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Das Chmelir-Mysterium

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Treu-Justizthriller DOKU
Um ein Gefängnisausbruch und die wahren Folgen
Das
Chmelir
Mysterium
In Paradoxie der Logik
@Copyright_JCC_2020
Die
Der
Strafsache
Prozess
6 Vr 1998/89, LG Graz
28. Juni 1991
Veröffentlicht 2020/April: Johann S. Pieber
(Hinweis für die Website: bei anklicken öffnen die Ausschnittbilder in voller Größe im eigenen Fenster)
Bei dieser DOKU geht es um einen höchst dramatischen Kriminalfall im Zusammenhang
eines Gefängnisausbruches August 1989 aus der Strafanstalt Graz-Karlau und der
vermeintlichen Geiselnahme der Ehegattin eines Oberregierungsrates der steirischen
Landesregierung, deren tatsächlichen Verlauf und Tragweite von der Justiz und von der
Öffentlichkeit bis heute in wesentlichen verschwiegen bzw. einseitig und verzerrt gegen den
mutmaßlichen Täter negativ gerichtet berichtet wird, obwohl die Gerichtsakten beim LG
Graz zu GZ: 6 Vr 1998/89, Hv 5/90 eine bisher ungeahnte und unvorstellbare Tragödie,
Dramatik und Verschwörung (ver)birgt.
https://de.wikipedia.org/Justizanstalt_Graz-Karlau#Besondere_Ereignisse
Der Leser wird bald feststellen, dass die Angelegenheit in besonderer Weise dazu verleitet
die Objektivität, also einen klaren und nüchternen Verstand zur Sache zu verdrängen und
stattdessen die Emotionen hochgehen zu lassen, weil es hochbrisant und unvorstellbar ist.
Ich bin kein Autor oder ein sonstiger Vielschreiber. Trotzdem benötige ich nur 23 Seiten um
die brisante Angelegenheit nachvollziehbar zu dokumentieren. So einfach ist es – ein
Wahnsinn!
Die Politiker-Ehefrau (in folgenden Ina P.), laut eigenen Angaben zwei tagelang Geisel- und
Vergewaltigungsopfer des Gefängnisausbrechers Juan Carlos Bresofsky-Chmelir (in
folgenden Chmelir) hält sich fast ständig mit dem flüchtigen Häftling auf der Straße in
belebten Orten und Städte auf, unmittelbar unter dutzenden Passanten und zahlreichen
Personen in Privathäuser, in Supermärke und in Cafelokale und begeht wiederholt mit dem
flüchtigen Häftling Autostopp und erscheint dann mit einer Selbstanzeige des flüchtigen
Häftlings bei der Klagenfurter Polizei - und das Grazer Gericht verdonnert in der Folge den
Häftling in einen unvorstellbaren Prozess zu einer drakonischen Zusatzhaftstrafe von 18
Jahren.
Blättert man durch die gegenständlichen Gerichtsakten, so glaubt man sich unausweichlich
in die Ära der Grazer NS-Justiz zurückversetzt (Medienartikel 44.).
Denn die Verurteilung des Angeklagten zu einer 18-jährigen Zusatzhaftstrafe ruht mit vollem
Vorsatz der Verfahrensverantwortlichen auf Unterdrückung der polizeilichen und
gerichtlichen Ermittlungen sowie der Beweissicherung zur Sache und somit auf keinen
ordentlichen Beweisverfahren, weder im Vorverfahren noch in der Hauptverhandlung.
Hier liegt nicht nur von den Verfahrens- und Prozessverantwortlichen Amtsmissbrauch in
kollektiv vor, sondern auch Meineid der Geschwornen, die stillschweigend weggeschaut
haben.
Dass die vermeintlich geschädigte Ina P. Mutter ist und Ehegattin eines mittlerweile
verstorbenen hohen Landespolitikers war, aber auch das Vorleben Chmelirs rechtfertig
nicht die Vorgehensweise des Grazer Gerichtes und der Obergerichte den Beschuldigten und
Angeklagten sämtliche Verfahrens- und Prozessrechte beraubt zu haben und vorsätzlich
wider seine wahre Schuld zu verurteilen, jedenfalls nicht in einen demokratischen
Rechtsstaat.
Der gegenständliche Gerichtsakt spricht Bände dafür, dass das Grazer Gericht und die
Obergerichte zur Sache nach Klassenjustiz agierten sowie rein emotional und schwer
befangen, weil Ina P. Ehefrau eines hohen Politikers war.
Der Umstand der Emotionalität und der Befangenheit dürfte von Gerichtspersonen auch für
öffentliche Kommentare als auch von den Medien bezüglich der Berichterstattung zur Sache
massiv dazu ausgenützt worden sein, um gegen den Beschuldigten negativste Stimmung zu
machen sowie zur Verschleierung der Tatsachen durch Vorverurteilung.
Deswegen werde ich hier zur Dokumentation mit negativen Schlagzeilen in Medienartikeln,
die Chmelir in besondere Weise in schlechtem Licht rückt nicht sparen, aber auch nicht mit
Zweifel und Kritik gegen Ina P. als vermeintliches Opfer, um die Dimension und Kontrast
zwischen Fiktion und Realität des wahren Geschehens hervorzuheben.
Mutter und Ehefrau eines Politikers zu sein hebt die Rechtsstaatlichkeit nicht außer Kraft,
denn die dunklen Seiten in Menschen haben immer wieder gezeigt, dass bedauerlicherweise
auch Mütter zu allen fähig sein können. Von Tötung ihrer eigenen Kinder bis zum Raubmord
aus niedrigsten gründen http://www.nachrichten.at/Fuenffache-Mutter-wegen-Mordesverurteilt
Zu den Tatumständen gehört auch, dass Ina P. Zufallsopfer des flüchtigen Häftlings war, so
dass Chmelir nicht wissen konnte, das sie Mutter ist und Ehefrau eines hohen Grazer
Landespolitikers.
Schließlich bereute Chmelir seine Straftaten gegenüber Ina P. zutiefst, verfasste eine
Selbstanzeige zur Sache (07.) und ließ Ina P. aus freien Stücken zur Polizei gehen.
Damit soll sein „wahres“ verschulden nicht beschönigt werden, wohl nur Fakten und
Tatsachen erwähnt werden, die selbst von Ina P. bestätigt werden (09.).
Daher sollte man zur Sache Emotionen und Befangenheit beiseiteschieben und die
Angelegenheit objektiv und sachlich betrachten und nach rechtsstaatlichen Prinzipien
(be)urteilen.
Denn allein schon aus wenigen Gerichtsunterlagen lässt sich konkret nachweisen und
belegen, dass der Chmelir-Prozess vom 28.6.1991 beim Landesgericht Graz eine
Verschwörung aller beteiligten des Schwurgerichtes gegen den Angeklagten war,
Geschwornen und Pflichtverteidiger inbegriffen (Hv-Protokoll 01., Zeugenprotokolle 08.
10. 11., Schuldspruch der Geschwornen 40., Strafurteil 41., Berichtigungsantrag 23.).
Der Beschuldigte hatte von Anfang an keine Chance auf ein faires Gerichtsverfahrens und
Urteil. Das Grazer Gericht hatte offensichtlich nur eines im Sinn: die wahren Tatumstände
durch Unterdrückung der Vorermittlungen und der Beweissicherung zu vertuschen und den
Angeklagten mit allen denkbaren Mitteln schuldig zu sprechen und zu verurteilen, weil die
Wahrheit offensichtlich tragisch, dramatisch und unvorstellbar ist – zusätzlich
dramatisiert durch ein Komplott-Prozess gegen den Angeklagten.
Denn speziell der schwersten Kapitalverbrechen an Ina P., die den Beschuldigten zu Lasten
gelegt wurden und die teilweise in öffentlichen und privaten Orten unter dutzenden
Personen geschehen sein sollten (schwerer Raub, mehrfacher Vergewaltigung unter
besonderen Qualen und Erniedrigung, Freiheitsberaubung und schwerer Nötigung unter
besonderen Qualen sowie leichte Körperverletzung), wurden die Vorermittlungen und die
Sicherung von Beweise von den Polizei- und Gerichtsbehörden höchst-verdächtigerweise zur
Gänze unterdrückt.
Die Intention der Ermittlungsbehörden diesbezüglich weder die Tatorte zu lokalisieren noch
unmittelbar vor Ort Beweise zu sichern, ist eigentlich nicht schwer durchzuschauen und zu
beweisen.
Zum einen hätten die Ermittlungen keine gute Optik auf Ina P. als Ehefrau eines Politikers
geworfen mit einen Gefängnisausbrecher in der breiten Öffentlichkeit herumspaziert zu
haben und unter anderem auch in Cafelokale ein und aus gegangen zu sein.
Und zum anderen hätten die Ermittlungen und die gesicherten Beweise (dutzende
Augenzeugen) mit höchster Wahrscheinlichkeit nach Chmelir erheblich entlastet, mitunter
sogar von dem Hauptanklagepunkte freigesprochen, wie unten näher erläutert.
Geradezu lächerlich penibel ermittelt und beweise gesichert wurden allerdings nur an
unbedeutende Orten, wo Chmelir nach seiner Flucht aus der Strafanstalt vor und nach der
vermeintlichen strafbaren Handlungen an Ina P. kleinere Diebstähle in Schrebergartenhütten und in Wochenendhäuser begangen hatte, um sich Nahrungsmitteln und Bekleidung
zu besorgen, wofür er sich sogar entschuldigte (51. S. 3 - 5).
Da wurde ein großer kriminalistischer Aufwand betrieben und Chmelir sogar vor Ort zur
Lokalisierung der Orten- und Objekte der Einbruchsdiebstähle ausgeführt (12. S. 17 u. 13. S.
1-6), wobei die geschädigten der Einbruchsdiebstähle sogar zum Prozess als Zeugen
vorgeladen wurden (14. S. 2 u. 3), während rund herum der Örtlichkeiten und Objekte im
Zusammenhang der vermeintlichen strafbaren Handlungen an Ina P. einen großen Bogen
gemacht wurde, teilweise unter persönlicher Anweisung des zuständigen Untersuchungsrichters (30.). Unglaublich!
Vorgeschichte
Am 02. August 1989 brachen drei Häftlinge aus der Justizanstalt Graz-Karlau aus. Darunter
der bereits seit 11 Jahren wegen Bank- u. Postüberfälle sowie wegen erschießen eines
Postbeamten einsitzenden Strafgefangenen Juan Carlos Chmelir, geborener Bresofsky am
08. Juni 1949 in Uruguay (Medienartikeln 28. 48.).
Bei Chmelir handelt es sich in der Tat um keinen gewöhnlichen Häftling, sondern er hat eine
fatale Vorgeschichte als Heimopferkind der 1960er Jahre (03.). Näheres zu seiner Kindheit
in Uruguay und über seinem erlebten Terror in den Heimen und Jugendgefängnisse
in Österreich, schrieb er in seiner Memoiren „Integration der Gewalt“ (04.).
http://kurier.at/methoden-wie-in-konzentrationslagern http://kurier.at/der-schatten-der-nazis/
https://kurier.at/rekordhaeftling-fordert-heimopferrente
Aus dem Heimopferkind erwuchs jedenfalls ein Rebell, der mitten aus dem Gefängnis heraus
– mit erstaunlichen Erfolg - spektakulären Protestaktionen und Gefängnisausbrüche
organisierte, um das österreichische Vollzugssystem in der Öffentlichkeit anzuprangern und
zu politisieren (Medienartikeln 05. 06.).
http://www.noen.at/Ex-Haeftlingsfuehrer
Geradeheraus gesagt kann man durchaus behaupten, dass Chmelir mit der Justizwache und
mit den Vollzugsbehörden mitten aus dem Gefängnis heraus regelrecht und erfolgreich Kauz
und Maus gespielt hat. Dumm ist dieser Mann sicher nicht.
Jedenfalls ist es ein offenes und glaubhaftes Geheimnis, das Chmelir bei der Justizwache
sowie bis obenauf der Vollzugsbehörden ein verhasster Häftling ist, der die Justiz bis heute
noch immer wieder auf Trab hält und anprangert. Heute mit Eingaben über Missstände im
Gefängnis bis zu Amtshaftungsklagen gegen die Republik (Medienartikeln 45.).
Bei Missständen in den österreichischen Gefängnissen ist der Name Juan Carlos Chmelir als
Kritiker und Medieninformant untrennbar mit-verbunden. Dementsprechend glaubwürdig,
dass das Leben Chmelir hinter Gittern als unbeliebter Häftling der Justizwache und
Vollzugs(ober)behörden nicht unbedingt rosig sein kann und sein wird, wird er von der
Justiz und Medien wegen seiner Protesthaltung und Kritik gerne auch als Staatsfeind Nr. 1
tituliert.
http://www.oe24.at/Alle-wussten-Bescheid http://diepresse.com/Haeftling-warnte-schon-2013
Äußerung Chmelir dazu: “Die Gewalteinwirkung und Gewalterfahrung in staatlichen Heime
und Jugendgefängnisse in den 1960er Jahren, die ich als halbwüchsiger durch
Misshandlungen und Erniedrigungen und einiges mehr durchmachen musste hat mein
Leben und Schicksal negativste geprägt. Noch dazu als ausländisches Kind ohne
Deutschkenntnisse, so dass ich mich nicht einmal verbal verteidigen oder mich jemand
anderen mitteilen konnte. Diese Weise der innerlichen Erstickung werde ich mein Leben
lang nie vergessen und aus meinen Kopf löschen können. Ich bin aus diesem Irrsinn und
Wirrwarr der Destruktivität als Opfer zum Täter geworden. Das entschuldigt keineswegs
meine bisher begangenen strafbaren Handlungen, wofür ich mittlerweile insgesamt mit über
fünfeinhalb Jahrzehnten im Gefängnis büße. Unstrittig ist aber auch, dass ich das geworden
bin, was die damaligen Landes- und Bundesbehörden als Erziehung abertausender
Heimkinder bundesweit stillschweigend toleriert haben, nämlich physischer und psychischer
Gewalt und Tortur mit folgen der Zerstörung des Vertrauens zu Mitmenschen und zu der
Gesellschaft. Und wenn sich heute die Behörden damit rechtfertigen versuchen, dass wegen
der Heimerlebnisse keiner kriminell werden muss, so verleugnet und verdrängt sie die
Realität. Denn aberhunderte Heimkinder, die damals auf der Flucht vor den Horror in den
Heimen waren, waren zu überleben regelrecht gezwungen um Nahrungsmittel, warme
Bekleidung sowie um eine warme Unterkunft am Straßenmilieu mit Diebstählen oder am
Straßenstrich durchzukommen. Als gejagter war anders kein überleben möglich, denn
gingen wir zu unseren Eltern stand die Polizei schon vor der Haustür. Als Folge landeten wir
dann zu hunderten in Jugendgefängnisse, wo die Tortur weiterging. Anstatt psychologische
und therapeutische Betreuung und Behandlung der innerlichen Verletzungen, die wir
Heimkinder mitschleppten, gab es weiterhin prügeln. Eine fatale Kettenreaktion, die man
nicht entkommen konnte, weil die innerlichen Schäden immer schlimmer wurden und weil
damals die Barrieren in der Gesellschaft gegen Heimkinder und Vorbestraften
unüberbrückbar waren. Man wurde zum Außenseiter geprügelt und man blieb Außenseiter
und man kämpfte sich als Außenseiter durch. Nur wenige gelang es durch glückliche
Umstände in einem normalen Leben wieder Fuß zu fassen. Dutzende haben Selbstmord
begangen, unzählige sind infolge der psychischen Verletzungen und Traumatisierung
Drogenabhängig oder sind Kriminell geworden, denn was anderes haben wir in den Heimen
und Jugendgefängnisse zum überleben und für ein vernünftiges Leben nichts gelernt. Dass
ich dann von einem Zeitpunkt an eine Protesthaltung eingenommen habe und Bewegung in
der Sache der Art und Weise der Behandlung von Menschen in der Obhut des Staates
gemacht habe, bereue ich keineswegs. Es war und ist heute noch notwendig das Wort zu
erheben, denn bei der Justizwache und Vollzugs(ober)behörden herrscht teilweise heute
noch der Chorgeist, das Häftlinge ihr Eigentum zum ausbeuten ist und das sie keinerlei
Rechte auf irgendwelchen (Menschen)Rechte hätten. Die KZ-Ideologie wird in den
Katakomben der Republik durchaus teilweise weitergelebt“.
Chmelir begründete seine Flucht vom 2.8.1989 damit, dass er krank war und schmerzen
hatte und das er um sein Leben fürchtete, weil er im Gefängnis keine angemessene ärztliche
Hilfe bekommen hätte sowie weil er vom Gefängnispersonal schikaniert wurde, weil er
Missstände im Gefängnis aufgezeigt hätte (01. S. 13), sodass er keinen anderen Ausweg sah
als zu flüchten, als sich die Gelegenheit dazu anbot.
Wie aus einem Schreiben der Präsidentschaftskanzlei vom 9.5.1990 bestätigt (02.), war
Chmelir zur Zeit seiner Flucht tatsächlich an Schilddrüsenüberfunktion und an
Zwölffingerdarmgeschwür erkrankt. Jeder Arzt würde nur zu gut bestätigen, dass besonders
Schilddrüsenüberfunktion das Nervensystem sehr belastet, die in Verbindung eines
fortgeschrittenen und schmerzhaften Zwölffingerdarmgeschwürs durchaus als eine
ernsthafte Erkrankung einer Person zu sehen ist.
Das soll Chmelir weder entschuldigen noch rechtfertigen, sondern von den Fakten und
Sachlage her gesehen durchaus berücksichtigt werden, das Chmelir tatsächlich aus einen
Zustand der Angst ums eigene Leben aus dem Gefängnis geflüchtet war, berücksichtigt man
hinzu sein negativer Stand bei der Justizwache und Vollzugs(ober)behörden allein schon
wegen seiner weltweit aufsehenerregenden Protestaktion am kirchendach 1983 gegen die
seinerzeit herrschenden Vollzugspraktiken, die selbst das Bundesministerium für Justiz arg
in Misskredit brachte.
Wenn man krank ist und es wird einem ärztliche Hilfe verweigert, gerät man eben in Angst
und unter Druck, insbesondere wenn man Häftling ist und ausschließlich auf einen einzigen
Arzt, nämlich auf den Gefängnisarzt angewiesen ist.
Erstaunlich bei den Schreiben der Präsidentschaftskanzlei ist nebenbei bemerkt, dass sie
Chmelir der Vergewaltigung vorverurteilt noch bevor ein Prozess stattfand und ein
rechtskräftiges Gerichtsurteil vorlag. Offensichtlich von der Medienvorverurteilung Chmelirs
beeinflusst, die seinerzeit Wochenlang verbreitet wurde. Letztere eine besondere
Erkrankung des Staates. Bei der Aufarbeitung und Bewältigung der eigenen
verbrecherischen NS-Vergangenheit bremste sie gewaltigste ein, bei der Vorverurteilung von
Menschen sowie bei der Nichteinhaltung Rechtsstaatlichen Prinzipien und humane Aspekte
ist sie umso eifriger – ein paradoxem.
Zur Strafsache
Nach fünf Tagen auf der Flucht, 7. August 1989, stoppte Chmelir verletzt und erschöpft und
in Verfolgungspanik geraten in der späten Vormittagsstunden ein Personenwagen, bedrohte
die Autofahrerin unter Vorhalt eines Messers vor der Brust und zwang sie zur Fahrt nach
Kärnten zur jugoslawischen Staatsgrenze. Die Autofahrerin war keine geringere als die
Ehegattin eines Oberregierungsrates der steirischen Landesregierung.
Zwei Tage später, 9. August 1989 gegen 09.30 Uhr erging ein Anruf des flüchtigen Häftlings
bei der Kärntner Kronen Zeitung (42.). Gegen 10.30 Uhr erschien dann Ina P. mit einer an
Dramatik kaum zu überbietende Selbstanzeige des Gefängnisausbrechers bei der
Klagenfurter Polizei, legte die Selbstanzeige Chmelir vor (07.) und gab zu Protokoll, das sie
von den flüchtigen Häftling gewaltsam angehalten, mit einen Messer bedroht und verletzt
und zur Fahrt zur Staatsgrenze unter Morddrohungen genötigt wurde sowie das sie von
Chmelir mehrmals sexuell missbraucht wurde (08.), sozusagen auf den ersten Blick ein
hochdramatischer Kriminalfall.
Medienartikel 47.
Bei den später von der Polizei sichergestellten PKW von Ina P. konnten keine verwertbaren
Gewalt- oder Blutspuren vorgefunden werden (26. S. 5 unten), obwohl Ina P. im Auto durch
eine Stichverletzung geblutet haben sollte.
Das Mysterium und der Kuriosität der Strafsache nicht genug, schrieb Ina P. erstaunlicher-
weise 20 Jahre später an das Grazer Gericht eine Eingabe zur Unterstützung der bedingten
Entlassung seines angeblichen Peinigers (09.).
Medienartikeln 27. 28.
Am 14.8.1989 wurde Chmelir schließlich in Klagenfurt wieder gefasst (24.).
Prozedere der Vorermittlungen und Beweissicherung
Die Strafsache wurde beim LG Graz wegen Erpressung, mehrfacher Vergewaltigung,
gefährlicher Drohung, Freiheitsberaubung, Nötigung und Körperverletzung eingeleitet.
Vorweggenommen habe ich bereits, dass weder die Klagenfurter Polizei noch das Grazer
Gericht Ermittlungen zur Sache durchgeführt haben noch beweise gesichert, obwohl aus
dem Polizeiprotokoll der Ina P. vom 9.8.1989 klar hervorgeht (08. S. 5 u. 6), das sie sich mit
Juan C. während die 48 Stunden äußerst auffallend oft in unmittelbaren Kontakt zur
Außenwelt und zu dutzenden Personen aufgehalten hat. Auf der Straße in belebten Orten
und Städte unter zahlreichen Passanten und Autofahrer. In Privathäuser, in Supermärke und
sonstige Geschäfte sowie in Cafelokale und in PKWs per Autostopp.
Als Ehefrau eines hohen Grazer Politikers und als Mitglied der Oberschicht der Grazer
Gesellschaft genoss Ina P. bei den Ermittlungsbehörden des Landesgerichtes Graz
offensichtlich eine Sonderstellung der Unantastbarkeit – zum erheblichen Nachteil Chmelir.
Als Integer und normal denkender Mensch kann ich mir angesichts des Bewegungsprofils in
der breiten Öffentlichkeit beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Ina P. tatsächlich in
der Gewalt und in Geiselhaft des flüchtigen Häftlings gewesen sein konnte.
Umso weniger in Kenntnis, dass die Ermittlungsbehörden mit vollen Vorsatz Ermittlungen
und die Sicherung von Beweise zur Sache zur Gänze unterließen.
Ermittlungen nämlich, die zur Konkretisierung und Objektivierung der Anklagepunkte und
hiermit zur Klärung der Schuldfrage und der Schwere der Strafqualifikation, daraus der
Strafausmaß resultiert von der Strafprozessordnung her verpflichtend gewesen wären, § 3
StPO.
Gerade dieser Umstand der Unterlassung durch die Ermittlungsbehörden schürt den
Verdacht, dass zum Nachteil Chmelir vorsätzlich erhebliche Entlastungsbeweise unterdrückt
und vertuscht wurden.
Denn bei ordentlichen Ermittlungen wären mit Sicherheit dutzende Augenzeugen eruiert
worden (Bewohner der Bauernhäuser, Ein- und Verkäufer der Einkaufgeschäfte, Gäste und
Servierpersonal der Cafelokale sowie der Autobesitzer der Fahrten per Autostopp etc.), die
zur Sache objektiv aussagen hätten können und zur Hauptverhandlung als Zeugen
vorgeladen hätten werden müssen. Es geschah aber weder das eine noch das andere.
Möglicherweise weit mehr Augenzeugen, denn Chmelir schreibt in seiner Memoiren
durchaus glaubhaft, das er und Ina P. neben der Einkaufgeschäfte insgesamt vier Cafelokale
und zwei Bauernhäuser aufgesucht hätten (32. S. 17, 18, 29, 30, 34, 35, 38, 40, 42, 45, 48),
wobei sie im Ort Bleiburg ein und derselbe Caféhaus gleich zweimal aufgesucht hätten,
während Ina P. nur von zwei Cafelokalen und ein Bauernhaus spricht.
Bezüglich ordentlicher Ermittlungen zur Sache ist unerheblich, das Chmelir eine
Selbstanzeige verfasste und vor den Untersuchungsrichter zu keiner weiteren Aussage mehr
bereit war und das er es damit begründete, das er dazu seine Gründe hätte (39. S. 4).
Auch der Umstand, dass sich Chmelir in der Selbstanzeige vom 8.8.1989 der besonderen
Brutalität gegenüber Ina P. belastete (07. S. 1-4), Ina P. dem aber in ihrer Angaben vom
9.8.1989 widerspricht (08. S. 4 unten), hätte in Normalfall spätestens den
Untersuchungsrichter alarmierend müssen, dass es sich mitunter um ein falsches
Geständnis handelt, zumal sich Chmelir schon in seiner Selbstanzeige sowie vor der
Klagenfurter Polizei um die Integrität Ina P. außergewöhnlich große Sorgen machte (12. S. 6
u. 8).
Sehr ungewöhnlich auch, dass sich ein Gangster und Gefängnisausbrecher mehr Sorgen um
sein vermeintliches Opfer macht, als um sich selbst.
Das spricht eigentlich dafür, dass sich Chmelir gegenüber Ina P. jedenfalls von einem
Zeitpunkt an offenbar anständig benommen haben dürfte, was auch vieles anderes mehr
erklären würde. Auch die Eingabe von Ina P. an das Gericht vom 19.4.2009 in der sie
erklärt, das sich Chmelir – entgegen seiner eigenen Interessen – schon damals sehr bemüht
hat, damit sie möglichst unbeschadet zu ihrer Familie zurückkehrt (09.).
In seiner Memoiren schreibt Chmelir ausführlich darüber (32.), sich bei Ina P. wiederholt
entschuldigt zu haben sowie ihr vielen Komplimente und Avancen gemacht zu haben.
Mitunter hat sich Ina. P. von seinen Komplimenten und Avancen imponieren lassen. Es gibt
viele Frauen mit Flair für Gangstern und Abenteuern. Das löst bei vielen Frauen, warum
auch immer Bewunderung und Faszination aus.
Ich habe schon erlebt, dass solche Überlegungen sogar bei Journalisten spontanen Hass
gegen Chmelir auslösten, ohne das sie je in den gegenständlichen Gerichtakten Einsicht
genommen, geschweige denn das sie die Hauptverhandlung beigewohnt hätten.
Schon der simple Gedanke, dass sich zwischen Ina P. und Chmelir etwas Gemeinsames
angebahnt haben könnte, lässt die Geister offenbar verrücktspielen.
Bei dem Mysterium des Kriminalfalles kann man tatsächlich nichts ausschließen. Auch
nicht, das sich zwischen Ina P. und Chmelir mitunter doch eine gewisse gegenseitige
Zuneigung angebahnt hat, die in eine leidenschaftliche Umklammerung mündete.
Das sind keine Spekulationen, sondern Überlegungen dazu die Strafsache und das ganze
Geschehen um diesen Fall regelrecht einlädt, auch wenn man es nicht wahrhaben will.
Chmelir schreibt ja in seiner Memoiren auch darüber, dass Ina P. im Wald plötzlich
herumsprang und geradezu begeistert ausrief: „Stellen Sie sich vor! stellen Sie sich vor! Als
kleines Kind träumte ich von Räuber und Gendarmspiele und jetzt bin ich selber
mittendrinnen“ (32. S. 14 unten, 15 oben).
Wenn das stimmt, dann sind die Tragödie und das Drama aufgelegt und erklärt alles; das
falsche Chmelir-Geständnis, um Ina P. vor kompromittierenden zu schützen; die
Unterdrückung der Ermittlungen und der Beweissicherung zur Sache durch die Polizei- und
Gerichtsbehörden; die unaufgeklärten dunklen Tatumstände und die erheblichen
widersprüchlichen Angaben Ina P.
Für das Mysterium des Kriminalfalles haben mehr oder weniger die Polizei- und die
Gerichtsbehörden selbst gesorgt bzw. verschuldet, indem sie ordentlichen Ermittlungen und
die Beweissicherung zur Sache unterdrückten, ebenso die Verfahrens- und Prozessrechte
des Angeklagten.
Die Polizei und das Grazer Gericht mussten also gewaltige Gründe gehabt haben, die
Ermittlungen und die Beweissicherung zur Sache und die Verfahrens- und Prozessrechte des
Beschuldigten zu unterdrücken, wie sonst ist zu erklären, dass sie ihre Integrität als
Behörden derart riskierten.
Betrachtet wir uns einmal die Angelegenheit aus dem Blickwinkel Ina P. im Vergleich zu
ihrer zahlreichen widersprüchlichen protokollarischen Angaben sowie über die Unlogik
ihres Verhaltens in eine vermeintliche Situation der Todesangst etwas näher an.
Liest man die protokollarischen Angaben von Ina P. vom 9.8., 24.8. sowie vom 16.10.1989
unvoreingenommen und aufmerksam durch (08. 10. 11.), so fällt die Überzeugung nicht
schwer, das dieser Kriminalfall zu einen der tragischsten und dramatischten zählt, der die
Kriminalgeschichte kennt.
Warum? Weil der Verdacht im wahrstem Sinne des Wortes erheblich ist, dass Ina P.
zumindest von einem Zeitpunkt an mit Chmelir freiwillig mitgegangen ist und ihm – aus
welchen Gründen auch immer – beim Fortgang seiner Flucht unterstützte.
Freiwilligkeit deswegen, weil es höchst fragwürdig ist, das Ina P. bei derartigen massiven
Kontakte zur Außenwelt in unmittelbarer Nähe von zahlreichen Passanten und Personen auf
der Straße, in privaten Häuser, in Einkaufgeschäfte, in Cafehäuser sowie wiederholt per
Autostopp unterwegs kein einziges Mal die Gelegenheit zur Flucht oder um Hilfe zu schreien
vorgefunden haben will, befand sie sich nach eigenen Angaben fast ständig in einen Zustand
der Angst und Schrecken und fürchtete sogar um ihr Leben „…man wartet nur mehr auf das
Ende“ (01. S. 39 Mitte).
Eine Frau, die tatsächlich mit einem Messer verletzt und permanent bedroht und mehrmals
vergewaltigt wird und die ständig in Todesangst ist, ergreift sofort die nächstbietende
Chance zu flüchten oder um Hilfe zu schreien und geht sicher nicht mit seinen Peiniger in
der breiten Öffentlichkeit auf der Straße herumspazieren noch ist sie mit dem Täter
mehrmals per Autostopp unterwegs, ebenso nicht ständig in privaten Häuser, in
Einkaufgeschäfte und in Cafelokale – und schreibt später ganz sicher auch nicht eine
Eingabe an das Gericht und unterstützt seine Entlassung.
Umso unglaubwürdiger sind ihrer Angaben auch deswegen, weil eine Frau in Angst und
Schrecken und in Todesangst inmitten der breiten Öffentlichkeit selbst die Aufmerksamkeit
eines Kindes auf sich gezogen hätte, sodass geradezu ausgeschlossen ist, das keine einzige
erwachsene Person was bemerkt und die Polizei unverzüglich alarmiert hätte.
Immerhin behauptete Ina P. die meisten Zeit das Messer am Körper angesetzt gehabt zu
haben (08. S. 6 unten), gleichzeitig kann sie sich nicht erinnern, ob Chmelir sie während die
48 Stunden tatsächlich und wiederholt mit dem umbringen bedroht hätte, falls sie zu
flüchten versuchen würde! (10. S. 7 oben).
An sich eine dramatisch aussagekräftige und selbstentblößenden Aussage von Ina P., die in
besonderer Weise paradox ist.
Paradox, weil sie zunächst behauptet, dass der Täter ihr zur Bedrohung die meiste Zeit das
Messer am Körper angesetzt hat (08. S. 6 unten), gleichzeitig will sie sich aber nicht
erinnern, ob der Täter sie während die 48 Stunden bei einen Fluchtversuch fortwährend mit
dem niederstechen bedroht hat (10. S. 7 oben).
Paradox, weil sie sich im Gegensatz zu ihrer Erinnerungslücke sehr wohl detailliert erinnern
kann, wann und wo der Täter in ihre Scheide oder in ihr Anus einen Samenerguss hatte und
wann nicht (08. S. 4,5 u. 10. S. 5,6).
Geht man zudem davon aus, das Chmelir mitten aus dem Gefängnis heraus, bewacht von
zahlreichen Justizwachebeamten nichtsdestotrotz spektakuläre Protestaktionen, Revolten
und Gefängnisausbrüche erfolgreich organisierte und durchführte, so kann man Chmelir
dann nicht für so blöd verkaufen mit einer tatsächlich in Angst und Schrecken und in
Todesangst befindlichen Frau, die er vorher unter anderem bedroht und mit ein Messer
verletzt und mehrfach vergewaltigt haben sollte ständig in der Öffentlichkeit
herumzuspazieren, ja selbst in Cafehauslokale ein und aus zu gehen.
Bei so ein Vorgehen wäre er selbst jede Sekunde in Gefahr geraten, seine Flucht nicht
fortsetzen zu können und neuerlich festgenommen oder erschossen zu werden, wenn die
Todesangst der Frau plötzlich in Verzweiflungs- und Hilfeschreie explodiert wäre, damit er
jedenfalls und zu jeder Zeit rechnen hätte müssen.
Aber auch die protokollarischen Angaben Ina P., das Chmelir hinsichtlich der sexuellen
Handlungen nicht brutal zu ihr war (08. S. 4 Mitte), ist ebenso alarmierend und unglaublich
und erweckt vielmehr den Anschein, als wenn sie Chmelir zu entlasten versuchen würde.
Wenn Chmelir sexuell nicht brutal zu ihr war, als was dann hat sie die sexuellen Handlungen
an ihr empfunden und erlebt, denn jede Handlung der sexuellen Vergewaltigung stellt ein
Akt der Brutalität dar. Bei der Strafbemessung kommt es dann lediglich auf den Ausmaß der
ausgeübten Brutalität an.
Ina P. glaubte über die zwei Tagen in der Gewalt des Täters ständig in Lebensgefahr
gewesen zu sein, gleichzeitig überlies sie ihr Leben und Schicksal und Leib voll in den
Händen des Täters, obwohl sie in Kenntnis war, dass Juan C. bei einen Postüberfall schon
einmal ein Mensch erschossen hat (08. S. 7).
Sie hatte nur den „Eindruck“, das Juan C. ihr nichts antun würde, wenn sie sich ruhig
verhielte und sie all das macht, was der Täter will (01. S. 39).
Später vor den U-Richter, ohne je hinterfragt zu werden änderte sie dann ihre Aussage von
„Totschläger“ auf „Mörder“ 10. S. 3 oben), weil es offensichtlich für ihr Verteidigung, nie um
Hilfe geschrien zu haben oder einen Fluchtversucht unternommen zu haben passender und
dramatischer klang.
Ina P. überlegte dabei aber nicht, dass Totschlag in Affekt begangen wird, während Mord mit
Vorsatz verübt wird. Ina P. hätte in der Gewalt eines Mörders somit erst recht alle Gründe
gehabt, die sich nächstbietende Gelegenheit zur Flucht oder um Hilfe zu schreien zu
ergreifen, anstatt mit einen Mörder durch die Gegend zu spazieren, Privathäuser
aufzusuchen, Autostopp zu machen und in Geschäfte und in Cafelokale ein und aus zu gehen.
Eindruck allein ist zudem überhaupt kein Garant dafür, insbesondere nicht in der Gewalt
eines Täters der bereits ein Mensch getötet hat, dass der Täter es sich zu jeder Zeit anders
überlegen hätte können und das Opfer schließlich doch tötet, um seine Taten zu vertuschen
bzw. um nicht vom Opfer verraten zu werden.
Kein Mensch, der malträtiert und penetriert wird und der sich in Lebensgefahr glaubt
verlässt sich einzig auf irgendwelchen Eindrücken, sondern ergreift jeden Strohhalm der
Rettung, der sich als nächstes anbietet.
Wenn Ina P. von ihren „Eindruck“ derart überzeugt war, dass der Täter ihr nichts mehr
antun wird, während der Täter gleichzeitig immer wieder über sie herfällt und sie wiederholt
bedroht und vergewaltigt, was hätte noch schlimmeres passieren müssen bis sie endlich um
Hilfe schreit oder zu flüchten versucht!
Die Politikergattin Ina P. mit Kriminalbeamten bei der Nachkonstruktion ihrer Kaperung 46.
1989: 37-jährig und als Landwirtin in bester konstitutioneller Verfassung.
Schlimmer noch: Ina P. hat infolge ihres positiven Eindruckes über Juan C. offensichtlich
bewusst im Kauf genommen, wiederholt sexuell missbraucht zu werden, anders ist ihre
Passivität kaum zu erklären.
Hat Ina P. die Situation mitunter dazu ausgenützt, um unter anderem ihre Abenteuerlust
und ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen? Fand überhaupt eine Vergewaltigung statt!
Zur Erklärung über die Gründe, warum er trotzt jahrzehntelanger Strafhaft nicht entlassen
wird, schildert und verrät Chmelir in seiner Memoiren minutiös (32.), was damals auf der
Flucht wirklich passiert ist.
„Er sei sich schon damals die Tragweite der Tragödie und des Dramas bewusst gewesen, in
der er sich gemeinsam mit Ina P. hineinmanövriert hatte. Ihm sei nichts anderes übrig
geblieben, als ein falsches Geständnis abzulegen, um Ina P. davon rauszuhalten (32. S. 13).
Sein Charakter und die Güte der Frau hätten es nicht anders zugelassen. Sie hätte die
Angelegenheit in Wirklichkeit mehr als Abenteuer erlebt, als ein Verbrechen ihr gegenüber.
Spätestens von dem Moment an, als sie die Grazer Autobahn erreicht hatten und
miteinander das Gespräch fanden. Im Grunde genommen sei er ihr gegenüber nur der
gefährlichen Drohung und der Nötigung zur Fahrt zur Staatsgrenze bei Hart in Gratkorn
schuldig geworden (08. S. 1 u. 2). Alles andere geschah in gegenseitigem Einverständnis,
weil sie durch intensive Gespräche Sympathie und Zuneigung zueinander gefunden hätten.
Sie hätte viel Verständnis für sein Schicksal als Heimopferkind gehabt, aber auch für sein
Bestreben und Initiativen gegen Missstände im Gefängnis. Das fatale an der Sache sei in
Wirklichkeit, dass das Grazer Gericht die Strafsache zur Vergeltung gegen seine Person
missbrauchte und einen dilettantischen Verschwörungsprozess inszenierte, der selbst
nichtjuristischen Personen durchschauen können. Gerade deswegen wolle ihn die Justiz
nicht entlassen, weil sie ein Skandal fürchtet, falls er in der Öffentlichkeit darüber
ausplaudere. Seinerseits hätte er alles getan, um Ina P. nicht zu kompromittieren. Er
bedauere jetzt doch darüber sprechen zu müssen, aber er tue es nicht um Ina P. zu schaden,
sondern nur um auf die wahren Gründe hinzuweisen, warum seine Entlassung stets
abgelehnt wird und warum die Justiz ihm im Gefängnis verrecken lassen will. Im Grunde sei
es wie eine eiserne Gesichtsmaske, die ihm für ewig verpasst werden sollte, damit aus seinen
Mund kein Ton mehr nach außen durchdringen kann“.
Es ist in der Tat höchst fragwürdig, ob Chmelir Ina P. tatsächlich vergewaltigt hat. Dagegen
spricht auch, das Ina P. - laut Frauenarzt – nicht die geringste Verletzung im Genital- und
Analbereich aufwies (10. S. 9 oben). Und das angeblich nach mehrfacher Vergewaltigung
innerhalb 48 Stunden!
Höchst verdächtigt ist auch die widersprüchliche Aussage Ina P. vom 9.8.1989, dass Chmelir
die Selbstanzeige am 8.8.1989 nachmittags am Rastplatz im Wald verfasst und ihr
übergeben hat (08. S. 5 Mitte). Dabei erinnert sie sich genausten auf die Wetterbedingungen
und auf die Uhrzeit. Auch Chmelir bestätigte den 8.8.1989 als Tag der Übergabe (12. S. 8
Mitte).
Am 16.10.1989 dann vor den Untersuchungsrichter gibt Ina P. widersprüchlich zu Protokoll,
dass Chmelir ihr das Schreiben erst am nächsten Tag in Klagenfurt übergeben hätte (10. S. 8
Mitte). In Klagenfurt sind sie per Autostopp erst am 9.8.1989 angekommen (08. S. 6 Mitte).
Warum Ina P. plötzlich den 9.8.1989 als Übergabe angibt, liegt wohl auf der Hand. Am
8.8.1989 war sie mit Chmelir in den Nachmittagsstunden unter anderem in Cafelokale und
per Autostopp mehrmals unterwegs. Zu dieser Zeit hatte sie das Chmelir-Schreiben mit der
Selbstanzeige bereits in ihrem Besitz, sodass sie keinen Grund mehr haben konnte in Angst
und Schrecken zu sein, weil sie schon wusste dass ihr nichts mehr passieren würde,
andernfalls hätte Juan C. die Selbstanzeige nicht verfasst und ihr übergeben.
Zudem ließ Chmelir es zu, das sie ihren Ehemann telefonisch kontaktiert und von ihrer
unmittelbaren Freilassung berichtet (08. S. 5 unten).
Aus den Angaben Ina P. geht in Wirklichkeit hervor, das sie sich spätestens zu Mittagszeit
des 8.8.1989 durchaus im Klaren war, dass sie in absehbarer Zeit zu ihrer Familie
zurückkehren wird, was angesichts der Situation keine Angst und Schrecken oder
Todesangst ausgelöst haben kann, sondern Freude, Beruhigung und Hoffnung.
Besonders aussagekräftig ist auch, dass Ina P. mitten in der Hauptstadt Klagenfurt auf der
Straße stehenblieb und Chmelir zuschaute, wie er in einen Autobus einstieg, dann wieder
ausstieg und ihr zuwinkend in einen anderen Autobus einstieg (11. S. 4, 32. S. 27).
Sehr viel Angst kann Ina P. vor Chmelir nicht gehabt haben! Fürchtete sie sich nicht, dass
Chmelir es sich anders überlegen hätte können und umkehrt und sie wieder als Geisel
nimmt, sodass sie unverzüglich um Hilfe schreien oder aus seiner Nähe flüchten hätte
müssen, als er in den Autobus einstieg. Stattdessen schaute sie ihm zu und ging anschließend
in die Kirche (10. S. 8 unten) und verschaffte Chmelir damit Vorsprung vor der Polizei,
anstatt sofort zur Polizei zu gehen oder sie telefonisch zu verständigen.
Auch hier zeigt sich, dass die Ina P. auch dann nicht um Hilfe schrie oder die Flucht ergriff,
als sie alle Chancen dazu hatte (11. S. 4).
Ebenso obskur ist, dass Ina P. die Aufforderung der Klagenfurter Polizei nicht Folge leistete,
sie möge wegen der Vergewaltigungen und wegen des vermeintlichen Messerstichs einen
Arzt aufsuchen und die Atteste der Polizei vorlegen (26. S. 5 oben).
Stattdessen gibt sie ohne Vorlage ärztlicher Atteste vor den Untersuchungsrichter zu
Protokoll, das sie wegen der Vergewaltigungen bei einem Frauenarzt war und das sie im
Genital- und Analbereich keine Verletzungen aufweist sowie das sie durch Chmelir auch
nicht schwanger geworden ist (10. S. 9 oben).
Ferner, dass sie durch die Stichverletzung zirka zwei Wochenlang schmerzen gehabt hat und
das die Wunden auch geeitert hat, das sie deswegen aber keinen Arzt aufgesucht hätte und
das sie sich dem Strafverfahren als Privatbeteiligte (PB) nicht anschließt (10. S. 9 oben).
Auch hier liegt besondere Paradoxie der Logik vor. Was für ein Mensch sucht keinen Arzt
auf, der durch ein Straftäter eine Messerstichverletzung erlitt und die Wunde eitrig wird und
14 tagelang schmerzt! Jeder normaler Mensch würde sofort einen Arzt oder ein Hospital
aufsuchen um sich behandeln zu lassen, allein schon um eine Verschlimmerung der
Infektion oder sonst um andere gesundheitliche Komplikationen zu unterbinden bzw. zu
vermeiden.
Oder stecken andere Gründe vor? Sollte mitunter vermieden werden, dass ein Arzt
feststellen hätte können, dass es sich in Wirklichkeit um keinen Messerstich handelt?
In seiner Memoiren (32. S. 27 Mitte) behauptet Chmelir nämlich, Ina P. in Wirklichkeit
keine Stichverletzung zugefügt zu haben und ihr sogar geraten zu haben, keinen Arzt
aufzusuchen, damit dieser nicht feststellen könne, das es sich um keine Stichverletzung
handelt. Jedenfalls sei es aber richtig, dass er die Stichverletzung erfunden hätte. um Ina P.
bestmöglichen Schutz vor Kompromittierendes zu bieten. Deswegen hätte er vor den
Untersuchungsrichter keine Angaben mehr zur Sache gemacht (39. S. 4) und in seiner
selbstverfassten Selbstanzeige vom 8.8.1989 (07.) in besonderer Weise bewusst dramatisiert
und sich selbst weit über das Maß seiner wahren schuld belastet, zumal er ohnehin damit
rechnete bei Ergreifung von der Polizei erschossen zu werden (24.)
Außerdem sei er von Anfang an irrtümlich davon ausgegangen, Ina P. entführt und als Geisel
genommen zu haben (38. S. 6), was ihm auch über die Medienberichterstattung stets
einsuggeriert wurde. Straftaten nämlich, die mit bis zu 20 Jahre Freiheitsstrafe bedroht
sind, sodass es ihm egal gewesen sei auch andere Straftaten auf sich zu nehmen, um Ina P.
nicht zu schaden, zumal er mit seiner Erschießung rechnete.
Bei der primären strafbaren Handlungen in Hart bei Gratkorn hat sich tatsächlich um keine
Entführung oder um Geiselnahme gehandelt, sondern aus rechtlicher Sicht nur um Nötigung
unter gefährlichen Drohungen (41. S. 4 unten u. 5 oben) mit Strafdrohung (nach den
damaligen Gesetzgebung) bis zu maximal fünf Jahren Freiheitsstrafe und unter Mittel
längeren Qualen bis zu zehn Jahren, §§ 105, 106, 107 StGB.
Eine Verurteilung Chmelir wegen Entführung und/oder Geiselnahme erfolgte in der Tat
nicht, weil er diese Straftaten nicht verwirklichte. Also irrte er sich tatsächlich.
Sämtliche dunklen Tatumstände und widersprüchlichen Angaben Ina P. wurden vom
Untersuchungsrichter unaufgeklärt so Stehengelassen. Der U-Richter zeigte schon im
Vorfeld in ein Rundschreiben an die Sicherheitsdienststellen wenig Interesse an
ordentlichen Ermittlungen zur Sache und forderte sogar die Polizei dazu auf solchen
Ermittlungen zu unterlassen (30.). Unglaublich!
Sehr augenfällig und verdächtigt ist auch die unterschiedliche Ausdrucksweise und Sachlage
der protokollarischen Angaben von Ina P. vom 9.8., 24.8. u. 16.10.1989 (08. 10. 11.).
Während Ina P. am 9.8.1989 von der Klagenfurter Polizei im Protokoll wörtlich zitiert wird,
so ist – im Vergleich dazu – die Sprache, die Ausdrucksweise und die Sachlage ihrer
Angaben vom 16.10.1989 vor den U-Richter völlig fremd und eine wesentlich schärferer.
So z.B. ist zunächst nur die Rede von „…wegen Postraub und Totschlag eingesessen…“ (08.
S. 9 unten). Dann vor den U-Richter wiederum und widersprüchlich von „…wegen Mordes
eine lebenslängliche Freiheitsstrafe…“ (10. S. 3 oben).
So z.B. gibt Ina P. wörtlich zu Protokoll, das der Täter ihr während dieser ganzen Zeit das
Messer entweder am Körper angesetzt hat oder im Hosenbund verwahrt hatte (08. S. 6
unten). Dann vor den U-Richter „Ob der Mann… zu mir sagte, dass er mich Niederstechen
würde bei einem Fluchtversuch, kann ich mich nicht mehr erinnern…“ (10. S. 7 oben).
So z. B. ist zunächst nur die Rede von „…Bezahlt wurde von meinem Geld, welches ich ihm
teilweise gegeben habe bzw. eigenhändig bezahlt habe…“ (08. S. 5 oben). Dann vor den URichter nur mehr von „…der Mann durchsuchte die Mittelkonsole und das Handschuhfach
und fand insgesamt Schilling 370…wahrscheinlich wurde mit dem Geld bezahlt, was er
vorher im Auto gefunden hat…“ (10. S. 4 oben u. 6 Mitte).
So z.B. ist zunächst nur die Rede von „…er wollte wieder mit mir schlafen…Er war zwar
nicht brutal zu mir, aber es war gegen meinen Willen“ (08. S. 4 Mitte). Dann vor den URichter ist nur mehr von „Vergewaltigungen“ die Rede (10. S 5, 6, 8).
Überhaupt entspricht ihrer Ausdrucksweise im Polizeiprotokoll vom 9.8.1989 nicht dieses
eines Opfers.
Insgesamt verwendet sie die Worten und Ausdrucksweise „wir sind dann…wir haben
dann…wir gingen dann…wir machten dann… wir zogen uns wieder an…“ u.s.f.
u.s.f. bei 25-mal.
Jedenfalls entspricht ihre Ausdrucksweise nicht diese eines Opfers von der üblicherweise zu
erwarten wäre: „Der Täter zwang mich das und jenes zu machen…der Täter zwang
mich da und dort mitzugehen“ etc. etc.
Die Ausdrucksweise Ina P. entspricht jedenfalls nicht dieser einen Person, die unter Druck
und Todesangst stand und die tatsächlich zu irgendetwas gezwungen worden wäre, sondern
dieser als wenn sie mit eine vertraute Person unterwegs gewesen wäre.
Anklageschrift
Erst mit Erhalt der Anklageschrift (14.) begann sich Chmelir gegen falsche Anklagepunkte
zu wehren und erhob Einspruch dagegen.
Er bestritt Ina P. brutal vergewaltig zu haben, ihr die Freiheit genommen und finanziell
beraubt zu haben. Er widerrief seine Selbstanzeige vom 8.8.1989 sowie seine Niederschrift
vom 14.8.1989 und bekannte sich nur der gefährlichen Drohung, der Nötigung zur Fahrt zur
Staatsgrenze sowie der sexuellen Nötigung ohne Anwendung von Gewalt, Erniedrigung und
Qualen schuldig, letztlich auch der leichten Körperverletzung. Diesbezüglich verständigte er
Ina P. auch persönlich (31.), damit sie in Kenntnis ist.
Genauer bekannte er sich der gefährlichen Drohung und der leichten Körperverletzung in
Verbindung der Nötigung zur Fahrt zur Staatsgrenze schuldig sowie der sexuellen Nötigung
ohne Ina P. besonderen Qualen und Erniedrigung zugefügt zu haben, und zwar nach §§ 83
(2), 105 (1), 106 (2), 107 (2) u. 202 (1) StGB
Das Strafausmaß würde zwischen 5 bis 7 Jahre liegen, dazu er sich bekenne. Darüber hinaus
würde jeder anderer höherer Freiheitsstrafe nicht seine Schuld entsprechen, denn Ina P.
würde selbst bezeugen, dass ich nicht brutal zu ihr war noch hat sie je behauptet, das ich sie
Mittel längere oder über längere Zeit hindurch gequält und erniedrigt hätte.
Gefragt, warum er dann in seiner Memoiren die sexuelle Nötigung und die leichte
Körperverletzung bestreitet, erklärte er: „Ich bekannte mich in der Hauptverhandlung zu
diesen Punkte nur schuldig um Ina P. nicht bloßzustellen, zumal die Strafdrohung für die
sexuelle Nötigung und der leichten Körperverletzung den Strafausmaß der gefährlichen
Drohung und der Nötigung zur Fahrt zur Staatsgrenze nicht höher gelegen wäre. In meiner
Memoiren geht es in wesentlichen, was wirklich auf der Flucht passiert ist, damit man
versteht, warum mich die Justiz nie mehr entlassen will, nämlich weil sie im Zusammenhang
dieser Strafsache und Prozess sehr vieles unangenehmes zu vertuschen hat“.
Hierzu stellte Chmelir wiederholt Beweisanträge auf Lokalisierung der Tatorte sowie auf
Tatkonstruktion und Lokalaugenschein vor Ort sowie auf Eruierung aller Zeugen der
privaten und öffentlichen Einrichtungen (Bauernhöfe, Cafelokale, Einkaufgeschäfte u.
Wagenbesitzer etc.), wo überall er mit der Politiker-Ehefrau war bzw. mitgefahren sind und
Ladung der Zeugen zur Hauptverhandlung (15. 16. 17. 18. 19. 20. 21.).
Und zwar zur Erbringung des Beweises, Ina P. weder die Freiheit entzogen, ebenso wenig
beraubt, erniedrigt oder gequält zu haben sowie zum Beweis dafür, dass er Ina P., abgesehen
seiner anfänglichen Drohungen in Hart bei Gratkorn und der Nötigung zur Fahrt zur
Staatsgrenze in der Folge keinen einzigen mal mehr bedroht hätte, sodass sich Ina P.
keineswegs mehr in einen ständigen Zustand der Angst und des Schreckens oder der
Todesangst befunden hat, stattdessen sei sie sich stets sicher gewesen wieder nachhause
zurückkehren zu können.
Speziell der Beschuldigung des schweren Raubes, verwies Chmelir darauf, dass er sich mit
dem Geld von Ina P. in keinster Weise bereichert hätte, weil das Geld für lebensnotwendige
Nahrungsmitteln und Getränke in Einkaufgeschäfte und in Cafelokale verbraucht wurde, die
sie gemeinsam konsumiert hätten, wobei Ina P. freiwillig und zumeist eigenhändig bezahlt
hätte (08. S.5 oben), was nicht möglich gewesen wäre, wenn er durch Raub in Besitz ihres
Geldes gewesen wäre.
Altarnativ dazu hätten Ina P. und er hungern und dursten müssen, wenn sie sich keine
Nahrungsmitteln und Getränke gekauft hätten, sodass eine Bereicherung seiner Person nicht
vorliegt und somit auch nicht der Tatbestand des leichten oder schweren Raubes.
Und bezüglich der Straßenkarte, der Sonnenbrille und Armbanduhr (11. S. 1) hätte er sie nur
gebeten, damit er sich auf der weiteren Flucht zeitlich und örtliche besser orientieren könne,
jedenfalls hätte er sie nicht durch Drohungen oder unter Verwendung eines Messers geraubt,
was von Ina P. auch nie behauptet wurde.
Die von Chmelir beantragte Ermittlungen und Beweise zur Sache hätten die Klagenfurter
Polizei und das Grazer Gericht schon mit Bekanntwerden der Straftaten von sich selbst
durchführen und sichern müssen, was jedoch stets unterlassen bzw. unterdrückt wurde.
Weiteres erhob er wegen des Nahverhältnisses des Justizpersonals des Grazer Gerichtes zu
der Oberschicht der Grazer und steiermärkischen Gesellschaft, darunter auch Politiker,
Befangenheitsanzeige und beantragte die Delegierung der Strafsache an einen anderen
Gerichtssprengel, da es sich bei I. P. um die Gattin eines hohen steirischen Landespolitikers
handle und das Gericht Graz zur Sache sehr befangen agiere.
Kurz gesagt: sämtliche (Beweis)Anträge Chmelirs zur Hauptverhandlung wurden
zurückgewiesen bzw. in den meisten Fällen unbearbeitet vom Gericht liegen gelassen bzw.
einfach ignoriert.
Zum Verständnis muss gesagt werden, das Chmelir von Mitte August 1989 bis nach der
Hauptverhandlung vom 28.6.1991 die meiste Zeit in Isolationshaft angehalten wurde,
zumeist in Kellerabteilungen, dementsprechend kommen auch seine Emotionen in den
(Beweis-)Anträge zur Geltung.
Sein gerichtlich bestellter Pflichtverteidiger bot ihm keine angemessene Rechtshilfe und
schaute dem Treiben des Gerichtes wohlwissend und tatenlos zu.
Diesbezüglich erstattete Chmelir wiederholt bei der Rechtsanwaltskammer Steiermark
Beschwerde, die in den meisten Fällen bis nach der Hauptverhandlung vom 28.6.1991
unbearbeitet liegen gelassen wurden 33. 34. 35. 36. 37. (die aussagekräftigen
Sprechblasen in den Dokumente können nicht über den „Doc.Google- Reader“ geöffnet
werden, sondern mit einen PDF-Reader). Allein die Aktenvermerke der Rechtsanwaltkanzlei
sprechen Bände. Unglaublich, was sich da abspielte!
Chmelir wurde von seinen Pflichtverteidiger sogar insoweit getäuscht, als das er ihm
dahingehend falsch belehrte, das die Beweisanträge, die in der gerichtlichen
Voruntersuchung gestellt werden in der Hauptverhandlung automatisch als Beweis gelten
muss, andernfalls würden Nichtigkeitsgründen vorliegen.
Und in der Hauptverhandlung - um es vorwegzunehmen, nachdem seine Beweisanträge
weiterhin ignoriert wurden, belehrte ihm der Pflichtverteidiger "Macht nichts. Jetzt haben
wir Nichtigkeitsgründen gegen den Schuldspruch und das Urteil muss dann aufgehoben und
in einen anderen Gerichtssprengel neu verhandelt werden“.
Wie sich später mit der Zurückweisung der Nichtigkeitsbeschwerde durch das OGH erwies
(43. S. 7), hätten die Beweisanträge unbedingt in der Hauptverhandlung wiederholt werden
müssen. Werden sie in der Hv nicht gestellt oder wiederholt, liegen sodann keine
Nichtigkeitsgründe vor.
Der Pflichtverteidiger hat Chmelir sodann arglistig irregeführt und ihm um seine
Verfahrens- und Prozessrechte betrogen und in der Hv zudem lächerliche Scheinanträge
über die Müdigkeit und Schwäche Chmelirs gestellt, die nicht einmal konkret formuliert
waren (01. S. 61 unten u. 43. S. 7 oben).
Das allerschlimmste: der Pflichtverteidiger verzichtete in der Hv definitiv auf weitere
Beweisanträge (01. S. 61 oben). Chmelir später: „Das habe ich gar nicht mitbekommen“.
Der Prozess und das Urteil
Zur Hauptverhandlung wurde Chmelir aus einer Isolations-Sicherheitskellerzelle des
Landesgerichtes Graz vorgeführt, in der er sich gemäß § 103 Abs. 2 Ziffer 4 StVG seit Tagen
befand (22.), wobei ihm auch die Aktenunterlagen entzogen wurden, sodass er sich zur
Hauptverhandlung nicht vorbereiten konnte.
Laut seinerzeitiger Prozessordnung hätte Chmelir mindesten drei volle Tage vor Beginn der
Hv nicht in Isolation angehalten werden dürfen. Nichtsdestotrotz geschah es in Kenntnis des
Vorsitzenden der Hv.
Des Weiteren wurde Chmelir vor Beginn der Hv um 08.30 Uhr (01. S. 1) zwischen 07.30 und
08.00 Uhr wegen einer Ordnungswidrigkeit eine verwaltungsbehördliche Verhandlung
gemacht (22.).
Hinzukommt, das sich Chmelir 1 und 2 Tage vor Beginn der Hauptverhandlung unter
Einnahme von starken Schmerz- und Beruhigungsmitteln medizinische Eingriffe
unterziehen lassen musste, sodass es höchstfragwürdig ist, ob Chmelir zur Hv tatsächlich
Verhandlungsfähig war , siehe Nichtigkeitsbeschwerde (38. S. 4 unten und S. 5).
Bei der Hv verwies Chmelir darauf, dass er zur Hv nur eingeschränkt vorbereitet und
verhandlungsfähig sei und gab hierzu auch gesundheitliche Gründe an (01. S. 3 unten u. S. 4
oben), die Einwände wurden allesamt verworfen.
Es folgte dann bis 10.05 Uhr die Befragung Chmelirs über sein Vorleben und der Gründe zur
Flucht aus der Strafanstalt (01. S. 5 bis 15 oben).
Um 10.35 Uhr wurde die Hv dann fortgesetzt und sogleich Beschluss auf Ausschluss der
Öffentlichkeit gefasst (01. S. 15 oben).
Warum die Öffentlichkeit von der Hv überhaupt ausgeschlossen wurde ist ein Rätsel. Denn
folgt man die Verantwortung und Befragung des Angeklagten und diese von Ina P. zur Sache
(01. S. 15 bis 39), so ist in der Hv kein einziges Wort über sexuelle Handlungen erläutert
worden, darüber die Öffentlichkeit nicht schon längst berichtet hätte.
Im Hv-Protokoll ist dokumentiert, das sich Chmelir in wesentlichen Punkte der Anklage
nicht schuldig bekannte (01. S 15 u. 16). Umso unbegreiflicher ist es, warum der Vorsitzende
im Strafurteil als mildern das Geständnis zu allen Grunddelikte hinein-gefälscht hat (41. S. 9
oben).
Offenbar wollte man damit u.a. die Öffentlichkeit suggerieren, dass der Angeklagte voll
geständig ist und dass von Seiten des Gerichtes alles rechtens und nach dem Gesetz erfolgte.
Nach Erhalt des Hauptverhandlungsprotokolls zur Erhebung der Nichtigkeitsbeschwerde
gegen das Strafurteil erhob Chmelir dann Antrag auf Berichtigung des Hv-Protokolls wegen
erheblichen Mängeln und falschen Interpretationen seiner Angaben in der Hv (23.). Die
stenographischen Unterlagen des Verhandlungsprotokolls, die Chmelir als Beweis anführte
sind seither aus den Gerichtsakten verschwunden.
Von 10.35 bis 12.35 Uhr folgte die Verantwortung und Befragung Chmelirs (01. S. 15 bis 38).
Dann wurde die Hv erneut unterbrochen und um 12.43 mit dem Beweisverfahren und
Befragung von Ina P. und dem Kripobeamten Werner Rampitsch fortgesetzt und endete um
13.15 Uhr (01. S. 38 u. 41).
Rechnet man die Formalitäten der Beschlussfassung zur Wiederherstellung der
Öffentlichkeit (01. S. 40 unten) und die Zeugenaussage des Kriminalbeamten Werner
Rampitsch ein, so war Ina P. maximal 15 Minuten im Gerichtssaal.
Nun dokumentiert der Vorsitzende in dem Hv-Protokoll, Ina P. in 20 Minuten
insgesamt 20 Seiten ihrer protokollarischen Angaben vom 9.8, 24.8. und 16.10.1989 (08.
10. 11.) vorgehalten zu haben (01. S. 38 unten u. 39 Mitte) als auch die zweistündige
Verantwortung des Angeklagten in der Hv (01. S. 15 bis 38).
Abgesehen davon, dass es schon aus der Komplexität der vielfachen Kapitalverbrechen, die
den Angeklagten zu Lasten gelegt wurden zeitlich unmöglich ist in nur 15-20 Minuten eine
derartige Vielfalt an protokollarischen Vorhalte unterzubringen, geht aus den Hv-Protokoll
zudem keine Mündlichkeit der Verhandlung hervor, weder hinsichtlich des hinterfragen Ina
P. zu den einzelnen Delikte noch bezüglich ihrer widersprüchlichen Angaben vor der
Klagenfurter Polizei und vor dem U-Richter, wie oben bereits geschildert.
Im Grunde ist Ina P. in den Verhandlungssaal nur rein-spaziert und gleich wieder rausspaziert, ohne das sie Rede und Antwort zu den an ihr begangenen Strafbaren Handlungen
geben musste und schon gar nicht das sie für Aufklärung ihrer widersprüchlichen Angaben
und dunklen Tatumstände bei der Klagenfurter Polizei und beim U-Richter gesorgt hätte.
In seiner Nichtigkeitsbeschwerde verweist Chmelir darauf, was sich in der Hv tatsächlich
abgespielt hat (38. S. 11 unten u. 12), nämlich das die Protokolle von Ina P. nur schnell
hintereinander vorgelesen wurden und das ihr nur 2-3 Fragen gestellt wurden und das es
damit schon sein bewenden hatte. Sowie das den Vorhalt seiner Verantwortung in der Hv
durch den Vorsitzenden nur Sekunden gedauert hätte, nämlich einzig und allein: „Der
Angeklagte bringt es nun so dar, als wenn sie freiwillig mitgegangen wären“ (23. S. 2 oben).
Liest man die Verantwortung Chmelirs in der Hv (01. S. 15 bis 38), so kann keine Rede
davon sein, das sich Chmelir tatsächlich so verantwortete, wie der Vorsitzender der Hv der
Zeugin Ina P. einsuggerierte. Er räumte nur ein sich nicht zu allen Fakten und
Qualifikationen der Anklage schuldig zu bekennen (01. S 15 u. 16), behauptete in der Hv
jedoch niemals, dass Ina P. freiwillig mitgegangen wäre.
Offensichtlich beabsichtigte der Vorsitzende die Zeugin Ina P. zu schockieren und damit
gegen Chmelir aufzubringen, damit sie mitunter kein gutes Wort über Chmelir verliert, etwa
"Er war nicht brutal zu mir...er hat mich auch nicht gequält und erniedrigt...das Geld habe
ich ihn teilweise gegeben bzw. ich habe eigenhändig bezahlt" etc. etc., sodass dann eine
Verurteilung z.B. wegen schwerer Vergewaltigung unter besonderen Qualen und
Erniedrigung und des schweren Raubes nicht mehr möglich gewesen wäre.
Um 14.25 Uhr wurde dann die Hv fortgesetzt (01. S. 41 Mitte).
In der weiteren Folge wurden ab 14.25 bis 16.20 Uhr mehrere Kriminalbeamten und zwei
Gerichtssachverständigen als Zeugen befragt, um zu bezeugen dass sich Chmelir bei der
knapp 12-stündige Einvernahme vom 14.8.1989 (12. S. 1 oben u. 21 unten) in guter
Verfassung befunden hatte und dass er die Vernehmung und seine protokollarischen
Angaben voll konzentriert formuliert, zur Kenntnis genommen und unterschrieben hatte
(01. S. 36 unten u. S. 37 oben).
Medienartikel 24.
Der Medienartikel besagt wohl ausreichend in welcher tatsächlichen psychischen Verfassung
sich Chmelir während der 12-stündigen Vernehmung vom 14.8.1989 befunden hat.
Hinzukommt, dass er während der Vernehmung wegen Wunden an den Fußsohlen
schmerzen hatte (12. S. 10 Mitte), die wunden erst stundenspäter ärztlich versorgt wurden
(12. S. 17 oben).
Die Gerichtssachverständigen, die Chmelir persönlich nie begutachtet hatten bzw. die er
wegen Befangenheit abgelehnt hatte (29.) äußerten sich zu den Straftaten Chmelirs in der
Weise, als wenn sie am 7. bis 9.8.1989 mit Chmelir und Ina P. unmittelbar mit dabei
gewesen wären und punkgenau wüssten, was zwischen Chmelir und Ina P. in den zwei Tage
abgelaufen ist (01. S. 47, 50 bis 59).
Das muss man sich einmal vorstellen! Da gehen Gerichtssachverständigen her und maßen
sich an über die Straftaten auf das schlimmste gegen den Angeklagten zu äußern, obwohl sie
den Angeklagten zuvor nicht begutachtet hatten sowie in Kenntnis der Aktenlage, das zur
Sache absolut keine Vorermittlungen noch Beweissicherung gegeben hat.
Das Gericht hat sich offensichtlich mit der Zeugenladung mehreren Kriminalbeamten und
mit den gefälligen Sachverständigen gut vorbereitet, um Chmelir mit allen denkbaren
Mitteln im Sinne der Anklagepunkte schuldig zu sprechen und zu verurteilen und ihm
hierzu nicht die geringste Chance eines ordentlichen Beweisverfahrens und Verteidigung zu
bieten.
Um 16.20 bis 16.25 Uhr wurde die Hv dann kurz unterbrochen (01. S. 61 oben) und mit
Formalitäten betreffend der Fragen an die Geschwornen und mit der Schlussrede des
Staatsanwaltes und des Pflichtverteidigers bis 17.45 Uhr fortgesetzt.
Anschließend zogen sich die Geschwornen zur Beratung zurück und meldeten sich knapp 20
Minuten später um 18.05 Uhr mit ihren Schuldspruch wieder zurück (01. S. 63 oben).
Die Beratung und der Schuldspruch der Geschwornen fielen einstimmig aus:
Schuldig im Sinne aller Anklagepunkte
(40. S. 3 - 7)
Urteil: 18 Jahren Freiheitsstrafe
(41. S. 8 Mitte)
Ende der Hauptverhandlung: 18.45 Uhr (01. S. 64)
Der Angeklagte wurde anschließend in seiner Isolations-Sicherheitskellerzelle
zurückgebracht und am 1.7.1991 wieder in die Strafanstalt Stein rücküberstellt.
Ein unvorstellbarer Prozess und Urteil
Damit ist Chmelir als Ex-Heimopferkind
erneut zum Opfer und zum Märtyrer erhoben worden
Ein Prozess und Urteil ohne polizeilichen und gerichtlichen Vorermittlungen sowie ohne
Beweissicherung zur Sache. Ebenso ohne ein ordentliches Beweisfahren und ohne
angemessenen Verfahrenshilfe für den Angeklagten.
Ein Prozess und Urteil mit gefälligen Kripobeamten als Zeugen der Anklage, die die
Unterdrückung der Ermittlungen und Beweissicherung zur Sache von Anfang an mitverschuldet hatten sowie mit gefälligen Gerichtssachverständigen, die in Kenntnis der
Säumnisse des Strafverfahrens ihr Senf gegen den Angeklagten gaben, insbesondere mit
blinden Geschwornen, die nur das sehen und hören wollten, was der Ankläger und das
Richtersenat genehm war. Alles andere gegenüber stellten sie sich taub und blind.
Ein Prozess und Urteil ohne Mündlichkeit in der Hv sowie ohne jegliche Aufklärung der
zahlreichen widersprüchlichen Angaben Ina P. sowie der dunklen und hinter-fragwürdigen
Tatumstände.
Ein Schuldspruch entgegen der Zeugenaussage Ina P., dass Chmelir sexuell nicht brutal zu
ihr war noch das Chmelir sie quälerisch und erniedrigen behandelt hätte. Nichtdestotrotz
wird Chmelir der brutalsten und quälerischsten und erniedrigten Form der Vergewaltigung
zur Höchststrafe von 18 Jahren Freiheitstrafe verurteilt.
Ein Schuldspruch entgegen der Zeugenaussage Ina P. nie behauptet zu haben beraubt
worden zu sein oder sich beraubt gefühlt zu haben, vielrichtiger das Chmelir das Geld
teilweise im Auto gefunden hat bzw. dass sie ihm das Geld teilweise gegeben hat bzw. das sie
eigenhändig bezahlt hat. Sowie das das Geld vorwiegend für Nahrungsmittel und Getränke
verwendet wurde, die sie gemeinsam teilten und konsumierten. Nichtsdestotrotz wird
Chmelir des schweren Raubes unter Verwendung eine Messers zum Zwecke der
Selbstbereicherung zur Höchststrafe verurteilt.
Ein Schuldspruch, das noch sehr vielen Fragen aufwirft.
Woher die Geschwornen und das Richtersenat des Schwurgerichtes die Beweise für ihr
Schuldspruch und Urteil entnommen haben, geht aus den Gerichtsakten jedenfalls nicht
hervor.
Beweis war einzig Ina P., die allein durch ihren widersprüchlichen protokollarischen
Angaben und der mangelnden Aufklärung fragwürdiger Tatumstände sowie wegen der
massivsten Kontakte zur Öffentlichkeit mit Chmelir verdächtigt genug war, ihre
Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen.
Frägt man beispielsweise den Geschwornen oder den Richtersenat des Prozesses nach den
Tatorte in den Bauernhaus, Einkaufgeschäfte und Cafelokale sowie danach, was Chmelir
und Ina P. dort wirklich gemacht haben und wie lange sie sich dort aufgehalten haben, so
gibt es dazu keine Antworten, den weder die Geschwornen, der Richtersenat, der
Staatsanwalt und Pflichtverteidiger wissen bis heute das geringste Bescheid über die Tatorte
noch was dort tatsächlich geschah. Unvorstellbar!
Am 24.4.1993 wurde dann die Nichtigkeitsbeschwerde verworfen, weil in der Hv von dem
Pflichtverteidiger keine sonstigen Beweisanträge gestellt wurden. Vorsitzender der
Nichtigkeitsverhandlung beim Obersten Gerichtshof in Wien war kein geringerer als Dr.
Rudolf Kießwetter, der schon im Vorfeld im Vorverfahren mit Entscheidungen gegen den
Beschuldigten eingegriffen hatte (52. 53.) und der somit sehr wohl Kenntnis über die
Unterdrückung der Vorermittlungen und der Beweissicherung zur Sache hatte.
Das Komplott gegen einen ordentlichen Verfahren und Prozess zur Sache war und ist
offensichtlich schon von langer Hand geplant worden, mit inbegriffen die Justizspitze des
Staates.
Juan Carlos Bresofsky-Chmelir sitzt heute noch ein, seit vollendeten 42 Jahren. Das 43 Jahr
begann er am 20.6.2020.
Gutachten zu seiner Person:
https://google.com/Dr. Schautzer-Gutachten (sehr Lesenswert)
https://google.com/Prof. Nedopil-Gutachten
https://google.com/Mag. Krisper-Gutachten
Siehe auch aufschlussreiche Websites mit vielen zusätzlichen Polizei- und Gerichtsprotokolle
und Äußerungen Chmelirs zur Sache:
https://sites.google.com/site/mariemertenacker/
https://sites.google.com/site/generaldirektionwien
https://sites.google.com/site/story
In Fortsetzung unten beigefügt:
1. Memoiren Chmelirs der Flucht
2. Memoiren Chmelirs der Kinderjahre in Uruguay und der Tortur in
staatlichen Heimen in Österreich
Ein Augenblick der Ewigkeit für die Ewigkeit
Mit dem Gefängnisausbruch 2. August 1989 aus der Strafanstalt Karlau sind mit der PolitikerEhefrau das unfassbarste und das unvorstellbarste in meinen Leben eingetreten: ein Drama
und eine märchenhafte Abenteuer, verknüpft mit ein Polit- und Justizkomplott, weil das
vermeintliche Opfer die Ehegattin eines hohen Grazer Ex-Landespolitiker war.
Eine Geschichte, die sich dagegen wahrscheinlich schon jeder zu stemmen versuchen wird,
nichtsdestotrotz der erleuchtenden Wahrheit und der vorliegender und nachvollziehbarer
Umstände und Fakten, weil es sehr schnell die Emotionen zum kochen bringt.
Die österreichische Medien und Justiz versuchen es mit allen denkbaren Mitteln natürlich zu
vertuschen, aber Tatsachen und die Wahrheit als solcher lassen sich nicht so einfach
wegleugnen und wegvertuschen.
Alles wäre tatsächlich für ewig ein Geheimnis geblieben, hätte der österreichische Staat und
die Justiz diesen Straffall nicht schwersten missbraucht und nunmehr mein Tod im Gefängnis
Bestreben, um diesen Missbrauch zu vertuschen.
Noch dazu derart dilettantisch missbraucht, weil es eigentlich schon mit einen einzigen
Protokoll der gegenständlichen Gerichtsakten 6 Vr 1998/89 des Landesgericht Graz
nachvollziehbar und beweisbar ist, aber dem will ich nicht vorgreifen.
Am besten zeigt es Herr Johann S. Pieber mit seiner DOKU auf, die in Anschluss meiner
Niederschrift über das wahre Geschehen auf der Flucht ab Seite 57 zur Verfügung steht.
Es folgt dann ab Seite…die Memoiren meiner Kindesjahre in Rocha/Uruguay und der
jahrelangen Tortur in staatlichen Heimen und Jugendgefängnisse in den 1960er-1970er
Jahren in Österreich, um die Entwicklung meines Lebens und diese des Dramas zu verstehen.
Nach über 55 Jahren Freiheitsentzug eingekerkert in österreichischem Gefängnisse,
eingerechnet die Jahren in staatlichen Heimen, habe ich mich der Wahrheitswillen dazu
bewegt meine Lebensgeschichte zu schreiben und über Vertrauenspersonen im Internet
veröffentlichen zu lassen. Dazu veranlasst hat mich vorwiegend das Bestreben der Justiz
meine Person aus Gründen der Vertuschung bis zum Tode hinter Gittern zu belassen, obwohl
die Voraussetzungen zu einer Entlassung längst vorliegen.
Und einfach nur so in der Haftzelle herumzusitzen und auf meinen Tod zu warten, schien mir
nicht angepasst und gerecht. Und Gott möge mir verzeihen, dass mit meiner Memoiren auch
die Ex-Politiker-Ehefrau kompromittiert wird, aber eine halbe Wahrheit ist keine Wahrheit.
Zuvor erlaube ich mir aber eine kurze Vorschau meines Vorlebens (ab S.89 mit Faktenunterlagen illustriert und detaillierter dokumentiert):
Ich heiße Juan Carlos Chmelir, geborener Bresofsky am 8.6.1949 in Rocha/Uruguay und bin
bis auf die 12-tätige Flucht vom 2. August 1989 aus der Strafanstalt Graz-Karlau seit dem 20.
Juni 1978 ununterbrochen hinter Gittern und habe gerade das 43. Jahr begonnen, insgesamt
aber schon über 55 Jahren im Kerker der Republik, inbegriffen die Jahre in staatlichen
Erziehungsanstalten in den 1960er Jahren.
Mein Vater, der väterlicherseits jüdischer Abstammung war musste in den 1930er Jahren
wegen der Nazis aus Österreich flüchten und landete u.a. in Uruguay, wo er meine Mutter
kennerlernte und 1945 in Montevideo heiratete.
Juni 1962 kehrte er mit der ganzen Familie, Mutter und 7 Kinder nach Österreich zurück, um
das Hotel „Währingerhof“ im 18. Wiener Bezirk zu übernehmen, das seiner Mutter gehörte,
also meiner Großmutter.
Nach Streitereien zwischen meinen Vater und der Großmutter um den Zeitpunkt der
Übergabe des Hotels und in Ermangelung finanzieller Mitteln für eine größere Wohnung für
so eine große Familie mit 7 Kindern, da er von der Großmutter wegen des Streits keine
finanzielle Unterstützung bekam, mussten ich und drei Schwestern nach knapp 6 Wochen
unserer Ankunft in Österreich in staatlichen Heimen untergebracht werden.
Nach einer wunderschönen Kindheit in Uruguay in voller Freiheit und Natur, war die
plötzliche Verpflanzung nach Österreich fürs erste einmal ein kultureller Schock, die abrupte
Entfernung aus der Familie und Unterbringung in ein Heim dann aber traumatisch, zudem
wir Kinder nicht einmal Deutschkenntnisse besaßen und somit auch vor Kommunikation
ausgesperrt waren.
Nicht genug damit waren die materiellen, die hygienischen und die menschlichen Verhältnisse
in dem Heim seinerzeit ähnlich diese eines Nazi-Konzentrationslagers, einfach katastrophal.
Um es abzukürzen: als Ex-Heimopferkind staatlicher Heimen in Österreich in den 1960er
Jahren, wo ich nur mit Misshandlungen und Erniedrigungen und sonstiger Tortur
konfrontiert war und psychisch verletzt und traumatisiert und damit auch in meiner
Persönlichkeitsentwicklung und Fortkommen schwer geschädigt wurde, habe ich leider nichts
gescheiteres für ein geregeltes Leben gelernt, außer Gewalterfahrung sowie Angst und
Misstrauen vor Mitmenschen und vor der Gesellschaft.
Durch Entweichungen aus den Heimen vor den Terror und Tortur und als Folge der
Verfolgung der Polizei ausgesetzt, musste ich schon als halbwüchsiger im Underground und
am Straßenmilieu zu überleben lernen, beginnend mit kleineren Diebstähle bis zum
Straßenstrich hin in der Bi- und Homosexuellen Szene.
So geriet und wuchs ich allmählich in das Milieu der Kriminalität hinein. Beginnend als
gequälter und verfolgter und entgegen einem vernünftigen und geregelten Leben in der
Gesellschaft geprägt sowie zum ausgestoßener abgestempelt, der sich als solcher durchs Leben
durchzukämpfen versuchte.
Ein Kampf, der nicht nur mein eigenes Leben mit mittlerweile 55 Jahre im Keller der
Republik zerstört hat, inbegriffen die Jahre in staatlichen Heimen. Ein hartes und fatales
Leben als gejagter, Gangster und protestierender mit stets spektakulären und dramatischen
Ereignisse und Höhepunkte.
Mittellos sowie ohne berufliche Kenntnisse und infolge der Vorstrafen ohne Chance auf eine
ständige Arbeitsstelle in irgendwelchen Betrieb oder Firma, da seinerzeit, jedenfalls wohin ich
auch kam jeder Betrieb oder Firma Polizeizeugnisse verlangten, beging ich zwischen 1977-78
in Wien mehreren Bankinstitute, Postämter und Geldboten zu überfallen, um mir Geld für
existenzielle Notwendigkeiten zu beschaffen, Wohnung, Lebensmitteln, Kleider etc. Dabei
schoss und traf ich einen Postbeamten, der 8 Tage später im Spital verstarb und verletzte
einen Taxifahrer schwer, der mich hinterher hartnäckig verfolgt hatte.
1979 wurde ich vom Landesgericht Wien mehr oder weniger zu Recht zu einer Lebenslangen
Haftstrafe verurteilt, wenngleich ich die Überfälle nicht mit dem Vorsatz beging Menschen zu
töten, sondern nur um Geld zu erbeuten. Andererseits hätte ich es mir vorher besser überlegen
sollen, dass ein Mensch sehr wohl sterben kann auch wenn man nur einmal auf ihn schießt
und nicht sein Tod beabsichtigt, sondern nur um eine Gefahr und Verfolgung abzuwehren.
1980 wurde ich zur Verbüßung der Lebenslangen Haftstrafe in die Strafanstalt Garsten in
Oberösterreich überstellt, wo ich 1983 auf den hohen Dach der Garstner Wallfahrtskirche eine
eineinhalbtätige spektakuläre Protestaktion gegen massive Missstände in der Anstalt
veranstaltete und damit erstmals in Österreich – zum besonderen Unmut der Justizwache und
Vollzugs(ober)behörden - in der breiten Öffentlichkeit die Angelegenheit „Strafvollzug“
popularisierte und politisierte, da es bis dahin genauso ein Tabuthema war, wie die Pädophilie
in der Gesellschaft.
1984 wurde dann ich in die Strafanstalt Stein verlegt, von wo ich dann Mitte 1988 in die
Strafanstalt Karlau verlegt wurde. Vor der Verlegung in die Karlau heiratete ich in Stein meine
Langjährige Geliebte Silvia Chmelir (08) und nahm ihren Familiennamen an. Sie war eine
wunderbare Lebensgefährtin, die mich über den Jahrzehnten Strafhaft treu begleitete und
unterstützte. Trauriger weise ist sie Dezember 2018 unerwartet verstorben.
Gegen Mitte 1988 saß ich bereits 11 Jahre hinter Gittern und es ging mir gesundheitlich nicht
gut. Ich hatte regelmäßig starke Bauchschmerzen, konnte kaum schlafen und fühlte mich
ständig übernatürlich nervös. Erst nach meiner Flucht wurde neben Schilddrüsenüberfunktion auch ein fortgeschrittenes Zwölffingergeschwür diagnostiziert sowie Osteoporose im
Halswirbelbereich diagnostiziert (01). Von Hypochondrie kann also keine Rede sein.
Visiten beim Anstaltsarzt in der Karlau brachte nichts, außer „Wenn’s in Garsten auf den
Kirchendach klettern konnten, können sie nicht so krank sein. Sie bilden sich nur was ein“.
Ich wurde zunehmend unruhig und mir wurde fast zur Gewissheit, dass ich ernsthaft erkrank
sei und das mich das Gefängnispersonal aus Vergeltung wegen der Protestaktion in Garsten
Schaden zufügen will. Damals eine übliche Vorgehensweise des Gefängnispersonals bei
Häftlingen, die sich über Missstände beschwerten, eigentlich heute noch.
Verzweifelt grübelte ich über Möglichkeiten nach, wie ich mich dagegen zu Wehr setzen
könnte.
Eines Tages traf ich beim Spaziergang zufällig auf einen Häftling der mich darauf ansprach, ob
ich flüchten möchte. Ich kannte ihn nur oberflächig. Er wiederum kannte mich nur von der
aufsehenerregenden Protestaktion in Garsten her, der deswegen für mich größten Respekt und
Anerkennung hatte. Ich sagte ihn zu, dass ich mit flüchten würde, wenn dazu die Chance gäbe.
In den folgenden Tagen stellte er mir einen zweiten Mithäftling vor, der ebenso zu flüchten
beabsichtigte. Von diesem erfuhr ich dann, dass die Fluchtplanung mit fertigen
Nachschlüsseln etc. schon ziemlich ausgereift sei und erklärte mir die Details darüber. Von
den Kanten und Ecken her betrachtet war der Fluchtplan unglaublich schwer. Trotzdem
entschied ich mich mitzumachen, angetrieben von Angst um meine Gesundheit, gleichzeitig
um die Öffentlichkeit über Telefonate von den Missständen in der Strafanstalt zu informieren.
Es ging nur mehr darum, den Tag der Flucht festzusetzen. Wir entschieden uns für den
2.8.1989 als günstigsten Tag.
Der Gefängnisausbruch 2.8.1989
Meine Fluchtpartner hatten mit nachgemachten Schlüsseln beste Vorarbeit geleistet, auch mit
der genauen Ausspähung der Routine der Justizwache und spähten so auch die Schlupflöcher.
Kaum war der Ausruf zum Spaziergang, schon waren wir auf den Weg zur Flucht.
Von den oberen Zellenetagen bogen wir ab zu einer Stiegen-Treppe, die direkt zu der
Kellerabteilung führte. Die Wärter waren routinemäßig auf eine andere Stiegen-Treppe
fokussiert und schauten weder nach oben oder nach unten noch nach rechts oder links.
Da die Wärter beim Ausrücken zum Spaziergang zudem keine Zählung der Häftlinge
vornahmen, fiel damit keinen Wärter auf, dass wir drei nicht im Spazierhof rausgingen,
sodass wir während die eineinhalbstündige Bewegung im Freien niemanden abgingen.
In der Kellerabteilung des Zellenhauses drangen wir mit Nachschlüsseln ein. Dort versteckten
wir uns in engen Kellerkanalschächten und warteten ab zirka eine halbe Stunde lang bis die
Beamten ihre routinemäßige Kontrolle in den Betriebsgebäude beendeten. Die Kontrollen
fanden stets nach Einrücken der Häftlinge von der Arbeit statt, um nachzuschauen dass kein
Häftling in irgendwelchen Betrieb versteckt zurückgeblieben ist.
Als wir uns dann sicher waren, drangen wir mit Nachschlüsseln in der Kellerabteilung des
Arbeitsgebäudes ein. Von dort spähten wir zum Hof der Außenmauer und warteten bis der
Beamte im Wachturm der Außenmauer seinen Dienst beendete.
Wir wussten, dass es nicht lange dauern kann. Das geschah routinemäßig stets ein paar
Minuten nach der letzten Inspektion des Arbeitsgebäudes.
Als es soweit war, schlugen wir mit einem großen Vorschlaghammer, der meine
Fluchtpartnern Tage vorher vorsorglich in den Kellerkanalschächten deponiert hatten, die
dicken Glasziegeln eines kleinen Fensters eines Parterrebetriebs ein und schlüpften durch zum
Hof hinaus und zur Außenmauer hin. Die zirka vier Meter hohe Mauer überkletterten wir
dann mit langen Pfosten, die im Hof neben dem Tischlereibetrieb aufgestapelt lagen. Als wir
dann auf der Außenmauer raufgeklettert waren und in die Freiheit sprangen, rannten wir
gleich los.
Nach zwei-drei Gassen kam uns dann zufällig ein Taxi entgegen, das wir anhielten und als Ziel
das allgemeine Krankenhaus Graz angaben. Die Flucht war somit perfekt gelungen.
Unmittelbar nach Ankunft im Grazer Krankenhaus trennte sich ein Fluchtpartner, weil er
Richtung Tschechoslowakei wollte, während ich und der andere (Mirko) Richtung
Jugoslawien bzw. Italien wollten. Letztere war vorher schon besprochen worden und insofern
wichtig für mich, weil ich nicht Autofahren kann.
Da ich ab meinen 13. Lebensjahr ständig in staatlichen Heime und (Jugend-)Gefängnisse war,
hatte ich nie die Möglichkeit den Führerschein zu machen oder sonst wie Autofahren zu
lernen. Ich war und machte mich sozusagen von einem Partner abhängig - und wie es kommen
musste, stand ich am dritten Tag der Flucht plötzlich allein da.
Drei tagelang versteckten wir uns in den Waldhügeln rund um die Stadt Graz herum, um die
intensive Polizeifahndung der ersten Tage zu entgehen. Die Kälte, Nässe und Hunger setzten
uns zu, insbesondere in der Nacht. Wasser tranken wir aus Bächen. Zum Essen fanden wir in
den Bauernfelder nur unreife Maiskolben.
Am dritten Tag dann gegen die Abenddämmerung ging mein Fluchtpartner Mirko in einen
nahegelegen Dorf in der Absicht ein Auto zu stehlen. Ich sollte im Wald auf ihn warten, denn
es wäre schade nach seiner Meinung, wenn wir beide gleichzeitig erwischt würden, falls er
beim autoknacken ertappt wird.
Das leuchtete mir ein, so blieb ich dann allein zurück und wartete auf seine Rückkehr in der
Hoffnung, dass er mit einen Fahrzeug zurückkommt, damit wir endlich von der Gegend um
Graz herum wegkommen und zur Staatsgrenze fahren können.
Mein Fluchtpartner Mirko kehrte jedoch nicht mehr zurück.
Später, nachdem wir uns wieder in die Strafanstalt Stein wieder trafen, erzählte er mir dass er
beim Autostehlen beobachtet wurde, weswegen er mit dem gestohlenen Auto das Weite
suchen musste, um der Polizei zu entkommen. Ob das stimmt oder nicht, weiß ich bis heute
nicht.
Nach 11 Jahren ununterbrochener Haft nunmehr allein auf der Flucht gestellt, war ich
ziemlich übersichtlos und ziemlich unbeholfen. Tagsüber versteckte ich mich im dichten Wald
und bewegte mich erst im Schutze der Abenddämmerung weiter fort. Sah ich irgendwelche
Personen durch Waldwege gehen, so duckte ich mich sofort hinter Baumstämme oder
Gestrüpp und hielt den Atem an. So eine Flucht löst eine regelrechte Dauerparanoia aus.
In der Nacht trieb es mich an Ortsränder, wo ich mich nach Einbruchsmöglichkeiten
umschaute. Ich brauchte ganz dringend was zum Essen und warme Bekleidung, denn meine
Kleidung und Sportschuhe waren völlig verdreckt und vom Regen durchnässt, so dass meine
Zähne vor Kälte klapperten, waren die Nächte in August noch ziemlich kalt. Auch meine Füße
waren durch das ständigen gehen und von der Feuchtigkeit mit Blasen und Entzündungen
ziemlich mitgenommen und schmerzten bei jedem Schritt. Zudem war ich im Dunkel der
Nacht wiederholt gestolpert und hingefallen, wobei ich mir eine Fußverstauchung und einen
großen Splitter auf die rechten Handballen zuzog. Die Fußverstauchung war jedoch nicht so
Schlimm, dafür entzündete sich der Splitter an meinen Handballen und schmerzte tagelang,
weil ich es nicht rausbekam. Das hat man davon, wenn man sich physisch, mental und
psychisch unvorbereitet und unbedacht auf sowas einlässt, nur so spontan und blind drauflos.
Das schlimmste aber war, das ich völlig orientierungslos auf und ab marschierte. Ich wusste
nur, dass ich vom Graz noch nicht weit genug weg sein konnte, aber in welcher Richtung ich
da auf und ab marschierte hatte ich keine Ahnung. Da wurde mir auch so richtig bewusst, wie
Ahnungslos und unvorbereitet ich geflüchtet war. Ich ärgerte mich total über mich selbst und
machte mir Vorwürfe so Dumm gewesen zu sein, mich von anderen völlig abhängig gemacht
zu haben.
Insgeheim wünschte ich mir wieder in der Zelle zu sein, verwarf diesen Wunsch aber gleich
wieder, wenn ich nur an den Missstände und Schikanen dachte.
In den folgenden zwei Tagen gelang es mir in mehreren Bauhütten und Wochenendhäuser
einzubrechen und mich dort mit Konservendosen zu ernähren sowie mit wärmerem
Bekleidung zu versorgen, schließlich auch mit einem Rucksack und diversen Werkzeuge,
Zange, Hammer, Schraubenzieher sowie mit Löffel, Gabel und Messer.
Das Werkzeug war vorwiegend für weitere Einbrüche gedacht, um mich während der Flucht
weiter versorgen zu können. Denn es war mir klar, das ohne Diebstähle und Einbrüche mein
Überleben und die Fortsetzung der Flucht nahezu unmöglich war, war ich doch völlig
Mittellos. Die paar Geldscheine, die ich mithatte hatte ich irgendwo im Wald verloren oder,
ging mir durch den Kopf, vielleicht hat es mir mein Fluchtpartner Mirko in einen
unbeobachteten Moment gestohlen. Wie es auch sei.
Ich ließ auch ein Batterieradio mitgehen, so dass ich mich stündlich über die Nachrichten über
den Stand der Polizeifahndung informieren konnte. So erfuhr ich auch, dass derjenige
Fluchtpartner, der nach Tschechoslowakei wollte bereits am nächsten Tag der Flucht beim
Autostoppen auf der Autobahn wieder erwischt wurde. Na ja, ging mir durch den Kopf, jetzt ist
er wieder in eine warme Stube.
Bei einen der Einbrüche hinterließ ich dem Inhaber des Gartenhauses ein Entschuldigungsschreiben mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit sowie mit einer politischen Forderung an
das Bundesministerium für Justiz Wien eine justizunabhängige Kommission zur Überprüfung
der wahren Praktiken in den Gefängnisse einzusetzen, wobei ich gleichzeitig meine
Bereitschaft ankündigte, mich bei Erfüllung der Aufforderung der Vollzugsbehörden freiwillig
wieder zu stellen (02/3-5), um mein Anliegen Nachdruck zu verleihen. Der Brief kann wohl
nicht besser dokumentieren, warum ich tatsächlich ausgebrochen bin, welche Absichten ich
tatsächlich hegte und in welchen gesundheitlichen und emotionalen Zustand ich mich befand.
Aspekte meiner Flucht, die sowohl das Gericht Graz und offenbar auch die Öffentlichkeit
vertuschten, weil die Flucht und die damit verbundenen Ereignisse ansonsten unter ein ganz
anderes Licht zu sehen und zu beurteilen gewesen wären. Nämlich u.a. auch wegen der
justizpolitischen Verfolgung und Vernachlässigung eines Häftlings durch das
Gefängnispersonal aus Vergeltung, weil dieser auf spektakuläre Weise massiven Missstände in
den Gefängnisse in der breiten Öffentlichkeit angeprangert und politisiert hatte.
Gegen Morgengrauen des dritten Tages, der ich allein unterwegs war, 7.8.1989, war ich
dann so hundsmüde und die Füße brannten derart, dass ich mir zwischen Gestrüpp eine
Schlafstätte einrichtete und niederlegte. An einen Schlaf aber war, wie an den Tagen zuvor
kaum zu denken. Die Nervenanspannung auf der Flucht, noch dazu unter solchen Umstände
ist so stark, das man zwar die Augen zudrückt, aber schon das kleinste knistern lässt einem
wieder hochfahren, wie eine Rakete. Man kann sich höchstens ein bisschen entspannen.
Trotzdem muss ich zuletzt doch eingeschlafen sein, denn das unmittelbare rascheln und
knacken von nahenden Schritte schreckte mich im nun auf. Sofort dachte ich an einen Bären
oder sonst irgendwelchen Waldtier. Stattdessen erblickte ich auf zwei-drei Meter Entfernung
einen mittelälteren Mann. Auch der Mann sah mich und erschrak, drehte sich schnell um und
entfernte sich schnelleren Schritte. Sofort schoss mir durch den Kopf, dass meine Flucht nun
zu Ende wäre, weil er mich als einen der Ausbrecher erkannt hat und die Polizei verständigen
wird. Ich lag eher am Rande des Waldes zwischen Gestrüpp und nicht weit davon sah man
Häuser. Also, schoss mir durch den Kopf, es dauert nicht mehr lange bis er die Polizei
verständigt. Später sollte ich über Gerichtsprotokolle erfahren, dass er beim Bundesheer tätig
war und an diesen Tag frei hatte und im Wald nach Schwammerln gesucht hatte.
Wenn mehrere Strafgefangenen gleichzeitig ausbrechen, noch dazu aus Lebenslanger
Haftstrafe, so war mir klar, das intensiver Fahndung und Berichterstattung stattfand. Die
kleinste Information könnte ein Heer von Polizeibeamten herbei befördern, dachte ich
panisch.
Als er außer Sicht war, begann ich zum Laufen, fiel aber immer wieder in Schritttempo zurück,
weil die wunden Füße infolge der ständigen feuchten Turnschuhe und Entzündungen nicht
mitmachen wollten. Ich geriet in einen asphaltierten Waldweg und gleich danach sah ich auf
eine stark frequentierte Landstraße hinab, die ich unbedingt vermeiden musste, denn gerade
von dort würde die Polizei oder Gendarmerie kommen, schoss mir durch den Kopf. In diesem
Moment hörte ich Motorgeräusche und gleich darauf fuhr ein PKW an mir vorbei. Instinktiv
drehte ich mich weg, duckte mich zu Boden um so zu tun, als wenn ich was aufhebe und
schaute weg um von dem Fahrer nicht gesehen und erkannt zu werden. Dass es schon die
Polizei sein konnte, glaubte ich nicht, da erst wenigen Minuten vergangen sind, seit mich der
Fremde im Wald gesehen hat. Ich musste quasi wieder etwas zurück von wo ich gekommen
war, denn auf die eine Seite des Waldweges war offener Ackerland, das mir keinen Schutz vor
den gesehen zu werden bot und auf die andere Seite ging es ziemlich steil Hügelab. Ich fühlte
mich wie ein gehetztes Tier, der panisch vor den gefressen werden gejagt wird und auf der
Flucht war.
Die fatale Kaperung der Politikergattin
Ich marschierte den Waldweg entlang und suchte eine andere Route. Dann hörte ich erneut
Motorgeräusche Diesmal dachte ich sofort an die Polizei oder Gendarmerie und mein Herz
raste wie verrückt vor Panik. Ich schaute mich um, es war jedoch ein normaler Pkw auf
schätzungsweise etwa 100 oder 150 Meter Entfernung und da schoss mir wie aus dem nichts
spontan und instinktiv durch den Kopf: „Halte den Wagen an und zwinge den Fahrer mit den
Messer dich schnell aus den Gefahrenbereich wegzufahren“. Ähnlich, wie in etwa „Friss, bevor
du gefressen wirst“. Man greift in der Verzweiflung die Gelegenheit, ohne zu überlegen
Dann ging alles Blitzschnell vor sich. Ich winkte den sich nähernden Pkw, der genau neben mir
stehenblieb. 20-30 Meter zuvor hatte ich schon erkannt, dass eine Frau am Steuer saß. Ich
griff schnell durch das Fahrersitzfenster und packte die Frau bei der Bluse und mit der
anderen Hand hielt ich ihr das Brotmesser, das ich von einer Schrebergartenhütte
mitgenommen hatte vor der Brust. Gleichzeitig schrie ich sie an „Fahren Sie mich hier weg. Ich
bin aus dem Gefängnis ausgebrochen und die Polizei ist hinter mir her (03/1,2)“.
Ich riss die Autotür auf, drängte die Frau auf den Beifahrersitz, stieg gleichzeitig in den Wagen
und drängte die Frau über mich auf den Fahrersitz zurück. Ich fuchtelte weiter mit dem
Messer vor ihrer Brust und forderte sie auf, sofort wegzufahren.
Die Frau war natürlich Toderschrocken und gehorchte mir ohne zunächst vor Schreck ein
Wort rauszubringen. Es ging alles so blitzschnell vor sich, so dass die Frau keine Zeit hatte sich
zu fassen. Ich hatte in diesem Moment keine Ahnung, dass es sich um die Ehegattin eines
Oberregierungsrates der steirischen Landesregierung handelte und dass mir und ihr eine
unglaubliche Tragödie und Drama bevorstand.
Immer kehrend forderte ich sie eindringlich auf, mich von der Gegend schnell Richtung
jugoslawische Grenze wegzufahren und betonte, dass die Polizei jeden Moment eintreffen
könnte.
In völliger Angst versetzt fuhr sie los, während ich ihr zur Einschüchterung das Messer an der
Hüfte angesetzt hielt.
„Ich fahre sie weg, ich fahre sie weg, aber bitte tun sie mir nichts an“, bat sie immer wieder.
„Es wird ihnen sicher nichts Weiteres passieren, wenn sie mich von hier wegfahren und nicht
die Polizei oder sonst jemand zu alarmieren versuchen“, versicherte ich ihr ebenso oft.
Durch die ständige Bedrohung hatte die Frau in dieser Situation absolut keine Chance zu
flüchten oder irgendwie Alarm zu schlagen oder sonst wie auf sich Aufmerksam zu machen.
Wir fuhren quer durch die Stadt Graz bis zur Südautobahn. Dabei hielt ich ihr das Messer zur
Bedrohung an die Hüfte angesetzt.
Es ist keine Frage - und das habe ich auch immer zugegeben und betont, dass ich mich hierbei
eindeutig schuldig gemacht habe. Sieht man aber im Gesetzbuch nach als auch auf Seite 4 des
Strafurteils, so erfüllte ich mit den primären Straftaten nur den Tatbestand der schweren
Nötigung und gefährlicher Drohung gem. §§ 106 (1) und 107 (2) StGB, die maximal mit 5
Jahren Haftstrafe geahndet werden. Ich wurde allerdings – entgegen der tatsächlichen
Ereignisse der Flucht, wie unten weiter geschildert und entgegen der Fakten und der
Gerichtsaktenlage - zu einer 18-Jährigen Haftstrafe verurteilt. Die Justiz verpasste mir
sozusagen ein Todesstoß, weil die Frau Ehegattin eines hohen Grazer Politikers war und weil
meine Beliebtheit bei der Justiz wegen meiner Initiativen gegen Missstände im Gefängnis im
Keller war. Ein staatliches System in Österreich zu kritisieren löst viele gefahren aus.
Nach Erreichen der Südautobahn nach zirka 20 Minuten fiel die Wucht der Panik und der
Spannung allmählich von mir ab und unglaubliche Erleichterung machte sich in mir breit
„entkommen" zu sein“. Die Autobahn war zu diesen Vormittagsstunden sehr mäßig befahrbar.
Gleichzeitig der Freude „entkommen“ zu sein, wurde mir aber auch klar, was ich eigentlich
getan hatte, nämlich eine Frau entführt zu haben
Ich blickte zur Frau auf den Fahrersitz hin und war plötzlich schockiert. Die fatale Realität
kehrte ein und drang allmählich in mein Bewusstsein. „Um Gottes willen, was hast du getan“,
schoss mir durch den Kopf. „Wer ist diese Frau! Das sind schlimmste Folgen für dich, wenn sie
dich wieder erwischen. Wie konntest du das nur tun!“ Die Eigenvorwürfe und Befürchtungen
flossen nun in meinen Kopf durcheinander herum, wie die wilde Strömung eines Flusses.
Nun sah ich die verängstigte Frau neben mir mit klarerem Augen und Bewusstsein. Zuvor war
es mir offensichtlich durch den eigenen Panikzustand nicht möglich. Jetzt aber tat sie mir
plötzlich wirklich leid. Ich konnte es fast nicht mehr ertragen, dass sie Angst hatte.
Als Ex-Heimkind und Häftling mit jahrelangen Gefängnisaufenthalten war ich mehr als zu oft
selbst in schrecklichen Situationen der Angst und des Schreckens und gelegentlich auch der
Todesangst. Auch wenn es nun nicht glaubwürdig und zynisch erscheinen oder klingen mag,
so doch wünsche ich jedenfalls nicht Frauen und Kinder solchen Momente und Erfahrungen.
Aber nun hatte ich mal in panischer Angst gehandelt und durch den erwachen daraus änderte
ich meine Einstellung gegenüber der Frau. Ich nahm das Brotmesser, mit der ich sie bedroht
hatte und das nun auf meinen Schoss griffbereit vorlag und verstaute es in den Rucksack,
während ich ein etwas kleineren Messer, das ich unter die Jacke im Rücken im Hosenbund
eingesteckt hatte vorsichtshalber dort beließ.
Gleichzeitig versuchte ich mich bei ihr zu entschuldigen. „Ich muss mich bei ihnen
entschuldigen, was ich ihnen angetan habe. Ich war verrückt vor Panik wieder erwischt zu
werden“ (04/22).
Sie blickte mich überrascht und erstaunt an und fragte mir, „Was tun Sie da?“, während sie
mir zusah, wie ich das Messer in den Rucksack verstaute.
„Bitte entschuldigen Sie mich. Ich war total in Panik von der Polizei erwischt zu werden und
wieder ins Gefängnis zu müssen. Ich will Ihnen nichts antun. Ich muss verrückt geworden
sein. Mich hat ein Mann im Wald gesehen und hat sich schnell wieder entfernt. Er hat mich
offenbar als eine der Ausbrecher aus der Karlau erkannt. Deswegen geriet ich in Panik, dass er
die Polizei verständigen wird. Und als ich ihr Auto sah, sah ich es als einziger Rettung an, um
schnell von der Gegend wegzukommen!“.
Die Frau atmete tief ein und erwiderte: „Oh, bin ich erleichtert. Ich glaubte schon, dass es
mich persönlich betrifft. Das ich sterben muss“.
„Bitte, bitte denken Sie das nicht. Ich bin kein Kinder- oder Frauenmörder. Nein, nein“,
versicherte ich ihr mit voller Überzeugung, „Das würde ich nie Tun. Ich bin nur aus dem
Gefängnis Karlau ausgebrochen, weil die Schikanen und Missstände nicht mehr auszuhalten
waren (03/ 7). Glauben Sie mir, es ist ein Wahnsinn, was sich da abspielt“.
"Ja, davon habe ich schon gehört“, erwiderte Sie.
Ich weiß nicht warum, offenbar aber aus Gewissen oder aus schlechten Gewissen heraus
spürte ich plötzlich eine sehr starke innerliche Bedürfnis, mich bei ihr zu erklären und mich
ernsthaft zu entschuldigen, gleichzeitig aber auch um sie zu beruhigen und ihr die Angst zu
nehmen. Es wurde mir deutlich bewusst, dass die Frau überhaupt nichts dafür kann, das ich
einfach verrückt gehandelt hatte. Ich war plötzlich schockiert über mein handeln.
Von dem Moment an bis sie bei der Polizei in Klagenfurt erschien war ich nur mehr bestrebt,
die Frau anständig zu behandeln und ihr jedwede Angst zu nehmen, wie nur möglich sowie ihr
die Sicherheit zu vermitteln, das ihr absolut nichts mehr passieren wird. Andererseits lag es
auch in meinen eigenen Interessen, weil mir bewusst wurde, dass sie ansonsten auf der langen
Fahrt zur Staatsgrenze fortwährend in Angst und Schrecken meine Flucht gefährden könnte,
indem sie jede sich anbietende Gelegenheit zu entkommen oder um Hilfe zu schreien
wahrnehmen könnte.
In den weiteren Verlauf schilderte ich ihr ausführlich, warum ich aus dem Gefängnis
geflüchtet war und das ich beabsichtige die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Dabei
schilderte ich ihr auch vielen Missstände im Gefängnis, wobei ich die Schilderung immer
wieder mit den Schlussworten unterstrich, „Glauben Sie mir, bitte!“.
Umso erstaunter war ich dann, als sie mich unterbrach und zu mir sagte: „Sie brauchen nicht
immer zu sagen, das ich ihnen glauben sollte. Ich glaube Ihnen. Ich weiß, dass Sie mir die
Wahrheit sagen“.
Momentan war ich Perplex und fragte sie, „Wieso wissen sie es?“.
„Schauen Sie! Mein Mann ist hoher Regierungsbeamter und ich kann gelegentlich Gespräche
unter den Beamten beiwohnen. Von daher weiß ich, das in der Strafanstalt Karlau
unmenschliche Haftbedienungen herrschen“.
„Ich verstehe nicht, dass selbst Politiker darüber Bescheid wissen und das trotzdem keiner
was dagegen tut“, erwiderte ich ihr.
„Ja, wissen Sie. Das ist die Krankheit unseres Landes. Jeder hat sein eigenes Reich aufgebaut
und keiner traut sich über den anderen. Im Gegenteil, sie unterstützen sich sogar gegenseitig.
So macht jeder kleiner Reich, was es will“.
Ich fragte sie, wie sie heißen würde und ob ich sie beim Vornamen nennen dürfe, was sie mir
zusagte. Das bestritt sie später verständlicherweise, aber das ist nicht so wichtig. Ich blieb
zunächst trotzdem per Sie. Erst etwas später duzte ich sie.
Während sie ruhig und gemäßigten Tempo das Auto auf der Autobahn fuhr, führten wir in der
Folge eine längere Konversation über die Zustände in dem Österreichischen Gefängnisse. In
vielerlei Hinsicht schloss sie sich meiner Meinung an oder ich die ihre. Dabei wurde mir klar,
dass sie tatsächlich Kenntnisse über den Strafvollzug und über etwaigen Missstände hatte.
„Ich bin verwundert, dass sie so kritisch sind. Sie haben ja einen guten Lebenstand“, stellte
ich fest.
„Das schließt nicht aus, dass ich mich dafür interessiere, was in unseren Land geschieht“,
antwortete sie mir unverzüglich mit leichtem Vorwurfton, so als wenn ich ihr etwas unterstellt
hätte.
Mittlerweile bemerkte ich, wie richtig und wichtig es von mir war in erste Reaktion nach
Erreichen der Autobahn das Messer im Rucksack wegverstaut zu haben sowie mich bei ihr
wiederholt entschuldigt und ihr die wahren Gründe meiner Wahnsinnstat erklärt zu haben.
Nicht zuletzt auch die fortlaufende Konversation zwischen uns hat unglaublich zur
Entspannung aus der dramatischen Situation beigetragen, wurde mir bewusst. Die Frau wirkte
nun viel entspannter und die Angstzüge in ihrem Gesicht waren weitgehendste gemilderter
Form, eher von Ungewissheit und Ratlosigkeit geprägt. Sie grübelt sicher nach, um die
Situation einzuschätzen und um einen Ausweg, dachte ich mir.
Ich beobachtete sie so unauffällig wie nur möglich, um ihr nicht das Gefühl zu vermitteln, dass
ich sie überwache. Als Ex-Heimkind und als jahrelanger Häftling, der selbst schwerste und
schmerzvollste Erlebnisse persönlich erleben und zu überleben lernen musste, war mir
durchaus ein feineres Gespür angeeignet als manch ein anderer, um in solch einer Situation
den Zustand eines anderen einzuschätzen.
Nach kurzer Zeit der stille sagte sie dann: „Ja, ich habe es mir überlegt. Ich werde ihnen
helfen. Ich fahre Sie zur Grenze, aber versprechen Sie mir, das ich zu meiner Familie
zurückkehren darf und das Sie mir nichts antun“.
„Sie können sich sicher sein, dass ich ihnen nichts antue und das Sie zurückfahren können,
aber ich verlasse mich auf ihr Wort und Versprechen. Es wäre ein Wahnsinn, wenn sie mir
helfen würden. Ich wäre ihnen so dankbar dafür“, erwiderte ich ihr enthusiastisch.
„Ja, ich verspreche es Ihnen“, betonte sie nochmals.
Ich hielt ihr meine gestreckte Hand hin und sagte „Abgemacht!“.
Nach kurzem zögern gab sie mir die Hand, gleichzeitig atmete sie auf und erwiderte, „Wissen
Sie! Jetzt kann ich in etwa verstehen, was passiert ist und warum. Irgendwie verstehe ich jetzt,
warum Sie in Panik gerieten“.
„Und bitte entschuldigen Sie mich nochmals, was ich ihnen angetan habe. Ich weiß, es ist für
sie fürchterlich. Ich bin jetzt selbst darüber schockiert“, entschuldigte ich mich erneut bei ihr.
Natürlich war mir klar, dass ihre Zusage allein schon wegen ihrer Notsituation nicht wirklich
freiwillig war, andererseits geschah es aber nicht mehr in eine Art und Weise der brutalen
Drohungen und Einschüchterungen, deswegen sie in ständiger Angst und Schrecken versetzt
wäre, sondern in eine Art Abmachung zwischen Menschen, die in eine prekären und fast
Aussichtlosen Situation nach einen Ausweg suchen.
„Wenn wir die Grenze erreicht haben, dann können Sie sicher wieder nach Hause…“,
versicherte ich ihr erneut, „…aber ich muss sie gefesselt zurücklassen, damit sie nicht gleich
die Polizei alarmieren können. Ich brauche etwas Vorsprung, verstehen Sie!“ (05/2 unten)
Sie schaute mich fragend und ängstlich an.
„Machen Sie sich aber keine sorgen. Ich denke gerade nach einer Lösung verzweifelt nach.
Ich werde Sie nicht irgendwo zurücklassen, wo Sie überhaupt nicht gefunden werden können.
Ich brauche nur einen Vorsprung von ein paar Stunden. Bis dahin bin ich sicher an einem Ort
angekommen, von wo ich dann die Polizei anrufen und verständigen kann, wo Sie zu finden
sind. Das verspreche ich Ihnen…“, versicherte ich ihr erneut, „…oder wir fahren in einen
abgelegen Ort und ich nehme das Autoschlüssel mit, während Sie im Auto zurückbleiben, so
dass Sie nicht sogleich wegfahren und daher auch nicht gleich die Polizei alarmieren können“,
schlug ich ihr vor.
„Nein, die Autoschlüssel brauche ich schon“ sagte Sie Stirnrunzeln.
„Es geht nur darum, dass ich etwas Vorsprung brauche. Denn wenn Sie zur Polizei gehen,
bricht sofort eine starke Fahndung aus und dann habe ich kaum eine Chance. Verstehen Sie!“
„Ja, das glaube ich auch und das verstehe ich. Ich bin nur froh, dass Sie mir nichts antun“.
„Sie können sicher sein, dass das nicht passieren wird“, versicherte ich ihr erneut zu. „Ich kann
verstehen, dass Sie Momentan in dieser Situation wahrscheinlich zweifeln. Aber wenn Sie
wieder zu Hause sind, erinnern Sie sich dann an mein Versprechen. Vielleicht können Sie mir
dann verzeihen“.
Sie schaute mich abrupt an und ich sah ein leises Lächeln in ihr Gesicht „Das haben Sie aber
schön gesagt. Ja, ich werde mich daran erinnern, das kann ich Ihnen versprechen“.
Innerlich wusste ich, dass ich Sie anlog. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt überhaupt keinen
wirklichen Plan, wie ich aus dieser fürchterliche Schlammassel raus konnte. Ich war mir nur
sicher, dass ich der Frau nichts mehr antun wollte und würde und das mein Versprechen ernst
gemeint war, aber wie ich das anstellen sollte, um meine weitere Flucht nicht zu gefährden,
davon hatte ich zu diesem Zeitpunkt keine wirkliche sichere Vorstellung oder Plan. Nur die
vage Vorstellung, dass ich Sie irgendwo zurücklassen musste, von wo sie nicht gleich die
Polizei alarmiere könne.
In weiterer Konversation, eher um mich selbst von der fürchterlichen Folgen meiner
strafbaren Handlung abzulenken, die mir durch den Kopf rasselten, erzählte ich ihr dann von
meinen spektakulären Fluchtversuch und der anschließenden Protestaktion Mitte 1983 in
Garsten auf dem hohen Kirchendach der Wallfahrtskirche.
Daraufhin schaute sie mich verdutzt an. „Ach, Sie waren es! Irgendwie sind sie mir bekannt
vorgekommen. Das hat damals viele Schlagzeilen gemacht. Jetzt kann ich auch verstehen,
weshalb Sie beim Personal des Gefängnisses unbeliebt sind“.
Sie fragte neugierig nach, wie es damals zu dem Fluchtversuch und der Protestaktion kam und
ich schilderte es ihr. Ebenso weshalb ich im Gefängnis saß, nämlich weil ich Bank- und
Postüberfälle begangen hätte und dabei einen Postbeamten so unglücklich traf, das er 8 Tage
später im Krankenhaus verstarb, was Punkt auf Punkt auch stimmte. Ich vermied dabei
bewusst die Worte „Mord“ und „Mordversuch“, weswegen ich verurteilt wurde (03/7).
Auch hier zeigte sie sich neugierig und ließ sich die Abläufe der Geld-Überfälle und wie es zum
Tod des Postbeamten kam näher erzählen. Irgendwie kam es mir so vor, ging mir durch den
Kopf, als wenn sie mich (über)prüfen würde oder wollte, offenbar um mich einzuschätzen.
Wir waren mittlerweile zirka eineinhalbstunden auf der Südautobahn unterwegs. Sie fuhr stets
in gemäßigtem Tempo. Zwischendurch wurden wir auch von Gendarmerieautos überholt und
sie zeigte dabei keine Reaktion, während ich mich fast in die Hose machte.
Ich nahm die Plastikflasche mit Wasser aus dem Rucksack und bot ihr zu trinken an “Es ist
aber Wasser aus Bächen“, informierte ich sie vorher.
„Nein. Danke. Ich habe keinen Durst“.
„Sie brauchen kein Bedenken zu haben! Ich habe keine ansteckenden Krankheiten“, erklärte
ich ihr, weil ich annahm, das sie deswegen aus derselben Flasche zu trinken ablehnte.
„Nein, so habe ich es nicht gemeint. Ich habe Momentan wirklich kein Durst“.
Die Konversation zwischen mir und ihr verlief mittlerweile so, als wenn dazwischen nichts
passiert worden wäre. Sie wirkte mit zunehmender Fahrdauer immer sicherer und
selbstbewusster. Sie schaute mir während der Konversation auch öfters und gerade in die
Augen, was Menschen, die wirklich Angst haben kaum oder nur selten tun.
Menschen, die durch eine bedrohliche Situation verängstigt sind, meiden zumeist den direkten
Blickkontakt zu dem Täter oder Peiniger, weil ihnen der Blickkontakt noch mehr Angst und
Schrecken einjagt. Nur Menschen in Todesangst starren wie gelähmt den Täter oder den
Peiniger an, weil sie jedem Moment mit dem Todesstoß rechnen.
Ich schreibe hier aus persönlicher Erlebnisse und Erfahrungen aus meiner Zeit in den
staatlichen Heime und (Jugend)Gefängnisse, wo einem allein schon der nahen Anblick eines
peinigendes Erziehers oder Wärters Angst und Schrecken einjagte.
Jedenfalls verdutzte mich, wie schnell sich die Frau erholt hatte und instinktiv sagte ich mir in
Gedanken, „Sei jedenfalls vorsichtig. Vielleicht will sie dich nur täuschen“. Ich schätzte die
Frau mittlerweile als eine Konstitutionell und intellektuell sehr starke und sehr intelligente
Persönlichkeit ein und empfand zunehmenden Respekt vor ihr, dass sie ihre eigene schwere
Situation offensichtlich in den Griff zu bekommen und tapfer zu beherrschen versuchte.
Ich fragte sie nach ihrer Familie und sie erzählte mir, dass sie fünf Kinder hätte, dass sie auf
ein eigenes Gut arbeiten würde und dass ihr Mann Agrar-Politiker und Oberregierungsrat der
steirischen Landesregierung wäre.
„Das Sie fünf Kinder haben ist schwer zu glauben“, erwiderte ich ihr und in der Tat konnte
ich es nicht glauben. Ich dachte mir, dass sie es nur behauptet um bei mir mehr Rücksicht und
Gewissen zu wecken.
„Warum können Sie es nicht glauben“, fragte Sie mich überrascht.
„Na ja, man sieht es Ihnen nicht an. Sie sehen zu gut aus, als das man annehmen kann, dass
Sie schon fünf Kinder hätten“.
„Ich habe aber fünf Kinder“, betonte sie.
„Und! Sind die Kinder brav und Sie, sind sie Glücklich?“, fragte ich sie.
„Ach, wissen Sie. Als Mutter von fünf Kindern und mit der ganzen Arbeit rund herum hat
man kaum Zeit für sich selbst“.
„Ja, da haben Sie wohl recht. Das weiß ich von meiner Mutter, die acht Kinder gebar. Wir
sind acht Geschwister und meine Mutter zog uns am Land fast alleine auf, weil unser Vater
stets auswärts arbeitete und kaum zu Hause war. Nur mein kleiner Bruder kam in Wien zur
Welt “.
„Acht Kinder! Und noch dazu allein! Wo am Land? Sind Sie aus Niederösterreich oder aus
Oberösterreich?“
„Nein, nein. Meine Mutter, ich und sechs weiteren Geschwister sind in Uruguay geboren und
aufgewachsen“.
„Sie kommen aus Uruguay...“ rief sie erstaunt, „Das ist ja in Südamerika. Und wo haben Sie so
gut Deutsch gelernt? Mir ist zwar ihr Dialekt aufgefallen, aber das Sie aus Uruguay kommen
wäre mir nie aufgefallen. Sie sprechen sehr gut deutsch“.
„Danke für das Kompliment. Mein Vater ist in Österreich geboren, musste aber wegen der
Nazis flüchten und landete in Südamerika. In Montevideo lernte er dann meine Mutter
kennen und heiratete sie 1945. Deutsch habe ich vorwiegend in der Zelle im Gefängnis von
selbst durch viel lesen und nachschreiben aus Büchern gelernt“.
„Und wie alt waren Sie, als Sie nach Österreich kamen?“
„Wir kamen Juni 1962 nach Österreich. Da war ich dreizehn Jahre alt. Jetzt bin ich 40. Und
wie alt sind Sie?“.
„Ich bin 36. Und warum mussten Sie unbedingt Geldinstituten überfallen!“
„Ja, das ist eine lange Geschichte. Wissen Sie, als wir nach Österreich kamen wollte mein
Vater das Hotel meiner Großmutter sogleich übernehmen, das sie in Wien nach dem zweiten
Weltkrieg aufgebaut hatte. Das Hotel war Vaters Grund, warum die ganze Familie nach
Österreich kam. Die Großmutter wollte das Hotel aber noch einige Jahre führen. Deswegen
gerieten sie in Streit. Es kam dann soweit, dass wir wegen des Streits das Hotel verlassen
mussten, aber das Geld meines Vaters reichte nicht aus für eine Wohnung für sieben Kinder.
Daher sorgte er dafür, dass einige Kinder in Heime kamen. Darunter war auch ich…“
„Da haben Sie aber ja noch nicht Deutsch gesprochen“ unterbrach sie mich.
„Nein, nur Spanisch. Das war eine schlimme Zeit von den ich mich nicht mehr erholte. Zuerst
die abrupte Verpflanzung von Uruguay nach Österreich und unmittelbar darauf die Trennung
von der Familie. Dann in Horrorischen Heime. Ich flüchtete ständig und zu überleben beging
ich anfänglich kleinere Diebstähle. So kam ich auch ins Gefängnis und es wurde immer
schlimmer, denn in dem Gefängnisse wird man noch mehr zerstört. Als ich zwischendurch auf
der Straße stand, da war meine Familie schon in alle Winde verstreut. Mein Vater und meine
Mutter lebten zeitweise getrennt. Meine Geschwister waren teilweise schon verheiratet. Ich
fand nur mehr im Straßenmilieu Anschluss. Ja, dann kam es zu den Bank- und Postüberfälle.
Irgendwie bildete ich mir ein, das mir der Staat eine Entschädigung für das erlittenen Leid in
den Heimen und Gefängnisse schuldet “.
„Sie haben eine Wahnsinnsgeschichte. Sowas habe ich noch nie gehört. Und wo wollen Sie
jetzt hin?“
„Ich will jetzt nach Uruguay zurück. Es wird nicht leicht sein, aber ich habe in Italien ein paar
Freunde und vielleicht können sie mich in einen Schiff unterbringen“.
„Aber warum wollen Sie dann nach Jugoslawien?“
„Weil es am nähersten zur Staatsgrenze liegt, um Österreich schneller verlassen zu können.
Über Jugoslawien komme ich sicher weniger gefährdet nach Italien. Haben Sie eine
Straßenkarte mit, wo ich mich in etwa orientieren könnte?“
„Ja, aber ich glaube nur für Österreich. Schauen sie in Schubfach nach“.
Ich entnahm aus dem Schubfach die Straßenkarte. Da diese aber durch das auf und ab und
Rütteln des Autos kaum in Ruhe anzuschauen war und sie auch nachsehen wollte, während
des Autolenkens jedoch nicht möglich war, fuhr sie kurzfristig auf einen Rastplatz, wo wir
gemeinsam die Route zur Staatsgrenze suchten (06/4 unten). Daraus erkannten wir, dass wir
bei Wolfsberg die Autobahn verlassen müssten, um so am schnellsten Weg zur jugoslawischen
Grenze zu kommen.
Wir fuhren weiter und ich legte die Straßenkarte in Schubfach zurück. Dabei fiel mir ein
Geldschein auf, der aus einem Führerscheinetui rausragte. Ich nahm das Etui und fand darin
ca. 150 Schilling. Mit den Geldscheinen verband ich in der Fantasie sogleich Getränke und
Nahrungsmittel, da ich schon seit Tagen nichts Ordentliches zu Essen hatte und ziemlichen
Hunger verspürte.
„Ina…“, duzte ich sie erstmals „…kann ich das Geld haben, um mir was zum Essen
einzukaufen. Ich habe schon seit Tagen kaum was gegessen?“
Sie schaute mich an. „Haben Sie tatsächlich überhaupt nichts gegessen in den letzten Tagen?“.
„Nur unreifen Maiskolben und drei-vier Konservendosen, die ich in Gartenhäusern gestohlen
habe. Und Wasser trank ich nur aus Bächen. Ich hatte zwar etwas Geld mit, aber das verlor
ich auf der Marsch in der Nacht in den Wälder und fand es nicht wieder“.
Sie schüttelte den Kopf, „Ja, nehmen Sie es, sie können das Geld haben (03/5). Wo haben Sie
überall Eingebrochen! In Graz oder in Gratkorn?“.
Irgendwie kam mir infolge ihrer Neugier und Nachfragerei um näheren Auskünfte zeitweise so
vor, als wenn ich gerade von der Polizei verhört werde, aber ich fasste es nicht böse auf.
„Danke, danke für das Geld. Bei nächstbester Gelegenheit kann ich mir endlich was zum Essen
kaufen. Ja, in leer stehenden Garten- und Wochenendhäuser habe ich eingebrochen. Ich weiß
nicht wo, irgendwo in der Gegend. Es ging nicht anders. Ich suchte was zum Essen sowie
trockene und wärmere Kleidung und diverse anderen Utensilien, die man so alltäglich
braucht. Aber ich habe mich bei dem Besitzer entschuldigt. Ich hinterließ ihnen ein
Erklärungsschreiben, warum ich aus den Gefängnis ausgebrochen bin, gleichzeitig stellte ich
die Forderung an das Bundesministerium für Justiz, das eine Kommission eingesetzt wird, die
die wahren Praktiken in dem Gefängnisse untersuchen sollte. Stand darüber schon
irgendetwas in der Zeitung?“, fragte ich sie.
„Das weiß ich nicht. Ich lese kaum Zeitungen. Dazu habe ich kaum Zeit“
„Wahrscheinlich hat der Besitzer das Schreiben noch nicht gefunden. Wenn ich in Uruguay
bin, rufe ich meine Frau an und lasse Ihnen das Geld überweisen“, sagte ich ihr mehr als
Verlegenheit heraus, sie angeschnorrt zu haben als ernst gemeint.
„Nein, das brauchen Sie nicht. Was! Sie sind verheiratet!?“
„Ja. Meine Frau wohnt in Wien und zu ihr kann ich nicht, weil mich die Polizei sicher als
erstes bei ihr vermutet“.
„Ja, aber wie halten Sie Kontakt zu ihr. Haben Sie Kinder mit ihr?“
„Ja, ich habe drei Kinder, aber nicht mit meiner jetzigen Frau, sondern von der Hippiezeit her
in München in Deutschland“.
„Ja, ich habe auch die Hippiezeit miterlebt. Es waren wunderschöne Zeiten. Da haben wir
ziemlich rebelliert. Und wie geht es ihren Kindern?“.
„Ich habe wenig Kontakt zu ihnen, aber meinen letzten Informationen nach geht es ihnen sehr
gut. Sie sind ja schon erwachsen. Mehr möchte ich aber nicht darüber sprechen, weil ich es
der Behörden verweigere, um meine Kinder nicht zu kompromittieren“.
„Ja, das verstehe ich. Und weiß ihre Frau davon und folgt ihre Frau sie nach Uruguay?“.
„Wenn ich einmal in Uruguay bin, glaube ich schon. Wir haben zwar noch nicht ernst darüber
gesprochen, weil ich sie von der Flucht nicht informiert habe, um sie nicht zu beunruhigen
und zu kompromittieren, aber ich glaube schon. Im Gefängnis kommt sie mich regelmäßig
besuchen. Es ist für sie nicht leicht, denn wir müssen Glück haben, das wir uns überhaupt ein
Bussi geben dürfen. Körperkontakt beim Besuch ist strikt verboten“.
„Das ist aber gemein“, rief sie auffallend spontan und heftig heraus.
Irgendetwas fiel mir dabei auf. Rein Instinktiv. Mit „gemein“ kann sie nur damit gemeint
haben, sagte ich mir, dass wir ansonsten nichts miteinander haben dürfen, was ein Ehepaar
eigentlich ausmacht, darunter eben auch sich zu küssen, Zärtlichkeit auszutauschen und Sex.
Ich schaute sie unbemerkt von der Seite an. Eigentlich das erste Mal, dass ich sie so richtig als
Frau ansah, sozusagen als das andere Geschlecht. Da verspürte ich das erste Mal eine sexuelle
Regung. Weniger körperlich, da ich mich völlig gerädert und Müde fühlte, als vielmehr
emotional.
Zum ersten Mal wurde mir richtig bewusst, dass sie sehr schön war und dass sie eine sehr
weibliche Ausstrahlung und eine sehr schöne Figur hatte. Gleichzeitig konnte ich mir nicht
vorstellen, dass sie bei so einer schönen Figur wirklich fünf Kinder hätte. Ich dachte eher, dass
sie mich da anlog.
Mehr als Neugier infolge ihre heftige Reaktion und um zu sehen, wie sie darauf reagieren
würde als tatsächlich aus Verlangen heraus, fragte ich sie, „Ina, kann ich dir was fragen…“.
„Ja. Bitte!?“
„Ich habe seit über elf Jahren mit keiner Frau geschlafen. Lässt Du mich bitte. Ich verspreche
dir nicht brutal zu sein?“, worauf sie mich überrascht anschaute, genauso schnell aber auch
wieder wegschaute. Ich sah, dass sie überlegte.
Dann schaute sie mich an und sagte, „Na gut, aber nicht im Auto“ (04/26).
Von einem Moment auf den anderen war ich völlig perplex. Ich habe mit einen klaren
„Nein“ gerechnet, aber niemals damit das sie zustimmt.
„Danke“, würgte ich hervor, „…oder sagst Du es nur aus Angst, das ich dir ansonsten was
antue. Ich bin kein Vergewaltiger. Wenn Du nein sagst, so respektiere ich es. Das verspreche
ich dir“.
Sie schaute mich erneut an und gegenfragte, „Aber was wird ihre Frau dazu sagen!“.
Die Frage verdutzte mich erneut. Anstatt mir eine Antwort zu geben, wich sie diese aus und
stellte mir stattdessen eine Gegenfrage. Ich antwortete ihr, „Meine Frau wird es natürlich nie
erfahren“.
„Mein Mann darf es auch nicht erfahren. Ich habe jetzt schon genug Probleme mit ihm“,
antwortete sie mir im Gegenzug.
Die nächsten Minuten blieb ich Stumm. Auf einmal wusste ich nicht mehr, was ich mit ihr
reden sollte. Ich fühlte mich wegen ihrer Bejahung zum Sex und mit ihrer Antwort, dass ihr
Mann nichts davon erfahren sollte total verunsichert.
Ich überlegte Fieberhaft, ob sie es wirklich ernst meinte oder ob sie mich nur täuschen wollte.
Oder ob sie insgeheim ein Flair für Affären und für Ganoven hätte. Ich wurde überhaupt nicht
schlau aus der Situation. Es kam mir so unwirklich und unfassbar vor. Ich fand zunächst keine
logische Erklärung dafür, außer im Kopf herum zu spekulieren.
Sie unterbrach dann die Stille, „Wir sind jetzt gleich in Wolfsberg. Im Tank ist nur mehr ganz
wenig Benzin. Ich müsste tanken, sonst kommen wir nicht zur Grenze“.
Wir verließen die Autobahn und fuhren in Wolfsberg ein. Ich schaute mich während der Fahrt
durch Wolfsberg nach einer Tankstelle um und fragte sie, „Ina, wie viel Benzin brauchst Du,
um nach Hause zurückfahren zu können?“
„Na ja, so zirka zehn Liter werde ich schon brauchen”.
Kurz vor verlassen Wolfsberg Richtung Grenze entdeckten wir eine Tankstelle und fuhren
diese an.
„Ina. Alarmiere aber bitte nicht den Tankwart. Tue mir bitte das nicht an. Bleiben wir im Auto
sitzen. Der Tankwart soll es machen“, bat ich sie.
Sie schaute mich irgendwie Vorwurfsvoll an und erwiderte „Ich habe Ihnen versprochen sie
zur Grenze zu fahren und das halte ich auch ein“, antwortete sie mir fast forsch und beleidigt.
„Entschuldige bitte. Ich habe es nicht so gemeint“.
Da ich nicht wusste, ob sie weiteres Geld mithatte, gab ich ihr 100 Schilling von dem Geld, das
sie mir zuvor gegeben hatte (06/4) und sagte ihr, das sie gleich um 100 Schilling tanken
sollte, damit sie auch genug Benzin zum zurückfahren hat, was sie auch tat.
Nach dem Tanken fuhren wir dann weiter über St. Andrä bis St. Paul. Bei St. Paul entdeckte
ich einen Straßenchild den Hinweis „Zollgrenzgebiet“, sodass wir von der Straße in einen
schmalen Bauernweg einbogen, da ich wegen der Zollgrenzbeamten nicht unmittelbar zur
Grenznähe fahren wollte bzw. in ein Zollgrenzgebiet herumzufahren.
Nach ihrer Straßenkarte geschätzt, waren wir nur mehr drei-vier Kilometern von der Grenze
entfernt. Im nu glaubte ich eine Lösung gefunden zu haben.
„Ina. Ich finde es am besten, wenn Du mich bis zur Grenze begleitest. Und sobald ich durch
den Wald die Grenze überquert habe, kannst Du zum Auto zurückgehen und zur Polizei oder
nach Hause fahren. So brauche ich dich nicht gefesselt zurückzulassen. Sobald ich über die
Grenze bin habe ich dann genug Vorsprung bis Du wieder bei deinem Auto bist. Denn bis die
Polizei erfährt, was passiert ist und die jugoslawische Polizei alarmiert ist, habe ich mehr als
ein paar Stunden Vorsprung und bin dann schon über alle Berge“.
Sie überlegte kurz: „Ja, gut. Aber über die Grenze gehe ich nicht mit“.
„Natürlich nicht“, versicherte ich ihr, „kannst mir bitte die Straßenkarte geben, damit ich mich
unterwegs orientieren kann?“.
„Ja, nehmen Sie es. Ich habe zu Hause noch welche liegen“. Sie nahm ein paar Sachen aus dem
Schubfach und versperrte das Auto und trug sich die Sonnenbrillen auf und wir machten uns
auf den Weg.
„Merke dir aber den Weg, damit du auch zum Wagen zurückfindest“, machte ich sie noch
darauf aufmerksam.
„Ja, wir sind da kurz vor St. Paul. Das ist leicht zu merken“.
Wir schauten auf der Straßenkarte schnell nochmals nach, um den kürzesten Weg zur Grenze
zu finden. Entlang der Straße zu gehen verwarf ich wegen der Zollgrenzbeamten.
Dabei fanden wir heraus, dass der kürzeste Weg über die auf der Straßenkarte aufgezeichneten
Waldwege wäre. So dachten wir, konnten wir in gerader Linie am schnellsten und direkt zur
Staatsgrenze gelangen, zumal ich die Grenze wegen der Zollgrenzbeamten ohnehin nicht
direkt über die Straße passieren konnte.
Nun machten uns wieder auf den weg. Es war erst gegen zwei Uhr Nachmittag. Wir dachten
in etwa in eine, maximal in zwei Stunden bei der Grenze zu sein. Wir irrten uns aber
gewaltigste.
Ich sagte noch zu ihr, „Ina, beeilen brauchen wir uns nicht. Denn bei totalem Tageslicht kann
ich die Grenze wegen der Zollbeamten kaum passieren. Die Zollgrenzbeamten beobachten die
Grenze sehr wahrscheinlich mit Ferngläsern und gelegentlich auch durch Patrouillen. Ich habe
noch nie zuvor eine Grenze schwarz überquert. Daher kenne ich mich nicht so gut aus“.
„Ja, das ist möglich. Ich kenne mich da auch nicht aus“, erwiderte sie.
„Ich werde jedenfalls die Abenddämmerung abwarten müssen. Aber sobald wir in
unmittelbarer Nähe sind, brauchen wir nur das anbrechen der Abenddämmerung
abzuwarten, dann kannst Du zum Auto zurück und bis Du beim Auto angekommen bist, da bin
ich sicher schon über die Grenze und über alle Berge“.
Wir drangen in ein lichtes Wald und marschierten los Richtung Grenze. Plötzlich hüpfte
sie spielerisch herum und sagte voller Begeisterung, „Stellen Sie sich vor, stellen Sie sich
vor. Als kleines Kind träumte ich von Räuber- und Gendarmspiele und jetzt bin ich selber
mittendrinnen“.
Ich traute meinen Augen nicht. Ich konnte es nicht fassen. Was ist das für eine Frau, schoss
mir durch den Kopf. Gleichzeitig spürte ich eine Riesenfreude, dass sie offenbar überhaupt
keine Angst mehr hatte und dass sie die Sache offensichtlich nur mehr als Abenteuer erlebte.
Sie ging kurz vor mir. Manchmal bückte sie sich und riss spielerisch ein Grashalm oder ein
grüner Zweig vom Waldboden. Dabei fiel mein Blick öfters auf ihr Gesäß. Sie hatte
enganliegenden Jeans an. Ihr schöner Hintern, deren Rundungen mit ihrem Schritte erotisch
hin und her wackelten, ließ mir die Luft anhalten. Ich spürte die Erregung in mir aufsteigen.
Plötzlich war ein Verlangen in mir da, trotz aller Müdigkeit, wie ich zuvor kaum erlebte.
Meine ersten Gedanken und mein erstes Verlangen waren ihr nackter Hintern zu sehen, zu
küssen, zu streicheln und zu lecken. Verrückt, dachte ich mir.
Fast außer Atem vor glühender Erregung und Verlangen - zum Trotz aller Müdigkeit durch die
Strapazen der Flucht - sagte ich zu ihr, „Ina, machen wir eine Pause bitte“ und setzte mich
sofort am Boden neben einen dicken Baum, mehr um meine Erektion aus Scham zu verbergen.
Sie setzte sich neben mir hin, beugte sich nach hinten und stützte sich mit den Ellenbogen
kokett auf den Boden. Aus einer Seite ihrer Bluse ragte ihre Brust halb heraus.
Wie unter Zwang, blieb mein Blick dort haften. Sie bemerkte es. Spontan griff ich nach ihrer
Brust und als meine Hand sie umfasste, spürte ich eine Hitze, als wenn ich in ein offenes Feuer
gegriffen hätte.
„Mein Gott, was bist Du für eine schöne Frau“, sprudelte aus mir heraus. Sie sagte kein Wort
und ließ sich ganz auf den Rücken fallen. Ich sah, wie sich ihre Augen schlossen und wie sich
ihre Wangen röteten. Meine Hand streichelte ihre Brüste, glitt langsam und sanft über ihren
Bauch bis zum Schoß. Ihr Jean war eng, sodass ich ihre Wölbung deutlich spüren konnte.
Behutsam beugte ich mich über sie und wollte Sie auf den Mund küssen.
„Nein, bitte nicht. Sein Sie nicht böse, aber Sie haben einen schlechten Mundgeruch“.
„Oh, entschuldige. Ich habe nicht daran gedacht“. Irgendwie war ich Momentan Ratlos und
verlor fast die Lust, aber es genügte nur ein Blick auf ihre nackten Brüste, um wieder heiß zu
werden. Andererseits hatte sie recht, da ich mir schon seit Tagen nicht die Zähne putzen
konnte, hatte ich zudem auch Knoblauch gekaut, die ich bei den Einbruchsdiebstählen Tage
vorher gefunden hatte.
Der Duft ihres Schoßes elektrisierte und erotisierte mich. Ich küsste, streichelte und leckte
ihre Wölbung und Po. Wie aus der Ferne hörte ich mir sagen, „Oh, Ina, du bist so schön und so
süß“.
Sanft und entlang ihren Körper küssend beugte ich mich dann über sie, stemmte mich auf die
Hände auf und drängte meine Erregung in ihren Schoss…
Als ich wieder halbwegs zu Atem kam, nahm ich sie bei der Hand, schaute sie an und flüsterte
ihr, „Oh, mein Gott. So schön habe ich es noch nie erlebt. Du bist eine Göttin der Liebe“. Sie
lächelte mich nur an und ließ sich wieder zurückfallen.
Ich legte meinen Kopf an ihren nackten Bauch und schwebte in Gefühle, wie ich sie nie zuvor
erlebte. Ich spürte keine Müdigkeit mehr. Nur die Wärme ihres Bauches und eine Erfüllung,
als wäre ich im Paradies. Ich ruhte mich aus und spürte zunehmend wieder Erregung in mir
aufsteigen.
Ich drehte mich um und liebkoste wieder ihre erotischen Zonen…und stemmte mich dann auf
die Hände wieder auf und drang erneut in sie ein.
Ihre Wangen wurden glühendrot und die Spitzen ihrer Brustwarzen stachen fast bedrohlich
hervor, gleichzeitig schön und erotisierend. Die Augen hielt sie immer geschlossen. Ihr Mund
verkrampfte sich.
Es strahlte alles um mich, wie ein göttliches Licht. Ich ließ mich außer Atem auf die Seite
fallen, drängte mich gleichzeitig an ihren heißen Körper und legte meinen Arm um sie. Eng
gedrängt an ihren leib, wünschte ich mir kein erwachen mehr aus dieser Schönheit der
Leidenschaft und wünschte mir in diesen Moment die Ewigkeit herbei.
„Hat es Ihnen gefallen“, unterbrach sie dann die Stille.
„Es war unglaublich schön, Ina. Ich finde kaum Worte, um es dir zu sagen, wie schön es war.
So schön und so stark habe ich es zuvor nie erlebt. Ich bin fassungslos. Du bist eine heiße und
wunderschöne Frau. Wie soll ich dir danken! Und hat es dir auch gefallen?“
„So wie Sie. Unglaublich schön“.
„Danke, Ina. Das von dir zu hören macht mich sehr glücklich“.
Nach Minuten neben ihr, die mir wie eine wunderschöne Ewigkeit vorkamen, standen wir
wieder auf und zogen uns wieder an. Ich gab ihr ein frisches Handtuch aus dem Rucksack und
drehte mich dezent um.
Wir gingen dann weiter. Heimlich beobachtete ich sie. Sie wirkte plötzlich jünger, schöner,
fröhlicher. Auf ihr Gesicht lag nun ein leises Lächeln des Glücks und der Zufriedenheit.
„Ina. Danke dir…“, schwärmte ich weiter, „Was Du mir geschenkt hast werde ich nie
vergessen. Es war so schön, dass ich keine Worte finde. So bezaubernd schön habe ich es noch
nie erlebt. Davon habe ich nicht einmal geträumt. Du hast mir eine Welt gezeigt, die
unbeschreiblich schön ist“.
Sie schaute mich nur an und lächelte strahlend. Es war nicht zu übersehen, dass ihr meine
Worte sehr gefielen und schmeichelten.
Ich dachte nach. Nein, es waren nicht annähernd irgendwelche Liebegefühle zwischen uns.
Das wäre anmaßend und völlig daneben. Dafür kannten wir uns viel zu wenig und zu kurz. Es
war etwas ganz anderes. Ich erinnerte mich, wie sie zuvor im Wald herumgesprungen war und
begeistert ausrief, „Stellen Sie sich vor, Stellen Sie sich vor! Als kleines Kind träumte ich von
Räuber und Gendarmspiele und jetzt bin ich selber mittendrinnen“.
Im nu glaubte ich es zu wissen: Abenteuerlust und Faszination, verstärkt wahrscheinlich durch
die Spannung der Situation und durch unterdrückten körperlichen Bedürfnisse nach Wärme
und Zuneigung, die nun in der geistigen und körperlichen Erotik ausbrach und explodierte.
Ich schaute sie wieder an und dachte mir, das diese Frau eigentlich froh war ihr Alltag ein
wenig entkommen zu sein. Es war für mich nicht schwer bemerkt zu haben, dass sie
offensichtlich schon lange nicht mehr mit einen Mann geschlafen hatte. Und jetzt packt sie die
Gelegenheit voll beim Schopf, sagte sie doch zuvor, dass sie für sich selbst kaum Zeit hätte. Mir
überkamen viel Respekt vor ihr und eine unglaubliche Bewunderung für ihren Mut. Irgendwie
verstand ich sie jetzt, warum sie sich so gab. Sie wollte endlich wieder einmal was erleben und
endlich wieder Frau sein, die begehrt wird und nicht nur Mutter und Frau eines lieblosen
Mannes.
Scheinbar spielerisch und mit kokettem Gang ging sie nunmehr neben mir her. Wir stießen
auf einen asphaltierten Waldweg und marschierten diesen entlang, vermeintlich Richtung
Grenze. Das glaubten wir wohl nur, sollte sich aber später als ziemlicher Irrtum herausstellen.
Sie wirkte nun völlig aufgelöst und zufrieden. Es war eine Wonne sie anzusehen. Eine Pracht
der Natur, dachte ich mir, wie ich es zuvor nie erlebt habe.
„Weißt Du, Ina…“, schwärmte ich weiter, „Du hast mich ganz schön fertig gemacht. Ich bin
jetzt noch außer Atem. Du bist eine Sexbombe“.
Sie lachte auf. „Ja, es war schön. Ich habe es auch noch nie so erlebt. Mit meinen Mann habe
ich schon seit beinahe eineinhalb Jahren nicht mehr geschlafen“.
„Nein! Ein Wahnsinn, Das glaube ich nicht. Das kann ich mir nicht vorstellen. Wie ist das
möglich!?“, tat ich so als wenn ich überrascht wäre, bestätigte aber meine vorherige
Vermutung.
„Das weiß ich auch nicht. Er verlor plötzlich die Lust. Ich habe gleich den Verdacht gehabt,
dass er eine andere gefunden hat. Ich vermute sogar eine Sekretärin, aber ich kann ihn
schlecht bei der Regierungsarbeit kontrollieren. Wären nicht die Kinder, würde ich mich von
ihm scheiden lassen“.
„Das hast Du nicht verdient. Du bist eine so wunderschöne Frau voller Glut. Jeder Mann kann
nur davon träumen, so eine Frau zu finden und heiraten zu können…“
„Jetzt übertreiben Sie“, unterbrach sie mich fast ernst geworden.
„Nein, Ina. Warum soll ich übertreiben! Ich kenne dich erst ein paar Stunden. Ich war gemein
zu dir und trotzdem hast Du mir etwas Geschenk, was ich mein Leben lang nie vergessen
werde. Du bist wunderschön und hast das Herz einer Löwin. Wenn ich dein Mann wäre, dann
würde ich dich jeden Tag von neuen erobern wollen. Keine Nacht könnte ich dich vermissen“.
„Sind Sie immer so Charmant!“
„Nein. Nicht einmal zu meiner Frau. Ich bin zwar lieb zu ihr, aber nicht Charmant. Bei dir ist
es aber ganz anders“.
„Und wie ist ihre Frau?“
„Sie ist wunderbar und ich liebe sie sehr. Aber jetzt, nach dem ich mit dir so schönes erlebt
habe, scheint sie mir nun weit weg. Du und sie ist unvergleichlich und Welten voneinander
entfernt. Du hast mir die schönere Welt gezeigt. Und noch dazu trotz der schwierigen
Situation für dich“.
„Wo haben Sie gelernt, sich so schön auszudrücken?“
„Aufgrund meiner Protestaktionen gegen Missstände im Gefängnis musste ich zeitweise über
Jahre in Isolationshaft sitzen. Da habe ich mich durch die Anstaltsbibliotheken durchgelesen
und offenbar viel dabei gelernt“.
„Waren Sie da immer ganz allein?“
„Ja und Nein. Es durften manchmal Häftlinge zu mir, aber nur von der Justizwache
ausgesuchte. Das heißt, zumeist nur Intriganten und Denunzianten, die mich offenbar
auszuspionieren sollten, was ich mitunter als nächstes planen würde und so, so dass ich auf
solchen Kontakte zumeist freiwillig verzichtete. Das sind übliche Maßnahmen der Justizwache
und Vollzugsbehörden gegen Häftlinge, die sich über Missstände Beschwerden und erst recht,
wenn sie solchen Aktionen der Aufmerksamkeit gesetzt haben, wie ich am Kirchendach in
Garsten“.
„Leicht haben Sie es nicht gehabt!“
„Da hast Du recht, aber ich bin davon überzeugt, das richtige zu tun. Ich war ein Heimkind
und war auch in Jugendgefängnisse, wie ich dir schon sagte. Was da abgeht, kann sich kein
normaler Mensch vorstellen. Ich habe mir einen Lebenssinn gegeben nunmehr aufzuzeigen
und nicht immer runterzuschlucken und zu Schweigen, geprägt von meiner eigenen
schlechten Erfahrungen in den Heimen und Jugendgefängnisse. Wenn man schweigt, dann
wird es nur noch Schlimmer. Der Staat hat das recht uns einzusperren. Das ist keine Frage.
Aber es gibt Gesetze und danach muss sich auch der Staat halten. Sie muss uns sogar lernen,
die Gesetze einzuhalten, anstatt sich selbst nicht daran zu halten. Sie hat nicht das Recht uns
Gefangene willkürlich und wie Tiere, besser gesagt ärger als Tiere zu behandeln“.
„Da gebe ich Ihnen recht. Aber mit der Protestaktion auf den Kirchendach haben Sie ganz
schön aufgewirbelt! Ich kann mich erinnern, dass danach sehr viele negative Berichte über den
Strafvollzug erschienen sind. Hat Ihnen das nicht genügt?“.
„Ja, da hast Du recht. Es war schlechthin der Beginn der Berichterstattung über den
Strafvollzug in Österreich, denn bis dahin war es nur ein Tabuthema. Aber mittlerweile hat die
Justizwache das ausgeschlafen und nun wird es wieder zunehmend menschenverachtender
und brutaler in dem Gefängnisse. Deswegen ist es notwendig, das man regelmäßig darauf
aufmerksam macht und…“
„Ach, schauen Sie. Dort ist ein Haus“, unterbrach Sie mich plötzlich.
Wir näherten uns offenbar einen auf den asphaltierten Waldweg angrenzenden Bauernhof.
Eine Frau und ein Mann standen im Hof.
„Fragen wir sie um ein Glas kühles Wasser, Ina. Denn das Wasser, das ich noch in der Flasche
habe ist schon lauwarm und schmeckt komisch“.
„Ja, fragen wir sie. Mittlerweile habe ich auch Durst bekommen“.
Am Bauernhaus angekommen, grüßten wir freundlich und baten um ein Glas Wasser, was
uns freundlich gewehrt wurde. Ebenso freundlich bedankten wir uns und gingen weiter.
„Sie haben sicher geglaubt, dass wir ein Paar sind“, scherzte ich.
„Ja, das glaube ich auch“, erwiderte sie und lächelte.
„Du bist jetzt viel schöner, Ina“, machte ich ihr wieder ein Kompliment.
„Ich fühle mich jetzt auch sehr wohl. Neben einen starken Mann und Rebell“.
„Oh, danke für das Retourkompliment. Du bist ein bewunderungswerte Frau“.
Mittlerweile war es schon gegen fünf Uhr Nachmittag geworden. Wir schauten auf der
Straßenkarte wieder nach. Wir schätzten in zirka eine Stunde an der Grenze anzukommen und
marschierten weiter.
„Ina, aber so kann es nicht weiter gehen mit deinen Mann. Untern selben Dach aneinander
vorbei-zu-leben muss ein Horror sein“, sprach ich sie auf ihre Familie wieder an. Es ging mir
nicht aus dem Kopf, wie Dumm ihr Mann sein muss.
„Ja, so ist es auch. Wir haben aber fünf Kinder. Schon allein wegen der Kinder kann ich mich
nicht scheiden lassen“.
„Also, das ist schon ein Wahnsinn. Und was sagen die Kinder dazu?“
„Ach, die Kinder merken nichts davon. Wir spielen ihnen Harmonie vor. Es wäre fürchterlich,
wenn auch die Kinder darunter leiden würden“.
„Ja, natürlich. Da hast Du recht. Andererseits bleibst aber Du über. Ich mache dir einen
Vorschlag…“
„Vorschlag! Was für ein Vorschlag?“
„Heirate mich“
Sie lachte lautstark auf und erwiderte, „Sie sind verrückt“.
„Wenn Du lachst, dann bist Du viel schöner. “
„Sie sind aber einer!“
„Ich mache aus dir eine Ganovenbraut und wir ziehen durchs Land, wie Bonnie und Clyde“.
Sie lachte wieder auf. „Als Kind habe ich immer gerne Märchen- und Abenteuerromane
gelesen. Manchmal träumte ich sogar mit dabei zu sein. Oft fürchtete ich mich zu Tode,
gleichzeitig war ich aber auch immer fasziniert“.
„Ja, jetzt bist Du sogar mittendrin mit einen, der gemein zu dir war“
„Ja, anfangs hatte ich wirklich fürchterliche Angst, dass Sie mich sogar töten wollen. Sie waren
dann aber sehr nett zu mir. Ich habe mitbekommen, wie Sie sich bemüht haben mir die Angst
zu nehmen und da wusste ich, das Sie Anfangs nicht anders vorgehen konnten und das Sie im
Grunde kein schlechter Mensch sind, denn ein gemeiner Bandit hätte keine Rücksicht
genommen“.
„Ich danke dir, Ina, dass Du mich so siehst. Es ist so, wie Du es siehst. Es tut mir wirklich
wahnsinnig leid, dir das angetan zu haben. Ich habe zwar Überfälle begangen und dabei einen
Postbeamten angeschossen, der bedauerlicherweise Tage später im Krankenhaus verstarb,
aber Frauen und Kinder habe ich nie was angetan. Bei dir handelte ich wie ein gehetztes Tier,
das in Panik geriet. Es tut mir jetzt wahnsinnig leid. Gib mir die Hand!“.
Sie schaute mich überrascht an.
Ich nahm ihre Hand, „Ich muss dich spüren. Es ist schön dich zu berühren“. Hand in Hand
gingen wir nun schweigend weiter. Die Berührung ihrer Hand tat mir unglaublich wohl.
Kurz darauf bog der Weg auf den wir gingen in eine der Staatsgrenze entgegengesetzte
Richtung. Momentan wussten wir nicht, was wir tun sollten. Gingen wir den Weg weiter
entlang, würden wir uns von der Grenze entfernen. So beschlossen wir den Weg zu verlassen
und uns durch die Weglosen Waldlichtungen weiter Richtung Grenze bewegen.
Der lichte Wald war voller Unebenheiten und schwierig zu begehen, weil es viele Löcher gab
und gelegentlich steil auf und ab ging. Nach einer Stunde schauten wir uns um, ob die Grenze
schon zu sehen wäre. Wir hatten beide aber keine Ahnung, wie die Grenze aussehen könnte
oder ob diese durch Markierungen zu erkennen sein würde.
Wir marschierten weiter los. Nach ungefähr eine halbe Stunde, kamen wir bei einen kleinen
Bach an. Ich fühlte meine Plastikflasche mit frischem Wasser.
„Schauen Sie bitte ein wenig weg. Ich möchte mich ein bisschen waschen“, bat sie mich.
„Ja, natürlich. Warte ein Moment. Ich habe im Rucksack auch Seife, wenn du brauchst“.
„Ja, das ist gut“.
„Willst auch eine Unterhose und Leibchen. Die habe ich in Gartenhäuser gestohlen. Sie sind
rein“.
Sie lachte. „Gut, geben Sie mir eine Unterhose. Jetzt bin ich eine Diebin und Komplizin!“
Ich reichte ihr die Sachen und das Handtuch, das sie zuvor verwendet hatte, entfernte mich
etwas und nahm Platz neben einen Baum. Ich fühlte mich sicher, dass Sie nicht wegrennen
würde, obwohl ich mir diese Sicherheit nicht so ganz erklären konnte.
Ich schlüpfte aus meinen Sportschuhen und Socken, um meine brennenden Füße eine Pause
zu geben und streckte mich strapaziert hin. Ich fühlte mich total gerädert. Plötzlich, einfach
aus dem nichts sah ich vor meinen geistigen Aug einen Schwarzen Ritter im schnellen Galopp
über ein Feld reiten, der im Sattel eine entführte Dame mitschleppte. Ich konnte es nicht
fassen, aber das Gesicht des Ritters war die meine. Ich sah mich selbst. Wahnsinn dachte ich
mir, fast erstarrt vor Überraschung und Unglauben. Was ist das. Warum habe ich so eine
geistige Erscheinung. Halluziniere ich schon, fragte ich mich! Ist das mir wirklich passiert!
Mitten in einen Märchen geraten zu sein! Jetzt verloren wir uns auch in Leidenschaft. Gott,
wie ist das möglich! Ich war Fassungslos. Andererseits ließ mir die unglaublich Entwicklung
der Kaperung der Frau bis zur Ausbruch der Leidenschaft wahrlich an ein Märchen glauben.
Sie kam barfuß vom Bach zurück, die Turnschuhe in der Hand tragend. Ich schaute sie
fragend an, obwohl ich mir schon dachte, dass auch ihr die Füße weh tun würden.
„Die Freizeitschuhe sind ein bisschen verschwitzt. Ich lüfte es ein wenig“, antwortete sie
meinen fragenden Blicke.
„Setzt dich hin“, forderte ich sie auf. Als sie es tat, nahm ich trotzdem ihren beiden Füßen auf
meinen Schoss und massierte sie behutsam.
„Ach, tut das gut“, stöhnte sie erleichtert auf.
Sie schaute auf meine Füße und sagte erschreckt, „Ihre Füße sind aber stark entzündet“.
„Ja, ich weiß. Ich bin seit einer Woche unterwegs, teils mit nassen Turnschuhen. Das brennt
und tut ganz schön weh. Ich gehe mich jetzt auch waschen. Hilfst mir und wäscht mir bitte den
Rücken?“
Ich zog mich nackt aus und während ich mir die Füße und Vorderkörper wusch, wusch sie mir
den Rücken. Dabei empfand ich ihre Berührung so erotisch, dass ich wieder eine Erektion
bekam.
Sie lachte, „Sie können nicht genug bekommen“.
„Du bist schuld, weil Du so schön bist“. Ich packte sie bei der Hand und führte sie zu meiner
Erregung... sie wurde Blutrot, während ich ihr Hintern streichelte.
„Nein, nicht jetzt. Da kann jemand daherkommen. Wir müssen weiter“.
Im Rucksack hatte ich noch zwei Konservendosen, aber kein Brot. Ich bot ihr eine Dose an,
aber sie wollte nicht.
Wir rasteten noch ein paar Minuten und marschierten dann durch den Wald weiter.
Mittlerweile war es beinahe schon neunzehn Uhr. Am Himmel machte sich allmählich schon
die Abenddämmerung bemerkbar.
„Wir müssten eigentlich schon unmittelbar da sein, Ina. Wir müssen jetzt leise sein, denn es
gibt vielleicht Zollgrenzpatrouillen im Wald und die könnten uns hören“, sagte ich zu ihr.
„Ich weiß nicht. Ich sehe nichts. Vielleicht sind wir schon in Jugoslawien“, bemerkte sie.
„Nein, Ina, das kann ich mir nicht vorstellen. Da hätten wir schon was bemerken müssen
durch irgendwelchen Markierungen oder Hinweistafeln“.
Langsam, fast schleichend bewegten wir uns durch den Wald Hügelauf weiter fort. Im
glauben, dass wir schon unmittelbar an der Grenze wären. Als wir eine größere Lichtung
erreichten, sahen wir die die Höhe des Waldhügels erreicht zu haben und konnten weit um
uns herum sehen. Das Panorama, die sich uns bot konnte nicht schöner und bezaubernder
sein. Man sah in der Ferne durch das rosarote Licht des Sonnenuntergangs die Silhouetten
von Hügeln und die Bergmassiven die Karawanken.
Gleichzeitig besorgte uns, dass wir plötzlich gar nicht mehr wussten, wo es lang ging,
insbesondere wo die Staatsgrenze war. In der Ferne sahen wir nur eine befahrene Landstraße
sowie ein paar beleuchteten Häuser, offenbar ein Ort.
Wir schauten nochmals auf der Straßenkarte nach, wurden aber nicht schlauer. Es blieb uns
nichts anderes übrig als nun bergab zu gehen. Das taten wir auch. Bergab zu gehen taten wir
uns sichtlich leichter und schneller.
Nach zirka eine halbe Stunde, mittlerweile wurde es immer dunkler, schnitt vor uns eine
Landstraße den Wald. Wir gingen geradezu drauflos und überquerten es. Anhand der
Autotafeln vorbeifahrender PKWs konnten wir, entgegen ihrer Befürchtung erkennen noch in
Österreich zu sein.
Wir näherten uns ein bewohnter Ort. Die Lichter in den Häusern waren schon aufgedreht. Auf
eine der Ortstafel lasen wir Sankt Martin, wobei es auch nur eine Hinweistafel "nach“ Sankt
Martin gewesen sein konnte, da es schon dunkelte und nicht genau zu erkennen war.
Gleich eingangs des Ortes, auf ca. 50 Meter Entfernung, glaubte ich eine Telefonkabine zu
erkennen. Spontan sagte ich zu ihr, „Ina, willst Zuhause anrufen. Dein Mann und die Kinder
werden sich schon sorgen machen!“
„Nein, das sage ich ihnen persönlich, wenn ich Zuhause bin“.
„Na gut, wie Du meinst. Aber durch den Ort gehe ich nicht. Wir könnten als Fremde von der
Gendarmerie kontrolliert werden. In so einem kleinen Ort und zu so einer Zeit ist es oft üblich
so. Das weiß ich von der Entweichungen aus dem Heime her“.
„Ja, gut, aber was machen wir jetzt!“
„Zuvor habe ich eine Bahngleise Richtung Grenze gesehen. Schauen wir nochmals auf der
Straßenkarte nach“, antwortete ich ihr.
Mittlerweile war es fast dunkel geworden. Ich hatte ein Feuerzeug mit, sodass wir halbwegs
nachsehen konnten. Tatsächlich entdeckten wir auf der Karte eine Bahngleise, die direkt zur
Grenze führte.
„Wenn wir diese entlanggehen, können wir die Grenze nicht mehr verpassen und müssten
eigentlich dann bald da sein. Für dich ist es aber dann zu dunkel“, gab ich ihr zu verstehen.
„Ach, machen Sie sich um mich keine sorgen. Entgegen zu ihnen, kann ich dann bei jedem
Haus anklopfen oder jede Person ansprechen. Schauen Sie auf sich, dass sie über die Grenze
kommen“. Ihre Stimme klang plötzlich streng und etwas ärgerlich. Ich war überrascht.
„Es tut mir leid, Ina. Ich habe noch nie zuvor eine Staatsgrenze schwarz überschritten.
Dumm, aber da kenne ich mich leider wenig aus…“, versuchte ich mich zu entschuldigen,
„…wenn Du willst, dann kannst Du da bleiben und geht’s dann ins Dorf, aber dann habe ich
kaum eine Chance, denn bei der Dunkelheit komme ich nicht weit weg“.
„Ich habe Ihnen versprochen, dass ich Sie zur Grenze fahre und jetzt begleite ich Sie bis
dorthin. Ich denke nur, was ich dann meinen Mann sagen sollte“, sorgte sie sich plötzlich.
„Du brauchst ja nur zu sagen, dass Du in dieser Situation keine Chance hattest, weil der Täter
bewaffnet war und dich ständig bedrohte“, versuchte ich sie zu beruhigen.
Wir erreichten die Bahngleise und marschierten entlang. Mich brannten die Füße wie Feuer,
jedenfalls war es aber viel Angenehmer auf den Bahngleisen zu marschieren, als durch
holprigen Felder und Wälder. Wir kamen jetzt schneller voran.
Nach zirka eine halbe Stunde marsch standen wir plötzlich vor einer Bahntunnel. Links und
rechts ging es nur Bergauf. Es blieb uns nichts anderes übrig, als durch den Tunnel zu gehen.
Wir drangen in den Stockdunkel Bahntunnel hinein. Ich machte Licht mit dem Feuerzeug,
aber es war nur die Gleise schemenhaft zu erkennen.
„Ich habe fürchterliche Angst“, sagte sie plötzlich mit zittriger Stimme (03/3 unten).
„Gib mir die Hand. Ina! Brauchst keine Angst zu haben. Wenn ein Zug kommt, legen wir uns
hin und drücken uns am Boden gegen die Tunnelmauer, so kann nichts passieren“, beruhigte
und tröstete sie.
Hand in Hand gingen wir weiter. Der Tunnel schien endlos zu sein. Es war Stockdunkel und
wir tatsteten uns Schritt auf Schritt voran. Dann endlich sahen wir das Tunnelende durch das
Nachtlicht des Mondes.
Als wir die Bahntunnel verließen, merkten wir, dass die Gleisen durch den Wald schnitten. Da
wir befürchteten, dass jeden Moment ein Zug daherkommen könnte, drangen wir in den
Wald. Im Wald wiederum war es Stockdunkel und undenkbar weiterzugehen. Wir gingen
wieder zur Bahngleis zurück und tappten uns nebenher weiter vorwärts.
Dann endlich lichtete sich der Wald etwas auf, sodass wir weiter weg von den Gleisen gehen
konnten. Der Boden war aber nass und löchrig und holprig, so dass wir öfters stolperten.
Zwei-dreimal fiel sie hin, schrie leicht auf, meinte aber sich nicht verletzt zu haben. Dann
sahen wir ein, dass bei dieser Dunkelheit weiterzugehen nicht mehr möglich war.
Im Wald suchten wir uns eine halbwegs trockene Stelle aus, indem wir mit der Hand durch
den Boden tasteten. Ich legte ein paar Bekleidungsstücke auf den Boden hin, die ich im
Rucksack an Diebesgut mitführte und sie streckte sich hin.
Schon zuvor hatte ich ihr ein Pullover gegeben, weil es zunehmend kälter wurde, da sie nur
mit einer Bluse unterwegs war. Ich breitete über sie nun zusätzlich meine Sportjacke, die ich in
Wochenendhäuser ebenso gestohlen hatte.
„Und wo legen Sie sich hin?“
„Ach, nicht so wichtig. Ich lege meinen Kopf auf deinen Bauch, so ist mir auch dann warm“.
Ich streckte mich nun auch auf den Boden hin und legte meinen Kopf auf ihren Bauch und
während ich das tat, fragte sie schon wieder besorgt, „Was soll ich meinen Mann sagen“.
„Sag ihn die Wahrheit, dass du von einem Verbrecher entführt worden bist und keine Chance
hattest zu fliehen. Was willst du ansonsten sagen!“, antwortete ich ihr mit betonter Stimme.
„Das ist aber nicht wahr. Ich hätte schon fliehen können. Allein schon als ich mich auf den
Bach gewaschen habe, weil sie ziemlich weit weg waren“.
„Das darfst Du nicht sagen. Ich wäre dir nachgerannt. Du hättest keine Chance gehabt. Mach
dir keine Sorgen“.
„Nein, das stimmt nicht. Ich weiß, dass Sie kaum rennen können. Am wenigsten im Wald.
Ihre Füße sind Wund und Sie hätten mich nicht lange verfolgen können. Ich bin es gewohnt
am Feld zu arbeiten und habe eine gute Kondition“.
„Ina, was machst du dir da für Gedanken! du konntest einfach nicht fliehen, weil du Angst
hattest. Über anderes darfst du dir überhaupt keine Gedanken machen“, antwortete ich ihr mit
gehobener stimme. Zunehmend wurde mir klar, dass sie sich Sorgen zu machen begann einen
Schritt zu weit gegangen zu sein und dass sie nun über die Konsequenzen nachgrübelte.
„Nein, ich habe keine Angst mehr vor ihnen. Ich weiß jetzt, dass Sie mir nichts mehr antun
wollen. Ich habe nur Angst, was ich meinen Mann sagen soll und mache mir nur sorgen, was
er dazu sagen wird“.
Sie machte mich nervös, weil ich wusste, dass sie recht hatte. Sie hätte schon mehrmals
flüchten können, wenn sie nur gewollt hätte. Sie machte sich berechtigte Sorgen.
„Ina, bitte. Was will dein Mann schon dazu sagen! Es ist ganz einfach. Du sagst deinen Mann,
so wie es eben war. Ich habe dich entführt und Du hattest keine Chance. So einfach ist es.
Warum zerbrichst Du dir jetzt den Kopf damit“, sagte ich ärgerlich.
„Ja, Sie haben recht“, sagte sie nicht ganz überzeugend.
Ich legte meine Hand zwischen ihren Schoss und streichelte sie, um sie von ihren sorgen
abzulenken, gleichzeitig erregte mich die Berührung ihrer Wölbung.
„Nein, bitte nicht. Ich will nicht jetzt. Ich habe fünf Kinder“.
Ich wusste, dass es nur eine Ausrede sein kann, denn vorher hatte sie sich auch nicht darum
gekümmert fünf Kinder zu haben.
„Nimmst Du die Pille?“, fragte ich sie und wurde mir gleichzeitig bewusst, dass wir zuvor auf
das gar nicht gedacht hatten.
„Ja, ich nehme die Pille. Trotzdem. Ich will jetzt nicht“.
„Ich will nur dein Schoss Küssen. Dich nur mit meinen Lippen berühren. Ich habe so ein
verrückten verlangen danach“ und öffnete dabei ihr Jean und zog es sanft herunter. Sie
wehrte sich nicht dagegen.
Ich küsste ihre Schamhaare und streichelte es mit den Lippen. Ich drängte meinen Kopf
zwischen ihren Schenkeln…ihr Schoss und Po dufteten zauberhaft…
Als wir uns danach langsam beruhigten, legte ich mich auf die Seite, umarmte sie und legte
meinen Kopf auf ihre Brust. Ich spürte und hörte ihren Herzschlag, wie das rattern einer
dumpfen Maschinenpistole.
„Schauen Sie…“, unterbrach sie die Stille zwischen uns, „…Sehen Sie da oben die Sterne, sie
glitzern so schön. Jetzt ist ein wunderschöner freier Himmel und man sieht sie deutlich“.
Ich schaute auf. Zwischen den Bäumen waren der Nachthimmel und das Leuchten der Sterne
klar und wunderschön zu sehen. „Ja, es ist wunderschön. Schau hin…Siehst die große dort,
die so schön leuchtet und glitzert!“
„Ja, ich sehe es“
„Dieser Stern schenke ich dir. Es ist so wunderschön und rein wie Du. Wenn du wieder
zuhause bist und du manchmal zum Himmel raufschaust und sie siehst, dann weist du, das
meine Gedanken bei dir sind. Dieser Stern wird uns für ewig verbinden, den Du und dieser
Moment ist für mich unvergänglich“.
Ich spürte plötzlich ihre Hand auf meinen Arm. „Ja, sie ist wunderschön. Danke. Sie sind so
nett“.
„Ina! Nie in meinen leben zuvor war ich so glücklich, als in diesem Moment mit dir. Du bist
eine Göttin. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich glaube, dass es Gottes Fügung war, dass
wir jetzt da sind. Es kann kein Zufall sein“, sagte ich zu ihr überwältigt darüber, dass sie mich
trotz der dramatischen Situation selbstlos zu helfen versuchte,
„Ja, irgendwie haben Sie recht. Glauben Sie an Gott?“
„Ja, ich glaube an Gott. Jetzt erst recht, nachdem ich in deiner Nähe sein kann. Ich weiß nicht,
was mir Geschehen ist, aber ich bin so unendlich glücklich und zufrieden, das ich aus diesen
Momente nie mehr erwachen will“.
„Es ist schön, wie Sie das sagen“.
„Ja, aber nur Dank dir. Ich kann es nicht fassen, wie wunderbar Du bist. Was für eine starke
und mutige Frau Du bist. Ich bin wie betört von dir. Ich beginne dich zu verehren“.
Sie lachte auf, „Nein, Priesterin bin ich nicht“.
Auch ich lachte auf. „Nein, Priesterin meinte ich nicht. Ich meinte dich zu verehren wie eine
Göttin, denn Du bist es. Es ist göttlich, was Du mir schenkst. Ich fühle mich wie im Himmel“.
„Na ja! Sie haben auch schon lange mit keiner Frau mehr geschlafen“.
„Ja, da hast Du recht. Trotzdem, in so einer Schönheit und Leidenschaft habe ich es vorher
nie erlebt. Mit dir ist es ganz tief und die Gefühle sind unendlich schön. Aber ich meinte nicht
nur die körperliche Liebe, sondern auch das du mir in so einer Situation nicht fallen lässt und
mir sogar zu entkommen helfen willst “.
„Werden Sie wirklich an mich denken, wenn Sie in Uruguay sind!?“
„Wie kannst Du sowas fragen. Wie könnte ich dich vergessen! Immer werde ich an dich
denken und an unseren glücklichen Momente. Die Sterne da oben sind unseren Zeugen und
diese, die ich dir geschenkt habe. Wo immer ich auch sein werde. Ich werde zum Himmel
raufschauen, an dich denken und dich immer vor meinen geistigen Augen sehen. Ich werde
dich mein Lebelang in die Sternen sehen und deine Liebe schmerzlich vermissen“.
„Sie drücken sich aus wie ein Poet! Schreiben Sie gerne?“
„Poet! Nein, das bin ich bei Gott sicher nicht. Ich sage dir jetzt nur, was ich gerade fühle und es
ist schön, dass es dir gefällt, wie ich es ausdrücke. Schreiben tue ich eigentlich schon. Teilweise
habe ich schon meinen Memoiren zu schreiben begonnen, aber im Gefängnis gibt es derart
vielen Missstände, das ich mich auch darum kümmern muss“.
„Sie sind auch ein Kämpfer, nicht wahr!“
„Ja, so kann man es sehen. Mein krimineller Weg, aus den tiefsten Sümpfen Österreichs war
bis jetzt ein einziger Kampf ums überleben. Ich kämpfe aber aus Überzeugung“.
„Ja, ich habe schon bemerkt, dass Sie aus Überzeugung kämpfen. Zum Teil gebe ich Ihnen
auch recht. In Österreich gibt es noch vieles zu verändern und zu verbessern. Da haben Sie
recht“.
„Legst dich ein bisschen auf den Rücken!“, fragte ich Sie aus spontanem Gefühl heraus ihren
Rücken und Gesäß wieder berühren und streicheln zu wollen. Es war wie verrückt, aber sie
übte auf mich eine unglaubliche Erotik aus. Ihr Körper und Wesen zog mich magnetisch an
und ich konnte mich kaum dagegen wehren. Ihre Bereitschaft zur Hingabe war so natürlich, so
erotisch, wie nur eine Göttin der Liebe es sein kann.
„Warum?“
„Ich möchte so gerne wieder deinen Rücken und Popo streicheln. Ich kriege nicht genug
davon. Jeden Millimeter von dir möchte ich immer wieder berühren und liebkosen und für
ewig in den Erinnerungen behalten“.
„Sie sind schon erstaulich. Na gut“, stimmte sie diesmal zu und drehte sie sich am Bauch.
Durch das Mondlicht, das durch die Baumblätter durchschimmerte, sah ich ihre Konturen nur
schemenhaft. Ich berührte sie und ließ meine Hand ganz sanft über ihren Rücken und Popo
gleiten. Ich erforschte ihre Rundungen, gleichzeitig überströmte mich immer wieder eine
herrliche Wärme. Sie stöhnte. Meine Hand glitt bis zu ihren Hals. Sanft massierte ich
minutenlang ihren Nacken und Schulter.
Sie stöhnte auf, „Oh, das tut gut. Was Sie nicht alles können!“.
„Du bist ja wunderschön. Wärest Du meine Frau, ich würde dich jeden Tag streicheln,
massieren und Lieben. Dich immer verwöhnen, wie Du verwöhnt werden möchtest“.
Sie lachte, „Das glaube ich Ihnen gerne“.
Meine Hand und Finger wanderten zwischen ihren Schenkeln und streichelte zwischen der
Spaltung ihres Gesäßes. Die Wölbungen um ihre Scheide waren fast hart und heiß. Meine
Finger drückten und drängten in ihr, gleichzeitig küsste ich ihr Gesäß…
„Bitte nicht“, hörte ich sie sagen, aber ich wollte nicht hinhören. Ich war wie berauscht. Ich
küsste sanft ihre Haare und mein Mund suchte ihr Ohr. „Oh, Du schöne Frau…“, flüsterte ich
ihr zärtlich zu, „…Alles an dir ist so schön und so süß. Sei meine Göttin und lasse mich. Ich
werde ganz lieb sein und dir nicht weh tun. Es ist so heiß und schön“, während meine
Erregung ihr Öffnung suchte und dagegen drückte und stieß…
Noch voll außer Atem küsste ich danach ihre Haare und entlang ihren Halses, um ihr meinen
Dank und Glück zu zeigen. gleichzeitig entschuldigte ich mich bei ihr, mich gehen gelassen zu
haben.
„Ja, ich verzeih Ihnen. Sie waren trotzdem sehr Rücksichtsvoll. Ich weiß, dass Sie mir nicht
wehtun wollten. Sie haben auch schon lange nicht mehr mit einer Frau geschlafen“.
„Danke, Ina. Es ist unglaublich schön mit dir. Ich kann es nicht beschreiben. Alles an dir ist so
schön und so reizend. Du hast mich verzaubert. So eine Wärme und Begehrlichkeit für eine
Frau habe ich zuvor noch nie gefühlt und erlebt. Es ist mir so, als wäre ich in einen Traum und
Rausch der Leidenschaft, so unbeschreiblich stark, schön und heiß“.
„Auch ich empfinde es so. Ich verstehe mich auch nicht, dass ich mich so gehen lassen kann
und konnte. Ich weiß nur, dass es auch für mich wunderschön ist. So habe ich es noch nie
erlebt und konnte auch nicht, weil ich noch nie in so eine Situation war. Einfach verrückt!“.
„Die Sterne am Himmel sind unseren Zeugen. So Traumhaft schön war es mit dir. Schau
manchmal rauf. Ich werde da sein für dich, wenn Du manchmal unglücklich und traurig bist.
Ich werde dich über die Sterne ewig beschützen“.
„Sie sind ein Schwärmer, aber es ist schön ihre Worte zu hören. Ja, das kann ich ihnen auch
versprechen. Ich werde Sie auch nicht vergessen können. Wie könnte ich auch so ein Erlebnis
vergessen! Ich bin mit meinen Mann nicht sehr glücklich, aber ich habe Kinder, sonst…“. Sie
hielt plötzlich inne.
Ich verstand, dass sie nicht weitersprechen konnte und wollte.
„Dich als meine Frau an meiner Seite wäre wunderschön. Schöneres könnte ich auf dieser
Welt nicht erwarten. Aber ich hätte nichts, was ich dir anbieten könnte. Kein Haus und kein
Geld, außer dich ewig zu lieben und zu begehren“.
„Und das andere hätten wir auch geschafft“, sagte sie leise auflachend.
„Seit Du mir deine Hingabe geschenkt hast, fühle ich mich nur unendlich glücklich und
friedlich an deiner Seite. Es ist bezaubernd und wie in einem Märchenwelt. Ich fühle und
spüre das Netz der Leidenschaft voller Wärme und Glück, die Du über mich geworfen hast“.
„Oh, wie schön Sie das sagen…“, rief sie fast begeistert, „…auch Sie haben mich glücklich
gemacht. Ich konnte schon lange nicht mehr Frau sein. An Anfang hatte ich wirklich
fürchterliche Angst vor Ihnen. Sie gingen Hart und konsequent mit mir um. Aber als Sie das
Messer weglegten und Sie sich bei mir entschuldigten und mir auch erzählten, was passiert
war und warum sie mich überfallen haben, da spürte ich sofort, das Sie mir die Wahrheit
sagten und das Sie mir nichts mehr antun wollten“.
„Ja, ich war in einer Paniksituation und reagierte wie ein gehetztes Tier. Aber als wir dann die
Autobahn erreichten und die unmittelbare Gefahr vorbei war, dann habe ich dich zum ersten
Mal so richtig angesehen und mir tat die Angst, die Du hattest unglaublich weh. Und wann
hast Du mich als Mann gesehen?“.
Sie lachte. „Na ja. Nachdem ich mich sicher fühlte, dass Sie im Grunde kein schlechter
Mensch sind, fand ich ihr Mut aus dem Gefängnis geflüchtet zu sein sowie ihre
Lebensgeschichte sehr spannend. Da fühlte ich nach langem wieder einen Mann neben mir.
Das hat mich an Ihnen, ehrlich gesagt, schon imponiert. Und von diesem Moment an sehnte
ich mich nach einer Umarmung“.
„Ich bin von deiner Offenheit unglaublich begeistert“, sagte ich voller ernst.
„Normalerweise bin ich nicht so offen, selbst mit meinen Mann nicht. Bei Ihnen ist es ganz
anders“.
„Ja, mir geht es auch so, Ina. Es ist schön, wie offen wir uns unterhalten können. Und was
hast Du dir gedacht, als ich dir das erste Mal fragte, ob Du mich lässt? Ich war total
verunsichert, wie Du reagieren würdest!“
„Sie sind ja ganz schön neugierig…“, sie hielt kurz inne, “…Ich weiß es nicht. Es kam einfach
so raus. Ich hatte Sehnsucht nach einer Umarmung. Ich muss verrückt geworden sein.
Danach war ich selbst überrascht, aber auch selbst Neugierig wie Sie darauf reagieren würden.
Ich habe schon bemerkt, das Sie ziemlich verunsichert waren“.
„Ina! Warum bist Du immer per „Sie“ mit mir. Du kannst mich ruhig duzen, wenn Du willst“.
„Es ist aus Gewohnheit. Ich bin so erzogen worden“.
„Weißt Du, ich war ziemlich überrascht, als Du zusagtest. Ich dachte, das Du nur aus Angst
zugesagt hast oder weil Du mich irgendwie täuschen wolltest“.
„Ja, das habe ich bemerkt, dass Sie verlegen und nachdenklich wurden. Das hat mir sogar
gefallen. Das war eine kleine Rache von mir“, erwiderte sie und lachte auf und setzte fort,
„Und wieso kamen Sie auf die Frage mit mir schlafen zu wollen?“.
„Um es dir ehrlich zu sagen. Bis dahin dachte ich überhaupt nicht an Sex. Dazu fühlte ich
mich zu gerädert und Müde. Erst als wir über meine Frau sprachen. Da sah ich dich erstmals
so richtig an und fand dich sehr schön und reizend. Deine Bluse war nur leicht zugeknöpft und
durch das offene Wagenfenster blähte es der Wind manchmal auf. Dabei sah ich teile deiner
Hüften und Bauch und mir wurde innerlich heiß…“, und setzte wissend fort, ihr nicht ganz die
Wahrheit zu sagen, „…ja, und dann habe ich dir gefragt, ohne wirklich zu überlegen. Mehr
spontan heraus“.
„Ja, so ging es mir auch, als ich Ihnen antwortete. Ich überlegte nicht. Es kam einfach so aus
mir raus“, wiederholte sie.
„Ich bin jedenfalls glücklich darüber. Es war wunderschön. Das werde ich nie vergessen.
Weißt Du, was ich erlebte, als Du dich auf den Bächlein allein gewaschen hast! “.
„Nein, was?“
„Ich hatte eine Halluzination, ich sei so etwas wie ein schwarzer Ritter, der eine gehobene
Dame entführt und sie im Wald verschleppt und verführt“, vermied aber zu erwähnen, dass
ich in der Erscheinung mein eigenes Gesicht gesehen habe, um nicht überheblich zu wirken.
Sie lachte herzhaft auf. “Ja, so ähnlich kam man es sehen. Ich habe als Mädchen in einen
Buch einmal ähnliches gelesen. Ein Rebell und Räuber entführte eine Prinzessin und
galoppierte mit ihr in seiner versteckten Waldhütte. Ich hatte damals fürchterliche Angst, war
aber dann fasziniert, weil der Räuber sich wie ein Gentleman benahm und sie sich in ihn
verliebte“.
„Und! Hast Du dich in mich verliebt!“, rief ich ihr Scherzhaft zu.
Sie lachte laut auf. „Nein! Sind Sie verrückt!“, scherzte sie zurück.
„Und wie ist die Geschichte ausgegangen?“, fragte ich sie neugierig.
„Soweit ich mich erinnern kann, ist sie bei ihm geblieben, Er verliebte sich auch in ihr. Er gab
sein rebellisches Leben auf und beide lebten bescheiden, aber glücklich auf seinen versteckt
im Wald und bekamen viele Kinder“.
„Wirklich, ein wunderschönes Ende. Was meinst Du, ich baue auch eine Waldhütte. Bleibst Du
dann bei mir“, scherzte ich.
Sie lachte, „Nein. Auch wenn ich wollte würde es nicht gehen. Ich habe fünf Kinder“.
„Schade…“, scherzte ich weiter, “Ich hätte dir eine Hütte aus Gold und ein Himmelbett aus
Seide gebaut und dich jeden Tag auf Händen getragen“.
„Ja, das wäre schön, aber sie haben ja kein Geld“, scherzte sie mit mir weiter.
„Kannst Du dich erinnern, wie du an Anfang im Wald plötzlich herum gehüpft bist und
fröhlich kindisch so richtig frei heraus gesagt hast, “Stellen Sie sich vor, als Kind träumte ich
von…“.
„Ja, ja“, lachte sie auf.
„…In diesem Moment habe ich für dich und deinen Mut eine unglaubliche Bewunderung
gefühlt. Da sah ich dich in meinen Gedanken wirklich als eine Prinzessin, nein als eine
Königin, besser als eine Göttin an. Und als Du dich dann gelegentlich vor mir gebückt hast,
um Grashalmen und Zweige aus dem Waldboden zu reißen, da sah ich so richtig deinen süßen
hintern. Im selben Moment spürte ich eine unglaubliche Anziehung und ein feuriges
Verlangen nach dir. Vorher habe ich mich nicht getraut dich anzufassen, obwohl du es mir
erlaubt hast“.
„Aha! Deswegen wollten Sie eine Pause machen, denn da haben Sie ja zugegriffen. Ich habe
schon bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Ich spürte schon, dass das kommt“.
„Ja“, erwiderte ich ihr, „…ich konnte nicht mehr anders. Irgendwie verlor sich mein Verstand.
Ich war nur mehr wie verzaubert und Feuer und Flamme für dich“.
„Das habe ich dann eh gespürt. Sie waren ganz schön wild“, lachte sie und Hüpfte auf.
Wir trockneten unser verschwitzten Körper, zogen uns an und kuschelten eng aneinander, um
uns gegenseitig zu wärmen und um etwas zum Schlafen. Nach der Hitze der Liebe, spürten
wir nun die Frische der Nacht.
„Haben Sie es bemerkt…“, hörte ich sie noch sagen, während mir die Augen vor Müdigkeit
zufielen.
„Was bemerkt, Ina?“.
„Na ja, wir haben kein Wort über ihrer Flucht gesprochen und auch nicht, wie es morgen
weiter gehen sollte“.
„Ja, da hast Du recht. Du lässt mir rund herum alles vergessen. Am liebsten wäre es mir, wenn
die Zeit stehen bleiben würde und ich ewig so neben dir liegen bleiben könnte“.
Sie fasste nach meiner Hand und drückte sie fest.
Trotz der Müdigkeit konnte ich nicht gleich einschlafen. Mein Körper war noch voll von
Adrenalin der Liebe aufgeputscht. Ich spürte mein Herz noch rasen. Ihre Hand wurde schlaff
und ich spürte, dass sie eingeschlummert oder eingeschlafen sein musste. Ich streichelte
zärtlich ihre Hand.
Von einem Moment auf den anderen kreisten plötzlich fürchterliche Gedanken in meinen
Kopf herum. Obwohl ich todmüde war, konnte ich meine Augen nicht zumachen. So plötzlich,
wie mir zuvor der galoppierende Ritter erschienen ist, so plötzlich hörte ich meine innere
Stimme, die auf mich einsprach und die mich zu einer innerlichen Unterhaltung verführte:
"Töte sie“, sagte die Stimme. „Wenn Du sie nicht tötest, dann ist dein Leben endgültig vorbei.
Dann gehst Du in die Hölle zurück und bekommst noch zwanzig Jahre dazu“. Und ich
antwortete: „Ich will sie aber nicht töten. Sie hat mir nichts getan. Hast Du nicht gesehen, wie
gut sie zu mir ist“. Und die Stimme: „Ja, trotzdem, Du musst sie töten, denn auf dich nimmt
auch keiner Rücksicht. Denke an die Isolationsjahre, die Du dann in die Hochsicherheitsabteilungen sitzen wirst müssen. Denke an den Schmach deiner Mithäftlinge und der
Beamten. Denke an deine Frau und an deine Geschwister und an alle, die dich kennen. Was
werden sie dazu sagen! Die werden dich verachten. Du wirst im Gefängnis verrecken. Nie
mehr die Freiheit sehen“. „ Ja, ja…“, antwortete ich, „Vielleicht hast Du recht, aber ich will sie
nicht töten. Sie kann nichts dafür. Ich habe sie entführt. Ich kämpfe nicht gegen sie“. Und die
Stimme: „Du bist ein Trottel. Wie kannst du auf dich selbst verzichten! Bist du verrückt“. Und
ich: „Ja, vielleicht bin ich verrückt. Ich werde sie aber nicht töten. Da kannst Du sagen, was du
willst. Das ist nicht meine Absicht und Ziel“. Und die Stimme: „Zwinge sie dann zumindest
mit dir solange mitzugehen, bis du wirklich in Sicherheit bist. Gib sie nicht vorher frei. Sie
mag dich. Ich glaube sogar, sie will noch eine Weile bei dir bleiben. Du gibst ihr was. Nutze es
aus. Das ist deine Chance. Merkst du es nicht. Rede mit ihr“. Und ich: „Ja, ja. Lass mich jetzt
in Ruhe. Ich will etwas schlafen. Ich bin Müde“. Und die Stimme zum letzten Mal: „Schlaf du
Trottel".
Mir wurde aber gleich bewusst, dass die innerliche Konversation keine Halluzination war,
sondern eine innerliche Auseinandersetzung mit der eigenen Situation und Konsequenzen
meines wahnsinnigen handeln, beeinflusst durch Übermüdigkeit und des innerlichen Drucks,
der auf mich lastete.
Aufdringliche Vogelgeschwitzter wecke uns auf. Es war bereits der Morgengrauen da. Durch
den lichten Wald konnten wir in der Ferne Silhouetten der Berge sehen. Leicht darüber ein
Hauch von Morgenröte, vermischt mit Wolken und leichter Nebel.
„Siehst Du, Ina! Was für ein herrliches Panorama“, rief ich ihr begeistert zu und zeigte mir der
Hand gegen Himmel.
„Ja, es ist wunderschön“, erwiderte sie und ich spürte ihre Hand auf meinen Arm.
„Wie in einen Märchen schön und Du bist meine wunderschöne entführte Dame, die mein
Herz glücklich macht“.
Sie lächelte. „Sie hätten wirklich ein Poet werden sollen. Wie Sie sich manchmal ausdrücken
ist wirklich sehr schön“.
„Danke, aber dazu inspirierst nur du mich“.
„Das ist schön, dass Sie mir das sagen“.
Ich packte die Sachen im Rucksack und wir machten uns im Morgengrauen auf den Weg.
Zuvor putzte und frottierte ich ihr fürsorglich ihre Freizeitschuhe, die vom Vortag feucht und
verschmutzt waren.
Als wir dann eine größere Lichtung erreichten, sahen wir rund herum verstreut mehrere
Bauernhäuser und ein weites Ort. Wie schauten auf der Straßenkarte nach. Auf der Lichtung
herrschte schon genug Tageslicht.
Die Straßenkarte half uns aber nicht viel weiter. Wir hatten keine Ahnung, wo wir uns
Gegenwärtig befanden. Ob in Österreich oder in Jugoslawien. Wir beschlossen uns den Ort zu
nähern, um auf der Ortstafel nachzusehen.
Dabei fiel mir ein dunkler Fleck auf ihre Jeanshose auf. „Dein Jean ist Schmutzig geworden“,
sagte ich ihr.
„Sie schaute nach. „Ja, es ist aber Blut. Ich muss mich verletzt haben“.
„Wo! Lass mal sehen“.
„Nein, es ist nicht so wichtig. Schmerzen habe ich keine“.
„Lass mir trotzdem nachsehen, denn Du kannst eine Entzündung bekommen“. Ich bückte
mich und zog ihr das Jean runter, während sie sich dagegen strebte.
Tatsächlich sahen wir, dass sie sich eine Verletzung zugezogen hatte, ähnlich einer Riss- oder
Quetschwunde, die aber nicht mehr blutete. „Tut es dir wirklich nicht weh?“
„Nein, überhaupt nicht“.
„Wo ist dir das passiert?“, fragte ich sie.
„Ich weiß es nicht. Ich glaube nach dem wir die Eisenbahntunnel verlassen haben. Da bin ich
ein paar Mal gestolpert und ausgerutscht“.
„Ach ja, jetzt kann ich mich erinnern. Ich bin selber ein paar Mal auf den nassen Boden
ausgerutscht. Möglicherweise bist Du wo angestoßen. Auf einen spitzen Ast oder Zweig oder
an sonst etwas“.
Ich nahm aus dem Rucksack ein Pflasterstück, die ich aus den Notkästchen der Garten- und
Wochenendhäuser mitgenommen hatte und deckte ihre Wunde damit zu. Dann zog ich meine
Hose aus und tauschte es mit den ihren. Es passte, da wir fast dieselbe Statur hatten. Ich hatte
zwar eine Reservehose im Rucksack, diese war aber nicht mehr ganz rein. Die Hose, die ich
nun anhatte war jedenfalls unbeschädigt und sauberer als ihr nur blutverschmutze Jean.
„Es ist sicherer so, Ina. Denn deine Hose ist verschmutz und hat ein Loch. Die Wunde könnte
sich entzünden und eitrig werden. Tut es wirklich nicht weh beim gehen?“
„Nein, nein, wirklich nicht“.
Wir gingen weiter. Ich beobachtete sie, ob sie beim gehen Schmerzen zeigte, aber sie bewegte
sich unbeschwert und wie eine Gazelle weiter. Eine in jeder Hinsicht unglaublich starke Frau,
ging mir durch den Kopf. Ich bewunderte sie mittlerweile in jeder Hinsicht.
Nach mittlerer Marschdauer kamen wir beim Ort St. Michael an, umgingen diese aber. Wir
sahen bei der Landkarte wieder nach und stellten fest, dass wir seit gestern mehr oder weniger
dem falschen Weg Richtung Grenze gegangen waren. Ebenso, dass wir von St. Paul aus die
Strecke bis zur Grenze total falsch eingeschätzt hatten. Auch das es leichtsinnig war quer
durch den Wald zu gehen, anstatt am Waldesrand der Landstraße folgend, so dass wir uns
danach orientieren hätte können.
„Zu so eine frühe Stunde möchte ich nicht in den Ortinneren gehen, Ina. Wir würden auffallen
und die Gendarmerie könnte uns als Fremde leicht kontrollieren“.
„Was sollen wir dann tun?“, fragte sie.
„Gehen wir ein Stück in den Wald zurück und reden wir dort in Ruhe“. Dort setzten wir uns
hin und sie schaute mich fragend an.
„Die Bahnlinie, die wir gestern gegangen sind, führt tatsächlich zur Staatsgrenze, aber wie wir
gerade auf der Straßenkarte gesehen haben, zweigt es hin und her, so dass die Strecken immer
länger werden. Schätzungsweise bei sieben bis 10 Kilometer. Die Landstraße zur Grenze ist
zwar geraderer, aber gefährlich weil uns die Gendarmerie aufhalten könnte, da sie meinen
könnte, das wir Vagabundieren oder weil wir was über die Grenze Schmuggeln wollen. Ich bin
ratlos, wenn Du mich fragst. Was meinst du?“.
„Ja, aber entlang der Bahnlinie können wir es schaffen. Spätesten in drei, vier Stunden
könnten wir Dasein“, meinte sie.
„Ja, aber ich habe dir gestern schon versprochen, dass du wieder nach Hause zurückfahren
kannst…“, erinnerte ich sie, „Du müsstest schon wieder zu Hause sein!“
„Ja, ich weiß. Machen sie sich keine Sorgen. Und ich habe Ihnen versprochen bis zur Grenze
mitzugehen“.
„Bleibst Du also bei mir, bis ich es über die Grenze geschafft habe?“
„Ja. Ich helfe Ihnen. Machen wir uns auf den Weg“.
„Ina, Du bist ein Wahnsinn. Ich liebe dich…“
„Ach, übertreiben Sie nicht“, erwiderte sie lächelnd.
Ich schaute ihr in die Augen. „Wie kann ich übertreiben! Du bist ein Engel für mich. Ich
bewundere dich und Du zollst mir viel Respekt ein. Ich danke dir vom Herzen“
„Machen wir uns dann schön langsam auf den Weg, denn ein paar Pausen werden wir
dazwischen auch machen müssen “.
„Ja, Du hast recht. Tut dir die Wunde doch nicht weh?“, fragte ich ihr
„Nein, nein. Das geht schon in Ordnung“.
„Du bist unglaublich Tapfer. Ich habe so eine Frau wie dich noch nie in meinen Leben
getroffen. Hattest Du eine glückliche Kindheit?“, fragte ich sie, während wir uns weiter auf den
Weg machten.
„Na ja, wie man es nimmt. Meine Eltern waren gut, aber was Regeln betraf, da waren sie sehr
streng“.
„Also, ich habe in Uruguay eine wunderschöne Kindheit gehabt in voller Freiheit und inmitten
der Natur“.
„Wo haben Sie dort gelebt und wie ist das Klima dort?“.
„Gelebt haben wir vorwiegend am Land, ähnlich einer endlosen Steppenlandschaft nahe dem
Meer. Das Klima ist dort subtropisch. Wegen der Nähe zum Äquator Es gibt kein Schneefall in
Uruguay. Es regnet nur. Und es ist, bis auf die Regenzeit zwischen Juni und September,
relativ immer warm“.
„Ja, ich kann mir vorstellen, dass es schön gewesen sein muss. Und sind Sie auch in die
Schule gegangen?“.
„Ja, aber nicht immer. Der Schulbus war oft kaputt oder der Fahrer krank. Ich habe nur drei
Volksschulklassen absolviert. Es ist nicht so, wie in Österreich. Heute geht es Uruguay besser,
aber vor Jahrzehnte war es noch Arm. Zu Hause hatten wir kein elektrisches Licht, auch kein
Fließwasser, kein Radio, kein Fernsehen, das gab alles nicht. Trotzdem sind wir glücklich
aufgewachsen“.
„Unglaublich, wenn ich Ihnen zuhöre“.
„Und! Ist dir finanziell und materiell gut gegangen als Kind. Hattest Du alles, was Du
brauchtest, und wie hast Du die Schule absolviert“.
„Ich kann mich nicht Beschwerden. Als Kind vermisste ich nichts. Unsere Familie war und ist
gutsituiert. Die Schule habe ich auch sehr gut geschafft. Und trotzdem, so glücklich, wie die
ihre, so wie Sie sich begeistert darüber äußern, war meine Kindheit nicht, aber auch nicht
unglücklich muss ich sagen“.
Unser Weg führte zwanzig, dreißig Meter neben der Bahnlinie. Ich nahm die Wasserflasche
aus dem Rucksack und bot es ihr an. Sie machte einen Schluck, spuckte es aber gleich wieder
aus. Das Wasser schmeckte warm und schwer. Auch ich spuckte es aus.
Ein paar hundert Meter vor uns waren schon ein paar Bauernhäuser zu sehen, offensichtlich
ein kleines Bauerndorf beim Jauntal, wie aus der Landkarte zu sehen.
„Ina. Gehen wir hin. Die Bauern geben uns sicher Wasser. Ich habe noch siebzig Schilling, die
du mir gegeben hast. Vielleicht verkaufen sie uns auch Brot und etwas zum Essen“.
„Ja, probieren wir es“.
Ich bückte mich, nahm etwas feuchte Erde in der Hand und rieb es auf den Fleck in der
Jeanshose. Der Fleck war damit nicht mehr als Blutfleck zu erkennen.
„Aber wenn wir beim Bauernhof sind…“ erklärte ich ihr, „…und sie stellen Fragen, dann
erzähle ich ihnen, dass wir mit dem Moped unterwegs waren, dass wir ausgerutscht sind und
dass der Moped nicht mehr geht. Was meinst Du“.
„Ja, das geht, so kann man es sagen“.
Wir kamen beim Bauernhaus an und sahen eine Frau und ein Mann bei einem Holztisch im
Hof sitzend. Wir gingen zu ihnen hin (03/5).
„Guten Morgen“, grüßten wir sie und sie grüßten freundlich zurück.
„Wir haben eine bitte. Haben sie ein Glas Wasser für uns“.
„Ja, natürlich. Nehmen sie ruhig Platz“, lud uns der Bauer ein, während sich die Bäuerin
entfernte, um uns Wasser zu holen.
„Wir danken Ihnen. Wissen Sie, wir sind mit dem Moped unterwegs und diese hat plötzlich
den Geist aufgegeben. Wir sind jetzt zu Fuß unterwegs und haben noch eine Strecke vor uns.
Aber die Landschaft ist so wunderschön, das wir es als eine Wanderung erleben. Es ist eine
wunderschöne Gegend bei Euch“.
„Ja, da haben Sie recht. Bei uns ist es wirklich schön“, erwiderte der Bauer.
Die Bäuerin brachte uns zwei Große Gläser Wasser und wir bedanken uns. Ich nahm das Geld
aus der Tasche.
„Haben Sie bitte vielleicht ein Stück Brot und Speck. Wir bezahlen dafür. Wir haben nämlich
seit gestern nachmittags nichts mehr gegessen? Meine Frau hat schon Hunger“, fragte ich die
Bäuerin.
„Gerne, aber bezahlen braucht ihr nicht“, antwortete die Bäuerin. Sie entfernte sich wieder
und kam kurz darauf mit einem großen Stück Bauernspeck und ein halben Laib Brot zurück.
„Wir bezahlen aber gerne dafür“, wiederholte ich.
„Nein, nein“, bestanden die Bäuerin und der Bauer gleichzeitig.
„Also, wir können uns für die Gastfreundschaft nur herzlichst bedanken. Ich verspreche es
nicht, aber vielleicht kommen wir eines Tages mit einer Flasche Wein vorbei und revanchieren
uns“.
„Da sage ich nicht nein“, erwiderte der Bauer lächelnd, während die Bäuerin ihn vorwurfsvoll
ansah. Man sah schon an ihren robusten Körper, dass offensichtlich sie die Hose anhatte.
„Kann ich mir irgendwo die Hände waschen, bitte“, fragte plötzlich Ina die Bäuerin.
„Ja, kommen sie mit“ und führte sie ins Haus.
Ich hatte komischerweise wenig bedenken, nur ein mulmiges Gefühl, weil sie mir vorher
nichts gesagt hatte.
„Auch die frische Luft ist herrlich bei Euch“, sprach ich den Bauer an, nur um nicht unhöflich
zu wirken und schweigend dazusitzen, aber auch um meine mulmiges Gefühl zu übertauchen.
„Ja, bei uns ist wirklich guter Boden und guter Luft“.
„Man kann Sie und ihre Frau nur beneiden in so eine Idylle zu leben“, lobte ich den Bauer.
„Ja, wir sind sehr froh“.
Als Ina und die Bäuerin Minuten später zurückkamen, verabschiedeten wir uns Herzlichts und
dankend.
Als wir dann außer Hörweite waren, zwickte sie mich heftig auf den Oberarm und sagte
Lautstark: „Sie sind ganz schön frech, mich als ihre Frau vorzustellen. Und wissen Sie was, ich
hätte beinahe losgebrüllt vor Lachen. Sie hätten mich zumindest vorher warnen können, mich
als ihre Frau vorzustellen. Woher haben Sie diese Kaltschnäuzigkeit gelernt. Sie haben die
Leute von oben bis unten angelogen. Dabei waren sie total nett zu uns.“.
Ich lachte. „Was hätte ich sagen sollen! Das ich dich entführt und in den Wald verschleppt
habe! Dass ich ein böser Wolf bin! Du hast mich auch überrascht, als Du mit der Bäuerin
gegangen bist. Ich habe minutenlang gezittert “, entgegnete ich ihr lächelnd.
„Sie sind verrückt. Das ist was anderes. Ich musste dringend auf die Toilette und genierte mich
es vor den Bauer zu sagen. Deswegen sagte ich nur, dass ich mir die Hände waschen will. Und
als wir drinnen waren, da bat ich sie aufs WC gehen zu dürfen. Sie sind sehr nette Leute“.
„Bist Du jetzt auf mich Böse...“, scherzte ich weiter, „Ich liebe dich, was wäre schöner, als wenn
Du meine Frau wärest“.
„Sie sind verrückt! Ich habe recht!“ und lachte.
Da wurde mir erstmals so richtig bewusst, dass wir uns auf wunderbarerweise necken
konnten. Ich schüttelte nur den Kopf und konnte es nicht glauben, was zwischen uns geschah.
„Ina, bitte, setzen wir uns ein bisschen hin und Essen wir ein bisschen Speck und Brot. Mich
plagt ein Mordshunger. Am liebsten hätte ich schon beim Bauernhaus zugebissen, aber ich
wollte nicht auffallen“.
„Ja, machen wir!“, stimmte sie gleich zu.
Auf einer Lichtung, rund herum gedeckt von Bäumen setzten wir uns hin und aßen. Zuvor
zogen wir uns die Turnschuhe aus, um unsere Füße frische zu verschaffen. Gleich neben der
Lichtung war ein Bachbett, wo wir uns wuschen. Wir wuschen gleichzeitig die Schmutzwäsche, die ich im Rucksack mitführte, durchknetete und breitete es zum Teil auf Ästen und
auf Grasflächen aus. Mittlerweile strahlte die Sonne heiß herunter, so dass wir wussten, dass
die Wäsche in Kürze wieder trocknen sein würde.
„Weißt Du, was mir Sorgen macht, Ina“.
„Nein, was meinen Sie“.
„Wie soll ich bei totalem Tageslicht über die Grenze kommen! Die Grenzbeamten könnten
mich sehen. Ich müsste wenn wir die Grenze erreichen, die Abenddämmerung abwarten. Das
würde Stunden dauern. Und wenn Du sogleich gehst, sobald wir die Grenze erreichen, wo
wartest Du dann die Stunden ab. Gehst Du aber gleich zur Polizei, dann kann ich gleich mit dir
zur Polizei gehen“.
„Ja, da haben Sie recht. Ich bleibe bei Ihnen bis Sie die Grenze überschritten haben. Das habe
ich Ihnen schon versprochen“.
„Danke Ina“. Dabei wurde mir wieder einmal klar, wie planlos und verunsichert ich war, wie
ich überhaupt weiterkommen sollte.
„Ich mache mir nur sorgen, was ich meinen Mann sagen sollte“.
„Warum? Das brauchst Du nicht! Was kannst Du dafür! Ich habe dich entführt und Du
konntest dich nicht wehren. Warum machst Du dir solchen Sorgen!“
„Sie wissen genau, dass das nicht stimmt. Ich hätte durchaus schon mehrmals flüchten
können, zuletzt sogar auch am Bauernhof“.
„So darfst Du nicht denken. Das darfst Du nie sagen. Denke an deinen Mann und an deine
Kinder. Du würdest dich, deinen Mann und die Kinder in Verruf bringen, wenn Du nur ein
Wort davon sagst“.
„Ja gut, aber das wir miteinander geschlafen haben, das sagen wir nicht“.
„Auf mich brauchst Du keine Rücksicht zu nehmen. Allein für die Entführung bekomme ich im
Falle, dass sie mich lebend erwischen zwanzig Jahre Haftstrafe dazu. Eine höhere zeitliche
Strafe gibt es nicht. Daher ist grundsätzlich egal, ob ich jetzt das eine oder das andere Delikt
auf mich dazu nehme. Ich an deiner Stelle würde unbedingt sagen, dass Du von mir
vergewaltigst wurdest“, erklärte ich ihr in der Überzeugung mit den ersten Straftaten auf den
Waldweg bei Gratkorn tatsächlich eine Entführung begangen zu haben. In Wirklichkeit waren
es gefährliche Drohung und Nötigung, § 106, 107 StGB.
„Nein, nein. Das kann ich nicht sagen. Das stimmt nicht“, betonte sie protestierend.
„Das Problem Ina ist, das dir die Polizei und das Gericht dann vielleicht nicht glauben.
Immerhin bin ich schon 11 Jahre im Gefängnis, ohne mit einer Frau geschlafen zu haben.
Wenn Du sagst, das da gar nichts war, kommst du vielleicht in Verdacht“.
„Sie haben mich aber nicht vergewaltigt. Warum soll ein Verdacht aufkommen, wenn wir
beide sagen, dass wir miteinander nichts hatten. Ich will nicht, dass mein Mann das erfährt,
weil das redet sich dann in der ganzen Stadt und Gemeinde herum“
„Ja, natürlich nicht, das verstehe ich. Stell dir aber vor, was dann los ist, wenn sie dich
amtsärztlich untersuchen, was üblich ist bei ein Entführungs- oder Vergewaltigungsopfer und
der Arzt stellt dann fest, dass Du mit mir doch Sex hattest. Soweit ich weiß, ist die Polizei und
das Gericht verpflichtet beim Opfer eine amtsärztliche untersuchen vorzunehmen“.
„Daran habe ich nicht gedacht. Da haben Sie recht“. Sie lief vor etwaigen Konsequenzen rot an.
„Na siehst, Ina. Ich habe Erfahrung mit der Polizei und Gerichte. Schau, du hilfst mir und ich
helfe dir. Ich bekomme sowieso zwanzig Jahre wegen der Entführung, falls sie mich lebend
erwischen. Mehr kann ich nicht bekommen“.
Sie fing zu Weinen an.
„Bitte nicht, Ina! Du brauchst nicht zu Weinen. Du bist super und hilfst mir. Sollst Du und
deine Familie dafür bestraft werden! Das hast Du dir nicht verdient. Du kannst nichts dafür.
Ich bin das Arschloch, verzeih mir den Ausdruck“.
„Nein, das sind Sie nicht. Im Gegenteil, sie geben sich für mich auf“.
„Du bist meine Göttin. Du hilfst mir ja. Du hast dir nichts vorzuwerfen. Vielleicht habe ich
Glück und komme bis Uruguay durch. Und wenn nicht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, das
ich bei der Festnahme sowieso einen Kopfschuss bekomme“, letztere hätte ich besser nicht
gesagt, denn Sie schlunzte erst recht laut auf. Ich nahm sie in die Arme, drückte sie an meine
Brust, legte ihren Kopf auf meinen Schoss und streichelte ihr über die Haare.
„Ina, ich weiß. Es ist schwer für dich, aber Du musst an dich und an deine Familie denken. Es
bleibt uns nichts anderes übrig. Ich bin schuld. Ich habe es ausgelöst. Ich bin stark Ina, ich
werde es schon schaffen. Um mich mach dir bitte keine Sorgen. Ich habe ein Ziel und eine
Aufgabe und wenn das eine Ziel weg ist, habe ich den anderen“.
„Was meinen Sie damit?“.
„Das Ziel ist Uruguay. Komme ich nicht hin, dann habe ich als Alternative gegen die
Justizbehörden wegen der Missstände in den Gefängnissen zu kämpfen. Mir wird sicher nicht
fad, so oder so nicht“.
Sie weinte weiter, aber nun leiser. Ich hielt sie auf meinen Schoss umarmt und streichelte sie
zärtlich weiter.
Abrupt hörte ich wieder meine innere Stimme in Streitkonflikt meiner fatalen Situation:
"Siehst Du, was Du angerichtet hast, du Trottel. Es ist ein Drama, eine Tragödie. Und wie
willst Du es jetzt lösen! Kannst Du es mir erklären? Und ich: „Ich weiß es nicht. Ich habe
keine Lösung. Ich bin Ratlos. Ich weiß nur, dass ich ihr sicher nichts mehr antun werde“. Und
die Stimme: „Na siehst, du Trottel. Du hast keinen Plan. Das habe ich dir schon gestern
gesagt. Du könntest sie töten, ohne ihr weh zu tun oder du zwingst sie mit dir einfach weiter
mitzugehen. Alles andere führt dich in die Hölle zurück!“. Und ich: „Sie töten, ohne ihr weh zu
tun! Wie stellst Du dir das vor!“. Und die Stimme: „Na ja, sie würde zum Beispiel nichts davon
merken und auch keine Schmerzen haben, wenn Du ihr den Nacken mit einen kräftigen
Schlag brichst. Sie würde nicht das Geringste spüren und mitbekommen“. Und ich: „Ja, da
magst Du recht haben, aber ich werde es trotzdem nicht tun. Ich scheiße auf deine Ratschläge.
Weißt Du warum!“. Und die Stimme: „ Warum?“. Ich: „Ganz einfach, ich würde mich bis zu
meinen Tod mit diesem schlechten Gewissen plagen und das wäre noch schlimmer, als im
Gefängnis zurückzukehren oder mit einen Kopfschuss zu enden. Verschwinde also. Ich will
nichts mehr von dir hören. Nie wieder“. Und die Stimme: „Verrecke halt dann, du Trottel".
Die Bewegung ihres Kopfes auf meinen Schoss beendete die innerliche Konversation und ich
fühlte nur Erleichterung, dass diese endlich beendet war. Die dramatische Situation und die
fatalen Folgen für mich zettelten diese innerlichen Konflikt aus. Aber ich fühlte mich stark
genug, um mich dagegen zu stemmen und diese abzuwehren – und so war es auch.
Sie hatte zum Weinen aufgehört. Nun lag sie leise da. Zärtlich streichelten meine Finger über
ihren Mund und über ihre zierliche Nase. Weiter entlang der Wangen bis zu ihre Augenlider.
Es war ein Akt der Liebkosung, die mich gleichzeitig erregte. Sie merkte es und schaute zu mir
auf. Stöhnend streckte ich meinen Körper auf den Boden und spreizte losgelöst die Hände. Sie
fasste meine Erregung durch die Hose und öffnete quälend langsam den Hosenschlitz…
Was für eine Frau, schoss mir durch den Kopf! Was für Gefühle! Was für Höhepunkte! Was für
eine göttliche Hingabe.
„Göttlicher und schöner kann es nicht sein, meine Göttin“, und sah ihr tief in die Augen.
Sie setzte sich auf. „Bei Ihnen bin ich sehr überrascht, wie stark sie dabei fühlen und wie oft sie
können. Ist das immer so!“
„Nur mit dir. So schön und stark erlebte ich es bis jetzt nur mit dir. Deine warme
Ausstrahlung, deine Schönheit und deine Leidenschaft, deine Bereitschaft zur Hingabe und
deine Güte haben mich fasziniert und verzaubert. Jetzt bin ich glücklich dich entführt zu
haben…“
„Sagen Sie sowas nicht“, sagte sie streng.
„… denn wie sonst hätte ich in meinen Leben schöneres erleben können! Ich war unglücklich.
Jetzt habe ich Momente der Schönheit und Wildheit der Natur mit dir erlebt, die alles andere
ins nichts verdrängt und die meine Welt nun leuchten lässt“.
„Oh, wie schön Sie das sagen. Sie sind wirklich ein erstaunlicher Mann“.
„Und Du bist eine wunderschöne Frau voller Erotik. Du machst mich so heiß, wie keine
andere Frau zuvor. Du riechst so süß und sexy. Und jetzt will ich deine Hölle Küssen, die mich
so begehrlich macht“. Ich drückte sie sanft auf den Rücken.
„Nein, Nein bitte nicht jetzt. Wir müssen weiter“.
Ich zwängte meinen Kopf zwischen ihren Schenkeln…
„Oh! Sie sind ein Tier, ein wildes Tier…“, hörte ich sie noch sagen.
Nach zirka eineinhalbstunden war die Wäsche wieder trocken. Wir sammelten sie auf und ich
staute es im Rucksack. Dann machten wir uns wieder auf den Weg entlang der Bahnlinie, um
uns an dieser zu orientieren und bis zur Grenze entlangzugehen.
„Wie sind Sie eigentlich zur Überlegung gekommen gegen Missstände im Gefängnis zu
rebellieren?“, fragte sie mich plötzlich.
„Ich weiß es nicht genau. Wahrscheinlich kommt der Antrieb von den schlechten Erfahrungen
in den staatlichen Heime und Jugendgefängnisse her. Der Tod meiner Mutter war eigentlich
der erste Anstoß, dass ich das ganze Elend rund herum zu durchschauen begann, als auch wie
Wahnsinn sich mein Leben entwickelte hat. Bis dahin war es wie ein Schleier, die sich über
mich ausgebreitet hatte und mir kein Einblick gewehrte“.
„Warum ihre Mutter?“, fragte sie überrascht und erstaunt.
„Ich habe meine Mutter abgöttisch geliebt. Und als sie 1978 verstarb machte ich mir
Vorwürfe, weil sie in wissen verstarb, das ihr Sohn ein Verbrecher geworden ist und das er bei
einen Überfall sogar ein Mensch erschossen hat. Das hat mir so weh getan, dass ich ihr im
Geiste schwor zukünftig was Gutes zu tun, damit sie zumindest im Himmel sieht, das ich kein
totaler Unmensch bin…“
„Ich bin sprachlos “, unterbrach sie mich kurz, „Sie sind unglaublich!“.
„…dann erinnerte ich mich der Torturen in den Heime und Jugendgefängnisse, die ich am
eigenen Leib erdulden musste sowie an das Leid vieler anderen Heimkinder und Häftlinge,
die ich mit-ansehen musste. Ja, in diesem Moment wusste ich, welche Aufgabe mir
bevorstand…“
„Sie überraschen mich immer wieder von neuen. Ihre Geschichte und wie Sie es sprachlich
klar verbildlichen ist unglaublich“, unterbrach sie mich erneut.
„Na ja, so dramatisch es nicht. Es hätte viel dramatischer kommen können“.
„Wie meinen Sie das!?“, fragte sie mich mit weit offenen fragenden Augen.
„Über die RAF in Deutschland wirst Du ja was wissen!“
„Ja, natürlich“
„Mit solchen Aktionen trug ich mich in Gedanken in der Zelle herum. Ich hatte als
Strafgefangener natürlich nicht die Möglichkeit so zu agieren, wie die RAF. Aber dafür
inspirierte mich die RAF dazu mir den Kopf zu zerbrechen, wie ich andersherum spektakuläre
Aktionen setzen könnte. So kam ich unter anderem auf die Idee auf den Kirchendach in
Garsten zu klettern und dort zu protestieren“.
„Ja, und das ist Ihnen wirklich gelungen, denn die Zeitungen und selbst das ORF waren voll
davon“.
„Ich habe mir damals schon gedacht, dass vielleicht zwei bis drei Journalisten daherkommen.
Aber dass es dann zwischen 25 und 30 wurden und dass die Protestaktion letztendlich so
spektakulär verlief, das wagte ich nicht einmal zu träumen. Umso froher war ich dann“.
Nachdem wir einige Zeit auf Felder und Wiesen entlang der Bahnlinie gegangen waren, kamen
wir auch in der Nähe einer Landstraße, unmittelbar darauf in der Näher von St. Michael, wo
am Ortseingang ein kleines Bäckereigeschäft zu sehen war.
„Wau…“, rief ich spontan, „Ein paar knusprige Semmeln und Butterkipferln, das wäre was.
Habe schon Jahre nicht mehr gegessen“.
„Gehen wir hin und kaufen wir welche“, meinte sie.
„Ja Super! Um die Zeit ist es nicht mehr so gefährlich wegen der Kontrollen der Gendarmerie“.
Wir betraten den Bäckereiladen (03/5). Drinnen waren nur eine mittelältere Verkäuferin und
ein etwa neun- oder zehnjähriger Bub. Ich mutete sogleich, dass es sicher Mutter und Sohn
sind und dass es sich um ein kleines Familiengeschäft handle. Wir grüßten freundlich und
bestellten mehreren Semmeln und Butterkipferln. Dabei sahen wir, dass auch frische warme
Milch angeboten wurde. Wir bestellten für jeden ein Glas Milch und aßen dazu die
Butterkipferln auf einen kleinen Gasttisch, die im selben Verkaufsraum zur Verfügung stand.
Anschließend bezahlte ich von dem Geld, die sie mir im Auto gegeben hatte und wir
verabschiedeten uns freundlich.
„Oh, war das lecker, Ina! Danke dir. Was meinst Du…“, fragte ich sie, „…sollten wir durch den
Ort gehen. So könnten wir uns die Füße ein bisschen vor den holprigen Felder und
Waldboden schonen. Um diese Zeit ist es nicht mehr gefährlich. Außerdem habe ich eine
Idee“.
Ich hatte mir nämlich zwischendurch, insbesondere nachdem sie wiederholt geweint hatte und
sie sich Sorgen darüber gemacht hatte, was sie ihren Mann sagen sollte, Gedanken darüber
gemacht, was ich tun könnte um ihr allen Sorgen zu nehmen.
„Was für Idee?“, fragte sie sogleich Neugierig.
„Na ja, dazu bräuchte ich eine Kugelschreiber und Papier und die müssten wir kaufen.
Vielleicht finden wir im Ort ein Geschäft“.
„Und was wollen Sie damit machen? Sie machen es spannend!“, fragte sie ziemlich
neugieriger geworden.
„Ich denke eine Selbstanzeige zu schreiben, die Du dann nur bei der Polizei zu übergeben
brauchst. So ersparst Du dir viel Ärger. Auch vor deinen Mann“.
„Glauben Sie!“, zweifelte sie.
„Natürlich. Denn dann fragt die Polizei nicht mehr viel nach, weil durch meine Selbstanzeige
sowieso alles gestanden ist“.
„Na gut, wie Sie meinen. Gehen wir“.
„Warte ein Moment“, sagte ich ihr und nahm das Messer aus dem Rucksack, steckte es mir
am Rücken unter der Hose und deckte es durch die Sportjacke ab, die ich in einen Gartenhaus
gestohlen hatte.
„Was soll das! Was haben Sie vor!“, fragte sie verängstigt geworden.
„Mach dir keine Sorgen. Ich möchte nur Vorsichtig sein, denn wenn die Wahrscheinlichkeit
auch nicht groß ist, so kann doch sein, dass mich jemand als der Gefängnisausbrecher erkennt.
In diesem Falle möchte ich nur eine Abschreckungswaffe bei der Hand haben, um die Person
vom Leib zu halten, falls dieser mich festhalten will. Vergiss nicht, dass mein Foto wegen der
Fahndung sicher durch viele Zeitungen gegangen ist. Dir kann sicher nichts passieren“.
„Dann gehen wir besser nicht durch den Ort“, meinte sie.
„Aber dann komme ich nicht zu Papier und Kugelschreiber und kann dann nicht die
Selbstanzeige schreiben. Gehen wir, es wird schon nichts passieren“.
Im Ortszentrum waren nicht viele Passanten noch viel Autoverkehr unterwegs. Nur vereinzelte
Passanten kamen uns entgegen. Wir gingen durch den Ort, als wenn nie was gewesen wäre.
Wegen Ina hatte ich kaum mehr Bedenken. Wir waren sicher kein Liebespaar, aber die
leidenschaftliche Affäre hatte uns menschlich nahegebracht und voneinander auch abhängig
gemacht. Ich kannte das Stockholmer-Syndrom und wusste daher, dass sie sich weiter
vorgewagt hat, als das durch das Stockholmer-Syndrom zu rechtfertigen wäre, sodass ich
ziemlich sicher war, das sie sich nach der Abmachung halten würde, andernfalls müsste sie
befürchten, dass ich sie im Gegenzug verraten könnte sexuelle Handlungen freiwillig und
willig gewollt und zugelassen zu haben.
Nach durchgehen des Zentrums des Ortes, sahen wir einen Supermarkt und strebten diesen
gleich an (03/5). Der Parkplatz davor war ziemlich voll, sodass ich kurz überlegte doch nicht
hineinzugehen, aber wo sonst, dachte ich mir hätte ich Kugelschreiben und ein Heft kaufen
können.
Als wir es doch betraten, war ich im nu wie geblendet. Wenn man elf Jahre im Gefängnis im
engsten Raum einer Zelle sitzt und allen möglichen Entbehrungen auf sich nehmen muss, wird
man von dem riesigen Warenangebot eines Großgeschäftes geblendet und man kommt sich
vor, wie in einen Scharaffenland der Waren und Güter.
Zahlreichen Menschen machten darin ihr Einkaufstour. Ich schätzte auf den ersten Blick so
dreißig bis 40 Personen, die offenbar aus allen Richtungen in diesem einzukaufen kommen.
Ich fühlte mich mulmig, weil ich nur Bedenken und Angst hatte, das mich jemand als eine der
kalauer Ausbrecher identifizieren könnte.
Ich schaute mich um , ob uns jemand besonders beobachtete. Es schien sich keiner für uns
besonders zu interessieren, außer normalen Blicken. Neben Kugelschreiber und ein
Schreibheft kauften wir gleich dazu Getränke-flaschen, Semmeln, Wurstsachen und Kuchen,
bis nur mehr ein paar Schillingen übrigblieben.
„Wo ist die Toilette“, fragte sie der Verkäuferin und Kassiererin und sie wies uns den Weg.
Sie blieb relativ lange drinnen, so dass ich doch etwas nervös wurde. Andererseits sah man ihr
an, dass sie eine Dame war, die viel auf Körperpflege hielt. Als Frau eines hohen Politikers,
überlegte ich, gehörte sie zur gehobenen Klasse. Ich hatte da weniger Hemmungen und ging
stets hinter einen Baum auf die kleine oder große Seite oder wusch mich irgendwo in einen
Bach oder Fluss, während bei einer gehobenen Dame es nur dann zu erwarten ist, wenn es
wirklich nicht anders ging.
„Ich habe mich gleich auch ein bisschen gewaschen…“, sagte sie zur Rechtfertigung, „Die
anderen Toilettengeher werden sich nicht freuen“, setzte sie lächelnd hinzu.
„Warum nicht?“, fragte ich sie neugierig geworden.
„Ich habe fast das ganze WC Papier zum trocknen verbraucht, weil kein Handtuch da war“,
antwortete sie etwas schadenfreudig lächelnd.
Nach Verlassen des Ortes marschierten wir gemäßigten Schritte durch ein wildes Feld, auf der
rechten Seite verlief die Landstraße, während auf der linken Seite die Bahnlinie in ein lichtes
Wald verschwand. Das Wetter, mittlerweile gegen die Mittagsstunden, war herrlich und sehr
warm.
Einerseits taten mir die Füße schon wieder ziemlich weh, andererseits dachte ich schon die
ganze Zeit an die Selbstanzeige, die ich zu schreiben beabsichtigte, sodass ich ihr vorschlug
wieder eine Pause zu machen, die sie zustimmte.
Wir suchten uns ein Platz auf einer Waldlichtung aus, wo die Sonne durchdrang und machten
uns bequem, indem wir uns die Schuhe auszogen und uns auf das wilde Grasland zwischen
die Bäume hinstreckten.
Ich steckte das Messer in den Rucksack zurück, nahm den Notizblock und Kugelschreiber und
legte meinen Kopf auf ihren Schenkel. Plötzlich spürte eine unglaubliche Müdigkeit und es
wurde mir schwarz vor die Augen.
Ihr Rütteln mit dem Schenkel, schreckte mich auf. Etwas durcheinander, fragte ich sie „Was
ist los?“
„Sie sind eingeschlafen. Ich habe Sie schlafen lassen, denn ich kann mir vorstellen, wie Müde
Sie sind. Ich habe auch ein bisschen geschlummert. Das Wetter ist wunderbar dazu. Aber jetzt
ist es schon fünfzehn Uhr. Wir müssen weiter“.
„Da habe ich fast drei Stunden geschlafen. Danke, Ina. Du bist mein Engel. Mir ist richtig
schwarz vor die Augen geworden, dann war ich weg, Mehr kann ich mich nicht erinnern“.
„Kein Wunder. Sie sind schon seit Tagen nicht richtig zum Schlaf gekommen“.
„Ja, wir gehen gleich weiter. Nur ein paar Minuten. Ich schreibe nur schnell die Selbstanzeige,
die für dich ganz wichtig ist“.
„Gut. Tun Sie es. Ich mache Ihnen dabei Wurstsemmeln?“.
Ich nahm die Sachen aus dem Rucksack und gab ihr auch das Küchenmesser, damit sie die
Semmeln und Wurst durchschneiden kann.
„Sie sind ziemlich unvorsichtig. Mir könnte was einfallen“, scherzte sie.
„Was könnte mir schöneres passieren, als von einer Göttin getötet zu werden“, scherzte ich
zurück. Wir lachten gleichzeitig lautstark auf.
„Was soll ich sagen, das ich Ihnen nicht davongerannt bin, als Sie schliefen“.
„Ganz einfach. Ich habe gar nicht geschlafen. Ich war immer wach und hielt ständig ein Aug
auf dich. Und das Messer hatte ich immer Griffbereit. Und gefesselt habe ich dich auch, sagst
mit den Schubänder. Du hattest ganz einfach Angst. Mehr brauchst und sollst Du auch nicht
sagen. Das ist natürlich wichtig. Alles andere schreibe ich jetzt auf“.
Ich setzte mich hin und begann zu schreiben.
Während ich schrieb, legte sie fast mütterlich die Wurstsemmeln sowie die Fantaflasche, die
wir im Supermarkt eingekauft hatten neben mir hin.
Sie aß und trank auch etwas und streckte sich wieder auf den Boden hin und schaute mir zu.
„Was schreiben Sie da alles“, fragte sie mich neugierig und ungeduldig.
Fast unhöflich und nervös antwortete ich ihr, „Ina, Bitte. Ich muss mich jetzt konzentrieren.
Du kannst es dann lesen!“.
Mehrmals zerriss ich eine begonnene Seite und begann es vom neuen. Ich hatte zwar gute
Ideen, wie ich es am besten schreiben sollte, um ihr zu helfen, aber ich hatte große Probleme
mit der Konzentration. Es schwamm mir fast alles vor die Augen.
Als ich dann endlich fertig war, gab ich es ihr zum lesen. Schon nach der ersten Seite schrie sie
aufgeregt auf. "Nein, so war es nicht! Das haben Sie mir nicht angetan. Das geht unmöglich.
Das kann ich niemals sagen“ und streckte mir das Schreiben entgegen (07).
Ich unterbrach sie. "Bitte lies zunächst das schreiben fertig durch. Bitte“, bat und forderte ich
sie fast energisch auf.
Sie las es und ich sah, wie ihr plötzlich Tränen über die Augen liefen. "Aber nicht so, dass Sie
mich gestochen und gemein vergewaltigt haben. Das stimmt so nicht", sagte sie geradezu
protestierend.
"Pass auf, Ina! Regt dich nicht so auf. Ich wiederhole mich. Es gibt nur zwei Möglichkeiten.
Entweder habe ich dich entführt oder du bist freiwillig mitgegangen! Willst du letztere dir und
deiner Familie antun! Es gibt keine andere Lösung. Ich war und bin gemein zu dir gewesen,
denn wie sonst konntest du mir nicht weglaufen. Du sagst ja selbst, das du mir weglaufen
hättest können.
„Was Sie da schreiben…“, sagte sie in Tränen, „…ist ein Drama. So stimmt es nicht, das
wissen Sie ganz genau. Sie liefern sich völlig aus“.
„Das ist unwichtig, ob es stimmt oder nicht. Wichtig ist jetzt nur, dass dir nichts passiert. Du
hast fünf Kinder und ein Mann in guter Position. Denke über die furchtbaren Folgen für deine
Familie nach, also nicht nur an dich. Außerdem…“, ich stockte ein Moment, „…außerdem
klingt es schön dramatisch und erfüllt mein Zweck damit ordentlich aufzurütteln“
„Können wir es nicht anders schreiben“, fragte sie mich fast flehend.
„Wir könnten, aber dann müsste ich dir wehtun“.
„Wie bitte! Warum wehtun?“.
„Ganz einfach. Ich vergewaltige dich jetzt. Ich fange gleich an dir die Kleider vom Leib zu
reißen, gebe dir ein Stich und vergewaltige dich …“, sagte ich ihr absichtlich drohend und mit
ernster Miene und stand dabei auf.
„Sind Sie verrückt geworden. Sie machen mir Angst“.
„Wenn ich das tue, dann bleibt dir dann sicher nichts anderes übrig, als eben die Wahrheit zu
sagen, dass ich dich vergewaltig und gestochen habe“.
„Sie wollen mich nur erpressen und dazu zwingen!“.
Ich forderte sie auf aufzustehen. Ängstlich, fast zittrig stand sie nun vor mir. Ich nahm sie
beim Kinn und fixierte ihre Augen, während ich zu ihr sprach. „Ina! Ich weiß, das Ganze ist
schrecklich, aber es gibt keinen anderen weg. Du bist eine unglaublich Gute, starke und
intelligente Frau. Denke bitte mal nach, was du dir und deiner Familie antust, wenn du mein
Schreiben zurückweist. Ich bitte dich. Ich bekomme allein schon wegen der Entführung bei
Graz zwanzig Jahre. Mehr kann ich ohnehin nicht bekommen. Deswegen ist vollkommen egal,
ob der eine oder andere Delikt hinzukommt, wenn es nur darum geht, das nicht der geringsten
Verdacht gegen dich aufkommt…“
Sie hörte mir zu, wie unter Hypnose, fast Atemlos und wie erstarrt mit weit aufgerissenen
Augen.
„Bitte denke nach. Außerdem ist das, was ich jetzt auf mich nehme, um dich zu schützen, gar
nichts gegen die herrliche Liebe und Leidenschaft, die Du mir geschenkt hast…“
Plötzlich umarmte sie mich und drückte sich ganz fest an mich.
Ich flüsterte ihr. „Was Du mir geschenkt hast, Ina, ist die Ewigkeit und für die Ewigkeit. Nichts
Schöneres gibt es auf dieser Welt. Denke an unseren Sterne. Das andere ist vergänglich“.
Ich spürte, wie sie an meiner Brust aufweinte und hielt sie fest. Dann schaute sie plötzlich zu
mir auf und drückte überraschend ihre Lippen kurz an die meinen. „Sie sind ein unglaublicher
Mann“
In Erinnerung meines schlechten Mundgeruchs, hätte ich beinahe zurückgezuckt.
„Und Du eine unglaubliche Frau“, und gab ihr mit der Hand schnell ein paar Klatscher auf
den Hintern und drückte meine Hand fest zwischen ihr Gesäß, absichtlich um sie aufzulockern
und aufzumuntern.
„Oooh!“, quietschte Sie auf und lachte.
Im selben Moment spürten wir leichte Regentropfen. Wir beeilten uns, packten schnell die
Sachen vom Boden und verstauten es im Rucksack. Ich zog mir einen Pullover an und hängte
ihr meine Sportjacke um.
„Ina! Falte das Schreiben zusammen und stecke es bitte ein, sonst wird es durch das
Regenwasser verwischt und kaputt“, forderte ich sie auf. Sie tat es und steckte es in der
Plastikhülle ihres Führerscheinetuis (03/5).
Wir hatten nicht bemerkt, dass sich zwischendurch und relativ schnell schwere Wolken
zusammenzogen. Wir folgten durch Felder der Landstraße entlang, da wir anhand der
Straßenkarte wussten, dass sowohl die Bahnlinie als auch die Landstraße beim Ort Bleiburg
wieder zusammentrafen, so dass wir uns gewiss waren nun den richtigen Weg Richtung
Grenze zu gehen.
Der Regen wurde mittlerweile stärker. Wir strebten ein an der Landstraße angrenzendes
kleines Dorf an, um dort irgendwo Schutz vor den Regen zu suchen.
„Bei dem Regen fallen wir sicher nicht auf, Ina, wenn wir uns irgendwo unter einen Vordach
stellen“, sagte ich ihr.
„Ja, gehen wir hin, denn das Wetter scheint noch schlimmer zu werden“, erwiderte sie.
Im kleinen Ort angekommen, fanden wir dummerweise kein Haus mit einen Vordach noch
eine überdachte Bushaltestelle oder sonst ähnliches, wo wir Schutz finden hätte können.
Dann sah sie ein Wirtshausschild und schlug spontan vor, dort ein Kaffee zu trinken und
abzuwarten, bis sich das Wetter besserte.
Ich schaute nach, ob das Geld dazu reichte.
„Warten Sie einen Moment. Ich sehe in meine Taschen und Führerschein genauer nach.
Vielleicht habe ich noch etwas Geld einstecken. Oft stecke ich mir Geld ein und vergesse dann
wo“.
Tatsächlich fand sie ca. 150 Schillingen teilweise in ihren Jeanshosentaschen und kleingefaltet
zwischen zusätzlich aufbewahrten Zetteln in ihren Führerschein.
„Na, jetzt sind wir reich“, scherzte ich. Dass sie noch Geld bei ihr gefunden hat, kam mir
irgendwie komisch vor. Ich glaubte ihr nicht, dass sie es nicht wusste. Mitunter ist ihr Mann
knausrig und sie versteckt vor ihn ein paar Scheine als Notgroschen, dachte ich mir. Das sie
aber vergaß wo, glaubte ich ihr nicht. Dazu war sie geistig zu hellwach, war meine volle
Überzeugung.
Wir betraten das Wirtshaus (03/5). Es saß oder standen zirka sechs, sieben Gäste herum. Der
Wirt kam zu uns und begrüßte uns freundlich und fragte uns, was wir wünschten.
Wir grüßten freundlich zurück und bevor ich weiteres sagen konnte, bestellte sie einen großen
Kaffee mit Milch für sie und fragte mich, „Und was trinkst Du?“
„Na ja, eine Coca Cola“, sagte ich und versuchte meine Verlegenheit zu verbergen.
„Bei dem Wetter wäre es besser etwas warmes zu trinken“, widersprach sie mir.
Ich schaute zum Wirt auf und er nickte ihr zustimmend zu.
„Seid ihr beim Wandern vom Regen erwischt worden, gelt“, meinte der Wirt.
Wir nickten ihn zu.
„Gut, bringen Sie mir bitte auch einen großen Kaffee mit Milch“.
Als der Wirt sich wieder entfernte, schaute ich sie an. „Du hast mich das erste Mal geduzt und
auch in Verlegenheit gebracht. Normal bestellt der Mann!“.
Sie lachte: „Sehen Sie. Auch ich kann kaltschnäuzig sein“. Wir lachten beide auf.
Ich beugte mich über den Tisch und sagte ihr: „Weißt Du! Du bist eine unglaubliche Frau“,
worauf sie wieder lachte.
Der Wirt brachte uns die Kaffees. Wir tranken gemütlich und beobachteten durch das Fenster
das Wetter. Aus dem Nachbartisch hörten wir zwei älteren Herren, wie sie sich lautstark über
den Zweiten Weltkrieg unterhielten.
Sie lächelte mich an und flüsterte mir zu: „Die sind zwei Ewiggestrige“.
Ich musste lachen und nickte ihr zustimmend zu. Das Wetter besserte sich nicht. Wir
bestellten noch zwei, diesmal kleinen Kaffees. Gleichzeitig fragte ich den Wirt, ob er
Gulaschsuppe hätte.
„Nein, heute nicht. Eine gute Bohnensuppe kann ich Ihnen anbieten“.
„Auch gut. Bringen Sie uns bitte zwei und Semmeln dazu“.
„Nein, nein. Ich habe keinen Appetit. Bringen Sie nur eine Suppe“, widersprach sie mir. Der
Wirt entfernte sich wieder.
„Ina, Du hast seit gestern, bis auf ein Glas Milch, nichts Warmes gegessen!“
„Ich mag Bohnensuppe nicht…“, Rechtfertigtete sie sich, „…Außerdem bin ich heute Nacht
wieder zu Hause und kann dort Essen“.
Ich schaute besorgt beim Fenster raus. Der Regen hatte sich nur wenig gebessert. Ich aß die
Suppe auf.
Dann kam der Wirt und servierte ab: „Hat Ihnen geschmeckt“.
„Ja, danke, war sehr gut“, lobte ich ihn freundlich.
Die Gäste waren auf uns etwas neugierig, aber nicht aufdringlich. Sie waren mit Sicherheit
Einheimische und sicher nicht gewohnt, das in ihrer Gegend Fremde oft einkehrten.
Als der Regen fast zur Gänze aufgehört hatte, es fielen nur mehr Tropfen, bezahlte sie den Wirt
und verließen das Wirtshaus.
„Also, mir war schon peinlich…“, sagte ich ihr während des rausgehen, „…das Du bestellt und
bezahlt hast. Was sollen sich der Wirt und die Leute denken!“.
„Ich glaube, Sie sind auch ein Ewiggestriger oder Sie haben die Zeit im Gefängnis verschlafen.
Wir Frauen sind mittlerweile viel emanzipierter als sie denken“.
Wie gingen nun auf einen Bauernweg neben der Straße Richtung Bleiburg. Die Landstraße
und die Bahnlinie folgend.
„Ina. Sag bitte aber nicht bei der Polizei, dass wir auch im Wirtshaus waren, weil das peinlich
für dich wäre. Wenn die Polizei es ermittelt und den Wirt und die Gäste befragt, wäre es nicht
gut“.
„Nein, sage ich nicht. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Wenn es mir doch rausrutscht, da
sage ich ganz einfach, das ich gar nicht sagen kann, in welchen Ort und in welchen Wirtshaus,
weil ich in der Gegend noch nie war und durch die Aufregung ich auch gar nicht danach
geschaut habe“.
„Na gut, wie Du meinst. Am besten ist jedenfalls nichts zu sagen“.
„Wenn ich aber nichts sage und der Wirt oder ein Gast sich von selbst meldet, wäre erst recht
nicht gut“, ergänzte sie.
„Oh, da hast Du wirklich recht. Daran habe ich nicht gedacht sowie du zuvor auch nicht, dass
du mitunter vom Amtsarzt untersucht werden könntest. Andererseits könntest Du in so einen
Fall, das sich jemand vom Wirtshaus meldet, jedenfalls glaubhaft vorbringen, dass du die
Gegend nicht gekannt hast und durch die Aufregung nicht daran gedacht hast, während kaum
glaubhaft wäre, das du dich nicht mehr erinnern kannst, das wir miteinander Sex hatten“.
„Machen Sie sich nicht so viele Sorgen um mich. Sie haben mir ja die Anzeige für die Polizei
gegeben und damit haben sie mir viel geholfen. Wichtig ist jetzt, dass Sie über die Grenze
kommen“, sagte sie nun selbstsicherer und offensichtlich von der Selbstanzeige, die ich ihr
übergeben hatte kaum mehr verängstigt, was sie ihren Mann und der Polizei sagen sollte.
Natürlich war mir klar, dass sie nun auch größtes Interesse haben musste, da ich über die
Staatsgrenze komme und dass mir die Flucht bis Uruguay gelingen sollte. Vor allem sie musste
nun das Geheimnis unserer Affäre hüten.
Nach zirka eine Stunde kamen wir in Bleiburg an. Das Wetter war uns nicht Gnädig, denn
unmittelbar vor Bleiburg fing es wieder an stärker zu Regen.
Der Regen hatte zufolge, das wir nur wenige Passanten am Gehsteig begegneten, nur
vereinzelte, die sich eilenden Schritte fortbewegten,
Dabei erreichten wir nahe dem Ortsausgang eine überdachte Bahnstation, besser
Bahnwartehäuschen. Wir setzten uns hin und schauten auf der Straßenkarte nach. Nun war es
klar, dass es zur Grenze nur mehr zwei, drei Kilometer sein konnten.
Es war zirka sechs Uhr nachmittags. Wir schätzten spätestens in eine Stunde bei der Grenze zu
sein, so dass wir uns eine kleine Pause gönnten. Eigenartigerweise wurde ich innerlich
zunehmend nervöser. Vielleicht wegen der nahestehenden Trennung, versuchte ich mich
selbst zu trösten.
Vis a vis der Bahnwartehäuschen war ein Caféhaus. Plötzlich bekam ich den Drang nach einer
Zigarette. Ich war Raucher und hatte schon seit Tagen nicht geraucht, ohne das es mir
eigentlich abging. Nun aber konnte ich es kaum mehr erwarten.
„Ina. Gibst mir 20 Schilling. Ich gehe ins Caféhaus vis a vis und kaufe mir Zigaretten“.
„Ich habe nicht gewusst, dass Sie Raucher sind. Ja, ich gebe es Ihnen gerne, aber ich gehe
mit. Warum haben Sie es nicht gleich vorher im Wirtshaus gekauft?“, sagte sie forsch und gab
mir zwanzig Schilling.
„Wenn Du mich so fragst, weiß ich es auch nicht. Ich dachte nicht daran. Es kam jetzt von
einen Moment auf den anderen“, versuchte ich mich zu rechtfertigen.
Wir betraten das Caféhaus. Ich war überrascht und erschrak etwas, dass es bersten voll war.
Laute Musik dröhnte aus einem Nebenraum. Ich schaute durch die Zwischentür und sah
Paare tanzen. Ich bestellte auf der Schanktheke Streichhölzer und ein Päckchen Marlboro,
dann verließen wir das Caféhaus wieder. Ich war froh, denn ich fühlte mich durch die vielen
Gästen plötzlich unsicher.
Als wir das Caféhaus verließen, sah ich auf einmal eine Telefonzelle neben die Bahnwartehäuschen.
Ich zündete mir eine Zigarette an und saugte den Rauch gierig ein.
„Ina, willst du telefonieren und deinen Mann verständigen. Aber bitte sage ihn natürlich nicht,
wo wir uns gerade befinden, sonst ruft er gleich die Polizei an“, bat ich sie.
„Nein, das sage ich ihn, wenn ich zu Hause bin“, antwortete sie prompt.
Ich verstand, dass man über so einen Drama nicht unbedingt über eine Telefonleitung
sprechen will, sondern Aug im Aug gegenüber den Angehörigen und Vertrauenspersonen.
Trotzdem forderte ich sie erneut auf und erklärte ihr, dass es für ihr Mann und ihren Kinder
beruhigend sein würde, wenn sie anruft.
„Na gut, was soll ich ihn aber sagen?“
„Sag ihn, dass du entführt wurdest und dass du in ein paar Stunden wieder freigelassen wirst
und das dir den Umständen nach gut geht sowie das du ihn näheres sagen wirst, sobald du
wieder zu Hause bist““.
Sie rief an (03/5 unten). Ich hörte nicht zu, sondern entfernte mich ein paar Schritte und
rauchte mir wieder eine Zigarette an.
„Und? Was sagte dein Mann?“, fragte ich danach.
„Das die Polizei schon nach mir sucht und das den Kindern gut geht“.
„Na ja, wenn er dich noch ein bisschen liebt, so muss er jetzt schockiert sein und große Angst
um dich haben. Vielleicht gehen bei ihm jetzt die Augen auf, was für eine wunderbare Frau er
eigentlich hat“.
Danach rief ich meinen Bruder an und erzählte ihn ohne Details, das ich ein riesenblödsinn
gemacht hätte und das ich nun ins Ausland unterwegs sei.
Der Regen hatte mittlerweile wieder nachgelassen und es tröpfelte nur gelegentlich. Wir
machten uns auf den Weg zur nahen Staatsgrenze. Wir mussten jetzt unmittelbar am Rande
der asphaltierten Landstraße marschieren, denn durch den Regen war der Boden so
aufgeweicht und glitschig, das es kaum mehr begehbar war, wollte man nicht ausrutschen und
sich mitunter Verletzungen zuziehen.
Nach zirka einer viertel Stunde Marsch entlang der Landstraße Richtung Grenze, verdunkelten
sich der Himmel plötzlich innerhalb von Minuten. Von der Grenze her dröhnte der Himmel
vor Blitze und man sah alle paar Sekunden Blitze aufblitzen.
„Bist Du närrisch...“, rutschte aus mir heraus, „…Wie soll ich da die Grenze überschreiten
können. Auf der Straße unmöglich und durch den Wald würde ich nur im Katsch
steckenbleiben und um jeden Schritt kämpfen müssen. Selbst über uns droht jeden Moment
ein Gewitter loszubrechen“, rief ich aus mir heraus.
„Ja, es schaut nicht gut aus. Das Gewitter kommt direkt von der Grenze herauf…“, erwiderte
sie, „…Was sollen wir machen. Der Regen wird jetzt auch noch stärker“, fragte sie ratlos.
Ich schaute mich um. Auf der einen Seite Felder und Ackerland in düsteren Licht des mit
Dunkelgrauen Wolken belegten Himmel und auf der anderen Seite ein fast angsteinflößender
dichter und durch die schwarzen Gewitterwolken verdunkelter Wald. Weit und breit kein
Schutz. Ohne viel zu überlegen, rein Instinktiv fasste ich einen Entschluss.
Ich muss diesem Drama ein Ende setzen, sonst endet es in eine Katastrophe. Vorwiegend vom
Beschützer Instinkt geleitet, das ihr nichts mehr passieren dürfe, als die Strapazen, die sie
ohnehin schon auf sich genommen hat.
Als ich ein PKW kommen sah, faste ich einen Entschluss und winkte automatisch. Sie hatte
sich noch nicht gefasst, da blieb der PKW schon neben uns stehen (03/6). Durch das offene
Autofenster bat ich den mittelälteren Autofahrer, ob er uns nach Bleiburg mitnehmen könnte.
Er bejahte freundlich und wir nahmen auf den hinteren Sitz Platz. Sie schaute mich fragen an,
aber ich konnte es ihr nicht im Auto erklären und deutete ihr mit der Hand um Geduld. Im nu
waren wir in Bleiburg zurück und wir stiegen vor den Bahnwartehäuschen aus und bedankten
uns beim Autofahrer.
In Bleiburg regnete es auch, aber nicht so stark Wir nahmen im Bahnwartehäuschen wieder
Platz. Ich rauchte mir eine Zigarette an und erklärte ihr nun, was ich mir überlegt hatte.
„Schau, Ina. Bei dem Wetter ist unmöglich die Grenze zu überschreiten. Gehen wir weiter,
gefährdest nur du dich, ohne dass ich ein Schritt weiterkomme…“
„Wieso gefährden?“, fragte sie in Unverständnis nach.
„Ganz einfach. Wir würden bei dem Gewitter nur durch und durch Watschelnass werden und
Du könntest sogar eine ordentliche Verkühlung oder sogar eine Lungenentzündung
bekommen, denn wo sollen wir ein Schutzunterschlupft finden. Wir würden nur unnötig ein
Risiko eingehen“.
„Und was denken sie jetzt, was wir machen sollen?“
„Ich kann es nicht mehr verantworten, Ina. Du musst wieder nach Hause. Ich sehe es dir an,
dass Du schon erschöpft bist. Eine weitere Gefährdung könnte dir gesundheitlich sehr
schaden. Wenn Du willst, gehe jetzt. Lasse mir bitte aber so viel Zeit bevor Du zur Polizei
gehst, damit ich den dichten Wald erreichen kann“, und deutete ihr mit der Hand Richtung
Wald.
„Nein, das kommt nicht in Frage! Es muss eine andere Lösung geben!“, antwortete sie schnell
und entschieden.
„Anders wäre es, wenn wir in eine größere Stadt wären. Da könnte ich leichter Flüchten und
Unterschlupft finden. Die Hauptstadt Klagenfurt wäre natürlich ideal“.
„Und wie könnten wir hinkommen?“, fragte sie nach.
„Eigentlich nur mit dem Zug oder per Autostopp, sonst sehe ich keine Möglichkeit“,
antwortete ich ihr.
„Schauen wir nach auf den Zeitplan der Bahn“.
Wir schauten uns den Zeitplan an, der auf den Bahnwartehäuschen in eine Glasvitrine
aufgehängt hing, mussten aber feststellen, dass heute kein Zug mehr nach Klagenfurt fuhr.
„Es bleibt uns also nur übrig per Autostopp hinzukommen! Wenn wir ein Auto stoppen
könnten, das direkt nach Klagenfurt fährt wäre es ideal, denn dann wären wir in eine bis
eineinhalb Stunden dort“.
„Anders geht es wohl nicht, aber um die Zeit und bei dem Regen wird es schwer sein ein Auto
zu stoppen“, stellte sie fest.
„Wir können jetzt nur abwarten bis der Regen aufhört, denn das Gewitter scheint Momentan
um die Staatsgrenze herum steckengeblieben zu sein und kommt nicht näher zu uns rauf.
Wenn wir Glück haben hört der Regen da bald auf und wenn wir gleich ein Auto erwischen,
könnten wir es dann schaffen. So wäre mir geholfen und in Klagenfurt bist Du dann in
Sicherheit, sobald du zur Polizei gehst“.
„Ja, in der Stadt wären auch für Sie sicherer. Da gibt es sicher mehr Möglichkeiten. Aber hier
wäre es für sie fürchterlich. Hier haben Sie gar nichts, wo Sie Schutz finden könnten“.
Vom Gefühl der Dankbarkeit und Bewunderung überwältigt, umarmte ich sie und drückte sie
fest an mich. Ich merkte, dass sie offenbar vor Kälte zitterte.
„Siehst Ina! Das meinte ich. Du frierst jetzt schon. Deine Kleider sind auch schon feucht“.
Wir könnten ins Caféhaus gehen. Dort ist es warm und wir könnten etwas warmes trinken“,
schlug sie vor (03/5).
„Ja, gehen wir bis der Regen aufhört. Das ist eine gute Idee. Es ist wirklich ziemlich kalt
geworden“. Wir sprinteten fast kindisch über die Straße, um den regen zu entkommen. Das
Caféhaus war nicht minder bersten voll, wie zuvor als wir Zigaretten einkauften.
Mich störte es aber nicht mehr, denn wichtig war mir nur mehr, sie irgendwo in eine warme
Stube unterzubringen. Und eine andere Möglichkeit bot sich nicht. Ich sah, wie sie erleichtert
wirkte den warmen Raum des Caféhauses betreten zu haben.
Im Ausschankraum war nur mehr ein Tisch frei, der wir gleich für uns vereinnahmten. Den
Rucksack schob ich unter der Sitzbank. Der Tisch war glücklicherweise gleich neben einen
Fenster, so dass wir das Wetter draußen beobachten konnten.
Die Serviererin kam sogleich zu uns, grüßte uns freundlich und fragte nach unseren wünsche.
„Bei so einem Wetter würde ich gerne einen heißen Zitronentee trinken. Haben Sie sowas,
bitte?“, fragte ich sie.
„Ja, das können Sie haben“.
„Und was trinkst du, Ina?“, fragte ich sie.
„Bringen Sie mir bitte auch ein Zitronentee“.
„Und bringen Sie uns bitte auch jeweils zwei Kuchenstücke, wie ich auf der Theke sehe“,
bestellte ich dazu.
Ich wendete mich ihr zu: „Mein Gott ist es hier schön warm. Geht es dir besser, Ina?“.
„Ja. Mir war tatsächlich schon kalt. Hoffen wir jetzt, dass sich das Wetter schnell bessert. Ich
sage Ihnen gleich jetzt, damit Sie nicht nervös werden, dass ich dann auf die Toilette gehe“.
„Ja, selbstverständlich“, antwortete ich ihr sogleich und scherzte, „Und mach dich schön für
mich. Ich will dich dann haben“.
Sie lachte und erwiderte, „Sie werden mich nicht bekommen“.
Ich sah sie an und gab ihr kontra: „Ich werde um dich kämpfen, wie ein Löwe und dich
erbarmungslos bezwingen und dann schleppe ich dich als Beute mit“.
Sie grinste über das ganze Gesicht und ich erwärmte mich innerlich daran, dass wir uns so
schön necken konnten und dass sie sich nun wohler fühlte. Ich ertappte meine Gefühle dabei,
dass ich für sie unglaublich viel Respekt und Bewunderung empfand, immer wieder von
neuen.
Die Serviererin näherte sich und brachte uns die gewünschte Bestellung. Der heiße Tee und
die Kuchenstücke waren eine Wonne. Wir bestellten gleich darauf zwei große Kaffees mit
Milch.
Ich schaute mich um, merkte aber nicht, dass sich jemand für uns auffällig interessieren
würde. Ich sah nur einen dicklichen Mann, der offenbar auf einen Stammtisch in der Nähe der
Ausgangtür saß und der gelegentlich zu uns rüber sah, fand aber nichts Auffälliges dabei.
Das Caféhaus mit Tanzfläche im Nebenraum war nahezu bersten voll. Wo wir saßen waren nur
vier, fünf Tische und alle mit Gästen besetz. Der Tanzraum war eher dunkel beleuchtet, sodass
ich nicht viel sehen konnte, außer durch die Tür zum Tanzraum schemenhaft paare bei lauter
Musik tanzen.
Bersten voll wahrscheinlich, überlegte ich, weil es draußen regnete. Mir war es nur
unangenehm, weil ich so viel Rege mit lauten Musik nicht mehr gewohnt war.
Dann ging sie zur Toilette, fragte zuvor aber bei der Serviererin nach, die ihr den Weg zur WC
wies. Sie musste durch den Tanzraum, wo Paare bei lauter Musik tanzten.
Ich wusste und war mir schon sicher, dass sie nichts tun würde. Wir beide hatten nun
Geheimnisse und Interessen, die wir gewahrt wissen wollten.
Ich beobachtete währenddessen das Wetter draußen, das besser zu werden schien. Der Regen
schien fast aufgehört zu haben.
Dann kam sie von der Toilette zurück und bezahlte gleich bei der Theke die Unkosten.
Wir blieben noch ein paar Minuten sitzen, tranken den Kaffee zu Ende und verließen das
Caféhaus.
Der Regen hatte zwischendurch komplett aufgehört. Es fiel nur gelegentlich einzelnen tropfen
herab. Nachdem wir die Straße überquert hatten und ich kurz zurückblickte, war ich
augenblicklich schockiert. Oberhalb der Tür des Cafehauses hing eine Gendarmarie
Hinweistafel mit aufgeblendetem Licht.
Also war im ersten Stock des zweistöckigen Gebäudes ein Gendarmerie-Posten. Da wurde mir
recht bewusst, wie fertig ich schon sein musste, sowas übersehen zu haben. Natürlich, durch
den schlechten, trüben Wetter war es zuvor schwerer zu sehen, mit aufgeleuchtetem Licht
wirkte sie nun äußerst bedrohlich für mich.
Als ich Ina darauf aufmerksam machte meinte sie, dass sie es zuvor auch nicht gesehen hätte
und dass wir es erst jetzt sehen, weil das Licht des Schildes nun eingeschaltet ist.
Nach durchqueren des Ortes Bleiburg Richtung Völkermarkt, machten wir wieder Autostopp
in der Hoffnung, bald in Klagenfurt zu sein.
Wir hatten Glück, das schon das erste Wagen stehenblieb. Ein älterer Mann fragte uns, wohin
wir wollten. „Wir wollen nach Klagenfurt, bitte…“, sagte ich ihn, „Sie können uns aber ein
Stück mitnehmen, wenn Sie Richtung Klagenfurt oder Völkermarkt fahren, bitte, sonst sind
wir dem Wetter ausgeliefert“.
„Steigen Sie ein. Eine Strecke lang kann ich euch mitnehmen“ (03/6).
„Oh, herzlichsten Dank. Das Wetter ist Momentan schlimm“, bedankte ich mich und nahmen
im Hintersitz Platz.
„Im Radio ist durchgegeben worden, das noch schlimmerer Regen kommen sollte“,
informierte er uns.
Auf seinen Zielort in einen kleinen Ort, angrenzend an der Landstraße ließ er uns dann
aussteigen und wir bedankten uns.
Wir versuchten wieder Autostopp zu machen, aber wie verflucht wollte keiner
mehr stehenbleiben. Der Regen wurde stärker und wir suchten Schutz unter einen dicken
Baum. Ich nahm einen Pullover vom Rucksack und legte es schützend vor den Regen
über ihren Kopf.
Es blieb uns nichts anderes übrig, als erneut zu versuchen ein Auto zu stoppen. Nach endlosen
Minuten blieb dann endlich ein Auto stehen, worin eine frau und ein Mann mittleren Alters
saß, offenbar ein Ehepaar. Sie nahmen uns bis nach Völkermarkt mit (03/6).
Wir nahmen am hinteren Sitz Platz und vor lauter Freude, dass endlich ein Auto stehenblieb
und uns mitnahm, griff ich ihr dabei frech zwischen den Beinen. Sie stieß meine Hand weg
und warnte mich mit den Fingerzeichen. Ich schaute sie an und lachte leise.
Als wir in Völkermarkt ankamen, gegen acht Uhr abends, war es bereits Stockdunkel und es
regnete mittelmäßig.
„Was erlaubten sie sich im Auto! Sind Sie verrückt! Wenn die Personen das gesehen hätten?“,
fuhr sie mich ernst an.
„Vor lauter Freude habe ich mir einen Spaß erlaubt. Entschuldigung! Ich habe schon
aufgepasst, das sie es nicht sehen“.
„Sie sind nicht ganz normal. Das tut man nicht“. Sie war wirklich verärgert.
„Ja, ich weiß, Ina. Du hast recht. Es war nicht böse gemeint“.
„Das weiß ich auch, aber das tut man nicht“.
„Oh ja! Für dich würde ich alles tun“, neckte ich sie.
„Hören Sie auf damit. Was machen wir jetzt?“, fragte sie mich.
Wir standen mittlerweile vor dem Regen Schutzsuchend auf einen Hauseingang. Die
Straßenlichter, gedämpft durch das neblige Nieselregen beleuchtete nur Schemenhaft die
Straße. Nur wenige Passanten eilten durch die Straßen, ebenso vereinzelten Autos.
„Bei dem Regen und Dunkelheit weiter Autostopp zu machen, wäre ein Wahnsinn. Gehen wir
einmal ums Eck auf die Hauptstraße und schauen wir weiter“, antwortete ich ratlos.
Ich war so Ratlos und Planlos, wie man es nur sein kann. Und das war mir schmerzlich
bewusst. Mein einziges Ziel war, dass sie unversehrt und schnellsten wieder zu ihrer Familie
zurückkehrt und dass ich dabei eine kleine Chance bewahre, um meine Flucht fortsetzen zu
können.
Von Hauseingang zu Hauseingang schutzsuchend bewegten wir uns vorwärts. Dann sahen wir
eine überdachte Bushaltestelle und ich sagte zu ihr, „Vielleicht haben wir Glück und es fährt
noch ein Autobus bis Klagenfurt“.
Wir wurden aber schnell enttäuscht. Der letzte Bus war schon abgefahren. Wir gingen noch ein
Stück weiter. Meine Augen suchten verzweifelt nach einen unterschlupft, wo wir uns vor den
Nieselregen und Kälte schützen konnten, fand aber nichts. Die verschlossenen Hauseingänge
mit kleinem Überdach boten nahezu keinen Schutz.
Wir gingen weiter der Landstraße entlang und sahen eine Tankstelle. Dort hofften wir uns
unter den Überdach ein wenig schützen zu können. Ums näher wir dann kamen, sahen wir
auf der Tankstelle auch einen kleinen Caféhaus.
Wir überlegten nicht lange und betraten das Caféhaus, denn es war weit und breit der einzige
Schutz, der sich anbot. Es hatte wenige Gästetische, dafür aber eine lange Ausschanktheke.
Wir nahmen auf eine leeren Tisch Platz. Auf der Ausschanktheke standen nur drei, vier
Männer. Hinter den Ausschank war eine Bedienerin, die zu uns kam und unsere Bestellung
von zwei Kaffen entgegennahm.
Nach zirka eine halbe Stunde, verließen wir das Caféhaus wieder. Draußen regnete es noch,
wenn auch nicht so stark wie zuvor, dafür aber blähte ein sehr frischer Wind.
Wie vieles andere, haben sie und ich der Polizei und dem Gericht von dem Cafehausbesuch in
Völkermarkt keine Aussage gemacht. Das ging umso leichter unter, weil weder die Polizei noch
das Gericht weder Ermittlungen zur Sache aufgenommen haben noch Beweise gesichert.
Offenbar haben sie sehr schnell erkannt, wie brisant die Angelegenheit ist zudem es sich bei
der geschädigten Person um die Ehefrau eines hohen steiermärkischen Politikers handelte.
Wir gingen die Straße entlang und ich schaute mich verzweifelt um nach einen unterschlupft,
wo wir uns unterstellen hätten können. Ich erblickte eine leer stehende Baustelle mit einem
Bagger.
„Komm, Ina. Steigen wir auf die Kabine des Baggers. Ich sehe sonst weit und breit keinen
besseren Schutz“.
Sie nickte. Man sah ihr deutlich an, dass sie schon ziemlich erschöpft war und an Kälte litt. Ich
half ihr raufzusteigen. Oben verschlossen wir die Schiebefenstern des Baggers, sodass wir
nun auch vor den kalten Wind geschützt waren.
Es war nahezu stockdunkel. Wir konnten uns nur Schemen- und Schattenhaft sehen. Ich setzte
mich auf den Baggersitz, zog sie auf meinen Schoss, wobei mir die Oberschenkel vor
stechenden und brennenden Schmerzen beinahe aufschreien ließen, drückte ihr Oberkörper
an meine Brust, umarmte sie und rieb ihr den Rücken, um ihr schnell Wärme einzuflößen.
„Ist dir besser, Ina?“, fragte ich sie nach Minuten.
„Ja. Sie sind sehr lieb zu mir, obwohl es Ihnen auch nicht gut geht“.
„Neben dir und dich in meinen Armen geht es mir immer gut, Du schöne Frau“, flüsterte ich
ihr ins Ohr.
Sie lehnte ihren Kopf fester an meine Schulter und schien einschlafen zu wollen. Ich hielt sie
fest umarmt und atmete nur leise, um sie nicht zu stören.
Der Blick durch die Baggerscheiben in die dunkle Nacht hinaus war bedrohlich, begleitet von
fernen und dumpfen dröhnen des Gewitters, das offenbar in diesem Gebiet herum hin und her
wanderte.
Mir kreisten die Gedanken. Gleichzeitig fühlte ich mich in der Stille der Nacht durch die
körperlichen Schmerzen, infolge der tagelangen Schinderei auf der Flucht, wie gepeinigt. Ihr
Gewicht lastete auf meinen Beinen wie Tonnen.
Wie gerufen, schaltete sich mein Geist schützend ein. Es trat von meinem Körper weg. Die
schmerzen waren im nu wie verflogen. So als wenn ich vom mein Körper losgelöst worden
wäre. Eine Fähigkeit von mir, die ich auch früher in verzweifelten Situationen mehrmals
erlebte. Mein geistiger Blick, ich erschrak Momentan, sah durch die Baggerscheiben in die
Kabine hinein. Ich sah mich selbst, die Frau beschützend in den Armen haltend. Ich sah in
meinen eigenen Augen und erschrak. Zutiefst verzweifelte und gepeinigte Augen schauten
mich fragend an. Ich erschauerte. Der Blick wanderte weiter über den Körper der Frau entlang
bis zu ihr Gesicht. Sie schien zu schlafen oder eingeschlummert zu sein. Ihre Gesichtszüge
wirkten Müde, aber entspannt. Ihr Körper strömte plötzlich eine übergreifende
Wärme auf mich aus. Mein geistiger Blick wanderte zurück zu mir. Ein gemartertes, aber nun
vor Glück aufblitzenden Augen war zu sehen. Nicht aus Liebe oder ähnliches, sondern aus
Bewunderung und Respekt gegenüber der Frau, die nun auf meinen Schoss saß und die seit
geraumer Zeit freiwillig die Strapazen auf sich nahm, um mir zu helfen. Eine Göttin. Im nu
verschwand der geistige Blick wieder.
Augenblicklich fürchtete ich mich, dass der innerliche Streitkonflikt wieder aufflammt, war
aber nicht der Fall. Andererseits wusste ich, dass ich nicht halluzinierte, sondern dass es
Reaktionen eines Körpers sind, die übermüdet und überstrapaziert ist. Ähnlich eines
Drogensüchtigen, allerdings ohne halogenen Substanzen.
Andererseits war es paradox, überlegte ich mir schon zuvor mehrmals, dass ich trotz der
körperlichen Strapazen, Müdigkeit und Schlaflosigkeit eine derartige Begehrlichkeit für sie
empfand. Ich konnte es mir kaum erklären. Einerseits war mir klar geworden, das sie
offensichtlich schon lange nicht mehr mit einen Mann geschlafen hatte und das ich mich
gerade deswegen bemühen und beweisen musste ihr die ersehnte körperliche Befriedigung zu
verschaffen, um sie gleichzeitig auch für mich zu gewinnen, andererseits war es gleichzeitig
wie ein anklammern aus innerliche Verzweiflung, die mich antrieb. Denn die Situation war
höchstemotional und höchstdramatisch, dementsprechend nach oben frisiert waren die
Emotionen und der Antrieb auf höherer Leistung.
Ich spürte ihr Gewicht auf meinen Schoss, wie Tonnenlast und der Schmerz fühlte sich an, als
wenn mir jemand mit einem Hammer dutzende Nägel gleichzeitig in den Schenkeln
einschlagen würde, nichtsdestotrotz spürte ich ihr Hintern auf meinen Schoss erotisierend.
Verrückt dachte ich mir. Bin ich etwa ein Masochist!
Die Schmerzen weckten mich wieder in die Gegenwart. Ich stöhnte auf vor Schmerzen, als sie
aus dem Schlaf oder aus dem schlummern aufwachte und sich bewegte.
„Oh! Habe ich Ihnen wehgetan“, fragte sie mich erschreckt.
„Nein, nein. Du kannst nichts dafür. Nur in den Moment, in der Du dich unerwartet
aufgesessen hast, glaubte ich, das mir jemand die Oberschenkeln aufschneidet“.
„Warten Sie! Ich stehe langsam auf. Ich kann mir vorstellen, dass Sie geschunden sind. Ich
muss mir sowieso die Füße ein bisschen verdrehen. Wie lange bin ich bei ihnen gelegen? Ich
fühle mich jetzt gut und kalt ist mir auch nicht mehr sowie vorher“.
„Ich weiß nicht, wie lange. Ich habe dich einfach liegen lassen. Du hast es gebraucht“.
„Danke jedenfalls. Das war sehr nett von Ihnen. Sie sind sehr Rücksichtsvoll“.
Ich zündete ein Streichholz an und sie schaute auf die Uhr. Es war einstweilend 23 Uhr
geworden. Draußen regnete es nicht mehr, aber bei dieser Zeit war an Autostopp nicht mehr
zu denken.
„Da können wir nur bis in der Früh warten!“, stellte sie fest.
„Ja! In die frühen Morgenstunden können wir leichter mit Pendlern weiterkommen. Damit
sind wir dann schnell in Klagenfurt. Willst du dich wieder hersetzen?“.
„Nein, nein, bleiben Sie nur ruhig sitzen. Es tut mir gut, ein bisschen zu stehen“.
Die Kabine am Hochstand des Baggers war nicht so beengt. Es hätten noch zwei-drei
Personen um den Sitz herum stehen können.
„Wollen Sie ein Wurstbrot? Semmeln haben wir keine mehr. Ich habe etwas Appetit
bekommen“.
„Ja, gerne. Warte ich mache dir mit Streichhölzer Licht“.
„Nein, das brauchen Sie nicht. Das wenige Licht reicht schon“. Tatsächlich sickerte
mittlerweile etwas Mondlicht in die Kabine. Die Wolken hatten sich etwas außerander geteilt
und Teile des Himmels frei gemacht.
Sie hob den Rucksack auf eine Ablage des Baggers und richtete uns Brötchen an. Ich führte
meine Hand zu ihr Gesäß und streichelte sie. Nicht aus Verlangen, sondern nur um die
Liebkosung wegen.
„Lassen Sie das. Sehen Sie nicht, was ich in der Hand halte“, und fuchtelte mit dem Messer.
„Ja, das sehe ich. Jetzt bin ich in deiner Gewalt und ich erhebe keinen Protest dagegen“.
Sie lachte laut auf. „Sie waren ganz schön leichtsinnig. Ich habe bemerkt, das Sie das Messer
nach St. Michael zumeist nicht mehr griffbereit im Rucksack verstaut hatten“.
„Hätte ich es im Wirtshaus und in den Cafehäuser im Hosenbund belassen, hätte man
mitunter die Wölbung hinten bemerkt und jemand hätte mitunter geglaubt, dass es sich um
eine Pistole handelt und die Gendarmerie verständigt. Außerdem, ich brauchte kein Messer
mehr. Ich weiß, dass Du mich liebst“.
„Nein, das tue ich nicht. Aber ich bin von Ihnen zugegebenermaßen etwas fasziniert. Sie sind
ein erstaunlicher Mann mit unglaublich vielen Facetten“.
„Danke für das Kompliment. Und Du bist eine unglaublich anziehende Frau. Wunderschön
und unglaublich begehrenswert, leidenschaftlich und zum reinbeißen. Nur schade, dass unsere
Schicksale und Wege so verschieden sind. Ich wäre ein Leben lang Glücklich an deiner Seite“.
Sie beugte sich vor und gab mir ein Kuss auf die Wange. „Sie sind unglaublich lieb“.
„Warte ich will dir auch ein Kuss geben“, forderte ich.
Sie beugte sich vor und hielt mir die Wange hin. Stattdessen biss ich ihr schnell, aber zärtlich
am Hals.
„Und verrückt sind Sie auch“ ergänzte Sie lachend.
„Ina, ist dir was aufgefallen!“
„Was?“
„Seit wir bei Graz die Autobahn erreicht haben, reden wir ständig miteinander und so, als
wenn zwischen uns nie was vorgefallen wäre“.
„Ja! Sie haben recht. Ich habe mich noch nie mit einem Mann, nicht einmal mit meinen
Eigenen Ehemann in so kurzer Zeit so viel unterhaltet, als mich mit Ihnen. Erstaunlich“.
Sie reichte mir ein Brötchen und die halbvolle Fantaflasche. Ich verzerrte die Brötchen.
„Wollen Sie noch eine Brötchen. Es ist genug da!“
„Nein, danke. Ich habe keine Zeit mehr“.
„Wieso keine Zeit mehr?“, fragte sie neugierig.
„Weil ich dich lieben möchte“.
„Das können sie sich jetzt aus dem Kopf schlagen. Wir sind da auf einen Bagger“.
„Na und! Trotzdem will ich dich lieben“ und griff ihr nach dem Gesäß.
Sie wich mir aus. Ich stand auf und bedrängte sie. Die Begehrlichkeit, die sie in mir weckte,
ließ mir die Schmerzen vergessen.
Sie kehrte mir den Rücken zu. Ich drückte meinen Schoss gegen ihr Gesäß, gleichzeitig
drückte ich ihren Oberkörper über den Baggersitz.
„Nein, lassen Sie das“.
„Wie kann ich es lassen, Du süße Göttin. Schon die Berührung mit dir ist so heiß und stark,
das ich glaube zu verglühen“.
„Sie sind gemein. Das hätte ich nicht geglaubt“
„Ja, ich bin gemein. Ich nehme mir die Göttin, die mich so heiß macht“.
Ich zog ihr die Hose runter und sie wehrte sich nur zaghaft. Ihr schön geformter Hintern ließ
mich auf die Knie gehen. Ich küsste und liebkoste jeden Zentimeter ihrer Spaltung und ihres
Gesäßes…
Trotz der Atemlosigkeit fühlte ich eine unendliche Erfüllung und Befreiung in mir, abgehoben
als würde ich auf Wolken schweben, obwohl mir kein Orgasmus kam. Allein schon mein Kopf
zwischen ihren Gesäßbacken zu drängen und sie oral mit der Zunge zu genießen, war ein
wunderschönes und heißes Erlebnis. Sie roch und schmeckte nach vollendeter Erotik.
In voller Dankbarkeit für das himmlische Geschenk stieß ich noch atemlos heraus: „Oh, Du
herrliche Frau. Wie glücklich Du mich machst. Es war unendlich schön“, brach ich die Stille.
Sie beugte sich auf, umarmte mich und legte ihren Kopf auf meinen Schulter. „Auch ich werde
Sie nie vergessen. Es war wunderschön. Noch nie hat mir ein Mann so schöne Worte gesagt,
wie sie“.
„Und Du hast mir das Paradies gezeigt, Ina. Noch nie erlebte ich die Liebe so tief, so heiß, so
schön und so süß als mit dir. Du hast mein Leben unermesslich bereichert. Deine Hingabe ist
für mich ein göttliches Geschenk. Auch deine selbstlose Güte mir zu helfen. Was auch kommen
mag, diese Momente sind für mich die Ewigkeit für die Ewigkeit“.
Nachdem ich eine Zigarette geraucht habe, forderte ich sie wieder auf, sich auf meinen
Schenkeln zu sitzen, damit sie bis am Morgengrauen geschützt vor Kälte ist.
„Nein, ich setze mich auf den Boden. Ihnen müssen die Beine und Füße ganz schön weh tun“.
„Weh tut mir nur, wenn Du dich nicht hersetzt“.
Vorsichtig setzte sie sich auf mich und lehnte sie sich auf meine Brust und Schultern.
Am frühen Morgengrauen wurden wir wach. Ich saß noch lange wach und schlummerte nur
gelegentlich. Die Nervenanspannung hielt mich ständig auf, erlaubte mir nur gelegentlich die
Augen zuzudrücken.
„Wir müssen von der Baustelle schnell weg…“, sagte sie, „…weil jeden Moment die Bauarbeiter
kommen können. Es ist schon nach 06.00 Uhr Die fangen oft ziemlich früh an“.
„Ja, das stimmt, du hast recht“, erwiderte ich.
Wir packten schnell, was von uns herumlag und stiegen vom Bagger runter und begaben uns
zur nahen Landstraße. Dort angekommen, hatten wir Glück, das wir sogleich ein Auto stoppen
konnten (03/6).
Der Fahrer war ein junger freundlicher Mann, der zwar nicht ganz bis Klagenfurt fuhr, der uns
aber ein Stück näher mitnahm. Von dort versuchten wir das nächste Auto zu stoppen. Nach
geraumer Zeit blieb wieder ein Auto stehen.
Diesmal ein Werksauto mit drei Arbeitern. Sie fuhren bis Klagenfurt, wir mussten aber im
Laderaum hinten Platz nehmen, da die sitze vorne nicht ausreichten (03/6).
Am hinteren Eingang des Klagenfurter Hauptbahnhofs stiegen wir wieder aus. Um keinen
größeren Umweg machen zu müssen, durchquerten wir die Räume des Bahnhofs. An der
Bahnhofuhr sah ich, dass es 06.50 Uhr war.
Im Vergleich zu gestern, ging mir durch den Kopf, waren wir nun blitzschnell im Klagenfurt.
Wir verließen den Bahnhof auf der Vorderseite und traten auf den Gehsteig.
„Ich war schon lange nicht mehr in einer Stadt“ und schaute sie an. „Gehen wir bitte ein
bisschen herumspazieren, damit ich mich orientieren kann“.
„Ja, ja. Elf Jahre ist das schon her“, erwiderte sie mir und fragte mir gleichzeitig, „Wollen sie
noch etwas trinken oder Frühtücken. Etwa 30 Schilling haben wir noch?“
„Ja. Dort vis-a-vis ist ein Stehtisch-Caféhaus. Ich trinke eine Coca Cola“.
Wir kauften jeweils eine kleine Flasche Cola auf der Theke und unterhielten uns über den
weiteren Verlauf der Flucht. Ich erklärte ihr nie zuvor in Klagenfurt gewesen zu sein, was auch
stimmte, und das ich mich zuerst der Richtungen zur weiteren Flucht erkundigen müsste.
„Na, dann schauen wir uns in der Stadt um“, sagte sie, als wenn es das selbstverständlichste
der Welt wäre.
Nach dem sie bezahlt hatte, gab sie mir den Rest des Geldes. „Das werden Sie brauchen. Mehr
habe ich nicht“.
„Danke, Ina. Ich habe aber noch eine bitte an dich. Kannst du mir die Straßenkarte, die
Armbanduhr und die Sonnenbrille geben. Sie würden mir bei der zeitlichen und örtlichen
Orientierung und zur Verdeckung sehr helfen. Vielleicht kann ich mich eines Tages aus
Uruguay bei dir über meine Frau Silvia erkenntlich zeigen, ohne dass ich es Versprechen
kann“. Gleichzeitig wusste ich, dass ich es nur aus Verlegenheit versprach, sie anschnorren zu
müssen.
„Ja, ja. Damit kann ich ihnen gerne helfen, weil es keine besondere oder wertvolle
Gegenstände für mich sind, die ihnen aber sehr helfen“ (05/1).
„Danke Ina. Damit ist mir wirklich sehr geholfen“.
Wir verließen die Stehschenke und spazierten zirka eine oder eine Stunden in der Innenstadt
Klagenfurt herum (03/6). Gänsehaut bekam ich stets, als Polizeiautos an uns vorbeifuhren.
An den vielen Passanten und Autos auf die Gehsteige und auf der Straße gewöhnte ich mich
wiederum relativ schnell. Als ich mich ausreichend erkundet hatte, betrat ich eine
Telefonkabine und rief die die Kronen Zeitung an und erklärte dort eine Frau in Geiselhaft zu
haben, die ich nun freilassen werde (09).
Dann setzten wir uns zur letzten Aussprache auf einen Parkbank nahe einer Bushaltestelle hin.
„Ja, Ina! Jetzt ist es soweit. Gleich werden wir uns trennen“, wobei mir fast der klotz im Hals
steckenblieb. Mein Herz schien zu zerreißen.
Ich blickte sie an und sah Tränen in ihren Augen. Ich nahm sie bei der Hand.
„Ina, allerersten bitte ich dich nochmals um Entschuldigung für das, was ich dir angetan
habe…es tut mir aufrichtig leid“, mir stockte vor innerliche Bewegung der Atem, „…Wie soll
ich mir jemals bei dir bedanken, das du trotz allem so gut zu mir warst! Ich wünsche dir für
dein weiteres Leben das schönste und das glücklichste dieser Welt…“
„Ich habe Ihnen schon verziehen…“, erwiderte sie weinend.
Tröstend legte ich meinen Arm um ihre Schulter.
„Ich werde jetzt in den nächsten Autobus einsteigen und wegfahren. Es wäre schön, wenn du
nicht sogleich zur Polizei gehst, damit ich auch entwischen kann“
„Ja, das werde ich machen. Das verspreche ich Ihnen. Ich gehe vorher zur Kirche und bete
auch für Sie“.
„Danke, Ina“, wobei mir selbst die Tränen aus den Augen flossen. Ich wischte mir die Augen
mit dem Ärmel des Pullovers, um nicht bei Passanten aufzufallen.
„Mein Schreiben für die Polizei hast Du. Bitte, gebe sie unbedingt der Polizei. Denke an dich
und deiner Familie. Soweit wie möglich berufe dich darauf, dass Du sehr Müde bist. So werden
die Kripobeamten darauf Rücksicht nehmen müssen und dir weniger Fragen stellen, so dass
du bald wieder zuhause bist“.
„Ja, das werde ich mir merken“.
„Und vermeide bitte Journalisten. Die sind hartnäckig und gefährlich. Sag ganz einfach, das
du völlig erschöpft bist“.
„Ja, das werde ich tun. Und wohin gehen Sie jetzt?“.
„Ich nehme dort ein Bus und fahre weg. Dann verstecke ich mich bis in der Nacht. Und
meinen Weg kennst Du ja. Ich werde nun nochmals versuchen über die Grenze zu kommen,
wann, wo und wie auch immer. Und von Italien aus hoffe ich nach Uruguay zu kommen. Wenn
ich dort bin, kann ich dann nicht mehr nach Österreich ausgeliefert werden“.
„Ich wünsche ihnen vom Herzen, das es Ihnen gelingt“
„Danke, Ina. Zum Abschied will ich dir noch sagen, dass ich jeden Tag zu den Sternen am
Himmel raufschauen und dich über die Sterne täglich grüße ausrichten werde sowie
unendliche Dankbarkeit. Du bist eine Göttin von einer Frau“.
Sie weinte leise. Ich zwang mich aufzustehen und bewegte mich schweren Schritte zur
Bushaltestelle hin, ohne dass ich zurückschaute, weil es mir das Herz zerrissen hätte.
An der Bushaltestelle kam sogleich ein Autobus. Ich stieg ein, sagte den Busfahrer mein
Zielort und wollte die Fahrkarte kaufen.
Der Chauffeur schaute mich an und sagte, „Da sind sie aber in den falschen Bus eingestiegen.
Sie müssen gegenüber einsteigen“
Ich stieg wieder aus und war überrascht sie auf den Gehsteig zu sehen (05/4). Wir kamen uns
entgegen.
„Was ist passiert?“, rief sie mir entgegen.
„Ich bin in den falschen Bus eingestiegen. Ich muss gegenüber der Straße einsteigen“
Wir gingen gemeinsam über die Straße und sie wartete mit mir auf den Bus. Dabei sprachen
wir kaum. Wir schauten uns nur traurig an. Ich nahm kurz ihre Hand und drückte sie zärtlich.
Dann war der Bus schon da. Ich stieg ein und winkte ihr zum letzten Mal zu und sie winkte
kurz zurück.
Es war für mich so herzzerreißend, das mir schwarz vor die Augen wurde und ich mich
auf den Haltegriff festklammern musste, um nicht in die Knie zu gehen.
48 Stunden der Ewigkeit für die Ewigkeit
Es folgten fünf Tage der massiven Verfolgung durch sämtliche Exekutivdienste.
Hubschrauber des Innenministerium und des Bundesheer ebenso mit dabei.
In den Gerichtakten liegt auch ein Befehl vor, der mich zum Abschuss durch die Exekutive
freigegeben hat. Zum Todesschuss ist letztlich nicht gekommen.
Aktualisiert April 2020
Da meine ersten selbstverfassten Memoiren speziell der Flucht aus dem Gefängnis wider mein
Einverständnis teilweise falsch und teilweise verfälscht im Internet wiedergegeben wurden,
habe ich es komplett überarbeitet und aktualisiert und mit einen Passwort vor Änderungen
geschützt. Daher ist diese Datei Passwortgeschützt, das Passwort nur ich, ein Rechtsanwalt
und eine verlässliche Vertrauensperson kennen. Und die Unterschrift ist ebenso original von
mir.
In meiner obigen Memoiren habe mich bewusst mit juristischen Erklärungen zur Sache nicht
auseinandergesetzt oder mit der Unterdrückung der Ermittlungen und der Beweissicherung
durch die Polizei und Gerichte sowie mit dem Komplott-Prozess, sondern hauptsächlich nur
darauf Augenmerk geworfen, was auf meiner Flucht tatsächlich passiert ist, insbesondere die
48 Stunden mit der Politiker-Ehefrau.
Mit dem juristischen setzt sich Hr. Johann S. Pieber auseinander und ich kann seine
Ausführungen ausdrücklich zustimmen, wobei Hr. Pieber einige Aspekte zur Sache
unberücksichtigt ließ, die durchaus auch von Bedeutung sind, die werde ich aber nachholen.
Und haben sie Verständnis für die grammatikalischen Fehler. Ich absolvierte nur drei
Volksschulklassen in Uruguay. Wie ich jetzt deutsch schreibe habe ich aus eigenem Antrieb in
der Zelle gelernt.
Juan Carlos CHMELIR, 8020 Graz/Österreich
Es folgt unten nun die DOKU von Hrn. Johann S. Pieber, der zutreffend, wenn auch etwas
scharf sehr gut beschreibt und mit Gerichtsunterlagen belegt, was die Justiz aus der Strafsache
gemacht hat, Toleriert von dem vom Grazer Gericht bestellten Pflichtverteidiger sowie von der
österr. medialen Öffentlichkeit, die sich nur auf die Vorverurteilung meiner Person
eingeschossen hatte.
Nach der DOKU unten folgt die selbstverfassten Memoiren meiner Kindesjahre in Uruguay
sowie die Jahre der Tortur in dem österreichischen staatlichen Heime und Jugendgefängnisse
ab Seite 89.
MEMOIREN -- ab Seite 89
Rekordhäftling Österreichs
Illustrierte Lebensgeschichte
INTEGRATION
DER
GEWALT
Über 5 ½ Jahrzehnte im Kerker der Republik Österreichs
Ein Leben der Verfolgung und Gewalt
Beginnend in staatlichen Erziehungsanstalten
Autor: Strafgefangener
Juan Carlos Bresofsky-Chmelir
@Copyright_JCC_2020
Seite 2 von 59
Vorwort: In mein bisheriges Leben konnte ich nur drei Volksschulklassen besuchen. Erwarten sie
daher Kein grammatisches und schriftstellerisches Kunstwerk von mir. Hier zählt die Wahrheit und
nicht Schreibfehler und Schönschreiberei.
Dafür können Sie sicher sein eine von mir persönlich in der Gefängniszelle geschriebene Autobiografie zu lesen, deren Authentizität in wesentlich allein schon durch die letzten Gerichtsgutachten
bestätigt wird, darunter das Gutachten des renommiertesten Forensiker Europas, Prof. Dr. Norbert
Nedopil:
https://Dr Franz Schautzer-Gutachten
https://Prof. Dr. Norbert Nedopil-Gutachten
https://Mag. Sigrid-Krisper-Gutachten
Zum Beleg meiner fatalen Lebensgeschichte stelle ich weiteres die relevantesten Polizei- und
Gerichtsprotokolle sowie Unterlagen aus den Heimakten und sonstige Urkunden im Anhang zur
Verfügung, um manipulative und suggestive Argumentationen Dritter entgegenzuwirken, die nur
darauf abzielt eine Mauer der Voreingenommenheit gegen meine Person aufzubauen, um von der
Wahrheit abzulenken bzw. zu verfälschen , um die Glaubwürdigkeit meiner Person in Frage zu stellen
damit „spezielle“ Tatsachen“ und „Ereignisse“ im Dunkel bleiben.
Aus diesem Grund ist diese Datei gegen unerlaubte Änderungen Passwortgeschützt. Darüber hinaus
war ein Passwortschutz auch deswegen notwendig, weil – laut meinen Vertrauenspersonen - im
Internet Schriftstücke von mir kursieren sollten, die durch fremde Personen verfälscht wurden.
Schließlich stellt der Passwortschutz auch einem Beweis dar, denn das Passwort kenne nur ich und
bestimmte Vertrauenspersonen.
Mit einen klick auf die Nummern öffnen die Unterlagen der Anhänge in einen eigenen Fenster. Und
die Links verweisen zur Sache auf seriöse Publikationen und Dokumente im Internet hin, die die
Glaubwürdigkeit meiner Ausführungen untermauert, ohne dass ich es erneut und detailliert
ausführen muss und ohne das sie es als rein plakativ und pauschal in Abrede stellen können.
Wenn man die Jahre in staatlichen Heimen in den 1960er Jahren miteinrechnet sind es
genaugenommen schon 55 Jahre, die ich bisher in vergitterten Kellerräumen der Republik Österreich
verbringe. Die letzten 42 Jahre durchgehend. Heute bin ich in das 71. Lebensjahr und lebte bisher
nur 16 Jahre in Freiheit. 13 Jahre in Uruguay in Kindesalter und 3 Jahre in Österreich, letztere
summiert aus kurzen Unterbrechungen aus den staatlichen Heimen und Gefängnissen.
Es begann 1962 als meine Familie von Uruguay nach Österreich immigrierte und ich wenigen
Wochen darauf unverschuldet in staatlichen Heimen landete, wo ich erstmals in meinen Leben in
halbwüchsigen Alter mit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, täglichem Terror, Menschenverachtung
sowie mit Misshandlungen, Erniedrigungen und sexueller Missbrauch und mit vielen anderen
Inhumanitäten konfrontiert und traktiert wurde. Siehe mickrige Entschädigung und lahme
Entschuldigungsschreiben der Stadt Wien und der Landesregierung NÖ im Anhang (01 02).
http://wien.orf.at/Schockbericht zu Gewalt in Heimen
http://kurier.at/erziehungsheime-methoden-wie-in-konzentrationslagern
http://kurier.at/heimskandal-der-lange-schatten-der-nazis
Meine fatale Lebensstory, wie gesagt begann 1962. Zu einer Zeit, die durch das Erziehungs- und
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Gefängnispersonal in den staatlichen Heimen und (Jugend-)Gefängnisse Nazi-Praktiken weiterhin
enthemmt ausgeübt wurden.
Ein Strafvollzugsgesetz wurde erst 1970 vom Gesetzgeber verabschiedet. Bis dahin nannte man die
Gefängnisse „Zuchthaus“. Als Strafverschärfung gab es noch Hartlager, Fasttag und Dunkelhaft. Und
per Zuchthausverordnung war sogar das Masturbieren im Bett verboten, angeblich um
Spermaflecken in den Leintücher zu unterbinden. Ebenso per Zuchthausverordnung musste die
Tagesverpflegung so rationiert sein, das der Häftling, ob als jugendlicher oder als erwachsener als
Strafverschärfung tagtäglich ein leichtes Hungergefühl zu verspüren hatte.
Eine fatale Lebensstory als Heimopferkind sowie als Folge der Entweichungen vor den Horror in den
staatlichen Heimen in den 1960er Jahren im Underground am Straßenmilieu am Straßenstrich
homosexueller sowie mit kleinen Diebstähle zum überleben bis hin der Eskalation der bewaffneten
Überfalle an Geldboten, in Postämter und Bankinstituten und der Tötung eines Postbeamten bei
einen Überfall auf einen Postamt.
Fazit: Lebenslanger Haft, begleitet von aufsehenerregenden Protestaktionen und Gefängnisrevolten
und Amtshaftungsklagen gegen die Republik während der Strafhaft sowie von Gefängnisausbrüche
samt der Kaperung einer Politikerehefrau nach der Flucht vom 2.8.1989 aus der Strafanstalt Karlau
https://de.wikipedia.org/wiki/Justizanstalt_Graz-Karlau#Besondere_Ereignisse
1983 beging ich eine spektakuläre zweitätige Protestaktion am hohen Dach der Garstner Wallfahrtskirche
gegen Missstände in der Justizanstalt (11.), die die Justiz zu Reformen des Vollzugssystems veranlasstete.
Auch wenn das Justizministerium bis heute in Abrede zu stellen versucht, dass es sich 1983 um eine
Protestaktion gehandelt hat, sondern nur um einen Ausbruchsversuch, so kann ich heute
Rückblickend nur bestätigen, wie sehr ich damals von den Vollzugsbehörden unterschätzt wurde.
Das beweist schon mein nachfolgender politisch motivierter Gefängnisausbruch 1989 und die
Revolte in Stein, die ich 1992 selbst aus der Hochsicherheitsabteilung heraus organisierte.
http://www.noen.at/Häftlingsführer fordert Opfer-Entschädigung
http://steiermark.orf.at/Häftling verklagt die Republik
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http://www.noen.at/Ex-Haeftlingsfuehrer
http://kurier.at/staatsfeind-nr-1-will-die-freiheit
Die Justizwache und Vollzugsbehörden haben nicht im Geringsten erkannt, dass ich mir aus tiefster
Überzeugung infolge negativster persönlicher Erfahrung in staatlichen Heimen und Gefängnisse eine
Mission im Kopf gesetzt hatte, nämlich die breite Öffentlichkeit mit spektakulären Aktionen auf
gravierendste Missstände und Praktiken im Vollzugssystem aufmerksam zu machen – und dass ich
hierzu meine ganze Intelligenz einsetzte. Nur deswegen war mir möglich mitten aus dem Gefängnis
heraus über x-Jahre erfolgreich zu agieren. Nach der Revolte in die Strafanstalt Stein 1992 beendete
ich dann mein Protest-Aktionismus endgültig. Näheres dazu folgt unten.
Der absolut tragischste und dramatischte Höhepunkt allen Ereignisse in meinen Leben war
allerdings das unvorstellbare zweitätigen Erlebnis mit der Politikerehefrau nach meinen
Gefängnisausbruch vom 02. August 1989 aus der Justizanstalt Graz-Karlau und der bezügliche
Geschwornen-Prozess beim Landesgericht Graz 1991, GZ: 6 Vr 1998/89, Hv 5/90, der Prozess und
Urteil nachweislich ein Justizkomplott war, der der NS-Richter Roland Freisler nicht besser hätte
inszenieren können. Als Beleg stehen ihnen hierzu ebenfalls die relevantesten Polizei- und
Gerichtsprotokolle zur Verfügung, u.a. auch bei https://der Prozess
1989 Gefängnisausbruch und die Kaperung der Politiker-Ehefrau
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Allerdings kann ich durchaus bestätigen, dass aus Sicht der Justiz das Komplott zur Unterdrückung
der Ermittlungen und die Beweissicherung zur Sache sowie zur Unterdrückung meiner Verfahrensund Prozessrechte notwendig war, um einen handfesten Staatsskandal zu verhindern, anderenfalls
wäre das Ansehen der Politiker, der Justiz und des Staates als solchen mit Sicherheit schwer
geschädigt worden.
Das ist auch der wahre Grund warum ich nach 42 Jahren durchgehender Strafhaft noch immer hinter
Gittern einsitze. Ich soll für immer einen Maulkorb verpasst bekommen und totgeschwiegen
werden, weil sich die Elite des Landes, inbegriffen die Medien vor der Wahrheit geniert und fürchtet.
Die Rechnung ist aber ohne meine Person gemacht worden. Die Wahrheit findet immer seine
Schlupflöcher. In diesem Fall, indem ich meine Lebensgeschichte wahrheitsgemäß niederschreibe
und mit Fakten belege und diese dann über Vertrauenspersonen im Internet absichere und unter
anderem in Plattformen hochladen lasse. Dazu brauche ich keinen Lektor oder Verleger.
Ein Teil meiner Lebensstory, nämlich die speziellen Ereignisse im Zusammenhang meiner Flucht aus
der Strafanstalt Graz-Karlau und der Politikerehefrau steht ihnen hier zur Verfügung (16.). Allerdings
musste ich daraus bestimmter Passagen durch Vertrauenspersonen schwärzen lassen, so z.B.
detaillierteren Sexszenen, die durch fremden Personen hinzugefügt bzw. oder geändert wurden.
Deswegen ist auch diese Datei gegen Änderungen auf meinen Wunsch Passwortgeschützt.
Seien Sie jedenfalls gewarnt, denn es werden viele Passagen vorkommen der menschlichen
Grausamkeiten und Brutalität sowie des abstoßendes und des unvorstellbaren, die Sie geistig und
psychisch belasten könnten. Andererseits mussten wir Heimopferkinder in staatlichen Horrorheimen
und im jugendlichen Alter in rigorosem Jugendgefängnisse unter größter psychischer Belastung über
Jahrzehnten ohne psychologische und therapeutische Unterstützung auskommen, so dass sie als
Erwachsener es schon aushalten werden. Ebenso meine Schreibfehler.
Familiäre Abstammung und Kindheit
Geboren wurde ich am 8. Juni 1949 in der Stadt Rocha in Uruguay.
Mein Vater, der 1909 als unehelichem Kind in Wien geboren wurde sowie mein Großvater
väterlicherseits mussten in den späten 1930er Jahren wegen der Nazis aus Österreich flüchten.
Mein echter Großvater entstammte einer gutsituierten jüdischen Familie aus Fohnsdorf/Steiermark,
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darüber ich nicht näheres sagen möchte, um Spekulationen zu vermeiden.
Meine Großmutter, Antonia Buchbauer, entstammte ebenfalls einer Familie aus Fohnsdorf,
allerdings ohne jüdische Wurzeln. Gegen die 1930 Jahre erwarb sie im 18. Bezirk, Theresiengasse 2/1
das Hotel „Währingerhof“. Siehe hierzu 05. unterste Kästchen u. 10. S. 2.
1935 heiratete sie einen Landsmann namens „Bresofsky“, dessen Namen sie und mein späterer
Vater übernahmen, zumal unser Stiefgroßvater „Bresofsky“ meinen Vater adoptierte. Ob die Heirat
meiner Großmutter mit meinen Stiefgroßvater als Tarnung zum Schutz meines Vaters vor den Nazis
oder aus liebe stattfand, habe ich nie rausbekommen. Trotzdem, aus Angst vor Entdeckung, dass
mein Vater väterlicherseits jüdischer Abstammung ist, riet sie meinen Vater 1937 zur Flucht nach
Amerika.
Mein Großvater jüdischer Abstammung flüchtete ebenfalls nach Nordamerika, wo er in Illinois in
Chicago eine Papierfabrik gegründet haben sollte. Er verstarb 1954. Mein Vater landete in
Südamerika, wo er in verschiedenen Ländern in Hotels und Botschaften als Koch tätig war. 1943
lernte er in der Hauptstadt Montevideo meine Mutter kennen und lieben. 1945 heirateten sie in
Montevideo.
Meine Mutter ist 1925 in Rocha in Uruguay geboren. Meine Großeltern mütterlicherseits stammten
aus Spanien, die in den 1920 Jahren nach Uruguay ausgewandert waren. Sowohl meine Mutter als
auch meine Großeltern mütterlicherseits sind stets der Religion röm.-kath. zugehörig gewesen.
Meine Mutter gebar in Uruguay sieben Kinder, zwei Buben und fünf Mädchen. Ich bin der
drittälteste davon. Das achte Kind, ein Bub, kam 1963 in Österreich zur Welt. Auch wir Kinder sind
Elternlicherseits röm.-kath. erzogen worden.
Anhand des Familienfotos, aufgenommen Juni 1962 auf der Schiffsüberfahrt von Montevideo nach
Genua wird kaum für jemand möglich sein behaupten zu können, dass damit eine primitive und
verwahrlose Familie in Österreich eingewandert ist, wie später vom Euthanasie-Arzt Prim. Heinrich
Gross 1978 in einem Gutachten behauptet wurde. Ein Nazi-Arzt der trotz seiner Euthanasie-Morde
an dutzende Kinder für die Justiz in Österreich weiterhin als Gerichtsgutachter fungieren durfte,
sodass sich wohl erübrigt zu erläutern, wer tatsächlich verwahrlos und primitiv ist.
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Von links: Juan Carlos, Ana Maria, Christina, Martha, Leopold, Isabella, Teresita, Mutter
Wir wurden von den Eltern sehr wohl gut erzogen, allerdings ohne Gewalt und Menschenverachtung, wie wir Kinder im Gegensatz dazu später in Österreich auf grausamer Weise in Heimen erleben
mussten.
Von Geburt an waren wir Kinder uruguayische und österreichische Doppelstaatsbürger. Das war
damals so die Gesetzgebung, dass Kinder automatisch auch die Staatsbürgerschaft des Vaters
anerkannt bekamen. Wir Kinder waren von Geburt an auch klassische Auslandösterreicher.
Trauriger weise ist unser Mutter 1978 in Wien im Alter von 54 Jahren an Unterleibskrebs gestorben.
Unser Vater verstarb 1979 im Alter von 70 Jahren an Herzversagen, ebenso in Wien.
Wir wuchsen in Uruguay unter sehr bescheidenen Verhältnisse auf. Strom, Flieswasser oder
Fernsehen kannten wir nicht. Beleuchtet wurde mit Petroleumlampen, gekocht mit Spirituskocher
oder im Freien mit Brennholz. Wasser gab uns ein Regenbrunnen und die Toilette bestand aus ein
Loch in der Erde mit Holzbrettern verbaut. Unser einziger Luxus war ein Batterieradio das oft
schwieg, weil die Batterien leer waren.
Nichtsdestotrotz der bescheidenen Verhältnisse erlebte ich in Uruguay eine glückliche Kindheit in
voller Liebe meiner Eltern und in voller Natur und Freiheit. Das kann ich auch für meine sechs
weiteren Geschwister bestätigen.
Wir wohnten die überwiegende Zeit in eine endlos scheinende flache Grassteppe-Landschaft, fast
vereinsamt abgelegen mit wenigen verstreuten Nachbarn. Unser kleines Haus war aus mörtelnziegeln gebaut ohne Außen- und Innenverputz. Das Haus besaß und nur zwei Räume, Schlafzimmer
und Küchenraum, letztere gleichzeitig als Speise- und Aufenthaltsraum diente. Das Schlafzimmer
war so klein, das wir in einen Bett zu zweit schlafen mussten. Ich gemeinsam mit meinen größeren
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Bruder. Das störte uns aber nie. Zum Spielen hatten wir außer Haus rund herum mehr als genug
Platz.
Erstaunlicherweise gab es unter uns Kinder kaum eine ernsthafte Erkrankung oder Verletzung,
gelegentlich Fieberanfälle, aber das war es schon. Wir waren von Natur aus kerngesund.
Die Begriffe arm oder reich war uns fremd. Kälte oder hunger litten wir jedenfalls nie. Wir bekamen
von unserer Mutter nur Hausgemachte Mahlzeiten und Süßigkeiten, wie Kuchen und Kekse die uns
immer schmeckte. In eine kleine Ackerfläche bepflanzte unsere Mutter Salate, Tomaten,
Süßkartoffeln etc. und wir Kinder halfen ihr dabei. Zudem hielten wir Hendel, Hasen und ein paar
Schweine in kleineren umzäunten käfigen. Rindfleisch und Milch bekamen wir je nach Gebrauch sehr
günstig von Nachbarn, so dass wir ausreichend versorgt waren.
Das gemäßigte subtropische Klima ermöglichte es, das wir uns Kinder zumeist ganztätig im Freien
aufhalten konnten, wo wir außer Shorts und Sandalen keine andere Bekleidung brauchten, wobei ich
und mein Bruder die meiste Zeit gerne bloßfüßig herumliefen.
Unser Spielzeug bestand in der Hauptsache aus Fetzenlaibchen zum Fußballspielen oder aus
Püppchen für die Schwestern, die unserer Mutter aus Stoffreste zusammenflickte. Unser liebstes
gemeinsames Geschwisterspiel war jedoch Drachen zu basteln und steigen zu lassen.
Fast jedes Wochenende fuhren wir mit Nachbarn und deren Kinder mit Pferdekarren ans Meer und
trollten am Strand herum. Langweilig wurden uns Kinder eigentlich nie. Auch gab es unter uns Kinder
kaum nennenswerten Streitereien oder Unstimmigkeiten. Im Gegenteil, wir wuchsen familiär sehr
liebevoll und harmonisch auf sowie in guter und freundlicher Beziehung zu den Nachbarn.
Aus Sicht der Natur habe ich heute noch stark bleibenden eindrucke und Gefühle der
wunderschönen Strände mit der weißen und feinen Sand sowie der geradezu magischen
Sonnenaufgänge am Morgengrauen oder an den Sonnenuntergänge, die durch das flachen Land am
Horizont riesig wirkten sowie an die vielfältigen Flora verschiedenster glänzender Farben und Düfte,
aber auch an die zauberhaften Lichtermeere der Leuchtkäfer mit Beginn der Dunkelheit.
Und aus familiärer Sicht sehr stark bleibenden eindrucke der liebevollen Sorgfalt und Zuneigung
unserer Mutter sowie der Harmonie zwischen uns Geschwister, die auch durch gelegentlichen
kleinen Zwistigkeiten untereinander nie nachhaltig gestört wurde.
Mutter im Alter von 20 Jahren
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Ich kann nur jedes Kind wünschen so eine schöne Kindheit zu haben oder gehabt zu haben, wie ich
und meine Geschwister es in Uruguay in voller Natur und Freiheit hatten, begleitet und versorgt von
einer liebevollen und gütigen Mutter, wie unsere wunderschöne Mutter es war.
Unser Vater war leider aus beruflichen Gründen sehr oft für Monate der Familie abwesend. Er war
von Beruf Koch und Konditor und machte Saisonarbeiten in Hotels und Botschaften in verschiedenen
Ländern in Südamerika. Wir Kinder gewöhnten uns aber daran und freuten uns jedes Mal, wenn er
plötzlich wieder auftauchte, zumal er stets einem Koffer mit Geschenke mitbrachte.
Die Highlights des Jahres waren natürlich Weihnachten und das Karneval sowie die Osterfeiertage
und die Geburtstage, die in Uruguay mit Herz und Seele gefeiert werden. Wir lebten in bescheidenen
Verhältnisse, so dass uns Kinder schon kleinste Geschenke große Freude bereiteten. Unser Leben in
Uruguay war – im Gegensatz industrialisierten Länder - nicht an materiellen Werten zu messen,
sondern an kleinen Zuwendungen und an menschlichen Werten der Zuneigung und Liebe.
Der Schulgang gestaltete sich allerdings schwierig, weil der uralte und stets fürchterlich ratternde
Schulbus immer wieder reparaturbedürftig war. Ich spreche hier von den 1950er Jahren in einen
technisch seinerzeit sehr rückständiges Land. Die Haupttransportmittel waren damals Pferde- und
Eselkarren.
In der Schule brachte ich es nur bis zur dritte Volksschulklasse, weil ich wiederholt sitzen blieb.
Meine Interesse zum Lernen hielt sich in Grenzen, deswegen ich von meine Mutter gelegentlich zu
Recht den Hintern versohlt bekam, aber nie brutal, eher nur symbolisch.
Meine gesunde und schöne Kindheit in Uruguay sehe ich heute eigentlich als die Basis an, die mir die
Kraft vermittelte die erschreckenden Erfahrungen der physischen und psychischen Misshandlungen
in staatlichen Heimen und in (Jugend-)Gefängnisse in Österreich überhaupt zu überleben - sowie um
mich aus dem tiefen und dunklen abstürzen stets wieder aufrichten zu können.
Die negative Entwicklung meiner Person als Heimopferkind zur Kriminalität hin war eindeutig die
Folge der Gewalteinwirkung und Gewalterfahrung in den staatlichen Heimen und Jugendgefängnisse
und der damit verbundenen psychischen Verletzungen und Verwirrtheit als halbwüchsiger, das mir
eine gesunde Orientierung und die Möglichkeit eines geregelten Lebens beraubte , ebenso der
Vertrauensverlust zu den Mitmenschen und der Gesellschaft war ebenfalls eine nicht vermeidbare
Folge davon.
Meine Verantwortung für die von mir begangenen strafbaren Handlungen nimmt mir keiner ab und
das braucht mir auch keiner abzunehmen, denn für meine Verantwortung Büße ich bereits mit über
54 Jahren hinter Gittern, den viele Abteilungen in den staatlichen Heimen waren genauso vergittert
und verschlossen wie Gefängnisse.
Eine Mitverantwortung für meine fatale Entwicklung tragen jedenfalls nicht nur sadistische und
perverse Heimerzieher, sondern nichtsdestoweniger die staatlichen Ämter und Behörden, die die
unmenschlichen Zustände in den Heimen stillschweigen geduldet haben. Eine Tatsache, die durch
zahlreiche Universitätsstudien belegt ist, die man aber besser nicht aussprechen sollte, will man
nicht sogleich als Staatsfeind oder als Querulant oder als paranoid diskreditiert werden.
Solchen destruktiven prägenden Lebensabschnitte der Heimopferkinder, die Delinquent geworden
sind finden in Gerichts- und Vollzugsgutachten ebenso keine Berücksichtigung, nicht einmal eine
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Erwähnung. Da wollen die Behörden von Ursache und Wirkung auf einmal nichts wissen, obwohl
allein schon im Hinblick einer psychologischen und therapeutischen Intervention und
Resozialisierung zu berücksichtigen zwingend notwendig gewesen wäre.
Stattdessen, um sich von der Mitverantwortung zu stehlen wird es von den Gerichts- und
Vollzugsbehörden in Komplizenschaft der österreichischen Sachverständigen aus der Genese des
delinquenten weitgehendsten totgeschwiegen. Das kann ich nur zu gut bestätigen. Nicht nur aus den
Gutachten betreffend meiner Person, sondern auch aus anderer Gutachten von Mithäftlingen, die
ebenso Heimopferkinder waren, die ich während meiner Strafhaft zu dutzenden gelesen habe.
Abrupte Verpflanzung nach Österreich
Trennung von der Familie
Und Heimunterbringung
Das unsere Familie Juni 1962 nach Österreich einwanderte, kam für uns Kinder völlig überraschend,
eigentlich über Nacht. Den wahren Hintergrund der abrupten Auswanderung nach Österreich
erfuhren wir Kinder erst viele Jahre später.
Wie es damals so üblich war sind mitten und in den späten 1930er Jahren aus Österreich und Europa
unzählige Menschen wegen der Nazis geflüchtet, sei es wegen der jüdischen Abstammung oder weil
sie das Unheil vorsahen oder um eine aktive Teilnahme am Krieg zu entgehen. Dabei zerstreuten
sich viele Familien in aller winde und verloren sich teilweise aus den Augen. So auch mein Vater. Er
verlor in der Wirrnis des zweiten Weltkriegs den Kontakt zu seinen Vater, der in Nordamerika
verblieb und zu seiner Mutter, die in Wien geblieben war.
Wiederholte versuche meines Vaters nach Ende des zweiten Weltkriegs 1945 im Wirrwarr der
unmittelbaren Nachkriegszeit mit ihrer Mutter und Adoptivvater in Wien telefonisch oder postalisch
wieder Kontakt aufzunehmen scheiterten. Hinzukam, dass mein Vater 1947 in Buenos Aires zufällig
einen österreichischen Pfarrer aus Wien traf, der ihn mitteilte dass das Hotel „Währingerhof“ von
zwei Bomben getroffen wurde und das nur Trümmern übriggeblieben sind sowie dass seine Mutter
und Adoptivvater verschüttet und mit höchster Wahrscheinlichkeit nach dabei ums Leben
gekommen sind. Deswegen gab mein Vater jedwedem weiterem Kontaktversuche auf.
1961, wiederum zufällig traf mein Vater während Saisonarbeiten in Buenos Aires erneut einen
Pfarrer aus Wien, der ihn erzählte, dass seine Mutter und sein Adoptivvater sehr wohl noch lebten
und dass sie das zerbombte Hotel „Währingerhof“ wieder aufgebaut hätten.
Über denselben Pfarrer gelang es meinen Vater mit ihren Eltern in Wien wieder Kontakt
aufzunehmen. Da sie sehr betagt waren, äußerten sie ihn gegenüber dem Wunsch, dass er mit der
Familie nach Österreich im Hinblick der Erbschaft zurückkehren sollte.
Mai 1962 fuhr unser Vater mit dem Flugzeug voraus. Juni 1962 folgten meine Mutter und wir
Geschwister in eine dreiwöchigen Reise auf mit einem Passagierschiff von Montevideo bis Genua
nach. In Genua holte uns unser Vater ab und wir fuhren mit dem Zug nach Wien.
Ich weiß nicht mehr genau welcher Ankunftstag es war, jedenfalls war es ein unschöner regnerischer
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und kalter Tag. Fast ein Omen für das, was folgen sollte. Unser Stiefgroßvater holte uns vom
Südbahnhof mit einem Taxi-Kombiwagen ab. Er sah furchterregend aus. Auf beiden Beinen hatte er
Prothesen und ging hinkend gestützt auf Krücken.
Im Hotel angekommen machten wir dieselbe Erfahrung mit unserer Großmutter. Auch sie hatte auf
einen Bein Prothese und bewegte sich hinkend auf einen Stock gestützt. Beide wurden durch
Bombeneinschläge verschüttet und Lebensgefährlich verletzt.
So gesehen war es kein schöner empfang. Auch meine Geschwister hatten vor den Anblick Angst.
Noch nie zuvor haben wir derart verkrüppelte Menschen gesehen. Indirekt wurden wir mit den
fürchterlichen Folgen des zweiten Weltkriegs konfrontiert, ohne zunächst näheres darüber gewusst
oder erfahren zu haben.
Von Anfang an herrschten chaotischen Zustände im engsten raum einer kleinen Wohnung in der
Parterreebene des Hotels, das eigentlich der Portierwohnung war. Erst nach Tagen erhielten ich und
mein Bruder gemeinsam ein Zimmer im zweiten Stock des Hotels. Drei Schwestern gemeinsam ein
Zimmer im ersten Stock. Die zwei kleineren Schwestern blieben bei meinen Eltern in der
Parterrewohnung.
Im nu waren wir teilweise voneinander getrennt und fühlten uns wie gefangen, da wir um die
Betriebsamkeit des Hotels nicht zu stören zumeist in den Hotelzimmer verbleiben mussten. Nur zum
Frühstücken, zur Mittagessen oder zum Abendmahl konnten wir zu unseren Eltern in die
Parterrewohnung gehen.
Gelegentlich nahm uns unsere Mutter auf die Straße hinaus mit zum spazieren. Wir durften aber nur
um den Häuserblock herumgehen, weil unser Mutter Angst vor den Straßenverkehr hatte.
Aus welchen Gründen auch immer litten wir Kinder, aber auch unsere Mutter wiederholt
hintereinander an starke Fieberanfälle, sei es Mangel an frischer Luft oder an Bewegung wegen der im Vergleich zu Uruguay - ungewohnten neuen Lebensrhythmen und Gewohnheiten oder sei es
allgemein wegen des klimatischen Wechsels oder wegen der Nahrungsumstellung.
Erst Jahre später erfuhr ich, dass sich zu dieser Zeit ein Streit zwischen meinen Vater und der
Großeltern anbahnte. Mein Vater bekam nämlich Kenntnis davon, dass das Hotel von seiner
Erbschaft wiederaufgebaut wurde, die ihn sein echter Vater hinterlassen hatte nachdem er 1954 in
Amerika in Illinois in Chicago verstorben war. Die Erbschaft empfing unsere Großmutter, weil unser
Vater zu dieser Zeit für unseren echten Großvater nicht auffindbar war.
Mein Vater, offenbar undiplomatisch und ungeduldig wollte das Hotel von den Großeltern sogleich
überschrieben bekommen. Die Großeltern wehrten sich dagegen, weil sie das Hotel bis zur ihr
Ableben führen wollten. Offenbar aus trotz gegen unseren Vater, setzen unsere Großeltern unser
Vater mit uns Kinder unter Druck. Sie verlangten, dass wir Kinder das Hotel verlassen müssten, weil
wir durch das ständige hin und her im Hotel die Betriebsamkeit stören würden.
Und da mein Vater der finanziellen Mittel für eine größere Familienwohnung als auch für teuerere
Privatheime ermangelte, erbat er beim Bezirksmagistrat um Heimunterbringung für uns Kinder.
So kam es, dass ich im Alter von 13 Jahren und drei Schwestern im Alter von 8, 10 und 12 Jahren
nach wenigen Wochen Aufenthalt in Österr. über Nacht in das Schlossheim für Fremdenkinder in
Judenau bei Tulln in Niederösterreich landeten.
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Schlossheim für Fremdenkinder in Judenau bei Tulln/NÖ
Zurzeit Franz Joseph der Erste wurde es zeitweise als Waisenhaus verwendet. Und zurzeit des
ungarischen Aufstandes 1954 wurde es als Schlossheim für Fremdenkinder ungetauft und für die
Unterbringung der aus Ungarn mit-geflüchtete Kinder verwendet. In der Folge blieb es dann bis 1965
als Unterbringungsort für allfällige Fremdenkinder.
Nachdem ich sogleich von meinen Schwestern getrennt wurde, wurde ich in einen kahlen und finster
beleuchteten Raum geführt, wo ich mich vor mehreren Personen nackt ausziehen musste, die mich
fast feindlich und mit durchdringlichen Blicken anstarrten. Als ich nackt war, wurde ich mit einem
weißen Pulver bestreut. Danach musste ich mich wieder anziehen und wurde anschließend in die
Knabengruppenabteilung geführt. Ein angsteinflößender Empfang.
Ein bedrückendes und angsteinflößendes Empfangsszenario, das durch den Anblick des desolaten
Zustandes der Knabenabteilung verstärkt wurde. Die grauen Wände waren von dreckigen Flecken
bedeckt und die Einrichtungen glichen diese des Mittelalters, grobe Holzkasten, Holztische und
Sesseln. Der Betonboden war Dunkelgrau. Der Gesamtzustand war heruntergekommen. Nirgends
ein Bild oder ein Blumenstock oder Farben zu erblicken, außer Grau und Dunkelgrau.
Der Schlafzimmer war klein und fasste zwischen 25 bis 30 Kinder. Zwischen den Stockbetten war
maximal ein Abstand von 30 cm. Die Matratzen und Bettwäsche teilweise verschmutzt und löchrig.
Die Stockbetten aus Metall knarrten und quietschten die Nacht über.
Der Tagraum, gleichzeitig Speiseraum war etwas größer, aber viel zu klein für so viele Kinder. Der
Waschraum mit einer Dusche und Waschbecken aus Blech diente ohne Trennwände gleichzeitig als
WC. Während sich das eine Kind wusch, kackte oder urinierte der andere vor seinen Augen. Da war
nicht einmal ein Vorhang dazwischen. Duschen sah man kaum ein Kind, weil nur kaltes Wasser floss.
Viel schlimmer war aber der Anblick des Zusammenseins der vielen Kinder im engsten Raum im
Tagraum eingepfercht. Der Durchschnittsalter war zwischen 7 und 14 Jahren. Ich selbst war 13 Jahre
alt. Sie wirkten verwahrlos mit teils schmutzigen und geflickten Kleider. In ihre Gesichter war Angst
und Schrecken, Verzweiflung und Traurigkeit geprägt. Einige davon schienen leise vor sich hin zu
weinen oder hatten Tränen in den Augen.
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Vom ersten Tag an musste ich mit ansehen, wie die Kinder vom Pflegepersonal brutal behandelt
wurden und wie sie mit ihnen regelmäßig herumschrien. Diese Umgangsweise war dem
Pflegepersonal offenbar schon zur Gewohnheit und zur Selbstverständlichkeit geworden.
Die Regeln der Disziplin lauteten auf den zugewiesenen Platz sitzen oder liegen zu bleiben und wer
sich rührte bekam die volle Härte zu spüren. Wer zur Toilette musste war angewiesen die Hand zu
heben.
Es verging kaum ein Tag ohne dass ein Kind allein schon wegen Geringfügigkeiten, sei es durch
Ohrfeigen oder durch bei den Haaren reißen misshandelt wurde. Manche Kinder lief das Blut durch
die Nase oder von aufgeplatzten Lippen. Ein Pflegebetreuer war besonders gefürchtet. Er ging mit
einen sehr großen Holzlineal im Tagraum fast ständig zwischen den Kindern hin und her und schlug
die Kinder damit willkürlich auf den Kopf oder auf die Oberarme. Fast jedes Kind wies Beulen oder
blaue Flecken auf. Heute oder morgen kam jeder dran.
Die Intoleranz, Brutalität und die spürbare menschliche Kälte und Feindschaft des Pflegepersonals
waren unglaublich und unvorstellbar. Menschlichkeit war ihnen mit Sicherheit ein Fremdwort.
Die Gewalt und Menschenverachtung des Pflegepersonals, so unvorstellbar sie auch war gehörte
wohl zur Natur und Praktikum der totalen menschlichen Enthemmung und Entgleisung, wie Teile der
österreichischen Bevölkerung durch industrialisierte Massentötungen in den NS-Konzentrations- und
Arbeitslager und in den Euthanasieanstalten zu eigen geworden ist, die in den Nachkriegsjahren - bis
auf Massentötungen - in Form von physischer und psychischer Gewalt und den damit verbundenen
Sadismus und Perversion in den staatlichen Heimen fortgesetzt ausgeübt hat.
Diesen Zusammenhang der österreichischen NS-Vergangenheit zu den fatalen Verhältnisse in den
Kinder- und Erziehungsheimen in den 1960er Jahren war mir damals allerdings nicht bewusst. Diese
wurde mir erst verständlich, als ich mich viele Jahre später für die Geschichte Österreichs umfassend
interessierte und zahlreiche Fachliteratur darüber las, einschließlich die aussagekräftigen Bücher des
Psychiaters Friedrich Hacker „Die Brutalisierung der modernen Welt“ sowie des Psychiaters Erwin
Ringel „Die Österreichische Seele“.
Die Fachliteratur, insbesondere die oben erwähnten Bücher der Psychiater habe ich es eigentlich zu
verdanken, das mir allmählich ein Knopf aufging und ich mich aus der Umklammerung der
psychischen und geistigen Zwangsjacke zu befreien begann, in der ich, bedingt der innerlichen
Verletzungen über sehr vielen Jahren ähnlich einer Schockstarre qualvoll gefangen war.
Ich war vom Paradies in Uruguay in Österreich im wahrsten Sinne des Wortes in die Hölle geraten,
nicht minder auch meine Schwestern. Verstandsmäßig waren für mich diese unmenschlichen
Zustände nicht zu fassen, geschweige denn zu begreifen, emotional wohl aber niederschmetternd.
Paradoxerweise war die Fach- und Sachliteratur die wirkliche Ursache dafür, dass ich in späteren
Jahren eine Protesthaltung entwickelte, die zu spektakulären Protestaktionen, Gefängnisrevolten
und Gefängnisausbrüche gegen Missstände im Vollzug führten. Die Literatur hat mich politisiert und
rebellisch beeinflusst, indem ich Eigeninteressen hintanstellte und stattdessen das System des
Vollzuges als Ganzes im Blick nahm und durchzuschauen begann. Aber dazu später näheres.
Nicht genug der Verwirrung der Kulturschock bedingt der abrupten Auswanderung aus unseren
geliebten Kindesort in voller Natur und Freiheit in Uruguay und der darauffolgenden schlechten
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Lebensumstände im Hotel unserer Großeltern in Wien sowie der schmerzlichen Trennung aus den
gewohnten zusammenleben in der Familie durch Unterbringung in einen Heim, kam dazu die
Traumatisierung in eine völlig fremden Welt der Menschenverachtung und Gewaltexzessen gelandet
zu sein, ohne jegliche sprachliche Verständigungsmöglichkeit, da weder ich noch meine Geschwister
Deutschkenntnisse besaßen.
Nur hie und da gab es eine Person des Pflegepersonals, der etwas tolerant war und den Zöglingen
etwas Bewegungsraum innerhalb der Gruppenabteilung erlaubte.
Ich war von solchen Zuständen in dem Kinderheim in Judenau bei Tulln so verängstigt, das ich schon
nach wenigen Tagen Bettnässer wurde. Als Strafe dafür wurde ich gelegentlich angeschrien,
geohrfeigt, bei den Haaren gerissen oder es wurden mir durch zwicken am Oberarm sowie durch
festes drehen an der Ohrmuscheln Schmerzen zugefügt. Die Folgen waren tagelang Angst und
Schrecken bis zu Übelkeit und starken Kopfschmerzen hin.
Bei solchen Vorfällen des bettnässen erlebte ich auch wiederholte male, das mich ein weibliches
Pflegepersonal in den leer stehenden Schlafraum reinholte und mir dort jedes Mal die genässten
Leintücher vor der Nase hielt oder im Gesicht rieb und mich dabei aggressiv anschrie und in die Hose
griff und mein Penis und Hoden knetete und schmerzlich drückte, bis ich vor Schmerz aufschrie.
Ich war stets vor Angst wie gelähmt und konnte mich nicht wehren, zumal sie mich mit der freien
Hand beim Oberarm umklammert festhielt. Ob hier ein sexueller Missbrauch stattfand oder ein
sadistischer Übergriff wegen des Bettnässens, weiß ich bis heute nicht zuzuordnen.
Viel schlimmer erging es einigen Kinder im Alter etwa zwischen 8 und 11 Jahren, jedenfalls waren sie
kleiner und jünger als ich, die sich sowohl in der Nacht im Bett oder bei Tag im Tagesraum voll in die
Hose machten. Offenbar versagte ihnen der Anal-Schließmuskel, sei es aus Schwäche oder aus
Angst. Im Tagraum konnte man es riechen oder es an die befleckte Hose sehen.
Der Gestank war aber das geringste Übel im Vergleich der Szenen, die sich dann abspielten. Sie
wurden mit äußerster Brutalität, Geschrei und Beschimpfungen vom Pflegepersonal aus dem Schlafoder aus dem Tagesraum gezerrt. Minutenlang hörte man dann aus dem Gang der Abteilung und aus
dem Waschraum fürchterliches Geschrei infolge der Misshandlungen.
Manche solchen Kinder sah ich danach nie wieder. Entweder wurden sie in andere Räume des
Heimes untergebracht oder im Hospital oder in ein anderes Heim verlegt. Manchmal hörten die
Schmerzens- und Verzweiflungsschrei derart abrupt auf, das ich heute den Verdacht hege, das die
Kinder Bewusstlos geworden sind oder infolge des Schocks der Misshandlungen gestorben. Und die,
die im Tagraum zurückkehrten stand der Schmerz und Schreck im Gesicht geschrieben oder sie
wirkten wie lebenden toten, wie gebrochen und völlig apathisch.
Heute noch sehe ich im Geiste glasklar die Gesichter der angsterfüllten Kinder und höre auch ihr
Geschrei. Erinnerungen, die ich nach Belieben wie ein Videoband vor- und zurückspülen kann. Heute
Gott sei Dank distanzierter und mit beherrschten Emotionen.
Ich war in meiner Kindheit in Uruguay noch nie mit Gewalt und Brutalität konfrontiert gewesen,
weder persönlich noch durch Wahrnehmung an anderen Kinder oder Erwachsenen. Höchstens nur
mit Kinderstreitereien in der Schule oder ein festes Wort der Eltern wegen ungebührlichen
Benehmens eines Kindes, jedenfalls aber nie mit einer derartigen Unmenschlichkeit, Gewalt und
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Brutalität, wie sich mir nun im Heim offenbarte.
In anderen Heimen erfuhr ich später von anderen Heimkindern, die zu anderen Zeiten auch im
Kinderheim Judenau bei Tulln waren, das von Seiten des weiblichen und männlichen Pflegepersonals
auch zu sexuellen Missbrauchs von Buben gekommen ist.
Einen sexuellen Missbrauch in Judenau bei Tulln habe ich persönlich nicht gesehen oder sonst wie
wahrgenommen, andererseits ist kaum zu erwarten, dass das Personal sowas vor den Augen anderer
Kinder durchführt hat. Möglicherweise sind manche Kinder sogar aus diesem Grunde in der Nacht
vom Personal aus dem Schlafzimmer geholt worden, um eben auch sexuell missbraucht zu werden.
Dass könnte auch das Versagen der Schließmuskel mancher Kinder erklären.
Für mich war es jedenfalls glaubhaft, denn ich erlebte selbst ähnliche übergriffe im Genitalbereich,
die ich damals nicht konkret zu deuten verstand, ob es als Strafe wegen meines bettnässen geschah
oder als sexuellen Gründen. Außerdem liegt es auf der Hand, das Erwachsene, die gegenüber
Kindern eine derartige Brutalität auszuüben imstande sind, das solche grundsätzlich zu allen fähig
sind.
Sowohl in der Nacht als auch bei Tag war es im Schlaf- und Tagraum sehr kalt, zudem der
Wintereinbruch kam, sodass wir Kinder auch stark an Kälte litten, weil die Decken sehr dünn waren
und weil in der Abteilung weder eine Heizung noch einen offen gab.
Stundenlang lagen wir Kinder jede Nacht zittrig im Bett, wachgehalten vom Schmerz der Kälte, um
dann punkt um sechs Uhr früh völlig verschlafen aus den Betten vom Pflegepersonal rausgeschrien
zu werden. Eine Tortur, die niemanden zu wünschen ist.
Untertags mussten wir uns Kinder ganztätig im Tagraum aufhalten. Bewegung im Freien durch
Spaziergänge irgendwo in einen Hof oder auf der Straße oder auf einer Wiese oder im Wald erlebte
ich nie. Wir blieben den ganzen Tag in der Abteilung eingeschlossen, in der Nacht im Schlafzimmer.
Spielzeuge oder sonstige Unterhaltung gab es keine. Ebenso keine Feierlichkeiten zu Feiertagen, wie
etwa Weihnachten. Jeder Tag war genauso eintönig und von Menschenverachtung geprägt, wie die
Vortage. Im Grunde wurden wir Kinder in der Gruppenabteilung wie Gefangene angehalten. Wir
wurden nur wie ein Gegenstand räumlich abgestellt bzw. abgelagert. Die Kinder Unterhielten sich
nur leise unter sich. Man hörte kaum ein Lachen oder den Anblick eines lächelnden Kindes.
Da meine Muttersprache spanisch ist und ich weder die deutsche noch eine andere Sprache mächtig
war, saß ich Tag ein Tag aus verstummt dar. Über die Monate, die ich dort war hatte ich nie einen
Gesprächspartner. Jeder Tag über die Monate hin schien endlos. Eine Tortur der Langweile und des
Schweigens.
Ganz besonders als grausam und gewalttätig erlebte ich auch die Zwangsernährung, die ich
gelegentlich unterzogen wurde. Offenbar wegen meiner schlechten psychischen Verfassung, bedingt
der Trennung von der Familie und den Missständen in dem Kinderheim verspürte ich keinen Hunger
und wollte nichts Essen.
Das Pflegepersonal griff zur Zwangsernährung. Sie vollzogen es, indem ich manchmal mit Ohrfeigen
dazu gezwungen wurde oder indem man mir den Mund gewaltsam öffnete und das Essen
hineinstopfte.
Damit ich das Essen dann nicht erneut ausspucken oder rauswürgen konnte wurde mir der Mund
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zugedrückt, indem ich mit den Händen bei der Schädeldecke und untern Kinn gepackt und
zusammengedrückt wurde, sodass ich nicht den Mund aufmachen konnte, was gelegentlich zu
Erstickungs- und Todesängste führte.
Dieselbe Prozedere der gewalttätigen Ernährung wurde auch an einigen anderen Zöglingen
unterzogen, die – aus welchen Gründen auch immer – ebenso nichts Essen wollten.
Ich lebte ein Tag auf den anderen in ständiger Angst vor weiteren Misshandlungen wegen meines
Bettnässens oder wegen der Zwangsernährung sowie wegen der fast täglichen Gewalt des
Pflegepersonals gegenüber anderen Kindern, die nicht weniger beängstigend und traumatisierend
auf mich einwirkte.
Vor innerlicher Belastung und Ermüdung, fühlte ich mich über die Monaten hin immer müde und
erschöpft und ich erinnere mich heute noch, dass mich damals fast ständig ein Gefühl der Ohnmacht
oder des betäubt-zu-sein begleitete.
Die Schädigungen durch die Heimen und (Jugend-)Gefängnisse lernte ich erst Jahrzehnte später
2013-2016 mit therapeutischer Hilfe emotional zu kontrollieren (08.), die im Zuge einer mickrigen
Heimopferentschädigung mitfinanziert wurde (01. 02.). Die Bilder im Kopf kann man aber nicht
löschen. Diese bleiben wie ein Videoband im Kopf gespeichert und stets abrufbereit, visuell,
akustisch und emotional, sobald man sie abruft.
Geht man vom psychologischen Befund und Gutachten von 1964 aus (09.), so erlebte ich die
Umstände der abrupten Verpflanzung nach Österreich und die Trennung von der Familie sowie der
inhumanen Torturen in dem Heim für Fremdenkinder in Judenau bei Tulln in einem geistigen alters
eines ca. 10-jähriges Kindes, dessen Psyche natürlich weit sensibler und verletzlicher ist.
Das der Befund und Gutachten den Heimaufenthalt in Judenau bei Tulln und der mir dort zugefügten
psychische Verletzungen nicht berücksichtigt, liegt offensichtlich der damaligen schlampigen
Dokumentation der Behörden zugrunde. Was Kinder in den Heimen erleiden mussten interessierte
niemanden und die Jugendämter bis zur Polizei und Justiz hin vertuschten es bestmöglich.
Hier geht es nicht um Mitleid oder ähnliches, was ich ohnehin ablehne, sondern um meine
Entwicklung und Werdegang entsprechend zu analysieren und wirklichkeitsnahe darzulegen.
Nach einen halben Jahr Aufenthalt im Horrorheim in Judenau bei Tulln wurde ich von meinen Vater,
nachdem er meinen schlechten Zustand feststellte, in ein privates Internat im 13. Wiener Bezirk
„Diesterweg“ untergebracht. Ein halbes Jahr, 182 Tage schien der Landesregierung Niederösterreich
für einen minderjährigen nicht lange der Qualen und seelischen Verletzungen gewesen zu sein.
Deshalb setzte sie nur eine erniedrigende Entschädigung in der Höhe von nur € 2.500 aus (02.).
Im privaten Internat wurde ich nur wegen meines Bettnässens von Erziehern und Heimkinder
gehänselt, was zwar sehr erniedrigend war, ansonsten waren die Heimverhältnisse aber relativ
normal, ohne dass ich sonst irgendwelche physischen Misshandlungen erleben oder an anderen
Kindern mitansehen musste.
Während dieser Monate im Internat besuchte ich eine Volksschule, wo ich etwas Deutsch lernen
konnte. In der Schule wurde ich unauffällig behandelt. Zur Schule wurden wir Heimkinder von
Erzieherinnen oder Erzieher begleitet. Ebenso an den Wochenenden zu Spaziergängen auf der
Straße zur Auslagen schauen oder in Grünanlagen Fußball zu spielen.
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Irgendwie schien sich alles wieder zum Guten zu wenden. Im privaten Internat „Diesterweg“ (10.
Seite 2) verspürte ich erstmals in Österreich eine gewisse Normalität, freien Bewegungsraum und
Freiheit, wie ich es in Uruguay gewohnt war. Im Hotel unserer Großmutter waren wir Kinder
bewegungsmäßig sehr eingeschränkt und erst recht im Horror-Kinderheim in Judenau bei Tulln.
April 1963 nahm mich mein Vater aus dem privaten Internat wieder Nachhause. Da mein Bruder
Maximo mittlerweile eine Arbeit als Kellnerlehrling mit Dienstwohnung hatte, war nun in der kleinen
Parterrewohnung im Hotel Platz für mich frei geworden.
Meine Schwestern Christina, Anna und Martha verblieben zu dieser Zeit weiterhin in den
Kinderheim in Judenau bei Tulln, später wurden sie im Klosterheim für Mädchen bei Wr. Neudorf
verlegt. Jahre später sollte ich bitter erfahren, das auch ihnen in den Heime sehr schlecht ging sowie
das meine Schwester Cristina und Martha wiederholt aus den Heimen flüchteten und auf der Flucht
von Männern und Zuhältern aufgefangen und sexuell missbraucht und zur Prostitution gezwungen
wurden.
Meine Schwester Isabella war ebenfalls in einen Heim, jedoch in einen Klosterheim im 18. Bezirk in
Wien. Heute noch geht sie regelmäßig zur Psychotherapie, um die schmerzvollen Erfahrungen im
klosterheim aufzuarbeiten, da sie heute noch daran leidet.
Meine Schwestern verblieben nicht in den Heimen, weil sie zuhause erzieherischen Schwierigkeiten
bereitet hatten, sondern tatsächlich nur weil sie in der kleinen Parterrewohnung des Hotels nicht
untergebracht werden konnten. Ich hatte offenbar nur Glück früher vom Heim „Diesterweg“
weggekommen zu sein und wieder zuhause zu landen.
Dass mein Vater bei den Jugendämter Erziehungsschwierigkeiten der Kinder behauptete und dessen
Heimunterbringung verlangte, behauptete er nur damit wir in billigeren staatlichen Heimen
untergebracht werden (10. Seite 3), weil er das Geld für eine Unterbringung so vieler Kinder in
privaten Internate nicht zu Verfügung hatte. Das gestand und bestätigte er mir und meinen anderen
Geschwister 1976 bei einen Familiengespräch, wo er sich weinend bei uns entschuldigte, nachdem
wir ihn über unsere fürchterlichen Erlebnisse in den Heimen schilderten.
Heute hege ich meinen Vater keinen Groll mehr nach, denn er war in eine finanzielle Notsituation
und zudem konnte er nicht wissen, dass wir in den Heimen derart unmenschlich behandelt würden.
Er hat unser Heimunterbringung aus der Not heraus bewerkstelligt und nicht, weil er uns loshaben
oder böses wollte.
Erste Straftat
Erste Gefängniserfahrung u.
Unterbringung im staatlichen Heim für Schwererziehbaren
Wieder Zuhause eingekehrt besuchte ich wenige Wochen eine Volksschule im 18. Bezirk in Wien.
Der Lehrer, ein älterer Mann mochte mich offenbar nicht. Möglicherweise fühlte er sich wegen der
sprachlichen Barriere zusätzlich belastet. Er schrie des Öfteren mit mir herum, wobei Mitschüler
zumeist darauf lauthals auflachten. Bruchweise verstand ich schon etwas, so auch die
fremdenfeindlichen Äußerungen „Nix gut, Ausländer“, „Österreich Deutsch, nix Spanisch“ etc.
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Das war wahrscheinlich auch ein Freibrief für manche Mitschüler in der Klasse, mich zu hänseln und
zu mobben. Ich fühlte mich in der Schule isoliert und vereinsamt und beschwerte mich bei meinen
Vater darüber, der mich wieder aus der Schule nahm. Schon damals versuchte er mir zu erklären,
dass in Österreich noch viele Nazis und Rassisten frei herumliefen, aber die Bedeutung seiner Worte
begriff ich erst viele Jahre später. Damals hatte ich von Politik nicht die leiseste Ahnung.
Anschließend des Schulabgangs nahm er mich in das Schlosshotel in Pörtschach am Wörthersee mit,
wo er als Chefkoch und Chefkonditor Saisonarbeit verrichtete. Dort war ich als Hilfskraft in der Küche
bis zur Saisonsende tätig und wieder in Wien zurückgekehrt begann ich kurz darauf eine Lehre als
Bäcker (10. Seite 3), unmittelbar in der Nähe des Hotels unserer Großmutter. Die Bäckerei war ein
Familienbetrieb, wo ich gut behandelt wurde.
Ich war froh eine Arbeit zu haben, allein schon um aus der kleinen Parterrewohnung etwas
rauszukommen, denn meine Mutter verbot mir allein auf die Straße rauszugehen. Sie hatte panische
Angst vor den dichten Straßenverkehr. Irgendwie verständlich, da wir in Uruguay stets am Land
abgeschieden lebten und sie sich um uns Kinder sorgen machte. Trotzdem habe ich mich ein paarmal
unerlaubt fortgeschlichen, um in eine nahe Parkanlage mit anderen Kindern Fußball zu spielen. Jedes
Mal regte sie sich darüber sehr auf.
Dieselben Unstimmigkeiten gab es auch, wenn ich gelegentlich zu meinen Großeltern im ersten
Stock ging. Das wollte sie nicht, weil es unser Vater verboten hatte, da er mit seinen Eltern wegen
der Übernahme des Hotels noch in Streit stand. Jahre später erfuhr ich, dass er sie sogar
zivilgerichtlich verklagt hatte.
Die Arbeit machte mir Spaß und ich erinnere mich heute noch sehr genau, wie ich mich über den
ersten Lohn freute und Stolz war. Jedenfalls schien sich das Blatt zum besseren für mich zu wenden,
aber es kam leider alles viel schlimmer.
Das einzige, was mich bei der Arbeit störte, war die anfänglich aggressive Art des herumkommandieren des Sohnes meines Bäckermeisters. Nach gewisser Zeit wurde aber sein Verhalten
freundlicher.
Er begann mich zum Kino mitzugehen einzuladen, was meine Mutter im Vertrauen, das er der Sohn
meines Lehrmeisters ist auch erlaubte, zumal er mit seinen knapp 17 Jahren älter war als ich. Meine
Mutter glaubte mich in guten Händen und in guter Begleitung. Weder sie noch ich ahnten im
Geringsten, das er sich um einen Sexualstraftäter handelte.
Schon beim ersten Kinobesuch kam ich in einen Konflikt zwischen erschrecken und Belustigung. Das
ging die Tatsache voraus, das er schon auf den Weg zum Kino und nach den Kinobesuch Frauen und
Mädchen auf der Straße belästigte, indem er sie anzüglich ansprach oder weil er sie auf den Hintern
tätschelte oder zwickte. Die Frauen und Mädchen reagierten unterschiedlich. Die einen schimpften
lautstark und die anderen lachten wiederum und gingen einfach weiter.
Ich kam jedenfalls nicht auf dem Gedanken meinen Eltern darüber zu erzählen. Vielleicht instinktiv
aus Angst darüber, dass ich dann nicht mehr mitgehen darf und als Folge nur mehr zu Hause
herumsitzen müsste. Andererseits konnte ich das Verhalten des Sohnes meines Lehrmeisters weder
als Böses oder Gutes einordnen, da es für mich eine völlig neue Erfahrung war.
Eines Tages nahm er zwei Freunde mit. Nach dem Kino machten wir in der Abenddämmerung einen
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Spaziergang durch die Straßen. Beide flüsterten mehrmals miteinander. Ich dachte mir nichts
Schlimmes dabei. Es fiel mir nur auf, dass sie gelegentlich mit den Finger auf Frauen und Mädchen
hinzeigten sowie dass wir stets Frauen und Mädchen hinterhergingen.
Es geschah dann sehr schnell, November 1963. Wir gingen hinter eine jüngere Frau her in kurzen
Abstand. Ich selbst war gerade 14 Jahre alt. Dann begann sein Freund wie aus dem nichts auf mich
energisch einzureden und mir mit Gestik zu verstehen zu geben, das ich das Mädchen bei den
Ärmeln halten sollte. Ich bekam Angst, konnte aber mit der plötzlich eintretenden Situation nicht
umgehen, weil ich nicht einmal wusste, worum es wirklich ging.
Als sie in eine dunkle Gasse einbog und in einen Hauseingang hineinging, folgten wir ihr nach. Auf
den Hausflur sah ich, wie sich der eine Freund auf das Mädchen stürzte und ihr mit der Hand den
Mund zudrückte. Gleichzeitig wurde ich vom beiden anderen drohend und aggressiv aufgefordert,
das Mädchen bei den Ärmeln festzuhalten. Ich näherte mich dem Mädchen wie erstarrt und voller
Angst. Ich versuchte sie bei dem Ärmel zu fassen, aber sie schlug wild um sich, so dass es mir nicht
gelang. Dem Mädchen gelang es sich von dem zugedrückten Mund zu befreien und begann lauthals
um Hilfe zu schreien.
Sie stürmten im Nu auf die Straße und rannten davon. Ich hinterher, instinktiv erfassend, dass da
was Schlimmes geschehen ist. Nach einiger Zeit hinterherlaufend, blieben beide stehen und
begannen mich drohend und aggressiv zu beschimpfen, weil ich das Mädchen nicht bei den Händen
gehalten habe. Ich fühlte mich total schuldig, eingeschüchtert, verängstigt und schockiert.
Leider war ich damals nicht imstande mit jemanden darüber zu reden, sei es aus Angst oder aus
Verschlossenheit oder aus unbewussten Schuldgefühlen heraus. Vielleicht auch, weil es der Sohn
meines Lehrmeisters war oder weil ich dann in der Freizeit nicht mehr fortgehen hätte können. Ich
weiß es bis heute nicht, was mich tatsächlich davon abhielt, wenngleich im Nachhinein betrachtet
wahnsinnig wichtig gewesen wäre, dass ich mich jemanden anvertraut gehabt hätte. Denn damit
hätte ich nur meinem zukünftigen Schicksal einen guten Dienst erwiesen, aber wie hätte ich das
damals wissen sollen!
Am nächsten Tag in der Arbeit tat der Sohn meines Bäckermeisters dann so, als wenn nie was
passiert wäre und war äußerst freundlich zu mir. Offensichtlich dürfte er der Auffassung gewesen
sein, dass ich ein verlässlicher Komplize sei, weil ich ihn nicht verpfiffen hätte oder das ich es aus
Angst vor ihm nicht getan habe.
Nach zwei-drei Tagen hatte ich den Vorfall schon verdrängt und als er mich wieder ins Kino
mitzugehen einlud, ging ich mit Zustimmung meiner Mutter mit. Vorangegangen war aber ein Streit
zwischen meiner Eltern. Es war der 23. Dezember 1963 und mein Vater wollte das ich zuhause
bleibe, um beim ausschmücken des Weihnachtsbaumes mitzuhelfen. Meine Mutter widersprach ihn
aber und meinte, dass ich nun arbeiten gehe und dass ich daher das Recht auf etwas Freizeit und
Unterhaltung hätte. Gut gemeint von meiner Mutter in glauben, dass ich durch eine verlässliche
Person begleitet werde.
So kam es wieder zu einem Überfall auf ein Mädchen. Obwohl ich schon vorgewarnt hätte sein
müssen, kam es für mich trotzdem überraschend, da ich offenbar nicht wahrhaben wollte, das sich
so einen schrecklichen Vorfall wiederholen würde.
Es geschah genauso, wie beim ersten Mal. Nach dem Kino gingen wir in der Abenddämmerung wie
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stets zuvor immer zu Fuß nachhause zurück. Bei dieser Gelegenheit verfolgten sie wieder eine Frau.
Sein Freund gestikulierte und redete wieder aufgeregt auf mich ein, dass ich die Frau bei den armen
packen sollte.
Als die Frau im Hausflur einbog kam es wieder zum Gerangel. Aus Angst vor meinen Mitbegleiter
versuchte ich die Frau bei den Händen zu packen, aber ich war wie gelähmt vor Angst und es gelang
mir nicht sie festzuhalten.
Sein Freund drückte ihr den Mund zu, aber die Frau gelang sich zu befreien und Schrie laut auf. Der
Sohn meines Lehrmeisters, der die Frau die Hose hinunterzureißen versuchte ergriff sofort die
Flucht. Sein Freund hinterher und ich hinter ihnen her.
Nach einigen Straßen blieb der Sohn meines Lehrmeisters plötzlich stehen, stieß mich voller Wut zu
Boden und würgte mich. Offensichtlich ist er in Rage geraten, weil mir nicht gelungen war das
Mädchen bei den Händen festzuhalten, was dazu führte, so wahrscheinlich seine Überlegung, dass
sein Freund das Mädchen nicht länger den Mund zuhalten konnte, weil sie sich mit den freien
Händen dagegen wehren konnte, deswegen er nicht zur Befriedigung seines sexuellen Drangs
gekommen ist. Die Enttäuschung darüber ließ er dann bei mir aus. Sein Freund zerrte ihn zurück,
ansonsten hätte er mich mitunter erwürgt, so wutentbrannt war er.
Schockiert kehrte ich nachhause zurück und erzählte meiner Eltern wiederum nichts von dem
Vorfall. Dafür waren sie kurz darauf wie vom Blitz getroffen, als wenig später die Polizei erschien
und mich mitnahm.
Sein Freund wurde auf der Straße von der Polizei aufgegriffen und das Mädchen hat ihn bei einer
Gegenüberstellung als Mittäter identifiziert, der wiederum mich und den Sohn des Bäckermeisters
als die übrigen Täter angab.
Am nächsten Tag wurde ich vom Polizeikommissariat in das Jugendgefängnis in Wien eingeliefert
und in U-Haft genommen. Ich persönlich war schockiert und wusste nicht, was mir geschah, denn
mein Verstand konnte die Straftaten weder einordnen noch verarbeiten, geschweige denn das ich es
bewusst und mit Vorsatz herbeiführen wollte.
Da der Sohn meines Bäckermeisters und sein Freund im Vorfeld auch mit anderen Komplizen
Straftaten begangen hatten und Geständnisse darüber ablegten, kam es zur Festnahme auch
anderen Tätern, die mir völlig unbekannt waren. Am 16.9.1964 kam es dann beim Jugendgerichtshof
Wien zu der Hauptverhandlung, wo ich wegen Beihilfe zur sexuellen Nötigung zu vier Monate
bedingt und zur Einweisung in eine stattliche Erziehungsanstalt verurteilt wurde.
Ich weise hier auf die Anklageschrift vom Juni 1964 (13. Seite 1 bis 12) sowie auf die drei mit
eingefügten Seiten 13 bis 15 hin des Gerichtsurteils vom 16.9.1964 aus GZ: 9 Vr 861/64, Hv 83/64
des JGH Wien, die die damalige Situation der Straftaten schildert und nachvollziehbar erklärt, das ich
und die anderen Beschuldigten vom Sohn meines Bäckermeisters für seine Fantasien der sexuellen
Nötigung einer Frau in unseren jugendlichen Leichtsinnigkeit und Beschränktheit missbraucht
wurden. Das Gesamte Gerichtsurteil mit 27 Seiten wird demnächst auf der Website Upload, wie
sonst allen Gerichtsurteile und Urkunden, die meine Autobiographie objektiviert und konkretisiert.
Zu den Gerichtsakten, 4 Vr 861/64, Hv 83/64 des JGH Wien kam ich erst Jahrzehnte später, daraus
ich erstmals näheren Kenntnisse der damaligen Attacken auf die Mädchen gewinnen konnte,
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insbesondere dass der Sohn meines Bäckermeisters damals schon eine Vorgeschichte des Versuchs
der Vergewaltigung hatte (13. Seite 14 oben), die gerichtlich anhängig war. Ebenso, das er aus der UHaft auf Bewährung entlassen wurde und das er erneut Rückfällig wurde. Ich war tatsächlich einen
Sexualstraftäter in den Händen geraten, der nur dummen Gehilfen brauchte.
Bis zu dieser Straftaten hatte ich keine sexuellen Erfahrungen. Ich war sozusagen noch Jungfrau. Ich
kann mich auch nicht erinnern, dass ich zu dieser Zeit ein drang zur Sexualität verspürt hätte,
wenngleich ich schon im Pubertätsalter war. Entweder hatte der Gutachter recht (09.), dass ich in
der Entwicklung einige Jahre zurückhinkte oder ich wurde mitunter durch die abrupte Verpflanzung
nach Österreich und der Trennung von der Familie sowie infolge der traumatischen Erfahrungen in
den Fremdenheim für Kinder in Judenau bei Tulln durch psychische Störungen in der sexuellen
Entwicklung und Reife beeinträchtigt.
Gravierende Erziehungsschwierigkeiten, wie mit dem Erhebungsberichte behauptet (10.), kann ich
keineswegs bestätigen. In den Berichte ist augenfällig, dass von Zeiträumen der Erziehungsschwierigkeiten die Rede ist, in den Zeiträumen ich gar nicht bei meinen Eltern wohnte, sondern wo ich in den
Heim für Fremdenkinder in Judenau bei Tulln und im privaten Internat „Diesterweg“ untergebracht
war, Juli 1962 bis Mai 1963. Und von Juni 1963 bis zu meiner Festnahme Dezember 1963 war ich
zunächst nur ein paar Wochen in eine Schule und danach mit meinen Vater im Schlosshotel in
Pörtschach am Wörthersee als Küchengehilfe tätig und anschließend als Bäckerlehrling in Wien, wo
ich die Arbeit zufriedenstellend verrichtet hatte (10. Seite 3). Da ist daher kein Zeitraum, in der Zeit
ich zuhause derartige Erziehungsschwierigkeiten bereitet hätte können, die als Grund zu der
Einweisung in eine staatliche Erziehungsanstalt rechtfertigt hätte.
Deswegen kritisiere ich die Erhebungsberichte des Jugendmagistrats als schlampig, unvollständig,
wahrheitswidrig und teilweise konstruiert. Offenbar nur damit ich sogleich in staatlichen Heimen
gesteckt werden konnte, denn dazu hat man nicht einmal die Hauptverhandlung abgewartet,
sondern ich wurde schon Monate vor der Verurteilung im September 1964 in das Polizeiheim
überstellt (05.) und in Juni 1964 in das Erziehungsheim „Lindenhof“ in Eggenburg (14. S. 2).
Ein Tag darauf, 24.12.1963 in Untersuchungshaftgefängnis für jugendliche im 3. Bezirk, Rüdengasse
7-9 eingeliefert, musste ich mich in der Zellenabteilung in einen winzigen Umkleideraum zunächst
vor einen Wärter und Mithäftlinge, letztere sogenannte Hausarbeiter komplett nackt ausziehen.
Dann wurde ich vom Wärter unter den Achseln und zwischen die Gesäßbacken kontrolliert und
anschließend mit Läusepulver bestreut. Als Bekleidung folgte man mir dann ein Gefängnisset mit
Körperkleidung und Bettwäsche aus. Danach wurde ich in eine Zweimannzelle allein untergebracht.
Sich vor fremden Menschen nackt ausziehen zu müssen ist schon entwürdigend und bedrückend
genug. Noch dazu aber vor Mitgefangenen mit neugierige blicken begutachtet zu werden ist sehr
beängstigend. Diese Erfahrung im Gefängnis sollte mich aber über Jahrzehnten begleiten, nämlich
das die Würde des Menschen hinter Gittern nichts zählt. Da ist man geistig, psychisch und physisch
nackt ausgezogen und jeder, ob Wärter oder Mithäftling hat Einblick darauf, der Einblick wiederum
für Gesprächsstoff in jeder Art und Weise der Abartigkeit liefert, sei es was die Straftaten angeht
oder privates.
Die kleine Zweimannzelle, etwa 8 qm groß mit einem Stockbett und herunterklappbaren Wandtisch,
zwei Sitzhocker und zwei kleinen Wandregalen und einen kleinen Ofen war spartanisch eingerichtet.
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Für den Ofen, der nur in den Morgenstunden von den Beamten angezündet werden durfte gab es
nur ein Brikett pro Tag.
Untertags musste zum durchlüften zumindest ein Fensterflügel geöffnet bleiben. Es war mitten im
Winter und eiskalt. Aufstehen war strickte um sechs Uhr früh und das Bett durfte während des Tages
bis zwanzig Uhr abends nicht benützt werden. Ich saß zumeist klappern vor Kälte bei Tisch und
harrte die Stunden oft weinend dahin.
Die Kälte und Einsamkeit sowie die Stille rund herum - man hörte gelegentlich nur die markanten
Stimmen und Rufe oder die Schreie der Beamten sowie das Klirren der Schlüsselbünde, wenn eine
Zelle geöffnet und lautstark wieder zugeschlagen wurde, war eine einzige Tortur.
Ich begann das Bett wieder zu nässen und wurde deswegen von den Beamten stets angeschrien und
verspottet. Die genässten Leintücher musste ich über den Ofen halten oder auf das Bett ausbreiten.
Frische Bettwäsche- und Unterwäschetausch gab es nur alle zwei Wochen einmal.
Ganz Unangenehm waren mir die Besuche eines Gefängnispfarrers, der jeweils einmal in der Woche
in die Zelle kam, während der Wärter die Zellentür zulehnte und wieder wegging, so dass ich mit
dem Pfarrer allein war. Er hatte die Gewohnheit, sich unmittelbar neben mir niederzusetzen und mir
jedes Mal beim Oberschenkel zu streicheln, wobei er mir auch direkt in den Schritt berührte,
während er gleichzeitig auf mich einredete, ohne dass ich ihn verstand.
Das verursachte in mir Unbehagen und Unwillen und ich war jedes Mal froh und erleichtert, als er
wieder ging. Heute würde ich es eindeutig als sexuelle Belästigung definieren, die er raffiniert
ausübte, indem er mir das den Eindruck vermittelte, das die Berührungen in den Schritt
versehentlich wären.
Trotz klirrender Kälte und der dürftigen Gefängniskleidung durfte man den täglichen Spaziergang in
einen sehr kleinen Hof nicht fern bleiben. Die Bewegung im freien gestaltete sich in Zweierreihe,
ohne dass man mit die vordere oder hintere Reihe Sprechkontakt aufnehmen durfte. Die strengen
Blicke der Wärter verfolgten jeden Schritt der Spaziergänger, wie dressierte Hunde zu jeder Zeit
Sprungbereit. Insgesamt kann man von der Ausübung eines strengen militärischen Drill der Wärter
sprechen, die im Jugendgerichtshof an jugendlichen Häftlinge praktiziert wurde.
Das Essen war zumeist nur lauwarm und schmeckte nach nichts oder grauslich. Das Blechgeschirr
war schwerer als der Inhalt. Ich aß gerade so viel, dass ich nicht verhungerte.
Zweimal oder dreimal wurde ich aus der U-Haft Justizpersonen vorgeführt. Ich war aber von den
ganzen Umständen vor und nach der Festnahme derart introvertiert, das ich kaum ansprechbar war
oder imstande zu sprechen. Das Problem war zudem, dass ich es damals verstandsmäßig nicht
begriff einem anderen Menschen unrechtes angetan zu haben oder sowas überhaupt bewusst
beabsichtigt zu haben. Ich war mir nicht einmal bewusst vom Sohn meines Bäckermeisters für seine
sexuellen Gelüste missbraucht worden zu sein. Und wenn man den Befund/Gutachten von 1964
berücksichtigt (09.), so lagen mit der retardierten geistigen Entwicklung durchaus konkrete und
objektive Schuldausschließungsgründe vor.
Nach zirka eine Woche schmerzlicher Einsamkeit in der Einzelhaft wurde ein zweiter jugendlicher in
meinen Haftraum untergebracht. Er war 17 Jahre alt und körperlich größer und fülliger und
irgendwie war er mir von Anfang an unsympathisch. Seine Mimik und Ausstrahlung war finster und
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irgendwie böse. Und mein Gefühl sollte mich nicht täuschen.
Er redete drauflos, aber Ich verstand ihn nur brüchig. Es kam keine Unterhaltung zustande. Mein
bisheriges Gefühl der Einsamkeit, wechselte nun in ein Gefühl der Beklemmung.
Nach ein paar Tagen wurde ich im schlaf aufgeschreckt, weil ich jemanden in meinen Bett spürte,
der sich gegen meinen Rücken und Hinterteil presste und der mir gleichzeitig die Unterhose
runterzuziehen versuchte. Es war mein Zellenpartner. Vor Schreck stieß ich ihn von mir weg und er
fiel vom Bett auf den Boden.
Das ist meine erste Erinnerung überhaupt, mich gegen einen anderen Menschen erstmals gewehrt
zu haben und noch dazu Körperkraft angewendet zu haben, wenn auch in Schreck und in Notwehr.
In der Folge belästigte er mich mehrmals, indem er mir wiederholt auf den Hintern fasste. In meiner
Angst drängte ich ihn jedes Mal von mir weg oder ich wich ihm aus, soweit es in eine kleine Zelle
überhaupt möglich war. Ich kam nicht auf den Gedanken einen Beamten darauf anzusprechen, denn
instinktiv waren sie für mich nicht Freund und Helfer, sondern Peiniger, die mich unter quälenden
Bedingungen festhielten.
Umso erleichtert war ich dann, als er eines Tages aus U-Haft entlassen wurde. Das war meine erste
konkrete Erfahrung mit Homo- oder Bisexuellen, das mich sehr verängstigte und irritierte.
Es war überhaupt eine Phase meines Lebens als halbwüchsiger mit beschränkten Deutschkenntnissen, in der Phase ich - beginnend mit dem Heimaufenthalt in Judenau bei Tulln bis zur
Festnahme und der sexuellen Belästigung in der Zelle - mit fürchterlichen Situationen und Erlebnisse
konfrontiert wurde, die mich in jeder Hinsicht geistig, physisch und psychisch überforderten.
Die Welt und die Kluft zwischen mein glückliches Leben und heranwachsen in Uruguay in Liebe,
Frieden und Gewaltlosigkeit, in Gesundheit und in freier Natur und Freiheit im Vergleich zu der
Unmenschlichkeit voller Gewalt und Menschenverachtung mit der ich in Österreich konfrontiert
wurde und erdulden musste, konnte für einen halbwüchsigen Kind wohl nicht schlimmer sein und
nicht schlimmer kommen, letztere sollte ich mich gewaltigste täuschen.
Die Besuche meiner Eltern im Jugendgefängnis in Untersuchungshaft verliefen immer sehr traurig.
Sie wollten immer wieder erfahren und wissen, was ich mit den Überfallen auf die Mädchen
tatsächlich zu tun hatte, aber ich wusste es selbst nicht oder ich war nicht in der Lage darüber zu
sprechen, weil ich selbst nicht damit zurechtkam.
Nach knapp zwei Monate in Untersuchungshaft wurde ich gegen Mitte Februar 1964 in das
Polizeiheim für Mädchen und Knaben im 9. Bezirk überstellt (05.).
Der Prozess fand erst im September 1964 statt, wie bereits berichtet. Ich wurde wegen versuchter
Beihilfe zur Notzucht zu vier Monaten bedingter Haftstrafe verurteilt mit der Auflage der Einweisung
in die Erziehungsanstalt „Lindenhof“ in Eggenburg. Während des Prozesses wurde eindeutig
aufgeklärt, dass ich persönlich keine sexuellen Absichten hatte, sondern dass ich zur Beihilfe
beeinflusst und angestiftet wurde (13.), 4 Vr 861/64, Hv 83/64 des JGH Wien.
Das Polizeiheim war räumlich gut eingerichtet und sauber und in den Abendstunden im Vergleich zu
dem Kinderheim in Judenau bei Tulln gut beleuchtet. Die Gruppenabteilung im ersten Stock war
maximal mit 20 Zöglingen belegt. Das gemeinsame Schlafzimmer war nicht beengt und der
Tagesraum ausreichend Groß, ausgestattet mit Radio, Tischtennis, einen kleinen Billardtisch sowie
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mit Brettspielen und ein Bastelraum. Die Toilette und der Waschraum mit Warmwasserdusche
waren getrennt und in sauberen Zustand.
Das Heim „Diesterweg“ im 13. Bezirk und das Polizeiheim im 9. Bezirk waren eindeutig der totalen
Gegenkontrast zu dem Kinderheim in Judenau bei Tulln. Heute gleichzeitig ein Beweis für mich des
schizophrenen Zustandes zwischen bösem und gutem der österreichischen Seele. Es soll auch die
einzigen zwei Kinderheime bleiben, in die ich eine relativ normale Behandlung der Kinder und
Jugendlichen erlebte. Die nachfolgenden waren nicht weniger katastrophal.
Offensichtlich wegen der menschlicheren Behandlung im Polizeiheim waren die Zöglinge allgemein
in einen weit besseren physischen und psychischen Gesamtzustand und in relativ guter Stimmung.
Ich wurde von ihnen zum Tischtennis und anderen Freizeitspiele animiert, wobei die Sprachbarriere
keine Rolle spielte. Im Gegenteil, sie waren freundlich und brachten mir viele deutschausdrücke bei.
Die Erzieher und Erzieherinnen behandelten die Zöglinge nicht überschwänglich freundlich, aber
normal ohne Schreinereien oder körperlichen Misshandlungen. Da ich weiterhin das Bett nässte,
bekam ich von den Erzieher schelten, aber diese hielten sich im Rahmen. Als Lösung bekam ich zur
Schonung der Matratze eine Gummiunterlage.
Der Speiseraum war im zweiten Stock in der Mädchenabteilung, wo wir Knaben nach dem Essen
täglich ein bis zwei Stunden unter Aufsicht von ErzieherInnen bleiben durften. Wir durften uns mit
den Mädchen gemeinsam unterhalten oder mit Brettspielen die Zeit vergnügen oder zu Radiomusik
tanzen.
Ich war schüchtern und Kontaktarm, noch konnte ich tanzen. Ich saß mehr oder weniger allein in
einer Ecke herum und schaute das treiben zu. Plötzlich kam ein Mädchen zu mir, setzte sich neben
mir und versuchte mit mir zu sprechen. Vor Überraschung und Verlegenheit brachte ich kein Wort
heraus. Das Mädchen nahm mich einfach bei der Hand, führte mich zu den tanzenden hin und
wollte mit mir tanzen. Als sie verstand, das ich nicht tanzen kann, legte sie meinen Armen um ihre
Hüpfte und die ihre um meinen Hals und bewegte sich mit mir eng umschlungen im Kreise.
Ich hatte zuvor noch nie einen so nahen Kontakt zu einem fremden Mädchen oder jungen Frau,
denn deswegen ich verurteilt wurde hatte ja mit Normalität absolut nichts zu tun. Als sie mir dann
zum Abschied noch dazu auf die Wange küsste, war ich völlig durcheinander.
Jedes Mal nach dem Essen kam sie zu mir und blieb bei mir bis wir wieder in der Knabenabteilung
zurückkehren mussten. Wir saßen zusammen oder tanzten miteinander. Und als sie mir eines Tages
auf den Mund küsste, war ich zunächst erschreckt und voller innerlicher Aufregung.
Sie hieß Renate und war 16 Jahre jung. Sie hatte rotbräunlichen Haare und war sehr schön. Es war
offensichtlich, dass sie mich mochte. Ihr Interesse für mich weckte in mir Neugier und Zuneigung,
wie ich meinen Leben zuvor noch nie verspürt hatte.
Damals verspürte ich auch zum ersten Mal sexuelles Bedürfnis. Mein Penis wurde öfters steif, aber
ich konnte zunächst nichts damit anfangen. Erst als ich eines Tages unter der Dusche war und auch
mein Penis wusch, hatte ich plötzlich ein Orgasmus. Dieses Erlebnis war so heftig, dass ich unter der
Dusche vor schwachen Beinen das Gleichgewicht verlor und auf die Knie fiel.
Von da an begann ich gelegentlich in der Nacht im Bett mein Penis durch streicheln zu erregen und
hatte dabei manchmal ein Orgasmus. So machte ich erstmals Bekanntschaft mit der Sexualität und
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so lernte ich auch das onanieren und meine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.
Tiefe Enttäuschung und Traurigkeit verspürte ich dann, als sie Wochen nach ihrem Kennenlernen
völlig überraschend in ein anderes Mädchenheim verlegt wurde, ohne dass wir uns zumindest
voneinander verabschieden hätte können. Sie war ganz einfach von einem Moment auf den anderen
weg. Ich erfuhr nur, dass sie in ein anderes Mädchenheim gekommen ist.
Sie war nicht nur das erste Mädchen, das mir das Gefühl der Liebe und Zuneigung zwischen Frau und
Mann lehrte und schenkte, sondern sie war auch ein Halt für mich. Ich habe sie nie vergessen. Ihr
Gesicht und das schöne Gefühl, das sie mir damals in wenigen Wochen schenkte sind mir bis heute
vertraut und in meinen Erinnerungen schmerzlich eingeprägt. Schmerzlich deswegen, weil ich mich
von ihr nicht einmal verabschieden konnte und ich sie in meinen Leben nie wiedersah.
Enttäuscht und offensichtlich tief deprimiert über ihren Verlust beginn ich unbewusst einen Fehler,
das bittere Folgen nach sich zog, gleichzeitig ein Beweis für mich heute, wie labil und leicht
beeinflussbar ich damals war.
Gelegentlich durften wir uns Heiminsassen auch im Innenhof des Polizeiheimes bewegen. Bei so
einer Gelegenheit ließ ich mich in meiner schlechten Stimmung von einem Mitinsassen zur
Entweichung überreden. Normalerweise war das Tor zur Straße stets verschlossen, wenn wir
gelegentlich zum Spazierhof im Innenhof durften. An diesem Tag war der Erzieher offenbar
unaufmerksam.
Ich fragte mich durch bei Passanten, die mir den Weg wiesen. Zuhause angekommen, waren meine
Eltern nicht da. Nur mein größerer Bruder, der mir sofort einredete in dem Heim zurückzukehren,
was ich auch in seiner Begleitung tat.
Im Heim wieder zurück, bekam ich ein paar feste Ohrfeigen und wurde tagelang ganztätig in einen
Einzelraum eingesperrt. Anschließend wurde ich in das Durchzugsheim „Im Werd“ im 2. Bezirk in
Wien verlegt (14. S. 2). Das man so streng vorgegangen ist, obwohl ich freiwillig in den Heim
zurückgekehrt war führe ich heute darauf zurück, das ich aus dem U-Haft im Polizeiheim kam und
die Gerichtsverhandlung noch anhängig war, sodass man offenbar keinen weiteren Risiko mehr im
Kauf nehmen wollte.
Die geschlossene Abteilung mit vergittertem Fenster im zweiten Stock des Durchzugsheimes
erinnerte mich sofort an den Missstände im Kinderheim Judenau bei Tulln. Es gab einen einzigen
Schlafraum mit zirka 25 wackligen und quietschenden Betten, ausgestattet mit löchrigen und
verschmutzten Matratzen, Bettdecken und Bettwäsche. Der Tagesraum mit groben Holztische und
Bänken eingerichtet war ebenso in einen desolaten Zustand. Der Waschraum mit Dusche und WC,
getrennt nur durch Plastikvorhänge diente gleichzeitig als Geschirrwaschraum und befand sich nicht
weniger in einen desolaten Zustand.
Der Verputz der Wände, sei es am Gang der Abteilung, im Schlafzimmer oder im Tagesraum teils
abgebröckelt und schmutzig. Die Kleiderspins als Blech teils verrostet und verbeult. Das Heimgewand
veraltet und teils geflickt. Die Verwahrlosung des Heimes und der Insassen war schon mit den ersten
Blick nicht zu übersehen erschreckend.
Einzig das Dienstzimmer und WC-Raum der Erzieher erhob sich durch besondere Sauberkeit und
Ausstattung hervor. Die Erzieher selbst stämmig und furchterregend. Ihre Ausstrahlung streng bis
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feindselig. Der Name „Durchzugsheim“ sagt wohl schon alles. Offenbar gingen die Erzieher davon
aus, das kein Zögling über längere Zeit da bleibt und das man sich daher um Zöglinge und um
sonstiges nicht besonders kümmern muss, so dass es zu einer allgemeinen Vernachlässigung kam.
Vom ersten Augenblick an fühlte ich mich in dem Durchzugsheim eingeschüchtert und verängstigt.
Die ca. 25 Heiminsassen waren durchgehend älter als ich. Manche davon, wie ich nach Tagen erfuhr,
hatten schon mehreren Vorstrafen und Haftstrafen im Gefängnis verbüßt. Nur zwei oder drei
Zöglinge waren in etwa in meinem Alter von 14 ½ Jahren.
Im Gegensatz zum Polizeiheim, wo es sauberer, ruhiger, freundlicher und disziplinierter zuging,
verlief im Durchzugsheim alles viel lauter und teilweise durcheinander. Streitereien standen auf der
Tagesordnung und mitten drinnen die Erzieher, die ebenso herumschrien und nicht selten
klatschenden Ohrfeigen austeilten oder den Zöglingen fast ständig mit „Arschloch“, „Drecksau“ oder
„Verbrecher“ beschimpften. Wörter, die mir geläufig waren, weil diese auch in den vorgehenden
Heimen verwendet wurden, wenngleich nicht so oft und aggressiv, wie im Durchzugsheim.
Im Schlafraum zu schlafen war schrecklich. Ich konnte oft bis tief in der Nacht nicht einschlafen,
sodass ich mich auch Untertags ständig übermüdet fühlte. Die quietschenden Betten, die Wirrwarr
von Gespräche und Gelächter der Mitzöglinge, aber auch Gestöhne und Schmerzenslaute hielten
mich wach. Stille herrschte nur, wenn die Erzieher zwischendurch mit Taschenlampen Kontrollgänge
machten.
Im Bild sieht es viel sauberer und geordneter aus, als es in Wirklichkeit war
Mit der Zeit bekam ich mit, dass sich manche Zöglinge in einen Bett zusammenlegten und
homosexuelle Beziehungen unterhielten, sobald sich die Erzieher von den Kontrollgängen
zurückzogen. Manche freiwillig und manche wurden genötigt, wie mir ein Zögling meines Alters
erklärte, mit den ich mich nach ein paar Tagen etwas angefreundet hatte. Er war ebenso wie ich
zurückgezogen und wir hielten uns eher am Rande anderer Zöglingen.
Dasselbe Schicksal des Missbrauchs hätte beinahe auch ihn selbst getroffen, erzählte er mir. Er hatte
nur Glück, das ihn andere Zöglinge geholfen hatten.
Ich selbst war nach kurzem Aufenthalt im Durchzugsheim auch betroffener. Ich war im Waschraum
und wusch mein Geschirr, als mich ein älterer Zögling am Gesäß fasste und nicht loslassen wollte. Ich
stieß in mit den Händen von mir weg, worauf er es offensichtlich als Angriff und Beleidigung wertete
und mir ein paar Faustschläge am Körper und Gesicht verpasste. Ich schlug nicht zurück, weil er viel
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stärker war. Ich trug Rötungen und ein blaues Auge davon. Er drohte mir wieder zu schlagen, falls ich
den Erzieher was sagen sollte, was ich nicht tat. Andererseits fragte mich nie ein Erzieher, woher ich
das blaue Auge hätte. Das schien ihnen nicht zu interessieren. In der weiteren Folge meines
Aufenthaltes im Durchzugsheim war es geläufig, das Zöglinge gelegentlich Verletzungen aufwiesen,
aber es kümmerte sich keiner darum.
In der Folge wurde ich mehrmals während der Nachtruhe durch Annährungsversuche sexuell
belästigt, aber zu meinem Glück kam es nicht zum sexuellen Missbrauch oder zu anderen
körperlichen Attacken, wohl aber zu Beschimpfungen und Anfeindungen wegen meiner Abführe.
Die Zöglinge fanden sich in Gruppen zusammen, in stärkeren und schwächeren. Die stärkeren
beherrschten die Szenerie, indem sie ihre Überlegenheit zur Schau trugen und ihren Launen und
Aggressionen bei den schwächeren ausließen sowie ihre gemeinen und schweinerischer Späßchen.
So z.B. war eine der häufigsten Praxis der Erniedrigung, dass sich der eine die Hose und Unterhose
runterzog und der schwächere musste ihn vor allen anderen auf den Gesäßbacken küssen, worauf
diese dann laut auflachten. Oder das bespucken. Vereinzelt kam es auch vor, dass zum Späßchen
oder als Strafe auf schwächeren Zöglingen uriniert wurde.
Im Tagraum gab es nur ein Tischtennis und es wurde ständig darum gestritten. Die stärkeren setzten
sich immer durch, mit Ohrfeigen, durch wegstoßen oder mit Drohungen.
Das ganze Durchzugsheim war von den Erzieher und Zöglingen her von Vernachlässigung,
Aggressivität und Gewalt geprägt, begleitet von Schikanen sowie von Homosexualität und sexueller
Nötigung.
Die Erzieher, wenn überhaupt diese Bezeichnung zutreffend sein kann, hielten sich zumeist im
Dienstzimmer auf. Wurden sie einmal tätig, so zumeist aggressiv mit Beschimpfungen oder mit
klatschenden Ohrfeigen und heftige Fußtritten.
Ich nässte weiterhin das Bett und wurde auch im Durchzugsheim deswegen von dem Erzieher öfters
erniedrigt und von manchen Zöglingen gehänselt. Die genässten Leintücher musste ich zum
Trocknen auf das Bett ausbreiten, wodurch die genässten stellen hervorstachen, was wiederum bei
den Zöglinge für Gelächter und Spott sorgte. Bett- und Leibwäsche wurden nur alle vierzehn Tagen
getauscht.
Besonders erniedrigend und ängstlich machte mich auch die Praxis, die nur ein und derselbe
Erzieher unter den Vorwand der Hygienekontrolle durchführte. Er ließ uns Zöglinge vor dem
Schlafengehen mit heruntergezogener Unterhose am Gang in Reihe aufstellen und begutachtete
jeden einzelnen Zögling. Man musste die Vorhaut des Penis aufziehen und danach musste man sich
umdrehen, bücken und die Gesäßbacken auseinander halten. Gelegentlich packte er persönlich zu,
falls der Zögling seine Gesäßbacken nicht ordentlich auseinanderhielt.
Unter den Zöglingen war der Erzieher als homosexuell verschrien sowie dass er sich während des
Nachtdienstes gelegentlich Zöglinge im Dienstzimmer holte und ihre Willigkeit mit Zigaretten
quittierte. Bei Unwilligkeit soll er Zöglingen mit Strafmaßnahmen eingeschüchtert haben. Ich sah
mehrmals persönlich, wie er das Schlafzimmer nach der Nachtkontrolle manchmal in Begleitung
eines Zöglings verließ.
Erst bei meinen zweiten Aufenthalt 1965 im Durchzugsheim „Im Werd“ (14. S. 2) versuchte es
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derjenige Erzieher auch bei mir.
Ich musste ihn kurz nach Beginn der Nachtruhe im Dienstzimmer folgen, die er hinter sich zulehnte.
Dort forderte er mich unter den Vorwand der Kontrolle auf, dass ich mein Nachthemd ausziehe und
die Unterhose runterziehe. Als ich das getan hatte begann er mein Hintern anzufassen und zu
streicheln, gleichzeitig entblößte er sein Penis und begann zu masturbieren. Ich war völlig erschreckt,
reagierte aber indem ich meine Unterhose schnell wieder aufzog und aus dem Dienstzimmer
rausrannte, die er zu meinem Glück nur zugelehnt, aber nicht verschlossen hatte.
In der Folge warf er mir des Öfteren einen bösen Blick zu, aber er versuchte es nicht wieder. Und ich
versuchte ihm stets auszuweichen, jedenfalls nicht in seiner greifbaren Nähe zu kommen.
Es gab keine Bewegung im Freien. Es war eine geschlossene Abteilung. Man verharrte den ganzen
Tag in der Abteilung, am Gang oder im Tagraum oder im Waschraum, letztere wo sich Zöglinge zu
Raucherzeit um 09.00 und 15.00 Uhr zum Rauchen drängten, da in allen anderen Räumlichkeiten das
Rauchen verboten war. Bei dieser Gelegenheit begann ich das erste Mal zum Rauchen.
Das Essen war nicht nur grauslich, sondern auch karg, sodass man immer ein Hungergefühl
verspürte. Im Gegensatz zum Polizeiheim gab es keine Teller oder Salatschüssel, sondern
Blechnäpfe. Es verging kein Tag der Streitereien und gelegentlich auch Raufhandel, weil sich die
Zöglinge gegenseitig Essen zu stehlen oder abzunötigen versuchten.
Meine Eltern, die mich so alle zwei Wochen zu Besuch kamen, brachten mir zum Glück stets ein
Paket mit Lebensmitteln mit. Ich war eine der sehr wenigen im Durchzugsheim, der ein Paket bekam.
Die meisten Zöglinge hatten von niemand Besuch. Ich wurde von vielen Zöglingen angeschnorrt und
ich gab was davon ab. Offenbar hat mich das vor schlimmere Erlebnisse durch Mitinsassen gerettet.
Am 9. Juni 1964, ein Tag nach meinen 15. Geburtstag musste ich überraschend meine Sachen
zusammenpacken und ich wurde in das Erziehungsheim „Lindenhof“ in Eggenburg verlegt, etwa 80
Kilometer von Wien entfernt (14. Seite 2).
Erziehungsheim „Lindenhof“ in Eggenburg/NÖ
Insgeheim gab ich meinen Eltern die Schuld dafür, dass ich im „Lindenhof“ eingeliefert wurde, zumal
sich mein Vater seinerzeit bei den Behörden weit übertrieben negativ über meine Person geäußert
hatte. Viele Jahre später entschuldigte er sich bei mir, indem er mir erklärte, dass er damals sehr
zornig auf mich war, weil er tatsächlich davon ausging, dass ich ein Mädchen vergewaltigen wollte.
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Erst als er in der Verhandlung mitbekam, das ich von den anderen nur zur Beihilfe missbraucht
wurde, erfuhr er die Wahrheit, aber es war schon zu spät, erklärte er mir, weil das Wiener
Jugendmagistrat meine Einweisung in ein Erziehungsheim schon beschlossen hatte und es trotz
seiner Bemühungen nicht widerrufen wollten. Offensichtlich wurde ich vom Jugendmagistrat schon
schuldig gesprochen noch bevor die Verhandlung zur Sache stattgefunden hatte.
Im Lindenhof angekommen wurde ich in der Zugangsgruppe 10er untergebracht. Die Fenster der
gesamten Gruppenabteilung waren vergittert, die Tür der Gruppe war aus Eisen oder Stahl und stets
verschlossen. In der Gruppe waren zirka 25 Zöglinge. Die Gruppenabteilung viel zu klein dazu.
Im Schlafzimmer waren die Betten so eng aneinander gereiht, das man sich anstrengend musste die
Schuhe oder Sandalen an- oder auszuziehen. Im Speiseraum, das gleichzeitig als Unterhaltungsraum
diente standen die Tische und Stühle ebenso eng aneinandergereiht. Der kleine Waschraum diente
zur Körperpflege, gleichzeitig zum Geschirrwaschen, als WC und Abstellraum für Schuhe und Kleider.
Eine Dusche gab es nicht.
Es war so eng in der Gruppeabteilung, das sowohl im Waschraum, als auch im Tagesraum geradezu
ständig Gedränge herrschte. Man hatte ständig den Geruch der körperschweiß anderer vor der
Nase, nicht erst die Rede diesen der Furzerei.
Als Neuling wurde ich von den Zöglingen mit unangenehmer Blicke begutachtet oder mit fragen
überhäuft. Ein Zögling drückte mir die einheitlich graue Heimbekleidung sowie Leintücher und
Decken in die Hand und wies mir mein Bettplatz im Schlafzimmer zu sowie mein Tischplatz im
Tagraum.
Wie ich mit der Zeit mitbekam und erfuhr, handelten es sich bei solchen Zöglingen um Günstlinge
der Gruppenerziehern, die in der Gruppe als sogenannte Gruppenältesten die Tätigkeit eines
Hausarbeiters innenhatten, die von den anderen Zöglinge insgeheim als „Kapos“ bezeichnet wurden.
Die Kapos hatten die Aufgabe, die Erzieher Arbeit abzunehmen und genossen dafür besondere
Freiheiten und Privilegien, bis zur Misshandlung und sexueller Missbrauch von Mitinsassen hin, wie
ich bald erfahren und persönlich erleben sollte.
Die Erzieher selbst, wie ich im Verlauf meines dortigen Aufenthaltes sah, saßen zumeist in dem
Dienstzimmer herum. Sie nahmen auf uns Zöglinge keinen Einfluss. Sie schritten höchstens dann
ein, wenn zu lauten Geschrei oder Tumulte mehreren Streithähne ausbrach. Ansonsten ließen sie es
unter den Zöglingen so schweifen, wie es halt kam.
Ich wurde als Neuzugang von keinem Erzieher angesprochen oder aufgeklärt, was mit mir heute
oder morgen geschieht. Diese Ungewissheit, wenn auch unbewusst, weil ich solche Umstände und
Situationen damals nicht verstandsmäßig verarbeiten konnte, versetzte mich in Angst, die Angst
mich wiederum ständig begleitete. Ich wurde nur von einem Kapo auf meine Plätze im Schlafzimmer,
im Tagesraum und auf meinen Ablegeplatz im Waschraum eingewiesen – und das war es.
Während des Nachtdienstes waren überhaupt keine Erzieher in der Gruppenabteilung anwesend.
Der Zugangsgruppe war schließlich vergittert und verschlossen. Zur Nachtkontrolle kamen
gelegentlich Erzieher außerhalb der Abteilung vorbei.
Dementsprechend laut und wild ging es zumeist im Schlafzimmer während der Nachtruhe zu. Lautes
Reden und Streiten, Gelächter, rattern und quietschen der Betten, begleitet von Stöhnen, wimmern
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und gelegentlich auch lauten Schmerzensschreie.
Trotz der Dunkelheit der Nacht konnte man durch die Hofbeleuchtung, die durch die Fenster
eindrang schemenhaft Zöglingen beobachten, wie sie von einen Bett auf anderen gingen oder
krochen. Mäusetill wurde es nur, wenn man das Klirren des Schlüsselbundes der Erzieher und das
öffnen der Tür hörte, wenn sie zur Nachtkontrolle kamen.
Aufstehen war um sechs Uhr früh und danach wurde das Schlafzimmer verschlossen und um 20.00
Uhr zur Nachtruhe wieder geöffnet. Nur zum Putzen wurde es kurzfristig geöffnet.
Als Neuling wurde ich zum Putzen des Schlafzimmers von Kapos der Abteilung eingeteilt. Dabei
geschah es, dass ich nach wenigen Tagen in der Gruppenabteilung sexuell missbraucht wurde.
Ich war gerade beim zusammenkehren und aufwischen des Schlafzimmers, als ein älterer und
fülliger Kapo im Schlafzimmer reinkam und die Tür hinter sich zuklappte. Er kam geradezu auf mich
zu und fasste mich mit einer Hand sogleich am Gesäß und mit der anderen packte er mich beim Hals
und versuchte mich auf das Bett runter zu drücken. Ich versuchte mich loszureißen, aber er war viel
zu stark und zu schwer um ihn wegzustoßen. Er drückte mich ins Bett, riss mir die Hose und
Unterhose runter, legte sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich und während er mich
vergewaltigte drückte er mir den Mund zu.
Das ging so schnell, das ich vor Schreck nicht einmal ein Hilfeschrei ausstoßen konnte, dann aber war
es zu spät zum schreien, weil er mir schon den Mund zudrückte. Offensichtlich hatte er schon
Routine darin Mitinsassen zu vergewaltigen.
Es waren fürchterliche Schmerzen. Als er von mir abließ, drohte er mir zu schlagen und mit dem
umbringen, wenn ich es in Erzieher erzählen würde. Er erklärte mir auch, dass mich die Erzieher
ohnehin nicht glauben würden, weil ich ein Vergewaltiger sei.
Wochen später erzählte er mir, dass er es von dem Erzieher erfahren hätte, dass ich ein
Vergewaltiger sei und dass man mir demnächst den Prozess machen würde.
Wie ich noch lernen sollte, war es selbstverständlich, dass zwischen Erziehern oder
Justizwachebeamten mit Kapos regelmäßig ein Informationsaustausch stattfindet, die die
Handlangertätigkeit der Kapos offensichtlich fördern sollte. Als Dank und Privileg wird den Kapos
dafür ein Freiraum gewährt.
Tagelang blutete ich aus dem After und hatte große Schmerzen, vor allem beim Stuhlgang. Der Kapo
hatte offenbar bemerkt, dass er mich verletzt hatte und war in der Folge plötzlich freundlich zu mir
und gab mir auch neue Unterhosen zum wechseln. Offensichtlich war er froh, dass ich ihn nicht
verraten hatte und belästigte oder missbrauchte mich in der Folge nicht mehr.
Wie hätte ich ihn schon verraten können! Schon aus Angst und Scham nicht, aber auch Mangel an
Vertrauen zu den Erziehern. Als jüngerer und schwächerer Zögling ward man damals solchen Treiben
der Homosexualität und sexueller Missbrauch, der Unterdrückung und Gewalt von Seiten älteren
und stärkeren Zöglinge einfach wehrlos ausgeliefert. Wie man es auf das Foto des Polizeiausweises
aus Uruguay sieht (03.), war ich damals bedauerlicherweise ein junger Bursche und damit in den
staatlichen Heimen mit derart menschenverachtenden Praktiken ein klassisches Opfer für solchen
Übergriffe.
Solchen Gewalt und Erniedrigungen in halbwüchsigem Alter am eigenen Körper zu erleben vergisst
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man sein Leben lang nicht. Verarbeiten kann man es nur mit therapeutischer Hilfe, die damals und
über Jahrzehnte für Heimopferkinder nicht gab. Man trug die Wut, der Scham und den Schmerz tief
vergraben mit sich herum, oft unbewusst im Verlauf des weiteren Leben davon beeinflusst und
getrieben.
Man unterlag damals ohnmächtig das Gesetz der stärkeren und die Erzieher taten hierzu nichts
dagegen, sondern sie förderten dieses Gesetz sogar, indem sie älteren und stärkeren Zöglingen als
Kapos einteilten und ständig wegschauten.
Ich wurde von den Kapos abwechselnd zum Putzen eingeteilt, davon in der Gruppe drei bis vier
waren. Einmal musste ich das Schlafzimmer putzen, andersmal der Tagesraum und Waschraum. Das
war meine einzige Beschäftigung während der ersten Monate. Im Tagesraum gab es zwar ein
Billardtisch, aber diese wurde ständig von den Kapos und den sonst älteren und stärkeren Zöglinge
benutzt.
Durch betatschen und Annährungsversuche wurde ich in der Folge wiederholt auch von einigen
anderen Zöglingen sexuell belästigt, aber nicht missbraucht. Homosexuelle Handlungen und
sexueller Nötigung zwischen andere Zöglinge war in der Zugangsgruppe auch Tagsüber öfters zu
beobachten, im Waschraum oder auf der Toilette.
Ein zweiter jüngerer Zögling, der ebenfalls ein Neuling war erging es so wie mir. Wir freundeten uns
an und er erzählte mir auch sexuell missbraucht worden zu sein. Und zwar das erste Mal schon im
Durchzugsheim „Im Werd“ in Wien, wo auch ich einigen Wochen war. Jetzt würde er von einem
anderen Kapo in der Gruppe missbraucht. Wir hatten beide großen Ängste und er sprach von Flucht
und fragte mir, ob ich mitmachen würde. Ich bejahte und wir sprachen über Möglichkeiten zur
Flucht, kamen aber zu keinen Plan.
Der 10er Zugangsgruppe war den ganzen Tag geschlossen und nur wenige Zöglinge, die zu einer
Arbeit eingeteilt waren durften es verlassen. Nur zum Täglichen Morgenapell im Innenhof des
Heimes mussten wir unter Aufsicht von zwei Erziehern täglich gehen. Während dieses Apells
wurden alle Gruppenabteilungen des Heimes Gruppenweise versammelt und gezählt. Wir waren
zirka 250 bis 300 Zöglinge. Manchmal wurde von einem vorgesetzten Erzieher eine Rede gehalten.
Das waren die einzigen Momente, die wir aus der Abteilung rauskamen.
Im September 1964 wurde ich nach Wien zur Verhandlung gefahren. Im verhandlungsraum sah ich
meine Eltern einmal wieder. Mein Vater war Berufstätig und meine Mutter musste auf die
Kleinkinder aufpassen. Daher war es schwer nach Eggenburg zu fahren, um mich zu besuchen. Sie
versprachen mir zwar wieder, mich bald wieder Nachhause zu holen, aber ich war hoffnungslos
geworden.
Ich wurde wegen versuchter Beihilfe zur Notzucht zu 4 Monate bedingt verurteilt, 4 Vr 861/64, Hv
83/64 des Jugendgerichtshof Wien (13.). Über den Verlauf der Verhandlung kann ich mich heute
eigenartigerweise an fast nichts erinnern. Vielleich liegt es daran, dass ich das Amtsdeutsch nicht
verstand oder weil ich dazu psychisch überfordert war. Meine Eltern erklärten mir am Schluss der
Verhandlung nur, dass ich auf Aufforderung des Wiener Magistrats vorläufig im Erziehungsanstalt
„Lindenhof“ in Eggenburg bleiben muss, obwohl sie sich beim Richter dagegen ausgesprochen
hatten.
Im Erziehungsheim zurückgekehrt, wurde ich Tage darauf plötzlich im Dienstzimmer des Erziehers
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gerufen. Dort hielt er mir die Verurteilung vor, beschimpfte mich als Scheißausländer und
Vergewaltiger und verpasste mir eine fürchterliche Ohrfeige. Ich wurde kurzfristig ohnmächtig und
wurde von den Kapos im Schlafzimmer getragen und ins Bett gelegt.
Mehreren Tagelang blutete ich leicht aus dem Ohr, begleitet von starken Kopfschmerzen. Seither ist
meine Hörfähigkeit am linken Ohr stark beeinträchtigt. Offensichtlich wurde durch die Heftigkeit und
durch den Luftdruck der Ohrfeige das Trommelfell verletzt, dazu wahrscheinlich auch eine
Gehirnerschütterung.
Wegen dieser Misshandlung mit Verletzungsfolgen sah ich weder einen Arzt noch wurde ich in ein
Krankenhaus zur Untersuchung und Behandlung vorgeführt. Es wurde schlicht vertuscht. Bei
anderen Misshandlungen landete ich zwar mehrmals in das öffentliche Krankenhaus „Eggenburg“,
allerdings von den Erziehern als Unfallmeldungen getarnt (14. S. 2, 4 u. 5).
Wie ich damals diese Zeit des sexuellen Missbrauchs und Misshandlungen überstanden habe, weiß
ich bis heute nicht. Heute kommt es mir vor wie ein Wunder, denn es folgten viel schlimmere und
härtere Zeiten.
Einige Wochen nach der Verhandlung in Wien wurde ich in den Heimbetrieb „Gärtnerei“ zur Arbeit
eingeteilt, musste aber noch in der Zugangsgruppe bleiben. Zufällig wurde einige Zeit später auch
mein Freund der Zugangsgruppe in die Gärtnerei eingeteilt.
Die Arbeit in der Gärtnerei war sehr schwer. Auch bei Regen mussten wir die Felder und Äcker vom
Unkraut befreien, Rechen und umspaten. Gelegentlich wurden wir auch in den privaten
Wohnungen der Erzieher oder Nachbarn mit Gartenarbeiten oder zur Räumung oder zum Putzen
von Kellerräumen beschäftigt. Es gab keinen Lohn dafür, manchmal nur ein belegtes Brötchen. Im
Grunde waren wir Heimkinder damals die Sklaven der Erzieher und der Einwohner von Eggenburg
und Umgebung.
Mein Freund teilte mir eines Tages mit, dass er den Heimterror nicht mehr aushalte, das er flüchten
wird und fragte mir, ob ich mitgehe. Irgendwie hatte ich Angst davor, weil bis Wien ein langer weg
war, aber er versicherte mir, dass er wisse, wie wir ohne Probleme nach Wien kommen würden. Ich
sagte zu.
Tage später, als die anderen Zöglinge in den Rastgehäuse der Gärtnerei gingen, blieben wir auf dem
Feld und begannen über die Felder und Äcker zu rennen. Als wir durch einen Acker liefen, wo ein
Bauer gerade arbeitete, schrie er uns nach und als ich mich umblickte, sah ich wie der Bauer uns eine
Heugabel nachwarf, der uns nur knapp verfehlte.
Irgendwie verständlich, dass der Bauer wegen sein Frisch verarbeiteten Acker angefressen war, aber
jugendliche wegen sowas einer Heugabel nachzuwerfen zeigt schon von erschreckender
Kaltblütigkeit, die uns Heimkinder vor Augen geführt wurde und die uns auf den weiteren
Lebensweg negativste beeinflusste und prägte.
Als ich und mein Freund eine Landstraße erreichten, begann mein Freund Autostopp zu machen.
Kurz darauf blieb ein Lastwagen stehen und wir durften in der freien Ladefläche steigen. Wir hatten
Glück, den er fuhr direkt nach Wien. In Wien trennten wir uns und ich ging direkt nachhause im
Hotel zu meinen Eltern.
Es war nur meine Mutter zuhause und meine kleinen Geschwister. Wir freuten uns, aber meine
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Mutter machte sich große Sorgen, als ich ihr sagte, dass ich unerlaubt entwichen sei. Zur weiteren
Besprechung wollten wir auf meinen Vater warten, der noch in der Arbeit war. Nach ein paar
Stunden klopfte es aber an der Wohnungstür und als meine Mutter öffnete standen Polizisten vor
der Tür, die mich mitnahmen.
Nach eine Nacht im Polizeirevier, wurde ich mit dem Anstaltsbus wieder nach Eggenburg gebracht.
Dort wurde ich den Anstaltsleiter vorgeführt, der seine Finger in meinen Ohrläppchen verkrallte und
derart schmerzlich verdrehte, bis ich schreiend auf die Knie rutschte, begleitet von Beschimpfungen
„Drecksausländer“, „Hurenkind“, „Verbrecher“ etc. Anschließend kam ich in die Strafgruppe 14,
zynischer weise von der Heimleitung als „Besinnungsgruppe“ bezeichnet (18. Meldungen).
Wie in meiner Stellungnahme im Anhang beschrieben, war die „Besinnungsgruppe“ nichts anderes
als das Gefängnis der Erziehungsanstalt schlechthin, wo erst recht Willkür, Vernachlässigung,
Tyrannei und Gewalt gegen halbwüchsigen jugendlichen ausgeübt wurde, gelegentlich auch gegen
minderjährigen der Kinderabteilung , darunter erlebte ich auch 9-jährige Kinder, die ebenfalls wegen
irgendwelche Verfehlungen oder Entweichungen in der Strafgruppe 14 landeten.
Quasi eine Steigerung des bisher erlebten Heimterrors in der ebenfalls gesperrten Zugangsgruppe.
In der Stellungnahme habe ich nur zu erwähnen vergessen, dass in der Strafgruppe jeder Zögling
automatisch eine Glatze geschnitten bekam und eine spezielle gestreifte Bekleidung, wie früher
Häftlinge.
Nach ein paar Wochen in der Strafgruppe wurde ich wieder in den Zugangsgruppe verlegt, ohne die
Möglichkeit auf eine Arbeit oder sonstige Freizeitgestaltung und Bewegung im Freien, sodass es eine
Fortsetzung der Repressalien glich.
In der Zugangsgruppe wurden nicht nur Neulinge untergebracht bis entschieden wurde, in welcher
anderen Gruppenabteilung und zu welcher Arbeit er eingeteilt wird, sondern eben auch Zöglinge, die
durch vermeintlichen Ordnungswidrigkeiten strafweise rückgestellt wurden. Allerdings ohne ein
ordentliches Behördenverfahren, sondern willkürlich nach Gutdünken der Erzieher.
Wie aus der unmenschlichen Unterdrückung oft resultiert, verabredeten sich mehreren Zöglinge zur
Flucht aus der Zugangsgruppe, darunter auch ich. Wir warteten nur auf eine Unaufmerksamkeit der
Erzieher, wenn sie für die Lieferung der Nahrungsmittel etc. die Abteilungstür öffnen mussten.
Manche Erzieher entfernten sich manchmal kurz von der Tür, um etwas vom Dienstzimmer zu holen
oder sonst aus welchen Grund.
Bei so einer Gelegenheit flüchteten wir, insgesamt fünf Zöglinge. Wir rannten aus der
Gruppenabteilung und über den Hof, kletterten über die Umzäunung des Heimes und rannten in den
Wald, verfolgt von Erzieher, die die Flucht beobachtet hatten.
Im Wald zerstreuten wir uns in allen Richtungen. Ich blieb mit einen zweiten zusammen und wir
versteckten uns im Wald bis zur hereinbrechen der Nacht. Es war gegen Anfang Oktober 1964 und
die Nächte schon sehr kalt. Die graue und dünne Heimoberbekleidung bot uns nicht viel Schutz,
sodass wir zittern ausharren mussten.
Wir marschierten eine Landstraße entlang und hofften auf ein Auto, der uns weiterbringen würde.
Wir hatten kein Glück, marschierten aber weiter um uns durch Bewegung warm zu halten. Gegen
Morgengrauen drangen wir in eine unbewachte Strohscheune, wo wir uns einigen Stunden
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ausrasteten. Dann marschierten wir weiter am Rande der Straße und bogen zu den Gleisen einer
Bahnstrecke und gingen diese entlang. Als die Gleisen in einen Wald einbogen sprangen plötzlich
hinter Bäumen hervor zwei Gendarmeriebeamten mit gezogener Waffen auf uns zu.
Ich habe mir vor Schreck fast in die Hose gemacht. Die Beamten glaubten anhand unserer grauen
Heimbekleidung, dass wir aus der Strafanstalt Stein ausgebrochen seien, da Strafgefangene eine
identische Bekleidung trugen. Im nu waren wir im Heim zurück und wieder in der Strafgruppe,
begleitet von Ohrfeigen und Fußtritte.
Die Massenflucht hatten die Erzieher ziemlich erregt und sie reagierten ziemlich aggressiv und
brutal. Drei von uns wurden schon am nächsten Tag erwischt, die anderen zwei wurden Wochen
später in Wien erwischt.
Ich kam wieder in die als „Besinnungsgruppe“ getarnte Strafabteilung 14. Es folgten Wochen der
täglichen Misshandlungen durch die Erzieher und den Heimdirektor, letzterer täglich in den
Morgenstunden erschien und die Zöglinge in Reihe aufstellen ließ und mit ohrfeigen, haarreißen und
mit drehen des Ohrläppchen traktierte, begleiten von Drohungen und Beschimpfungen, um uns
Heimkinder gegen Entweichungen einzuschüchtern bzw. mit solchen Methoden von Entweichungen
abzuhalten (18.).
Durch meine Entweichungen habe ich mich bei den Erziehern und Heimdirektor natürlich nicht
beliebt gemacht, aber die Entweichungen waren nur eine Reaktion, um den Terror zu entkommen,
ohne daran zu denken, das ich mir damit das leben noch schwerer machte.
Es kam damals fast täglich zu Entweichungen von Zöglingen. Ich war keine Ausnahme. Es kam aber
nicht nur allein zu Entweichungen, sondern gelegentlich auch zu Selbstbeschädigungen oder zu
Selbstmordversuche. In zwei Fällen sogar zu Selbstmorde und In einen Fall 1964 sogar zu einen Mord
an einen Zögling durch zwei Zöglingen, die die Leiche des ermordeten Zöglings in der Kanalisation
des Heimes versteckten. Ermordet, um das Opfer den Anzug zu berauben.
Kurz vor Weihnachten 1964 wurde ich wieder in der Zugangsgruppe verlegt. Wieder nur zur
Anhaltung, ohne Arbeit, ohne Freizeitgestaltung und Bewegung im Freien. Ich war aber nicht der
einzige Gezeichneter in der Gruppenabteilung. Die Hälfte davon war schon einmal geflüchtet oder
wegen anderen Verfehlungen wieder zurückgestellt worden, letztere etwa wegen Raufhandels etc.
Das Dasein in der geschlossenen Gruppe war tagtäglich Mangel an Beschäftigung, Freizeitgestaltung
und Bewegungsraum eine schwere Belastung. Es war ein dahinvegetieren, während die Zeit
stehengeblieben schien. Der einzige Unterschied zur Anfangszeit als Neuling war, dass ich in der
Gruppe nicht mehr direkt sexuell belästigt oder schikaniert wurde. Anstatt dessen bekam ich
manchmal Liebesbriefe von Zöglingen anderer Gruppen mit Beschwörungen, das ich mich in ihrer
Gruppenabteilungen verlegen lassen sollte.
Das war schon wahnsinnig, aber nichts Unübliches in einen Heim. Ich fühlte mich etwas
geschmeichelt, noch dazu als gelegentlich eine Schokotafel als Geschenk ankam. Die Kapos, die mehr
Freiheiten genossen waren die Überbringer. Mittlerweile genoss ich auch bei den Kapos Respekt und
Ansehen, insbesondere nach der Massenflucht.
März 1965 flüchtete ich wieder, begleitet von einem zweiten Zögling meiner Gruppe. Diesmal
während des täglichen Appels im Innenhof. Nach der Massenflucht hatten die Gruppenerzieher auch
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beim täglichen Appel stets einem genauen Blick auf mich geworfen. Nach ca. drei Monaten allerding
hat die Aufmerksamkeit nachgelassen.
Während eines unaufmerksamen Momentes bogen wir um die Ecke hinter den Häuserblock des
Heimes, so dass wir nicht mehr sichtbar waren und rannten weg. Es war schon eine Frechheit mitten
aus dem Appel von hunderten Zöglingen zu flüchten, aber Mut bringt auch Erfolg.
Mittlerweile hatte ich von befreundeten Zöglingen gelernt, dass man sich auf den ersten Tag der
Flucht am besten verstecken sollte. So taten wir es auch. Wir versteckten uns im Wald, auch wenn es
bitterkalt war harrten wir aus. Ein Stück Brot und eine Tafel Schoko hatten wir als Proviant
mitgenommen. Als Wasser ließen wir Schnee im Mund zerrinnen.
Am nächsten Tag zu Mittag stoppten wir einen Lastwagen, der uns bis Korneuburg brachte. Anhand
der Begleitung erkannte der Fahrer, dass wir vom Heim geflüchtet waren und nahm uns trotzdem
mit, ohne uns festzuhalten oder zu verraten. Von Korneuburg aus machten wir stopp bis Wien.
In Wien blieben mein Fluchtpartner und ich zusammen. Wir gingen zu mir Nachhause und ich klopfte
beim Fenster an. Meine Mutter wusste schon, dass wir geflüchtet waren, weil die Polizei schon
vorbeigeschaut hat. Aus Angst von der Polizei erwischt zu werden gingen wir nicht in die Wohnung
hinein. Stattdessen gab mir meine Mutter ein paar Schilling und eine Tasche mit essbarem.
Wir spazierten durch Wien und suchten eine Schlafmöglichkeit. Nach Einbruch der Abenddämmerung versteckten wir uns in einer Parkanlage neben einen leeren Kindergarten. Da es bitterkalt war,
kamen wir auf dem Gedanken ein Fenster des Kindergartens einzuschlagen.
In den Räumlichkeiten fanden wir einige Decken und machten uns am Boden ein Bett. Das war
überhaupt mein erster Einbruch in ein fremdes Eigentum. Am Morgengrauen machten wir uns
wieder auf den weg, eigentlich ziellos. Wir waren nur froh aus dem Heim weg zu sein, ohne uns des
weiteren Gedanken zu machen.
Tagelang spazierten wir durch Wien herum und suchten stets nach Gelegenheiten, um in der Nacht
zu übernachten. Dabei immer in einen Zustand der Angst und Anspannung, Ausschauhaltens nach
der Polizei, um nicht erwischt zu werden. Ein Zustand, an den ich mich zukünftig noch gewöhnen
sollte.
Untertags holte ich extrem Vorsichtig durch das Wohnungsfenster meiner Mutter eine Tasche mit
Essbarem und nach ein paar gewechselten Worten mit ihr, verschwand ich wieder so schnell ich
gekommen war.
Nach zirka eine Woche auf der Flucht, wurden wir von der Polizei in einer Baustelle aufgespürt und
festgemacht. Ein Bauarbeiter hatte uns beobachtet und informierte sie.
In Eggenburg rückgebracht, kamen wir erneut in die Strafgruppe 14, wo – per Exempel – wieder
körperlichen Misshandlungen und Beschimpfungen stattfanden. Ich musste es wohl erdulden,
wenngleich ich zwischendurch wegen Verletzungen durch die Misshandlungen im öffentlichen
Krankenhaus Eggenburg wiederholt behandelt werden musste (14. S. 2, 4 u. 5).
Nach ca. zwei Monate in der Strafgruppe, wurde ich wieder einmal in der Zugangsgruppe verlegt.
Erstaunlicherweise war zu dieser Zeit eine siebentätige Reise mit der Zugangsgruppe nach Tirol
geplant und ich durfte mitfahren. Ich vermute heute noch, dass die Reise in erster Linie Alibimäßig
stattfand, um dem Wiener Jugendamt etwas vorzuweisen. Denn immerhin wurden wir Zöglingen bis
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dahin ganztätig in der geschlossenen und vergitterten Zugangsgruppe angehalten. Vielleicht hatten
sich auch mehreren Eltern von Zöglingen beschwert.
Ich vermute heute eher, dass das Heimpersonal und der Jugendmagistrat eher Angst vor der
Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wegen des Raubmords an den Heiminsasse bekam und deswegen
die zügeln lockerten. Wie es auch sei, uns Gruppeninsassen kam es wie ein Wunder vor.
Ende August 1965 fuhren wir nach Galtür und von Galtür aus machten wir eine Bergwanderung bis
Landeck. Dabei übernachteten wir in Berghütten. Jeder hatte einen Rucksack mit Lebensmittel aus
Konserven und Brot sowie mit diverser Bekleidung und Unterwäsche.
Die Reise und Bergwanderung war wirklich sehr schön. Mit dem Einschränkung aber, das ich und
zwei weiteren Zöglingen stets neben der Erzieher verbleiben mussten. Die zwei anderen Zöglinge
waren auch schon einmal auf der Flucht gewesen. Die Erzieher wollten uns offenbar ständig im Auge
behalten und merkten dabei nicht, dass sie damit Druck auf uns ausübten und dass sie uns allen
anderen gegenüber einschränkten und benachteiligten.
Gegen mich kam erschwerend hinzu, dass ich einen Zögling wütend eine Faustschlag versetzte, weil
dieser mich beim Schlafen in einer Berghütte, wo wir Zöglinge aus Platzmangel auf säcken ähnlichen
Matratzen eng aneinander liegen mussten, wiederholt durch betatschen sexuell belästigte und keine
Ruhe gab. Er war nicht aggressiv noch versuchte er es mit Körperkraft, sondern er war unglaublich
lästig. Er war der weibliche Typ von bi- oder homosexueller, der offenbar einen männlichen Partner
suchte.
Mir war schon vorher aufgefallen, dass er sich stets Mühe gab weiblich zu wirken und dass er oft
nach mir schielte. Zu dieser Zeit genoss ich bereits bei vielen Heimzöglingen wegen meines frechen
Flüchtens großes Ansehen und Respekt. Vielleicht fühlte er sich deswegen zu mir hingezogen, nur
das ich nicht interessiert war.
Wenn ich in den Anfängen meines Aufenthaltes in den Durchzugsheim „Im Werd“ in Wien und in
Eggenburg in der Zugangsgruppe einiges an sexueller Missbrauch und Belästigung durch stärkeren
Zöglingen erdulden musste und ich dabei höchstens aus Angst Abwehrreaktionen zeigte, so war
dieser Faustschlag in der Berghütte der erste überhaupt, der ich gegen einen anderen Menschen
ausübte und der ich nicht aus Angst, sondern aus Wut ausgeführt hatte.
In meinen Erinnerungen sehe ich darin die Anfänge eines Wendepunktes und Entwicklung meiner
Person zum Selbstschutz und zur Selbstverteidigung, nämlich zu der schwellenden Angst, die mich
nahezu täglich begleitete, kam allmählich auch Zorn und Wut zum Ausbruch zur Geltung.
Nach der Bergwanderung in Landeck angekommen und in einer Herberge untergebracht, von wo uns
der Reisebus nach zwei Tagen abholen und wieder ins Heim zurückführen sollte, durften die anderen
Zöglinge mit einen Erzieher in Landeck Freigang haben. Ich und zwei weiteren Zöglinge mussten mit
den zweiten Erzieher in der Herberge bleiben. Es war paradox, dass wir der Ausflugsreise teilnehmen
durften, andererseits derart eingeschränkt wurden, dass uns die Freude und Spaß mehr oder
weniger abgewürgt wurde, sei es aus übertriebener Vorsicht oder Vergeltung.
Als Betroffener waren wir ziemlich angefressen wegen der Sonderbehandlung und das führte dazu,
dass wir uns aus Trotz zur Flucht verabredeten. Wir packten im Rucksack Konservendosen, Brot und
etwas Gewand und in den Moment, als der Erzieher auf die Toilette ging rannten wir aus der
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Herberge in einen nahegelegenen Wald. In letzter Moment hatte der dritte kalte Füße bekommen
und ist doch nicht mitgeflüchtet, sodass wir nun zu zweit waren (17. S. 1).
Örtlich und Richtungsmäßig konnte ich mich nur nach meinen Fluchtpartner orientieren, denn ich
hatte zu dieser Zeit keinerlei Orientierung und näheren Kenntnisse über Österreich und dessen
Landschaft und Vegation, ausgenommen etwas über Wien und Eggenburg. Mir war nicht einmal die
volle Tragweite der Entfernung von Landeck/Tirol nach Wien bewusst, höchstens das es weiter ist als
von Wien nach Eggenburg.
Das ich all der Abenteuer auf der wiederholten Flucht aus den Heimen überhaupt überlebt habe,
grenzt für mich heute ebenfalls an ein Wunder. Ich war mir die Gefahren, die damit verbunden
waren überhaupt nicht bewusst.
In der Nacht stahlen wir ein Fahrrad, das an eine Häuserwand in der Nähe einer Landstraße, die wir
in Abstand gefolgt waren unversperrt angelehnt war. Und aus einer Bauernscheune stahlen wir auch
Arbeitsgewand, um Kleiderersatz zu haben (17. Gerichtsurteil ab S. 2).
Ich war zuvor noch nie mit einen Fahrrad gefahren und saß akrobatisch auf der Mittelstange. Wir
verloren wiederholt das Gleichgewicht, stürzten uns holten uns etliche Abschürfungen davon, aber
wir kamen km auf km weiter. Gegen Morgengrauen ließen wir das Fahrrad in einen Feld liegen und
versuchten Autostopp zu machen, aber es blieb keiner stehen.
Nach einigen Stunden Rast eingegraben in Strohballen auf einen Acker, erreichten wir dann zu Fuß
mit einbrechen der Abenddämmerung das Bezirk Imst. Wir gingen zu einen Bauernhaus und baten
um etwas zum Essen. Wir bekamen Suppe und Brot serviert. Während des Essens zupfte mir mein
Partner alarmierend beim Ärmel und wir gingen hinaus. Er hatte bemerkt, dass die Bäuerin die
Gendarmerie angerufen hatte.
Kaum waren wir im Hof, sahen wir schon ein Gendarmeriewagen näher kommen. Wir rannten los
Richtung Wald und zwei Beamten hinter uns her. Nach kurzer Jagd wurde mein Partner geschnappt,
während ich den Wald erreichte und hineinrannte. Ein Gendarm knapp hinter mir her. Plötzlich
stand ich vor einen stark strömenden Fluss. Ich weiß bis heute nicht, ob es der Inn war oder ein
Nebenfluss. Knapp bevor mich der Gendarm packen konnte sprang ich in den Fluss.
Die Strömung war so stark, das ich sofort unter Wasser gedrückt und weggezogen wurde. Als mir die
Strömung die Jacke aus dem Körper regelrecht weggerissen hatte und ich wieder auftauchen konnte,
konnte ich mich nur verzweifelt über Wasser halten und mich luftschnappend mit der Strömung
treiben lassen. Wie lange ich im Wasser war und wie ich an das andere Ufer drüber gekommen bin,
erinnere ich mich bis heute nicht. Ich erinnere mich nur an Gebüschen, die über das Ufer in dem
Fluss ragten geklammert und mich mit letzter Kraft wieder auf festen Boden gestemmt zu haben.
Es war unweigerlich eine lebensgefährliche Situation, die ich nur mit höchstem Glück überlebt hatte.
Die Gendarmen, wie mir meine Mutter Tage später erzählte, hatten schon gemeldet, dass ich in den
Hochwasserführenden Fluss gesprungen bin und wahrscheinlich ertrunken sei. Umso glücklicher
waren dann meine Eltern, als ich Tage später bei ihnen anklopfte.
Zunächst blieb ich aber bis zum nächsten Tag völlig erschöpft in der Nähe des Ufers zwischen
Gebüschen liegen. Mit durchnässten Sachen marschierte ich dann weiter. Ich hatte die Orientierung
völlig verloren. Ich marschierte nur durch Wälder und Lichtungen mal Bergauf und mal bergabwärts,
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gelegentlich auch durch kreuzende Geröllhalden aus Steinbrocken.
Dann endlich sah ich einen Bauernhof. Ich hatte zwar Bedenken, das der Bauer oder Bäuerin wieder
die Gendarmerie verständigen konnten, aber ich hatte keine andere Wahl. Auf der Flucht des
gestrigen Tages hatte ich den Rucksack liegen lassen und war nun nur mit Turnschuhe, Hose und
Leibchen unterwegs und hatte auch nichts Essen.
Eine Bäuerin öffnete mir. Ich bat sie um etwas zum Essen. Sie bat mich herein und gab mir volle
Teller. Sie war unglaublich freundlich und mütterlich. Als sie mir Fragen stellte, erzählte ich ihr, dass
ich sechzehn Jahre alt sei und das ich nach Wien unterwegs bin zu meinen Eltern, gleichzeitig bat ich
sie um einen Pullover und um ein Stück Brot zum mitnehmen. Die Bäuerin schaute mich verblüfft an,
merkte allerdings dass ich gebrochen Deutsch sprach und fragte nach meiner Nationalität und
Sprache. Als ich ihr sagte, dass ich aus Uruguay komme und spanisch spreche, reagierte sie erstaunt
und überrascht und sprach mich auf Spanisch an.
Wie sie mir erzählte, hatte sie einige Zeit in Spanien gelebt. Ich erzählte ihr wiederum die Wahrheit,
dass ich aus einem Heim davongelaufen sei und nun zu meinen Eltern wollte. Zu meiner
Überraschung packte sie mir in eine leichte Stofftragtasche eine halbe Stange Wurst und ein halbes
Laib Brot und zudem gab sie mir zwei Pullover mit.
Bevor ich ging zeigte sie mir den Weg zur Landstraße, die Richtung die Stadt Innsbruck führte, wo ich
mich dann weiter erkundigen könnte. Als ich mich verabschiedete, umarmte sie mich und gab mir
ein Kuss auf die Wange und wünschte mir alles Gute. Ich war überglücklich über so viel
Freundlichkeit und Menschlichkeit, die ich nicht mehr gewohnt war.
Nachdem ich über mehreren bewaldeten Berghügeln die Richtung der Bäuerin folgend eine
Landstraße erreichte, hatte ich noch vor einbrechen der Nacht Glück per Autostopp in Innsbruck
anzukommen. Vorbei am Bahnhof sah ich einen Zug und dachte mir noch, wie schön es wäre, wenn
ich mitfahren könnte, hatte aber kein Geld dazu.
Mittlerweile Nacht geworden, suchte ich mir in eine Parkanlage mitten in der Stadt eine Schlafstelle
hinter Gebüschen. Dabei sah ich mitten in der Parkanlage einen Kiosk, der laut Reklametafeln
Süßigkeiten verkaufte. Als es spät in der Nacht wurde und keine Parkgäste mehr unterwegs waren,
brach ich dort durch die Dachluke des Kiosks ein. Neben Süßigkeiten, hatte ich das Glück auch etwas
Kleingeld zu erwischen.
Mit dem Kleingeld kaufte ich mir am nächsten Tag eine Bahnkarte bis Salzburg. Nach Wien reichte
das Geld nicht, erklärte mir die Ticketverkäuferin.
In Salzburg angekommen spazierte ich bis in den Nachstunden durch die Stadt. Bei einer Baustelle
stahl ich eine Eisenstange mit derer ich in einen weiteren Kiosk einbrechen wollte, um mir weiteres
Geld für die nächste Bahnkarte zu besorgen. Plötzlich wurde ich auf der Straße von zwei
Kriminalbeamten angehalten und mitgenommen, weil ich mich nicht ausweisen konnte.
Ich gab zu während eines Heimausfluges entflohen zu sein und wurde in eine geschlossene Herberge
untergebracht. Am nächsten Tag holte mich ein Mann, der mich mit dem Zug nach Wien in einen
Durchzugsheim bringen sollte, von wo ich dann nach Eggenburg weiter gebracht werden sollte.
In Wien angekommen fuhren wir vom Westbahnhof aus mit der Stadtbahn bis zur Haltestelle
Roßauerlände. Dort angekommen lief ich davon. Der Mann folgte mir, aber er war zu langsam und
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verfolgte mich offenbar deswegen nicht weiter.
Nun klopfte ich wieder einmal beim Fenster der Parterrewohnung meiner Eltern. Meine Mutter
schrie auf und riss die Augen entsetz auf. Ich erschrak. Nun erzählte sie mir, dass sie mich aufgrund
der Angaben von Beamten schon für tot hielt.
Diesmal war ich längere Zeit auf der Flucht. Untertags traf ich meine Mutter fast täglich auf eine
Sitzbank auf den Wiener Gürtel. Das war unser Treffpunkt. Jedes Mal versorgte sie mich mit Essen
und Taschengeld. In der Elternwohnung traute ich mich nicht wegen der Polizei. Ich schlief zumeist
in Baustellen oder in dichtem Gebüsche versteckt in Park- und Grünanlagen.
Eines Tages saß ich bei Einbruch der Dunkelheit auf einer Bank in einer Grünparkanlage und fror vor
Kälte. Plötzlich näherte sich ein großer Mann, setzte sich neben mir und fragte mich, ob ich Hunger
hätte und ob ich nirgends zu schlafen hätte. Ich bejahte es. Er redete auf mich ein, mir helfen zu
wollen und forderte mich auf mitzugehen. Ahnungslos und unerfahren ging ich mit. In der Wohnung
musste ich mich duschen und dann gab er mir was zum essen. Dann führte er mich ins Schlafzimmer
mit einem Doppelbett. Ich hatte instinktiv schon ein mulmiges Gefühl und wurde ängstlich, aber es
war schon zu spät. Als wir im Bett lagen fiel er über mich her. Ich versuchte mich loszumachen, aber
der Mann war bärenstark. Und als ich zu schreien begann, drückte er mir den Mund zu. Dann
versuchte er mich anal zu vergewaltigen, rutschte aber zu meinem Glück mit dem Penis nur
zwischen meinen vor Angst zusammengepressten Oberschenkeln und Gesäßbacken. Er glaubte
wahrscheinlich in meinen After eingedrungen zu sein.
Danach musste ich mich wieder anziehen und er schmiss mich aus der Wohnung raus. Schockiert
und nun auch vor Parkanlagen verängstigt, verbrachte ich die weiteren Nächte in Hausfluren oder in
offener Hauseingänge. Ich ging von dieser Zeit an nie wieder mit einem fremden Mann irgendwohin
und erzählte meinen Eltern auch nichts von dem Vorfall, aus Angst dass sie mich ins Heim
zurückbringen würden.
Tagelang allein unterwegs, traf ich dann zwei bekannte Zöglinge aus Eggenburg zufällig auf der
Straße, die ebenfalls auf der Flucht waren. Ich schloss mich ihnen an. Sie führten mich zum Wiener
Naschmarkt, wo sie sich an vorbeigehen unverschämt an den offen aufgestellten Obst- und
Gemüsestände bedienten. Sie machten es so geschickt und schnell, dass kaum jemand es bemerkte.
Bemerke es jemand, so rannten sie weg und ich hinterher. Gegen Mittag gingen wir dann in
unmittelbarer Nähe des Naschmarkes in ein heruntergekommenes, aber voll überfülltem Gasthaus.
Wir aßen dort Gulasch mit Semmeln und Coca Cola. Als wir fertig waren gingen wir in einen
unbeobachteten Moment des Kellners einfach aus dem Gasthaus raus und verschwanden zwischen
den Ständen des Naschmarkes.
Sie demonstrierten mir, wie sie auf der Flucht überlebten und lernten es mir gleichzeitig. In der
Nacht nahmen sie mich zu der Wohnung einer alleinwohnenden Tante eines der Zöglinge mit. Sie
wusste, dass wir flüchtige Heimkinder waren. Die Wohnung war sehr klein, so dass wir am Boden
schlafen mussten. Wir durften bei ihr nur übernachten. Bei Tag mussten wir aber die Wohnung
verlassen, weil sie zur Arbeit ging und uns nicht allein in der Wohnung lassen wollte. Bis auf ein paar
belegte Brötchen konnte sie uns auch nicht ernähren, da sie knapp per Kasse war.
Untertags wanderten wir zwischen den Naschmarkt und Mariahilferstraße. In der Mariahilferstraße
gingen wir in Großkaufhäuser, wo ich von meinen Partner den Ladendiebstahl lernte. Im nu waren
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wir mit neuen Jeanshosen, Leibchen und Pullover angekleidet. Ladendiebstahl war damals
wesentlich leichter als heute. Damals, 1965 gab es z.B. keine Videoüberwachung oder elektronische
Etiketts, die Alarm schlugen, wenn man das Geschäft ohne bezahlen verlies. Es gab nur ein paar
Kaufhausdetektive, die so auffällig herumschauten, weswegen man sie leicht ausweichen konnte.
Nagelneu bekleidet machte sich meine Mutter sorgen, aber ich log sie an, die Kleider von Freunden
geschenkt bekommen zu haben. Unser Treffpunkt war immer am Wiener Gürtel auf Höhe der UBahnstation Alserstraße. Sie erzählte mir, dass die Polizei fast täglich im Hotel vorbeischaute und
auch in der Wohnung unter den Betten nachschaute.
Als jugendlicher auf der Straße in ständiger Angst vor Verfolgung zu leben und zu überleben ist
unstrittig eine immense physische und psychische Belastung, nichtsdestoweniger waren auch meine
Eltern davon mitbetroffen.
Nach dem Treffen mit meiner Mutter fand ich eines Tages den beiden anderen Zöglingen auf den
ausgemachten Treffpunkt nicht wieder. Auch hatte ich mir nicht den Weg zu ihrer Tante eingeprägt,
sodass ich wieder allein dastand. Ich schlief wieder in Baustellen oder in Häuserfluren.
Bei einer Baustelle traf ich dabei auf eine ältere Frau, die keine Wohnung hatte und die ebenfalls auf
Baustellen schlief. Sie hatte mehreren Taschen mit täglichen Gebrauchsgegenständen und Essbarem
mit und lud mich ein. Als sie mich fragte, so sagte ich ihr die Wahrheit, dass ich vom Heim
entwichen sei. Irgendwie verspürte ich Vertrauen zu ihr. Ich durfte mit ihr unter ihrer Decke
schlafen, eng aneinander gedrängt, weil sie nur eine Decke hatte. Am Boden hatte sie zum Schutz
der Bekleidung viele Zeitungen ausgebreitet. Untertags blieb ich in der Folge bei und half ihr beim
Tragen der Taschen.
Die ältere Dame, die Maria hieß und 54 Jahre alt war, war mir eine Hilfe wie eine Mutter. Untertags
ging sie zu Kirchen, wo wir immer was Warmes zum Essen bekamen oder etwas Geld. Sie bettelte
sich freundlichste durch und hatte Erfolg damit.
Überall wo wir hingingen, war sie bekannt und wurde auch freundlich behandelt. Nirgends wurden
wir ohne Essbarem oder mit etwas Kleingeld abgewiesen. Man kannte sie auch in mehreren
Baustellen, wo wir zumeist schliefen. Wenn wir verschlafen hatten, haben die Bauarbeiter stets
freundlich reagiert. Wir packten einfach zusammen und verließen die Baustelle ohne dass die Polizei
herbeigeholt wurde. Mitunter nahmen die Bauarbeiter an, dass ich ihr Sohn sei.
Die Wäsche wusch sie in Wasserhähne öffentlicher Anlagen und breitete diese in der Sonne auf
Wiesen oder auf Bänken aus. Körperpflege betrieben wir ebenfalls auf öffentlichen Anlagen oder auf
Wasserhähne der Baustellen. Für die Notdurft benutzen wir öffentliche WC-Anlagen.
Wochenlang war ich mit ihr unterwegs, auch in Wien-Umgebung, Leopoldsdorf, Maria-Lanzendorf
etc., wo wir in jeder Kirche zum Essen und etwas Kleingeld bekamen. Waren wir außerhalb Wien, so
schliefen wir in Stroh- oder Heuscheunen. Zwischendurch ging sie mit zum Treffpunkt meiner
Mutter. Meine Mutter war sehr besorgt, aber ich versicherte ihr, dass die ältere Frau mir sehr helfe.
In einer Strohscheune bei Leopolsdorf kam es eines Tages auch zum ersten sexuellen Kontakt
zwischen mir und ihr. Es war Hochsommer und an diesen Abend ziemlich heiß. Wir zogen uns bis auf
die Unterhosen aus. Ihre Brüste waren frei. Der Anblick erregte mich. Wir hatten die Gewohnheit
immer eng aneinander zu schlafen. Sie lag mit dem Rücken zu mir. Sie dürfte bemerkt haben, dass
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ich einen erregten Penis hatte und fasste mich an. Sie masturbierte bei mir und führte dann mein
Penis von hinten in ihre Scheide ein. Ich spürte, wie ich in ihr eindrang und wie mein Körper glühte.
Minutenlang zuckte ich in ihr, bekam aber kein Orgasmus. Sie drehte sich auf den Rücken, half mir
zu ihr rauf und in ihr einzudringen. Als ich dann einem Orgasmus bekam, war es als wenn ich vor
Erregung und Erschöpfung ersticken würde, gleichwohl aber ein wunderschönes Erlebnis.
Sie war sozusagen die erste Frau mit der ich überhaupt das erste Mal sexuellen Kontakt und ein
Orgasmus hatte. Sie dürfte es bemerkt haben, denn das sagte sie mir auch auf den Kopf zu und ich
stimmte ihr zu. Von da an hatten wir öfters Geschlechtsverkehr, jedenfalls jedes Mal wenn sie
merkte, dass ich einen erregten Penis hatte. Es war eine rein körperliche Beziehung, worüber wir nie
näher darüber sprachen. In der Nacht hatten wir Geschlechtsverkehr, bei Tag war sie Ersatzmutter.
Seit ich mit der älteren Frau zusammen war, traf ich meine Mutter seltener beim Treffpunkt am
Gürtel, weil wir oft außerhalb Wien waren oder in weitgelegenen Randbezirken. Als ich sie dann
wieder einmal aufsuchen wollte, wurde ich auf den Weg dorthin von einem Polizeiauto angehalten
und weil ich mich nicht ausweisen konnte, wurde ich zur Polizeirevier mitgenommen. Beim Verhör
gab ich dann zu vom Heim entflohen zu sein, als wir in Tirol waren.
Den Kontaktverlust zu meiner Mutter und der älteren Dame Maria traf mich besonders schmerzvoll,
denn ich begann mich durch ihr Umsorgen wohl er zu fühlen.
Ich kam wieder in das Durchzugsheim „Im Werd“ (14. S. 2), wo ich zirka nach zwei Wochen erneut
nach Eggenburg überstellt wurde. Während dieser zwei Wochen versuchte mich der homosexuelle
Erzieher sexuell zu missbrauchen, aber, wie schon geschildert, konnte ich ihn abwehren.
So landete ich wieder in der Strafgruppe 14., von der Anstaltsleitung gerne als „Besinnungsgruppe“
bezeichnet. Sowohl vom Heimleiter als auch von Seiten eines als sehr brutal bekannten Erziehers,
der sehr oft in der Strafgruppe Dienst versah, bekam ich eine Sonderbehandlung an körperlichen
Misshandlungen.
Von Seiten des Heimleiters, der fast täglich die Strafgruppe aufsuchte und der die Zöglinge in einer
Reihe aufstellen ließ und gewohnheitsmäßig bei den Haaren riss oder durch kneifen an den oberen
Ärmel oder durch Ohrendrehen schmerzen zufügte, begleiten von Beschimpfungen und Drohungen,
bekam ich gleich allen Prozeduren auf einmal zu spüren.
Und von Seiten des brutalen Erziehers wurde ich wiederholt mit schallenden Ohrfeigen und mit
Tritten gezielt an den Beinschienen behandelt. Als zusätzliche Strafverschärfung wurde mir
mehrmals die Tagesration halbiert, sodass ich quälenden Hunger hatte. Zwar half mir hie und da ein
Mitzögling mit einem Stückchen Brot oder mit ein paar Löffel Suppe, aber die Tagesrationen waren
für alle Zöglinge schon karg genug.
Für die Heimleitung und Erzieher gab es offensichtlich nur ein Mittel gegen Heimentweichungen
oder anderen Verfehlungen. Misshandlungen, Erniedrigungen und sonstige Brutalität als
Abschreckung und Abgewöhnung. Und in der Tat wurden auf diese weise damals viele Zöglinge
psychisch gebrochen, oft für ihr ganzes leben.
Ich wurde schon vorher mehrmals durch Misshandlungen von Erzieher verletzt. Zweimal musste ich
deswegen auch in das öffentliche Krankenhaus Eggenburg behandelt und genäht werden. Einmal
wegen einer Kopfwunde, als ich nach einer Ohrfeige hinfiel und gegen die Mauer prallte und ein
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andersmal wegen einer offenen Rißquetschwunde am Oberschenkel, die mir durch die Stiefelspitze
eines Erziehers zugefügt wurde, die als Unfälle kaschiert wurden (14. S. 4,5).
Ich war nicht eine Woche in der Strafgruppe, als ich von meinen Vater besuch bekam. Der Besuch
fand im Dienstzimmer der Strafgruppe statt. Nachzutragen ist, dass die Strafgruppe an den täglichen
Appell im Innenhof des Heimes natürlich nicht teilnehmen durfte. Die Strafgruppe war eben nicht
anderes als ein installierten Gefängnis im Heim. In ein Gefängnis gab es zumindest ein Hof, wo
Sträflinge Bewegung im Freien verrichten konnten. Wir Heimkinder hatten nicht einmal das.
Mein Vater war entsetzt über meinen Zustand. Ich hatte eine volle Glatze und noch sichtbaren
Verletzungen und als er mir fragte, woher ich diese hätte, habe ich ihn erzählt mehrmals geschlagen
worden zu sein. Mein Vater wurde daraufhin sehr zornig, so zornig habe ich ihn zuvor noch nie
gesehen und er stritt mit den Diensthabenden Erzieher, bis er vom Erzieher aus der Strafgruppe
rausgedrängt wurde. Wir konnten uns nicht einmal verabschieden.
Ein paar Tage nach dem Besuch meines Vaters, wurde ich von einem Erzieher zum Heimleiter
vorgeführt. Dort eröffnete mir der Heimleiter, dass ich ein Hurensohn sei, dass meine Familie eine
Verbrecherbande sei und dass er angesucht hätte, dass ich im strengsten Erziehungsheim
Österreichs nach Kaiser-Ebersdorf überstellt werde.
Jahrzehnte später fand ich in den Heim- und Gerichtsakten auch Dokumente darüber, dass mein
Vater damals gegen das Heim Beschwerde und Anzeige erstattet hatte.
Offensichtlich war der Heimleiter deswegen so aufgebracht und beschimpfte mich. Ich fand auch die
scheinheiligen und fingierter Ausreden der Heimleitung. Es war eben so üblich damals, dass sich die
Ämter und Behörden gegenseitig schriftliche Anfragen und Stellungnahmen zuschickten ohne
effektive Kontrolle, ob die Angaben der jeweiligen Ämter oder Behörden wahr sind. So konnte die
Heimleitung mit fingierter Berichte und Stellungnahmen sehr leicht alles bestreiten und vertuschen.
Die Akten wurden damit geschlossen und übrig blieb das Betroffene Heimkind.
Auf den retourweg in die Strafgruppe 14 lief ich den Erzieher davon (18. S. 1). Ich rannte mitten
durch den Appellhof des Heimes bis ich die Drahtumzäunung des Heimes erreichte, überkletterte
diese und lief in den Wald. Der Erzieher lief und Schrie wie Wahnsinn hinterher, war aber zu
langsam. Ich hatte zudem Glück, das es eine Zeit war, wo der Appellhof nahezu leer war, weil die
Zöglinge und Erzieher in den Betrieben waren.
Wie ein gehetztes Tier lief ich tief, tief in den Wald. Einen besonderen Nachteil hatte ich diesmal. Ich
war nur mit der Bekleidung der Strafgruppe unterwegs. Mit Sandalen, mit Weiß-Dunkelblau
gestreifter Oberkleidung und mit einer Glatze. So konnte ich mich natürlich nirgends sehen lassen.
In ziemlichen Abstand zur Landstraße Richtung Wien und stets Ausschauhaltend nach Menschen, die
mich in so einer Aufmachung nicht sehen durften, ansonsten würden sie unweigerlich die Polizei
alarmieren, marschierte ich Untertags dahin, bis ich am Rande von Bauernfelder auf eine Holzhütte
traf.
Die Türe der Hütte war nur zugelehnt. Ich öffnete es und ging hinein. Zu meinen Erstaunen und
Freude fand ich auf einer Holzbank mehreren Arbeitshosen und Blusen sowie Kopfkappen vor.
Offensichtlich Arbeitskleidung für Feldarbeiter. Ich suchte mir die halbwegs passenden aus und
schon war ich kein entflohener Zögling mehr.
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Kurz darauf gelang mir ein Lastwagen zu stoppen, der mich bis Stockerau fuhr. Nach kurzen stoppen
in Stockerau erreichte ich Wien. Im Hotel meiner Großmutter angelangt, klopfte ich beim Fenster
der Parterrewohnung. Meine Mutter öffnete und wir machten uns aus, dass ich bei der gewohnten
Treffstelle am Wiener Gürtel auf sie warten sollte. Kurz darauf kam sie Vollgepackt mit Gewand,
Schuhe, Unterwäsche und mit Brot und haltbaren Lebensmittel. Dazu Taschengeld.
Meine Mutter weinte fast jedes Mal bei solchen treffen. Ich konnte selten weinen, obwohl mir oft
dazu zumute war. Wahrscheinlich war ich psychisch zu erschöpft oder zu abgewürgt dazu.
Rückblickend gesehen waren es Jahre des ständigen Leidens und Gehetztseins. Unabhängig davon
ob ich durch Fehlreaktionen, in etwa durch die Heimentweichungen meines dazu beigetragen hatte.
Ich versuchte in der Folge wieder Maria, die ältere Frau zu finden, die ich mich wieder anschließen
wollte, fand sie aber nicht wieder. Erst Jahre später traf ich sie wieder und sie erzählte mir, dass sie
krank geworden war und über längere Zeit in Behandlung im Hospital gelegen ist.
Dafür traf ich gleichzeitig drei Heimkinder, die ebenso aus verschiedenen Heimen entflohen waren.
Einen davon kannte ich bereits vom Heim „Im Werd“ und „Lindenhof“. Ich schloss mich ihnen an. Es
folgten dann Ladendiebstähle, Zechprellerei und räuberischen Diebstahl an Homosexuelle am
Naschmarkt, bei der Opernpassage sowie am Burgtheaterpark oder auf der Thaliastraße, wo
seinerzeit Treffpunkte der Homosexuelle und Strichjungen waren.
Ich hatte auf dem Homostrich keine Erfahrung. Zwei meiner nunmehrigen Partner schon und
erzählten mir, dass man damit gutes Geld machen konnte, ohne unbedingt auf sexuellen
Handlungen einzugehen, gelegentlich nur Masturbieren oder Oralverkehr der Freier.
Sie demonstrierten es mir, indem ich mit ihnen am Abend zu den Homostellen ging und sie dort die
Freier ansprachen, während ich sie von einem Abstand aus beobachtete. Sie verhandelten mit den
Freiern und ließen sich die Brieftasche der Freier zeigen, um sich zu vergewissern, dass sie auch
zahlen können. In dem Moment, als die Freier ihre Geldtaschen zogen um das Geld vorzuzeigen,
wurde ihnen die Brieftasche entrissen. Die Freier konnten nicht einmal Strafanzeige oder
irgendwelchen Wirbel vor Ort machen, weil seinerzeit Homosexualität strafrechtlich verfolgt wurde.
Wiederholter male war ich bei solchen räuberischen Diebstählen mit dabei, ohne mich direkt zu
beteiligen, wohl aber von der Beute mit profitiert zu haben. Direkt mitdabei war ich nur bei Ladenund Straßendiebstähle und Zechprellerei.
Wir schliefen auch öfters in den Wohnungen mancher homosexueller, die meinen Partner kannten.
Da wir zu dritt waren, hatte ich keine Angst mitzugehen, zumal die Freier es nicht auf mich
abgesehen hatten, sondern auf meine Partner.
Zeigte ein Freier für mich Interesse, so habe ich immer abgelehnt und da wir zu dritt waren, hat sich
nie ein Freier näher getraut. Trotzdem habe auch ich von Freier gelegentlich ein Geschenk in Form
von ein Geldschein oder Bekleidung bekommen.
Manche Freier waren gutsituiert und der eine oder andere auch Bezirks- oder Stadtpolitiker, Arzt,
Lehrer oder Akademiker, wie mich meinen Partner prallend erzählten. Manche ihrer Wohnung
waren sehr Luxuriös eingerichtet, sodass man schon mit einem Blick sah, dass sie wohlhabend
waren.
So ging es monatelang weiter bis ich wieder einmal meine Partner aus den Augen verlor nachdem
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ich meinen Vater und Mutter aufsuchte. Sie waren nicht mehr auf den verabredeten Treffpunkt zu
finden. Entweder waren sie von der Polizei erwischt worden oder sie mussten aus irgendwelchen
Gründen woanders hingehen oder untertauchen.
Nun folgten wieder Übernächtigungen in Baustellen und Hausfluren. Dabei lernte ich einen
erwachsenen kennen, etwa 25 Jahre alt, der ebenso Unterstandslos war und ich schloss mich ihn an,
nachdem ich ihn mitteilte, dass ich aus dem Heim entflohen sei und er mir seine Hilfe anbot.
Dieser ging öfters in Trafiken, Gasthäuser und in Kleidergeschäfte einbrechen, wie er mir erzählte
und hatte immer etwas Geld, womit er auch besuche in Wirtshäuser und Cafelokalen finanzierte und
mich stets einlud. Er trank gerne Alkohol und ich begann mitzutrinken. In dieser Phase war ich
gelegentlich betrunken und vernachlässigte weiteren Kontakt zu meinen Eltern.
Bei manchen Einbruchdiebstählen nahm er mich in der Folge als Aufpasser mit, gleichzeitig lehrte er
mir den Ehrenkodex, das man einen Komplizen nie verrät, wenn man irgendwann von der Polizei
festgenommen wird.
Als wir Dezember 1965 von der Gendarmerie in Leopoldsdorf bei Wien verhaftet wurden und bei uns
Diebesgut gefunden wurde, habe ich mich genau nach den Ehrenkodex gehalten und beim Verhör
das Diebesgut auf mich genommen, ohne ihn zu belasten. Dann wurde ich nach Wien in das
Bundespolizeidirektion transportiert. In Wien angekommen versuchte ich beim Aussteigen aus den
Polizeiwagen zu flüchten, wurde aber von einem offenbar gut trainierten Beamten eingeholt.
Fast genau 2 Jahren nach meiner Festnahme Dezember 1963 kam ich wieder in Untersuchungshaft
in das Jugendgefängnis in Wien. Ende Jänner 1966 wurde ich zu 6 Monaten strengen Arrest
verurteilt (17. S. 2-8), ohne Auflage auf neuerliche Einweisung in einen Erziehungsanstalt, dagegen
sich auch meine Eltern und ich strikt aussprachen (17. S. 7).
Als Grund zur unbedingten Strafe wird meine ungehemmte und zügellose Kindheit in Uruguay
angegeben, obwohl dem Gericht überhaupt keine Informationen über meine Kindheit in Uruguay
vorlagen. Es wurde vom Gericht einfach so argumentiert und behauptet, um der eigenen
behördlichen Versäumnisse und verschulden zu verdrängen. Das war damals Selbstverständlichkeit
bei Jugendämtern, Polizei und Justiz: Wegsehen, abstreiten und vertuschen, sei es mit gefälschten
Berichte und Urkunden. Im Grunde nichts anderes, als die administrative Fortführung der üblichen
Nazi- u. Gestapopraktiken .
Mit diesen Gerichtsurteil 1966 war für mich der Horrortrip in den staatlichen Heimen in Österreich
endgültig beendet. Ein Horrortrip, in der Zeit ich zudem keinen einzigen Mal meinen eigenen
Geburtstag feiern oder an den Geburtstage meiner Geschwister und Eltern mit dabei sein konnte,
geschweige denn an den Oster- oder Weihnachtsfeiertagen.
In den Heimen, sei es im Fremdenheim für Kinder in Judenau bei Tulln, im Polizeiheim oder den
Durchzugsheim „Im Werd“ sowie im „Lindenhof“ in Eggenburg habe ich jedenfalls in den
Abteilungen und Gruppen, wo ich untergebracht war nie Feiertage erlebt.
Von August 1962 bis Dezember 1965 habe ich nur jahrelang Terror und Verfolgung erlebt. Terror in
den Heimen und Verfolgung auf der Flucht vor den Heimterror. Eine Zeit voller schrecklicher
Erlebnisse und Konflikte, innerlicher Schmerz und leid und nahezu ständig unter innerlicher
Anspannung.
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Eine Zeit der traumatischen Erlebnisse und innerlichen Konflikte, in der Zeit psychologische oder
therapeutische Betreuung für die geschundenen Heimkinder oder von straffällig gewordenen
Heimkindern undenkbar war. So trugen wir unseren Traumata und Konflikte in die Gesellschaft
hinaus und landeten dutzendweise im Gefängnis, weil wir in diesen schlechten Zustand von selbst
nicht in der Lage waren ein geregeltes Leben zu führen, zumal der Großteil der Heimkinder nach der
Heimentlassung weder familiäre noch gesellschaftliche Unterstützung erwartete.
Das ist keine Ausrede oder Rechtfertigung, sondern die bittere Realität, die damals im Staatsapparat
und in der Gesellschaft herrschte und wütete. Wir Heimopferkinder sind damals eindeutig als
ausgestoßene behandelt und am Rande der Gesellschaft als wertlos ausgestoßen worden. Die NSHerrenmenschen haben ihr Werk in den Nachkriegsjahren unbeanstandet fortgesetzt.
Fatale kriminelle Entwicklung
Jahrzehntelange Odyssee des Schreckens im Gefängnis
Es blieb nicht allein bei den 6 Monaten strengen Arrest (17.), weil die Verurteilung 1964 zu 4
Monaten bedingter Arreststrafe wegen der versuchten Beihilfe zur Notzucht (4 Vr 861/64, Hv 83/64)
widerrufen und in fester Strafhaft umgewandelt wurde (19. Strafregister des Innenministeriums).
Hinzukam eine Verurteilung zu mehreren Monaten Arrest während der Strafhaft wegen
Körperverletzung an einen Mithäftling, der mich und einen anderen Zelleninsassen in eine
Gemeinschaftszelle ständig bestahl und schikanierte, der sich aber bei den Vollzugsbeamten so
einzuschmeicheln verstand, das er am Schluss als Opfer dastand, 1 Vr 896/66 des JGH Wien.
Die Haftstrafe, Ende Dezember 1965 bis Ende Februar 1967 verbrachte ich in das damaligen
Jugendgefängnis im 10. Bezirk in der Hardmuthgasse, heute Justizanstalt „Favoriten“.
Als allererster fiel mir ins Auge, als ich aus den Zellenfenster in den Spazierhof im Innenhof des
Jugendgefängnisses hinabblickte, das ich viele Häftlinge schon aus den Erziehungsheime her kannte,
teils persönlich und teils von den Gesichter her.
Die Hafträume waren einheitlich grauweiß ausgemalt, ansonsten mit veralteten Einrichtungen aus
Stockbetten, Tische und Hockers sowie mit kleinem Wandregale für Habseligkeiten eingerichtet.
Untertags arbeitete man für Privatbetriebe, wie etwa verpacken von Materialien etc. Der Lohn
betrug maximal ein paar Schillinge pro Monate, womit man sich höchstens ein halbes Kilo
Schweineschmalz oder Margarine kaufen konnte oder 2 bis 3 Bündel des billigsten „Landtabak“. Als
Zigarettenpapier war die Bibel beliebt. Als WC-Papier die Kronen Zeitung oder Kurier, den der
Arbeitslohn reichte nicht dazu sich WC-Papier zu kaufen.
Die Justizbeamten waren distanziert, feindselig und selbst bei Kleinigkeiten reagierten sie sogleich
mit Beschimpfungen und sonstigen Beleidigungen, gelegentlich auch mit Ohrfeigen.
Erzieherischen Maßnahmen zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft sowie psychologische
Betreuung oder therapeutischen Sitzungen zur Vermeidung des Rückfalls, das gab es damals absolut
nicht. Nur Absitzen, arbeitsmäßige Ausbeutung sowie billigste ernährt und verwaltet.
Die Haftbedingungen waren extrem von Monotonie und Elend geprägt, weil es keinerlei
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Freizeitgestaltung gab oder ein entsprechender Arbeitslohn, womit man sich alltägliche Bedürfnisse
leisten hätte können.
Die Freizeit bestand nur auf eine Stunde Bewegung im Freien in Gänsemarsch, ohne den vorderen
oder hinteren Mann ansprechen zu dürfen. Von Fernsehen, Radio, Kocher oder sonstigen Komfort in
der Zelle oder des tragen eigener Kleidung wurde nicht einmal geträumt, weil es in den 1960er
Jahren unvorstellbar war.
Auch Kartenspiele waren verboten. Es gab nur Brettspiele Dame, Mühle oder Schach. Abgesehen
davon dass die wenigsten jugendlichen Häftlinge Schach spielen konnten, waren die Brettspiele
anzahlmäßig zudem beschränkt, sodass nicht jeder zu diesem Genuss kam.
Für Freizeitgestaltung sorgten die Häftlinge selbst untereinander durch Blindekuh-Spiele in der Zelle
oder mit gestopften Socken Fußball zu spielen, wobei man sich von Beamten nicht erwischen lassen
durfte.
Es kam fast täglich zu Streitereien und Raufhandel unter den jugendlichen Häftlingen. Die lauten
Streitgespräche und die gegenseitigen Beschimpfungen sowie das Gepolter der Raufhandel konnte
man über den Innenhof des Gefängnisses zumeist mit verfolgen. Heftig ging es auch dann zu, wenn
ein Häftling einen Haftkollaps bekam. Der eine bekam einen Schreikrampf. Der andere zerschlug das
Zelleninventar. Ein anderer wiederum verbarrikadierte sich in der Zelle und wurde dann von dem
Wärtern mit Gewalt aus der Zelle geholt.
Wie späteren Studien ergaben stritten viele Häftlinge aus purer langweile, indem sie sich
gegenseitig schikanierten bis es in Raufhandel mündeten. Haftkollaps und Selbstbeschädigungen
waren zum Teil auch eine Folge der Monotonie über längerer Zeit hindurch.
Zweimal wurde ich strafweise tagelang in Einzelhaft abgesondert, weil ich mich während der
Bewegung im Freien in eine hintere Reihe zu eine anderen Häftling zurückfallen ließ, den ich aus der
Erziehungsanstalt Lindenhof in Eggenburg kannte. Ein andersmal wegen Raufhandels in der Zelle,
wie oben geschildert.
Das hochgestellte Fenster der Absonderungszelle waren mit Spannplatten verdeckt, damit man nicht
in den Hof hinausblicken konnte, sodass man mehr oder weniger in Dunkelhaft saß, da in solchen
Absonderungszellen noch kein elektrischen Licht installiert war. Man saß entweder am Boden oder
man spazierte in der Zelle vier Schritte hin und her mehr oder weniger 24 Stunden am Tag in völliger
Dunkelheit. Tageslicht oder ein Lichtschimmer sah man nur, wenn die Absonderungszelle kurzfristig
zur Verpflegung oder um den Schlafsack reinzunehmen geöffnet wurde.
Dunkelhaft für jugendliche Häftlinge war damals verboten, aber wer kümmerte sich schon darum!
Dunkelhaft, Hartlager und Fasttag war seinerzeit nur für erwachsene Häftlinge zulässig. Seinerzeit
gab es noch kein Strafvollzugsgesetz. Die Gefängnisse wurden nach Gutdünken der Justizwache
verwaltet. Auch mit der Verabschiedung des Strafvollzugsgesetz 1970 sollte ich zukünftig lernen,
dass die Herrschaft der Justizwache schaltete und waltete, wie es ihr beliebte, sodass das
Strafvollzugsgesetz stets nur Schönfärberei auf Papier blieb.
Schlafen konnte man nur am Boden auf einer Matratze. Dazu nur eine dünne Decke ohne Leintuch
und Überzug. Es gab auch kein Tisch oder Sessel. Man lebte regelrecht am Boden. Die Matratze und
Decke wurde Untertags ab 07.00 Uhr früh aus der Absonderungszelle rausgeholt und man bekam es
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wieder um 20.00 Uhr Abends. Für den Notdurft gab es ein Kübel und zum trinken eine Plastikkanne
mit Trinkwasser. Geöffnet wurde nur kurz für die Nahrungsmittel, gleichzeitig um den
Notdurftkübel auszuleeren oder um frisches Wasser zu bekommen.
Die Dunkelheit, absolute Stille und die Einsamkeit sowie die tägliche Kälte ließ mich so verzweifeln,
dass ich die Wasserkanne aus Hartplastik zerbrach und ich mich mit den Splittern die Pulsadern
aufzuschneiden versuchte. Das war meine erste Selbstbeschädigung überhaupt. Es war kein
Suizidversuch, sondern aus der Verzweiflung der Isolation, der Stille und Einsamkeit heraus.
In gewisser Weise war es auch eine Reaktion und ein allmählich schleichenden Ausbruch der in mir
damals unbewusst schwellenden Borderline-Persönlichkeitsstörung, was ich Jahrzehnte später im
Zuge der Aufarbeitung meines Lebens und der Selbstfindung in etwa analysierte.
Denn von da an sollte in absehbarer Zeit eine Welle der Selbstbeschädigung folgen durch
selbstzugefügten Schnittverletzungen an den Armen, durch schlucken von Metallgegenständen
sowie durch Einspritzung von Kot oder Dreck unter der Haut, um sogenannte Phlegmonen zu
bekommen sowie auch ernsthaften Suizidversuche.
Wegen den Schlucken von Metallgegenständen musste ich 5-mal am Magen operiert werden.
Wegen Phlegmonen 7-mal. Und wegen Schnittverletzungen unzählige Male genäht werden. Siehe
Fotos der Vernarbungen über den ganzen Körper (20., bei etwas zoomen gut sichtbar).
Nach der vernähen der Schnittwunden in ein öffentliches Krankenhaus kam ich gleich wieder in die
Absonderung zurück mit dem einzigen Unterschied, dass ich keine Wasserkanne mehr bekam mit
der ich mich erneut verletzen hätte können. Bei Durst musste ich anklopfen.
Eine soziale oder psychologische oder therapeutische Betreuung und Behandlung für psychisch
auffällige jugendliche Häftlinge gab es damals in den 60er und 70er Jahren keines. Es gab zwar
Anstaltspsychologen, aber offenbar nur um ein gutes Monatslohn abzukassieren.
Die Behandlung bei Selbstbeschädigung oder bei Suizidversuche bestand darin, dass man in Isolation
abgesondert wurde oder, falls man sich auch in der Absonderung selbstbeschädigte wurde man
selbst in der Absonderung einer strengeren Isolation unterzogen. Dabei kam es nicht selten vor, dass
manche Wärter selbstbeschädiger oder Suizidgefährdete mit Beschimpfungen oder mit körperlichen
Misshandlungen davon abzubringen versuchten.
Die Absonderungszellen der Abteilung waren jedenfalls stets vollbesetzt mit jugendlichen, die einen
Haftkollaps bekommen hatten, die sich selbstbeschädigten oder die Suizidversuche unternahmen
oder wegen Raufhandel oder wegen sonstiger Ordnungswidrigkeiten.
Während die 14 Monate Strafhaft kamen mir meinen Eltern nur einmal zu Besuch. Wie ich später
erfuhr, waren sie zerstritten und lebten zu dieser Zeit mal getrennt und mal wieder zusammen.
Meine Geschwister lebten ebenso außerhalb der Familie in aller Winde zerstreut, teilweise
verheiratet oder liiert mit einem Partner.
Zwei Schwestern von mir wurden zu prostituierten nachdem sie vom Heim geflüchtet waren und von
Männern und Zuhältern aufgegriffen und vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen wurden.
Als ich schließlich Februar 1967, knapp unter 18 Jahren entlassen wurde, war ich ein Nervenbündel
sowie geistig und psychisch ein Wrack, ohne berufliche Erfahrung, ohne irgendwelchen Zukunftsziele
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oder überhaupt in entferntesten der Vorstellung einer Zukunft sowie der menschlichen Bezug zu
meinen Eltern und Geschwister durch die lange Trennung und der Zwischenereignisse in den Heimen
und Jugendgefängnisse entwurzelt und entfremdet.
Passfoto von mir von 1967 im Alter von 18 Jahren
Meine Eltern, in Begleitung meines Bruders Leopold und der kleineren Geschwister Teresita und
Antonio holten mich am Entlassungstag ab und wir fuhren nach Maria Schutz, gelegen zwischen
Schottwien und Semmering, wo mein Vater die Pension „Marienhof“ gepachtet hatte. Aus dem Geld
des Pflichtanteils der Erbschaft des Hotels „Währingerhof“, als meine Großmutter 1966 verstorben
war.
Pension „Marienhof“ in Maria Schutz/NÖ
Erst nach meiner Entlassung erfuhr ich vom Tod meiner Großmutter sowie vom Tod meines
Stiefgroßvaters, der ein Jahr vor ihr verstorben war. Bis zuletzt blieb mein Vater mit der Großmutter
zerstritten, so dass er enterbt wurde und er nur den Pflichtteil von knapp 2 Millionen Schilling
ausbezahlt bekam.
Mit diesem Geld pachtete er die Pension „Marienhof“ und investierte hunderttausende Schillinge
für Renovierungen und eine neue Ausstattung. 1968 ging er pleite damit, weil die Gäste ausblieben.
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Wie er mir Jahre später erklärte, wurde er von einem Rechtsanwalt reingelegt, der ihn die große
Rentabilität der Pension einredete, die sich schließlich als Flop erwies.
Damals erfuhr ich auch zum ersten Mal von meiner Mutter über die Schicksale meiner Schwester
Christina und Martha, wie oben schon geschildert.
Meine Schwestern Ana und Isabella, die ebenfalls in Heimen waren, waren mittlerweile verheiratet
und hatten Kinder und wohnten in den Wohnungen ihrer Ehemänner. Sie hatten das Glück gehabt
ordentliche Männer kennengelernt zu haben. Trotzdem sind auch an beiden die psychischen
Torturen in den Heimen nicht spurlos vorübergegangen. Besonders meine Schwester Isabella litt
auch Jahre danach und ist deswegen heute noch in therapeutischer Behandlung.
In der Pension half ich meinen Vater manchmal in der Küche oder meinen Bruder beim kellnern im
Speiseraum der Pension aus. Ich war aber weder für das eine oder für das andere tauglich. Zum
Kellnern war ich bedingt meiner innerlichen Nervosität und Unsicherheit einfach unfähig. Es fehlte
mir jeglichen berufliche Erfahrung und Selbstvertrauen. Ich zitterte bei jede Serviergang der Gäste,
so dass mir die Tellern aus der Hand glitten oder so umkippten, das das essen über die Teller lief.
Also wurde ich von meinen Vater nur zum Putzen und Geschirrwaschen in der Küche eingeteilt oder
zum Saubermachen der Gästezimmer und sonstigen Räumen der Pension und bekam dafür einen
bescheidenen Taschengeld.
Von Anfang an fühlte ich mich in der Familie und in der Pension nicht wohl und wie ein fremder als
Gast. Ich verspürte keinen innerlichen Bezug mehr zu meinen Eltern und Geschwister, obwohl sie
sich durchaus um mich kümmerten. Dafür verspürte ich fast ständig ein Druck wie ein Klotz am Hals
und auf der Brust sowie eine innerliche Unruhe, die mir auch den Schlaf raubte.
Ich war nun wieder in Freiheit, gleichzeitig aber weiter in Isolation als gefangener meiner selbst,
ohne es mir bewusst zu sein.
Was ich zuvor in Uruguay zwischen meinen Eltern nie erlebte, war die Häufigkeit, die Heftigkeit und
Aggressivität wie sie sich nun fast täglich stritten. Die Streitereien gingen vorwiegend von meinen
Vater aus, der offensichtlich wegen des schlechtgehenden Geschäfts sehr frustriert war und er sich
ständig bei meiner Mutter abreagierte und gelegentlich auch handgreiflich wurde.
In solchen Situationen verspürte ich plötzlich wieder kurze Momente meiner Zuneigung zu meiner
Mutter, wie ich es als Kind empfand, da sie mir immer näher stand als mein Vater.
Als ich eines Tages mit meiner Mutter und den kleineren Geschwister im Lokalzimmer vor den
Fernseher saß, kam mein Vater aus der Küche und schimpfte ungehemmt vor Gästen und
wutentbrannt auf meine Mutter ein. Er beschimpfte sie als Hure, die nur herumsitzt und nichts tue
etc., obwohl meine Mutter ihr Leben lang sehr fleißig war und auch in der Pension arbeitsmäßig sehr
engagiert war.
Als er zudem meiner Mutter ins Gesicht schlug, sprang ich spontan auf und versetzte meinem Vater
einen Fußtritt, der zwischen seinen Beinen abrutschte und auf seinen Schritt landete und schrie ihn
an, Mutter in Ruhe zu lassen.
Ich konnte es nicht mehr ertragen und nicht mehr zusehen, wie er meine Mutter behandelte, die uns
Kinder immer bestens versorgt und umsorgt hatte.
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Mein Vater krümmte sich vor Schmerzen zusammen. Er schrie lautstark auf und rief gleichzeitig nach
meinen Bruder und beschwerte sich bei ihm, dass ich ihn einen Fußtritt verpasst hätte.
Daraufhin attackierte mich mein Bruder. Ich stieß ihn von mir weg, worauf er stolperte und gegen
die Vitrine der Schenke stolperte und sich dabei an der Hand verletzte. Nun zog sich mein Vater
und mein Bruder im Büro zurück, von wo sie die Gendarmerie anrief.
10 Minuten später war die Gendarmerie da und ich wurde wegen leichte Körperverletzung und
gefährlicher Drohung gegen meinen Vater und Bruder auf freien Fuß angezeigt.
Meine Mutter, die noch immer sehr gebrechlich deutsch sprach, weil sie wegen der Kinder fast nie
außer Haus kam versuchte den Gendarmen zu erklären, dass ich ihr nur geholfen hätte, weil unser
Vater ihr gegenüber Gewalttätig geworden sei , aber die Gendarmen hörten nur auf meinen Vater
und Bruder, obwohl mein Bruder zur Zeit des Geschehen nicht einmal im Lokalzimmer war und
daher nicht gesehen haben konnte, das ich meine Mutter nur verteidigt hatte.
Die Gendarmen nahmen nur die Sachverhalte meines Vaters und Bruder zu Protokoll und ignorierten
die Zeugenangaben meiner Mutter, offensichtlich wollten sie keine weiteren Umstände haben, da
sie nur gebrochen deutsch sprach.
Im Dezember 1967 wurde ich deswegen dann beim LG Wiener Neustadt zu sechs Monate Kerker
wegen leichte Körperverletzung, gefährliche Drohung und wegen Angriff auf eine elterlichen
Erziehungsperson verurteilt, letztere der Grund zu der hohen Haftstrafe war, GZ: 9 A E Vr 852/67,
9 Hv 376/67 des LG Wiener Neustadt.
Vorerst verblieb ich aber trotz des Vorfalls weiterhin in der Pension Wohnhaft und half weiterhin
beim Putzen der Gästezimmer und sonstiger Räumlichkeiten.
Nach einiger Zeit verstand ich mich wieder mit meinen Vater, den es mittlerweile leid tat mich
überhaupt angezeigt zu haben. Jedenfalls hat er meine Mutter nie mehr in meiner Gegenwart
beschimpft oder geschlagen.
Damals nahm ich nicht bewusst auf, wie spontan, impulsiv und wütig ich reagieren konnte, und zwar
nicht aus den Verstand heraus, sondern rein emotional.
Eines Tages checkte eine ziemlich dicke ältere Frau für ein paar Tage Urlaub in der Pension ein, die
mit meinen Vater geschäftlichen Beziehungen hatte. Sie war Marktfrau und besaß ein Gemüse- und
Obstladen am Naschmarkt in Wien und belieferte meinen Vater mit frischen Gemüse und Obst.
Offenbar hatte sie großmütterliche Gefühle für mich übrig, so glaubte ich es zumindest, da sie stets
wollte, dass ich ihr bei Tisch Gesellschaft leiste. Eines Tages lud sie mich dann ein mit ihr nach Wien
zu fahren, bei ihr zu arbeiten und zu wohnen. Ich sollte ihr nur beim Anziehen und beim Putzen im
Haushalt in ihrer Wiener Wohnung helfen. Mein Vater redete es mir auch ein, sodass ich mit ihr nach
Wien fuhr.
Ich putzte ihr die Wohnung und half ihr auch beim Anziehen. Die ersten Tage verliefen sehr
freundlich. Sie war mit Geschenken sehr zuvorkommend. Sie kaufte mir neue Kleider und Schuhe
etc. Sie hatte am Naschmarkt mehreren Gemüse- und Obststände, wo sie mich ab und zu mitnahm
und war wohlhabend, wie sie mir erzählte.
Das einzige komische war, das ich mit ihr in einen Doppelbett schlafen musste, da sie kein anderes
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Bett in der Wohnung hatte. Als sie nach zirka zwei-drei Wochen eines Abends zu mir unter der
Decke griff und sich mit mein Penis herumzuspielen begann, war ich schockiert, traute mir aber
nichts zu sagen. Da es ihr nicht gelang mein Penis zu erregen, ließ sie davon ab. Am nächsten Tag
packte ich meine Sachen und flüchtete aus der Wohnung.
Bis heute weiß ich nicht, wie alt sie tatsächlich war, so etwa zwischen 65-70 schätzte ich. Ich sah sie
eher als Ersatzgroßmutter an, aber Sex mit ihr zu haben war für mich unmöglich.
Zwar hatte ich meinen ersten sexuellen Kontakt ebenfalls mit einer älteren Frau, wie ich bereits
schilderte, aber diese hatte noch eine straffe schöngeformte Figur, während die Naschmarktfrau
unschön dick und viel älter war.
Nun allein in Wien machte ich mich auf die Suche nach meinen Schwestern, die in Wien als
Prostituierte arbeiteten und ich fand sie auch. Christina arbeitete abwechselnd in der Kärtnerstraße
und Mariahilferstraße, die damals in bestimmtem Straßenbereiche für die Prostitution frei waren.
Und meine Schwester Martha war am Wiener Gürtel als prostituierte tätig.
Ihre Schicksal in den staatlichen und katholischen Heime, letztere im Klosterheim Wr. Neudorf in
Niederösterreich war nicht weniger von Gewalt, Erniedrigungen und sexueller Missbrauch geprägt,
als mein eigenes Schicksal.
Eine Zeitlang wohnte ich abwechselnd in ihrer Wohnungen, die sie mit befreundeten prostituierten
teilten. Sie halfen mir auch mit etwas Taschengeld und Verpflegung.
Auf den Gedanken eine Arbeit anzunehmen und nachzugehen, kam ich nicht. Nach der Entlassung
wurde ich mehr oder weniger von meinen Eltern übernommen und in der Pension zu Hilfsarbeiten
eingeführt.
Ich persönlich hatte nicht einmal eine Ahnung wie, wann und wo man sich zu einer Arbeit vorstellt.
Meine Fähigkeiten und meinen Erfahrungen beschränkten sich auf die negative Zeit in den
staatlichen Heimen und Jugendgefängnisse, wo ich nichts Vernünftiges erlebt und gelernt hatte, sei
es beruflich oder menschlich. Aus eigener Initiative hatte ich nur aus den Heimen zu flüchten und am
Straßenmilieu mit Kleinkriminalität zu überleben.
Meine Pubertätszeit und meine ganze Jugend hatte ich nur in Heimen und Jugendgefängnisse
verbracht, stets mit unmenschlichen konfrontiert. In Freiheit nun vegetierte ich nur dahin,
beschränkt auf die primitivsten Bedürfnisse des Überlebens. Zu was anderen war ich nicht fähig.
Zu dieser Zeit hätte ich eine vernünftige und erfahrene Person an meine Seite gebraucht, der mir
einen Weg gezeigt hätte, um einen vernünftigen Weg einschlagen zu können. Denn im Kopf war ich
zu dieser Zeit leer, dafür trug ich in der Seele einen Rucksack voller Probleme und Schmerzen.
Als ich dann von meiner Mutter August 1967 informiert wurde, dass die Anklageschrift wegen des
Vorfalls mit meinen Vater an ihre Adresse zugestellt wurde, bekam ich Angst vor eine Rückkehr ins
Gefängnis und fuhr mit einen deutschen Freier nach Deutschland, den meine Schwester Martha gut
kannte und mit ihm befreundet war.
Mit seinem deutschen Auto fuhren wir über die Grenze Freilassing nach Deutschland. Einen
Reisepass hatte ich schon beantragt gehabt und mittlerweile auch schon ausgefolgt erhalten.
Wieder einmal war ich auf der Flucht.
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In München angekommen führte mich der Freier und Freund meiner Schwester im Nachtleben ein,
die seinerzeit in den 60er bis 67er Jahren durch die Hippie-Bewegung schillerndsten war.
Nach ein paar Tagen hatte er aber offensichtlich keine Lust mehr ständig für mich aufzukommen,
sodass ich seine Wohnung verlassen musste und nun auf der Straße stand, ohne Geld und
Unterkunft.
Nun folgten die Schritte, die ich in Wien auf der Flucht aus den Heimen gelernt hatte. Am
Straßenmilieu zu Leben und zu überleben.
Der Hauptbahnhof München bot sich damals als Schlafstätte sehr gut an. Es schliefen dort auch viele
ausländische Hippies, die kein Geld mehr für einen Unterkunft hatten. Die Münchner Polizei war
damals tolerant und ließen uns in den Untergängen des Bahnhofs schlafen.
Um Mahlzeiten oder Geld für meine täglichen Bedürfnisse zu beschaffen, begann ich im Nachtleben
Münchens in den Homo und Lesben und prostituierten lokale Ausschau zu halten.
Da ich noch sehr jung war, hatte ich es nicht schwer von homosexuelle stets eingeladen zu werden.
Sie bezahlten mir Mahlzeiten und Getränke. Als sie Gegenleistungen wollten, lief ich einfach davon.
Ein paar Mal ließ ich bei mir aber dann doch von älteren Homosexuelle Masturbieren und /oder
Oralverkehr machen, weil der Angebot so gut war. Es ergab sich nicht die Situation ihnen nur die
Brieftasche zu entreißen und davonzulaufen. Mir grauste, aber ich brauchte das Geld. 100 bis 200
deutsche Marks waren damals viel Geld. Ich kaufte mir damit neue Kleidung und Schuhe.
Mit Geld konnte ich genauso nicht umgehen. Das widerlich verdiente Geld war sehr schnell weg.
Zwei drei Mal gelang mir dann doch Homosexuelle die Brieftasche zu entreißen und reiß aus zu
nehmen, wie ich es in Wien von anderen entflohenen Zöglingen am Naschmarkt oder bei der
Opernpassage gelernt hatte.
Dann lernte ich aber eine mittelältere prostituierte in einen Nachtlokal kennen, die mich ein paar
Wochen bei ihr schliefen ließ und mich finanziell unterstützte und sexuell verwöhnte. Meinerseits
waren weder Liebesgefühle noch besondere Leidenschaft dabei, sondern es war einfach praktisch
für mich versorgt zu werden. Sie wollte meistens, das ich oral-und Analverkehr bei ihr mache oder
sie oral bei mir. Warum sie nur Analverkehr wollte, weiß ich bis heute nicht.
Eines Abends ging ich dann durch die belebten Straßen München herumspazieren und rief eher
spontan und übermütig zwei Mädchen auf Spanisch spontan zu „Eh, Bonitas (Hallo, ihr schönen)“,
zumal mir eine von ihnen sehr gefiel. Eigentlich war das nie meine Art.
Die Mädchen lachten auf und zu meiner Überraschung erwiderten sie mir auf Spanisch „Gracias,
Muchacho (Danke Junge)!“.
Da sie spanisch sprachen, also meine Muttersprache kamen wie mitten auf der Straße ins Gespräch.
Sie waren Tramperinnen aus New Mexiko mit mexikanischen Wurzeln, deswegen sprachen sie auch
spanisch. Ich wiederum sagte ihnen, dass ich aus Uruguay komme und nun in Österreich lebe.
Wir gingen in einen Caféhaus und unterhielten uns ausgiebig auf Spanisch über unseren
Ursprungländern. Wir konnten uns gut miteinander unterhalten, sodass es sehr spät wurde. Nie
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zuvor konnte ich mich so frei und unbeschwert mit anderen jungen Frauen unterhalten, schon gar
nicht auf Spanisch.
Als sie mich fragten, wo ich in München schlafen würde, konnte ich ihnen nicht sagen, dass ich in der
Wohnung einer Prostituierten schlafe und log sie an, dass ich in München keine Schlafstätte hätte.
Daraufhin lud mich zu meiner Überraschung eines der Mädchen dazu ein in ihre Hotelzimmer zu
schlafen. Gerade dieses Mädchen lud mich ein, die mir so gefiel. Sie hieß Nadine Maria Bunn und sie
war sowie ich 18 Jahre alt.
Offenbar beruhte diese Zuneigung auf Gegenseitigkeit, denn kaum in ihr Hotelzimmer angelangt,
lagen wir schon im Bett und schliefen miteinander, ungeniert das ihr Freundin im nebenan im Bett
lag. So war es in den 67er-Jahren während der Hippie-Zeit. Auch die Mädchen suchten sich ihre
Partner aus und taten nicht lange herum.
Wir blieben zusammen und ich schlief in der Folge weiter im Hotelzimmer mit ihr. Nadine bezahlte
das Hotelbett für mich, denn ich hätte kein Geld für ein Hotelzimmer gehabt. Ihre Freundin nahm
sich ein anderes Hotelzimmer gleich nebenan. Trotzdem waren wir tagsüber die meiste Zeit zu dritt
zusammen.
Noch nie zuvor hatte ich mit einem Mädchen zusammengelebt. Mit Renate in den Polizeiheim 1964
war es eine platonische Beziehung. Mit Nadine lernte ich nunmehr eine bisher nicht gekannte
Leidenschaft und Anziehungskraft.
Nadine hatte immer ausreichend Geld und sorgte für unseren Unterhalt. Ihre Eltern waren Besitzer
von Ölfeldern in New Mexiko und ihre Freundin wiederum war die Tochter eines amerikanischen
Botschafters, so jedenfalls ihrer Erzählung nach. Geld hatte sie jedenfalls genug.
Es folgten Wochen, die wir mit Sex und auf den Nachtleben verbrachten. Nicht das ich was dagegen
gehabt hätte. Im Gegenteil, aber die treibende Kraft zum Nachtleben und ausgiebigen Leben war vor
allem Nadine. Heute würde ich sagen, dass Nadine eine durch die Eltern finanziell verwöhnte Göre
war, dass einfach das machte, was ihr Spaß und Lust machte. Und davon ließ sie sich nicht
abbringen.
Was den Sex anging, war sie jedenfalls erfahrener bzw. ungehemmter als ich. Als sie einmal allein
zum Friseur ging und ich mit ihr Freundin allein im Hotelzimmer verblieb, zog mich ihr Freundin ins
Bett und ich hatte auch mit ihr Sex. Das war für mich schrecklich, vor allem weil sie während des
normalen vaginalen Verkehrs Schmerzensschrie ausstieß, wenngleich ich ihr unmöglich weh getan
haben konnte, da ich über kein Monsterpenis verfüge damit ich ihr tatsächlich weh tun könnte.
Erschreckt unterbrach ich den Geschlechtsverkehr und fragte ihr, was los sei. Daraufhin begann sie
zum Weinen und erzählte mir, dass sie im Alter von acht Jahren von einem Mann vergewaltigt
worden sei und dass sie seither – in Erinnerung der Vergewaltigung als Kind und der unvorstellbaren
Schmerzen - nicht vermeiden kann beim Geschlechtsverkehr schmervoll zu schreien.
In Erinnerung meiner eigenen Vergewaltigung im Heim „Lindenhof“ in Eggenburg, tat sie mir sehr
leid, aber ich fand nicht die Worte, um sie zu trösten und hatte danach auch nie mehr sexuellen
Kontakt mit ihr.
Rückblickend gesehen, vermute ich heute, dass das Mädchen, die zu dieser Zeit ebenfalls 18 Jahr
jung war psychisch in den Stand des Traumas der Vergewaltigung steckengeblieben ist und dringend
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eine psychotherapeutische Behandlung gebraucht hätte. Heute noch denke ich manchmal mit
Traurigkeit an sie und frage mir stets, was aus ihr geworden sei, hörte aber nie wieder etwas von ihr.
Nach eine kleinen Streit und Handgemenge in einen Caféhaus voller jungen Leute , wo man sich
wegen eines Sitzplatzes herum schubste, ohne sich verletzt zu haben, wurde ich und zwei weiteren
Personen von der Münchner Polizei vorläufig festgenommen. Und da ich meinen Reisepass nicht
mithatte und ich angab aus Österreich eingereist zu sein, ergab die deutsche behördenanfrage in
Österreich, das ich wegen des Straffalles im Zusammenhang meines Vaters und Bruders auf der
Fahndungsliste stand.
Ich kam in Schubhaft der Fremdenpolizei und wurde Tage später nach Österreich überstellt, wo ich
an der Staatsgrenze Freilassing von der Salzburger Polizei übernommen und weiter nach Wiener
Neustadt überstellt wurde.
Meine Freundin Nadine fuhr mir nach und mietete in Wien eine kleine Wohnung, besuchte mich
regelmäßig und unterstützte mich auch finanziell während der Haft. ihren Angaben nach war sie von
mir Schwanger geworden.
Wegen des Straffalles in Maria Schutz wurde ich beim Landesgericht Wiener Neustadt Dezember
1967 zu sechs Monate Freiheitsstrafe verurteilt, GZ: 9 A E Vr 852/67, die ich zur Gänze in
Gefangenenhaus für erwachsenen in Wiener Neustadt absaß, da ich im Juni 1967 18 Jahre alt
geworden war.
Meine Mutter, die mich erheblich entlasten hätte können, da ich sie nur vor der häuslichen Gewalt
meines Vaters schützen wollte, wurde als Zeugin nicht vorgeladen, da die Gendarmerie Schottwien
keine Zeugenaussage von ihr aufgenommen hatte. Normalerweise hätte auch mein Vater wegen
häuslicher Gewalt vor Gericht stehen müssen und ich höchstens wegen Übertretung der Notwehr im
Zuge der Verteidigung meiner Mutter.
Aber so ist es einmal, wenn man über seine rechte nicht in Kenntnis ist und sich selbst nicht
verteidigen kann, bleibt man halt über.
Die Haftbedingungen im Gefangenenhaus Wiener Neustadt waren ähnlich diese des
Jugendgefangenenhauses in der Hardtmuthgasse im 10. Wiener Bezirk.
Absitzen, arbeitsmäßige Ausbeutung sowie billigste ernährt und verwaltet sowie keine
Freizeitgestaltung oder Resozialisierungsmaßnahmen. Der wesentliche Unterschied bestand nur
darin, dass ich nun auch unter vollerwachsenen und weit älteren Häftlingen mit zahlreichen
Vorstrafen und Knasterfahrung einsitzen musste.
Aber auch in das Wiener Neustädter Gefangenenhaus traf ich erstaunlicherweise auf zahlreichen ExHeimkinder, die ich aus den Durchzugsheim „Im Werd“ in Wien und „Lindenhof“ in Eggenburg her
kannte.
Nach einigen Wochen hatte ich mit einem mittelälteren Häftling mit zahlreichen schweren
Vorstrafen, wie sich später bei der Gerichtsverhandlung herausstellte, unter der Dusche eine
körperliche Auseinandersetzung.
Er arbeitete als Kapo-Hausarbeiter in der Abteilung und war für die Ausgabe der Mahlzeiten und
Reinigungsmaterial etc. zuständig. Er kontrollierte auch, dass die Insassen zügig aus der Dusche
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rauskamen. Duschen war nur einmal in der Woche erlaubt und die Duschzeit betrug höchstens zehn
Minuten, inbegriffen aus- und anziehe Zeit.
An diesen Tag war ich noch beim Trocknen, als alle anderen schon fertig waren. Er kam in den
Duschraum, schrie mit mir herum und wollte mich aus dem Duschraum raus zerren. Als ich mich
dagegen stemmte fing er an auf mich einzuschlagen. Ich schlug panisch zurück. Er ließ mich los und
rannte zum Abteilungsbeamten, der mich ohne zu befragen, was wirklich passiert ist, strafweise in
eine Absonderungskellerzelle verlegte.
Obwohl ich selbst sichtbar am Auge leicht verletzt war, wurde ich keinen Anstaltsarzt vorgeführt,
wohl aber der Kapo-Hausarbeiter, sodass es nur gegen mich zu einer Strafanzeige wegen leichter
Körperverletzung kam, wofür ich letztlich 8 Tage Arrest Zusatzhaftstrafe bekam, GZ: 5 U 1581/68 des
LG Wiener Neustadt.
Ich hatte mittlerweile gelernt, dass man sich von Mitgefangenen, noch dazu von Kapos nicht
unterdrücken oder sonst was gefallen lassen darf, sonst geriet man in die Teufelsküche. Entweder
wird man dann sexuell missbraucht, unterdrückt und schikaniert und/oder finanziell genötigt oder
vor die eigenen Augen bestohlen, ohne dass man sich dagegen wehren kann.
Gleichzeitig machte ich aber auch die Erfahrung, dass das Kapo-System an Hausarbeiter in den
Zellenabteilungen und an Vorarbeiter in den Betrieben genau genommen ein Sklaven-System der
Justizwache war, den sie nahmen der Justizbeamten die Arbeit ab, während die Beamte im
Dienstzimmer die Zeitungen lasen oder Kreuzworträtsel auflösten, heute bei Handy- oder Computer.
Als verlängerten Arm der Justizwache genießt das Kapo-System im österreichischen Strafvollzug
heute noch höchste Beliebtheit bei der Justizwache sowie freien Hand mit Mitgefangenen
herumzuschreien und herumzukommandieren, gleichzeitig mit allen Intrigen und Verleumdungen zu
agieren, um ihre Machtstellung zu demonstrieren und ihren Vorteilen der Vollzugslockerungen bis
zur bedingter Entlassung hin durchzusetzen.
Wehe den Häftling, der sich im österr. Strafvollzug über Missstände beschwert, denn er hetzt sich
gleichzeitig dem Kapo-System auf den Hals.
Im Grunde genommen, wie ich Jahre später in Dokumentationsliteratur über die österreichische
Geschichte las und mich hinein studierte, insbesondere über die Nazivergangenheit Österreichs, war
es nichts anderes als die Fortsetzung des Kapo- Systems wie in die KZs praktiziert wurde, nur in
sanfterer Form.
Man wird als Strafgefangener oder als Untersuchungshäftling nackt ausgezogen und dann zählt nur
mehr völlige Unterwerfung und sich die Willkür des Gefängnispersonals kritiklos anzupassen. Wer
als Häftling auf Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde oder Menschenrechte pocht, der kommt hinter
Gittern sehr schnell unter die Räder.
Ein allgemein schwerer Missstand im österr. Strafvollzugssystem, der bis zur Gegenwart praktiziert
und bis zum Justizministerium hinauf toleriert wird – da herrscht Chorgeist bis zu den höchsten
Behördeninstanzen und Politiker des Staates. Das ist meine Erfahrung, die ich in den staatlichen
Heimen und Gefängnisse über Jahrzehnten eingesammelt habe, darüber mich zu äußern ich mir von
niemand einen Maulkorb verpassen lasse.
Nach der strafweisen Absonderung in eine nackte Zelle in der Kellerabteilung wurde ich in eine leere
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Zweimannzelle in eine andere Abteilung verlegt und in einen Betrieb zur Arbeit eingeteilt, wo man
für eine Privatfirma Griffe auf Plastiktaschen schweißten.
Für den ersten Moment war ich erschreckt und irritiert, als die Zellentüre aufging und ich meinen
neuen Zellenpartner eintreten sah. Nicht nur, dass ich ihn aus der Erziehungsanstalt in Eggenburg
her persönlich kannte, war er zudem Homosexuell. In derart homosexuell, als das er mit
Schulterlangen Haaren und femininen Gehabe offen das Weibchen demonstrierte. Er war nur ein
halbes Jahr älter als ich und an sich ein ruhiger und friedlicher Typ, nur halt gerne ein Weibchen.
Ob ich wollte oder nicht, musste ich mit ihm auskommen, denn seinerzeit gab es keine
Wunschverlegungen. Und ich kam auch aus mit ihm, denn er war ein friedlicher Typ und mit ihm
konnte man sich auch unterhalten.
Das Niveau der Unterhaltung beschränkte sich allerding auf Gespräche unserer Erlebnisse vor der
Zeit in den Heimen und über die Heimzeiten und der strafbaren Handlungen, weshalb wir
eingekerkert wurden - das war halt unser geistiger Horizont
Nach zirka eine Woche ließ ich mich dazu hinreißen und ließ mich von ihm Oral befriedigen, während
ich die Augen zudrückte und an meine Freundin Nadine dachte. Mit seinen langen Haare und
weiblichen Gehabe konnte man ihm beim ersten Blick tatsächlich für ein Mädchen verwechseln.
Zudem konnte er sehr gut und leidenschaftlich beim Penis lutschen und saugen, jedenfalls empfand
ich es besser und bequemer als selbst zu onanieren.
Tage später verkehrte ich ihn auch Anal. Er wollte es unbedingt und ich probierte es aus. Eine
Gegenleistung verlangte er nie. Er war schon zufrieden und glücklich sich als Weib hinzugeben.
So kam ich erstmals aus freien Willen zu bisexueller Handlungen. In der Folge ließ ich mich dann
öfters von ihm befriedigen, wobei wir ständig darauf achten mussten nicht erwischt zu werden,
weil Homosexualität seinerzeit strafrechtlich geahndet wurde.
Aus heutiger Sicht gesehen war diese sexuelle Beziehung auch eine Art von Zeitvertreib und
Nervenkitzel, denn sonst gab e nichts, womit man seine Freizeit gestalten hätte können.
Im Verlauf unserer Unterhaltungen erzählte er mir, dass er schon als Kind die starke Neigung
verspürte ein Mädchen zu sein und dass er sich als halbwüchsiger nur zu Jungen hingezogen gefühlt
hatte.
Von da an begegnete ich Homosexuelle nicht mehr Voreingenommen oder Feindselig, sei es das sie
zu lästig und aufdringlich wurden.
An Werktagen arbeiteten wir ein paar Stunden, die übrige Tageszeit, Sam- und Sonntage waren wir
ansonsten in der Zweimannzelle auf uns ganztätig allein gestellt.
Nach meiner Entlassung Mitte 1968 aus den Wiener Neustädter Gefangenenhaus, wurde ich von
meiner Freundin Nadine und meiner Mutter abgeholt. Mein Vater ist mittlerweile mit der Pension
„Marienhof“ in Maria Schutz pleite gegangen und arbeitete nunmehr als Chefkoch in der
Lungenheilanstalt in Aland bei Baden bei Wien und bewohnte dort auch eine Dienstwohnung.
Nun bewohnte ich mit Nadine eine Kleinwohnung im 16. Bezirk in Wien, die sie angemietet hatte
und auch bezahlte. Die ersten Wochen verliefen zwischen mir und meine Freundin schön und ruhig.
Verändert hat sich aber, da sie nicht nur Schwanger war, sondern das sie gesamtkörperlich auch
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ziemlich dick geworden war und das sie mir dick nicht mehr reizte und gefiel. Ich empfand kaum
mehr Gefühle und Leidenschaft für sie, obwohl ich weiterhin sexuellen Verkehr mit ihr hatte, aber es
war nicht mehr so, wie es einmal war.
Es klingt hart, aber ich hatte auch keine Gefühle oder Verständnis dafür Vater zu werden oder Vater
zu sein. Das überstieg meine emotionale Empfindungsfähigkeit und übersprang bei weitem meine
Vorstellungskraft, deswegen machte ich mir und konnte ich mir auch keine Gedanken und
Überlegungen darüber machen.
Zudem kam der Druck, dass wir von heute auf morgen nicht einmal mehr das Geld für die Miete
hatten. Das kam daher, weil ihre Eltern sie damit zwingen wollten nach Amerika zurückzukehren. Sie
hatten ihr ein Flugticket gekauft, die sie von der amerikanischen Botschaft abholen konnte und
ansonsten schickten sie ihr kein Geld mehr.
Ich begann allein fortzugehen. Ich konnte ihr nicht sagen, dass ich allein sein wollte, weil ich mit
Ladendiebstählen und kleineren Einbrüche Nahrungsmittel und alltäglichen Gebrauchsmitteln sowie
Geld für die Miete beschaffen wollte.
Sie machte mir aus Eifersucht ständig Szenen, weil sie glaubte, dass ich eine andere Freundin hätte
und deswegen öfters allein fortgehe. Nun wollte sie unbedingt auch, dass ich mit ihr nach New
Mexiko in Nordamerika fahre, weshalb sie von den Eltern ein zweites Flugticket erzwingen wollte.
Auch die Eventualität mit ihr nach Nordamerika zu fahren reizte in mir keine Gedanken. Ich wusste
zwar, dass ihre Eltern wohlhabend sein sollten, aber ich konnte mir darunter kaum was vorstellen.
Ich war nur auf Reize und Bedürfnisse programmiert von einen Tag auf den anderen zu überleben
und darüber hinaus gab es keinen vorausschauenden Horizont oder vorausschauenden
Überlegungen.
Als mir ihren Szenen zu viel wurden, packte ich meine Habseligkeiten und verließ sie für immer. Ihre
Szenen deprimierten mich derart, bis ich mich schließlich gänzlich zurückzog und versperrte, umso
leichter weil sie mir ohnehin nicht mehr gefiel und weil ich mich trotz ihrer Gegenwart zunehmend
isoliert und vereinsamt fühlte.
Sie versuchte mich eine Zeitlang überall zu finden und als ihr das nicht gelang fuhr sie schließlich
allein nach Amerika zurück. Monate später erfuhr ich, dass sie meiner Mutter geschrieben hat
Zwillinge geboren zu haben, zwei Buben. Wenn sie meine Kinder sind, so können sie froh sein so
einen Vater wie mich nie kennengelernt zu haben, so traurig und schmerzvoll es auch für mich und
den Kindern ist.
Mittlerweile war ich in Juni 1968 neunzehn Jahre alt geworden.
Nun zog es mich automatisch zum Teufelskreis zurück. Zu bekannten Orten hin in Wien, wo ich als
flüchtigem Heimkind am Straßenmilieu zu überleben lernen musste. In der Hoffnung dort auf
Bezugspersonen zu treffen, die natürlich nur Ex-Heimkinder, entflohenen Heimkinder oder
entlassenen jugendliche Ex-Häftlinge sein konnten mit denen ich manche Stunde der Not geteilt
hatte und zu denen ich eine gewissen Bezug empfand.
Und tatsächlich traf ich auf bekannte Gesichter aus den Heimen und Gefängnisse. Unter ihnen fühlte
ich mich plötzlich wohl und anerkannt. Durch meine mutigen Entweichungen aus den Heimen
genoss ich bei den meisten alten Bekannten viel Sympathie und Anerkennung, sodass sie mir gerne
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mit Unterkunft zu übernächtigen halfen. Mal schlief ich in deren Elternwohnungen oder in den
Wohnungen der Freundinnen.
Untertags schloss ich mich ihnen an und wir begingen mal Ladendiebstähle oder in der Nacht
Einbruchsdiebstähle oder entrissen hie und da einen Homosexuellen die Brieftasche.
Wir lebten nur von heute auf morgen. Wir dachten über keine Konsequenzen nach. Die strafbaren
Handlungen waren von der Rentabilität her äußerst primitiv, was für unsere Verkapselung in
niedriger geistigem Niveau in der wir steckten bezeichnend war.
Es ging uns nicht darum reich zu werden oder aus Habgier, sondern um den täglich notwendigen
Bedarf an Bedürfnisse zu decken.
Anfang Dezember 1968 war es dann vorbei. Ich und zwei Komplizen wurden wegen erpresserischer
Nötigung an einen homosexuellen Volksschuldirektor verhaftet. Eines der Komplizen beging eine
Lebensbeichte, die zu weiteren Verhaftungen führte, sodass wir schließlich wegen zahlreichen
Vergehen und Verbrechen und Bandenbildung angeklagt wurden.
Bei keinen der mir und meinen Komplizen angelasteten Straftaten haben wir irgendwelchen
Tatopfern physische Verletzungen zugefügt. Abscheulich allerdings war, dass ein Komplize von mir
auf die Idee kam eine ältere Frau an den Füßen zu fesseln, damit sie nicht sogleich die Polizei
verständigen kann.
Diese war die Mutter eines Versicherungsangestellten, den ich von der homosexuellen Szene und
Jugendstrichmilieu her kannte, der für Oralverkehr oder für Masturbation an Jungen stets gut zahlte.
Ich war auch einmal in seiner Wohnung. Deswegen schlug ich meinen zwei Komplizen vor, dass wir
dort vorbeischauen um ihn um Geld zu bitten oder um ihn Geld abzunötigen, falls er kein Geld
herausgibt. In den meisten Fällen haben die Homosexuellen Geld freiwillig hergegeben, weil sie
Angst vor einer Anzeige hatten, da seinerzeit Homosexualität strafrechtlich geahndet wurde.
In diesen Fall ließ uns die ältere Mutter des Versicherungsangestellten in die Wohnung rein, weil sie
mich bereits kannte und wir in der Wohnung auf ihn warten wollten, weil er noch nicht von der
Arbeit zurückgekehrt war. Im Zuge dessen gingen wir in das Zimmer des Homosexuellen und
durchsuchten diese nach Geld.
Die ältere Frau regte sich deswegen auf und drohte die Polizei anzurufen. Daraufhin schob ein
Komplize die ältere Frau in das Wohnzimmer und nahm von irgendwoher in der Wohnung
strickschnurr und fesselte sie bei den Füßen. Ich wollte das nicht, zumal die ältere Frau nunmehr
versprach die Polizei nicht anzurufen, aber mein Komplize tat es trotzdem. Danach verließen wir die
Wohnung. Zuvor hatte ich eine Brieftasche, die auf eine Kommode lag eingesteckt.
Somit wurde aus eine beabsichtigte Nötigung, falls der Versicherungsangestellte nicht freiwillig Geld
hergegeben hätte, ein schweres Raubdelikt an der ich natürlich mitschuldig war, denn ich brachte
die Komplizen in die Wohnung, steckte die Brieftasche ein und schritt auch dann nicht ein, als die
ältere Frau an den Füßen gefesselt wurde. In der Brieftasche waren läppische 80 Schillinge, was für
unsere primitive kriminelle Niveau spricht, in der wir uns bewegt hatten.
März 1970 wurde ich wegen dieses Raubdelikts beim LG für Strafsachen Wien zu 8 Jahren schweren
Kerker verurteilt, 20 Vr 2266/69, Hv 14/69. Zuvor wurde ich beim selben Gericht in Februar 1969 zu
sechs Monate schweren Kerker wegen Einbruchsdiebstähle verurteilt, 8 B E Vr 8500/68, sowie in
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April 1970 zu weiteren 2 Jahren schweren Kerker wegen erpresserischen Nötigung an Homosexuelle,
6 D VR 305/69, Hv 124/69, und schließlich zu weiteren 8 Monate wegen wiederstand gegen die
Amtsgewalt im Zuge eines Suizidversuchs, 8 A E Vr 2514/69.
Das sind insgesamt 11 Jahre und 2 Monate schweren Kerker, teilweise verschärft durch ein hartes
Lager und Fasttag monatlich, die in eine Kellerzelle auf Holzbretter mit Entzug der täglichen Nahrung
zu vollziehen war.
Keine der Tatopfer erlitt die kleinste physische Verletzung und der materielle Gesamtschaden aller
Delikten überstieg nicht einmal die 5.000,—Schilling Grenze.
Zu Veranschaulichung: wenn sie heute festgenommen werden und ihnen zehn verschiedenen
Delikte nachgewiesen wird, so werden die Delikte in eine einzige Verhandlung prozessiert und dann
ist die Gesamtfreiheitsstrafe weit geringer und zudem zählt es nur als eine einzige Vorstrafe.
Früher sind die unterschiedlichen Delikte (Raub, Diebstahl oder Nötigung etc.) in den meisten Fällen
jeweils getrennt verhandelt worden, weswegen es zu mehreren Prozesse kam, deswegen kam ich zu
so einer drakonischen Gesamtzuchthaushaftstrafe von 11 Jahren und 2 Monate und zu der
vermehrten Eintragungen in die Strafregister (früher nannte man die heutigen Justizanstalten
„Zuchthaus“).
Anfang Dezember 1968 kam ich aber zunächst in Untersuchungshaft in das Gefangenenhaus
Josefstadt in Wien und sollte in der Folge wegen der obigen Verurteilungen das Gefängnis knapp
acht jahrelang nicht mehr verlassen.
Nachdem ich nach zahlreichen Einvernahmen durch den Untersuchungsrichter über die
strafrechtlichen Konsequenzen belehrt wurde, nämlich in Strafrahmen von einen bis zu fünfzehn
Jahren Freiheitsstrafe angeklagt zu werden, verfiel ich in ein Schockzustand und in eine tiefe
Depression mit Folgen der massiven Selbstdestruktivität durch Suizidversuche und der massiven
Selbstbeschädigung
Natürlich war ich nicht unschuldig, aber wenn man schon vorher so primitiv war die Konsequenzen
des handeln in seiner Tragweite zu überlegen und zu erfassen, dann ist man umso schockierter vor
die strafrechtlichen Folgen zu erfahren.
Das ist - bis auf die wunderschöne Kindesjahren in Uruguay - meine in Österreich von
Gewalterfahrung und Gewalteinwirkung fatal geprägter Lebensabschnitt bis zu meinen 19 ½
Lebensjahr. Zuletzt Februar 2020 aktualisiert. Vor Änderungen Passwortgeschützt.
Juan Carlos CHMELIR
8020 Graz/Österreich
Fortsetzung folgt
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