Grundlagen der Forschungs- und Wissenschaftsmethodik

Werbung
Einführung in die
Psychotherapiewissenschaft:
Erkenntnis- und
Wissenschaftstheorie
SS 2013
P. Gasser-Steiner (2. Abschnitt)
D. Karloff
W. Pieringer
Abgrenzung: Erkenntnis- und
Wissenschaftstheorie
• Erkenntnistheorie –
Epistemologie
• „Begründungsidee“
• Gegensatz: epistemé –
doxa
• Rechtfertigung der
Bedingungen möglicher
Erkenntnis
• Wissenschaftstheorie –
Methodologie
• Grundlegung der
Wissenschaften
• Meta-Theorie vs.
Gegenstandstheorie
• rationale
Rekonstruktion
wissensch. Erkenntnisse
Erkenntnistheorie - Positionen
• antike Philosophie: Dogmatismus vs.
Skeptizismus
• mittelalterl. Philosophie (Universalienstreit):
Nominalismus vs. Realismus
• neuzeitliche Philosophie: Empirismus vs.
Rationalismus
Wissenschaftstheorie
• Methodologie, Meta- Theorie; philosophy of
science,
• Klärung der Grundbegriffe des
wissenschaftlichen Arbeitens
• wissensch. Grundoperationen: Beschreibung
und Erklärung
• einheitswissenschaftliche Position
vs. Dualismus
Elektron
Dissonanz
theoretische
Begriffe
Konstrukte
Segregation
……………
……………
……………
zunehmende Theoretizität 
Stufenbau der Sprache (Rudolf Carnap)
depressiv
löslich
feucht
extravertiert
hart
Dispositionsbegriffe
locus of
control
trocken
flüssig
Beobachtungssätze
Basissätze
Protokollsätze
Theorien, Metaphern, Modelle etc.
Begriff
 semantische Einheit, bezeichnet Bedeutungsgehalt
 Vorstellung über allgemeine und gleichzeitig wesentliche
Merkmale für ein Phänomen (bspl. Familie, Klasse, Liebe)
 Jeder Begriff hat einen Inhalt (Gesamtheit der in ihm fixierten
Unterscheidungsmerkmale) und einen Umfang (Gesamtheit
der durch den jeweiligen Begriff bezeichneten Gegenstände)
 Zur Bestimmung eines Begriffes ist Definition notwendig
(Angabe des Rahmens, der Grenzen, Unterscheidung)
 Die Definition hebt Merkmale im Begriff hervor und isoliert sie
von den übrigen
Wort: sprachlicher Ausdruck für einen Begriff
6
Der “Wiener Kreis”
• neopositivistisch, logischer Empirismus, radikaler Szientismus
– Vertreter: (Wittgenstein), Carnap, Schlick, Neurath, Reichenbach
• System der Wissenschaft:
– Realwissenschaften, Gegenstandstheorien: empirische, also sinnliche
Elementarerlebnisse
– Formalwissenschaften: Logik und Mathematik
• Ziel: (künstliche) empiristische Einheitssprache der
Wissenschaft
• Abgrenzungskriterium: Verifikation - Verifizierbarkeit
• Ein Satz ist sinnvoll, wenn
– er keine “sinnlosen” (nicht empirischen) Wörter enthält (empirisches
Kriterium)
– er syntaktisch korrekt gebildet ist (logisches Kriterium)
Logischer Empirismus
• 2 Arten von wiss. Aussagen: analytisch wahr,
synthetisch wahr (Logik und Erfahrung)
• phänomenalistische Begründung der Erkenntnis:
„durch unmittelbares Erlebnis“ (Schlick) (Problem
der Privatsprache)
• physikalistische Position: nicht Erlebnisse, sondern
Beobachtungssätze (Aussagen)
• Reduktionsforderung Zurückführbarkeit auf
physikalische Begriffe
• Psychologie als Zweig der Physik (Carnap 1932/1933)
Neopositivismus – Wiener Kreis
Moritz SCHLICK
Rudolf CARNAP
Neopositivismus – Wiener Kreis
Otto NEURATH
Isotype (Englisch: International System of
Typographic Picture Education; Deutsch:
Internationales System der Erziehung durch Bilder
Neopositivismus – Wiener Kreis
Herbert FEIGL
Viktor KRAFT
Analytische Philosophie
• Analytische Philosophie: L. Wittgenstein,
B. Russell, G.E. Moore, G. Frege
• Aufgabe der Philosophie = Klärung der
Sprache (linguistic turn)
• Verzicht auf (philosoph.) Weltbilder
• Sprachirrtümer: zB Substantivierungen (Sein,
Nichts, Ich, Selbst)
• Carnap (1931) Überwindung der Metaphysik
durch logische Analyse der Sprache
Analytische Wissenschaftstheorie
• WT = angewandte Logik: Als wissenschaftlich
wird nur akzeptiert, was sich mit den
Methoden der Logik rational rekonstruieren
läßt. (Stegmüller 1973)
• WT ≠ Analyse der wiss. Tätigkeit , Institution,
Lebensform
• nur Sätze, Systeme von Aussagen und
Begriffen, Argumentations- und
Begründungsweisen
Logischer Empirismus und Psychologie
• Nähe zwischen Logischem Empirismus und
behavioristischer Psychologie
• „alles Psychische in dem Verhalten von
Körpern, also in einer der Wahrnehmung
zugänglichen Schicht zu erfassen“
(Otto Neurath 1979)
Behaviorismus: John B. Watson (1878-1958)
John Hopkins University (1920)
• „… Psychologie hat versagt, sich
in der Welt eine Stellung als
unbestrittene
Naturwissenschaft zu
behaupten,“
• Psychologie ist nicht auf eigene
Methode (Introspektion)
angewiesen
• mentale Begriffe aus dem
Vokabular der Psychologie:
streichen: Bewusstsein,
Empfindung, Wahrnehmung,
Vorstellung, Wunsch, Absicht,
Denken, Fühlen
Radikaler Behaviorismus:
John B. Watson (1878-1958)
• Psychology as the Behaviorist Views it. (Psychological Review, 20, 158177, 1913)
• Psychology, as the behaviorist views it, is a purely objective,
experimental branch of natural science which needs introspection as
little as do the sciences of chemistry and physics. It is granted that the
behavior of animals can be investigated without appeal to
consciousness.
• This suggested elimination of states of consciousness as proper
objects of investigation in themselves will remove the barrier from
psychology which exists between it and the other sciences. The
findings of psychology become the functional correlates of structure
and lend themselves to explanation in physico-chemical terms.
klassischer Behaviorismus
• B. F. Skinner (1904-1990)
experimentelle
Verhaltensanalyse
• Gegner mentalistischer
Erklärungsansätze (Wille,
Absichten, Bewusstsein)
• Verhalten ist jede
Aktivität – auch Sprechen,
Denken, Fühlen,
Wahrnehmen(overt vs.
covert)
methodologischer Behaviorismus
• mentale Begriffe werden nicht mehr
ausgeschlossen
• sie werden als theoretische Konstrukte
behandelt, die zu operationalisieren sind
• die also solche, in Beobachtungs- und
Messvorschriften zu übersetzen sind
(operationale Definitionen)
Neobehaviorismus (E. Tolman)
• „black – box“ wird aufgegeben
• „Motive“ als hypothetische Kontrukte =
intervenierende Variablem
• zB Zeichen-Gestalt-Theorie von Tolman:
Ratten im Labyrinth  cognitiv map
2. Generation der Behavioristen
Clark L. HULL (1884-1952)
Edward TOLMAN
(1886-1959)
„kognitive Wende“
• 1960: G.A Miller, E. Galanter, K.H. Primbram:
Plans and Structure of Behavior.
• kognitive Reformulierung des menschlichen
Verhaltens in Begriffen von Plänen und
Programmen
• ausgeprägte Innensteuerung des Verhalten
• Übergang zur kognitiven Psychologie
zwei Wissenschaftsstile
• Induktivismus
– Betonung der Erfahrung und daraus sich induktiv
ergebenden Theorien
– Daten Sammeln – Beschreiben – „Naturlehre“
– Theoriebildung durch Verallgemeinerung
• Deduktivismus
– Betonung der kreativen theoretischen Innovation
– Theoriebildung durch Begriffsbildung
David HUME
1711-1776
Entdecker des Induktionsproblems:
• Menschen lernen „am Erfolg“ (zB das
Brot nahrhaft ist)
• Was berechtigt, einen Schluss auf die
Zukunft?
• ein Uniformitätsprinzip?
(Zukunft ähnlich wie Vergangenheit) –
müsste aus der Erfahrung begründet
werden – petitio principii
• von einem praktischen Standpunkt aus
betrachtet durchaus nutzbringend
• diese Praxis unter dem
Vernunftgesichtspunkt jedoch
irrational
John Stuart MILL
1806-1873
John Stuart MILL
1806-1873
INDUKTIVE LOGIK
Induktionslogik befasst sich mit der Frage, ob es ein gültiges Schema gibt, das aus
einzelnen Beobachtungen und Fakten auf allgemeine Aussagen schließen lässt
Methode der Übereinstimmung
„Wenn alle Fälle, in denen das untersuchte Phänomen auftritt, nur einen Umstand
gemeinsam haben, so ist dieser Umstand eine Ursache (oder Wirkung) des
Phänomens (Panikattacken in Aufzügen, Kinos, gefüllten Räumen..)
Methode des Unterschieds
Wenn eine Situation, in der das untersuchte Phänomen auftritt, und eine andere
Situation, in der das untersuchte Phänomen nicht auftritt, bis auf einen einzigen
Unterschied völlig gleich sind, ist dieser Unterschied die Wirkung, die Ursache
oder ein notwendiger Teil der Ursache des Phänomens (VG – KG)
Methode der gleichzeitigen Änderungen
Wenn zwei Phänomene kovariieren, wenn also ein Phänomen sich immer dann
verändert, wenn sich ein anderes Phänomen verändert, gibt es zwischen beiden
eine Kausalbeziehung“[
Karl R. Popper (1902-1924)
Die Kontroverse zwischen Carnap und Popper
Karl R. Popper – Lebenslauf
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
* 28. Juli 1902 Wien
1920 – 1922 Schüler am Wiener Konservatorium für Kirchenmusik
1924 Abschluss der Lehrerausbildung und Tischlerlehre
1928 Dissertation „Zur Methodenfrage der Denkpsychologie“ bei Karl Bühler
1929 erwarb er die Lehrerberechtigung für Mathematik und Physik
1930 – 1935 Hauptschullehrer in Wien
keine Einladung des Wiener Kreises wegen Kritik an der neoposivistischen
Position
dadurch Anregung zur Verfassung von „Logik der Forschung“(1934)
1937 Emigration nach Neuseeland, Berufung an die Universität Canterbury
„The Poverty of Historicism“ und „The Open Society and Its Enemies“
1946 Wechsel nach London an die School of Economics and Political
Science
1965 Ritterschlag durch Queen Elizabeth II
1969 Emeritierung
† 17. September 1994 in London
Joergen Timm 19. Februar 2008
Induktionskritik (Popper)
INDUKTION
„Dieser Weg geht von den Sinnen und vom Einzelnen aus und indem man stetig
und stufenweise aufsteigt, gelangt man erst zu den allgemeinsten Sätzen..“
(Hollis 1995, S.62)
• Empirismus, der auf Beobachtung und induktiven Verallgemeinerung beruht
• „In ähnlichen Verhältnissen und unter ähnlichen Bedingungen treten ähnliche
Ereignisse und Erfahrungen ein“ (vgl. Hollis 1995, S. 69)
Induktionsproblem I (Popper)
• Der induktiven Schluss bzw. der Induktionsschluss ist einen Schluss von
besonderen Sätzen, die z.B. Beobachtungen und Experimente beschreiben,
auf allgemeine Sätze, wie Hypothesen oder Theorien
• Sind wir berechtigt von besonderen Sätzen auf allgemeine Sätze zu
schließen?
• Popper: Ablehnung der Vorstellung, dass man aus Einzelfällen ein allgemein
gültiges Gesetz ableiten kann, sowie auch den Versuch aus Einzelfällen
Wahrscheinlichkeiten ableiten zu können
• „Man kann nicht mehr wissen, als man weiß“
Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium
„Nicht die Rettung unhaltbarer Systeme ist ihr Ziel, sondern in möglichst
strengem Wettbewerb das relativ haltbarste auszuwählen“ (Popper 1976, S.
16)
• Durch deduktive Schlüsse ist es möglich von besonderen Sätzen auf die
Falschheit allgemeiner Sätze zu schließen
• Bestimmte empirische Sätze müssen in der Praxis als Obersätze der
falsifizierenden Schlüsse auftreten
• Lösung des Humeschen Induktionsproblems durch das vorgeschlagenes
Abgrenzungskriterium
Kritischer Rationalismus
Karl Popper, Hans Albert
• Kritik am Verifikationsprinzip des
Positivismus.
• Poppers Gegenmodell: Falsifikationismus
• Möglichst kühne Hypothesen aufstellen (von
einer Theorie deduktiv abgeleitet);
• Hypothese harten Bewährungsproben
(zahlreichen Tests) unterziehen;
• Hypothesen, die zahlreichen
Falsifikationsversuchen widerstanden haben,
werden (vorläufig) beibehalten.
Prinzipien des kritischen Rationalismus
• alle theoretischen Aussagen sollen über die Realität
informieren und an der Erfahrung scheitern können
• intersubjektive Nachvollziehbarkeit
• Verbot von Werturteilen
• alle theoret. Begriffe müssen einen empirischen Bezug haben
• keine theoriefreie empirische Forschung möglich
• Gesetzesaussagen sind nicht verfizierbar; Begründung über
ständige Falsifizierungsversuche und harten Bedingungen
• „Basissätze“ gelten nicht aufgrund ihrer Korrespondenz zu
Wirklichkeit sondern weil sie vorläufig anerkannt werden
post-empirische Wissenschaftstheorie
• W.V.O. Quine: „… Wissen ein Gewebe, das nur
an seinen Rändern mit der Erfahrung in
Berührung steht“
• … der Traum vom unerschütterlichen
Fundament der Erkenntnis hält er für
„endgültig ausgeträumt“
post-empirische Wissenschaftstheorie
Thomas KUHN (1922-1996)
Paradigma = Lehrbeispiel,
Modellvorstellung,
vorherrschendes Denkmuster,
Interpretationsregel
Thomas Kuhn
• Normalwissenschaft = Rätsellösen auf der
Basis eines Musterbeispiels (Paradigmas)
• Anomalien = neue Daten, die nicht im Rahmen
des Paradagima interpretierbar sind
• wissenschaftliche Revolution
• Inkommensurabilität zwischen altem und
neuem Weltbild
Kippbilder
Interpretation von
Sinnesdaten im
Kontext jeweils
konventioneller
Interpretationsregeln und
Kontexte
Radikaler Konstruktivismus
Die Kernaussage des radikalen Konstruktivismus ist, dass
eine
• Wahrnehmung kein Abbild einer
bewusstseinsunabhängigen Realität liefert, sondern
dass
• Realität für jedes Individuum immer eine Konstruktion
aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung darstellt.
• Objektivität im Sinne einer Übereinstimmung von
wahrgenommenem Bild und Realität unmöglich;
• jede Wahrnehmung ist vollständig subjektiv.
Ernst von Glasersfeld (1917 – 2010)
• aufgewachsen in Oberitalien und
Schweiz, Studium in Wien
• 1937: Skilehrer in Australien
• II. WK in Irland
• nach 1945: Zusammenarbeit mit
Silvio Ceccato
• Mailand: Zentrum für Kybernetik
• 1965: USA, Erforschung der
Kommunikation mit Schimpansen
• 1987: University of Massachusetts
Radikaler Konstruktivismus
• Auf dieser Grundlage formuliert der Radikale
Konstruktivismus mit Hilfe von Piagets Theorie der kognitiven
Entwicklung... seine Grundprinzipien:
• (a) Wissen wird nicht passiv aufgenommen, weder durch die
Sinnesorgane noch durch Kommunikation.
(b) Wissen wird vom denkenden Subjekt aktiv aufgebaut.
• (a) Die Funktion der Kognition ist adaptiver Art, und zwar im
biologischen Sinne des Wortes, und zielt auf Passung oder
Viabilität;
(b) Kognition dient der Organisation der Erfahrungswelt des
Subjekts und nicht der 'Erkenntnis' einer objektiven
ontologischen Realität.
Unverbindliche
Erinnerungen: Skizzen
aus einem fernen
Leben
Dualistische Wissenschaftskonzeption
• Entstehungsbedingung: HISTORISMUS
– 18. Jhdt: Historisierung aller Gegenstände
(Literatur, Kunst, Recht, Sprache)
– Welt des Menschen als geschichtliche Welt
– Individualitätsprinzip: jede Epoche ist einzigartig,
eigentümlich, individuell
– Prinzip des immanenten Verstehens  im
historischen Kontext verstehen
– Übertragen auf die Psychologie: immanent = im
Bezugssystem des Subjekts
Dualistische Wissenschaftskonzeption
• Wilhelm DILTHEY 1894: Idee über eine
beschreibende und zergliedernde Psychologie
• Angriff auf die Psychologie von G.T. Fechner,
H. v. Helmholtz
• will die „naturwissenschaftliche
Radikalisierung“ der Philosophie verhindern
Wihlem Dilthey (1833 – 1911)
•
Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen
wir.“ (Ideen…1894)
•
„Von der Verteilung der Bäume in einem Park, der
Anordnung der Häuser in einer Straße, dem
zweckmäßigen Werkzeug des Handwerkers bis zu
dem Strafurteil im Gerichtsgebäude ist um uns
stündlich geschichtlich Gewordenes. Was der Geist
heute hineinverlegt von seinem Charakter in seine
Lebensäußerung, ist morgen, wenn es dasteht,
Geschichte.“ (1910)
„Nur was der Geist geschaffen hat, versteht er. Die
Natur, der Gegenstand der Naturwissenschaft,
umfasst die unabhängig vom Wirken des Geistes
hervorgebrachte Wirklichkeit. Alles, dem der
Mensch wirkend sein Gepräge aufgedrückt hat,
bildet den Gegenstand der Geisteswissenschaften.“
•
Dilthey (1910): Erklären vs Verstehen
Naturwissenschaften – Erklären
Geisteswissenschaften – Verstehen
Gegenstand: physische Welt
Erklären: kausale Rückführung eines
einzelnen Ereignisses auf eine
Gesetzmäßigkeit
Gegenstand: geistige Welt
Verstehen: Vorgang, in dem wir aus
Zeichen, die von außen sinnlich gegeben
sind, ein Inneres erkennen
Vorgänge in der Natur werden als
Spezialfall eines abstrakten allgemeinen
Gesetzes aufgefasst.
Gegenstände geisteswissenschaftlicher
Untersuchung werden in ihrem konkreten
Zusammenhang aufgefasst.
Bildung einer abstrakten Vorstellung von
den Gesetzes der physischen Welt unter
Absehung vom Erlebnischarakter der
Eindrücke
Erfassen des Sinngehaltes von Äußerungen
des Geistes durch Rückwendung vom
sinnlich Gegebenen auf die im Erleben
gegebenen geistigen Gebilde
„von innen nach außen“
„von außen nach innen“
Hermeneutik
 Jede Form eines Textverständnisses, das primär auf die
Ermittlung eines einheitlichen Sinns eines Textes
gerichtet ist
• Philologische Hermeneutik
– Eine Lehre vom Verstehen (schwieriger) Texte
(F. Schleiermacher, E.D. Hirsch, P. Szondi)
• Philosophische Hermeneutik
– Wilhelm Dilthey, Martin Heidegger, Hans-Georg
Gadamer)
Hermeneutik
• Methode des forschenden Verstehens,
Interpretierens (Hermes, der Götterbote)
• lange Tradition des (korrekten)Übersetzens von
Texten, Interpretation von Texten (Exegese)
• Sinn von Texten richtig erforschen (Wort, Satz, Buch,
Biographie, Literaturgattung usf.)
• vierfacher Schriftsinn (Origines , J. v. Cassianus)
–
–
–
–
Literalsinn (wörtlicher Sinn)
Typologischer Sinn („im Glauben“, dogmatischer Sinn)
Tropologischer Sinn („in Liebe“, moralisch)
Anagogischer Sinn („in Hoffnung“, weiterführend)
Friedrich Schleiermacher (1768-1834)
• Hermeneutischer Zirkel: „…das Ganze aus
dem Einzelnen und das Einzelne aus dem
Ganzen verstanden werden muss.“
• „Das Ziel der Hermeneutik ist das
Verstehen im höchsten Sinne.“
• „Niedrige Maxime: Man hat alles
verstanden, was man, ohne auf
Widerspruch zu stoßen, wirklich aufgefasst
hat. Höhere Maxime: Man hat nur
verstanden, was man in allen seinen
Beziehungen und in seinem
Zusammenhang nachkonstruiert hat. –
Dazu gehört auch, den Schriftsteller besser
zu verstehen, als er sich selbst.“
Hermeneutischer Zirkel
Hermeneutischer Zirkel
Hermeneutik
• methodische Grundsätze der historisch –
philologischen Forschungspraxis der historischen
Schule
• historisches Verstehen = Verstehen, wie die Dinge
zusammenhängen
• Verstehen ≠ (psychologische) Einfühlung sondern
ZUSAMMENHANGSVERSTEHEN
• d.h. ein rationales, auf Intersubjektivität angelegtes
Verfahren zur Prüfung und Korrektur von
Interpretationshypothesen (z.B. archäologischer
Fund)
Historisches Zusammenhangsverstehen
• Verstehen „aus dem Zusammenhang“ von Text
und Kontext
• Vorverständnis Verstehenshypothese 
Prüfung  Verwerfung  Ersetzung durch
eine neues (hypothetisches) Verständnis
• Zusammenhangsverstehen als rationales,
diskursiv rechtfertigbares, daher
wissenschaftliches Verfahren
Alltagsverstehen
• „rationales“ (d.h. rechtfertigbares)
Zusammenhangsverstehen
• plus
• Empathie (=Einfühlung)
Einfühlung - Empathie
• Entschlüsseln nonverbaler Botschaften
• Stimmungsübertragung
• Auslösung ähnlicher Gedanken, Impulse,
physiologischer Reaktionen
• Perspektivenübernahme
• A. Adler: Gemeinschaftsgefühl = „mit den
Augen eines anderen zu sehen, mit den Ohren
eines anderen zu hören, mit dem Herzen eines
anderen zu fühlen“
Theodor Lipps (1851-1914)
• Psychologie des Schönen und
der Kunst (1906)
• auf welchem Wege das
Bewusstsein von fremden
Ichen erlangt würde.
• Frage nach dem psychischen
Mechanismus
• Die fremden Iche sind die
Reproduktionen des eigenen
Ichs, das seine Gefühle in den
fremden Körper einfühlt.
Begriffsgeschichte der Einfühlung
• TITCHENER, E.: Experimental Psychology of the
Thougt Process, 1907: „Empathy“ als
Begriffsschöpfung in Analogie zur „Sympathy“
• FREUD, S.: Zur Einleitung der Behandlung (1913):
Einfühlung als neutrales Vorfeld der Deutung
• FREUD, Briefwechsel mit Ferenczi, 1928: Einfühlung
betrifft beinahe alles, was ein Analytiker „positiv
machen sollte“
Begriffsgeschichte der Einfühlung
• FREUD, S.: Massenpsychologie und IchAnalyse, Einfühlung als psychische Infektion;
• DEUTSCH, Helene, 1926, Einfühlung als
Teilidentifizierungen – aber ohne Fixierungen
• FERENCZI,S: 1928: „sich in jemanden
hineinzuversetzen“ – mit Hilfe unseres in der
Eigenanalyse erworbenen Wissens können wir
Unbewusstes erraten
Begriffsgeschichte der Einfühlung
(nach 1945)
• Theodor REIK, 1948, Hören mit dem dritten Ohr:
unterscheidet den kognitiven Vorgang und den
affektiven Vorgang;
• „Wie es nämlich gelingen kann, daß wir das
Fremde im Eigenen wahrnehmen, es in uns aber
als das Fremdartige identifizieren und dem
anderen zuschreiben können. Oder mit andern
Worten: Einfühlung bezeichnet die Annäherung
an das Fremde per Introspektion, einen Vorgang,
an dem zwei gegensätzliche Zustände verlangt
werden, nämlich die Fusion mit dem anderen und
zugleich die Trennung von ihm in der
Anerkennung seiner Eigenart.“
Entwicklung der Empathie im Kindesalter
• Gefühlsansteckung: (≠ Empathie aber
Voraussetzung dafür)
• Affect Attunement
• Mentalisierung : theory of separate mindes
• Responsivität von Selbstobjekten =
Beantwortung von Selbstobjekt-Bedürfnissen
Psychoanalytisches Verstehen
• Ergänzung der Empathie durch Einbeziehung
unbewusster Kognitionen (Erinnerungen) und Affekte
• „Deutung“ als Interpretieren mittels
psychoanalytischer Interpretationskonstrukte
(Konflikte)
• Mechanismen, die PA Verstehen unterstützen
– konkordante Gegenübertragung = Identifizierung mit den
Selbstrepräsentanzen (Einfühlung)
– komplementäre Gegenübertragung = Idnetifizierung mit
den inneren Objekten und den abgelehnten Selbstanteilen
des Klienten
Traum vom 23./24. Juli 1895 (Irmas Injektion)
Kontexte
34. Geburtstag der Frau Martha
Begegnung mit Otto: Vorwürfe?
Trauminhalt
Kontexte
Ort: Bellevue/Halle
Vorwürfe an Irma
Irmas Schmerzen: Hals, Leib, Magen
übersehene organische Diagnose?
Freuds Fau Martha:
bleich, gedunsen
Mund - Untersuchung der
Gouvernante mit falschen Zähnen
Irmas Freundin mit Diphterie
Diphterie der Tochter Mathilde
eigene Nasenschwellungen u.
deren Kokain-Behandlung
Kokain-Injektionen
(Fleischl-Marxow)
Fliess’s Sexualstoffe
u. Nasenaffektationen
Irmas Anblick: bleich u. gedunsen
Blick in den Hals: Sträuben u. Scham
Freuds lokale Diphteritis-Diagnose:
(Weißer Fleck, Schorfe)
Dr. M. - bleich, bartlos, hinkend
Dr. M. bestätigt die Diagnose
Otto u. Leopold
Dämpfung, infiltrierte Hautpartie
Dysenterie
Otto’s Injektion
Trimethylamin
unreine Spritze
Freud’s hinkender Bruder
Emmanuel
Dr. M. (J. Breuer) u.Freuds
fatale Sulfonal-Behandlung
die Pädiater Otto (Oscar Rie)
u. Leopold (L. Rosenberg)
Diphteritis oder Metastasen?
(Oscar Ries Diagnose)
Dysenterie oder Hysterie?
(ägyptische Fehldiagnose)
Pat.: Morphium-Injektionen
2 Jahre komplikationsfrei
Verstehende Psychologie;
geisteswissenschaftliche Psychologie
• Eduard Spranger (1882-1963)
• Verflechtung in die nationalsozialistische
Ideologie
• zB deutsche Wehrmachtspsychologie
(Offiziersauslese)
• Philipp Lersch: „Der Aufbau des Charakters“
1938
Erklären und Verstehen
• Verhalten
• kausal erklärt wird aus
(gesetzesartigen)
Ursachen
• Ursache-Wirkung
• KAUSALITÄT
• kausale Erklärung 
H/O-Schema
• Handlungen
• intentional verstanden
wird aus (regelhaften)
Gründen
• Grund – Folge
• HERMENEUTIK
• intentionale Erklärung
 praktischer
Syllogismus (H. von
Wright)
Zwei Traditionen
galileische Tradition
aristotelische Tradition
mechanistisch
kausale Erklärung
Ursache - Wirkung
Fragen nach Ursachen
finalistisch
teleologische Erklärung
Grund - Folge
Fragen nach Gründen, Zwecken oder Zielen
VERHALTEN
HANDELN
Erklären
ANALYTIK
Subsumptionstheorie der Erklärung
Explanundum:
Explanans:
G1,G2, ........... Gn
Verstehen
HERMENEUTIK
praktischer Syllogismus
A beabsichtigt, p herbeizuführen
B1, B2, . . . . . . Bn
A glaubt, daß er p nur dann herbeiführen
kann, wenn er a tut.
Ereignis, Zustand
Folglich macht sich A daran, a zu tun.
Die aristotelische Tradition
•
•
•
•
teleologisches Verstehen: geistig-ideller Zwecke
finalistisch (zeitbestimmt)
Tatsachen: durch Ziele, Zwecke, Intentionen „erklärt“
ideographische Wissenschaft
– Beschreibung des Besonderen, Einmaligen
Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.)
Logik: Syllogistik (Deduktion)
Naturlehre: Unterscheidung von Form und Materie
Naturphilosophie
URSACHENLEHRE
causa materialis
causa formalis
causa efficiens
cuas finalis
Ontologie: Substanzen
Zoologie: Beschreibung zahlreicher Arten
Psychologie: Seele : Körper ∼ Form : Materie
Form und Materie eines Einzeldings sind aber nicht
zwei verschiedene Objekte, nicht dessen Teile,
sondern Aspekte eben dieses Einzeldings.
Die galileische Tradition
• kausalistisch (ursachenbestimmt)
• mechanistisch
• Symmetrie von Erklärung und Prognose
– nomothetische Wissenschaft”:
– Zustände oder Ereignisse werden durch gültige Gesetze
erklärt
Galileo Galilei (1564 – 1642)
• Mathematisierung der NW: „ …in
diesem großen Buch geschrieben, dem
Universum, das unserem Blick ständig
offen liegt. Aber das Buch ist nicht zu
verstehen, wenn man nicht zuvor die
Sprache erlernt und sich mit den
Buchstaben vertraut gemacht hat, in
denen es geschrieben ist. Es ist in der
Sprache der Mathematik…“
• zahlreiche astronomische
Entdeckungen (Sonnenflecken,
Jupitermonde)
• Widerlegungen aristotelischer
Auffassungen (Luft=gewichtslos)
• Experimente zur Berechnung der
Schwerebeschleunigung (Fallrinne)
(1590)
psychologische Handlungstheorie
• Hans Werbik *1941)
• 1978:
„Handlungstheorien“
Verstehende Soziologie
Max Weber: Typen des sozialen Handelns
• Zweckrationales Handeln: rationale Abwägen
zwischen Zweck/ Zielen, Mitteln, Folgen.
• Wertrationales Handeln: Orientierung am
ethischen, ästhetischen, religiösen Eigenwert
einer Handlung.
• Affektuelles Handeln: momentane Gefühlslage
und Emotionen
• Traditionelles Handeln: eingelebte
Gewohnheit
Theorien, Metaphern, Modelle etc.
Modelle
 dienen innerhalb von Theorien als heuristische
Annahmen zur Deutung von Sachverhalten
 versuchen, den Gegenstandsbereich durch strukturelle
Analogien zu erklären.
D.h., sie spiegeln mit ihrer Struktur die inneren
Zusammenhänge eines Problembereichs wider (StrukturIsomorphie = Strukturgleichheit)
 Sind nicht identisch mit dem Original!
Pointierung, Idealisierung, Abstraktion
Beispiele:
Landkarte, Kreislaufmodell, mechanische Pumpe,
System, Netz etc.
75
Theorien, Metaphern, Modelle etc.
Metaphern
 bildliche Beschreibung eines Gegenstandes, durch Übertragung
der Bedeutung auf anderen Sachverhalt („wie…..“)
 die Sprache über die Seele ist notwendig metaphorisch (das
Psychische als Innenraum, „innere Objekte“ der Melanie Klein)
 Elektrizität als Modell des Psychischen (unter Spannung stehen,
Kurzschluss, Nervenzusammenbruch als Spannungsverlust im
Stromkreis)
 psychisches System als Energieverteilung (Freuds Libido:
„Abfuhr“, „Besetzung“, „Sublimierung“, „Verdrängung wund
Wiederkehr des Verdrängten“, „Konversion“)
76
G. Ryle (1900-1976)
• Der logische Typ eines Ausdrucks ist die
Klasse seiner logisch richtigen
Verwendungsweisen
• Kategorienfehler = logische
Typenverschiedenheit wird nicht beachtet
• Beispiele: Universität, Mannschaftsgeist,
• „Gespenstes in der Maschine“ : Geist und
der Körper seien zwei verschiedene Dinge,
die miteinander in Wechselwirkung stehen
M. Bennett, P. Hacker; Die philosophischen
Grundlagen der Neurowissenschaften
• mereologischer Fehlschluss: einem Treil des
Menschen (seinem Gehirn) werden
Eigenschaften zugeschrieben, die der Mensch
nur als Ganzes haben kann
• (meros = Teil); Mereologie = Lehre vom
Verhältnis zwischen Teil und Ganzem
mereologischer Fehlschluss
• Das Gehirn nämlich kann gar nichts
entscheiden, die Idee des Entscheidens hat
keinen logischen Ort in der Rede übers Gehirn.
Entscheidungen im eigentlichen Sinne gibt es
nur, wo von Gründen und Überlegen die Rede
sein kann. Es ist ein Fehler, in die Rede über
das Hirn einen Begriff wie "entscheiden" aus
der Sprache des Geistes einzuschmuggeln.
Leib-Seele-Problem
• zwei Substanzen, Dualismus (R. Descartes)
• Zweisprachen-Theorie: zwei Vokabulare über dieselbe
Wirklichkeit
• Identitätstheorie: mentale Zustände sind neuronale Zustände
• Epiphänomenalismus: Bewußtsein als Epiphänomen,
Psychisches hat keine kausale Bedeutung für die Physis (Rauch
der Lokomotive)
• Funktionalismus: Psychisches ist funktional für Physiologisches
(Schmerzen); mentale Zustände = funktionale Zustände
• Materialismus: mentale Zustände = materielle Zustände
• Supervenienz: asysmmetrische Abhängigkeit des Psychischen
vom Physischen, Psychisches führt kein „Eigenleben“
Zugehörige Unterlagen
Herunterladen