Das haben wir uns anders vorgestellt. Wenn die

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Geplante Geburtshausgeburt
„DAS HABEN WIR UNS ANDERS VORGESTELLT“
WENN DIE GEPLANTE GEBURTSHAUSGEBURT IN DER KLINIK ENDET
Eva Neeser
Berner Fachhochschule für Gesundheit
Fachbereich Hebamme HF
Basel 2009
1
Geplante Geburtshausgeburt
INHALTSVERZEICHNIS
1
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS .................................................................... 3
2
EINLEITUNG.......................................................................................... 4
3
ASPEKTE DER GEBURTSHAUSGEBURT UND DER KLINIKGEBURT ............... 5
3.1
DIE GEBURT IM GEBURTSHAUS .................................................................................... 5
3.2
DIE GEBURT IN DER KLINIK .......................................................................................... 6
3.3
VORAUSSETZUNGEN FÜR EINE GEBURTSHAUSGEBURT ................................................. 6
3.3.1
3.4
DIE VERLEGUNG IN DIE KLINIK .................................................................................... 7
3.4.1
3.4.2
3.4.3
3.4.4
3.5
4
RISIKOEINSCHÄTZUNG .......................................................................................... 6
KRITERIEN FÜR EINE VERLEGUNG ......................................................................... 7
DIE ROLLE DER FREIPRAKTIZIERENDEN HEBAMME .............................................. 8
DIE ROLLE DER SPITALHEBAMME ......................................................................... 8
INTERDISZIPLINÄRE ZUSAMMENARBEIT ................................................................ 9
DISKUSSION ................................................................................................................ 10
DIE BETREUUNG DES PAARES DURCH DIE SPITALHEBAMME ................... 11
4.1
DIE ZUFRIEDENHEIT DER GEBÄRENDEN ..................................................................... 11
4.2
BEZIEHUNGSAUFBAU UND BEZIEHUNGSGESTALTUNG ................................................ 12
4.3
KLINIKSPEZIFISCHE GEGEBENHEITEN ......................................................................... 13
4.4
HEBAMMENSPEZIFISCHE ASPEKTE DER BETREUUNG .................................................. 14
4.4.1
4.4.2
4.4.3
RESSOURCENORIENTIERTES ARBEITEN ............................................................... 15
HEBAMMENBETREUUNG ...................................................................................... 16
INFORMED CHOICE UND INFORMED CONSENT ..................................................... 18
4.5
BONDING .................................................................................................................... 19
4.6
DISKUSSION ................................................................................................................ 20
5
SCHLUSSFOLGERUNG ......................................................................... 21
6
LITERATURVERZEICHNIS ...................................................................... 22
7
BIBLIOGRAPHIE UND ABBILUDNGSVERZEICHNIS .................................... 23
2
Geplante Geburtshausgeburt
1 ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
AP
Austreibungsperiode
BEL
Beckenendlage
CTG
Kardiotokographie
EP
Eröffnungsperiode
ET
Errechneter Termin
FPH
Freipraktizierende Hebamme
HELLP
Hämolysis elevated liver enzymes
low platelets
HES
Hypertensive Erkrankungen in der
Schwangerschaft
ICM
International
Midwives
IGGH-CH
Interessensgemeinschaft der
Geburtshäuser der Schweiz
KVG
Krankenversicherungsgesetz
MM
Muttermund
PDA
Periduralanästhesie
SS
Schwangerschaft
SSW
Schwangerschaftswoche
WHO
Weltgesundheitsorganisation
Confederation
of
3
Geplante Geburtshausgeburt
2 EINLEITUNG
„Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt…“ (Stadelmann 2005:29)
Dieses Zitat aus dem Buch „ Hebammensprechstunde “ von Ingeborg Stadelmann trifft es
bei der Schwangerschaft, Geburt und Nachgeburtszeit vieler Frauen auf den Punkt. Oft ist es
für das Paar eine grosse Enttäuschung, wenn die Geburt nicht so verläuft, wie sie es sich
vorgestellt oder gewünscht haben.
Die Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft sind existenzielle Erfahrungen. Sie bedeuten
für das Paar den Übergang von einer Lebensphase in eine andere. Der ganze Prozess
bedeutet für die Schwangere, Teile ihrer Identität, wie zum Beispiel ihr Körperbild oder ihren
sozialen Status aufzugeben und nach der Geburt des Kindes neu zu definieren. Aber auch
die Männer erleben Veränderungen und Herausforderungen während ihres Vaterwerdens
und brauchen hierfür Unterstützung. Das Bedürfnis, von wissenden, zugewandten,
schützenden Personen durch diesen Übergangsprozess begleitet zu werden, ist gross. Für
die Frau und für ihren Partner ist es am ehesten möglich, Vertrauen aufzubauen, wenn sie
eine kontinuierliche Beziehung zu einer Hebamme aufnehmen können, die sie durch weite
Teile der Schwangerschaft, Geburt, des Wochenbetts und der Stillzeit begleitet und
unterstützt (Lohmann 2007).
Viele Paare wählen genau aus diesem Grund eine Freipraktizierende Hebamme. Durch die
kontinuierliche Begleitung während der Schwangerschaft entsteht langsam eine
vertrauensvolle Beziehung, welche für das intime Erlebnis der Geburt von grosser
Wichtigkeit ist. Auch bei der Wahl des Geburtsortes spielt das Bedürfnis nach Vertrauen und
Geborgenheit eine Rolle. Die werdenden Eltern lernen zum Beispiel das Geburtshaus bereits
in der Schwangerschaft kennen, so dass während der Geburt eine vertrauensvolle
Atmosphäre besteht. Dieses Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen wird bei einer
Verlegung in die Klinik abrupt unterbrochen.
Ich erinnere mich gut an eine Situation, die ich in meinem Gebärsaalpraktikum der Phase II
diesbezüglich erlebt habe. Eine Gebärende wurde wegen suspektem CTG und protrahiertem
Geburtsverlauf vom Geburtshaus in die Klinik verlegt. Dem Paar war die Enttäuschung über
die Situation deutlich anzumerken. Ich habe sie während des weiteren Geburtsverlaufes
betreut und versucht besonders einfühlsam zu sein. Es ist mir aber nur schwer gelungen
eine Beziehung zum Paar aufzubauen. Besonders die Frau war so auf diese Geburt im
Geburtshaus fixiert, dass sie weder mich noch sonst eine Fachkraft des Spitals an sich heran
gelassen hat. Als Hebamme bin ich bestrebt, die Gesundheit von Mutter, Kind und Familie zu
fördern. Für eine solche Situation, wie ich sie in meiner Zeit als Spitalhebamme bestimmt
ähnlich wieder antreffen könnte, möchte ich in Zukunft besser vorbereitet sein. Aus diesem
Bedürfnis heraus ergeben sich meine Fragestellungen:
Wie kann ich nach der Verlegung aus dem Geburtshaus als Spitalhebamme in kurzer
Zeit eine Beziehung zum Paar aufbauen? Wie gestalte ich die Betreuung während der
Geburt optimal nach den Bedürfnissen der werdenden Eltern, um ihnen eine
individuell positiv erlebte Geburt zu ermöglichen?
Mein Ziel ist es, mich in dieser Arbeit differenziert mit der Betreuung eines Paares nach
abgebrochener Geburtshausgeburt auseinanderzusetzen und die Erkenntnisse danach in
der Praxis umsetzen zu können.
Als Grundlage dient mir ein Fallbeispiel, auf das ich mich im Laufe der Arbeit immer wieder
beziehe. Ich werde kurz die ausserklinische und klinische Geburtshilfe einander
gegenüberstellen und die Rahmenbedingungen für eine Geburtshausgeburt erwähnen.
Im Hauptteil geht es um die Betreuung des Paares von der Aufnahme in die Klinik bis hin zur
Verlegung aufs Wochenbett. Ich konzentriere mich vor allem auf die Verlegung vom
4
Geplante Geburtshausgeburt
Geburtshaus in die Klinik, die Aufnahme durch die Spitalhebamme und die Betreuung
während der Geburt.
Anhand von Konzepten, Modellen und Studien versuche ich, Möglichkeiten der einfühlsamen
Betreuung herauszuarbeiten, um dem Paar trotz der schwierigen Umstände ein positives
Geburtserlebnis zu ermöglichen. Auf Spätfolgen eines enttäuschten Geburtserlebnisses, wie
Wochenbettdepressionen, Störungen in der Mutter-Vater-Kind-Beziehung, bis hin zur
posttraumatischen Belastungsstörung werde ich in meiner Arbeit nicht eingehen.
3 ASPEKTE DER GEBURTSHAUSGEBURT UND DER KLINIKGEBURT
Bezüglich klinischer und ausserklinischer Geburtshilfe gibt es immer wieder emotionale Pround Contra- Diskussionen. Im Rahmen meiner Ausbildung habe ich nur Geburten im Spital
erlebt und mich fast ausschliesslich mit dem klinischen Setting befasst. Um das Bedürfnis
eines Paares nach einer ausserklinischen Geburt besser nachvollziehen zu können, und mit
diesem Wissen meine Betreuung nach einer Verlegung vom Geburtshaus ins Spital
möglichst bedürfnisorientiert gestalten zu können, vergleiche ich im ersten Teil der Arbeit die
Klinikgeburt mit der Geburt im Geburtshaus. Ebenso führe ich die Risikoselektionierung
durch die Hebamme auf, um so die Voraussetzungen für eine Geburtshausgeburt und die
Gründe für eine Verlegung ins Spital erschliessen zu können. Bei einer Verlegung spielt die
interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen der Freipraktizierenden Hebamme und dem
geburtshilflichen Team in der Klinik eine wichtige Rolle. Wie eine konstruktive
interdisziplinäre Zusammenarbeit aussehen kann,
wird in diesem Kapitel ebenfalls
aufgeführt.
3.1 DIE GEBURT IM GEBURTSHAUS
Geburtshäuser sind Einrichtungen in der Primärversorgung des öffentlichen Gesundheitssystems, in denen Eigenverantwortung und Selbstbestimmung der Frau gewährleistet wird.
Ein Geburtshaus gilt als selbständiger Betrieb, der unabhängig von klinischen Institutionen
ist und in welchem nach rechtlichen Grundlagen des schweizerischen Hebammengesetzes
eine frauengerechte Hebammengeburtshilfe praktiziert wird. Die geburtshilfliche Leitung der
Geburtshäuser obliegt ausschliesslich der Verantwortung der Hebammen. Eine
Mitgliedschaft in der IGGH-CH ist obligatorisch. Durch professionelle Zusammenarbeit im
medizinischen und psychosozialen Bereich werden angebotene Leistungen vervollständigt,
wobei die inhaltliche Arbeit sich nach den Leitlinien für Geburtshäuser richtet (Zimmermann
2007a). Am 24. 09. 2007 hat der Ständerat dem Eintritt der Geburtshäuser ins KVG
zugestimmt. Damit sollen die Geburtshäuser auf die kantonalen Spitallisten aufgenommen
und so den Spitälern finanziell (subventionsberechtigt) gleichgestellt werden. In den
Geburtshäusern der Schweiz werden sämtliche Hebammenleistungen in der
Schwangerschaft und während der Geburt von den Krankenkassen aus der
Grundversicherung bezahlt. Für den Aufenthalt im Geburtshaus während des Wochenbetts
benötigen die Frauen jedoch eine Kostengutsprache ihrer Zusatzversicherung (Zimmermann
2007b).
Bei der ausserklinischen Geburtshilfe gilt für viele werdende Eltern die Möglichkeit der
kontinuierlichen Betreuung durch eine Hebamme in der Schwangerschaft, bei der Geburt, im
Wochenbett und während der Stillzeit als Vorteil. Ein Vertrauensverhältnis, welches in der
Schwangerschaft wachsen kann, bedeutet Sicherheit und Geborgenheit für die Geburt. Die
Hebamme im Geburtshaus betreut jeweils nur eine Frau bzw. ein Paar unter der Geburt und
kann sich voll und ganz auf deren Bedürfnisse konzentrieren. Ebenfalls wird das
Geburtsgeschehen nicht durch Schichtwechsel verschiedener Hebammen gestört. Im
Geburtshaus ist eine geringst mögliche Störung der Geburt durch unerwünschte Personen
gewährleistet. Als weiterer Grund wird oft die Atmosphäre eines Geburtshauses genannt
(Lippens 2005).
5
Geplante Geburtshausgeburt
3.2 DIE GEBURT IN DER KLINIK
Mit dem Wandel der Geburt von einem natürlichen Prozess hin zu einer kontrollierten
Prozedur wechselte der Geburtsort von zu Hause hin zum Krankenhaus. Der Ruf nach einer
Rückkehr zum natürlichen Geburtsverlauf in grossen Teilen der entwickelten Welt führte
zwar dazu, dass die Kreisssäle für Väter und andere Begleitpersonen geöffnet wurden, doch
der Ort blieb derselbe: das Krankenhaus. Die meisten Geburten in westlichen Ländern finden
heute in der Klinik statt (WHO 1996).
Einen der meist genannten Gründe, weshalb Frauen in der Klinik gebären, ist die Sicherheit,
welche Klinikgeburten zugeschrieben wird. Frauen, welche im Spital gebären, suchen eine
fortschrittliche medizinische Infrastruktur, Sicherheit durch Überwachungsmassnahmen und
ärztliche Hilfe im Falle von Komplikationen. Für solche Fälle steht in der Klinik ein Team von
Fachkräften rund um die Uhr zur Verfügung. Ebenso wünschen sich viele Frauen eine
möglichst schmerzarme Geburt. Die nahezu uneingeschränkten Möglichkeiten der
medikamentösen Schmerzlinderung, sowie die Option der Periduralanästhesie werden daher
ebenfalls als Vorteil der Klinikgeburt angesehen (Ayerle 2008). Viele Kliniken haben in den
letzten Jahren in die Renovierung ihrer Gebärsäle investiert und sind um eine attraktivere
und wohnlichere Geburtsumgebung bemüht, was laut Enkin et al. (2006) die
Wahrscheinlichkeit für die Zufriedenheit der Gebärenden erhöht.
3.3 VORAUSSETZUNGEN FÜR EINE GEBURTSHAUSGEBURT
Hat sich ein Paar, nach sorgfältigem Abwägen der Vor- und Nachteile für eine Geburt im
Geburtshaus entschieden, muss die gewählte Freipraktizierende Hebamme abklären, ob die
Schwangere die Voraussetzungen für eine ausserklinische Geburt erfüllt. Neben dem
Wunsch des Paares nach einer Geburt im Geburtshaus als Grundvoraussetzung, beeinflusst
letztendlich die Risikoeinschätzung den Geburtsort, den Geburtsmodus und die
Betreuungspersonen wesentlich.
3.3.1 RISIKOEINSCHÄTZUNG
Das Erkennen von Faktoren, die für die Mutter oder das Kind ein erhöhtes Risiko für ein
unerwünschtes Outcome bedeuten, ist eines der Hauptziele der vorgeburtlichen Betreuung.
Bestimmte Aspekte der Familien- oder Eigenanamnese, der geburtshilflichen Vorgeschichte
oder Ergebnisse aus Untersuchungen können zu einem erhöhten Risiko für ernsthafte
Komplikationen beitragen (Enkin et al 2006). Die Risikoeinstufung der Schwangeren beginnt
schon während der Schwangerenvorsorge. Sie erfasst Komponenten wie z.B. das
mütterliche Alter, Körpergrösse und Gewicht, Parität, die Frage nach Komplikationen in der
geburtshilflichen Anamnese und die gezielte Suche nach Normabweichungen in der
bestehenden Schwangerschaft wie HES, Präeklampsie, HELLP, Mehrlingsgravidität,
vorgeburtliche Blutungen, Lageanomalien, schwerwiegende Anämie, etc (WHO 1996).
Zur Risikoeinschätzung gibt es verschiedene Möglichkeiten. Formulierungen des
Schweizerischen Hebammenverbandes (1995, zitiert nach Hänny u. Michel 2004) lauten: Als
Anforderungen an eine Frau für eine ausserklinische Geburt werden Faktoren wie ein guter
Allgemeinzustand der Schwangeren, keine vorbestehenden Leiden, ein normaler
Schwangerschaftsverlauf,
mindestens
drei
Schwangerschaftskontrollen
bei
der
Freipraktizierenden Hebamme, zu verantwortende psychosoziale Verhältnisse, mindestens
eine Ultraschalluntersuchung, Einlingsschwangerschaft, Kopflage des Kindes und
Geburtsbeginn bei abgeschlossener 37.SSW und vor vollendeter 42.SSW angegeben.
Ebenfalls muss die Frau in einem externen Spital angemeldet sein und die Akzeptanz einer
Entscheidung der Hebamme für eine allfällige Verlegung ins Spital äussern. Eine
Vertrauensbasis zwischen der Hebamme, der Frau und ihrer Begleitperson muss ebenfalls
vorhanden sein.
Etwas konkreter definiert die WHO (1996) zwei Risikogruppen: Frauen mit einer
physiologischen Schwangerschaft und Geburt gehören zu der Gruppe mit niedrigem Risiko.
Diese beinhaltet ebenfalls das Gestationsalter von 37-42 vollendeter SSW,
6
Geplante Geburtshausgeburt
Einlingsschwangerschaft, ausserdem spontaner Wehenbeginn, mütterliches Alter von 18-39
Jahren, geschätztes Kindgewicht von 2500-4000g, Hinterhauptslage, keine frühere Sectio,
keine Zeichen für HES, Präeklampsie oder HELLP, sowie normaler Plazentasitz.
Frauen mit Risikoschwangerschaft bzw. pathologischer Geburt zählen zur Hoch-RisikoGruppe,
diese
beinhaltet
Faktoren
wie
Frühgeburt
oder
Übertragung,
Mehrlingsschwangerschaft, mütterliches Alter unter 18 oder über 39 Jahren, Kindsgewicht
unter 2500g oder über 4000g, regelwidrige Kindslage, Status nach Sectio, Zeichen für HES,
Präeklampsie oder HELLP, sowie eine Plazenta Praevia.
Da der praktische Vorhersagewert des Risikobewertungsansatzes gering ist, sollten sich
Hebammen in der praktischen Arbeit vor Ort weniger an den verschiedenen Risikokatalogen
orientieren, als an der Tatsache, dass Komplikationen jederzeit auftreten können und ihre
gute fachlich-kompetente Einschätzung essenziell ist (Höfer 2005). Auch Experten der WHO
(1996) machen darauf aufmerksam, dass viele Risikoschwangere keine Komplikationen,
jedoch viele Frauen ohne Risiko Komplikationen entwickeln. Daher stehen sie diesem
Risikokatalog selbst kritisch gegenüber. Sie weisen darauf hin, dass die nicht auftretenden
Komplikationen bei den vielen Schwangeren, die als Risikofall eingestuft wurden, langfristig
die Verlässlichkeit der medizinischen Berufe infrage stellt und das Bewusstsein für Gefahren
in der normalen Schwangerschaft verblassen lässt.
3.4 DIE VERLEGUNG IN DIE KLINIK
Für Hebammen, welche in der ausserklinischen Geburtshilfe tätig sind, gehört es zum Alltag,
Geburten alleine zu begleiten, ohne vor Ort auf fachliche Austauschmöglichkeiten zugreifen
zu können. Ein solides aktualisiertes geburtshilfliches Fachwissen als Basis und die
Entwicklung und Schulung ihrer Intuition sind für eine Freipraktizierende Hebamme von
grosser Wichtigkeit. Ein aufmerksames Beobachten des Geburtsverlaufes macht das
Erkennen von Abweichungen der Physiologie möglich. Ein sorgfältiges Abwägen der
auftretenden Veränderungen lässt die FPH erkennen, ob weiter abgewartet werden kann,
oder ob eine Verlegung in die Klinik nötig wird. Bei einer Verlegung beginnt die
interdisziplinäre Zusammenarbeit mit weiteren Fachpersonen (Struthmann 2007).
3.4.1 KRITERIEN FÜR EINE VERLEGUNG
Die Risikoeinstufung erfolgt nicht nur einmalig, sondern kontinuierlich während des ganzen
Geburtsverlaufes. Zu jedem Zeitpunkt können Symptome für Komplikationen auftauchen und
zu der Entscheidung führen, einer Frau intensivere medizinische Betreuung zukommen zu
lassen (WHO 1996).
Mögliche Gründe für eine Verlegung bei Geburtsbeginn können Terminunterschreitung
<37 0/7 SSW, Terminüberschreitung mehr als 10 Tage über dem ET, Beckenendlage,
Querlage,
mekoniumhaltiges
Fruchtwasser,
suspekte
bzw.
pathologische
Herzfrequenzmuster, Hypertonie, Hypotonie, Fieber, auffällige vaginale Blutung oder ein
Nabelschnurvorliegen sein.
Mögliche Gründe für eine Verlegung während des Geburtsverlaufes sind unter anderem
der Blasensprung ohne Geburtswehen >12h, ein protrahierter Geburtsverlauf nach
Blasensprung mit Geburtswehen, starker Blutdruckanstieg oder -abfall, Fieber, verstärkte
vaginale Blutung, Geburtsstillstand von mehr als 2-4h, Wehenunverträglichkeit, Wunsch
nach einer PDA, mekoniumhaltiges Fruchtwasser ohne absehbares Ende der Geburt,
präpathologisches CTG und zögerliche Eröffnung des MM bei Erstgebärenden,
pathologisches CTG in der EP bei Erst- und Mehrgebärenden, ungünstige Einstellungen und
Haltungen, Gesichtslagen, Nabelschnurvorfall.
Mögliche Gründe für eine Verlegung post partum sind beispielsweise Plazentalösungsstörungen, Plazentaretention, unvollständige Plazenta, atonische Blutung, stärkere Blutung
einer Geburtsverletzung, ein Kind mit Anpassungsstörungen oder ein krankes Neugeborenes
(Lippens 2005).
Bei auftretenden Komplikationen muss die Hebamme fähig sein, Abweichungen vom
regulären Geburtsverlauf zu erkennen, die Eltern darüber aufzuklären und nach Möglichkeit
unter Berücksichtigung deren Wünsche sinnvoll Einfluss zu nehmen. Bei Regelwidrigkeiten
7
Geplante Geburtshausgeburt
sollte die Hebamme in der Lage sein, notwendige Massnahmen zu ergreifen und bei
pathologischen Geburtsverläufen medizinische Versorgung einzuleiten, sowie ärztliche Hilfe
beizuziehen oder die Verlegung in die Klinik zu veranlassen (Struthmann 2007). Im Interesse
von Mutter und Kind sollte bei auftretenden Risiken frühzeitig in die Klinik verlegt werden. Je
nach Situation ist das Privatauto oder der Rettungswagen angemessen (Lippens 2005).
3.4.2 DIE ROLLE DER FREIPRAKTIZIERENDEN HEBAMME
Sowohl für das Paar, als auch für die FPH ist es traurig und oft enttäuschend, wenn die
Geburt nicht wie geplant ausserhalb der Klinik stattfinden kann. Kommt es während oder
nach der Geburt aus irgendwelchen Gründen zu einer Verlegung, ist das Ziel der
ausserklinischen Geburtshilfe, rechtzeitig und in Ruhe zu verlegen, damit neben aller
Enttäuschung eine psychische Adaption der Eltern an die Veränderung gelingen kann und
weiterhin maximale Chancen für einen, für das Paar subjektiv gelungenen Geburtsausgang,
gegeben sind.
In der aktuellen Konfliktsituation oder dem geburtshilflichen Notfall können gezielte
Lösungsstrategien helfen, Ruhe zu bewahren. Die Freipraktizierende Hebamme hält inne
und überdenkt die Geburtssituation in Ruhe. Sie überlegt sich genau, welche Situation sie
vor sich hat, was die bisherigen Faktoren sind und was jetzt ihre Funktion ist. Erst nachdem
sie die Fakten für sich ausgewertet hat, werden diese mit den Beteiligten besprochen.
Alternativen zu einer Verlegung (Hinzuziehen von Notdiensten, Fachärzten, Kolleginnen)
werden abgewogen. Ist eine Verlegung unumgänglich, wird die schnellste Erreichbarkeit
abgeklärt. Die Wegstrecke wird je nach Tageszeit, Witterung und zweckmässiger Lagerung
kalkuliert, danach wird entschieden, ob mit Privatauto oder Krankenwagen verlegt wird. Die
unterschiedlichen Kompetenzen müssen anerkannt und klar geregelt sein. Durch
konstruktive interdisziplinäre Zusammenarbeit, Kooperation und klare Dialoge können
wertvolle Minuten gewonnen werden (Struthmann 2007).
Im Gespräch (welches im Anhang zu finden ist) betonte die Freipraktizierenden Hebamme
A.W., dass es sehr wichtig sei, schon im Vorfeld mit dem Paar zu besprechen, aus welchen
Gründen eine Verlegung nötig werden kann, wie und wohin genau verlegt wird und wer im
Spital weiter zuständig ist. Eine Möglichkeit könnte auch sein, bei dieser Gelegenheit
wichtige Bedürfnisse des Paares schriftlich festzuhalten, und bei einer allfälligen Verlegung
der Spitalhebamme anzugeben.
3.4.3 DIE ROLLE DER SPITALHEBAMME
Bisher konnten die Frau und ihr Partner durch kontinuierliche Betreuung in der
Schwangerschaft eine Beziehung und Vertrauen zu der Freipraktizierenden Hebamme
aufbauen. Nach einer Verlegung ins Spital sollen sie nun ihr ganzes Vertrauen einer Person
schenken, die sie eventuell vorher noch nie gesehen haben. Dies fällt vielen Paaren schwer.
Der erste Eindruck, welchen sie von der neuen Bezugsperson im Spital gewinnen, ist
deshalb von grosser Bedeutung.
Die Hebamme hat beim ersten Kontakt möglicherweise andere Prioritäten als die Frau. Sie
muss eine erste Beurteilung der Gebärenden und deren momentanen Situation machen.
Eventuell konzentriert sie sich auf die Erhebung des Muttermundbefundes und darauf, dass
es Mutter und Kind körperlich gut geht. Darüber hinaus muss sie Dokumentationspflichten
nachkommen und sich je nach dem zusätzlich um weitere Frauen kümmern. (Enkin et al.
2006). Neben einer schnellen Einschätzung der Situation ist es wichtig, den werdenden
Eltern ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Schon während der Begrüssung gewinnen die
Spitalhebamme, sowie auch die Gebärende und ihr Partner einen ersten Eindruck. Dieser
erste Eindruck ist von beiden Seiten her oft von ausschlaggebender Bedeutung. Er wird
unter anderem durch verschiedene Elemente wie dem äusseren Erscheinungsbild, der Mimik
und Gestik, der Stimmlage, Sprache, dem Verhalten und der Bewusstseinslage mitbestimmt
(Halbach u. Kriegerowski-Schröteler 2005).
8
Geplante Geburtshausgeburt
3.4.4 INTERDISZIPLINÄRE ZUSAMMENARBEIT
Muss eine Geburt im Geburtshaus abgebrochen und die Gebärende ins Spital verlegt
werden, erfordert dies von Seiten der Freipraktizierenden Hebamme, wie auch von Seiten
des Klinikpersonals eine Bereitschaft für gute interdisziplinäre Zusammenarbeit. Diese
beginnt aber eigentlich weit vor der Verlegung einer ausserklinischen Geburt ins Spital.
Jedes Geburtshaus sollte mit einem Netz von Ärzten zusammenarbeiten, die der
ausserklinischen Geburtshilfe positiv bis neutral gegenüberstehen. Während der
Schwangerschaft bietet sich die Zusammenarbeit mit Fachärzten an, um bei Bedingungen,
die eine ausserklinische Geburt einschränken, eine Zweitmeinung einzuholen. Auch für
Anfragen zur Durchführung zusätzlicher Diagnostik, wie z.B. Ultraschall, sollte eine Auswahl
an Fachärzten zur Verfügung stehen. In Ausnahmefällen können Ärztinnen und Ärzte auch
als Unterstützung während einer „Risikogeburt“ mit prognostisch günstigen Zeichen
hinzugezogen werden. Bei zu erwartenden Anpassungsstörungen des Neugeborenen
aufgrund auffälliger Herzfrequenzmuster in der AP kann die Unterstützung eines Pädiaters
gute Voraussetzungen zu ihrer Bewältigung schaffen, wenn eine Verlegung in ein
Perinatalzentrum nicht mehr möglich erscheint. In Notsituationen empfiehlt es sich jedoch
frühzeitig in die am besten ausgestattete Klinik zu verlegen (Struthmann 2007). Die
vorsorgliche Anmeldung der Schwangeren, die eine ausserklinische Geburt planen, an
einem Spital, ist wünschenswert und sinnvoll. So kann bei Komplikationen eine schnelle
Verlegung gewährleistet werden. Bei Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit empfiehlt sich
in einem ersten Schritt das persönliche Gespräch mit der betroffenen Person oder Institution.
Die Kompetenzen im Falle einer Verlegung müssen klar geregelt sein (Güttinger 2008).
Laut der Freipraktizierenden Hebamme A. W. sind die Kompetenzen zwischen FPH,
Spitalhebamme und Ärzten klar geregelt. Sie erlebt die Zusammenarbeit in der Regel als
konstruktiv und gut. Nachdem die FPH die Verlegung der Gebärenden im Spital telefonisch
angemeldet hat, findet der Übergaberapport im Gebärzimmer statt. Danach bleibt die bis
dahin betreuende Hebamme in der Regel nur so lange, bis sich das Paar einigermassen
akklimatisiert hat. In seltenen Fällen bleibt sie bis zur Geburt, wenn diese bald absehbar ist.
Jedoch hat die FPH keine Bewilligung, Handlungen im Spital durchzuführen und bleibt somit
nur als Begleitperson oder Zweithebamme.
Besonders bei Geburtsverläufen, die sich über mehrere Schichten hinziehen und vielerlei
Massnahmen bedürfen, ist eine konstruktive interdisziplinäre Zusammenarbeit aller
beteiligten Fachkräfte gefordert. Gerade der verschiedene Blickwinkel der unterschiedlichen
Berufsgruppen und Persönlichkeiten muss zusammengetragen werden, um das weitere
Procedere individuell sinnvoll zu gestalten. Eine korrekte Übergabe zum nächsten Dienst
(und natürlich auch von der Freipraktizierenden Hebamme and die betreuenden
Fachpersonen im Spital) ist unerlässlich. Sowohl die Einschätzung der bisher begleitenden
Hebamme sollte dabei Gehör finden, als auch die psychische Verfassung der Gebärenden
berücksichtigt werden. Ein vertrauensvolles Miteinander des Teams erleichtert den Frauen
auch, die wechselnden Bezugspersonen besser anzunehmen (Bloemke 2007).
Vonèche (1993, zitiert nach Rieder 2004) versteht unter interdisziplinärer Zusammenarbeit,
wenn durch die direkte Kommunikation und Kooperation Teilübereinstimmungen zwischen
verschiedenen Berufsgruppen erzielt wird. Entscheidend für eine erfolgversprechende
interdisziplinäre Zusammenarbeit ist das Entwickeln eines gemeinsamen Ziels, auf welches
gemeinsam hingearbeitet wird. Um das zu erreichen, ist Kooperation nötig. Um kooperieren
zu können, ist soziale Kompetenz von grundlegender Bedeutung. Leistungen der anderen
Berufsgruppen sollen anerkannt werden. Die eigene Leistungsfähigkeit sowie die eigenen
Grenzen dürfen nicht überschätzt werden.
9
Geplante Geburtshausgeburt
3.5 DISKUSSION
Bei der Wahl des Geburtsortes ist die Sicherheit immer wieder eines der Hauptthemen.
Für Fachpersonen ist die Frage nach dem Geburtsort eigentlich nichts anderes, als nach der
wissenschaftlichen Evidenz zu fragen. Diverse Studien kommen dabei zum gleichen
Resultat: Für Frauen mit einer komplikationslosen Schwangerschaft – und das betrifft die
grosse Mehrheit der Frauen – ist eine Spitalgeburt nicht sicherer als die hebammenbetreute
Geburt zu Hause oder im Geburtshaus. Ebenso zeigten Vergleichsstudien, dass Frauen,
welche zu Hause oder im Geburtshaus gebären, signifikant weniger Interventionen
unterworfen und mit ihrer Geburt zufriedener sind als Frauen nach einer Spitalgeburt (Brailey
2004). Viele Fachpersonen im Gesundheitswesen sind jedoch davon überzeugt, dass
Klinikgeburten sicherer sind, als ausserklinische Geburten. Diese Überzeugung wird
ebenfalls von vielen Paaren geteilt und basiert möglicherweise zum Teil auf dem Wissen um
das schlechte perinatale Outcome ungeplanter, überstürzter Hausgeburten. Für die geplante
ausserklinische Geburt, welche von erfahrenen Fachkräften betreut werden und bei denen
im Notfall der Zugang zu einem Krankenhaus möglich ist, gelten diese Annahmen jedoch
nicht (Enkin et al. 2006). Eine Auswertung der ProGeb-Studie von Gross 2008 (zitiert Ayerle
2008) zeigt Vergleiche zwischen Geburtsverläufen bei Frauen mit niedrigem Risiko im
klinischen und im ausserklinischen Kontext. Bezüglich Sicherheit und Outcome des Kindes,
was für die meisten Paare ein wichtiges Kriterium bei der Wahl des Geburtsortes darstellt,
konnte insgesamt gezeigt werden, dass sowohl das Spital, als auch das Geburtshaus oder
die Hausgeburt geeignet sind, einen vergleichbar guten Gesundheitszustand des Kindes zur
Zeit der Geburt zu erreichen.
Für die werdenden Eltern jedoch ist die Entscheidung für eine ausserklinische oder klinische
Geburt eine sehr individuelle und persönliche Entscheidung auf der Grundlage ihrer
persönlichen Prioritäten und Wertvorstellungen. Jeder Geburtsort hat seine Vor- und
Nachteile, und jedes Paar wird diese individuell gewichten. Die Frau und ihr Partner haben
das Recht auf eine informierte Wahl ihres Geburtsortes. Die Aufgabe der Hebamme besteht
darin, sie neutral bezüglich Risiken und Geburtsortspezifische Gegebenheiten zu informieren
(Brailey 2004). Eine bereits in der Schwangerschaft erfolgte sorgfältige Abklärung, ob eine
Geburtshausgeburt überhaupt in Frage kommt, erscheint mir sinnvoll. Das Paar soll sich an
der Risikoeinschätzung beteiligen und schliesslich eine informierte Entscheidung über den
Geburtsort treffen können.
Haben sich die werdenden Eltern für eine ausserklinische Geburt entschieden, überwiegen
für sie wohl die Vorteile des Geburtshauses und die Nachteile der Klinik. Bei einer
Verlegung vom Geburtshaus ins Spital müssen sie sich einerseits von ihrer Wunschgeburt,
ihrer vertrauten Hebamme, und auch von allen Vorteilen des Geburtshauses verabschieden.
Um eine optimale weitere Betreuung des Paares zu gewährleisten, ist eine konstruktive
interdisziplinäre Zusammenarbeit aller beteiligten Fachpersonen unumgänglich. Als
Spitalhebamme ist es mein Ziel, das Vertrauen des Paares zu gewinnen und gleichzeitig die
gesamte Situation einzuschätzen. Die Hebamme, welche das Paar weiter betreut, muss
einen Weg finden, Routinemassnahmen, sowie klinische Gegebenheiten mit den
Bedürfnissen und Wünschen des Paares zu vereinbaren. Im folgenden Kapitel versuche ich
Lösungsansätze herauszuarbeiten, wie die Spitalhebamme einem Paar nach der Verlegung
vom Geburtshaus eine individuell positiv erlebte Geburt ermöglichen kann.
10
Geplante Geburtshausgeburt
4 DIE BETREUUNG DES PAARES DURCH DIE SPITALHEBAMME
Bei der Verlegung in die Klinik wird die vertraute Umgebung des ruhigen, gemütlich
eingerichteten Geburtshauses durch die unbekannte, oft hektische, helle und laute
Spitalumgebung ersetzt. Das Paar legt nun ihr ganzes Vertrauen in die Hände eines neuen
geburtshilflichen Teams. Im Spital werden Routinemassnahmen durchgeführt und
klinikspezifische Weisungen müssen befolgt werden. Die Anzahl der beteiligten Personen
erhöht sich, wenn neben der weiter betreuenden Hebamme auch eine Hebammenschülerin,
Ärzte und eventuell noch Untersassistenten anwesend sind. Diese Situation ist jedoch nicht
nur für die Gebärende und ihren Partner schwierig, sondern auch für die Spitalhebamme,
welche das Paar weiterhin betreuen wird. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass es
als Spitalhebamme nicht immer einfach ist, ein Paar zu betreuen, welches eigentlich die
Geburt im Geburtshaus geplant hat und aus irgendwelchen Gründen in der Klinik gebären
muss.
Anhand des Geburtserlebnisses, welches die junge Mutter A.H. und ihr Ehemann T.R.
diesbezüglich gemacht haben, möchte ich dies verdeutlichen (die Fallgeschichte dieses
Paares und das Gespräch, welches ich mit ihnen geführt habe, sind im Anhang zu finden).
Die Aufgabe der weiter betreuenden Hebamme besteht nach einer Verlegung darin - so gut
es die Situation erlaubt - die Betreuung während der Geburt nach den Wünschen und
Bedürfnissen des Paares zu gestalten. Wie andere grosse Institutionen auch, sind jedoch
Kliniken und die in ihnen arbeitenden Fachkräfte für ein effizientes Funktionieren auf Regeln
und routinemässig durchgeführte Abläufe angewiesen. Fachkräfte brauchen eine Struktur,
innerhalb derer sie ihre Arbeit ausführen. Es stellt also keine leichte Aufgabe dar, jeder
einzelnen Frau und ihren ganz individuellen Bedürfnissen nachzukommen (Enkin et al.
2006). Neben einer schnellen Einschätzung der Situation und den Routinemassnahmen,
welche die Klinik verlangt, muss es der Hebamme gelingen, in möglichst kurzer Zeit eine
vertrauensvolle Beziehung zum Paar aufzubauen, um so eine optimale weitere Betreuung
gewährleisten zu können. In diesem Kapitel werde ich mit Hilfe verschiedener Konzepte
Möglichkeiten einer bedürfnisorientierten, guten individuellen Betreuung für das Paar
herausarbeiten. Die genauere Erläuterung der dafür verwendeten Modelle und Konzepte
befindet sich im Anhang.
4.1 DIE ZUFRIEDENHEIT DER GEBÄRENDEN
Ob das Paar die Geburt nach der Verlegung vom Geburtshaus in die Klinik als positiv
erleben kann, wird unter anderem wesentlich von ihrer Zufriedenheit mit der weiteren
Betreuung in der Klinik beeinflusst. Dabei hängt die Zufriedenheit mit der Betreuung von
mehreren verschiedenen Faktoren ab.
In der prospektiven Studie von Lavender et al. (1999) wird versucht, die Zufriedenheit
Erstgebärender
nach
einer
Spitalgeburt
zu
erfassen
und
auszuwerten.
Einlingsschwangerschaften, das Kind in Kopflage und spontaner Wehenbeginn gehörten zu
den Einschlusskriterien. Die Studie umfasste 615 Probandinnen, welchen am 2. Tag post
partum einen Fragebogen ausgehändigt wurde. Der Fragebogen bestand aus offenen
Fragen, welche die positiven und negativen Aspekte ihrer Geburtserfahrung aufzeigten. Von
den 519 ausgefüllten Fragebogen wurden 412 in die Studie miteinbezogen. Dies wurde von
den Autoren damit begründet, dass dort die relevanten Fragen beantwortet wurden. Genau
diese relevanten Fragen sind jedoch weder in der Studie noch im Anhang aufgeführt. Die
Antworten zeigten, dass die Unterstützung eines der wichtigsten Themen für die Frauen
darstellt. Des weiteren spielt bei 30% der Befragten die Kontrolle, besonders die
Selbstkontrolle unter der Geburt, eine wichtige Rolle. 15% der Frauen fanden es jedoch
schwierig, die Kontrolle über die Geburt im Spital wirklich zu behalten. Daher gehen die
Autoren der Studie davon aus, dass die Selbstkontrolle über die Geburt einen grossen
Einfluss auf das Geburtserlebnis hat. Ausserdem seien regelmässige Informationen durch
die Hebamme wichtig. 26% der Paare gaben hier an, dass sie es sehr schätzten, bei
Entscheidungen miteinbezogen zu werden und somit Selbstbestimmung zu erlangen. Ein
weiterer interessanter Aspekt ist, dass sich die Interventionen der Hebammen und Ärzte, laut
11
Geplante Geburtshausgeburt
den befragten Frauen, nicht negativ auf die Geburt ausgewirkt hatten. 25% sahen die
Interventionen sogar als einen positiven Faktor unter der Geburt an.
Auch Kunkel (2005) untersuchte in einer Studie, welche internen und externen Bedingungen
die Zufriedenheit der Gebärenden mit der Geburtsbetreuung beeinflussen. Über einen
Zeitraum von acht Monaten wurde den Müttern während ihres postpartalen Aufenthaltes in
einer deutschen Klinik ausgehändigt. Von allen Fragebogen gelangten nur 93 zur
Auswertung. Bei der Auswertung war es aufgrund unklar formulierter Fragen oder der
geringen statistischen Signifikanz oft nicht möglich, eine eindeutige Korrelation zwischen den
ausgewählten Kriterien und der Zufriedenheit der Gebärenden zu erkennen. Obwohl die
Studie aufgrund der geringen statistischen Signifikanz nicht sehr aussagekräftig ist,
erscheinen mir die sechs Kriterien, von denen sie angenommen hat, dass diese die
Zufriedenheit mit der Betreuung während des Geburtsprozesses beeinflussen, als sinnvoll
und durchaus praxisnah. Sie untersuchte die Faktoren: Interpersonale Beziehungen, äussere
Gegebenheiten
des
Kreissaals,
spezifische
Klinikgegebenheiten,
medizinische
Massnahmen, eigenes Erleben und Mitbestimmung unter der Geburt. War nur aufgrund ihrer
Auswertungen kein Zusammenhang zwischen dem ausgewählten Faktor und der
Zufriedenheit der Gebärenden zu erkennen, verwies die Verfasserin auf früher durchgeführte
Studien, welche einen Zusammenhang zwischen diesen sechs ausgewählten Kriterien und
der Zufriedenheit deutlich erkennen liessen.
Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werde ich diese Faktoren zum Teil einfliessen lassen
und einen Bezug zur Fallgeschichte von A.H. und T.R. herstellen. Auch einige Aspekte der
Studie von Lavender et al. (1999) werden sich in den folgenden Abschnitten immer wieder
finden.
4.2 BEZIEHUNGSAUFBAU UND BEZIEHUNGSGESTALTUNG
Die Spitalhebamme, welche die Frau nach einer Verlegung vom Geburtshaus weiterhin unter
der Geburt betreut, geniesst nicht von Anfang an dasselbe Vertrauen, welches das Paar
zuvor der Freipraktizierenden Hebamme entgegengebracht hat. Diese Erkenntnis, die ich als
Spitalhebamme diesbezüglich selbst gewonnen habe, kommt nicht von ungefähr.
A.H. beschreibt, wie sie der neuen Hebamme gegenüber anfangs skeptisch war, ihren
Beistand und ihre Präsenz aber mit der Zeit zu schätzen wusste. Sie versucht im Gespräch
auf die Frage, wie sie den Wechsel der Bezugsperson empfunden hat, zu erklären, weshalb
sie die weiter betreuende Hebamme nicht gleich am Anfang an sich heranlassen konnte: „Ich
musste mich ja nicht nur von meiner ersten Bezugsperson verabschieden, sondern von der
ganzen Vorstellung, der ganzen Idee, diese Geburt natürlich im Geburtshaus nach meinen
Wünschen zu erleben. Als meine erste Hebamme A. gegangen ist, war somit auch mein
eigentlicher Wunsch gegangen. Das war schon schlimm! Ich habe mich auch gefragt, wer
jetzt für meine Interessen einsteht.“
Im Kontakt mit der betreuten Frau hat die Hebamme einen bedeutenden Anteil am Aufbau
und an der Gestaltung der Beziehung. Gerade wenn sie das Paar erst inmitten des
Geburtsgeschehens kennen lernt, muss der Beziehungsaufbau relativ schnell erfolgen. Die
ersten paar Minuten können ausschlaggebend für die weitere Beziehung sein. Eine
professionelle und vertrauensvolle Beziehung zum betreuten Paar entsteht am besten, wenn
die Hebamme bestimmte Grundhaltungen im Kontakt zu verwirklichen versucht. Diese
Haltungen sind im personenzentrierten Ansatz nach Carl R. Rogers eng miteinander
verwoben. Der personenzentrierte Ansatz ist auf einem Grundvertrauen in die Person
aufgebaut und stützt sich auf die Selbstverwirklichungstendenz, die in jedem vorhanden ist –
die Tendenz zu wachsen, sich zu entwickeln, all seine Möglichkeiten zu verwirklichen. Der
personenzentrierte Ansatz versucht den zielstrebigen Wunsch des Menschen, sich immer
weiter zu entwickeln, freizusetzen. Die zentrale Hypothese dieses Ansatzes lautet:
Der oder die einzelne besitzt in sich selbst unermessliche Hilfsmittel und
Ressourcen für das Verständnis seiner oder ihrer selbst, für die Änderung
der Einstellung, des selbst bestimmten Verhaltens und des Selbstkonzeptes.
12
Geplante Geburtshausgeburt
Jedes Individuum ist in der Lage, auf diese Ressourcen zurückzugreifen,
sofern die Umgebungsbedingungen passend sind. Um das optimale Klima
zwischen zwei Menschen zu schaffen, wurden drei Grundsätze festgelegt:
Empathie, Kongruenz und Akzeptanz. Diese Grundsätze können auf jede
Situation bezogen werden, in welcher die Entwicklung der Persönlichkeit als
Ziel steht. (Rogers 1998:93)
Empathie (Einfühlung) bedeutet, sich in das Erleben eines anderen Menschen so
einzufühlen und es so wahrzunehmen, als ob es das eigene Erleben wäre und das so
Wahrgenommene dem anderen mitzuteilen. Einfühlung soll jedoch nicht zur Identifikation mit
dem anderen führen, es hat die Funktion, die Selbsterkundung der Frau zu fördern, ihr
Gespür für ihre eigenen Gefühle, Wünsche und Wahrnehmungen einzuschätzen.
Kongruenz bedeutet die Vergegenwärtigung der eigenen Gefühle und das Handeln in
Übereinstimmung mit den eigenen Gefühlen.
Akzeptanz (unbedingte Wertschätzung) bezeichnet ein Gefühl, das die Hebamme in einer
konkreten Betreuungssituation der Frau gegenüber erlebt. In dieser Haltung lässt sich
ermessen, inwieweit es der Hebamme gelingt, der Frau empathisch zu folgen (Lohmann
2007).
Löschenkohl et al. (1981), sowie Möller u. Schwab 1995 (zitiert Kunkel 2005) konnten mit
ihren Studien belegen, dass die Gefühle von Empathie und Offenheit stark mit der
Zufriedenheit der Gebärenden korrelieren, bzw. sich Arzt- und Hebammenverhalten auf den
Geburtsverlauf auswirken können.
Im Beispiel von A.H. und T.R. kommt deutlich zum Ausdruck, von welcher Bedeutsamkeit
Interpersonale Beziehungen sind. So haben sie bereits während der Schwangerschaft eine
Hebamme ausgewählt, zu welcher sie im Laufe der Zeit ein grosses Vertrauen aufbauen
konnten. Der Wechsel der Bezugsperson liess neben dem Wechsel des Geburtsortes
Unbehagen der Gebärenden deutlich werden. Frau H. erzählt in ihrer Geschichte, wie wichtig
es für sie war, von der weiter betreuenden Hebamme ernst genommen zu werden. T.R.
meint im Gespräch, dass er die Betreuung durch die Hebamme sehr geschätzt hat und froh
war, wenn die Ärztin möglichst wenig im Zimmer war, denn ihre Anwesenheit verband er
automatisch mit einer beunruhigenden Abweichung des normalen Geburtsverlaufes.
Lohmann (2007) definiert Kennzeichen einer guten Beziehung zwischen der Hebamme und
dem Paar als folgende: Die Frau fühlt sich als Individuum wahrgenommen, sie kann ihre
Autonomie wahren, d.h. eigene Entscheidungen treffen, und erhält die dafür nötigen
Informationen. Die Frau kann auf den Beistand ihrer Hebamme vertrauen als Voraussetzung
dafür, sich zu öffnen und sich auch auf schwierig auszuhaltende Zustände und Umstände
einzulassen.
4.3 KLINIKSPEZIFISCHE GEGEBENHEITEN
Alleine die Verlegung vom Geburtshaus in die Klinik an sich ist für die meisten Paare schon
ein erheblicher Stressfaktor. Dazu kommt die Tatsache, dass viele atmosphärische Faktoren
eines Klinik-Kreißsaales Stress auslösen können. Durch die technisierte, klinische
Umgebung können Angst, Schmerzen und Nervosität verstärkt werden und sich
möglicherweise
negativ
auf
den
Geburtsverlauf
auswirken.
Auch
gängige
Routinemassnahmen wie häufige vaginale Untersuchungen, Einschränkung der Nahrungsund Flüssigkeitsaufnahme, das Schreiben von CTGs oder die Einschränkung der
Bewegungsfreiheit können Stress verursachen. Im Spital ist leider die Form der
kontinuierlichen Betreuung durch einen kleinen Kreis von professionellen Betreuungspersonen nicht immer gegeben. Das Kommen und Gehen geburtshilflicher FachärztInnen,
MedizinstudentInnen, Hebammen und Hebammenschülerinnen, welche im Schichtbetrieb
arbeiten, empfinden viele Paare als belastend (Enkin et al. 2006).
Odent (2006) erläutert das Bedürfnis nach Privacy, zu Deutsch „Privatsphäre“. Es sei
allgemein bekannt, dass es an einem vertrauten Ort leichter fällt, ein Gefühl von Privacy zu
entwickeln. Haben die werdenden Eltern bereits im Voraus die Möglichkeit, sich an den Ort
13
Geplante Geburtshausgeburt
der Geburt zu gewöhnen, entsteht eher ein Vertrauensgefühl. Das Wort Privacy bedeutet,
nicht beobachtet zu werden, bzw. sich nicht beobachtet zu fühlen. So ist es eine ganz
zentrale Frage, von welchen Menschen die Frau während des sehr intimen
Geburtsgeschehens umgeben ist. Waren diese Menschen im Geburtshaus nur der Partner
und die bereits bekannte und vertraute Hebamme, sind es nun in der Klinik fremde
Hebammen, Ärzte und eventuell noch Anästhesisten. Ausgerechnet in dem Moment, als die
Gebärende am meisten Privacy benötigen würde, ist sie von mehreren Leuten umgeben, die
ihr alles andere als vertraut sind. In Spitälern wird ausserdem im Schichtbetrieb gearbeitet.
So ist es durchaus möglich, dass das Paar während der Geburt einen oder mehrere
Schichtwechsel miterlebt. Dies bedeutet, sich wieder an eine neue Bezugsperson gewöhnen
zu müssen.
Beim Faktor „Klinikspezifische Gegebenheiten“ beschreibt Kunkel (2005) nur das Beispiel
der Nahrungszufuhr während der Geburt und die Rasur der Schamhaare. Sie kommt zum
Schluss, dass spezifische Klinikgegebenheiten als wichtig für die Zufriedenheit zu bewerten
seien. Weiter verweist sie auf Studien von Green et al. 1990 und Jacoby 1987, welche
belegen, dass gewisse Routinemassnahmen einen Verlust des Kontrollgefühls hervorrufen
und sich somit negativ auf die Zufriedenheit auswirken könnten.
A.H. erzählt rückblickend auf ihr Geburtserlebnis, sie sei sich durchaus darüber bewusst,
dass eine Klinikgeburt anders abläuft als eine Geburthausgeburt. Sie wusste, dass im Spital,
vor allem bei einer Geburt mit PDA, gewisse Routinemassnahmen nötig sind. Trotz des
Wissens darum, hat sie diese Massnahmen als unangenehm und störend empfunden.
Kunkel (2005) beschreibt weiter, welche Auswirkungen medizinische Massnahmen auf die
Zufriedenheit der Gebärenden haben. In der von ihr durchgeführten Studie fiel auf, dass sich
die befragten Frauen sehr uneinig waren über die Notwendigkeit und Häufigkeit der
medizinischen Massnahmen wie zum Beispiel die Ableitung der kindlichen Herztöne,
vaginale Untersuchungen, technische Geräte, etc. Diese grossen Differenzen in den
Antworten der befragten Frauen verdeutlichen das unterschiedliche Sicherheitsbedürfnis des
Klientels und die Wichtigkeit, jede einzelne Situation individuell zu betrachten.
A.H. war sich der Notwendigkeit medizinischer Massnahmen, wie das intermittierende
Blutdruckmessen, sowie die kontinuierlichen CTG- Ableitung und die mögliche Gabe von
Wehenmittel zwar bewusst, trotzdem haben sie diese „Schläuche, die ganze Chemie und die
vielen Geräte“ gestört. Weiter beschreibt sie in ihrem Erlebnisbericht, wie ein Schichtwechsel
das Geburtsgeschehen stören kann: „…Gleich nach der PDA war Schichtwechsel und eine
andere Hebamme kam. Anfangs war ich dieser neuen Hebamme gegenüber skeptisch, doch
sie machte es gut…“.
Insgesamt war das Wohlbefinden von A.H. und ihrem Mann durch die klinischen
Gegebenheiten (helles Licht, mehrere Leute im Gebärsaal, Schichtwechsel) und
Routinemassnahmen (CTG, Blutdruckmessgerät, Infusionen, Medikamente) beeinträchtigt.
Doch die betreuende Hebamme habe dies erkannt, angesprochen und ihr Möglichstes
getan, um die Situation für das Paar so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie hat das
Licht etwas gedämpft und dafür gesorgt, dass sich so wenige Leute wie möglich im
Gebärsaal aufhalten. Die Notwendigkeit der Medikamente, Infusionen, Überwachungsgeräte
und Interventionen hat sie dem Paar genau erklärt, so dass diese die Gegebenheiten besser
verstehen und akzeptieren konnten.
4.4 HEBAMMENSPEZIFISCHE ASPEKTE DER BETREUUNG
Als Hebammen verfügen wir über hilfreiche Ressourcen, um Menschen in Grenz- und
Krisensituationen zu begleiten und zu betreuen. Es ist unsere Aufgabe, die Gesundheit zu
erhalten und zu fördern. Reaktionen des Paares jeglicher Art müssen von unserer Seite
wahrgenommen werden. Die Hebamme übernimmt die Verbindungsfunktion zwischen den
verschiedenen Fachgebieten und ist die wichtigste Kontaktperson für die Eltern. Wichtig
dabei ist es, den Eltern die verschiedenen Möglichkeiten, welche zur Verfügung stehen,
14
Geplante Geburtshausgeburt
aufzuzeigen. Bei der Entscheidungsfindung sollte darauf geachtet werden, das Paar dabei
zu unterstützen und sie ihren Bedürfnissen angepasst zu beraten (Bloemke 2007).
In den folgenden drei Kapiteln möchte ich aufzeigen, wie es einer Spitalhebamme trotz
klinikspezifischer Gegebenheiten, möglichem Stress und Zeitmangel gelingen kann, dem
Paar eine individuell positive erlebte Geburt zu ermöglichen.
4.4.1 RESSOURCENORIENTIERTES ARBEITEN
Abgesehen von den Informationen, welche die Spitalhebamme von der Freipraktizierenden
Hebamme bezüglich der Anamnese und des bisherigen Geburtsverlaufes erhalten hat, weiss
sie nichts über die Frau. Sie kennt weder deren Bedürfnisse noch Wünsche. Nicht jede Frau
hat während der Geburt denselben Betreuungsbedarf. Während die eine Gebärende am
liebsten die ganze Zeit die Hebamme um sich herum hat, schätzt die andere die Zweisamkeit
mit ihrem Partner und empfindet die ständige Anwesenheit einer Fachperson als störend.
Um den Bedürfnissen eines jeden Paares gerecht zu werden, ist es als betreuende
Hebamme von grosser Wichtigkeit, die eigenen Fähigkeiten und vorhandenen Ressourcen
der Frau zu erkennen und zu unterstützen, sowie ihre Eigenständigkeit und Stärken
wahrzunehmen und zu fördern. Fehlende Ressourcen müssen erkannt und daraus
entsprechende Handlungen abgeleitet und begründet werden.
Das Modell der Salutogenese nach Antonovsky könnte für Hebammen ein Instrument sein,
um die Situation der einzelnen Frau oder des Paares zu erfassen und sie individuell zu
unterstützen und beraten. Man kann sich eine Waage vorstellen (siehe Abbildung), die das
Gesundheits- Krankheits- Kontinuum im Gleichgewicht zu halten versucht. Die
Gesundheitsfaktoren bzw. Ressourcen und die Risikofaktoren bzw. Stressoren stellen die
Gewichte dar, welche die Positionierung des einzelnen Menschen auf dem GesundheitsKrankheits- Kontinuum bestimmen (Heine u. Schewior- Popp 2004).
Um eine dynamische Balance von Risiko- und Schutzfaktoren zu erreichen, ist es die
Aufgabe der Hebammen, Schutzfaktoren aufzubauen, d.h. Ressourcen der Frau und ihres
Partners zu stärken. Ebenfalls sollen fehlende Ressourcen erkannt und kompensiert werden.
Mögliche Ressourcen können sein: Gute körperliche Verfassung, das Vertrauen in den
eigenen Körper und die eigenen Fähigkeiten, guter Umgang mit Stresssituationen, ein
stabiles soziales Umfeld, eine stabile Beziehung und ein unterstützender Partner.
Mögliche Stressoren sind beispielsweise: eine schwierige Lebenssituation, ein schlechtes
soziales Umfeld, körperlicher und psychischer Stress, fehlende finanzielle Mittel, schlechte
Ernährung.
Je nach dem, wo die Schwächen und Stärken einer Frau liegen, und wie ihr Handling dafür
ist, braucht sie eine andere Betreuung. Dies bedeutet, dass der Schwerpunkt der Betreuung
von Fall zu Fall unterschiedlich gesetzt werden muss (Heine u. Schewior- Popp 2004).
15
Geplante Geburtshausgeburt
Am Beispiel der Situation von A.H. und T.R. möchte ich aufzeigen, wie die Hebamme
vorhandene Ressourcen erkennen und Stressoren kompensieren kann.
Vorhandene Ressourcen von A.H.
- Gesunde Frau
- Gebärfähigkeit
- Kommunikation, kann ihre Wünsche ausdrücken
- Motivation
- Intaktes soziales Umfeld, Unterstützung ihres Partners
- Freut sich auf ihr Kind
- Problemlose Schwangerschaft
- Geburtsvorbereitungskurs
- PDA zur Schmerzlinderung
- Möglichkeiten der Homöopathie auch im Spital
- Gute medizinische Infrastruktur
- Kompetente Fachkräfte im Spital
Stressoren von A.H.
- Fremde Umgebung
- Ungemütliche Atmosphäre
- Keine vertraute Bezugsperson
- Enttäuschung über Situation
- Keine Bewegungsfreiheit wegen der PDA
- Fehlende Kraft, Erschöpfung
- Zu wenig Privacy
Die betreuende Hebamme hat laut Erfahrungsbericht von A.H. ihr Möglichstes getan, um das
Paar ressourcenorientiert zu betreuen. So hat sie die vorhandenen Ressourcen genutzt,
Stressoren versucht abzubauen und ihr Handeln entsprechend angepasst: Durch Abdunkeln
des Raumes hat sie trotz Spitalumgebung für eine gemütlichere Atmosphäre gesorgt und so
versucht, dem Paar eine einigermassen vertraute Umgebung zu schaffen. Sie hat die
Enttäuschung des Paares über die gesamte Situation bemerkt und auch angesprochen, so
konnte sie wesentliche Bedürfnisse der Frau (z.B. Homöopathie) in Erfahrung bringen und in
die weitere Geburtsbetreuung miteinbeziehen. Durch das Ansprechen des Themas, zeigte
sie der Frau, dass sie ihre Wünsche und ihre Situation ernst nimmt und konnte so das
Vertrauen von A.H. und ihrem Mann gewinnen. Durch die PDA konnte die Frau wieder etwas
Kraft sammeln. Die Hebamme hat insofern für Privacy gesorgt, indem nur jemand im
Gebärsaal anwesend war, wenn es wirklich erforderlich war.
Nicht jede Frau braucht gleich viel Support. Die Kunst als Hebamme liegt darin, die
vorhandenen Ressourcen jeder Frau zu nutzen, fehlende Ressourcen zu erkennen und dort
anzuknüpfen, so dass eine sich an den Bedürfnissen des Paares orientierende Begleitung
entstehen kann.
4.4.2 HEBAMMENBETREUUNG
Ein zentraler Aspekt der Unterstützung während der Geburt besteht im Versprechen, dass
die Gebärende zu keinem Zeitpunkt des Gebärens auf die verfügbare Betreuung verzichten
muss. Nur die körperliche Anwesenheit einer Person reicht hierfür nicht aus. Sowohl
physikalische Massnahmen zur Steigerung des Wohlbefindens der Frau, als auch die
emotionale Unterstützung gehören zu den Aufgaben der Hebamme. Einige Fachkräfte
räumen den technischen Aspekten der Betreuung während des Gebärens Priorität ein.
Andere sind der Ansicht, dass die technischen Aspekte nicht von der emotionalen
Unterstützung und den physikalischen Massnahmen zu trennen sind, um eine Frau in der
Geburtsarbeit erfolgreich zu unterstützen. Die gesamte Unterstützung sollte sich jedoch an
16
Geplante Geburtshausgeburt
den Wünschen und Ressourcen der Frau und ihres Partners orientieren, denn die
Bedürfnisse sind von Frau zu Frau und von Kultur zu Kultur verschieden (Enkin et al. 2006).
Das Hauptziel der Betreuung während der Geburt ist die Gesundheit von Mutter und Kind,
mit dem geringst möglichen Mass an Interventionen unter Gewährleistung ihrer Sicherheit.
Während des Geburtsverlaufes sollte in regelmässigen Abständen das physische und
emotionale Wohlbefinden der Gebärenden beobachtet werden. Dies umfasst die Messung
der Vitalzeichen, Beobachtung von Ein- und Ausfuhr, des Schmerzempfindens, sowie des
Betreuungsbedarfs (WHO 1996).
Während der Betreuung unter der Geburt spielen verschiedene Faktoren zusammen. Ein
1998 erarbeitetes Arbeitsmodell, das Luzerner Hebammengeburtshilfemodell, soll der
Hebamme bei der Begleitung einer werdenden Mutter behilflich sein und beschreibt die
einzelnen Faktoren und wie sie während der ganzen Mutterschaft zusammenspielen. Das
Modell geht von den drei Feldern „Frau“, „Hebamme“, und „Umfeld“ aus, die miteinander
rund um das Ereignis „Mutterschaft“ in Beziehung stehen. Es soll dazu beitragen, natürliche
Ressourcen zu fördern, Krisen zu bewältigen, wenn nötig rechtzeitig zu intervenieren und
adäquat zu handeln.
Frau
Mutterschaft
Hebamme
Umfeld
Die Frau als Person, mit allem, was sie kulturell, sozial, bildungsmässig, etc. mitbringt.
Die Hebamme als Person, als Frau. Ebenfalls wird alles berücksichtigt, was sie
mitbringt. Hinzu kommt ihre Fachkompetenz.
Das Umfeld, stellt den Ort oder die Institution dar, wo das Ereignis stattfindet, sowohl
räumlich, als auch personell.
Das Ereignis Mutterschaft beinhaltet alle Bereiche von Schwangerschaft, Geburt,
Wochenbett, Familienplanung und Gebiete der Gynäkologie.
Alle diese Felder agieren und interagieren. Sie beeinflussen einander wechselseitig. Je nach
Einflussnahme überdeckt ein Feld grössere Teile anderer Felder. Da der Persönlichkeitskern
des Menschen oder institutionelle Grundstrukturen unveränderlich sind, kann jedoch ein Feld
nie ganz verdeckt werden (Apel et al. 2000).
17
Geplante Geburtshausgeburt
Versuchet man dieses Modell auf eine verlegte Geburtshausgeburt anzuwenden, wird uns
die Komplexität der Situation bewusst. Im Zentrum steht das Ereignis Mutterschaft, in
welches die schwangere Frau ihre ganzen Erwartungen, Wünsche und Vorstellungen
projiziert. Das Umfeld, in welchem sie gebären möchte, sowie die Hebamme, welche sie als
Person mit all ihren persönlichen und fachlichen Kompetenzen dabei begleiten soll, hat die
Frau, auf ihre Vorstellungen und Wünsche angepasst, ausgewählt. Bei einer Verlegung vom
Geburtshaus in die Klinik ändern zwei ganz wesentliche Felder. Die „vertraute Hebamme“
und das „vertraute Umfeld“ werden durch die „fremde Hebamme“ und das „fremde Umfeld“
ersetzt. Dadurch gewinnt das Ereignis „Mutterschaft“, vor allem die Geburt, als einen der
Höhepunkte des Ereignisses „Mutterschaft“, für die Frau und auch für ihren Partner eine
ganz neue Bedeutung. Ich möchte noch einmal eine zentrale Aussage von A.H. aufführen,
welche genau diese Situation beschreibt:
„Ich musste mich ja nicht nur von meiner ersten Bezugsperson A., verabschieden, sondern
von der ganzen Vorstellung, der ganzen Idee, diese Geburt natürlich im Geburtshaus nach
meinen Wünschen zu erleben. Als A. gegangen ist, war somit auch mein eigentlicher
Wunsch gegangen. Das war schon schlimm!“
Das bisherige Umfeld und die Hebamme, welche sich die Frau eigentlich zur Geburt
gewünscht hat, kann die Spitalhebamme nicht ersetzen. Sie kann jedoch einen wesentlichen
Beitrag leisten, damit die Geburt für das Paar trotz der Verlegung zu einem positiven
Erlebnis wird. Dem Wunsch der Frau, die „Geburt natürlich, nach ihren Wünschen“ zu
erleben, kann die weiter betreuende Hebamme auch im Spital zu einem grossen Teil
nachkommen. Hierzu müssen wieder vorhandene und fehlende Ressourcen erkannt und das
Handeln, wenn möglich, angepasst werden. Eine neue Umgebung, sowie eine neue
Hebamme bedeuten auch neue Ressourcen, die genutzt werden können.
Dem Bedürfnis nach einer selbst bestimmten Geburt kann auch im Spital nachgekommen
werden. Kontrolle über das Geburtsgeschehen und über die Entscheidungen hinsichtlich der
Versorgung unter der Geburt sind wichtige Faktoren für die langfristige Zufriedenheit und das
positive Selbstbild von Frauen (Goodmann et al. 2004). Um Frauen Kontrolle zu
ermöglichen, sollen sie vor, während und nach der Geburt in Entscheidungsprozesse
einbezogen werden. Ein Instrument dazu ist das Konzept der „Informed Choice“ (Brailey
2005).
4.4.3 INFORMED CHOICE UND INFORMED CONSENT
Vielen Frauen genügt es nicht mehr, die Verantwortung für sich und ihr Kind einfach einem
Arzt oder einer medizinischen Betreuungsperson zu überlassen. Sie wollen als aktive
Partnerinnen bei den Entscheidungsprozessen mitwirken und wünschen sich Informationen
über die ihnen offen stehenden Wahlmöglichkeiten. Bei der „Informed Choice“, zu Deutsch
„Informierte Entscheidung“, handelt es sich um ein ethisches Konzept, das von Hebammen
auf der ganzen Welt begrüsst wird. Es basiert auf ein paar grundsätztlichen
Wertvorstellungen: Frauen haben das Recht auf Information über ihre Betreuung und
müssen in Entscheidungen, welche ihren Körper betreffen, miteinbezogen werden. Frauen
sind die primäre Entscheidungsinstanz bei allem, was während ihrer Schwangerschaft und
Geburt mit ihnen geschieht (Brailey 2005).
Laut ICM finden sich zum Thema „informed choice“ folgende Empfehlungen: Hebammen
respektieren das Recht der Frau, informiert zu sein und wählen zu können, und fördern ihre
Bereitschaft, die Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen. Hebammen arbeiten
mit den Frauen zusammen, sie unterstützen ihr Recht, sich aktiv an Entscheidungen zu
beteiligen und ermächtigen sie zur Mitsprache über Frauen- und Familiengesundheit in ihrer
Kultur bzw. Gesellschaft. „Informiert“ bedeutet, dass der Frau vollständige und für sie
verständliche Informationen über Risiken, Vorteile und zu erwartende Resultate jeder ihr
offen stehenden Wahlmöglichkeiten gegeben werden (Pelvin 2003).
„Informed Choice“ und „Informed Consent“ (informierte Zustimmung) überschneiden sich
teilweise. Bei der informierten Zustimmung geht es um das passive Einverständnis mit einer
18
Geplante Geburtshausgeburt
bestimmten Behandlung. Es geht dabei vor allem um das Für und Wider einer einzigen
Handlungsweise. Die informierte Entscheidung impliziert, dass ihr Diskussionen über eine
Anzahl verschiedener Behandlungsmöglichkeiten vorangehen. Wenn Frauen informiert
wählen können, entscheiden sie sich aktiv für eine Vorgehensweise, die ihren Bedürfnissen
und Wünschen entspricht. Dabei werden sie von ihren professionellen Betreuerinnen
beraten, übernehmen aber die Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen. Das Gefühl
der Kontrolle, welches dabei gefördert wird, stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
(Brailey 2005). Laut Kunkel (2005) ist dieses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten von hoher
Bedeutsamkeit für das Erleben vollster Erfülltheit und Zufriedenheit. Es darf jedoch nicht
ausser Acht gelassen werden, dass jede Frau die Geburt individuell anders erlebt. Darauf
muss sich das Spitalpersonal einstellen.
Im Gespräch mit A.H. wurde mehrmals deutlich, wie sie sich plötzlich unwohl gefühlt hat, als
in die natürlichen Vorgänge ihres Körpers eingegriffen werden musste. So beschreibt sie ihre
Gefühle, als die PDA gelegt wurde „…ich wusste nicht mehr, wie ich mein Kind bei der
Geburt unterstützen kann, wenn ich die Wehen nicht mehr recht spüre. Ich hatte das Gefühl,
ich lasse es im Stich. A. sagte mir noch, ich kann genau gleich beim Kind bleiben und
mitatmen. Das konnte ich aber irgendwie nicht glauben…“ Das Gefühl, die Kontrolle über
den eigenen Körper zu verlieren, empfand sie als beängstigend. Als der Anästhesist ihr auf
Wunsch noch einmal etwas gegen die Schmerzen spritze, erklärt sie ihre Hilflosigkeit beim
ersten Pessversuch: „Ich spürte die Beine kaum noch und war völlig beduselt. Ich musste mir
Mühe geben, nicht einzuschlafen. Das fand ich ganz schlimm, denn ich dachte, jetzt muss
das Baby ganz ohne meine Hilfe den Weg nach draussen finden.“
In der Fallgeschichte erzählt A.H., dass sie sich im Spital der Medizin ausgeliefert gefühlt
hat. Im Gespräch rückblickend auf die Geburt fügt sie jedoch hinzu, ihr sei bewusst
gewesen, dass sie auf Grund der PDA gewisse Massnahmen nicht mehr mitbestimmen
konnte und das sei für sie auch in Ordnung gewesen. Die fortlaufenden Informationen über
Interventionen waren für sie besonders wichtig.
Egal, welche Interventionen während der Geburt nötig werden, die gebärende Frau in die
Entscheidungen zu ihrer Betreuung mit einzubeziehen ist etwas vom wichtigsten, was eine
professionelle Betreuerin tun kann. Zahlreiche Studien konnten klar aufzeigen: wenn die
Kontrolle bei der Frau bleibt, sie bei allen Entscheidungen angehört wird und eine aktive
Rolle dabei spielt, wirkt sich dies positiv auf ihre Geburtserfahrung aus (Green 1990, Hadari
2002, Simkim 1991, zitiert Brailey 2005).
4.5 BONDING
In Kliniken wird oft die Arbeitsorganisation über die Bedürfnisse der Eltern und des Kindes
gestellt. Gerade ein Paar, das sich die Geburt und die erste Kontaktaufnahme in der ruhigen,
gemütlichen Geburtshausatmosphäre gewünscht hat, wird möglicherweise umso mehr
enttäuscht sein, wenn ihnen das Bonding in der Klinik nicht genügend ermöglicht wird.
Nach der Geburt laufen neben den für uns sichtbaren und messbaren Vorgängen noch
andere Prozesse ab, die für das seelische Wohlbefinden von Mutter und Kind von grösster
Bedeutung sind. Die erste Begegnung zwischen der Mutter und dem Neugeborenen und das
erste Zusammensein ausserhalb der Gebärmutter haben einen wichtigen Einfluss auf die
Entwicklung der Mutter-Kind-Beziehung. Ganz am Anfang stellen sich die Weichen für das
weitere Zusammenleben und die Bindung des Kindes zu seiner Mutter. Diese erste
Kontaktaufnahme wird „Bonding“ genannt und häufig unterschätzt. Die Plazentageburt und
eine sich eventuell anschliessende Naht einer Geburtsverletzung sollten keine Störung der
Interaktion zwischen Eltern und Kind darstellen. Ein ungestörtes Bonding gibt der Mutter
Kraft und Selbstvertrauen und erweckt ihre Mutterliebe. Gleichzeitig erfährt das
Neugeborene Geborgenheit, Halt und Schutz. Geht es Mutter und Kind gut, gibt es keinen
Grund, diese erste Begegnung einzuschränken oder zu unterbrechen (Koschorz 2004).
Über 30 Jahre lang war die routinemässige Trennung von Mutter und Kind in der ersten Zeit
nach der Geburt gängige Praxis. Gleichzeitig sammelten sich in dieser Zeit zunehmend
19
Geplante Geburtshausgeburt
Evidenzen über die negativen Auswirkungen von Regelungen, welche den Kontakt zwischen
Eltern und ihrem Kind in den ersten Stunden nach der Geburt einschränken, verglichen mit
Regelungen, welche diesen Kontakt fördern. Die Einschränkung der Autonomie einer Frau,
ihrer Entscheidungsfreiheit und des Zugangs zu ihrem Kind ist nur damit zu rechtfertigen,
wenn eindeutige Evidenzen vorliegen, dass entsprechende restriktive Massnahmen mehr
positive als negative Auswirkungen haben (Enkin et al. 2006).
Die Wichtigkeit des ersten Kontaktes zwischen Eltern und ihrem Kind betont A.H. im
Gespräch auf die Frage, wie sie und ihr Mann das Bonding erlebt haben: „ Wir konnten unser
Kind gleich in den Arm nehmen, mein Mann war bei mir und wir konnten das Baby gleich
zusammen halten das war sehr schön. Wir wurden auch in Ruhe gelassen, darüber war ich
sehr froh. In der ersten Nacht auf dem Wochenbett habe ich den Wunsch geäussert, dass
mein Sohn bei mir im Bett schläft, dies wurde respektiert und war kein Problem.“
Auch in diesem Punkt gehört es zu unseren Aufgaben als Spitalhebamme, optimale
Bedingungen zu schaffen, damit sich Mutter und Kind nach der Geburt wohl, behaglich und
sicher fühlen. Wenn immer es möglich ist, sollte die Arbeitsorganisation, sowie
klinikspezifische Gegebenheiten, die wichtige erste Kontaktaufnahme zwischen den Eltern
und ihrem Kind nicht stören.
4.6 DISKUSSION
Laut Enkin et al. (2006) schätzen Frauen während des Gebärens die Anwesenheit einer
kontinuierlich verfügbaren, unterstützenden Person, sowie die Betreuung durch einen kleinen
Kreis von professionellen Betreuungspersonen. Doch die Anwesenheit alleine reicht nicht
aus. Ob Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zur bereichernden und Kraft gebenden
oder zur belastenden und schwächenden Erfahrung werden, hängt wesentlich davon ab, ob
die Frau in dieser Zeit die ihr angemessene Unterstützung erhält. Es scheint besonders
bedeutsam zu sein, wie die beteiligten anderen Personen in dieser Zeit auf ihre Bedürfnisse
eingehen. Eine schwangere Frau wünscht sich nicht allein Gesundheit und Wohlergehen für
sich und ihr Kind durch medizinische Hilfe, sondern auch eine Betreuung, die ihr
Entscheidungsspielräume und Wahlmöglichkeiten gibt und ihre Persönlichkeit achtet. Sie
möchte einfühlend behandelt, verstanden und ernst genommen werden (Lohmann 2007).
Die Kunst des Hebammenseins macht nicht allein ihr Wissen aus, sondern die Art und
Weise, wie die Hebamme dies in der Betreuung von Frauen einsetzt. Für ihre praktische
Arbeit, sowohl im Spital auch in der ausserklinischen Geburtshilfe muss sie über bestimmte
Eigenschaften und Fähigkeiten verfügen: eine gute Beobachtungsgabe, sowie ein gutes
Einfühlungsvermögen, um die Bedürfnisse jeder einzelnen Frau zu erkennen. Um
Bedürfnisse zu erkennen, welche die Frau möglicherweise nicht ausdrücken kann, ist
Empathie besonders wichtig. Effektive Kommunikationsstrategien, um den Raum für eine
gleichberechtigte Position der Frau in der Betreuung zu schaffen, sind ebenfalls von Vorteil.
Kritische Offenheit gegenüber allen Fragen der klinischen Praxis. Reflexionsfähigkeit, um
klinische Expertise basierend auf persönlicher Praxis und Erfahrung entwickeln zu können
(Cluett u. Bluff 2003).
Lavender et al. (1999) und Kunkel (2005) konnten in ihren Studien aufzeigen, dass die
Unterstützung durch die Hebamme, die Selbstkontrolle und Mitbestimmung der Frauen unter
der Geburt, Klinische Gegebenheiten, sowie Interventionen wichtige Faktoren für die
Zufriedenheit der werdenden Eltern sind. Die Erfahrungen, welche A.H. und T.R. während
ihrer Geburt im Spital gemacht haben, können dies bestätigen.
Das Luzerner Hebammengeburtshilfemodell, macht deutlich, dass das Umfeld und die
Hebamme eine wesentliche Rolle dabei spielen, wie die Frau ihre Mutterschaft erlebt. Nach
einer Verlegung des Paares vom Geburtshaus ins Spital, kann die weiter betreuende
Hebamme einen wesentlichen Beitrag für ein positives Erleben der Geburt leisten. Durch
ressourcenorientiertes Arbeiten, Informed Choice oder Informed Consent, sowie eine
empathische und akzeptierende Haltung der Gebärenden und deren Partner gegenüber,
kann sie dem Paar auch in der Klinik eine selbst bestimmte Geburt ermöglichen.
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Geplante Geburtshausgeburt
5 SCHLUSSFOLGERUNG
Der Tag der Geburt ist für jedes Paar ein einzigartiges Erlebnis. Vorstellungen, Wünsche,
aber auch gewisse Ängste kommen zusammen und machen dieses Ereignis zu einer
Grenzerfahrung. Enttäuschte Erwartung, wie zum Beispiel bei einer Verlegung vom
Geburtshaus ins Spital, kann das Ereignis unter Umständen zu einer Krisensituation für das
Paar werden lassen. Es bedeutet eine totale Neuorientierung auf allen Ebenen. Auch
erfordert es eine bestimmte Offenheit, sich an die neue Umgebung, die neue Hebamme und
die neue Situation anzupassen. Besonders in einer Grenzsituation, wie sie das gesamte
Geburtserlebnis darstellt, kann dies dem Paar schwer fallen. Insgesamt habe ich beim
Schreiben dieser Arbeit, wie auch bereits vorher in der praktischen Arbeit festgestellt, dass
eine verlegte Geburtshausgeburt ins Spital weder für die Gebärende und ihren Partner, noch
für die weiter betreuende Hebamme eine einfach zu bewältigende Situation ist.
Das Ziel der ganzen weiteren Betreuung durch die Hebamme im Spital ist es, dem Paar trotz
ihrer Enttäuschung über die Verlegung vom Geburtshaus in die Klinik, ein für sie positiv
erlebtes Geburtsereignis zu ermöglichen. Durch eine gewisse personenorientierte
Grundhaltung der Hebamme, sowie Offenheit für die Bedürfnisse und Wünsche des Paares
gelingt der Beziehungsaufbau am besten. Das Vertrauen der Frau in ihre eigenen
Fähigkeiten sollte gestärkt werden, die Hebamme informiert das Paar laufend über die
verschiedenen ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und vertritt ihre Interessen
gegenüber allen involvierten Fachpersonen. Lässt es die Situation zu, können klinische
Gegebenheiten und die Gestaltung des Gebärsaals weitgehend den Wünschen der
werdenden Eltern angepasst werden. Dies schafft eine Geborgenheit und Sicherheit, welche
ebenfalls zum Wohlbefinden des Paares beiträgt.
Die Zufriedenheit der Gebärenden und ihres Partners mit der Betreuung während der Geburt
hängt, wie verschiedene Studien belegen und auch die Fallgeschichte von A.H. und T.R. klar
aufzeigt, von mehreren verschiedenen Faktoren ab. Es kann aber nie von einem Paar auf
alle anderen geschlossen werden. Jede Situation ist anders und verlangt eine sorgfältige
Einschätzung und Evaluation der vorhandenen und fehlenden Ressourcen.
Ein zentraler Aspekt bei der Verlegung einer ausserklinischen Geburt in die Klinik ist die
interdisziplinäre Zusammenarbeit. Wie eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen
Freipraktizierender
Hebamme,
Spitalhebamme,
Ärzten,
Anästhesisten
und
Craniosacraltherapeutin aussehen kann, zeigt die Fallgeschichte von A.H. und T.R.. Jede in
diese Geschichte involvierte Fachperson hat ihre Ressourcen ausgeschöpft und so ihr
möglichstes dazu beigetragen, dass die jungen Eltern die Geburt positiv erlebt haben, auch
wenn es ganz anders verlaufen ist, als sie es sich vorgestellt hatten.
Mit dem personenzentrierten Ansatz nach Carl Rogers im Hinterkopf möchte ich in meiner
weiteren Tätigkeit als Hebamme meine Grundhaltung, die ich jeder Frau und ihrem Partner
entgegenbringe, noch entwickeln, so dass es mir auch in Situationen, in denen ich nur wenig
Zeit habe, gelingt eine gute Beziehung zum Paar aufzubauen.
Das Hebammengeburtshilfemodell macht deutlich, dass das Ereignis Mutterschaft mit der
werdenden Mutter, der betreuenden Hebamme, sowie dem gesamten Umfeld stets in
Wechselwirkung steht, und dass diese einzelnen Faktoren einander beeinflussen. Die
Gestaltung der Umgebung und mein eigenes Auftreten sind mein Anteil an dieser
Wechselwirkung. Ich möchte diesen wesentlichen Anteil nutzen und dazu beitragen, dass die
Frau sich wohl fühlt und sie das einzigartige Ereignis Mutterschaft positiv erlebt.
Die Idee des salutogenetischen Modells von Antonovsky kann helfen Ressourcen zu
erkennen und zu fördern, um so eine an den Bedürfnissen des Paares orientierte Betreuung
zu gewährleisten.
Insofern kann ich alle drei Konzepte, welche ich in meiner Arbeit verwendet habe, auch in
der Praxis anwenden. Die vertiefte Auseinandersetzung mit verschiedenen Möglichkeiten der
Betreuung während der Geburt hilft mir nicht nur unter schwierigen Umständen, sondern
ganz allgemein das Paar einfühlsam, bedürfnisorientiert und vollumfänglich zu betreuen.
21
Geplante Geburtshausgeburt
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