Die Filtertheorie - Fachschaft Psychologie Freiburg

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Allgemeine Psychologie I
Literaturzusammenfassung: Anderson, J.- Kognitive Psychologie
Kapitel 3: Aufmerksamkeit und Leistung
Weitgehende Teile unserer Systeme verarbeiten Informationen aus allen zugehörigen
sensorischen Feldern parallel.
Allerdings gibt es Stellen, an denen eine parallele Verarbeitung nicht mehr stattfinden kann, an
den sog. „Flaschenhälsen“.
Solche Einschränkungen des Parallelismus finden sich auch bei den einzelnen motorischen
Systemen. Dies macht sich hier insofern bemerkbar, als dass ein System (z.B. Hände) nur schwer
2 Dinge gleichzeitig tun kann.
In der Psychologie wird dieses Phänomen mit den sog. „seriellen Flaschenhals“ beschrieben,
der bei der menschlichen Informationsaufmerksamkeit auftritt.
Unklar ist jedoch die Frage, an welcher Stelle des Prozesses (z.B. vor/nach Wahrnehmung d.
Reizes, vorm „Nachdenken“, ...) dieser „serielle“ Flaschenhals auftritt.
Hier werden Theorien der „Frühen Auswahl“ (early selection) und der „Späten Auswahl“
(late selection) unterschieden.
Diese Fragen sollen hier anhand des visuellen und auditiven Systems bearbeitet werden.
Merke: In der Informationsverarbeitung tauchen serielle Flaschenhälse an jenen Stellen auf, wo
wir Dinge nicht länger parallel tun können.
Auditive Aufmerksamkeit
Häufiges experimentelles Paradigma: Dichotisches Hören – der Proband hört mittels eines
Kopfhörers zwei Kanäle gleichzeitig.
Die Aufgabe dabei ist es, eine der beiden Quellen zu verfolgen, was den meisten auch gelingt.
(sog. Shadowing-Aufgaben)
Cherry (1953) und Moray (1959) fanden raus, dass bei diesen Shadowing-Aufgaben
Informationen d. zweiten Kanals kaum verarbeitet werden.
Dies wurde daran festgemacht, dass der Proband nachher nur wenige Infos (z.B. Geschlecht d.
Sprechers, Stimme vs. Geräusche) darüber hatte und z.B. die Sprache oder einzelne Wörter nicht
angeben konnte.
 Im wesentlichen Theorie der „Frühen Auswahl“, da die Informationen vor der
Verarbeitung bereits selektiert wird.
Die Filtertheorie
Broadbent (1958):
Postulat: Sensorische Info durchläuft das System bis zu einem bestimmten Punkt, an dem nach
physikalischen Charakteristika eine Entscheidung über die Weiterverarbeitung oder Filterung der
Informationen getroffen wird. ( „Frühe Auswahl“)
Dichotisches Hören: Ein Ohr wird ausgewählt, dem man folgt, die andere Info wird zwar auch
registriert aber nicht verfolgt.
„Partybeispiel“: Auf einer Party wählt man z.B. anhand physikalischer Charakteristika der Stimme
aus, ob man der Information folgt.
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„Physikalische Auswahl“: Diese Annahme geht einher mit neurophysiologischen
Beschaffenheiten des Ohres: Z.B. gibt es verschiedene Nervenbahnen für beide Ohren bzw. für
verschiedene Frequenzen, die z.B. vom Gehirn „ausgewählt“ werden könnten.
Es gibt Cortexzellen, welche nur bei auditiver Aufmerksamkeit auf einen auditiven Stimulus aktiv
sind.
Bestimmten Areale (40, 41) zeigen erhöhte Aktivität auf auditive Signale des ausgewählten Ohres,
welche so schnell ansteigt, dass man Inhalt oder Stimme noch nicht identifiziert haben kann. (2050ms)
 physikalische Auswahl ist möglich
Moray (1959):
„Cocktailparty-Phänomen“: Aufmerksamkeitszuwendung (auf einer Party), wenn irgendwo der
eigene Name fällt.
 semantische Auswahl ist möglich
Gray & Weddburn (1960):
Experiment: Probanden konnten einer bedeutungshaltigen Nachricht, die zwischen beiden
Ohren hin und her wechselte, folgen. (links: „dogs six fleas“; rechts: eight scratch two“; wurde
bei paralleler Abspielung zu „dogs scratch fleas“ verarbeitet)
 Auswahl nach semantischem Inhalt
Treisman (1960):
Experiment: Bei hin und her wechselndem Kanal der bedeutungsvollen Nachricht folgten einige
Probanden trotz der Anweisung stets auf einem Kanal zu bleiben beim Wechsel nun den
anderen.
 Teilweise Auswahl nach semantischen, teilweise nach physikalischen Inhalten (eher
physik.)
Merke: In der Filtertheorie von Broadbent wird die These vertreten, dass wir physikalische
Merkmale verwenden, um die zu verarbeitende Information auszuwählen. Es konnten aber
gezeigt werden, dass zur Auswahl auch der semantische Inhalt genutzt werden kann.
Die Dämpfungstheorie und die Theorie der späten Auswahl
Treisman (1964): Dämpfungstheorie
Postulat: Nicht beachtete Informationen werden abgeschwächt, aber nicht komplett eliminiert.
Hierbei bleibt eine semantische Auswahlmöglichkeit bei allen Informationen bestehen.
(Gray 1960 s.o.: Semantisches Auswwahl ist auch bei Nicht-Beachtung möglich)
Das Folgen einer ungedämpften Info ist jedoch leichter als semantische Kriterien einer
gedämpften Info zu beachten. (Treisman, s.o.)
Deutsch & Deutsch (1963)
Theorie d. späten Auswahl: Gesamte Information wird komplett ungedämpft verarbeitet – das
Wahrnehmungssystem sei unbegrenzt – aber die Begrenzung d. Reaktionssystems dafür sorge,
dass nur eine/Zeitpunkt „beschattet“ (Shadowing-Exp.) werden könne.
 Kriterium zur Auswahl (z.B. Bedeutung) ist notwendig
Vergleich: Treisman und Deutsch & Deutsch
Bei Treisman ist der Filter der verbalen Anaylse vorgeschaltet, bei Deutsch & Deutsch ist er erst
nach der Analyse aber vor der Auswahl/Reaktionsorganisation.
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Exp. zur Entscheidung:
Dichtotisches Hören: „Beschattung“ eines Kanals aber Reaktion auf ein „Zielwort“, welches auf
beiden Kanälen auftauchte.
Ergebnis: Zielwort wurde zu 87% auf dem beschatteten Ohr, aber nur zu 8% auf dem
anderen identifiziert bzw. in Reaktion „umgesetzt“.
 spricht für Dämpfungstheorie
ABER: Nicht beachtete auditive Info kann für kurze Zeit behalten werden
Glucksberg & Cowan (1970)
Experiment: Probanden beschatteten Nachricht auf einem Ohr; ab und zu wurde jedoch eine
Zahl auf das nichtbeachtete gesprochen.
2 Sekunden danach konnten die Probanden diese Zahl, wenn sie gefragt wurden, entdecken und
auch zu 25% die Ziffern wiedergeben.
5 Sekunden später fiel keine erhöhte Entdeckungsrate auf
 Infos einer unbeachteten Nachricht steht kurz (-5 Sek.) zur Verfügung
 echoisches Gedächtnis (nach Neisser, 1967)
Merke: Welche auditiven Informationen wir verarbeiten, können wir aufgrund ihrer
physikalischen Eigenschaften auswählen. Wenn wir nicht umgehend dieser Information
Aufmerksamkeit zuteilen, geht sie verloren.
Schlussfolgerung:
Aufmerksamkeit wird auditiven Reizen wohl über physikalische Eigenschaften zugeordnet.
Es gibt physiolog. Belege für eine Verstärkung der beachteten und eine Dämpfung der
unbeachteten Info.
Die unbeachteten Infos sind nicht komplett geblockt, so dass sie z.B. über physik. Stärke oder
hohe Wichtigkeit (Name) unsere Aufmerksamkeit gewinnen können.
Visuelle Aufmerksamkeit
Bei den Augen wird die maximale Verarbeitungsressource dem fixierten Teil des visuellen Feldes
zugewiesen.
Im Normalfall richtet man die Aufmerksamkeit auf den fixierten Punkt (z.B. beim Lesen).
Posner et al. (1978)
Sie konnten experimentell zeigen, dass die Probanden die visuelle Aufmerksamkeit vom
Fixationspunkt weg verlagern konnten.
Dies konnten sie durch erhöhte Reaktionszeiten zur Erkennung eines Stimulus der, nachdem sie
seitenangebendes Warnsignal bekamen, auf der falschen Seite auftauchte.
Diese Reaktionszeiten waren entsprechend kürzer, wenn der Reiz auf der erwarteten Seite
auftauchte; bei keinem vorangegangenen Hinweisreiz war lag die Reaktionszeit etwa mittig
zwischen den anderen.
 Aufmerksamkeit muss nach Warnreiz, bei konstantem Fixationspunkt, verschoben
worden sein.
Posner et al. (1980)
Experiment: Sie konnten zeigen, dass der Mensch seinen Aufmerksamkeitsfokus um bis zu 24°
von der Fovea ablenken konnten.
Im Normalfall werden allerdings die Augen mitbewegt, bei der Verschiebung von
Aufmerksamkeit.
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Posner (1988):
Kontrolle d. Augenbewegungen setzt extra-foveale Aufmerksamkeit voraus, da ansonsten
keine interessanten Regionen ausgemacht werden können.
Merke: Unsere Aufmerksamkeit liegt auf einem einzigen Teil des visuellen Feldes. Üblicherweise
(aber nicht immer) fixieren wir den Teil des visuellen Feldes, auf dem unsere Aufmerksamkeit
liegt.
Die Spotlight-Metapher
Die visuelle Aufmerksamkeit wird im Rahmen dieser Theorien als „Spotlight“ betrachtet,
das in seiner Größe allerdings um mehrere Grad variieren kann.
Je „größer“ das Spotlight, desto schlechter ist die Verarbeitung d. Information dieses Ausschnitts.
Bei Verengung  maximale Verarbeitungskapazität auf diesen Ausschnitt, aber auch längere Zeit
um Aufmerksamkeit zu verschieben (s.o. Exp. Posner)
LaBerge (1983)
Experiment: Probanden sahen Ketten von 5 Buchstaben (1,77° Sehwinkel), und mussten
Einschätzungen über die Lage des mittleren Buchstaben bezüglich d. Alphabets festellen.
 Aufmerksamkeit auf mittlere Stelle
Gelegentlich kamen keine Buchstaben, sondern entweder eine 7, ein T oder ein Z (auf
unterschiedlichen Positionen)
 Probanden sollten feststellen, ob 7 oder nicht 7 zu sehen war
Ergebnis: Die Zeiten zur Feststellung ob 7 oder nicht, waren bei zentraler Lage des
Reizes am kürzesten und am längsten an den Extrema (auch die lagen noch in der Fovea,
Abb. 3.6).
Neisser & Becklen (1975)
Experiment: Analogon zu „Shadowing“-Aufgaben um auditiven Bereich
Probanden sahen 2 übereinandergeblendete Filme und sollten einem folgen und auf
ungewöhnliche Ereignisse (z.B. Pause d. gezeigten Tätigkeit) achten.
Ergebnis: Die Probanden konnten jeweils eine Episode zu verfolgen und auf
Ungewöhnlichkeiten achten; dies klappte nur schlecht bei 2 verfolgten Episoden.
 Probanden konnten die Aufmerksamkeit/Augen so bewegen, dass die krit. Elemente einer
Episode auf die Fovea und das „Spotlight“ fielen.
Andererseits konnten sie durch Berücksichtigung d. Inhalts der verarbeiteten Ereignisse immer
einem Ereignis/einer Episode folgen.
 Die körperlichen Hinweisreize (krit. Elemente) erleichtern die Verarbeitung der krit.
Episode; dies wiederum erleichtert es festzustellen, wohin die Augen bewegt werden
müssen, um mehr körperliche Hinweisereize zur Verarbeitung zu erhalten usw.
Merke: Die Aufmerksamkeit kann auf wenige Grad des visuellen Feldes fokussiert werden. Um
ein bedeutungshaltiges Ereignis zu verarbeiten, kann der Aufmerksamkeitsfokus über dem
visuellen Feld bewegt werden.
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Die neuronale Grundlage visueller Aufmerksamkeit
Bei der visuellen Aufmerksamkeitsausrichtung auf einen bestimmten Raum wird, genau wie bei
der auditiven Aufmerksamkeit, das zugehörige corticale Signal verstärkt. (nach 70-90ms)
Mangun et al. (1993) konnten bei Probanden, die ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Orte
des visuellen Feldes lenken sollten (bei konstantem Fixationspunkt in der Mitte), zeigen, dass die
Aktivität in den jeweilis zugeorndenten Regionen des visuellen Cortex besonders anstieg. (z.B. bei
Aufmerksamkeit nach rechts steigt links die Aktivität)
 eine verstärkte neuronale Verarbeitung erfolgt in Bereichen des vis. Cortex, der in
Bezug zur Aufmerksamkeitsausrichtung steht.
 entspricht Theorie der „Frühen Auswahl“ (Vgl. auditive Aufmerksamkeit)
Auswahl geschieht nach physik. Eigenschaften und auf der Basis von Orten im Raum.
Merke: Wenn die Aufmerksamkeit auf bestimmte Raumregionen gerichtet wird, dann ist eine
verstärkte neuronale Verarbeitung in den Teilen des visuellen Cortex festzustellen, die mit diesen
Raumregionen korrespondieren.
Das visuelle sensorische Gedächtnis
Bei der kurzzeitigen Betrachtung (50ms) einer Buchstabentafel (z.B. 12 Buchstaben in 4erReihen) mit dem Fokus auf die Mitte der Tafel werden von den Probanden danach ca. 3-6
Buchstaben erinnert.
Sperling (1960) variierte diese Bedingung in einem Experiment:
Teilberichtsverfahren: Durch einen akustischen Reiz wurden die Probanden nach der
Reizdarbietung auf eine bestimmte zu replizierende Reihe hingewiesen.
 Die Probanden erinnerten beinahe alle Items einer Reihe
 Da sie vorher nicht wussten welche, postulierte Sperling eine Art visuellen
Kurzzeitspeicher (analog zum echoischen Gedächtnis)
 Bei Aufmerksamkeitszuwendung zu einer best. Reihe verblassten die Items nicht,
sondern konnten genannt werden.
 Das akust. Signal muss jedoch möglichst schon nach 1 Sekunde erfolgen, sonst ist
alles bereits verblasst.
 Es scheint einen kurzen visuellen sensorischen Speicher zu geben
Visueller sensorischer Kurzzeitspeicher:
Bei Aufmerksamkeitszuwendung zu Infos im Speicher können diese wiedergegeben werden.
Bei weißem Hintergrund nach Reizexposition bleibt die Info kürzer erhalten als bei schwarzem
Hintergrund (1s vs. 5s)  spezieller visueller Charakter
Bei neuer Tafel nach Reizexposition wird komplett überschrieben
Neisser (1967) nannte diese kurzlebige Info auch „Icon“  ikonisches Gedächtnis (analog zu
echoischem Speicher)
Die Zumessung von Bedeutung zu diesem „ikonischen“ Gedächtnis ist sehr unterschiedlich:
Nach Sakitt ist es quasi ein „Nachbildeffekt“ (siehe Sinnesphysiologie  ), Haber (1983)
betrachtete es als alltagsirrelevant und Coltheart sah in den „Icons“ eine wichtige Komponente
der Info-Verarbeitung.
Merke: Visuelle Informationen werden in einem visuell-sensorischen Kurzzeitspeicher abgelegt.
Wir haben durch Aufmerksamkeitsprozesse Zugriff auf darin enthaltene Items und können sie
verarbeiten.
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Mustererkennung und Aufmerksamkeit
Merkmals-Integrations-Theorie von Treisman
Postulat: Bevor Merkmale zu Mustern zusammengesetzt werden können, muss die
Aufmerksamkeit auf den Stimulus gelenkt werden.
Exp.:
Erkennen eines Ts aus vielen Is und Ys (Abb 3.11)  ca. 400ms; es muss nur auf QuerstrichMerkmal geachtet werden muss
Erkennen eines Ts aus vielen Is und Zs  ca. 800ms; hier musste der vertikale Strich mit dem
Querstrich verbunden werden
Bei der 2. Bedingung hatte auch die Anzahl der Distraktoren (Is, Zs) einen signifikanten Einfluss
 spricht für das Postulat der M-I-Theorie: Anscheinend muss eine Stelle, um eine
Verknüpfung von Merkmalen (z.B. beim T) auszumachen, fixiert werden; im Gegensatz
dazu konnte bei einem einzelnen Merkmal eine Entscheidung über das Vorhandensein
sogar ohne Kenntnis des genauen Ortes getroffen werden.
Experiment von Treisman % Schmidt (1982)
Merkmalskombinationen bei Stimuli außerhalb des Aufmerksamkeitsfokus:
Probanden sollten schwarze Zahlen, die in einem best. Bereich d. visuellen Feldes auftauchten,
identifizieren. ( Fokus auf den Bereich)
In einem anderen Teil d. visuellen Feldes wurden farbige Buchstaben eingeblendet.
Nach der Zahlidentifikation sollten die Buchstaben und deren Farben angegeben werden, was zu
ca. 50% zu falschen Kombinationen führte (bei richtigen Buchstaben bzw. Farben)
 Merkmalskombination (Buchstabe zu Farbe) verlangt nach einer Zuweisung des
Aufmerksamkeitsfokus; die Merkmale werden sonst zwar gut wahrgenommen, aber
falsch kombiniert.
Kontroversen gibt es allerdings um die Anzahl der Merkmale, auf die Aufmerksamkeit gelenkt
werden kann.
Merke: Die Merkmalsinformation muss sich im Zentrum unserer Aufmerksamkeit befinden, um
zu einem Muster zusammengesetzt zu werden.
Neglect des visuellen Feldes
Rückblick: Auf einen best. Ort gelenkte visuelle Aufmerksamkeit führt zu verstärkter neuronaler
Aktivität im zugehörigen Teil d. primären visuellen Cortex.
Die neuronalen Strukturen, welche die Kontrolle der Aufmerksamkeitsverschiebung innehaben,
liegen in anderen Strukturen.
 Affenexperimente: Colliculus superior, der hintere Parietallappen, Pulvinar
Posner et al. (1984)
Experiment: Menschen mit Parietallappen-Schädigungen hatten Schwierigkeiten Aufmerksamkeit
von einer Seite auf die andere zu verlagern.
Schädigung rechts: Erschwerte Verschiebung von rechts nach links
Schädigung links: Erschwerte Verschiebung von links nach rechts
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Die Probanden erhielten wie schon 1978 einen Warnreiz, der zu 80% die Seite des Auftretens
eines Reizes angab und maß die Reaktionszeiten bei verschiedenen Konstellationen (s.o.)
Bei Personen mit einem geschädigten rechten Parietallappen war z.B. die Reaktionszeit für einen
rechts angekündigten, aber links auftauchenden Stimulus deutlich erhöht (Abb. 3.13).
 es konnte herausgestellt werden, dass dies dem klinischen Phänomen der visuellen
Löschung gleicht. (Schädigung d. parieto-occipitalen Cortex)
z.B. Schädigung links  keine Schwierigkeiten mit der Zuweisung von Aufmerksamkeit auf die
rechte Seite;  wenn aber links ein Reiz zusätzlich “angeboten”, dann kann das Objekt auf der
rechten Seite nicht mehr wahrgenommen werden.
Extremere Form: unilateraler visueller Neglect (siehe Biologische Psychologie)
Merke: Patienten mit einer unilateralen Schädigung des Parietallappens haben Schwierigkeiten,
die Aufmerksamkeit auf jene Hälfte des visuellen Feldes zu lenken, die durch diese Hirnregion
gesteuert wird.
Objektzentrierte Aufmerksamkeit
Es gibt Belege, dass Aufmerksamkeit, anders als bislang beschrieben, nicht nur auf Räume
sondern auch auf Objekte gerichtet sein kann; dies kann mit oder ohne Augenbewegungen
geschehen.
Experiment von Behrmann et al. (1988)
Bei zwei gekreuzten „Objekten“ waren an jeweils 2 der insgesamt 4 Enden unterschiedliche
Anzahlen von Einbuchtungen (siehe Abb. 3.15), welche von den Probanden auf die
Übereinstimmung der Anzahl hin überprüft werden sollten.
Ergebnis:
Die Probanden konnten ihre Entscheidungen schneller fällen, wenn an den gegenüberliegenden
Seiten eines Objektes die Einbuchtungen waren, waren an jedem der Objekte an einem Ende
Einbuchtungen, konnte die Entscheidung trotz größerer räumlicher Nähe nur langsamer
getroffen werden.
 spricht für die Hypothese, dass Aufmerksamkeit auf Objekte gerichtet ist; bei
notwendiger Verschiebung dauert es dann entsprechend länger.
„Hemmung der Rückkehr“ – Phänomen (inhibition of return): Wenn man auf eine best.
Raumregion geblicht hat, fällt es schwerer mit der Aufmerksamkeit erneut zur gleichen Region
zurückzukehren.
Experiment von Tipper et al (1991):
1. In einer Anordnung von 3 Quadraten blinkte zuerst das rechte, 200ms später das mittlere.
Wenn nun wieder eines der äußeren Quadrate blinkte, dann war die Reaktionszeit der Probanden
höher, wenn erneut das rechte Quadrat blinkte, im Gegensatz zum linken (40ms Differenz)
 Über Raum definierte Hemmung der Rückkehr
2. Beim prinzipiell gleichen Aufbau rotierten diesmal die Quadrate im Uhrzeigersinn:
Das rechte Quadrat, das zuerst blinkte, war nun zum Zeitpunkt des 2. Blinkens auf der
gegenüberliegenden Seite. Wenn beim 2.Blinken das linke Quadrat blinkte, war hier die
Reaktionszeit um 20ms langsamer als beim wenn das rechte (vorher linke) blinkte
 Hemmung zur Rückkehr zum selben Objekt und nicht zum selben Ort
Bei Patienten mit einem Neglect gibt es z.B. viele, die z.B. nur die linke Seite eines Objektes nicht
wahrnehmen, egal in welchem Teil d. visuellen Feldes man sich befindent.
 objektzentrierte Aufmerksamkeit
Merke: Die visuelle Aufmerksamkeit kann auf Objekte gelenkt werden, unabhängig von deren
Raumposition.
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Ein zentraler Flaschenhals
Kann man 2 verschiedene Aufgaben, deren Stimuli über verschiedene Modalitäten dargeboten
werden, parallel verarbeiten?
Experiment mit dual-task (Zweitaufgaben)
Karlin & Kerstenbaum (1968):
Die Probanden sollten 2 Aufgaben, die jeweils das Drücken einer von zwei Tasten durch einen
bestimmten Finger einer Hand beinhalteten, ausführen, wobei sie mit der ersten beginnen sollten.
Die erste Aufgabe wurde über einen visuellen Stimulus und die zweite über einen akustischen
Reiz „gestartet“.
Die Zeit zwischen den Stimuli variierte zwischen 90ms und 1150ms.
Die erste Aufgabe wurde unabhängig von der Zeit zwischen den Stimuli in ca. 400ms ausgeführt
 verständlich, da diese zuerst ausgeführt werden sollte.
Die zweite Aufgabe war abhängig vom Intervall zwischen beiden Reizen.
 ein „Flaschenhals“ ist vorhanden
Bei kurzen Zeiten ist die Ausführung der 2. Aufg. verzögert, da die erste noch abgeschlossen
werden muss.
 Interferenz zwischen beiden Aufgaben
Es zeigte sich allerdings, dass sie ca. um 60ms überlappen: Der auditive Stimulus wird schon mal
enkodiert, während die 1. Aufgabe noch abgeschlossen wird.
Bei der Enkodierung wird dann ein „zentraler Flaschenhals“ erreicht, der sie daran hindert, mit
der 2.Aufgabe fortzufahren.
 die Aufgaben können nicht komplett parallel, müssen aber auch nicht komplett
disjunkt ablaufen
 der „zentrale Flaschenhals“ tritt bei der Denkarbeit für die 2. Aufgabe auf; die
simultane Verarbeitung jedoch ist kein Problem bei zwei nicht konfligierenden
Modalitäten.
Gleichzeitiges Ausführen zweier Aufgaben ist aber dennoch möglich, z.B. wenn eine der beiden
hoch automatisiert ist (z.B. Autofahren)
Merke: Wir können mehrere perzeptuelle Modalitäten gleichzeitig verarbeiten oder mehrere
Aktionen gleichzeitig ausführen, aber wir können nicht über zwei Dinge gleichzeitig nachdenken.
Automatisiertheit
Von Automatisierung einer Aufgabe spricht man, wenn die zentrale kognitive Komponente
durch Training so reduziert ist, dass die Aufgabe mit wenig oder keinem Denkaufwand
durchgeführt werden.
Spelke et al. (1976)
Probanden sollten still einen Text lesen und dabei diktierte Wörter aufschreiben.
 anfangs ging die Lesegeschwindigkeit stark runter
 nach ca. 6 Wochen: normale Lesegeschwindigkeit bei gleichem Verständnis; sie
berichteten von unbewusstem Schreiben der diktierten Wörter
 wie z.B. beim Autofahren verloren sie das Bewusstsein über die automatisierte
Aktivität
Die verschiedene perzeptuellen und motorischen Systeme sind untereinander und von der
zentralen Kognition unabhängig; sie können parallel arbeiten.
Jedes System für sich ist allerdings seriell, was z.B. dazu führt, dass z.B. zwei motorische Systeme,
welche beide die zentrale Kognition zur Koordination benötigen, nicht parallel laufen können.
 Zentrale Kognition als „Flaschenhals“
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Aber auch z.B. innerhalb eines peripheren Systems können nicht 2 Aufgaben parallel laufen, wie
z.B. zwei Räume gleichzeitig fokussieren.
Merke: Mit steigender Übung wird eine Aufgabe stärker automatisiert und erfordert dadurch bei
ihrer Ausführung zunehmend geringer zentrale Kognition.
Der Stroop-Effekt
Weiteres Merkmal automatisierter Prozesse (neben der geringen
Aufmerksamkeitserfordernis): Die Ausführung kann nur schwer unterbrochen werden.
Beispiel: Lesen
konkreteres Beispiel: Benennen der Druckfarbe von Farbwörtern, ohne das jeweilige, nicht
immer zur Druckfarbe „passende“ Farbwort vorzulesen.
Experiment von Stroop (1935):
Probanden sollten eben diese oben beschriebene Aufgabe durchführen, wobei hier auch neutrale
„Nicht-Farb-Wörter“ eingebaut waren.
Abb. 3.18 zeigt, dass bei der Kongruenz von Farbwort und Farbe eine geringere Zeit benötigt
wurde, als bei der Kontrollwortgruppe.
Die mit Abstand längsten Reaktionszeiten liegen jedoch dann vor, wenn die Druckfarbe und das
Farbwort zueinander im Konflikt standen.
 Lesen ist derart automatisiert, dass es (es kam auch zu Fehlern) in der
Konfliktbedingung oft sehr schwer fällt, die Farbe zu nennen und eben nicht zu lesen
 Beim Lesen der Wörter zeigten sich kaum unterschiede in den 3 Bedingungen 
spricht für den hochautomatisierten Charakter von „Lesen“
MacLeod & Dunbar (1988)
Exp. zu Übungseffekten bei Stroop-Tasks
Probanden sollten bestimmte Formen nach zugeordneten Farbwörtern benennen lernen.
Anschließend sollten sie bei bei best. Formen entweder die Druckfarbe oder die zugeordnete
Farbe benennen. Als Kontrollbedingung gab es weiße Formen für die Benennung der Form und
farbige Quadrate (mit keiner Farbe assoziiert) für die Farbnennungsaufgabe.
Ergebnisse:
In einem ersten Durchgang zeigte sich eine von der Form relativ unbeeinflusste Farbbenennung
aber eine deutlich von der Farbe abhängige Formbenennung
 die Konfliktbedingung war deutlich langsamer als die anderen.
20 Übungstage später zeigte sich in einer 2. Erhebung der umgekehrte Effekt:
Die Formbenennung war unabhängig von der Druckfarbe, aber die Farbbenennung war stark
abhängig von der Form (langsamer in Konfliktbedingung) (Abb. 3.20)
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Schlussfolgerungen
Die „historische“ Annahme, dass Aufmerksamkeit stets ein bewusster Prozess ist, kann revidiert
werden, denn viele Aufmerksamkeitsphänomene scheinen stark unbewusst zu sein (z.B.
Augenbewegungen)
Ebenfalls muss revidiert werden, dass die Aufmerksamkeit ein einheitliches System ist.
Hier wurde deutlich, dass man sowohl auditive und visuelle, als auch Aufmerksamkeit in der
perzeptuellen Verarbeitung und der Reaktionserzeugung unterscheiden muss.
Das Gehirn kann als Reihe parallel laufender Systeme mit unterschiedlichen
Zuständigkeitsbereichen verstanden werden, wobei alle Systeme (perzeptuelle, motorische,
zentrale Kognition) durch einen sog. „Flaschenhals“ eingeschränkt sind und sich auf einen Task
fokussieren müssen.
„Aufmerksamkeit lässt sich als ein Prozess verstehen, durch den jedes dieser Systeme
den eventuell konkurrierenden Anforderungen der Informationsverarbeitung zugeordnet
wird.
Die Höhe der Interferenzen zwischen Aufgaben ist eine Funktion der Überlappung der
Anforderungen, die diese Aufgaben an dasselbe System richten.“ (Anderson, S.105)
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