1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 Implantation und Nachsorge von Herzschrittmachern A. Siebel, P. Höche, V. Bärsch, H. Niecknig 1. Indikationen 2. Setting 3. Systeme 4. Implantation 5. Einmessen 6. Nachsorge 7. Programmierung 1. Indikationen a) Geschichte Der Zusammenhang zwischen elektrischen Impulsen und dem Herzschlag wurde im 19. Jahrhundert vom italienischen Physiker und Neurophysiologen Carlo Matteucci entdeckt. Um 1930 erfolgten die ersten Versuche mit Herzschrittmachern, aber es sollte ein weiteres Vierteljahrhundert dauern bis 1958 Ake Senning und Rune Elmquist den ersten Patienten, Arne Larson, mit dem ersten komplett implantierbaren Herzschrittmacher versorgten. Arne Larson hat mit Hilfe der Schrittmachertherapie die beiden Entwickler derselben trotz zahlreicher Revisionsoperationen überlebt. Die Entwicklung der implantierbaren Herzschrittmacher hat seitdem einen rasanten Verlauf genommeni. Während der erste Senning-Schrittmacher nur 2 Stunden lang therapieren konnte, sind heute Laufzeiten über 10 Jahre Standard. Die Operation hat sich von einem heroischen Versuch der Lebensrettung für den jungen und todgeweihten ersten Patienten Larson zu einem Standardeingriff mit kurzer OP-Zeit und niedrigen Komplikationsraten, zumindest in ausreichend trainierten Händen, entwickelt. Ein therapeutischer Eingriff bedarf jedoch einer Indikation und einer nach vollständiger Aufklärung erfolgten Einwilligung. Indikationen müssen dem Stand der Wissenschaft und den darauf aufbauenden Leitlinien entsprechen. Eine leitliniengerechte Indikation ist Gegenstand der externen Qualitätssicherung, an der in Deutschland alle stationären implantierenden Zentren verpflichtend teilnehmen. Die aktuellen Leitlinien zur Herzschrittmachertherapie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) stammen aus dem Jahr 2021 und sind frei zugänglich.ii Jeder Behandler in der Inneren Medizin, Kardiologie und Herzchirurgie sollte sie kennen. Ebenso wichtig wie die Indikationsstellung ist die Beachtung der Kontraindikationen. Häufig werden allein die Gründe für eine Schrittmacherimplantation in den Fokus 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 gerückt und es wird, vor allem bei hochbetagten und multimorbiden Patienten, übersehen, dass es nicht durch Deviceimplantation behebbare Ursachen für eine niedrige Lebensqualität oder auch behebbare Kontraindikationen für eine Operation zum geplanten Zeitpunkt (Infekt, Gerinnungshemmung) geben kann. b) Indikationen Die häufigsten Diagnosen, die zu einer Schrittmacherindikation führeniii: • • Sick-Sinus-Syndrom (SSS) Atrioventrikuläre Blockierungen (AV-Block) Diese Diagnosen sollten gut dokumentiert, belegt und in sicherem Zusammenhang mit den vom Patienten beklagten Symptomen stehen. Da Schrittmacherpatienten fast immer bis zu ihrem Lebensende mit einem Schrittmacher leben, ist die initiale Indikationsstellung sorgfältig unter Beachtung der Patientenwünsche, der Gesamtprognose und der Erfolgsaussichten in Bezug auf eine Besserung der Lebenserwartung und der Lebensqualität zu erwägen. Ärztliche Sorgfalt zahlt sich hier für den Patienten aus, der sonst womöglich jahrzehntelang Operationen und Revisionen trotz fehlerhafter oder überflüssiger Indikationsstellung zu erdulden hat. c) Kontraindikationen Zu den (behandelbaren) Kontraindikationen zählen 1. Akute Infektion Infektionsquellen sind vor Implantation eines Fremdkörpers mit Verbindung zum Endokard unbedingt zu identifizieren und wirksam zu behandeln. Bei einer Keimbesiedlung des Implantats bleibt als einzige therapeutische Option die Explantation, die zusätzlich zur indikationsbegründenden Rhythmusstörung weitere Risiken bringt. Überbrückend kann bei dringendem Stimulationsbedarf alternativ ein sogenanntes Opfersystem (passagere transkutane elektrische Stimulation) eingesetzt werden. 2. Lokalanästhetikaunverträglichkeit Häufig entsteht der Verdacht auf eine Lokalanästhetikaunverträglichkeit bei einer zahnärztlichen Behandlung. Wird er danach nicht allergologisch abgeklärt bleibt eine erhebliche Unsicherheit, die auf Grund der häufigen Kreuzallergien gegen die Verwendung eines weiteren Lokalanästhetikums spricht. In diesen Fällen ist der vollständige Verzicht auf Lokalanästhetika und die Durchführung der Implantation in Vollnarkose als sichere Alternative anzuraten. 3. Unklarer Gerinnungsstatus Blutungskomplikationen nach Schrittmacherimplantationen sind häufig und erklären sich nicht allein aus schlechter chirurgischer Qualität bei der Implantation. Der häufige Einsatz von Thrombozytenaggregationshemmern und oralen Antikoagulantien sowie der niedermolekularen Heparine verschärft dieses Problem und ist allein durch penible intraoperative Blutstillung nicht zu 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 beherrschen. Der jeweilige Gerinnungsstatus muss mit Hilfe von Laboranalytik und Medikamentenanamnese beurteilt werden. Die aktuelle Studienlage spricht dafür, manche Antikoagulantien und andere Gerinnungshemmer fortzuführen da die Komplikationsrate des Bridging mit Heparin größer ist als bei therapeutischer Gerinnungshemmung.iv 4. Fehlende Einwilligung Zu einer wirksamen Einwilligung gehört ein Aufklärungsgespräch und die Dokumentation desselben. Sachkundige Ärzte dürfen dieses Gespräch führen und die Einwilligung einholen, auch wenn sie selbst den Eingriff nicht durchführen (können). Die Aufklärung und Einwilligung sollte aus Beweissicherungsgründen schriftlich dokumentiert und in der Behandlungsakte abgelegt werden. Der Patient erhält eine Kopie der von ihm unterzeichneten Einwilligungserklärung. Nur bei bewusstlosen Patienten darf von dieser Grundregel für alle medizinischen Maßnahmen abgewichen und auf den mutmaßlichen Willen oder einen (Not-) Vertreter abgestellt werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt im Rahmen der Aufklärung über eine Schrittmacherimplantation ist die Fahrtüchtigkeit des Patienten und ggf. ein faktisches Berufsverbot, wenn der Patient nach der Implantation beruflich benötigte Maschinen mit starken Magnetfeldern nicht mehr nutzen (Generatoren, Induktionskochfelder, Baumaschinen, Transformatoren etc.) oder nicht mehr als Berufskraftfahrer tätig sein kann. 2) Setting Bei der Implantation von Schrittmachern handelt es sich um die Implantation eines Fremdkörpers mit Verbindung zum Endokard. Daraus folgen die hohen infrastrukturellen und hygienischen Anforderungen an das implantierende Personal und den Operationssaal.v a) Ausstattung Die apparativen und instrumentellen Voraussetzungen eines Operationssaales zur Implantation eines Herzschrittmachers umfassen: • • • • • • • • • • • • • • • Elektrisch verstellbarer und durchleuchtungsfähiger Operationstisch Lichtquelle, sowohl stationär und gegen Stromausfall abgesichert als auch mobil (Kopflampe) Diathermiegerät Absaugvorrichtung EKG-Monitoring Unblutige und blutige Blutdruckmessung Oxymetrie Sauerstoff Narkosegerät Externer Defibrillator Intubationsmöglichkeit einschließlich Notfallbesteck bei schwierigem Atemweg Medikamente und Infusionen zur Schmerzbehandlung und Narkose Instrumentarium Operationstextilien Nahtmaterial • • Verbandsmaterial Durchleuchtungsgerät und Bildwandler mit der Möglichkeit zur Datenübertragung an das Klinikinformationssystem Herzschrittmacherprogrammiergerät mit Pace-Sense-Analyzer (PSA) zur intraoperativen Messung von Stimulation und Wahrnehmung sowie zur Herzschrittmacherprogrammierung Strahlenschutzmaterial (Bleiweste, Bleischeibe, Bleivorhang) 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 Ein verstellbarer OP-Tisch ist insbesondere zur Punktion der Vena subclavia und bei vasovagalen Reaktionen des Patienten hilfreich. Die fernsteuerbare elektrische Verstellbarkeit durch das unsterile OP-Personal erleichtert eine schnelle Reaktion auf einen Blutdruckabfall oder die Anforderungen des Operateurs. Die Überwachung von Puls, Sauerstoffsättigung, Elektrokardiogramm und Blutdruck und die optische und akustische Übertragung der Werte bzw. der Verletzung der Alarmgrenzen ist obligat um zügig auf rhythmogene Synkopen oder sonstige Komplikationen wie einen Pneumothorax reagieren zu können. Die möglichen gefährlichen Komplikationen machen die Vorhaltung eines externen Defibrillators, Notfallintubationsbesteck und Notfallmedikamente erforderlich. Der Durchleuchter sollte zur Dosisreduzierung direkt vom Operateur bedienbar sein und die Möglichkeit zur radiologischen Datenübertragung in das Klinikinformationssystem und zum Abruf bereits aufgenommener Sequenzen wie einer Koronarsinus- oder Subclaviadarstellung bereithalten. 161 162 163 164 165 166 167 168 169 An chirurgischem Instrumentarium benötigt werden Skalpelle, Scheren, anatomische Pinzetten, Tuchklemmen, gebogene und gerade Klemmen, Wundspreizer, Wundhaken, Kompressen sowie eine feine gefässchirurgische Schere und Pinzette. Weiterhin bedarf es Gefäßen für Lokalanästhetika, Hautdesinfektionsmittel, Kochsalzlösung und Kontrastmittel. Schließlich gehören resorbierbare Fäden der Stärke 3-0 oder 2-0 für die Gefäßligatur und den subkutanen Wundverschluss sowie nicht resorbierbare geflochtene Fäden der Stärke 40 für die Sondenfixierung zur Grundausstattung. Für die Hautnaht kommen nicht resorbierbare oder resorbierbare Fäden der Stärke 4-0 zum Einsatz. Auch der Einsatz von Hautklammern ist möglich. 170 171 172 173 174 175 176 177 178 Als Zubehör benötigt man des weiteren Aggregate, Sonden und steril verpackte Messkabel zur intraoperativen Bestimmung der Reizschwellen, der Wahrnehmung und Darstellung des induzierten Verletzungsstromes. Letztere weisen nach einigen Resterilisationen häufig Defekte auf, so dass ein intraoperativer Austausch erforderlich werden kann. Im Falle einer Revision werden unter anderem separat verpackte Schraubendreher, Blindstopfen, Adapter, Ersatzmandrins, Drehhilfen und Reparatursets benötigt. Für das Diathermiegerät ist idealerweise aufgrund der großen Präparationsfläche und der durch Gerinnungshemmer notwendigen aufwendigen Blutstillung eine Rauchgasabsaugung vorzusehen. Zu guter Letzt bedarf es eines Messgerätes für die intraoperative Sondenmessung. 179 180 181 182 183 184 185 • • b) Personelle Ausstattung Jede medizinische Behandlung muss dem Stand der Wissenschaft entsprechen. Dies ist synonym mit dem Facharztstandard, den bei der Schrittmacherimplantation laut Markewitzvi ausschließlich Fachärzte für Herzchirurgie ohne weiteres Training anbieten können, da nur die Weiterbildungsordnung der Herzchirurgen alle Inhalte einer Schrittmacherimplantation 186 187 188 abbildet. Fachärzte anderer Gebiete können auf Grund ihrer Weiterbildungsinhalte Teilschritte dieser Operationen durchführen und benötigen für den gesamten Eingriff zusätzliches Training. 189 190 191 192 Ein Strukturpapier der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie aus dem Jahr 2008vii definiert zwei Kompetenzgrade: Level 1 für Operateure, die eine Schrittmacherimplantation qualifiziert durchführen wollen und im Level 2 die spezialisierte Ausbildung für Eingriffe bei ICD und Resynchronisationssystemen. 193 Für Level 1 (Schrittmacherimplantation) wird folgender Leistungskatalog genannt: 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 • • 75 transvenöse Schrittmacherimplantationen als primärer Operateur unter Anleitung eines erfahrenen Ausbilders, darunter mindestens 50% Zweikammersysteme 25 Aggregatwechsel bzw. Revisionseingriffe Für Level 2 (ICD- und CRT-Implantation) werden zusätzlich zu den vorgenannten 100 Operationen folgende Eingriffe gefordert: • • 35 transvenöse Defibrillator- und/oder CRT-Systemimplantationen als primärer Operateur unter Anleitung eins erfahrenen Ausbilders, darunter mindestens ein Drittel Zweikammersysteme 10 Aggregatwechsel bzw. Revisionseingriffe bei Defibrillator- und/oder CRT-Systemen Auch Nachkontrollen der implantierten Systeme zählen zur empfohlenen Ausbildung des jeweiligen Levels: • • 250 Kontrollen bei Herzschrittmachern (Level 1) 80 Kontrollen bei ICD und CRT-Systemen (Level 2) Basierend auf diesen Empfehlungen bietet die Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie Kurse und ein dreigeteiltes Zertifikat für 212 • Basisschrittmachertherapie (Modul 1) 213 • Spezielle Herzschrittmachertherapie und ICD-/CRT- und CCM-Therapie (Modul 2) 214 • Revisionen bei kardialen elektronischen Rhythmusimplantaten (Modul 3) 215 216 217 218 219 220 221 222 anviii. Es hat nach Erwerb eine Gültigkeit von fünf Jahren und kann durch Nachweis von definierten Fallzahlen an Operationen und Nachkontrollen erneuert werden. Fachliche Voraussetzung ist beim ersten Modul (Basisschrittmachertherapie) der Besitz des Facharztes für Innere Medizin, Chirurgie oder Herzchirurgie, beim zweiten Modul (ICD/CRT) der Facharzt für Innere Medizin mit Zusatzbezeichnung Kardiologie, der Facharzt für Chirurgie mit der Facharztkompetenz Herzchirurgie oder der Facharzt für Herzchirurgie während das Zertifikat für das dritte Modul (Revisionen) ausschließlich an Fachärzte für Herzchirurgie oder Fachärzte für Chirurgie mit der Facharztkompetenz Herzchirurgie vergeben wird. 223 224 225 226 227 228 3) Systeme Bei Herzschrittmachern wird zum einen nach der Anzahl der angesteuerten Herzkammern unterschieden, zum anderen nach konventionellen Herzschrittmachern mit epimyokardialen oder transvenösen Sonden und dem Aggregat in einer gesonderten Aggregattasche sowie intrakardialen Herzschrittmachern ohne Sonde. Die Nomenklatur ist in sich unlogisch, da von 229 230 Dreikammersystemen gesprochen wird obwohl es sich anatomisch um zwei Herz(-haupt)kammern (RV und LV) und einen Vorhof (RA) handelt. • Einkammerschrittmacher (1K-SM) oder AAI/VVI-Schrittmacher: eine Sonde im rechten Atrium oder im rechten Ventrikel • Zweikammerschrittmacher (2K-SM) oder DDD-Schrittmacher: eine Sonde im rechten Atrium und eine im rechten Ventrikel • Dreikammerschrittmacher oder C(ardiac) R(esynchronisation) T(herapy)-P(acer): eine Sonde im rechten Atrium, eine im rechten Ventrikel und eine in einer Herzvene des linken Myokards Zusätzlich gibt es die angehängte Bezeichnung -R, welche für die Aktivierung eines geräteeigenen Aktivitätsssensors steht. Dieser erfasst die Patientenaktivität und passt die Stimulationsfrequenz des Herzschrittmachers automatisch an das erfasste Aktivitätslevel an. 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 Zur Veranschaulichung sollen die folgenden Röntgenthoraxaufnahmen dienen: 243 244 245 246 Einkammerherzschrittmacher (VVI/1K-SM) mit einer rechtsventrikulären Sonde (RV) und links präpektoral subkutan implantiertem Aggregat. Die Sonde wurde über die Vena cephalica eingeführt. 247 248 249 250 251 252 Zweikammerherzschrittmacher (DDD/2K-SM) mit einer Sonde im rechten Atrium (RA) und einer Sonde im rechten Ventrikel (RV). Beide Sonden wurden per Punktion der Vena sublavia sinistra eingeführt. 253 254 255 256 257 258 Dreikammerherzschrittmacher (CRT-P/3K-SM) mit einer Sonde im rechten Atrium (RA), einer Sonde im rechten Ventrikel (RV) und einer quadripolaren Sonde in einer posterolateralen Vene des linken Ventrikels (LV). Nebenbefundlich bildet sich ein Clip an der Mitralklappe und ein zentraler Venenkatheter in der rechten Vena jugularis und Verbandsmaterial mit röntgendichtem Streifen über dem Aggregat ab. 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 Intrakardialer sondenloser Herzschrittmacher (TPS-System) 4) Implantation Zur Implantation von Herzschrittmachern bedarf es nach der Wahl des Systems auch der Wahl der Implantationsseite. Hier gilt es eine Vielzahl von mehr oder weniger zwingenden Beweggründen gegeneinander abzuwägen. Bei Einsatz unipolarer Sonden ist das Stimulationsfeld zwischen Sonde und Aggregat bei Implantation auf der linken Brustseite günstiger. Auch eine spätere Aufrüstung auf ein Defibrillations- oder CRT-System ist von links einfacher auszuführen und hat ein effektiveres Schock- und Stimulationsfeld zur Folge. Aus hygienischen Gründen verhindert gelegentlich ein in der Vena subclavia sinistra liegender zentraler Venenkatheter eine Implantation auf dieser Seite und zwingt zur kontralateralen Implantation. Weitere Gründe für ein Ausweichen auf die rechte Seite sind die vorangegangene Implantation eines Demers- oder Port-Katheters links präpektoral oder ein Verschluss der Vena subclavia, z. B. in Folge einer Extraktion. Ein häufig präoperativ unbekannter Hinderungsgrund für eine linksseitige Implantation ist eine persistierende obere linke Hohlvene. Zwar kann auch auf diesem Weg das Herz mit Elektroden versorgt werden, führt aber auf Grund des deformierten Koronarsinus zu Platzierungsproblemen bei 279 280 281 den ventrikulären Elektroden. Zu berücksichtigen sind des Weiteren die Präferenzen des Patienten. Je nach dominanter Hand werden viele Patienten und insbesondere Jäger und Sportschützen die kontralaterale Seite für die Implantation bevorzugen. 282 283 284 285 286 287 Das Operationsfeld sollte möglichst klein gehalten werden. Für die Implantation eines Herzschrittmachers genügt ein sichtbares Feld mit einem Durchmesser von 10 cm über dem Sulcus deltoideopectoralis. In der Regel ist zur Implantation die Lokalanästhesie, ggf. in Kombination mit einer leichten Sedierung ausreichend. Im Falle einer angestrebten submuskulären Aggregatlage (z.B. aufgrund Kachexie des Patienten) kann die tiefere Sedierung und Analgesie erforderlich sein. 288 289 290 291 292 293 Wertvolle Maßnahmen zur Verhinderung perioperativer Infektionen sind eine penible Einhaltung der operativen Sterilität, die gründliche Enthaarung und Desinfektion des Operationsgebietes unter Beachtung der notwendigen Einwirkzeit und Desinfektionsmittelmenge und die adäquate Antibiotikaprophylaxe (Staphylokokkenwirksam, z.B. Cefazolin 1-2 g i.v. oder Flucloxacillin 1-2 g i.v.) 30 -60 Minuten vor Hautinzision. 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 5) Einmessen Für das Einmessen der Sonden eines CIED-Systems gibt es je nach Hersteller ein Programmiergerät mit einem integrierten PSA-Modul oder ein komplett eigenständiges PSAModul. Auch existieren je nach Hersteller unterschiedliche Messkabel ohne Kompatibilität untereinander. Dennoch gleichen sich die Grundfunktionen aller PSA-Module und ermöglichen die Ausmessung von Standardsonden aller Hersteller. Das Einmessen der Sonden sollte nach BAQ-Standard unabhängig von den vom Hersteller des Schrittmachers im PSA-Modul hinterlegten Einstellungen erfolgen. 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 a) Einmessen der Sonden Je nach Art der Sonde (IS-1, DF-1, DF-4, IS-4) werden die Kontakte des Messkabels an die jeweiligen Stimulationskontakte (Kathode und Anode) der Sonde angeschlossen. Sollte es sich um eine unipolare Sonde handeln, wird der zweite Messkontakt (Anode) an die Haut oder an ein metallisches Objekt (Sperrer) mit Kontakt zum Körper des Patienten angeschlossen. Nachdem die Sonde im Herzen verankert ist, sollte auf dem PSA-Modul ein Verletzungspotenzial zu sehen sein. Dieses ähnelt einem akuten ST-Hebungsinfarkt im EKG und wird durch die Verletzung des Myokards beim Einschrauben verursacht. Sollte ein solches Verletzungssignal nicht ableitbar sein, hat die Sonde keinen oder schlechten Kontakt zum Myokard und sollte umplatziert werden. Als Nächstes wird die Wahrnehmung (Sensing) überprüft. Dies ist wichtig für das CIED-System, um den Eigenrhythmus des Patienten erkennen zu können. Ist die Wahrnehmung zu niedrig, kann es zu einer Fehldetektion kommen und das CIED-System stimuliert im schlechtesten Fall in die vulnerable Phase der Erregungsausbreitung und löst dadurch Kammerflimmern aus. Auch Kammertachykardien könnten bei schlechter Wahrnehmung unerkannt bleiben. Eine Ausnahme bilden Patienten mit einem AV-Block III° oder mit SA-Block III°: Hier ist es durchaus möglich, dass keine Wahrnehmung gemessen werden kann, da der Patient keinen Herzrhythmus über das 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 primäre (Sinus-Knoten), sekundäre (AV-Knoten) oder tertiäre Schrittmacherzentrum (HISBündel / Purkinje-Fasern) des Herzens mehr erzeugt. Der Wahrnehmungswert eines passageren Schrittmachersignals hat keine Bedeutung, da es sich nur um ein stimuliertes Signal handelt, dass bei Entfernung des passageren Schrittmachers sistiert. In der Folge wird die Impedanz der Sonde per Stimulation über das PSA-Gerät bei einem Output von 5,0 Volt über eine Zeitspanne von 0,5 Millisekunden überprüft. Als Standard ist eine Frequenz von 90 Schlägen/Minute bei fast allen PSA-Modulen voreingestellt. Sollte diese nicht ausreichen, erhöht man die Frequenz auf eine Frequenz von 10 Schläge/Minute oberhalb des Eigenrhythmus des Patienten. Ist die Impedanz an zahlreichen Stellen größer als 2000 Ohm kann die Ursache beim Myokard liegen, zum Beispiel im Rahmen einer Pericarditis constrictiva (Panzerherz), oder technischer Natur sein wie zum Beispiel bei einem Sondenbruch. Als letztes wird die Reizschwelle der Sonde gemessen. Dafür wird vom PSAGerät aus eine Stimulation 5,0V/0,5ms mit ausreichend hoher Frequenz gestartet und schrittweise reduziert, bis diese ineffektiv wird (sogenannter Capture-Verlust). Zusätzlich wird bei LV-Sonden auf Grund der Nähe zum Nervus phrenicus mit einen Output von 10,0V/0,5ms auf Zwerchfellzucken getestet und versucht einen ausreichend großen Sicherheitsabstand zwischen Zwerchfell- und Herzstimulation herzustellen. Im EKG zeigt sich je nach Ort der Stimulation ein Linksschenkelblock (RV-Sonde), ein Rechtsschenkelblock (LVSonde) oder eine P-Welle (RA-Sonde). Eine Ausnahme bildet das HIS-Bündel-Pacing: Im Erfolgsfall zeigt sich hier im EKG eine normale Ausbreitung der Reizimpulse auf das Myokard. Allerdings ist HIS-Stimulation schwer zu etablieren und hat häufig hohe Reizschwellen. 346 347 348 b) Optimale Messwerte der Sonden RA-Sonde RV-Sonde LV-Sonde Impedanz [Ohm] 300 bis 1000 300 bis 1000 500 bis 1500 Sensing [mV] >1,5 >5,0 Reizschwelle [V] bei 0,5ms <1,5 <1,0 <2,0 349 350 351 352 353 354 355 356 357 Bei den TPS-Systemen (sogenannte Leadless Pacer) wird auf Grund der vollständigen Implantation im rechten Ventrikel die Messung auch bei der Implantation über das Programmiergerät per Funkübertragung durchgeführt, da hier keine Messmöglichkeit über ein Kabel besteht. 358 359 360 361 362 363 364 Bei S-ICD-Systemen wird die Sonde subkutan im Thorax implantiert und hat keinen direkten Kontakt zum Herzen, sodass die adäquate Signalableitung erschwert und in einigen Fällen nicht ausreichend gegeben sein kann. Hier ist es erforderlich vor der Indikationsstellung ein S-ICD-Screening durchzuführen. Dabei werden 3 Vektoren (Primär, Sekundär und Alternativ) über ein EKG-Kabel abgeleitet und mit Hilfe von Schablonen darauf überprüft, ob das Signal ohne Doppelzählung erkannt werden kann. Es müssen mindestens zwei Vektoren im Liegen und Sitzen funktional sein, um eine regelrechte Funktion gewährleisten zu können. c) Besonderheiten 365 366 367 Andernfalls hat eine S-ICD-Implantation zu unterbleiben. Zusätzlich sollte bei der Implantation ein Schocktest durchgeführt werden, um die Funktionalität des Systems zu überprüfen. 368 369 370 Die Schockimpedanzen der sICD-Sonden können über ein PSA-Modul nicht gemessen werden, dies ist nur über das Aggregat selbst nach Konnektierung der Sonden möglich. Die optimale Schockimpedanz liegt zwischen 25 und 100 Ohm. 371 372 373 374 375 376 377 378 6) Nachsorge Die erste Kontrolle des CIED-Systems sollte 24 Stunden nach der Implantation durchgeführt werden. Dabei werden die Sondenwerte (Wahrnehmung, Impedanz, Reizschwelle) erneut überprüft. Die Kontrolle wird über das zum CIED passende Programmiergerät des jeweiligen Deviceherstellers durchgeführt und erfolgt nach BAQ-Standard. Die Normwerte entsprechen den für die Implantation oben genannten Werten. 379 380 381 Die dritte Kontrolle erfolgt innerhalb der nächsten 6 Wochen bis 8 Wochen und danach als Routine alle 6 Monate. 382 383 384 385 Bei beginnender Aggregaterschöpfung des CIED-Systems wird das Kontrollintervall wieder verkürzt um den Eintritt in die ERI-Periode (Elective Replacement Indication) nicht zu verpassen. 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 7) Programmierung Je nach Grunderkrankung und Indikation für die Implantation eines CIED-Systems sollte eine massgeschneiderte Programmierung des Systems erfolgen. a) Sick-Sinus-Syndrom Das Sick-Sinus-Syndrom umfasst verschiedene Indikationen, vom SABlock/Sinusknotenarrest über die chronotrope Inkompetenz bis zum paroxysmalen Vorhofflimmern mit präautomatischen Pausen (Tachykardie-Bradykardie-Syndrom). Grundsätzlich orientiert sich die Schrittmachertherapie beim Sick Sinus Syndrom an der korrelierenden Symptomatik, ein Überlebensvorteil für die Schrittmachertherapie ist hier nicht belegt. Der Ort der Problematik liegt im Vorhof und da unnötige Stimulationen in der Hauptkammer langfristig zu einer Herzschwäche führen können sollte die Programmierung stets das Ziel haben, eine ventrikuläre Stimulation so weit wie möglich zu vermeiden. Dazu wird bei Zweikammersystemen die AV-Zeit, also die Zeit welche das Signal für die Überleitung vom Atrium auf den Ventrikel benötigt, angepasst. Je nach Hersteller gibt es zusätzliche Algorithmen (MVP, VIP, IRSplus etc.) um dies zu gewährleisten. Die Aktivierung dieser ist, sofern es sich um ein reines Sinusknoten-Syndrom ohne Beeinträchtigung der AVÜberleitung handelt, in der Regel sinnvoll. Im Falle einer chronotropen Inkompetenz ist zusätzlich die Aktivierung der Sensorfunktion (R) zur Aktivitätsanpassung der Herzfrequenz wichtig. 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 Unter Vorhofflimmern ist eine atriale Stimulation nicht möglich. Implantierte ZweikammerCIED-Systeme führen dann den sogenannten „Mode switch“ durch (automatische Änderung des Betriebsmodus bei Vorhofflimmern), welcher die Signaldetektion und Stimulation auf die Hauptkammer beschränkt. Zwecks Erhalt der chronotropen Kompetenz ist auch für diesen Fall die Hinzunahme der Sensorfunktion (VVI-R) sinnvoll. Beim Bradykardie-TachykardieSyndrom mit langen Pausen ist eine Programmierung ohne R-Modus ausreichend. b) AV-Block Bei atrioventrikulären Blockierungen ist die Überleitung zwischen dem Sinusknoten und dem AV-Knoten beeinträchtigt (AV-Block I° und AV-Block II°) oder vollständig unterbrochen (AVBlock III°). Bei erhaltenem Sinusrhythmus sollte die Programmierung so gewählt werden, dass die Synchronität zwischen dem Atrium und dem Ventrikel erhalten bleibt, dafür ist der DDD-Modus am besten geeignet. Sollte ein permanentes Vorhofflimmern bestehen ist die Einstellung des VVIR-Modus zu empfehlen. c) Hochgradig eingeschränkte linksventrikuläre Pumpfunktion Für Patienten mit hochgradig eingeschränkter linksventrikulärer Pumpfunktion (EF < 35%) besteht ein erhöhtes Risiko des plötzlichen Herztodes durch das Auftreten von Kammertachykardien/Kammerflimmern. Daher werden bei diesen Patienten CIED-Systeme mit Defibrillator-Funktion implantiert, welche die Möglichkeit bieten eine entsprechende antitachykarde Therapie abzugeben (ATP und ICD-Schock). Die Programmierung der antitachykarden Therapien richtet sich nach der Grunderkrankung (Ischämische Kardiomyopathie, Dilatative Kardiomyopathie, Hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie, Nicht obstruktive Kardiomyopathie etc.) und bislang aufgetretener Rhythmusstörung (Primärprophylaxe/Sekundärprophylaxe). i Bimmel in Osswald u. a. Kardiale Rhythmusimplantate, de Gruyter 2019, S. 2 https://leitlinien.dgk.org/files/01_2021_pocket_leitlinien_herzschrittmacher_.pdf, abgerufen am 24.08.2023 iii https://leitlinien.dgk.org/files/01_2021_pocket_leitlinien_herzschrittmacher_.pdf, abgerufen am 24.08.2023 iv Markewitz in Fröhlig u. a.: Herzschrittmacher- und Defibrillator-Therapie, 3. A. Thieme 2020, S. 281 m. w. N. v Markewitz in Fröhlig u. a.: Herzschrittmacher- und Defibrillator-Therapie, 3. A. Thieme 2020, S. 280 m. w. N. vi Markewitz in Fröhlig u. a.: Herzschrittmacher- und Defibrillator-Therapie, 3. A. Thieme 2020, S. 280 vii Hemmer W., Rybak K., Markewitz A. et al. Empfehlungen zur Strukturierung der Herzschrittmacher- und Defibrillatortherapie. Z. Herz- Thorax- Gefäßchir 2008; 22:346-356 viii https://www.dgthg.de/upload/download/DGTHG_Kriterien_HSM_V2019.pdf, zuletzt abgerufen am 12.07.2023 ii