Hospiz

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Bericht | Text und Fotos: Sabine Sitte
Hospiz
Würdevolles Sterben
Hospiz. Ein Wort, das – kaum ausgesprochen – beim unbedarften Gegenüber ein seltsames Gefühl auslöst:
Beklemmung. Hospiz als Synonym für
das Sterben. Die Angst vor der eigenen
Vergänglichkeit baut Barrieren auf
im Kopf und verschleiert so den Blick
auf das Leben: Abschied gehört dazu.
Wie Liebe und Lachen. Ein Besuch im
Elisabeth-Hospiz in Stadtlohn.
Wann genau Maritraud Th. (*Name
auf Wunsch gekürzt) ihr Zimmer in der
zweiten Etage bezogen hat, weiß sie
nicht mehr. Eifrig blättert sie in ihrem
schmalen Kalenderbüchlein die vergangenen Wochen zurück. Mit blauem und
schwarzem Kugelschreiber hat sie darin
winzige Notizen vermerkt. Im Januar
hält Frau Th. inne und tippt auf einen
Montag: „Hier habe ich erfahren, dass
ich unheilbar krank bin.“ Atemnot und
Schwäche hatten die 75-jährige an diesem Vormittag zum Arzt geführt. Abends
lag Maritraud Th. bereits auf der Intensivstation des Ahauser Krankenhauses. Ihre
genaue Diagnose möchte Frau Th. nicht
der Öffentlichkeit preisgeben. Nur, dass
sie an einer sehr aggressiven Erkrankung
leidet. „Seit Januar läuft mir die Zeit
weg“, stellt sie nüchtern fest, und malt
dabei unaufhörlich wilde Kringel auf ihre
Tageszeitung. Jetzt ist es Mitte März.
Das Elisabeth-Hospiz empfängt den
Besucher mit wohltuender Ruhe. Auch die
Zeit ist ein bisschen stehen geblieben: In
der antiken Standuhr im Flur rucken die
Zeiger keinen Millimeter mehr weiter. Das
ist so gewollt. Rechterhand lädt der Raum
der Stille in gedämpftem Licht zum Verweilen und Besinnen ein. Aus der oberen
Etage erklingen entferntes Klappern von
Geschirr und fröhliches Stimmengewirr.
Wer im Elisabeth-Hospiz ein Zimmer
bezieht, wird mit einer blühenden
Rose in einer kleinen Vase empfangen.
Jeder Neuankömmling leidet an einer
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unheilbaren Krankheit, die in absehbarer
Zeit zum Tode führen wird. Manchen
bleiben nur wenige Tage, anderen ein
paar Wochen. Zehn Gäste kann das
Hospiz gleichzeitig aufnehmen; die Warteliste ist lang. 62 stationäre Hospize für
Erwachsene zählt das Land NordrheinWestfalen. Im ländlichen Bereich gibt es
nur eines in jedem Kreis; zehn Betten auf
eine Million Einwohner.
Maritraud Th. hat seit der Diagnose
bereits unzählige Behandlungen und
Stationen durchlaufen: Die Chemotherapie hat ihr viel Kraft geraubt und das
vormals volle Haare ausgedünnt. In der
Klinik kümmerte sich der ambulante
Palliative Konsiliardienst (PKD) um die
schwerstkranke Frau. „Die haben mich
gefragt, ob ich mir auch das Hospiz für
mich vorstellen könnte“, sagt Frau Th.
Für ein Pflegeheim war sie zu krank. „Da
dachte ich sofort, nun hat mein letztes
Stündlein geschlagen.“ Jetzt ist sie hier
und fühlt sich „liebevoll umsorgt und wie
im Paradies“. Auf ihrem Nachtisch liegt
das Buch von Gaby Köster „Ein Schnupfen
hätte auch gereicht“.
Der kleinen schmalen Frau ist die
Erkrankung äußerlich nicht sofort anzusehen. Gekleidet in elegantes Schwarz
und eine mintgrünen Steppweste wirkt
sie sportlich chic. Über dem schmalen
Rollkragen trägt Frau Th. eine kleine
Perlenkette, die Lippen sind in dezentem
Rosa geschminkt. Die Fassade bricht
zusammen, als Frau Th. unsicher an ihrem
Pony zupft. „Ich könnte mir die Haare
ohne Weiteres rausziehen. Einfach so.“,
sagt sie mit Tränen in den Augen. „Doch
mein Sohn soll keinen Schock bekommen,
wenn er mich am Sonntag das erste Mal
wieder sieht.“ Die bestellte Perücke im
Pagenschnitt wird erst am Montag geliefert. Der Sohn arbeitet seit acht Monaten
im fernen Australien und ist nun auf dem
Rückweg, um bei seiner Mutter zu sein.
Frau Th.’s Tochter wohnt mit den beiden
Enkeltöchtern in der Nähe und schaut so
oft es geht im Hospiz vorbei.
Für Angehörige stehen im ElisabethHospiz die Türen immer offen. „Sie
können hier übernachten und mitessen“,
sagt Dagmar Höing, stellvertretende
Hospizleiterin. Eine konkrete Abrechnung
dafür gibt es nicht. Es ist eine Erleichterung für die Familie, wenn sich in dieser
schweren Zeit die Bürokratie in Grenzen
hält. „Viele geben einfach das, was sie
können“, sagt Höing. 95 Prozent der
Behandlungskosten werden über die
Pflege- und Krankenkassen finanziert,
die restlichen Ausgaben der Versorgung
müssen über Spenden getragen werden.
Maritraud Th. bewohnt ein großzügiges
Einzelzimmer mit integriertem Bad. Auf
den Fensterbänken, dem Tisch und am
Bett stehen üppige Sträuße bunter Frühlingsblumen. Und Familienfotos aus einer
nun fernen Zeit: Die Kommunionsfeier
der Enkelin und Urlaubsschnappschüsse.
Frau Th.’s liebstes Bild und wertvollster
Schatz ist eine laminierte Schwarz-WeißFotografie: Ein Mann hält ein kleines
Mädchen im Arm. „Das bin ich mit meinem Vater“, sagt Frau Th. Er ist im Krieg
geblieben, doch die Verbindung zu ihrem
Vater besteht bis heute. „Das Bild ist
mein Talisman!“ In schweren Momenten
trüge sie es immer ganz nah am Körper,
verrät die kleine Frau. „Das tröstet mich.“
Langes Reden fällt Frau Th. schwer. Die
Stimme klingt kratzig und tiefes Husten
unterbricht immer wieder ihre Worte.
„Ich muss langsamer reden“, weiß sie,
trinkt einen langen Schluck Wasser und
fragt: „Was wollte ich denn gerade erzählen?“ Sie schaut mit intensivem Blick aus
leuchtend blauen Augen über den Rand
ihrer schwarzumrandeten Lesebrille hinweg. „Ich hatte ein schweres, aber auch
ein schönes Leben“, blickt sie zurück. Als
geschiedene Alleinerziehende hatte Frau
Th. in ihren jungen Jahren mit vielen
Vorurteilen zu kämpfen. „Ich habe immer
gearbeitet, um unsere kleine Familie zu
ernähren.“ Das sei das Einzige, was sie
bereue: „Dass ich die Kinder so viel allein
lassen musste.“ Maritraud Th. hat viele
Länder bereist und viele Glaubensrichtungen kennengelernt. Sie war in Nepal,
Thailand und noch vor drei Jahren „im
schrecklich schönen Indien“.
Angst vor dem Sterben habe sie keine,
sagt Frau Th. Mit ihrem nahen Tod habe
sie abgeschlossen. „Aber ich fürchte mich
vor Schmerzen und dem Alleinsein, wenn
es so weit ist“. Das bleibt ihr im Hospiz
erspart.
Rund um die Uhr kümmert sich ein
27-köpfiges, fest angestelltes und qualifiziertes Pflegepersonal um die Gäste,
die zu 98 Prozent an einer fortgeschrittenen Krebserkrankung ohne Aussicht
auf Genesung leiden. Schmerzmindernde
Medikamente erleichtern die letzte
Lebenszeit. „Die Menschen können hier
selbstbestimmt sterben“, sagt Rieke
Liesmann, Hospizleiterin. „Die Würde des
Menschen steht im Fokus.“ Den Prozess
des nahen Sterbens ihrer Gäste nennen
sie im Haus „sich auf den Weg machen“.
Für die 35-Jährige hat „der Tod seinen
Schrecken verloren“. Sie vergleicht diese
Sterbebegleitung mit der Arbeit einer
Hebamme: „Auch bei einer Geburt liegen
Tränen, Ängste und manchmal der Tod
nah beieinander. Wir sind die Hebammen
am Ende des Weges.“
Für die emotionalen Herausforderungen, die Hospizarbeit mit sich bringt,
stärken sich Rieke Liesmann und ihr
Team in ihren Familien, in Hobbys und
regelmäßig auch in Gesprächen mit dem
Supervisor.
Um ihre Beisetzung hat sich Maritraud
Th. auch schon Gedanken gemacht: „Ich
möchte keine teure Erdbestattung.“
Lieber ein großes Fest für ihre Familie.
Für die Formalien will sie sich in den
nächsten Tagen mit dem Bestatter in
Verbindung setzen.
Wer von den Gästen und Angehörigen
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„Was mich interessiert sind nicht bewegliche Körper,
sondern bewegliche Gehirne. Was mich interessiert
ist die Wiederherstellung der menschlichen Würde
in jeder einzelnen Form.“
Dr. Moshe Feldenkrais
Feldenkrais-Praxis Vera Lämmerzahl
Maximilianstraße 15 A
Tel.: 0251-796707
es schafft, regelt diese Angelegenheiten
noch im Vorfeld. Gibt es niemanden oder
die verbleibende Zeit reicht nicht aus,
versucht Rieke Liesmann im Gespräch
herauszufinden, welche Wünsche die
Gäste in sich tragen, bevor sie sich auf
den Weg machten. „Manche haben sogar
ganz bestimmte Vorstellungen, welche
Kleidung sie zur Bestattung tragen möchten“, weiß die Hospizleiterin. „Wenn
nichts geklärt ist und sich keine Angehörigen finden lassen, ist das Ordnungsamt
unser nächster Ansprechpartner.“ Dann
greife eine so genannte Noteinsargung,
für die das Sozialamt die Kosten trüge.
Bis zu 36 Stunden Zeit erhalten die
Hinterbliebenen, sich nach dem Tod von
ihrem Angehörigen im Hospiz im privaten
Raum zu verabschieden. Vom Pflegeteam
sorgfältig gewaschen, geschminkt und
hergerichtet, steht der Gast bis zuletzt
im Mittelpunkt. Ein Geschenk. Eine brennende Kerze und eine Rose ohne Wasser
vor der Zimmertür zeugen für alle anderen sichtbar davon, dass sich ein Gast auf
seine letzte Reise begeben hat.
Zum Mittagessen sitzt Maritraud Th.
heute als einzige an dem großen Esstisch
in der licht durchfluteten Küche. Den
anderen Gästen wird das Essen auf dem
Zimmer serviert. Sechs von ihnen haben
„sich auf dem Weg gemacht“. Die Rufe
und das Lachen der Kinder des nahen
Spielplatzes dringen durch die hohen
Balkonfenster. Sorgfältig bereitet Anna
Hessel den Teller für Frau Th. vor: Die
Hauswirtschafterin hat die Kartoffeln
in schmale Scheiben geschnitten und
fächerartig drapiert. Daneben einen
Klecks Spinat, ein Fischstäbchen und
etwas Soße. Aus dem Kräutertöpfen am
Fenster zupft Anna Hessel etwas Petersilie
und legt den Stängel auf die Kartoffeln.
„Das Auge isst ja schließlich auch mit“,
lacht sie. „Hier wird jeder Wunsch
erfüllt“, lautet die Devise auch in der
Küche. Ob frische Spargelsuppe in der
Nacht oder Eierpflaumen im Winter, Anna
Hessel kocht und besorgt was sie kann.
Auch Frau Th. hat sich von ihrem
Ersparten etwas Besonderes gegönnt
und eine Reiki-Meisterin für universale
Lebensenergie zu sich in das Hospiz
bestellt: „Ich wollte es mal versuchen
und meine Krankheit wegheilen lassen.“
Denn manchmal geschähen ja doch Wunder, hofft sie, und macht sich, ermüdet
vom langen Gespräch, auf den Weg. #
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