Silbe und Sonorität in Sprache und Gehirn - Ruhr

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7 Schluss
7.1 Zusammenfassung
In dieser Arbeit wurde die Frage untersucht, ob die Verarbeitung der Sonoritätskontur
einer Äußerung lateralisiert ist. Die Hypothese, dass sich für die Lokalisierung der Sonoritätsmaxima in einem Wort eine rechtshemisphärische Spezialisierung findet, konnte
durch die Ergebnisse eines dichotischen Sprachwahrnehmungsversuchs bestätigt werden.
Die vorliegende Untersuchung ist im Zusammenhang von Forschungen zur neuronalen Realisierung der menschlichen Sprachfähigkeit zu sehen. Daher wurde im ersten Kapitel zunächst ein Überblick über die Methoden gegeben, mit denen die neuronalen Grundlagen der menschlichen Sprachfähigkeit untersucht werden können. Die
Vorgehensweise des hier beschriebenen Projektes bestand darin, ausgehend von einer
Beschreibungseinheit der sprachwissenschaftlichen Theorie, d.h. dem phonologischen
Merkmal Sonorität, funktionale Einheiten im Gehirn zu identifizieren, deren Aktivität
mit der Verarbeitung dieses phonologischen Merkmals korreliert ist, indem die Frage
untersucht wurde, ob die Verarbeitung der Sonorität lateralisiert ist.
Hierzu war es im zweiten Kapitel nötig, zunächst den phonologischen Status der
Kategorie Silbe und des Merkmals Sonorität zu klären und insbesondere zu zeigen, dass
die Silbe eine elementare Kategorie der phonologischen Theorie ist und dass das
Merkmal Sonorität nicht auf die segmentalen Merkmale der phonologischen Theorie
zurückzuführen ist, sondern das Verbindungsglied zwischen der segmentalen Ebene
und der suprasegmentalen Ebene in der Sprache bildet. Als phonetische Korrelate der
phonologischen Sonorität wurden im dritten Kapitel die akustischen Parameter Lautstärke, Dauer und Stimmhaftigkeit identifiziert. In diesem Kapitel wurde auch gezeigt,
dass diese phonetischen Korrelate geeignet sind, um aus dem akustischen Signal eine
Silbenstruktur und eine Akzentstruktur zu rekonstruieren. Im vierten Kapitel wurde die
Frage diskutiert, welche Funktion die Kategorie Silbe und das Merkmal Sonorität für
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die Sprachwahrnehmung erfüllen könnten. Hier wurde die Annahme formuliert, dass
die Verarbeitung der phonetischen Korrelate der Sonoritätskontur einer Äußerung und
insbesondere die Lokalisierung der Sonoritätsmaxima und der Sonoritätsminima, zur
Strukturierung des zu verarbeitenden Signals dienen. Diese Annahme wurde unter phonetisch-phonologischer unter unter psycholinguistischer Perspektive begründet. Die
Ausführungen im vierten Kapitel hatten die Funktion, das phonetisch-phonologische
Merkmal Sonorität in ein psycholinguistisches Modell der Sprachwahrnehmung zu integrieren. Damit wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, um die statische phonologische Repräsentation auf das beobachtbare Verhalten menschlicher Sprecher und
schließlich auf dynamische Aktivierungsprozesse von funktionalen Einheiten im Gehirn
beziehen zu können.
Im fünften und sechsten Kapitel dieser Arbeit wurde die Frage gestellt, ob die
Verarbeitung der Sonoritätskontur einer Äußerung lateralisiert ist. Zunächst wurden im
fünften Kapitel einige Studien zur funktionalen Lateralisierung der Sprache referiert,
insbesondere Studien zur Lateralisierung der Sprachwahrnehmung. Vor dem Hintergrund dieser Studien wurde die Hypothese formuliert und begründet, dass für die Verarbeitung der Sonoritätskontur eine rechtshemisphärische Spezialisierung zu erwarten
ist. Im sechsten Kapitel wurden zwei dichotische Sprachwahrnehmungsversuche beschrieben, in denen die Hypothese einer rechtshemisphärischen Spezialisierung für die
Verarbeitung der Sonoritätskontur einer Äußerung getestet wurde. Die Ergebnisse des
ersten Experimentes zeigten einen Geschlechtsunterschied in der Lateralität für die
Verarbeitung der Sonoritätskontur, mit einer rechtshemisphärischen Spezialisierung für
die Gruppe der männlichen Probanden und einer eher bilateralen Repräsentation der in
der Testaufgabe aktivierten funktionalen Systeme für die Gruppe der weiblichen Probanden. Der Geschlechtsunterschied in der Lateralität, der in diesem Experiment gezeigt werden konnte, wurde durch die Annahme erklärt, dass sich Männer und Frauen
in den Verarbeitungsstrategien unterschieden, die sie bei der Durchführung der
Testaufgabe anwendeten. Insbesondere wurde angenommen, dass die männlichen Probanden eine rechtshemisphärisch lateralisierte sonoritätsbasierte Verarbeitungsstrategie
verwendeten, während die weiblichen Probanden eine bilateral repräsentierte vokalbasierte Verarbeitungsstrategie zur Identifikation der Stimuli nutzten. Im zweiten Experiment konnte weder ein Ohr-Vorteil für eine der Probandengruppen noch ein Geschlechtsunterschied in der Lateralität gezeigt werden. Dieses Ergebnis wurde so interpretiert, dass einerseits das erste und das zweite Experiment nicht dieselbe Wahrnehmungsfunktion operationalisierten und dass andererseits der Versuchsaufbau im zweiten Experiment nicht geeignet war, eine funktionale Lateralisierung der Sprachverarbeitung nachzuweisen.
Schluss
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Den Ausgangspunkt der vorliegenden Studie bildete das phonologische Merkmal
Sonorität. Dieses Merkmal ist, wie in Kapitel 3 ausgeführt wurde, in verschiedenen
Studien auch unter akustischer und artikulatorischer Perspektive untersucht worden. In
psycholinguistischen Modellen zur Sprachwahrnehmung und in neuropsychologischen
Modellen zur funktionalen Lateralisierung der Sprache wurde das Merkmal Sonorität
bisher nicht berücksichtigt. In dieser Arbeit ist gezeigt worden, dass die Eigenschaft
Sonorität nicht nur eine elementare Einheit der phonologischen und phonetischen Beschreibung der Sprache ist, sondern darüberhinaus erstens eine noch zu präzisierende
Funktion für die Sprachwahrnehmung erfüllt und zweitens eine Rolle für solche
Sprachwahrnehmungsfunktionen spielt, für die sich eine funktionale Lateralisierung
zeigen lässt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ergebnisse dieser Untersuchung darauf hinweisen, dass die Verarbeitung der Sonoritätskontur einer Äußerung rechtshemisphärisch lateralisiert ist. Damit ist neben der emotionalen Intonation einer Äußerung
und neben ihrer Satzprosodie eine weitere Eigenschaft von lautsprachlichen Strukturen
identifiziert worden, für deren Verarbeitung sich eine rechtshemisphärische Spezialisierung zeigen lässt.
7.2 Ausblick
Die Ergebnisse dieser Untersuchung werfen eine Reihe von Fragen auf. Vergleicht man
die beiden Experimente miteinander, so stellt sich insbesondere die Frage, ob sich eine
rechtshemisphärische Spezialisierung für die Verarbeitung der Sonoritätskontur nur mit
bedeutungsvollen Wörter zeigen lässt, oder ob der Links-Ohr-Vorteil auch mit bedeutungslosen Wörtern und sinnlosen Silben nachweisbar wäre. Interessant wäre es auch
herauszufinden, ob der für die männlichen Probanden beobachtete Ohr-Vorteil eine
linguistisch-funktionale, d.h. lexikalische oder phonologische Verarbeitung der Reize
als Wörter des Deutschen voraussetzt, oder ob er auf der akustisch-phonetischen Verarbeitung der Signale basiert. Ein erster Ansatz, diese Frage genauer zu untersuchen,
könnte darin bestehen, die drei akustischen Parameter, welche als Korrelate des phonologischen Sonoritätsverlaufs identifiziert wurden, isoliert zu betrachten, ähnlich wie
dies von PRICE (1980) für die (beidohrige) Wahrnehmung der Silbizität durchgeführt
wurde. So könnten Sprachsignale hergestellt werden, die sich nur im Parameter ‘Lautstärke des Liquids’ unterscheiden und die entweder als das einsilbige oder als das zweisilbige Wort wahrgenommen werden. Auf dieselbe Weise könnte man für die beiden
anderen Parameter ‘Dauer des Liquids’ und ‘Stimmeinsatzzeit des Plosivkonsonanten’
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verfahren. Erhielte man für die drei verschiedenen phonetischen Korrelate differierende
Ohr-Vorteile, so wäre dies ein erster Hinweis darauf, dass die beobachteten OhrVorteile nicht nur eine Funktion der phonologischen bzw. semantischen Verarbeitung
der Wörter sind, sondern auch der akustisch-phonetischen Verarbeitung der Parameter
Lautstärke, Dauer und Stimmhaftigkeit. Schließlich könnte untersucht werden, ob sich
Ohr-Vorteile auch für nichtsprachliche Reize demonstrieren lassen, die sich in ähnlichen akustischen Eigenschaften unterscheiden wie die hier verwendeten Sprachsignale,
z.B. in der langsamen Amplitudenmodulation, die aber keine weiteren Eigenschaften
natürlichsprachlicher akustischer Signale aufweisen.
In dieser Studie wurde die Wahrnehmung des Merkmals Sonorität untersucht. Eine zweite Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist die Frage nach der funktionalen Lateralisierung der Produktion der Sonoritätskontur einer Äußerung. Im zweiten und dritten Kapitel dieser Arbeit wurde die Sonoritätskontur einer Äußerung auf die
grobe artikulatorische Gestalt der Sprache, auf die Auslenkung, die Geschwindigkeit
und die Koordination der artikulatorischen Gesten bezogen. RICHARDS & CHIARELLO
(1997) vertreten die Auffassung, dass die rechte Hemisphäre eine wichtige, jedoch noch
genauer zu spezifizierende Funktion für die Planung und Ausführung von sprachlichen
und nichtsprachlichen intentionalen Bewegungen erfüllt. Zudem ließen sich auch für
die Sprachproduktion Geschlechtsunterschiede in der Lateralität demonstrieren
(HAUSMANN ET AL. 1998, WOLF & GOODALE 1987). Daher wäre es von großem Interesse, die Frage zu untersuchen, ob sich für die artikulatorische Differenzierung von nsilbigen und n+1-silbigen Wörtern wie sein und sein(e)n oder breit und b(e)reit vergleichbare Hemisphärenvorteile zeigen lassen und möglicherweise auch ein vergleichbarer Geschlechtsunterschied, wie für die dichotische Wahrnehmung von Minimalpaaren wie breit und bereit. In einer Studie zur Produktion der Sonoritätskontur wären
schließlich auch Erkenntnisse zu Defiziten in der Silbenstruktur und Phonotaktik in den
Äußerungen linkshemisphärisch und rechtshemisphärisch geschädigter Patienten zu
berücksichtigen (CODE 1997).
Betrachtet man das allgemeinere Forschungsprogramm, das im ersten Kapitel dieser Arbeit skizziert wurde, so ist offensichtlich, dass in dieser Studie nur ein einziger
Aspekt der neuronalen Grundlagen des phonologischen Merkmals Sonorität untersucht
wurde, d.h. die funktionale Lateralisierung der Wahrnehmung dieses Merkmals. Zunächst könnte man fragen, ob sich ähnliche Hemisphärenunterschiede auch in klinischen Studien mit hirngeschädigten Probanden zeigen lassen. Die Untersuchung von
Probanden mit fokaler Hirnläsion wäre zudem geeignet, um die neuronalen Grundlagen
der Verarbeitung der Sonoritätskontur einer Äußerung über die funktionale Lateralisierung hinaus in enger umrissenen funktionalen Systemen des Gehirns zu lokalisieren. In
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klinischen Studien könnte ebenso die Frage untersucht werden, für welche der drei akustischen Parameter der Sonorität sich in Wahrnehmung und Produktion Hemisphärenvorteile demonstrieren lassen. So wäre es denkbar, dass rechtshemisphärisch geschädigte Patienten bei der Produktion deutscher Wörter wie breit und b(e)reit oder sein und
sein(e)n zwar die Dauer des Liquids bzw. des Nasalkonsonanten variieren, um beide
Wörter zu differenzieren, aber nicht die Lautstärke bzw. Lautstärkemodulation, während sich für Patienten mit linkshemisphärischer Schädigung möglicherweise das umgekehrte Muster zeigen ließe.
Besonders interessant wäre auch die Untersuchung der Verarbeitung der Sonoritätskontur mit elektrophysiologischen Methoden wie EEG und MEG. Mit diesen Methoden könnten nicht nur die bei der Verarbeitung der Sonoritätskontur aktivierten
funktionalen Einheiten genauer lokalisiert werden, sondern es ließen sich auch Aussagen über den Zeitverlauf der Verarbeitung der Sonorität ableiten. Wenn zudem vergleichbare Daten zum Zeitverlauf der Verarbeitung der Phoneme und der Silben in einer Äußerung zur Verfügung stehen würden, so könnten Aussagen über den relativen
Zeitverlauf beider Arten der Verarbeitung mit Aussagen über Strategieunterschiede in
Sprachwahrnehmungsversuchen korreliert werden, wie sie von C UTLER ET AL. 1986,
CUTLER ET AL . 1992 und GALLÉS ET AL. 1992 (s.o. 4.3) nachgewiesen wurden. Auf
diese Weise könnte auch die Annahme (s.o. 4.2.3) überprüft werden, dass den Strategieunterschieden, die sich für das Sprachverhalten beobachten lassen, Unterschiede in
der zeitlichen Dynamik der zugrundeliegenden neuronalen Repräsentationen entsprechen. Eine solche Untersuchung wäre gleichfalls geeignet, die hier gemachte Annahme
zu überprüfen, dass dem Geschlechtsunterschied in der Lateralität für die Verarbeitung
von Minimalpaaren wie breit und bereit ein Unterschied in den angewendeten Verarbeitungsstrategien entspricht.
Am Ende muss darauf hingewiesen werden, dass nicht nur die Frage nach den
neuronalen Grundlagen der Sonorität weitere Untersuchungen erfordert, sondern dass
auch die Funktion der Sonorität für die Sprachwahrnehmung genauer erforscht werden
muss. Mögliche Funktionen der Sonorität in der Sprachverarbeitung wurden bereits im
vierten Kapitel dieser Arbeit skizziert. Eine Integration des Merkmals Sonorität in eine
psycholinguistische Theorie der Sprachfähigkeit setzt jedoch eine weitergehende Untersuchung von sonoritätsbasierten, silbenbasierten und phonembasierten Sprachverarbeitungsstrategien voraus.
Ein letzter Punkt, der weitere Untersuchungen erfordert, ist die Frage nach dem
Verhältnis von Geschlechtsunterschieden in der Lateralität und eventuell bestehenden
Unterschieden in den Sprachverarbeitungsstrategien, die beide Geschlechtergruppen
anwenden. Während die Annahme als bestätigt gelten kann, dass sich die Sprecher ver-
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Kapitel 7
schiedener Sprachen darin unterscheiden, welche Verarbeitungsstrategien sie anwenden
(C UTLER ET AL. 1992, s.o. 4.3), herrscht bislang keine Klarheit darüber, wie Geschlechtsunterschiede in den sprachlichen Fähigkeiten und in der funktionalen Lateralisierung der Sprache zu bewerten sind.
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