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Codesign-Muster für die fortschrittliche Regelung mit AC 800PEC
Ernst Johansen
Die Leistungselektronik hat in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht – nicht nur im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit,
sondern auch im Hinblick auf die Bandbreite der Anwendungen. Stromrichter
sollen immer schneller, günstiger, leichter und flexibler werden und dürfen
gleichzeitig immer weniger Platz, Installations- und Wartungszeit in Anspruch
nehmen.
Die Implementierung der entsprechenden Leitsysteme ist mit einer Vielzahl
von Herausforderungen verbunden. Dazu gehört auch die Spanne der erforderlichen Regelzeiten, die von wenigen Nanosekunden bis zu mehreren
Sekunden reicht. Die Kosten und Risiken der Entwicklung lassen sich durch
die Nutzung einer Regelungsplattform deutlich reduzieren. So können auf der
Basis erprobter und geprüfter Komponententechnologien sehr schnell individuelle Systeme von hoher Qualität und Leistungsfähigkeit entwickelt werden.
Eine solche Plattform ist die AC 800PEC von ABB.
L
eittechnikplattformen helfen dabei,
Zeit und Kosten für das Engineering
zu sparen. Gleichzeitig stellt eine solche
Plattform einen kritischen Ausfallpunkt
und somit ein potenzielles Risiko für
das gesamte Unternehmen dar. Eine erfolgreiche Plattformentwicklung erfordert also die richtige Balance zwischen
optimaler Wiederverwendbarkeit (und
Senkung der Kosten) und optimaler
Leistungsfähigkeit (auf Kosten der Wiederverwendbarkeit und somit möglicherweise auch der Qualität).
Das Geheimnis des Erfolgs der Leittechnikplattform AC 800PEC ist eine Reihe
von Designmustern, die sich durch eine
hervorragende Testbarkeit auszeichnen
– ein wichtiges Merkmal für eine hohe
Qualität und eine kurze Entwicklungszeit bis zur Marktreife.
Das Simulationskonzept
Das Konzept des PEC (Power Electronic
Controller) basiert auf einem Entwicklungsworkflow, bei dem Simulationsmodelle direkt in Code für den Zielcontroller ungewandelt werden 1 , wobei kein
manuelles Nachcodieren erforderlich ist.
Auf diese Weise wird eine bedeutende
Fehlerquelle eliminiert und ein hohes
Maß an Vertrauen in das Verhalten der
simulierten und realen Systeme gewährleistet.
Die PEC-Architektur
Die Zeitspanne für die Regelung von
leistungselektronischen Bauteilen reicht
von wenigen Nanosekunden in den
Schaltmustern bis zu mehreren Sekunden bei den Einschaltsequenzen. Die
PEC-Architektur zeichnet sich dadurch
aus, dass sie neun Größenordnungen
(Nanosekunden bis Sekunden) ohne
Abstriche in puncto Einfachheit oder
Flexibilität abdeckt.
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ABB Technik 2/2006
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Technologien mit eingebetteten Systemen
Module miteinander verbunden werden.
Wie werden eine schnelle Regelung
und E/A-Verbindungen dann realisiert?
Das Regelungsprogramm kann in zwei
Hauptaufgaben unterteilt werden: langsame Regelung (Millisekundenbereich
und langsamer) und schnelle Regelung.
In einem klassischen Design kämen für
diese Aufgaben zwei verschiedene physikalische Komponenten zum Einsatz –
eine CPU für die langsame Regelung und
ein DSP für die schnelle Regelung. Die
Untersuchung verschiedener Anwendungsfälle hat ergeben, dass die Lastverteilung zwischen schneller (typischerweise 100 µs) und langsamer (typischerweise 10 ms) Regelung stark anwendungsspezifisch ist. In Ermangelung einer universellen Regel für die Lastverteilung beschlossen die Entwickler, eine einzige
leistungsstarke CPU für die schnelle und
langsame Regelung einzusetzen. Mit dieser Architektur konnte nicht nur das Problem der Lastverteilung gelöst, sondern
auch die automatische Codegenerierung
erheblich vereinfacht werden.
Das Konzept der automatischen Generierung von Echtzeitcode aus Simulationsmodellen lässt sich nicht umsetzen,
wenn das Simulationstool keine Autocode-Funktionalität besitzt. ABB entschied sich dafür, die Systemsimulation
Mathworks® Matlab/SimulinkTM einzusetzen. Dieses Tool bietet eine leistungsstarke Real-Time-WorkshopTM
(RTW) Erweiterung zur Generierung
des Zielcodes.
Die Architektur ist so konzipiert, dass
sie sowohl kostengünstige kleine Systeme
mit lokalen E/As 2c als auch sehr große
Systeme mit dezentralen E/As 2d und
Glasfaserverbindungen unterstützt.
Diese beiden Systemtypen erfordern ein
komplett unterschiedliches Design der
E/A-Schaltungen im Controller. Um sicher-
Um die direkte Umwandlung von Simulationsmodellen zu unterstützen, weist
die Architektur 2 zwei bedeutende Unterschiede im Vergleich zu klassischen
Leitsystemen auf: Es gibt keinen dedizierten digitalen Signalprozessor (DSP)
für eine schnelle Regelung und kein
mechanisches Gestell, in dem E/ADas simulierte Modell wird automatisch
in ausführbaren Code für die Echtzeitumgebung umgewandelt.
1
Simulator
Control
Model
Real-Time
PEC
System
Model
Real
System
Ein einziges Modell kann flexibel an verschiedene Regelzeitanforderungen angepasst werden.
2
a
b
c
d
Hauptsächlich schnelle Regelung
Hauptsächlich langsame Regelung
Lokale E/A
Dezentrale E/A mit Glasfaserverbindung
s
CPU
ms
a
ms
b
μs
FPGA
ns
FO
IO IO
c
IO IO
3
d
Mit ML/SL (Matlab/SimulinkTM) und VHDL-Modellen definierte
Codesign-Muster
4
zustellen, dass die Lösung sämtliche
Anwendungsfälle abdeckt, wurde ein
FPGA (Field-Programmable Gate Array)
auf Systemebene verwendet. Dies ist
eine Hardwarekomponente, bei der der
Schaltkreis selbst frei programmierbar
ist. Solche FPGAs werden sowohl im
PEC-Controller als auch in den dezentralen E/A-Knoten verwendet. Der FPGA
löst nicht nur das Flexibilitätsproblem,
sondern bietet den zusätzlichen Vorteil,
dass er durch einen ausgereiften Designund Simulationsworkflow unterstützt
wird.
Wie der Workflow für die Entwicklung
des Controllercodes auf der Basis von
Matlab/SimulinkTM basiert auch der Implementierungsworkflow für den FPGA
auf einem Simulator und einem Compiler. Auch wenn es Compiler gibt, die in
der Lage sind, einige Matlab/SimulinkTMModelle in VHDL-Code umzusetzen,
entschloss sich ABB, kein solches Tool
im PEC-Workflow zu verwenden. Der
Grund hierfür liegt in der Tatsache, dass
die meisten FPGA-Komponenten in der
PEC-Bibliothek in der Matlab/SimulinkTM-Sprache weder effizient modelliert noch verifiziert sind. Stattdessen
wurde für die digitalen Schaltkreise ein
VHDL-basierter Workflow verwendet.
Dieser wurde ursprünglich für das Design von anwendungsspezifischen integrieren Schaltungen (ASICs) entwickelt,
bei dem ein hoher First Pass Yield1) erforderlich ist. Darüber hinaus bietet der
Workflow hervorragende Modellierungsund Verifizierungsfunktionalitäten.
Als die Architektur feststand, zeichnete
sich jedoch ein entscheidender Nachteil
ab: die Kosten der Hochleistungs-CPU
und des FPGA auf Systemebene waren
relativ hoch. Auf die Lösung dieses Problems wird später in diesem Artikel eingegangen.
Systemmodelle werden zur schnelleren Verifizierung durch Ausführung auf PEC-Hardware in die Echtzeitumgebung konvertiert.
s
CPU
FPGA
Simulator
ML/SL
Control
Model
Real-Time
Controller
Real-Time
PEC
System
Model
Real-Time
System
Model
Real-Time
PEC
VHDL
ns
IO
Accelerator
IO
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Technologien mit eingebetteten Systemen
ist die Simulation eines Leitsystems, das
neun Größenordnungen für die Regelzeit abdeckt, extrem langsam. Die Simulation eines kompletten PEC CodesignSystems auf einem PC-Arbeitsplatz würde Tage oder Wochen dauern, was mit
den Anforderungen einer schnellen
Markteinführungszeit nicht vereinbar ist.
Das PEC-Konzept weist aber ein spezielles Merkmal auf, mit dessen Hilfe sich
dieses knifflige Problem elegant lösen
lässt: Es bietet einen Workflow, bei dem
Simulationsmodelle direkt in Code für
den Zielcontroller umgewandelt werden. Dieses Prinzip lässt sich nicht nur
auf das Regelungsmodell, sondern auch
auf das verwendete Modell der Simulationsumgebung anwenden. Durch parallele Ausführung des Regelungs- und
Systemsmodells auf dem PEC-Controller
4 kann die Verifizierung von CodesignMustern in der Echtzeitumgebung erheblich beschleunigt werden.
Designmuster für die Regelung und
Verifizierung
Ein Designmuster ist eine vorprojektierte Lösungsvorlage für ein bestimmtes
Problem. Solche Designmuster werden
bereits seit geraumer Zeit von Softwareingenieuren verwendet. Im Bereich des
Hardware/Software-Codesigns ist die
Definition von generischen Mustern jedoch schwieriger [1]. Beim Leitsystem
AC 800PEC kommen Designmuster für
verschiedene Designaspekte im Zusammenhang mit leistungselektronischen
Anwendungen zum Einsatz. Dank einer
Reihe von wiederverwendbaren Designmustern sind Entwicklungsingenieure in
der Lage, in kurzer Zeit neue Systeme
mit hoher Komplexität zu definieren. So
kann sich ein Systemingenieur auf die
Lösung eines spezifischen Problems
konzentrieren und für die Einzelheiten
der Implementierung auf vorprojektierte
Muster vertrauen.
PEC-Systeme unterscheiden sich insofern
von den meisten anderen Systemen, als
dass es sich bei den Designmustern im
PEC-System um keine reinen Softwaremuster, sondern um wiederverwendbare
Codesign-Muster handelt 3 . Der Grund
für die Verwendung von Codesign-Mustern
liegt in der Abdeckung von neun Größenordnungen für die Regelzeit (ns bis s),
was mit einer einzigen Technologie (z. B.
Software) nicht möglich ist. Codesign
stellt jedoch eine große Herausforderung für die Systemverifizierung dar. So
5
Codesign – eine echte Herausforderung
Ein Signalfilter kann mithilfe analoger
elektronischer Schaltkreise, einem digitalen Filter in einem FPGA oder als Software implementiert werden, die auf einer CPU läuft. Alle Lösungen bieten dieselbe Funktionalität, unterscheiden sich
aber völlig im Hinblick auf die Kosten
und Bedienbarkeit. Beim Codesign geht
es darum, die richtigen Entscheidungen
für die Übertragung einer Lösung auf
verschiedene Technologien zu treffen.
Codesign-Topologien für die Analog-Digital-Umwandlung, wobei verschiedene Teile der Aufgabe
durch analoge Schaltungen, im FPGA und in der CPU erledigt werden.
a
b
c
d
ML/SL
Durch die Entwicklung von FPGA-Komponenten auf Systemebene bleibt die
Programmierbarkeit nicht mehr auf die
Software beschränkt, wodurch neue
Designmuster für das Hardware- und
Systemdesign ermöglicht werden.
Systemsimulation zur Untersuchung
optimaler Designmuster
Auf der Suche nach den optimalen
Algorithmen und Strukturen wird die
Systemsimulation zur Bewertung und
zum Vergleich verschiedener Designs
herangezogen. Als Beispiel für den
Codesign-Prozess soll im Folgenden der
Schaltkreis zur Analog-Digital-Umwandlung (ADC) beschrieben werden.
Da die Entwickler gezwungen waren,
das bestehende ADC-Designmuster im
Hinblick auf die Kosten und Qualität
(Signal-Rausch-Verhältnis) zu verbessern, wählten sie verschiedene Topologien 5 , die zur PEC-Architektur passten.
Die Topologien wurden in der Matlab/
SimulinkTM-Simulationsumgebung simuliert und in Bezug auf ihre Komplexität
und Qualität verglichen.
Die Entwickler kamen zu dem Schluss,
dass das beste Signal-Rausch-Verhältnis
theoretisch durch eine Kombination aus
Überabtasten (Oversampling) und digitalen Filtern 5a (aufgrund der rauschformenden Eigenschaften digitaler Filter
[2]) erzielen werden konnte. Das Überabtasten 5b-d kommt zwar mit einem viel
kostengünstigeren ADC-Schaltkreis aus
als diese Lösung, erfordert aber einen
zusätzlichen digitalen Hochgeschwindigkeitsfilter, der mit 25-facher Geschwindigkeit arbeitet. Wäre die Implementierung des Filters machbar? Sollten
die Filterberechnungen in der CPU oder
im FPGA ausgeführt werden? Würde es
sich lohnen, die Nutzlast der digitalen
Verarbeitung zu erhöhen?
Direkte Codeerzeugung
VHDL
1x
ADC
14-bit
25x
ADC
12-bit
N
+
25x
ADC
12-bit
N
+
25x
ADC
12-bit
N
+
N
ML/SL = Matlab/Simulink
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Die Fähigkeit zur automatischen Umwandlung von Simulationsmodellen in
Echtzeit-Regelungsanwendungen machte
die Erstellung des Zielcodes für die verschiedenen Topologien sehr einfach.
Da der PEC über eine integrierte Lastüberwachung verfügt, konnte die CPULast (Nutzlast) für alle Topologien problemlos gemessen werden 6 . Die Realisierung des schnellen Filters 6b in Software erwies sich als nicht machbar, da
dies mit einer zu hohen CPU-Last verbunden wäre.
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Technologien mit eingebetteten Systemen
Dank der umfassenden Bibliotheken von Matlab/SimulinkTM brauchte kein neuer
Code für das Design des CPUFilters entwickelt werden.
lation des Rauschens unzuverlässig. Daher ist eine Überprüfung in der Realität noch immer wichtig, um die Qualität
des Produkts garantieren zu
können 8 .
Echtzeit-Überprüfung einer 12-bit / 1MSps ADC (gelb) und eines
FPGA-Filters mit Rauschformung (pink)
8
Optimierte VHDL-Komponenten
Für die FPGA-Filter wurde
Matlab/SimulinkTM zur Bewertung der Filtertopologie und
-charakteristik sowie zur Berechnung der entsprechenden
Koeffizienten eingesetzt. Die
Implementierung und Simulation der Filter erfolgte in der
VHDL-Umgebung.
In einem FPGA-Schaltkreis
wird die Nutzlast in Schaltkreisfläche gemessen. Im Vergleich zu einem auf der CPU
implementierten digitalen Filter bietet das FPGA-Filterdesign viel
mehr Möglichkeiten. Die Präzision (Anzahl der Bits), die Taktfrequenz, die Filterarchitektur, der Durchsatz (Abtastungen pro Sekunde), die Anzahl der MACOperationen (Multiply-Accumulate) pro
Filter und die Anzahl der Kanäle pro
Filter sind
allesamt programmierbar, woraus sich
eine riesige Auswahl von Designalternativen mit unterschiedlichen Nutzlasten
ergibt. Die Topologie 5c mit einem im
6
Kosten und Leistung –
ein bewegliches Ziel
FPGA implementierten schnellen Filter
erwies sich als die kostengünstigste
Codesign-Lösung und wurde als bevorzugtes Designmuster für die ADC-Umwandlung gewählt 7 .
Überprüfung in der Realität
Während des Codesign-Prozesses wurde das reale System einschließlich des
erwarteten Signalrauschens modelliert.
In vielen Systemen ist das
Rauschen unberechenbar und die Simu-
Evaluierung der Ziellast für verschiedene Varianten
b
c
5b-d
d
ML/SL
RTW
Compiler
Target
CPU
Load
Monitor
Als die PEC-Architektur 1999
definiert wurde, waren die
Nachteile der Architektur die
hohen Kosten der CPU und des
FPGA auf
Systemebene. Da diese Komponenten seinerzeit sehr teuer waren, wurden sie in erster Linie
in Highend-Anwendungen wie
Flugsimulatoren und Systemen
zur Erstellung von Prototypen
für die Entwicklung von anwendungsspezifischen integrierten Schaltungen eingesetzt.
Mit fortschreitender Verbesserung der
Prozesstechnik für digitale Schaltungen
gingen auch die Herstellungskosten von
CPUs und FPGAs drastisch zurück (in
einem Zeitraum von fünf Jahren fielen
die Kosten für diese digitalen Schaltungen um mehr als 90 %). Mit dem Aufkommen dieser kostengünstigeren
Komponenten machte sich ein weiterer
Vorteil der Architektur bezahlt: ihre hervorragende Übertragbarkeit auf verschiedene Anwendungen. Heute bietet
ABB AC 800PEC Controller auf Basis
der kostengünstigen 90 nm-SiliziumProzesstechnologie, die sich durch eine
hervorragende Produktqualität zu einem
äußerst attraktiven Preis auszeichnen.
Ernst Johansen
ABB Schweiz AG
Turgi, Schweiz
[email protected]
7
Optimales VHDL-Filtermuster (Variante
5c )
Literaturhinweise
[1] F. F. Mayer-Lindenberg: «Dedicated Digital Procesc
sors: Methods in Hardware/Software Co-Design»,
35-bit
Simulator
IIR
VHDL
Testbench
8 Ch
John Wiley & Sons (Februar 2004),
ISBN 0–470844-44–2
ML/SL
[2] Walt Kester: «Analog-Digital Conversion», Analog
Devices Inc. (März 2004), ISBN 0-916550–27–3,
2.37–2.41
VHDL
1x MAC
Fußnote
80 MHz
1)
First Pass Yield ist das Verhältnis der «guten»
Einheiten (ohne erforderliche Nachbearbeitung) zur
ML/SL = Matlab/Simulink
ABB Technik 2/2006
gesamten produzierten Stückzahl.
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