DIE RADIODOKTOR-INFOMAPPE Ein Service von: ORF A-1040 Wien, Argentinierstraße 30a Tel.: (01) 50101/18381 Fax: (01) 50101/18806 Homepage: http://oe1.ORF.at Österreichische Apothekerkammer A-1091 Wien, Spitalgasse 31 Tel.: (01) 404 14-600 Fax: (01) 408 84 40 Homepage: www.apotheker.or.at Österreichisches Bundesministerium für Gesundheit A-1030 Wien, Radetzkystr. 2 Tel.: (01) 71100-4505 Fax: (01) 71100-14304 Homepage: www.bmg.gv.at/ RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 1 RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT Die Sendung Die Sendereihe „Der Radiodoktor“ ist seit 1990 das Flaggschiff der Gesundheitsberichterstattung von Ö1. Jeden Montag von 14.05 bis 14.40 Uhr werden interessante medizinische Themen in klarer informativer Form aufgearbeitet und Ö1-Hörerinnen und -Hörer haben die Möglichkeit, telefonisch Fragen an das hochrangige Expertenteam im Studio zu stellen. Wir über uns Seit September 2004 moderieren Univ.-Prof. Dr. Manfred Götz, Univ.-Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos, Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger und Dr. Christoph Leprich die Sendung. Das Redaktionsteam besteht aus Mag. Nora Kirchschlager, Martin Rümmele, Dr. Michaela Steiner, Mag. Dominique Stiefsohn, Dr. Ronny Tekal und Dr. Christoph Leprich. Das Service Seit dem 3. Oktober 1994 gibt es das, die Sendereihe flankierende, Hörerservice, das auf größtes Interesse gestoßen ist. Die zu jeder Sendung gestaltete Infomappe mit ausführlichen Hintergrundinformationen, Buchtipps und Anlaufstellen wird kostenlos zur Verfügung gestellt und ist bereits am Sendungstag auf der Ö1-Homepage zu finden. Diese Unterlagen stellen in der Fülle der behandelten Themen ein Medizin-Lexikon für den Laien dar. Die Partner Ermöglicht wird die Radiodoktor-Serviceleiste durch unsere Partner: die Österreichische Apothekerkammer und das Österreichische Bundesministerium für Gesundheit. An dieser Stelle wollen wir uns ganz herzlich bei unseren Partnern für die Zusammenarbeit bedanken! Wir bitten um Verständnis, dass wir aus Gründen der besseren Lesbarkeit in dieser Infomappe zumeist auf die weiblichen Endungen, wie z.B. PatientInnen, ÄrztInnen etc. verzichtet haben. RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 2 IHR KINDERLEIN KOMMET - VOM MASSGESCHNEIDERTEN KIND ZUM KAISERSCHNITT Mit Univ.-Prof. Dr. Manfred Götz 23. Dezember 2013, 14.05 Uhr, Ö1 Sendungs- und Infomappengestaltung: Martin Rümmele, Mag. Xaver Forthuber, Dr. Doris Simhofer, Dr. Christoph Leprich Redaktion: Dr. Christoph Leprich RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 3 INHALTSVERZEICHNIS INHALTSVERZEICHNIS IHR KINDERLEIN KOMMET – VOM MASSGESCHNEIDERTEN KIND ZUM KAISERSCHNITT 5 NATÜRLICHE GEBURT OUT? 5 GEBURT EIN MEDIZINISCHES RISIKO? 5 ANDERE BUNDESLÄNDER – ANDERE KAISERSCHNITTRATEN 6 Mängel in der Ärzteausbildung 6 MEDIZINISCHE HILFE BEI DER ZEUGUNG Die In-vitro-Fertilisation Ein Viertel von Erfolg gekrönt 6 6 7 URSACHEN FÜR UNERFÜLLTEN KINDERWUNSCH 7 DIE RISIKEN DER IVF Mehrlingsschwangerschaften Ein gesundes Kind mit nach Hause nehmen Wer schützt die Kinder vor dem Kinderwunsch der Eltern? Der Kaiserschnitt - einst Meilenstein der Geburtshilfe 9 9 9 9 10 ÖSTERREICH SCHLUSSLICHT BEI DER BETREUUNG DURCH HEBAMMEN 10 Gesundheitliche Nachteile für Mutter und Kind 11 FEHLENDE INFORMATION 12 ANLAUFSTELLEN INFOLINKS BUCHTIPPS SENDUNGSGÄSTE 14 15 16 17 RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 4 IHR KINDERLEIN KOMMET IHR KINDERLEIN KOMMET – VOM MASSGESCHNEIDERTEN KIND ZUM KAISERSCHNITT Eine der scheinbar natürlichsten Sachen des Menschseins – Schwangerschaft und Geburt – wird scheinbar zunehmend zum Problem: Schwanger zu werden wird schwieriger – nicht zuletzt weil viele Paare spät einen Kinderwunsch realisieren wollen. Die Zahlen künstlicher Befruchtung steigen stetig an. Damit auch die Zahl der Risikoschwangerschaften. Eine der Folgen davon ist auch eine wachsende Zahl an Kaiserschnitten. Bereits jedes dritte Kind wird mittels Sectio caesarea (von lat. sectio „Schnitt“ und caesarea „kaiserlich“), auf die Welt gebracht. 2012 wurden in Österreich 29,5 Prozent der insgesamt rund 79.000 Babys per Kaiserschnitt entbunden, in Deutschland waren es 2010 32,1 Prozent, in der Schweiz im Jahr 2011 33 Prozent, berichtet der aktuelle Qualitätsbericht der heimischen Spitäler. Zum Vergleich: Vor fünf Jahren lag die Rate in Österreich noch bei 23,5 Prozent. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Rate nahezu versiebenfacht. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt hingegen eine Sectio-Rate von 10-15 Prozent. Wenn also in einer Woche zum Jahreswechsel das Neujahrsbaby gefeiert wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es per Kaiserschnitt zur Welt kam. Auch 2011, 2008 und 2006 war das der Fall. NATÜRLICHE GEBURT OUT? Experten rechnen sogar, dass der Trend anhält und die Rate in einigen Jahren bei bis zu 50 Prozent liegen könnte – in Italien kommen nahezu 40 Prozent der Kinder per Sectio zur Welt, in China sollen es sogar schon 50 Prozent sein. Doch welche Ursachen hat diese Entwicklung? Geld kann es jedenfalls nicht alleine sein: „Vor einigen Jahren wurden bereits die Honorare vereinheitlicht. Wir zahlen heute Ärzten und Spitälern gleich viel, egal ob es sich um einen Kaiserschnitt oder eine Spontangeburt handelt", erklärt ein Vertreter einer privaten Krankenversicherung. Aus pekuniären Gründen sei es deshalb sinnlos, irgendeine Art von Geburt zu favorisieren. Was aber sonst steckt dahinter? GEBURT EIN MEDIZINISCHES RISIKO? RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 5 IHR KINDERLEIN KOMMET Die Gründe sind vielfältig: Die Sectio caesarea gilt in Österreich als sichere Methode, um Komplikationen zu vermeiden - und Ärzte und Spitäler gehen immer weniger Risiken ein. Außerdem wünschen sich zunehmend mehr Schwangere aus Angst vor den Schmerzen bei einer natürlichen Geburt eine Sectio. Die Terminplanung wiederum – ein Kaiserschnitt dauert maximal 30 Minuten – erleichtert den Krankenhäusern die Auslastung der Kapazitäten und nicht zuletzt erhöht die steigende Zahl von Mehrlingsschwangerschaften die Kaiserschnitt-Rate - denn die Geburt von Mehrlingen stellt per se ein Risiko dar. Mehrlingsgeburten wiederum nehmen zu, weil auch die Anzahl der künstlichen Befruchtungen steigt. Auf geplantes Wunschkind folgt also geplante Wunschgeburt. ANDERE BUNDESLÄNDER – ANDERE KAISERSCHNITTRATEN Selbst in Schwerpunktkrankenhäusern wie Universitätskliniken, wo tendenziell mehr Risikoschwangerschaften betreut werden, gibt es deutliche Unterschiede. So war etwa laut Spitalskompass des ÖBIG im Jahr 2011 das Verhältnis normale Geburt zu Kaiserschnitt im AKH Wien 0,9 zu 1,1 und an der Uniklinik in Innsbruck 1,0 zu 0,8 – also in beiden Fällen kamen ähnlich viele Kinder durch natürliche Geburt wie durch einen Kaiserschnitt zur Welt. Völlig anders die Verhältnisse in der Steiermark und in Oberösterreich. An der Uniklinik Graz lag das Verhältnis bei 1,7 (normale Geburt) zu 0,9 (Sectio) und an der Landesfrauenklinik Linz sogar 2,2 (normal) zu 0,8 (Sectio). An den Uniklinken in Innsbruck und Wien werden also beinahe doppelt so viele Kinder per Kaiserschnitt geboren als in Graz und fast dreimal so viele als in Linz. Über die Gründe darf gerätselt werden. Mängel in der Ärzteausbildung Prim. Gernot Tews, ehemaliger Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Landes-Frauen- und Kinderklinik in Linz, gilt als Verfechter einer natürlichen Geburt und konnte die Sectio-Raten in Oberösterreich lange unter dem bundesweiten Durchschnitt halten. Er schätzt, dass jährlich bis zu 10.000 Kaiserschnitte zu viel in Österreich durchgeführt werden und ortet auch Ausbildungsprobleme bei den Ärzten. Diese würden oft den Kaiserschnitt als erstes Mittel bei Komplikationen lernen und um sich rechtlich abzusichern auch rasch zum Skalpell greifen. MEDIZINISCHE HILFE BEI DER ZEUGUNG Die In-vitro-Fertilisation Bei einem von sechs Paaren, das sind weltweit immerhin rund 90 Millionen Menschen, kommt es trotz intensiver Bemühungen innerhalb von 12 Monaten zu keiner Schwangerschaft. In Österreich RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 6 IHR KINDERLEIN KOMMET sind davon etwa 30.000 Paare betroffen. Tritt über einen Zeitraum von zwei Jahren trotz ungeschütztem Geschlechtsverkehrs keine Schwangerschaft ein, so ist dieser Zustand laut WeltGesundheitsorganisation (WHO) als Krankheit zu definieren, entsprechend abzuklären und zu behandeln. Welche Behandlungsmethode zur Anwendung kommt hängt von der Ursache der Unfruchtbarkeit ab. Die Gründe für die ungewollte Kinderlosigkeit liegen etwa zu gleichen Teilen (ca. 40 Prozent) bei der Frau und dem Mann und sind weiters durch kombinierte Faktoren von Mann und Frau bedingt. Ein Viertel von Erfolg gekrönt In den 27 Vertragskrankenanstalten des Fonds zur Finanzierung der In-vitro-Fertilisation (IVFFonds) wurden im Jahr 2012 7.196 Versuche bei 5.099 Paaren durchgeführt wurden. Dabei konnten 1.861 Schwangerschaften erzielt werden, das entspricht einer Erfolgsrate von 31,3 Prozent. Die für die betroffenen Paare wesentliche Baby-Take-Home-Rate (Versuche, die tatsächlich zu einer Geburt führen) betrug 24,7 Prozent. Eindrucksvoll ist die Betrachtung der Entwicklung im Zeitverlauf. Seit dem Jahr 2001 wurden 69.847 Behandlungsversuche mit Unterstützung des IVFFonds durchgeführt, die erfreulicherweise zu 18.978 Schwangerschaften führten. Grundsätzlich besteht pro Paar Anspruch auf Kostenübernahme von höchstens vier Versuchen bei Fällen von eileiterbedingter, durch Endometriose oder PCO-Syndrom bedingter Sterilität der Frau oder bei Fällen von Sterilität beim Mann, sofern zum Zeitpunkt des Beginns eines Versuches die Frau das vierzigste Lebensjahr und der Mann das fünfzigste Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Die Gruppe der Frauen zwischen 31 und 35 Jahren war im Jahr 2012 mit 36 Prozent die größte, gefolgt von den 36- bis 40-Jährigen mit 33 Prozent. 24 Prozent der Frauen sind zwischen 26 und 30 Jahre, und sieben Prozent sind unter 26 Jahre alt. Die aktuelle Altersverteilung der Frauen entspricht der Verteilung in den Vorjahren. Quelle: IVF-Jahresbericht 2012, BM für Gesundheit URSACHEN FÜR UNERFÜLLTEN KINDERWUNSCH Die häufigste Ursache für Zeugungsunfähigkeit beim Mann ist die eingeschränkte Bildung normaler, gut beweglicher Samenzellen. Ein weiterer Grund für eine Zeugungsunfähigkeit kann sein, dass die Samenwege verlegt sind. Weitere mögliche Gründe für Unfruchtbarkeit eines Mannes sind: Hodenhochstand (Maldescensus testis) im frühen Kindesalter Unterentwicklung der Hoden (Hodenhypoplasie) Krampfadern am Hoden (Varikozele) RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 7 IHR KINDERLEIN KOMMET Angeborene Fehlbildungen des Hodens Hodenverletzungen (z.B. nach Operationen wie Leistenbruch-OP) Hodeninfektionen Nebenhodenentzündung (Epididymitis) Prostataentzündung (Prostatitis] Harnröhrenentzündung (Urethritis) Folge einer Mumps-Infektion in der Kindheit Hormonstörungen (z.B. Schilddrüsen-, Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen) Bei ungefähr jeder dritten Frau mit ungewollter Kinderlosigkeit sind die Eileiter undurchlässig, bzw. liegt eine Funktionsstörung der Eileiter vor. Weitere Gründe für weibliche Sterilität sind: Hormonstörungen, hormonelle Funktionsstörungen der Eierstöcke Schädigungen der Eierstöcke und Eileiter Eierstockentzündungen Eileiterentzündungen (Verklebungen der Eileiter) Tumoren (gutartige und bösartige) Anatomische Fehlbildungen Endometriose (Absiedelungen von Gebärmutterschleimhaut) Uterus myomatosus (Muskelknoten in der Gebärmutter) Polycystisches Ovarsyndrom (PCO) Fehlbildungen von Eileitern, Eierstöcken, Gebärmutter oder Scheide Antikörper gegen Samenzellen im Gebärmutterhalsschleim in sehr seltenen Fällen genetische Ursachen (Erbkrankheiten) Ursachen, die wiederum bei beiden Partnern zu finden sind: seelische Faktoren psychische Belastungen Umweltbelastungen Stress falsche Ernährung starkes Über-oder Untergewicht übermäßiger Kaffee- und Alkoholkonsum Rauchen Drogenmissbrauch Medikamente Stoffwechselerkrankungen Störungen des Immunsystems RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 8 IHR KINDERLEIN KOMMET DIE RISIKEN DER IVF Mehrlingsschwangerschaften Um die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft zu erhöhen, werden häufig mehrere im Reagenzglas befruchtete Eier eingesetzt. Ebenso problematisch in Hinblick auf die Entstehung von Mehrlingsschwangerschaften sind zu wenig kontrollierte Hormonbehandlungen und/oder Inseminationsbehandlungen. Durch die Hormonbehandlung können pro Zyklus mehrere oder auch viele Eibläschen heranreifen. Dies könnte mittels Ultraschalluntersuchung auch festgestellt werden. Reifen mehr als zwei Eibläschen heran, sollten in diesem Zyklus keine Befruchtungsversuche gestartet werden, denn man muss die Entstehung von Mehrlingsschwangerschaften befürchten. Bei Mehrlingsschwangerschaften steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Frühgeburten. Von den 2.191 dokumentierten Schwangerschaften im Jahr 2012 waren 84,8 Prozent EinlingsSchwangerschaften, 14,8 Prozent Zwillings-Schwangerschaften und 0,3 Prozent DrillingsSchwangerschaften. Die Rate der Frühgeburten liegt in Österreich bei über 11,8 Prozent – Spitzenwert in der EU. In Schweden, wo in der Regel nur eine befruchtete Eizelle pro Versuch eingesetzt wird, liegt diese Zahl unter 6 Prozent. Die Aufgabe, die Eltern auch über die Risiken der künstlichen Befruchtung aufzuklären, obliegt meist den In-vitro-Fertilisationszentren. Nachdem diese ihr Geld mit dem Kinderwunsch verdienen, stellt sich schon die Frage, ob die Information über Möglichkeiten und Risiken der IVF nicht eine unabhängige Institution übernehmen sollte. Ein gesundes Kind mit nach Hause nehmen Die meisten IVF-Zentren werben mit der erzielten Schwangerschaftsquote. Dieses löst natürlich Hoffnungen bei den Eltern in spe aus. Fairer wäre es aber, den Prozentsatz der gesund geborenen Kinder als Qualitätsmerkmal auszuschildern. Die sogenannte Baby-Take-Home-Rate bewertet quantitativ und qualitativ, wie viele Kinder aus reproduktionsmedizinischen Interventionen entstehen und wie es ihnen bei und nach der Geburt geht. Wer schützt die Kinder vor dem Kinderwunsch der Eltern? Bei Mehrlingsschwangerschaften ist das Risiko für Entwicklungsstörungen oder auch für Behinderungen von einem oder mehreren Kindern erhöht. Ob die In-vitro-Fertilisation Erbkrankheiten wie das Down-Syndrom auslösen kann, wurde in den vergangenen Jahren viel diskutiert. WissenschaftLer wiesen darauf hin, dass IVF-Kinder häufiger mit einer seltenen geistigen und körperlichen Behinderung zur Welt kommen würden. So fand beispielsweise Professor Bernhard Horsthemke von der Universität Duisburg-Essen Hinweise auf einen RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 9 IHR KINDERLEIN KOMMET Zusammenhang zwischen künstlicher Befruchtung und epigenetischen Defekten. (vgl. Der Stern, 19. Februar 2009) Trotz einiger Hinweise gibt es kein endgültiges Urteil über das FehlbildungsRisiko bei IVF. Mittlerweile versuchen die Experten für in-vitro-Fertilisation durch gezielte Vorauswahl der befruchteten Eier die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften zu reduzieren. Denn bei Mehrlingsschwangerschaften ist nicht nur häufig mindestens eines der Babys krank, sondern eine natürliche Geburt scheint für das Baby auch den gesundheitlich besseren Start ins Leben zu garantieren. Eine IVF-Schwangerschaft ist meist auch eine Risikoschwangerschaft und ein Kaiserschnitt somit wahrscheinlich. Der Kaiserschnitt - einst Meilenstein der Geburtshilfe Die Sectio caesarea wird normalerweise angewandt, wenn eine Geburt auf natürlichem Wege nicht möglich ist. Ursachen können eine ungünstige Lage des Kindes sein, eine Risikoschwangerschaft oder akute Gefahr für Mutter und Kind. Mittlerweile ist der Kaiserschnitt aber ein etabliertes Operationsverfahren, und dank der Periduralanästhesie als Alternative zur Vollnarkose, angeblich schonender für Mutter und Kind. Neben dem Thema Risikogeburt und dem Versuch der Ärzte rechtliche Folgen bei Fehlern im Rahmen einer natürlichen Geburt zu reduzieren, treten auch praktische Gründe in den Vordergrund: Planbarkeit, Einschätzbarkeit und Minimierung von Komplikationen sind einige Beispiele. Ein Kaiserschnitt dauert maximal 30 Minuten. Eine natürliche Geburt kann sich über Stunden erstrecken. Auch immer mehr Frauen sehen den Kaiserschnitt als die ideale Geburtsform an – aufgrund der Planbarkeit, wegen der Angst vor den Schmerzen und dem Zweifel, einer Geburt körperlich nicht gewachsen zu sein, bis hin zu Gedanken über mögliche Spätfolgen wie Inkontinenz und Probleme mit dem Sexualleben. Victoria Beckham soll etwa die Geburt ihres zweiten Sohnes nach dem Terminkalender ihres Mannes legen haben lassen. ÖSTERREICH SCHLUSSLICHT BEI DER BETREUUNG DURCH HEBAMMEN In der Schweiz nimmt jede zweite Frau die Wochenbettbetreuung durch eine Hebamme in Anspruch. Auch in Deutschland ist Hebammenbetreuung nach der Geburt zu Hause für sehr viele Frauen eine Selbstverständlichkeit. Für Österreich gibt es dazu keine genauen Daten. Viele Frauen wissen oft nicht von der Möglichkeit, eine Hebamme vor und nach der Geburt beizuziehen. Expertinnen und Experten schätzen, dass nur etwa fünf Prozent der Schwangeren bzw. Mütter dieses Angebot nutzen. Der neue Trend zum Kaiserschnitt hat nach der Ansicht vieler Hebammen auch Nachteile für die Mutter: Der Kaiserschnitt nimmt der Frau das starke, äußerst emotionale Erlebnis der Geburt, das Mutter und Kind ganz intensiv verbindet. „Es gibt keine Lebenssituation, in der soviel von dem so RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 10 IHR KINDERLEIN KOMMET genannten Liebeshormon und Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet wird, wie bei einer natürlichen Geburt und beim Stillen“, schreibt das Österreichische Hebammengremium. Die Vorteile der natürlichen Geburt für die Mütter seien in vielen Studien belegt, sagt auch unser Sendungsgast der ehemalige Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Landes- Frauen- und Kinderklinik Univ.-Prof. Prim. Dr. Gernot Tews. Neben dem kürzeren Spitalsaufenthalt würden sich die Mütter auch die Schmerzen nach der Operation ersparen. Tews gilt als Verfechter der natürlichen Geburt und schätzt, dass es österreichweit jährlich 10.000 Kaiserschnitte zu viel gibt. Gesundheitliche Nachteile für Mutter und Kind Zudem sollten die Risiken von Wunschkaiserschnitten nicht unterschätzt werden. Zwar ist etwa das Sterblichkeitsrisiko bei einer Geburt in Österreich oder Deutschland heute sehr gering, bei einem Kaiserschnitt aber doch um bis zu 70 Prozent höher. Nach einer Kaiserschnittentbindung kann es jedenfalls zur unschönen Narbenbildung kommen, außerdem muss im Falle einer weiteren Schwangerschaft wiederum eine Sectio durchgeführt werden. Sonst besteht ein Risiko für eine Plazentastörung oder einen Gebärmutterriss. Eine Sectio ohne Wehen kann zudem beim Neugeborenen zu vorübergehenden Lungenfunktions-Anpassungsstörungen führen. Weitere mögliche Komplikationen: Verletzungen und Schädigungen benachbarter Organe oder Strukturen, in den meisten Fällen der Harnblase, aber auch der Harnleiter, des Darms, der Nerven oder größerer Blutgefäße. Großer Blutverlust durch eine sogenannte unzureichende Kontraktion der Gebärmutter, der die Gabe von Bluttransfusionen notwendig machen kann Wundheilungsstörungen; Infektionen; Verwachsungen; Darmlähmung; Darmverschluss; Fistelbildung zwischen Harnwegen/Darm und Scheide/Gebärmutter Narbenbrüche und Narbenwucherungen Quelle: Österr. Hebammengremium Es gibt auch Hinweise darauf, dass Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen häufiger Allergien und Asthma entwickeln, so eine US-Studie des Henry Ford Hospital in Detroit. „Wir glauben, dass der Kontakt mit Bakterien im Geburtskanal wesentlichen Einfluss auf das Immunsystem der Kinder hat“, erklärt Studienleiterin Christine Cole Johnson. Dieser Kontakt fehlt Kindern nach einer Kaiserschnittgeburt. Das belegen auch andere Studien aus Skandinavien und Deutschland. Normalerweise erfolgt die Erstbesiedlung des zunächst keimfreien Darms des Neugeborenen durch Bakterien des Geburtskanals. Das sind hauptsächlich Milchsäurebakterien und weitere RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 11 IHR KINDERLEIN KOMMET Mikroben der Vagina. Bei einem Kaiserschnitt dagegen gelangen zuerst Staphylokokken und andere Hautkeime in den Darm des Babys. (Quelle: Linköping University vom Royal Institute of Technology in Stockholm) Per Kaiserschnitt entbundene Kinder haben laut einer deutschen Untersuchung auch ein mehr als doppelt so hohes Diabetes-Risiko wie Kinder, die auf natürliche Art zur Welt gekommen sind. Zu diesem Schluss kommen deutsche Forscher in einer im Fachmagazin „Diabetes“ publizierten Langzeitstudie (Quelle: http://diabetes.diabetesjournals.org/content/60/12/3300.abstract) Die Wissenschafter der Technischen Universität München hatten den Einfluss von Umweltfaktoren auf die Entwicklung der Erkrankung bei 1.650 Kindern aus Risikofamilien untersucht. Die Studienteilnehmer wurden von Geburt an durchschnittlich elf Jahre lang beobachtet. Laut der Studie haben Kinder, deren Mutter oder Vater an Typ 1 Diabetes erkrankt ist und die per Kaiserschnitt geboren wurden, ein Risiko von 4,8 Prozent, bis zum zwölften Lebensjahr an Diabetes zu erkranken. Dagegen liegt das Risiko von Kindern mit familiärer Vorbelastung, die vaginal entbunden wurden, bei 2,2 Prozent. FEHLENDE INFORMATION All diese Zusammenhänge, sind vielen Frauen aber zu wenig bekannt, kritisiert die Autorin Caroline Oblasser, selbst Mutter eines Kaiserschnittkindes. Oft würde eine Geburt zudem als schmerzhaft, risikoreich und problematisch dargestellt und nicht als freudiges Ereignis. Die scheinbare Alternative zu allen Problemen: Maßgeschneiderte Kinder durch künstliche Befruchtung, medizinisch betreute Schwangerschaft und vermeintlich schmerzfreie Geburt mittels Operation. Helfen können Hebammen, was künftig auch im Mutter-Kind-Pass vorgesehen ist und wo zuletzt auch eine Debatte zwischen Äzten und Hebammen entbrannt ist. Für Schwangere gibt es ab 2014 die Möglichkeit einer einstündigen kostenlosen Hebammenberatung. Sie kann im Rahmen des Mutter-Kind-Passes zwischen der 18. und der 22. Schwangerschaftswoche in Anspruch genommen werden. Für den Start - voraussichtlich im Jänner - braucht es noch eine Tarifeinigung zwischen Sozialversicherung und Hebammen (bis dahin gibt es einen Kassenzuschuss). Die Ärztekammer ist allerdings davon wenig begeistert. „Das ist viel zu früh und könnte werdende Mütter unnötig verunsichern“, schrieb Thomas Fiedler, Obmann der Bundesfachgruppe Gynäkologie in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) in einer Aussendung. Hebammen sollten wohl wichtige Beratungen durchführen: „angefangen bei der richtigen Ernährung und Bewegung während der Schwangerschaft bis hin zur Babypflege.“ Im selben Zusammenhang forderten Fiedler und der stellvertretende Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte, Gert Wiegele, allerdings eine Inflationsanpassung der ärztlichen Tarife für RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 12 IHR KINDERLEIN KOMMET Mutter-Kind-Pass-Leistungen: „Die letzte Anpassung fand 1997 statt, seither fehlt angeblich das Geld dazu. Das ist unglaubwürdig und geradezu ein Affront, wenn gleichzeitig für die neue Hebammenberatung erhebliche finanzielle Mittel da sind.“ RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 13 ANLAUFSTELLEN ANLAUFSTELLEN Österreichische IVF-Gesellschaft http://www.ivf-gesellschaft.at/ Österreichische IVF-Institute http://www.ivf-gesellschaft.at/index.php?id=96 Österreichische Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie http://www.oegrm.at/ Frauengesundheitszentrum Graz http://www.fgz.co.at/ Verein Selbsthilfegruppe WUKI-KIWI (Wunschkind – Kinderwunsch) http://www.wukikiwu.at/forum/index.php Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit http://www.kinderjugendgesundheit.at/ Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt http://www.bundeskanzleramt.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3455&Alias=BKA Geburtsallianz Österreich http://www.geburtsallianz.at/fakten/kaiserschnitt/ Kinderwunschzentrum Goldenes Kreuz http://www.kinderwunschzentrum.at Österreichisches Hebammen-Gremium www.hebammen.at RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 14 INFOLINKS INFOLINKS Information des Gesundheitsministeriums zur Kaiserschnittentbindung https://www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/Kaiserschnittentbindung_HK. html Hilfe bei unerfülltem Kinderwunsch http://bmg.gv.at/home/Schwerpunkte/Medizin/IVF_Fonds/Der_IVF_Fonds_Hilfe_bei_unerfue lltem_Kinderwunsch Kaiserschnitt: Die Vor- und Nachteile http://www.medizinpopulaer.at/archiv/medizin-vorsorge/details/article/kaiserschnitt-die-vorund-nachteile.html Geburtsallianz - Kaiserschnitt http://www.geburtsallianz.at/fakten/kaiserschnitt/ Pressen oder schneiden? www.zeit.de/zeit-wissen/2005/04/Kaiserschnitt.xml/seite-5 Hebammen sorgen für weniger Frühgeburten und Kaiserschnitte http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/schwangerschaft-weniger-fruehgeburtenund-kaiserschnitte-dank-hebammen-a-917790.html Radiodoktor-Infomappe: In vitro Fertilisation - Chancen und Risiken http://oe1.orf.at/static/pdf/Invitrofertilisation_2011_i_.pdf RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 15 BUCHTIPPS BUCHTIPPS Caroline Oblasser Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht Edition Riedenburg 2008 ISBN-13: 978-3950235708 Michael Stark (Hrsg.) Der Kaiserschnitt: Indikationen. Hintergründe. Operatives Management der Misgav-LadachMethode Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH 2008 ISBN-13: 978-3437243103 Waldmann-Rex, S.; Straßburger-Lochow, I. Gynäkologie und Geburtshilfe. Kurzlehrbuch für Pflegeberufe. Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH 2011 ISBN-13: 978-3437268922 Anni König Und der Klapperstorch kommt doch. Memoiren eines Kinderwunsch-Puzzles Edition Riedenburg 2010 ISBN-13: 978-3902647276 RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 16 SENDUNGSGÄSTE SENDUNGSGÄSTE In der Sendung Radiodoktor – Medizin und Gesundheit vom 23. Dezember 2013 sprachen: Dr.in Caroline Oblasser Autorin und Verlegerin, hatte selbst eine Kaiserschnitt-Geburt edition riedenburg e.U. Anton-Hochmuth-Straße 8 A-5020 Salzburg Tel.: +43/664/12 43 193 E-Mail: [email protected] Homepage: http://www.editionriedenburg.at Univ.-Prof. Dr. Heinz Strohmer Leiter Kinderwunschzentrum Privatklinik Goldenes Kreuz Lazarettgasse 16 A-1090 Wien Tel.: +43/1/40111/5400 E-Mail: [email protected] Homepage: http://www.kinderwunschzentrum.at Univ.-Prof. Prim. Dr. Gernot Tews FA für Gynäkologie und Geburtshilfe Ehem. Leiter des Landes-Frauenklinik Linz Lederergasse 44 A-4020 Linz Tel.: +43/664/4248428 E-Mail: [email protected] Homepage: www.frauenarzt-tews.at RADIODOKTOR – MEDIZIN UND GESUNDHEIT 17