köln NJWE-VHR 1998, 113 (Zahnarzt – Anästhesist: Aufklärung über Narkoserisiken, Narkoseführung, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der Vitalparameter) – OLG Oldenburg VersR 1995, 218 (Kompartmentsyndrom – Verweigerung der Operationsmitwirkung durch Anästhesist – Chirurg muss notfalls den leitenden Arzt einschalten) – OLG Düsseldorf NJW 1993, 2995 = VersR 1993, 885 (Chirurg – Anästhesist – Narkosefähigkeit) – OLG München VersR 1994, 684 – NA-BGH – (Anästhesist – Chirurg – postoperative Nachsorge auf Intensivstation) – OLG Köln VersR 1990, 1242 – NA-BGH – (Tonsillektomie – praeoperativ fragliche Infektion – Anästhesist verantwortlich für Narkosefähigkeit – nicht fehlerhaft – Chirurg für Operationsfähigkeit und allgemeine Wundinfektionsprophylaxe – fehlerhaft/in postoperativer Phase Zuziehung eines internistischen Konsiliararztes wegen Gelenkschmerzen – keine Entlastung des Chirurgen für eigene Behandlungsverantwortung und -fehler) – OLG Düsseldorf VersR 1987, 487 – NA-BGH – (Handoperation – axilläre Plexusblockade – Chirurg/Stationsärzte für postoperative Überwachung auf Station – fehlerhaft – Anästhesist nicht fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 24.1.1984 – VI ZR 203/82 – NJW 1984, 1403 = VersR 1984, 386 (Operation in Häschenstellung – Lagerungsschaden – Anästhesist verantwortlich für Lagerung und intraoperative Kontrolle – Chirurg verantwortlich für Überprüfung der Lagerung zu Beginn des Eingriffs) – OLG Düsseldorf VersR 1992, 1230 – NA-BGH – (Bandscheibeneingriff – Lagerung in Häschenstellung – intraoperativ Prolaps in Wirbelsäule – kein Lagerungsschaden) – OLG Köln VersR 1991, 695 – NA-BGH – (Hernienoperation – Lagerungsschaden – Anästhesist/Chirurg nicht fehlerhaft) – OLG Stuttgart VersR 1991, 1060 (Überweisung durch Facharzt an Radiologen mit beschränktem Untersuchungsauftrag – Radiologe darf auf Indikationsstellung vertrauen – nicht fehlerhaft) – OLG Celle VersR 1991, 1012 – NA-BGH – (Überweisung durch Frauenarzt an Frauenklinik mit beschränktem Auftrag [Lues-Infektion] – in Klinik keine Anamnese auf Rötelnkontakt – nicht fehlerhaft) – OLG Düsseldorf VersR 1989, 191 (Überweisung durch Chirurgen an Radiologen zur Kontrastmitteluntersuchung des Darms – Fehlauswertung des Befunds durch Radiologen – Chirurg darf bei Indikation zur Sigmoidektomie auf Befundauswertung des Radiologen vertrauen – Radiologe: im Blick auf Eingriff fehlerhaft) – OLG Stuttgart VersR 1992, 1134 (Meldung für Spenderniere an Transplantationszentrum durch Urologen – Auftrag des Urologen an Radiologen – Weiterleitung des Befundes an Transplantationszentrum von Urologen verabsäumt – fehlerhaft) Medien mit Zukunft beck-shop.de Druckerei C. H . Beck Geiß/Greiner: Arzthaftpflichtrecht (Aktuelles Recht für die Praxis) ..................................... Erstversand, 20.01.2014 146 B. Haftung aus Behandlungsfehler – OLG Düsseldorf NJW 1984, 2636 = VersR 1984, 643 – NA-BGH – (Überweisung an Radiologen – Vertebralisangiographie – Indikation fälschlich bejaht – Radiologe darf auf Prüfung der Indikation vertrauen – nicht fehlerhaft) – OLG Köln VersR 2003, 860 (V. a. Hodentorsion – Überweisung an Urologen statt an Klinik – fehlerhaft) 137 (d) vertikale Zusammenarbeit – Mangelnde Kontrolle und Koordinierung der Zusammenarbeit mit dem nachgeordneten ärztlichen und – soweit überhaupt zulässig – nichtärztlichen Dienst – BGH, Urt. v. 13.12.2006 – 5 StR 211/06 – GesR 2007, 483 (Delegation strahlentherapeutischer Verordnungen auf Fachärzte) – BGH, Urt. v. 29.9.1998 – VI ZR 268/97 – NJW 1999, 863 = VersR 1999, 190 (Lipomentfernung – Nervverletzung – Naht – Anweisung und Kontrolle des Pflegedienstes zur Ruhigstellung unterlassen – fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 26.2.1991 – VI ZR 344/89 – NJW l991, 1539 = VersR 1991, 694 (Morbus Addison – HNO-Operation – Cortisolsubstitution – keine Abstimmung der Medikamentenverantwortung Anästhesist an Stationsarzt/Pflegedienst – fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 3.10.1989 – VI ZR 319/88 – NJW 1990, 759 = VersR 1989, 1296 (Anästhesist in postoperativer Phase – keine Abstimmung der Übernahme auf Station mit Stationsarzt/Pflegedienst – fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 2.6.1987 – VI ZR 174/86 – NJW 1988, 762 = VersR 1987, 1238 – BGH, Urt. v. 18.3.1986 – VI ZR 215/84 – NJW 1986, 2365 = VersR 1986, 788 (je Decubitus – keine Anweisung und Kontrolle des Pflegedienstes in Behandlung, Pflege Prophylaxe – fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 10.1.1984 – VI ZR 158/82 – BGHZ 89, 263, 271 = NJW 1984, 1400 = VersR 1984, 355 (Entkoppelung eines Subclaviavenen-Katheters – keine Weisungen für Überwachung an Pflegepersonal – fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 24.1.1984 – VI ZR 203/82 – NJW 1984, 1403 = VersR 1984, 386 (Operation in Häschenstellung – keine Anweisung zur Lagerung und deren Kontrolle – fehlerhaft) – BGH, Urt. v. 19.2.1995 – VI ZR 272/93 – BGHZ 129, 6, 11 = NJW 1995, 1611 = VersR 1995, 706 (Hebamme nur zuständig bis zur Eingangsuntersuchung durch Arzt) – OLG Düsseldorf NJW 1998, 3420 = VersR 1998, 1377 (Hygiene im Kreißsaal – kein Mundschutz für Vater – Herpes labialis – nicht grob fehlerhaft) – OLG Oldenburg VersR 1997, 1236 – NA-BGH – (CTG – Auswertung durch Hebamme – pathologisch – Therapiewahl nur Arzt) – OLG München VersR 1994, 1113 (Krankenschwester – Hebamme – Credé’scher Handgriff) – OLG Stuttgart NJW 1994, 1114 (Schulterdystokie – Hebamme – Gynäkologe – grober Fehler der Kompetenzorganisation) – OLG Düsseldorf GesR 2008, 19 (eindeutiger Fehler des Arztes – Hebamme muss tätig werden) Medien mit Zukunft