geburtshilfe und neonatologie | L eitartikel Wenige Ereignisse im Leben sind so berührend und bewegend wie die Geburt eines Kindes. Aber immer stärker greifen bei Schwangeren Verunsicherung und Angst um sich – mit der Konsequenz ständig steigender Kaiserschnittraten. Wie sich Ärzte und Hebammen der anthroposophischen Kliniken diesem Problem stellen und nach welchen Grundsätzen sie Geburtshilfe leisten, besprach Annette Bopp mit Dr. Cornelia Herbstreit, Erdmute Nickel, Eva-Christiane Werner (Havelhöhe), Dr. Hauke Schütt (Filderklinik) und Dr. Anette Voigt, Petra Blanke, Dr. Alfred Längler und Doris Knorr (Herdecke). 4 medizin individuell winter 2 0 0 9 / 2 010 geburtshilfe und neonatologie | L eitartikel Die Kollision des Zeitgeistes mit der Natur Was hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hinsichtlich Schwangerschaft und Geburt verändert? Wie ist das mit der Angst vor der Geburt – ist sie heute eher ein Thema als früher? Cornelia Herbstreit: Heute wissen Frauen viel mehr als früher und haben viel gelesen, aber sie haben immer weniger unmittelbare Erfahrung, was Schwangerschaft und Geburt betrifft. Anette Voigt: Frauen bekommen heute kaum noch innerhalb der Familie die Geburt und Säuglingspflege als etwas Natürliches mit. Sie wissen nicht, wie sie ein Fläschchen zubereiten, was ein Kleinkind isst – so ganz banale Dinge. Hauke Schütt: Oft ist ja schon schwierig, überhaupt schwanger zu werden. Damit klappt es oft nicht mehr auf Anhieb – und es gibt viel mehr Diagnostik, wenn es dann soweit ist. Erdmute Nickel: Die meisten Frauen haben sehr präzise Vorstellungen, wie eine Geburt ablaufen sollte, aber wenig Vertrauen in das eigene Gefühl und wenig inneren Spielraum für die Bandbreite dessen, was eine Geburt mit sich bringt. Sie wissen nicht, dass jede Geburt so individuell ist wie der Mensch selbst, und dass jede anders verläuft – vor allem anders als die Vorstellung es vorgibt. Herbstreit: Frauen bekommen ihr erstes Kind heute oft relativ spät, und sie sind es gewohnt, alles im Griff zu haben, alles zu managen. Schwangerschaft und Geburt sind aber Vorgänge, die man schlecht kontrollieren kann, da muss man viel abgeben, geschehen lassen, sich anvertrauen. Das fällt vielen sehr schwer. Oft geht es schon los mit dem Entbindungstermin. Wir sagen dann immer: „Der errechnete Termin ist der Termin, an dem das Kind wahrscheinlich nicht kommt“ – nur 4 Prozent der Babys halten sich daran. Für viele ist es schon schwierig, das nicht als pathologisch oder als Kontrollverlust zu erleben, sondern als normalen Verlauf, dem Raum zu geben ist. Aber es ist nunmal so: Bei der Geburt kollidiert der Zeitgeist mit der Natur. Petra Blanke: Für mich ist am auffälligsten, dass die Frauen mehr Angst haben. Sie haben kaum noch Vorbilder für eine gute Geburt, es werden eher die negativen Erfahrungen berichtet als die positiven. Eva-Christiane Werner: Ich glaube, dass die Angst schon immer da war, sie wird heute nur eher benannt und bekommt durch das Internet mehr Raum. Es wird weniger Angst gemacht, als mehr über die Angst gesprochen. Die Angst vor dem Unbekannten, davor, was einem passieren kann unter der Geburt – die war schon immer da. Früher waren die Menschen nur eher bereit, sich anzuvertrauen – einer Fügung, einer göttlichen Macht, der Natur, was auch immer. Man hat gebetet und gehofft – Frauen waren guter Hoffnung! Heute begegnet man der Angst mit Kontrolle, mit dem Zwang, etwas zu machen. Die Geburt ist aber etwas, wo man in erster Linie nichts macht, sondern zulässt, kommen lässt. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass die Geburt dann gut vorangeht, wenn eine Frau sich in dieser Art wirklich dem Geschehen überlässt, zulässt, sich selbst fallenlässt in das, was da kommt und mit ihr geschieht. Und selbst die Kontrolliertesten kommen spätestens dann ins Schleudern, wenn die Wehen richtig knackig werden – wenn eine Frau zu sehr im Kopf ist, kann sie nicht gut gebären. Nickel: Wir müssen uns auch klarmachen, wer hier bestimmt, wann die Geburt losgeht – das ist das Kind! Das Kind gibt den Impuls zum Geburtsbeginn. Und die beste Schmerzmedikation ist die menschliche Begleitung – Präsenz, Zuwendung, Berührung. Das ist das wichtigste. Jede Geburt ist anders und nie so, wie man sie sich vorstellt Wie oft wird an Sie der Wunsch nach einem Kaiserschnitt herangetragen, aus Angst vor Geburtsverletzungen, Schmerzen oder anderen Gründen? Voigt: Einen echten Wunschkaiserschnitt gibt es selten. Die meisten, die mit diesem Anliegen kommen, haben so sehr Angst vor der Geburt, dass die Angst die Indikation darstellt. Und wenn wir die Frau davon nicht abbringen können, dann machen wir eben einen Kaiserschnitt. Schütt: Es ist ja die Aufgabe von uns Ärzten und auch der winter 2 0 0 9 / 2 010 medizin individuell 5 Satt, warm, zufrieden, geborgen im Arm der Mutter und sehr schläfrig – ein wenige Tage altes Neugeborenes. Hebammen, dass wir den Frauen die Angst nehmen und Vertrauen in die eigene Kraft vermitteln. Das wird heute vielerorts unzureichend wahrgenommen. Zu uns in die Filderklinik kommen eher Frauen, die eben gerade keinen Kaiserschnitt wollen – den bekommen sie andernorts sowieso. Wir schaffen es in aller Regel, diesen Wunsch zu relativieren. Gelingt es uns nicht, werde ich mich allerdings nicht zum Richter aufschwingen, dann bekommt die Frau ihren Kaiserschnitt, auch von mir. Aber das sind im Jahr nicht mehr als fünf oder sechs. Herbstreit: Unserer Erfahrung nach sind es sehr wenige Frauen, die strikt dabei bleiben, und sie schicken wir woanders hin. Manche sind dann verstimmt, weil sie ihren Kaiserschnitt gerne in der kuscheligen Atmosphäre von Havelhöhe bekommen wollen – aber das entspricht einfach nicht der Art und Weise, wie wir hier Geburtshilfe leisten wollen. Wir sind ja hier nicht auf dem Land, wo die nächste Klinik 200 km entfernt ist. Wenn eine Frau einen wirklichen Wunschkaiserschnitt will, dann findet sie in nächster Nähe diverse Häuser, wo sie ihn bekommt. Aber eben nicht bei uns. Voigt: Wenn es Frauen sind, die nach einer traumatischen ersten Geburt oder einem Notkaiserschnitt ihr zweites Kind bekommen und deshalb nach einer Sectio verlangen, knüpfen wir meist an der ersten Geburt an und fragen, was da los war, warum war es so schlimm. So tasten wir uns heran und manchmal muss ich dann sagen, es ist vielleicht eine gute Idee, beim zweiten Kind einen Kaiserschnitt zu machen: wenn das erste Kind schon 4,5 Kilo wog, wenn es zu schweren Geburtsverletzungen bei der Frau gekommen ist – da kann ich durchaus mitgehen, dass die Frau das nicht ein zweites Mal erleben möchte. Aber es gibt auch Frauen, wo wir den Eindruck haben, da war das Team nicht gut zusammengesetzt, sie hat sich nicht gut aufgehoben gefühlt, oder der Mann hat sie zu sehr unter Druck gesetzt. Dann schlagen wir vor, dieses Mal eine Freundin mitzubringen oder eine andere Person ihres Vertrauens, damit das noch jemand unterstützt. So kann man auch Angst nehmen. Doris Knorr: Außerdem können wir vereinbaren, dass wir bei einem Geburtsstillstand nicht lange warten und alles bis zum Letzten ausreizen, sondern dann rasch einen Kaiser- 6 medizin individuell winter 2 0 0 9 / 2 010 schnitt machen. Das kann man ja verabreden – und die Frau muss sich darauf verlassen können, dass das geburtshilfliche Team sich daran hält. Dann geht das meistens gut. Blanke: Selbst wenn eine Frau beim ersten Kind einen Kaiserschnitt hatte, kann das zweite auf normalem Wege kommen. Das bestätigen auch die Leitlinien: nach dem ersten Kaiserschnitt können 73 Prozent normal entbinden, nach dem zweiten 65 Prozent und nach dem dritten sind es immer noch 50 Prozent! „Einmal Kaiserschnitt – immer Kaiserschnitt“ – das ist längst überholt. Nur: Es hält sich keiner daran! Schütt: Deshalb geht die Diskussion oft in eine falsche Richtung. Die Kaiserschnittrate steigt nicht, weil die Frauen das so wollen, sondern weil die Geburtshilfe versagt. Die Haupttriebfeder ist die mangelnde Professionalität unseres Berufsstandes. Knorr: Und die mangelnde Professionalität der niedergelassenen Gynäkologen, die der Frau einreden, dass sie einen Kaiserschnitt braucht. Das kann man vielen noch nicht einmal zum Vorwurf machen: Sie kennen es nicht anders. Aber der Frauenarzt ist der erste, zu dem eine Schwangere Kontakt hat, dem sie vertraut, oft schon seit Jahren kennt. Er begleitet und berät sie bis zur Geburt. Und wenn so ein Gynäkologe dann sagt: „In Ihrem Alter würde ich kein Risiko eingehen“, oder „das Kind ist ein bisschen groß, lassen Sie es mal lieber per Kaiserschnitt holen“, dann glauben die Frauen auch, dass es anders nicht geht. geburtshilfe und neonatologie | L eitartikel Schütt: Das sind Ärzte, die nie eine BeckenendlagenGeburt oder eine vaginale Zwillingsgeburt gesehen haben. Diese zunehmende Inkompetenz der Ärzte ist etwas sehr Wesentliches, was sich in den vergangen Jahren verändert und die Kaiserschnittrate nach oben getrieben hat. Voigt: Und noch etwas: die Ökonomie. Von den Kostenträgern und der Struktur her wird der Kaiserschnitt massiv gefördert: Ein Kaiserschnitt ist doppelt so teuer wie eine normale Geburt – er lohnt sich fürs Haus. Und für die Ärzte. Denn der Kaiserschnitt ist planbar, erfordert nur wenige Mitarbeiter, und er geht schnell. Dafür, dass wir Stunden um Stunden um einen verzögerten Geburtsverlauf herumeiern, bekommen wir nichts! Da ist es eben für viele verlockend, lieber einen Kaiserschnitt zu machen und in 30 Minuten fertig zu sein, als sich stundenlang mit einem unerfahrenen Assistenten die Nacht um die Ohren zu schlagen. Und es verwundert dann auch nicht mehr, dass die Kaiserschnittrate an vielen städtischen Kliniken bereits über 50 Prozent liegt! Im Grunde ist das ein Skandal. Blanke: Es fehlt an Erfahrung, an Interesse und am Willen, ein Kind vaginal zur Welt zur bringen. Schütt: Geburtshilfe ist auch wissenschaftlich gesehen nichts, wonach zu streben sich lohnt. Die Chefs an den Uni-Kliniken heute profilieren sich nicht damit, sondern mit den kleinen Segmenten des Fachs – mit Krebserkrankungen vor allem. Da wird intensiv geforscht und gearbeitet. Bei der Geburtshilfe: Fehlanzeige. Wie hoch ist denn die Kaiserschnittrate bei Ihnen? Herbstreit: In Havelhöhe beträgt sie um die 17 Prozent, aber wir entbinden erst ab Woche 35, also keine Frühgeburten, bei kleineren Kindern ist die Sectio-Rate höher. Schütt: In der Filderklinik liegen wir – vermutlich bundesweit an vorderster Spitze – bei 11 Prozent. In Kiel bei Dr. Giese, wo ich gelernt habe, lag sie bei 5 Prozent – bei 2000 Geburten jährlich! Und mit einer absolut sicheren Geburtshilfe! Wir gehen keinerlei Risiken ein, bei uns gibt es keinen Fatalismus und keinen Schlendrian. Unser Hauptziel ist nicht eine niedrige Sectiorate – sie beschreibt nur unsere Arbeit. Unser Hauptziel ist Sicherheit für Mutter und Kind, und wenn dabei eine niedrige Kaiserschnittquote herauskommt – bestens. Wenn sie steigt, damit wir die Sicherheit gewährleisten können, ist das auch gut. Aber es lässt sich feststellen, dass sie mit zunehmender Kompetenz des geburtshilflichen Teams kontinuierlich sinkt. Das muss einem doch zu denken geben! Blanke: In Herdecke haben wir eine Quote von ca. 26 Prozent. Die Neonatologie haben Sie in der Filderklinik ja auch, das kann also nicht der Grund dafür sein, dass wir so viel höher liegen. Wir müssten das genauer analysieren. Müssen denn Babys bei Beckenendlage oder Zwillinge immer per Kaiserschnitt entbunden werden? Werner: Aber nein – es ist doch nichts Unnatürliches und Unverantwortliches, wenn ein Kind mit dem Po zur Welt kommt! Ich muss diese Geburtsmethode ja nicht anbieten, wenn ich sie nicht beherrsche oder mir nicht zutraue. Aber ich sollte diejenigen, die es können, in Ruhe arbeiten lassen! Das ist jahrhundertealtes geburtshilfliches Wissen! Schütt: Ein Kaiserschnitt ist mit einer doppelt so hohen Sterblichkeit für das Kind verbunden wie eine normale Geburt – das ist pure Statistik, jüngst international publiziert, wissenschaftlich unanfechtbar. Aber eben im Promille-Bereich und deshalb nicht beachtet. Wir sind die einzigen in ganz BadenWürttemberg – nicht das kleinste deutsche Bundesland! –, die bei Beckenendlage ebenso wie bei Zwillingen vaginal entbinden. Und die Nachfrage steigt wieder, die Frauen fragen gezielt danach. Blanke: Manche Frauen denken – oder es wird ihnen eingeredet –, der Kaiserschnitt sei die leichtere, bessere und sicherere Geburt – für sie selbst und für das Kind.Aber das stimmt eben nicht. Die Risiken sind größer – für Mutter und Kind! Da spielt sicher auch der Druck von außen eine Rolle: entscheiden sich Frauen für eine vaginale Beckenendlagen-Geburt, stoßen 90 Prozent von ihnen bei Familie und Freunden auf Unverständnis; ziehen sie den Kaiserschnitt vor, werden nur 10 Prozent dafür kritisiert. Das spricht doch eine eindeutige Sprache! Nickel: Viele Geburtshelfer machen den Kaiserschnitt aus Angst. Aus Angst, dass etwas passieren könnte, dass die winter 2 0 0 9 / 2 010 medizin individuell 7 geburtshilfe und neonatologie | L eitartikel Links oben: Petra Blanke ertastet die Lage des Kindes. Weil es mit dem Kopf nach oben liegt, wird sie eine äußere Wendung versuchen. Dabei wird das Kind im Mutterleib mit den Händen von außen gedreht, so dass eine Geburt in Beckenendlage vermieden werden kann – ein alter geburtshilflicherKunstgriff. Links Mitte: Die große Wanne im Herdecker Kreißsaal erlaubt auch Wassergeburten. Darunter: „Känguruhen“ mit einem Frühgeborenen in der neonatologischen Intensivstation in der Filderklinik. Links unten: Das große Bett im Herdecker Kreißsaal bietet genügend Platz, dass Frau und Mann gemeinsam Eltern werden können. Großes Foto rechts: Dass die Ärzte nach der Geburt um das Leben des kleinen Jonas kämpfen mussten (siehe Seite 19), ist ihm hier schon nicht mehr anzusehen – er schläft selig im Arm der Mutter. Unten rechts: Zärtlich berührt Kerstin Kunert (siehe Seite 18) das Näschen von Max, ihrem zweiten Sohn. Eltern sie auf Schadensersatz verklagen, dass sie die Geburtssituation nicht beherrschen können. Und diese Angst überträgt sich auf die Frau, die dann auch kein Vertrauen entwickeln kann, keine Sicherheit, keine Zuversicht, dass sie das kann und dass es gut gehen wird. Auf diesem Boden wächst die Kaiserschnitt-Rate. Herbstreit: Wichtig ist, dass man vorher gut schaut: Wie ist das Kind proportioniert. Dafür muss man sehr gut ultraschallen können! Und dann braucht man Hebammen und Ärzte, die sich mit Beckenendlage oder Mehrlingsgeburten auskennen. Die wissen, was sie zu tun, vor allem aber zu lassen haben. „Die Hände des Geburtshelfers gehören auf den Rücken“, sagte schon der bekannte Berliner Arzt Willibald Pschyrembel (1901-1987). Welche Vorteile hat das Kind von einer vaginalen Geburt? Schütt: Die Sauerstoffsättigung des kindlichen Blutes im Mutterleib liegt bei 25 Prozent – das ist wie auf dem Gipfel des Mount Everest ohne künstliche Sauerstoffzufuhr. Das hält das Kind gut aus. Wenn es geboren wird, muss es jedoch innerhalb kürzester Zeit eine Sauerstoffsättigung von 90-100 Prozent erreichen. Nach einer vaginalen Geburt braucht das Baby dafür ungefähr vier Minuten, nach einem Kaiserschnitt acht bis zehn Minuten. Das lehrt uns: ein Kaiserschnitt kann so gesund nicht sein. Es lehrt auch: Das Kind profitiert von den Wehen, von der Enge des Geburtskanals, vom gesamten Vorgang der Geburt. Das kann man doch nicht vernachlässigen. Das hat ganz offenkundig seinen Sinn – wir wissen darüber nur so wenig, weil sich niemand für diese Forschung wirklich interessiert. Knorr: Es gibt Studien, die zeigen, dass die Bindung zwischen Mutter und Kind – neudeutsch: „Bonding“ – besser und leichter funktioniert, wenn ein Kind über die Wehen mütterliches, natürliches Oxytozin erhalten hat, das „Glückshormon“ der Geburt. Kurioserweise funktioniert das aber nicht mit künstlichem Oxytozin als Infusion. Voigt: Das mütterliche Oxytozin und auch der vorgeburtliche Stress über die Wehen bereiten das Kind darauf vor: jetzt passiert hier was! Nach einem geplanten Kaiserschnitt ohne Wehen landen die Kinder am schnellsten und häufigsten auf der neonatologischen Intensivstation. Die sind so überrascht, dass sie plötzlich nicht mehr im geschützten Mutterleib sind, dass sie gar nicht wissen, was sie hier sollen – und entsprechend verständnis- und orientierungslos reagieren sie. Deshalb gehen wir bei einem geplanten Kaiserschnitt ganz dicht an den errechneten Geburtstermin heran oder warten die Wehen ab. Die Wehen und die Geburt selbst haben einen unmittelbaren Sinn und gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes. Aber dann ist es doch eigentlich ein ärztlicher Kunstfehler, einer Frau eine qualifizierte Geburtshilfe vorzuenthalten. Wenn man aus geburtshilflichem Unvermögen einen Kaiserschnitt macht, schadet man doch Mutter und Kind. Beiden. Schütt: Es gibt sogar Zahlen, die darauf hinweisen, dass das Risiko für Tumorerkrankungen und Diabetes bei Kaiserschnitt-Kindern höher ist als bei vaginal Entbundenen. Harte Daten sind das nicht, aber durchaus Hinweise. Es ist sicher gut, dass wir die Sectio als Möglichkeit haben, um ein Kind, das in Not ist, holen zu können. Aber es kann nicht der leichter zu gehende Weg sein. Für jede Operation braucht man einen Grund. Und man kann nicht einfach der Frau den Bauch aufschneiden – ohne sicher zu wissen, dass es auch wirklich notwendig ist, das ist ethisch nicht in Ordnung. Voigt: Dieses mangelnde Fachwissen ist aber auch ein Frauenproblem. Heute arbeiten überwiegend Frauen in unserem Fachgebiet – das ist schön, weil es zum Fach passt, aber es ist auch problematisch, weil viele Frauen selbst Kinder bekommen und dann dem Fach nicht mehr so zur Verfügung stehen, wie es nötig wäre, um eine qualifizierte Geburtshilfe zu lernen. Die ist ja sehr zeitaufwendig. Und viele Frauen mit Familie schätzen geregelte Arbeitszeiten. Das ist in der Geburtshilfe nicht machbar! Die erfordert die ganze Frau! Wenn man wirklich lernen will, wie Geburtshilfe geht, muss man viele Stunden im Kreißsaal zubringen, viele Nächte, und man muss hart arbeiten dafür. Das wollen oder können heutzutage aber immer weniger Frauen. Schütt: Ich bin froh, dass Sie das so sagen – es ist ein echtes Problem. Die Kolleginnen und Kollegen verbringen heute auf der Geburtshilfe etwa halb so viel Zeit wie ich vor 20 Jahren, als ich meine Facharztausbildung begann. Wie sollen dabei qualifizierte Geburtshelfer herauskommen? In der Filderklinik haben wir 2009 voraussichtlich ca. 1700 Geburten, die Anzahl der Zwillingsgeburten hat sich innerhalb dieses Jahres verdreifacht. Das zeigt doch, dass hier Kompetenz im Haus ist, gediegene, klassische Geburtshilfe. Rund um die Uhr. Ein Kaiserschnitt birgt das höhere Risiko – für Mutter und Kind 8 medizin individuell winter 2 0 0 9 / 2 010 Thema Bonding: Bleiben die Kinder heute häufiger als früher in der Prägephase der ersten zwei Stunden nach der Geburt bei Mutter und Vater? Knorr: Die meisten machen sich dazu keine Gedanken, die Eltern nicht, aber auch das geburtshilfliche Team nicht – in den anderen Häusern. Bei uns ist die Prägephase „heilig“! winter 2 0 0 9 / 2 010 medizin individuell 9 geburtshilfe und neonatologie | L eitartikel Winzige Fingerchen, durchscheinende Haut – Frühgeborene sind ganz besonders schutzbedürftig. Manche müssen wochenlang im Brutkasten hochgepäppelt werden. Bei all der Technik brauchen sie viel menschliche Nähe – vor allem Haut- und Körperkontakt, hier auf der Neonatologie in der Stuttgarter Filderklinik. Blanke: Der Respekt vor dem Ereignis der Geburt, vor dem Neugeborenen und der Prägephase bringt es zwingend mit sich, dass wir das Paar mit dem Kind in den ersten zwei Stunden nach der Geburt in Ruhe lassen – sofern es der Gesundheitszustand von Mutter und Kind erlaubt. Das ist aber längst nicht überall so. Ich habe es während meiner Ausbildung an einer der größten Kliniken für Geburtshilfe in Deutschland erlebt, dass das Kind jedesmal nach 2-3 Minuten der Mutter weggnommen wurde, um es zu waschen, zu wiegen und anzuziehen – alles Dinge, die man auch noch zwei Stunden später machen könnte. Und anschließend kam es erstmal ins Kinderzimmer für die kinderärztliche Untersuchung, und dort blieb es nicht selten über Nacht. Die Eltern mussten es sich richtiggehend wünschen und schriftlich einreichen, wenn sie das Kind bei sich behalten wollten. Das ist heute sicher noch an vielen Kliniken so. Längler: Wir haben in Herdecke auf der neonatologischen Intensivstation die Bedingungen geschaffen, dass Eltern und Kind rund um die Uhr zusammenbleiben können (siehe Seite 14). Denn gerade nach einer Frühgeburt oder wenn das Neugeborene in einem kritischen Zustand ist, wollen die Eltern bei ihrem Kind sein – das ist das Natürlichste von der Welt! Unsere Krankenzimmer sind so groß dimensioniert, dass neben den Intensiv-Inkubator noch ein Elternbett passt. Die Alarme laufen in der Pflegezentrale auf – so ist es im Krankenzimmer selbst ruhig. Viele Eltern empfinden dieses „Intensiv-Rooming-In“ als ganz besondere Qualität. Voigt: In unseren Häusern ist es den Ärzten bewusst, dass Mutter und Kind zusammengehören, und dass es dem Kind besser geht, wenn es bei der Mutter ist – gerade in kritischen Situationen. Das hängt auch mit den Kinderärzten zusammen – ein erfahrener Kinderarzt wird das Kind viel eher bei der Mutter lassen als ein unerfahrener, der sagt: Das Kind muss an den Monitor! Viele verlassen sich eher auf ein Gerät als auf ihre Sinne. Längler: Vermutlich würde ein Drittel der Kinder weniger verlegt, wenn immer die erfahrenen Oberärzte bei einer Geburt dabei wären... Bei uns reicht oft ein Blickkontakt zwischen Kinderarzt und Geburtshelferin. Wir sehen, die Hebamme hat die Hand an der Nabelschnur – da genügt ein kurzes Nicken und wir wissen: es ist alles in Ordnung. Ein unerfahrener Kollege dagegen muss erstmal auf Nummer Sicher gehen, er muss das Kind abhören und absaugen und irgendetwas tun. Aber wir sprechen jetzt von gesunden Neugeborenen – bei kranken ist schnelle medizinische Hilfe ebenso wichtig wie das Bonding. Wir bemühen uns, beides unter einem Dach zu vereinen. Obere Bildreihe von links nach rechts: Dr. Cornelia Herbstreit ist Leitende Ärztin der Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. Erdmute Nickel arbeitet dort als Frauenärztin und Geburtshelferin, Eva-Christiane Werner als Hebamme. Dr. Hauke Schütt ist Leitender Arzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Stuttgarter Filderklinik. Untere Bildreihe von links nach rechts: Dr. Anette Voigt ist Leitende Ärztin der Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit den Schwerpunkten Operative Gynäkologie, Mammachirurgie und Gynäkologische Onkologie. Petra Blanke ist Leitende Oberärztin der Abteilung mit den Schwerpunkten Schwangerenberatung, Dopplersonographie, Geburtsplanung, Mitbetreuung von Risikoschwangeren, Geburtshilfe, äußere Wendung bei Beckenendlage. Dr. Alfred Längler ist Leitender Arzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin. Doris Knorr ist Leitende Hebamme. Alle vier gehören zum Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. 10 medizin individuell winter 2 0 0 9 / 2 010