Christologische Hoheitstitel Es gibt viele Bezeichnungen für Jesus im Neuen Testament. Zu nennen sind z.B.: letzter Adam, A und O, Gerechter, Fürst des Lebens, Haupt der Gemeinde, Hoherpriester, Hirte, Lamm Gottes. Es existiert auch die Idee des kosmischen Christus, in dem alles geschaffen worden sei. Manche dieser Vorstellungen sind nur schwer miteinander zu verbinden. Fast alle dieser sog. Hoheitstitel stammen aus der biblisch-jüdischen Tradition. Ihre Verwendung soll also hervorheben, dass Jesus von Nazareth als der den Juden und der Welt von Gott verheißene / versprochene Retter verstanden wurde. Ob Jesus selbst in seiner Verkündigung christologische Hoheitstitel verwendet bzw. auf sich bezogen hat, ist eine in der Forschung viel diskutierte Frage. Sie wird meist negativ beantwortet. Wenn im NT aus dem Munde Jesu solche Titulierungen vorkommen, sind sie ihm nach dieser Auffassung also erst nachträglich von den Autoren des NT in den Mund gelegt worden. Ein anderes Problem ist, ob seine Anhänger bereits zu seinen Lebzeiten durch Hoheitstitel ausgedrückte (quasi messianische) Hoffnungen auf ihn setzten. Diese Annahme kann angesichts der Anklage des politischen Aufruhrs, die zur Kreuzigung führte, zumindest nicht pauschal verneint werden. Über mehr oder minder begründete Hypothesen wird man in beiden Fällen ohnehin nicht hinauskommen. Besonders zu erörtern sind die Titel Rabbi, Prophet, Gesalbter, Herr, Sohn Davids, Menschensohn, Sohn Gottes: 1.) Rabbi Rabbi bedeutet „mein Meister“. So wurde Jesus verschiedentlich von seinen Jüngern angeredet. Zur Zeit Jesu wurden angesehene Lehrer so bezeichnet, später besonders Schriftgelehrte. Die Bezeichnung drückt Ehrerbietung und Anerkennung der geistigen und moralischen Autorität Jesu aus. 2.) Prophet Propheten nannte man in Israel Menschen, die im Auftrag Gottes die Wahrheit verkündeten. Sie scheuten sich nicht, auch unbequeme Wahrheiten zu sagen, die der Auffassung politischer oder religiöser Institutionen widersprachen. Zu ihren Mitteln gehörten eine scharfe, bilderreiche Sprache und zeichenhafte Handlungen. Ihr Mut zur Wahrheit brachte sie z.T. in Lebensgefahr. Manche wurden verfolgt, manche auch getötet. In Israel traten sie zunächst zur Zeit der Könige auf. Aber auch später hat es große Propheten gegeben. In ihrer Verkündigung betonten sie u.a. die Verheißung eines Messias bzw. eines messianischen Zeitalters. Zur Zeit Jesu wurde z. B. Johannes der Täufer als Prophet bezeichnet. 3.) Messias / Christus (= der Gesalbte) „Christus“ (griech.: χριστός/christos) ist die latinisierte griechische Übersetzung des Titels „Messias“, der eine gräzisierte Version des hebräisch-aramäischen Titels מׁשחי/māšiah darstellt. Beide Worte bedeuten „der Gesalbte“. Ursprünglich ist מׁשחי/māšiah eine Art Ehrentitel, mit dem im Alten Testament Könige bzw. Hohepriester bezeichnet werden konnten, die bei ihrer Amtseinführung mit Öl gesalbt wurden. Gottes Nähe, sein Geist, dringt durch die Salbung mit geweihtem Öl in die von ihm beauftragten Menschen ein. Als in Israel die Kritik an den Königen und am Königtum wuchs, insbesondere aber in der Zeit nach der Zerstörung des ersten Tempels und nach dem babylonischen Exil, wurde der Begriff מׁשחי/māšiah immer stärker auf einen erst in (naher oder fernerer) Zukunft kommenden König angewandt, auf den man eschatologische (= „letzt-theologische“, „endzeitliche“) Befreiungshoffnungen setzte: Er würde aus dem Hause des Königs David stammen, für dessen Nachkommen im AT ununterbrochene Herrschaft prophezeit worden war; er würde auch die idealtypischen Züge König Davids tragen, ein neues Königtum errichten und Israel (und der ganzen Welt) endgültiges Heil bringen. Dabei war immer ein Mensch und irdischer Herrscher gemeint. Über die Eigenschaften dieses kommenden Messias gab es viele unterschiedliche Vorstellungen; bei einigen Autoren trug er eher die Züge eines großen Heerführers, bei anderen diejenigen eines gewaltlosen Friedensbringers, der selbst für die Menschen leiden müsse. In der jüdischen Tradition zur Zeit Jesu gibt es eine große Anzahl von Belegen für die inständige Hoffnung auf einen Messias. Von seiner Herrschaft erwartete man ein Reich des Friedens, der Treue zur Tora und der Gerechtigkeit. Er sollte die Fremdherrschaft anderer Völker über Israel beenden und die in andere Länder vertriebenen Juden (die „Zerstreuten“ (griech.: diaspora)) zurückführen. Da Jesus als Nachkomme Davids betrachtet bzw. konstruiert wurde (s.u.: Hoheitstitel Sohn Davids), lag es nahe, die an einen Messias gestellten Erwartungen mit Jesus zu verbinden. Durch seine heilenden Taten und inspirierten Worte erwies er sich ja für seine Anhänger als jemand, der mit Gottes Geist gesalbt war. Die entscheidende Innovation der frühen Christen bestand nun darin, dass sie den Messias-/Christus-Titel mit Jesu Tod und Auferstehung verbunden haben. Das wurde möglich, weil sie mit Hilfe von Ps 110,1 die erfahrene Auferstehung Jesu als Einsetzung in das himmlische Königsamt deuteten (Apg 2,33-36; vgl. Röm 1,3f.). Daran anknüpfend konnte die für die (nahe oder fernere) Zukunft erwartete Wiederkunft Jesu (Parusie (griech.: parousia; wörtl.: „Gegenwart“) dann als Aufrichtung dieser Königsherrschaft auf Erden verstanden werden (vgl. vor allem Apk). Andererseits interpretierten die frühen Christen Jesu Tod auch soteriologisch (= „rettungs-/erlösungstheologisch“) als Sühnetod, durch den die Sünden der Menschen stellvertretend gesühnt worden seien, und verknüpften so die AT-Tradition des leidenden Friedensbringers in einer spezifischen Weise mit der Vorstellung von einer (Welt-)Herrschaft des Messias. Im Neuen Testament kommt der Begriff „Messias“ nur zweimal vor; dagegen ist die griechische Übersetzung „Christos“ sehr häufig. Jesus selbst aber hat den Beinamen Christus/Christos/Messias/māšiah wohl nie für sich benutzt. „Jesus Christus“ war zunächst nur eine verkürzte Bekenntnisformel seiner Anhänger (= „Jesus ist der Messias“), wurde aber dann schon in Texten des NT zum Eigennamen für den auferstandenen Jesus. 4.) Kyrios (= Herr) Das griechische Wort „Kyrios“ (κύριος, „Herr“) entspricht dem hebräischen Wort „Adon(ai)“, „(mein) Herr“. – Im alten Israel wurde der König als „Herr“ des Landes bezeichnet, aber auch Gott als oberster Herr des Landes und als „Herr der ganzen Erde“ (hebr.: „Adon olam“ (Titel eines in vielen Synagogen am Ende des Schabbatgottesdienstes gesungenen Liedes)). – Im griechisch-heidnischen Raum wurde u.a. der Kaiser „Kyrios“ genannt. – Zur Zeit des Neuen Testamentes wurde dieses Wort auch schon manchmal als bloße Höflichkeitsformel gebraucht. Insbesondere im biblischen Sprachgebrauch erhielten die Worte/Titel „Adonai“ bzw. „Kyrios“ nachhaltige Bedeutung: Um nämlich den biblischen Gottesnamen nicht durch eine nachlässige oder falsche Lesung/Aussprache zu missbrauchen (s. Dekalog (Ex 20,7)), wurde die laute Lesung/Verwendung des Gottesnamens außerhalb des Tempelgottesdienstes komplett unterbunden. Zu diesem Zweck wurden (und werden bis heute) traditionellerweise in jüdischen Texten (vgl. 1QGenApoc 20,12f.; TestLevi 18,2), aber auch schon in der Tora selbst nur dessen Konsonanten JHWH (das sogenannte Tetragramm) notiert, nicht aber seine Vokale. Deshalb ist die ursprüngliche Aussprache des Gottesnamens unbekannt1. Man entwickelte stattdessen Ersatzlesungen. Meist wurden die Konsonanten des Tetragramms mit den Vokalen für das Wort „Adonai“ unterlegt, und „Adonai“ wurde dann im synagogalen Gottesdienst die gängige Ersatzlesung für den Gottesnamen. Die Septuaginta, die antike griechische Übersetzung des AT, verwendet in derselben Tradition mehr als 6000-mal das Wort „Κύριος“ anstelle des Gottesnamens. Der Titel „Kyrios“ bezieht sich im Neuen Testament häufig auf Gott(-Vater). – Der irdische Jesus wird im NT nur selten so benannt und dann vor allem, um ihn als Sieger über den Tod zu kennzeichnen. – Meistens aber wird der Titel auf Jesus dann angewendet, wenn der auferstandene und von Gott erhöhte Jesus Christus gemeint ist. Diese Verwendung findet sich bereits in den ältesten vorpaulinischen Bekenntnissen (1Kor 12,3; Röm 10,9; Phil 2,11). Auch der aramäische Gebetsruf „māranā tā“ („Unser Herr, komm!“ bzw. „Unser Herr kommt!“; 1Kor 16,22) verweist darauf, dass dieser christologische Titel schon in den frühesten christlichen Gemeinden Israels/Palästinas gebräuchlich war. Er impliziert, dass der auferstandene und erhöhte Jesus Gott zur Seite steht und ihm in gewisser Weise gleichgestellt wird. Zugleich bedeutete diese Anrede auch eine bewusste Abgrenzung von der Verehrung anderer „Herren“ (vgl. 1Kor 8,6), insbesondere des römischen Kaisers. Das deutsche Wort „Kirche“ ist ein Lehnwort, das dem griechischen Adjektiv „kyriaké“ entspricht, welches von „kyrios“ abgeleitet ist und also „zum Herrn gehörig“ bedeutet; das Wort „Kirche“ ist als verkürzte Wiedergabe des griechischen Begriffs „kyriaké oikía“, „Haus des Herrn“, zu verstehen. (Dementsprechend ist das Wort „Dom“ ein Lehnwort, das dem lateinischen Substantiv „domus“ entspricht, welches „Haus“ bedeutet; das Wort „Dom“ ist als verkürzte Wiedergabe des lateinischen Begriffs „domus domini“, „Haus des (Haus-)Herrn“, zu verstehen.) 5.) Sohn Davids Im hebräischen Teil der Bibel werden mehrere Namen/Bezeichnungen für Gott erwähnt. Manche beschreiben die Handlungen Gottes oder deuten auf seine Attribute/Eigenschaften hin. Manche sind rein metaphorisch aufzufassen. Häufig erwähnte Gottesbezeichnungen sind verschiedene Varianten des Begriffs „El“ („Gott“): „Ha-El“ („der Gott“), „El Eljon“ („höchster Gott“), „El Schaddai“ („gewaltiger/allmächtiger Gott“). „El“ war sowohl eine Bezeichnung für die Götter der heidnischen Völker als auch für den einzigen Gott Israels. Besonders häufig ist die Variante „El-Elohim“ („Gott der Götter“), oft abgekürzt als „Elohim“. Die bei weitem häufigste Namensbezeichnung ist das Tetragramm (= Vier-Buchstaben-Wort) „JHWH“, das die vier Konsonanten des laut biblischer Tradition ‚eigentlichen‘ Namens Gottes wiedergibt. Als Gott sich nämlich dem Mose(s) im brennenden Dornbusch offenbarte, sprach er zu ihm: „Ich bin / werde sein, der ich bin / sein werde. […] So sollst du zu den Israeliten sagen: 'Der 'Ich bin' hat mich zu euch gesandt. […] 'Der Seiende' („JHWH“) hat mich zu euch gesandt'“ (Ex 3,14/15). JHWH bedeutet also wahrscheinlich: „der Seiende/Werdende“ oder „der <für euch> Daseiende“ oder „der Ewige“; denkbar ist auch die Übersetzung „der Erschaffende“. Es gibt aber auch noch ganz andere Deutungstheorien. Es ist unbekannt, wie der Name JHWH ausgesprochen wurde, denn seine Vokale wurden und werden nie geschrieben, und aus religiösen Gründen haben die Juden ihn nur selten und mit der Zeit immer seltener ausgesprochen – zur Zeit Jesu z.B. fast nur noch der Hohepriester des Tempels in Jerusalem bei besonders bedeutenden Gottesdiensten, z.B. am Jom Kippur, und nur im Allerheiligsten, dem abgesonderten Innenraum des Tempels, aber so leise, dass der Gesang der Tempeldiener (Leviten) den Hohepriester übertönte, so dass niemand die Aussprache mitbekam. Es gibt Vermutungen/Rekonstruktionsversuche zur Aussprache, z.B. „Jaó“, „Jahú“, „Jaoué(h)“. Die Variante „Jaoué(h)“ wird meistens in missverständlicher Weise als „Jáhwe(h)“, mit kurzem -e-, geschrieben/gesprochen, und diese Schreibweise hat in wissenschaftlicher Literatur weite Verbreitung gefunden. Die Variante „Jehova“ (vgl. „Jehovas Zeugen“) beruht aber auf einem Missverständnis und ist abwegig. Der Name JHWH wird von Juden also nur geschrieben, nicht ausgesprochen. Zur Aussprache werden von Juden seit ca. 100 n.Chr. andere, umschreibende Bezeichnungen verwendet, z.B.: „Ha-Schem“ („der Name“), „Ha-Rachaman“ („der Barmherzige“), „Ha-Kadosch, baruch hu“ („der Heilige, gesegnet/gepriesen <sei> er“). Im Synagogengottesdienst wird das Tetragramm, wenn es in Gebets- und Bibeltexten auftaucht, „Adonaj“/„Adonoj“ („(mein) Herr“), ausgesprochen, worauf die unter und über dem Tetragramm notierten Vokalzeichen hinweisen: 1 Dieser Hoheitstitel greift eine starke Strömung alttestamentlich-jüdischer Messiaserwartung auf. Anknüpfend an 2Sam 7,16, erhofft diese Messiaserwartung einen eschatologischen (= endzeitlichen) Heilsbringer, der zu den Nachkommen des Königs David gehört (vgl. Jes 9,1-6 und 11,1-10; PsSal 17,21; 4QFlor 1,11-13). Indem die frühen Christen Jesus als den „Sohn Davids“ bezeichneten (vgl. den genealogischen Stammbaum Jesu in Mt 1,118), benannten sie ihn als denjenigen, in dem sich diese Verheißung erfüllt habe. Dabei bezieht sich der Titel vor allem auf die irdische Existenz Jesu (Röm 1,3; 2Tim 2,8), konkret auf seine Wunderwirksamkeit (Mt 12,23; vgl. Mk 10,47f. Par.). 6.) Menschensohn Über Herkunft und Bedeutung dieses Ausdrucks sind sich die Wissenschaftler nicht einig. Eine eindeutige Klärung scheint auch angesichts der Quellenlage kaum noch möglich zu sein. Einen der verschiedenen Deutungsversuche könnte man folgendermaßen nachzeichnen: Die Verwendung des Begriffs durch Jesus zu seinen Lebzeiten Der Begriff „υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου“ (hyios toū anthrōpou), „Sohn des Menschen“, „Menschensohn“, erscheint im NT fast nur in den Evangelien, dort aber ausschließlich aus dem Munde Jesu, der dabei immer in der dritten Person vom „Menschensohn“ spricht. Dieser Topos lässt hinsichtlich seiner grammatischen Form darauf schließen, dass er aus dem Aramäischen stammt, der Muttersprache Jesu. „Menschensohn“ bedeutet im Aramäischen aber oft schlicht „Mensch“ (vgl. Hesekiel 2,1). Der Ausdruck kann dabei auch einfach für „ich“ stehen: Dementsprechend wäre z.B. „Der Menschensohn sagt….“ gleichzusetzen mit „Ich sage….“. Diese Verwendungsweise des Begriffs liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit einer Gruppe von NT-Stellen zugrunde, die vom irdischen Wirken Jesu sprechen (Mk 2,10.28; Lk 9,58; 19,10 u. ö.), und einer weiteren Gruppe, die sein Leiden (und Auferstehen) behandelt (Mk 8,31 parr.; 9,31 parr.; 10,33f. parr. u. ö.). In dieser Verwendungsweise wäre „Menschensohn“ dann gar nicht als christologischer Titel zu verstehen. Die Verwendung des Begriffs durch nachösterliche christliche Gemeinden (nach Jesu Tod) Bei anderen NT-Stellen spielt die Rezeption apokalyptischer Texte aus der alt- und zwischentestamentarischen Epoche eine wichtige Rolle, in denen von besonderen menschlichen Gestalten die Rede ist: Mehrfach wird z.B. in Zitaten oder Anspielungen auf Dan 7,13f Bezug genommen. Dort ist der Begriff „Menschensohn“ aber kein Titel einer Einzelgestalt. Die menschliche Gestalt, die Daniel schaut, symbolisiert vielmehr „die Heiligen des Höchsten“ (Dan 7,18), steht also für ein Kollektiv mehrerer/vieler Menschen. In späteren apokalyptischen Texten (äthHen; syrBar) erscheint mehrfach die Gestalt eines himmlischen Menschen, der beim Gericht Gottes am Ende der Welt auftritt. Er kann dabei z.B. als Fürsprecher oder als Ankläger der Menschen agieren. Als Richter bereitet er das Urteil vor oder spricht es selbst. Nirgendwo aber lässt sich für diese eschatologische Gestalt sicher eine vorchristliche Verwendung des Titels „Menschensohn“ nachweisen. Dennoch geht eine dritte Gruppe von NT-Texten wohl auf Rezeption solcher apokalyptischer Texte zurück: An diesen NTStellen geht es um die künftige Parusie (= Rückkehr/Wiederkunft) des „Menschensohnes“ (Mk 13,26f. u. ö.). Dabei hat er häufig die Funktion des Richters (Joh 5,27; Apg 7,56 u. ö.). Diese Textstellen kann man so deuten, dass Jesus hier …. a) …. von einer anderen Person spricht, die er als eschatologischen Richter erwartet. Dies setzt voraus, dass griechische christliche Gemeinden den aramäischen Sprachgebrauch bzgl. des Begriffs „Menschensohn“ (s.o.) nicht (mehr) kannten und deshalb missverstanden haben. Nach anderer Deutung …. b) …. ist hier von Jesus selbst die Rede, und zwar nun in einer besonderen, sowohl majestätischen als auch demütigzurückhaltenden Weise, die in dem Ausdruck „Menschensohn“, der Hoheit und Kleinheit umfasst, seinen hohen Anspruch, der auch die Rolle des eschatologischen Richters umfasst, distinguiert wiedergibt. Es ist umstritten, ob Jesus auch seinerseits diese Sicht von sich selbst hatte oder ob ihm diese Worte, sofern sie aus seinem Munde überliefert sind, erst nach der Ostererfahrung von seinen Anhängern, die ihn nun mit dieser eschatologischen Gestalt identifizierten, in den Mund gelegt worden sind. „Menschensohn“ ist von nun an jedenfalls als christologischer Titel verwendet worden. 7.) Sohn Gottes Das Neue Testament ist durch zwei Kulturen geprägt: die jüdische und die griechisch-römische. In diesen Kulturen wurde der Begriff „Sohn Gottes“ unterschiedlich gebraucht. Wenn Jesus „Gottes Sohn“ genannt wurde, konnte also Verschiedenes damit gemeint sein. Im Judentum wurde manchmal das Volk Israel als „Gottes Sohn“ bezeichnet. Auch der Typos des Gerechten wurde so betitelt. Insbesondere wurde der Titel aber verwendet, um die Adoption und Einsetzung des sein Amt antretenden oder des erwarteten Königs durch Gott auszudrücken (vgl. 2Sam 7,14; Ps 2,7; 89,27f.; Jes 9,5). Die Bezeichnung als „Gottessohn“ bedeutet dabei also die göttliche Bevollmächtigung bzw. die Übertragung einer bestimmten Aufgabe durch Gott. In der griechischen Kultur war der Begriff viel verbreiteter. Als Söhne Gottes galten Menschen, denen man besondere Kräfte zuschrieb oder die besondere Macht hatten (z. B. Wundertäter, Helden oder auch Könige). Überlegte man, wie Menschen Gottes Söhne geworden waren, dachte man nicht an eine Adoption, sondern an eine wunderbare Geburt, z.B. dass ein Gott selbst durch seine Macht die Schwangerschaft bewirkt hatte. Der Sohn Gottes hatte dann keinen menschlichen Vater, sondern Gott selbst war sein Vater. Die Evangelisten greifen beide Vorstellungen in verschiedenen Geschichten auf. Markus und Matthäus übernehmen in ihren Taufgeschichten (Mk 1,10f; Mt 3,16f) die jüdische Vorstellung: Jesus wird bei seiner (Buß-)Taufe am Fluss Jordan von Gott zum Sohn erklärt. Matthäus und Lukas übernehmen in ihren Geburtsgeschichten die griechische Vorstellung von der Jungfrauengeburt: Jesus sei in Maria durch den schöpferischen Gottesgeist als Mensch gezeugt worden (Mt 1,18-25; Lk 1,3037). Daneben existiert auch der Gedanke, dass Jesus durch die Auferstehung zum Sohn Gottes erhöht und „inthronisiert“ worden sei (Röm 1,4). Ausgedrückt wird in jedem Fall, dass Jesus eine besonders enge Beziehung zu Gott hat, den Willen Gottes kennt und praktisch umsetzt. Jesus wird als von Gott zum Heilsbringer eingesetzt verstanden (vgl. Mk 1,11 par Lk 3,22). Durch Jesus (allein) sei wahre Gotteserkenntnis möglich (Mt 11,25ff.). Schließlich wird „Sohn Gottes“ aber dann auch als Wesensbezeichnung interpretiert, die Jesus von den übrigen Menschen abhebt (vgl. Lk 1,35; Mk 9,2-7). Das führt dazu, dass der Titel mit Aussagen verbunden wird, die von einer himmlischen Präexistenz Jesu vor seiner irdischen Menschwerdung sprechen: Gott sei in ihm auf die Erde gekommen und irdisch/sichtbar wirksam geworden (vgl. Joh 1,1-18; insbes. 1,14).