Wochenbett und Rückbildung_hebammenform 01_2010

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Artikel zu Wochenbett- und Rückbildungsgymnastik
Tara Franke
Hebammenforum © 01 2010
Wochenbett- und Rückbildungsgymnastik ist mehr als Prävention gegen eine
spätere Inkontinenz
Jahrzehntelang ein wenig als „Stiefkind“ in der Hebammenausbildung behandelt, hat die Gymnastik
in Wochenbett und Rückbildung im Tätigkeitsfeld der Hebammen zunehmend mehr an Bedeutung
gewonnen. (Stand Hebammencurriculum? Muss ich noch erfragen!)
Auch im Curriculum zum Studiengang Hebammenwissenschaften der Fachhochschule Osnabrück
kommt dieser Bereich nicht als eigenständige Lehrveranstaltung vor, wohingegen das Fach
Vorbereitung auf Geburt und Elternschaft in jedem Semester bis zum Bachelor explizit vertreten ist.
(Nehme mit denen nochmal Kontakt auf zwecks genaueren Infos!)
Hebammen messen der Rückbildung inzwischen dennoch mehr Beachtung zu - nicht nur, weil voll
belegte Rückbildungskurse und zusätzliche Beckenboden-Kurse für Frauen jeden Alters das
Einkommen freiberuflicher Hebammen sichern helfen, sondern auch, weil inzwischen eine Reihe
hochqualifizierte Fachbücher und Fortbildungen das nötige Handwerkzeug liefern.
Früh übt sich…
Es ist keine leichte Aufgabe, Frauen nach der Geburt die einzelnen Schichten des Beckenbodens nahe
zu bringen, zumal zehn Unterrichtsstunden Rückbildung keine ausreichend große Zeitspanne sind,
um alle Rückbildungsprozesse durch geeignete Übungen abzuschließen. Ein Grund mehr, Frauen so
früh wie möglich mit der Wahrnehmung und Kräftigung des Beckenbodens vertraut zu machen - also
spätestens in der Geburtsvorbereitung. Sicher wäre es ein großer Fortschritt, wenn bereits Mädchen
altersgemäß, wenigstens aber mit Einsetzen der Menstruation über Funktion und Wirkungsweise
ihres Beckenbodens aufgeklärt würden. In die Geburtsvorbereitung gehört eine ausführliche Einheit
zum Beckenboden ja auch deshalb, weil es die Grundlage zum Verständnis der Vorgänge in der
Austreibungsphase ist. Ein sanftes regelmäßiges Beckenbodentraining ist zudem zuträglich für die
Geburt. In der Geburtsvorbereitung ist außerdem der Platz für Informationen über den richtigen
Zeitpunkt für die Gymnastik nach der Geburt.
Die kostbare Zeit der Rekonvaleszenz nutzen
Vielfach erhöht sich sowohl bei Hebammen als auch bei den Frauen nach der Geburt die Motivation,
aktiv etwas für den Beckenboden zu tun, sobald beide erkennen, wie hoch effektiv die richtigen
Übungen zur richtigen Zeit sind – und das mit sofort spürbarer Wirkung. Frauen im Wochenbett sind
schwer zu erreichen mit einem erhobenen Zeigefinger, der sie an drohende Inkontinenz im Alter
mahnt. Sie äußern jedoch häufig von sich aus das Bedürfnis, wieder mehr Stabilität und
Körperspannung zu erlangen, um den Anforderungen durch das Leben mit dem Neugeborenen auch
körperlich gewachsen zu sein. Den Wunsch nach straffenden Übungen für den Bauch sollten
Hebammen daher nicht leichtfertig als überflüssige Eitelkeit abtun. Er zeigt vielmehr, dass Frauen
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Tara Franke
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spüren, dass ein „unförmiger“ Bauch und eine schwache Rumpfmuskulatur sie insgesamt schwächen
und nicht selten zu weiteren Problemen führen wie Rückenschmerzen und Verspannungen. Die
mangelnde Kenntnis passender Übungen verhindert jedoch noch allzu oft, dass Hebammen Frauen
im Frühwochenbett darin unterstützen, dieses Bedürfnis zu erfüllen. Die sanften Übungen im
Frühwochenbett sind auch deshalb so effektiv, weil der Körper in dieser Zeit voll und ganz auf
Heilung eingestellt ist. Dazu muss nicht einmal mehr Zeit für einen Besuch aufgebracht werden – im
Gegenteil: vielfach gestaltet sich der Wochenbetttermin unkomplizierter und befriedigender für
beide Seiten, weil die Frau in ihrem Bedürfnis nach konkreter Zuwendung und Hilfestellung bei ihren
körperlichen Veränderungen beachtet wurde. Besonders in Verbindungen mit einer anschließenden
Bauchmassage kommen viele Wöchnerinnen besser zur Ruhe und vertagen freiwillig die weniger
drängenden Fragen auf einen nächsten Besuch, um stattdessen die Entspannung zu genießen. Die
allgemeine Empfehlung, einige Wochen bis Monate nach der Geburt keinerlei Bauchmuskelübungen
anzuleiten, um den geschwächten Beckenboden zu schonen, ist nicht haltbar. Dass zudem der Bauch
bei der Aktivierung physiologischerweise nicht „eingezogen“ wird, ist ein Beispiel für viele
Erkenntnisse von Kolleginnen, die sich in diesem Bereich weiterbilden.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Start eines Rückbildungskurses?
Ob Frauen bereits sechs Wochen nach der Geburt oder erst kurz vor Ablauf der vier Monate, die die
Kasse erlaubt, mit der Rückbildungsgymnastik beginnen, hängt ab von Ihrer körperlichen und
seelischen Verfassung, der Gesundheit des Kindes, der Möglichkeit, das Kind zu Hause zu lassen oder
in den Kurs mit zu bringen, von den Übungen, mit denen die Hebamme den Kurs startet - und nicht
zuletzt häufig auch einfach davon, wann ein neuer Kurs beginnt. Es hat große Vorteile, wenn die
kursleitende Hebamme die Möglichkeit hat, jede Frau wenigstens einmal im Wochenbett zu
besuchen und sich ein Bild vom Geburtsverlauf und den Geburtsverletzungen und anderen
körperlichen Beschwerden zu machen, wenn sie sie nicht ohnehin im Wochenbett betreut. Dann
kann sie den Kurs entsprechend den Bedürfnissen und Voraussetzungen aller Kursteilnehmerinnen
abstimmen und erspart neuen Klientinnen, gleich in der ersten Stunde vor allen anderen ihre
möglichen intimen Beschwerden darlegen zu müssen. Je mehr die Frau bereits zuhause von der
betreuenden Hebamme angeleitet wurde, desto unabhängiger ist sie von äußeren Faktoren, die ihr
den Besuch eines Kurses ermöglichen.
Was macht die Gymnastik so wertvoll?
Beckenboden, Rumpfmuskulatur und Zwerchfell sind eine funktionelle Einheit und arbeiten im
Idealfall zusammen, sobald der Mensch sich aufrichtet und bewegt, Lasten trägt oder hustet. Alle
Anteile dieser Einheit werden durch die Schwangerschaft stark beansprucht und aus ihrer
ursprünglichen Lage verdrängt. Die Bauchmuskulatur wird erheblich gedehnt, die geraden
Bauchmuskeln verlassen ihre Zugrichtung und verlieren dadurch an Kraft, alle Bauchmuskeln werden
beim Kaiserschnitt sogar geschnitten oder manuell getrennt (wobei dies nicht immer so sanft und
atraumatisch geschieht, wie Misgav Ladach es tatsächlich einmal entwickelt hat, was sich in
Nervenirritationen und Schmerzen im gesamten Bauchraum zeigen kann). Der Beckenboden wird
durch die Hormonlage in Schwangerschaft und Stillzeit erweicht und gleichzeitig durch das Gewicht
von Gebärmutter und Fruchtwasser und Kind belastet und gesenkt, durch die Geburt massiv
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gedehnt, manchmal gerissen oder geschnitten. Auch hier kann nicht generell empfohlen werden,
einige Tage zu warten, bis Übungen möglich sind. Selbst eine schmerzende Dammnaht kann durch
eine sanfte und atmungsbetonte Körperarbeit in der Heilung unterstützt werden. Das größte
Hindernis für eine frühe heilende Gymnastik im Wochenbett ist vielfach die mangelnde Kenntnis
über die Möglichkeiten und Formen von Übungen. Da dies nicht das originäre Fachgebiet von
Hebammen war, haben andere Professionen schon seit vielen Jahren diese Lücke im
Fortbildungsbereich geschlossen.
Verschiedene Konzepte für die Körperarbeit am Beckenboden
Helle Gotved, eine dänische Gymnastikpädagogin, erweiterte 1983 mit ihrem Buch „Beckenboden
und Sexualität“ den Blickwinkel auf den Beckenboden vom potentiellen Versager im Alter zum
empfindsamen und kraftvollen Sitz der Lust. Sie beschrieb den Zusammenhang starker BeckenbodenMuskeln und der Orgasmusfähigkeit der Frau und bot zahlreiche Übungen zur Wahrnehmung und
Kräftigung.
Susanne Kitchenham-Peck und Annette Bopp waren weitere Pionierinnen auf diesem Gebiet: die
erste Auflage von „Beckenboden-Training“ erschien 1995 und arbeitete mit den drei
Beckenbodenschichten, Bewusstseinsübungen für die Beckenbodenanteilen und vielen bildreichen
Übungen, vorwiegend im Sitzen oder Liegen.
In der Schweiz entwickelte Benita Cantieni, eine autodidaktische Fachfrau ohne entsprechende
berufliche Vorbildung, das Konzept „Tigerfeeling®“ (2000), das sprachlich recht locker daher kommt
und neben den gesundheitlichen Vorteilen sehr die Figur korrigierende Wirkung des BeckenbodenTrainings betont. Damit hat sie viel dafür getan, das Beckenboden-Training aus der Ecke der
Seniorinnen heraus zu holen und für Frauen jeden Alters attraktiv zu machen. Ob Hebammen
allerdings solche extrem teuren Fortbildungen benötigen, um das populäre Label „Tigerfeeling®“ zu
erwerben, sei dahin gestellt. Die Preise der angebotenen fachlich und wissenschaftlich fundierten
Fortbildungen zum Thema Wochenbett- und Rückbildungsgymnastik differieren zum Teil erheblich
und ein Vergleich lohnt sich.
Mit dem über 400 Seiten starken Fachbuch „Nach der Geburt, Wochenbett und Rückbildung“ (2002)
machte die Physiotherapeutin Angela Heller deutlich, dass Hebammen von dieser Nachbardisziplin
viel lernen können und dass fundierte anatomische Grundkenntnisse die notwendige Basis für eine
effektive - und nicht schädigende - Rückbildungsgymnastik sind. Durch dieses Buch und ihre
Fortbildungen wurde auch vielen Hebammen erst bewusst, dass der Beckenboden nicht isoliert vom
Rest des Körpers arbeiten kann, und dass Frauen nach der Geburt eine gezieltere und individuellere
Anleitung brauchen. Auch Hilfe bei möglichen Probleme wie Symphysenlockerung, die sanfte
Aktivierung der Bauchmuskulatur im Frühwochenbett, die frühe Mobilisierung nach Kaiserschnitt und
die einfache aber wirkungsvolle erste Hilfe bei einer Rektusdiastase hielten seither Einzug in die
Arbeit vieler nachbetreuenden Hebammen.
Das "Tanzberger-Konzept" ist ein umfangreiches physiotherapeutisches Konzept zum Beckenbodenund Kontinenztraining für Männer und Frauen, das „die kontinenzsichernden muskulären Strukturen
entsprechend ihrer physiologischen Arbeitsweise - reaktiv - in Bewegung bringt und damit
ökonomisch trainiert“. Das Buch zum Konzept „Der Beckenboden - Funktion, Anpassung und
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Therapie“ (2. Auflage: 2009) ist eine Fundgrube für erfahrene Hebammen, die ihr anatomisches
Wissen vertiefen und gezielter mit ihren Klientinnen arbeiten möchten. Das Tanzberger-Konzept ist
als Fortbildung aber leider nur PhysiotherapeutInnen und ÄrztInnen zugänglich.
BeBo®, unter der Leitung der Züricherin Judith Krucker-Manser, engagiert sich seit 1996 für das
Thema Beckenboden und Beckenbodentraining. Mit einem eigenen Konzept nach aktuellem
Wissensstand versteht sich BeBo® „als ganzheitliches therapeutisches Maßnahmenpaket zur
Prävention und Verbesserung der Folgeproblematik eines zu schwachen Beckenbodens“ bei
Männern und Frauen. 2008 erschien das Buch „BeBo®-Training belebt den Alltag“ im Eigenverlag.
Mit dem Buch „Die ganzheitliche Rückbildungsgymnastik“ legte Thea Vogel 1999 einen anderen
Schwerpunkt: nicht nur die isolierte Muskelpartie im Becken, sondern vor allem auch die veränderte
Lebenssituation, die schlaflosen Nächte und das Muttersein rückten in den Blickpunkt. Anleitungen
für Kurse auch mit den Säuglingen sollten Frauen unterstützen, die sich für die Rückbildung nicht von
ihren (Still-)Kindern trennen wollen oder können.
Marion Stüwe, die im vergangenen Jahr verstorbene Hebamme, Diplompädagogin und Yogalehrerin,
brachte 2004 das Buch „Wochenbett- und Rückbildungsgymnastik“ heraus, dass besonders auf die
Berufsgruppe der Hebammen ausgerichtet war und darauf abzielte, ein ganzheitliches Konzept zu
erstellen, dass sowohl Physiologie und Probleme der Frauen rund um die Geburt als auch den
Veränderungen und Bedürfnissen im Alltag und im seelischen Bereich Rechnung trägt. Darauf
aufbauend entwickelte sie mit Linda Tacke und mir die Weiterbildung „Kraft aus der weiblichen
Mitte“, die Hebammen und Physiotherapeutinnen auch weiterhin bei Herztöne absolvieren können.
Ihr letztes begonnenes Projekt, ein Karteikartenset mit Übungen für Wochenbett und Rückbildung,
wird derzeit von Linda Tacke, staatlich anerkannte Tanzpädagogin, Gymnastiklehrerin und erfahrene
Dozentin beim Weiterbildungsinstitut „Herztöne“, fertig gestellt und erscheint 2010 im HippokratesVerlag. Marion Stüwe entwarf übrigens auch das Hebammenforum-Poster “kräftigen - Gymnastik im
frühen Wochenbett".
Weitere Fachrichtungen haben inzwischen den Beckenboden für sich entdeckt und bieten eine große
Palette an ergänzenden Übungen. Pilates, Spiraldynamik, Yoga und selbst Fitnessstudios, die früher
häufig viele Beckenboden schädigende Übungen anleiteten, integrieren diesen Muskel in ihr Training
oder betonen ihn sogar als zentrale Stütze jeglicher menschlicher Aufrichtung. Dass dies tatsächlich
so ist, wird uns klar, wenn wir bedenken, dass der Mensch das einzige Lebewesen ist, dass
ausschließlich auf zwei Beinen läuft, - wenn man einmal vom Känguru absieht. Dieses dabei sogar
auch noch umher springende Tier hat das Problem so gelöst, dass es seine Jungen winzig klein zur
Welt bringt, so dass wir annehmen können, dass der Beckenboden entsprechend eng und fest gebaut
sein kann, um die dauernden Stöße abfedern zu können - … vielleicht hat Susanne Kitchenham-Peck
deshalb diesem Tier eine eigene Übung gewidmet?
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Tara Franke
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Literatur:
1. Gotved, Helle „Beckenboden und Sexualität“
TRIAS Hippokrates 1991
2. Kitchenham-Peck, Susanne; Bopp, Annette „Beckenbodentraining“
TRIAS Hippokrates 1995
3. Katharina Wolfram „Kraftzentrum Beckenboden“
Knaur 1998
4. Vogel, Thea „Die ganzheitliche Rückbildungsgymnastik“
Walter 1999
5. Cantieni, Benita “Tiger Feeling”
Verlag Gesundheit 2000
6. Heller, Angela „Nach der Geburt, Wochenbett und Rückbildung“
2002 Thieme, Stuttgart
7. Stüwe, Marion „Wochenbett- und Rückbildungsgymnastik“
2004 Hippokrates
8. Vogel, Thea „Die ganzheitliche Rückbildungsgymnastik“, Walter Verlag 1999
9. Niersmann, Christine; Schulte-Frei, Birgit „Mein starker Beckenboden“
DVD, www.powerfilm.de 2006
10. Cantieni, Benita „Rückbildungsgymnastik“
Südwest-Verlag 2006
11. Edenhofer, Iris „Rückbildung“
2007 Hugendubel
12. Krucker, Judith und Marita Selegt “BeBo® Training belebt den Alltag”, BeBo®Verlag
GmbH Zürich 2008
13. Stüwe, Marion “kräftigen - Gymnastik im frühen Wochenbett", Poster, hebammenforum
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